Symbole und ihre Erklärungen - Juedische Gemeinde Wiener Neustadt

Symbole und ihre Erklärungen - Juedische Gemeinde Wiener Neustadt

Information Jüdischer Friedhof - Symbole Symbole und ihre Erklärungen INFORM ATION zum Arbeitsblatt: SYMBOLE In der Rubrik „Lern- und Gedenkstätte“ ...

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Symbole und ihre Erklärungen INFORM ATION zum Arbeitsblatt: SYMBOLE

In der Rubrik „Lern- und Gedenkstätte“ (vgl. Homepage-Menü) finden Sie einen Beitrag im Abschnitt „Jüdische Friedhöfe“. Darin werden unter anderem auch Symbole auf jüdischen Grabsteinen vorgestellt. Diesen Beitrag und die hier in Folge angebotenen Informationen können ergänzend verwendet werden.

Symbole, die auf dem jüdischen Friedhof in Wiener Neustadt zu finden sind: Baum: Auf so manchem Grabstein ist ein Baum als Symbol abgebildet. Dieser ist mit Stamm und Baumkrone, aber teils auch mit den Wurzeln zu sehen. Der Baum kann den Lebensbaum darstellen, wie man ihn in der Mythologie vieler Völker findet. Er ist ein Symbol für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, wobei das Wurzelwerk in die Erde und die Baumkrone in den Himmel weisen. Bereits in der biblischen Schöpfungsgeschichte spielte der Baum eine Rolle, zum Beispiel der „Baum der Erkenntnis“. Der Überlieferung nach wuchs der „Baum des Lebens“ aus dem Grab Adams. Der Baum (Palme oder Zeder) ist auch Zeichen der Liebe zur Tora und eines Gelehrten. Cohanim-Hände: Auf jüdischen Grabsteinen sind oft zwei Hände zu sehen, deren Daumen und Zeigefinger einander berühren. Der Ringfinger und der kleine Finger jeder Hand sind gemeinsam von Mittel- und Zeigefinger abgespreizt. Hierbei handelt es sich um die segnenden Hände der Priester bzw. den männlichen Nachfahren des Geschlechts Aaron. Aaron und seine Söhne wurden – wie die Bibel berichtet (2. Buch Mose) – zu Priestern geweiht. Der Priester segnet die Gläubigen mit dieser Handhaltung und einem Segensspruch („Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden!“). Der Segen der Priester (Cohanim, Kohanim) erfolgt vor dem Toraschrein, nachdem die Hände der Priester von den Leviten gewaschen worden sind. Die Cohanim bedecken ihren Kopf mit dem Gebetsmantel (Tallit) und strecken die Hände in der oben beschriebenen Form der anwesenden Gemeinde entgegen. Sind Cohanim-Hände auf einem Grabstein zu finden, dann zeigen sie, dass an dieser Stelle ein Cohen, also ein Nachkomme der Tempelpriester begraben ist. Davidstern: Der Davidstern kam, obgleich schon früher gebräuchlich, im 19. Jahrhundert verstärkt in Mitteleuropa auf. Er findet sich auf Gräbern der 1920er und 1930er Jahre in Wiener Neustadt und wurde nach 1945 ein allgemein gebräuchliches und typisches Symbol auf jüdischen Friedhöfen. Der Davidstern ist seit 1948 außerdem das nationale Emblem des Staates Israel. Der Davidstern wird auch „Magen Davids“, „Großsiegel Salomons“, „Schild Davids“ oder „Sechseckstern“ genannt. (Die Stern-Form ist grundsätzlich in den Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam bekannt und diente der Abwehr des Bösen.) Eine Erklärung spricht davon, © Werner Sulzgruber – Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt 2011

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dass die sechs Spitzen die Arbeitstage der Woche und die Mitte des Davidsterns den Ruhetag (Schabbat) symbolisieren. Die im Stern verbundenen beiden Dreiecke können als das Männliche (Dreieck mit der Spitze nach oben, Phallus-Symbol) und das Weibliche (Dreieck mit der Spitze nach unten, Symbol des weiblichen Schoßes) gedeutet werden. Leviten-Krug, Kanne und Schüssel: Ein weiteres typisches Symbol sind Gefäße, die in Form einer Kanne oder eines bauchigeren Kruges – mit oder ohne seitlichen Griff – ausgeführt sind. Manchmal stehen diese in einer Schale oder Schüssel. Diese Objekte sind Symbole für die Nachkommen des Stammes Levi. Die Leviten waren die Tempeldiener im Tempel zu Jerusalem und wuschen den Priestern vor dem Segen die Hände. Dazu gossen sie aus der Kanne Wasser über die Hände, das dann in die darunter stehende Schüssel floss. Nach der Bibel (2. und 4. Buch Mose) bestimmte Gott Aaron und seine Nachkommen zu Priestern und die Nachkommen Levi zum Tempeldienst. Ist zumindest eine Kanne bzw. ein Krug auf einem jüdischen Grabstein, dann bedeutet dies, dass der hier Bestattete ein Nachkomme aus dem Stamm Levi ist. Palme, Palmzweige und Palmwedel: Palmzweige und Palmblätter sind eine häufige Zierde, zum Beispiel als sogenannte „Palmetten“. Symbolwert gewinnt die Palme durch ihr immergrünes Aussehen, wodurch die Blätter der Palme ein Sinnbild für das ewige Leben und die Auferstehung sind. Außerdem kann die Palme als Symbol für Sieg, Freude und Frieden stehen.

Andere Symbole auf jüdischen Grabsteinen: Manche dieser Symbole kamen erst im 19. Jahrhundert als Symbole ins Judentum und sind daher ursprünglich keine jüdischen Symbole. Akanthus: Akanthus-Blätter werden seit der Antike, vor allem in der griechischen Kunst, als Bestandteil der Ornamentik verwendet. Sie zieren beispielsweise korinthische Säulen-Kapitelle und Stelen. Akanthus wurde unter anderem als Symbol für die Unsterblichkeit eingesetzt. Eiche (Eicheln, Eichenlaub): Die Eiche ist als Baum ein Zeichen für Kraft und ein langes, gar ewiges Leben. Ihr Holz ist hart. Unter der Krone des Eichenbaums wurden seit der Antike und bei den Germanen kultische, magische oder religiöse Riten vollzogen und Versammlungen abgehalten. Die Eiche gilt daher in manchen Kulturen als besonders wertvoll und heilig. Auf jüdischen Grabsteinen sind Eicheln und Eichenlaub vielleicht auch deshalb als Dekoration angebracht worden, weil Eichen in der Bibel erwähnt werden. Efeu: Der immergrüne Efeu ist an sich ein Symbol des ewigen Lebens. Ihn an einem Grabstein wachsen zu lassen oder als Zierelement künstlich anzubringen, wird als schützende Verbindung und Freundschaft gedeutet.

© Werner Sulzgruber – Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt 2011

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Fackel: Das Bildnis der gesenkten Fackel weist auf einem jüdischen Grabstein auf das Sterben und den Tod hin. Das Licht, das – nachdem die Fackel gefallen ist – verlischt, steht für das Leben. Die brennende Fackel ist seit hunderten Jahren Symbol für das Weitertragen einer Idee, sprühenden Geist und Lebenskraft, Liebe und Macht. Sie kann auch Werkzeug der Zerstörung sein und wird von Göttern der Antike getragen. Ist die „Fackel“ vielmehr eine Kerze, die das Grab einer Frau ziert, dann ist es ein Zeichen für eine gute Hausfrau. Kranz: Es ist ein gewohntes Bild auf jüdischen, aber auch christlichen Friedhöfen, dass Kränze als Schmuckelemente auf Grabsteinen verewigt werden. Diese Kränze stellen gerne spezifische Pflanzen (z. B. Akanthus, Efeu, Lorbeer) dar, in deren Zentrum ein Symbol steht, oder sie umranken Inschriften, um diese für den Betrachter hervorzuheben. Ein Kranz ist ein Zeichen der Ehrerbietung, der Ehre, aber auch der Freude und des Sieges. Der Kranz kann krönen und damit zur Krone werden. Die ihm eigene Kreisform und Geschlossenheit steht für Kreislauf (Leben und Tod), Einheit und Ganzheit. Der Kreis kann sich insofern als Blumenkranz, Flechtwerk, einfacher Ring oder sich in das Schwanzende beißende Schlange umgesetzt finden. Lorbeer: Der Lorbeer ist eine immergrüne Pflanze, weshalb er gemeinsam mit einzelnen anderen als Symbol der Unsterblichkeit gilt. Darüberhinaus ist er seit der griechischen Antike Zeichen für den Sieg, Ruhm und Ehre. Der Lorbeer-Kranz bekrönt den Ersten und Besten. Lorbeer kann in seiner Bedeutung weiters für Frieden stehen. Messer: Das selten zu findende Messer symbolisiert den Bund Gottes mit dem Volk Israel, wie er gleichsam in der Beschneidung geschlossen wird. Der Tag der Beschneidung ist der Tag der Namensgebung, also ein Identität stiftender Akt. Ölbaum bzw. Olivenbaum: Das Alte Testament erzählt von einer Taube, die einen Zweig des Olivenbaums zur Arche Noah bringt. Es ist ein Zeichen für das Ende der Sintflut. In späteren Deutungen steht die weiße Taube, welche den Ölzweig im Schnabel hält, als Zeichen für den Frieden. (Ein Vogel, der einen Zweig im Schnabel trägt, kann aber auch für junges Leben, dem die Früchte des Lebens versagt geblieben sind, stehen.) Schofar: Wurde ein jüdischer Grabstein mit einem „Schofar“ verziert, dann ist an dieser Grabstelle ein Bläser desselben begraben. Das „Schofar“ ist ein Blasinstrument, das aus dem Horn eines Widders (vielleicht auch eines Kudu, einer Antilopenart, die ursprünglich in Kanaan beheimatet war) hergestellt ist. Das Horn-Tier muss jedenfalls „koscher“, also rein, sein. Das Blasen des Schofar soll die Menschen aufrütteln und läutern, also sie zu einer bedachteren bzw. frommeren Lebensweise aufrufen. Es erinnert die Gläubigen nicht nur an die Schöpfung und die Pflicht zur Buße und „Umkehr“, sondern beispielsweise auch an die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem und den Klang von Kriegstrompeten. Im Zusammenhang mit Ornamenten auf jüdischen Friedhöfen verweist das Schofar-Symbol auf das Weltgericht, die Erlösung und Auferstehung von den Toten. © Werner Sulzgruber – Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt 2011

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Das Schofar wird im jüdischen Festkalender mehrmals geblasen: jeden Tag im Monat Elul, zum anschließenden jüdischen Neujahrsfest (Rosch ha-Schana, ca. September/Oktober) und zum Versöhnungstag (Jom Kippur), der als Vorwegnahme des göttlichen Gerichts am „Jüngsten Tag“ gilt und an dem oft auch die Gräber auf den Friedhöfen besucht werden. Uhr: Selten sind auf Grabsteinen Uhren abgebildet. Die Stellung der Uhrzeiger deutet möglicherweise auf die Stunde des Todes des Betreffenden hin. Waren und sind beispielsweise Sanduhren (dargestellt in Druckschriften, auf Fresken und in der Malerei) typische Symbole für den „Ablauf der Lebenszeit“ und „die letzte Stunde“ – weshalb sie meist vom personifizierten Tod in Händen gehalten werden –, so sind moderne Räderuhren und Ziffernblattuhren sehr ungewöhnlich. Die Uhr steht stellvertretend für die Zeit, ihren Lauf und das Ende einer Lebenszeit. Die kreisrunde Form des Ziffernblattes ermöglicht es, im Gegensatz zur Sanduhr-Form, den Kreislauf des Lebens und das Leben nach dem Tod anzudeuten. Weinstock: In der Bibel ist oft die Rede vom Weinstock, der beispielsweise als Sinnbild des Volkes Israel und als Baum des Herrn gilt. Symbolisch steht er für ein langes Leben. Das Heilige Land wird mit dem Weinberg und das Volk Israel mit dem Weinstock gleichgesetzt. Wein bildete (neben Öl und Brot) besondere Gaben. Er ist Element der rituellen Handlungen im Dienst an Gott. Abgebildete Weintrauben können aber auch den Namen (z. B. Weintraub) symbolisieren – wie dies im Zusammenhang mit Tieren und Familiennamen (Hirsch, Wolf, Karpfen etc.) häufiger vorkommt.

Weiterführende Literatur: Fleischmann, Kornelius: Der jüdische Friedhof in Baden. In: Hans Meissner u. Kornelius Fleischmann: Die Juden von Baden und ihr Friedhof. Grasl: Baden (2002), S. 117-291 . Landesmann, Peter: Die Juden und ihr Glaube. Eine Gemeinschaft im Zeichen der Tora. München 1987. Mayer, Franz Sales (Hg.): Handbuch der Ornamentik. Leipzig 1898. Steines, Patricia: Totenkultur als Wegweiser. Eine Zeit zum Geborenwerden und eine Zeit zum Sterben. In: Denkmale. Jüdische Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland. Hg. v. Club NÖ und dem Institut für Geschichte der Juden in Österreich. Eigenverlag: Wien (2006), S. 14-27. Wallas, Armin A.: Kleine Einführung in das Judentum. Innsbruck, Wien, München 2001.

© Werner Sulzgruber – Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt 2011