Teil der Stadtgeschichte Bad Cannstatts Ab Ende des 19

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Teil der Stadtgeschichte Bad Cannstatts Ab Ende des 19. Jahrhunderts bestimmten Eisenbahnlinien das Landschaftsbild des östlichen Cannstatts: Jene Ric...

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Teil der Stadtgeschichte Bad Cannstatts Ab Ende des 19. Jahrhunderts bestimmten Eisenbahnlinien das Landschaftsbild des östlichen Cannstatts: Jene Richtung Waiblingen verlässt im Cannstatter Bahnhof das Neckartal und führt über aufgeschüttete Dämme und tiefe Einschnitte ansteigend aus die Höhe des Schmidener Feldes. Eine zweite aus Norden überquert ab Münster auf einem Viadukt das Neckartal und führt in ziemlich gerader Linie nach Untertürkheim. Zwischen der letzteren und der Remstalbahn entstanden Arbeitersiedlungen im Gebiet Winterhalde und Ebitz. – Östlich der Remstalbahn entlang der Waiblinger Straße wurden bis zur Jahrhundertwende um 1900 die ersten Gebäude des „Cannstatter Krankenhauses“, die Mercedes Schuhfabrik und die Anfänge der Baugenossenschaft bei der Cannstatter Wilhelmshöhe errichtet. Am Ortsende zur Markung Fellbach hin wurde die heutige Theodor-HeussKaserne gebaut. Der Straßenzugang aus der Stadt heraus in dieses Gebiet ging über eine beschrankten Bahnübergang im Zuge der Waiblinger Straße bei der heutigen S-Bahn-Haltestelle. Einige Gärtnereibetriebe, vereinzelte Häuser und viele private Gärten bestimmten bis in die 20er Jahre das Landschaftsbild. Die heutige Nürnberger Straße entstand nach dem 1. Weltkrieg als Rheinlandstraße. Die Straßenbahn“1“ endete zuerst beim Gasthaus Jägerhaus, später bei der heutigen Haltestelle „Friedrich-List-Heim“ und wurde in den 30er Jahren bis Fellbach geführt. Der beschrankte Bahnübergang wurde 1927 durch den Bau einer Unterführung im Zuge der Brenzstraße abgeschafft, es blieb nur ein hölzerner Fußgängersteg erhalten. Vor der raschen Bebauung in den 30er Jahren wurde ab 1925 bis 1928 das Wichernhaus an der Rheinlandstraße 145 erstellt. Der Wichernhausverein Stuttgart hatte den Umzug seines „Fürsorgeheimes“ nach Bad Cannstatt beschlossen, weil für die speziellen Nöte junger Männer ohne Arbeit und vernünftige Erziehung die seitherigen Gebäude in Stuttgart nicht mehr geeignet waren.

Die Wicherngemeinde Bad Cannstatt im Entstehen ab 1934 Die Erschließung des Cannstatter Ostens als Wohngebiet erstreckte sich nicht nur auf das heutige Gemeindegebiet von "Wichern". Auch die "Winterhalde und Ebitz", der "Geiger" und der "Sommerrain", alle rund um "Wichern" gelegen, expandierten kräftig. Die parochiale Zuordnung hieß damals für Winterhalde usw. "Luther 4", für Wichern und Sommerrain "Luther 5". Dabei ist es interessant, dass Luther 4 in der Winterhalde, am Ende der Eisenbahnersiedlung im Süden, bereits eine bescheidene Kirche hatte. Wichern und Sommerrain dagegen waren ohne eigenen Versammlungsort. Die Kinder aus der ganzen Gegend bis zum Ende der Theodor-Veiel-Straße gingen daher auch in den zweiklassigen Kindergarten im Luthergemeindehaus. Das geschah in täglichen

Fußmärschen, die unterwegs mit einigen regelmäßigen Attraktionen gespickt waren. Dazu gehörten zur Herbstzeit die Walnussbäume im Vorgarten der Mercedes-Schuhfabrik in der Ob. Waiblinger Str., ebenso wie die Dampf- und Rauchwolken aus den Eisenbahnzügen der Remstalbahn, die unter dem Fußgängersteg an der heutigen S-Bahnhaltestelle Nürnberger Str. hindurchfuhren, oder der Wettlauf mit den damals noch oft auf den Straßen verkehrenden Pferdefuhrwerken. - Der 1. Gemeindepfarrer für "Luther 5" und gleichzeitig Krankenhauspfarrer war Erwin Lamparter, der später in der Tannenbergstr. ein Haus baute. Ab 1935 taucht für "Luther 5" die Bezeichnung "Wichernhaus-Sommerrain". Das Wichernhaus verfügte über einen Saal mit Bühne und als evangelisch-diakonischer "Wichernhausverein" bot der damalige Leiter, Inspektor Schlotterbeck, die Infrastruktur seines Hauses der jungen und rasch wachsenden Gemeinde zur Nutzung an. Konfirmationen, Taufen und Trauungen waren aber immer noch in der Lutherkirche. - Eine Teilnehmerzahl aus dieser Anfangszeit der "Wichernhaus-Sommerrain-Gemeinde" illustriert die frühzeitige Notwendigkeit eines eigenen Hausbaus: Der 1. Mütterabend am 25. November 1935 wurde von "…mehr als 80 Mädchen, Frauen und Müttern…" besucht. Das Thema: "rechte Vorbereitung auf Weihnachten." - Die Entwicklung im Jahre 1936 zu einer Kirchengemeinde mit eigenen Lebenszeichen sei exemplarisch an Bemerkungen aus dem "Evangelischen Gemeindeblatt Cannstatt" aufgezeigt: "Drei Kirchen-Wiedereintritte im letzten Vierteljahr", "Gewinnung von Austrägern für Gemeindeblatt und Evang. Sonntagsblatt im Gebiet Wilhelmshöhe und Sommerrain." Die "Eingewöhnung von 35 evangelischen Familien im Sommerrain.." - Opferaufruf für ein "eigenes Abendmahlsgerät".

Die Wicherngemeinde wächst auch ohne eigene Kirche weiter, 1936 Der "5. Seelsorgebezirk der Lutherkirche" wuchs mit eigenem Pfarrer, Erwin Lamparter, aber ohne eigenes Gebäude durch die stürmische Bebauung des östlichen Bad Cannstatt auch 1936 rasant weiter. Im Wichernhaus an der Rheinlandstraße, später Nürnberger Straße, hatten inzwischen die Nazis das Sagen, nachdem die Stadt Stuttgart in der üblichen fragwürdigen Weise diese evangelisch-diakonische Einrichtung "gekauft" hatte. Der Gesamtkirchengemeinderat von Bad Cannstatt wollte daher "den seit drei Jahren im Wichernhaus gesammelten Predigthörern ein eigenes Obdach schaffen, da auf die Dauer mit dem Wechsel in den Eigentumsverhältnissen und der Verwendung des Wichernhauses unseres Bleibens daselbst nicht wird sein können". - Wie wahr! Die neuen Herren hatten dort ein Schulungszentrum für NSDAP-Organisationen, sogar für "BDM-Führerinnen der deutschen Kolonialländer"(!) etabliert. - Der Oberkirchenrat stellte landeskirchliche Mittel zum "Bau eines Betsaales" auf dem von der Gesamtkirchengemeinde gekauften Platz an der Ecke Masuren-/Theodor Veiel-Straße in Aussicht. Auch für den 4. Seelsorgebezirk, die heutige

Andreägemeinde, wollte der Oberkirchenrat zum Bau der "Ebitzkirche" beitragen. - Diese mutigen Entscheidungen stehen in einem ganz anderen Licht da, wenn man bedenkt, dass das Naziregime inzwischen in alle Bereiche des öffentlichen Lebens massiv eingriff. Im Dezember 1936 hat derselbe "Evangelische Oberkirchenrat“ folgende Bekanntmachung erlassen (müssen): Der Führer hat das ganze Volk erneut zum Winterhilfswerk des deutschen Volkes aufgerufen. In den Dienst dieses großen uns segensreichen nationalen Hilfswerks stellen sich mit allen Volksgenossen willig auch die Pfarrer und Kirchengemeinden. Hinsichtlich des (dafür) in Betracht kommenden regelmäßigen Gehaltsabzuges der Geistlichen, Beamten und Angestellten der Kirchen und Kirchengemeinden ist das Nähere bereits veranlasst; sie sind darüber hinaus zum persönlichen Einsatz für das Winterhilfswerk aufgerufen. Die Reichsführung des Winterhilfswerkes hat in Aussicht gestellt, dass den Einrichtungen und Verbänden der freien Wohlfahrtspflege im Rahmen ihrer eigenen früheren Herbstsammlungen, die nicht mehr durchgeführt werden dürfen (!), vom Winterhilfswerk wie im Vorjahr Lebensmittel zugewiesen werden. Die Pfarrämter werden ersucht, hiervon ihre Gemeinden in Kenntnis zu setzen und durch Verkündigung von der Kanzel, in Predigt und Unterricht sich für das Gelingen des Winterhilfswerkes, insbesondere der Naturaliensammlung, tätig einzusetzen." - Es grenzt an Wunder, wenn trotzdem in den wenigen Monaten bis April 1937 am 10. dieses Monats der Grundstein für die Wichernkirche gelegt werden konnte und sich am Sonntag Invokavit etwa 250 junge Menschen bei einem Jugendabendmahl in der Cannstatter Stadtkirche versammelten.

Die Wicherngemeinde und ihr Kirchbau in schwieriger Zeit, 1937 Anlässlich der 1. Konfirmation der jungen Gemeinde erinnerte das „Evangelische Gemeindeblatt Cannstatt“ an einen Ausspruch von Bodelschwingh: „Auch wenn man anstatt großer Kirchen mehrere kleinere Gemeindehäuser bauen müsste, sind die einzelnen Gemeinden übersehbarer und dienen der kirchlichen Not in der Großstadt besser.“ – Die bereits erwähnte Grundsteinlegung zu einem „Betsaal“ am 10. April 1937 ist im „Gemeindeblatt“ aufschlussreich dokumentiert. Zitate in ihrer Reihenfolge: “Vier Jahre nach der Übernahme des Reichskanzleramtes durch Adolf Hitler, im 9. Jahr der Kirchenleitung durch Landesbischof D. Wurm, der Pfarrer des jüngsten Seelsorgebezirkes „am Baum“ der Lutherkirchengemeinde: Lamparter aus dem Geschlecht der Reichsstädter (Reutlingen), die vor 407 Jahren auf dem Augsburger Reichstag. Ältester Teil ist die Siedlung Wilhelmshöhe, die vor 43 Jahren unter Führung des Evang. Arbeitervereins, gefördert von Kommerzienrat Hartenstein (sein Sohn war um 1949 Stuttgarter Prälat) gegründet wurde.“ – Über die anderen Gemeindeteile heißt es: „Dem oberen Sommerrain, seit Herbst 1933 bewohnt, schlossen sich 1934 der untere, 1935 der neue, 1936 der neueste (!)an.“

Rund um die 1927/8 erbaute Rheinlandstraße, seit 1937 Nürnberger Str. entstand seit 1933 eine neue Gartenstadt. Bis auf unser Dutzend Gärtner sind wir fast nur Wohngemeinde. Die Landeskirche trägt den größten Teil der Kosten. Der Evang. Verein hat einige tausend Mark übernommen, den Rest wird die eigene Gemeinde aufbringen….“. „Die Planung und die Bauausführung haben die Architekten Behr & Ölkrug Stuttgart übernommen“. Zur geistlich gestalteten Feier der Grundsteinlegung bei „einer sonnigen Stunde“ sprachen Prälat Schrenk, Dekan Roos und Kirchengemeinderat Philipp Schmidt. Pfarrer Erwin Lamparter „legte in den Grundstein, der in der Mitte der Nordwand im Hauptsaal des Hauses eingesetzt ist, eine verlötete kupferne Büchse, sie enthält die Gründungsurkunde (siehe obige Zitate), 1 Senfkornbibel, 1 Stück Goldene Worte mit einem Spruch Hindenburgs, 1 Plakat mit einem Wort Adolf Hitlers (von 1934), die neueste Nummer des Gemeindeblattes und der Männergemeinde, ein Verzeichnis der kirchlichen Handlungen im neuen Seelsorgebezirk (7 Taufen, 3 Trauungen, 1 Konfirmation) und als jüngstes Zeitdokument den zum Geburtstag des Führers herausgegebenen 4x6-Pfennig-Marken-Block.“ „Die letzten Hammerschläge im Namen der Bauleute tat Herr Krauter: Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei!“ Auch nach der Grundsteinlegung am 10. April 1937 hatte sich die ständig wachsende Gemeinde offensichtlich noch nicht um solche Dinge wie Gemeinde-Namen und eindeutige Bezeichnung des Neubaues gekümmert. Im „Evang. Gemeindeblatt Cannstatt“ titulieren die Berichte über die Gemeinde „Wichernhaus-Sommerrain“ und schildern „Bauarbeiten am Gemeindehaus Veiel - Masurenstraße“. Dennoch entwickelte sich Gemeindeleben und Spendenbereitschaft. Zwei Beispiele: „Seitdem uns eine Stiftung für eine Glocke“ (500,00 Mark von Gärtnermeister Hildenbrand, heute Gärtnerei Gerdes) „zugesagt ist, wird erneut darüber verhandelt, ob die Glocke nicht doch in einem Dachreiter aufgehängt werden darf.“ – Außerdem ein Testament von „Ungenannt 1000,00 Mark“ mit dem Zusatz: „Angetrieben von der Tatsache, dass nach Gottes Hilfe auch „Gott sei Dank!“ nicht vergessen werden solle. Die Nadelstich-Politik des Naziregimes gegen die Kirche bedeutete für die Wicherngemeinde die Kündigung der Saalmiete im Wichernhaus auf den August 1937. Deshalb werden „Gottesdienste m Blaukreuzgarten (heute wie damals am Feldweg in Verlängerung der Narewstr.) gehalten.“ Der Lebenswille aus der Kraft des Evangeliums der jungem Gemeinde wird im folgenden Satz deutlich: „Wenn die Monate August und September so heiß sind wie der Juni anfing, wird uns der bedeckte Raum dort (mit 80 SitzPlätzen mit Rückenlehne) Schutz gegen die Morgen - und Mittagsonne bieten und doch auf zwei Seiten kühlenden Winden Zutritt gewähren“. Auch der Kindergottesdienst und der Kinderchor, beides besuchte ich von Anfang an, fanden damals im Blaukreuzgarten statt. Wie die musikalische Begleitung der Gottesdienste jeweils aussah, ist nirgends festgehalten. In der

„Sonntagsschule = Kindergottesdienst“ kamen Blockflöten zum Einsatz. Die Gastfreundschaft des „Vereins vom Blauen Kreuz“ musste nur bis zum Ende des Sommers in Anspruch genommen werden, denn für Oktober konnte bereits die Einweihung des „Wicherngemeindehauses“ geplant werden. – Der große Tag für den nun „Wichernhausgemeinde“ genannten Bezirk 5 der Luthergemeinde war der 10.Oktober. Gleich mit zwei Gottesdiensten wurde gefeiert: Um 11Uhr mit dem Landesbischof Wurm und um 17 Uhr mit dem Stuttgarter Prälaten Schrenk. Beide Gottesdienste waren überfüllt und es wurde besonders des Namensgebers „Wichern“ gedacht. Dessen 200. Geburtstag die Wicherngemeinde nun im Jahre 2008 ebenfalls mit dankbarer Verpflichtung zu feiern hat. – Die üblichen Einweihungsrituale mit Schlüsselübergabe des Architekten Behr an Dekan Roos, Einzug der Gemeinde unter Posaunenklängen und erster Auftritt des neuen Kirchenchores unter Oberlehrer Ellinger wiesen auf lebendige Gemeinde hin. Predigttext: Phil.1, Vers

Das „Wicherngemeindehaus“ ist eingeweiht, Oktober 1937 Für den Montag nach der Einweihung am Sonntag, 10. Oktober 1937, hatte die Gemeinde einen Bazar vorbereitet. Der überraschende Reinertrag von RM 700,00 zusammen mit dem Opfer am Einweihungstag in Höhe von RM 440,00 wurde mit großer Dankbarkeit eingenommen. Die finanzielle Lage der jungen Gemeinde war nach wie vor nicht rosig. So war zum Beispiel für die Einweihung das Altarkreuz von der Stadtkirche ausgeliehen worden. Die beiden Opferstöcke, die bis heute im Vorraum der Wichernkirche ihren Dienst tun, stammen von der Lutherkirche. Offenbar eine „Dauerleihgabe“ für die in die Selbstständigkeit entlassene Filiale „Luther 5“. - Mit großer Freude wurde daher vermerkt, dass die Kosten für Altar-, Kanzel- und Taufstein– Gedecke, Glocke und ein gutes Klavier beieinander waren. - Der Bau des Wicherngemeinde-hauses war als Aufgabe der Gesamtkirchengemeinde begonnen worden und stand auf der Liste Cannstatter Kirchenneubauten ebenso wie die „Ebitz- oder Winterhaldengemeinde“. - Das „Evangelische Gemeindeblatt Cannstatt“ berichtet: „Der von Anfang an errechnete ungedeckte Betrag, der auf keinen Fall der Nachbargemeinde (Winterhalde) abgehen sollte, ist damit beisammen“. - Außerdem war es im ständig stärker werdenden „Dritten Reich“ einfach sehr schwierig geworden, überhaupt an kirchliche Bauvorhaben zu denken.– Die Feierlichkeiten der Einweihung und der Bazartag endeten mit der Aufführung eines Laienspieles „Um den Glauben“ durch die Jugend im Rahmen eines gut besuchten Gemeindeabends. Ein reges Gemeindeleben mit einem vom ersten Tag an „voll besetzten“ Kindergarten unter Leitung von „Tante“ Maria Gerlinger, wöchentlichem weiblichen Jugendkreis und jeden Mittwochabend Bibelstunde nahm seinen

Lauf. Besondere Veranstaltungen für Stadt und Bezirk wurden nun in dem neuen Zentrum abgehalten: Am 8. November Kirchenbezirkstag, am 17. November zum „Reichsbußtag“ eine Männerschulung „Was versteht Luther unter Kirche?“. - Die Mesner- und Hausmeisterfamilie (Heck) hatte bereits zur Endphase der Bauzeit ihren Posten bezogen und wohnte im Wohnungsteil des Wicherngemeindehauses, ebenso wie die Gemeindeschwester Diakonisse Rosine Lang, die am 14. November feierlich eingesetzt wurde. Als „Gebetserhörung“ wurde die Einrichtung eines Telefonanschlusses (50841) für die Gemeindeschwester empfunden, denn auch dabei hatten die Organe des „Dritten Reiches“ das letzte Wort bei der Genehmigung eines Telefonanschlusses. – Interessant ist der Hinweis für die Gemeinde, dass „nun besondere Rund-schreiben entfallen“ und „von allen denen, die am kirchlichen Leben teilnehmen wollen, hoffen und erwarten wir, dass sie das Gemeindeblatt lesen und den seither Zögernden zum Bezug empfehlen“.

Die Glocke der Wichernhausgemeinde ist weit zu hören. Am 2. Advent 1937 läutete die Glocke zum ersten Mal. Der Stifter hatte bestimmt: Die Glocke soll auf „E“ gestimmt sein und im Guss den Wahlspruch „Bete und arbeite“ tragen. Nun ruft also unsere Glocke seit über 70 Jahren zu allen Gottesdiensten, beim Vaterunser und begleitet Gemeindeglieder auf ihrem Weg zur letzten Ruhe auf einem der Cannstatter Friedhöfe. Je nach Windrichtung ist ihr läuten bis nach Fellbach und zum Steinhaldenfriedhof zu hören. – Dabei ist daran zu erinnern, dass die zu Fellbach gehörende Siedlung „Lindle“ eng mit der jungen Wicherngemeinde verbunden war. Im „Evangel. Gemeindeblatt Cannstatt“ wird darüber folgendes berichtet: „Stadtpfarrer Krieg/Fellbach, der Seelsorger im Bezirk Siedlung oberhalb der Funkerkaserne, trat mit der Einweihung in die Arbeit an der Gemeinde mit ein.“ Die heutige Siedlung „Lindle“ bestand 1937 erst aus einem Fünftel der heutigen Größe, anzuschauen an den „Ur-Häusern“, ähnlich dem Sommerrain. Andererseits gehörte Fellbach, Schmiden und Öffingen zum Dekanat Cannstatt. Dieses „Zusammengehören“ dauerte bis in die 70erJahre und zeigte sich zuletzt noch im gemeinsamen Bezug der Arbeitshilfen für den Kindergottesdienst. – Eine weitere Jahreszahl: Erst ab 1. Januar 1990 gehören Fellbach, Schmiden und Öffingen zum Dekanat Waiblingen. Nachdem bereits um 1968 das Dekanat Cannstatt um die Gemeinden des damals neu gegründeten Dekanats Zuffenhausen verkleinert worden war, wurden nun auch gegen Osten die Grenzen des ehemaligen Oberamtes Cannstatt endgültig aufgehoben. Geschichtliche Entwicklungen, die schnell aus dem Bewusstsein verschwinden. – Im Laufe des Winterhalbjahres 1937/38 sorgten Stifter und Spender für die weitere Ausstattung des neuen Gemeindehauses, das dadurch immer mehr auch zur Kirche wurde: Vor den Altar kam ein geknüpfter Teppich, die Fenster erhielten Vorhänge, insgesamt vier „Gedecke“, rot, grün, schwarz und weiß, wurden für Altar und Kanzel

gestiftet und dank einer größeren Spende konnte das längst bestellte Altarkreuz gekauft werden und die Stadtkirche erhielt das von ihr geliehene wieder zurück. – Der rührige Gemeindepfarrer, Erwin Lamparter, war neben seinen Diensten beim Aufbau einer jungen Gemeinde besonders am Besuchsdienst bei Kranken interessiert. Ein persönliches Erlebnis: Meine Mutter war damals mehrere Wochen im Krankenhaus vom Roten Kreuz in der Badstraße. An die regelmäßigen Besuche des Pfarrers erinnerte sie sich bis ins hohe Alter. Besonders an die Schwierigkeiten, die dortige (braune) Schwestern deswegen machten. Pfarrer Lamparter hatte auch die Gewohnheit, in den Krankenzimmern einige Verse eines Chorales zu singen. Gegen die protestierenden Schwestern stemmte er sich mit aller Kraft von innen gegen die Tür bis er gesungen hatte.

Die Wicherngemeinde im Bekenntniskonflikt 1938 Wie alle Gemeinden der Evangelischen Landeskirche befand sich auch die junge Stadtrandgemeinde in deutlich spürbaren Nöten, wenn es um das Bekenntnis evangelischen Glaubens im „Dritten Reich“ ging. Einige OriginalZitate aus dem „Evangel. Gemeindeblatt Cannstatt“ zeigen die vielfältigen An- und Eingriffe der Organe des Naziregimes in kirchliches Leben und die hilflosen bis heroischen Verhaltensweisen der Kirche und ihren Repräsentanten. Dabei war auch durch die „Deutschen Christen“ eine ungeahnte Irrlehre im Schutz der neuen Machthaber tätig. – Zitate: „Dez. 1937: Die Angabe der Religionszugehörigkeit, z. B. vor dem Standesamt: 1. Angehörige einer Religions-u./o.Weltanschauungsgemeinschaft , 2. Glaubenslose, 3. Gottgläubige.“ Die letzteren waren aber als aus der Kirche ausgetreten gemeint.– „Hat die Kirche versagt? Auf die Straße ist sie nicht gegangen, den roten Terror hat sie nicht gebrochen. Das war Vorrecht und herrliches Werk der politischen Bewegung, der wir nicht genug danken können. – Die Kirche bewahrte (damals) die Volkssubstanz. Wenn der Nationalsozialismus nach den Zeiten des Verderbens noch hinreichend gesundes Volkstum vorfand, so ist das auch zurückzuführen auf die wahrende, hütende Wirkung der unbekannten Kirche.“-Der württ. Ministerpräsident Mergenthaler: „Der Nationalsozialismus bekennt sich eindeutig zu einem Gott; im Rahmen dieser Gottgläubigkeit proklamieren wir volle Freiheit in religiösen Dingen. Was der nationalsoz. Weltanschauungzuwiderläuft, muß fallen. Die zersetzenden Mächte sind: das internationale Juden- und Freimaurertum und die internationalen Kirchen.“ – Im „Schwarzen Korps“ (SS-Organ): „An die Kirchen: Da sie mit dem früheren Begriff „Kirche“ nur noch den Namen gemein haben, können sie in der Frage des Kirchen-Gutes auch keinen Anspruch darauf erheben, da diejenigen, die einst dafür aufkamen, nicht Beiträge für eine Einrichtung leisten wollten, die keine Verpflichtung für Staat und Volksgemeinschaft auf sich nimmt.“ - - Vor diesem Hintergrund ist auch die damalige „Enteignung“ unseres

Wichernhauses, später Friedrich-List-Heimes, zu erklären. – Umso mehr ist die offizielle Haltung der Kirche, s. Ev. Gemeindeblatt Cannstatt, August 1938, kaum zu fassen: „Am 28. Juni legten die ev. Pfarrer des Kirchenbezirkes Bad Cannstatt in die Hand des Beauftragten des Landesbischofes, Dekan Roos, das Treuegelöbnis auf den Führer ab. Es hat sich diesem die Staatstreue der ev. Kirche klar bekundenden Gelöbnis kein Pfarrer entzogen. Im Ordinationsgelübde übernommene Pflichte bestehen selbstverständlich in vollem Umfang fort. Auch die Beamten und Angestellten der Kirchengemeinde wurden in gleicher Weise verpflichtet.“ -- Offenbar hat niemand bemerkt, dass damit jegliche Form von anderer Meinung oder gar Widerstand aus der Kirche heraus als Bruch des Treueides auf den Führer verstanden werden konnte/musste.

Wie die Landeskirche die Zeit von 1938 reflektierte und auch die Wicherngemeinde indirekt einbezogen war. Schon seit der Reichsgründung 1871 erfolgte eine starke Ausstrahlung evangelischen Geistes in alle angrenzenden Länder. Die hiesige kirchliche Presse berichtete auch nach dem 1. Weltkrieg regelmäßig darüber. Besonders zu Österreich gab es direkte Beziehungen zu einzelnen Gemeinden. - Die heute mit der Wicherngemeinde in loser Partnerschaft stehende Gemeinde Peggau in der Steiermark hatte z. B. 1906 einen Kirchbau gewagt, der von einem süddeutschen Architekten geplant und wesentlich vom württembergischen „Gustav Adolf-Frauenverein“ unterstützt worden war. Aber auch zum Evangelischen Oberkirchenrat in Wien bestanden gute Kontakte. Vom 2. März 1938 berichtet das Ev. Gemeindeblatt für Cannstatt von einem Gemeindeabend mit einem Pfarrer aus Hallein, der von „Bedrückungen, Mangel an kirchlichen Räumen, Bibeln und Gesangbüchern“ berichtete. – „Damals ahnte noch niemand, dass die Vereinigung Österreichs mit Deutschland so nahe vor der Tür stand. Möchten die neu geschaffenen politischen Verhältnisse auch der evang. Kirche in Österreich die so heiß ersehnte Erleichterung ihrer Lage bringen.“ – Der Einmarsch deutscher Truppen am 13. März 1938 wurde als „geschichtliche Wende“ gefeiert und in den Gottesdiensten „in besonderer Fürbitte des Führers, des deutschen Volkes und Reiches und der deutschen Wehrmacht gedacht.“ Ein Telegramm des württembergischen Landesbischofs D. Theophil Wurm nach Wien: „Der ev. Kirche der Ostmark entbieten wir bei ihrem Eintritt in das Reich herzlichen Brudergruß.“…“nehmen deshalb besonders warmen Anteil an dem auch für die ev. Kirche in Österreich bedeutsamen weltgeschichtlichen Ereignis.“ – In den vorliegenden „Berichten aus den Gemeinden“ ist von keiner kritischen Reflexion dieser Vorgänge zu lesen. In der so genannten „Wichernhausgemeinde“ war alles neu zu organisieren, so kamen am 2. Juni 1938 rund 200 Teilnehmer zu einem Gemeindeabend

mit dem Thema „Wir und unsere Kranken“. Der Diakonisse sollte dringend ein ehrenamtlicher Krankenbesuchsdienst zur Seite gestellt werden. Bei jährlich über 150 neu bezogenen Wohnungen, z. B. im Sommerrain die Mahlesiedlung, ein wichtiger Teil des Gemeindelebens. Auch die Kindergartenplätze waren sehr begehrt, so dass im Sommer 1938 schon Anmeldungen für das nächste Frühjahr eingingen. Der junge Kirchenchor machte seinen ersten Ausflug und warb um weitere Chorsänger und –innen. – Zum ersten Kirchweihfest im Herbst 1938 wurde auch ein Bazar vorbereitet, dessen Erlös die Schulden des Kirchbaus verringern sollte. – Parteiliche Anordnungen bereiteten Sorgen, z. B. für den Konfirmandenunterricht die Verlegung der BDM-Nachmittage auf den Donnerstag. – Und ohne Kommentar wurde im Dezember-Gemeindeblatt des 9. Novembers, als auch die Cannstatter Synagoge brannte, gedacht. – Es wird von einem „Männerrüsttag“ berichtet: „Ist uns die Bibel noch Gottes Wort?“

1938-39: Die „Wicherngemeindehaus“ – Gemeinde richtet sich ein Rund ein Jahr nach dem Bezug der Wichernkirche, die sich vom ursprünglich genehmigten Betsaal über ein Gemeindehaus zur Kirche gemausert hatte, suchte Pfarrer Lamparter mit bereitwilligen Gemeindegliedern Leben in die neuen Strukturen zu bringen. Bereits nach der Einweihung im Oktober 1937 hatte die Mesner-Familie Heck ihren Dienst begonnen und auch der Kindergarten unter Leitung von „Tante“ Maria Gerlinger wurde sofort im ersten Jahr voll angenommen. Die Gemeindeschwester Rosine tat ihren Diakonissen-Dienst zu Fuß vom Lindle bis zur Wilhelmshöhe und vom Sommerrain bis zum Geiger. Auch gründete sie einen wöchentlichen „Abend für die weibliche Jugend“. Dort wurde neben Handarbeiten gesungen, vorgelesen und evangelische Gemeinschaft gelebt. Angesprochen waren vornehmlich die „Hausangestellten, denen die Hausfrauen an diesem Abend sicher frei geben und sie selbst zu allem Guten anhalten“. Zitat aus „Ev. Gemeindeblatt für Cannstatt“. – Am 19. November 1938 starb überraschend der gebürtige Cannstatter, Pfr. Otto Riethmüller, 49-jährig in Berlin. Als württembergischer Pfarrer war er ab1928 Leiter des evangelischen Reichsverbandes für weibliche Jugend. Die Tatsache, dass er auch Vorsitzender der Jugendkammer der „Bekennenden Kirche“ war, wurde während des Naziregimes nicht publiziert. Er war sicher auch bei der Formulierung der „Barmer Erklärung“ dieser widerständigen Vereinigung beteiligt, aber für dieses Engagment erst nach dem Krieg gewürdigt. Im derzeitigen EKG-Gesangbuch finden sich 9 seiner Melodien und Texte, die in gottesdienstlichem Gebrauch sind. Otto Riethmüller ist auf dem Uff-Kirchhof in Cannstatt begraben und mit dem nach ihm benannten Ferien- und Waldheim auf der Steig wird seiner würdig gedacht. – Am 28. Nov. 1938 beschloß der Gesamtkirchengemeinderat Cannstatt die Umwandlung des 5. Bezirks der Luthergemeinde in die Wicherngemeinde. – Zum 1. Juli 1939

folgte die Bestätigung des Kultusministers von Württemberg. Die nun voll anlaufende Gemeindearbeit mit Kirchen- und Kinderchor (Berta Thomann), Konfirmandenunterricht, Mädchenkreis, Frauen- und Männerkreis, nutzte dieselben räumlichen Voraussetzungen: Konfirmanden-Raum mit Schiebewand zum Kindergarten und dieser wiederum mit Schiebewänden zum Gottesdienstraum. So konnte mit ständigem Umräumen alles für sich unter einem Dach stattfinden, aber bei Bedarf auch zu Festtagen der ganze Raum benutzt werden. – Diese erste Zeit der jungen Wicherngemeinde mag nun aus heutiger Sicht so erscheinen als ob alles mit der Kirche wie gewohnt funktioniert habe. Dabei standen die christlichen Kirchen unter gewaltigem Druck des „Dritten Reiches“, was auch zum Beispiel in den Jahren 1937 – 39 an der Zahl der Kirchenaustritte abzulesen ist. Gemessen an allen Gemeindegliedern der im Wachstum befindlichen Gemeinde, ca. 1600, sind die im genannten Zeitraum 81 Ausgetretenen 5%.

1939 – Gemeindeleben unter dunklen Wolken. K R I E G Die äußerlich erfreuliche Entwicklung der Wicherngemeinde war nur die eine Seite des Gemeindelebens. Das Leben der Kirchen in einer Diktatur wird nur unscharf aus den schriftlichen Hinterlassenschaften, wie z. B. dem „Evangelischen Gemeindeblatt für Bad Cannstatt“ , erkennbar. Die Wahrnehmung der Ereignisse des Jahres 1938: Österreich wird Ostmark, Tschechoslowakei besetzt, an allen Enden sind Kriegsvorbereitungen, offen oder versteckt, im Gange und die Deutschen werden systematisch durch Propaganda ausgerichtet.- Zwei Beispiele zeigen, wie auch in den Kirchen bei durchaus kirchlichen Themen die „Ziele und Erfolge des 3. Reiches“ reflektiert wurden: 1. Ein Gemeindeabendbehandelte das Thema der „neu zur deutschen evangelischen Kirche gekommenen Glaubensgenossen in Sudeten“. 2. Das Gemeindeblatt berichtet im Mai 1939: „Nun kehrt mit Land und Volk auch die Kirche des Memellandes wieder heim ins Reich.“Umso erstaunlicher ist, dass mindestens in der jungen Wicherngemeinde öffentlich dazu aufgerufen wurde, die Adressen der bei der Wehrmacht oder beim Arbeitsdienst weilenden Gemeindeglieder dem Pfarramt zu melden, damit diesen unentgeltlich das Gemeindeblatt in die Kasernen geschickt werden kann. – Eine Äußerlichkeit, die bis heute Bestand hat, ist die ab 1. Mai 1939 vom Gesamtkirchengemeinderat festgelegte südliche Gemeindegrenze von der Flandernstraße über den Memberg bis zur Markungsgrenze Fellbach. Pfarrer Lamparter begrüßte im Gemeindeblatt die 150 Familien, „von denen kaum eine mehr als 7 Minuten zu unserem Gotteshaus zu gehen hat“ sehr herzlich. – Diese größer werdende Gemeinde sollte nun nur einen Sommer lang unbeschwert alle Angebote vom Kinderchörle bis zum Frauenkreis, vom Mädchen- und Jungmännerkreis bis zum Gustav-AdolfVerein und natürlich regelmäßigem Gottesdienst leben und erleben können. können. Am 1. September 1939 begann Hitler den 2. Weltkrieg.

Wicherngemeinde zwischen Funkerkaserne und Lazarett Die ersten Eindrücke im Zusammenhang mit dem Beginn des Krieges waren so unterschiedlich wie die Menschen überhaupt sind. Wir Kinder erlebten, dass Männer aus der Nachbarschaft, hauptsächlich jüngere, für einige Tage oder auch nur Stunden in Wehrmachtsuniform zu sehen waren, ehe sie dann für lange Zeit fehlten. – Schrecklich war der Morgen des 2. September: Die ganz jung verheiratete Tochter einer Familie aus der Gemeinde hatte sich mit ihrem Mann, der auch den „Einberufungsbefehl“ erhalten hatte, mit Gas das Leben genommen. Das öffentliche Abholen der Särge war für die Nachbarschaft äußerst aufregend. Die Mutter erlebte ich von da an nur in altmodischer tiefschwarzer Kleidung. – Landesbischof D. Wurm richtete am Sonntag 3. September ein Wort an die Gemeinden zur Verlesung in den Gottesdiensten. Eine sehr gute Besinnung über Jes. 54,10, die aber nicht ohne den Schlusssatz auskam: „ Gott ist unsere Zuversicht und Stärke. …. Ihn flehen wir an für Volk und Führer, für Heimat und Heer und uns aushelfe zu seinem himmlischen Reich! Amen.“ – Als Kriegsfolge wurde das seit 2 Jahren enteignete „Wichernhaus“ aus seiner Nutzung für nationalsozialistische Organisationen (Reichsarbeitsdienst, BDM für die Deutschen im Ausland usw.) umgewandelt in einen Teil des „Cannstatter Krankenhauses, chirurgische Abteilung“. Das Krankenhaus wurde zum großen Teil Wehrmachts-Lazarett. Der Krieg brachte auch sehr viel Verkehr zur und von der Funker-kaserne. Teilweise mit Pferden, denn auch in der Kaserne waren Ställe für Reit- und Gespannpferde. – Der für 10. Oktober geplante Bazar der Wicherngemeinde zugunsten einer Orgel wurde abgesagt, aber Pfr. Lamparter hielt das Vorhaben offen weil „Orgelbauanstalten darauf angewiesen sind.“ – Wörtlich im „Evang. Gemeindeblatt für Bad Cannstatt: In unserer Wicherngemeinde haben wir bis heute besonders zu danken im Blick auf unsere Feldgrauen: Noch nicht einmal eine Ver-wundung ist uns gemeldet“. – Ein absolutes Novum: Im Laufe des Winters 1939/40 arbeitete in einer Gärtnerei unseres Gemeindegebietes plötzlich ein Pole. Seine Integration in der Gärtnerfamilie ließ den Begriff „Zwangsarbeiter“ nicht aufkommen.

Gemeindeleben der Wicherngemeinde im Krieg Nur ältere Gemeindeglieder, die bewusst 1914–18 den 1.Weltkrieg erlebt hatten, zeigten nach dem Ausbruch eines neuen Krieges Betroffenheit und Angst. Zweifel am Geschehen waren sicher vorhanden, wurden aber nicht laut geäußert. Als Zeichen der verbreiteten Haltung zu einem Krieg, das in der Kirche ablesbar wer, mag die sprunghafte Steigerung der Kirchenaustritte 1939 gelten. Waren es 1937 11 (elf) und 1938 achtzehn (18) Personen, die aus der Wicherngemeinde und damit aus der Kirche austraten, sind für 1939

zweiundfünfzig (52) und für 1940 zweiunddreißig (32) gemeldet. Offensichtlich passte für die Ausgetretenen die Kirche mit ihrer Botschaft nicht mehr zu dem was die pausenlose Propaganda des Dritten Reiches verkündete. – Dazu kamen die beiden Blitzkriege und – siege über Polen 1939 und über Frankreich, Belgien und Niederlande 1940. – Auch die Wicherngemeinde war, wie alle Cannstatter Gemeinden vom Krieg betroffen: Die ersten gefallenen oder schwer verwundeten Gemeindeglieder wurden im Gottesdienst der Fürbitte der Gemeinde anempfohlen; Pfarrer aus anderen Gemeinden waren zur Wehrmacht eingezogen worden; Cannstatt kam 1940 erstmals mit einer weiblichen Theologin, Frau Lenore Volz, mit der Dienstbezeichnung „Pfarrgehilfin“ in Berührung. Sie durfte allerdings nicht „auf die Kanzel“. Die Kirche hatte für sie den Religionsunterricht an der Oberschule für Mädchen geplant. Dies hätte ihr aber den Eid auf Hitler abverlangt, den sie nicht leisten wollte. Somit gingen die entsprechenden Schülerinnen, auch aus der Wichern-Gemeinde, ein Mal wöchentlich morgens um 7.00 in den Evangelischen Verein ins “Heilige Dreieck“, heute die Häuser des Alters- und Pflegeheimes, ehe diese Gebäude 1943/44 vom Bombenkrieg zerstört wurden .

Krieg-Sieg-Bombenkrieg. Wichernkirche 1939-1945 Die von Anbeginn der Wichernkirche tätigen Mesnersleute, Familie Heck, wurden 1941 durch Familie Weißhaar abgelöst. Immanuel Weißhaar war Karlshöher Diakon, Mesner und Gemeinschaftspfleger der Altpietistischen Gemeinschaft. Auch Frau Weißhaar und die 3 Töchter arbeiteten als Familie des Mesners, wie damals üblich, im Haus und der Gemeinde mit. In der Zeit erlebte das junge Gebäude der Wichernkirche seinen ersten Umbau: Im Untergeschoß des Wohnteils des Gebäudes wurden Luftschutzräume eingerichtet. In weitem Umkreis gab es erst ab 1942-43 einen öffentlichen Luftschutzbunker nämlich unter der Mercedes- Schuhfabrik in der oberen Waiblinger Straße. Heute ist dort ein neues Wohngebiet entstanden, weil die Schuhfabrik in den 70er-Jahren aufgelöst wurde. Dieser Bunker war natürlich von der Wichernkirche bei Fliegeralarm so gut wie nie rechtzeitig zu erreichen. – Allerdings ordnete der Obmann des RLB (Reichsluftbund) für die Wichernkirche an, dass bei Fliegeralarm während des Gottesdienstes die in den ersten 5 Stuhlreihen Sitzenden durch den damaligen westlichen Notausgang neben dem Altarraum die Kirche verlassen durften, während die anderen Kirchgänger in den „Schutzraum“ im Keller zu gehen hatten. Meine Mutter setzte sich von da an immer in eine der ersten Reihen. – Die Kinder der Kinderkirche, damals Sonntagsschule, wurden im Laufe des Krieges immer weniger, weil ab Herbst 1943 alle Schulen ab Klasse 5 in „sichere Schulorte“ evakuiert wurden und die Mütter mit jüngeren Kindern ebenfalls aufgefordert wurden, wegen des „Bombenterrors“ außerhalb Stuttgarts zu wohnen. – Der Bombenkrieg zerstörte oder beschädigte alle damaligen

Cannstatter Kirchen und Gebäude. Nur die Wichernkirche „überlebte“ weil Herr Weißhaar mit bloßen Händen Stabbrandbomben aus dem Dachboden warf.

Letzte Kriegsmonate ohne Pfarrer Ein für alle Gemeindeglieder spürbarer Eingriff in das gewohnte Leben einer evangelischen Kirchengemeinde war die Konfirmation 1944. Zum einen waren die meisten Konfirmanden mit ihren Schulen in Orte außerhalb Stuttgarts, das immer häufiger Fliegeralarm und „Terrorangriffe“ zu erleiden hatte, evakuiert; zum anderen war es die letzte Konfirmationsfeier, die Pfr. Lamparter halten konnte. Seine immer wieder sicht- und hörbar gewordene Haltung zum Naziregime, gespeist aus christlichem Bekennermut, brachte ihn persönlich in Gefahr, so dass die Kirchen-leitung ihn „kommissarisch“ aufs Land versetzen musste. Dies führte ihn und seine Familie nach Mühlhausen, Lomersheim, Mühlacker und Kleinbottwar. Nach dem Krieg war er bis zur Pensionierung Pfarrer in Unterböhringen und Hausen. Er kehrte danach wieder in sein Haus in der Tannenbergstraße zurück. –Die Fortdauer des Krieges brachte nahezu alle gemeindlichen Aktivitäten zum Erliegen. So gab es 1945 keine Konfirmationsfeier. Alle anderen Kasualien (kirchliche Amtshandlungen) wurden von älteren oder kriegsbeschädigten Pfarrern, oder Frau Volz, in unterschiedlicher Besetzung erbracht. Großes Leid brachten die steigenden Zahlen von Ge-fallenen und Verwundeten. Bis Kriegsende wurden über 40 Gefallene aus der Wichern- gemeinde, vom Memberg bis zum Sommerrain, von der Wilhelmshöhe bis zum Lindle (heute zu Fellbach gehörig) gezählt. Verfolgte des Naziregimes, die in Konzentrationslagern oder Gefängnissen waren, sind nur wenige bekannt. Einige stammten aus dem Gebiet Wilhelmshöhe und wurden erst nach Kriegsende wahrgenom-men, denn selbst wenn sie während der NS-Zeit aus der Haft entlassen worden waren, durften sie mit niemand über ihr Schicksal sprechen.– Die totale Zerstörung der „Winterhaldenkirche“ durch Brandbomben, ein Holzbau am südlichen Ende des Wohngebietes „Ebitz“ gelegen, zwang die Gottesdienstbesucher von dort zur Wichernkirche oder Lutherkirche zu kommen.

Kriegsende – in der Wicherngemeinde und in Bad Cannstatt Das für viele Unvorstellbare, Krieg in unserem Land, kam im April 1945 begleitet vom Lärm der Bomben und Granaten, der Luftschutzsirenen und tief fliegenden feindlichen Flugzeugen täglich näher. Die noch oder wieder hier lebenden Menschen, viele gehörten illegal dazu, ich auch, verbrachten die meiste Zeit in den Luftschutzbunkern oder –Stollen. Niemand wusste genau wie die Frontlinien um Stuttgart verliefen. Begegnungen mit Nachbarn oder

Bekannten endeten mit dem Wunsch: „Bleib übrig“. - Gottesdienste fanden aber trotzdem regelmäßig statt, denn die Wichernkirche war inzwischen, außer dem Steig-Gemeindehaus, die einzig unversehrte Kirche. Stadt- und Luther-Kirche waren nicht total beschädigt, aber unbenützbar.-Nebenbei, Andreä -, Stephanus -, Steig-, Sommerrain- und Blumhardt – Kirche wurden erst viele Jahre nach dem Krieg erbaut. Auch die seit 1937 existierende Einrichtung der Gemeindeschwester funktionierte noch. Von Anfang an war dies Schwester Rosine, eine Stuttgarter Diakonisse. Sie wohnte im Wohnteil der Wichernkirche, wie auch die Familien der Mesner. Der Dienst der Gemeindeschwester waren beinahe zur Hälfte tägliche Fußmärsche. Bei der Ausdehnung der damaligen Wicherngemeinde im Sommerrain vom Edelweißweg bis zum kleinen Ostring; im mittleren Teil von der Wilhelmshöhe bis zur Gärtnerei Steinle; im Süden von der Flandernstraße bis Ende des Geigers. Der sich steigernde Luftkrieg zwang Schwester Rosine häufig bei Gemeindegliedern unterwegs bei einem Fliegeralarm auszuharren. - Im Rückblick grotesk wirkende Tatsachen wie die Aushebung des letzten Aufgebotes zum „Volkssturm“, oder die Bedrohung aller, die eine weiße Fahne zeigen sollten, durch die Frau eines Waffen-SS-Offiziers, wurden durch die Ende April von Fellbach her bis zum Neckar einmarschierenden Amerikaner ziemlich geräuschlos erledigt. Hauptsache: Kriegsende!

Nachkriegszeit – Kriegsfolgezeit – April/Mai 1945 Diejenigen Gemeindeglieder, die überhaupt noch in Cannstatt wohnten, hatten den Einmarsch der US-Truppen in ihren Kellern, im Luftschutzbunker unter der Mercedes-Schuhfabrik oder im LS-Stollen an der Ob. Waiblinger Str., damals Friedrich-Ettwein-Str., abgewartet. Geschützlärm und die Motorengeräusche von Kampfflugzeugen waren schlagartig vorbei. Die Menschen gingen erleichtert und doch irgendwie traumatisiert in ihre mehr oder weniger versehrten Wohnungen. Durch die Straßen patroullierten fremdartige Autos (Jeeps) mit teilweise gut gelaunt wirkenden Soldaten, deren Uniformen und Ausstattungen die Überlegenheit der siegreichen Armee dokumentierten. Eine nächtliche Ausgangssperre musste peinlich beachtet werden, denn einzelne Schüsse zeigten, wer die neuen Herren waren. Der Erlass Nr. 1 des US-Oberbefehlshabers in Englisch und Deutsch hing an jeder Straßenecke und beschrieb alle zu beachtenden Vorschriften der Besatzungsmacht. Der letzte Satz ist mir sinngemäß noch in guter Erinnerung: „Wir werden 40 Jahre in Deutschland bleiben, damit kein Krieg mehr von hier ausgeht“. – Wann das kirchliche Leben in der WichernGemeinde wieder begann ist nicht dokumentiert. Wohl aber erinnere ich mich an einen Gottesdienst, den Fritz Laun, Stadtmissionar, in der zum Glück völlig unversehrten Wichernkirche im Frühsommer 1945 hielt. Unversehrt heißt aber nicht, dass alle Fenster wieder heil waren und das ganze Dach wieder vollständig mit Ziegeln bedeckt war, denn das war bei den Häusern

ohne größere Schäden so etwas wie Standard. – Bald nach dem Einmarsch wurden im Gemeindegebiet einige Wohnhäuser für US-Soldaten beschlagnahmt. Es waren Angehörige der 100. US-Division, die niemand behelligten. Einige Wochen wurde für sie ein Küchenzelt in der Masurenstr zwischen der Tannenbergstr. und der Th.-Veiel-Str. aufgebaut. Bald wurden die „100er“ wieder abgezogen und die Nachricht, dass ihr Schiff auf dem Atlantik durch eine Mine untergegangen war, wurde allgemein bedauert, denn sie waren freundlich gewesen.

Orientierung im Nachkriegschaos in der Wicherngemeinde und anderswo, Sommer 1945 Die Wicherngemeinde hatte zum Glück weniger Bombenschäden als andere Stadtteile und Kirchengemeinden erlitten. Deshalb konnte hier der Kindergarten mit „Tante Maria“ Langenstein; die Arbeit der Gemeindehelferin, Berta Thomann; die Krankenpflege, Schwester Rosine; der Mesner- und Hausmeisterdienst, Familie Weißhaar und die Verkündigung, Stadtmissionar Fritz Laun bald wieder einsetzen. Pfarrdienst wurde von in Bad Cannstatt noch verbliebenen Pfarrern und Frau Volz wahrgenommen. - Eine belastende neue Nachbarschaft waren die in der „Funkerkaserne“ von der UNRRA, dem Hilfswerk der UNO für displaced persons (ehemalige Zwangsarbeiter) untergebrachten Menschen aus vielen, vorwiegend osteuropäischen, Nationen. Sie betrachteten es als ihr gutes Recht, als auf der Siegerseite befindlich, Gärten und teilweise auch Häuser in diebischer Absicht heim zu suchen. Die DP’s ihrerseits ahnten nicht, dass diejenigen aus der UdSSR nicht nach Hause zurückgeführt werden würden, sondern als Spione und Verräter von Stalin nach Sibirien gehen mussten. Es mag heutzutage überraschen, aber von der Gesamtkirchengemeinde Cannstatt wurde bereits im Sommer 1945 ein zentraler Konfirmandenunterricht angeboten. Unsere Jahrgänge waren ja seit Mitte des Krieges im Lande herum untergebracht, um damit Kinder aus dem durch Luftangriffe gefährdeten Stuttgart zu evakuieren. Es waren also noch nicht alle wieder in Cannstatt, die noch nicht konfirmiert waren. Dieser Unterricht fand im Saal der Landeskirchlichen Gemeinschaft in der Küblergasse statt. Auf dem Weg dorthin kam ich mit Fritz Seidt am Wilhelmsplatz an der französischen Kommandantur im Hause Foto-Kleiber vorbei. Der dortige Posten, ein farbiger muslimischer Soldat, stand mit aufgepflanztem Bajonett vor der Tür und hielt uns mit eindeutiger Gebärde mit seiner Waffe am Weitergehen auf. Sein Französisch verstanden wir nicht und er wurde immer aufgeregter und ernster. Dabei deutete er auf die bescheidenen hellgrünen Schulhefte, die jeder von uns in der Hand hielt. Es waren die vervielfältigten Texte und Lieder für den Konfirmandenunterricht. Offensichtlich hielt er die Heftchen für eine nicht zugelassene Drucksache. In dieser Notlage hatte ich die Idee, in meinem Heft nach dem Namen „Jesus“ zu suchen. Ich fand ihn in Phil. 2 und zeigte

dem Soldaten diese Stelle. Die Wirkung war im wahrsten Sinne umwerfend. Er schmiss seine Waffe auf den Gehweg, kniete in muslimischer Weise, den Kopf nach Osten, nieder, berührte dreimal mit der Stirn den Boden und, nachdem er sich wieder erhoben hatte, wies er uns freundlichst an, weiterzugehen. – Der Name „Jesus“ hatte uns gerettet. Wir wussten ja nicht, dass Jesus im Koran als Prophet verehrt wird.

Neue Herren, neue Not, neuer Pfarrer. Wicherngemeinde Spätsommer 1945 Die Aufteilung des Deutschen Reiches durch die Sieger in Besatzungszonen brachte für Stuttgart und Umgebung den Abzug der Franzosen und die Präsenz der Amerikaner. Das Cannstatter Krankenhaus war im Krieg fast vollständig Lazarett gewesen und gehörte schon immer zum Gemeindegebiet von Wichern. Die US-Armee belegte es mit einem „General Hospital“. Für das Personal wurde das gesamte Wohngebiet Wilhelmshöhe beschlagnahmt. Die dort lebenden Gemeindeglieder mussten innerhalb von 3 Tagen ihre Wohnungen verlassen. Bis die „Vertriebenen“ wieder eine Bleibe hatten war der große Dachboden der unversehrten Wichernkirche wochenlang Lagerraum für allerlei Hausrat und Möbel.- Eine andere Art von „Vertriebenen“ waren als sehr belastende neue Nachbarschaft in der „Funkerkaserne“ von der UNRRA, dem Hilfswerk der UNO für displaced persons (ehemalige Zwangsarbeiter) untergebrachte Menschen aus vielen, vorwiegend osteuropäischen, Nationen. Sie betrachteten es als ihr gutes Recht als Sieger, Gärten und teilweise auch Häuser in diebischer Absicht heim zu suchen. Im Sommer 1945 gab es keine deutsche Polizei mehr. Es wurden nur einige „unbelastete Männer“ von der französischen Besatzungsmacht mit weißen Armbinden ausgestattet und in die bedrohten Wohngebiete als „Ordnungsmacht“ geschickt. Dabei kam es zu einem schrecklichen Vorfall: Zwei Glieder unserer Gemeinde, Herr Kern und Herr Fischer, wurden erschlagen und „im Dienst“ getötet. - Die DP’s ihrerseits ahnten nicht, dass diejenigen aus der UdSSR nicht nach Hause zurückgeführt werden würden, sondern als Spione und Verräter nach Sibirien gebracht wurden. Mit Freude wurde im Herbst 1945 ein neuer Pfarrer, Arnold Jaki, in der Gemeinde empfangen. Auch er war im Grunde ein „Vertriebener“, denn er kam noch ohne Familie, die damals aus dem westlichen Polen auf dem Weg hierher war. In seiner Person zeigte sich exemplarisch die Tragödie der Deutschen, die in den Ländern Osteuropas ihre Heimat verloren hatten. Ursprünglich aus Galizien stammend wurde Pfarrer Jaki mit Familie und allen Deutschen seiner Heimat nach dem gewonnen Polenfeldzug ins westliche Polen (Warthegau) umgesiedelt. Im Laufe des Krieges wurde er zur Wehrmacht eingezogen und als Dolmetscher für osteuropäische Sprachen eingesetzt. Seine schlechte Sehkraft bewahrte ihn vor dem Waffendienst. Er

musste immer mit einer Lupe lesen. - Zum Glück fand die Familie bald zusammen und wohnte die ersten Jahre bei Familie Kurrle in der Th. VeielStraße.

1945-46 die Wicherngemeinde findet sich neu zusammen Gemeindeleben hatte nach dem Krieg und im Sinne des Wortes „von einem Tag auf den anderen“ einen völlig anderen Inhalt. Die Kirchgänger hatten zwar ihre Gottesdienste in den Räumen der weithin unversehrten Wichernkirche, aber die Traumatisierungen der Gemeindeglieder, die Verarbeitung der einzelnen Schicksale während des „3. Reiches“ ergaben für alle Menschen neue, unterschiedliche Lebensgrundlagen. Dabei war die personelle Ausstattung der Wicherngemeinde mit haupt- oder nebenamtlichen Mitarbeitern/innen relativ gut. Herr Stadtmissionar Immanuel Weißhaar mit Familie konnte das Mesneramt von der Dienstwohnung im Kirchengebäude aus wahrnehmen. Diakonisse Schwester Rosine wohnte ebenfalls im Haus und die Organistin und Leiterin des Kirchenchores, Frau Berta Thomann, wohnte zwar nicht im Haus, gehörte aber zum Stamm der Mitarbeiter/innen. Pfarrer Jaki konnte also für die wichtigsten Tätigkeiten außerhalb des Pfarrdienstes auf ortsansässige, engagierte Gemeindeglieder zurückgreifen. In der damals noch Winterhalde genannten Gemeinde, heute Andreä, war Pfarrer Mohr lange Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft. Bis zum Eintreffen von Pfarrer Walter, aus Ostpreußen stammend, nahm der Karlshöher Diakon Fritz Laun viele Aufgaben der Gemeindebetreuung wahr. Die bis heute in enger Kooperation lebenden Nachbargemeinden Wichern und Andreä waren in der Nachkriegszeit in vieler Hinsicht verbunden. Die Winterhalde hatte mit dem Kindergarten in der Tarnowitzer Straße nur noch einen Raum zur Verfügung, so dass kirchliche Veranstaltungen in der Wichernkirche stattfanden, sofern sie nicht in der beschädigten, aber teilweise nutzbaren, Lutherkirche waren. Die männliche Jugendarbeit wurde von Fritz Laun ab Sommer 1945 für beide Gemeinden aufgebaut. Eine erste Zusammenkunft war in der sehr bombenbeschädigten Wilhelma, damals nur botanischer Garten. Der Konfirmandenunterricht wurde abwechselnd von den beiden Pfarrern Jaki und Walter gehalten. Die Gruppen wurden zuerst gemeinsam in der Tarnowitzer Straße unterrichtet. Dabei waren die männlichen Konfirmanden angewiesen worden, mit einander und allen Mädchen gemeinsam auf den Heimweg zu gehen, so dass zuerst alle Mädchen bis zu ihrer jeweiligen Haustür begleitet wurden und dann erst die Buben nach Hause gingen. Diese Maßnahme war wegen allen denkbaren Gefährdungen nötig geworden. Im Laufe des Winters 1945/46 kamen aber immer mehr Familien mit Kindern im Konfirmandenalter aus Evakuierung und als Flüchtlinge in die beiden Gemeindegebiete und somit mussten die Konfirmandengruppen getrennt unterrichtet werden. Für uns in Wichern war der Unterricht von Pfarrer Jaki ein für das ganze Leben prägendes Ereignis.

Er befreite uns von den Folgen des NS-Weltanschauungs-Unterrichtes und führte uns so intensiv in die Bibel ein, dass wir ihn nach der Konfirmation um Fortsetzung des Unterrichtes baten.

1946 – 1947 – 1948 Es ist heute schwer zu vermitteln, wenn jemand von Hunger in Deutschland spricht, dass hier die Menschen in den ersten Nachkriegsjahren Hunger litten. Dabei war der Hunger nicht flächendeckend. Vor allem in den Städten wurde gehungert. Dabei war das Wichern-Gemeindegebiet noch gut dran. Die vielen Gärten um die Häuser und in der Landschaft boten vom Sommerrain bis Memberg auch in dieser Notzeit ihre Früchte an. Damals begann auch die Sitte, bei allen Gemeindeveranstaltungen, die nicht Gottesdienste waren, die Verköstigung mitzubringen. Dies bestand dann auch vorwiegend aus Obst. - Das im Gemeindegebiet im Sommer 1945 eingerichtete „USGeneral Hospital“ war sofort eine begehrte Arbeitsstelle. Nicht wegen des Arbeitsplatzes, sondern weil es dort zumindest ein Frühstück (ohne Lebensmittelkarten abzugeben) vor Beginn der Arbeit gab. Darüber hinaus ergab es sich, dass die US-Soldaten auf frisches Obst oder Tomaten aus den erwähnten Gärten sehr erpicht waren. Daraus entstand auch bald ein gewisser Tauschhandel. Für mich, der ich bis zum Wiederbeginn des Schulunterrichtes auch dort arbeitete, bedeutete dies z. B. die erste Begegnung mit Nescafe. Meine so entstandenen persönlichen Beziehungen halfen meinen Eltern für die bescheidene Bewirtung an meiner Konfirmation im März 1946. Als Nebenwirkung konnte allerdings meine Tante erst drei Tage nach der Konfirmation wieder schlafen. Sie hatte, völlig entwöhnt, den ersten Kaffee (Nescafe) ihres Lebens im Übermaß getrunken. – Ein anderes Problem bei der Vorbereitung eines solchen Festes wie Konfirmation war die Bekleidung. Ein Konfirmationskleid oder – Anzug auf Bezugschein zu bekommen, war undenkbar. Außerdem ist ja das Konfirmandenalter die Zeit, in der junge Menschen trotz mangelhafter Ernährung unerwartet rasch wachsen. So mussten für die Mädchen Kleider aus allen möglichen ehemaligen Festkleidern der Mütter, Großmütter oder Tanten geschneidert werden. Die männlichen Konfirmanden trugen den „ersten“ Anzug oftmals aus dem Fundus älterer Geschwister oder anderer Verwandter. Ich bekam in letzter Minute den dunklen Anzug eines Mitkonfirmanden geliehen, der ihm selber plötzlich zu kurz geworden war. – Wie bereits erwähnt, wollte unser ganzer Jahrgang den Inhalt des Konfirmandenunterrichts mit Pfarrer Jaki zu Ende bringen. Was ihn bei der Konfirmations-Predigt veranlasste, mit etwa folgendem Satz zu beginnen: „Wir sind mit dem Stoff des Konfirmandenunterrichtes nicht ganz fertig geworden. – Aber, womit werden wir alle in unserem Leben

jemals ganz fertig?“ –Eine sehr große Lebensweisheit, die sich uns eingeprägt hat.

1946 – 1948. Gemeindeleben in harter Zeit Die Lebensumstände der Menschen in den ersten Nachkriegsjahren können heute kaum mehr deutlich dargestellt werden. – In vielen Familien dauerte es Jahre bis Klarheit über vermisste oder ums Leben gekommene Angehörige vorhanden war. Die sich neu formierende Evangelische Kirche hatte in den Gottesdiensten großen Zulauf. In Cannstatt war es bald bekannt, dass Pfr. Jaki ein begnadeter Prediger war. Die Menschen kamen aus allen Richtungen sonntags in die Wichernkirche. Auch im Winter, wo es im Gottesdienstraum oftmals aus Mangel an Heizmaterial empfindlich kalt war. Trotz dieser und vieler anderer widriger Umstände bildeten sich nacheinander neue Gemeindekreise für Frauen, Mädchen, Männer, Jungen und junge Männer. Der Kindergarten war unter „Tante Maria“ gut besucht. Das Gemeindegebiet um die Nürnberger Straße, Badbrunnenstraße, Ob. Waiblinger Straße, Tannenbergstraße und Memberg war noch nicht vollständig überbaut. Dafür gehörte der „alte“ untere und obere Sommerrain dazu und auch die Siedlung Lindle wurde vom Pfarrer der Wicherngemeinde mit betreut. Diese Schilderung der damaligen räumlichen Ausdehnung der Wicherngemeinde macht deutlich welche Strecken der Gemeindepfarrer und die Gemeindeschwester, Diakonisse Schwester Rosine, regelmäßig zu Fuß zu bewältigen hatten. Pfarrer Jaki besuchte dabei nicht nur Kranke oder Sterbende, Konfirmandeneltern oder Familien mit hohen Geburtstagen, er war einfach von seiner früheren Pfarrei in Galizien her gewohnt, jede Gelegenheit zu Hausbesuchen zu nutzen. Bei der Tätigkeit einer damaligen Gemeindeschwester ist es wichtig zu wissen, dass akut oder chronisch Kranke meistens zu Hause gepflegt wurden, auch alte Menschen waren in allen Stadien des Altwerdens überwiegend in häuslicher Pflege durch Familienangehörige. Schwester Rosine war in allen Fällen die zuverlässige Fachkraft und von früh bis spät zu Fuß unterwegs. Zu allem hin trug sie in ihrem Schwesternkoffer noch viele Haus- und Wohnungsschlüssel mit sich, denn manche Kranken oder zu Pflegenden lebten allein. Das waren meistens alte Bartschlüssel, keine modernen Zylinderschlüssel. Das Cannstatter Krankenhaus war für Jahrzehnte US-General-Hospital und rundherum eingezäunt. Die in der ehemaligen Funkerkaserne vorübergehend untergebrachten DP`s (displaced persons) wurden von der UNRRA repatriiert. In der frei werdenden Kaserne lebten immer mehr deutsche Flüchtlinge aus den östlichen Teilen des Deutschen Reiches und aus Siedlungsgebieten in der damaligen Sowjetunion, Ost- und Südosteuropas.

Sommer 1947, Pfarrer Jaki vom OKR (endlich) ernannt Obwohl Pfarrer Jaki bereits im Herbst 1945 begonnen hatte, der Wicherngemeinde als Gemeindepfarrer zu dienen, dauerte es fast zwei Jahre, bis er vom Oberkirchenrat dazu ernannt wurde. – Dem ging ein Beschluss des aus drei Personen bestehenden Kirchengemeinderates, den Herren Carl Baisch, Michael Thomann und Gustav Hildenbrand (Stifter der Glocke der Wichernkirche 1937), voraus, der am 13. August 1947 einstimmig gefasst wurde. Das handschriftliche Protokoll wurde beim Dekanat (Herr Dekan Roos) am 14. 8. 1947 mit Schreibmaschine abgeschrieben, von den genannten Herren nochmals unterschrieben und an den Oberkirchenrat geschickt. Bereits am 1. 9. 1947 war dann Pfarrer Jaki offiziell vom OKR im Amt bestätigt. – Mit dem zeitlichen Abstand von 65 Jahren ist nicht mehr nach zu vollziehen, wie es möglich war, dass bei der personellen Lage der Kirche, Pfr. Mohr (Andreä) war z.B. noch in Kriegsgefangenschaft, die „Besetzung“ einer vakanten Pfarrstelle durch einen so guten Pfarrer und Theologen wie Pfarrer Jaki fast 2 Jahre dauerte. Denn nach der Erzählung von einem der genannten Kirchengemeinderäte wurde bereits im Winter 1945/46 ersucht, Pfarrer Jaki ins Pfarramt der Wichernkirche ein zu setzen. Ein ganz anderes und erstmaliges Ereignis für die Wicherngemeinde war im Sommer 1947 ein Ferienheim für Kinder bis 14 Jahren. Sicher deshalb veranstaltet, weil die Verpflegung, zum großen Teil aus USamerikanischen Hilfslieferungen stammte. Die Leitung hatte Frau Ensslin, Ehefrau des späteren Apothekers der Friedrich-List-Apotheke, der ebenfalls noch in Kriegsgefangenschaft war. Rund 15, „Tanten und Onkel“ waren für die Betreuung der ca. 80-90 Kinder eingesetzt. Meistens Schüler, denn die Sache fand in den großen Ferien statt. Die Zubereitung der Mahlzeiten besorgte die Mesner-Familie Weißhaar. Dazu wurden im Untergeschoß riesige Töpfe auf Gas-Hockerkochern eingesetzt und diese von uns „Onkeln“ zur Essensausgabe in den Mehrzwecksaal vor dem Kirchsaal geschleppt. Es waren abenteuerliche Umstände, aber alle waren über die üppigen, wenn auch manchmal fremdartigen Gerichte, die wirklich sättigten, dankbar. Der sehr schöne Sommer ließ uns viele Aktivitäten mit den Kindern in den „Blaukreuz-Garten“ verlegen. Es wundert im Rückblick, mit wie wenig Mitteln wir als Betreuer die Kinder bei Laune halten konnten (mussten). 1948 fand noch einmal ein Ferienheim statt. Unter der Leitung von Frau Schneider (Sommerrain) und mit Mesnerfamilie Keefer. Ab 1949 gab es Ferienheime nur noch im Otto-Riethmüller-Garten.

Aufbrüche in der Nachkriegszeit ab 1946 Die Tatsache, dass die Wichernkirche die Luftangriffe und den Krieg nahezu

unversehrt überstanden hatte, brachte manche gemeinsame Veranstaltungen aus der evangelischen Gesamtkirchengemeinde hierher. Besonders waren dies die von Jungmänner- und Mädchenwerk gestalteten Feiern am Altjahrabend und Treffen der Pfarrer des Kirchenbezirks, zu dem damals auch Fellbach, Schmiden, Öffingen, Zuffenhausen, Feuerbach und Weilimdorf gehörten. Im Fellbacher Stadtteil „Lindle“ gab es keinen Raum für evangelische Gemeindearbeit. Die Menschen kamen hierher zur Kirche. Auch den Kindergottesdienst der Wichernkirche besuchten die Kinder vom „Lindle“. Die Konfirmationen für die Winterhaldenkirche wurden bis zur Einweihung der „Andreä-Baracke“ 1949 ebenfalls in der Wichernkirche gefeiert. Selbstverständlich fand auch der Frauenkreis für den Sommerrain, den Frau Jaki gegründet hatte, in der Wichernkirche statt. Proben für den Kirchenchor, Mädchenkreis, beides von Frau Berta Thomann geleitet, Jungmännerkreis geleitet von Stadtmissionar Fritz Laun, Jungschar, Männerkreis mit Pfarrer Jaki, alles war im Bereich des Gottesdienstraumes, abgeteilt durch raumhohe Schiebewände, werktäglich auch vom Kindergarten benützt, untergebracht. Ab 1948 kam noch der Jugendchor dazu, der sich unter Leitung von Horst-Dieter Stein aus den „Tanten und Onkeln“ des Ferienheimes gebildet hatte und der aus Freude am Singen und mit jugendlichem Eifer manchmal dem Kirchenchor Konkurrenz machte. Sicher ist diese Aufzählung unvollständig, sie kann aber den Aufwand des nahezu täglichen Umbaus der auf einer Ebene liegenden Räume durch die Mesnerfamilien Weißhaar und Keefer nur ahnen lassen. Die ursprüngliche Herkunft der Pfarrfamilie Jaki aus Galizien brachte eine weitere Nutzung der Wichernkirche mit dem jährlichen Treffen ihrer vertriebenen Landsleute. Familie Jaki musste sehr viel für diese Menschen tun, die nun in allen Gegenden der Bundesrepublik lebten, und das ohne Vernachlässigung der pfarramtlichen Aufgaben, einschließlich dessen, dass Pfarrer Jaki wegen seines Augenleidens keinerlei Fahrzeug hatte und alle Wege zu Fuß machen musste. Die wachsende Raumnot brachte speziell den Gemeindeteil Sommerrain in den Blickpunkt. So wurde 1949 mit viel Eigenarbeit auf ein freies Gelände, heute etwa halbwegs zwischen Sommerrainkirche und Albertus-MagnusGymnasium, eine gemauerte Baracke gebaut, die jahrelang Kindergarten, Frauen- und Jugendkreise beherbergte.

Ein Jahrzehnt endet, die Wicherngemeinde wächst Die Währungsreform, 20.6.1948, hatte allen riesige Vermögensverluste, aber auch klare Verhältnisse für die enormen Aufgaben des an allen Enden kaputten Landes und seinen Menschen gebracht. – Dabei gab es noch lange nicht alles zu kaufen. Die behördliche Zwangswirtschaft sollte noch bis weit in die 50er Jahre dauern. Besonders die Wohnraumbewirtschaftung bedeutete für unser Stadtgebiet mit weniger bombenbeschädigten Wohnhäusern, dass

viele Wohnungssuchende von Amts wegen eingewiesen wurden. – Der Wiederaufbau im Gemeindegebiet war auf die Mercedes-Schuhfabrik und das Cannstatter Krankenhaus, als US-General-Hospital belegt, begrenzt. Das frühere „Wichernhaus“, unser Namensgeber, von den Nazis finanziell ruiniert und von der Stadt „gerettet“, sollte als städtische Chirurgische Klinik, „Friedrich-List-Heim“, noch jahrzehntelang existieren. Der WichernKirchenchor sang dort an Feiertagen und besonderen Sonntagen regelmäßig in allen Stockwerken. - Ab 1948 waren, nach dem Abzug der DP’s (ehemals Zwangsarbeiter aus Osteuropa) aus der vormaligen Funkerkaserne, deutsche Flüchtlinge und Heimat-Vertriebene dort untergebracht. Viele Wichern Gemeindeglieder, auch wir vom Jungmännerkreis, waren mit ihren bescheidenen Möglichkeiten bemüht, dort zu helfen. Manche waren aber eher ablehnend und die Frage einer Frau dazu erschüttert mich bis heute: “Was soll die Helferei in der Kaserne? Ich habe durch den Zaun ein Kind beobachtet. Die essen (1949) schon wieder Bananen!“ - Die Planung und Einrichtung eines Eisenbahn-Halte-Punktes „Sommerrain“ war für alle Bewohner und die Beschäftigten in der Schuhfabrik und den Kliniken ein großer Fortschritt, denn die Personenbeförderung, besonders zu Arbeitsplätzen und Schulen, war auf Eisen- und Straßenbahn angewiesen. Der Bahnübergang Masurenstraße mit Bahnschranke war als direkte Verbindung zum Gemeindeteil Sommerrain sehr wichtig. Erste Wohnhausneubauten, deren Bewohner auch die „Seelenzahl“ der Kirchengemeinden vergrößerten, entstanden an der Nürnberger-, Badbrunnen-, Ob. Waiblinger- (vormals Friedrich Ettweinstraße) Theodor Veiel- und Tannenbergstraße.

50er Jahre Gemeindeaufbau, Wiederaufbau, Bau Die wirtschaftlichen Auswirkungen der D-Mark waren auch an den Kirchen unübersehbar. In Cannstatt wurden die Kriegsschäden der Stadtkirche und der Lutherkirche vorläufig behoben. Die männliche evangelische Jugend ganz Cannstatts war bei der Trümmerbeseitigung per Schubkarre beteiligt. Die Wichernkirche war unbeschädigt, Fensterscheiben und Dachziegel ersetzen, zählte nicht. Mit ihrem durch Kindergarten und Konfirmandenraum variablen Gottesdienst-Saal beherbergte die Wichernkirche viele übergemeindliche Veranstaltungen. - Erst 1952 bekam die Wicherngemeinde ihr eigenes Pfarrhaus, Tannenbergstr. 92. Dies ist bis heute ein reines Dienst-Wohnhaus für die Gemeindepfarrer und mit seiner räumlichen Trennung von der Kirche und dem reinen Wohnhaus-Charakter konnten dort nur die Gemeinde-Sekretärin in Teilzeitarbeit und die Akten der Teilkirchenpflege untergebracht werden. In der Wichernkirche hatte es bis zum Umbau 1977 keinen Raum dafür gegeben. Auch Vikare wohnten bis dahin in Mietwohnungen im Gemeindebereich. – Die gesamte Kirchenmusik der Wicherngemeinde, Organistendienst und ein großer Chor, lagen viele

Jahrzehnte in den Händen von Frau Berta Thomann. Nachdem sie auch die Mädchenkreise leitete, war für den Kirchenchor immer Nachwuchs vorhanden. Außerdem lebten im Gemeindeteil Sommerrain damals viele Kirchenchor-Sänger. In den 60er Jahren wurde sie in den Ruhestand verabschiedet und die Kirchenmusik von Herrn Studiendirektor Werner Hehl, Theologe und Religionslehrer, übernommen. Er war Schwiegersohn von Pfarrer Otto Riethmüller, einem Cannstatter, siehe Gesangbuch Nr.: 69, 104, 223, 243, 262, 485, 579, 594. Mit Herrn Hehl wurde der Kirchenchor naturgemäß moderner, aber auch professioneller gefordert. Organistin war für Jahrzehnte Ruth Weißhaar. Über die weiteren Kirchenmusiker in Wichern: Siegfried Bauer, Friedemann Keck, Irene Ziegler und Andreas Retzer wird in einem späteren Bericht geschrieben.

Neue Gemeinden und Kirchbauten rund um Wichern Unsere Wichernkirche, früher Lutherkirche 5, 1936 als Betsaal genehmigt und im Oktober 1937 eingeweiht, war neben der Stadtkirche, Lutherkirche und Ebitzkirche das vierte evangelische Gotteshaus in Cannstatt, rechts des Neckars. Die Holzkirche im Ebitz/Winterhalde (Luther 4) brannte im Krieg nieder. Die Schmidener Vorstadt war auch ein Bezirk der Lutherkirche. Der allgemeine starke Bevölkerungszuwachs weckte großen Bedarf an Kirchen, Gemeinderäumen und Kindergärten. 1956 konnte die Andreä-Gemeinde ihren Barackenbau von 1947 durch die heutige Kirche mit Saal, 2 Pfarrwohnungen, Kindergarten und Jugendräumen ersetzen, dann kam 1960 der Neubau der Stephanuskirche, ebenfalls mit Saal dran. Die Wicherngemeinde war speziell im Sommerrain stark gewachsen und dessen Ausdehnung Richtung Schmidener Feld war in Planung. Auch die katholische HeiligKreuz-Gemeinde wurde immer größer und hatte mit einem dritten Kirchbau die heutige Form gefunden. Der Bau der Sommerrainkirche, Architekt Rall, band für lange Zeit die finanziellen Mittel der Wicherngemeinde und weckte viele Initiativen. Der „Gesprächskreis junger Frauen“ war dabei mit 48 Mitwirkenden bei zweitägigen Weihnachts - Basaren sehr erfolgreich. Einmal erhoffte sich der damalige Kirchenpfleger, Herr Schultze, 10.000.- DM als Erlös und es wurden 12.000.-. 1966 bekam die Wicherngemeinde für den Gemeindeteil Sommerrain einen Vikar (Herr Schendel). Dessen Dienstwohnung war über dem zweiklassigen Kindergarten entstanden. Bald kam der erste angestellte „Kirchenmusiker in Ausbildung“ Siegfried Bauer, den Herr Hehl empfohlen hatte. Niemand konnte ahnen, dass dieser Jahrzehnte später als Landeskirchenmusikdirektor in Ruhestand gehen würde. Aber die Kirchenmusik in der Wicherngemeinde erlebte mit ihm einen Quantensprung. Chorkonzerte fanden wegen der besseren Akustik nur noch im Sommerrain statt, eine Schallplatte wurde produziert: „Buxtehude, Alles was ihr tut“, und Bauer plante, mit Unterstützung des nachmaligen Beauftragten für Orgeln der Landeskirche, Lutz, den Bau einer Weigle-Orgel

für die Sommerrainkirche. Die Wicherngemeinde blühte an zwei Standorten mit vielen Kreisen, Kantorei, Kinderchor und drei Kindergärten.

1975 –1977: Die Wichernkirche wird umgebaut Zwanzig Jahre nach Kriegsende konnte daran gedacht werden, das Raumangebot der 40-jährigen Wichernkirche den Anforderungen geänderten Gemeindelebens an zu passen. Pfarrer Arnold Jaki hatte den Neubau der zweiten Kirche der Wicherngemeinde im Sommerrain 1965 – 66 verantwortet und war dann 1971 in den verdienten Ruhestand getreten. - Sein Nachfolger, Pfarrer Werner Walch, konnte eine wohlgeordnete Gemeinde übernehmen und die lange hinaus geschobene Modernisierung des Kirchen-Gebäudes von 1937 (Pfr. Erwin Lamparter) anpacken. Ein Foto aus den 70er Jahren zeigt die Freude dieser drei Wichern-Pfarrer darüber. – 1975 hatte der damalige Kirchengemeinderat mit der Sommerrainkirche bereits Bauerfahrung und mit dem sehr kooperativen Architekten Fetzer einen auf Wünsche eingehenden Fachmann. Die Wichernkirche wurde im Inneren so umgebaut, dass der Gottesdienstraum um 180 Grad gedreht wurde und in einem westlichen Anbau der neue stufenlose Eingangsbereich an der Th.Veiel-Straße entstand. Dort kamen der Gemeindesaal, Küche, davor Theke mit Barküche „feuchtes Eck“ (ein beliebter Treff nach dem Gottesdienst), WC’s, Büro, Sakristei, Gruppenraum und Abstellraum unter. Im UG ein einklassiger Kindergarten mit zwei Räumen, Büro, Sanitäranlagen und allen Nebenräumen. 1977, zum 40-jährigen Bestehen, konnte die umgebaute Wichernkirche wieder eingeweiht werden. Hier muß der damaligen Mesnerin, Martha Bether, gedacht werden, die täglich vor Ort die Bauherrschaft bestens vertreten hatte. - Eine neue Rohlf-Orgel löste die Weigle-Orgel von 1937 ab. Diese wurde ans Karls-Gymnasium Stuttgart verkauft.– Über dem Anbau waren für später Wohnungen geplant, aber das Geld fehlte. – Bald danach kam die Bundeswehr (Th.-Heuss-Kaserne) und bedauerte, dass wir nicht wussten, dass für Offiziere Wohnungen gesucht wurden, deren Kosten der Bund getragen hätte. 5 Jahre später bauten wir dann selber und konnten Vikare und Mitarbeiter unterbringen.

Gemeindepartnerschaft: Thüringen Die Teilung Deutschlands in Bundesrepublik (BRD) und „Deutsche demokratische Republik“ (DDR) hatte schon seit 1949 in steigendem Maße Auswirkungen auf die inneren Beziehungen der evangelischen Landeskirchen. In den 50er-Jahren war sogar noch der „Deutsche Evangelische Kirchentag“ ein gesamtdeutsches Ereignis. - Unter der Leitung des Cannstatter Jugendpfarrers Martin Lörcher konnte 1959 eine Begegnungsfreizeit für junge Männer aus Württemberg und Thüringen in

Westberlin stattfinden. Als Teilnehmer erinnere ich mich an die gemeinsame Unterkunft im Ev. Johannes-Stift in Spandau und ungehinderte gemeinsame Fahrten mit unserem Bus durch ganz Berlin. Ab dem Mauerbau, 13. August 1961, war die Politik der DDR darauf angelegt, jegliche gesamtdeutsche Einheit zu behindern und zu zerstören. Die einzige Antwort aus der BRD war viele Jahre keine politische, sondern eine kirchliche, aber auf der untersten Ebene, nämlich die der Gemeinden. Dabei hatten diese Beziehungen den äußeren Charakter von familiären Verwandtschaften. Die württembergische Landeskirche und die thüringische wurden Partnerkirchen. So bekam das Dekanat Cannstatt den Kirchen-Bezirk Königsee im Thüringer Wald zugewiesen. Unsere Wicherngemeinde wurde Partnergemeinde von Mellenbach-Glasbach im Schwarzatal.- Viele hiesige Gemeindeglieder hatten außerdem echte verwandtschaftliche Verbindungen nach „drüben“ oder bereits eine „Päckchen-Familie“. Wir waren schon lange Zeit mit der Familie einer Chor-leiterin und Kirchenältesten bei Gotha in einer solchen „PäckchenBeziehung“ und konnten als „Patenonkel“ bei Besuchen von dort aus Mellenbach besuchen. Alle solche Partnerschaften waren für die Familien und Gemeinden wichtige Überlebenshilfen. Das war nicht nur der begehrte Kaffee und andere Genüsse. Die Arbeit der Pfarrer hing oft von Papierlieferungen oder Farbbändern für alte Schreibmaschinen ab. – Der einzige Gemeindebesuch zum 100. Kirchweihfest in Mellenbach war vom 7. – 9. Oktober 1989 (!). Wir feierten fröhlich mit Pfarrer Prüfer und der Gemeinde, nicht ahnend, dass einen Monat später die Mauer fallen würde. Gemeindepartnerschaft: Thüringen/2 Die Partnerschaften zu Kirchengemeinden in der damaligen DDR lebten, obwohl von den westdeutschen Kirchen angeregt und mehr oder weniger offen unterstützt, hauptsächlich von den persönlichen Beziehungen der Gemeindeglieder in Ost und West. Das war seit dem Mauerbau 1961 auch durch die rigorosen „Besuchsreise-Vorschriften für Besucher aus dem kapitalistischen Ausland“ so üblich. Berichte dazu können deshalb nur sehr persönlich sein. Grundsätzlich konnten, außer Geschäftsleuten, „Freunden des Sozialismus“ und Tages-Besuchern in Ostberlin nur Personen Einreiseerlaubnis in die DDR erhalten, die von Verwandten oder Freunden, ich war „Patenonkel“, eingeladen worden waren. Für die Gemeinde Mellenbach-Glasbach waren die sie so besuchenden Wicherngemeinde Mitglieder viele Jahre einziger kirchlicher Westkontakt. Dabei konnten dann akute Wünsche besprochen und rasch erfüllt werden. Zwei Beispiele: 1. Im Pfarrhaus war ein Raum im Winter nicht beheizbar, weil dort ein Schornstein durchlief, der ein Ofenrohrloch ohne Blechabdeckung hatte. Ein Besucher aus Wichern nahm sonntags das entsprechende Maß und donnerstags konnte eine Besucherin das Teil aus Cannstatt abliefern. – 2. Texte für den Konfirmanden-Unterricht mussten die Pfarrer selber erstellen. Unser Partnerpfarrer besaß zwar eine alte „Ormig“, aber kein Blaupapier dafür. Die

DDR fürchtete die illegale Herstellung „unerlaubter Druckerzeugnisse“. Bei der Grenzkontrolle des nächsten Besuches blieb die „Schmuggelware“ zum Glück unentdeckt. – Eines Tages bekam Pfarrer Prüfer die Reiseerlaubnis zum Besuch der französischen Protestanten im Elsass. Ein konspirativer Zwischenhalt in Karlsruhe ermöglichte seinen Besuch in Cannstatt zu einem spontanen Gemeindeabend in Wichern und auf dem Weg war noch Maulbronn zu besichtigen. – Ostern 1990, ohne Grenzkontrolle. Die Menschen wollten reisen, kaufen, eben frei sein. - Pfr. Prüfer war seit März in Suhl-Heinrichs. - 1996 organisierte Frau Bether eine Reise „hinüber“ und Frau Pfarrerin Krahner kam 1997 mit einer Gruppe zur Investitur zu Besuch. Bald danach wurde die Pfarrstelle Mellenbach aufgelöst und die Partnerschaft schlief ein. - Schade, aber die damaligen Akteure blicken dankbar zurück. Gemeindepartnerschaft: Steiermark/1 Die zweite Partnerschaft mit einer evangelischen Gemeinde, nach Mellenbach-Glasbach in Thüringen, begann 1971 in Österreich und zwar in der Steiermark. Ein ungeplanter Kauf eines Rohbaus in landschaftlich sehr schöner Lage, südlich des Alpenhauptkammes auf 1000 m Höhe, brachte unserer Familie den Kontakt zu der dortigen Gemeinde Peggau. Diese gehörte zu einem in Württemberg unbekannten Kirchenbegriff und hieß: „Evangelische Gemeinde A. und H. B.: Augsburgisches und Helvetisches Bekenntnis“, was aus der historischen Entwicklung der steirischen evangelischen Diaspora sich so entwickelt hatte. Ein erster Gottesdienst am Karfreitag in der Filiale Frohnleiten wurde von einem Pfarrer gehalten, der schwäbisches Deutsch anstatt Steirisch sprach. – Er war württembergischer Pfarrer im Auslandsdienst und gebürtig in Stuttgart-Gablenberg. Dieses und die Bekanntschaft mit seiner Gemeinde wurde Basis einer sehr schönen Partnerschaft mit Cannstatt. – Natürlich nicht mit diesem einen Gottesdienstbesuch. Zuerst lernten wir die Ausdehnung des Gemeindegebietes kennen. Auf 600 qkm Gebirgslandschaft sind vier Predigtorte verstreut: Peggau mit Kirche und Pfarrhaus, Gratkorn, Frohnleiten und Judendorf. Die älteste Kirche ist Peggau, erbaut 1906. Damals schon mit württembergischer Hilfe (Gustav Adolf Verein). Diese Gegend der Steiermark war seit der Gegenreformation evangelische „Magerkirche“. - Nach 1950 wurde ein überregionales „Evangelisches Bildungshaus“ in Deutsch-Feistritz errichtet. Dort waren viele Jahre die württembergischen Lektoren unter Leitung von Pfr. Helmut Sigloch, aus unserer Wichern-Gemeinde stammend, mit Lehrgängen zu Gast. - Unser Hineinwachsen in die Gemeinde lehrte uns Vieles. Zum einen die herzliche Verbindung der Gemeinde untereinander, in die wir sofort einbezogen wurden. Zum anderen die Armut der steirischen Gemeinden wegen der durch die Selbsteinschätzung des einzelnen Kirchenbeitrages geringen Budgets. Ferner den enormen Arbeitsaufwand des Pfarrers, der von den ständigen Doppeldiensten an Sonntagen und noch

mehr an Feiertagen und den großen Distanzen zwischen den Predigt- und Begräbnisorten geprägt ist. Gemeindepartnerschaft: Steiermark/2 Partnerschaft lebt von Begegnung, Beziehung und persönlichem Austausch. So auch die zwischen zwei Kirchengemeinden, deren äußere Bedingungen nicht unterschiedlicher sein können. Unsere Wichern-Gemeinde als Glied einer seit der Reformation fest in Württemberg etablierten Landeskirche und der Evang. Gemeinde A. u. H.B. in Peggau/Steiermark, der ca. 1900 gegründeten Diaspora-Gemeinde. Letztere war eine Toleranzgemeinde, die seit 1881 wenigstens geduldet und erst nach 1945 durch evangelische OstFlüchtlinge so gewachsen war, daß neben der 1906 erbauten Peggauer Kirche bis 1965 drei weitere kleine Kirchen in Gratkorn, Frohnleiten und Judendorf entstanden. Die Wege zum Gottesdienst in Peggau hatten bis zu 30 km betragen. Diaspora heißt u.a. vor allem aber auch „wenig Geld haben“. Allen vier Kirchengebäuden und dem kleinen Gemeindehaus sah man das an. Partnerschaft wuchs daher zuerst als Hilfe aus Cannstatt. Viele hiesige Gäste konnten bei Besuchen in der Steiermark für diese Hilfe erwärmt werden. So wurden Reparaturen an Gebäuden, Installationen und Ausstattungen, aber auch Heizölrechnungen bezahlbar. - Besuche von Pfarrer Grosse aus Peggau und Gegenbesuche Cannstatter Pfarrer und sogar von Dekan Dinkelaker in der Steiermark, jeweils mit Gemeindegliedern von hier und dort, festigten die Beziehung. Aus Cannstatt: 1973 Investitur Pfr. Grosse, 1980 Steirisches Gustav-Adolf-Fest, 1981 75 Jahrfeier Kirche Peggau, und 200 Jahre „Toleranz-Edikt des Kaiser Josef II“, 1988 elektronische Orgel für Frohnleiten, 1991 Investitur Pfr. Gabel, 1996 Richtfest des „Zubaus“in Peggau und 90 Jahrfeier, 1998 Einweihung mit der von hier gespendeten Küche, 2002 Busreise von 27 Cannstattern, 2003 Investitur Pfrin. Engele, 2006 100 Jahre Kirche Peggau, 2014 Steirisches Gustav-AdolfFest in Frohnleiten. - Gegenbesuche in Cannstatt: Investituren: 1971 Pfr. Walch, 1979 Pfr. Michelfelder, 1997 Pfr. Frister, 2000 Pfr. Creß Außerdem 1986 Ev. Stadtfest Cannstatt, 1987 50 Jahre Wichernkirche, 1992 Bezirkskirchentag in Stuttgart, 1999 Deutscher Evang. Kirchentag Stuttgart. – Die einstens von Konfirmandenjahrgängen Pfarrer Michelfelders gestalteten bunten Kirchenfenster in der Wichernkirche wurden mit der gleichen Technik unter Pfr. Gabel auch in Peggau von den dortigen Konfirmanden gestaltet und werden sicher noch lange an fruchtbare Jahre der Partnerschaft erinnern Die Mesner der Wichernkirche ab 1937 / 1 Die Wichernkirche in Bad Cannstatt, im „Dritten Reich“ 1937 als Betsaal gebaut, war außer der Stadt- und Lutherkirche, einem Saal in der Quellenstr. und der Holzkirche in der Winterhalde der erste evang. Kirchbau des 20. Jahrhunderts. Sie hatte im Ostgiebel Wohnungen u.a. für eine Diakonisse

und eine Mesnerfamilie. Von den bis heute sieben Mesnern lebten sechs in dieser Dienstwohnung. Diese hatte, bis 1977, ein Fenster aus dem Flur mit direktem Blick in den Kirchenraum. Dadurch konnte von dort aus der Gottesdienst beobachtet werden, denn das Seil der Kirchenglocke endete auch dort und die musste zu den richtigen Zeiten geläutet werden. Sonntags roch manchmal die Gemeinde, was es bei Mesners zum Mittagessen gab. Das alles wurde beim Umbau verändert. Die Wohnungen erhielten Badezimmer und die Zinkbadewanne für alle, im UG, wurde abgeschafft. – Mesner von 1937 bis 1941 waren ein Ehepaar Heck, die ich nur als Kind erlebt habe. 1941-1947 war Stadtmissionar Weißhaar mit Familie im Amt. Sie hatten die immer größeren Lasten des Krieges zu tragen: Einrichtung eines Luftschutzraumes im UG, Verdunkelung wegen Luftschutz, Evakuierung der Kirche bei Fliegeralarm: die ersten 7 Reihen der Gottesdienstbesucher mussten nach Westen durch den damaligen Garten nach Hause gehen, die anderen den LS-Keller im Haus aufsuchen. Mesner Weißhaar kontrollierte dabei regelmäßig das ganze Haus und hat bei zwei Luftangriffen mit bloßen Händen Stab-Brandbomben aus dem Dachboden ins Freie geworfen und somit die Wichernkirche gerettet. – Nach dem Krieg mussten mehrere Familien der Gemeinde ihre Wohnungen für das US-General-Hospital verlassen. Denen diente dann der große Dachboden dazu, Möbel zu deponieren. – Familie Weißhaar hatte 1947 auch eine ungewöhnliche Mesner-Aufgabe zu meistern: Im Sommer wurde in der Kirche ein dreiwöchiges Ferienheim für ca. 80 Kinder abgehalten. Mädchen und Buben im Konfirmandenalter waren als „Tanten und Onkel“ eingesetzt. Familie Weißhaar hatte zweierlei Probleme der Bewirtung zu bewältigen: Die aus USSpenden stammenden Lebensmittel richtig zuzubereiten und das Ganze im Vorraum des UG auf Hockerkochern zu kochen.