Terrorismus und Extremismus

Terrorismus und Extremismus

Mit Beiträgen von: Uwe Backes, Lorenz Böllinger, Roland Eckert, Horst Entorf, Henner Hess, Matthias Horx, Uwe Kemmesies, Franz Liebl, Herfried Münkler...

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Mit Beiträgen von: Uwe Backes, Lorenz Böllinger, Roland Eckert, Horst Entorf, Henner Hess, Matthias Horx, Uwe Kemmesies, Franz Liebl, Herfried Münkler, Robert Pelzer, Sebastian Scheerer, Tânia Puschnerat, Werner Schiffauer, Peter Waldmann

Terrorismus und Extremismus – der Zukunft auf der Spur

Die Beiträge greifen aus sehr differenten wissenschaftlichen Perspektiven theoretische, methodische sowie konkret phänomenbezogene Aspekte und Fragestellungen auf. Diese stellen sich unweigerlich, wenn es darum gehen soll, in diesem herausfordernden Forschungsfeld der Zukunft auf die Spur zu kommen: Offensichtlich ist es unumgänglich, unsere Bemühungen um interdisziplinäre und systematisch vergleichende Forschungsansätze zu intensivieren. Die einzelnen Studien vermitteln über wertvolle Anregungen zum thematischen Fokus der Expertengruppe hinaus viel grundsätzliches Wissen zum Wesen von Extremismus und Terrorismus, weshalb dieser Band in seiner thematischen und disziplinären Breite nicht nur dem Fachpublikum, sondern auch dem interessierten Laien eine lohnende Lektüre verspricht.

Uwe E. Kemmesies (Hg.)

Terrorismus und Extremismus – der Zukunft auf der Spur

Kemmesies (Hg.)

Die vorliegende Aufsatzsammlung dokumentiert das erste Kolloquium einer interdisziplinären Expertengruppe zum Thema „Zur Entwicklungsdynamik von Terrorismus und Extremismus – Möglichkeiten und Grenzen einer prognostischen Empirie“. Die Gruppe namhafter Experten – vornehmlich aus dem Bereich der Terrorismus-/Extremismusforschung – hat sich mit keiner geringeren Frage befasst als derjenigen, ob es gelingen kann, in die Zukunft zu schauen. Der hierzu motivierende Gedanke ist denkbar simpel: Das Wissen um künftige Entwicklungen ist die Voraussetzung dafür, sich besser auf das Kommende vorbereiten zu können, um prognostiziertes Unheil abwenden oder, im weniger günstigen Falle, mögliche Schäden minimieren zu können.

www.luchterhand-fachverlag.de

Luchterhand

Terrorismus und Extremismus – der Zukunft auf der Spur

Uwe E. Kemmesies (HG.)

Terrorismus und Extremismus – der Zukunft auf der Spur Beiträge zur Entwicklungsdynamik von Terrorismus und Extremismus – Möglichkeiten und Grenzen einer prognostischen Empirie

Luchterhand

Polizei + Forschung Bd. 33 herausgegeben vom Bundeskriminalamt (BKA) Kriminalistisches Institut

Beirat: Wolfgang Gatzke Direktor des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen Prof. Dr. Wolfgang Heinz Lehrstuhl für Kriminologie und Strafrecht der Universität Konstanz Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen Waldemar Kindler Ministerialdirigent im Bayerischen Staatsministerium des Innern

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Alle Publikationen der BKA-Reihe Polizei + Forschung (ausgenommen VS-NfD-eingestufte Bände) sind im Internet im PDF-Format unter www.bka.de (Kriminalwissenschaften/Kriminalistisches Institut) eingestellt.

Redaktion: Heinrich Schielke Manfred Lohrmann Bundeskriminalamt Kriminalistisches Institut

Alle Rechte vorbehalten © 2006 Wolters Kluwer Deutschland GmbH, München. Luchterhand – eine Marke von Wolters Kluwer Deutschland. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Umschlaggestaltung: arttec grafik simon & wagner, St. Goar Satz: Satzoffizin Hümmer, Waldbüttelbrünn Druck: Druckerei Plump, Rheinbreitbach Printed in Germany, März 2006 ’ Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem und chlorfreiem Papier

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Vorwort

Eine der dringendsten und zugleich schwierigsten Aufgaben, die dem Bundeskriminalamt derzeit obliegen, ist die Bekmpfung des internationalen Terrorismus. Anders als in anderen Phnomenfeldern kçnnen wir hier mit den klassischen Mitteln der Kriminalittsbekmpfung keine nachhaltigen Erfolge erringen. Eine allein reaktive Herangehensweise, die nur auf die Aufklrung bereits begangener Straftaten gerichtet ist, wrde nicht abschtzbare Folgen fr die Menschen in unserem Land haben. Das oberste Ziel der Terrorismusbekmpfung muss daher immer Gefahrenabwehr sein: Es gilt, Anschlge unter Aufbietung aller Krfte zu verhindern. Dieses Ziel vor Augen, fragen wir uns: „Wie kçnnen wir unsere Frherkennung strken? Wie kçnnen wir unsere Prognosen sicherer machen?“ Kurz gesagt: „Wie kçnnen wir vor die Lage kommen?“, um es mit den Worten eines Polizisten auszudrcken. Unverzichtbare Grundlage jeder Lagebewertung ist eine fundierte Informationsbasis. Um diese zu verbessern, haben wir unsere Zusammenarbeit mit den Nachrichtendiensten und den Polizeien der Lnder durch die Einrichtung des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ) in Berlin-Treptow auf ein neues Fundament gestellt. Darber hinaus haben wir in unserer 2005 gegrndeten Abteilung „Internationale Koordinierung“ die Gruppe „Strategie und Frhaufklrung“ geschaffen. Sie soll Kriminalittsentwicklungen verfolgen, neue Tendenzen mçglichst frhzeitig erkennen, und Konzepte fr polizeiliche Gegenmaßnahmen entwickeln. Zur Bndelung aller Krfte bei der Informationsgewinnung bedarf es aber auch einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Polizei. Sie ist in vielen Bereichen unserer Arbeit bereits seit Jahren eine Selbstverstndlichkeit. Bei der Terrorismusbekmpfung ist ein vertrauensvolles Zusammenspiel der mit dieser Aufgabe betrauten Sicherheitsorgane und der Wissenschaftsgemeinde angesichts der großen Komplexitt des Phnomens von besonderer Bedeutung: Erstgenannte verfgen ber die notwendigen Daten und Hintergrundinformationen, letztgenannte ber das wissenschaftliche „Handwerkszeug“, um diese Informationen in ein systematisch erschlossenes und objektives Gesamtbild zu fgen. Mit der Einrichtung der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus (FTE) im Bundeskriminalamt wurde ein neues Bindeglied dieser Kooperation geschaffen. Die FTE folgt der Erkenntnis, dass wir erst lernen mssen, die richtigen Fragen zu stellen, bevor wir nach Antworten fragen. Die Fragen, um die es dabei geht, und erste Antworten sind Gegenstand des vorliegenden Bandes. Er ist zugleich Zeugnis eines ganzheitlichen Verstndnisses des Phnomenbereichs Terrorismus/Extremismus und eines vorbehaltlosen Dialogs zwischen Wissenschaft und Polizei.

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Ich bin berzeugt, dass er viele interessierte Leser finden wird und rufe dazu auf, diesen Dialog ebenso engagiert wie bisher fortzufhren. Jçrg Ziercke Prsident des Bundeskriminalamtes

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Inhaltsverzeichnis

Uwe E. Kemmesies (Dr. – Sozialwissenschaftler – Bundeskriminalamt Wiesbaden)

Zukunftsaussagen wagen: Zwischen Verstehen und Erklren – Methodologische und theoretische Notizen zur Prognoseforschung im Phnomenbereich Extremismus/Terrorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1

Uwe Backes (Prof. Dr. – Politikwissenschaftler – Technische Universitt Dresden)

Interdependenzen und Interaktionen zwischen gewaltlosen und gewaltorientierten extremistischen Akteuren am Beispiel von „Autonomen“, „Neonationalsozialisten“ und „Skinheads“ in der Bundesrepublik Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

41

Lorenz Bçllinger (Prof. Dr. – Psychologe, Jurist – Universitt Bremen)

Die Entwicklung zu terroristischem Handeln als psychosozialer Prozess 59 Roland Eckert (Prof. Dr. – Soziologe – Universitt-Trier, emeritiert 2004)

Die Eskalation unregulierter Konflikte – Mçglichkeiten und Grenzen der Prognose von Terrorismus . . . . . . . .

71

Horst Entorf (Prof. Dr. – Wirtschaftswissenschaftler – Technische Universitt Darmstadt)

Islamistischer Terrorismus: Analysen, Entwicklungen und Anti-Terrorpolitik aus der Sicht çkonomischer Forschung . . . . . . . . .

85

Henner Hess (Prof. Dr. – Soziologe – Universitt Frankfurt am Main, emeritiert 2005)

Terrorismus: Quo vadis? Kurzfristige Prognosen und mittelfristige Orientierungen . . . . . . . . . 105 Matthias Horx (Soziologe, Zukunftsforscher – Zukunftsinstitut Wien)

Zur Entwicklungsdynamik von Terrorismus und Extremismus . . . . . 151

VII

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Franz Liebl (Prof. Dr. – Wirtschaftswissenschaftler – Universitt der Knste Berlin)

„Im Auge des Betrachters“ – berlegungen zum Terrorismus aus der Perspektive des Strategischen Marketing . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Herfried Mnkler (Prof. Dr. – Politikwissenschaftler – Humboldt-Universitt zu Berlin)

Der Terror und wir . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Robert Pelzer / Sebastian Scheerer (Soziologe – Universitt Hamburg / Prof. Dr. – Soziologe – Universitt Hamburg)

Terrorismus-Prognosen: Fehlerquellen und Rechtsstaatlichkeit . . . . . 199 Tnia Puschnerat (Dr. – Historikerin – Bundesamt fr Verfassungsschutz)

Zur Bedeutung ideologischer und sozialer Faktoren in islamistischen Radikalisierungsprozessen – eine Skizze . . . . . . . . . . . . 217 Werner Schiffauer (Prof. Dr. – Kulturanthropologe – Universitt Frankfurt/Oder)

Verfassungsschutz und islamische Gemeinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Peter Waldmann (Prof. Dr. – Soziologe – Universitt Augsburg, emeritiert 2002)

Zur Erklrung und Prognose von Terrorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255

VIII

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Uwe E. Kemmesies

Zukunftsaussagen wagen: Zwischen Verstehen und Erklren – Methodologische und theoretische Notizen zur Prognoseforschung im Phnomenbereich Extremismus/Terrorismus.1

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Probleme und Ansatzpunkte einer phnomenbezogenen Prognoseforschung

Die vorliegende Aufsatzsammlung dokumentiert ein Expertenkolloquium der ,Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus (FTE) des Kriminalistischen Instituts im Bundeskriminalamt. Dieses vom 30. Mrz bis zum 1. April 2005 abgehaltene Kolloquium hat sich unter dem Titel ,Zur Entwicklungsdynamik von Terrorismus und Extremismus – Mçglichkeiten und Grenzen einer prognostischen Empirie mit keiner geringeren Frage befasst als derjenigen, ob es gelingen kann, in die Zukunft zu schauen. Bei dieser uns auch weiterhin beschftigenden Fragestellung geht es nicht um Punktprognosen im Sinne einer exakten Vorhersage knftiger terroristischer Anschlge, sondern um allgemeine Entwicklungsprognosen zu knftigen Entwicklungsrichtungen im Bereich des Extremismus und Terrorismus. Die Frage nach zuknftigen Entwicklungen entbrennt an einem Gegenstand, der wie kaum ein anderes Kriminalittsfeld in starkem Maße von den Deutungen und Wahrnehmungen sowie den darauf aufbauenden Handlungen der Akteure in diesem Feld abhngt. hnlich wie in einem Schachspiel mssen die nchsten Zge des Gegenbers antizipiert werden, um das eigene Zugverhalten zu entscheiden, wobei wiederum zu bercksichtigten ist, wie der Spielpartner hierauf reagieren kçnnte beziehungsweise hçchstwahrscheinlich reagieren wird und so weiter und so fort. Nur, im Gegensatz zum Schachspiel sind im Bereich des Terrorismus ungleich mehr Akteure am Zug, die wiederum ber deutlich mehr Handlungsmçglichkeiten und ußerst unterschiedlich verteilte Ressourcen verfgen, als die insgesamt sechs unterschiedlichen Spielfiguren, die im Schachspiel den Gegnern gleichermaßen zur Verfgung stehen. Und vor allem: Es ist sozusagen in der Natur des Terrorismus verankert, dass er im Vergleich zum Schachspiel regellos beziehungsweise nach sich uns weitgehend verschließenden Regeln geschieht. Das erschwert die Mçglichkeit der Vorhersage enorm – oder wer htte sich ernsthaft vorzustellen gewagt, den 11. September 2001 in seinen Geschehensablufen und hinsichtlich seiner Folgeentwicklungen vorherzusagen. Das hier dokumentierte Expertenkolloquium ist als ein erster Schritt in Richtung der perspektivischen Entwicklung eines ,Monitoringsystem Terrorismus/Extre-

1 Dieser Beitrag versteht sich als Einleitung, wobei gleichzeitig eine mçgliche ,theoretische Rahmung fr eine Prognoseforschung im Phnomenbereich ,Extremismus/Terrorismus zur Diskussion gestellt werden soll. Die Beitrge der Mitautoren dieser Aufsatzsammlung finden sich in Abschnitt 3 kursorisch vorgestellt.

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mismus (MoTE) zu verstehen, mittels dessen auf der Grundlage einer stetig fortzuschreibenden Analyse des Gegenwrtigen sich der Blick auf mçgliche zuknftige Entwicklungen erçffnen soll. Und zwar ganz entsprechend der Wortbedeutung von Prognose: Die Vorhersage knftiger Entwicklungen auf der Grundlage einer kritischen und umfassenden Analyse des Gegenwrtigen. Gemß einem methodologischen, wissenschaftstheoretischen Verstndnis sind die angestrebten phnomenbezogenen Vorher- beziehungsweise Voraussagen theoriegeleitet zu erschließen. Aus einer Theorie werden Aussagen ber das zu erwartende Erscheinungsbild oder die zuknftigen Entwicklungsrichtungen des im Betrachtungsfokus stehenden Phnomens abgeleitet. Im vorliegenden Band finden sich eine Reihe unterschiedlicher theoretischer Herangehensweisen aus den Perspektiven unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen (Psychologie, Soziologie, konomie etc.). Es ist ein erster Schritt, vor dem Horizont bestimmter theoretischer Bezugssysteme zu schauen, welche Indikatoren prognostische Qualitt in dem spezifischen Phnomenfeld besitzen bzw. welche Beobachtungen in der Alltagswelt einen phnomenspezifischen Blick in die Zukunft erlauben. Auf der Basis von Theorien und daraus abgeleiteten Ausgangshypothesen ist – um die illustrative Popper’sche Metapher von der ,Scheinwerfertheorie aufzugreifen (Popper 1964, 91) – zu entscheiden, auf welche Alltagsbereiche und Aspekte der Gesellschaftspraxis die Scheinwerfer der Aufmerksamkeit zu richten sind, um belastbare Hinweise auf mçgliche knftige Entwicklungen zu gewinnen. Insofern die logische Struktur der Prognose quasi identisch mit derjenigen von Erklrungen oder der Prfung einer Theorie ist, stellt eine Prognose nicht nur eine Aussage ber die Zukunft des Phnomens dar, sondern sie erklrt es damit auch. Hierbei ist allerdings zu bercksichtigen, dass eine Prognose – wie eine Theorie auch – das Phnomen nicht in Gnze, sondern nur in Ausschnitten erklrt, wobei stets wie etwa Hartfiel und Hillmann betonen (1982, 606) auf die Randbedingungen beziehungsweise Anwendungsbereiche des in Frage stehenden Realittsausschnitts zu verweisen ist. Ferner ist, so die Autoren weiter und fr unseren Zusammenhang von einiger Bedeutung, zwischen ,nicht-technologischen und ,technologischen Prognosen zu unterscheiden: „Bei nicht-technologischen Prognosen kann der Handelnde die Anwendungsflle der zugrunde liegenden Theorie in der Realitt nicht beeinflussen, sondern sich nur – sofern er der Prognose traut – auf die vorhergesagte Entwicklung der Realitt einstellen“ (ebd., 607). Der klassische Fall derartiger nicht-technologischer Prognosen ist die Wettervorhersage: Das Wetter ist vom Handelnden – zumindest nach Stand der aktuellen Klimaforschung – nicht kurzfristig zu beeinflussen. Gleichwohl kann er sich im Vertrauen auf die Wetterprognose auf die vorhergesagte Realitt einstellen, indem er beispielsweise in Erwartung des angekndigten Regens einen Schirm mitfhrt. Demgegenber haben wir es in unserem Interessenzusammenhang mit ,technologischen Prognosen zu tun, die mit Blick auf deren handlungspraktischen Implikationen von ungleich komplexerem Zuschnitt sind: „Technologische Prognosen beziehen sich auf eine Realitt, die partiell bis total vom Handelnden durch seine 2

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Entscheidung beeinflussbar ist. Sein eigenes Entscheiden und dementsprechendes Handeln gehçrt zu den kausalrelevanten Umstnden“ (ebd., 607). Die Prognosen wirken sich mittel- und/oder unmittelbar auf die Randbedingungen und Umstnde aus, auf die sie Bezug nehmen (ausfhrlich: Brocke 1978). Wird etwa eine Zunahme terroristischer Aktivitten prognostiziert, werden entsprechende Handlungen vorgenommen, die wiederum Einfluss auf die phnomenrelevanten Realittsbedingungen haben, indem etwa Sicherheitsmaßnahmen verstrkt werden. Insofern beeinflussen die technologischen Prognosen, die wir mit dem projektierten Vorhaben der Entwicklung und langfristigen Implementierung des Monitoringsystem ,MoTE unweigerlich anstreben, „ihre eigene Geltung, entweder im Sinne einer Selbstbesttigung (engl. ,self-fulfilling prophecy) oder Selbst-Widerlegung (engl. ,self-destroying prophecy)“ (ebd. 607). Hiermit ist der Kernbereich der Problematik von Prognoseforschung in einem ußerst sensiblen – weil politische Handlungen unweigerlich provozierenden – Bereich berhrt, wie er in den Beitrgen von Hess sowie Pelzer und Scheerer in diesem Band angesprochen wird. Natrlich bemhen wir uns um Prognosen in der Intention, knftige Entwicklungen positiv beeinflussen zu kçnnen. Und natrlich ergeben sich in diesem Bemhen von Zeit zu Zeit Konstellationen, die dazu fhren, dass sich etwa die Prognosen zunehmender oder abnehmender terroristischer Gewalt nicht realisieren, weil eben im ersten Falle prventiv agiert wurde oder im zweiten Falle ein ggf. durch die gnstige Prognose provozierter geringerer Sicherheitsaufwand terroristisches Handeln entgegen der Prognose wiederum erleichtert hat. Dies allerdings spricht nicht gegen die Qualitt der ursprnglichen Prognosen. Vielmehr mahnt es dazu, nach jeder durch die Prognose stimulierten phnomenbezogenen Maßnahme die Aussagen ber knftige Entwicklungen entsprechend neu zu fassen. Ohne es an dieser Stelle vertiefen zu kçnnen, sind die hier angedeuteten Zusammenhnge von besonderer Relevanz im gegenstndlichen Phnomenfeld. Denn insbesondere das Wechselwirkungs-Gefge von extremistischen, terroristischen Aktionen und gesellschaftlichen, staatlichen Reaktionen beeinflussen ganz maßgeblich die Entwicklungsdynamik des in Frage stehenden Phnomenfeldes. Dieses auf soziale Systeme Bezug nehmende ,Reiz-Reaktions-Schema realisiert sich entsprechend einem zentralen Charakteristikum von Terrorismus und Extremismus, wie es beispielsweise Hess (2002, 451) in seiner Terrorismusdefinition herausstellt: Es gilt den Gegner, den angegriffenen Staat beziehungsweise die angegriffenen Gesellschaftssysteme zu einer Reaktion zu bewegen, die letztlich wiederum den eigenen Interessen in die Hnde spielen soll, indem vermittels einer Gegenreaktion die Ziele, die man direkt nicht erreichen kann, indirekt gefçrdert werden sollen (s. a. Hess in diesem Band). Beispielhaft spiegelt sich der hier angesprochene Zusammenhang von (terroristischer) Aktion und (staatlicher) Reaktion in den offenbar durch die militrischen Interventionen im Rahmen des globalen Anti-Terrorkrieges ausgelçsten Solidarisierungseffekten mit Blick auf

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Al Qaeda wider, die sich in weltweiten Anschlgen Ausdruck zu verleihen scheinen. Zukunft vorhersagen und damit die Entwicklungsdynamik – zumindest partiell – erklren zu wollen, setzt (wie gesehen) voraus, zu verstehen, wie sich terroristisches/extremistisches Handeln vollzieht. Aus originr soziologischer Sicht ist terroristisches/extremistisches Handeln in ausgesprochenem Maße ,soziales Handeln, insofern es in „seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinne nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ (Weber 1980, 1) Terroristisches/extremistisches Handeln (wie auch entsprechende staatliche Reaktionen) ist als soziales Handeln allerdings in aller Regel weniger an dem Verhalten von Einzelpersonen, sondern von sozialen Gruppen beziehungsweise Gesellschaftssystemen als Ganzes orientiert. Dabei ist es nach Weber vollkommen unerheblich, ob es sich um vergangenes, gegenwrtiges oder knftig erwartetes Verhalten handelt (ebd. 11). Alfred Schtz (1981) hat in seinem Grundlagenwerk zur verstehenden Soziologie das sich hier andeutende Problem des Verstehens sehr anschaulich gemacht. Wssten wir przise ber die Absichten der am jeweils zu prognostizierenden Geschehen beteiligten Personen, wrden wir also exakt wissen, welche Weil- und Um-Zu-Motive jeweils vorliegen, wre es – sehen wir von unvorhersehbaren Einflssen wie etwa Naturkatastrophen ab – mçglich, das zuknftige Geschehen mit hoher Przision vorherzusagen. Dies wre eine ,idealtypische Situation, die so im Alltagsgeschehen jedoch kaum anzutreffen ist, denn letztlich ist das ,motivische Gewirr der sich wechselseitig durchkreuzenden Motivlagen einer kaum berschaubaren Zahl von beteiligten Akteuren in Handlungssituationen von allgemein gesellschaftlicher Bedeutung kaum ordnend mit dem Ziel der Vorhersage knftiger Entwicklungen zu erfassen. Letztlich darf nichts berraschendes passieren: „Gerade damit muss man aber rechnen, wenn in der Situation andere handelnde Akteure vorkommen, die immer noch etwas anderes tun kçnnten, als wir gerade verstehend angenommen haben.“ (Esser 2001,164) Dies drfte allen voran in den sozialen Handlungszusammenhngen der Fall sein, die wir als Terrorismus wahrnehmen: Denn es ist ureigenstes Merkmal des Terrorismus, berraschend zu agieren, um die in der Regel personelle und technische Unterlegenheit der terroristischen Akteure im Vergleich zu den Ressourcen der unmittelbar und/oder mittelbar angegriffenen staatlichen Strukturen zu kompensieren (aktuell etwa: Waldmann 2005, 13). Ist damit nun aber jegliches, auf die Vorhersage knftiger Entwicklungen ausgerichtetes Verstehen und damit auch Erklren der Entwicklungsdynamik im Bereich des Terrorismus unmçglich? Unsere Antwort auf diese Frage lautet „nein“, wobei sie auf theoriegeleiteten Hypothesen basiert, die auf grundlegenden Strukturen des Terrorismus Bezug nehmen, wie sie sich zumindest bis dato als typisch abzeichnen. Wenn auch „die Wunschvorstellung (. . .) ,Gesetze des Terrorismus eruieren und seine ,Determinanten exakt bestimmen“ (Krumwiede 2005, 34) zu kçnnen, nicht einzulçsen ist, so geschieht Terrorismus nicht ganz voraussetzungs4

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los – quasi affektiv. Diese Voraussetzungen sind im Wesentlichen die zu Grunde liegenden tieferen, in der Regel ideologisch verankerten Motivlagen. Alle bisher in Erscheinung getretenen Terrorismusarten sind letztlich entschlsselbar und Ausdruck vorgngiger rational getroffener Erscheinungen – so irrational die Anschlge in aller Regel erscheinen. Terrorismus ist intentional und nicht ziellos (etwa: Crenshaw 2001). Dem terroristischen Geschehen geht ein kognitiver Prozess voraus, der sich typischerweise an gesellschaftlichen Konflikten entzndet: Extremismus/Terrorismus ist letztlich als eine Reaktion auf gesellschaftliche Konfliktlagen zu verstehen. Derartige Reaktionen geschehen in der Regel vor dem Hintergrund einer ideologischen Orientierung, die in konkrete Absichten und Ziele bersetzt wird, welche so auch in der Intention kommuniziert werden, Solidarisierungseffekte innerhalb der angesprochenen Gesellschaftsbereiche auszulçsen. Die terroristische Ideologie ist Dreh- und Angelpunkt, um das terroristische Geschehen hinsichtlich seiner zu Grunde liegenden Motive zu entschlsseln beziehungsweise zu verstehen und damit erklren sowie in einem weiteren Schritt prognostizieren zu kçnnen. Der Ideologie ist damit ein besonderer Stellenwert im theoretischen Bezugrahmen (s. u.) zugewiesen, der unserem Vorhaben, (allgemeine) knftige Entwicklungen im Bereich Terrorismus/Extremismus prognostizieren zu wollen, unterlegt ist. Denn die jeweiligen ideologischen Randbedingungen lassen nicht wahllose Motivlagen zu, womit der knftige Handlungskorridor ebenfalls nicht gnzlich offen ist. Die Verpflichtung gegenber einer Ideologie beziehungsweise einem politischen, kollektiv (d. h. von einer identifizierbaren Gruppe) geteilten Ziel fhrt quasi zu einer ,Objektivierung der gesellschaftlichen Situation, gemß derer nicht mehr alle denkbaren Alternativen des Handelns mçglich sind: (Vielmehr sind) „die Erwartungen und die Bewertungen und darber dann die Orientierungen der Akteure (. . .) deutlich vorstrukturiert.“ (Esser 2000, 426) Diese Vorstrukturierung geschieht ber das soziale Geschehen in den unmittelbaren sozialen Umfeldern der Akteure – hier vollzieht sich die Vermittlung handlungsleitender Orientierungen ber Interaktionsund Kommunikationsprozesse. Vor allem die Beschftigung mit den jeweiligen gesellschaftlichen Bezugsgruppen terroristischer Akteure erscheint in diesem Zusammenhang von Relevanz: Fr wen sehen sich die Akteure beziehungsweise Terrorgruppen in einer Art anwaltlichen Funktion und/oder wessen Sympathie und Untersttzung streben sie an. Dies fußt nicht auf Zufallsentscheidungen, sondern reflektiert bewusste Entscheidungen, die vor dem Hintergrund einer ideologischen Positionierung getroffen werden (in diesem Kontext ausfhrlich und aktuell: Malthaner 2005). So geschieht der Terrorismus – wie gesagt – nicht gegenstandslos und affektiv. Die zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Konflikte zeichnen sich im Vorfeld des terroristischen Geschehens ab. Und ebenso zeichnen sich ideologisch untermauerte, zielorientierte Positionierungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen gegenber diesen Konflikten ab. Genau an diesem Punkt ergeben sich Mçglichkeiten, der Zukunft auf die Spur zu kommen und knftige extremistische/terroris5

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tische Entwicklungen antizipieren zu kçnnen. Von Bedeutung sind dabei zunchst fnf Fragen, die einer nheren Analyse bedrfen: 1. Gibt es (etwa: soziale, çkonomische, kulturelle) Entwicklungen, die in bestimmten Gesellschaften (und weiter gefasst auch Kulturrumen) als problematisch wahrgenommen werden? 2. Sind diese Entwicklungen von gewisser kollektiver Bedeutung? 3. Welche gesellschaftlichen Gruppierungen sind von den jeweiligen Konflikten in besonderer Weise betroffen? 4. Wie werden diese Gruppierungen aufgrund ihrer politisch-ideologischen Ausrichtung voraussichtlich auf die Konfliktlage reagieren: Sind Radikalisierungsprozesse zu erwarten beziehungsweise kçnnten einzelne (Teil-)Gruppen den Einsatz von Gewalt zur Konfliktlçsung beziehungsweise Zielerreichung als eine Handlungsoption erachten? 5. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine radikale/extremistische Einstellung auch in konkrete/s Gewalthandlungen/Verhalten mndet: Verfgen die Gruppierungen ber die Handlungsbereitschaft hinaus auch ber entsprechende Ressourcen beziehungsweise sind sie bereit, die zur Gewaltanwendung notwendigen Ressourcen zu erwerben? Hiermit sind letztlich erkenntnisleitende Ansatzpunkte einer phnomenbezogenen Prognoseforschung angesprochen. Es bedarf nicht der besonderen Betonung, dass die Komplexitt der Fragestellung notwendigerweise breit angelegte empirische sowie analytische Zugnge erfordert. Es ist in weiteren konkreten Forschungsvorhaben zu ergrnden welche Indikatoren es sind, die prognostischen Wert haben und wie diese zielfhrend zu operationalisieren sind. Hierzu ist beabsichtigt, im Jahr 2006 erste konkrete empirische Erprobungsvorhaben seitens der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus in enger Kooperation mit dem Expertenkreis des vorliegend dokumentierten Kolloquiums auf den Weg zu bringen. Dass ein solches Vorhaben eine große Herausforderung darstellt, wird angesichts der skizzierten Aspekte offensichtlich. Darber hinaus sind die çkonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen anzufhren, unter denen Terrorismus geschieht. Diese befinden sich in einem stetigen Vernderungsprozess, der seinerseits durch einen dynamischen Globalisierungsprozess getrieben wird. Das Ursachengefge ndert sich offenbar rascher als in frheren Zeiten. Dies stellt grçßere Anforderungen an entsprechende Prognoseinstrumentarien. Und es mahnt zur steten Prfung, ob unsere Gewissheiten, mit denen wir dem Phnomen ,analytisch-verstehend begegnen, geeignet sind, neue Terrorismus-/Extremismusformen verstehen, erklren und damit weitere Entwicklungen prognostizieren zu kçnnen (hierzu etwa: Lia 2005, 4).

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Das Alltagsgeschehen ist wohl seit Anbeginn menschlicher Bewusstseins- und Kulturbildung von Annahmen ber die Zukunft durchwirkt (etwa: Pennick 2003) – sei es das Wetter, die eigene berufliche Karriere oder die allgemeine Wirtschaftsentwicklung betreffend: „Diese Antizipation der Zukunft gilt geradezu als elementares Kennzeichen des homo sapiens“ (Khn 1970, 11). Gleichwohl scheint diese offensichtliche anthropologische Grundkonstante des Bedrfnisses nach Vorsehung am Phnomenbereich ,Terrorismus/Extremismus zu brechen: Warum auch immer, die Prognoseforschung zum Phnomenfeld Terrorismus/Extremismus steckt noch in den Kinderschuhen. Zwar sind gerade in jngerer Zeit viele Arbeiten zur Frage der Zukunft des Terrorismus vorgelegt worden, jedoch folgen diese vielfach keiner nachvollziehbaren wissenschaftlichen Systematik noch theoriegeleiteten Reflexion (beispielhaft etwa der Sammelband von Kushner 1998; aber auch: Hoffman 2003, Perl 2003, Raynor 1987, Lutz et al. 2002). Die Zukunftsaussagen stellen sich eher als Plausibilittsannahmen dar und sind empirisch zumeist lediglich induktiv-selektiv untermauert, indem in der Regel nur die Beobachtungen Einzug halten, welche die Annahmen sttzen, wohingegen konterkarierende Beobachtungen – aus welchen Grnden auch immer – weitgehend ausgeblendet bleiben. Trotz dieser prekren erkenntnistheoretischen Lage wird – notgedrungen – zukunftsorientiert gehandelt. Eine Vielzahl aktueller nationaler sowie internationaler (sicherheits-)politischer und konkret sicherheitsbehçrdlicher wie auch militrischer Maßnahmen von bedeutender Tragweite basieren in Ermangelung systematisch erschlossenen Wissens auf Plausibilitts-)Annahmen ber den knftigen Entwicklungsverlauf des (internationalen islamistischen) Terrorismus. Wnschenswert wre es, hier durch geeignete methodische Zugnge mehr Sicherheit fr zukunftsgerichtete Entscheidungen schaffen zu kçnnen. Betrachten wie die Gegenwart als Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft, so ist gegenwrtiges Handeln unweigerlich immer auch mit Implikationen fr die Zukunft verknpft. Vor diesem Hintergrund ist es kaum nachvollziehbar, warum das Bemhen um systematische Zukunftsprognosen national sowie international in einem Bereich von enormer gesellschaftspolitischer Brisanz in der Gesamtbetrachtung eher stiefmtterlich behandelt wird – zumindest, wenn man es mit den enormen Anstrengungen finanzieller sowie personeller Art global agierender Wirtschaftsunternehmen vergleicht, die darum bemht sind, ihre Investitionsentscheidungen ,zukunftssicher zu gestalten (etwa: Wolf 2006, Rose 2006). Die gegenwrtige Situation der Zukunftsforschung im Bereich von Terrorismus/ Extremismus verweist auf eine Notwendigkeit, wie sie Merton in den 1960er Jahren fr den gesamten soziologischen Forschungsbereich als Notwendigkeit herausgestellt hat: „(. . .) the need for a closer connection between theory and empirical research“ (Merton 1964, 134). Dieser Band dokumentiert einen ersten – im internationalen Vergleich in der vorgesehenen Weise einmaligen – Schritt in Richtung der systematischen Entwicklung eines prognosefhigen, theoriegeleiteten methodischen Ansatzes. Am Ende dieses sicherlich lngerfristigen Entwick7

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lungsprozesses steht – so unsere Hoffnung – ein ,Monitoringsystem Terrorismus/ Extremismus (MoTE), welches uns transparente, nachvollziehbare und belastbare Phnomenprognosen erlaubt. Bevor einige einfhrende Anmerkungen zu den einzelnen Beitrgen gegeben werden, soll zunchst der definitorische und theoretische Bezugsrahmen des langfristig verfolgten Zieles skizziert werden. Hiermit werden zugleich einige grundstzliche methodologisch-methodische Problemstellungen angesprochen.

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Definitorischer und theoretischer Bezugsrahmen Die Schwierigkeit besteht darin, dass es keinen Terrorismus per se gibt – es sei denn als Abstraktioon – sondern nur verschiedene Arten des Terrorismus. (Laqueur 1987, 17)

Zunchst bedarf es der Bewusstmachung, dass eine Analyse, eine systematische wissenschaftliche Durchdringung des Phnomenfeldes ,Terrorismus/Extremismus in prognostischer Absicht stark behindert ist, da es sich in hçchstem Maße um ein politisiertes Feld handelt, dessen Wahrnehmung stark vom jeweiligen politischen Standpunkt abhngig ist und zwar ganz entsprechend der alltagssprachlichen Wendung „des Einen Terroristen ist des Anderen Freiheitskmpfer“. Bei den Begriffen Terrorismus und Extremismus handelt es sich um politisch hoch geladene Begriffe. Hiermit sind keine Fachtermini angesprochen, die – wie etwa in den Naturwissenschaften – objektiv greifbare Grçßen beschreiben. Die Begriffe stehen vielmehr fr einen Bereich, zu dem ein wissenschaftlicher Zugang mit standardisierten Messmethoden extrem schwierig ist. Dies ist – wie weiter oben problematisiert wurde – ohnehin schwierig, wenn es darum geht, soziales Handeln interpretativ-verstehend nachvollziehen zu wollen. Die hier umrissene Problematik findet ganz besonders darin Ausdruck, dass es an einer einheitlichen Definition von ,Terrorismus – Extremismus mangelt: Weder ist ungeteilt akzeptiert, welcher Personenkreis mit dem jeweiligen Terrorismus und Extremismus assoziiert ist, noch besteht Einigkeit darber, was den Terrorismus und Extremismus inhaltlich ausmacht beziehungsweise charakterisiert: Es mangelt folglich an einer quantitativen sowie qualitativen Bestimmung des Phnomenbereichs. Dies behindert eine ,aufgeklrte allgemein gesellschaftliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Feld nachhaltig: Wer oder was ist zum Terrorismus hinzuzurechnen (extensionale Definition) und was macht das Wesen des Terrorismus aus (intensionale Definition)? Was sind also die Randmarkierungen dieses Phnomenfeldes, auf welches sich unsere Forschungsbemhungen beziehen sollen? Und nur am Rande: Das Fehlen einer international geteilten Definition erschwert darber hinaus auch ein international abgestimmtes und koordiniertes, konkret politisches Handeln: Auf welche Gruppierungen sollen sich die politischen Aktivitten sowie die konkret repressiven wie auch prventiven Maßnahmen im Sinne einer breit angelegten Gegenstrategie beziehen? 8

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Wie bereits betont, haben wir es ganz offensichtlich mit einem ußerst komplexen Phnomenfeld zu tun. Neben einem separatistischen und revoltierenden, im weitesten Sinne politisch motivierten Terrorismus ist im Zuge der jngsten Ereignisse ein religiçs motivierter Terrorismus in das Zentrum der çffentlich-politischen Aufmerksamkeit gerckt, der gegenwrtig offenbar nahezu alle anderen terroristischen Erscheinungsformen in der çffentlichen Wahrnehmung (Zwick 2004) wie auch im wissenschaftlichen Raum berschattet2. Offenbar handelt es sich nicht um ein homogenes Forschungsfeld; vielmehr scheint es durch eine in sich hçchst differente Phnomenologie unterschiedlicher Erscheinungsformen gekennzeichnet, die gemeinhin unter dem Label ,Terrorismus/Extremismus kategorisiert werden. Im Folgenden sollen einige berlegungen dazu angestrengt werden, wie sozialwissenschaftliche Forschungsanstze konzeptionell und theoretisch auszurichten sind, um der offensichtlichen Komplexitt des spezifischen Forschungsgegenstandes gerecht zu werden und prognostische Aussagen zu erlauben. Um der Gefahr einer vorschnellen Einengung der Phnomenwahrnehmung und damit der Ausblendung entwicklungsprozessrelevanter Einflussfaktoren vorzubeugen, bedarf es einer offenen, breit angelegten Definition des Gegenstandes, ansonsten wren bereits qua definitionem relevante Gegenstandsbereiche des Phnomenfeldes ausgeklammert. Bevor der fr unsere Bemhungen vorgesehene theoretische Bezugsrahmen vorgestellt wird, sollen zunchst zum Definitionsproblem einige zustzliche berlegungen angestrengt und die hier zu Grunde liegenden Arbeitsdefinitionen vorgestellt werden.

2 Das Feld des islamistischen Extremismus/Terrorismus steht erst seit vergleichsweise kurzer Zeit im Fokus intensivierter Forschungsbemhungen. Ja, es scheint so zu sein, als sei das Phnomen ,Terrorismus berhaupt erst mit den Ereignissen am 11. September 2001 entdeckt worden. So zumindest legt es eine berblickartige Sichtung der Forschungslage frei: Die auf sozialwissenschaftliche Studien fokussierten Datenbanken SOLIS (Sozialwissenschaftliches Literaturinformationssystem) und FORIS (Forschungsinformationssystem Sozialwissenschaften) weisen auf den Suchbegriff ,Terrorismus fr die Jahre 1978 bis 2000 pro Jahr durchschnittlich 28 sozialwissenschaftliche Arbeiten (Min: 15 – Max: 48) aus. Mit dem Jahr 2001 schnellt die Zahl auf beachtenswerte 166 und im Jahr 2002 gar auf 408 sozialwissenschaftlichen Arbeiten hoch, die im weitesten Sinne das Thema ,Terrorismus berhren – wenngleich nur eine verschwindend geringe Zahl der Arbeiten sich auf der Grundlage empirisch-basierter Analysen mit dem Phnomen auseinandersetzt (Diese Beobachtung wird durch eine Auswertung von Kennedy und Lum [2003] zu in erster Linie USamerikanischen Forschungsanstrengungen im gegenstndlichen Bereich gesttzt. Vgl. auch die Studie von Gordon [2004], die ebenfalls einen enormen Anstieg an Forschungsaktivitten dokumentiert.): Offenbar sieht sich die Welt allem Anschein nach nicht hinreichend mit dem Phnomen des Terrorismus vertraut, der – nicht gnzlich unerwartet, aber dennoch – plçtzlich massiv, international und vor allem in einem neuen, bisher nicht intensiver beforschten ,kulturrumlichen Gewand in Erscheinung tritt. Der islamistische Terrorismus ist ganz offensichtlich eine neue Herausforderung fr die Wissenschaftsgemeinde des westlichen Kulturraums.

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2.1

Annherung an eine Definition Because the definition of terrorism is not settled, virtually every terrorist study is vulnerable to the question of whether the persons discussed really are terrorists. (Rapoport 2002, 33)

Nhern wir uns hier einer Definition von Terrorismus und Extremismus an, so sollten zwei berlegungen voran gestellt werden. Erstens: Die Bedeutung von Definitionen ist zu vergegenwrtigen – speziell dann, wenn es um ein derartig sensibles Handlungsfeld geht. Definitionen entscheiden darber, wie Personen und Institutionen das jeweilig definierte Phnomen wahrnehmen; die Wahrnehmung wiederum entscheidet darber, wie sich dem Phnomen gegenber verhalten wird. Oder mit dem amerikanischen Soziologen Thomas anders formuliert: Wenn Menschen Situationen als real definieren, dann sind sie auch real in ihren Konsequenzen. Als eindrucksvolles Beispiel ist der zunchst drastische Einbruch des zivilen Luftverkehrs nach dem 11. September 2001 anzufhren: So irrational es auf den zweiten Blick auch erscheint, so entschlossen haben sich in Angst vor terroristischen Attacken viele Menschen gegen Flugreisen entschieden, da sie die Bedrohung durch weitere Terroranschlge, die dem Modus Operandi des 11. September 2001 folgen kçnnten, fr real angesehen haben. Dieser hier angesprochene Zusammenhang, der auch als Thomas-Theorem bezeichnet wird, spiegelt gut die Macht von Definitionen wider. Von daher ist es hilfreich, vorhandene Definitionen von Zeit zu Zeit kritisch auf den Prfstand zu stellen, inwieweit sie geeignet sind, die Realitt abzubilden. Zweitens: Die hier vorgestellten Definitionen von Terrorismus und Extremismus verstehen sich als Arbeitsdefinitionen. Angesichts der offensichtlich großen Wissenslcken in diesem Forschungsbereich erscheint ein definitorischer Rahmen geboten, der sich als offen und prinzipiell revidierbar versteht, wenn neue Erkenntnisse Anlass zu einer notwendigen Re-Definition geben. Die Definitionen zu ,Extremismus und ,Terrorismus, die das polizeiliche Handeln im Bereich des Staatsschutzes steuern, lassen sich folgendermaßen pointieren: Extremismus wird als Bestrebungen zur Systemberwindung verstanden, die sich – auch unter Anwendung von Gewalt – gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung richten. Und unter Terrorismus werden Bestrebungen zur Systemberwindung durch nachhaltig gefhrten – gewaltsamen – Kampf verstanden. Kennzeichen des Terrorismus ist die Verbung schwerer Anschlge durch arbeitsteilig organisierte, grundstzlich verdeckt operierende Gruppen. Demgegenber ist der berwiegende Teil der wissenschaftlichen Definitionen ,offener, indem sie sich nicht ausschließlich am Idealtypus eines demokratischen Verfassungsstaates orientieren, wie er beispielsweise als zentrales Bestimmungsmerkmal auch die Extremismusdefinition bei Backes und Jesse durchzieht (etwa: 1993, 40). Zudem sind sie zumeist komplexer, um das in Frage stehende Phno10

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men hinsichtlich seiner (vermuteten) grundlegenden Charakteristika nher zu przisieren. Es ist hier nicht der Platz, die schier unbersichtliche Definitionslandschaft nher vorzustellen (vgl. hierzu berblickartig und kritisch etwa: Waldmann 1998, 9 ff.; Hoffman 1999, 13 ff.). Vielmehr soll es hier gengen, erstens die zentralen und gngigen Bestimmungsmerkmale von Terrorismus/Extremismus in einer Arbeitsdefinition zusammenzufassen, wie sie sich gemß der bisherigen Forschung abzeichnen und im berwiegenden Teil der Definitionen Niederschlag gefunden haben, und zweitens das Phnomen Terrorismus/Extremismus gegenber anderen Kriminalittsphnomenen abzugrenzen. Verorten wir Terrorismus/Extremismus im weiten Feld der Kriminalittsphnomene, ist zunchst festzuhalten, dass zwar alle Terroristen Kriminelle sind aber nicht alle Kriminelle Terroristen – selbst wenn sie die gleichen kriminellen Akte begehen; ganz allgemein gesprochen kann Terrorismus von anderen Formen gewaltttiger Kriminalitt anhand folgender bergreifender Kriterien unterschieden werden: Wiederholung, Motivation, Zweck, Akteur und Effekte (Thackrah 2004, 75). Vor diesem Hintergrund werden unter Extremismus hier jedwede Bestrebungen gefasst, die im weitesten Sinne politisch und/oder religiçs motiviert sind und sich an Ideologien im Sinne der einzig ,wahren Interpretation gesellschaftlicher Zustnde in der Absicht ausrichten, die bestehenden gesellschaftlichen Verhltnisse radikal mittels entsprechender Strategien zu verndern. Demgegenber soll Terrorismus hier in Erweiterung des Extremismus-Begriff als eine ,extreme Form des Extremismus begriffen werden, wobei vor allem das Moment des organisierten, strategischen und fortgesetzten Einsatzes physischer Gewalt zu betonen ist; Terrorismus wird in der Intention eingesetzt, eine massive psychologische Wirkung auf das gesellschaftliche Umfeld auszuben. In einem pragmatischen Zugriff kçnnen wir Terrorismus und Extremismus auch als Formen eines Umsturzversuches begreifen: Als Versuch der nicht demokratischen Regeln folgenden, gewaltsamen Vernderung der gesellschaftlichen Verhltnisse – in der Spannbreite von politischen, çkonomischen, çkologischen bis hin zu religiçsen sowie kulturellen Aspekten der Gesellschaftspraxis3. Folgende Kriterien erscheinen im Spiegel der bisherigen Forschungslage als weitere, relevante Bestimmungskriterien, die allerdings nicht zwingend erfllt sein mssen, um Straftaten als ,terroristisch zu klassifizieren: – Im Vergleich zu den meisten anderen Kriminalittsphnomenen sind extremistischen/terroristischen Akten nicht individuelle, sondern kollektiv geteilte Ziele unterlegt.

3 Einen hier nicht weiter betrachteten Einzelfall stellt der ,Staats-Terrorismus dar, dem es in der Regel nicht um Vernderung, sondern im Gegenteil um den Erhalt der politischen (Macht-)Strukturen geht.

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– Die Gewalttaten zielen direkt auf Personen und/oder Gegenstnde – indirekt aber ist das durch die Zielpersonen und -gegenstnde reprsentierte gesellschaftliche System gemeint. – In der Regel handelt es sich nicht um eine Einzeltat sondern um eine Tatserie (nicht selten mit einem identischen oder aber vergleichbaren Modus Operandi), die weiterhin in einen ,ideengeschichtlichen Kontext eingebettet ist. – Die Tat wird in aller Regel in irgendeiner Weise kommuniziert (Bekennerschreiben, Hinweis auf Motive, Ursachen, Hintergrnde zur Tatbegehung); vorzugsweise wird ein großes Medienecho angestrebt, dessen Wahrscheinlichkeit mit der Tatschwere zunimmt: „Attention is the lifeblood of its existence“ (Weisband und Roguly 1976, 278) – diesem Umstand fllt angesichts der modernen Mçglichkeiten der Massenkommunikation eine hohe Bedeutung zu (vgl. etwa die Studie von Schmid und de Graaf 1982). – Terrorismus folgt der Strategie einer „asymmetrischen Kriegsfhrung“ (aktuell etwa: Mnkler in diesem Band, s. a. ders. 2006) : Aus dem Umstand personeller und technischer Unterlegenheit heraus, unterliegt terroristischen Akten zumeist die Intention, die angegriffenen Systeme zu Reaktionen zu bewegen, die Solidarisierungswellen in Teilen der Bevçlkerung auslçsen sollen (Waldmann 2005, 34 ff.) und darauf ausgerichtet sind die politischen Ziele, die direkt nicht erreicht werden kçnnen, indirekt zu fçrdern (Hess 2002, 451) – Der Terrorismus ,lebt vom berraschungsmoment, womit – in der Regel – die personale und technische Unterlegenheit der Akteursgruppen kompensiert werden soll, um mçglichst großen Schaden anzurichten. Die Definitionen und angedeuteten Definitionskriterien legen die Komplexitt des Phnomenfeldes offen; es geht offensichtlich um politisch – und angesichts des islamistischen Terrorismus – religiçs gelagerte Motivationen und um ein wie auch immer geartetes Einwirken auf das politische, gesellschaftliche und letztlich auch – wie es aktuell der islamistische Terrorismus im Besonderen nahe legt – auch kulturelle Umfeld. Den sich andeutenden Zusammenhngen muss eine Theorie gerecht werden, die das Ziel verfolgt, Terrorismus erklren zu wollen: Es bedarf eines theoretischen Bezugsrahmens, der sowohl die makrowie mikrosystemischen Umfeldbedingungen einzufangen vermag. Dies ist entscheidend, wenn es darum gehen soll, das Spektrum potenzieller entwicklungsrelevanter Einflussfaktoren auf die unterschiedlichen Spielarten des Terrorismus und Extremismus empirisch einzufangen und damit fr die Erarbeitung von Phnomenprognosen zugnglich zu machen.

2.2

Annherung an ein theoretisches Modell

Wenn es gilt, das in Frage stehende komplexe Phnomenfeld in prognostischer Absicht erklren zu wollen, bedarf es einer weitgefassten theoretischen Perspek12

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tive. Die Ausgangsfrage lautet: Warum diese Personen, zu dieser Zeit an diesem Ort in dieser Art und Weise? Dies ist die grundlegende epidemiologische Fragestellung in diesem Forschungsfeld, die wohl auch die relevanten Frageinhalte umfasst, mit denen sich die Sicherheitspolitik und die Ermittlungsttigkeit der Polizei beschftigen. Die Beantwortung dieser Frage ist unerlsslich fr eine umfassende Ist-Stand-Analyse des Phnomens. Diese wiederum ist ein unverzichtbarer Ausgangspunkt fr die Formulierung von Entwicklungsprognosen. Betrachten wir die Terrorismusforschung im berblick, so lassen sich grob zwei theoretische, disziplinre Perspektiven unterscheiden:

Psychologisch-psychiatrische Perspektive Gemß einer psychologisch-psychiatrischen Perspektive erscheint die jeweilige Person, der ,terroristische Akteur als die entscheidende Erklrungsgrçße: Die terroristischen Aktivitten werden als in der jeweiligen Person beziehungsweise Persçnlichkeitsstruktur der Akteure verankert gesehen; nicht selten erscheint gemß einem derartigen theoretischen Ansatz der jeweilige terroristische Akt als Ausdruck pathologischer Erscheinungsformen. Der Terrorist wird pathologisiert, indem er bar jedweder „ernstzunehmender Reflexionen, Beweggrnde und Ziele“ (Scheerer 2002, 14) wahrgenommen wird. Teils werden die terroristischen Akteure in diesem Geschehen gar mythologisiert, wie etwa im Zuge der Ereignisse am und in Folge des 11. September 2001: Die Terroristen erscheinen als Objekte, die sich rationalen, systematisch wissenschaftlichen Analyseversuchen entziehen und „allein zu erfassen (sind), wenn man sie als Manifestationen des Bçsen begreife“ (ebd. 15). Aber lsst sich – wie der gesellschaftliche Diskurs bisweilen vermuten lsst – das Handlungsfeld des Terrorismus wirklich auf pathologische Grundstrukturen und/oder mythologische Versatzstcke reduzieren? Ist es nicht gar, wie weiter oben bereits betont, ganz im Gegensatz zur çffentlichen Wahrnehmung des Terrorismus so, dass dem Terrorismus – so wahnsinnig und irrational die Handlungen bei erstem Augenschein auch anmuten – ein rationales Handlungsmuster entsprechend einem ,rational choice unterliegt, wie es die – wenn auch insgesamt drftige – Forschungslage nahe zu legen scheint (berblickartig etwa: Crenshaw 2003; Breton et al. 2002). Weiterhin ist eine derartige, primr auf den Tter fokussierende theoretische Perspektive offensichtlich verkrzt, weil sie schlicht nicht in bereinstimmung zu bringen ist mit der Beobachtung, dass das kollektive Geschehen des berwiegenden Teils terroristischer Erscheinungsformen eng an bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen geknpft ist, gemß derer terroristische Aktivitten in der Regel losgelçst von der Persçnlichkeitsstruktur der jeweiligen Akteure erscheinen – vielmehr offenbart sich in den Taten in der Regel eher eine kollektive denn personale Identitt. Wie etwa wre im Licht eines psychologisch-psychiatrischen Erklrungsansatzes das quasi globale Geschehen eines islamistischen Terrorismus zu erklren: Erscheint die Annahme plausibel, dass plçtzlich parallel und zeit13

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gleich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten ein pathologisches Persçnlichkeitsmuster ,islamistischer Terrorist in Erscheinung tritt? Oder stellt dies nicht eher mit den Worten von Fetscher (1979, 23) „einen Hinweis auf soziale und kulturelle Krankheitsursachen dar“?4 Wenn wir die Forschungslage gegen den Strich brsten (berblickartig: Horgan 2003), kann die vieldiskutierte Frage, ob es denn eine terroristische Persçnlichkeitsstruktur gibt, abschlgig beantwortet werden. So verlockend es auch erscheinen mag, angesichts der unglaublichen Brutalitt, die sich in terroristischen Akten offenbart, auf pathologisierende Erklrungsmuster zurckzugreifen, indem der Akteur als psychisch gestçrt etikettiert wird, sollte mit Waldmann (1998, 156) argumentiert nicht vergessen werden, dass es offenbar nicht zwangslufig einer gestçrten Persçnlichkeit bedarf, um die Hemmschwelle zum gewaltttigen Handeln zu berschreiten, wie es etwa eindrucksvoll das Milgram-Experiment illustriert (Milgram 1985). Folgen wir der Analyse Taarnby’s (2003) von ber 247 biographischen Verlufen islamistischer Terroristen, die zwischen 1982 und 2003 in Anschlge verwickelt waren, ist wohl eher davon auszugehen, dass potenzielle Akteure mit pathologischem Verhalten von terroristischen Organisationen aus Sicherheitsgrnden ausgeschlossen werden. Zwar sind eine Vielzahl von Merkmalen eines typischen Terroristen identifiziert worden, allerdings ist die Frage weiterhin ungeklrt, warum nur ein Bruchteil der Personen, auf die typologisierende Merkmale zutreffen, sich auch tatschlich in irgendeiner Weise als Terrorist engagieren. Oder anders gewendet: Wenn auch Studien nahe legen, dass die Mitglieder terroristischer Gruppen gemeinsame Merkmale teilen, so ist bisher die terroristische Persçnlichkeit noch nicht identifiziert worden. Das heißt nun aber nicht, dass die Persçnlichkeit der Akteure irrelevant ist, denn sicherlich wird die Bereitschaft in terroristischen Gruppen mitzuwirken sowie die Art und Weise des jeweiligen Engagements durch individuelle Faktoren beeinflusst, wie unterschiedliche Studien dokumentieren (beispielsweise: Jger et al. 1981; Taylor und Quayle 1994; berblickartig auch: Ben Slama und Kemmesies 2006, 68 ff.).

4 Am Rande ist darauf zu verweisen, dass bei der Untersuchung von Terrorismusarten mit Akteuren aus fremden Kulturkreisen immer auch ein erkenntnistheoretisch bedeutsames Problem einhergeht (Ben Slama und Kemmesies 2006, 12): Die vorhandenen Theorien und Methoden sollten auf ihre Tauglichkeit berprft werden, ob sie geeignet sind, kulturfremde Phnomene und Akteure/sgruppen zu begreifen. So sind ganz offensichtlich Persçnlichkeitstheorien, die in westlichen Kulturrumen entstanden sind, nicht universal genug und offenbar nicht ohne weiteres geeignet, Persçnlichkeitsstrukturen von Angehçrigen fremder Kulturkreise zuverlssig zu beschreiben oder gar hinreichend, um Fehlentwicklungen zu erkennen und zu prognostizieren. Dieser Problemkreis wird insbesondere etwa durch die Teildisziplin ,Kulturvergleichende Psychologie aufgegriffen (cross-cultural psychology – etwa: Berry et al 2002).

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Gesellschaftswissenschaftliche, Soziologische Perspektive Gemß einer gesellschaftswissenschaftlichen Betrachtungsweise erscheinen die jeweiligen sozial-strukturellen Gegebenheiten einer Gesellschaft, eines Kulturraumes als zentrale Erklrungsgrçßen fr terroristische Aktivitten. Dass ein soziologischer Ansatz jedoch ebenso keine erschçpfende Erklrung bietet, zeigt beispielsweise und offensichtlich die Gruppe der Selbstmordterroristen. Obwohl sich immer wieder und in manchen Gruppierungen und Gesellschaften zunehmend Selbstmordattentter finden, so bedarf es jedoch offenbar bestimmter Persçnlichkeitseigenschaften und spezieller, individueller biographischer Konstellationen, damit sich eine Person zu einem Selbstmordattentat bereit erklrt. Ein weiteres Beispiel liefert eine gegenberstellende Betrachtung der jeweiligen Terrorgruppierungen und ihrer Untersttzungs- und Sympathisantenmilieus. Terrorgruppen kçnnen auf mehr oder weniger umfangreiche Untersttzungs- und Sympathisantenmilieus zurckgreifen, in denen sich die Akteure sozial verorten kçnnen und aus denen heraus sie ihre Motivation ziehen: So ist eine spezifische Form des Terrorismus allem Anschein nach nur so lange lebensfhig, wie sie auf untersttzende Milieus zurckgreifen kann. Ein derartiges Umfeld, welches materielle und vor allem auch ideelle Untersttzung liefert, stellt (neben den motivationsstiftenden Ideologien selbst) sozusagen den ,Treibstoff des Terrorismus dar: Unabhngig vom individuellen Wollen einer Person bedarf es einerseits der logistischen Voraussetzungen, der Mittel, um terroristische Akte ausfhren zu kçnnen (sehen wir vom Extremtypus des individuellen Einzeltters ab). Und andererseits ist ein ,ideologischer berbau (im Sinne eines wie auch immer gearteten politischen und/oder religiçsen Ideengebudes) erforderlich, der vom Umfeld als solcher erkennbar ist und mit der Tat in Verbindung gebracht wird, damit die Tat nicht nur als krimineller Akt, sondern auch als terroristischer Akt erkannt wird: Ansonsten wird das zentrale Wesensmerkmal des Terrorismus – das Drngen auf die Vernderung gesellschaftlicher Umstnde – sich nicht entfalten kçnnen. Das soziale, gesellschaftliche Umfeld ist ganz offensichtlich eine – ja vielleicht die entscheidende – Grçße, wenn es um das Verstndnis des Terrorismusphnomens geht. Gleichwohl: Selbst wenn alle erforderlich scheinenden Umfeldbedingungen gegeben sind, bedarf es offenbar bestimmter Persçnlichkeitseigenschaften, um die Aufnahme in eine Terrorgruppierung zu wagen. Offensichtlich wird nicht jeder Sympathisant einer terroristischen Gruppierung zu deren Akteur beziehungsweise ist in der Lage, den Schritt in Richtung gewaltttiger Aktionen zu tun. Zwischen der grundstzlichen Einstellung und dem Verhalten bzw. einer konkreten Tatausfhrung besteht (ganz im Einklang mit allgemeinen Erkenntnissen der Sozialpsychologie) offenbar eine mehr oder weniger große Diskrepanz, die individuell sehr unterschiedlich ist und die Ausbung individuell sehr unterschiedlicher terroristischer Aktionsformen bedingt. Es wird offensichtlich, dass das Verhltnis der vorstehend skizzierten theoretischen Perspektiven folglich nicht als ein ,entweder oder sondern als ein ,sowohl 15

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als auch zu lesen ist. Die Ausblendung einer dieser theoretischen Anstze resultierte unweigerlich in einer unzulssig eingeschrnkten Phnomenwahrnehmung und in Erklrungsanstzen von deutlich eingeschrnkter Reichweite. Von daher erscheint fr eine phnomengerechte Forschungspraxis ein theoretischer Bezugsrahmen geboten, der die umrissenen Theorieanstze integriert und der sich dem Umstand bewusst ist, dass Verallgemeinerungen in diesem Feld wenig hilfreich sind, „denn zu viel hngt von den politischen und sozialen Gegebenheiten ab, unter denen Terrorismus entsteht, von den historischen und kulturellen Zusammenhngen, den Motiven und dem Charakter des Terrors und natrlich von seinen Zielen. So gesehen sind keine zwei terroristischen Bewegungen identisch und nur wenige einander auch nur hnlich“ (Laqueur 1987, 1001). Offensichtlich bedarf es eines breit angelegten theoretischen Ansatzes, der in der Lage ist, diesen Facettenreichtum einzufangen, abzubilden und in ein Erklrungsmuster zu berfhren, das dem jeweiligen Terrorismusphnomen gerecht wird. Ein derartiger Ansatz, der es vermag, das jeweilige Individuum in seiner jeweiligen Verstrickung mit dem sozialen, gesellschaftlichen Umfeld zu betrachten, also ein jeweilig gegebenes Terrorismusphnomen unter Bercksichtigung der einzelnen agierenden Individuen und des sie umgebenden gesellschaftlichen Umfeldes zu betrachten, soll nun kurz skizziert werden:

2.3

Das theoretische Modell der ,Kontextstruktur des Terrorismus

Abb. 1: Theoretischer Bezugsrahmen

Das vorzustellende Modell der ,Kontextstruktur des Terrorismus stellt eine ,vortheoretische Taxonomie dar. Es ist ,vortheoretisch, weil das Modell keine klassischen theoretischen Aussagen im Sinne von ,Wenn-Dann-Aussagen trifft. Das Modell dient lediglich der Einordnung von phnomenrelevanten Einflssen und umfasst die bergeordneten Bezugsgrçßen, die gemß dem gegenwrtigen Forschungsstand als relevant fr die Entstehung und Entwicklung wie auch die Beendigung terroristischer Phnomene anzusehen sind. Bei den drei bergeordneten Bezugsgrçßen (s. Abb. 1) handelt es sich um die Person (damit sind die agierenden terroristischen Akteure gemeint), die der jeweiligen Terrorismusart unterlegte Ideologie (damit ist das Ideengebude gemeint, welches zu den Taten motiviert), und das jeweilige gesellschaftliche sowie kulturelle Umfeld, aus dem heraus und in dem der Terrorismus geschieht. Die Einflussgrçße Umfeld wird gemß dem Modell der ,Kontextstruktur des Terrorismus als ein komplexes Gebilde von unterschiedlichen Systemebenen verstanden, die in der Spannbreite von relevanten Mikrosystemen (etwa: Familie, jeweilige terroristische Bezugsgruppe etc.) bis hin zum Makrosystem (gegebene Normen und Wertvorstellungen) der jeweilig beteiligten Gesellschaftsrume angeordnet sind. Zwischen den Ebenen des Mikro- und Makrosystems ist die Exosystemebene angesiedelt. 16

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Hiermit sind vor allem grçßere Institutionen einer Gesellschaft gemeint, die die Handlungsmuster auf der individuellen wie mikrosozialen Ebene beeinflussen. Blicken wir etwa auf die Erscheinung des islamistischen Terrorismus, so ist hiermit nicht nur der Sicherheitsapparat (primr: Polizei, Nachrichtendienste) angesprochen, sondern auch andere institutionelle Strukturen, welche potenziell und vermittels indirekter Einflussnahmen phnomenrelevant sein kçnnen: Einwanderungsbehçrden, der Arbeits- und Ausbildungsmarkt, Moscheegemeinden, islamische Verbnde, Einrichtungen der Wirtschafts- und Finanzwelt – die Liste ist sicherlich noch deutlich erweiterbar. Das extremistische/terroristische Handeln wird sich nur ber die parallele Bercksichtigung der im theoretischen Modell angesprochenen Bezugsgrçßen verstehen lassen. Brsten wir die Forschungslage gegen den Strich, so sind die drei Bezugsgrçßen eng miteinander verzahnt und stehen in einem komplexen polymorphen Interdependenzverhltnis. Die Schwierigkeit besteht darin, die jeweilig wirksamen Interaktionsgeflechte zwischen diesen Einflussgrçßen zu identifizieren (hierzu auch: Backes in diesem Band). Abb. 2: Die Kontextstruktur des Extremismus/Terrorismus

Das jeweils spezifische Interaktionsgeschehen der Eckpunkte ,Person, ,Ideologie und ,Umfeld dieser Ursachen-Trias befindet sich in einem fortwhrenden dynamischen Prozess und entscheidet ber die jeweils spezifischen terroristischen Ausdrucksformen. Damit wird die Bercksichtigung des je spezifischen Wechselwirkungs-Geschehens unverzichtbar fr die Erstellung belastbarer prognostischer Modelle: Erst die parallele Betrachtung aller drei Einflussgrçßen erçffnet ein tieferes Phnomenverstndnis. Im Folgenden sollen einige stichpunkt17

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artige Erluterungen einen nheren Eindruck von der Struktur und Komplexitt der drei Erklrungsgrçßen geben, die im Modell der ,Kontextstruktur des Terrorismus zueinander in Beziehung gesetzt werden. Der in Abb. 2 skizzierte theoretische Bezugsrahmen ist als ein ,offenes theoretisches Konstrukt in Bezug auf das Phnomen des Terrorismus/Extremismus vorzustellen, was letztlich dem erkenntnistheoretischen Erfordernis der Offenheit gegenber einem weitgehend als Dunkelfeld zu bezeichnenden empirischen Feld geschuldet ist, dessen knftige Entwicklungsrichtungen zudem unbestimmt sind. Das Modell ist eine Entlehnung aus dem Bereich der jngeren Theoriebildung im Bereich der Drogenforschung und der entwicklungstheoretischen Arbeiten von Urie Bronfenbrenner (ausfhrlich: Kemmesies 1995). Entscheidendes Merkmal dieses theoretischen Konstrukts ist das Umfeld, welches sich dem Einzelnen auf unterschiedlichen Stufen sozialer Kollektivitt, sozialer Nhe und formaler Struktur gegenberstellt. Um dies zu verdeutlichen, bedarf es einiger einfhrender Erluterungen. Theoretischer Ausgangspunkt dieses Modells ist die Auffassung von menschlicher Entwicklung als Prozess der „fortschreitenden, lebenslangen, wechselseitigen Anpassung von einem sich entwickelnden menschlichen Organismus und den sich verndernden unmittelbaren Umwelten, in denen er lebt, der Art und Weise, wie dieser Prozess durch Beziehungen innerhalb und zwischen diesen unmittelbaren Settings beziehungsweise durch die grçßeren sozialen Kontexte beeinflusst wird, sowohl informeller als auch formeller Art, in denen die Settings eingebettet sind“ (Bronfenbrenner 1978, 35). Umfeld oder auch Umwelt wird diesbezglich als eine „verschachtelte Anordnung von Strukturen aufgefasst, von denen jede wiederum in der nchsten enthalten ist“ (ebd. 35). Wie in obiger Abbildung illustriert, ist die Umwelt eines Individuums nach Bronfenbrenner auf mehreren Strukturebenen angeordnet; sie ist sozial mehrschichtig organisiert, wobei die in den unmittelbaren Umwelten auf der Mesosystemebene gemachten Erfahrungen durch Bedingungen von und Wechselwirkungsbezgen zwischen den Umwelten auf den bergeordneten Strukturebenen beeinflusst sind, an denen die entsprechende Person nicht direkt partizipiert. Insgesamt definiert Bronfenbrenner vier Struktur- beziehungsweise Systemebenen, die im Folgenden nach einer kurzen Darstellung der Theoriekomponenten ,Ideologie und ,Person bersichtsartig skizziert werden sollen (ausfhrlich: Bronfenbrenner 1989; im berblick auch: Baacke 1988, 81).

Person Wesentlich im Zusammenhang mit dem zu untersuchenden Phnomenfeld scheinen die Einstellungen und Werthaltungen sowie die allgemeinen Persçnlichkeitseigenschaften des in Frage stehenden Personenkreises. Diese ,erwirbt das Subjekt im Rahmen des Sozialisationsprozesses, der wesentlich von den strukturellen Umfeldbedingungen der jeweiligen Person beeinflusst ist.

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Es bedarf etwa eines gewissen Maßes an Gewaltbereitschaft, um als Terrorist in Erscheinung zu treten, und die dominanten Wertorientierungen mssen offenbar eine gewisse Schnittmenge mit denjenigen der jeweiligen terroristischen Gruppierung aufweisen, um sich entsprechend zu engagieren – so wren beispielsweise Andreas Baader und Ulrike Meinhof schwerlich als Rechtsextremisten vorstellbar, wenngleich es Einzelbeispiele dafr gibt, dass ein Wechsel zwischen kontrren extremistischen Positionen offensichtlich mçglich ist. Ferner sind die Kenntnisse und Fhigkeiten von Relevanz, ber die die jeweilige Person verfgt, denn ohne bestimmte Fertigkeiten sind gewisse Aktionsformen nicht denkbar. Beispielsweise kçnnte die noch beobachtbare Zurckhaltung beim Einsatz chemisch-biologischer Waffen durch terroristische Gruppierungen auch darauf zurckzufhren sein, dass es noch an entsprechendem Expertenwissen mangelt; in diesem Zusammenhang wurden beispielsweise Befrchtungen laut, dass der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion dazu fhren kçnne, dass hochspezialisierte „Fachleute von weniger entwickelten Lndern angeworben werden kçnnten, um dort Projekte zur Entwicklung von Biowaffen zu betreiben. (. . .) Wie bekannt wurde, haben sich Libyen, Iran, Syrien, Irak und Nordkorea aktiv bemht, solche Experten anzuwerben“ (Schfer 2002, 61), womit Staaten genannt sind, die unter dem starken Verdacht stehen, terroristische Gruppierungen zu untersttzen. Kommen wir noch einmal auf das eingangs angesprochene Thomas-Theorem zurck, so ergeben sich mit Blick auf die Person ganz entscheidende Implikationen fr die Forschungspraxis: Denn die Behauptung, dass, wenn eine Person eine Situation als real definiert, diese Situation in ihren Konsequenzen real ist, fhrt direkt zum fundamentalen methodologischen Prinzip des symbolischen Interaktionismus: „Der Forscher muss die Welt aus dem Gesichtswinkel der Subjekte sehen, die er untersucht.“ (Stryker 1976, 259) Vor diesem Hintergrund erscheinen – vor allem wenn es sich um noch weitgehend unbekannte Terrorismusphnomene handelt – qualitative Forschungszugnge geboten, die darauf abzielen, die subjektive Sicht der Akteure abzubilden: also deren Wirklichkeitskonstruktionen und Deutungsmuster, welche sie zu den Gewalthandlungen bewogen haben. Derartige Forschungszugnge bedrfen vor allem auch im Bemhen um Entwicklungsprognosen in diesem Phnomenbereich einer hinreichenden Bercksichtigung (hierzu ausfhrlich Waldmann in diesem Band).

Extremistische/terroristische Ideologie Hiermit ist das jeweilige vorherrschende berzeugungssystem gemeint, dem sich eine Person – aus welchen individuellen Beweggrnden auch immer – verschreibt und aus dem heraus sie sich extremistisch/terroristisch engagiert. Derartige berzeugungssysteme sind in der Regel an bereits bestehende soziale Gruppierungen gekoppelt und fungieren quasi als ,motivationales Agens. Das jeweilige ideologische, ideen-geschichtliche Bezugssystem stellt sozusagen die Legitimationsbasis 19

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extremistischen/terroristischen Engagements dar. In dieser Lesart bekommt der Begriff der ,Ideologie seine spezifische semantische Bedeutung, wie sie fr den hier vorgestellten theoretischen Bezugsrahmen relevant ist: „Ideologien dienen so stets der Rechtfertigung (. . .) herzustellender politischer, sozialer und wirtschaftlicher Verhltnisse und der zu ihrer (. . .) Vernderung angewandten Machtmittel“ (Beck 1986; zit. n. Rabert 1991, 73). Diese Legitimationsbasis wird in der Regel von den Akteuren auch als schuldentlastendes Moment im Sinne der Neutralisierungstechniken nach Sykes und Matza (1968) genutzt, insofern das gewaltttige Handeln angesichts der Verfolgung hçherer Ziele als gerechtfertigt gedeutet wird. In dieser Weise lassen sich beispielsweise die Rechtfertigungen der RAF-Angehçrigen aus deren subjektiver Sicht durchaus als „Inanspruchnahme des Widerstandsrechts“ interpretieren (Fetscher und Rohrmoser 1981, 134). Wenn auch dieser Eckpunkt des Erklrungsmodells so offensichtlich und offen zugnglich erscheint – schließlich sind die terroristischen Gruppierungen darum bemht, ihre Ziele in irgendeiner Weise zu kommunizieren – stellt er sich nicht selten hçchst problematisch dar, insofern sich hinter einem vermeintlich einheitlichen Ideengebude hufig hçchst differente Auslegungen und politische (sowie konkret çkonomische) Interessenlagen und damit legitimierte terroristische Strategien verbergen. Die Geschichte des Links-Terrorismus in Deutschland illustriert die Dynamik mçglicher ,ideologischer Entwicklungen terroristischer Gruppierungen und der damit assoziierten Vernderungen der eingeschlagenen Strategien (berblickartig etwa: Rabert 1995, 93 ff.). Diesen Aspekt bercksichtigend ist beispielsweise zu fragen, inwieweit der islamistische Terrorismus nur vordergrndig ,religiçs-fundamentalistisch motiviert ist und sich dahinter nicht vielmehr ein Aufbegehren gegen die politisch-çkonomische Dominanz der USA/ der westlichen Welt verbirgt (vgl. Steinbach 2002). Offenbar verschwimmen in diesem spezifischen Phnomenausschnitt sehr stark die ideologischen Grenzen zwischen einem politisch-çkonomisch und religiçs motivierten Terrorismus, zwischen einer islamistischen Orientierung einerseits und einer stark ausgeprgten anti-imperialistischen Haltung andererseits, die sich gemß mancher Analyse entscheidend einer wirtschaftlichen Rckstndigkeit in arabischen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens verdankt (Alp Bahadir 2002). Dies erschwert die Analyse des terroristischen Geschehens nachhaltig und ist der Grund, warum sich die Sicherheitslage so prekr gestaltet, da Interessenallianzen zwischen einzelnen Gruppierungen, Regionen und Nationen schwer einschtzbar sind. Die jeweilige Ideologie ist offensichtlich ein geeigneter Zukunftsindikator, insofern sie wie gesagt ein relevantes motivisches Agens darstellt und zudem empirisch fassbar und damit hinsichtlich ihrer Entwicklung verfolgbar ist. Aus diesem Grund hat Lia (2005) wohl nicht zuletzt ,Ideologien als wichtige empirische Bezugsgrçße in seine Studie zur Zukunft des Terrorismus aufgenommen: „The decline of some strands of ideological extremism, and the persistence or growth of others, will therefore be indicators of future trends in terrorism, primarily with regards to modus operandi.“ 20

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Mikrosystem ,Mikrosystem bezeichnet die unmittelbaren Umwelten, in denen eine Person lebt und in dem sich das Alltagsgeschehen vollzieht (etwa: Familie, Schule, Freundeskreis und im Einzelfall auch terroristische Gruppen). Gekennzeichnet sind diese Umwelten, in denen sich die Person bewegt, durch direkte zwischenmenschliche Kontakte in Form von ,Face-to-Face-Interaktionen. Als konstitutive Elemente der Mikrosysteme erscheinen physikalische Eigenschaften (z. B. Wohnraum der Familie, Beschaffenheit des Klassenraumes in der Schule), Rollenmuster (z. B. Mutter, Vater, Schler, Angestellter etc.), Teilnehmer (personelle Zusammensetzung des Mikrosystems), Ttigkeit (rollenbezogene Ttigkeiten, wie etwa das Lernen des Schlers, die Frsorge- und Sanktionsttigkeiten der Eltern) und Zeit (zeitliche Erstreckung beziehungsweise Bestandsdauer bestehender Mikrosysteme und Vernderungen derselben im Laufe der Zeit). Diesen Elementen kommt eine zentrale analyseleitende Funktion zu. Mit Blick auf eine terroristische Gruppe wre zu analysieren, wie sich ihre physikalische, rumliche Umwelt darstellt (analytische Fragestellungen etwa: Aufenthalts-/Wohnumfeld der Gruppe), welche Rollenmuster existieren und wie sich die Teilnehmer zusammensetzen (analytische Fragestellung etwa: handelt es sich eher um eine homogene oder heterogene Gruppe, welche Persçnlichkeitstypen treffen aufeinander etc.), welche Ttigkeiten fr die Gruppe typisch sind und wie sich die zeitlichen Aspekte darstellen (analytische Aspekte etwa: Bestandsdauer der Gruppe, aktueller gesellschaftspolitischer Hintergrund, Vernderungsdynamik). Einen sehr illustrativen Eindruck, wie sich offenbar differente mikrosystemische Einbindungen auf biographische Entwicklungen von Terroristen auswirken, bietet die aktuelle Arbeit von Koenen (2003). Die Bedeutung der Gruppe fr eine terroristische Karriere stellt auch Rasch in seiner Studie deutlich heraus (1979, 164): „The group itself is also important for the continuation of a terrorist career, not only in a technical sense, but also with respect to the psychological development of its members. The group provides back-up when other support is eradicated“ (Rasch 1979, 164). In dieser Weise erscheinen Terrorgruppen und entsprechende Sympathisantengruppen als eine Art Kokon, in dem sich terroristische Akteure entwickeln.

Mesosystem Das Mesosystem ist als Komplex der Wechselwirkungen zwischen den Mikrosystemen gedacht, an denen die sich entwickelnde Person innerhalb eines bestimmten Lebensabschnitts partizipiert. Es entspricht einem sozialen Netzwerk, das die unterschiedlichen Lebensbereiche einer Person berspannt. Die Struktur eines Mesosystems bemisst sich anhand der Anzahl und anhand des Ausmaßes an Heterogenitt der in ihm angesiedelten Mikrosysteme. Je strukturdifferenzierter ein Mesosystem ist, desto hçher sind die kognitiven und sozialen Anforderungen an die Person, zwischen den unterschiedlichen Rollenmustern, sozialen Zusammenhngen, Ttigkeiten etc. in den einzelnen Mikrosystemen zu vermitteln beziehungs21

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weise diese ,auszuhalten. Formelhaft verkrzt, stellt ein Mesosystem ein System von Mikrosystemen dar. Blicken wir auf das Phnomenfeld des Terrorismus ist vor allem von Relevanz, wie die jeweilig terroristisch agierende Person zwischen den Mikrosystemen der abgeschotteten, klandestinen Welt terroristischer Gruppierungen und etwaig vorhandenen mikrosystemischen Bezgen zur Normalgesellschaft (Familie, Arbeitswelt etc.) vermittelt. So ist nicht selten zu beobachten, dass mit fortschreitender Integration in terroristische Zirkel und bernahme zentraler Positionen mehr und mehr ein Zurckziehen aus gesellschaftlichen Bezgen und Abtauchen in den Untergrund zu beobachten ist, um die Identitt als Terrorist zu ,schtzen, was mehrdeutig gemeint ist: Es gilt, sich dem polizeilichen Zugriff zu entziehen und etwaige kognitive Dissonanzen zu minimieren, die aus den widerstreitenden Botschaften der heterogenen Mikrosysteme resultieren kçnnten, in welche die Person eingebunden ist (etwa: widersprechende Botschaften aus der terroristischen/extremistischen Gruppe und dem Elternhaus, wie es sich beispielhaft in den Biographien der Linksextremisten der 1960er/1970er-Jahre in Deutschland widerspiegelt – hierzu vertiefend etwa die Studien in Waldmann 1993). In der skizzierten Weise kçnnen wir auch von einer Sozialisation zum Terroristen sprechen, einem mehr oder weniger kontinuierlich verlaufenden Entwicklungsprozess in Richtung einer terroristischen Identitt, bei der die jeweiligen extremistischen/terroristischen Gruppierungen und deren Sympathisantenmilieus als Sozialisationsagenturen fungieren und in denen sich ein allmhliches Wegdriften vom Werte- und Normhorizont (s. Makrosystem) der Hauptkultur in Richtung alternativer politischer Ideologien und Wertesysteme ereignet (Silke 2003, 37 ff.). Und nur am Rande sei vermerkt, dass die Heterogenitt des Mesosystems zwischen Akteuren unterschiedlicher Terrorismusarten offenbar deutlich variiert. Es ist nicht notwendigerweise der Fall, dass die Wertedifferenzen zwischen den Herkunftsfamilien und der terroristischen Gruppierung, in die sich eine Person zunehmend einfindet, besonders ausgeprgt sind (etwa: Hudson 1999, 38). Beispielsweise beobachten wir im Bereich des separatistischen und auch im Bereich des religiçs-motivierten Terrorismus hufig weitgehende berschneidungen der Wertehorizonte der jeweiligen Herkunftsfamilien und terroristischen Gruppierungen. Demgegenber finden sich – wie etwa die Biographien der zentralen Akteure des deutschen Links-Terrorismus illustrieren – im Bereich des revoltierenden Terrorismus hufig sehr extreme Wertedifferenzen zwischen den genannten Mikrosystemen.

Exosystem Das Exosystem stellt sich als Konglomerat sozialer Strukturen formeller als auch informeller Art dar, die das Mesosystem einer Person umgeben, denen die Person allerdings nicht selbst angehçrt. Allerdings berhren die sozialen Strukturen des Exosystems die unmittelbaren Umwelten einer Person oder schließen sie ein und beeinflussen oder determinieren gar die Ablauf- und Aktivittsmuster in einem 22

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gegebenen Setting. Hiermit sind grçßere Institutionen der Gesellschaft gemeint, „wie sie auf einer konkreten lokalen Ebene wirksam werden. Neben anderen Strukturen umfassen sie die Arbeitswelt, die Nachbarschaft, die Massenmedien, Regierungsinstitutionen (kommunal, staatlich und national), die Verteilung von Gtern und Dienstleistungen, das Kommunikations- und Transportnetz und informelle soziale Kanle.“ (Bronfenbrenner 1978, 36) Speziell mit Blick auf das spezifische Phnomenfeld ist hier vor allem auch der Sicherheitsapparat (primr: Polizei, Nachrichtendienste) beziehungsweise – abstrakter formuliert – die Sicherheitsarchitektur einer Gesellschaft angesprochen. Es ist evident, dass die angesprochenen gesellschaftlichen Strukturen auf ihre jeweilige Relevanz fr das jeweilig zu untersuchende terroristische Umfeld zu untersuchen sind – und zwar in zweifacher Hinsicht: Denn diese Strukturen umgrenzen (neben dem Makrosystem, s. o.) einerseits den Mçglichkeitsraum terroristischer Gruppierungen: Auf welche Ressourcen kçnnen sie zurckgreifen? Wie stellen sich ihre Kommunikations- und Bewegungsmçglichkeiten dar? Wie angreifbar ist das zu attackierende Gesellschaftssystem? Und andererseits begrenzt das Exosystem einer Gesellschaft auch deren Mçglichkeitsraum, sich gegen terroristische Aktivitten im Sinne eines umfassenden counter-terrorism prventiv wie konkret repressiv zu schtzen: Wie ist es um den jeweiligen Sicherheitsapparat bestellt? Welche technischen Aufklrungsmçglichkeiten bestehen? Welche Mçglichkeiten der ,ideologischen Einflussnahme bestehen? Ganz allgemein gesprochen, versuchen die aufeinander treffenden Systeme der terroristischen Gruppierungen und der angegriffenen Gesellschaft jeweils die Schwachstellen des Gegners zunutze zu machen, um – im Falle der terroristischen Gruppierung – grçßtmçglichen Schaden bei mçglichst geringer Entdeckenswahrscheinlichkeit zu erzielen, oder um – im Falle des angegriffenen Gesellschaftssystems – den terroristischen Gegner dingfest zu machen. Wie der 11. September 2001 drastisch vor Augen gefhrt hat, verfgen terroristische Gruppierungen – besonders im Falle eines bis zur Selbstaufgabe reichenden terroristischen Willens – ber die Mçglichkeit, immensen materiellen und immateriellen (politischen, psychologischen) Schaden bei geringstem Mitteleinsatz anzurichten. Demgegenber garantiert auch ein noch so hoher Ressourceneinsatz einem Gesellschaftssystem keine absolute Sicherheit gegenber terroristischen Anschlgen.

Makrosystem Das Makrosystem ist die bergeordnete Systemebene, die sich nicht unmittelbar auf den Lebenskontext einer Einzelperson bezieht, „sondern auf allgemeine Prototypen in der Kultur oder Subkultur, die die Muster der Strukturen und Aktivitten auf dem konkreten Level festlegen“ (ebd., 36). Hierunter fallen kulturelle wie subkulturelle Normen, Werte und Ideologien, wie sie sich in bestimmten wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und kulturellen Systemen manifestieren und damit auf die Systeme ,niedrigerer Ordnung wieder rckwirken. Mikro-, 23

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Meso- und Exosystem stellen so die Manifestation des Makrosystems dar. Makrosysteme erscheinen als kulturelle und subkulturelle Grundmuster, die die Organisation und das Verhalten auf den untergeordneten Systemebenen steuern. Sie treten explizit in formeller, institutionalisierter Gestalt – etwa in Form von Gesetzen – auf. Vorrangig sind sie jedoch implizit angelegt: Sie sind informeller Natur und stellen in der Regel nicht bewusst reflektierte Weltanschauungen und Werthaltungen der Gesellschaftsmitglieder dar, die sich im Alltagsgeschehen durch entsprechende Gewohnheiten, Routinen und Traditionen eingelebt haben. Wie die Studie von Tololyan (1988) nahe legt, sind hierzu auch die Geschichte einer Nation sowie deren Legenden und Mythen zu zhlen, die Einfluss auf die Weltsicht einer Gesellschaft beziehungsweise gesellschaftlichen Teilgruppierung nehmen und in Richtung extremistisch-terroristischer Haltungen motivieren kçnnen: Dies wird beispielhaft am Staatsterrorismus im Nationalsozialismus deutlich – der Nationalsozialismus grndete in symbolhaften, (vermeintlich) identittsstiftenden und vor allem in den verklrten Interpretationen historischer Geschehnisse (etwa: erster Weltkrieg) und kultureller Wurzeln (etwa: Nibelungen-Sage), die sich zum Wahn von der ,Herrenrasse verstiegen, welcher wiederum als zentrale motivationale Triebkraft des Terrorregimes fungierte. Die im Innenkreis der Abbildung aufgefhrte Erklrungsgrçße ,extremistische/ terroristische Ideologien sind theoretisch ebenfalls auf der Makrosystemebene angesiedelt, weshalb in die Abbildung zur Verdeutlichung ein direkter Wechselwirkungspfeil eingetragen ist. Es bedarf natrlich nicht der besonderen Betonung, dass derartige Ideologien nur von gesellschaftlichen Teilgruppierungen – nicht aber von der Majoritt – geteilt und getragen werden (dies drfte bei nherer Betrachtung wohl selbst fr den Sonderfall ,Staats-Terrorismus gelten). Von besonderer Bedeutung mit Blick auf das Makrosystem sind die Differenzen und die damit korrespondierenden Wechselwirkungsbezge zwischen den differenten Wertehorizonten, Normsystemen und Ideologien, die sich in den differenten gesellschaftlichen Gruppen – bis hin zu terroristischen Mikrosystemen – in einer Gesellschaft finden lassen. Beispielsweise ist es in Folge der Ereignisse des 11. September 2001 zu Gesetzesnderungen und – bezogen auf die Exosystemebene – Erweiterungen des Sicherheitsapparates mit Blick auf die Gefahrenabwehr eines islamistisch geprgten Terrorismus in Deutschland gekommen (Stichworte: Verbesserung der Sicherheit im zivilen Luftverkehr, Antiterrorprogramme). Die auf der Makrosystemebene auftretenden Friktionen zwischen unterschiedlichen kulturellen Orientierungen, Werte- und Normsystemen sowie Ideologien kçnnen als entscheidender Anstoß fr Terrorismusphnomene betrachtet werden. So findet der islamistische Terrorismus allem Anschein nach auch entscheidenden Nhrboden in den kulturellen Widersprchen, wie sie sich zwischen islamischer und westlicher Welt ergeben5. 5 In dieser Weise fllt m. E. der viel diskutierten ,Clash-of-Civilization-These (Huntington 1996) – trotz aller berechtigten Kritik (hierzu auch Eckert in diesem Band) – durchaus einige Erklrungs-

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Wenn es auch eine Vielzahl von Einzelbefunden zu den unterschiedlichen Systemebenen beziehungsweise Bezugsgrçßen des Modells der Kontextstruktur des Terrorismus gibt, so hat die Forschung bisher nur recht oberflchliche Eindrcke zum interaktiven Geschehen zwischen den genannten Bezugsgrçßen vermittelt. Es lsst sich nur schwer ausmachen, inwieweit sich die Einflsse unterschiedlicher Bezugsgrçßen wechselseitig verstrken, moderieren, oder gar neutralisieren. Gerade ein vertieftes Wissen ber derartige Wechselwirkungsbezge ist von grundstzlicher Bedeutung, wenn es gelingen soll, knftige Entwicklungen zu prognostizieren. Um dies realisieren zu kçnnen, bedarf es eines theoretischen Bezugsrahmens, der einerseits alle potenziell relevanten Einflussgrçßen erfasst und in ihrem Verhltnis zueinander verortet und der andererseits sich (zunchst) Kausalaussagen enthlt. Der vorgestellte theoretische Bezugsrahmen ist dem Qualittskriterium der Offenheit qualitativer Sozialforschung verpflichtet (etwa: Mayring 1990, 16; Flick 1987), weshalb er auch als ein vortheoretisches Modell vorgestellt wurde, das erst ber die empirisch-analytische Projektion auf das gesellschaftliche phnomenbezogene Geschehen zur Entwicklung theoretischer Aussagen im klassischen, eher naturwissenschaftlichen Verstndnis von Theorie fhrt. Das Modell der Kontextstruktur des Terrorismus stellt gemß einer soziologischen Auffassung keine Theorie im engeren Sinne dar, sondern entspricht eher einem Paradigma im Sinne einer phnomenbezogenen Sammlung von „metatheoretischen Aussagen, die sich weniger auf die soziale Realitt als vielmehr die bei der Analyse der sozialen Realitt zu benutzende Sprache beziehen.“ (Boudon und Bourricaud 1992, 576) Das Modell dient dazu, die Bezugs- beziehungsweise potenziellen Erklrungsgrçßen ins Bewusstsein zu rufen, die bei einer phnomenbezogenen Theoriebildung – etwa ber zuknftige Verlufe terroristischer/extremistischer Erscheinungen – zu bercksichtigen sind. Ebenso mahnt es angesichts der Forschungslage begrndeterweise vor monokausalen Erklrungsmustern und zu eng gefassten Hypothesenrastern, die entgegen dem Prinzip der Offenheit Gefahr laufen, den Blick auf die subjektiven Sichtweisen der Akteure in diesem Phnomenbereich zu verstellen6 als auch relevante Einflussgrçßen bereits im Vorfeld auszublenden.

qualitt zu: Und sei es nur der Umstand, dass sich ganz entsprechend dem Thomas-Theorem und zentraler Kritiken an Huntington der Clash of Civilisations realisiert, wenn man die These nur mit gengendem Nachdruck in das kollektive Bewusstein der Bevçlkerung drngt. Mit den Worten von Liebl (in diesem Band) gesprochen, legt – neben den Apologeten des internationalen Terrorismus – beispielsweise auch die Unterhaltungsindustrie schon einmal entsprechende Deutungsrahmen fr die These zur Verfgung. So will sich beispielsweise laut Regisseur Serdar Akar der Film ,Tal der Wçlfe als ein Statement zum Clash of Civilisations verstanden wissen (Kmmerlings 2006). Es bleibt zu hoffen, dass diese Deutungsrahmen sich nicht noch intensiver als bisher in einer entsprechenden Wirklichkeit Ausdruck verleihen, wie wir sie beispielsweise unlngst am Beispiel der blutigen Auseinandersetzungen um die Mohammed-Karikaturen beobachten konnten. 6 So stellt Waldmann (in diesem Band) das Einlassen auf die subjektive Sichtweise der Terroristen selbst als ußerst relevant fr das Verstndnis terroristischer Erscheinungen heraus.

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Zu den Beitrgen

Die nun kursorisch vorzustellenden Beitrge greifen den diesem Sammelband bergeordneten thematischen Bezug sehr unterschiedlich auf. Wie bereits durch diverse Verweise angedeutet, ergeben sich sehr konkrete methodologische, theoretische, methodische und/oder auch konkret empirisch-phnomenbezogene Bezge zum Vorhaben, der Zukunft in diesem herausfordernden Forschungsfeld auf die Spur zu kommen. Wir haben die Beitrge entsprechend der alphabetischen Reihenfolge der Autoren zum Abdruck gebracht. In der Gesamtschau illustrieren und vertiefen die unterschiedlichen Studien einzelne Aspekte des zuvor skizzierten Modells der Kontextstruktur des Terrorismus (s. Abb. 2). So werden aus differenten disziplinren Richtungen die unterschiedlichen Bezugsgrçßen der Ursachen-Trias des Terrorismus (Person – Ideologie – Umfeld, s. Abb. 1), welches dem erweiterten Modell unterlegt ist, fokussiert. Whrend Bçllinger (Karrieremodell) und Waldmann (methodologisch-methodische berlegungen zum empirischen Phnomenzugang) eher auf die Person fokussieren, greifen die Beitrge von Hess (Prozess-Modell), Backes (Wechselwirkung zwischen extremistischen Strçmungen), Entorf (zur Anreizstruktur des Terrorismus), Eckert (konflikttheoretische Betrachtung des Terrorismus) und Puschnerat (islamistische Radikalisierungsprozessen) eher das Umfeld nher auf, wobei jeweils theoriegeleitete Brckenschlge zwischen den Erklrungsgrçßen Person und Umfeld erfolgen und Hypothesen fr das interaktive Geschehen zwischen den unterschiedlichen relevanten Systemebenen entwickelt werden: Wie stellt sich das Einflussgeschehen zwischen diesen Grçßen dar? Zu dieser Frage ist die kritische Analyse von Schiffauer auch von einiger Bedeutung. Einen Perspektivenwechsel nimmt Liebl vor, indem er sich aus marketing-strategischer und kommunikationstheoretischer Sicht mit dem Terrorismus auseinandersetzt: Wie muss Terrorismus seine Ziele kommunizieren, um erfolgreich zu sein? Die Studien liefern wertvolle Anregungen zur nheren Analyse der im Modell der Kontextstruktur des Terrorismus angelegten Wechselwirkungsdynamik zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemebenen und (terroristischen) Gruppierungen sowie individuellen Akteuren. Die Beitrge oszillieren dabei – mit differenten Gewichtungen – zwischen einer mikro- und makrosoziologischen Perspektive. Sie kçnnen insgesamt als empirisch-theoretische Vertiefungen der dem Modell der Kontextstruktur des Terrorismus unterlegten Grundannahmen gelesen werden. Darber hinaus finden umfassende Problemanalysen zur Prognose-/Zukunftsforschung mit Blick auf das gegenstndliche Phnomenfeld Raum – allen voran in den Beitrgen von Horx sowie Pelzer und Scheerer, wobei letztere intensiv auf methodologische Grundlagenprobleme und deren ,erkenntnis-praktischen Implikationen eingehen. Backes greift in seinem Beitrag am Beispiel des Links- und Rechtsextremismus das Wechselwirkungsverhltnis unterschiedlicher extremistischer Strçmungen auf. Ganz offensichtlich ist ein wesentlicher Teil entsprechend motivierter Straf26

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taten nicht ohne die jeweiligen „ideologischen Antipoden“ zu verstehen. Aussagen zu mçglichen Entwicklungen extremistischer Strçmungen erfordern – ganz entsprechend dem zuvor skizzierten Modell der Kontextstruktur des Terrorismus – die Bercksichtigung der makro- und mikrosoziologischen Systembedingungen, der Einstellungsmuster und Werthaltungen der einzelnen Akteure sowie die herrschenden Wechselwirkungsbezge zwischen ihnen unter der Maßgabe der jeweiligen gesellschaftlichen sowie kulturrumlichen Umfeldbedingungen. Auf der Grundlage entsprechenden Datenmaterials entfaltet der Autor einige anregende (Entwicklungs-)Hypothesen zu rechts- und linksextremistischen Strçmungen und ihrer wechselseitigen Beeinflussung, die weiterfhrende Forschungsfragen stimulieren: Gibt es zwischen extremistischen Antipoden Gleichgewichtszustnde beziehungsweise sich wechselseitig bedingende ,Wachstumsimpulse, insofern ein Anwachsen des Rechtsextremismus gleichzeitig auch einen Zustrom zu linksextremistischen Gruppierungen bedeutet. Oder aber ist es vielmehr so, dass sich je nach gesellschaftlichen und kulturellen Umfeldbedingungen eher ein soziokulturelles Klima ergibt, unter dessen Bedingungen unterschiedliche Extremismen differente Grade von Zustimmung erfahren. Wie ist es um die jeweiligen Umfeldkonstellationen bestellt, die Gleich- oder Ungleichgewichtszustnde zwischen differenten Extremismen bewirken? Bçllinger whlt unter Rckgriff auf frhere eigene Arbeiten zum deutschen Links-Terrorismus der 1970er Jahre einen psychologischen Zugang zur Thematik. Auf der Grundlage von Lebenslaufanalysen zu RAF-Akteuren wird ein sechsstufiges Karrieremodell vorgestellt, entsprechend dem sich Entwicklungsverlufe von Terroristen im Spannungsfeld sozialhistorischer, sozialzeitlicher und biographischer, individualzeitlicher Bedingungskonstellationen entfalten. Hieraus ergibt sich eine fr Phnomenanalysen in prognostischer Absicht ußerst bedeutsame und herausfordernde Fragestellung: „Warum werden unter denselben obwaltenden sozialen und subkulturellen Bedingungen nur extrem wenige Einzelne zu Terroristen?“ Das Karrieremodell wird am Beispiel der gegenwrtigen Erscheinung des islamistischen Terrorismus einer ersten weitgehend hypothesenbasierten Prfung unterzogen, inwieweit es ebenfalls Abbildungsqualitt fr terroristische Akteure anderer gesellschaftlicher und kulturrumlicher Umfeldbedingungen besitzt. Als Ergebnis dieser ersten Prfung geht die These hervor, dass terroristische Karriereverlufe als Varianten politischer Sozialisation zu lesen sind, in deren Verlauf die soziokulturellen Bezugssysteme der Mehrheitsgesellschaft durch ideologisch untermauerte Bezugssysteme (wesentlich: Wertvorstellungen, Einstellungsmuster) ersetzt werden. Sollte sich diese durch umfassendere Analysen besttigen, die differente Umfeldkonstellationen in unterschiedlichen sozialhistorischen Konstellationen bercksichtigen, wren hieraus wertvolle Anstçße fr eine phnomenbezogene Prognoseforschung zu ziehen. Abschließend werden einige politische Implikationen zur Gestaltung einer phnomenadquaten Terrorismusprvention formuliert.

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Eckert lotet aus einer soziologischen Perspektive Mçglichkeiten und Grenzen der Phnomenprognose aus. Zunchst wird das Phnomen Terrorismus unter Bercksichtigung tiologischer Aspekte skizziert. Dabei wird eine konflikttheoretische Erklrung vorgestellt, die davon ausgeht, „dass unregulierte Konflikte zu Interaktionsspiralen (Rckkoppelungsschleifen) fhren, in denen Gewalt eskaliert.“ Als eine Art Transmissionsriemen eines sich gewalttrchtig darstellenden Eskalationsprozesses sind zum einen das Entstehen solidarischer Kollektive und zum anderen die Transformation von Identitten anzusehen. Ausgangspunkt und Triebfeder des Gewaltgeschehens bleibt aber immer der zu Grunde liegende Konflikt. Um bestehende Konflikte kristallisieren sich kollektive Identitten und es sind die entsprechenden Konflikte die – von wem und aus welchem Interesse zunchst auch immer – zur Radikalisierung instrumentalisiert werden. Aus der konflikttheoretischen Erklrung von Terrorismus, gemß derer Terrorismus als Ausdruck mangelhaft geregelter Konflikte verstanden wird, ergeben sich Ansatzpunkte fr phnomenbezogene Prognosen, wobei zunchst die Unwgbarkeiten prognostischer Aussagen problematisiert werden. Gleichwohl ist unter bestimmten çkonomischen, gesellschaftlichen oder kulturrumlichen Bedingungen offenbar nicht jede beliebige Zukunft ohne weiteres denkbar beziehungsweise an die Gegenwart anschließbar – der Mçglichkeitsraum scheint unter den jeweiligen Bedingungen nicht unbegrenzt, weshalb sich extremistische/terroristische Entwicklungen auf der Grundlage einer przisen Analyse des Gegenwrtigen offenbar in begrenztem Maße prognostizieren lassen. Die Aufgabe einer Terrorismusforschung in prognostischer Intention msste es folglich sein, nach „ungelçsten und unregulierten Konflikten Ausschau (zu) halten.“ In dieser Weise erweist sich Terrorismusforschung in erster Linie als Konfliktforschung. Aus der Analyse werden abschließend Konsequenzen fr die Gestaltung einer phnomennahen Anti-Terror-Politik formuliert. Entorf entfaltet in seinem Beitrag eine wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung des Terrorismusphnomens, gemß derer terroristische Aktivitten – inklusive der Anschlagsform des Selbstmordattentats – als rationale Entscheidung im Sinne einer Kosten-Nutzen-Abwgung interpretiert werden. Die Analyse gibt Einblicke in die spezifische Anreizstruktur des Terrorismus, wobei darauf aufbauend Anknpfungspunkte fr eine rationale Anti-Terror-Politik identifiziert werden, gemß derer „eine ,harte Linie klassischer Abschreckung nur ein Weg unter vielen ist, zumal eine eventuell mit einer solchen Politik einhergehende Beeintrchtigung der Werte westlicher Demokratien (wie z. B. Einschrnkung von Freiheitsrechten) sogar eine erfolgreiche Realisierung der Ziele des Terrorismus bedeutet.“7 Vielmehr msse es gelingen, die Opportunittskosten des Terrorismus zu 7 Hiermit spricht Entorf einen Zusammenhang an, fr den sich der Terminus des ,Co-Terrorismus anbietet: Co-Terrorismus/Extremismus umschreibt alle phnomenbezogenen Verhaltens- und/ oder Handlungsweisen, deren nicht intendierten Nebenfolgen darin bestehen, Terrorismus und/ oder Extremismus zu befçrdern. Die Begriffe bezeichnen damit alle Handlungs- und/oder Verhaltensweisen mit Bezug zum gegenstndlichen Phnomenbereich, die unbewusst phnomenunter-

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erhçhen beziehungsweise die Anreizstruktur des Terrorismus negativ zu beeinflussen. Die sich bei reiner Kosten-Nutzen-Abwgung aufdrngenden Maßnahmen werden hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit kritisch auf den Prfstand gestellt. Hess stellt in seinem umfangreichen Beitrag ein Prozessmodell zur Diskussion, das (im Einklang mit dem Modell der Kontextstruktur des Terrorismus) sowohl eine mikro- wie auch makrosoziologische Perspektive auf das Phnomenfeld projiziert. Zunchst werden unter methodologischen Gesichtspunkten die besonderen Herausforderungen sozialwissenschaftlicher Prognosen problematisiert. Darauf folgt eine sozial-konstruktivistisch angelegte Auseinandersetzung mit dem Phnomenfeld: Was ist Terrorismus? Ausfhrlich werden die besonderen Charakteristika des Phnomenfeldes reflektiert, und eine Typologie des Terrorismus vorgestellt (Repressiver Terrorismus staatlicher Apparate und para-staatlicher sowie nicht staatlicher Gruppen, revoltierender Terrorismus ethnischer/nationaler/ religiçser/sozialrevolutionrer Art). Darauf aufbauend wird das Prozess- beziehungsweise Karrieremodell entfaltet, welches die Entstehung und den Verlauf terroristischen Handelns erklrt und in einem weiteren Schritt als ein Prognoseinstrument vorgestellt wird. Das Modell fußt in einer Reihe aufeinander Bezug nehmender Hypothesen, die weitgehend auf die kriminologische Theoriebildung rekurrieren und den phnomenbezogenen Forschungsstand komprimiert widerspiegeln. In diesem vielstufigen Modell finden neben der besonderen Bedeutung des Wechselwirkungsgeschehens zwischen terroristischen Gruppen und staatlichen, gesellschaftlichen Institutionen ebenso die individuellen Karrieren terroristischer Akteure Bercksichtigung. Hier ergeben sich nhere Berhrungspunkte zum Karrieremodell, wie es von Bçllinger vorgestellt wird. Vor dem entfalteten theoretischen Hintergrund beschftigt sich der Artikel in einem ausfhrlichen abschließenden Kapitel mit der Erscheinung des internationalen, islamistischen Terrorismus und gibt einen weitreichenden und diskussionsanregenden Ausblick auf die Zukunft des Terrorismus, welcher der modellhaften Vorstellung einer Weltstaatsgrndung folgt. Horx fokussiert in seinem Beitrag sehr eng auf Fragen zur Prognose terroristischen Geschehens. Nach einem kursorischen berblick ber die gngigen Methoden der Trend- und Zukunftsforschung werden auf den ersten Blick gnzlich differente terroristische Erscheinungen in Gestalt des islamistischen Terrorismus und des durch die japanische AUM-Sekte verbten Giftgas-Anschlags gegenbergestellt, wobei sich ein gemeinsamer Fingerabdruck abzuzeichnen scheint, der auf bestimmte soziokulturelle Kontexte zurckzufhren ist, die Orientierung im Bemhen um Phnomenprognosen versprechen. Vor dem Hintergrund des Methodenkanons der Zukunftsforschung und den phnomenologischen Betrach-

sttzend wirken. Weiterhin sind mit den Termini all diejenigen Maßnahmen zur Phnomenkontrolle angesprochen, die – aufgrund welcher Umstnde auch immer: nicht intendiert – kontraproduktiv wirken. (ausfhrlich: Kemmesies 2006).

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tungen wird ein Konzept eines methodenpluralen Vorgehens vorgeschlagen, das als Sozio-Evolutionre Trendforschung eingefhrt wird. Liebl beschftigt sich mit dem Terrorismusphnomen aus der auf den ersten Blick ,exotisch anmutenden Perspektive des strategischen Marketings. Auf den zweiten Blick erweist sich dies jedoch als sehr naheliegend, ist doch der Terrorismus per se als eine spezifische Kommunikationsstrategie beschreibbar, der es darum geht, durch das Geschehen Solidarisierungseffekte in der angesprochenen Bevçlkerung auszulçsen, um so indirekt die verfolgten Ziele zu befçrdern. Folgerichtig entspinnt sich die Darstellung am Begriff des „Terrorismus-Marketing (. . .) – denn es sind die Vorstellungswelten der Kunden – insbesondere der ffentlichkeit – in denen Anschlge und Drohungen der Terroristen andererseits Resonanz erzielen sollen.“ Die Analyse bietet weiterfhrende und hypothesenstimulierende Ausblicke auf die zentrale Fragestellung aus marketingstrategischer Sicht: Was sind die relevanten Aspekte, um wen wie anzusprechen, damit die verfolgten Ziele erreicht werden? Vor diesem Hintergrund wird die ,Agenda einer „terrorismusorientierten Trendforschung“ formuliert, deren Aufgabe es ist zu „ermitteln, welche kollektiven Bildervorrte sowie Reservoirs an kulturellen Motiven und kollektiven Phantasmen existieren, auf die terroristische Aktivitten (wirkungsvoll) referenzieren kçnnen.“ So wre fortwhrend zu prfen, ob sich ein soziokultureller Resonanzboden ausbildet, auf dem sich terroristisches/extremistisches Geschehen entwickeln kann – lassen sich „Andockstellen zwischen gesellschaftlichen und medialen Trends einerseits und den weltanschaulichen Gebuden gewaltbereiter Akteure andererseits identifizieren.“ Die Analyse bietet – ohne sie explizit auszuweisen – vielfltige Anregungen zur Gestaltung einer abgestimmten und zielfhrenden Terrorismusprvention. Mnkler geht in seinem Beitrag von der These aus, dass der Terrorismus neuerer Prgung im Gewand des islamistischen Terrorismus zu einer zentralen Form gegenwrtiger Kriegfhrung transformiert ist, der zur Folge sich die Welt-Ordnung nachhaltig ndern wird. Die Analyse weist Terrorismus als eine Form asymmetrischer Kriegfhrung. Um hierfr den Blick freizulegen, geht der Beitrag zunchst ausfhrlich auf die gemß dem Alltagsverstndnis ,klassische Form der symmetrischen Kriegfhrung zwischen souvernen Staaten ein. Sodann wird der Partisanenkrieg als Referenzbeispiel asymmetrischer Kriegfhrung behandelt, der sich vor allem in der jeweiligen Anfangsphase, in der es zumeist noch an entsprechender Untersttzung seitens der Bevçlkerung mangelt, terroristischer Methoden bedient. Zentrales Bestimmungsmerkmal der asymmetrischen Kriegfhrung ist es, die personelle wie materielle Unterlegenheit gegenber dem Gegner durch geeignete Taktiken und Strategien der Kriegfhrung zu kompensieren. Hiermit ist ebenso ein zentrales Charakteristikum des Terrorismus angesprochen. Als geeignetes, an den Motiven und der zentralen Strategie des Terrorismus ansetzendes Mittel, dem Terrorismus zu begegnen, schlgt der Autor die Taktik der Non-Reaktion in Gestalt heroischer Gelassenheit vor: Es gilt, das Alltagsleben unberhrt vom terroristischen Geschehen in gewohnter Weise fortzusetzen, um damit zu 30

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signalisieren, dass der Terror eben nicht das ihm ureigene strategisch-taktische Kalkl zu realisieren vermag: nmlich Angst und Schrecken zu verbreiten. Pelzer und Scheerer wenden in ihrem Beitrag wiederum den Blick strker auf die methodologisch-methodischen Grundlagenprobleme, die sich dem Bemhen um eine sozialwissenschaftliche Prognoseforschung in besonderer Weise mit Bezug zum Phnomenfeld Terrorismus und Extremismus stellen. Dabei wird vor allem auch die Intention der Terrorismusprognose kritisch auf den Prfstand gestellt: Eine derartige Forschung, die sich zu stark auf ihre unmittelbare Verwertbarkeit hinsichtlich praktischer – seien es repressive oder prventive – Zugnge der Phnomenbekmpfung bzw. -eindmmung konzentriert, untersteht einem schwerwiegenden Risiko ihre Erkenntnisfhigkeit und damit letztlich wiederum praktische Verwertbarkeit betreffend: „Kommen Terrorismusforscher nicht ber die Perspektive der Praxis und ihr Vorverstndnis des Untersuchungsgegenstandes hinaus, sind sie weder in der Lage, einen Beitrag fr zuverlssige Prognoseinstrumente zu leisten, noch berhaupt neue Einsichten einzubringen.“ Vielmehr muss es gelingen, breite empirische Zugnge zum Phnomen zu finden, um nicht relevante Einflussfaktoren aufgrund einer vorgngigen theorie- und/oder interessengeleiteten Engfhrung des Betrachtungswinkels auszublenden. In diesem Kontext gehen die Autoren nher auf die mçglichen Verzerrungsfaktoren ein (etwa: Distanzverlust durch Emotionen, Nutzenkalkl, institutionelle Erwnschtheit), die negativen Einfluss auf die Erstellung von Prognosen nehmen (kçnnen) und so die Ausschau nach Mçglichkeiten der methodischen Kontrollierbarkeit erfordern. Dies scheint umso dringlicher, als bestimmte Prognosemethoden, die weniger den Einzelfall wrdigen als ,mechanistisch aus allgemeinen, statistischen Risikoabschtzungen Gefhrdungseinschtzungen ableiten, Gefahr laufen, prekre rechtsstaatliche Konsequenzen zu zeitigen, indem die Prognosen etwa einen Generalverdacht mit Blick auf bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen schren, der breit angelegte, undifferenzierte berwachungsmaßnahmen provoziert. Puschnerat widmet sich in ihrem Beitrag der Bedeutung ideologischer und sozialer Faktoren in islamistischen Radikalisierungsprozessen aus Sicht des Verfassungsschutzes, wobei die Betrachtung nach den jngeren Anschlgen innerhalb Europas vor allem auf die kulturrumlichen und gesellschaftlichen Strukturen Europas reflektiert: „Ist nunmehr eine selbstgemachte, nicht mehr nur importierte Bedrohung der inneren Sicherheit und der demokratischen Institutionen der europischen Staaten durch einen indigenen Islamismus zu befrchten?“ Zur Beantwortung dieser Frage wird ein typisierendes Verlaufsmodell vorgestellt, das die zentralen Akteure, Stadien und Faktoren islamistischer Radikalisierungsprozesse – auch im Sinne eines nicht-gewaltbereiten Islamismus – ausweist. Unter Rckgriff auf wissenschaftliche Arbeiten kristallisiert sich eine These heraus, die ebenso im Karrieremodell von Bçllinger (in diesem Band) Widerhall findet: Die sozialen Bindungen innerhalb der Mikrosysteme von Gleichgesinnten scheinen von ungleich hçherer Bedeutung innerhalb des Radikalisierungsgeschehens als ideologische Komponenten. Im Verlaufe der weiteren Analyse wird zwischen 31

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differenten islamistischen Gruppierungen gemß den Oberkategorien ,islamistischer Terrorismus und ,legalistischer Islamismus differenziert. Der Beitrag schließt mit einem Pldoyer fr interdisziplinre und (international wie interkulturell) vergleichende sozialwissenschaftliche Forschungsanstze, um die sozialstrukturellen Rahmenbedingungen, die islamistische Radikalisierungsprozesse im Sinne eines indigenen europischen Islamismus befçrdern, mit einer hçheren Auflçsung identifizieren zu kçnnen. Damit wre sicherlich auch die Hoffnung auf eine im deutschsprachigen Forschungsraum ausstehende Begriffsdifferenzierung von Islamismus zu verknpfen – scheint doch dieser Begriff ebenso unbestimmt wie der Terrorismusbegriff, der in weiten Teilen des gesellschaftlichen Diskurses pauschal komplexittsreduzierend mit ,Islamismus assoziiert wird. Schiffauer setzt sich kritisch mit der Arbeit des Verfassungsschutzes auseinander. Dabei knpft der Text in weiten Teilen an die Ausfhrungen von Puschnerat an, wobei deren Forderung nach einer Intensivierung systematisch vergleichender Sozialforschung durch die Argumentationsfhrung ausdrcklich gesttzt wird. Bedingt durch den spezifischen Auftrag des Verfassungsschutzes und durch die rechtlichen Rahmenbedingungen ergeben sich entsprechend der Analyse Methoden der Wissensschçpfung, die ein perspektivisch verzerrtes Bild der Wirklichkeit vermitteln. Aufgrund der spezifischen Umstnde produziert der Verfassungsschutz ein ,klassifikatorisches Wissen, was dazu fhrt, Differenzierungen – etwa eines unterschiedlichen Verstndnisses von ,Islamismus – nicht mehr aufscheinen zu lassen, gleichwohl diese unterschiedlichen Nuancierungen in differenten lebensweltlichen Zusammenhngen von hoher Relevanz fr die Gestaltung der Alltagspraxis sind. Aus den skizzierten Umstnden ergibt sich eine prekre Situation die Politikgestaltung und Gesellschaftspraxis betreffend: „Da die Verfassungsschutzberichte fr bare Mnze genommen werden, entfalten sie eine stark performative Wirkung. Sie produzieren erst das, was sie vermeintlich nur abbilden“, womit die Gefahr einer Radikalisierung des ,legalistischen Islamismus in der Begriffsfassung des Verfassungsschutzes heraufbeschworen wird. Die Beitrge von Puschnerat und Schiffauer geben wertvolle Impulse zur ausstehenden Intensivierung einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phnomenfeld ,Islamismus und dem hierauf abgestellten Begriffsverstndnis in unterscherschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen und Gruppierungen. Zudem vermittelt Schiffauers Beitrag wertvolle Anregungen fr eine empirische Auseinandersetzung mit dem dynamischen Wechselwirkungsgefge zwischen den unterschiedlichen Systemebenen (hier: Verfassungsschutz und islamische Milieus) und den mçglichen Auswirkungen im Hinblick auf das Phnomenfeld Terrorismus/Extremismus (Stichwort: Induzierung von Radikalisierungsprozessen durch staatliche Kontrollhandlungen). Waldmann greift in seinem Beitrag sehr grundlegende methodische Fragestellungen die Terrorismusforschung betreffend auf. Es wird ein empirischer Feldzugang vorgestellt, der die besonderen Probleme des Phnomenfeldes adressiert (primr: 32

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Eingrenzung des Untersuchungsfeldes: Wer oder was ist dem Terrorismus zuzurechnen?). Um die Klippen des Untersuchungsfeldes zu umschiffen beziehungsweise das Phnomen umfassend verstehen zu wollen, schlgt der Autor methodische Zugnge vor, die (a) sich auf die Binnenperspektive terroristischer Gruppierungen und Akteure einlassen, (b) systematische Vergleiche und (c) Prozessanalysen vorsehen, denn das Phnomen entwickelt sich offensichtlich entsprechend einer spezifischen Dynamik in Abhngigkeit von Wechselwirkungsmechanismen zwischen terroristischen Gruppierungen und ihren jeweiligen mikro- sowie makrosystemischen Umfeldbedingungen. Diese methodologisch-methodischen Grundzge einer phnomengerechten Terrorismusforschung kçnnen gleichzeitig als imperativ fr ein empirisch-analytisches Aufgreifen des weiter oben vorgestellten theoretischen Modells der Kontextstruktur des Terrorismus angesehen werden, womit dieser Beitrag den vorliegenden Sammelband abrundet. Fassen wir die vielfltigen und disziplinr breit gefcherten Beitrge zusammen, so wird das Erfordernis nach einem theoretischen und damit empirisch weit angelegten und offenen Zugang untermauert. Andernfalls drohten potenzielle Einflussfaktoren aus dem Blickwinkel zu geraten, womit sich ein nur ußerst gebrochenes Bild von der Wirklichkeit einfangen ließe. Diese Gefahr wiegt um so schwerer, als es sich hier um ein Forschungsfeld handelt, dessen Konturen nicht klar umrissen sind – nicht zuletzt deshalb, weil es von vielen, mitunter widerstreitenden sozialen Konstruktionen durchzogen ist. Daraus ergibt sich eine schwere Hypothek fr die projektierten Bemhungen um eine phnomenbezogene Prognoseforschung. Wenn es gelingen soll, belastbare Aussagen zu knftigen Entwicklungen zu erschließen, kommen wir nicht umhin, dem Phnomen vorbehaltlos, theoretisch und methodisch offen zu begegnen. Dabei ist die Frage nach der Prognose knftiger Entwicklungen im Bereich des Extremismus und Terrorismus eine ureigen ,kriminologische und vor dem folgenden Verstndnis von ,Kriminologie damit eine ausschließlich interdisziplinr zu beantwortende Fragestellung. Das Vorhaben, knftige Entwicklungen innerhalb der vielfltigen Phnomenbereiche der „Sinnprovinz der Kriminalitt“ (Hess und Scheerer 1997, 83) antizipieren zu wollen, ruft alle Wissenschaftsdisziplinen auf den Plan, die relevante empirisch gesttzte Aussagen zu Entwicklungen in dem jeweils gegenstndlichen Phnomenfeld beitragen kçnnen. Verstehen wir mit Lanier und Henry (1998, 2) die Kriminologie als die Wissenschaft, die sich mit Fragen der Hintergrnde, Entstehungsbedingungen, Erscheinungsformen und der (sozialen) Kontrolle von gesetzwidrigem Verhalten befasst, so wird es verstndlich, warum die Kriminologie als eine Art ,Metadisziplin zu verstehen ist, in die methodische Zugnge und theoretische Erklrungsanstze der unterschiedlichsten natur- wie sozialwissenschaftlichen Disziplinen eingehen. Das Know-how der jeweiligen Disziplinen wird insoweit adaptiert, als es zur Klrung des in Frage stehenden Phnomens von Nutzen ist. Insofern ist die Forderung nach ,kriminologischer Forschung auch und gerade in diesem Zusammenhang synonym mit der Forderung nach ,interdisziplinrer Forschung zu verstehen. 33

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Die sich im weiteren Entwicklungsprozess unweigerlich stellende Frage wird sein, wie ein sich abzeichnendes Prognoseinstrumentarium organisatorisch umgesetzt werden muss, damit es die projektierten Ziele erreicht. Hier ist die Problematik der Werturteilsfreiheit zu diskutieren und konzeptionell aufzugreifen (vgl. hierzu beispielsweise konkret den Beitrag von Schiffauer in diesem Band): Es ist im Weber’schen Sinne klar zwischen Seins- und Sollensaussagen zu unterscheiden. Ganz offensichtlich muss vermieden werden, dass Prognosen anfllig fr Sollensaussagen werden. Dies droht, wenn (potenzielle) Eigeninteressen der Analysten beziehungsweise der mit dem Geschft der Prognose zu betrauenden Einrichtungen berhrt sind. Es gilt offenbar wohl auch hier die alltagssprachliche Wendung, dass man bitte nicht die Frçsche fragen solle, wenn es um die Entscheidung geht, ob der Sumpf trocken gelegt werden soll. Zunchst aber bleibt es nun konkreten Erprobungsvorhaben vorbehalten zu prfen, ob und wenn ja wie es prinzipiell gelingen kann, unter der unweigerlichen Wirkung der doppelten Hermeneutik, Zukunft zu prognostizieren: Eine Wirkung, gemß derer sich unterschiedliche Akteure – hier die Wissenschaftler dort das zu prognostizierende Objekt in Gestalt extremistischer und terroristischer Milieus und Gruppierungen – deutend zueinander verhalten und handelnd aufeinander beziehen. Zukunft passiert offenbar nicht nur, sondern wird durch zahllose mehr oder weniger stark aufeinander Bezug nehmende Deutungen und darauf aufbauende Handlungen unterschiedlicher Akteure gestaltet. Dieses komplexe Geflecht unterschiedlichster Wechselwirkungsbezge bewahrt uns offenbar vor dem Unheil, welches die griechische Mythologie mit der Bchse der Pandora assoziiert: Die Mçglichkeit der Vorsehung, das Wissen um die Zukunft, das uns jeglicher Hoffnung beraubt. Aus wissenschaftlicher und sicherheitsbehçrdlicher Sicht erscheint dies jedoch etwas nchterner. Das Wissen um knftige Entwicklungen ist die Voraussetzung dafr, sich besser auf das Kommende vorbereiten zu kçnnen, um im weniger gnstigen Falle mçgliche Schden minimieren und im besten Falle prognostiziertes Unheil abwenden zu kçnnen. In diese Richtung wollen wir erste konkrete Schritte gehen.

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Uwe Backes

Interdependenzen und Interaktionen zwischen gewaltlosen und gewaltorientierten extremistischen Akteuren am Beispiel von „Autonomen“, „Neonationalsozialisten“ und „Skinheads“ in der Bundesrepublik Deutschland

Seit dem 11. September 2001 ist das Thema „islamistischer Terrorismus“ (nicht nur) in Deutschland in den Mittelpunkt çffentlicher Aufmerksamkeit gerckt. Weit weniger mediale Beachtung finden demgegenber die von rechts- und linksextremen Ttern verbten Gewalttaten, obgleich sich deren Zahl in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verringert hat. berdies werden Interdependenzen, Wechselwirkungen und Interaktionen zwischen gewaltorientierten Szenen oft vernachlssigt. Deren Bedeutung vermag folgender Auszug aus einem Polizeibericht von zwei Demonstrationen in Berlin am 1. Mai 2004 schlaglichtartig zu erhellen: „Nachdem es in der Walpurgisnacht lediglich zu vereinzelten Steinwrfen auf Passanten und Polizisten gekommen war und im Mauerpark nahezu ohne Beeintrchtigungen gefeiert werden konnte, musste der erste grçßere Polizeieinsatz am Tag der Arbeit anlsslich der NPD-Kundgebung in Lichtenberg bewltigt werden. Dort versuchten Gegendemonstranten zum Aufzug zu gelangen. Sie blockierten die Wegstrecke, indem sie Hindernisse auf die Fahrbahn legten und anzndeten. Einsatzkrfte wurden wiederholt mit Steinen und Flaschen beworfen. Die Polizei konnte die Aufzugsteilnehmer und die Gegendemonstranten erfolgreich voneinander fernhalten, wobei kurzzeitig ein Wasserwerfer zum Einsatz kam. Ohne besondere Vorkommnisse verliefen dagegen die beiden großen Aufzge in Kreuzberg, die vom Oranienplatz bzw. von der Leipziger Straße zum Kottbusser Tor fhrten. Im Anschluss an den zweiten Aufzug sammelten sich ab 19 Uhr 30 bis zu 2.000 Personen, darunter etwa 500 potenzielle Gewalttter, in den Straßenzgen um den Heinrichplatz, die Oranien- und die Naunystraße. In diesem Bereich wurden wiederholt kleinere Feuer entfacht, Hindernisse auf die Fahrbahn gelegt und Einsatzkrfte mit Steinen beworfen. Die Polizei konnte viele Tter jedoch schnell aus der Menge holen, ohne dass sich die Masse der Personen vor Ort mit den Randalierern solidarisierte.“ (Polizei Berlin 2004) Politisch motivierte Gewalt dieser Art wird in erheblichem Umfang alljhrlich von rechts- wie linksextremen Gruppierungen verbt. Wechselseitige Gewaltanwendung ist dabei so bedeutend, dass es nahe liegt, den Blick auf die Interaktionen und Interdependenzen der militanten „Szenen“ zu werfen. Die Bedeutung einer solchen Perspektive zeigt auch die Bewegungsforschung, die ihre Aufmerksamkeit auf die Aktionen und Reaktionen sozialer Akteure im Zusammenspiel mit Kommunikationsmedien und staatlichen Institutionen vor dem Hintergrund 41

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gesamtgesellschaftlicher Werthaltungen und Problemkonstellationen richtet (Karstedt 1980, 169–237). Dabei verdienen die Wechselwirkungen zwischen gewaltorientierten und legalistisch operierenden Akteuren, das Verhltnis zwischen „Etablierten“ und „Nicht-Etablierten“ besondere Beachtung. Der in der Parteienforschung in Anlehnung an Theoreme der politischen konomie und Spieltheorie entwickelte Ansatz der „Gelegenheitsstrukturen“ lsst sich auch auf nicht-parteifçrmig organisierte, militant agierende Akteure anwenden. Bevor dazu thesenartig berlegungen angestellt werden, sei zunchst ein Blick auf die gewaltgeneigten „Szenen“ geworfen, die im Zentrum der Betrachtung stehen.

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Rechtsextreme/fremdenfeindliche Gewalt

Auch wenn neuerliche Wahlerfolge von NPD und DVU auf regionaler Ebene einen anderen Eindruck vermitteln, weist das vereinte Deutschland auf nationaler Ebene im europischen Vergleich eher schwache Rechtsaußenparteien auf. Dagegen ist die Zahl rechtsextrem/fremdenfeindlich motivierter Gewalttaten zu Beginn der 1990er Jahre stark angestiegen und trotz aller gesellschaftlichen und behçrdlichen Bemhungen bislang nicht auf das westdeutsche Niveau der 1980er Jahre zurckgegangen (siehe Diagramm 1) (mçgliche Zusammenhnge werden erçrtert bei: Backes/Mudde 2000). Da auf die çstlichen Lnder – mit bedeutenden regionalen Unterschieden – ein weit berproportionaler Anteil der registrierten Gewalttaten entfllt, liegt die Vermutung nahe, es handele sich zumindest zum Teil um eine mit den jhen politischen, sozialen, çkonomischen und kulturellen Transformationsprozessen verbundene Entwicklung. Diese Hypothese wird von zahlreichen empirischen Studien besttigt (Schroeder 2003; Pfahl-Traughber 2004; Backes und Jesse 1996). Die Ende 2004 nach Angaben des Verfassungsschutzes rund 3.800 Personen umfassende, berwiegend in ca. 160 lokalen und regionalen „Kameradschaften“ organisierte „Szene“ der so genannten Neonazis, die im westlichen Deutschland Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre entstanden war, hatte an dieser Entwicklung kaum einen Anteil – ebenso wenig wie die aufgrund zahlreicher Vereinigungsverbote zu deren Auffangbecken gewordene, ideologisch und strategisch radikalisierte NPD. Das Gros der zum selben Zeitpunkt von den Verfassungsschutzbehçrden registrierten 10.000 „gewaltbereiten Rechtsextremisten“ entfiel auf die Jugendsubkultur der „Skinheads“. Diese in Großbritannien entstandene, seit Beginn der 1980er Jahre im westlichen wie çstlichen Deutschland heimisch gewordene „Szene“ weist indes – im Unterschied zu den Neonationalsozialisten – berwiegend keine elaborierte rechtsextreme Ideologie und Programmatik, sondern nur diffuse rechtsextreme Tendenzen (Mnnlichkeitskult, Recht des Strkeren, radikale Abgrenzung gegen Andersartige) auf. Sie besteht aus in der Regel nur lokal agierenden Cliquen Jugendlicher, die sich spontan zum Musik- und Alkoholkonsum zusammenfinden und kaum Anstze organisier42

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Quelle: Verfassungsschutzberichte des Bundes; BKA, Definitionssystem „Politisch motivierte Kriminalitt“. Die bekannten Einschrnkungen und Probleme der polizeilichen Erfassung von Gewalttaten (u. a. Hell-/Dunkelfeldproblematik, Aussage- und Anzeigeverhalten, zwischenbehçrdliche Divergenzen, Zuordnungsschwierigkeiten, fehlende Opferstatistik) sind an anderer Stelle ausfhrlich diskutiert worden. (Siehe u. a. Bundesministerium des Innern/Bundesministerium der Justiz 2001, 264 ff. oder Wahl 2001, 19 ff.) Trotzdem bleibt die polizeiliche Erfassung grundstzlich als Quelle fr Trendaussagen unverzichtbar – nicht zuletzt weil die Erkenntnisse oft noch in unmittelbarer Nhe zum Geschehen gewonnen werden. Da die Erfassungsmodalitten 1996 durch neue Datenquellen und 2001 mit einem vçllig neuen System „Politisch motivierte Kriminalitt (PMK)“ gendert wurden, sind Langzeitbetrachtungen nur in der Form vager Trendaussagen mçglich. Diese Einschrnkung gilt auch fr die in den folgenden Diagrammen prsentierten Zahlenreihen.

ten, planerischen Handelns zeigen (Menhorn 2001; Senatsverwaltung fr Inneres Berlin/Abteilung Verfassungsschutz 2003a). Beide von mnnlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen dominierten „Szenen“ – Neonationalsozialisten und Skinheads – waren aus dem „Westen“ oder aufgrund westlicher Vorbilder in die (Noch-)DDR gekommen, hatten dort aber einen besonders fruchtbaren Boden vorgefunden. In den çstlichen Lndern entwickelten sich zudem weit ber den Kreis der als „Skinheads“ ußerlich Erkennbaren hinausreichende Jugendmilieus mit diffus rechtsextremen/fremdenfeindlichen Einstellungen und hoher Gewaltneigung. Erste fundierte Tterstudien der 1990er Jahren wiesen bereits auf den geringen Anteil organisierter Rechtsextremisten hin (Neubacher 1998; Willems et al. 1994). Die schwache Integrationskraft der wahlpolitisch weithin erfolglosen Rechtsaußenparteien konnte daher kein wichtiger Erklrungsfaktor sein. Die meisten Gewalttaten wurden ohne erkennbaren planerischen Vorlauf, mehr oder weniger spontan, in der Regel nicht von einzelnen, sondern in Cliquen, oft unter Alkoholeinfluss begangen. Mehr als die Hlfte der fast ausschließlich mnnlichen, unterdurchschnittlich gebildeten Tter war unter 21 Jahre alt. Vor43

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urteile gegen Fremde, demtigende Erfahrungen, die Suche nach Anerkennung bei Gleichaltrigen und die Lust auf aggressives kçrperliches Ausagieren waren vorherrschende Motive (Marneros 2002; Tramitz 2001; Wahl et al. 2001; Wahl 2001). Deutschland ist – im Unterschied zu seinen westeuropischen Nachbarn – im Osten mit den Problemen von Transformationsgesellschaften konfrontiert, in denen Verfassungsstaat, Marktwirtschaft und Brgergesellschaft noch nicht tief verwurzelt sind. Der revolutionre Umbruch war – trotz aller Hilfen aus dem Westen – mit enormen physischen wie psychischen Belastungen fr die Bevçlkerung der Ex-DDR verbunden. berforderung und Desorientierung der Erwachsenen, unsichere Zukunftsaussichten, neue, ungewohnte Lebensumstnde, Arbeitslosigkeit usw. schufen den Humus, auf dem eine militant-fremdenfeindliche jugendliche Subkultur gedeihen konnte. Zuwanderer werden besonders von jngeren Deutschen mit ungesicherter beruflicher Perspektive als ungebetene Konkurrenz empfunden. Dies drfte zum erhçhten Verbreitungsgrad xenophober Einstellungen in diesem Bevçlkerungssegment beitragen (Winkler 2000, 452). Hinzu kommt die mangelnde bung im Umgang mit Fremden und die unvorbereitete, unter schwierigen Rahmenbedingungen erfolgte Konfrontation mit den Problemen der Immigration (Bundesministerium des Innern/Bundesministerium der Justiz 2001, 292 f.). Von 1990 bis 2000 hat Deutschland mit rund 2 Mio. Asylbewerbern doppelt so viele Asylsuchende wie die USA und fast viermal so viele wie Großbritannien aufgenommen (Luft 2002, 198; Schrçder 1994, 480). Im Unterschied zur Situation der frhen 1980er Jahre und zu europischen Nachbarstaaten wie Großbritannien und Schweden (Backes 1991; Rabert 1995; Bjø´rgo 1997; Lowles 2001) war Deutschland seit der Vereinigung nicht mit dem Phnomen eines aus dem Untergrund zielgerichtet und planhaft vorgehenden Rechtsterrorismus konfrontiert. Waffenfunde bei Hausdurchsuchungen von Neonationalsozialisten, Drohbriefe und „schwarze Listen“ einer „Anti-Antifa“, mitunter gewaltsames Vorgehen gegen politische Gegner veranlassten die Sicherheitsbehçrden allerdings zu stndiger Wachsamkeit. Vorgnge wie die im September 2003 bekannt gewordenen Plne der Mnchener „Neonazi“-Gruppe „Kameradschaft Sd“ verwiesen immerhin auf die Gefahr der Herausbildung eines organisierten Rechtsterrorismus. Eine quantitative Einordnung des rechtsextrem, fremdenfeindlich oder antisemitisch motivierten Gewaltniveaus auf europischer Ebene ist wegen der unterschiedlichen Datenlage in den EU-Mitgliedslndern schwierig. Einen gewissen Eindruck vermitteln die Informationen der Europischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Wien fr den Zeitraum von 1995 bis 2000. Die Zahl der „rassistisch motivierten“ Morde/Kçrperverletzungen mit Todesfolge belief sich nach Behçrdenangaben in Deutschland auf 18, in Frankreich auf zehn, in den Niederlanden auf sieben und im Vereinigten Kçnigreich auf 16. Die Statistiken ber „rassistische Bedrohungen“ wiesen fr Deutschland im sel44

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ben Zeitraum 1.736 Flle, fr Frankreich 984 Flle, fr sterreich 1.185 Flle, fr Schweden 3.380 Flle und fr das Vereinigte Kçnigreich 15.738 Flle aus (Europische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Vielfalt und Gleichheit fr Europa 2001, 23 f.). Vergleichende Studien, die in der Lage wren, Besonderheiten der deutschen Situation systematisch herauszuarbeiten, liegen bislang nicht vor.

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Linksextreme Gewalt

Die „Szene“ der „Autonomen“ trat in den 1980er Jahren das Erbe der „Spontis“ an, griff in ihrem Weltbild auf anarchistische wie marxistisch-antiimperialistische Deutungsmuster zurck und fand çffentliche Aufmerksamkeit vor allem durch das Agieren des „schwarzen Blocks“ am Rande von Demonstrationen. Sie ist bundesweit verbreitet, vor allem in Groß- und Universittsstdten prsent. Die ber 200 lokalen Gruppen weisen keine zentrale Organisation auf (Bundesministerium des Innern 2005, 133 ff.). Versuche organisatorischer Bndelung wie die 1992 gegrndete, 2001 wieder aufgelçste Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) erwiesen sich als wenig erfolgreich. Doch profitierte die Szene insgesamt von der Auflçsung der Kadergruppen und Orthodoxien. So stieg der in autonomen Gruppierungen aktive Personenkreis auf beinahe 7.000 (Ende 2001). Danach ist die Zahl der Aktiven auf etwa 5.000 bundesweit gesunken (Ende 2004). Neben dem Kampf gegen das „repressive System“ und die Kernkraft spielt der Einsatz gegen „Rassismus“ und „Faschismus“ eine unverndert große Rolle. Die auch gewaltsame Auseinandersetzung mit Gruppierungen der Neo-NS- und Skinhead-Szene wird gesucht. Zudem hat das Antiglobalisierungsthema an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung lsst sich in hnlicher Weise fr sterreich (z. B. von zahlreichen Gewalttaten begleitete Demonstrationen gegen die im Februar 2000 gebildete VP/FP-Regierung) und die Schweiz (z. B. Demonstrationen gegen die Gipfeltreffen des World Economic Forum in Davos) konstatieren (Bundesministerium fr Inneres/Bundesamt fr Verfassungsschutz und Terrorismusbekmpfung 2005; Bundesamt fr Polizei 2004, 18 ff.). Seit Jahren wird das Gros linksextrem motivierter Gewalttaten von Aktivisten der Autonomen-Szene verbt. In quantitativer Hinsicht ging das Ausagieren in Form der Straßenmilitanz (zumeist am Rande von Demonstrationen) in den 1990er Jahren im Vergleich zum vorhergehenden Jahrzehnt zurck (wichtige Ausnahme: „Revolutionre 1. Mai-Demo“ in Berlin und anderen Stdten). Kleingruppenorientiertes Handeln wurde dagegen hufiger (Mletzko 1999, 103). Seit ihrer Entstehung sind in der autonomen „Szene“ „Militanzdebatten“ um Legitimitt, Bedingungen, Modalitten und strategische Erfordernisse des Einsatzes von Gewalt gefhrt worden (Mletzko 2001, 543 ff.). Jene Gruppen, die Gewalt als Mittel im „revolutionren Kampf“ grundstzlich befrworteten, orientierten sich berwiegend am Terrorkonzept der Revolutionren Zellen (RZ), die in kritischer 45

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Quelle: Verfassungsschutzberichte des Bundes; BKA, Definitionssystem „Politisch motivierte Kriminalitt“.

Auseinandersetzung mit der Rote Armee Fraktion (RAF) auf technisch wie legitimatorisch aufwendige und risikoreiche „Aktionen“ wie Geiselnahmen und gezielte Tçtungen verzichteten und sich statt dessen auf Anschlge gegen Sachen konzentrierten (Zur Strategie von RAF und RZ: Fetschner/Rohrmoser 1983). Sie gerieten damit allerdings insofern in ein strategisches Dilemma, als unblutige Sachbeschdigungen in aller Regel nicht das gewnschte Ausmaß an Publizitt erzielten, zumal Hufigkeit und Stereotypie der Vorflle Gewçhnungsprozesse und Indifferenz in der ffentlichkeit begnstigten. Die strategischen Hauptziele des Gewalteinsatzes: Verunsicherung und Provokation des Gegners sowie Mobilisierung der Sympathisanten, wurden auf diese Weise nur in bescheidenem Maße erfllt. In den Militanzdebatten meldeten sich daher immer wieder Stimmen zu Wort, die dafr pldierten, ber bloße Sachbeschdigungen hinauszugehen. Diese Stimmen mehren sich seit einiger Zeit – nicht zuletzt eine Folge der Schwchung der „Szene“, deren Versuche berregionaler Organisierung gescheitert sind und die berdies an Aktiven und an Mobilisationskraft – wie etwa die Beteiligung am Protest gegen die Castor-Transporte zeigt – eingebßt hat. Im Juni 2001 trat erstmals eine militante gruppe (mg) unter diesem Namen in Erscheinung. Der Regierungsbeauftragte fr die Entschdigung der Zwangsarbeiter, Otto Graf Lambsdorff, und zwei Vertreter der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, Manfred Gentz und Wolfgang Gibowski, erhielten in Briefen jeweils eine scharfe Kleinkaliberpatrone und ein Drohschreiben. In der Begrndung fr diese Aktion hieß es: „Fr uns als militante AktivistInnen steht eine Debatte um den Einsatz von weitergehenden Mitteln an; und zwar eine Debatte in alle erdenklichen Richtungen. Wir mssen die Ebene der reinen Proklamation von ,revolutionren Ansprchen verlassen, wenn unsere militante Politik zu einem wirkungsvollen Faktor in der 46

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Konfrontation bspw. mit der Stiftungsinitiative werden soll.“ (Interim Nr. 529 vom 28. Juni 2001, 20 f.; zitiert nach: Bundesministerium des Innern 2003, 155.) Die mg unterstrich ihr Pldoyer fr „weitergehende Mittel“ seither durch eine Reihe von Anschlgen. In begleitenden Bekennerschreiben und Stellungnahmen in dem linksextremen Organ Interim hat sie sich mehrfach mit Aufrufen zu einer Fortentwicklung gewaltorientierter politischer Strategien zu Wort gemeldet. Der ausfhrlichste Text erschien am 9. Mai 2002 in Interim. In dem Text griff die Gruppe Anregungen zweier anderer im Untergrund operierender „autonomer“ Gruppierungen auf, der autonomen miliz (am) und der revolutionaeren aktion carlo guiliani. Es gelte, eine gemeinsame Plattform zu finden, um das Handeln hnlich denkender Gruppen innerhalb des „autonomen“ Spektrums zu koordinieren. Die mg wollte damit dem Auflçsungsprozess berregionaler „autonomer“ Organisationszusammenhnge eine gewaltorientiert-autonome Antwort entgegensetzen. Das Papier beschreibt diesen Lçsungsweg auf ideologischer, organisatorischer und strategischer Ebene. An der von der mg angestoßenen Debatte beteiligten sich mehrere militante Gruppen in Berlin und Sachsen-Anhalt. Whrend Gruppen wie die autonome miliz eine Debatte ber „Exekutionen“ als Triebkraft des revolutionren Prozesses befrworteten, lehnten sie „Autonome Gruppen“ und die Verfasser eines „Clandestino“-Papiers ab (Senatsverwaltung fr Inneres Berlin/Abteilung Verfassungsschutz 2003b, 57 ff.). Gewaltakte gegen Sachen lçsen trotz ihrer bedeutsamen Grçßenordnung und des alljhrlich betrchtlichen materiellen Schadens weit weniger çffentliche Resonanz aus als die Gewalt gegen Personen, wie sie frher die 1992 formell aufgelçste RAF praktizierte. Dieser marxistisch-leninistische, Vertreter des „Schweinesystems“ gezielt liquidierende Linksterrorismus ist in Deutschland – anders als in Italien, wo eine neue Gruppe der Brigate Rosse noch im Mrz 2002 den Arbeitsrechtler und Regierungsberater Marco Biagi ermordete (Benedetti 2002) – vor einigen Jahren zum Erliegen gekommen.

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Wechselwirkungen und Interaktionen

Makrosoziologische Systembedingungen, sozialstrukturelle Merkmale, in der Bevçlkerung verbreitete Einstellungen/Werthaltungen, damit verbundene sozialpsychologische Dispositionen sowie politische Institutionen-Arrangements bilden einen Rahmen, innerhalb dessen nach politischem Einflussgewinn strebende Akteure handeln. All diese Faktoren lassen jedoch keine hinreichenden Aussagen darber zu, warum ein Akteur X unter gleichen Bedingungen zu einer bestimmten Zeit erfolgreich ist, whrend Akteur Y scheitert. Wer Aussagen ber mçgliche Entwicklungen in der Strke (messbar etwa anhand der Zahl der Aktiven oder der Handlungsfrequenz) extremistischer Akteure treffen will, muss daher den Fhigkeiten, Interdependenzen, Wechselwirkungen, Interaktionen und Konstellationen von Akteuren Beachtung schenken. Den Faktoren Persçnlichkeit und Kontingenz ist dabei neben den strukturellen Rahmenbedingungen des sozialen und 47

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politischen Systems angemessen Rechnung zu tragen (Eckert und Willems 1996, 95 ff.). In den Kategorien der politischen konomie (rationale Wahl, Spieltheorie) stehen politische Akteure untereinander in einem Wettbewerb auf einem durch Angebot und Nachfrage geprgten politischen Markt. Extremistische (den im Verfassungskern zum Ausdruck kommenden Basiskonsens negierende) Akteure gewinnen unter den Bedingungen pluralistisch-demokratischer Systeme dann Marktanteile, wenn „etablierte“ demokratische Akteure an Wettbewerbsfhigkeit einbßen und Marktlcken entstehen. Die Dynamik extremistischer Akteurskonstellationen lsst sich somit nur angemessen erfassen, wenn das gesamte Feld politischer Akteure in die Betrachtung einbezogen wird. Extremistische/systemfeindliche Akteure folgen im Kampf um politischen Einfluss unterschiedlichen strategischen Optionen: Sie kçnnen gewaltfrei-legalistisch oder gewaltorientiert agieren, aber auch einen Strategiemix bevorzugen. Mit der Intensitt der Systemfeindschaft steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der betreffende Akteur die Option gewaltorientierter Praxis in sein politisches Kalkl einbezieht. Die Bestimmung des Ausmaßes der Systemfeindschaft erfordert eine genaue Beobachtung und Auswertung der in entsprechenden extremistischen Medien gefhrten Programm- und Strategiedebatten. Die Strategiewahl extremistischer Akteure folgt dem Kosten-Nutzen-Kalkl mit Blick auf strategische Fernziele wie auf taktische Nahziele. Die Rationalitt der Kosten-Nutzen-Kalkulation ist in hohem Maße von den ideologischen Grundannahmen der Akteure abhngig. Die spezifische Rationalitt extremistischer Akteure erschließt sich also erst durch die Binnenbetrachtung des ideologischprogrammatischen Selbstverstndnisses samt seiner Prmissen. Sogar in pluralistischen Systemen wahlpolitisch engagierte extremistische Akteure kçnnen in enger Verbindung zu im Untergrund operierenden Terrorgruppen stehen (Beispiele: Herri Batasuna/ETA, Sinn Fein/IRA, Hisbollah) (Weinberg/ Pedahzur 2003). Keine der deutschen Flgelparteien (NPD, DVU, REP – PDS, DKP, MLPD) hat bislang eine solche Doppelstrategie verfolgt. Allerdings lsst sich in einigen Fllen die Neigung feststellen, militante „Szenen“ („Autonome“, „Neonazis“, „Skinheads“) als Rekrutierungsreservoir zu nutzen oder auch temporre Bndnisse einzugehen. NPD wie PDS verquicken „Wahlpolitik“ mit außerparlamentarischem Druck auf der Straße und kçnnen daher bei ideologisch verwandten, militanzorientierten Akteuren attraktiv erscheinen. Dieser Effekt verringert sich mit abnehmender Systemfeindschaft und wachsender politischer Akkulturation. Er ist daher bei der NPD weitaus strker ausgeprgt als etwa bei der PDS. Je ausgeprgter sich die Systemfeindschaft der Links- und Rechtsaußenparteien artikuliert, desto mehr begnstigen sie indirekt gewaltfçrmig auftretende politische Militanz. Unversçhnliche Systemfeindschaft und aggressive politische 48

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Feindbilder („Rechte“, „Faschos“, „Linke“, „Zecken“, „Auslnder“, „Asylanten“, „Asos“, „Bonzen“, „Bullen“) nhren den Legitimittsglauben militanter Gruppen und stimulieren deren Gewaltbereitschaft. Neben desintegrierenden Effekten gehen insbesondere von partiell akkulturierten extremistischen Akteuren mit vorwiegend wahlpolitisch ausgerichteter Strategie integrierende Effekte aus. Solange sie ihre systemkritischen/systemfeindlichen Forderungen in den gewaltfreien Konfliktaustrag der pluralistischen Parteienkonkurrenz einbringen, binden sie ihre Anhngerschaft in geregelte Verfahren der Diskussion, Kompromiss-Suche, Mehrheitsbeschaffung usw. ein. Der Integrations-/Desintegrationssaldo wird wesentlich vom Grad der Systemfeindschaft und der entsprechenden ideologischen Kosten-Nutzen-Kalkulation bei der Beurteilung gewaltorientierter Strategien bestimmt. Die NPD drfte derzeit in Deutschland diejenige extremistische Partei sein, bei der der Integrations-/Desintegrationssaldo am strksten zuungunsten der integrierenden Effekte ausfllt. Die Integrationskraft gewaltfrei-legalistisch agierender Links- und Rechtsaußenparteien gegenber militanten Akteuren wird insbesondere vom Grad ideologischer Affinitt, dem Ausmaß der Systemfeindschaft und der strategischen Ausrichtung bestimmt. Darber hinaus entwickeln sie Anziehungskraft durch ihre Fhigkeit, im politischen Wettbewerb Marktanteile (Indikatoren: Zahl der Anhnger und Whler) zu erobern. Diese Fhigkeit setzt gnstige Rahmenbedingungen und „Gelegenheitsstrukturen“ ebenso voraus wie eigene Strken: ausreichende personelle (u. a. geschultes Personal, charismatische Fhrung), organisatorische und finanzielle Ressourcen, attraktives ideologisch-programmatisches Angebot. Erfolgreiche legalistisch-extremistische Wahlbewegungen vermindern die Anziehungskraft militanter strategischer Optionen bei ideologisch verwandten Akteuren. Umgekehrt kann das Ende einer wahlpolitischen Erfolgsserie die Rckkehr ideologisch verwandter Akteure zu militanten Strategien begnstigen. Ein hnlicher Zusammenhang besteht zwischen sozialen Bewegungen mit zunehmender/abnehmender Dynamik und deren militanten Rndern. Eine abklingende Protestdynamik von Parteien oder sozialen Bewegungen (Indikatoren: Stimmenverluste bei Wahlen, abnehmende Teilnehmerzahl bei Demonstrationen) begrndet also fr die nahe Zukunft die Vermutung steigender Militanz bei ideologisch verwandten, gewaltgeneigten Akteuren. Auch eine Betrachtung der Wechselwirkungen und Interaktionen ideologischer Antipoden ermçglicht Aussagen ber mçgliche stimulierende Effekte. Fr wahlpolitisch-legalistisch agierende rechts- und linksextreme Parteien ebenso wie fr links- und rechtsmilitante Akteure gilt: Sie alle gewinnen einen Teil ihrer politischen Identitt aus der Konfrontation mit dem Kontrahenten. Besonders in Phasen ideologischer Umorientierung und Neudefinition, in denen Unklarheit und Unsicherheit ber die eigenen programmatischen Inhalte und Ziele besteht (stark absinkende Wahlmobilisation politischer Parteien, abebbende Protestdynamik sozialer Bewegungen, Untergang ideologisch verwandter Regime), gewinnen 49

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Anti-Haltungen und Feindbild-Konstruktionen oft berragende Bedeutung. Feindbilder, die sich in besonderer Weise mit ideologisch entfernten Antagonisten verknpfen lassen, fçrdern die Identittsbildung und ermçglichen die Integration ideologisch-strategisch verwandter Akteure. Dieser Zusammenhang gilt fr die extreme Rechte allerdings in geringerem Maße als fr die extreme Linke. Der Antikommunismus hat fr die extreme Rechte seit dem Untergang des „real existierenden Sozialismus“ an programmatischer Bedeutung und integrativer Kraft eingebßt. Er war ohnehin schon zuvor bei jenen Formationen schwcher ausgeprgt, die sich stark am historischen Vorbild des Nationalsozialismus orientierten. Dies gilt auch fr die NPD mit ihrer spezifischen Form des Antikapitalismus. Im Vordergrund steht hier der Kampf gegen das „liberale System“. Dagegen ist die legitimatorische Ressource Antifaschismus fr Linksaußenformationen wie PDS, DKP oder MLPD noch kostbarer geworden. Der Antiislamismus hat darber hinaus seit dem 11. September 2001 fr Rechts- wie Linksaußenformationen an Bedeutung gewonnen, findet aber hierzulande nicht gengend Resonanz und scheint als ideologisches Phnomen berdies zu „sperrig“ zu sein, um die Bedeutung der Antipoden auf der RechtsLinks-Achse zu berflgeln. Das Legitimittsbewusstsein extremistischer Akteure kann durch die Verbreitung verwandter Werthaltungen in Teilen der politischen Kultur und/oder deren Artikulation von Seiten der verçffentlichten Meinung stimuliert werden (Indikator: Grad der Verbreitung bestimmter Meinungen und Werthaltungen, Methode: Meinungsforschung, Medienanalysen). Wegen der starken gesellschaftlichen Verankerung des Antifaschismus/Antinationalsozialismus insbesondere in den gebildeteren Schichten der deutschen Bevçlkerung (Antifaschismus/Antinationalsozialismus gilt als Selbstverstndlichkeit, Antikommunismus mitunter als „primitiv“) begnstigt dieser die Gewinnung sozialer Akzeptanz. Linksaußenformationen profitieren insofern von der Vitalitt des Antifaschismus. Rechtsaußenformationen stoßen aus diesem Grunde in gebildeteren Schichten und bei weiten Teilen der verçffentlichten Meinung auf strkeren Widerstand als Linksaußenformationen. Sie profitieren wiederum von einem fluktuierenden Potenzial fremdenfeindlicher und (rechts-)autoritrer Einstellungen. Aus dem wechselseitigen Feindverhltnis folgt nicht notwendigerweise eine Eskalation (oder Deeskalation) der politischen Flgel. Hohe Wahlresultate rechtsaußen haben weder zwangslufig eine Strkung noch eine Schwchung des linken Flgels zur Folge. Mittel- und langfristig kçnnen dezidiert linke Protestwellen aber die Entstehung einer rechten Gegenwelle hervorrufen. Diesen Zusammenhang stellen vergleichende Untersuchungen zu rechtspopulistischen Parteien im westlichen Europa heraus (Kriesi 1995; Ignazi 2003). Nicht zuletzt strukturelle Gemeinsamkeiten (autoritre Einstellungspotenziale, Antipluralismus/Monismus, Antiparlamentarismus, Manichismus, FeindbildKonstrukte, Verschwçrungstheorien usw.) ideologisch in vielerlei Hinsicht diffe50

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rierender und kontrrer systemkritischer/systemfeindlicher Parteien/Bewegungen erklren die Tatsache, dass sie zu Konkurrenten bei der Mobilisation vagabundierender Protestpotenziale werden. Splittinganalysen bei Wahlen legen Schnittmengen bei den Whlerschaften von Links- und Rechtsaußenparteien offen. Die PDS bindet in den çstlichen deutschen Lndern einen Teil des rechten Protestpotenzials (bei der Wahl in Sachsen-Anhalt 1998 gaben 22,2 Prozent der DVU-Whler ihre Erststimme der PDS) (Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt 1998, 24). Lsst diese Bindekraft nach (z. B. infolge der Zhmung der PDS durch Betonung der Reformorientierung und/oder die Einbindung in Koalitionsregierungen), kçnnen Formationen rechtsaußen davon profitieren (LTW Sachsen 2004: Direktstimmenanteil der PDS bei NPD-Listenwhlern: 14 Prozent) (Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen 2004, 27). Das Gros politischer Gewalttaten in Deutschland geht seit mehr als zwei Jahrzehnten von den jugendlich-subkulturellen „Szenen“ der „Autonomen“ und (rechtsextremen) „Skinheads“ aus. Beide Gruppen grenzen sich in Verhaltensund Umgangsformen, Symbolen und Kleidung provokativ von ihrer sozialen Umgebung ab. Beide betonen das Recht des Egos auf totales Ausleben der eigenen Wnsche und Ansprche. Beide verfgen ber keine annhernd geschlossenen Weltbilder, allenfalls ber einen schmalen Konsens mit Blick auf Feindbilder und wenige konkrete politische Forderungen. Vielfach verbindet die jeweilige „Szene“ nur das schiere Sich-Auflehnen gegen alles Bestehende, die trotzige Negation, die pure Verachtung gegenber sozialen Normen und/oder den Verfahrensregeln und Institutionen des Staates. Nicht selten ist die aggressive Abgrenzung nach außen mehr Folge persçnlicher Identittsprobleme und Frustrationen als tief internalisierter politischer berzeugungen. Allerdings drfte dies fr „Skinheads“ in hçherem Maße gelten als fr „Autonome“ (Erb 2003). In ihrem Inneren sind die militant-extremistischen Jugendgruppen durch parallele Prozesse der Homogenisierung von Selbstdefinitionen, Feind- und Weltbildern bestimmt (Wetzstein et al. 1999). Die Tendenz zum Manichismus findet sich nicht nur in ethnozentrischen, sondern auch in ideologisch ganz anders ausgerichteten Gruppenkulturen. Ungeachtet ihrer strukturellen Gemeinsamkeiten formen „Autonome“ und „Skinheads“ ihr Selbstbild nicht zuletzt durch die wechselseitige Konfrontation. Der „Kampf gegen rechts“ und die Verachtung der „linken Zecken“ sind fester Bestandteil der jeweiligen Identitt. ber ihre ideologisch-programmatische Gegenstzlichkeit hinaus rekurrieren sie auch auf unterschiedliche Mentalittsbestnde: Autonome lassen sich mit ihrer Ablehnung von Autoritt und gesellschaftlichen Konventionen das ins Extreme gesteigerte Spiegelbild der „postmateriellen“ Generation deuten, die sich antiautoritr gebrdete und das Ideal der Befreiung von allen gesellschaftlichen Zwngen propagierte. Dagegen kultivieren die Skinheads mit der Betonung militrischer Tugenden wie Ordnung, Dis-

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ziplin und Sauberkeit unbewusst einen Affekt gegen die „postmateriellen“ Werte der „68er“ Revolte und ihrer Auslufer. Im Vergleich zu Autonomen und Skinheads muss die Neo-NS-„Szene“ (mit Ausnahme terroristischer Anstze bei einigen „Freikorps“ und „Kameradschaften“) als weniger gewaltorientiert gelten. Ihre Aktiven zeigen eine hçhere Bereitschaft, sich strategisch begrndeten Direktiven zu unterwerfen. Ihre „Aktionen“ zielen in erster Linie auf Mobilisation durch Provokation. Staatliche Reaktionen wirken auf die Strukturen militant-extremistischer „Szenen“ zurck. So ist die Neo-NS-„Szene“ in der Kriminalittsstatistik vor allem wegen der Vielzahl an Meinungs- und Propagandadelikten prsent. Die Frage drfte nicht abwegig sein, ob diese Deliktgruppen womçglich mehr zur Existenzsicherung (Provokationswirkung, Mrtyrereffekte) als zur Bekmpfung der „Szene“ beitragen. Verbotsverfahren (seit den 1980er Jahren ausschließlich gegen rechtsextreme Gruppierungen) bestimmen die strategischen Erwgungen der betreffenden Akteure. Kurzfristige Erfolge (Verunsicherung, partieller Rckzug) kçnnen sich mittel- und langfristig in Misserfolge (neue Organisationsbildungen, Entstehung informeller Netzwerke, Ausformung eines gewaltorientierten Untergrundes) verwandeln. Autonome, Neonationalsozialisten sowie (rechtsextreme) Skinheads pflegen nicht nur wechselseitige Feindbilder, sondern gehen gegeneinander auch gewaltsam vor. Die schon in den 1980er Jahren aktive militante „Antifa“ fand in der „Anti-Antifa“ seit Anfang der 1990er Jahre einen Gegenpol. In den 1990er Jahren wendete die „Antifa“ gegen ihre Kontrahenten nach den von Verfassungsschutz und BKA verçffentlichten Zahlen (siehe Diagramme 3) in deutlich hçherem Maße Gewalt an als umgekehrt.1

1 Auf der BKA-Konferenz in Wiesbaden wurde die Validitt dieser auf Lnderebene erhobenen Daten von anwesenden Experten (auch aus dem BKA selbst) wegen unterschiedlicher Erfassungskriterien, der Vernderung der Erfassungskriterien im Zeitablauf und der unterschiedlichen Erfassungsintensitt in Zweifel gezogen. Die Verbesserung der Datenqualitt ist ein dringendes Desiderat. Dennoch drften sich aus den Kurvenverlufen der Diagramme 3 und 4 Tendenzaussagen ableiten lassen.

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Quelle: Verfassungsschutzberichte des Bundes; BKA, Definitionssystem „Politisch motivierte Kriminalitt“.

Der Anteil der von Rechts- an (angeblichen) Linksextremisten verbten Gewalttaten lag nur in den Jahren 1995 bis 1997 geringfgig unter dem Niveau der von Links- an (angeblichen) Rechtsextremisten verbten (siehe Diagramm 4). In den brigen Jahren lag der Anteil der von Links- gegen Rechtsextremisten verbten Gewalttaten weit ber dem der von Rechts- an Linksextremisten begangenen. In den Jahren 2002 und 2004 belief er sich sogar auf ber 50 Prozent. Hier scheint sich zu besttigen, dass das „rechte Feindbild“ fr die politische Identitt von Linksextremisten erheblich bedeutender ist als umgekehrt. Zudem drfte die grçßere Aktionseffizienz der durchschnittlich lteren und intelligenteren Aktivisten aus der linksmilitanten „Szene“ eine Rolle spielen. berdies findet der „Kampf gegen rechts“ grçßere soziale und mediale Untersttzung als der „Kampf gegen links“ – den so niemand propagiert.

Quelle: Eigene Berechnung auf der Grundlage der Angaben in den Verfassungsschutzberichten des Bundes; BKA, Definitionssystem „Politisch motivierte Kriminalitt“.

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Die in den Diagrammen 3 und 4 dokumentierte Gewaltentwicklung sttzt folgende Vermutung: Der im Jahr 2000 ausgerufene „Aufstand der Anstndigen“ hatte einen ungewollten Werbeeffekt fr rechtsextreme Gruppierungen und bte eine stimulierende Wirkung auf linksextreme Gegenmilitanz aus. Symbolische Politik, erhçhte çffentliche Aufmerksamkeit und intensive (oft sensationslsterne) Medienberichterstattung kçnnen extremistische Militanz wider Willen anstacheln. Autonome agierten in den 1980er und 1990er Jahren nicht selten am Rande linker Protestgruppen – mit sinkender Tendenz. Neonationalsozialisten und rechtsextreme Skinheads verfgten ber keine hnlichen Protestbewegungen, an deren Rand sie htten agieren kçnnen. Die Qualifikation des Rechtsextremismus als „soziale Bewegung“ erfasst dessen Selbstverstndnis, legt jedoch abwegige Annahmen ber dessen Mobilisationsfhigkeit nahe (siehe hierzu: Pfahl-Traughber 2003). Immerhin ist die Teilnehmerzahl rechtsextremer Aufmrsche seit den 1990er Jahren gestiegen. Der hoch-organisierte nicht-gewaltttige wie der schwach-organisierte gewaltttige politische Extremismus haben insbesondere infolge der Transformationsproblematik im çstlichen Deutschland im Vergleich zu den 1980er Jahren an Bedeutung gewonnen, durch die Einbindung in die konsolidierte Demokratie des westlichen Deutschland jedoch keine systemgefhrdende Dimension erreicht. Vom Prozess der Demokratiekonsolidierung im çstlichen Deutschland (auf der institutionellen und politisch-prozessuralen, der Verhaltens- wie der Einstellungsebene (Zu den Analyseebenen von Prozessen der Demokratiekonsolidierung: Merkel 1999, 143 ff.)) drfte die weitere Entwicklung der Extremismen samt ihrer Interaktionen und Interdependenzen wesentlich abhngen.

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Lorenz Bçllinger

Die Entwicklung zu terroristischem Handeln als psychosozialer Prozess

Was geschieht mit einem Individuum, wenn es sich einer terroristischen Gruppe anschließt? Hierzu wird ein sechsstufiges Karrieremodell vorgestellt, empirisch gewonnen aus den Lebenslaufanalysen zu RAF-Akteuren der 1970er Jahre. Mit aller Vorsicht wird das Modell auf den aktuellen Terrorismus angewandt. Dabei zeigen sich gewisse Parallelen in den Entwicklungslinien. Einige praktische Konsequenzen werden angedeutet. Nach den Anschlgen des 11. September 2001 ist an ein deutsches Projekt zur Erforschung der individuellen, gruppenspezifischen, gesellschaftlichen und ideologischen Bedingungen fr Terrorismus zu erinnern. Ab 1977 – es war der Hçhepunkt des Linksterrorismus in der Bundesrepublik – hat eine etwa zwanzigkçpfige interdisziplinre Wissenschaftlergruppe drei Jahre lang daran gearbeitet. Im Teilprojekt „Lebenslaufanalysen“ habe ich damals Tiefeninterviews mit sieben wegen linksterroristischer Taten Verurteilten gefhrt. Im brigen hat das Team durch Analysen von Straf- und Jugendamtsakten, durch Interviews mit Angehçrigen, Freunden und Lehrern, durch Auswertung von Selbst- und Fremdzeugnissen etc. smtliche nur irgend zugnglichen Informationen fr die Rekonstruktion der Biografien ausgewertet. Die „Analysen zum Terrorismus“ sind fnfbndig erschienen (siehe Bundesminister des Innern 1981–1984), aber quasi in der Schublade verschwunden. Ihre Ergebnisse sind von allgemeiner Bedeutung und auch heute relevant. Mag der aktuelle Terrorismus – hierunter fasse ich verschiedene Einzelphnomene (wie die September-Attentter, Palstinenser, Taliban, Al-Qaida und ,Global-Terroristen) tentativ zusammen – durch die entwickeltere Technologie, Kommunikation und globale Vernetzung gefhrlicher und wirksamer sein, so lassen sich doch Parallelen ziehen.

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Probleme und Prmissen psychosozialer Analysen zum Terrorismus

Der Gegenstand ,Terrorismus war und ist der Forschung schwer zugnglich. Die Maßstbe sonstiger sozialwissenschaftlicher Untersuchungen kann man hier nicht zugrunde legen (Jger 1983). Theorien ber primre Faktoren und lineare Kausalzusammenhnge, welche die Entstehung von Terrorismus oder das individuelle Verhalten der Beteiligten erklren oder vorhersagen lassen, ergaben sich aus unserer Untersuchung nicht. Aber eine soziale Dynamik, eine Art bewegtes Phantombild ließ sich rekonstruieren: mannigfache Wechselwirkungen sowie die Abhngigkeit individueller Entwicklung von historischen und sozialen Konstellationen, nicht zuletzt auch zuflligen Bedingungen.

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Probleme der Definition des Terrorismus und der schwierigen Abgrenzung zwischen Freiheitskampf und Terrorismus sowie zwischen verschiedenen Kategorien des Terrorismus (sozialrevolutionr, staatlich, religiçs, profitorientiert etc.) sind nur soziologisch, normtheoretisch und vçlkerrechtlich zu klren. Der Charakter auch einer Freiheitsbewegung kann sich im Zeitverlauf enorm ndern: von hehren Idealen zu schbigem Egoismus oder grausamem Sadismus. Jedenfalls haben Kriegsgruel, die ja nicht von allen Beteiligten gleichermaßen ausgebt werden, immer auch etwas mit individueller Persçnlichkeitsstruktur zu tun. Will man die individuellen Entwicklungen verstehen, die zur Verstrickung in terroristische Aktionen fhren, sind einige methodologische Grundannahmen zu beachten. (1.) Lebenslufe von Terroristen werden nicht als isolierbare Einzelschicksale, als Abweichung und Fehlentwicklung untersucht, sondern im gesellschaftlichen und historischen Kontext. (2.) Der Prozess der individuellen Verstrickung in kollektives Handeln verluft stufenweise. Rekonstruiert werden Kontingenzen, also auf jeder Entwicklungsstufe oder -phase eigenstndige, maßgebliche Bedingungen des weiteren Verlaufs. Auch wenn es den Anschein hat, dass die terroristische Orientierung schlagartig im Sinne einer „Epiphanie“ eines Bekehrungserlebnisses erfolgt1, muss dem ein gemß dem Stufenkonzept beschreibbarer innerindividueller oder kollektiver Prozess vorausgegangen sein, der aus einem letzten, nicht fr sich genommen adquaten Anlass den „Umschlag“, den „qualitativen Sprung“ bewirkt. (3.) Zu unterscheiden ist zwischen den sozialen und gegebenenfalls globalen Entstehungsbedingungen des Terrorismus als kollektiver Bewegung, den bewussten, artikulierten, sowie den verdeckten, unbewussten persçnlichen Motiven und Bedrfnissen, die Einzelne dazu veranlasst haben, sich einer terroristischen Gruppe anzuschließen. Es interessiert vor allem die Frage: Warum werden unter denselben obwaltenden sozialen oder subkulturellen Bedingungen nur extrem wenige Einzelne zu Terroristen? (4.) Der individuelle Anschluss an die Gruppe und spter – nachdem die Gruppe insgesamt sich radikalisiert hat – die konkrete Tatmitwirkung kçnnen von unpolitischen Beweggrnden mitbestimmt sein. Zunchst: Bedrfnisse nach menschlicher Bindung, nach Sicherheit, nach Geborgenheit in der Gruppe, nach Anerkennung, Strkung des Selbstwertgefhls, Erfolgserlebnissen, nach Sinnhaftigkeit und Lebensorientierung, aber auch nach Abenteuer, Macht, Beteiligung an historischen Ereignissen haben Bedeutung. Spter ist es die mçglicherweise totale Entsublimierung von Aggression, enthemmt und gerichtet zum einen durch das Gruppen-ber-Ich, dem sich das

1 Mndliche Anmerkung von Roland Eckert auf dem im vorliegenden Band dokumentierten Expertenkolloquium vom 30. Mrz bis 1. April 2005.

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individuelle Gewissen unterordnet, zum anderen letztlich sogar durch die vçllige „Abgabe“ des individuellen Ichs an das Gruppen-Ich. (5.) Unter kulturell und sozio-çkonomisch vçllig anderen Bedingungen oder angesichts historisch berkommener Konflikte mit ethnischen, religiçsen oder auch çkonomisch definierbaren Minoritten (z. B. Nordirland, Baskenland, Palstina, Ceylon) besteht die Mçglichkeit einer primren Devianz einer ganzen Großgruppe, in die ein Individuum hineingeboren wird und woraus es seine primren Identifizierungen und Wahrnehmungsstrukturen bezieht. Hier mag es aufgrund von Familienkonflikten umgekehrt zu Abweichungen von der die kmpferische Aggressivitt legitimierenden Gruppennorm kommen. Auch hier ist aber die Gruppendrift und -identitt mit ber-Ich- und Ich-Abgabe-Mechanismen der letztlich maßgebliche Faktor fr die Handlungsbereitschaft. (6.) Fr die unbewussten Motive spielen ganz zwar frhe, vor der Bewusstseinsund Sprachentwicklung stattfindende und relativ stabile neuro-physiologische Affekt-Strukturierungen (Bedrfnisse, Angst, Wut etc.) eine entscheidende Rolle, und zwar in Abhngigkeit von der Qualitt erlebter frhkindlicher Beziehungen. Aber das sind keine hinreichenden Bedingungen im Sinne linearer Kausalitt: Sie bedrfen enthemmender Prozesse im Sinne der 4. These. (7.) Bewusste Perzeptionen, Selbstverstndnisse, Ideologien, Sinndeutungen bezglich Selbst- und Außenwelt sind im Prinzip sekundr, abhngig von inneren Wahrnehmungsstrukturen, die wiederum mit der primren Affektstruktur zusammenhngen. Es handelt sich dabei gewissermaßen um psychische Rationalisierungen, Resultate eines intra-individuellen, affektiv-kognitiven, bewusst-unbewussten Interaktionsprozesses. Je defizitrer die frhkindlichen Beziehungen im Hinblick auf Konsistenz und Stabilitt des Schutzes und der Zuwendung, desto strker fixiert sich eine entsprechend verhaltensmotivierende Affektstruktur mit der Tendenz zur psychischen Stabilisierung und Abwehr von Ohnmachts- und Angstaffekten mittels perzeptiver Spaltung der Welt in Gut und Bçse sowie entsprechender Projektionen und Realittsverzerrungen – z. B. mittels Zugehçrigkeit zu und Verschmelzung mit einer idealisierten Gruppe oder Hass/Kampf gegen das als Bçses Perzipierte. Zum anderen spielt die vorgefundene Außenrealitt eine große Rolle: Je realer und unwiderleglicher die destruktiven und deprivierenden, leidvollen ußeren Tatsachen der inneren Realitt – Perzeption, Konstruktion – entsprechen, desto intensiver entwickelt sich eine affektiv und kognitiv untermauerte Opfer-Identifikation. Im brigen kann die kollektive Ideologie – z. B. Anti-Imperialismus – die bewusste Handlungsmotivation qua Spaltungsmechanismus verstrken, bleibt aber sekundre Konstruktion.

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Entwicklungsstufen der terroristischen Karriere

In der Untersuchung des deutschen Links-Terrorismus wurden idealtypisch sechs Entwicklungsstufen rekonstruiert. Dieses Karrieremodell orientiert sich am Interaktionsprozess zwischen individuellem Verhalten, Gruppenprozessen sowie gesellschaftlicher Struktur und staatlicher Reaktion. Im Folgenden werden die Stufen einzeln vorgestellt – zu dem heuristischen Zweck, den historisch und sozial so ganz anders gelagerten Al-Quaida-Terror anschließend darauf zu beziehen. Erkenntnisleitend ist die Frage, ob Parallelen zu den aktuellen Vorfllen gezogen werden kçnnen. Im Gegensatz zum deutschen Terrorismus wissen wir so gut wie nichts ber die psychosozialen Hintergrnde der heutigen Global-Terroristen. Erste Stufe: Frhe Belastungen in der Familie oder dem Familienersatz (z. B. Heim, Lager). Hierzu waren in den deutschen Terroristen-Biografien signifikante Vorflle erkennbar, die sich in Persçnlichkeitsstrukturen niederschlugen. Diese wirkten sich wiederum auf die Entscheidung – und die Geeignetheit – fr eine Gruppenintegration und das in der Gruppenentwicklung gezeigte Verhalten aus. Die gefundenen Belastungen waren – im Unterschied zur Normalbevçlkerung – immerhin so gravierend gewesen, dass sie zu schwerwiegenden Konflikten, nicht selten auch zum Bruch mit der Familie und der bisherigen Umwelt gefhrt hatten. Die Frhereignisse ließen uns die Bereitschaft verstehen, eine als bedrckend erlebte Umwelt zu verlassen und sich Gruppierungen mit kontrastierender Lebensweise anzuschließen. Besonders plausibel erschien das, wenn die Kindheit durch massive Zuwendungsausflle und soziale Defizite bestimmt gewesen war. Dann bot die sptere Gruppe, meist selbst erst im unaufflligen Anfangsstadium terroristischer Entwicklung, als Ersatzfamilie Geborgenheit und Lebensorientierungen. Als Alternative zum Konzept defizitrer Familiensozialisation bietet sich an, die kollektiv-defizitren Umweltbedingungen von Heim- oder Lager-Sozialisation zu betrachten. Hier haben die subkulturellen Bedingungen von vornherein zu Defiziten an konsistentem Zuwendungs- und Bindungserleben gefhrt und zugleich entsprechende kognitive Konstruktionen in Form kollektiver Phantasmen und Ideologien erzeugt. Hier erfolgt von vornherein ein Hineinwachsen in „abweichende Konformitt“, in das Empfinden von Ohnmacht und Wut sowie entsprechende Handlungsbereitschaften. Als weitere Alternative ist die „normale“ Sozialisation in einer primr devianten Gruppe denkbar (s. o. Eingangsthese 5), z. B. in von der Majoritt unterdrckten, ethnisch, religiçs, politisch oder sozio-çkonomisch definierten Minderheiten. Hier agiert das Individuum von vornherein in Anpassung an die unmittelbaren, affektiv basierten und im subkulturellen berbau kognitiv verankerten Umgebungsnormen. Innerfamiliale und zwischenmenschliche Konflikte werden von vornherein durch Projektion auf den „Außenfeind“ abgewehrt, desgleichen Schuldgefhle und Empathie. Das Kollektiv ist entweder schon radikalisiert 62

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oder driftet gemeinsam in den Extremismus. Familiale Konflikte kçnnen hier umgekehrt zu einer Loslçsung vom Extremismus fhren. Konkreter zu berprfen wre diese These an terroristischen Bewegungen in anderen Hemisphren (z. B. Sdamerika). Gibt es Anhaltspunkte bei den September-Terroristen, dass auch sie eine vergleichbare Anfangsstufe durchlebt haben? Hier einzuordnen sind Berichte, wonach insbesondere palstinensische Selbstmord-Attentter unter extrem defizitren Umweltbedingungen sozialisiert wurden, z. B. in Lagern oder als Brgerkriegswaisen. hnliches kçnnte fr die Taliban gelten, insoweit sie ohne Eltern und Frauen unter Bedingungen fanatisch-religiçser Gruppenmoral aufwuchsen. Bei denjenigen Attenttern, die aus wohlhabenden oder vergleichsweise intakten Sozialisationsbedingungen stammen, wre nach ußerlich nicht erkennbaren Merkmalen frhkindlicher Mangelsozialisation zu fragen. Vorliegen kçnnte auch eine besonders rigide ber-Ich-Struktur, welche ihre massive Identifizierung mit den Opfern beispielsweise des Palstina-Konflikts und ihre Integration in entsprechende Gruppierungen verstehbar machen wrde. Bei extrem kinderreichen Familien oder bei gestçrten Familienverhltnissen kme das in Betracht (wobei die Unterschiede der Sozialisationskulturen zu bercksichtigen sind). Denkbar ist jedoch auch eine von einer auch nur geringen frhkindlichen Entwicklungsstçrung vçllig unabhngige, durch subkulturelle Besonderheiten und allgemeine kulturelle Hintergrnde verstehbar zu machende Bereitschaft sich Kollektiven anzuschließen, welche irgendeine Entwicklungsperspektive versprechen. Der Islam, beispielsweise, legt eine derart nicht-individualistische Perspektive sicher nher als das Christentum. Zweite Stufe: Bruch mit der bisherigen Umwelt und oppositionelle Politisierung. Ablçsungsversuche fhrten die jungen Deutschen in unterschiedliche, zum Teil unpolitische Randgruppen, Lebens- und Wohngemeinschaften. Bald gelangten sie dann in den Einflussbereich von ,Gegenkulturen, vor allem der Studentenbewegung und deren sptere Auslufer. Die Politisierung folgte dem oftmals erst nach. Politische Einsicht war nicht notwendig der Auslçser, sondern hufig eine Phase persçnlicher Probleme und Konflikte. Bei der allmhlichen Integration in eine soziale Bewegung begegneten die jungen Deutschen neuen politischen und kulturellen Zielen sowie Hoffnung auslçsenden Verheißungen. Beteiligte erinnern, dass diese Zeit mit tiefreichenden Erfahrungen als mçglich erlebter Gesellschafts-, aber auch Selbst-Vernderung verbunden war. Im Gegensatz zur vorher erlebten Ohnmacht empfanden sie jetzt Wirkungsmchtigkeit, zuweilen sogar Euphorie. Bald folgte allerdings auch das frustrierende Erlebnis von Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft und von Gegenkrften staatlicher Institutionen. Teilweise geriet die staatliche Repression berschießend und berdehnte die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit. Auch wurde die Kriegsmetapher der Terroristen verschiedentlich ernst genommen (rigorose Haftbedingungen, geschmlerte Brgerrechte). Dies nhrte wiederum die Ohnmachtempfindungen und de63

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ren Abwehr durch Allmachtsphantasien der Terroristen, besttigte ihre Rationalisierungen und fçrderte die Eskalation. Fr diese Schaltstelle der terroristischen Karriere kann man brigens die kriminologische Anomie-Theorie Robert Mertons (1938) heranziehen: Eine Diskrepanz zwischen anerkannten Zielen und legitimen Zugangswegen zur Erreichung solcher Ziele kann abweichendes Verhalten auslçsen. Gesellschaftliche Zuschreibungsmechanismen (labeling) fhren zu einer entsprechenden Rollenbernahme durch dafr disponierte Individuen und Gruppen. Lassen sich vielleicht auch hierfr Parallelen im aktuellen Terrorismus finden? Zu denken ist an die sozialen, ethnischen und religiçsen Spannungen, an Unterdrckung, Ungleichheit, Diskriminierung und Not in der Nah-Ost-Region. An solchen Zustnden kçnnten selbst betroffene oder ,authentisch mitfhlende bzw. sich aufgrund innerpsychischer Bereitstellung identifizierende Individuen und dazu sich zusammenschließende Organisationen anknpfen. Mçglicherweise sind es zunchst helfende, dann aber zunehmend freiheitskmpferisch und politisch sich verstehende Aktivitten, Anklagen, Skandalisierungen, Zuschreibungen von Opfer- und Tterpositionen. Die in diesen noch undemokratischen Lndern herrschenden Cliquen ebenso wie die mchtigen westlichen Demokratien ignorieren teils hilflos, teils zynisch die Sozialprobleme. Die tatschlich oder mutmaßlich Verantwortlichen bleiben unttig oder betreiben eine heuchlerische, widersprchliche oder jedenfalls wenig perspektivische Interessenpolitik. All dies verstrkt den Regelkreis von Identifizierung und Polarisierung. Aus Enttuschung und Ohnmachtgefhlen resultieren wiederum Wut und Rachephantasien. Die Ohnmacht wird im Sinne des „David-erschlgt-Goliath“-Mythos in der Phantasie zu Allmacht umgekehrt. Das Gemisch aus Realittskonstruktion und Wut gebiert gruppendynamisch aufgeheizte Phantasien, Handlungsbereitschaften und letztlich Taten. Denkbar ist auch, dass eine Ethnie oder religiçs definierte Gruppe insgesamt in dieser Weise mit der herrschenden Kultur bricht und sich verselbststndigt (z. B. Palstinenser, Islamisten). Dritte Stufe: Rckzug in einen Kreis Gleichgesinnter. Graduell verschrft sich die Polarisierung zum reinen Freund-Feind-Denken. Damit schichten sich die Kontakte um, das Umfeld homogenisiert und beschrnkt sich, die Gruppe radikalisiert sich, driftet als Ganze in den Extremismus. Noch besteht allerdings ein lockerer Zusammenhang mit einem Umfeld: zum einen der sozialen Bewegung, aus der heraus sich einige Individuen radikalisiert haben und deren Ideen radikalisiert wurden, als deren heroisch-konsequente „Delegierte“ sich diese Einzelnen verstehen und fhlen konnten und von denen teils verhaltene Sympathie kommt, teils „klammheimliche Freude“ oder unverhohlene Akklamation. Daraus resultiert durchaus bereits eine Art Wechselwirkung, welche Grçßen- und Verachtungsgefhle gegenber der „passiven und furchtsamen Masse“ – eine Art KaderSelbstverstndnis und entsprechendes Machtgefhl – sowie entsprechende weitere Radikalisierung und Aktionen beflgeln kann. Zugleich reagiert die Bevçlkerungsmehrheit zunehmend abweisend und aggressiv. Es kommt zu einer 64

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Aufschaukelung von Absetzbewegung und Minorisierung, von Ausstieg und Ausgrenzung, von wechselseitiger Isolierung. Dies war im deutschen Falle das Vorstadium jener fr die spteren terroristischen Gruppen charakteristischen Abkoppelung und Denkisolation, in der eine Auseinandersetzung mit Gegenpositionen nicht mehr stattfand. Eine wesentliche Rolle spielen in dieser Dynamik die kollektiven Grçßenphantasien, an welchen wiederum das Individuum partizipiert. Die Grçßenphantasien werden doppelt verstrkt: einerseits durch die Ernstnahme und Zuschreibung der Staatsbedrohung seitens staatlicher Autoritten; andererseits durch die offene oder „klammheimliche“ Bewunderung, Identifizierung, Untersttzung oder gar Quasi-Delegation seitens eines seinerzeit linksextremen „Sympathisanten“-Umfeldes. Haben derartige Entdifferenzierungs-, Spaltungs-, Definitions- und Delegationsprozesse auch im heutigen Global-Terrorismus stattgefunden? Hierber kann man nur mutmaßen. Immerhin ist der Terrorismus auch im Nahen Osten trotz realer sozialer Dramatik kein Massenphnomen geworden. Religiçser Fundamentalismus oder die Bewunderung dieser „Heroen“ durch sozial deprivierte Massen – z. B. in den Palstinenserlagern – und damit einhergehende psychische Prozesse der Perzeptionsverzerrung und Realittsverleugnung kçnnen als Vorstufe bzw. Rekrutierungsfeld bzw. Sympathisanten-Umfeld im eben beschriebenen Sinne angesehen werden. Dem muss nicht widersprechen, dass einige der New Yorker Suizid-Terroristen jahrelang unauffllig in der westlichen Kultur gelebt haben. Ihrem Sendungsbewusstsein entsprach mçglicherweise ein Grçßengefhl des von einer großen, sympathisierenden, jedoch zu passiven oder furchtsamen Masse delegiert und auserwhlt Seins, welches ber Jahre hinweg eine Art bewusster, geradezu lustvoller Persçnlichkeitsspaltung ermçglicht haben kçnnte: Einerseits das unauffllige Mitschwimmen in der verachteten Kultur, andererseits – hnlich wie Geheimagenten – das Hochgefhl, eigentlich absolut berlegen zu sein und eine große, heimliche und legitimer Weise subversive, zugleich auch schtzende Macht hinter sich zu haben. Untersttzt wrde das durch den bekundeten Glauben an ein paradiesisches Jenseits, vielleicht sogar erotisiert durch die Verheißung der vielen Jungfrauen dort. Vierte Stufe: Konformismus in der Kontra-Kultur. In den deutschen Gruppen der 1970er Jahre vereinheitlichten sich Wertorientierungen und Realittsbeurteilungen. Es entstand ein Sinnsystem eigener Art, das Grenzen setzt, Hemmungen auslçst, Rcksichten und Loyalitten gebietet. In der nahezu vollkommenen Isolation von der Umwelt setzte es neue Standards von richtig und falsch sowie von gut und bçse. Die Gruppenmoral enthlt einen hohen Anteil ,normalen Sozialverhaltens und durchaus auch in brgerlichen Familien ansozialisierte Tugenden wie Treue und Verlsslichkeit, nur eben in einem anderen Bezugssystem. Die Betreffenden wollen Erwartungen erfllen und leiden unter Schuld- und Versagensgefhlen, wenn das nicht gelingt. So setzen sie sich aufgrund expliziter 65

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oder mutmaßlicher Aufforderung durch die Gruppe großen Gefahren aus, sind zu Gewalt und Tçtung imstande. Zweifel gegenber dem neuen Wertsystem werden durch rigide Entwertung als kleinbrgerliche Rckflle, Unzuverlssigkeit, Feigheit, Verrat sanktioniert; ein Entzug der Gruppengeborgenheit droht. Diese Phase der terroristischen Sondersozialisation konnte in der deutschen Studie besonders reichhaltig belegt werden. Gruppenloyalitten hatten fr die Beteiligung an terroristischen Aktivitten und damit fr ein fortgeschrittenes Stadium der terroristischen Karrieren zentrale Bedeutung. Der moralische Rigorismus erschien durch die frhe Sozialisation vorgeformt und wurde dann je nach umgebender Kultur weiter ausgestaltet. Maßgeblich dafr ist die zugrundeliegende Affektstruktur. Die inhaltlich legitimierenden Bewusstseinsinhalte sind austauschbar, nicht jedoch die Aktionsmoral. So wird die Gruppe zur Projektionsflche fr die individuellen, zur Abwehr der ursprnglichen Ohnmachtempfindungen geeigneten Allmachtsphantasien. Ich-Funktionen werden teilweise an die Gruppe abgegeben, und mit der berhçhten Organisation identifiziert man sich: Selber fhlt man sich so grandios wie die Gruppe sich selbst-idealisierend definiert. Das vermag primr gestçrte oder sekundr bzw. reaktiv durch den Stress der Aufschaukelung psychisch belastete Individuen zu stabilisieren. Dieser Prozess kann i. S. einer Trotz- und Verleugnungsreaktion, einer Verkehrung der narzisstischen Krnkung in Verachtung der „Schwachen“, noch interaktiv verstrkt werden durch eine allmhliche Abwendung und Distanzierung des „SympathisantenUmfeldes“. Sind diese Mechanismen nicht vielleicht universell? Kçnnten sie nicht auch bei aus anderen Kulturkreisen stammenden Menschen und fr international operierende Gruppen wirksam werden? Lediglich die Dimensionen und Legitimationsbzw. Rationalisierungsfiguren verschieben sich je nach historischem Anlass, nach Kultur und politischer oder religiçser Ideologie – und natrlich auch gemß den technologischen Mçglichkeiten. Im aktuellen Terrorismus ist es, verglichen mit dem deutschen Fall, nicht nur die pseudo-politische, auf ,Revolution gepolte Identitt, welche das Gruppengefge zusammenbindet und absoluten Gehorsam vermittelt. Die religiçse berhçhung, das rauschhafte Gefhl der Auserwhltheit und messianischen Sendung ermçglichen eine viel hçhere Gruppen- und Selbstidealisierung.2 Ferner mçgen auch hier kulturspezifische und religiçse Hinter2 Im Bezugsrahmen konventioneller Psychiatrie wre hier einmal an die Borderline-Flle zu denken. bertragen auf Gruppenprozesse ließe sich dann, angesichts des Verhaltens einiger Mitglieder terroristischer Gruppen, von einer kollektiven schweren Borderline-Psychopathologie sprechen. Fr die aktuellen Attentate bliebe dann noch zu klren, inwieweit das Konzept interkulturell trgt. Das Syndrom dient der psychischen Stabilisierung und hat als zentrale Kennzeichen: a. eine dichotomische Spaltung der Welt in absolut „Gute“ und „Bçse“; b. die damit einhergehende Verleugnung der ußeren Realitt; c. die Abwehr der Wahrnehmungs- und Gefhlsperspektive des Anderen; d. eine totale, als Gewissen- und Gemtslosigkeit erscheinende Einfhlungsstçrung (Dehumanisierung des konstruierten ,Feindes); e. keine gefhlsgetragene, nur abstrakt-virtuelle, auf das Gruppenziel beschrnkte Solidaritt mit den Mitkmpfern; f. Tçtungs- oder Todesbereitschaft zur Abwehr des narzisstischen Zusammenbruchs unter halluzinatorischer Realittsverleugnung.

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grnde die besonderen Ausformungen mit verstehbar machen, z. B. die Bereitschaft zum Suizid-Attentat. Fnfte Stufe: bernahme der Metaphorik vom Krieg. Das terroristische Selbstverstndnis als Krieger bezeichnet eine weitere Verselbststndigung, wonach ein Ausstieg kaum noch mçglich erscheint. Gewalt wird zu Gewalt gegenber Feinden, Tçtung zum Tçten von Gegnern. Man whnt sich ,im Feindesland, interpretiert eigene Aktionen als militrische Operationen, denkt und spricht in Begriffen und Kategorien einer militrischen Terminologie. Die Kriegsanalogie wird zur psychologischen Bedingung terroristischen Handelns. Kriminologisch gesehen wirkt die Geltendmachung des Kriegszustandes als Neutralisationstechnik, welche die neue Wertorientierung sttzt, Schuldgefhle ausschaltet und Hemmungen herabsetzt. Im Falle der RAF beherrschte diese Metaphorik die propagandistischen Verlautbarungen nach außen und die Diskussion innerhalb der Gruppe. Auch entlastete sie von noch vorhandenen Skrupeln. Die staatliche Terrorismusbekmpfung der Bundesrepublik bemhte komplementr ebenfalls militrische Denkmuster, was unter den Gruppenmitgliedern geradezu mit Genugtuung als Besttigung wahrgenommen wurde. Einiges von diesen Mustern lsst sich im aktuellen Terrorismus und in den Reaktionen der Weltgemeinschaft wiederfinden. Doch eine Analogisierung hinsichtlich des Al-Qaida-Terrorismus angesichts des weltpolitischen Kontextes erscheint problematisch. Die kriminologische Deutungskompetenz reicht nicht weit genug, um hier mehr als spekulative Anfangshinweise zu geben. Immerhin wurden die Terroranschlge des elften September offenbar von den Ttern und den mutmaßlichen Hintermnnern mit der expliziten Zielsetzung einer Destabilisierung der USA begangen. Deshalb eigneten sie sich fr die Definition als Kriegsangriffshandlung und die entsprechende Kriegs-Reaktion der USA gegen das den Terroristen Schutz gewhrende Taliban-Regime. Bei objektiver Betrachtung scheint es sich jedoch gleichwohl qualitativ um einen einzelnen Akt von ,klassischem Terrorismus zu handeln. Anders, nmlich nur im Rahmen eines spezifischen Brgerkriegs- oder Guerillakampf-Paradigmas, drften die suizidalen Terrorakte der Palstinenser in Israel einzuschtzen sein. Sechste Stufe: Terroristen in der Haft – Weiterradikalisierung oder Ausstieg? Als letzte Weichenstellung einer terroristischen Karriere interessiert die Situation der Haft. Jetzt werden Ablçsungsprozesse wieder mçglich. Drei vçllig verschiedene Entwicklungen waren bei den deutschen Terroristen zu beobachten. Zum einen bewirkte die Haftsituation eine extreme Weiterradikalisierung mancher Terroristen. Hier fhrte die Ohnmacht des Gefangenendaseins zu einem Wiederholungserlebnis des frheren Unterdrcktsein-Gefhls, zumal wenn berschießende Haftbedingungen dazu Anlass gaben. Bei anderen bewirkte die Haft, vor allem wenn ihre Bedingungen als unmenschlich erlebt wurden, eine weitere innere Distanzierung von der gegenwrtigen Gesellschaft, ohne dass neue politische und terroristische Aktivitten ins Auge gefasst wurden. Die Reaktion ging gleichsam 67

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nach innen und ußerte sich in dumpfer Empçrung, Depression und Resignation. In einer dritten Kategorie von Fllen stellte die Haftzeit dagegen die innere Unabhngigkeit von kollektiven Denkweisen wieder her und trug so zur allmhlichen Loslçsung vom Terrorismus bei. Die schmerzhafte Operation der Befreiung und Selbstbefreiung von der Gruppe kann durch intensive menschliche Kontakte und Hilfsangebote untersttzt werden. Fr die Praxis heißt das, dass – und sei es mit einer gewissen Risikobereitschaft – die Entstehung neuer sozialer Bezge mçglich gemacht und auf diese Weise der Zustand der Isolation und Perspektivlosigkeit beendet wird. Gerade dieses letzte Stadium der terroristischen Karriere verdient sensible Aufmerksamkeit. Erst die Zukunft wird erweisen, ob hnliche Verlufe jemals bei Terroristen vom Typus Al-Qaida zu beobachten sein werden.

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Fazit

Mitglieder terroristischer Gruppen haben ihr soziokulturelles Bezugssystem ausgetauscht. Es handelt sich um eine Variante politischer Sozialisation, um die allmhliche Herauslçsung aus der Mehrheitskultur und die Integration in eine politische Subkultur mit abweichenden, ,eigen-sinnigen Verhaltensmustern, Wertund Loyalittsvorstellungen, rigiden Konformittszwngen. Die Entwicklung zu politischer Militanz ist ein Umorientierungs- und Anpassungsvorgang, der sich aus – wie ich meine – universellen Mechanismen der Interaktion und Erfahrungsverarbeitung sozialpsychologisch durchaus verstehen lsst. Es handelt sich um eine Sozialisation in die abweichende Konformitt, zu interpretieren auch aus den Wertorientierungen, Gruppenzwngen und der ,Lebenswelt, auf die sich jene Konformitt bezieht. Bevor indessen die frheren Forschungsresultate im Sinne von Prognose und Prvention auf den aktuellen Terrorismus bertragen werden, mssten dessen vernderte Bedingungen nher untersucht werden. Schon das Verhltnismßigkeitsprinzip – als oberster Verfassungsgrundsatz unserer Gesetzgebung und Verwaltung, ja des Vçlkerrechts und unserer Zivilgesellschaft berhaupt – verlangt, dass eine grndliche Analyse zum Problem und seinen Lçsungsoptionen sowie zum Szenario der jeweiligen erwnschten und mçglicherweise unbeabsichtigten Folgen staatlicher Maßnahmen vorgenommen wird. Dann erst kçnnen rechtsstaatlich vertretbare praktische Konsequenzen empfohlen werden. Insofern militrische Interventionen wirklich unverzichtbar sind, sollten sie mit polizeilicher Intention und gerade nicht als genuin kriegerische eingesetzt werden. Zivilgesellschaften sollten sich die Kriegsdefinition nicht aufzwingen lassen. – Eine zentrale Bedeutung gewinnen toleranzgeprgte, verstndigungsorientierte Diskurse zwischen verschiedenen Religionen und politischen Systemen. Selbst mit militant auftretenden Islamistischen Organisationen sollte, statt sie einfach zu ignorieren oder zu verbieten, zunchst die unbefangene Beobachtung, der offene und offensive Diskurs versucht, durch soziale und çkonomische Anreize gefçrdert, not68

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fallsrechtlich und administrativ erzwungen werden. Damit kçnnten gruppendynamische Verselbststndigungen und Rekrutierungsfelder fr Terroristen gemindert werden. Eine umstandslose Repression wrde nur zu entsprechendem Ausweichen in den internationalen Untergrund fhren. Kommunikation und Diskurs sollten als primre Interventionsform institutionalisiert werden. Eine andere praktische Konsequenz wre eine Schulsozialisation, die strker ber kulturelle und religiçse Differenzen, zugleich auch demokratische Grundwerte und Menschenrechte aufklrt. Wenn die zivilen Methoden der Kommunikation und Auseinandersetzung sowohl in der Schule als auch in der weiteren Bildung und Ausbildung strker betont werden, dann kçnnte das hinsichtlich der gefhrlichen universellen gruppendynamischen Mechanismen prventiv wirken. Vor allem sollte es keine symbolische berhçhung – und damit Besttigung – der terroristischen Gruppierungen und ihrer Ideologien geben, indem man ihre Kriegs- und Spaltungs-Mythologie bernimmt, von realer ,Bedrohung des Staates oder ,Krieg gegen die Zivilisation redet und nach der Devise ,Der Zweck heiligt die Mittel gar die rechtsstaatlichen Prozeduren aushçhlt.

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Roland Eckert

Die Eskalation unregulierter Konflikte – Mçglichkeiten und Grenzen der Prognose von Terrorismus

Angesichts totalitrer Regime sahen die Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts mit guten Grnden in der Perfektionierung staatlicher Gewalt und Meinungskontrolle die grçßte Bedrohung von Frieden und Freiheit. Seit fnfzehn Jahren hat sich die Perspektive grundlegend gendert: Staatszerfall und andauernde Brgerkriege in vielen Teilen der Welt zeigen wie zu Zeiten von Thomas Hobbes, dass das staatliche Gewaltmonopol eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung von Frieden und Freiheit ist. Der 11. September 2001 hat schließlich endgltig deutlich gemacht, dass nichtstaatliche politische Gewalt sich nicht auf einzelne Gesellschaften beschrnkt, sondern sich global ausbreitet und vernetzt. „Organisierte Friedlosigkeit“ (Senghaas 1969) hat eine neue Form gefunden. Das zentrale Muster dieser Gewalt ist der Terrorismus, der darum in seinen spezifischen Mechanismen und Motivationen zu analysieren ist. Dies kann sicherlich nicht zu schnellen Lçsungen beitragen, vielleicht aber doch Hinweise zur langfristigen Prvention geben.

I Terror ist Teil einer „asymmetrischen Kriegsfhrung“1, die die offene Feldschlacht mit den Staatsgewalten meidet, sie aber zu Gegenschlgen herausfordert und dadurch Solidarisierungswellen in den Bevçlkerungsgruppen zu provozieren versucht, als deren Avantgarde sich die Akteure verstehen (Waldmann 1998). Seit den spten 1960er Jahren wurde der Terrorismus mehr und mehr ein internationales Phnomen und ber private Firmen und Spenden finanziert (Hoffman 2002), die Handlungslogik blieb jedoch die gleiche: Unmittelbares Ziel ist nicht der „Sieg“, sondern die Verbreitung von Schrecken und Furcht (Waldmann 2003), die dann freilich in manchen Fllen zum Rckzug des Gegners fhren kçnnen. Ob Terrorismus Erfolg hat, hngt zum einen davon ab, ob er die Sympathie oder gar Solidaritt von Bevçlkerungsgruppen gewinnt, also ein solidarisches Kollektiv hat oder herstellen kann, zum anderen, welche Kosten der Gegner in Kauf zu nehmen bereit ist. Drittens ist die Rekrutierung von Terroristen an Transformationen subjektiver Identitt gebunden, die hoch voraussetzungsreich sind. In dem çffentlichen Diskurs konkurrieren bislang zwei Erklrungsmuster: die deprivationstheoretische Erklrung, der zufolge wahrgenommene Benachteiligung fr die Gewaltbereitschaft urschlich ist, und die kulturalistische Erklrung, der

1 Wobei hier nicht der vçlkerrechtliche, sondern ein ethnologischer Begriff des Krieges verwandt wird. Die Frage des Kombattantenstatus von Terroristen wird davon nicht berhrt.

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zufolge unvertrgliche kulturelle Traditionen zu fortschreitenden Spannungen und Konflikten fhren. Sowohl „relative Deprivation“ als auch „Kulturkonflikt“ spielen auch im Vorfeld des islamistischen Terrorismus eine Rolle. Relative Deprivation kann darin gesehen werden, dass Muslime sich gedemtigt fhlen, weil sie in einem hoffnungslosen çkonomischen und militrischen Rckstand gegenber „Christen“ und „Juden“ stehen und der westliche Einfluss in islamischen Lndern stndig steigt, obwohl ihnen im Koran einmal Suprematie versprochen wurde. Deprivation kann obendrein verstrkt empfunden werden, weil sich die postkolonialen Modernisierungsversprechen in vielen Lndern nicht erfllt haben. Ein Kulturkonflikt wird in der fundamentalen Differenz zwischen traditionellen Familienformen und Glaubensvorstellungen in islamischen Lndern einerseits und den westlichen Lebensformen gesehen, die sich in den letzten zweihundert Jahren herausgebildet haben (und an jedem Badestrand rund um die Welt als leibhaftige Verfhrung bzw. als Verfhrung durch den „Leibhaftigen“ in Erscheinung treten). Konfliktpunkte sind hier insbesondere die „westlichen“ Werte der individuellen Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, wie sie in der freien Partnerwahl von Mnnern und Frauen, in der Einschtzung von sexueller Selbstbestimmung und Homosexualitt, in der Gleichberechtigung von Mann und Frau in und außerhalb der Ehe und schließlich in der Freiheit, sich einer Religionsgemeinschaft anzuschließen oder sie zu verlassen, zum Ausdruck kommt.2 Darber hinaus geht es um die „çstlichen“ Vorstellungen von Ehre und ihrer Wahrung ber Gewaltandrohung und Gewalt, die wiederum von vielen Muslimen nicht dem Islam, sondern „lokalen“ Traditionen zugerechnet werden (Schiffauer 1987, 67 ff.). Selbst wenn islamistische Gruppen die Rechtsordnung der Einwanderungslnder ohne muslimische Mehrheit anerkennen, provozieren sie mit ihren von dieser Rechtsordnung abweichenden Glaubensvorstellungen – gleich welchen Ursprungs – die Bedenken gegenber weiterer Zuwanderung. Relative Deprivation und Kulturkonflikt reichen aber zur Erklrung der Gewalteskalation bis hin zum Terrorismus nicht aus. Empfundene Benachteiligung fhrt in vielen Fllen nicht zur Revolte, und ganz unterschiedliche kulturelle Traditionen kçnnen durchaus nebeneinander existieren, ohne dass es zu fortwhrender und fortschreitender Gewalt kommt. Hier soll darum eine dritte konflikttheoretische Erklrung vorgestellt werden, nmlich dass unregulierte Konflikte zu Interaktionsspiralen (Rckkoppelungsschleifen) fhren, in denen Gewalt eskaliert.

2 Dabei ist allerdings zu bercksichtigen, dass hier nicht der Islam gegen den Westen steht. „Westliche“ Positionen werden durchaus auch unter Muslimen (z. B. in den stdtischen Oberschichten der Trkei oder den Aleviten vertreten, und die Auffassungen fundamentalistischer christlicher und jdischer Gruppen drften mit „islamischen“ Werten hufig mehr bereinstimmen als mit den „libertinen“ Lebensmustern, wie sie sich im Westen, insbesondere seit der Jugendrevolte der 1960er Jahre, herausgebildet haben.

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II Die zentralen Prozesse in terroristischen Bewegungen sind (wenn wir einmal von der Finanzlogistik absehen): die Entstehung von solidarischen Kollektiven und die Identittstransformation der beteiligten Akteure. Beide gehen in der Regel den Konflikten nicht voraus, sondern sind Teil des Konfliktgeschehens selbst. Kollektivbildung und Identittstransformation hngen eng miteinander zusammen, kçnnen aber auch divergieren. So war der Terrorismus der 1970er Jahre in Deutschland erfolgreich bei der subjektiven Identittstransformation bei potenziellen Akteuren, scheiterte aber bei der Erzeugung eines solidarischen Kollektivs, weil die Menschen sich nicht mit den Rebellen, sondern mit dem angegriffenen Staat solidarisierten (Eckert, R. 1978). Wie vollzieht sich die Erzeugung solidarischer Kollektive und die Transformation von Identitten? Menschen haben blicherweise eine Flle von Identitten, die sie situativ aktualisieren, wenn sie als Familienmitglied, in ihrem Beruf, in ihrem Verein, als Nachbar, als Angehçriger einer Religionsgemeinschaft, einer Ethnie oder einer Nation handeln. Whrend Zugehçrigkeiten in der unmittelbaren Interaktion im Alltag durch die Komplementrrollen eindeutig und plausibel werden, ist die Zugehçrigkeit zu Religionsgemeinschaften, Weltanschauungskollektiven, Ethnien, Klassen und Nationen als „imaginierten Gemeinschaften“ (Anderson 1988) sehr viel voraussetzungsreicher. In ihnen werden symbolische Grenzen stabilisiert, die im Alltag nicht notwendig aufscheinen und deutlich werden. Vor allem zwei Prozesse tragen zur Befestigung imaginierter Gemeinschaften bei: Einmal kçnnen Grenzziehungen ideologisch befestigt werden, indem die jeweilige Zugehçrigkeit essentialisiert wird (siehe Wetzstein et al. 1999; das „wahre“ Deutschtum, die „reine Lehre“ etc.). Grenzziehungen werden aber – zum anderen – strker noch evident durch Konflikte und insbesondere durch lebensbedrohliche Konflikte mit anderen Gemeinschaften. In diesen wird der Einzelne existentiell und situationsbergreifend auf den Schutz und die Solidaritt in einem Kollektiv hingewiesen, auch wenn er sich zuvor dem Kollektiv kaum oder nur in bestimmten Situationen zugerechnet hatte (Morokrasic-Mller 2001). So gesehen sind es nicht einfach traditionell divergierende kollektive Identitten, die zu Konflikten fhren, sondern es sind Konflikte (worum auch immer sie gehen), die die kollektive Identitt herstellen oder zu ihrer Radikalisierung benutzt werden (Eckert, J. 2002). Der deutsche Nationalismus ist in den Franzosenkriegen entstanden; der Zionismus als Antwort auf den Antisemitismus, wie er in der Affre Dreyfuss zum Ausdruck kam; der kurdische Nationalismus ber die zentralstaatliche Assimilationspolitik gegenber den Kurden als angeblichen „Bergtrken“. Bereits Marx hat deutlich gemacht, dass „Klassenbewusstsein“ nicht linear aus einer Klassenlage hervorgeht, sondern sich erst in konkreten Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Kapitalisten konstituiert. (Ich pldiere also dafr, Max Webers Begriff des Ressentiments weniger auf Strukturen als vielmehr auf Ereignisse, Siege oder Niederlagen zu beziehen.)

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Wie geschieht dies? Der Konflikt befestigt ber Angst und Hoffnung eine dominante Identitt unter vielen. In dem Maße, wie wir z. B. als Albaner Schutz suchen mssen oder als Serben das Land der „heiligen Klçster“ verteidigen, legen wir uns situationsbergreifend auf eine ethnische Zugehçrigkeit fest und werden von anderen auf sie festgelegt. Wahrnehmungspsychologen sprechen von einer Kontrastverschrfung, die unter Stressbedingungen stattfindet. Wer Angst hat, generalisiert die Bedrohung. Je mehr die Angst umgeht, um so wichtiger wird es zu wissen, auf welcher Seite jemand steht. Freundeskreise, Nachbarschaften werden alsbald von potenziellen Feinden gesubert. Reiche des Bçsen und des Guten werden definiert. Die Unterscheidung zwischen Freund und Feind ist nicht, wie Carl Schmitt (1932) glaubte, das „Wesen des Politischen“, sondern Ergebnis und Instrument von Konfliktverschrfung. Dabei verndern sich die Konfliktthemen selbst: Am Anfang stehen hufig noch einzelne Streitpunkte, in denen ein Kompromiss denkbar ist wie z. B. die Beteiligung einer Ethnie oder Religionsgemeinschaft am çffentlichen Dienst, die Anerkennung der Sprache einer Minoritt, die Verteilung von Land und Wasser. Wenn der Konflikt unreguliert bleibt und die Konfliktparteien ihre Einstze erhçhen, Solidaritt und Untersttzung von Glaubens-, Gesinnungs- oder Volksgenossen einwerben, werden die Streitpunkte fortschreitend essentialisiert und generalisiert. „Militant enmity . . . keeps the movement going by constructing the conflict – whatever conflict – to be existential“ (Eckert, J. 2003, 5). Schließlich ist es dann das „Wesen“ der kollektiven Identitt, in deren Namen konkrete Signale und Konfliktszenarien gesucht werden kçnnen. „Die Geschichte erscheint als ein in die Lnge gezogener oder anhaltender Machtkampf, der mit allen zur Verfgung stehenden Mitteln ausgetragen wird“, so charakterisierte Senghaas (1969, 72) vor fnfunddreißig Jahren die protractedconflict-Schule der Strategie in den USA. Diese „historizistische“ (Popper 1944) Konstruktion ist wieder einmal weltweit wirksam und fhrt zu einer reziproken Legitimation der Kriegstreiber auf beiden Seiten. Je mehr Leben und Lebenszeit diesseits oder jenseits der Front investiert worden sind, je hçher der Blutzoll ist, um so „heiliger“ wird die Idee und um so schwerer werden alle Versuche der Deeskalation. Dann wird das Amselfeld zum Inbegriff der jahrhundertlangen Demtigungen der Serben durch die Muslime; dann wird Ayodhya zur Geburtssttte eines Hindu-Gottes, die vor Jahrhunderten durch den Bau einer Moschee entweiht worden sei; dann wird die Souvernitt ber den Tempelberg unteilbar, weil nur eine Bedeutung, die jdische oder die islamische, „wahr“ sein kçnne. Auf diese Weise entstehen solidarische, leidensfhige und gewaltbereite Kollektive und agieren schließlich in einer „kosmischen Auseinandersetzung“ (Juergensmeyer 2000, 242). An diesem Prozess der Essentialisierung einer gemeinschaftlichen Identitt nehmen nicht alle Personen eines potenziellen Kollektivs synchron teil. Verschiedene Interessenlagen differenzieren sich aus: so die der „Kriegsgewinnler“, deren soziale Geltung und deren materielle Lage vom Konflikt gespeist wird. Ihre Interessenlage konkurriert hufig mit der vormaliger Honoratioren, deren Geschfte ge74

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rade vom Frieden abhngen, und unterscheidet sich wiederum von den Sympathisanten des Kollektivs in der Diaspora. Letztere tragen Wesentliches zur Finanzierung der Bewegungen bei, ohne dass ihr Alltagsleben vom Konflikt bestimmt wrde, wie etwa die Finanzierung der IRA durch irischstmmige US-Amerikaner gezeigt hat. konomistische Erklrungen, die „wirtschaftliche Interessen“ als Ursache ansetzen, sind nicht ausreichend. konomische und machtpolitische Interessen kçnnen den Prozess der Essentialisierung nutzen und vorantreiben. Jedoch kçnnen die Beteiligungsmuster nicht auf sie reduziert werden. Der Einsatz des eigenen Lebens ist kaum rational, er kann es aber werden, wenn es beispielsweise keine anderen Existenzchancen gibt, wie dies bei vielen Kindersoldaten und jugendlichen Attenttern der Fall sein mag. Der Einsatz des eigenen Lebens wird vollends rational, wenn die eigene Identitt im religiçsen, revolutionren, ethnischen oder nationalen Kollektiv aufgegangen ist (Berghoff 1997) und die „autistische“ (Senghaas 1995, 210) Weltsicht des Kollektivs bernommen wurde. Daher ist die Frage nach der Transformation der Identitt der Akteure zu stellen. Dies kann auf doppelte Weise geschehen: Einmal mag Schulung vor allem bei Jugendlichen zu einer totalen Identifikation fhren. Entscheidend sind dabei Kampf- und Lagererfahrungen, in denen die Gemeinschaft im Glauben und das wechselseitige Vertrauen unter den spteren Akteuren aufgebaut werden, das fr clandestine Operationen unerlsslich ist. In der Vergangenheit haben die Ausbildungslager in Afghanistan, in Bosnien und Tschetschenien diese Vertrauensgemeinschaft hergestellt. Viele Kmpfer aus dieser Zeit sind mittlerweile tot, aber durch den Krieg im Irak werden gegenwrtig neue Terroristen herangezogen. Bedeutsamer als Schulung drften aber m. E. Demtigungen durch die Gegenseite, Opfer- und Gewalterfahrungen sein: Religion und Gewalt gelten als Gegenmittel gegen Demtigungen (Juergensmeyer 2000, 187). In vielen Fllen fhrten nicht religiçse Besonderheiten glubige Personen zur Gewalt, sondern – gerade umgekehrt – Gewaltsituationen haben religiçse Rechtfertigungen nach sich gezogen (Juergensmeyer 2000, 161). Erlittene und ausgebte Gewalt verndern die Weltsicht. Sie tun dies, indem sie unabwendbare Fragen stellen, ohne eindeutige Antworten vorzugeben. Unter diesen Antworten sind Vergeltung und Opferbereitschaft eine plausible Reaktion, die die persçnliche Wrde sichert. Selbst der Erfolglose kann zumindest den Preis erhçhen, den die Gegenseite fr ihren Sieg zu zahlen hat. Demgegenber ist der Rat der Bergpredigt voraussetzungsreicher, so przise er auch die Ausweglosigkeit der Vergeltungslogik markiert.

III In welchem Zusammenhang stehen nun Migration, Gewaltkonflikte und Terrorismus? In einigen Fllen ist der Zusammenhang offenkundig, insbesondere wenn Menschen in einem Einwanderungsland sich bedroht sehen: So hat der staatlich gefçrderte Transfer von Bevçlkerungsgruppen aus Java nach Sd-Kalimantan 75

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dort zum ethnischen Kampf gefhrt. hnlich konfliktverschrfend drfte die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten sein. In Deutschland konnten angesichts der Zuwanderung von 5 Millionen zwischen 1988 und 1992 berfremdungsngste entstehen, fremdenfeindliche Ausschreitungen stimuliert und vçlkische Rettungsphantasien verbreitet werden (Willems 1993). Schwieriger wird es, wenn wir den Beitrag der Migranten selbst zu ethnischen und „kommunalistischen“, d. h. zwischen Religionsgruppen ausgetragenen Konflikten analysieren. Hufig wird die Frage gestellt, ob die Diaspora aus Muslimen Islamisten mache. Gewiss sind viele Iren in den USA, Hindus in Großbritannien, Kurden in Deutschland, Muslime in aller Welt Fçrderer radikaler ethnischer oder religiçser Bewegungen. Zugleich sind sie es, die es gelernt haben, mit unterschiedlichen situativ aktualisierbaren Identitten umzugehen und ihre ethnische oder religiçse Identitt auf Feiertag und Familie zu konzentrieren. Genau diese „Einklammerung“ von askriptiver Identitt ist aber ambivalent. Der in ihr angelegte Abstraktionsprozess von der herkçmmlichen Alltagskultur kann sowohl zur Relativierung als auch zur Radikalisierung religiçser Identitt fhren. Nur eine Minderheit der maghrebinischen Immigranten in Frankreich sind praktizierende Muslime. Gleichwohl gibt es unter ihnen eine erhebliche Anzahl von Islamisten. Bei diesen haben gerade die Herauslçsung aus lokalen und verwandtschaftlichen Traditionen und die eigenstndige Lektre des Korans zur Fundamentalisierung gefhrt. hnliches ist fr die Genese der islamistischen Kalifatsbewegung in Deutschland nachgewiesen worden (Schiffauer 2000). Migration produziert also eine Lebenslage, die viele Fragen stellt, ohne Antworten zu determinieren, so wie Merton (1937) dies fr anomische Situationen postuliert hat; die Radikalisierung der kulturellen Zugehçrigkeit ist eine von mçglichen Antworten. Kulturtheoretisch ist dies als ein Phnomen der „Whlbarkeit“ von Sinn zu interpretieren. Nicht nur die sozialen Positionen, die erworben werden kçnnen, sondern auch die angeborenen und ererbten („askriptiven“) Vorgaben wie Geschlecht, religiçse und ethnische Zugehçrigkeit werden – in ihrer Bedeutung fr das Individuum – whlbar. ber die Medien, ber Video, TV und Internet etabliert sich ein globaler Markt von Identittsmustern (Winter/Eckert 1990). Die Aufladung auch von askriptiven Identitten mit existentieller Bedeutung („werden, was man eigentlich immer schon war“) ist dann ein Wahlakt in diesem Feld. Sie ist darum nicht eine traditionalistische Antwort auf die Modernisierung, sondern eine moderne Antwort auf die immer weniger selbstverstndliche Tradition. Gandhis Dhoti, die litauische Tracht ultraorthodoxer Juden in New York, der Mao-Look der 68er, das Patriarchen-Gewand der Al-Qaida-Huptlinge und die Rastalocken des Underground sind Embleme der Selbststigmatisierung im Sinne einer gewhlten oder erfundenen Tradition. Menschen kçnnen auf diese Weise die Widersprchlichkeit ihrer Lebenslage und die Ambivalenz ihrer eigenen Orientierung beenden und eindeutig Partei ergreifen. Es ist also nicht einfach das Fortbestehen archaischer Zugehçrigkeiten, das den Siegeszug der weltbrgerlichen Gesellschaft im Sinne Kants gefhrdet, sondern 76

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es sind hçchst moderne Prozesse der Whlbarkeit von Identitt, die in Konflikten radikalisiert werden und dann den Weltfrieden gefhrden kçnnen. Die Konstruktion eines ,Zusammenpralls der Kulturen (Huntington) ist insofern falsch, als der zunehmende Kontakt der Kulturen zu vielerlei Reaktionen fhren kann. Die Rckbesinnung spezifischer Traditionen auf „Blut und berzeugung, Glaube und Familie“ (Huntington 1996, 194) und deren Radikalisierung ist nur eine von ihnen und nicht notwendig die dominante. Und Fundamentalismus ist meistens nicht gewaltttig (Marty und Appleby 1991, 814). Die Konflikte folgen nicht einfach aus dieser Rckbesinnung, sondern kçnnen ganz unterschiedliche Ursachen haben: Der Kampf um Land, um Wasser, um die Macht eines Clans, um den Anteil an staatlichen Privilegien steht durchaus neben Konflikten um çffentliche Moral und kulturelle Hegemonie und kann diese in Dienst nehmen.

IV Konflikte, wie immer sie entstanden sind und worum immer sie gehen, enden in der Gewalt, wenn sie nicht in Institutionen aufgefangen werden. Whrend regulierte Konflikte (Dubiel 1992; Hirschman 1994) die demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen strken und das Individuum fr multiple Identitten freigeben, forcieren unregulierte und gewaltttige Konflikte ber Angst und Hoffnung die Transformation der Identitt. Sie wird zunehmend eindeutig, Freund und Feind, Gut und Bçse werden getrennt, Ambivalenz, die ansonsten gerade durch die kulturelle Differenzierung der Moderne ermçglicht ist, wird vernichtet. Nicht der nach Huntington (1996, 95) aus einer „Distinktivittstheorie“ abzuleitende Rckgriff auf traditionelle Identitt produziert den Konflikt der Kulturen, sondern eskalierende Konflikte reduzieren die Vielfalt von Identitten auf diejenigen, die die persçnliche Integritt und Wrde zu sichern scheinen; und dies kçnnen, mssen aber nicht fundamentalistische Identitten (und schon gar nicht deren Bekrftigung durch Gewalt) sein. Terrorismus ist daher nicht Ausdruck einer spezifischen Kultur (der Basken, der Iren, der Tamilen, der Tschetschenen, der Palstinenser), er ist auch nicht notwenig eine Folge kultureller Unvertrglichkeiten – sondern Terrorismus wird in Konflikten ausgebrtet, die ber Jahrzehnte hinweg verschleppt worden sind und sich nun ber ethnische, religiçse oder ideologische Solidarittslinien ausweiten und radikalisieren. Nur ein Friedensprozess in Nordirland, in Sri Lanka, im Kaukasus oder im Nahen Osten kann diesen Prozess stoppen.

V Wenn Terrorismus ein Eskalationsprodukt von çkonomischen, ethnischen und kulturell/religiçsen Konflikten ist, ist der Rahmen gesteckt, in dem Prognosen mçglich sind. Ganz generell ist die Prognosefhigkeit von Sozialwissenschaften dadurch begrenzt, dass Gesellschaftsprozesse nicht wie ein Uhrwerk mechanisch und auch nicht nach dem Muster chemischer Prozesse ablaufen. Menschen rea77

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gieren nicht in immer gleicher Weise sondern interpretieren die Handlungen anderer, z. B. indem sie Motive unterstellen, die fr ihre Reaktion dann entscheidend sein kçnnen. Dieser Vorgang muss als kreativer Prozess verstanden werden, in dem neue und berraschende Perspektiven entwickelt werden. Nur wenn sehr viele gleichartige Situationen vorliegen, lassen sich Regelmßigkeiten in Form von Wenn-Dann-Stzen erhrten. Die Gleichartigkeit von Situationen ist in vielen Fllen gegeben, zumal menschliches Handeln gerade Erwartbarkeit voraussetzt und darum auch herstellt. Die so generierten „Strukturen“ schrnken die Mçglichkeiten des Handelns ein, determinieren aber nicht. Von gleichen technischen, çkonomischen, sozialstrukturellen Voraussetzungen aus kçnnen zwar nicht beliebige, aber durchaus unterschiedliche Handlungen erfolgen. Der Mensch ist immer auch ein sich entwerfendes Wesen, er ist unterdeterminiert und verhlt sich zu sich selbst und seinen von ihm wahrgenommenen Vorraussetzungen. Und er kann seine Strategie gerade darauf abstellen, dass seine Handlungen nicht prognostizierbar sind und tut dies blicherweise gerade im Wettbewerb und im Kampf. Menschliches Handeln verluft zumeist innerhalb der Strukturen und der kulturellen Muster, die zu einer Zeit bestehen. Es kann aber auch neue begrnden. Dies ist hufig ein ungeplanter Prozess: eine singulre Konstellation von Faktoren, die mçglicherweise ganz unterschiedlichen Wirkzusammenhngen entstammen, kann sich in der Form eines neuen Struktur- oder Kulturmusters sedimentieren, ohne dass diese Emergenz von einzelnen Kausalzusammenhngen her prognostizierbar wre. Struktur als „longue dure“ bedeutet darum nicht, dass es auch so weitergeht. So war weder die Erfindung der Mikroelektronik noch ihre Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt prognostizierbar. Ebenso wenig war fr Deutschland der Zuwanderungsschub von fnf Millionen zwischen 1988 und 1992 prognostizierbar. Beides hat Angst um Arbeitspltze bei niedrig qualifizierten Personen erzeugt. In dieser Situation des Zusammentreffens zweier zunchst von einander unabhngiger Prozesse konnte eine neue nationalistische und fremdenfeindliche Bewegung emergieren, die nun auch ohne spezifische Anlsse besteht bzw. von sich aus Anlsse herzustellen versucht (Eckert und Willems 1996) All dies bedeutet, dass nicht nur Strukturen Ereignisse wahrscheinlich machen kçnnen, sondern auch umgekehrt das Zusammentreffen von (mçglicherweise unwahrscheinlichen) Ereignissen zu neuen Strukturen fhren kçnnen. Ob dies geschieht, hngt von der Interpretation der Ereignisse durch die Menschen und ihrer Reaktion auf diese Interpretationen ab. Darum ist das Feld der Zukunft immer auch offen. Wir bersehen dies hufig, weil Geschichte ex post immer eine andere Figur bildet denn ex ante, als noch ungeschehene Zukunft. Dem Nachgeborenen erscheint Geschichte hufig als folgerichtiger Prozess, weil er die Kontingenz der Ereignisse nach Maßgabe der weiteren Entwicklungen selektiert und dann dem Glauben erliegt, dass dies oder jenes so kommen „musste“. Fr den Handelnden 78

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selbst ist dagegen die Zukunft unbekannt. Er muss diese Offenheit aktiv ber mehr oder weniger riskante Annahmen, Hoffnungen oder Befrchtungen reduzieren. Und hier gibt es Fehleinschtzungen: die sterreicher ahnten nicht, dass ihre Antwort auf den Anschlag in Sarajewo zum Zusammenbruch der dynastischen Ordnungen und zur Herrschaft von Rechts- und Linksextremisten in Europa fhren wrde. Hoffen wir, dass die Fehleinschtzung der US-Administration im Irak sich als korrigierbar erweist. Erklrungsmuster sind also immer riskant, wenn sie prognostisch gewendet werden. So haben sich die kommunistische Imperialismustheorie und die westliche Dominotheorie wechselseitig in ihren falschen Annahmen besttigt und zur Katastrophe des Vietnamkrieges gefhrt. Dieser wiederum hat einem lngst obsoleten Marxismus-Leninismus zu neuer Glaubwrdigkeit verholfen. Die Genealogie der auf einander reagierenden prognostisch gewendeten Erklrungen, die ihre Fehler dialektisch fortschleppen, ließe sich weiter fortfhren. Was bedeutet das fr die Chancen und Grenzen der Analyse? Es gibt Mçglichkeiten, terroristische Ereignisse von gegebenen Strukturen und kulturellen Widersprchen her zu erklren und darum in Grenzen zu prognostizieren: Empfundene „Fremdherrschaft“, der „falsche“ Glaube des Herrschers, die „zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit“ kçnnen als Plausibilittsbedingungen terroristischer Bewegungen angesehen werden. Aber: ob sich Terrorismus etabliert, ist nicht allein von Vorbedingungen abhngig, sondern entscheidet sich in der interaktiven Formation der Bewegung und ber Aktion und Reaktion mit dem Gegner. Diese kçnnen so oder so ausfallen, die Entwicklung ist also offen – und in Grenzen gestaltbar. Ziel der Analyse msste es daher sein, Konditionalstze zu erhrten. Das „wenn“ dieser Stze wird in politischen Entscheidungen bestimmt, die in vielen Fllen kotingent sind, also auch anders ausfallen kçnnten. (Eine andere amerikanische Regierung, durch eine andere Auszhlung der Stimmen in Florida, htte mçglicherweise den Irak nicht angegriffen. Dies war nicht vorauszusehen. Wohl aber war abzusehen, dass der Angriff auf den Irak nicht zur Beseitigung, sondern zur Verbreitung von Terrorismus fhren wrde.) Relative Deprivation und Kulturkonflikt sind also immer nur Teilerklrungen. Beide kçnnen nur mit Zusatzbedingungen zum Terrorismus fhren. Wenn relative Deprivation die Ursache des Terrorismus wre, wenn alle relativ Deprivierten zu den Waffen greifen wrden, gbe es rund um die Welt kaum ein Flugzeug mehr am Himmel. Fr den Kulturkonflikt gilt das gleiche. In der Regel wird er durch die Trennung von Lebensbereichen insbesondere Familie und Beruf und in Verbindung mit residentieller Segregation bewltigt und nicht durch Kampf und Gewalt. Damit wird die Frage ob Konflikte reguliert werden oder nicht, fr die Entwicklung entscheidend. Der Nordirlandkonflikt ist ber Jahrhunderte unreguliert geblieben. Ein singulres Ereignis, das Fehlverhalten des britischen Militrs am 79

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Bloody Sunday, hat dann zu der Emergenz des terroristischen Kleinkrieges bis heute gefhrt. Auch der Palstinakonflikt ist jahrzehntelang verschleppt worden. Die jeweils Strkeren, zuerst die Araber und dann die Israelis, glaubten, den Konflikt umfassend in ihrem Sinne lçsen zu kçnnen. Die Ersten, die im islamischen Bereich den Terrorismus zur Methode ausgebaut haben, waren dann in der Situation ihrer Unterlegenheit die Palstinenser. Sie haben auch die Internationalisierung betrieben, haben die Ausbildungslager im Libanon errichtet, in denen sich auch die RAF hat schulen lassen. Auch hier ein klarer Fall einer fehlenden Konfliktregulierung. Aus mehreren regionalen Konflikten ist nun der globale Terrorismus im Sinne einer Emergenz entstanden, der sich jetzt seinerseits seine Einsatzfelder sucht. Wenn fehlende Konfliktregulierung ein starker Indikator dafr ist, dass sich Gruppen konstituieren, um das „Recht“ zu erkmpfen, das nach ihrer Auffassung ihnen oder der von ihnen ideologisch adoptierten Klientel verwehrt wird, hat Terrorismusforschung eine praktische Aufgabe. Sie muss nach ungelçsten und unregulierten Konflikten Ausschau halten. Bilden sich dort Weltbilder und Sinnstiftungen aus, in denen der erlebte und zugefgte Tod zum Lebenssinn werden? Wie stehen die Chancen von Terroristen, ein solidarisches Kollektiv hinter sich zu versammeln sowie die Transformation der subjektiven Identitt der Kmpfer voranzutreiben? Beides hngt mit dem Kampfgeschehen selbst zusammen. Daher komme ich zur Schlussfolgerung: Terrorismusforschung ist in ihren Grundlagen Konfliktforschung und muss sich mit der Eskalation (Eckert und Willems 2002) von unregulierten Konfliktlagen befassen.

VI Das Ziel dieser berlegungen war es, die Transformationsprozesse zu bezeichnen, die den Weg in den Terrorismus bestimmen. Kçnnte dieser fatale Film nicht auch rckwrts laufen? Deeskalation ist schwieriger als Eskalation, weil Vertrauen rascher zerstçrt als aufgebaut ist. Vertrauen ist eine generalisierte Annahme, deren Falsifikation durch wenige Einzelflle, deren Verifikation aber nur durch das andauernde Ausbleiben solcher Flle glaubhaft wird. Zudem kçnnen Rechtsstaaten dem Kampf mit Terroristen nicht ausweichen, auch wenn sie damit deren dichotome Weltsicht bekrftigen. Beides: Zurckweichen und Eintreten in einen Vergeltungszirkel, auf das Terrorstrategen hoffen, kann zu weiteren Eskalationsschritten fhren (diese Einsicht wird auch von spieltheoretischen Experimenten zu einem iterierten Gefangenendilemma gesttzt [Axelrod 2000]). Das eigentliche Ziel muss es sein, die Radikalisierung der Gemeinschaften zu stoppen, als deren selbsternannte Avantgarde die Terroristen sich verstehen. Und dies kann gelingen: Wenn Wrde gewahrt wird, wenn çkonomische und demokratische Chancen sich çffnen, wird Kooperation folgen, und aus Kooperation kann Vertrauen erwachsen (Schneckener 2002, 501). Dieses Vertrauen allerdings wird eher in berstaatliche Institutionen investiert werden, die als mehr oder minder 80

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unparteiisch gelten und in denen Perspektivenbernahme (Eckert und Willems 1992) institutionell verankert ist. Auf der internationalen Ebene befinden wir uns aber gegenwrtig noch auf einer vorstaatlichen Stufe der Konfliktbearbeitung, am ehesten zu vergleichen mit der anarchischen Rechtsordnung in Island vor 1000 Jahren, in der ein Altthing Recht sprechen, aber selbst nicht durchsetzen konnte. So geht es darum, ber Staatenbnde und ber die Vereinten Nationen Schlichtungsverfahren, Rechtsregeln und Sanktionsinstrumente (vom Embargo bis zur bewaffneten Intervention) aus- und aufzubauen, also berstaatliche Regelungsmuster sukzessiv zu begrnden (Eckert, R. 1998). berstaatliche Institutionen sind wiederum auf die Untersttzung und die Kontrolle durch eine global orientierte civil society (Diamond und McDonald 1993; Ropers 1995) angewiesen. Hoffen wir, dass gerade in der weltweiten Diaspora – aber nicht nur dort – religiçse, humanistische und politische Organisationen daran mitwirken, einen neuen und anderen Ost-West-Konflikt zu berwinden, dessen Entstehen wir gegenwrtig beobachten mssen.

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Horst Entorf

Islamistischer Terrorismus: Analysen, Entwicklungen und Anti-Terrorpolitik aus der Sicht çkonomischer Forschung1

Zusammenfassung Der Artikel liefert einen Einblick in die wirtschaftswissenschaftliche Sichtweise der Terrorismusforschung und versucht Aspekte der zuknftigen Entwicklung zu beleuchten. Dabei werden Konzepte des Angebots und der Ertrge terroristischer Aktivitten beschrieben und Ansatzpunkte einer rationalen Anti-Terror-Politik geliefert. Vor- und Nachteile einer „harten“ Abschreckungspolitik werden diskutiert und mçgliche Ausweichstrategien mit dynamischer Verschrfung der Gewalt aufgezeigt. Eine wichtige Rolle wird alternativen „weichen“ Abwehrstrategien eingerumt, die verstrkt auf eine Erhçhung der Opportunittskosten des Terrors abstellen. Eine spieltheoretische Analyse der strategischen Allianzen gegen den Terror thematisiert das Zusammenwachsen und das eventuelle Auseinanderbrechen der „Allianz der Willigen“. Unter çkonometrisch-statistischen Aspekten werden Mçglichkeiten und Grenzen einer empirischen Terrorforschung aufgezeigt.

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Einleitung

Der islamistische Terror hat mit dem 11. September 2001 eine neue Dimension der Gewalt Realitt werden lassen, und auch vier Jahre danach gibt es keine Entspannung. Im Gegenteil, die Gewaltbereitschaft scheint immer weiter anzusteigen, die Anschlge kommen auch in Europa geographisch nher an uns heran, und lebensverachtende Tter schrecken zur Durchsetzung ihrer Ziele auch vor dem Mord an unschuldigen Kindern nicht zurck (FAZ 2005)2. Erst Moskau, 1 berarbeitetes Manuskript anlsslich des interdisziplinren Kolloquiums „Zur Entwicklungsdynamik von Terrorismus und Extremismus. Mçglichkeiten und Grenzen einer prognostischen Empirie“ in Wiesbaden (Bundeskriminalamt), 30. Mrz – 1. April 2005. Fr hilfreiche Kommentare sei den Teilnehmern des Kolloquiums, sowie Irene Bertschek, Anabell Kohlmeier, Susanne Meyer, Thomas Rupp und Hannes Spengler gedankt. 2 Liste der islamistischen Terroristen zugerechneten Attentate mit mehr als 40 Toten seit dem 11.09.2001: 12.10.2002, Indonesien-Bali, 202 Tote (Bombenattentate auf zwei Nachtclubs); 24.10.2002, Russland-Moskau, 129 Tote (beendete Geiselnahme im Musical-Theater); 16.05.2003, Marokko-Casablanca, 45 Tote (fnf gleichzeitige Anschlgen auf westliche und jdische Einrichtungen); 16.11. und 20.11.2003, Trkei-Istanbul, 45 Tote (Bombenanschlge auf Synagogen und in der Innenstadt); 06.02.2004, Russland-Moskau, 40 Tote (Selbstmordattentterin in U-Bahn); 02.03.2004, Irak-Bagdad, Kerbela, 271 Tote (Anschlge whrend des schiitischen Aschura-Festes); 11.03.2004, Spanien-Madrid, 191 Tote (Anschlge auf 4 Pendlerzge); 24.08.2004, Russland, 90 Tote (zwei Flugzeugabstrze); 01.09.2004, Nordossetien-Beslan, 330 Tote, darunter 196 Kinder (fatales Ende einer Geiselnahme in einer Schule); 07.07.2005, Großbritannien-London, mindestens 56 Tote (Sprengstoffanschlge auf U-Bahn und einen Bus); 23.07.2005, gypten- Scharm al Scheich, bis zu 88 Tote (Sprengstoffanschlge auf einen Basar, das Ghazala-Gardens-Hotel und ein Caf).

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dann Madrid, schließlich London und ein beliebter Urlaubsort in gypten – sind Frankfurt und Berlin die nchsten Anschlagsziele des Terrors? Leider ist diese Frage in ihrer berechtigten Unmittelbarkeit und Unbedingtheit nicht zu beantworten. Eine wissenschaftlich „prognostische Empirie“ der Terrorismusforschung kann stets nur bedingte Prognosen liefern, also Szenarien, die unter bestimmten Annahmen ablaufen, welche wiederum durch historische Erfahrungen erhrtet sind. Nur welche Erfahrungen und Fakten sind ber Terrorismus bekannt? Allein aus der Beobachtung von Ort und Zeit der Anschlge lsst sich schwerlich eine Entwicklungsdynamik ableiten. Szenario-Forschung und Vorhersagen hinsichtlich der Zukunft des Terrorismus bedrfen nicht nur Zahlen und Fakten, sondern vor allem ein Verstndnis fr die interne Logik des Terrorismus. Was lehrt die jngere Geschichte hinsichtlich der politischen Ziele und der zur Durchsetzung dieser Ziele eingesetzten Mittel? Terroristen, so wird eine Schlussfolgerung des vorliegenden Artikels sein, offenbaren durch ihr Handeln, dass sie – wie andere Akteure des gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und tglichen Lebens – konsequent den mit ihren Zielen kompatiblen Anreizen folgen. Diese Sichtweise der Mittel-Ziel-Beziehung macht sich insbesondere die Wirtschaftswissenschaft zu Eigen. Allerdings ist angesichts der neuesten Entwicklung hin zu Selbstmordattentaten und des scheinbar unendlich hohen Preises des geopferten Lebens fraglich, ob ein solches Verhalten mit einer standardmßigen Kosten-Nutzen-Abwgung kompatibel sein kann. Abgesehen davon, dass vielleicht nicht der Tter selbst, sondern die Hintermnner die eigentlichen Adressaten einer Antiterrorpolitik sein sollten, wre selbst hier zu entgegnen, dass die islamistische Rekrutierung von Selbstmordattenttern in hohem Maße auf çkonomische Anreizkriterien abstellt. Hierunter ist zum einen das transzendente Heilversprechen einzuordnen, wonach Allah jedem islamischen Mrtyrer im Jenseits 72 Jungfrauen beigeselle, andererseits war das sehr diesseits bezogene finanzielle Angebot von Saddam Hussein an Attentter zu beobachten, jeder Familie von Selbstmordattenttern 25.000$ zu zahlen (Sddeutsche Zeitung 2002).3 Weiterhin gilt, dass unter wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnis lngst nicht mehr allein individuelle Rationalitt sondern vielmehr auch eine Entscheidungslogik zu subsumieren ist, die sich am Nutzen einer Gemeinschaft im Sinne von sozialer Interaktion und Sozialkapital orientiert. So fallen beispielsweise Entscheidungen eines Familienvaters, der das Wohlergehen seiner Familie zu bercksichtigen hat, anders aus als die eines allein stehenden Junggesellen, was zumindest teilweise erklrt, warum unter terroristischen Selbstmordattenttern hauptschlich ledige junge Mnner zu finden sind, die glauben, im Diesseits wenig verlieren zu kçnnen, d. h. deren Opportunittskosten gering sind.

3 Siehe Meldung der Sddeutschen Zeitung (2002), gemß der Saddam Hussein sein Angebot von 10.000$ auf 25.000$ erhçhte (zitiert nach Frey und Luechinger, 2002).

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Weiterhin haben die experimentelle Wirtschaftsforschung und die Spieltheorie das traditionelle Bild des homo oeconomicus in Frage gestellt. Dem mittlerweile sehr erfolgreichen Forschungszweig der „konomie der Psychologie“ ist zuzuschreiben, dass dem Prinzip der Reziprozitt eine wichtige Rolle im çkonomischen Handeln zugestanden wird, es also trotz scheinbarer Widersprche zur stringenten traditionellen rationalen individuellen Logik z. B. zu „Tit for Tat“-Strategien kommen kann, was ein Motiv fr Racheattentate als Reaktion auf den Irakkrieg darstellt. Die Methodik der modernen Wirtschaftswissenschaften bietet also eine Vielzahl von Anstzen, um das Verhalten von Terroristen als Individuen oder als Gruppe zu analysieren und zu „verstehen“. Der vorliegende Artikel versucht, die Anreizstruktur des Terrorismus zu identifizieren, damit sie im Sinne einer Senkung der terroristischen Aktivitten beeinflussbar wird. Die Zukunft des Terrorismus liegt auch in Verantwortung der Regierungen, die ihn bekmpfen. berlegungen zur Interaktion zwischen Staat und Terror sind daher gleichfalls Gegenstand der Untersuchung. Kapitel 2 setzt sich mit den Zielen des Terrorismus und mit dem daraus abgeleiteten Nutzen terroristischer Aktivitten auseinander, whrend Kapitel 3 das Angebot und die Ertrge terroristischer Aktivitten beschreibt sowie Ansatzpunkte einer rationalen Antiterrorpolitik liefert. Kapitel 4 diskutiert terroristische Ausweichstrategien und die daraus folgende dynamische Verschrfung der Gewalt. In Kapitel 5 wird hinterfragt, welchen Erfolg alternative Abwehrstrategien gegen den Terror haben, wobei den Opportunittskosten des Terrors eine wichtige Rolle eingerumt wird. Eine spieltheoretische Analyse der bisherigen, gegenwrtigen und zuknftigen strategischen Allianzen gegen den Terror erfolgt in Abschnitt 6. konometrisch-statistische Aspekte werden in Kapitel 7 behandelt. Ein Ausblick (Kapitel 8) beschließt die Arbeit.

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Terroristen als rationale Verfolger extremistischer Ziele

Die definitorische Abgrenzung von „Terrorismus“ scheint auf den ersten Blick einfach, jedoch kommt es gemß der Erkenntnis „One man’s terrorist is another’s freedom fighter“ (siehe z. B. die Rolle der „Resistance“ in Frankreich, oder der IRA in Nordirland) auf die Perspektive an. Erst die Geschichte kann, nach geklrten politischen Verhltnissen, im historischen Rckblick und aus der Sicht einer herrschenden Meinung Terroristen und Freiheitskmpfer unterscheiden, wobei nationalspezifische Sichtweisen durchaus ihre unterschiedlichen individuellen Auslegungen dauerhaft beibehalten kçnnen. Definitionen çkonomischer Autoren betonen stets das hohe Primat politischer Ziele, dass terroristische Aktivitten von den Aktivitten der blichen Gewaltkriminalitt unterscheidet:

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 „Terrorism is the premediated use, or threat of use, of extranormal violence to obtain a political objective through intimidation or fear“ (Enders and Sandler, 1993: American Political Science Review 87(4), 829).  Ergnzung der Definition in Sandler und Enders (European Journal of Political Economy, 2004): „Terrorism is the premediated use, or threat of use, of extranormal violence to obtain a political objective through intimidation or fear directed at a large audience“.  „The term ,terrorismmeans premediated, politically motivated violence perpetrated against noncombatant targets by subnational groups or clandestine agents, usually intended to influence an audience“ (Definition des „US state department“ seit 1983; zitiert in Krueger und Maleckowa, 2003). Politische Ziele beinhalten hauptschlich die Suche nach ffentlichkeit und einen hohen Bekanntheitsgrad, die Destabilisierung der staatlichen Regierungspolitik und natrlich die Schwchung der Volkswirtschaften (siehe dazu Schelling 1991, Frey und Luechinger 2003). Dazu zhlt die Auflçsung der Fundamente westlicher Demokratien, wozu auch die Aufweichung liberaler Gesetzgebung zulasten einer Grundrechte einschrnkenden oder gar aussetzenden Politik der inneren und ußeren Sicherheit gehçrt (siehe die Mçglichkeit prventiver Festnahmen, Aufzeichnung und Dokumentation privater Kommunikation usw. bis hin zur Einrichtung von Guantanamo Bay, Folterung irakischer Gefangener und, wie unlngst in London, Ausschaltung von Verdchtigen durch prventiven Kopfschuss). Die Anziehungskraft des die Freiheit des Einzelnen betonenden Wohlfahrtsstaates geht damit verloren. Abwgungen der Vor- und Nachteile fallen in den Lndern des Islam strker zugunsten des Staus Quo aus, etwaige vorhandene Reformbestrebungen, wonach den Vorbildern westlicher Demokratien zu folgen wre, sind desavouiert. Dennoch liegen die Motive des Terrorismus, insbesondere die des islamistischen Terrors noch tiefer. Als eigentlicher Beweggrund hinter den Zielen ist das, was als Hasskriminalitt („hate crime“) Eingang in die wirtschaftswissenschaftliche Forschung gefunden hat (siehe dazu Glaeser 2005). Akte von „Hasskriminalitt“ sind definiert als kriminelle bergriffe auf Mitglieder religçser, ethnischer und sozialer Gruppen, oder auch auf Angehçrige bestimmter Nationen oder Rassen – wobei allein die Gruppenmitgliedschaft, nicht aber individuelle Eigenschaften den Anlass der Straftat bilden (Krueger und Maleckova, 2003). Hier einzuordnen sind der fanatische Islamismus, aber auch rechtsextreme Straftaten. Entsprechend eines konventionellen çkonomischen Ansatzes werden Terroristen als rationale Akteure verstanden, die versuchen mit den ihnen gegebenen Ressourcen den Grad ihrer gemeinsamen Zielerreichung zu maximieren (siehe hierzu besonders Enders und Sandler 1993). Entsprechend dieser Sichtweise reagieren Terroristen auf vernderte Kosten- und Nutzenstrukturen. In diesem Kontext ist das klassische Abschreckungsargument einzuordnen, wonach verstrkte Anstren88

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gungen des Staates zur Ergreifung und Bestrafung der Tter die Kosten der Durchfhrung terroristischer Aktivitten erhçhen und diese dadurch reduziert werden. Allerdings sind auch Substitutionsmçglichkeiten denkbar, wenn durch bestimmte Prventivmaßnahmen des Staates die terroristische Kostenstruktur verndert wird. Steigt beispielsweise dank immer besserer Schutzmaßnahmen wie Metalldetektoren oder intensiver Personenkontrollen der Preis fr eine Flugzeugentfhrung, so werden andere bisher weniger beachtete terroristische Maßnahmen wie Bombenattentate „effizienter“, d. h. mit den eingesetzten terroristischen Ressourcen wird eine deutlich hçhere Wirkung entfaltet als mit der zuvor favorisierten Flugzeugentfhrung. Im Mittelpunkt der çkonomischen berlegungen steht der potenzielle Nutzen der terroristischen Aktivitten. Grundstzlich ist zu beachten, dass fr die Nutzenmaximierung Wahlmçglichkeiten existieren, und zwar zwischen  Nutzen aus terroristischen Aktivitten und  Nutzen aus nicht-terroristischen Aktivitten. Die Rationalitt der Terroristen ist Ansatzpunkt fr politische Strategien gegen den Terror. Die Anreizstruktur und die Substitutionsmçglichkeiten bzw. -zwnge sollten im Sinne einer strategischen Antiterrorpolitik beachtet werden. Der große potenzielle Erfolg solcher Strategien liegt darin, dass Aktivitten von Terroristen mçglicherweise auf nicht-terroristische Aktivitten verlagert werden kçnnen. Die Anweisung der Fhrung der Terrororganisation Irisch-Republikanische Armee (IRA) im Juli 2005 an alle Aktivisten, „sich nur noch politischen und demokratischen Unternehmungen mit ausschließlich friedlichen Mitteln zu widmen“ (FAZMeldung vom 29.07.2005) zeigt, dass eine Umlenkung der politischen Energie mçglich ist. In Nordirland drfte hierfr einerseits die politische Einbindung der Sinn-Fein-Partei, also des politischen Zweigs der IRA, und andererseits die mangelnde Untersttzung seitens der Bevçlkerung dazu gefhrt haben, dass der Preis fr eine Fortfhrung der Gewaltaktivitten zu hoch und damit friedfertigere Alternativen vorteilhaft geworden sind.

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Terrorismus als Ergebnis der Krfte von Angebot und Nachfrage, Ansatzpunkte fr eine Antiterrorpolitik

Abschnitt 2 dieses Artikels hat individuelle Anreizstrukturen thematisiert. Wie sind diese jedoch im Zusammenspiel mit den Anreizstrukturen anderer und bei Aufeinanderprallen mit den Interessen des Staates und seiner Brger zu verorten? Die çkonomische Theorie sieht fr diese Fragestellung das Konzept des Marktgleichgewichts vor, das sich als Ergebnis der Angebots- und Nachfragekrfte einstellt. konomische Marktkrfte werden blicherweise durch Angebots- und Nachfragekurven ausgedrckt, wobei die Angebotskurve (bzw. deren Steigung) die Preise der Produzenten bei Ausweitung des Angebotes um jeweils eine marginale Einheit, und die Nachfragekurve (bzw. ihre Steigung) die Zahlungsbereit89

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schaft der Nachfrager bei Ausweitung der verfgbaren Menge um eine zustzliche Einheit messen. Steigende Mengen fhren folgerichtig zu steigenden Preisen der Anbieter und zu fallenden Preisplnen bei den Nachfragern, so dass es einen Schnittpunkt der Kurven gibt, der das Marktgleichgewicht reprsentiert. Wie wrden die Kosten- und Ertragsstrukturen der Anbieter und Nachfrager bei steigenden Preisen aussehen? Bei steigenden Preisen mssen/kçnnen nach und nach auch jene (Grenz-) Produkte angeboten werden, die mit hçheren (Grenz-) Kosten zu produzieren sind (z. B. weil ber die bliche Kapazittsgrenze hinaus produziert wird). Frey und Luechinger (2003) bertragen diese Idee auf das Angebot an und die Nachfrage nach Terrorismus. Nimmt das Ausmaß des Terrorismus zu, so bedingen weitere, ber das bisherige Maß hinausgehende terroristische Aktivitten hçhere marginale Kosten. Steigender Aufwand, hçhere Gefhrlichkeit und hçhere Entdeckungsrisiken lassen den Preis des Terrorismus fr die Aktivisten steigen. Der Verlauf der Angebotskurve ist, wie in Abb. 1 dargestellt, nicht notwendigerweise linear, er hngt vielmehr vom Verhalten und von den Charakteristika der Terroristen ab. Denkbar ist beispielsweise eine ab einem bestimmten Niveau vertikal nach oben verlaufende Angebotskurve, weil potenzielle Terroristen nur zu einer bestimmten Grenze zu gehen bereit sind und danach „angebotener“ Terrorismus prohibitiv teuer wird. Andererseits, und leider nicht unrealistisch, ist ein Verlauf mçglich, der ab einem bestimmten Niveau fast waagerecht verluft, weil es gelingt, jedes weitere Niveau an Terror durch weitere gleichmtige und lebensverachtende Selbstmordattentter ohne Zuwachs an Kosten zu realisieren. Hier hat man es mit indoktrinierten Attenttern zu tun, deren Nutzenfunktion eins mit der ihrer politischen Fhrer wird (Wintrobe 2003). Terror wird durch „supreme values“ (Bernholz 2004) motiviert, die absolut richtig sind und jegliches Verhalten dominieren. Die Nachfragekurve (der Brger und des Staates) determiniert die marginal erzielbaren Profite bei Ausweitung der Menge. Bei geringen Mengen sind Profitmargen fr Produzenten groß, bei großen Mengen treten Sttigungseffekte ein, so dass zustzliche Nutzengewinne bei Ausweitung der Menge immer kleiner werden. Die Nachfragekurve des Terrors kçnnte man daher auch als Toleranzkurve der terrorisierten Bevçlkerung bezeichnen. Der fallende (auch hier nicht notwendigerweise lineare) Verlauf beinhaltet, dass bei immer strkerer Ausweitung terroristischer Aktivitten ein zunehmender Abstumpfungseffekt eintritt: man lernt mit dem Terror zu leben. Tatschlich konnte man dieses Phnomen nach dem Anschlag in Scharm-al-Scheich im Juli 2005 beobachten. Sind noch vor einigen Jahren Urlauber nach vergleichbaren Anschlgen aus Urlaubsorten eilig abgereist, so zeigen sich die Reisenden nun relativ unbeeindruckt. Auch Nutzer der U-Bahn in London nach dem dortigen Anschlag ußerten sich entsprechend. Terrorismus scheint mehr und mehr als „normales“ Lebensrisiko eingeschtzt zu werden, was den Zielen des Terrors entgegenwirkt, da es die Ertrge der Aktivisten schmlert.

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Nachfrage- und Angebotskurven verstehen sich als Preis-Mengen-Konstellation bei gegebenen Kostenstrukturen der Anbieter und Prferenzstrukturen der Nachfrager. Verhaltensnderungen und Strukturverschiebungen verndern den Verlauf der Kurven selbst. So kçnnte eine technologische Verbesserung der Produktion dazu fhren, dass gegebene Mengen gnstiger produziert werden, was zu einem alternativen Verlauf unterhalb der Ausgangskurve fhren wrde. Zu einer Verschiebung der Nachfragekurve kann es beispielsweise durch eine exogene Reduktion des Einkommens kommen, etwa infolge einer Steuererhçhung. Nachfrager, denen ein Teil der Kaufkraft durch die Abgabe an den Staat verloren geht, verlieren an Zahlungsbereitschaft, so dass die neue Nachfragekurve unterhalb der Ausgangskurve verluft. Abb. 1: Angebots- und Nachfragekurven des Terrorismus

Quelle: Frey und Luechinger (2002).

In diesem Zusammenhang ist die klassische Abschreckungspolitik im Sinne der konomie der Kriminalitt4 einzuordnen, wonach terroristische Aktivitten wie andere kriminelle Aktivitten durch Strafandrohung und vor allem durch hohe Wahrscheinlichkeit der Strafdurchsetzung von weiteren Straftaten abgehalten werden. Eine Erhçhung der erwarteten Strafe (die bekanntlich dem Produkt von Strafhçhe und Wahrscheinlichkeit der Entdeckung entspricht), beispielsweise durch intensivere Polizeiarbeit, durch intensivere und hufigere Kontrollen usw., erhçht die marginalen Kosten jedes weiteren Terroraktes, so dass die Ange4 Becker (1968) gilt als Begrnder dieser Denkrichtung. Entorf und Spengler (2000) haben eine empirische berprfung dieser Theorie anhand deutscher Paneldaten vorgenommen. Landes (1978) bertrug die Grundstruktur des klassischen Abschreckungsmodells auf die Analyse terroristischer Aktivitten.

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botskurve des Terrors nach oben verschoben wird (siehe Abb. 2). Als Ergebnis wird sich – unvernderte Nachfrage vorausgesetzt – ein neues Marktgleichgewicht einstellen, in dem das Marktergebnis eine Einschrnkung der Terroraktivitten zeigt: Die gleichgewichtige Menge an Terroraktivitten geht von T0 auf T1 zurck. Abb. 2: Erhçhung der Kosten terroristischer Aktivitten

Quelle: Frey und Luechinger (2002).

Doch nicht nur klassische Abschreckungspolitik, die nicht unkritisch zu sehen ist (siehe dazu weiter unten), kann das Ausmaß an (gleichgewichtiger) Terroraktivitt zurckfhren, sondern auch eine Verschiebung der Nachfragekurve nach unten, wie es in Abb. 3 angedeutet wird. Dies gelingt, wenn die Terroristen pro Attentat einen geringeren „Ertrag“ bzw. weniger Nutzen erzielen. Hierzu ist es hilfreich, sich noch einmal die Ziele der Terroristen und die terroristischen „Ertrge“ vor Augen zu fhren. Es geht hauptschlich um grçßtmçgliche mediale Aufmerksamkeit, politische Destabilisierung und çkonomische Schwchung. Grundstzlich gilt, dass sich dezentrale Organisationsstrukturen eines Landes weniger anfllig fr terroristische induzierte Destabilisierung zeigen als zentralistische Regierungsformen (siehe dazu Frey und Luechinger 2004). Wenn ferner, wie weiter oben erwhnt, Reaktionen der Brger und des Staates auf Anschlge gleichen Ausmaßes im Jahr 2005 angemessener und gleichmtiger geworden sind als dies eventuell noch (z. B.) im Jahre 1998 der Fall war, dann hat sich ber die Zeit hinweg die Nachfragekurve nach unten verschoben, d. h. Terroristen erzielen mit der gleichen terroristischen Aktivitt weniger Wirkung. Ob allerdings, in einem dynamischen Kontext gesehen, Terroristen daraufhin nicht durch noch bru92

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talere und „effizientere“ Anschlagstechniken (beispielsweise durch Selbstmordattentter statt Platzierungen von Bomben) wiederum eine Verschiebung der Angebotskurve nach unten bewirken, um letztendlich das vorherige Gleichgewicht des Terrors wiederherzustellen, ist eine andere Frage (siehe dazu Abschnitt 4). Abb. 3: Begrenzung der Ertrge terroristischer Aktivitten

Quelle: Frey und Luechinger (2002).

Nutzengewinne der Terroristen und damit eine Verschiebung der Nachfragekurve nach oben kçnnen ironischerweise ausgerechnet eine Folge der oben beschriebenen Abschreckungspolitik sein, worauf Frey und Luechinger (2002) hinweisen. Hçhere Ertrge kçnnen eintreten, weil die Abschreckungspolitik mit ihren Kontrollen und Einschrnkungen von Grundrechten Opfer von der Bevçlkerung verlangt, so dass schon allein durch die Art und Weise der Reaktion des Staates der Erfolg des Terrors ermçglicht wird. Ohnehin liegt ein zentrales Problem in der „angemessenen“ Reaktion des Staates. Ist die Reaktion zu stark, so wrde die Verschiebung der Nachfragekurve nach oben eine neue Gleichgewichtssituation verursachen, die eventuell sogar rechts vom Ausgangspunkt liegt, d. h. die Addition der durch Abschreckungspolitik verursachten Angebotsverschiebung und der durch Belastung der Brger hervorgerufenen Nachfrageverschiebung (jeweils nach oben) kann zu mehr Terrorismus fhren als vor dem Einsatz der klassischen Abschreckungspolitik vorhanden war. Andererseits darf sich der Staat nicht als wehrloser oder gar hilfloser Staat erweisen, weil denkbar ist, dass Anschlge dadurch leichter (kostengnstiger) werden und wir die Folgen einer Rechtsverschiebung der Angebotskurve in Kauf nehmen 93

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mssen, die ceteris paribus mehr Terrorismus im neuen Gleichgewicht bedeuten wrde.

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Rationale terroristische Ausweichstrategien und dynamische Verschrfung der Konflikte

Terroristische Reaktionen auf çkonomisch motivierte Anreizstrukturen sollten nicht nur im statischen Kontext, sondern auch im lngerfristigen und dynamischen Zusammenhang gesehen werden. Eine Analyse der Bekmpfung des Terrors im Sinne des traditionellen Ansatzes von Landes (1978) vernachlssigt die Mçglichkeit, dass Terroristen erfolglose Terrorstrategien durch neue Taktiken substituieren. Letztendlich sind Relativpreise entscheidend: Eine einseitige Kostenerhçhung bei einer der Alternativen des Terrors fhrt zu einer Verlagerung der Aktivitten zu den anderen Aktivitten. Enders und Sandler (1993) haben diese deduktiv theoretische Hypothese empirisch (çkonometrisch) berprft. Sie konnten nachweisen, dass es zwar kurzfristige Erfolge bei der Vermeidung von Flugzeugentfhrungen durch flchendeckende Einfhrung von Metalldetektoren gab, dies jedoch langfristig durch eine Zunahme an Attentaten und Geiselnahmen kompensiert wurde. Es gibt drei Schlussfolgerungen aus dieser Art terroristischer Substitutionsstrategien. Die erste ist rein methodischer Natur und geht an die Adresse empirischer Sozialforscher, Kriminologen und Wirtschaftswissenschaftler. Die Tatsache, dass das „Arsenal“ des Terrors nicht nur eine Waffe einsetzt, sondern ber eine Vielzahl von Mçglichkeiten verfgt, verlangt, dass auch eine Vielzahl von endogenen Variablen und deren Interaktion und die Reaktion auf nderungen der Relativpreise gleichzeitig erfasst werden mssen. Der Einsatz vektorautoregressiver Methoden wie bei Enders und Sandler (1993) ist diesbezglich als Richtung weisend zu betrachten. Die zweite Schlussfolgerung ist inhaltlich-strategischer Art. Abschreckungsstrategien kçnnen nur dann erfolgreich sein, wenn alle Aktivitten der Terroristen gleichzeitig verteuert werden, oder wenn generell die Ressourcen und Quellen des Terrorismus eingeschrnkt werden. Schließlich und drittens zeigt die jngste Entwicklung mçglicherweise die Kehrseite eines partiell gefhrten und leider auch nur partiell erfolgreichen Kampfes gegen den Terrorismus, als dessen Reaktion sich die tçdliche Wirksamkeit der zum Einsatz kommenden Mittel von einer Generation des Terrors zur nchsten stetig gesteigert hat. Pape (2003) argumentiert, dass sich Selbstmordattentate als rationales Mittel der Wahl durchgesetzt haben, weil sie die effizienteste Mçglichkeit darstellen, terroristische Ziele durchzusetzen (Pape 2003). Whrend bei einem Selbstmordattentat im Durchschnitt 13 Personen getçtet werden, ist dies bei blichen Attentaten weniger als eine Person.

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5

Diskussion von Alternativen zur Abschreckungsstrategie im Kampf gegen Terrorismus

5.1

Reduziert hçhere Bildung und Bekmpfung der Armut die Gewaltneigung potenzieller Terroristen?

Verbesserte Bildungschancen sorgen fr optimistische Lebensperspektiven, so dass konomen und Kriminologen gemeinhin darauf setzen, dass mit steigender Bildung die Kriminalittsneigung sinkt. Leider ist dieser Zusammenhang fr terroristische Attentter nicht nachweisbar. Eine Untersuchung von Krueger und Maleckova (2003) zeigt eher gegenteilige Evidenz. Umfragen auf der West Bank und im Gaza Streifen offenbaren, dass Terrorakte auch von Personen mit hçherer Bildung untersttzt werden. Weiterhin berichten die Autoren von einer statistischen Analyse von Hezbollah-Mitgliedschaften. Demnach wird die Mitgliedschaft wahrscheinlicher, je hçher Bildung und Lebensstandard sind. Schließlich weisen Krueger und Maleckova darauf hin, dass jene militanten israelischen Siedler, die sich mit berfllen auf Palstinenser (Anfang der 1980er Jahre) hervortaten, eher aus Berufen mit hohem Status kamen. Einschrnkend und problematisch ist in diesem Zusammenhang allerdings die Messung von „Bildung“ zu sehen. Die bliche Messung empirischer Studien, wonach man lediglich die Jahre der Ausbildungsdauer misst, ist zweifelhaft. Die islamistische Ausbildung in Koranschulen besteht zum großen Teil aus der Deutung des Korans im Sinne von Indoktrination, viele westliche Werte wie z. B. Toleranz gegenber Andersdenkenden sind hingegen Zeichen der Schwche. Um im liberal-demokratischen Sinne den Zusammenhang von Bildung und Terrorismus nachprfbar zu machen, bedrfte es einer Messung der Qualitt von „Ausbildung“, die nicht, wie blich, an der Lnge, sondern an den Inhalten gemessen werden msste. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

5.2

Lassen sich terroristische Aktivitten durch Erhçhung der Opportunittskosten einschrnken?

Menschen haben in ihren Handlungen in der Regel die Wahl zwischen mehreren Mçglichkeiten. Die Entscheidung fr eine Alternative bedeutet zumeist den Verzicht auf die anderen Mçglichkeiten. konomen definieren den entgangenen und – trotz Opportunitt – nicht realisierten und damit entgangenen Nutzen als Opportunittskosten. In der konomie der Kriminalitt sind geringe Opportunittskosten krimineller Aktivitten ein Motiv fr illegales Handeln, das sich sehr passend mit den Textzeilen von Janis Joplin und Kris Kristoffersen charakterisieren lsst: „Freedom ist just another word for ,nothing left to lose’“: Wer nichts zu verlieren hat, fr den ist der Weg in die Illegalitt nher als fr jenen, der frchten muss im Falle des Misserfolgs auf bisher Erreichtes und auf Zukunftsperspektiven verzichten zu mssen. Human- und Sozialkapital gelten daher als „Schutzimpfung“ gegen kriminelles Verhalten. 95

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Lsst sich das Konzept der Opportunittskosten auch auf terroristische Attentter anwenden? Frey und Luechinger (2003) und krzlich auch Freytag (2005) gehen dieser Frage nach und liefern Grnde, die fr den Opportunittskostenansatz sprechen. Demnach kçnnte eine Antiterrorstrategie darin bestehen, die Opportunittskosten der Alternativentscheidung „nicht-terroristische Verfolgung der politischen Ziele“ derart zu erhçhen, dass ein Verzicht hierauf schwer fllt und die Handlungsalternative „terroristische Verfolgung der politischen Ziele“ (siehe Kapitel 2) unattraktiv wird. In berspitzter Form wird daraus eine Maxime, die der Journalist Rainer Hank in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (29.08.2004) einmal als „Umarmt die Terroristen!“ bezeichnet hat. Bruno Frey im besagten Zeitungsartikel und Frey und Luechinger (2003) fhren an, wie Opportunittskosten des Terrorverzichts erhçht werden kçnnten, und zwar durch „Exit Options“ wie z. B. eine Kronzeugenregelung, Einbindung in soziale Prozesse und politische Entscheidungsprozesse (siehe Sinn Fein und die IRA), Versorgung mit çffentlichen Gtern (z. B. Schulen, „Health Care“) in terroristischen „Entsendelndern“, geistiger Austausch mit Intellektuellen und politischen Fhrern der Terroristen. Ein wesentlicher Faktor ist die Vermeidung extremistischer Einstellungen, die durch segregierte Isolation der geistigen Fhrer begnstigt wird. Diese Segregation gilt es „aufzuweichen“. In diesem Sinne ußert sich auch Glaeser (2005), der Evidenz dafr liefert, dass soziale Interaktion „hate crime“ verhindert. Aktuelle Anwendbarkeit dieser Erkenntnis wre im Umgang mit den so genannten „Hasspredigern“ gegeben. Diese „Lehrer des Terrors“ sind extreme Beispiele segregierter geistiger Isolation. Versuche der Einbindung in einen Dialog wren eine konsequente Anwendung antiterroristischer „Entspannungspolitik“. Der generelle Vorteil einer auf Erhçhung der Opportunittskosten setzenden Politik ist, dass auf Win-Win-Situationen abgestellt werden kann, und es zu keinem Negativ-Summen-Spiel kommt, wie es bei der klassischen Anti-Terror-Abschreckungsstrategie der Fall sein kçnnte. Die neuen Erkenntnisse ber Reziprozitt in der „konomie der Psychologie“ lehren, dass Gesichts- und Ehrverlust eher Revanchismus und „Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn“ Strategien fçrdern, wovon der verlustreiche Israel-Palstina-Konflikt beredtes Zeugnis ablegt. Dennoch, die Chancen der Durchsetzung einer „weichen“ Strategie sind eher gering, und dafr sind in erster Linie polit-çkonomische Grnde ausschlaggebend: Der Whler ist eher fr eine „harte Haltung“ zu gewinnen, die mçglichen Ertrge „weicher Strategien“ fr die Gesellschaft werden nicht beachtet, da Kosten-Nutzenaspekte nicht quantifiziert werden und in der politischen Debatte nicht vermittelbar sind. Sandler und Enders (2004) bedauern, dass in der politischen Argumentation wenig Gebrauch vom „Wert eines statistischen Lebens“ („value of a statistical life“) gemacht wird, ein Konzept, das gerade in der Terrorismusdebatte zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen kçnne. Dieser Mangel besteht vor allem auch in Deutschland, wo erst mit Spengler (2004) eine entsprechende Untersuchung vorgelegt wurde. Ein weiteres polit-çkonomisches Argument besteht da96

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rin, dass starke und einflussreiche Organisationen – Polizei, Armee und Nachrichtendienste – bei einer „weichen“ Strategie an Einfluss und vor allem den Zufluss finanzieller Ressourcen verlieren kçnnten.

6

Analyse strategischer Allianzen im Kampf gegen Terrorismus: Spieltheoretische Erkenntnisse

Das Erlebnis des 11. September 2001 hat eine Vielzahl von Regierungen weltweit zu einer „Allianz der Willigen“ zusammenrcken lassen, um gemeinsam mit den USA eine „harte“ Anti-Terror-Politik zu organisieren und durchzusetzen. Ohnehin ohne breite Untersttzung durch die Bevçlkerung und unter dem Eindruck des Madrider Attentates vom Mrz 2004 hat Spanien die Allianz verlassen, und auch in anderen Lndern gibt es Bestrebungen des Ausstiegs. Die sich stellenden Fragen sind, ob die Welt durch derartige Allianzen sicherer oder unsicherer wird, was Ausstiege von „Unwilligen“ fr die USA, fr die Aussteiger und fr die in der Allianz verbleibenden bedeuten, ob man sich Sicherheit „erkaufen“ kann und wie Gleichgewichte bei unterschiedlichen Strategien der USA und der beteiligten Regierungen aussehen kçnnten. Antworten auf diese Fragen versucht das çkonomische Instrument der Spieltheorie zu geben. Im Folgenden werden einfache Gedankengnge zum Thema „USA und strategische Allianzen gegen den Terrorismus“ entwickelt, wobei die Hintergrnde der Entwicklung, die aus einer Gruppe von „Un-Willigen“ zu einer „Allianz der Willigen“ gefhrt haben, sowie ein Ausblick auf ein eventuelles zuknftiges Auseinanderbrechen der Allianz im Mittelpunkt der Betrachtung stehen sollen. Der Kampf gegen den Terrorismus wird von zwei mchtigen Akteuren gefhrt, der USA und einer Allianz vieler Nationen, wobei Großbritannien der weitaus wichtigste Partner ist. Um die Lage nach dem 11. September 2001 zu verstehen, muss man sie mit der vorherigen Situation vergleichen. Sie ist in der Auszahlungsmatrix der Abb. 4 skizziert. Die erwarteten Payoffs haben ein ordinales Ranking zwischen 1 (schlechtestes Resultat) und 4 (gnstigste Situation). Der erste Eintrag ist stets die Auszahlung fr die USA, der zweite die der Allianz. Die Strategien sind „Vergeltung fr Terroranschlge“, R, (R = „Retaliation“) oder „Stillhalten“ DN (DN = „Do Nothing“) bzw. hoffen, dass der jeweils andere etwas unternimmt. Als (symmetrisch angelegte) gnstigste Konstellation wird von den Regierungen eingestuft, wenn man selber nichts unternimmt, der andere aber aktiv ist: Die Revanche der Terroristen fokussiert sich dann auf den vergeltenden Staat, whrend man selbst strker verschont bleiben drfte und von der eventuell erfolgreichen Bekmpfung des Gegenber profitiert. In diesem Kontext wird der Stillhaltende entsprechend mit der Auszahlung „4“ honoriert. Umgekehrt ist die Situation fr den Aktiven: Steht eine Regierung als alleiniger Vergelter da, so richtet sich die konzentrierte terroristische Aggression auf den Bekmpfer des Terrorismus. Die zu tragenden Kosten einer solchen einseitigen Politik sind sehr hoch, die Auszahlung ist demnach die niedrigstmçgliche, also „1“. Die 97

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zweitschlechteste Konstellation mit einer Auszahlung (2,2) stellt sich – fr beide identisch – ein, wenn sowohl die USA als auch die Allianz keine Terrorbekmpfung durchfhren. Eine Kooperationslçsung mit den Auszahlungen (3,3) wre daher fr beide Parteien vorzuziehen. Diese wird jedoch bei unabhngiger Verfolgung der Einzelstrategien und bei Antizipation der mçglichen Gegenreaktion nicht realisiert. Beide Spieler setzen auf „Stillhalten“ als dominante Strategie, so dass sich ein Prisoner’s Dilemma mit der unbefriedigenden Auszahlung (2,2) als gleichgewichtige Lçsung des Spiels ergibt (siehe fett gedruckte dominante Strategien und Auszahlungen). Die „Allianz“ stellt sich bei der in Abb. 4 gegebenen Situation also als eine „Allianz der Unwilligen“ heraus. Abb. 4: Spieltheoretische Analyse der Situation vor dem 11. 9. 2001 Allianz der „Un-Willigen“

USA

R

DN

R

3,3

1,4

DN

4,1

2,2

Anmerkung: erster Eintrag USA, zweiter Eintrag Allianz, R = „Retaliation“, DN = „Do nothing“

Nach dem 11. September 2001 nderte sich die Lage (siehe Abb. 5; Sandler und Enders [2004] beschreiben dieses Spiel als Interaktion zwischen den USA und dem UK). Der Wert einer Vergeltung hat nun fr die Regierungen allerhçchste Prioritt, also ein Nutzenniveau von jeweils „4“. Zwar ist es immer noch relativ vorteilhaft stillzuhalten, wenn der andere sich bewegt, jedoch ist die Situation fr den Stillhalter nun lediglich die zweitbeste Option mit einer Auszahlung „3“. Die Lçsung des Spiels fhrt daher im Gegensatz zur Situation vor dem 11. September tatschlich zu einer Realisierung der kooperativen Lçsung (4,4). Der Anschlag hat die Prferenzordnung der Staaten gendert und sie sehen grçßere Vorteile in einer Kooperation als vor dem 11. September 2001. Aus der Allianz der „Un-Willigen“ ist die Allianz der „Willigen“ geworden. Abb. 5: Spieltheoretische Analyse der Situation nach dem 11. 9. 2001 Allianz der „Willigen“

USA

R

DN

R

4,4

1,3

DN

3,1

2,2

Anmerkung: erster Eintrag USA, zweiter Eintrag Allianz; R = Retaliation, DN = „Do nothing“

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Nach dem Ausscheiden Spaniens und dem permanenten Druck der Bevçlkerung auch in anderen Lndern ist von einem Fortbestand der Allianz nicht auszugehen. Lee (1988) beschreibt mit seinem Konzept des „Paid Riding“ (in Anspielung auf „Free Riding“, also „Trittbrettfahren“), eine mçgliche Variante der Weiterentwicklung der strategischen Allianzen. So sind einseitige Kooperationen mit Terroristen mçglich, die im vorherigen Kapitel als „weiche“ rationale Strategien eingestuft wurden, z. B. in Form der Ermçglichung eines „Soft Landing“ fr terroristische Aussteiger usw. Unter diesem Gesichtspunkt stnden der Allianz nunmehr drei mçgliche Strategien zur Verfgung, nmlich „Vergeltung“ (R), „Stillhalten“ (DN) und „Paid Riding“ (PR), whrend man realistischerweise unterstellen kann, dass die USA eine „weiche“ Strategie zunchst nicht in Betracht ziehen wird. Wenn man wie zuvor ein ordinales Ranking der Auszahlungen whlt, und man davon ausgeht, dass die bestmçgliche Situation fr „einseitige Verhandler“ besteht, die USA also die Kosten bei Beibehaltung einer „harten“ Linie allein zu tragen htten, so ist eine Auszahlungsmatrix wie in Abb. 6 plausibel. In der Auszahlungsmatrix werden die Niveaus der Payoffs so angepasst, dass sie einen direkten Vergleich mit der Situation in Abb. 5 ermçglichen. Die Payoffs der Konstellationen (R, R), (R, DN) und (DN, DN), also die linke 2X2-Teilmatrix aus Abb. 6, sind gegenber Abb. 5 unverndert. Die „Allianz der Willigen“ aus Abb. 5 dient also als „Benchmark“. Als ungnstigste Situation und noch ungnstiger als (R, DN) im Benchmark-Fall ist fr die USA mit dem Ergebnis „0“ eine alleinige „harte“ Haltung, denn Allianzmitglieder wrden nicht wie bisher nur passiv stillhalten, sondern sogar aktiv Kooperationsangebote an die Terroristen machen. Gleichzeitig wre das die bestmçgliche Konstellation fr die „Paid Rider“, was sich in deren Auszahlung in der Hçhe von „5“ niederschlgt. Die Situationen (R, DN) aus Abb. 5 und der neuen Mçglichkeit (DN, PR) (siehe Abb. 6) werden als ungefhr gleichwertig eingestuft, daher gibt es in beiden Fllen die Auszahlungen (1,3). Abb. 6: Spieltheoretische Analyse unter Einbezug von „Paid Riding“ „Ehemalige Allianz“

USA

R

DN

PR

R

4,4

1,3

0,5

DN

3,1

2,2

1,3

Anmerkung: erster Eintrag USA, zweiter Eintrag Allianz; R = Retaliation, DN = „Do nothing“, PR = „Paid Riding“

Die Analyse des Spiels offenbart gegenber Abb. 5 eine vernderte dominante Strategie und eine Abkehr von der „harten“ Linie. Die USA wird die Strategie

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„Vergeltung“ nicht weiter verfolgen kçnnen, weil die Vereinigten Staaten Angst haben mssen, wie im Falle des Prisoner’s Dilemma, als Konsequenz ihres Handelns die alleinigen Kosten in Form konzentrierter terroristischer Angriffe auf die USA und auf US-Einrichtungen tragen zu mssen. Die Allianzmitglieder werden wegen der Abkehr der USAvon deren Strategie „Retaliate“ ihr bestmçgliches Resultat nicht erzielen kçnnen, es aber immerhin zu einer Verbesserung gegenber dem „Prisoner’s Dilemma“ in Abb. 4 bringen, da sie darauf hoffen drfen, aufgrund ihrer einseitigen Zusammenarbeit mit den Terroristen eine gewisse Ablenkung der terroristischen Aktivitten von ihrem eigenen Territorium und eine relative Besserstellung gegenber den inaktiven USA zu erzielen. Die neue (zuknftige?) Gleichgewichtssituation wird also ein „Do nothing“ der USA und ein „Paid Riding“ der Allianz sein, die damit zu einer „ehemaligen Allianz“ geworden wre. Es ist unklar, wie die nchste Stufe der dynamischen Entwicklung aussehen wird. Die optimistische Variante ist, dass die „weiche“ Anti-Terror-Politik erfolgreich sein wird und Quellen des Terrorismus langsam versiegen. Die pessimistische Variante ist, dass die Welt wieder zu einer Situation wie vor dem 11. September 2001 zurckkehren und ein neuer Zyklus strategischer Terrorbekmpfung beginnen wird.

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konometrisch-prognostische Aspekte

Statistische Analysen mit „Massendaten“ sind nur mit internationalen Datenbanken sinnvoll, fr rein nationale (deutsche) Prognosen mit inferenzstatistischen Methoden sind die Ereignisse zu „selten“. Als fhrende internationale Datenbank gilt ITERATE („International Terrorism: Attributes of Terrorist Events“), die auf Mickolus (1982) zurckgeht und die in aktualisierter Form den Zeitraum 1968 bis 2003 umfasst (siehe Mickolus et al. 2004). Bei der Datenbank handelt es sich um eine Zusammenstellung der mit terroristischen Attentaten zusammenhngenden quantitativen Angaben (z. B. Art des Anschlags, Datum und Ort, Anzahl der Opfer, Anzahl der Verletzten, US-Anteil an den Opfern), die hauptschlich aus çffentlichen Nachrichtenquellen zusammengestellt werden (z. B. „Associated Press“, „United Press International“, „Reuters Ticker“, „Foreign Broadcast Information Service“, und große US-Tageszeitungen wie z. B. die „Washington Post“ und die „New York Times“). Die mit Hilfe dieser Daten gewonnenen Erkenntnisse besttigen, dass die Kovariate des Terrors eng mit den Zielen des Terrorismus verbunden sind. Die Gemeinsamkeit der meisten Anschlge besteht darin, „grçßtmçgliche Aufmerksamkeit zu erzielen“, „politische Instabilitt zu bewirken“ und „çkonomische Leistungsfhigkeit zu schwchen“. Dementsprechend ist eine Konzentration auf Großstdte, insbesondere Hauptstdte und auf touristische Reiseziele zu beobachten, weiterhin sind US-Einrichtungen gefhrdet, es besteht ein Zusammenhang mit der zeitlichen Nhe zu politischen Wahlen und es gibt eine Bevorzugung strategisch 100

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wichtiger Ziele, wie z. B. die lversorgung (was Saudi Arabien zu einer besonders gefhrdeten Region macht). Fr zuknftige Angriffspunkte der Terroristen kommen jedoch zu viele Bereiche mit zu großer Unsicherheit in Frage, als das man sie im Rahmen des vorliegenden bersichtsartikels thematisieren kçnnte.

8

Ausblick

Die vorliegende bersicht hat gezeigt, dass es gute Grnde dafr gibt, hinter dem bisherigen und auch hinter dem zuknftigen Verhalten terroristischer Gruppierungen rationales Kalkl zu vermuten, was Ansatzpunkte der Vorhersagbarkeit extremistischer Aktivitten liefert und Leitgedanke einer Anti-Terror-Politik sein sollte. Dabei ist eine „harte“ Linie klassischer Abschreckung nur ein Weg unter vielen, zumal eine eventuell mit einer solchen Politik einhergehende Beeintrchtigung der Werte westlicher Demokratien (wie z. B. Einschrnkung von Freiheitsrechten) sogar eine erfolgreiche Realisierung der Ziele des Terrorismus bedeutet. Es gilt daher auch alternative Maßnahmen zu beachten, die auf Einbindung in politische Prozesse (wie der IRA in Nordirland) und auf Vermeidung der geistigen Segregation der intellektuellen Anfhrer setzt. Die Adaption einer solchen Anti-Terror-Strategie seitens einer Vielzahl von Regierungen kçnnte im brigen die „Allianz der Willigen“ aufweichen, und auch die USA in Zukunft (unfreiwillig) dazu bewegen, von ihrer strikten auf Abschreckung setzenden Politik abzukommen, wie spieltheoretische berlegungen zum „Paid Riding“ in diesem Artikel zeigen. Die zuknftige Entwicklung wird ferner stark von der moralischen Untersttzung und der Sympathie durch die (islamische) Bevçlkerung abhngen. Ein Rckgang der Untersttzung wrde die Opportunittskosten des Terrors erhçhen und die Durchfhrung der Terrorakte schwieriger machen. Bisher wird islamistischer Extremismus auch von einflussreichen Gruppen „gut Gebildeter“ arabischer Herkunft getragen, wobei es wichtig wre, die Isolation dieser Ethnien, auch in westlichen Gastlndern, aufzuheben. „Hate Crime“ entsteht hauptschlich in einem Umfeld, das von Isolation und dem Gedanken an „Vergeltung“ fr frhere Opfer geprgt ist. Der teufelskreishnliche Konflikt zwischen Israel und Palstina unterstreicht diese Aussage. In arabischen Lndern wird bei unvernderter Anti-Terror-Politik der USA ein von geistig isolierten islamistischen Lehrern angestachelter Anti-Amerikanismus ein stndiger Hort terroristischer Motivation bleiben.

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Henner Hess

Terrorismus: Quo vadis? Kurzfristige Prognosen und mittelfristige Orientierungen

„Ich mache keine Voraussagen und werde auch nie welche machen“, antwortete der englische Fußballer Paul Gascoigne einst auf die Frage nach den Siegeschancen seiner Mannschaft. Wir mçgen ber seinen Lapsus schmunzeln, aber er lehrt uns, dass es ungeheuer schwierig ist, keine Voraussagen zu machen. Wir alle machen im Alltag stndig Voraussagen und sind dabei sogar meistens erfolgreich. Ohne erfolgreiche Voraussagen (z. B. im Straßenverkehr) kçnnten wir auch schwerlich berleben. Auch Voraussagen ber den Alltag hinaus sind blich und notwendig. Nicht nur in Bezug auf das Wetter, sondern auch in Bezug auf die demographische Entwicklung, die Wirtschaftsentwicklung, das Steueraufkommen, die Marktchancen eines Produkts, den Wohnungsbedarf, die Bedrohung durch Kriminalitt usw. Generell gilt fr Natur- wie fr Sozialwissenschaften: Je besser wir ein Ereignis erklren kçnnen, desto besser kçnnen wir ein hnliches vorhersagen, je besser wir das Geschehen in einem Bereich verstehen, desto besser kçnnen wir die Entwicklungen in diesem Bereich prognostizieren. Das methodische Vorgehen ist bei Erklrung und Prognose im Prinzip das gleiche. Die Erklrung dafr, warum bestimmte Ausgangsbedingungen zu einem bestimmten Endergebnis, dem Explanandum, gefhrt haben, geschieht durch das Einsetzen eines Verbindungsglieds zwischen beiden, durch das Einsetzen einer allgemeinen Wenn-Dann-Hypothese als Explanans. Nach dem gleichen Schema kann man bei vorliegenden Ausgangsbedingungen durch Anwendung der Wenn-Dann-Hypothese das Endergebnis, das Prdikandum, vorhersagen. Wie bei naturwissenschaftlichen, so kommt es auch bei sozialwissenschaftlichen Prognosen darauf an, die Ausgangsbedingungen mçglichst genau zu erfassen und eine mçglichst große Zahl von bewhrten allgemeinen Hypothesen zur Verfgung zu haben. Einer der Grnde dafr, warum die Naturwissenschaften anscheinend erfolgreicher sind, besteht darin, dass sie in der Regel die jeweiligen Ausgangsbedingungen genauer erfassen und messen und seit Jahrhunderten mehr Zeit und Geld in die Formulierung allgemeiner Hypothesen gesteckt haben. Mit dem Aufwand, den die Meteorologie treibt, kçnnte aber womçglich jede Sozialwissenschaft in ihrem Bereich bessere Vorhersagen machen. Dauerhaft erfolgreiche Prognosen sind am ehesten mçglich in Bezug auf zyklisch sich wiederholende Ereignisse oder kontrollierbare Ereignisse in organisierten Systemen wie Labors oder Brokratien. So kann man mit ziemlicher Sicherheit eine Sonnenfinsternis voraussagen (keineswegs mit absoluter Sicherheit, wie wir seit Popper wissen), ebenso den Wochentag, auf den in fnf Jahren Weihnachten fallen wird, oder auch prognostizieren, dass ein Brief, den man in einen dafr bestimmten gel105

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ben Kasten am Straßenrand einwirft, in den folgenden Tagen beim Adressaten landen wird. Außerhalb solcher Zyklen oder Systeme werden naturwissenschaftliche Prognosen wie sozialwissenschaftliche wesentlich unsicherer: Wo der Naturwissenschaftler z. B. keine kontrollierten Laborbedingungen mehr herstellen kann, kçnnen auch seine Voraussagen sich als tragische Irrtmer erweisen (man denke nur an die jahrelangen Raketenfehlstarts in Cap Caneveral!). Im Prinzip unterscheiden sich also sozialwissenschaftliche Prognosen nicht von naturwissenschaftlichen. Allerdings haben es Sozialwissenschaftler dennoch schwerer. Einerseits gibt es im sozialen Bereich weniger zyklisch sich wiederholende Ereignisse und wenig bis keine geschlossenen Systeme, und andererseits treten hier besondere Probleme auf, die im naturwissenschaftlichen Bereich seltener sind, nicht in Bezug auf die Prognosemethode, aber in Bezug auf den Prognosesteller und auf das Prognoseobjekt. Sowohl der Prognosesteller wie das (letztlich menschliche) Prognoseobjekt kçnnen sich bewusst oder unbewusst so verhalten, dass sie das Eintreffen oder Nicht-Eintreffen der Prognose mitbestimmen. „The best way to predict the future is to invent it“ wird Nicolas Negroponte zugeschrieben. Zumindest sind viele Prognosen mit heftigen Wertungen besetzt1, und der Prognostiker tut oft vieles, um die Zukunft entsprechend der erwnschten (oder auch unerwnschten) Vorhersage zu gestalten – auch wenn solche Versuche, wie das Groß-Beispiel Lenin zeigt, die Prognose nicht immer retten kçnnen. Ganz hnlich tritt in Bezug auf das Prognoseobjekt das Phnomen der reflexiven Vorhersagen auf: als self-fulfilling prophecy und als self-destroying prediction. Das alles sind aber keine wirklich schwerwiegenden Einwnde gegen die Mçglichkeit sozialwissenschaftlicher Prognosen. Im Bereich des Terrorismus z. B. machen wir ja Vorhersagen ausdrcklich zu dem Zweck, um ihr Eintreffen dann durch Intervention zu verhindern. Das bedeutet nicht, dass die Vorhersagen richtig waren (neben oder anstelle der Intervention kann es andere Grnde fr das Nicht-Eintreffen geben), aber es bedeutet auch keinesfalls, dass die Vorhersagen zum Zeitpunkt der Vorhersage falsch gewesen wren.2 Ebenso wenig gravierend scheint mir das Problem der sog. doppelten Hermeneutik, d. h. die Tatsache, dass nicht nur der Wissenschaftler oder Betrachter, sondern auch das Prognoseobjekt als Subjekt seine Situation deutet und sich gemß seiner Deutung von Fall zu Fall immer auch anders entscheiden kann. Seit Max Weber 1 Hier sollte man allerdings nicht vergessen, dass Werturteile auch in den Naturwissenschaften eine Rolle gespielt haben und noch spielen, und zwar nicht nur legitimerweise bei der Auswahl der Forschungsfragen, sondern auch illegitimerweise in Bezug auf Theorien (und daraus abgeleiteten Prognosen): Man erinnere sich an den Prozess gegen Galilei, die Leugnung der „jdischen“ Relativittstheorie im Dritten Reich, die Erzeugung von Leben aus unbelebter Materie durch Lyssenko oder an das aktuelle amerikanische Creationism. 2 Mittlerweile gibt es auch im naturwissenschaftlich-technischen Bereich Beispiele fr self-destroying predictions, etwa im Falle der Rakete, der ein Computer automatisch meldet, dass sie bei gleichbleibendem Kurs ihr Ziel verfehlen wird, und die daraufhin den Kurs ndert. Auch hier war natrlich die Vorhersage keineswegs falsch.

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wissen wir, dass zum Material der Soziologie der subjektiv gemeinte Sinn des Handelns gehçrt (auch wenn dieses Material keineswegs nur aus subjektiven Konstruktionen besteht). Und solche Deutungen versuchen wir ja in die Prognose einzubeziehen (deshalb sind im unten dargestellten Karriere-Modell neben den Handlungen immer auch die Diskurse in der Analyse zu beachten). Außerhalb von zyklisch wiederkehrenden Ereignissen spielt der Zeitrahmen einer Vorhersage eine große Rolle. Je langfristiger die Vorhersage ist, desto riskanter ist sie. Deshalb mçchte ich unterscheiden zwischen kurzfristigen Prognosen, mittelfristigen Orientierungen und langfristigen Prophezeiungen. Die bedeutendsten Beispiele langfristiger Prophezeiungen hat Popper als Historizismus kritisiert (vgl. Popper 2003). Solche Prophezeiungen basieren auf der Annahme unpersçnlich in der Geschichte wirkender Krfte, die auf ein bestimmtes Ziel zusteuern, das man vorhersagen kann: Platos perfekten Staat, das christliche Reich Gottes nach dem Jngsten Gericht, das marxistische Absterben des Staates nach dem Sieg des Proletariats usw. Mit Wissenschaft haben sie nichts zu tun. Auch aus der Natur gibt es Beispiele von Entwicklungen, die man wissenschaftlich nicht prognostizieren kann. So kennen wir zwar die Mechanismen, nach denen die Evolution der Arten abluft, aber welchen Weg sie nimmt, kann niemand vorhersagen. Wir mssen uns also mit kurzfristigen Prognosen und mittelfristigen Orientierungen begngen. Kurzfristige Prognosen stellen die Ausgangsbedingungen einer aktuellen Situation fest und sagen mithilfe einer Wenn-Dann-Hypothese den nchsten Schritt ihrer Entwicklung voraus: Wenn eine Gruppe von Menschen in ihrer Kommunikation von der Außenwelt isoliert ist, dann neigen die Gruppenmitglieder zu radikalisierten manichischen Weltbildern. Mittelfristige Orientierungen basieren auf Trendanalysen, letztlich auch auf Wenn-Dann-Hypothesen, die aber weniger przise und weniger gut bewhrt sind. Sie bieten, wie gesagt, nur Orientierungen, die aber durchaus begrndet sein kçnnen, wenn sie sich historizistischer Vorstellungen konsequent enthalten: Trotz stndiger Rckschlge gibt es eine historische Tendenz zu wachsenden politischen Einheiten mit pazifizierender Wirkung nach innen, so dass eine globale Staatsbildung wahrscheinlich ist und gewaltttige Auseinanderssetzungen in Zukunft nicht mehr als Kriege zwischen souvernen Parteien, sondern als Kriminalitt (bzw. Terrorismus) einerseits und strafrechtliche Sanktion andererseits definiert sein werden. Abschnitt 2 meines Beitrags ist kurzfristigen Hypothesen gewidmet. Hier versuche ich, solche Hypothesen in einem Prozess- bzw. Karriere-Modell in einen Verlaufszusammenhang zu ordnen. Dieses Modell kçnnte als Prognose-Instrument auf Entstehung und Verlauf extremistischen und terroristischen Handelns angewendet werden. In Abschnitt 3 stelle ich einige mittelfristige Orientierungen vor, die einiges ber die Zukunft des Terrorismus als soziales Phnomen in bereits heute sich entwickelnden politischen Kontexten aussagen. Zunchst aber mçchte ich darauf eingehen, wovon wir berhaupt sprechen, wenn wir von Terrorismus sprechen. Wir stehen ja dabei vor einer Schwierigkeit, die zwar auch fr manche andere sozialwissenschaftliche Problemstellung relevant, fr Terrorismus aber 107

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vielleicht besonders gravierend ist: Wir kçnnen nie sicher sein, ob bestimmte Phnomene, deren Auftreten wir ganz erfolgreich vorhergesagt haben, dann auch von den definitionsmchtigen Instanzen als „Terrorismus“ definiert werden. Haben wir dann Terrorismus vorhergesagt?

1

Was ist Terrorismus? Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo. Wenn ich die Gçtter im Himmel nicht erweichen kann, so werde ich die Hçlle in Bewegung setzen. (Vergil)

Was bestimmte Aktionen zu „terroristischen“ und bestimmte Akteure zu „Terroristen“ macht, ist im politischen Alltag eine Frage der Definition durch den Betrachter. Terrorismus liegt, wie man’s von der Schçnheit sagt, im Auge des Betrachters. Wen der Betrachter mit Wohlgefallen ansieht, den sieht er als Freiheitskmpfer, Revolutionr, Stadtguerillero, Kmpfer einer „bewaffneten Partei“ (wie sich die italienischen Roten Brigaden sahen) oder als Gotteskrieger im Dschihad. Wen er als Feind sieht, den nennt er „Terrorist“ und ruft damit einen ganzen Hof von negativen Konnotationen auf, einen fix und fertig bereitliegenden Alltagsmythos (vgl. Barthes 1964, 85 ff.).3 Ein solcher Alltagsmythos bietet einen Komplex von ausgewhlten Informationen und Attitden als Aussage ber ein Objekt an, suggeriert, dass dieses Objekt so, wie es in der Aussage erscheint, auch in der Realitt existiert als etwas Natrliches, So-Seiendes. Der Mythos unterschlgt, dass seine Aussage und das in ihr enthaltene Objekt etwas sozial Gemachtes sind, und er unterschlgt auch die unterschwellige Funktion gerade dieser sozialen Konstruktion von Wirklichkeit: Terrorismus ist das Bçse, dessen Ursachen und Ziele eigentlich keine Diskussion verdienen. Der Terrorist wird, wie einst im 18. Jahrhundert der Pirat, zum hostis humani generis, zum Feind des Menschengeschlechts. Das ist die eine Seite. Kçnnen wir nun nur ber diesen Mythos sprechen, ihn phnomenologisch und ideologiekritisch analysieren, oder gibt es noch eine andere Seite, lsst sich hinter dem Sprachschleier des Diskurses auch ein Kern von Bezeichnetem ausmachen, ein Phnomen, das von anderen Phnomenen unterschieden ist? Wie immer im Falle der Labeling-Theorie muss man deren Grenzen sehen. Zwar hngt viel von der Definitionsmacht ab, aber auch große Macht kann ein bestimmtes Etikett nicht jedem beliebigen Phnomen aufdrcken. Das Label haftet nur, wenn das signifi in seiner deskriptiv zu erfassenden Erscheinung dem signifiant entgegenkommt. Neben den askriptiven hat „Terrorismus“ also de3 Die primre Funktion, nmlich den Gegner, den man als Terroristen bezeichnet, zu stigmatisieren, kann manchmal ironischerweise seine effektive Bekmpfung behindern. Die Fahndungsplakate, mit denen die britische Mandatsmacht in Palstina den Fhrer der jdischen Irgun, Menachem Begin, suchte, zeigten eine klassische anarchistische Fratze, die mit dem Menschen Begin nichts zu tun hatte und ihn vor einer Festnahme eher schtzte (vgl. Begin 1978, 153 ff.). Ein weiteres gutes Beispiel waren die ersten RAF-Fahndungsplakate. Heute hat man aus diesen Pannen gelernt.

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skriptive Elemente, und diese deskriptiven Elemente lassen sich etwa in folgender Definition fassen, die den Kern des Alltagsverstndnisses erfasst und doch Wertungen zu vermeiden sucht: Terrorismus ist (1) eine Reihe von vorstzlichen Akten direkter physischer Gewalt, die (2) punktuell und unvorhersehbar, aber systematisch (3) mit der Absicht psychischer Wirkung auf weit mehr Personen als nur die physisch getroffenen Opfer (4) im Rahmen einer politischen Strategie ausgefhrt werden (vgl. Hess 1988a, 59). Die Definition soll der Verstndigung darber dienen, worber wir reden, wenn wir von Terrorismus reden – sie soll nicht suggerieren, dass es Handlungen gbe, die unabhngig von unseren Subsumtionen terroristische Handlungen wren, sie soll nur der Willkr der Subsumtion Grenzen setzen (bzw. die Grenzen zeigen, die in der Realitt da sind). Sie soll auch nicht den fruchtbaren Gedanken abweisen, dass in der politischen Praxis Handlungen durch ihre Subsumtion unter den Begriff in ihrem weiteren Schicksal mitbestimmt werden: Was terroristisch genannt wird und worauf entsprechend reagiert wird, kann sich zu etwas auswachsen, worauf sich unsere Definition dann immer leichter anwenden lsst. Gerade dieser Prozess kann besser analysiert werden, wenn man eine Definition von Terrorismus hat (und belegt noch einmal nachdrcklich die Dialektik von signifiant und signifi, Etikett und Phnomen, die der radikale Labeling-Ansatz verkennt).4 Ich will kurz darauf eingehen, was diese Definition von Terrorismus ausschließt. Zunchst einmal die geregelte, berechenbare, von offen gekennzeichneten Erzwingungsstben ausgebte staatliche Gewalt; ebenso all das, was Johan Galtung „strukturelle Gewalt“ genannt hat, also Zwnge, die nicht mit direkter physischer Gewalt verbunden sind – so brutal und repressiv die staatliche Gewalt oder die nicht direkt physisch gewaltttigen Zwnge auch sein mçgen. Betrachten wir revoltierende Gewalt, so wollen wir nicht terroristisch nennen die einmalige Gewalttat, z. B. den klassischen Tyrannenmord. Ebensowenig Staatsstreiche, Volksaufstnde, Revolutionen und Guerrilla-Aktionen. Wie beim Terrorismus handelt es sich zwar auch bei Guerrilla-Aktionen um berraschende und systematische Gewaltanwendung im Rahmen einer politischen Strategie. Aber allen GuerrillaStrategien ist gemeinsam, dass sie ihre politisch-militrischen Ziele durch die Anwendung von Gewalt unmittelbar zu erreichen suchen; es geht ihnen also primr um die physischen Folgen der Gewaltanwendung, z. B. um das Schaffen und Halten „befreiter Zonen“. Dagegen orientiert sich die Strategie des Terrorismus an den durch die Gewaltanwendung provozierten Reaktionen der anvisierten Zielgruppen. Dem Terroristen geht es also primr um die psychischen Folgen der Gewaltanwendung. Die Violenz des Terroristen ist kommunikativ und indirekt, der Terrorist kann sein Ziel nur ber Umwege erreichen. Terrorismus hat eine voluntaristische Note, d. h. er ist die Waffe der Schwachen in einer Situation, in der die strukturellen Bedingungen und die objektiven Machtverhltnisse ihnen wenig 4 Bei Scheerer (1988b) und Hess (1988b) wird diese Dialektik fr die Geschichte der deutschen und italienischen linksterroristischen Gruppen ausfhrlich beschrieben.

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Hoffnung auf direkten Erfolg geben. Es ist erstaunlich, wie gering die Mittel der Terroristen, verglichen mit denen ihrer Gegner, fr gewçhnlich sind; die Gegner haben in der Regel ein Interesse, den Organisationsgrad und die Machtmittel der Terroristen zu bertreiben. Aber auch mit geringen Mitteln kann man ber die Medien, die terroristische Taten in der Regel begierig aufgreifen und verstrken, eine Botschaft kommunizieren, Aufmerksamkeit erregen, die Bevçlkerung einschchtern oder die ffentlichkeit aufrtteln.5 Und ebenso kann man mit geringen Mitteln beim Gegner eine Reaktion auslçsen, die „ihm die Maske vom Gesicht reißt“, ihn in schlechtes Licht rckt, schwcht oder sogar ruiniert. Die Definition fasst Terrorismus als eine Handlungsweise, als eine Methode6, und assoziiert diese Methode keineswegs (wie manche andere Definition das tut) nur mit kleinen, sub-staatlichen Gruppen. Auch eine Herrschaft kann terroristisch sein, z. B. dann, wenn die Gewaltakte, die sie stabilisieren, nicht mehr berechenbar sind, nicht mehr von einem eigens dafr offen gekennzeichneten Stab nach bestimmten Verfahrensregeln durchgefhrt werden und in erster Linie der Verunsicherung und Einschchterung aller im Moment noch nicht vom physischen Gewaltakt Betroffenen dienen. Die terroristische Wirkung kann hier ebenfalls ber die Massenmedien erreicht werden, aber wichtiger noch ist ein anderer Multiplikator: das Gercht. Das Entscheidende an einem terroristischen Herrschaftssystem ist, dass alle um die geheimen Taten der Geheimpolizei wissen (vgl. Plate/Darvi 1981).7 Wenn wir, um Terrorismus von anderen Handlungsweisen zu differenzieren, auf die von ihm angestrebte psychische Wirkung abheben, so ist das nur ein formales Kriterium. Der Inhalt, den der Appell des Terroristen hat, die Richtung der psychischen Wirkung, die Botschaft, die von der terroristischen Tat bermittelt wird (Terrorismus ist ja eine Art von Sprache), das macht dann die politische Strategie aus. Diese kann sehr verschiedenartig sein und sich an ganz verschiedene Gruppen richten. So kçnnen wir vor allem unterscheiden zwischen einerseits einer Strategie, die die Einschchterung und Lhmung einer unterworfenen Bevçlkerung oder Bevçlkerungsgruppe verfolgt, und andererseits einer Strategie, die auf den Umsturz einer Herrschaft abzielt. Fr eine Typologie terroristischer Akte und Gruppen haben wir damit ein erstes und das wichtigste differenzierende Merkmal. Eine solche Typologie scheint mir recht ntzlich fr ein etwas fundier5 Die weltweit bertragene live show des einstrzenden World Trade Centers ist sicherlich das bisher eindringlichste Beispiel fr die Verstrkerwirkung der Medien. Aber auch frhere terroristische Akte, wie die Morde an Zar Alexander II. oder an der çsterreichischen Kaiserin Elisabeth, wie das Attentat von Sarajewo oder die Entfhrungen von Moro und Schleyer, waren zweifellos vor allem als Medienereignisse wirksam. Wir neigen dazu, Gegenwrtiges als vçllig neu und in seinen Auswirkungen einmalig zu begreifen. Zu Unrecht. Die Auswirkungen des Attentats vom 28. Juni 1914 (Sarajewo) waren z. B. wahrscheinlich bei weitem bedeutsamer als jene des 11. September 2001. 6 Folgerichtig ist man Terrorist, wenn und solange man sich dieser Methode bedient und terroristisch handelt, nicht im Wesen der Person, und kann sich – wie Menachem Begin – vom meistgesuchten Terroristen des Britischen Empire zum Friedensnobelpreistrger entwickeln. 7 Fr eine weit differenziertere Diskussion des Terrorismus-Begriffs vgl. die auch in anderer Hinsicht herausragenden Beitrge Schmid 1983, 5 ff., und Scheerer 2002, 17 ff.

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teres Verstehen des sozialen Phnomens Terrorismus. Ihre beiden Hauptgruppen sind also Terrorismus als Repression und Terrorismus als Revolte, je nachdem, ob die terroristischen Akte der Verteidigung etablierter Privilegien oder den Angriff auf etablierte Privilegien intendieren. Innerhalb dieser Kategorien lsst sich dann weiter differenzieren. So kann die terroristische Repression von den staatlichen Apparaten selbst ausgehen oder von nicht-staatlichen bzw. para-staatlichen Gruppen. Die Revolte kann strker sozialrevolutionren oder strker nationalen (bzw. ethnischen, gegebenenfalls dazu religiçsen) Charakter haben (vgl. Hess 1981). Natrlich gibt es zahlreiche andere, mehr oder weniger brauchbare Typologien. Auch lassen sich manche Gruppen in meine vereinfachende Typologie nur schwer einordnen: die religiçse Sekte Aum Shinrikyo in Japan mit ihrem Endzeit-Terrorismus z. B. oder die Jewish Defense League in den USA oder ebendort die Umweltterroristen Nature First, die Pro Life Abtreibungsgegner usw. Manchmal bezeichnet man diese Gruppen als single issue terrorism, weil sie mit ihren Aktionen ein einziges relativ eng umgrenztes Ziel erreichen wollen. Aber im Grunde gilt das ja auch fr IRA oder ETA. Außerdem htten die Beispiele einer Kategorie single issue terrorism untereinander wenig gemein. Repressiver Terrorismus staatlicher Apparate: Der Terrorismus, der durch staatliche Apparate ausgefhrt wird (bzw. von Gruppen, die sich dieser Apparate bemchtigt haben: Familienclans, Propheten, Jakobiner, Bolschewiki, Nationalsozialisten usw.), ist sowohl quantitativ als auch qualitativ, sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart ohne jeden Zweifel der bedeutsamste. Herrschaft, die sich nicht auf Legitimitt sttzen kann (und insofern schwach ist), steht vor dem Problem, die ihr Unterworfenen allein mit Zwang niederhalten zu mssen, und da der physische Zwang nicht stndig und nicht gegen alle aktualisiert werden kann, muss die Art seiner Aktualisierung gegen einzelne so aussehen, dass die anderen durch psychischen Zwang gelhmt bleiben. Jedes Mal zielen die Gewalttaten in solchen Regimen auch auf die physische Vernichtung der gefhrlichsten Gegner, aber das terroristische Element der Einschchterung der unterworfenen Bevçlkerung ist doch entscheidend und lsst sich ablesen an der vor allem damit zu erklrenden Brutalitt der Taten, die diejenige aller anderen Formen von Terrorismus bei weitem bertrifft. In vorbrgerlichen Herrschaftssystemen ist ein terroristisches Element die Regel, moderne Demokratien haben, bei politischer Beteiligung und wohlfahrtsstaatlichen Verteilungsmechanismen, einen hçheren Grad von Legitimation, außerdem perfektere Verwaltungs- und berwachungsapparate; sie haben Gewalt nach innen nur noch in kleinen Dosen nçtig. Terroristische Herrschaft erscheint uns u. a. auch deshalb heute so grell und auffallend, weil sie auf der Folie der modernen brgerlichen Systeme entwicklungsgeschichtlich unmodern geworden ist. Leider heißt das nicht, dass sie deshalb auch selten wre.8 8 Fr die beispielhafte Analyse eines frhen terroristischen Staates bei den Zulu vgl. Walter 1969; die Literatur ber Hitler, Stalin, Mao, Amin, Bokassa, Pol Pot, Duvalier, Somoza, Pinochet, Videla,

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Eine Variante dieser Form von Terrorismus kann man in der Kriegfhrung finden. Auch die Kriegfhrung war seit dem Absolutismus in gewisser Weise gezhmt und vielerlei Regeln (vor allem im Hinblick auf Zivilisten und Gefangene) unterworfen worden, kulminierend in der Haager Landkriegsordnung von 1907 und der Genfer Konvention von 1949. Doch gelten solche Regeln in der Praxis nur zwischen einigermaßen gleichstarken und in langer Konflikttradition, in „agonaler Partnerschaft“ (Mhlmann), aneinander gewçhnten Gegnern. Kolonialkriege als Aktion gegen aktuelle oder potenzielle Untertanen – und dazu zhlen z. B. auch der 2. Weltkrieg im Osten oder der Algerienkrieg – bieten dagegen reichhaltiges Material zum Studium des staatlichen Terrorismus. Der staatliche Terrorismus ist in Bezug auf seine Ziele relativ rational und ohne weiteres verstehbar. Die Auftraggeber bleiben im Hintergrund und von den Ttern distanziert, was ihre psychischen Probleme vermindert. Um die psychische Bereitschaft der Ausfhrenden zu erklren, ist – neben dem Verweis auf sexuell akzentuierte sadistische Momente einerseits, materielle und laufbahnmßige Vorteile andererseits – wohl vor allem auf jene Neutralisationstechniken hinzuweisen, die Milgram im Zusammenhang mit seinem berhmten Experiment und Jger fr nationalsozialistische Tter beschrieben haben: die Verschiebung der Verantwortung auf die Institution, die Berufung auf den Befehl von oben, die Verdrngung moralischer Fragen hinter ein Job-Bewusstsein, hinter die fachmnnische Ausfhrung technischer Aufgaben usw. Dazu kommt die systematische Abwertung der Opfer, denen der Status eines vollwertigen Menschen abgesprochen wird (vgl. Courrire 1969, 553 ff. u. 604 ff., Duster 1973, Milgram 1982, Jger 1983, 252 ff.). Repressiver Terrorismus para-staatlicher und nicht-staatlicher Gruppen: Diese Form von Terrorismus ist vor allem dort zu beobachten, wo es den nicht-privilegierten Schichten einer Gesellschaft gelungen ist, durch einen gewissen Einfluss auf den Staatsapparat und die Gesetzgebung einige Privilegien der herrschenden Schichten legal zu beschneiden – z. B. durch Bodenreformen, Koalitions- und Streikrechte, Ausdehnung des Wahlrechts usw. –, die privilegierten Schichten aber noch stark sind und ihre Privilegien zh verteidigen. Das ist nun aber nicht mehr oder nicht effektiv genug mit Hilfe des Staatsapparats mçglich, wenn die legale Repression verfassungs-, polizei- und prozessualrechtlich beschrnkt ist. Deshalb greifen die privilegierten Schichten auf private Kampfmittel zurck und/ oder nehmen private Gewaltunternehmer in ihre Dienste. Mit gezielten Terrorakten versucht man, die Gegner davon abhalten, ihre neuerworbenen Rechte auch auszuben. Historische und aktuelle Beispiele gibt es zuhauf: die Mafia in SiziPapadopoulos, Saddam Hussein und dergleichen Kerle sowie ihre Herrschaftssysteme ist riesig. – Angemerkt sei, dass meine Typologie manchmal zu stark vereinfacht. So wurde der Terror Robespierres zwar mit Hilfe staatlicher Apparate ausgefhrt, richtete sich aber gegen etablierte Privilegien, die nicht mehr vom Staat vertreten waren; vgl. Soboul 1972, 42 ff. und 93 ff. hnlich liegen die Dinge beim stalinistischen Terror, der sich dadurch grundlegend vom faschistischen unterscheidet; vgl. Deutscher 1962, 368 ff., sowie Hofmann 1967, 13 ff.

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lien, der Ku Klux Klan in den amerikanischen Sdstaaten, die JagunÅos in Brasilien, die Goondas in Indien, Banden im Dienst von Unternehmern wie die franzçsischen milices patronales, die lateinamerikanischen Todesschwadronen, die Grauen Wçlfe in der Trkei usw. Nicht selten haben diese Gruppen Beziehungen zu jenen Fraktionen des Staatsapparats oder auch der Justiz, in denen der Einfluss der traditionell Privilegierten noch weiterwirkt; daher die erstaunliche Schwche und Wirkungslosigkeit der Strafverfolgung ihnen gegenber. Als Tter dieser Kategorie von Terrorismus treten manchmal die Interessierten selber auf. Typischer ist jedoch, dass diese sich als Anstifter und Auftraggeber im Hintergrund halten. Die Ausfhrenden sind dann oft Angehçrige deklassierter oder von der Deklassierung bedrohter Schichten (kleine Landbesitzer, Kleinbrger, Lumpenproletarier), die entweder im Opfer denjenigen zu treffen meinen, der an der Gefhrdung ihres sozialen Status schuldig ist, oder die durch ihre Taten und die daran geknpfte Belohnung – sei diese nun materieller Gewinn oder seien es bessere Beziehungen zu den Privilegierten – sozial aufsteigen wollen. Den genannten zumindest im Hinblick auf die Funktion hnlich sind die meisten rechtsterroristischen Gruppen, auch wenn bei diesen oft idealistische Momente und ein revolutionres Selbstverstndnis eine Rolle spielen. Als psychische Wirkung wird bei den Gewalttaten dieser Gruppen nicht nur die Einschchterung der Gegner, sondern auch der Appell an reaktionre Krfte, vor allem an die Armee, anvisiert. Mit den Terrorakten, typischerweise ungezielten Bombenattentaten im çffentlichen Raum, schafft man einen Zustand der Ordnungslosigkeit im Staat, fçrdert in der Bevçlkerung den Wunsch nach einem starken Mann und signalisiert der Armee, dass sie doch mit starker Hand durchgreifen mçge. Die Squadre fasciste Mussolinis zu Beginn der 1920er Jahre sind wie Hitlers SA etwas spter fr diese Taktik historisch bedeutsame Beispiele, und auch die neo-faschistische Gewalt im Italien der 1960er und 1970er Jahre ist letztlich nur so zu erklren (Ordine nuovo, Avanguardia nazionale, Giovane Italia, Ordine nero, Nuclei armati rivoluzionari usw.). Mit der Etablierung einer autoritren Herrschaft ist deshalb das Ziel dieser Gruppen erreicht, und sie verschwinden (so wie Patria y Libertad nach Pinochets Staatsstreich in Chile) oder werden brutal entmachtet (wie die SA am 30. Juni 1934).9 Revoltierender Terrorismus ethnischer/nationaler/religiçser Art: Vor 2000 Jahren rebellierten die jdischen Sikarier und Zeloten gegen die noch relativ neue 9 Vgl. mit ausfhrlichen Literaturangaben Hess 1976, speziell zu den Beipielen Mafia Hess 1970 oder schwarze Gewalt in Italien Hess 1988b, 53 ff. Ein schçnes Beispiel aus der deutschen Geschichte ist die der „Organisation Consul“ nahestehende Gruppierung ehemaliger FreicorpsKmpfer, die zu Beginn der 1920er Jahre einige der so genannten Versailler Erfllungspolitiker (Erzberger, Rathenau) umbrachte, um durch „direkte Aktion“ und „Propaganda der Tat“ mit den ihr scheinbar allein verbleibenden Mitteln „Fanale zu setzen“ und etwas gegen Deutschlands Ruin zu tun; vgl. Salomon 1951, 89 ff. Die Art, wie hier „eine ganz hbsche Puberttserscheinung“ in „heiligen Ernst“ umschlug (ebd., 106), erinnert sehr an die RAF, und ein nherer Vergleich wre ein interessantes Unternehmen.

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rçmische Herrschaft und gegen ihre eigene Oberschicht, die mit den Rçmern paktierte. Zu schwach zur Feldschlacht, praktizierten sie vielleicht als erste jene Strategie, die Fromkin als fr Terroristen typisch beschrieben hat: Sie erstachen Priester auf offenem Markt und metzelten versprengte rçmische Soldaten nieder, provozierten damit die Rçmer, die bis dahin eine tolerante und ber den jdischen Kçnig indirekte Herrschaft ausgebt hatten, zu blutiger Repression; diese Repression wiederum rief den Unmut des jdischen Volkes hervor und brachte es zum offenen Aufruhr. Die Terroristen, so Fromkin, versuchen also, die Macht des Gegners zu instrumentalisieren, um mit dessen Reaktion eine Gegenmacht zu mobilisieren und damit Ziele zu erreichen, die sie aus eigener Kraft nie erreichen kçnnten (vgl. Fromkin 1975; Waldmann 2001, 27 ff.).10 Die sie allerdings auch mit ihrer Judo-Strategie meist nicht erreichen: Im Jahre 70 brannte Titus den Tempel in Jerusalem nieder, die Zeloten begingen in der Bergfestung Massada Massenselbstmord und die indirekte Herrschaft der Rçmer wurde zur festeren direkten. Revoltierender Terrorismus ethnisch/nationaler/religiçser Art geht in der Regel aus vom Konflikt zwischen einerseits einer sozialen Gruppe, die sich als eigenes Volk fhlt, auf einem annhernd geschlossenen Gebiet zusammenlebt, weit zurckreichende historische Gemeinschaftserfahrungen, eine eigene Sprache und meist eine gemeinsame Religion hat, und andererseits einer Macht, die dieses Volk nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch kulturell und gegebenenfalls religiçs berlagert und entmndigt. Die Opposition beginnt oft als nativistische Bewegung mit der Wiederbelebung der eigenen Sprache und Kultur und/oder Betonung der eigenen Religion (vgl. Mhlmann 1961). Scharfe Kontrolle durch die berlagernde Macht, d. h. die Blockade aller friedlichen Selbststndigkeitsbestrebungen, fhrt dann regelmßig zur Radikalisierung, die – bei militrischer Schwche – in terroristische Aktion mnden kann. Damit soll dann nicht nur an das Selbst- und Widerstandsbewusstsein des eigenen Volkes appelliert, sondern vor allem auch das Problem dieses Volkes ins Bewusstsein der Weltçffentlichkeit gehoben werden. Manchmal schwingt auch ein existentialistisch zu interpretierendes Moment mit: Der Gewaltakt gegen den berlegenen, arroganten, oft aber auch bewunderten Gegner befreit vom Gefhl der Minderwertigkeit und Unterwrfigkeit (worauf vor allem Frantz Fanon hingewiesen hat). Diese Gemeinsamkeiten finden sich bei allen sonstigen Unterschieden in den jdischen Gruppen Irgun, Lehi oder Stern im Palstina von vor 1948 (die ganz bewusst an die zelotische Tradition anknpften) wie bei den spteren palstinensischen PFLP und Schwarzer September, den Mau Mau im britischen Kenia, dem FLN im franzçsischen Algerien, der kroatischen Ustascha, den sdtiroler anti-italienischen Bombenlegern der 1950er Jahre oder den hçchst aktuellen IRA, ETA und Front de Libration National Corse in unserer Europischen Union. 10 Diese Strategie ist typisch allerdings nur fr die beiden Formen des revoltierenden Terrorismus.

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In manchen Fllen ist diese Form des Terrorismus sogar erfolgreich, findet – vor allem auf Grund anfnglicher repressiver Reaktion – breitere Untersttzung im angesprochenen Volk, kann zum Guerilla-Krieg bergehen und letztlich sogar – wenn z. B. die repressive Reaktion von dritten Mchten gebremst wird – den Sieg davontragen (das war z. B. bei den Iren unter Michael Collins, bei der jdischen Irgun oder beim algerischen Front de Libration National der Fall).11 Etwas kurzsichtig scheint mir allerdings die allgemeine Begeisterung fr solche Befreiungskriege. Sie dienen in der Regel mehr den Interessen einer kleinen Elite und weniger dem Wohl des Volkes: Man stelle sich nur die wahrscheinlich exzellente Situation vor, in der Algerien oder Vietnam sich heute, in Assoziation zur EU, befnden, wren sie bei Frankreich geblieben. Barbara Tuchman (1984) vergaß, in ihrem wundervollen Buch „The March of Folly“ als weitere Beispiele von historisch bedeutsamen Dummheiten die Flle Ben Bella oder Ho Tschi Minh zu behandeln – vom nachkolonialen Schwarzafrika ganz zu schweigen. Eine Variante besonderer Art, ber die unten mehr zu sagen sein wird, sind die zahlreichen islamistischen Gruppen, die sowohl gegen fremde berlagerung durch Unglubige als auch gegen verweltlichte und/oder korrupte Regime im eigenen Land agieren und sich alle mehr oder weniger aus den Lehren der gyptischen Moslem-Brderschaft speisen, die von Hassan al-Banna 1928 im (damals britisch besetzten!) Kçnigreich am Nil gegrndet worden war und mit der er an noch ltere nativistische und fundamentalistische Mahdi-Traditionen anknpfte (Fr einen ausgezeichneten historischen und aktuellen berblick ber Theoretiker und Praktiker des militanten Islam vgl. Migaux 2004). An Menachem Begins Tradition anknpfen wird andererseits ein Terrorismus der jdischen Siedler, der mit Sicherheit zu erwarten ist, sobald die israelische Regierung von ihnen verlangt, sich nicht nur aus dem Gaza-Streifen zurckzuziehen. Sowohl Moslems wie Juden kçnnen dabei die Gemter mit einem uralten Schlachtruf mobilisieren, dem Aufruf zum totalen, weil heiligen Krieg: Dschihad einerseits, milchimet mitzvah andererseits (vgl. van Creveld 1998, 207 ff.).12 Revoltierender Terrorismus sozialrevolutionrer Art: Strategisches Ziel ist hier die radikale Vernderung eines Gesellschaftssystems, die man sich aber nicht 11 Fr den mehrmaligen Wechsel zwischen terroristischer und Guerilla-Strategie im algerischen Unabhngigkeitskampf vgl. Courrire 1968–1971. Courrires umfangreiche Arbeit ist brigens eine Fundgrube fr das Studium verschiedener Formen von Terrorismus (FLN, Rechtsgruppierungen franzçsischer Siedler, Polizei, Fallschirmjger, Organisation Arme Secrte); fr einen der Hçhepunkte des revoltierenden Terrorismus nationaler Art whrend der sog. Schlacht von Algier, seine Hintergrnde, seine Organisation, seine kurz- und langfristigen Folgen vgl. besonders Band 2 (Le temps des lopards 1969, 432 ff. und 501 ff.). Fr eine gute Zusammenfassung des regionalen Terrorismus in Europa mit weiteren Literaturhinweisen vgl. Wçrdemann 1977, 167 ff. Fr die These „success breeds repetition“ vgl. mit zahlreichen Beispielen zur Geschichte des palstinensischen Terrorismus Dershowitz 2002, 57 ff. 12 Das Christentum kennt die entsprechende Tradition des Kreuzzugs, und es ist kein Zufall, dass die Islamisten Bushs unberlegte Rede vom Kreuzzug gegen den Terrorismus begierig aufgegriffen und damit den crusader als willkommenes Feindbild aufgebaut haben.

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mehr vom Marx’schen historischen Determinismus erwartet, jedenfalls nicht zu Lebzeiten, sondern die man durch voluntaristische Aktion herbeizwingen oder mindestens beschleunigen zu mssen glaubt. Beim klassischen Beispiel, der russischen Narodnaja Volja, ging es in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts noch um die Abschaffung der Selbstherrschaft des Zaren und die Einfhrung einer konstitutionellen Monarchie, bei den spteren russischen Sozialrevolutionren schon um den Umsturz der gesamten etablierten Ordnung. Im Westen war es vor allem der Anarchismus, der die Vernderung nicht wie die Marxisten durch bernahme, sondern vielmehr durch Zerstçrung des Staates anvisierte, von dem revolutionre terroristische Taten inspiriert wurden, vor allem Attentate auf Kçnige und Prsidenten.13 Der voluntaristische Geist dieser Gruppen lebte wieder auf in den ihnen in vieler Hinsicht analogen der 1960er und 1970er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als da waren: Tupamaros und Montoneros in Sdamerika, Weathermen in den USA, GRAPO und FRAP in Spanien, Action directe in Frankreich und vor allem die deutschen RAF, Bewegung 2. Juni, Revolutionre Zellen und die italienischen Brigate rosse, Prima linea, Nuclei armati proletari usw. Alle Erfahrung hat gezeigt, dass der sozialrevolutionre Terrorismus – bei Abwgung von Zwecken, Mitteln und Nebenfolgen – die am wenigsten rationale und zugleich die am wenigsten im intendierten Sinne effektive Form von Terrorismus berhaupt ist. Zugleich wurden aber etwa die deutschen und italienischen Gruppen im gngigen Diskurs zu einer weit berproportionalen Gefahr fr Staat und Gesellschaft aufgewertet. Ihre Mittel waren relativ bescheiden und ihre Schlge selektiv, im Diskurs aber erschienen „wir alle“ bedroht. Whrend die heutige prinzipielle Austauschbarkeit von Fhrungspersonen im Staat und berhaupt die Komplexitt unseres modernen Systems dieses insgesamt weniger verwundbar machen als frhere (zumindest solange man nur mit Waffen kmpft, wie sie die RAF oder die Roten Brigaden zur Verfgung hatten), folgte der Diskurs dennoch bereitwillig den Illusionen der sozialrevolutionren Akteure, sie kçnnten – wie die Roten Brigaden es formulierten – il cuore dello Stato, das Herz des Staates, angreifen und diesen damit zum Einsturz bringen. Zwei Grnde lassen sich fr diese berschtzung anfhren. Erstens war dieser Terrorismus fr eine ganze Reihe von Personen, die in Wirtschaft und Staat Fhrungspositionen innehatten, tatschlich eine ernsthafte Bedrohung. Er machte sie zu Gefangenen von Schutzmaßnahmen und ruinierte damit ihr Privatleben und das ihrer Familien. In dieser Situation ist es nur zu verstndlich, dass sie, verallgemeinernd, die Gefahr als allgemein ansahen. Durch ihren Einfluss auf die Medien erschien dann dort dieselbe Interpretation. In gewissem Sinne ist der sozialrevolutionre Terrorismus das 13 Der russische sozialrevolutionre Terrorismus ist in jeder Hinsicht ein besonders interessanter Parallelfall zum europischen der 1970er Jahre; vgl. dazu als Zeugnisse von auf der einen oder anderen Seite Beteiligten Nikolajewsky 1932, Gerassimoff 1934, Figner 1985, Savinkow 1985, weiterhin als Sekundrliteratur Laqueur 1977, 28 ff., Crankshaw 1978, 296 ff., Faur 1979. Zum anarchistisch inspirierten Terrorismus vgl. zusammenfassend Joll 1979, 99 ff.

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moderne crimen laesae maiestatis, und wenn auch heute die maiestas nicht mehr an die Person, sondern an das Amt gebunden ist, erzeugt doch die Verletzung einer Person in diesem Amt nach wie vor breite Erregung in der Bevçlkerung.14 Zweitens kann die berschtzung dieses Terrorismus einige in mancher Hinsicht und fr manche Leute ntzliche Funktionen haben. Fr die Konservativen: Ablenkung von anderen Problemen, Strkung eines konservativen Massenkonsenses, Legitimation fr verschrfte Kontrollmaßnahmen im Rahmen einer antizipierenden Krisenbewltigung; fr die radikale Linke: Hochstilisierung pubertren Abenteurertums zum bewaffneten politischen Kampf, mit dem man sich identifizieren und auf den man eigene Bedrfnisse projizieren kann, und Stigmatisierung des reagierenden Staates als faschistisch.

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Entstehung und Verlauf terroristischen Handelns: Das Karriere-Modell als Prognose-Instrument La seule science srieuse du futur, c’est l’tude des livres d’histoire. (Robert Kaplan)

Hat man ein Phnomen definiert und seine Erscheinungsweisen klassifiziert, kann man zu Erklrungsversuchen bergehen. Repressiver und revoltierender Terrorismus unterscheiden sich trotz vieler Gemeinsamkeiten (deshalb die Subsumtion unter die gleiche Definition) in Bezug auf Akteure, Ziele und Verlufe doch soweit, dass man sie nicht ohne weiteres mit der gleichen Theorie erklren kann (das zeigt sich schon in der skizzierten Typologie). Deshalb hier nur einige Anmerkungen zu einem Modell, das – orientiert an der kriminologischen Karriere-Theorie – eine Reihe erklrender Aussagen zum ethnisch-nationalen und religiçsen, zum sozialrevolutionren und zum single-issue-Terrorismus in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen sucht (whrend der repressive Terrorismus von anderen Voraussetzungen ausgeht, so dass das Modell nur bedingt anwendbar wre) (vgl. Hess 1981).15 Das Modell integriert einen soziologischen mit einem psychologischen bzw. handlungstheoretischen Ansatz im Sinne des strukturellen Individualismus, beschreibt – jedem Determinismus abgeneigt – die Evolution des Phnomens als interaktiven Prozess, in dem stndig neue Voraussetzungen fr weitere Aktionen und Reaktionen, d. h. neue Handlungschancen, aber auch neue einschrnkende Zwnge, geschaffen werden, und bezieht schließlich die reflexive Verarbeitung des Geschehens in Diskursen sowie deren Rckwirkung auf das Geschehen in die Analyse ein (Zum strukturellen Individualismus vgl. Coleman 1990, 1 ff.; Esser 1999, 1 ff.; zur Integration von strukturellem Individualis14 Man vergleiche das mit der doch verhltnismßig geringen Aufregung, die der diffuse Terrorismus xenophobischer Schlgergruppen in den 1980er und 1990er Jahren ausgelçst hat (s. Hess 1993). 15 Zur Diskussion dieses Vorschlags vgl. Schmid 1983, 231 ff., vor allem aber als grundlegende Arbeit in diesem Bereich Scheerer 1988a, auch mit ausfhrlichen Nachweisen der Literatur zu sozialen Bewegungen und individuellen Karrieren, und schließlich fr durchgefhrte Beispiele Scheerer 1988 b und Hess 1988b.

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mus und Karriere-Ansatz in der kriminologischen Theorie vgl. Hess/Scheerer 1997 und Hess/Scheerer 2003).16 In Bezug auf den letzten Punkt sind nicht nur die Massenmedien interessant, sondern ebenso die informellen Medien wie das Internet, die graue Literatur, die Gerchte usw. Wie die Waffen, so sind auch die Medien heute demokratisierter, unkontrollierter und jedermann verfgbarer denn je. Das Modell hlt an zur Skepsis gegenber zu weit gespannten Kausalaussagen. Meist ist ein letztliches Ereignis aus den Ausgangsbedingungen, die die Genese ursprnglich einmal angestoßen haben, nicht prognostizierbar: der Wirbelsturm nicht aus dem Flgelschlag des Schmetterlings, der Mensch nicht zu Beginn der Evolution, der Kapitalismus nicht auf der Stufe der Jger und Sammler, der Holocaust nicht im Januar 1933 und die RAF nicht 1968. berall produzieren die Mechanismen Variation und Selektion wie in der Evolution neue Lagen, d. h. neue Randbedingungen fr den weiteren Verlauf. Was uns bleibt, ist, Prognosen von Stufe zu Stufe zu machen: Auf Stufe 2 ist die Chance, dass die Karriere einer Person, einer Bewegung oder irgendeines anderen Phnomens zu Stufe 3 fortschreitet, grçßer als auf Stufe 1 usw. usf. Der durchgehende, bruchlos fließende Verlauf der Geschehnisse wird nicht geleugnet, die Annahme eines stufenweisen Fortschreitens ist ein methodisches Hilfsmittel wie die Annahme einer Vielzahl von hintereinander gestaffelten geraden Linien bei der Berechnung von Kurven in der Integralrechnung. Schließlich: Als Beispiel einer so genannten genetischen Erklrung ist das Karriere-Modell keinesfalls zu verwechseln mit einer simplen Anhufung mçglicher Kausalfaktoren, wie sie fr die multi-faktoriellen Anstze charakteristisch ist. Hier die Grundzge des Modells mit Bezug auf Terrorismus:  konomischer, politischer, demographischer Wandel erzeugt in einer Gesellschaft strukturelle Spannungen und lçst bei einem Teil der Bevçlkerung Unzufriedenheit und Unruhe aus.  Politische Gruppen bieten eine nationalistische, ideologische, religiçse Interpretation dieser Probleme und zugleich (meist stark vereinfachende) Lçsungsvorschlge an. Diese Gruppen kanalisieren damit die allgemeine Unruhe zur sozialen Bewegung.  Das Schicksal dieser Bewegungen hngt zunchst von den eigenen Ressourcen ab (Organisations- und Konfliktfhigkeit, finanzielle Mittel usw.). Wichtig fr den weiteren Verlauf kann jedoch auch die Reaktion der Systembewahrer sein. 16 Die Erforschung von Karrieren hat leider oft eine deterministische Tendenz, da man immer vom Endstadium (Prostituierte, Einbrecher, Arzt, Terrorist bzw. Faschismus, Revolution, Mini-RockMode, Terrorismus usw.) ausgeht. Deshalb muss man immer betonen, dass die Karrieren von Individuen oder sozialen Phnomenen keineswegs zwangslufig einem Schema bis zum Ende folgen mssen. In unserem Fall wre es besonders interessant, Entwicklungen zu untersuchen, die nicht oder noch nicht bis zum Endstadium Terrorismus gediehen sind. Als aktuelles Beispiel kme dafr z. B. die Antiglobalisierungsbewegung in Frage, fr zwei historische Beipiele vgl. Moerings 1988 und Paas 1988.

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Eine entschiedene Repression einerseits, ein zumindest teilweises Eingehen auf die Forderungen der sozialen Bewegung andererseits fhren wahrscheinlich beide eher zu einer Deeskalation. Eine meist praktizierte gemischte Reaktion ist zwar in der Lage, einen Teil der Bewegung zu re-integrieren und manchmal auch in legale Parteien zu transformieren und am System partizipieren zu lassen. Daneben entstehen aber in der Regel als Zerfallsprodukte der Bewegung eine Vielzahl der unterschiedlichsten sektiererischen Gruppen, darunter manchmal einige, denen nun die Gewalt als letztes und einzig effizientes Mittel erscheint, zunchst sich Gehçr zu verschaffen und dann die ursprnglichen Ziele der Bewegung doch noch durchzusetzen.17  Legitimationsdiskurs: Die radikale Opposition konstruiert aus dem Material, das die Geistesgeschichte und die Gesellschaftsanalyse anbieten (Heilslehren, Nationalismus, Marxismus, Anarchismus, Randgruppentheorie, Imperialismustheorie, Globalisierungsdiskussion usw.), eine Revolutionstheorie, die das bestehende System radikal negiert, eine Theorie der nationalen Befreiung, eine Theorie des Kulturkonflikts oder eines „kosmischen Religionskrieges“, die alle voluntaristische Gewaltanwendung rechtfertigen sollen – in den Augen der Handelnden selbst, vor allem aber auch gegenber den Sympathisanten und potenziellen Untersttzern.18 17 „Strukturelles Problem“ und „soziale Bewegung“ mçchte ich im weitesten Sinne verstehen: „strukturelles Problem“ kann z. B. auch die massenhafte Immigration in ein Land sein, das eigentlich kein Einwanderungsland ist, „soziale Bewegung“ der Versuch, in diesem Land dennoch als Einwanderer Fuß zu fassen und Erfolg zu haben. Die meisten westeuropischen Lnder weisen heute diese Einwanderungsproblematik und ihre Folgeprobleme auf, die die ursprnglichen großen Einwanderungslnder USA, Kanada, Australien, Argentinien weit weniger gekannt haben (vor allem, weil sie einerseits leere Rume, andererseits keine Verpflichtungen zur Versorgung der Immigranten hatten). Besonders in Spanien, England und Holland, etwas weniger in Frankreich und Deutschland greifen junge Mnner der zweiten und dritten Immigrantengeneration das Angebot einer islamistischen Interpretation ihrer Lage und entsprechend radikale Lçsungsvorschlge auf. 18 Fr diesen Diskurs der RAF vgl. texte 1977, zur kritischen Interpretation Hobe 1979 und Fetscher/ Mnkler/Ludwig 1981; fr eine Analyse der Schriften des Theoretikers von Al-Qaida, des gypters Zawahiri, vgl. Al-Zayatt 2004, 60 ff., und Kepel 2004, 99 ff., fr das Weltbild in Bin Ladens Reden und Interviews siehe Scheffler 2004. Im Duktus sind sich diese ußerungen erstaunlich hnlich: Die Autoren sind berzeugt, von der wahren Lehre (hier Marxismus, dort Koran) erleuchtet zu sein, Skepsis und Selbstkritik fehlen vçllig, die Feinde scheinen zwar von vorneherein (durch die Weltgeschichte bzw. durch den Willen Allahs) zum Untergang verurteilt, dieser Entwicklung muss aber durch die Aktionen einer Avant-Garde nachgeholfen werden, der großmulige Ton dieser Avant-Garde ist der gewaltigen Menge der Adressaten angemessen (hier „die Massen und das Volk“, dort „die Massen der Umma“). Natrlich darf der ideologische Diskurs nicht ohne weiteres und meist wahrscheinlich ganz und gar nicht als eigentlicher Handlungsantrieb interpretiert werden. So fassen Fetscher/Mnkler/Ludwig (1981, 229) zusammen: „Noch eindeutiger als im Fall des Faschismusvorwurfs dienen Bestandteile von Imperialismustheorien im Grunde nur der Legitimation von Verhaltensweisen, deren Ursachen eher im sozialpsychologischen Bereich liegen drften.“ Ebenso Jger/Bçllinger (1981, 233) in einer der ganz wenigen, vielleicht der einzigen seriçsen Untersuchung der individuellen psycho-sozialen Entwicklung von RAF-Mitgliedern: „Auch wenn welt- und innenpolitische Ereignisse, vor allem der VietnamKrieg, in der Begrndung aktuellen terroristischen Handelns eine zentrale Rolle spielen, kommt

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 Anfngliche, noch in der Legalitt durchgefhrte Aktionen (von der begrenzten Regelverletzung zu Provokationen, die vor allem Aufmerksamkeit erregen sollen) fhren zu als berreaktionen interpretierbaren repressiven Maßnahmen der Systembewahrer. Die Art dieser Maßnahmen hngt von vielen Faktoren ab, u. a. von der Stabilitt des Systems und der mehr oder weniger großen Frustrationstoleranz und politischen Geschicklichkeit seiner Trger. Strafrechtliche Verfolgung kann einige radikale Akteure abschrecken, aber kann auch die radikalen Gruppen in die Klandestinitt treiben. Im letzten Fall verlieren sie in der Folge den Zusammenhang mit der ursprnglichen sozialen Bewegung, zumindest mit deren moderateren Schichten.19  Bestimmte Ereignisse, bestimmte Aktionen, die den provozierenden Charakter der begrenzten Regelverletzung dann berschreiten, markieren einen point of no return und wirken als auslçsender Funke fr das Folgegeschehen. Die bei vielen schon vorhandene Bereitschaft bedarf zum Umschlagen in die Tat eines Vorbilds, braucht eine Person oder eine Gruppe, die diese theoretisch anvisierte Mçglichkeit nun als konkrete vorexerziert.20  Etikettierungsdiskurs: Die Systembewahrer subsumieren die radikalen Akteure und ihre Aktionen unter das Etikett „Terrorismus“ und unterwerfen sie damit den mit diesem Etikett verbundenen juristischen und praktischen Konsequenzen. Die Betroffenen weisen zwar diese Etikettierung von sich (und geben sie oft den Etikettierern zurck), die Illegalisierung und Stigmatisierung fhrt jedoch meist dazu, dass sie sich in Bezug auf ihre Organisations- und Aktionsihnen in der individuellen Entwicklung doch weniger eine auslçsende und motivierende als eine besttigende und legitimierende Bedeutung zu.“ Dort heißt es auch, „dass bestimmte Phasen des individuellen Ausstiegs meistens bereits abgeschlossen waren, bevor politische Orientierungen im Sinne der spter verfolgten Gruppenziele die individuelle Entwicklung zu beeinflussen begannen.“ (ebd. 233) Vgl. auch Elwert 2003 und Reemtsma 2003. Bezeichnenderweise ist der Diskurs auch hufig genug austauschbar: Man denke nur an den RAF-Mahler, der zum Rechtsradikalen wird, oder an den Marxisten-Leninisten Carlos, der zum Islam und zum Jnger des „Scheich Osama“ konvertiert. Der Diskurs ist aber dennoch nicht unwichtig. Er hat seine Bedeutung als Rationalisierung des eigenen Handelns sowie als Legitimation den Sympathisanten und den „Massen“ gegenber. 19 Diese eskalierende Interaktion zwischen Oppositionellen und Systembewahrern ist im Zusammenhang mit dem westeuropischen linksradikalen Terrorismus vielfach beschrieben worden (vgl. etwa Hess 1988 und Scheerer 1988). Und die These von der Eskalation hat viele Anhnger vor allem im linksliberalen Spektrum, sicherlich z. T. auch deshalb, weil sie „dem Staat“ auch ein gerttelt Maß an Schuld, womçglich den grçßten Teil, zuschreibt. Ob sie einer berprfung an anderen Beispielen standhalten kann, ist nicht erwiesen. Eine ausgesprochene Multi-Kulti-Toleranz wie in England und den Niederlanden hat die Entwicklung zu islamistischem Terrorismus womçglich eher beschleunigt. Eine Rolle spielt das Verhalten der Systembewahrer sicherlich, es fehlen aber gesicherte Hypothesen. 20 Im Falle der RAF war das die Baader-Befreiung, im Falle des italienischen Linksterrorismus waren es die Aktionen Feltrinellis (vgl. Hess 1988, 65 ff.). Wahrscheinlich besteht die eigentliche Bedeutung Osama Bin Ladens nicht in der Organisation eines internationalen Netzwerks, sondern in dieser Vorbild- und Auslçserfunktion. – brigens nannte Lenin die Zeitschrift der Bolschewiki „Iskra“ (Der Funke) und gab der Zeitschrift das Motto „Aus dem Funken wird die Flamme schlagen“.

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weisen in Richtung des Stereotyps Terrorismus entwickeln. So erhlt das Phnomen, das ja nichts anderes ist als Handlungen von Menschen und Diskurse darber, in gewissem Sinne auch eine Eigendynamik.21  Neben der Karriere des Phnomens (bzw. der Gelegenheitsstruktur) sind die individuellen Karrieren der Personen zu analysieren, die das Phnomen tragen (bzw. die Gelegenheitsstruktur nutzen und in ihr handeln). Es scheint, dass diese Personen sich durch eine Reihe von Charakterzgen auszeichnen, die den „Kampf“ und das Leben in der Klandestinitt besonders attraktiv machen: eine gesinnungsethische bis fanatische Moral, eine Neigung zu manichischer Einteilung in Gut und Bçse, ein Bedrfnis nach Reduktion der komplexen Welt auf einfache Erklrungen, ein Bedrfnis nach Gruppensolidaritt, Risikobereitschaft, machistische Abenteuerlust, eine Portion Grçßenwahn, vielleicht ein Verlangen nach dem kindlichen Allmachtgefhl im Moment des Anschlags22 usw. usf. Diese Zge sind natrlich in jeder Gesellschaft ziemlich weit verbreitet und kçnnen auf die verschiedenste Art und Weise befriedigt werden.23 In welche Kanle die Motivation fließt, hngt ganz davon ab, welche Angebote gerade bereitstehen und welche Zuflle die „differentielle Assoziation“ (Sutherland) im Einzelfall zustandebringt. Je attraktiver die Kontaktpersonen und je nobler das ideologische Angebot im Legitimationsdiskurs (z. B. Freiheitskampf, Weltrevolution, Dschihad usw.), desto grçßer die Bereitschaft zur Partizipation. Auch ist wie immer schwer zu sagen, ob die genannten Charakterzge frh vorhanden waren oder erst im Laufe der Karriere als Reaktion auf ußere Einflsse entstanden sind oder zumindest sich verschrft haben, ob sie also Ursache oder Wirkung von Entwicklungen im Laufe der Karriere sind. So wre es beispielsweise leicht erklrbar, wenn die berlaute Reaktion des Staates und der Medien auf erste terroristische Provokationen megalomane Anflle bei den Ttern hervorbringt oder fçrdert. Wie mancher gewçhnliche Kriminelle erliegt auch der Terrorist den „seductions of crime“ (Katz 1988), der schtig machenden Versuchung, im selbst ausgelçsten großen Ereignis Stimulation, Sinn und Erfllung zu finden (ebd.).24 21 Die kriminologische Labeling-Theorie hat diese Vorgnge ausfhrlich thematisiert (vgl. Schur 1971). 22 Zum letzten Punkt vgl. ausfhrlich Reemtsma 2003. Ernst von Salomon charakterisiert sich selbst und die anderen Rathenau-Attentter als „großmulig und anmaßend“ (Salomon 1951, 111); dieses Maß an Reflexivitt haben weder die RAF noch die heutigen Islamisten erreicht, in der Großmuligkeit haben sie aber die Rathenau-Attentter weit bertroffen; vgl. z. B. texte 1977. Die Nhe zum faschistischen Heldentum wre eine detaillierte Untersuchung wert. Wahrscheinlich wre nicht nur Baders Lebensgefhl recht adquat mit einem Mussolini-Zitat erfasst: Meglio vivere un giorno come leone che cent’anni come pecora. 23 „ . . . gemessen an idealtypischer Sozialisation ist eine defizitre Identittsbildung gesamtgesellschaftlich betrachtet im Spektrum der Normalitt anzusiedeln.“ (Jger und Bçllinger 1981, 233) 24 Ganz hnlich thematisiert die Psychoanalyse die Lockungen der Allmachtserfahrung, siehe Fußnote 21. Vgl. außerdem zur „Suche nach einer terroristischen Persçnlichkeit“ Waldmann 2001, 138–162. Ganz so irrelevant, wie Waldmann sie einschtzt, scheinen mir aber Persçnlichkeitsfaktoren nicht zu sein; in dieser Hinsicht berzeugt eher Reemtsma 2003.

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 Die Klandestinitt fhrt zu Isolation, die Kommunikation wird auf die Gruppe und den engsten Kreis von Sympathisanten beschrnkt, der Kontakt mit Fremden wird gemieden. Dadurch werden Gesellschaftsinterpretationen und strategische Gedankengnge, die vorher gewagt, radikal, avantgardistisch waren, konkurrenzlos normal und selbstverstndlich. In der gruppendynamischen Enge kann man sich nur durch noch mehr Radikalitt auszeichnen, im Argumentieren und in der Tat.25 In diesem Treibhausmilieu werden aber auch, wie bei religiçsen Sekten, schon kleine Meinungsunterschiede bedeutsam und fhren zu den blichen Spaltungen.26  Die Klandestinitt verlangt zugleich eine dezentralisierte Organisationsweise, mçglichst in einem Netzwerk ohne fassbares Zentrum.  Neue Mitglieder werden nach traditionellen und partikularistischen Kriterien rekrutiert: persçnliche Bekanntschaft aus den Zeiten der Bewegung, gemeinsame Kampfzeit in einem der „Neuen Kriege“, Verwandtschaft, Freundschaft, ethnische Herkunft, Religion usw.  Bedrohungsdiskurs: Der Terrorismus wird von eher konservativen Systembewahrern als außerordentliche Gefahr fr die gesamte Gesellschaft dargestellt, als eine Gefahr, die außerordentliche Kontroll- und Abwehrmaßnahmen notwendig macht. Zurecht ist diesem Diskurs bisher vorgeworfen worden, er dramatisiere. Weder die RAF noch die Roten Brigaden, weder IRA noch ETA waren oder sind eine wirklich ernsthaft bedrohliche Gefahr fr das demokratische System der betroffenen Lnder, hçchstens eine gewisse Herausforderung, wie sie jede Kriminalittswelle darstellt, die Anlass zu verschrfter Kontrolle wird. 25 Sehr schçn charakterisiert Georg Elwert dieses wichtige Moment: „Solche kommunikativen Isolate mit selektiver Informationsaufnahme und zweipoligen Weltbildern sind hufiger, als wir meinen . . .Das berlegene Lcheln und die Unfhigkeit, zuhçren zu kçnnen, verraten die Bewohner dieser Inseln. Das Isolat ihrer religiçs firmierenden Politsekte konnten die Mnner der AlQaida auch am Rande der Studentenmilieus einer deutschen Hochschule aufrechterhalten. Unter reduzierter Kommunikation kann eine Traumwelt entstehen. In solchen Fantasien lebte z. B. die RAF. Sie glaubte, die Unterdrckten warteten nur auf das Signal, dass die Spitze der Gegenseite getçtet werden kçnne“ (Elwert 2003, 118 f.). Genau in diesem Sinne interpretiert brigens Gilles Kepel (2004) die theoretischen Schriften Zawahiris: Die Umma soll durch die spektakulren Taten der Avant-Garde aufgerttelt und mobilisiert werden. Wie es dabei zur Verselbststndigung der Gewalt gegenber den damit verfolgten politischen Zielen und zur zunehmenden Konzentration der Terroristen auf die Erhaltung der eigenen Gruppe kommt, beschreibt Waldmann (2001, 163 ff.). Solche Phnomene gibt es natrlich auch in anderen Zusammenhngen. So sagte Richard Clarke, ehemals Antiterrorismus-Koordinator im Weißen Haus, ber die Clique Bush, Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz und ihre Fixierung auf den Irak: „Il y avait entre eux un phnomne de groupe, une obsession partage. Ils se renforcaient mutuellement dans l’ide qu’ils avaient raison. Si d’autres experts proposaient une autre opinion, ils la rejetaient. C’est de l’arrogance.“ (Chambraud 2004) Und welcher Wissenschaftler kennt nicht oder hat nicht selbst erlebt die Scheuklappen wissenschaftlicher Subkulturen. 26 Diese Spaltungen kçnnte man mit Freuds These vom „Narzissmus der kleinen Differenzen“ erklren: Gerade die kleine Abweichung eigentlich Gleichgesinnter wird als deshalb womçglich ernstzunehmende Kritik und Aufforderung zur nderung empfunden und deshalb umso schrfer zurckgewiesen (vgl. Freud 1972, 111).

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Heutzutage sieht die Lage allerdings anders aus: Wer die ganz reale Mçglichkeit einer „schmutzigen“ Bombe oder einer Virenverseuchung ins Auge fasst, dem kann man, wie stark er die Gefahr auch ausmalt, kaum noch Dramatisierung vorwerfen.  Kontrollpanikdiskurs: In linken und liberalen Kreisen entsteht ein Gegendiskurs ber die im Bedrohungsdiskurs angelegte Instrumentalisierung des Terrorismus als Rechtfertigung fr einen Abbau brgerlicher Freiheiten, eine Erhçhung der Kontrollintensitt, ja einen Systemwandel in Richtung Autoritarismus.27 Diese Tendenzen werden als wesentlich gefhrlicher denn der Terrorismus selbst angesehen. Obwohl eine latente Funktion aller Formen des revoltierenden Terrorismus (und auch des heutigen islamistischen Terrorismus) durchaus richtig erkannt wird, wird in der Regel auch in diesem Diskurs erheblich dramatisiert. Wo er angesichts der erwhnten Mçglichkeit „schmutziger“ Bomben, Virenattacken usw. geeignete Abwehrmaßnahmen behindert, z. B. Datenschutzerwgungen gegen Rasterfahndungen ins Feld fhrt, kann er sogar zu einer Gefahr werden.  Verschwçrungsdiskurs: Dieser Diskurs treibt den Kontrollpanikdiskurs ins Extrem und macht aus dem Profiteur eines Anschlags dessen Autor. Trger dieses Diskurses sind die Sympathisanten der terroristischen Gruppen bzw. Beobachter, die zwar nicht unbedingt Sympathisanten der Terroristen, aber jedenfalls Kritiker ihrer Opfer sind (oder einfach Journalisten, die mit Sensationsthesen schnell Geld machen wollen). Die Popularitt solcher Thesen in der breiteren ffentlichkeit belegt einen guten Blick auf das cui bono und die verbreitete berzeugung, dass rationales Handeln der Normalfall menschlichen Handelns ist.28 27 Beispiele dafr gibt es genug und keineswegs nur aus der neueren Zeit: Die Attentate von 1878 auf Kaiser Wilhelm I. dienten der Legitimierung der Sozialistengesetze, der Mord an Rathenau fhrte zur Etablierung des „Staatsgerichtshofs zum Schutze der Republik“ mit einer Mehrheit von politischen Richtern, dessen Praxis sich spter vor allem gegen Kommunisten richtete. 28 Immerhin zeigt der Fall des berchtigten Asew, der zugleich Agent der zaristischen Geheimpolizei Ochrana und Fhrer von Narodnaja Volja war, dass Verschwçrungstheorien keineswegs immer nur Spinnereien sein mssen. In der italienischen Linken kursierte nach der Ermordung Aldo Moros der Verdacht, dass die Roten Brigaden „nicht Genossen, die irren, sondern Feinde, die nicht irren“, seien; die regelmßige Infiltration von Geheimdiensten in die terroristischen Gruppen, die simple Kalkulation der Finanzmittel der BR, die zwielichtige Figur des letzten Fhrers Moretti usw. gaben der These einer Manipulation von außen einige Glaubwrdigkeit (vgl. Sanguinetti 1979, 29 ff.; und mit weiterer Literatur Hess 1988b, 119 ff.). Leichter zu widerlegen waren dagegen die Behauptungen, US-Regierung, CIA oder Mossad htten hinter den Attentaten vom 11. September 2001 gestanden. Immerhin haben auch diese Verschwçrungstheorien zahlreiche Anhnger, und zwar bei denjenigen, denen der Tter nher steht als das Opfer und die deshalb gern den Tter entlasten und die Schuld auf das Opfer verschieben, oder auch bei jenen, fr die immer der Nutznießer auch der Tter ist. Vgl. als Verschwçrungstheorien Brçckers 2002 und Meyssan 2002; ber Verschwçrungstheorien Ramsay 2000. Viele Verschwçrungstheorien sind offensichtliche Albernheiten. Sie haben deshalb einen schlechten Ruf, und eine Aussage als Verschwçrungstheorie zu bezeichnen, disqualifiziert diese Aussage in der Wissenschaft wie im Alltag. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass es trotz allem auch gengend wirkliche Verschwçrungen

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 Mit ihren Anschlgen und den damit verbundenen Medienkampagnen werben die Terroristen um Sympathie und Untersttzung im eigenen politischen Lager und versuchen, gegenber den brigen politischen Gruppen in diesem Lager ein Primat zu erringen. Das gelingt umso besser, je mehr es ihnen gelingt, mit den Anschlgen direkt die Verwundbarkeit der etablierten Macht zu demonstrieren und indirekt, durch die provokative Herausforderung brutaler Gegenschlge, diese Macht zu delegitimieren. All das in der Hoffnung, schließlich zu einer direkten militrischen Konfrontation mit der etablierten Macht bergehen zu kçnnen – was in seltenen Fllen, und dann auch nur mit Untersttzung durch dritte Krfte, gelingen kann (Vertreibung der Englnder aus Palstina und Kenia, der Franzosen aus Algerien; Einfluss auf die spanischen Wahlen 2004).  Im Regelfall kommt es aber bei immer effektiverer Repression (Rasterfahndung, Kronzeugen usw.) und zunehmender Isolierung von einer breiteren Basis im Bereich des ethnisch-nationalen Terrorismus zu einer Reduktion der Ttigkeit (auch wenn das Phnomen, vor allem wenn es Untersttzung von außen hat, auf kleiner Flamme ber Jahrzehnte hin kampflustige junge Leute anziehen mag) und im Bereich des sozialrevolutionren Terrorismus zu einem weitgehenden Abflauen (obwohl es auch hier vorkommt, dass eine zweite und dritte Generation aus den verschiedensten Grnden, vor allem auch aus Empçrung ber die Haftbedingungen der gefangenen ersten, die Aktionen eine Weile fortfhrt). Lebendig bleibt der sozialrevolutionre Terrorismus dann noch mehr oder weniger langfristig als diskursiv bewahrte Institution, die man auf der Linken halb-nostalgisch als Phnomen einer Kampfzeit erinnern und staatlicherseits beschwçrend zur Rechtfertigung von Kontrollmaßnahmen nutzen kann.  Wissenschaftsdiskurs: Von ferne spielt der Diskurs, den die Wissenschaft ber die Ursachen des Terrorismus fhrt, bei dem Geschehen auch ein bisschen mit. Zumindest wird bestimmten Erklrungsversuchen von der jeweiligen Gegenseite nicht selten unterstellt, sie seien in stigmatisierender oder legitimierender Absicht vorgebracht worden. So wird psychologisch-psychiatrischen Anstzen vorgeworfen, sie versuchten, das Geschehen durch Reduktion auf Sozialisationsdefizite oder psychische Stçrungen der einzelnen Akteure zu entpolitisieren und damit womçglich sogar das Anliegen der ganzen ursprnglichen sozialen Bewegung zu diskreditieren. Rein soziologische Anstze, die auf die Interaktion zwischen sozialer Bewegung und staatlicher berreaktion abheben, werden dagegen kritisiert, weil sie die Terroristen letztlich zu verzweifelten Opfern staatlicher Repression stilisierten.29

gibt – und dass vielleicht der schlechte Ruf des disqualifizierenden Etiketts „Verschwçrungstheorie“ eine Verschwçrung gegen ihre Aufdeckung ist. 29 Beide Erklrungsanstze finden sich auch in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des islamistischen Terrorismus; vgl. etwa Scheerer 2002 einerseits, Reemtsma 2003 andererseits.

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Als zuknftige Arbeit bleibt uns, das hier skizzierte Erklrungsmodell im einzelnen in ein Prognose-Instrument umzubauen. D. h. die Ausgangsbedingungen einer gerade vorliegenden Situation zu erfassen und als bestimmte Stufe im modellierten Eskalationsprozess zu erkennen, dann das jeweilige Explanans, nmlich die im obigen Text gewonnenen erklrenden Hypothesen, daran anzulegen und damit das Prdikandum, die Entwicklung zur nchsten Stufe, vorherzusagen. Das Modell ist zwar ursprnglich im Rahmen der Analyse frherer Formen von Terrorismus entwickelt worden, es kann jedoch durchaus auch Verlufe jener Form von Terrorismus darstellen, mit der wir es heute vor allem zu tun haben: Verlufe des islamistischen Terrorismus. Die eingefgten Beispiele haben schon gezeigt, dass der sozialrevolutionre Terrorismus der 1970er Jahre und der heutige islamistische Terrorismus viele hnlichkeiten haben in Bezug auf die Rolle von strukturellen Problemen und kanalisierender Ideologie, Wahrheitsanspruch und Intoleranz der Ideologie, soziale Schicht und Persçnlichkeiten der Akteure (zumindest soweit die islamistischen Akteure, wie etwa die Attentter vom 11. September, aus den oberen Schichten kommen), relevante Diskurse, „verstehende“ Reaktion im linken Spektrum usw. Trotzdem wird man in Zukunft das Modell, will man es fr prognostische Zwecke verwenden, noch genauer auf die Umstnde des islamistischen Terrorismus ausrichten mssen. Als Vorarbeit dazu mçchte ich im folgenden nun umgekehrt die Besonderheiten des neuen Terrorismus hervorheben.

3

Terrorismus und globale Staatsbildung: Mittelfristige Orientierungen During the time men live without a common Power to keep them all in awe, they are in that condition which is called Warre . . .where every man is Enemy to every man. (Thomas Hobbes)

Sowohl die RAF wie die Roten Brigaden, die IRA wie die ETA hatten bzw. haben internationale Beziehungen. Sie sind dennoch stets provinzielle Phnomene geblieben. Wenn wir heute von internationalem Terrorismus sprechen, so sprechen wir von einem ganz anderen Phnomen, das sich nicht nur durch eine religiçse Ideologie (und mit hçchster Erlaubnis grçßere Brutalitt) von anderen Formen unterscheidet, sondern vor allem durch seinen kriegerischen Charakter und seine globale Reichweite bzw. seine Gegnerschaft gegen einen Feind mit globaler Reichweite.30 Ich mçchte im Folgenden die These vertreten, dass das, was wir 30 Oft wird als besonderes Merkmal die Suizid-Bereitschaft angefhrt, und es scheint so, dass vor allem der Opfertod die diesseitigen (fr die Familie) und jenseitigen erhofften Vorteile der Mrtyrerschaft bringt (vgl. fr die Problematik von Selbstmord vs. Martyrertod im Islam Seidensticker 2004; fr einen allgemeinen berblick ber Suizid-Kmpfer in bewaffneten Konflikten aller Art vgl. Gr 2004). Allerdings haben auch frhere Terroristen immer mit dem Tod rechnen mssen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass einige, vielleicht viele ihn auch gesucht haben. So analysiert Cesare Lombroso in seinem Buch ber die Anarchisten (1894) in einem besonderen

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heute „internationalen Terrorismus“ nennen, wie auch, warum wir es „Terrorismus“ nennen, bestimmt wird von der Globalisierung und der globalen Staatsbildung.31 Obwohl es die traditionellen Formen des Terrorismus weiterhin gibt, hat sich unter dem Einfluss von Globalisierung und globaler Staatsbildung zustzlich eine neue Form entwickelt, die nicht mehr provinziell, sondern global und nicht mehr einfaches politisches Verbrechen, sondern eher kriminalisierter Krieg ist.

3.1

Islamistischer Terrorismus

Die oben erwhnten islamistischen Terrorgruppen – seit langem in einzelnen islamischen Staaten existent, aber zunchst im Grunde schwach und ohne Zukunft angesichts der bermchtigen Staatsapparate – verdanken ihre heutige Virulenz ihrer Instrumentalisierung im globalen Kampf um das Machtmonopol (der bis 1989 als Kalter Krieg ausgetragen wurde). Auf der Suche nach einem ntzlichen Feind ihres Feindes hatten die Amerikaner, assistiert von den dort erfahrenen Englndern und Franzosen, in der Region des Nahen und Mittleren Ostens als erklrten Gegner der Kommunisten und arabischen Sozialisten la Nasser die fundamentalistischen Bewegungen und Grppchen ausgemacht. Schon seit den frhen 1950er Jahren wurden sie untersttzt. Ihre große Stunde aber kam erst, als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte. Zusammen mit islamischen Wohlfahrtsorganisationen, Koranschulen und einflussreichen Privatleuten (wie z. B. Osama Bin Laden) mobilisierten sie von Nordafrika bis zu den Philippinen viele tausend freiwillige anti-kommunistische Krieger. Carters Sicherheitsberater Brzezinski wollte der Sowjetunion ihr eigenes Vietnam bereiten; der CIA plante Kapitel Politische Attentate als indirekte Selbstmorde und schreibt: „Ich muss hier noch jene merkwrdigen Mordthaten erwhnen, die einen Ersatz des Selbstmordes darstellen; es sind dies Morde, oder vielmehr sehr ungeschickt ausgefhrte Selbstmorde, in Form von Attentaten gegen regierende Hupter, durch die der Verbrecher ein Leben enden will, das ihm zur Last ist, whrend ihm der Muth zum direkten Selbstmorde fehlt.“ (Lombroso 1895, 55 ff., Zitat S. 55). Auf fnf Seiten beschreibt er acht Beispielflle, die Durkheim als altruistische Selbstmorde eingeordnet htte. Vielleicht wissen wir nur zuwenig ber die Persçnlichkeiten der sozialrevolutionren und der ethnisch-nationalen Terroristen. Vielleicht ergbe eine genaue psychologische Analyse der selbstmçrderischen Tamil Tigers, der Hamas- oder Al-Qaida-Kmpfer, dass sie letztlich den „normalen“ Selbstmçrdern in vieler Hinsicht hneln. Schließlich sind sie in dem Alter, in dem die Selbstmordrate berall am hçchsten ist. (berhaupt wird dem Alter der Terroristen wohl viel zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt, auch in Bezug auf die Gewaltbereitschaft.) Selbstmord als verborgenes Motiv ist seit Lombroso kaum aufgegriffen worden. Aber warum ist dieses Motiv schnell zur Hand als Erklrung der Aktionen jener jungen Leute, die ihre kleinen Flugzeuge nach dem 11. September in Miami und Mailand in Hochhuser geflogen haben, scheint fr Atta aber ganz fern zu liegen? Atta als verweichlichtes Muttersçhnchen, nie vom Vater anerkannt, mçglicherweise homosexuell in einer Kultur, in der er sich damit auf keinen Fall outen kann, der schließlich die erlçsende mnnliche Tat vollbringt usw. – das ließe sich durchaus aus den biographischen Daten herauslesen (vgl. Yardley 2001). Sicher kann man auf diese Weise nicht erklren, warum es einen Dschihad gibt, aber vielleicht doch, warum bestimmte Personen bestimmte Handlungen im Rahmen dieser Gelegenheitsstruktur ausfhren. Hier zeigt sich wieder, dass soziologische und psychologische Erklrungen integriert werden mssen. 31 Karl Otto Hondrich hat dafr den schçnen Begriff „Weltgewaltordnung“ geprgt. Von seinen zahlreichen Schriften zur Entwicklung dorthin vgl. zusammenfassend Hondrich 2003.

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und organisierte die Finanzierung, Ausbildung, Bewaffnung und den Einsatz der Guerrilla-Armee; ausgewhlte pakistanische und afghanische Ausbilder wurden bei den Special Forces in den USA trainiert; der amerikanische Kongress bewilligte viele Milliarden, Saudi Arabien beteiligte sich mit hnlichen Summen (und wahhabitischem Missionseifer); Sadat lieferte russische Waffen aus den von Nasser angeschafften Bestnden, die nun von amerikanischen ersetzt wurden32; ebenso Israel erbeutetes russisches Material aus dem Sechs-Tage-Krieg (wenn auch sehr diskret); China rhrte die Trommel in seiner Westprovinz Sinkiang und schickte moslemische Uighuren, genehmigte außerdem den Amerikanern in Sinkiang den Bau zweier elektronischer Lausch-Stationen als Ersatz fr jene, die die Amerikaner gerade im Iran verloren hatten; Pakistan war der große Pate vor Ort, sein Geheimdienst ISI bernahm (zusammen mit den in Amerika perfektionierten Ausbildern) das Training der Kmpfer, den Waffennachschub, die gesamte Logistik.33 Das Ergebnis ist bekannt. Nach zehn Jahren Krieg war nicht nur Afghanistan zerstçrt, sondern auch der Ruin der Sowjetunion erheblich vorangekommen. Breshnews und Gromykos Entschluss zur Intervention hatte sich dieses Mal als Riesenfehler herausgestellt, Brzezinskis Traum war in Erfllung gegangen. Der CIA feierte. Aber er machte seinerseits die Erfahrung des Zauberlehrlings. Als die mobilisierten Kmpfer fr ihre ursprngliche Aufgabe nicht mehr gebraucht wurden, richteten sie siegestrunken ihr Sendungsbewusstsein und die Fhigkeiten, die sie nun einmal (auf Kosten anderer Berufsausbildungen) erworben hatten, gegen die verweltlichten Regime ihrer Herkunftslnder und gegen ihren Ziehvater USA (als Schutzmacht Israels und Besatzer im Land der heiligen Sttten des Islam). Die Uighuren brachten den Aufruhr nach Sinkiang, die Gruppe Abu Sayyaf etablierte sich in der separatistischen islamischen Region der Philippinen, die Gruppe Hamas in Palstina, andere „Afghani“ gingen nach Kaschmir und nach Indien, wo sie 1993 (parallel zum Angriff auf das WTC) mit einer Bombe in der Bçrse von Bombay 300 Menschen tçteten und 1200 verletzten, nach Tschetschenien, nach Usbekistan, nach Albanien und Bosnien, nach Algerien mit seinem Brgerkrieg zwischen terroristischem Militr und terroristischen Islamisten mit hunderttausend Toten, nach dem Sudan, nach gypten, wo sie 1997 das Blutbad von Luxor inszenierten und damit die Tourismus-Industrie lhmten, nach Jordanien und dem Libanon, wo zur Jahrtausendwende einige geplante Anschlge vereitelt werden konnten. In Afghanistan selbst errichteten die Taliban, untersttzt von Pakistan und zunchst auch von den USA, die sich Durchgangsrechte fr Pipelines aus Innerasien erhofften, ihr islamisches Regime mit allen 32 Dass Sadat 1981 dennoch von Islamisten ermordet wurde, zeigt die Ambivalenz der Allianzen: Neben den Kommunisten und sonstigen Unglubigen blieb immer vor allem Israel der Hauptfeind der Fundamentalisten, die weder Sadat seinen Friedensschluss mit Begin, noch den Amerikanern ihre Untersttzung Israels jemals vergeben haben. 33 Der Vorgang erinnert ein bisschen an die Mobilisierung der Internationalen Brigaden im spanischen Brgerkrieg.

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Schçnheiten, die eine echte Theokratie zu bieten hat, und stellte das Land weiterhin fr die Ausbildung von Gotteskriegern zur Verfgung. Nach 1989 wurde der Dschihad privatisiert und bernahmen die großen islamischen Wohlfahrtsorganisationen, die die Spenden der zu Almosen verpflichteten Frommen sammeln, und vermçgende Privatleute vor allem aus Saudi-Arabien die Finanzierung. Nicht nur Geld, sondern auch Organisation und geistige Fhrung bot vor allem Osama Bin Laden, der nach einem Zwischenspiel im Sudan seine Fden von Afghanistan aus zog. Von ihm scheinen auch besonders viele Anschlge auf die USA auszugehen: die Bombe von 1993 im World Trade Center, 1996 die Autobombe in einem Wohnkomplex der US Air Force in Dhahran in Saudi Arabien, 1998 die Bomben auf die Botschaften in Kenia und Tansania, 2000 der Anschlag auf den Kreuzer U. S. S. Cole, im September 2001 die Vernichtung des World Trade Center und der Anschlag auf das Pentagon.34 Die Wende gegen die USA mobilisiert offenbar die eine Seite einer sehr ambivalenten Attitde gegenber Amerika, die in der Dritten Welt und wohl besonders in der islamischen Welt weitverbreitet ist. Einerseits partizipiert man schon an der amerikanischen Medienkultur, beneidet den Westen um seinen Lebensstil und emigriert in Massen in die USA und nach Westeuropa. Andererseits fhlt man sich betrogen, weil die Amerikaner Demokratie predigen, aber repressive Regime wie das marokkanische, saudische, pakistanische usw. untersttzen (in den islamischen Lndern gibt es praktisch nur repressive Regime, aber nicht alle werden von den Amerikanern untersttzt); man fhlt sich verachtet, als zweitklassig betrachtet, man muss sich selbst im Vergleich als zweitklassig sehen, wenn die Kriterien wissenschaftliche, technische, industrielle, knstlerische, sportliche Leistungen sind. Eine solche gespaltene Attitde macht bereit fr die befreiende Lçsung, wie sie der nativistische Rckzug auf die eigene kulturelle und religiçse Identitt, die Abschottung gegen jede differenzierende Diskussion, die Radikalisierung des Ressentiments darstellt.35 Typischerweise kommen manche Tter aus den oberen sozialen Schichten nicht als Terroristen in westliche Lnder, sondern 34 Fr eine Chronologie der Al-Qaida-Anschlge, Verhaftungen und Verurteilungen von 1979 bis 2001 siehe Alexander und Swetnam 2001, 37 ff. Um den gesamten Hintergrund des 11. September zu verstehen, ist unerlsslich Cooley 2000; weiterhin Rashid 2001, vor allem auch zur Frage der Pipeline-Interessen. Zur Organisationsstruktur von Al-Qaida vgl. Alexander und Swetnam 2001 und Rothstein 2001. 35 Fr die Analyse der Mikro-Ebene, die hier leider zu kurz kommen muss, auf der sich aber typische Karrieren rekonstruieren ließen, vgl. Reeve 1999 ber Ramzi Yousef (u. a. WTC-Bombenleger von 1993) und Bin Laden; Bodanksy 2001 ber Bin Laden; Yardley 2001 ber Mohamed Atta; Lvy 2003 ber Omar Sheikh; al-Zayyat 2004 ber Ayman al-Zawahiri. Auf eindrucksvolle Weise ist der soziale und psychische Hintergrund algerischer Islamisten geschildert in den Romanen von Yasmina Khadra, einem ehemaligen algerischen Armeeoffizier, der unter weiblichem Pseudonym (!) publiziert, z. B. Khadra 1998 und Khadra 1999. Fr die Situation pakistanischer Einwanderer in England und mçgliche Entwicklungen einzelner zum Terrorismus sehr aufschlussreich ist Ali 2003. Interessant sind auch die Ergebnisse der Interviews, die Jessica Stern mit religiçs motivierten Terroristen gefhrt hat: nicht die Armut, sondern „alienation“ und „humiliation“ spielen dabei als den Taten zugrunde liegende „grievances that give rise to holy war“ eine große Rolle (vgl. Stern 2003, 9 ff.).

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sie kommen als Studenten und werden dort re-islamisiert und erst dort zu Terroristen. In dieser sozialen Schicht sind natrlich nicht Elend und Armut die „tieferen Ursachen“ des Terrorismus, sondern die dann in einer gruppendynamisch beschrnkten Subkultur als Verarbeitung von Demtigungen entstandene berzeugung von der moralischen berlegenheit, dazu sektiererischer Hochmut, das Wissen des wahren Glubigen, im Lichte zu stehen, die Wahrheit zu kennen (vgl. auch Hoffer 1999).36 Viele andere junge Mnner in den islamischen Lndern, vor allem aus den unteren Schichten, folgen dem Ruf zum Dschihad ganz einfach deshalb, weil es ihnen einen allgemein anerkannten Vorwand bietet, sich aus den Zwngen der Familie zu lçsen. Sexuell stark frustriert, sind sie empfnglich fr sexuell akzentuierte religiçse Paradies-Verheißungen.37 Zudem sind sie wohl – zumal viele im Chaos der „Neuen Kriege“ aufgewachsen sind – einfach fasziniert vom Rausch des machistischen Kmpfers, als der sie sich vor einem Publikum aufspielen drfen. Ein Blick auf die jetzt im Fernsehen aus dem Irak verbreiteten Fotos dieser Kmpfer mit ihren Kalaschnikows hinter ihren knienden Geiseln gengt ja wohl, um die mnnliche Angeberei als Hauptmotiv zu diagnostizieren. Auch diese Spezies von Mnnlichkeit kennen wir aus unserer eigenen Geschichte (von Rçhm bis Baa36 „The ’most fundamental problem of politics . . . is not the control of wickedness but the limitation of righteousness.’ The Nazis, the Jacobins, the ayatollahs, and the others who have made revolutions have all been self-righteous. Kissinger suggested that nothing is more dangerous than people convinced of their moral superiority, since they deny their political opponents that very attribute. Tyranny, a form of disorder posing as order, is the result.“ (Robert D. Kaplan [1999] Kissinger, Metternich, and Realism in Kaplan 2001, 127 ff., Zitat 135) 37 Die Rolle der Religion, die – wie schon bei so vielen Verbrechen durch die Geschichte hin – auch hier sich glnzend als legitimierende Ideologie eignet, kann man selber an jenem Text studieren, der in Attas Gepck gefunden wurde. Ich zitiere daraus nur ein kleines Beispiel brauchbarer religiçser Ethik: „Und beim Nahkampf muss man stark zuschlagen wie Helden, die nicht mehr in diese Welt zurckkehren wollen, und du musst laut ausrufen Allahu akbar, weil das Ausrufen von Allahu akbar in den Herzen der Unglubigen Angst hervorruft. Und es sagte der Erhabene: ,Haut ihnen auf den Nacken und schlagt zu auf jeden Finger von ihnen!. . . Und wisst, dass sich die Paradiese fr euch bereits mit ihrem schçnsten Schmuck geschmckt haben und die Paradiesjungfrauen nach euch rufen: ,Oh komm herbei, du Freund Gottes!Dabei tragen sie ihre schçnste Kleidung.“ (Text der „Geistlichen Anleitung“ der Attentter des 11. September, in Kippenberg und Seidensticker 2004, 17 ff., Zitat S. 24) Dem eher nchtern-rationalen modernen Menschen fllt es schwer, dergleichen nachzuvollziehen: „Jeder durchschnittliche Wahnsinnige ist uns in seiner Gefhlswelt verstndlicher als jemand, der glaubt, dass er, nachdem er einige Menschen dadurch ermordet hat, dass er sich mit Dynamit in die Luft gesprengt hat, sich inmitten von willigen Jungfrauen wiederfindet . . .einer, der die Verheißungen des Korans so wçrtlich nhme, wie er innerweltliche Verheißungen nimmt, wre, wenn es ihn denn gbe, nicht das Explanans, sondern das Explanandum.“ (Reemtsma 2003, 332 f.) Das Explanans fr dieses Explanandum muss man wahrscheinlich jenseits der Religion doch wieder im ganz Irdischen suchen oder zumindest in der Verquickung von religiçser mit sexueller Verheißung. Die Bereitschaft, gerade Verheißungen sexueller Art wider alle Vernunft zu glauben, lsst sich wohl erklren mit der extremen sexuellen Frustration, der die jungen Leute in vielen traditionalen Lndern ausgesetzt sind. Neben dem çkonomischen der verbreiteten Arbeitslosigkeit wird dieser Faktor meist unterschtzt. (Und man erinnere sich: Auch die Revolte in Nanterre, der Beginn des Pariser Mai, war zunchst der Protest gegen das Verbot, sich gegengeschlechtlich in den Studentenheimen zu besuchen.)

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der) und Gegenwart (siehe brandenburgische Skinheads) zur Genge. konomische und sexuelle Frustration der jungen Mnner zwischen 16 und 30 schaffen nicht nur in der islamischen Welt ein enormes Gewaltpotenzial. Aus diesem Potenzial speisen sich die sog. Neuen Kriege vor allem in Afrika ebenso wie die Gang-Kriminalitt in Mittelamerika und den USA.38 Aber aus diesem Potenzial stammten und stammen eben auch die meisten Kmpfer in Afghanistan, in Kaschmir, in Tschetschenien, im Irak usw.39 Die Anschlge vom Juli 2005 in London haben endgltig besttigt, was sich in Frankreich und Holland schon abzeichnete: dass es mittlerweile auch innerhalb der westeuropischen Lnder ein gewisses Reservoir an terroristischen Ttern aus den eingewanderten Unterschichten gibt. Mangelhaft integriert, mit schlechter oder fehlender Schul- und Berufsausbildung, von der Sozialhilfe versorgt, aber mit weiterreichenden Konsumwnschen, zugleich aber auch noch traditionellen kulturellen Vorstellungen verhaftet (so dass z. B. patriarchalische Ansprche heftig kollidieren mit der unmittelbaren Erfahrung, dass ihre Schwestern in Schulund Berufswelt besser vorankommen) – Zehntausende junge Mnner leben in dieser Situation. Manche finden einen nonkonventionellen, aber durchaus positiven Ausweg in Sport- oder Musikkarrieren, fr viele bietet der Drogenhandel eine çkonomisch eintrgliche Lçsung, viele andere driften in Gang- und Gewaltkriminalitt ab. Die nativistische Bekehrung zu einem fundamentalistischen Islam ist nun in offenbar zunehmendem Maße eine weitere funktionale Alternative. Man kleidet sich traditionell, lsst den Bart wachsen, schwçrt dem Alkohol ab, zwingt Schwestern und Mtter, den Schleier zu tragen, betet fnf Mal am Tag. Imame in Moscheen und Koranschulen predigen die Ideologie, Berichte und Filme ber die Leiden der Moslems in Bosnien, Afghanistan, Tschetschenien, Guantanamo ge38 „The authorities estimate there are 70,000 to 100,000 gang members across Central America and Mexico. In the last decade, gangs have killed thousands of people, sowing new fear in a region still struggling to overcome civil wars that ended just a decade ago. Gangs have replaced guerrillas as public enemy No. 1. The presidents of Honduras and El Salvador have called the gangs as big a threat to national security as terrorism is to the United States . . .Metropolitan Los Angeles, with a population almost equal to that of Honduras remains the world capital of street gangs, with an estimated 700 different cliques and more than 110,000 gang members. City and county police officials say half of all homicides there are gang related. Chief William J. Bratton of the Los Angeles Police Department has described gang members as ,domestic terrorists. . .“ (Thompson 2004). 39 In einem faszinierenden Artikel widmen sich Valerie Hudson und Andrea Den Boer der feministisch inspirierten non-konventionellen Forschungsfrage nach den Folgen der geschlechtsspezifischen Abtreibungen und Kindstçtungen in Asien und kommen dabei zu recht pessimistischen Prognosen: „. . .exaggerated gender inequality is a potenzially serious source of scarcity and insecurity . . .high sex ratio societies in contexts of unequal resource distribution and generalized resource scarcity breed chronic violence and persistent social disorder and corruption . . .We stand at the threshold of a time in which these young surplus males will increasingly figure into the deliberations of Asian governments. Not only the nations of Asia, but the nations of the world will want to pay close attention to the ramifications of Asia’s spiraling sex ratios and the policy choices they force upon Asian governments. How ironic it would be if women’s issues, so long ignored in security studies as simply irrelevant, became a central focus of security scholars in the twenty-first century.“ (Hudson und Den Boer 2002, 37 f.)

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ben der (aus vielen, auch Alltagsquellen stammenden) diffusen Wut einen ehrenvollen Namen, und die Taten der (sozial ganz anders verorteten) Kmpfer von AlQaida sind das Vorbild dafr, wie man diese Wut (dazu Machismus, Abenteuertum usw.) im Dschihad ehrenvoll und mit Paradieserwartung ausleben kann. Die Taten vom 11. September wurden nicht nur, wie in einem Video spter zu sehen, von Osama Bin Laden, sondern weithin auf den Straßen der islamischen Welt als Heldentaten gefeiert und, mehr oder weniger bewusst, sicher ganz im von Frantz Fanon anvisierten Sinne als ein Sieg ber den berlegenen und arroganten, gehassten und bewunderten Kolonialherren empfunden.40 In ihren Folgen sind die Taten vom 11. September aber wahrscheinlich alles andere als das. Der Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon war zu spektakulr und traf zu sehr ins Zentrum; die Erschtterung war zu groß und die Reaktion entsprechend konsequent. Die Opfer wurden ihrerseits zu Helden (Feuerwehrleute, Polizisten, die Zivilisten im vierten Flugzeug), eine Welle von Solidaritt und Patriotismus erfasste Amerika – und vor allem befreite der Anschlag die amerikanische Militrpolitik innen- und außenpolitisch von lstigen Beschrnkungen.41 Die Planer und Tter des Anschlags vom 11. September lebten wahrscheinlich in der Vorstellung, dass sie und Allah 1989 die Sowjetunion besiegt htten und nun in der Lage sein mssten, auch die andere Supermacht zumindest aus der islamischen Welt zu vertreiben.42 Durch direkte Angriffe, aber auch mit der typisch terroristischen Strategie, die USA zu einem Krieg in Afghanistan und gegen den Islam zu provozieren und damit faktisch und ideologisch hnlich zu schwchen wie einst die Sowjetunion. Die USA begannen diesen Krieg tatschlich, aber nun gab es keine Supermacht mit Geld und Stinger-Raketen auf der anderen Seite, 40 Vielleicht bekommen wir bald mal eine Studie, die zeigt, dass auch viele Europer, besonders die politisch eher dem linken oder dem rechten Extrem zuneigenden, hnlich empfunden haben. (Wie nahe sich diese Extreme sind, lsst sich schçn demonstrieren an den Texten in Scholl-Latour 2003!) Dazu passt, wenn man die Aktion wegen ihrer perfekten Stimmigkeit als Kunstwerk bezeichnet (wie Stockhausen). Sicher imponiert sie in diesem Sinne als Kunstwerk, wie einst etwa Skorzenys Mussolini-Befreiung vom Gran Sasso. – Andererseits: Ist nicht das westliche Bemhen, den Islam und die islamische Gesellschaft und den islamischen Fundamentalismus zu verstehen, wovon Dutzende von neuen Bchern zeugen, auch nur wieder ein Symptom westlicher, diesmal politischkorrekter Arroganz? Man fordert, die anderen zu verstehen, whrend man von den anderen ein solches Verstehen des Westens nicht erwartet (weil sie dazu wohl nicht das Niveau haben). 41 Die Gerchte, die CIA oder Mossad zu Ttern machten, enthllen, wie so oft beim Terrorismus, die latenten Funktionen desselben. 42 „Russia was the head of the communist block. With the disintegration of Russia, communism withered away in the Eastern Europe. Similarly, if the United States is beheaded, the Arab kingdoms will wither away. If Russia can be destroyed, the United States can also be beheaded. They are like little mice.“ So Bin Laden 1997 in einem Interview mit Hamid Mir, zitiert nach Reeve (1999, 262). Das erinnert an die Stimmung, die nach Zeugnissen auf der Kirchenversammlung in Clermont im Jahre 1095 geherrscht haben soll, wo der erste christliche Kreuzzug ausgerufen wurde: Die spanische Reconquista und die Vertreibung der Araber aus Sizilien wurden als Zeichen Gottes gedeutet, dass man nunmehr auch das Heilige Land befreien msse und kçnne (vgl. Scheffler 2004, 99 f.).

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und die vorbrgerliche Kriegfhrung der lokalen Warlords (die rationalerweise solange kmpfen, solange sie dabei verdienen, und vor der Niederlage die Seiten wechseln) verschaffte den Amerikanern die nçtigen Bodentruppen. Die neuartige Strategie einer Koppelung von modernster Waffentechnik aus der Luft mit altertmlich-irregulren indigenen Sçldnern (z. T. auf Pferden) plus hochtrainierten und superb ausgersteten Special Forces (als „swarms“) am Boden gilt im Pentagon bereits als die exemplarische Strategie fr die Feldzge des 21. Jahrhunderts, die nicht mehr gegen stehende Land-, Luft- und Seestreitkrfte, sondern gegen Terroristen und ihre Beschtzer gefhrt werden mssen, gegen „ethnonationalist paramilitary bands“ bzw. „terrorists, criminals, gangs, ethnic extremists“ – letztlich als Polizeieinsatz (vgl. Myers und Dao 2001).43 Der Anschlag vom 11. September und der „war on terror“ haben mçglich gemacht, was anders wohl viele Jahre lnger gedauert htte: dass die Supermacht sich (mit allerhand Legitimation und mit breiter Zustimmung) in Innerasien etabliert und (mit etwas weniger offizieller, aber wohl ebenso breiter inoffizieller Zustimmung) sich daran macht, gefhrliche unabhngige Staaten „zu beenden“. Die treibende Kraft in dieser Entwicklung ist neben der privaten Wirtschaft staatlicherseits vor allem das an globaler Sicherung und Risikobeherrschung interessierte Militr. Die Umorientierung des US-Budgets auf Militrausgaben im Februar 2002 (initiiert ausgerechnet von einem Prsidenten, der bei Dienstantritt eher zur konservativen amerikanischen Grundstimmung des Isolationismus neigte) wird die berlegenheit gegenber allen anderen Streitkrften und die allseitige Interventionsfhigkeit dieses Militrs in den nchsten Jahren noch wachsen lassen (vgl. Dao 2002). Diese berlegenheit zwingt all diejenigen, die ihre Interessen gegen die Interessen der USA oder deren Abhngige und Verbndete mit Gewalt verfolgen wollen, ihren „Krieg“ in einer Weise zu fhren, der sich leicht als Terrorismus etikettieren lsst. So ist natrlich auch Bin Laden klar, dass der von ihm verkndete Dschihad als ideologischer Kampf, als Wirtschaftskrieg und vor allem eben als globaler Guerrilla-Krieg gefhrt werden muss. In seinen zahlreichen Reden und Interviews versteht er die Aktionen Al-Qaidas und der anderen islamistischen Gruppierungen als Verteidigungskampf gegen die weltweite „zionistisch-amerikanische Aggression der Juden und Kreuzfahrer“.44 Nachdem der Versuch, in einigen islamischen Lndern (gypten, Algerien usw.) ein islamistisches Regime zu errichten, fehl-

43 Siehe auch schon Arquilla/Ronfeldt/United States Department of Defense 2000 sowie Arquilla und Ronfeldt 2001. 44 „Die Lnder der Muslime werden von Unglubigen angegriffen, besetzt und ausgeplndert; ihre Einwohner, Frauen und Kinder in großer Zahl getçtet. Die Gebiete, die dabei namentlich erwhnt werden, ndern sich je nach Kontext der jeweiligen Verlautbarung. Bin Ladins ,Kriegserklrungvon 1996 zhlt Bosnien, Burma, Tschetschenien, Eritrea, thiopien (Ogaden), Indien (Assam), den Irak, Kaschmir, Libanon, Palstina, die Philippinen, Saudi-Arabien, Somalia, Tadschikistan und Thailand (Pattani) auf. Sptere Erklrungen nennen auch Afghanistan, Ost-Timor, gypten und den Sudan. Auffllig ist jedoch, dass in keiner von ihnen Hinweise auf arabische Lnder fehlen. Nahezu obligatorisch sind Hinweise auf Palstina und den Irak“ (vgl. fr die Zeitdiagnose Bin Ladens Scheffler 2004, Zitat S. 90 f.).

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geschlagen ist (der schiitische Iran zhlt fr den Sunniten nicht voll), muss der defensive Dschihad nun gegen den „fernen Feind“ gefhrt werden, der den „nahen Feind“ (die skularen und korrupten Regierungen der islamischen Lnder) untersttzt und zu Komplizen macht (auch und sogar vor allem das streng wahhabitische Saudi-Arabien). Ziel ist zunchst die Suberung des islamischen Gebietes von allen Juden und Kreuzfahrern und von allem westlichen Einfluss. Die Zeitdiagnose Bin Ladens hnelt damit stark Huntingtons Theorie vom Konflikt der Zivilisationen. Und sie entbehrt brigens auch nicht eines gewissen Realismus (nicht nur in der Wahl der Mittel): Zumindest der fundamentalistische Islam ist ja tatschlich (und wahrscheinlich unwiderruflich) vom globalen Einfluss der westlichen Moderne bedroht, und die industrielle Welt ist ja tatschlich auf das l des Nahen Ostens angewiesen (das sie zwar gut bezahlt, sich aber notfalls auch mit Gewalt sichert). Auch manche moralische Vorwrfe kann Bin Laden mit einigem Recht zurckweisen: nicht-kombattante Opfer gibt es in diesem „Krieg“ auf beiden Seiten. Als apokalyptischer Nihilismus lsst sich die Haltung Bin Ladens jedenfalls nicht abtun. Zu bezweifeln ist allerdings, ob sein Dschihad wirklich nur rein defensiv gemeint ist. Schließlich gibt es durch die Migration auch in den westlichen Lndern islamische Zonen, die als islamische zu verteidigen fr die westliche Seite natrlich Aggression wre, und letztliches Ziel ist wohl eine globale Islamisierung.45 Gerade der Versuch, Bin Laden zu verstehen, zeigt, dass hier ein echter Konflikt besteht, der durch „gutmenschenartige“ Zugestndnisse nicht zu lçsen ist.

3.2

Die Zukunft des Terrorismus

Es war nçtig, einige zeitgeschichtliche Fakten zu rekapitulieren, um sich die Basis zu vergegenwrtigen, von der etwas weiter ausholende Prognosen, die ich mittelfristige Orientierungen genannt habe, ausgehen kçnnten und auch schon gestellt worden sind. Die Zukunft des Terrorismus wird zunchst vor allem als technische thematisiert. Die Terroristen werden sich die Massenvernichtungswaffen beschaffen, die die Wissenschaft der fortgeschrittensten Staaten entwickelt hat, und sie werden sie skrupelloser als jene einsetzen. Unter den Terroristen nehmen die religiçs motivierten Islamisten sowie verschiedene Sekten und Kulte sowie die rechtsgerichteten zu. Beide Richtungen neigen zu apokalyptischen Blutbdern, im Gegensatz zu den punktueller und zielgerichteter arbeitenden linksradikalen und nationalseparatistischen Gruppen, die immer auf die von ihnen anvisierten und zu mobilisierenden Zielgruppen Rcksichten genommen haben.46 Der technische Fort-

45 Das ist brigens auch die Interpretation Schefflers, vgl. Scheffler 2004, 100 f.; vgl. auch das Kapitel „La bataille d’Europe“ in Kepel 2004, 286 ff. 46 Nach einer Zhlung der Rand-St. Andrews Chronology waren 1995 25% der terroristischen Gruppen religiçs motiviert und produzierten 58% der Toten; ebd. S. 8.

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schritt macht die Herstellung sowie den Transport und den Einsatz atomarer und vor allem biologischer Waffen in primitiven Miniaturausgaben immer leichter.47 Der Zerfall der Sowjetunion und das Elend ihrer Nachfolgestaaten speist einen schwarzen Markt mit Produkten und Experten, auf denen sich kleine Diktaturen und (z. T. indirekt ber diese) terroristische Gruppen bedienen kçnnen. Die Weitergabe von Atomkenntnissen durch islamistisch orientierte pakistanische Atomwissenschaftler an Lybien und Nordkorea und womçglich noch andere Interessierte zeigt einen zweiten Weg der Verbreitung. Einen Blick auf weitere Zusammenhnge als diese technikzentrierten Prognosen erçffnet eine Perspektive, die allgemein die Zukunft gewaltsamer Konfliktaustragung als so genannte „netwars“ beschreibt (vgl. Arquilla und Ronfeldt 2001).48 Diese Perspektive ist auch nicht auf terroristische Gruppen und Aktionen beschrnkt, sondern analysiert weitere „uncivil netwarriors“ wie kriminelle Organisationen oder ethnonationalistische Extremisten sowie „civil netwarriors“, z. B. Protestbewegungen wie die Globalisierungsgegner, im Hinblick auf die gleichen fnf Aspekte: Gemeinsam ist all diesen Gegnern etablierter Staatsmacht erstens eine moderne Kommunikationstechnologie.49 Zweitens haben sie meist eine so47 Absehbare Entwicklungen auf dem Gebiet der Waffentechnik sind ausfhrlich diskutiert bei Toffler und Toffler 1994. Wir sollten uns nicht tuschen lassen, dass dabei manches nach science fiction klingt: „Of course, all this is, at this point, just fantasy. But so were Leonardo’s flying machines when he drew them.“ (S. 157) Und natrlich werden wir beim gegenwrtigen Entwicklungstempo nicht die dreihundert Jahre zwischen Leonardo und den Brdern Wright warten mssen. Eine grndliche bersicht ber die Gefahren biologischer Waffen findet sich bei Stern 1999. ußerst pessimistisch ist auch der bekannte englische Naturwissenschaftler Sir Martin Rees in Bezug auf so genannte „schmutzige“ Bomben (konventionelle Bomben mit einem Mantel von Plutonium oder Uran-235, mit denen man ganze Stdte und Landstriche fr Jahrzehnte verseuchen kçnnte) und vor allem in Bezug auf die Herstellung und Verbreitung von Viren. In einer nchternen Abwgung der auch jetzt schon bestehenden Mçglichkeiten sagt er fr das nchste Jahrzehnt terroristisch ausgelçste Epidemien mit Millionen Toten voraus (vgl. Rees 2004, 41 ff.). Angesichts dieser Gefahren werden sich brigens – wie oben schon erwhnt – auch fr die Bekmpfung des Terrorismus ganz einschneidende Folgen ergeben. In jedem Fall wird sich der Schwerpunkt der Bekmpfung von der Strafverfolgung auf die Prvention verlagern mssen, und die nçtigen Prventionsmaßnahmen werden die bisherigen Diskussionen um Datenschutz und brgerliche Freiheiten obsolet machen. Die Eindmmung der Gefahren wird nur mçglich sein durch erhebliche Verschrfungen der prventiven Kontrolle, durch geheimdienstliche Aufklrung inklusive Kauf von Informationen und durch polizeiliche Rasterfahndung schon nach potenziellen Ttern sowie durch eine Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Polizei. Vgl. dazu die berlegungen von Rees (2004, 61 ff.) und fr den juristisch detailliert durchdachten Versuch „to strike the right balance between security and liberty“ (S. 198) Dershowitz 2002. Aber auch bei Verschrfung wird die Kontrolle in Relation zu den wachsenden Gefahren immer weniger effizient sein. Deshalb mssen die prventiven Maßnahmen durch einen Ausbau des Katastrophenschutzes ergnzt werden. Fr ein Beispiel, wie sich eine Großstadt auf solche Flle vorbereiten kann (vgl. Menino/O’Toole 2004). – Fr andere mçgliche Zukunftsszenarien in Bezug auf den Terrorismus vgl. Scheerer 2002. 48 Im Grunde handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung der Theorie des so genannten low intensity warfare (vgl. dazu van Creveld 1998, 94 ff.). 49 Die jngsten Vorgnge in Kiew haben die erstaunliche Mobilisations- und Kooperationsfhigkeit sehr großer Zahlen von unabhngigen Akteuren mittels SMS-Botschaften schlagend belegt (vgl. generell zu dieser Thematik Rheingold 2002).

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ziale Basis, oft ethnischer oder religiçser Art, manchmal aber auch eine Vergangenheit gemeinsamer Kmpfe, die Vertrauen garantiert und die Kooperation erleichtert. Eng verknpft mit diesem eher vormodernen Element ist ein drittes: die vergemeinschaftende „Erzhlung“ ber die Mission. Viertens entspricht die Organisationsstruktur typischerweise meist ganz und gar nicht den populren Vorstellungen von einem hierarchischen Design. Vielmehr findet man eine Vielzahl kleiner, relativ selbststndig operierender Grppchen ohne zentrale Fhrung.50 Als fnftes Element machen die Analysten des netwar die strategische Doktrin der netwarriors aus, das so genannten „swarming“ (das auch die amerikanischen Special Forces in Afghanistan ihrerseits so erfolgreich angewendet haben). Moltke variierend kçnnte man swarming vielleicht charakterisieren als „getrennt marschieren, getrennt schlagen – aber mit gemeinsamem Programm“. Mçglich gemacht wird diese Strategie wiederum durch die desorganisierte Organisationsstruktur und die technischen Mittel der Kommunikation. Die gefhrlichsten Terrorgruppen der Zukunft werden starke vormoderne soziale Bindungen und eine gemeinsame Erzhlung, eine zersplitterte Organisation, aber beste technische Kommunikationsmittel und mit all dem eine ausgeprgte Fhigkeit zum schwer zu konternden swarming haben. Sowohl den technischen wie auch den organisatorisch-strategischen Prognosen fehlt aber eine Analyse der politischen Situation, die erst den Nhrboden fr den zuknftigen Terrorismus abgeben wird. Wenden wir uns politischen Prognosen und ihrer Bedeutung fr die Zukunft des Terrorismus zu, so sind – wenn man nicht glaubt, dass wundersamerweise alles so bleibt wie es ist – drei potenzielle Entwicklungswege besonders interessant. Beeindruckt vom Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens, vom Verfall des Balkans, Afrikas und großer Teile Asiens sehen manche Autoren ein „nouveau Moyen Age“ bzw. eine „new anarchy“ heraufkommen.51 Sie sehen einen Zerfall der politischen Landschaft in kleinere regionale Einheiten mit fließenden Grenzen, ethnische Stammesgebiete und Herrschaftsbereiche von wechselnden Warlords, unbersichtlich, rebellisch, verelendet und von keiner Zentrale aus mehr regierbar.52 Ein zweites Szenario hat 50 Diese These ist allerdings keineswegs neu, auch wenn sie sich bisher nicht richtig hat durchsetzen kçnnen. Sie ist sowohl fr das organisierte oder besser desorganisierte Verbrechen vertreten worden (Hess 1970, 82 ff.; Reuter 1983, 109 ff.; Hess 1992; Hess und Scheerer 1997, 124 ff.) wie auch fr terroristische Gruppen (Hess 1988b, 77 ff.). Die ffentlichkeit hat die Tendenz, eine zentrale Autorschaft und Fhrerschaft zu postulieren, von Gott als Weltschçpfer und Weltenlenker bis zum Grande Vecchio, dem Großen Alten, den viele hinter dem italienischen Terrorismus der 1970er Jahre vermuteten. Heute hat der Grande Vecchio sogar einen Namen: Osama Bin Laden. 51 Vgl. Minc (1993) und Kaplan (2001) ebenso van Creveld (1998, 281 ff.) und van Creveld (1999, 371 ff.). Vgl. auch Ramonet (2002, 6): „L’aire du chaos gnralis ne cesse de s’largir, englobant et absorbant chaque fois plus d’ðtats l’conomie dfinitivement stagnante et plus de pays la violence endmique.“ Die Ursache des Chaos sieht Ramonet in der ungezgelten Globalisierung und der unkontrollierten Macht der großen Konzerne. 52 Wem das zu unwahrscheinlich klingt, sollte mal einen Blick werfen in Kaplans faszinierendes Buch „The Ends of the Earth“ (Kaplan 1996). Einen seltsamen Kontrast zu den Beobachtungen und Prognosen von Minc, Kaplan, van Creveld oder Rheingold bilden brigens die noch bis vor

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gerade durch den islamistischen Dschihad in jngster Zeit große Aufmerksamkeit gefunden: Huntingtons „clash of civilizations“ (vgl. Huntington 1993 und Huntington 1998).53 Hier wird der Konflikt zwischen großen und etwa ebenbrtigen Einheiten fortgesetzt, nur sind das nicht mehr wie im 19. Jahrhundert Staaten oder wie im 20. Jahrhundert Ideologien, sondern nunmehr Kulturkreise, insbesondere bestimmt durch Religionen. Es berrascht nicht, dass dabei die traditionale islamische Welt und der moderne christliche Westen als Hauptfeinde auftreten. Beide Prognosen beschreiben sicherlich bestimmte Zge des Geschehens. berzeugender scheint mir jedoch eine dritte Mçglichkeit, die sich auch aus den gegenwrtigen Trends herauslesen lsst: die Bildung eines Weltstaats. Trotz stndiger Rckschlge gibt es eine historische Tendenz zu wachsenden politischen Einheiten mit pazifizierender Wirkung nach innen. Eine treibende Kraft ist die Wirtschaft. Wie einst die europischen Abenteuerkapitalisten und Handelskompanien letztlich auf die kolonisierenden Nationalstaaten als militrische und administrative Schutzmchte angewiesen waren (der alte britische Spruch the flag follows the trade muss auch in diesem Sinne verstanden werden), so wird auch jetzt der Globalisierung der Wirtschaft die Globalisierung einer Schutzmacht irgendwelcher Art mit festen Rechtsinstitutionen folgen mssen. Die Kapitalfonds, die transnationalen Konzerne und auch die kleineren Unternehmen kçnnen zwar ohne die oft genug lstigen Nationalstaaten und ihre Regulierungen auskommen, aber letztlich doch nicht ohne eine Macht, die ihre Investitionen weltweit schtzt, ihre Kontrakte weltweit garantiert, die Mrkte fr ihren Kapitalund Gterverkehr weltweit offen hlt und die Konditionen fr Planungen berechenbar macht.54 Außerdem sind die USA wie Europa und Japan (und mehr und mehr auch China) auf den Import von Bodenschtzen aller Art angewiesen. Ein hier besonders relevantes Beispiel sind die Investitionen westlicher lgesellschaften in die Erschließung der l- und Gasvorrte in den innerasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken, die nicht nur selbst sehr instabil und von islamistischen Aufruhrbewegungen und „Terroristen“ bedroht, sondern auch noch umgeben sind von Tschetschenen und anderen unbefriedeten kaukasischen Bergvçlkern, vom schiitisch-fundamentalistischen Iran und (bis vor kurzem) vom sunnitisch-fundamentalistischen Afghanistan (das auch weiterhin kein sicheres kurzem (oder vielleicht sogar heute noch) in der kritischen Kriminologie so populren Vorstellungen von der totalen berwachung la Orwell und Foucault oder der raffinierten Manipulation la Huxley und Marcuse (dessen „repressive Toleranz“ heute im Gouvernmentalittsdiskurs im Anschluss an den spten Foucault „Regieren ber Freiheit“ heißt, vgl. Krasmann 1999). Zur Kritik dieser Kontrollpanik siehe Hess (2001). 53 Fr gute Kritiken (die Huntingtons These nicht nur deshalb ablehnen, weil sie nicht wahr sein darf) vgl. Chomsky (2001, 78 ff.) und Ali (2001). 54 Zudem ist die heutige laissez-faire-konomie von systemimmanenten Krisen bedroht, die ohne letztlich politische Regulierungen in den Zusammenbruch fhren kçnnten, vor allem durch zu abrupte Kapitalverschiebungen, aber auch durch berproduktion aufgrund technischer Perfektion, der – bei abnehmender Umverteilung – eine nicht in gleichem Maße wachsende Kaufkraft gegenbersteht; vgl. als kompetenten Insider Soros (1997) außerdem als herausragendes Buch zur wirtschaftlichen Globalisierung Greider (1997, 103 ff. und 227 ff.).

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Gelnde ist), die alle den Bau und Betrieb von Pipelines prekr machen. Es ist deshalb ganz logisch, dass das amerikanische Militr schon seit 1995 die besten Beziehungen zum Militr Usbekistans und Kirgisistans unterhlt, Austauschprogramme und gemeinsame Mançver durchfhrt, einige Tausend Soldaten dort stationiert hat und in diesen Lndern wie in Tadschikistan Flugbasen unterhlt (vgl. Rohde 2001; Schneckener 2003) – von der neuen Basis Afghanistan ganz zu schweigen. Und l ist nur das prominente Beispiel, das fr Bauxit, Mangan, Nickel und Zinn, Zink, Kupfer, Blei und Eisen, Chrom und Schwefel usw. usf. steht (vgl. Barber 1999, 33 ff.). Es geht gar nicht darum, diese Schtze der so genannten Dritten Welt fr Glasperlen zu rauben, sondern darum, sich dieser berlebenswichtigen Rohstoffe berhaupt kontinuierlich sicher sein zu kçnnen, auch – wie das l – fr einen hohen Preis. Darum Kriege zu fhren, das scheint, nebenbei gesagt, seltsamerweise fr deutsche Gymnasiasten und Studenten schndlicher zu sein als im Namen einer Religion oder einer ethnischen Identitt oder der territorialen Integritt ins Feld zu ziehen. Das ist nicht leicht zu verstehen. Aber wie dem auch sei: Wirtschaftlich gesehen ist eine befriedende Macht prekren militrischen ad hoc-Interventionen sicherlich vorzuziehen. Im Hinblick auf die knappen Sßwasservorrte der Erde ist leicht vorherzusagen, dass die Rohstoffproblematik sich noch drastisch verschrfen wird. Im Gegensatz zu l ist Wasser durch nichts ersetzbar. Die regionalen Kriege darum haben bereits begonnen (Wasser ist z. B. der Hauptgrund fr Israels Besetzung der Westbank und der Golan-Hçhen), externe Spannungen (z. B. um die Kontrolle von Euphrat und Tigris zwischen der Trkei einerseits, Syrien und dem Irak andererseits) und interne Revolten wachsen weltweit, die Migrationen auf Grund von Wassermangel bertreffen bereits zahlenmßig die Flchtlingsmigrationen aus Kriegsgebieten. Nach Expertenschtzungen mssten in den nchsten 25 Jahren 4500 Milliarden Dollar investiert werden, um zunehmend verschmutzende Wasservorrte zu reinigen, Entsalzungsanlagen zu installieren, Felder bewssern zu kçnnen und die Versorgung der Weltbevçlkerung mit sauberem Trinkwasser zu garantieren. Nach verschiedenen Theorien sind die evolutionr frhesten Staaten aus der Notwendigkeit hervorgegangen, die Bewsserung der Landwirtschaft zentral zu regulieren. Dieser Faktor hat zumindest zur Staatsentstehung beigetragen, und er kçnnte auch im globalen Rahmen durchaus wieder eine Rolle spielen (vgl. Camdessus 2004; Dor 2004). Die (kommende und wohl auch wnschbare) globale politische Macht kçnnte theoretisch durch Allianzen und friedliche Integration entstehen (wie nach mehrfachen kriegerischen Versuchen die Europische Union) oder auch als mehr oder weniger gewaltttige Monopolisierung durch den Strksten (wie die bisherigen Staaten in der Regel historisch entstanden sind).55 Zur Zeit gibt es eine Art 55 Die klassische Analyse des Beispiels Frankreich ist Elias 1976 Bd. 2, 123 ff.; vgl. auch fr evolutionr frhe Staaten Hess (1977) wo auch die oben erwhnten sog. „hydraulischen“ Theorien behandelt werden, und fr die europischen absolutistischen Staaten van Creveld (1999, 71 ff.).

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Doppelgleisigkeit. Es gibt einerseits Anstze zur friedlichen Allianz Gleichberechtigter in den Vereinten Nationen und in ihrem Gefolge Dutzende von weltumspannenden Organisationen vom Internationalen Whrungsfonds und von der Weltbank abwrts. Und es gibt andererseits mit den Vereinigten Staaten eine Supermacht, die mindestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Monopolisierung verfolgt oder zumindest jede Art von Konkurrent – im Welt- oder Regionalmaßstab – in sekundre Rollen abdrngt (vgl. Mearsheimer 2001).56 Im Falle der Sowjetunion geschah das durch ein çkonomisch ruinçses Wettrsten und allerhand Stellvertreter-Kriege, zuletzt den der 1980er Jahre in Afghanistan. Kleinere unbequeme Militrmchte wurden direkt militrisch geschwcht oder vernichtet, etwa Serbien oder das Regime der Taliban oder der Irak. Iran, Syrien, Nord-Korea sind Kandidaten fr die nchsten Aktionen.57 Solche Aktionen mssen keinesfalls richtige Kriege sein: Ihr Charakter als Strafaktionen bzw. Polizeiaktionen gegen Terrorismus/Verbrechen begrnden auch unkonventionelle punktuelle Eingriffe, militrische Untersttzung lokaler Krfte usw., wie etwa zur Zeit auf den Philippinen. Im Falle einer Krise in Pakistan ist eine Zerstçrung des pakistanischen nuklearen Potenzials (im Stile der Zerstçrung des irakischen Atomreaktors Osirak) offenbar schon durchgeplant.58 Und wer mçchte die Vermutung bestreiten, dass auch die Plne bereitliegen und die Vorbereitungen getroffen sind fr eine schlagartige Besetzung der saudi-arabischen lquellen? Russland wird çkonomisch integriert (seine Wirtschaft lebt im wesentlichen vom l- und GasExport in den Westen) und militrisch der NATO angenhert, in der die immerhin auch militrisch noch respektablen europischen Mchte, genau wie Israel, wie Grafen mit dem Kçnig reiten. Bleibt letztlich China, das mittlerweile allerdings auch in das kapitalistische Weltsystem eingetreten und wirtschaftlich vom Export in die USA abhngig ist und das durch die wachsende Bevçlkerung und gleichzeitige Vernichtung der Umwelt als Lebensgrundlage, durch risikoreiches berhitztes wirtschaftliches Wachstum einerseits und die Unproduktivitt des staatlichen Wirtschaftssektors nebst vielen Millionen von Arbeitslosen andererseits, zudem durch einige separatistische Bewegungen vor enormen Problemen steht (zu China vgl. Kaplan 1996, 290 ff., sowie Friedman 2000, 412 f.).

56 Dabei muss man gar keine Weltherrschaftsplne unterstellen, die an irgendeiner Instanz festzumachen wren: Wirtschaft, Militr und Politik verfolgen ihre jeweiligen Interessen (wobei die militrischen noch am ehesten langfristig und weltumspannend sein drften), das Ergebnis (auch mit seinen Verpflichtungen) entsteht als von niemandem so intendierte Nebenfolge. Insofern ist auch Olivier Roys Kritik an der These einer geplanten amerikanischen Imperiumsbildung kein wirkliches Gegenargument (vgl. Roy 2002). 57 Irak war eine Gefahr fr Israel, fr den vielleicht strksten (und vielleicht auch selbststndigsten) Verbndeten der USA. Mittlerweile wird die Aufrstung Irans mit Raketen und Atomwaffen als aktuell grçßte Bedrohung gesehen. Es gibt Forderungen, die iranischen Atomanlagen – wie 1981 den irakischen Reaktor in Osirak – prventiv zu zerstçren, und die gemeinsam mit den USA entwickelte Hetz-Raketenabwehrrakete wird als Verteidigung gegen die iranische Chahab 3 gesehen. 58 Vgl. Lvy (2003, 519), wo der Autor ber sein Interview mit Moshe Yaalon, dem Generalstabschef der israelischen Armee, berichtet.

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Angesichts der Wucht, mit der sich die Supermacht USA – brigens natrlich auch wirtschaftlich und kulturell – durchsetzt, scheint die Variante der Bildung einer globalen politischen Einheit via Allianzen keine wirkliche Alternative. Die Vereinten Nationen, seit jeher hauptschlich von den westlichen Staaten getragen und bestimmt, liefern die Legitimation fr amerikanische Maßnahmen – oder werden andernfalls nicht beachtet.59 Symptomatisch ist die Tatsache, dass insbesondere das Pentagon sich nicht durch internationale Vertrge binden und nicht einmal durch gemeinsame Aktionen mit anderen NATO-Lndern behindern lassen will und dass auch die amerikanische Opposition gegen einen internationalen Gerichtshof vom Pentagon ausgegangen ist. Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass fr das Pentagon die Erde bereits militrisch in fnf regionale Kommandozonen aufgeteilt ist: Joint Forces Command (Nordamerika und Russland, Befehlsstand Washington), Southern Command (Karibik und Sdamerika, Befehlsstand Miami), European Command (Europa und Afrika von Marokko bis Sdafrika, Befehlsstand Stuttgart), Central Command (der Nahe Osten inklusive Iran, Innerasien, Afghanistan und Pakistan sowie Afrika von gypten bis Kenia, Befehlsstand Tampa) und Pacific Command (der Pazifik sowie Australien, China, Indien und der Indische Ozean bis Madagaskar, Befehlsstand Honolulu) (vgl. Schmitt 2001 [mit Karte]60). Der amerikanische Einmarsch in den Irak war offenbar stmperhaft geplant, hat die Weltmacht viel moralisches Prestige gekostet und zwingt sie mittlerweile in einen blutigen Guerrilla-Krieg. Nichtsdestotrotz bedeutet er wiederum Machtzuwachs – man vergleiche nur die machtpolitische Lage etwa zur Zeit des Sechs-Tage-Kriegs von 1967 mit der heutigen, um davon einen Begriff zu bekommen.61 All die erwhnten militrischen Maßnahmen der USA erscheinen als fehlerhaft und ineffektiv und werden entsprechend kritisiert von jenen Autoren, die davon ausgehen, dass es Maßnahmen im Rahmen des war on terrorism sind (vgl. fr viele Schneckener 2004). Sie machen aber sofort Sinn, wenn man eine andere Hy-

59 Fr das Verhltnis von „Western State“ (= USA und Europa als die Welt dominierend) und „global layer of state“ (= UN und andere internationale Organisationen) vgl. Shaw (2000, bes. 232 ff.). Zur politischen Globalisierung in historischer Perspektive vgl. Held/McGrew/Goldblatt/Perraton (1999, 32 ff.). Fr die Hilflosigkeit internationaler Organisationen in „the new world disorder“ vgl. Barber (1995, 219 ff.). 60 Dort heißt es (auf S. A1): „The regional commanders in chief, known as Cincs, who are responsible for Europe, the Pacific, Latin America, and the Middle East and South Asia, have over the years accumulated such broad military and diplomatic powers in their slices of the globe that many in Washington now derisively call them modern proconsuls, after the ancient Roman military officials who exercised great autonomy from the central government.“ 61 Siehe zur Situation von 1967 Oren (2003, 1 ff. u. 61 ff.). Die Verwicklung in einen Guerrilla-Krieg gegen einen auf den ersten Blick weit schwcheren Gegner haben die USA schon zweimal in großem Stile erlebt: zuerst 1898 auf den Philippinen, wo sie nach ihrem Sieg ber Spanien in einen langwierigen und verlustreichen Dschungelkrieg gezogen wurden, dann wieder in Vietnam. Auf den Philippinen blieben sie schließlich siegreich – und langfristig und aus heutiger Sicht gesehen haben die USA letztlich auch den Vietnam-Krieg gewonnen.

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pothese zu ihrer Erklrung heranzieht: den schrittweisen Ausbau eines informellen Imperiums. Scharping soll das Vorgehen der Amerikaner in Afghanistan eine „Polizeiaktion mit militrischen Mitteln“ genannt haben, und das wre auch eine gute Charakterisierung der amerikanischen Besetzung des Irak (wieder kann man, um den richtigen Begriff zu bekommen, vergleichen: diese Besetzung als „Polizeiaktion mit militrischen Mitteln“ einerseits, den zehnjhrigen Krieg Irak-Iran mit einer Million Toten andererseits). Diese Einschtzung ist typisch fr das neue Sprachspiel, in dem Geschehnisse nunmehr formuliert und etikettiert werden, die frher ohne weiteres als Krieg bezeichnet worden wren (und auch heute noch teilweise so bezeichnet werden: in einer bergangszeit gibt es eben meist zwei Sprachspiele). Kriegsverbrechen gibt es seit der Haager Landkriegsordnung, Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit den Nrnberger Prozessen, aber relativ neu ist, dass von vornherein kriegerische Handlungen als Verbrechen und kriegerische Gegenmaßnahmen als Strafsanktionen interpretiert werden. Man denke nur an Kuwait/Irak oder Kosovo/Serbien. Whrend in der Tradition der europischen Staaten ein Staatsoberhaupt als princeps legibus solutus war, nehmen heute die Flle zu, wo man Staatsoberhupter als Kriminelle vor Gericht bringt.62 Im Zuge der Globalisierung tauchen in den nationalen Kodices immer mehr Universal-Straftaten auf, es gibt internationale Menschenrechtskonventionen, internationale Kriegsverbrechertribunale (fr die Brgerkriege in Ruanda oder im Kosovo, die natrlich auch keine Brger„kriege“ mehr sind), ein krzlich nach langer Vorarbeit kodifiziertes internationales Strafrecht, einen internationalen Gerichtshof, internationale Polizeikrfte usw. All das wird noch international genannt, aber es handelt sich natrlich um Institutionen, die typischerweise mit einem Staat entstehen und fr einen Staat typisch sind. Symptomatisch in diesem Zusammenhang ist auch die Selbstverstndlichkeit, mit der nach dem 11. September gefordert wurde, den Anschlag als Straftat zu definieren und strafrechtlich gegen die Tter und Hintermnner vorzugehen: „Die einzige Antwort auf den Terror: Die Sprache des Rechts und der Richter“ (so Garz n 2001).63 Die meisten Beitrge dieser Art sind normativ (und jedenfalls 62 Daneben gibt es natrlich noch die alten Formen, wie man mit ihnen fertig wird: Tçtung auf der Stelle, mehr oder weniger ehrenvolles Exil usw. 63 Dass dieser Beitrag von Hoffmann und Schoeller in eine Sektion eingeordnet wird, die sie doch noch „Der Gegenschlag oder Der amerikanische Krieg“ nennen, wiederholt, was auch bei Bush und vielen amerikanischen Politikern und Kommentatoren zu beobachten war. Man schwankt in der Definition zwischen Terrorismus (=Kriminalitt) und Krieg, fr mich Symptom einer bergangsperiode. Zwangslufig ergibt sich die strafrechtliche Lçsung keineswegs, es gibt auch fr andere Lçsungen gute Argumente. So meinen Crona/Richardson 1996 sogar „that it is illogical and unjust to bring the criminal justice system to bear on such conduct“. (27) Terroristen seien vielmehr, indem sie als Irregulre kriegerische Gewalt gegen Zivilisten ausben, nach Kriegsrecht Kriegsverbrecher und als solche von Kriegsgerichten abzuurteilen. Eine entsprechende Erklrung Bushs nach dem 11. September hat eine heftige Diskussion um diese Frage ausgelçst, wie auch die Frage des Status der Kriegsgefangenen/Irregulren/Terroristen/Verbrecher (?) in Guant namo.

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gut) gemeint, werden aber vor allem interessant, wenn man sie selbst zum Objekt der Analyse macht. Man hofft, dass durch Strafrecht Befriedung eintritt. Historisch ist die Entwicklung allerdings immer umgekehrt verlaufen: Wenn ein Territorium befriedet ist, kann darauf ein Strafrecht exerziert werden. Mit der Hoffnung auf und mit dem Vorgriff auf das Strafrecht nimmt man die Existenz eines Weltstaats und eines nicht nur abschtzig so titulierten „Weltpolizisten“ vorweg. Die Bereitschaft, mit der man bereits strafrechtlich interpretiert, zeigt den Fortschritt zur „Weltinnenpolitik“. Die Vernderung wird, um auf den Terrorismus zurckzukommen, beide Aspekte dieses Phnomens betreffen: den deskriptiven und den askriptiven. Konflikte werden nicht mehr als Kriege zwischen souvernen Parteien ausgetragen werden und auch bei weitem nicht mehr die kriegerische Intensitt der Vergangenheit erreichen. Der durchaus nicht nur islamische Dschihad gegen den kapitalistichen Markt und seine politische Absttzung, gegen McWorld (Barber), wird sich gezwungenermaßen auf punktuelle Gewalttaten beschrnken mssen. Es wird berall aufschießende mehr oder weniger fundamentalistische Identittsbewegungen ethnischer, religiçser, moralpolitischer Art und auch einfach regionale Machtkmpfe und Raubzge geben (und insofern sind in der These von der Staatsbildung auch die Prognosen von der coming anarchy und vom Kampf der Kulturen im Hegelschen Sinne „aufgehoben“). Aber diese Gewalttaten, das ist der zweite Aspekt, lassen sich leicht als Terrorismus etikettieren, als illegitimes Verbrechen, wie es in jedem Staat mit uns ist. Damit erklrt sich auch die Tatsache, dass der war on terrorism als ein „Krieg“ ohne klares Ende konzipiert wird. Es ist eben kein Krieg im konventionellen Sinn, sondern ein notwendigerweise kontinuierlicher Kampf gegen das Verbrechen, das man zwar zurckdrngen, aber nicht vollstndig besiegen kann. Folgerichtig wird zu seiner Bekmpfung das Militr sich zunehmend zu einer hochspezialisierten und hochgersteten Polizei entwickeln. Das ist nicht nur eine definitorische Frage. Polizeiliches Vorgehen ist von vorneherein auf einen kontinuierlichen asymmetrischen Konflikt besser eingestellt als die Strategie des klassischen Militrs – und soweit sich das Militr heute schon auf net wars umstellt, betreibt es schon den bergang zu polizeilichem Vorgehen. Der Anschlussterrorismus jener Mitlufer, die als Allochtone in westeuropischen Lndern aufgewachsen sind und ihre vielfltigen Probleme im Sinne eines Dschihad interpretieren und zu lçsen versuchen, ist noch leichter als Kriminalitt zu definieren und zu behandeln. Der Weltstaat muss brigens nicht unbedingt wie unsere heutigen Staaten aussehen und funktionieren, er wird zunchst weit entfernt sein (und womçglich fr lange oder immer entfernt bleiben) von einem zentralisierten Verwaltungsund Steuerstaat. Wahrscheinlicher ist eine Art Imperium, in dem eine pax americana herrscht, in dem es aber durchaus unruhige Zonen gibt (so wie z. B. in Italien bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in Sizilien und Sardinien das Banditentum endemisch war, z. T. sogar mit separatistischen Zielen und Territorialansprchen, und wie es berall ein kriminelles Milieu gibt). Immerhin hat im aktuellen 141

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Proto-Staat die Supermacht schon heute die Wirtschafts- und Finanzherrschaft (vgl. Gowan 1999), verbunden mit absoluter militrischer berlegenheit und einer weitgehenden Veto- und Schiedsrichtermacht gegenber regionalen Mchten.64 Im Moment befinden wir uns in einer bergangszeit, in einer Periode, in der jene Aktionen, die von den Akteuren subjektiv durchaus noch als Krieg gemeint sind und in der Hoffnung auf Sieg betrieben werden65, letztlich – als Terrorismus etikettiert – dem Gegner nur ntzen und die militrische und politische Globalisierung legitimieren und vorantreiben.66 Am Ende wird, so ist zu hoffen, eine Zeit stehen, in der der Terror des Krieges endgltig gebannt ist und wir mit einem „Krieg gegen den Terrorismus“ auskommen. So groß die Gefahren sowohl des Terrorismus wie seiner Bekmpfung auch sind, im Vergleich zu den Kriegen des 20. Jahrhunderts und zu den mçglichen Kriegen des 21. werden sie das mindere bel sein. Angesichts einer so mçglichen Reduktion von Elend, Tod und Zerstçrung scheint die schnelle Kritik an der „real existierenden“ politischen Globalisierung, auch in der Form eines informellen amerikanischen Imperiums, verstndlich wie sie einerseits ist, andererseits womçglich nicht nur weltfremd, sondern sogar ethisch fragwrdig.

64 In The Federalist hatte James Madison in der Debatte um die Ratifizierung der amerikanischen Konstitution vor 1789 eine vergleichbare Situation als mçgliche Zukunft der USA thematisiert. „Madison envisioned an enormously spread-out nation, but he never envisioned a modern network of transportation [und vor allem: das moderne Kommunikations-Netzwerk, H. H.] that would allow us psychologically to inhabit the same national community. Thus his vision of a future United States was that of a vast geographic space with governance but without patriotism, in which the state would be a mere ,umpire, refereeing among competing interests. Regional, religious, and communal self-concern would bring about overall stability. This concept went untested, because a cohesive American identity and culture did take root. But as Americans enter a global community, and as class and racial divisions solidify, Madison’s concept is relevant anew. There is something postmodern about this scenario, with its blend of hollow governance and fragmentation . . .“ (Robert D. Kaplan [1997] Was Democracy Just a Moment? In: Kaplan 2001, 59–98, Zitat 93 f.) Vgl. die faszinierende Parallelanalyse des rçmischen und des amerikanischen Imperiums bei Bender 2003; sprachlich und inhaltlich verworren (aber wegen seines Jargons bei JargonLiebhabern beliebt) dagegen Hardt/Negri 2002. 65 Interessanterweise sind sie auch weit kriegshnlicher als etwa der „bewaffnete Kampf“ bisheriger Terrorgruppen. Die Anschlge der Islamisten zielen weniger oder auf jeden Fall nicht ausschließlich auf die fr den bisherigen Terrorismus typische Mobilisierung „interessierter Dritter“ ab, sondern – durch Angriffe auf Wirtschaftszentren, Fluglinien, die Tourismusindustrie usw. – wie Guerilla-Aktionen oder Kriegshandlungen direkt auf die wirtschaftliche und politische Schwchung, Zermrbung, Ermattung des Gegners (vgl. dazu u. a. Mnkler 2003). Dass sie dennoch allgemein als Terrorismus gelten, unterstreicht nur die Definitionsmacht der hegemonialen, auf den globalen Staat zustrebenden Krfte. 66 In dieser Hinsicht funktionale Alternativen wie „Menschenrechte“ oder „Drogen“ sind zur Zeit etwas in den Hintergrund getreten; sie sind auch sicherlich nicht ganz so effektiv. Dass sie je nach Bedarf gehandhabt werden, wird vor allem am Drogenbeispiel deutlich: Whrend einerseits in den USA selbst und in vielen Weltgegenden ein war on drugs gefhrt wird, zçgerte man (ebenso wie einst in Indochina) nicht, mit der Untersttzung der afghanischen Mujaheddin und dann wieder mit dem Sturz der Taliban einen beispiellosen Opiumboom zu erzeugen (vgl. Cooley 2000, 127 ff.). Aber auch die Menschenrechtsfrage wird bekanntermaßen sehr selektiv thematisiert.

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Matthias Horx

Zur Entwicklungsdynamik von Terrorismus und Extremismus Pre-Crime-Forschung im Terrorismus-Umfeld Eine Nherung

Einleitung Vorbilder und Fantasien In dem Science-Fiction-Film „Minority Report“ werden Verbrechen dadurch verhindert, dass sie kristallklar vorausgesehen werden. Eine Gruppe von „Precogs“, kann mit Hilfe medial fungierender Mutanten jeden Mord, der in den nchsten 24 Stunden geschehen wird, filmisch darstellen. Mit dem fr Actionfilme blichen Lrm bricht dann ein Precog-Trupp von Polizisten auf, den Mord in allerletzter Sekunde zu verhindern. Natrlich arbeitet „Minority Report“ mit der ganzen Klaviatur des mythologischen SciFi, einschließlich Mystik und Hokuspokus. Und vor allem kann der Film ein Paradox, welches fr sein Konstrukt im Grunde fundamental ist, nicht erklren: Wenn ein Verbrechen nicht geschieht, weil es verhindert wurde, dann ist es kein Verbrechen und kann deshalb auch nicht belangt werden. Aber in wie weit deutet „Minority Report“ den Weg in die Zukunft der Verbrechensbekmpfung? Gibt es, neben den klassischen Methoden polizeilicher Aufklrung, noch andere Methoden „medialer“ Vorhersage – natrlich nicht mit magischen, sondern mit „vernnftigen“ Methoden? Methoden womçglich, die man wissenschaftlich entwickeln und in einem Evaluierungsprozess Stck fr Stck verbessern kçnnte? Methoden, die mçgliche Indikatoren messbar, das heißt sichtbar, machen?

Historische Erfahrungen mit Event-Prognostik Die Geschichte der Prognostik reicht quer durch das Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit. Hermann Kahn war die Ikone der 1960er Jahre, der Zeit in der das entstand, was man heute Futurologie nennt. Zu damaligem Zeitpunkt investierte die USA massiv in Trend- und Zukunftsforschung, insbesondere in das militrische Forecasting. Charakteristisch fr die damalige Prognostik war vor allem die lineare Verlngerung von Trends in die Zukunft. Wenig spter begann hauptschlich in Deutschland, aber auch weltweit, das so genannte „Doomsaying“: Die warnende Zukunftsforschung, die im Wesentlichen Zuspitzungen beschrieben hat. Etwas spter, in den 1980er Jahren, entwickelte sich noch eine weitere prognostische Tradition: Die çkonomisch-politische Zukunftsforschung, reprsentiert 151

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vor allem durch das berhmte Buch von John Naisbitt (1995): Megatrends. Zu dieser Zeit beginnt auch der Begriff des „Trends“, der frher eher als mathematische Kategorie benutzt wurde, erstmals eine wichtige Rolle zu spielen: Das Hauptaugenmerk wird auf große, starke, anhaltende Vernderungsphnomene, die einen çkonomisch-sozialen Kernzusammenhang aufweisen, gerichtet. In den 1990er Jahren begann schließlich die konsumçkonomische Trendforschung rund um Faith Popcorn. Wenn wir die heutige Aktenlage zu den Ereignissen des 11. September 2001 – in Bezug auf die Vorhersage dieses Attentats – betrachten, dann fllt auf, dass ein solcher Event in mehreren Think Tanks und „Vordenker-Zirkeln“ vorausgesehen wurde. Seit dem ersten Attentat auf das World Trade Center im Jahre 1993 war klar, dass islamistische Terroristen auch auf amerikanischem Boden operierten, und dass hochsymbolische Aktionen ihr erklrtes Ziel waren. Der bekannte Zukunftsforscher Peter Schwartz schildert in seinem Buch „Inevitable Surprises“ (2003) einen von der Regierung teilfinanzierten Think-Tank, der 2000 ein Szenario entwickelte, das den realen Geschehnissen vom 11. September 2001 recht nahe kam. Im Jahre 1998 erschien der Politthriller „Ausnahmezustand“, der mit Denzel Washington und Bruce Willis verfilmt wurde. Plot: 2000 Tote durch islamistische Terror-Attentate in New York, Ausnahmezustand, Krise der westlichen Wirtschaft. Im Juni 1999 erschien in der amerikanischen Zukunfts-Zeitschrift „The Futurist“ folgender Text: „Der kommende Superterrorismus (Superterrorism: Assassins, Mobsters, and Weapons of Mass Destruction)“. Die Natur des Terrorismus wandelt sich: Whrend „billige“ Bombenattentate und Geiselnahmen fr Jahrzehnte auf der Tagesordnung standen, werden nun hochtechnologische Angriffe auf ganze Lnder, Attacken auf große Bevçlkerungsgruppen und die Infrastruktur ganzer Staaten wahrscheinlicher. Die USA werden langsam, aber sicher auch auf ihrem eigenen Territorium ein Ziel. Senator Bill Frith, ein Mediziner aus Tennessee, sagte bereits vor kurzem voraus, dass eine chemische oder biologische Attacke auf den Kongress in den nchsten fnf Jahren nicht unwahrscheinlich ist. Senator John Glenn ußerte die Hoffnung, dass es keines katastrophischen Anschlages bedarf, um die Konsequenzen aufzuzeigen. Die kommende lange Schlacht wird wie folgt aussehen: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann der Superterrorismus die Zivilisation, so wie wir sie kennen, ernsthaft beschdigen oder ausrotten. Whrend der Kalte Krieg 50 Jahre dauerte, sollten wir uns auf eine viel lngere Schlacht gegen den Superterrorismus vorbereiten.

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Man kann unmçglich alle Ursachen fr den Terrorismus – etwa Armut in der 3. Welt – vollstndig beseitigen. Die Auseinandersetzung mit diesen Problemen kann jedoch das Ausmaß der Bedrohung reduzieren. Keine einzelne Regierung kann die kommenden Herausforderungen alleine meistern – eine neue ra internationaler Zusammenarbeit steht bevor. Die Grundrechte sind ein wichtiges Rckgrat unserer Gesellschaft, mssen aber der neuen Gefahrenlage angepasst werden. Diese Zeilen prognostizierten zwar keinen definitiven Event, aber auf sehr durchdringende Weise die Grammatik der Auseinandersetzungen, die zwei Jahre spter tatschlich beginnen sollte. Nach dem 11. September haben die amerikanischen Sicherheitsbehçrden zu einer Vielzahl von ungewçhnlichen Maßnahmen des Forecasting gegriffen. Unter anderem wurden Hollywood-Drehbuchschreiber gebeten, Terror-Drehbcher auszuarbeiten. Die entscheidenden Schritte kamen jedoch im Organisatorischen und Logistischen zu Stande. Im Januar 2003 wurde eine „Multi-Agentur“ gegrndet, das Terrorist Threat Integration Centre innerhalb des CIA, das ein tgliches Briefing herausgibt und unter anderem die Farbgrade des jeweils gltigen Terrorismus-Alarms mitbestimmt. Der Komittee-Abschluss-Bericht zum 11. September 2001 weist nach, dass nicht das mangelnde Forecasting die Ursache fr die Nicht-Verhinderung des Anschlags war. Das Resmee des Berichts ist eindeutig: Der 11. September wre zu verhindern oder zumindest abzumindern gewesen, wenn die vorhandenen Informationen innerhalb der beteiligten Rezipienten anders wahrgenommen worden wren. Ich bin der Meinung, dass wir tatschlich Methoden eines effektiven und recht zielgenauen Forecasting entwickeln kçnnen. Dass dies aber wenig nutzen wrde, wenn wir nicht sogleich die Kommunikations- und Integrationsfrage mitbedenken.

Heutige Methoden der Trend- und Zukunftsforschung Resmieren wir noch einmal die heute gngigen Methoden von Trend- und Zukunftsforschung: Szenarien: Die Technik der „alternativen Zukunfts-Pfade“ wurde in den 1960er Jahren vor allem in den Think Tanks rund um das Pentagon (Rand Corporation, Hudson Institute etc.) entwickelt und diente vor allem der Kriegsverlaufs-Vorhersage. Heute ist sie – in ihrer zivilen Variante ein klassisches Handwerkszeug der langfristigen Zukunftsforschung und in vielen Organisationen und Unternehmen fast schon Standard-Bestandteil der strategischen Planung. In dieser Technik „baut“ man aus einem bestimmten Set von Trends End-Ergebnisse einer bestimmten Entwicklung, mit der man die Situation eines Marktes, einer Gesellschaft oder einer Firma in 10, 20 oder 50 Jahren schildert. Meist werden diese Szenarios literarisch

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benannt („Die Große Armutskrise“ – „Multipler Wohlstand“) und mit optischen Collagen oder kleinen Szenen/Geschichten bebildert. Wild Cards: Werden klassische Szenarien aus der Kenntnis und Analyse von Trend-Entwicklungen heraus entwickelt, arbeitet man bei Wild Cards bewusst mit dem Unbekannten. Man versucht das Unwahrscheinliche zu „scannen“. Das Spektrum reicht von Naturkatastrophen ber Wirtschaftskrisen bis zu weltweiten Seuchen oder sensationellen Erfindungen. Der Sinn von Wild Cards ist die Verbesserung der Krisenresistenz und die Adaptivitt gegenber Krisen. Besonders in großen Versicherungsunternehmen ist diese Methode heute Standard. Delphi-Methode: Beim so genannten Delphi-Verfahren schaltet man ein Kollektiv von bis zu 1.000 Fachleuten zusammen, um ihnen in mehreren Fragewellen prognostische Fragen zu stellen bis ein weitgehender kollektiver Konsens erzeugt ist. Das FraunhoferInstitut arbeitete wiederholt mit dieser Methode, und das deutsche Bundesforschungsministerium hat einen großen Delphi Prozess eingeleitet. Durch die Mçglichkeiten des Internet lsst sich diese Methode verfeinern. Allerdings mssen wir sagen, dass die Erfahrungen mit der Delphi-Methode bislang zwei Probleme mit sich brachten: Erstens den „Interessensfaktor“, zweitens den „Tunnelfaktor“. Wenn man Experten zum Beispiel befragt, wann sie einen bestimmten Technologie-Durchbruch erwarten, dann antworten sie auch entlang ihrer çkonomischen Interessen (Forschungs- und Institutsgelder). Nuklearphysiker geben den Durchbruch bei der energetischen Anwendung der Fusion z. B. viel frher an als Biologen. Und je mehr man das Spektrum der Fachspezifik verengt, desto schlechter werden erstaunlicherweise die Ergebnisse. Man kçnnte meinen, dass Spezialisten sich besser auskennen. Die Wahrheit ist aber, dass sie oft einen „Tunnelblick“ entwickeln. In einer geschickten Kombination aller drei Methoden lassen sich die Schwchen vermeiden und die Strken bndeln. Hierzu bençtigen wir vor allem Systeme, die ein besseres „Cross Referencing“ der einzelnen Trends sowie die berwindung linearer Denkweisen gewhrleisten. Diesbezglich mssen wir lernen, soziale Entwicklungen gegen Technik-Entwicklungen zu setzen, und das Ganze in einer Einheit zu sehen. Unser wichtigstes Augenmerk muss auf den sozialen Beziehungen liegen und ein evolutionrer Begriff von Vernderungen in der Gesellschaft muss entstehen: Eine solche, MultiDimensionalitt fordernde, dynamische Prognostik nennen wir Sozio-Evolutionre Trendforschung.

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Geschichte und Perspektiven des Terrorismus Im ersten Jahrhundert v. Chr. wurde das rçmische Reich von einer Serie terroristischer Anschlge heimgesucht. Csar, der große Feldherr, wurde entfhrt und nur gegen ein Lçsegeld wieder freigelassen. Kohorten und Galeeren gerieten auf offener See in Hinterhalte. Die Piraten, die diese Attentate verbten, kontrollierten und sabotierten mit ihren Aktionen vor allem den zentralen Rohstofffluss des rçmischen Imperiums: Sklavenhandel. Im Jahre 68 v. Chr. segelten die Piraten mit einer berraschungsaktion in den Hafen von Ostia, keine 15 Kilometer vom Zentrum Roms entfernt, und verbrannten die Flotte der Konsule. Eine darauf ausbrechende Hungersnot fhrte zu Unruhe, die erst von Magnus Pompeius in einem großen Feldzug gegen den Piraten-Terrorismus beendet werden konnte – mit 500 Schiffen und 120.000 Legionren (Holland 2003, 168 ff.). Kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende, 1898, schrieb der englische Polizeioffizier Major Arthur Griffith in einem Werk unter dem Titel „Mysteries of Police and Crime“: Terroristen am Ende des 19. Jahrhunderts sind ungleich bedrohlicher, denn nun stehen ihnen schreckliche Waffen zur Verfgung . . . und die Welt ist bedroht von neuen Krften, die, wenn sie entfesselt werden, eines Tages universale Zerstçrung hervorrufen kçnnen . . . . Die Wissenschaft der Zerstçrung macht schnelle und horrende Fortschritte . . . (zitiert nach: Bourke 2005, 364; siehe auch: Laqueur 1987). Seit es große, arbeitsteilige Zivilisationen gibt, ist Terrorismus ein Mittel der Wahl in asymmetrischen Kriegsfhrungen, und seitdem ist die Methode der „Angriffe in die Weichteile“, wie Professor Mnkler es ausdrckt, ein probates Mittel. Die anarchistischen Attentate des vergangenen Jahrhunderts erschtterten auf diese Weise ganze Weltreiche. Wirklich geschichtsmchtig wird Terrorismus immer in Kombination mit bestimmten historischen Schlsselsituationen – das Bombenattentat auf den çsterreichischen Thronfolger in Sarajewo lçste den Ersten Weltkrieg aus, weil dieser lngst in der Luft lag. Oder eben in Verbindung mit dem „Backup“ einer staatlichen Macht, die den Terror in Staatsterror institutionalisiert, siehe Afghanistan, siehe Libyen, siehe auch das Palstina-Drama der letzten Jahre. Auch die Nazis begannen in den 1920er Jahren mit Bombenattentaten (fr die Hitler ins Gefngnis wanderte). Der große Unterschied zur heutigen ra des Terrorismus betrifft vor allem drei Punkte: Die gesteigerte Wirksamkeit von Waffen und Wirkstoffen. Die Tatsache, dass der neue Terrorismus, vor allem islamischer Prgung, suizidr ist. Die neuen psychologischen Hebelwirkungen in einer globalen, medialen Wirtschaftswelt.

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Auf den ersten Blick hat der islamische Suizid-Fundamentalismus in diesem Kontext alle Pluspunkte auf seiner Seite. Bildet sich doch in den Millionenghettos zwischen Algier und Dar-Es-Sallam, Beirut und Karatschi ein stndig wachsendes Millionenheer adrenalingetrnkter junger Mnner mit ußerst schlechten Jobaussichten. Aber viele – auch islamische – Intellektuelle interpretieren den Djihad-Terrorismus nicht als ein Zeichen des Aufstiegs, sondern als ein Symptom des Niedergangs. So, wie der RAF-Terrorismus der 1970er Jahre den Niedergang der kommunistisch-sozialistischen Romantik begleitete. Gilles Kepel, einer der vielen klugen Analytiker der arabischen Welt, vertieft diesen Gedanken in seinem Buch „Djihad“. Er zeichnet die Geschichte des islamistischen Welt-Gottesstaates von seinem Hçhepunkt, Khomenis Machtergreifung, bis in die Jetztzeit. Immer da, wo sich Skularisierung und Anstze von Demokratie gegen Sharia und Mnnerherrschaft durchsetzen konnten, entstanden zunchst Brennpunkte eines entgrenzten Terrors, der, wie in Algerien, hunderttausend Tote verursachen konnte. Doch den Radikalisten gelang es nicht, gypten, Marokko, Pakistan zu destabilisieren. In Jordanien verloren sie die Auseinandersetzung gegen ein westlich-liberal orientiertes Herrscherhaus. In Saudi-Arabien, den Emiraten, Indonesien konnten sie zwar die Demokratisierung, nicht aber die westliche konomisierung verhindern. In Bosnien geriet die islamistische Bewegung gar in einen propagandistischen Hinterhalt, weil der multireligiçse Staat militrisch vom Westen verteidigt wurde. Es ist die suizidale Radikalitt, die gleichzeitig die Optionen dieses Feldzugs begrenzt. Die Finalitt des Massenmords in den Trmen des World Trade Centers hat endgltig das filigrane Netz der letzten Regeln zerstçrt, mit denen dieser Terrorismus sein Spiel betreiben konnte. Es gibt nun nichts mehr zu erpressen, nichts mehr zu verhandeln, nicht ber Opfer, Geiseln, ber politische Ziele, wie noch im „linken“ Terrorismus der 1970er. Damit hat der suizidre Djihad trotz seines Rekrutierungspotenzials ein massives Rekrutierungsproblem. Fr seine spektakulren Aktionen bençtigt er einen Menschentypus, der einerseits in hohem Maße durch Religiositt „transzendiert“ ist, andererseits hochfunktional in westlichen Kulturen agieren kann. Die Schlssel-Figur des Mohammad Atta, mit seiner westlichen Sozialisation, seinen Sexualneurosen, seiner Fhigkeit, in einer modernen urbanen Umgebung trotz Depressionen mehrere Jahre zu berleben und dabei eine komplexe Logistik (mit teilweise vçllig unzuverlssigen Mit-Kombattanten) zu errichten, bleibt selten. Meine These hier ist, dass nach den Gesetzen der „memetischen Kopierung“, der „Infektion“ bestimmter soziokultureller Muster, suizidrer Terrorismus auch in andere Kulturen berspringen wird. Der Dreiklang aus weltlichem Apokalyptizismus, religiçser Transzendenz und radikaler Kulturkritik lsst sich in vielen Varianten mischen. Deshalb wre es falsch, nur an den Islamismus zu denken, wenn wir uns an das Forecasting des kommenden Schreckens machen.

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Calling-Kult: Varianten des suizidren Terrorismus Am 25. Mrz des Jahres 1995 drang das Nervengas Sarin in drei U-Bahnschchte der Tokioter Innenstadt ein, tçtete unmittelbar zwçlf Menschen und verletzte ber 5000 zum Teil schwer. Die japanische Polizei bençtigte nicht lange, um auf die Hintermnner und Tter zu kommen: Die japanische AUM-Sekte – „Aum Shinrikyo“ – Tiefe Weisheit – hatte das Massaker ber Jahre geplant und ausgefhrt. Die Geschichte der Aum-Sekte liest sich wie eine verdrehte Hardcore-Geschichte aus einem Zukunfts-Manga. Ashara wird mitten im Aufschwung des japanischen Wirtschaftswunders als blindes Kind einer armen Tokioter Familie geboren. Frh schon entwickelt er ehrgeizige Ambitionen und eine extrem narzistische Persçnlichkeitsstruktur. Er will studieren, Premierminister werden. Er erçffnet, als das nicht klappt, eine Apotheke mit „Wundermitteln“ der chinesischen Heilmedizin, fr die er aber keine Lizenz besitzt. Er wird kurzfristig verhaftet und findet schließlich eine Gruppe von Meditations-Asketen, denen er sich anschließt. Bis hierher hnelt die Geschichte des kleinen dicken Ashara der Geschichte unzhliger pubertierender Jugendlicher auf der Welt, die, in der einen oder anderen Weise behindert, ihre Krfte messen und Grenzen berschreiten mçchten. Aber Ashara will mehr, und er ist nicht zu stoppen. Wie indische Gurus verçffentlicht er Bilder, die ihn beim „Fliegen“ zeigen, beim „levitieren“ in der Meditation. Geschickt nutzt er seine Blindheit als Mrtyrer-Motiv, kandidiert mit seiner rasch wachsenden Truppe 1990 fr das Parlament, gewinnt dort kaum Stimmen, interpretiert dies jedoch als Betrug der staatlichen Behçrden, die von nun an paranoid bekmpft werden. Die „Priesterschaft“, die er in den spten 1980er Jahren um sich herum versammelt, ist ein typischer Querschnitt von Verwirrten und Beleidigten der gewaltigen Modernisierungswelle, die Japan berrollt. berdurchschnittlich viele stammen aus akademischen Berufen, arbeiten in Behçrden und großen Unternehmen. Viele sind jung und leben im Umfeld der elektronischen Comic- und Cyber-Kultur. Etwa 60 Prozent sind Frauen, die in den strengen Hierarchien und Machtordnungen Japans keine persçnliche Chance sehen. Ein ausdrckliches Ziel der AUMSekte ist es, die „Geschlechterverhltnisse aufzulçsen.“ Asharas Kult verspricht vçllige Hierarchielosigkeit, mittelfristig Auflçsung des Persçnlichen, wie in einem Borg-Kollektiv. Whrend sich die japanische Gesellschaft rasch skularisiert, entsteht in ihrer Mitte ein spirituelles Vakuum. Genau an diesem Bruch, in diesem Vakuum, setzt die AUM-Ideologie an. Im Kern steht eine Ideologie der Selbst-Kasteiung durch Meditation und tagelange Entsagung, die aber nicht der Erleuchtung, sondern der Freisetzung bernatrlicher Krfte dient: Gedatsu, der Erlçsung von Kçrper und Geist in reine Energie. Wie in einem Videospiel soll man nun durch Wnde gehen, seinen Kçrper formwandeln kçnnen. Kombiniert wird diese Grçßenphantasie mit einer Untergangs-Vision, in der klassische Minoritts-Gefhle eine Rolle spielen: 157

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Japan wird, so ist der Kult berzeugt, Schauplatz des Dritten Weltkrieges. Von den Amerikanern aus Konkurrenzgrnden in einen Krieg mit China gezwungen, wird das Inselreich in einem Atomkrieg zerstçrt. Darauf muss man sich vorbereiten. Mit Waffenbungen, schwerem Gert, Schutzanzgen und, zum ben, Giftgas. Und irgendwann wurde der Druck der gemeinsamen Vision so groß, dass man ein bisschen nachhelfen und die Apokalypse selbst einleiten musste . . . (Erzhlung der kompletten Geschichte in: Castells 2002, 106 ff.) Weshalb ich diese Geschichte so ausfhrlich erzhle, liegt daran, dass ihre Semantik das Muster des suizidren Terrorismus in einen anderen Kontext befçrdert und ihn dadurch universalisiert. Das Dreieck Modernisierungspanik – narzistische Fhrungsfigur – opferkultische Gemeinde weist einen bestimmten Fingerabdruck aus. Dieser Abdruck richtet sich zunchst eben nicht an Waffenlagern oder erkennbaren Drohgebrden aus, auch nicht an bestimmten Religionen. Sondern an soziokulturellen Kontexten, die man mit einem spezifischen Such-Raster identifizieren kann.

Vorschlag: Das Kassandra-Komitee Einer der aktuell mutigsten Versuche zur Terror-Vorhersage stammt von Richard A. Clarke, dem ehemaligen Sicherheitsbeauftragten der US-Regierung. In einem Szenario der nchsten zehn Jahre, vorgetragen an einem fiktiven 11. September 2011, spielt Clarke minutiçs plausible Entwicklungen des globalen Terrorismus durch. Er nimmt die Position der Kassandra ein: – Anschlge auf Hotels, Spielbanken, Schulen und Einkaufszentrum mit tausenden von Toten – Wirtschaftlicher Niedergang Amerikas – Cyberangriffe auf das Internet – Anschlge mit Stinger-Raketen auf Verkehrsflugzeuge – Nukleare Erpressung Clarke entwickelt diese Szenarien mit einer Technik, die ich hier IdentifikationsLogik nennen mçchte. Er denkt nicht im Sinne der Abwehr, der Vermeidung, sondern aus der Perspektive des Gegners. Er nimmt dabei ganz besonders ernst, was Franz Liebl die „Marketing-Seite“ des Terrorismus nennt. Terrorismus, auch und gerade nihilistischer Terrorismus, ist in der globalen Medienwelt nichts anderes als Botschaften setzen. Mein Vorschlag lautet, diese Methode weiter zu entwickeln und sie mit klassischer Delphi- und Szenario-Technik anzureichern. Einen kontinuierlichen ThinkTank zu bilden, der sich in gewisser Weise als virtueller Vordenker des Bçsen begreift.

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Welche Aktionen htten die hçchste Symbolik im momentanen semiotischen Umfeld? Welche Ressourcen haben wir und kçnnten wir erreichen? Wie kçnnen wir Panik und moralische Zermrbung bei geringst mçglichem Input erzeugen? Entscheidend wre die innere Diversitt eines solchen Kassandra-Kreises (und natrlich die charakterliche Festigkeit ihrer Mitglieder). Teilnehmer wren „Lateraldenker“ aus den Bereichen Psychologie, Kulturwissenschaften, Religion, Semiotik, Marketing, Soziologie, Medientheorie, Risikomanagement, Kriminalistik und Politik. Aus einem solchen Kreis sollte sich eine Meta-Intelligenz kristallisieren lassen, die alle Monate Rauch aufsteigen lsst, dessen Spuren die Sicherheitsbehçren hartnckig und pro-aktiv folgen kçnnten.

Epilog: Das Delphi-Prinzip oder Weltvernderung durch Weitsicht Das Orakel von Delphi, ein Priesterorden, der sich dem Gott Apollon gewidmet hatte (einer kreativen und vital-mnnlichen Gottheit), blieb 400 Jahre lang ein geistig-politisches Zentrum der hellenistischen Staatenwelt. Reich, mchtig und dionysisch bot es Weissagung und Rankne, Ritual und Fest, politische Machtausbung und Machtkontrolle. Delphi wird von philosophischen Priestern gefhrt, die sich im politischen Geschft des Mittelmeerraumes bestens auskennen. Delphi unterhlt „Agenten“ in den wichtigsten Stdten, Sparta, Athen, Mykonos; Informationsbeschaffer, Spione, Intriganten. Der „Beirat der Weisen“, das „Delphi-Syndikat“, wird im Laufe der Zeit zu so etwas wie einer weltlich-religiçsen Meta-Regierung des politisch zersplitterten Mittelmeer-Raumes. 480 v. Chr. gelingt dem Orakel ein Coup, der seine Macht endgltig befestigen soll. Der Perserkçnig Darius greift mit einer bermacht das militrisch schwache Athen an. Anstatt zu ermutigen, schickt das Orakel dunkle Visionen des Untergangs. Das Ratsmitglied Themistokles, gleichzeitig Feldherr, berbringt Weissagungen der ermordeten Bewohner der Stadt, geschndeter Frauen und gemetzelter Kinder, die die Pythia, die Weissagerin, gesehen hat. Athen wird von seinen Bewohnern gerumt, die Stadt scheint schutzlos ihren Eroberern ausgeliefert. Dann kommt eine zweite Vision aus Delphi. Undeutlich zwar, aber es kommt der Name der Insel Salamis darin vor, und „Wnde aus Holz“. Wenig spter werden die Perser bei Salamis in einen Hinterhalt gelockt. Ihre gesamte Flotte wird in eine Meerenge gelockt, in der ihre Boote nicht mançvrieren kçnnen, und von den Athenern mit strategischer Kriegslist vernichtend geschlagen. Wenig spter lsst Perikels in Athen die Akropolis bauen, auch sie ein apollonisches Monument. Und die Macht der Orakels erreicht ihren Hçhepunkt (zur Funktion von Orakeln siehe auch: Wood 2003), wir wollen keine 159

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Macht fr ein Orakel. Was wir aber wohl wollen kçnnten, wre, auf der Basis von messbaren Grçßen durch die Kunst der Prognose geeignete Maßnahmen anzuregen. Ein solches prognostisches System bedeutet fr mich nicht eine 100%-ige „Welterkennung“, sondern die Verbesserung der systemischen Intelligenz einer Institution. Dies halte ich fr realistisch, angemessen und kein bisschen mythologisch.

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Literatur Bourke J. [2005] Fear: a Cultural History. London. Castell M. [2002] Das Informationszeitalter II: die Macht der Identitt. Opladen. Holland T. [2003] Rubicon: The Triumph and Tragedy of the Roman Republic. London. Laqueur W. [1987] The Age of Terrorism. Boston. Kepel G. [2002] Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. Mnchen. Naisbitt J. [1995] 8 Megatrends, die unsere Welt verndern. Seedorf. Schwartz P. [2003] Inevitable Surprises, New York. Wood M. [2003] The Road to Delphi: The Life and Afterlife of Oracles. New York.

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Franz Liebl

„Im Auge des Betrachters“ – berlegungen zum Terrorismus aus der Perspektive des Strategischen Marketing

Ist ein Bombenattentat in Italien die Tat von Linksextremisten oder eine Provokation der extremen Rechten, ist es eine Inszenierung des Zentrums, um alle terroristischen Extremisten in Misskredit zu bringen oder eine wacklige Macht herunterzumachen, oder handelt es sich vielleicht um ein Polizei-Scenario und eine Erpressung zur çffentlichen Sicherheit? (Baudrillard 1978, 45)

ber die Frage, was Terrorismus ist bzw. worin Terrorismus besteht, herrscht wenig Einigkeit. Mnkler (2004) etwa versteht allgemein „Terrorismus als eine Form der Gewaltanwendung [. . .], die wesentlich ber die indirekten Effekte der Gewalt Erfolge erringen will.“ Das heißt, nicht so sehr die von den Anschlgen verursachten Personen- oder Sachschden per se sind das unmittelbare Ziel, als vielmehr der dadurch verbreitete Schrecken sowie ggfs. die Erwartungen und Hoffnungen, die angesichts der Verletzbarkeit des (bermchtigen) Gegenbers geschrt werden (vgl. Waldmann 1998). Waldmann und Mnkler stehen dabei in der Tradition der Arbeiten von Schmid und de Graaf (1982), die den Zusammenhang von Gewalt, Inszenierung und Zielorientierung einst auf die Formeln „Terrorismus als gewaltttige Kommunikationsstrategie“ bzw. „Terrorismus als Verbindung von Gewalt und Propaganda“ gebracht hatten. Nimmt man diesen Verweisungszusammenhang ernst, so liegt die Idee nahe, Terrorismus aus Sicht des Strategischen Marketing nher zu beleuchten und die aus dieser Perspektive relevanten Fragen und Thematisierungen herauszuarbeiten. Hierbei soll der Fokus vorderhand auf dem liegen, was Schmid/de Graaf „insurgent terrorism“ nennen; „state terrorism“, also der „Terror von oben“ in Terror-Regimen, soll dagegen angesichts seines grundlegend andersartigen Charakters nicht nher behandelt werden. Die im folgenden diskutierten Fragen gliedern sich grob in folgende Komplexe eines „Terrorismus-Marketing“. Da sind zunchst die Fragen der Umsetzung, die anhand der verschiedenen zur Verfgung stehenden Entscheidungstatbestnde ausdifferenziert werden kçnnen. In diesem Zusammenhang sind vor allem strategische Fragen der Markenfhrung und Kommunikation zu adressieren (Abschnitt 1). ber den Komplex der Umsetzung hinaus befasst sich Strategisches Marketing mit der Frage, wie eine Kundenorientierung besonders wirksam realisiert werden kann, insbesondere in Bezug auf Produktgestaltung und Segmentierung (Abschnitt 2). Denn es sind die Vorstellungswelten der Kunden – insbesondere der ffentlichkeit – in denen Anschlge und Drohungen der Terroristen andererseits Resonanz erzielen sollen. Hinzu kommt die Frage, in welchem allgemeinen Umfeld – z. B. in Gestalt von Trends – man (aktuell bzw. in Zukunft) 163

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operiert. Hierbei geht es um die Aktualitt und die Durchschlagskraft des eigenen Anliegens. Welche „opportunity structure“ einerseits und „motivation structure“ andererseits existiert also, um ein strategisches „Agenda-Setting“ zu betreiben bzw. erfolgreich herbeizufhren? (Abschnitt 3) Im letzten Teil des Beitrags soll zusammenfassend diskutiert werden, welche methodischen Perspektiven im Kontext von Terrorismus-Prognosen und -Diagnosen sich aus den vorgennanten berlegungen ergeben (Abschnitt 4).

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Fragen der Umsetzung

Markenfhrung Etikettierung spielt in kommunikativen Kontexten eine besonders wichtige Rolle, da sie Erwartungshaltungen produziert und Wahrnehmungen vorstrukturiert. Die Benennung einer Organisation, sei es ein Unternehmen oder eine Non-Profit-Organisation, hat somit entscheidenden Anteil an ihrem Erfolg. Das Referieren auf wichtige, identittsrelevante bzw. identittsstiftende Symbole (charismatische Personen, bedeutungstrchtige Datumsangaben etc.) ist daher ein wesentlicher Faktor fr die Mobilisierung von Konsens (im Publikum) und Ressourcen. Im Bereich Sozialer Bewegungen bzw. Protestbewegungen wird z. B. weitgehend vermieden, in der Formulierung der eigenen Anliegen und des eigenen Namens eine Anti-Haltung auszudrcken. So nennen sich etwa Abtreibungsbefrworter in den USA „pro-choice“, Abtreibungsgegner „pro-life“. Auch wertbeladene Begriffe („Freiheit“, „Befreiung“) tauchen hufig auf. Bei diesen Etikettierungen handelt es sich zunchst um Selbstzuschreibungen, die natrlich beim Publikum nicht unbedingt in der intendierten Weise „ankommen“ mssen. Dies hat auf der einen Seite natrlich mit der Akzeptanz des Anliegens und der Aktionen zu tun, andererseits muss sich auch dieses Anliegen in ausreichender Weise dem Publikum erschließen. Letzteres ist insbesondere fr Gruppen relevant, die nicht fr sich und ihre (ethnischen, religiçsen) „Leidensgenossen“ kmpfen, sondern sich als Advokaten von irgendwelchen Minderheiten, Unterprivilegierten oder nicht artikulations- bzw. organisationsfhigen Kreaturen (z. B. Tiere) verstehen. Anders als bei konventionellen sozialen Bewegungen ist im Terrorismus-Kontext auch die generische Zuschreibung „Terrorist“ interessant und markenrelevant. Hier zeigt sich, dass der Begriff als Etikettierung des eigenen Status kaum bzw. gar nicht gebraucht wird. Der Term „Terroristen“ dient vor allem der Fremdzuschreibung. Mnkler (2004) hierzu: „Indem man bestimmte Gewalthandlungen ,terroristisch nennt, will man ihnen nmlich in der Regel jegliche politische Legitimitt absprechen.“ Mnkler sieht hierbei einen Zusammenhang zu der hufig gebten journalistischen Praxis, Terrorismus mit Feigheit und Heimtcke zu assoziieren. In hnlicher Weise stellt Herman (1993) fest, dass die erfolgreiche Etikettierung/Diskreditierung eines Gegners als „Terrorist“ durch diese Kriminalisierung einen wichtigen Etappensieg darstelle. Insofern es sich bei der Marke „Terrorismus“ um eine mit extrem negativen emotionalen Zuschreibungen be164

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setzte „Dachmarke“ handelt, eigne sie sich laut Herman (1993) gut fr die Regierungsseite, um die Bevçlkerung auf eine bestimmte politische Linie einzuschwçren. So hatte das Synonym „War on Terror“ effektiv wesentlich mehr Kraft als die ursprngliche Formel „Infinite Justice“ (Meyer 2003) entwickelt. Schmid und de Graaf (1982, 88) geben eine erste bersicht von Begriffspolaritten aus Diskreditierungen und Euphemismen, die immer wieder in den Definitionskmpfen als Etiketten benutzt werden. Abb. 1: Polaritten bei der Etikettierung (Schmid und de Graaf 1982) Criminal

Revolutionary

Terrorist

Guerilla

Murderer

Freedom Fighter

Gang

Army

Subversive Element

Liberator

Bloodbath

Purge

Lunatic

Martyr

Mercenary

Soldier

Threat

Warning

Aggression

Preventive Counter-Strike

Assassin

Avenger

Propaganda

Communiqu

Extremist Fanatic

Dedicated Anti-Imperialist

Attack

Operation

Hired Killer

Example of Revolutionary Solidarity

Murder

Revolutionary Justice

Weitere Aspekte der Kommunikation Wichtigkeit besitzt in diesem Kontext auch die Tatsache, dass jedes Thema/Ereignis/Etikett tagtglich in Konkurrenz mit anderen Themen/Ereignissen/Etiketten um den (begrenzten) Platz in den Medien steht. In Inhaltsanalysen konnte auch festgestellt werden, dass Gewaltakte tendenziell dann stattfinden, wenn die opportunity structure gnstig ist, etwa Zeitungsumfnge und -Auflagen des Folgetages systematisch hçher ausfallen (Schmid und de Graaf 1982, 51; siehe auch Meyer 2003). Darber hinaus wird auch die Mçglichkeit genutzt, symboltrchtige Daten – in den U. S. A. etwa der 19. April – zur (quantitativen) Verstrkung der Wirkung einerseits und als separate (qualitative) Bedeutungsebene an165

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dererseits zu nutzen. Der Anschlag von Oklahoma City durch Timothy McVeigh kann als besonders ausgeprgtes Beispiel fr solche Referenzierungen angesehen werden (vgl. Kabisch 2005). Was die taktischen Funktionalisierungen angeht, so findet sich bei Schmid und de Graaf (1982) eine Liste von Mediennutzungsformen, die in etwa die Bandbreite dessen abdeckt, was Terroristen ber die Medien – sei es durch Berichte ber Terrorakte, sei es vermittels anderer Kommunikationen – zu bewirken versuchen. Abb. 2: Nutzungsformen der Medien durch Terroristen Communication of (fear-) message to mass audience Polarizing public opinion Making converts, attracting new members to terrorist movement Demanding publication of manifesto under threat of harm to victim Using media as conduits for threats, demands and bargaining messages Verifying demand compliance by the enemy Winning favorable publicity via released hostages Linking message to victim Misleading enemy by spreading false information Winning publicity by granting interviews in the underground Intimidating media by killing or wounding journalists Advertising terrorist movement and cause represented Arousing public concern for victim to pressure government to concessions Discrediting victim by making his „confessions“ public Discrediting enemy by making victim’s „confessions“ public Deflecting public attention from disliked issue by bombing it from frontpages Announcing further actions Using journalists as negotiators in bargaining situation Inciting public against government Occupation of broadcasting stations to issue message Boosting one’s own morale; Herostratism Gaining Robin Hood image 166

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2

Strategische Aspekte: Segmentierung und Angebotszuschnitt

Um die strategischen Aspekte herauszuarbeiten, sollen zunchst die Spezifika des Strategischen Marketing im Sinne einer marktorientierten Unternehmensfhrung kurz umrissen werden. Strategisches Marketing hat eine teleologische Dimension insofern, als es darum geht, Unternehmensziele zu erreichen und insbesondere nachhaltige Unterscheidungskraft im Wettbewerb zu erzielen. Nach Porter (1986) liegt dies dann vor, wenn ein Kunde einen Unterschied zur Konkurrenz wahrnimmt und diesen auch wertschtzt. Mit anderen Worten, Wettbewerbsvorteile realisieren sich bei genauerem Hinsehen nicht abstrakt „am Markt“, sondern ganz konkret in den „Kçpfen der Kunden“. Der Erfolg eines Unternehmens richtet sich also danach, inwieweit ein Angebot eine Resonanz bei den Abnehmern bzw. Adressaten erzeugt. Damit sind deren Vorstellungswelten der Dreh- und Angelpunkt einer jeden Strategie-Entwicklung. Kundenorientierung und Wettbewerbsorientierung fallen nach dieser Logik also in eins. Aus strategischer Sicht bedeutet Kundenorientierung dabei nicht, den Kunden zu fragen, was er denn will, um ihm das sodann zu geben. Vielmehr geht es darum, verborgene Problemlagen zu identifizieren, nicht bediente Defizite zu kompensieren, vielleicht sogar vorderhand abseitig anmutende Befriedigungspotenziale zu adressieren und vor allem damit Orientierung zu schaffen in einer zunehmend unbersichtlich werdenden Konsum- und Themenwelt (Liebl 2006). Die strategische Auffassung der Kundenorientierung stellt insofern vor allem auf eine Orientierung des Kunden ab statt sich wie bisher auf eine Orientierung am Kunden zu beschrnken.

Segmentierung Segmentierung bedeutet, die Abnehmer bzw. Adressaten so zu gruppieren, dass jede Gruppe in bestimmter Weise auf eine Maßnahme oder einen Angebotszuschnitt reagiert. Ziel der Segmentermittlung ist es, zu einer Anzahl von Segmenten zu kommen, die einerseits in sich mçglichst homogen, andererseits zueinander mçglichst heterogen ausfallen. Auf diese Weise lassen sich zielgruppenspezifische Angebotszuschnitte entwickeln. Besonders erfolgversprechend sind dabei Angebote, die von unterschiedlichen Zielgruppen in ihrer je spezifischen Weise Resonanz erzeugen. Ziehen unterschiedliche Abnehmersegmente auf ganz unterschiedliche Weise Nutzen aus einem Angebot bzw. interpretieren Nutzer ein Angebot auf ihre je spezifische Weise fr sich, nennt das die Literatur „interpretive flexibility“. Diese interpretative Flexibilitt angesichts von unterschiedlichen Vorstellungswelten auf Kundenseite hat sich insbesondere im Kontext von Innovationen als wichtiger Erfolgsfaktor fr die Durchsetzung eines neuen Angebots herauskristallisiert. Eine gewaltttige Aktion oder deren Androhung ist daher um so effektiver, je mehr Segmente sie uno actu wirksam mit einer segmentspezifischen Botschaft adressiert: z. B. politische Entscheidungstrger und breite ffentlichkeit und unterprivilegierte Schichten und das eigene Lager 167

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(siehe hierzu auch Kabisch 2005). Auch in dieser Beziehung erscheint im brigen die Formel „War on Terror“ dem Euphemismus „Infinite Justice“ erheblich berlegen. Hier stellt sich natrlich die Frage nach den Segmentierungskriterien. Dies kçnnen gesellschaftsinterne, schichtenspezifische sein, wie etwa die ebengenannten. Als alternative Kriterien kçnnten in Frage kommen: die Attitde gegenber dem Themenkomplex, den die Terroristen aufs Tapet bringen; bei globalen Issues wren u. U. auch kulturelle Spezifika als Unterscheidungsmerkmale denkbar. Eine solche Segmentierung muss nicht nur Tragfhigkeit besitzen in Bezug auf die Botschaften, die ber die Gewaltakte vermittelt werden sollen, sondern auch in Bezug auf die Medien- und Publikumsresonanz infolge der Inszenierungsform.

Produktgestaltung/Angebotszuschnitt Noch offen geblieben ist die Frage, was denn nun eigentlich als Produkt bzw. Angebot im Kontext von Terrorismus anzusehen wre. Sind es die (politischen, gesellschaftlichen) Anliegen oder sind es die Gewaltakte samt ihrer Inszenierung? Auch im Strategischen Marketing stellt sich dieser Typ von Frage, und man ist – nicht zuletzt wegen der o. g. Segmentierungsphnomene – schließlich dazu bergegangen, zwischen dem Produkt und dessen mçglichen Funktionen (Nutzentypen) zu unterscheiden. Im vorliegenden Fall wre demnach der Terrorakt bzw. dessen Androhung das Korrelat zum Produkt, die resultierenden Auswirkungen und Kommunikationen die Nutzentypen. Produktgestaltung referiert demnach auf das Design des Terrorakts, sprich auf die Inszenierung von Gewalt. Fragen der Inszenierung von tatschlichen Gewaltakten – insbesondere die Art der Gewaltaktion und die Auswahl der Opfer – stellen vor allem auf deren Nachrichtenwert ab, der ein Maß fr die Publikationswrdigkeit aus Mediensicht verkçrpert. Die Publikationswrdigkeit eines Ereignisses bzw. einer Meldung wird von einer ganzen Reihe von Faktoren bestimmt (vgl. Gandy 1982, 181; Schulz 1990, 16 ff.; Schulz 1987, 134), wobei die visuellen Kriterien ber die Jahrzehnte hinweg erheblich an Wichtigkeit gewonnen haben. Darber hinaus besitzen weiterhin quantitative Kriterien – wie Zahl der Opfer oder Hçhe des Schadens – als Bemessungsgrundlagen fr den Aufmerksamkeitswert Plausibilitt; und nicht zuletzt sorgt die Verschiedenheit der Nationalitten unter den Opfern fr die Internationalitt in der medialen Beachtung (vgl. Mnkler 2004, 187) – eine Tatsache, die besonders Flugzeuge, touristisch hochfrequentierte Orte oder Metropolen als Ziele nahelegt. Ist ein Akt nur angedroht, geht es vor allem um die Stimulation von Phantasien und die Referenz auf in den unterschiedlichen Segmenten existierenden Prdispositionen, die auf kulturellen Reservoirs, insbesondere auf Produkten der Medienberichterstattung und Unterhaltungsindustrie, beruhen. Solche Reservoire kultureller Motive – siehe hierzu auch Holt (2004) – sind aber nicht nur relevant 168

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fr Bedrohungen, sondern wirken in ihrer Eigenschaft als Deutungsrahmen auch als Verstrker und Resonanzraum fr tatschliche Terrorakte. Die dahinterstehende Mechanik lsst sich gut anhand von Atomunfllen illustrieren. Ein Unfall im Fermi-Reaktor bei Detroit im Jahre 1966 wurde, weil ein solcher Deutungsrahmen aus der Popular Culture fehlte, von der ffentlichkeit weitgehend ignoriert. Der Unfall im Kernkraftwerk Three Mile Island (TMI) im Jahre 1979 hingegen lçste erhebliche çffentliche Besorgnis aus. Denn kurz vor dem Harrisburger TMIUnfall war der Film The China Syndrome in die Kinos gekommen, der einen solchen Stçrfall zeigte. Hierdurch war der Deutungsrahmen fr ein Szenario des „grçßten anzunehmenden Unfalls“ geschaffen worden. Sarasin (2004) spricht im Kontext des Anthrax-Falls auch von kollektiven Phantasmen, die den Resonanzboden liefern. Hier stellen die Produkte der kulturellen Originalittsproduktion – z. B. Kunst, Literatur, aber insbesondere Produkte der Populrkultur wie Hollywood-Filme und neuerdings Computerspiele – ein großes Reservoir zur Verfgung und liefern gleichzeitig das illustrierende Bildmaterial mitsamt dem entsprechenden Deutungsrahmen fr die massenmediale Aufbereitung der imaginierten Bedrohung. So ist womçglich zu erklren, warum die Wirkung des 11. September in der westlichen Welt so viel strker war als in der islamischen: mit dem Hollywood-Blockbuster „Independence Day“ existierten Bilder im westlichen kollektiven Gedchtnis, die unmittelbare Resonanz ermçglichten.1,2 Damit existiert eine wichtige Doppelfunktion solcher Szenarien: auf der einen Seite generiert die mediale Beschftigung damit – sei es in Form von Entertainment, sei es in Form von Reportagen – das Potenzial zur Nachahmung, auf der anderen Seite generiert sie mçglicherweise einen Deutungsrahmen, der die Wirkung in Form von Aufmerksamkeit und Schrecken massiv untersttzt.

3

Der Trend zur Spaltung der Mrkte: auch im Terrorismus?

Soweit zu operativen und strategischen Aspekten der Ausfhrung; zu klren sind jetzt noch die Funktionen, die mit diesen Produkten realisiert werden sollen. Letztere beziehen sich auf die (ideologischen) Zielsetzungen bzw. die letztendlichen Anliegen der Terroristen und sollen im Folgenden diskutiert werden. Sieht man sich die strategische Dimension an, so wurde bislang im Kontext des politischen Terrorismus vor allem der Typus des „insurgent terrorism“ fokussiert, der den Umsturz eines politischen Systems zum Ziel hat (Schmid und Jongman 1 Fr diesen Hinweis danke ich Werner Schiffauer. Schiffauer weist auch darauf hin, dass dies in der Folge sich gendert habe. Denn mit den Angriffen auf Afghanistan und den Irak werde nun ein anderes Bild – nmlich das des islamischen Mrtyrers – bedient sowie das des Kriegs gegen die Besetzung des islamischen Territoriums. Hier handle es sich um das folgende (kollektive) Bildgedchtnis, in das sich der jetzige Terror einschreibt: die Okkupation, der Kampf des hilflosen islamischen, geknechteten Volkes gegen den bermchtigen Westen, der es berwltigt. 2 An diesem Beispiel zeigt sich auch deutlich, dass Unterschiede in den Vorstellungswelten bzw. kulturellen Reservoirs besonders schlagkrftige Segmentierungslinien zu liefern vermçgen.

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1988). Die Frage ist, ob diese strategische Funktion heute noch die interessanteste und vorherrschende darstellt. In vielen (Konsumgter-) Mrkten stellt man beispielsweise seit geraumer Zeit fest, dass die alte etablierte Mitte wegbricht und statt dessen eine Spaltung stattfindet, die zueinander gegenlufige Entwicklungen aufweist (typischerweise eine Spaltung in ein Billigsegment einerseits und in ein hochpreisiges, qualitativ hochgezchtetes Segment andererseits; vgl. Liebl 2003). Kçnnte es in Bezug auf die strategischen Funktionen, also in Bezug auf die verfolgten Anliegen, eventuell auch so eine Spaltung geben? Im Folgenden soll eine solche These skizziert werden, welche die Gleichzeitigkeit von Trend und Gegentrend – hier: Universalisierung einerseits und Spezialisierung andererseits – unterstellt.

Segment 1: Universalisierung Laut Mnkler (2004) ist beispielsweise folgende neue Entwicklung zu beobachten: Nicht mehr so sehr der politische Umsturz eines Staatssystems durch eine sich als marginalisiert begreifende Gruppe, sondern das Lahmlegen ganzer Zivilisationen wird nunmehr als strategische Zielsetzung von terroristischen Aktivitten offenbar. Es geht um Schadenstiften durch Lahmlegen der wirtschaftlich relevanten Infrastruktur (Transport, Mobilitt, Energie, Information, Bçrsen); es geht um die Ausnutzung der Lhmungsneigung ganzer Gesellschaften bzw. Zivilisationen statt um die Mobilisierungsneigung von Teilen einer Gesellschaft. Dies gilt insbesondere fr die Anschlge des 11. September und deren Nachfolger, die zwar vor allem in Bezug auf ihre (sehr erfolgreiche) Symbolwirkung diskutiert worden waren, nicht in gleichem Maße jedoch in Bezug auf ihre (nicht ganz so durchschlagende) wirtschaftliche Wirkung: Gerade in hochvernetzten Wirtschaftssystemen kçnnen gezielte Stçrungen ebenso lawinenartige wie unberechenbare Folgeeffekte verursachen. Diese Universalisierung des Ziels (i. S. v. Target) geht einher mit einer zunehmenden Diffusitt der Ziele (i. S. v. Objectives). Mnkler (2004) sieht daher einen Krieg ohne Ende, weil auch keine Verhandlungsbereitschaft auf Seiten der Terroristen existiert; parallel hierzu geht es in zunehmendem Maße um die Adressierung latent vorhandener Phantasmen statt um die Durchsetzung existierender Anliegen – zwei Entwicklungen, deren Komplementaritt nahe liegt. Damit sind die Anforderungen bzw. Leitfragen fr eine „terrorismus-orientierte Trendforschung“ umrissen: – Auf welche (kollektiven) Phantasmen werden zuknftige Terror-Anschlge oder -Drohungen referieren kçnnen (und lçsen damit womçglich die Bombe als prferierte Terrorwaffe ab)? Welche Produkte der Populrkultur weisen hier geeignetes Faszinosum und gleichzeitig Vorbildfhigkeit auf?

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– Welche Verknpfungen zwischen Issues – siehe den vermuteten Zusammenhang zwischen den Anschlgen des 11. September und den Anthrax-Briefen – erweisen sich als besonders wirkungsvoll? – Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang bereits existierende Verschwçrungstheorien? Und welche neuen Verschwçrungstheorien kçnnten durch bestimmte Terrorakte kreiert werden? (siehe hierzu das Beispiel bei Kabisch 2005) – Welche anderen offen oder latent vorhandenden kulturellen Problemlagen, Defizite oder (aktuell noch abseitig erscheinenden) Befriedigungspotenziale kçnnten adressiert werden, z. B. Heldenmythen, Unterangebote an Community oder schlichtweg Hass?3

Segment 2: Spezialisierung Schmid/Jongman (1988) schließen in ihrer Definition von politischem Terrorismus den Single-Issue-Terrorismus – z. B. Anschlge auf Abtreibungskliniken, Ermordung von Personal aus Tierversuchslaboratorien etc. – explizit aus, weil er nicht auf den Umsturz eines herrschenden politischen Systems abzielt. Nimmt man die These von der Dichtomisierung der Anliegen jedoch ernst, wrde gerade hierin ein wichtiges Segment liegen: Spezialisierung als Gegentrend zur Universalisierung. Von seinem grundstzlichen Zuschnitt her passt ein solcher Single-Issue-Terrorismus – als Angriff auf ein gesellschaftliches Teilsystem – durchaus in den bisher diskutierten Rahmen: – Die durch die Anschlge Betroffenen bzw. die von potenziellen Anschlgen Bedrohten sind zwar hufig Teil des bekmpften Teilsystems, aber vielfach nur ausfhrende Organe ohne Entscheidungskompetenz. Insofern lsst sich durchaus von „unschuldigen Opfern“, die instrumentalisiert werden, sprechen. – Die kommunikative Komponente existiert folglich zweifellos; sie richtet sich zum einen an den „Gegner“, andererseits an die breite ffentlichkeit oder an politische Entscheidungstrger, um Konsens fr das eigene Anliegen zu mobilisieren. – Die verursachten Schden sollen durchaus zur Lahmlegung des als feindlich identifizierten Teilsystems beitragen. Hierin besteht durchaus eine gewisse Parallelitt zum o. g. Segment 1; bislang sind jedoch diese Terroristengruppierungen i. d. R. nicht ressourcenstark genug, um derartige Aktionen wirkungsvoll zu gestalten. – Vom Anliegen her gesehen, lsst sich Single-Issue-Terrorismus durchaus als politisch im Sinne einer Single-Issue-Politik (Tesh 1984) begreifen, welche sich ohnehin ber die letzten Jahrzehnte hinweg immer mehr ausgeweitet hat. 3 Diesen Gedanken verdanke ich Lars Clausen.

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Auch fr das zweite Segment muss die Frage gestellt werden, ob durch die Splittung herkçmmliche „Gesetzmßigkeiten“ weiterhin Gltigkeit besitzen. Laut Schmid und de Graaf (1982) ist kennzeichnend fr „insurgent terrorism“, dass gerade ein mangelnder Zugang zur ffentlichkeit das Instrument Terrorismus erforderlich macht – daher auch die Vielfalt der in Abb. 2 aufgelisteten Nutzungsformen. In dieser Logik eines terroristischen Agenda-Setting, die in Abb. 3 dargestellt ist, diente die Tat dazu, ber die Medien-Agenda die çffentliche Diskussion sowie die Handlungsmuster der politischen Entscheidungstrger zu beeinflussen. Dem steht jedoch entgegen, dass die Zugangsbarrieren zur ffentlichkeit nicht zuletzt durch Computertechnologie und globale Datennetze ber die Zeit hinweg massiv abgeschmolzen sind (Franck 1998). Welcher Verweisungszusammenhang wre demnach plausibel? Es wre eher die Unttigkeit bzw. Ohnmacht der staatlichen Organe, die – bei gleichzeitig wahrgenommer Legitimitt und Dringlichkeit des eigenen Anliegens – zur Selbsthilfe gegenber dem „Gegner“ greifen lsst. Insofern sind es die drei Faktoren „urgency“, „power“ (zumindest i. S. v. logistischer Leistungsfhigkeit) und „legitimacy“, durch die sich die „opportunity structure“ in diesem Fall bestimmt (Mitchell et al. 1997). Abb. 3: Agenda-Setting-Prozess (Rogers und Dearing 1988)

Ein entsprechender Zugang aus dem Bereich des Strategischen Marketing bzw. der Strategischen Unternehmenskommunikation besteht darin, das „Agenda-Setting-Potenzial“ – d. h. die „Aktualitt“ – des betreffenden Anliegens (Issues) bzw. weltanschaulichen Gebudes zu bestimmen. Geht man von der naheliegenden Vermutung aus, dass Aktionen dann als besonders çffentlichkeitswirksam erscheinen, wenn ein potenziell positiver Resonanzboden fr das Thema in der breiten ffentlichkeit existiert, so htte eine „terrorismus-orientierte Trendfor172

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schung“ in diesem Fall die Andockstellen zwischen gesellschaftlichen und medialen Trends einerseits und den weltanschaulichen Gebuden gewaltbereiter Akteure andererseits zu identifizieren. In Abb. 4 sind die Bestimmungsfaktoren einer so genannten „Issue Salience“, die den Resonanzboden eines Anliegens qualifiziert, zusammengefasst (Liebl 1996; Liebl 2000). In diesem Lichte erscheint Terrorismus nicht mehr als „Provokation der Macht“, wie es noch bei Waldmann (1998) thematisiert wurde, sondern umgekehrt prsentieren sich nunmehr die gewalt-affinen Akteure als vom „Gegner“ und von der Unttigkeit/Ohnmacht des Staates (zu Recht) Provozierte. Doch im Vergleich zum vormaligen „insurgent terrorism“ ist die Chance fr ein gesellschaftliches Tolerieren solcher Aktionen womçglich wesentlich hçher. Dies wird insbesondere bei sehr diffusen Anliegen der Fall sein, fr die keine klar identifizierbaren Handlungsalternativen nahe liegen. Abb. 4: Bestimmungsfaktoren der Issue Salience (Liebl 2000) Allgemeinheit der Definition eines Issue Unmittelbarkeit bzw. lebensweltlicher Bezug des Issue Empirischer Gehalt eines Issue Soziale Bedeutung des Issue Langfristige Auswirkungen eines Issue Komplexitt eines Issue Einstimmigkeit der Medienberichterstattung Sttigungseffekte durch Wiederholung Neuheitsgrad des Issue Emotionale Besetzung eines Issue Dynamik der Verbreitung Stimmigkeit der Symbolik Zentralitt der benutzten Werte Spannweite des Deutungsrahmens Konsistenz des Deutungsmusters Unstimmigkeiten zwischen Deutungsmuster und Aktionen Mçglichkeit einer Schuldzuweisung Konkurrenz zwischen Issues Verwandtschaft und Komplementaritt zu bereits priorisierten Issues Herausbildung von sekundren Issues

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Zusammenfassung: Methodische Schlussfolgerungen

Die Aufgabe der Frherkennung in Managementkontexten gehorchte ursprnglich der Logik des „predict and prepare“, d. h. prognostiziere die Rahmenbedingungen und optimiere die Maßnahmen im Hinblick auf dieses Zukunftsbild. Wo sich aber das Umfeld als prinzipiell unvorhersagbar prsentiert, ist diese Management-Logik weitgehend außer Kraft gesetzt (vgl. Ackoff 1997). An anderer Stelle haben wir gezeigt, dass dann die herkçmmliche Szenarienerstellung nach dem Muster „was wre, wenn“ keinen fundamentalen Fortschritt bringt, da es sich weiterhin um Prognosen, wenn auch mit vernderten Prmissen, handelt (vgl. Liebl 2002). Strategische berlegungen, die den Bedingungen von Unvorhersagbarkeit gerecht werden sollen, mssten vielmehr mit der Frage „was msste sein, damit“ operieren. Mit dieser Fragestellung werden die potenziell kritischen Konstellationen, die sich womçglich bislang noch nicht materialisiert hatten, adressiert. Eine terrorismus-bezogene Frherkennung msste daher ermitteln, welche kollektiven Bildervorrte sowie Reservoirs an kulturellen Motiven und kollektiven Phantasmen existieren, auf die terroristische Aktivitten (wirkungsvoll) referenzieren kçnnen. Solche Vorrte haben eine natrliche Doppelfunktion insofern, als sie eben nicht nur als Blaupause fr Anschlge bzw. Drohungen dienen kçnnen, sondern auch als kollektiver Deutungsrahmen und Erlebnisverstrker. Hierzu bedarf es zumindest einer entsprechenden Bestandsaufnahme der Medienberichterstattung und der kulturellen Originalittsproduktion, insbesondere hocherfolgreicher Hollywood-Filme (z. B. „Independence Day“), Comics, Computerspiele und Roman-Beststeller (z. B. Tom Clancy: „Debt of Honor“, Richard Preston: „The Cobra Event“). Aber frappierend wirkt im Nachhinein ebenso eine knstlerische Arbeit wie „Alteration“ von Mark Tansey aus dem Jahr 1975 (Abb. 5; Museum Kurhaus Kleve 2005).

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Abb. 5: Mark Tansey: „Alteration“ (1975), Gouache auf Postkarte

Mit diesem Zugriff auf das Problem wird ganz bewusst eine Entfernung von der sonst gngigen Akteursperspektive unternommen und der radikale Perspektivwechsel eines Strategischen Marketing vorgenommen, der zum Dreh- und Angelpunkt strategischer berlegungen zu den Vorstellungswelten der Adressaten und den Wirkungen des Angebots auf diese Vorstellungswelten wird. Denn solange noch aussteht, dass Terroristen die Erkenntnisse des Strategischen Marketing in vollem Umfang umsetzen, muss damit gerechnet werden, dass dies doch irgendwann passieren wird. hnliche berlegungen gelten fr die Anliegen. So thematisiert dieser Beitrag nicht unbedingt den „core“ des Terrorismus, sondern wendet sich mehr als sonst blich dem „fringe“ zu. Dies ist ebenfalls den Erkenntnissen des Strategischen Marketings geschuldet. Denn erfolgreiche Innovationen sind meist nicht im etablierten Kern einer Branche entstanden, sondern an den scheinbar weit entfernt liegenden Rndern des Marktes unter Zuhilfenahme illegitim oder exotisch anmutender Technologien. Auch wenn folglich manche Anliegen und Praktiken heute noch bizarr anmuten mçgen, so zeigt die Erfahrung aus anderen Kontexten, dass im „fringe“ von heute wichtige „player“ von bermorgen verborgen sein kçnnten (vgl. Mathews und Wacker 2003).

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Herfried Mnkler

Der Terror und wir

Die Anschlge vom 11. September 2001 haben – schlagartig – eine Entwicklung der weltpolitischen Konstellationen sichtbar werden lassen, die zu Beginn der 1990er Jahre ihren Anfang genommen hat, zunchst aber nicht ins allgemeine Bewusstsein getreten ist. Ihre Bedeutung drfte auch den meisten der politisch Verantwortlichen bis zum 11. September nicht wirklich klar gewesen sein: dass der Terrorismus zu einer der wichtigsten Formen der Kriegfhrung geworden ist und fr die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich das darstellen wird, was der Partisanenkrieg vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Abzug der Amerikaner aus Vietnam und der Sowjets aus Afghanistan gewesen ist: die Form politischer Gewaltanwendung, welche die internationalen Strukturen, die Welt-Ordnung, am strksten verndern, sie zumindest am entschiedensten prgen wird. Verglichen damit haben zwischenstaatliche Kriege, deren Anzahl ohnehin von Jahrzehnt zu Jahrzehnt im Verhltnis zu den weltweit gezhlten Kriegen zurckgegangen ist, eine nur noch untergeordnete Bedeutung. Einen berblick zum Wandel der Kriegstypen und zum allmhlichen Verschwinden des klassischen Staatenkrieges bietet Klaus Jrgen Gantzel (2000). Die eher konservierende Rolle zwischenstaatlicher Kriege und die umwlzenden Effekte von Kleinkriegen beschreibt Christopher Daase (1999, insbes. 27 ff.). Das mag erstaunen, fordern zwischenstaatliche Kriege doch, wenn es denn zu ihnen kommt, nach wie vor erheblich mehr Menschenleben und richten grçßere physische Zerstçrungen an, als dies bei allen bisher stattgefundenen Terroranschlgen der Fall gewesen ist. Der Krieg zwischen dem Irak und Iran von 1980 bis 1988 hat mindestens eine Million Menschenleben gefordert, und der Krieg zwischen thiopien und Eritrea im Jahre 1999, der wohl der letzte grçßere Krieg zwischen Staaten im klassischen Sinn gewesen ist, hat wahrscheinlich 50.000 Soldaten beider Seiten das Leben gekostet. (Zum 1. Golfkrieg zwischen dem Irak und Iran vgl. Herfried Mnkler 2003, 69 ff. und zum Krieg zwischen Eritrea und thiopien Thomas Rabehl 2000) Der letzte Irakkrieg, den man als den 3. Golfkrieg zhlen sollte, ist kein klassischer Staatenkrieg, sondern ein imperialer Pazifizierungskrieg gewesen; die Zahl der Todesopfer in ihm wird auf 20.000 bis 30.000 geschtzt. – Was besagen diese Zahlen? Offenbar spielt die Anzahl der Todesopfer, die Dauer eines Krieges, das Ausmaß der Zerstçrungen nicht die entscheidende Rolle, wenn es darum geht festzustellen, wie intensiv sich ein Krieg auf die politische Ordnung ausgewirkt hat. Im Krieg zwischen Somalia und Eritrea ist die Grenze ein wenig verschoben worden, und in dem lange dauernden 1. Golfkrieg, dem Krieg zwischen Irak und Iran, war noch nicht einmal das der Fall: mit dem Waffenstillstand von 1988 zogen sich die Truppen beider Seiten wieder auf die Positionen zurck, die sie 1980 vor Kriegsbeginn innegehabt hat179

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ten. Hatte der 1. Golfkrieg weitreichende Wirkungen, dann die, dass er, vermittelt ber die gewaltige Staatsverschuldung des Irak, zur Ursache des 2. Golfkriegs wurde, der dann wiederum den 3. Golfkrieg nach sich gezogen hat. Aber unmittelbar hat der 1. Golfkrieg an den Machtverhltnissen im Mittleren Osten nichts Grundlegendes verndert. Von dramatischer Auswirkung sind dagegen die Anschlge vom 11. September 2001 auf die Weltpolitik gewesen. Auch im Augenblick kçnnen wir beobachten, dass die Geiselnahmen im Irak und die ins Internet gestellten Bilder von Geiselhinrichtungen eine viel grçßere Aufmerksamkeit erlangen und dadurch wirksamer werden als Kriegshandlungen im klassischen Sinn. Es ist zumal fr eher schwache politische Akteure, wenn sie ihren Willen zur Geltung bringen und durchsetzen wollen, nicht mehr sonderlich attraktiv, zu den Mitteln des klassischen Krieges zu greifen, sondern liegt nahe, zu terroristischen Strategien zu greifen: die Einstiegsschwellen fr terroristische Kampagnen sind niedriger als die klassischer Staatenkriege und die mit relativ bescheidenen Mitteln zu erzielenden Effekte von Terrorattacken sind dafr um ein vielfaches hçher. Es gibt somit eine Flle von Anreizen, sich fr den Terrorismus als Gewaltmethode zu entscheiden, wenn man seinen politischen Willen gegen einen bermchtigen Gegner mit gewaltsamen Mitteln durchsetzen will. Das ist der wohl wichtigste Grund dafr, dass die Kriege des 21. Jahrhunderts hufig in Form terroristischer Kampagnen ausgetragen werden drften. Ich habe bislang kein Wort verloren ber Islam, Fundamentalismus, Islamismus und wie derlei mehr heißt. Die Aufgeregtheit des Feuilletons, das meint, wenn nur der islamische Fundamentalismus verschwinden werde – etwa derart, dass sich der Islam in eine aufgeklrte Religion nach westlichem Vorbild verwandeln wrde –, sei der Weltfrieden doch noch zu gewinnen, ist dem von mir vorgeschlagenen Ansatz ebenso fremd wie Samuel Huntingtons immer wieder aufs Neue diskutierte These, wonach das Zeitalter der Staatenkriege und der anschließenden Konfrontation ideologischer Blçcke von einem Zusammenstoß der Kulturen abgelçst werde. (Huntington 1996; zur Kritik daran: Mnkler 2002a, 199 ff.) Ich schlage dagegen vor, den Blick weniger auf die uns ohnehin wenig zugnglichen Motive und ideologischen Fassaden zu richten, bei denen mehr Spekulation als Wissen im Spiel ist, und statt dessen die Anreizsysteme der Gewalt ins Auge zu fassen. Die freilich kçnnen ihre Wirkung auf jedermann und jederfrau entfalten und sind in keiner Weise an eine wesentlich religiçs grundierte Motivationsstruktur gebunden. Damit will ich die Bedeutung bestimmter religiçser berzeugungen fr den Entschluss, sich einer Gruppe als Selbstmordattentter zur Verfgung zu stellen, keineswegs in Abrede stellen. Aber bekanntlich sind die Strategen, die einen Krieg planen und lenken, mit den von ihnen eingesetzten Kriegern oder auch Bomben noch nie identisch gewesen. Selbstmordattentter sind eine Mischung aus Krieger und Bombe, wobei sie insgesamt der Bombe nher stehen als dem Krieger (Zur Gestalt des Selbstmordattentters: Reuter 2002; sowie Croitoru 2003). Auf der Ebene des Gesamtplans eines Krieges geht es nicht darum, die 180

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Funktionsweise der Bombe zu erklren, sondern den Plan zum Einsatz der Bomben zu dechiffrieren. Diejenigen, die nach dem 11. September die Erklrung dafr in der Religion gesucht haben, haben letztlich die Gesamtstrategie des Terrorismus mit den Bauplnen menschlicher Bomben verwechselt. Selbstmordattentter sind bloß die Cruise missiles und Kampfdrohnen des kleinen Mannes. Was fr den Westen F16, Tornados, Kampfhubschrauber und przisionsgesteuerte Lenkwaffen sind, sind fr die Terroristen eben Selbstmordattentter. Sie sind die Funktionsquivalente eines Krieges, der nicht mehr als ein symmetrischer Konflikt ausgetragen wird, sondern in dem die Gesetzmßigkeiten der Asymmetrie und der Asymmetrierung zur Geltung kommen.

Die Symmetrie des klassischen Staatenkrieges Um die Besonderheiten und Herausforderungen der jngeren Formen des Terrorismus als einer politisch-militrischen Strategie in den Blick zu bekommen, ist es zunchst erforderlich, den klassischen Krieg in seinen Grundzgen zu beschreiben. Da dieser nach wie vor den gesellschaftlichen Vorstellungsraum besetzt hlt und weitgehend festlegt, was fr uns als Krieg gelten darf und was nicht, ist es unumgnglich, vor jeder Beschftigung mit Partisanenkrieg und Terrorismus den Voraussetzungen jener Form des Krieges nachzugehen, die an einer strengen Symmetrie orientiert war. Diese Fixierung auf eine bestimmte Erscheinungsform des Krieges, eben den klassischen Staatenkrieg, ist nmlich dafr verantwortlich, dass sich viele Beobachter weigern, den Terrorismus als eine Form der Kriegfhrung zu begreifen, sondern ihn als Kriminalitt oder organisierte Gewalt rubriziert wissen wollen. Das ist jedoch nur solange sinnvoll, wie man den Staatenkrieg als die eigentliche Form des Krieges auszeichnet. Tatschlich aber ist der klassische Staatenkrieg in dieser Form erst im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts entstanden, und seit der zweiten Hlfte des 20. Jahrhunderts ist diese Form des Krieges allmhlich wieder im Verschwinden begriffen (zu den Grnden dieser Entwicklung vgl. van Creveld 1999; Kaldor 2000; Mnkler 2002b). Aber damit ist nicht der Krieg als solches am Verschwinden. Diesen Unterschied zu begreifen und darauf politisch zu reagieren, ist die Herausforderung, der sich viele nicht zu stellen bereit sind. Entscheidend fr die spezifische Gestalt, die der Krieg im Europa der Neuzeit angenommen hat, war seine Verstaatlichung, also der Umstand, dass die Kriegfhrung restlos unter die Direktionsgewalt des Staates gelangte und dies gleichzeitig in einem Pluriversum von Staaten geschah, die alle miteinander um Macht und Einfluss konkurrierten, sich dabei aber als gleiche anerkannten. Von der angloamerikanischen Politikwissenschaft ausgehend, ist dieses europische Staatenpluriversum als ,Westflisches System bezeichnet worden. Gemeint ist damit die politische Ordnung, wie sie im Frieden von Mnster und Osnabrck, dem so genannten Westflischen Frieden, festgeschrieben worden ist. Sie machte den Staat zum Monopolisten der Politik und stellte scharfe Grenzziehungen zwi181

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schen Innen und Außen, Krieg und Frieden usw. her. Der Leitbegriff dieser Ordnung war der des souvernen Staates. Sehen wir uns diesen Vorgang ein wenig genauer an: Am Anfang dieser Entwicklung steht die kontinuierliche Verteuerung des Krieges, die im spten 15. Jahrhundert mit der verbesserten Gusstechnik fr Kanonen und der Konstruktion neuartiger Lafetten ihren Anfang nahm. Dadurch wurde der Einsatz technischen Großgerts im Krieg mçglich, und das wiederum hatte zur Folge, dass derjenige seine Siegchancen erhçhte, der mehr Kapital in seine Streitkrfte investierte. Die Artillerie revolutionierte zunchst den Belagerungskrieg, entwertete dabei die alte Technik des Burgbaus und fhrte zur Anlage von Festungen, die erheblich großrumiger und vor allem teurer waren als die Burgen. Solche Festungen konnten sich die Adelssippen nicht mehr leisten, und so verloren sie binnen kurzer Zeit jene Kriegfhrungsfhigkeit, die sie whrend des Mittelalters besessen hatten. Festungen konnte nur noch der Territorialstaat unterhalten (dazu Zinn 1989; Cipolla 1999; Luh 2004). Aber die Artillerie entwertete nicht nur die alten Burgen, sondern auch die Gefechtsordnung der Landsknechte, die in so genannten Gevierthaufen, einer Formation, die in etwa so tief wie breit war, zum Gefecht antraten. Diese Gevierthaufen waren fr direkten Beschuss durch Kanonen beraus anfllig, da sie leicht zu treffen und die Verluste bei Treffern beraus hoch waren. In Reaktion darauf wurden die Fußtruppen zu langen Linien formiert. Diese bestanden in der Regel nur noch aus nur drei Reihen, so dass sich die Wirkung von Artilleriebeschuss verringerte. Aber solche komplizierten Formationen waren nicht mit den fr einen Feldzug angeworbenen Sçldnern zu bilden, sondern dazu musste man die Truppen ber Jahre hinaus disziplinieren und exerzieren: Vermittelst Drill wurden die Fußtruppen zur Infanterie umgeformt (Delbrck 2000; Parker 1990, 38 ff.). Die Folge dessen war, dass die selbststndigen Kriegsunternehmer, die Condottieri, allmhlich aus dem Kriegsgeschehen verschwanden, da sie nicht in der Lage waren, in die erheblich verlngerten Ausbildungszeiten der Truppen zu investieren, um dann das gesamte Vermçgen in einer einzigen Schlacht aufs Spiel zu setzen. Derlei konnte sich nur der Staat leisten, der die neuen Formen des Krieges aus einem wachsenden Steueraufkommen finanzierte. Er war also die Verteuerung der Kriegfhrung, die den Staat zum Monopolisten des Krieges aufsteigen ließ und den alten Adel wie das neue Kriegsunternehmertum unter seine Kontrolle brachte. Der Staat verwandelte sie in Offiziere oder Heeresintendanten, je nachdem, ob er strker an der Ausbildung kmpferischer oder logistischer Fhigkeiten interessiert war. Die Juridifizierung des Krieges, die Ausstattung der Souverne mit dem Recht der Kriegfhrung, gleichzeitig die Beschrnkung dieses Rechts ausschließlich auf die Souverne folgte dieser Entwicklung der faktischen Kriegfhrungsfhigkeit und nicht umgekehrt, wie man gelegentlich den Eindruck hat, wenn man Darstellungen des Kriegsvçlkerrechts zu Rate zieht. Erst nachdem der Staat die vormaligen Krieger in Soldaten 182

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verwandelt hatte, konnten die Juristen mit der rechtlichen Regulierung des Krieges beginnen. Dabei knpften sie im Bereich des ius in bello an jene Formen von Ritterlichkeit an, wie sie vom Adel als Ethos des Kampfes gepflegt worden waren. Das Kriegerethos der Ritterlichkeit hatte jedoch an Relevanz verloren, als große Brger- und Bauernaufgebote auf den Schlachtfeldern erschienen und es zum zunehmenden Einsatz von Distanzwaffen kam, die als unritterlich angesehen wurden. Die bergangsphase zwischen dem Kampf der Ritteraufgebote und dem Krieg der staatlichen Heere, in der es zum Hereindrngen bislang als nicht kriegsfhig geltender Gruppen und Schichten ins Kriegsgeschehen gekommen war, war zugleich eine Phase der Brutalisierung des Krieges, whrend deren die bislang geltenden Hegungen der Kriegsgewalt niedergerissen wurden. Man kann dies auch als eine Periode erhçhter Asymmetrie bezeichnen, denn die Kriegsakteure nahmen sich gegenseitig nicht mehr als Gleiche wahr und anerkannten sich dementsprechend auch nicht als solche. In dieser Zeit wurden Kriege weniger nach der Form des Duells und eher nach der des Massakers gefhrt. Das hatte mit der Verstaatlichung des Krieges ein Ende. Der Krieg war nun wieder eine Angelegenheit zwischen Gleichen, und dass er dies war, dafr sorgte schon der Umstand, dass die Herausbildung von Staatlichkeit immer als ein Vorgang erfolgte, an dem mehrere und nicht nur einer beteiligt waren. Die wechselseitige Anerkennung der Souverne verlngerte sich in die wechselseitige Anerkennung der Offiziere und schließlich auch der Soldaten als Gleiche. Das war die Grundlage fr die Wirksamkeit des Prinzips der Reziprozitt, auf der das Kriegsrecht beruht, wie es schließlich in der Haager Landkriegsordnung und den Genfer Konventionen seinen Niederschlag gefunden hat. Selbstverstndlich war diese Reziprozitt nur eine zwischen Kombattanten, weswegen Nonkombattanten auch aus dem Gewaltgeschehen des Krieges herausgehalten werden sollten. Man kann dies auch anders formulieren: Indem die Nonkombattanten aus dem Krieg herausgenommen und das Gewaltgeschehen allein auf die Gruppe der przise definierten Kombattanten beschrnkt wurde, wurde jene Reziprozitt hergestellt, die als Grundlage fr die Entwicklung des neuzeitlichen Kriegsrechts diente. Wo diese Reziprozitt durch die Auflçsung der przisen Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nonkombattanten in Frage gestellt wurde, gerieten auch die Regeln des Kriegsrechts sehr schnell in einen Erosionsprozess. Der Partisanenkrieg (guerilla) der Spanier gegen die napoleonischen Truppen von 1808 bis 1813 ist dafr ein Beispiel. Die reziproken Strukturen der symmetrischen Kriege standen ohnehin bestndig in der Gefahr, dass einer der in sie eingebundenen Akteure den Versuchungen der Asymmetrie erlag und sich aus der bestehenden Ordnung mit ihrem strikten Regime verabschiedete. Die Zeit der Franzçsischen Revolution und der napoleonischen Kriege war eine Phase verstrkter Infragestellung der symmetrischen Konstellationen, und eine der wichtigsten Aufgaben des Wiener Kongresses bestand darin, die Symmetrie der europischen Kriegfhrung wieder herzustellen (zu den Folgen der Franzçsischen Revolution fr das Kriegswesen vgl. Kunisch und Mnkler 1999). 183

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Symmetrische Konstellationen werden grundstzlich von zwei Seiten her bedroht: Von denen, die sich durch beschleunigte politische, organisatorische oder technologische Entwicklungssprnge aus der Symmetrie herausbewegen, die also eine Asymmetrie der Strke entwickeln, sowie denen, die sich angesichts ihrer notorischen Unterlegenheit unter symmetrischen Bedingungen entschließen, auf die Karte einer Asymmetrierung aus Schwche zu setzen, um durch die Ausdehnung des Krieges und die Verlagerung der Kampfzonen bessere Chancen zu erlangen, ihren politischen Willen auch gegenber Strkeren zur Geltung zu bringen. Im Prinzip sind symmetrische Konstellationen also permanent durch die Versprechen der Asymmetrie in Frage gestellt: Bei den Starken durch die Aussichten, auf diese Weise ihr bergewicht in eine Dominanz verwandeln zu kçnnen, also aus einer begrenzten Hegemonie ein echtes Imperium herauszuentwickeln, und bei den Schwachen dadurch, sich auf diese Weise den fortgesetzten Einflussnahmen und Eingriffen mchtiger Nachbarn entziehen, wenn nicht widersetzen zu kçnnen. Es sind die von einer politischen Ordnung auf Symmetrie ausgezahlten Prmien, die Starke wie Schwache davon abhalten, das System der Symmetrie und Reziprozitt grundlegend in Frage zu stellen und auf einen Prozess systematischer Asymmetrierung zu setzen. Im Falle des Westflischen Systems war dies die an die Starken adressierte Drohung, dann mit einer Koalition aller anderen konfrontiert zu werden, sowie das an die Schwachen gegebene Versprechen, dass kein Staat aus der 1648 begrndeten europischen Staatenordnung verschwunden und von seinen Nachbarn geschluckt worden sei, also auch im Fall militrischer Niederlagen die Fortexistenz des Staates nicht in Frage gestellt sei.1 Obendrein hat, zumindest in Westeuropa der Austausch von Wissen und Fhigkeiten durch den Handel, das Abwerben von Experten und Spezialisten und schließlich forcierte Anstrengungen, die Vorteile anderer so schnell wie mçglich wettzumachen, dazu gefhrt, dass sich keine dauerhaften technologischen Asymmetrien entwickeln konnten (Jones 1991, 121 ff.). Auf diese Weise ist die politisch-militrische Symmetrie in Europa ber Jahrhunderte stabilisiert worden. Die Symmetrie der europischen Staatenkriege beruhte darauf, dass die in das Westflische System integrierten Staaten Streitkrfte aufstellten, die zwar nicht gleichstark, aber doch gleichartig waren. Kriterien dieser Gleichartigkeit waren die Rekrutierung der Krfte, bei der eine Prselektion bezglich der Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nonkombattanten getroffen wurde, sowie die Ausrstung und die Ausbildung der Truppen. Da die Kriege mit professionellen Streitkrften gefhrt wurden, war von vornherein klar, dass nicht die gesamte Bevçlkerung, unabhngig von Alter und Geschlecht, zur Verteidigung des Landes und seiner Ordnung herangezogen wurde, sondern nur ein relativ kleiner Teil der Gesamtbevçlkerung, der dann whrend einer langen Phase der Ausbildung professionalisiert wurde. Im Kriegsfall konnte er zwar kurzfristig verstrkt wer-

1 Davon gab es freilich eine Ausnahme, und das war die sukzessive Aufteilung Polens zwischen seinen Nachbarn Russland, Preußen und sterreich.

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den, aber diese Verstrkungen erfolgten nur durch Einbeziehung frherer Angehçriger des Militrapparats. Der zahlenmßigen Expansion der Heere waren also von vornherein Grenzen gesetzt. Daran, dass im Kriegsfall das gesamte Volk zu den Waffen gerufen wurde, war nicht gedacht. Erst die Franzçsische Revolution und spter die antinapoleonischen Befreiungskriege haben dies zeitweilig verndert (Fiedler 1988, 184 ff.). Freilich kam es bereits whrend dieser Zeit zu einer neuerlichen Professionalisierung der Armee, und nur in Spanien und teilweise in Russland (1812) griff man zu einer Form der Kriegfhrung, bei der auch grçßere Teile der Bevçlkerung als Partisanen bzw. Partisanenuntersttzer in das Gewaltgeschehen eingebunden wurden. Der Wiener Kongress hat auch diese Entwicklung wieder rckgngig zu machen gesucht. ber weite Strecken ist der Erste Weltkrieg noch als ein symmetrischer Staatenkrieg gefhrt worden, wobei freilich infolge der Industriepotenziale beider Seiten fr den Fortgang des Krieges Teile der Zivilbevçlkerung, insbesondere die Arbeiter in den Rstungsbetrieben, eine zuvor unbekannte Bedeutung fr das Kriegsgeschehen bekamen. Ihre Bezeichnung als Semikombattanten zeigt, dass die vormals klare Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nonkombattanten durch die Industrialisierung des Krieges an definitorischer Kraft verloren hatte. Infolge der Fernblockade durch die britische Kriegsmarine, die auf die çkonomische Strangulierung der Mittelmchte abzielte, wurde der Krieg schon bald nicht mehr nur gegen die Streitkrfte, sondern auch gegen die Industriepotenziale und damit gegen die Zivilbevçlkerung des Gegners gefhrt. Dennoch wurde der Erste Weltkrieg letztlich in der Konfrontation der militrischen Krfte beider Seiten entschieden. (Wer sich ber den Ersten Weltkrieg zuverlssig informieren will, ist auf franzçsische und vor allem britische Autoren angewiesen. Zu nennen sind hier: Ferro 1988; Howard 2002; Strachan 2004; Keegan 2000.) Das war im Zweiten Weltkrieg schon nicht mehr der Fall, als der strategische Bombenkrieg, der sich wesentlich gegen die industrielle Durchhaltefhigkeit und dabei vor allem gegen die Zivilbevçlkerung des Gegners richtete, zu einem kriegsentscheidenden Element wurde. Endpunkt dieser Entwicklung war der Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, der nicht japanischen Truppenkonzentrationen, sondern ausschließlich der Zivilbevçlkerung galt. Zum strategischen Bombenkrieg kam eine verstrkte Bedeutung des Partisanenkriegs hinzu, durch den die operativen Mçglichkeiten der Besatzungsmacht eingeschrnkt und deren Beherrschungskosten erhçht werden sollte. Gleichzeitig war der Partisanenkrieg in der Endphase des Zweiten Weltkriegs die Form, in der die inneren Konflikte eines Landes zwischen den verschiedenen Parteien ausgetragen wurden. (Zum strategischen Luftkrieg, der sehr genau von einer Untersttzung des Bodenkrieges aus der Luft zu unterscheiden ist, vgl. Boog 2001; zum Partisanenkrieg vgl. Schulz 1985, sowie Heilbrunn 1963.) Auch hier kam es zu einem verstrkten Einbezug der Zivilbevçlkerung in das Kriegsgeschehen.

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Der Mythos des Partisanenkrieges und die revolutionre Tradition des Terrorismus Entscheidende Bedeutung erlangte der Partisanenkrieg aber erst in der Periode der Dekolonisation, als vor allem in Afrika und Asien die europischen Kolonialmchte in einen Krieg verwickelt wurden, in dessen Schlussphase sie einen Großteil der autochthonen Bevçlkerung als zu bekmpfenden Feind ansahen und dadurch den Krieg verloren. Dabei waren die Aufstndischen selten in der Lage, die Kolonialmchte militrisch zu bezwingen. Aber darum geht es im Partisanenkrieg auch nicht. Vielmehr stellen die Partisanen fr den militrisch berlegenen Gegner so etwas wie eine „schwrende Wunde“ dar, durch die der Kçrper permanent an Energie und Kraft verliert und immer wieder neu infiziert wird. Diese Medizinmetapher bringt das strategische Prinzip des Partisanenkrieges prgnant zum Ausdruck: Der Gegner soll nicht niedergeworfen oder niedergerungen werden, sondern er wird ber eine lngere Zeitdauer erschçpft und ermattet. Fr den Erfolg der Partisanen ist dabei entscheidend, dass die andere Seite sie nicht zu packen bekommt, sondern sie sich deren Zugriff immer wieder entziehen kçnnen. Henry Kissinger hat die asymmetrische Konstellation zwischen Partisanen und regulren Verbnden auf die vielzitierte Formel gebracht: Partisanen gewinnen, wenn sie nicht verlieren; Regulre verlieren, wenn sie nicht gewinnen (Kissinger 1969). Die Grundlage dieser asymmetrischen Konstellationen liegt im Einbezug der Zivilbevçlkerung des umkmpften Gebiets in die Kampfweise der Partisanen, durch die es ihnen im gnstigen Fall gelingt, die militrische berlegenheit des Gegners wettzumachen. Dabei dient die Zivilbevçlkerung als Deckung und logistische Basis der Partisanengruppen, die sich nach einer Operation in unzugngliches Gelnde zurckziehen oder in der Zivilbevçlkerung untertauchen und verschwinden. Mao Tse-tung hat dafr die Formel vom „Fisch im Wasser“ geprgt. Das regulre Militr richtet nach einiger Zeit seine Gewalt darum gegen die Zivilbevçlkerung, aber das hat hufig nur den Effekt, dass es damit deren Restloyalitt verspielt und auch die bislang eher zçgerlichen Teile der Bevçlkerung in die Arme der Partisanen treibt. Der Partisanenkrieg ist eine der hrtesten und grausamsten Formen der Kriegfhrung, weil er jeden einzelnen zur Parteinahme zwingt, den Status des Nonkombattanten nicht akzeptiert und die Regularien der Kapitulation nicht anerkennt. Die Strategie des Partisanenkrieges hat zur Folge, dass Akteure kriegfhrungsfhig werden, die dies unter den Bedingungen des klassischen Staatenkrieges nicht gewesen wren. Der Kreis der potenziellen Kriegsparteien wird wieder grçßer, und dadurch wird eine Entwicklung umgekehrt, die im Europa der Frhen Neuzeit eingesetzt hatte: die oben beschriebene Verstaatlichung des Krieges durch seine fortgesetzte Verteuerung. Hatte diese Verteuerung des Krieges zur Folge, das substaatliche Akteure, wie Adelssippen oder Kriegsunternehmer (Condottieri) aus dem Kriegsgeschehen herausgedrngt wurden und der Krieg so unter 186

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die alleinige Kontrolle der Staaten gelangte, so bietet der Partisanenkrieg, der aus dem mit leichten Truppen gefhrten Kleinkrieg als Begleiter des Großen Krieges der Staaten hervorgegangen ist (Dieser Aspekt des Partisanenkrieges, der in militrtheoretischen Arbeiten zumeist wenig Beachtung findet, wird herausgestellt von Schmitt 1963.), alle Anstze fr eine gegenlufige Entwicklung: Politisch hoch motivierte Einzelakteure, die mit dem Ausgang eines Staatenkrieges oder den politischen Verhltnissen generell nicht einverstanden sind, erhalten im Partisanenkrieg die Mçglichkeit, sich schrittweise als kriegsfhige Partei zu konstituieren. Entscheidend dabei ist, ob sie die nachhaltige Untersttzung durch die Zivilbevçlkerung ihres Operationsgebiets erlangen. Die Entscheidung im Partisanenkrieg fllt schließlich dadurch, dass die Untersttzung der Partisanen durch die Bevçlkerung wchst, whrend die der Regulren sinkt und sie sich infolge dessen zunehmend in eine Besatzungsmacht verwandeln. So steigen die Beherrschungskosten fr den „partisanenverseuchten Raum“ stndig, und zwar in materieller wie moralischer Hinsicht. Fhren die materiellen Belastungen, die Verluste an Soldaten und vor allem die wirtschaftlichen Kosten des Krieges, nach einiger Zeit dazu, dass die Regierung des die Partisanen bekmpfenden Landes ber eine politische Lçsung des Konflikts nachdenkt, was in der Regel auf den Abzug der Truppen hinausluft, so bestehen die moralischen Kosten des Partisanenkriegs im Disziplinverlust der zur Partisanenbekmpfung eingesetzten Truppen, im wachsenden Widerstand der eigenen Bevçlkerung gegen die Fortsetzung des Krieges und schließlich in einem dramatischen Reputationsverlust in den internationalen Beziehungen. Zur Asymmetrie des unmittelbaren Krftemessens kommt nmlich die Asymmetrie der Bilder und Berichte vom Kampfgeschehen hinzu, durch die fast immer die Regulren ins Unrecht gesetzt werden, weil sie sich bergriffe gegen die Zivilbevçlkerung und schließlich eine systematische Kriegfhrung gegen diese vorwerfen lassen mssen. Auf diese Weise sind nicht nur die europischen Kolonialreiche binnen kurzer Zeit von der politischen Bhne verschwunden, sondern auch die USA in Vietnam und die Sowjetunion in Afghanistan haben bittere Niederlagen erlitten, die im Falle der USA eine mehr als zehnjhrige Schwchung zur Folge hatte und im Falle der Sowjetunion deren Zusammenbruch beschleunigte. So wurde der Partisanenkrieg zu einer quasi mythischen Grçße, die den Sieg ber Großreiche und Supermchte versprach. Im Rahmen der Partisanenkriege haben immer auch terroristische Methoden eine wichtige Rolle gespielt. Vor allem in der Anfangsphase dieser Kriege, wenn die Partisanengruppen noch schwach sind und sich nicht auf die Untersttzung der Bevçlkerung verlassen kçnnen, greifen sie nicht selten zu den Mitteln des Terrors, um durch die systematische Erzeugung von Schrecken ihre Gegner einzuschchtern und bei ihren potenziellen Untersttzern den Eindruck von Strke und Schlagkraft hervorzurufen. Vor allem dient der Terror whrend dieser Anfangsphase des Kampfes dazu, die angegriffene Seite zu berreaktionen zu provozieren, durch die sie sich ins Unrecht setzt bzw. durch Repressalien gegen die Zivil187

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bevçlkerung diese in die Arme der Partisanen treibt. Man hat den Terrorismus darum auch als eine Kommunikationsstrategie bezeichnet (Waldmann 1998; hnlich auch Hoffmann 1999; Mnkler 2001), bei der es darum geht, Nachrichten zu platzieren, vermittelst derer die politischen Loyalitten neu geordnet werden. Der Terrorismus dient hier als „Anlasser“ eines Partisanenkrieges bzw. Volksaufstandes, durch den dann die Entscheidung in der Konfrontation beider Seiten herbeigefhrt werden soll (Mnkler 1980). Dementsprechend sind alle Schritte und Maßnahmen diesem Ziel untergeordnet. Dem Terrorismus kommt also nur die Funktion eines taktischen Mittels zu, und dieses Mittel soll nach Mçglichkeit auf die kurze Anfangsperiode des Kampfes begrenzt bleiben. Das schließt nicht aus, dass Gruppen, die die Phase des Terrorismus bereits hinter sich gelassen haben, unter dem bermchtigen Druck der Gegenseite wieder in sie zurckfallen und dennoch am Schluss erfolgreich sind, wie dies in Algerien der Fall war. Aber in der Regel ist die Zurckdrngung von Partisanen in den Terrorismus ein Indikator ihrer bevorstehenden Niederlage. Die klassische Strategie schreitet vom Terrorismus zum Partisanenkrieg zur Entscheidungsschlacht fort und ist auf diese Abfolge festgelegt. Fr das Scheitern oder Gelingen terroristischer Kampagnen ist also entscheidend, dass es den Gruppen gelingt, ihre Botschaften an „den zu interessierenden Dritten“ zu adressieren und diese Botschaften so zu gestalten, dass dieser Dritte, den aus seiner unttigen Beobachterrolle herauszuholen und in den Kampf hineinzuziehen eine Aufgabe der Terroranschlge ist, davon angesprochen und dadurch aktiviert wird. Bei diesem Dritten kann es sich, je nach der politischen Ausrichtung der terroristischen Gruppen, um eine ethnische oder nationale Minderheit, um soziale Klassen, wie etwa das Proletariat oder die Bauernschaft, oder auch um die „Vçlker der Dritten Welt“ usw. handeln. Entscheidend dabei ist, dass dieser Dritte durch die Terroranschlge nicht getroffen wird. So war es fr die russischen Terroristen des 19. und frhen 20. Jahrhunderts von grçßter Bedeutung, dass bei den Bombenanschlgen auf den Zaren, seine Entourage sowie hohe Beamte des zarischen Regimes keine „unschuldigen Kinder“ in Mitleidenschaft gezogen wurden (zu den Anfngen des Terrorismus in Russland vgl. Laqueur 1977; zur Selbstbeschrnkung der russischen Terroristen auch Camus 1969). Was sich auf den ersten Blick als eine bloße Selbstbeschrnkung moralisch hoch motivierter Gewaltaktivisten ausnimmt, war zugleich ein Imperativ jener Form des Terrorismus, der durch Gewaltanwendung Teile der Bevçlkerung zur Untersttzung der revolutionren Gruppen bewegen wollte. Dementsprechend mussten die Ziele sorgfltig ausgewhlt und die Attacke przise vorbereitet werden. Der Einsatz von Massenvernichtungsmitteln war unter diesen Umstnden prinzipiell ausgeschlossen. Schusswaffen und Sprengstoff galten darum bis in die Mitte der 1990er Jahre als die typischen Waffen der Terroristen, und Angriffe mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen wurden als wenig wahrscheinlich angesehen. Der Giftgasanschlag der AUM-Sekte auf die Tokyoter U-Bahn war das erste Anzeichen, dass sich hier etwas gendert hatte. Auch der 188

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erste Anschlag auf das World Trade Center mit einem sprengstoffgefllten Fahrzeug wies in diese Richtung. Dennoch erfolgten die Angriffe vom 11. September fr die meisten Experten berraschend. Was hatte sich gendert?

Terrorismus als Strategie des Verwstungskrieges Generell wird man sagen kçnnen, dass die Motive zur Selbstbeschrnkung terroristischer Gewalt dann am strksten sind, wenn die Terrorgruppe eine gute Chance sieht, auf der Grundlage einer breiten Untersttzung durch den „Dritten“ in die nchste Phase des Kampfes bergehen zu kçnnen. Wenn sich dagegen die Anzeichen dafr mehren, dass die Terrorkampagne gescheitert ist und mit einer grçßeren Untersttzung aus der Bevçlkerung nicht mehr gerechnet werden kann, wchst das Risiko, dass in „Akten der Verzweiflung“ auch Anschlge durchgefhrt werden, die nicht mehr einer przisen Zielauswahl und Durchfhrung unterliegen, sondern in denen ziellos losgebombt wird. Terrorgruppen des klassischen Typs sind darum in der Phase ihres Zerfalls durch eine gesteigerte Brutalitt gekennzeichnet. Viele der Gruppenmitglieder haben dann „nichts mehr zu verlieren“. In diesem Fall ist die Entgrenzung der Gewalt, die bis zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen gehen kann, ein Eingestndnis des Scheiterns und ein Akt der Irrationalitt. Die mit der Bekmpfung des Terrorismus befassten staatlichen Organe mssen in dieser Phase darauf achten, dass sie bei allem Verfolgungsdruck, den sie aufbauen, den Gruppen Chancen des Aufgebens lassen und eine Verzweiflungseskalation vermeiden. Es kommt also darauf an, diese Niedergangs- und Zerfallsphase przise zu identifizieren und dann sensibel zu agieren. Von dieser Form der Gewalteskalation ist eine Strategie des Terrorismus zu unterscheiden, die solche Restriktionen von Anfang an nicht kennt, sondern sogleich auf eine Eskalation der Gewalt bis zum ußersten setzt. In ihr ist der Terrorismus nicht lnger ein taktisches Mittel, das in eine hçhere Stufe des Kampfes berleiten soll, sondern eine selbststndige Strategie, die dem eigenen Selbstverstndnis nach ohne Partisanenkrieg, Massenaufstand und Entscheidungsschlacht geeignet ist, den Gegner politisch in die Knie zu zwingen. Dies ist, um die Clausewitzsche Unterscheidung aufzunehmen (von Clausewitz 1980), der Zweck des Krieges. Sein Ziel besteht dagegen in einer fortgesetzten wirtschaftlichen Schdigung des mit terroristischen Mitteln Attackierten, die auf Dauer fr ihn untragbar ist. Nicht die große militrische Auseinandersetzung, wie sie in der Strategie des Partisanenkrieges fr die Schlussphase des Krieges vorgesehen ist, sondern die auf lange Zeit hin angelegte çkonomische Ermattung ist hier der eigentliche Hebel, mit dem diese Form des Terrorismus zum politischen Erfolg gelangen will. Fr sie ist die angewandte Gewalt also eine Botschaft, die weniger an Feind, Freund und „zu interessierenden Dritten“ adressiert ist, sondern die sich eher an die Bçrsen in aller Welt richtet, um ihnen mitzuteilen, dass bestimmte Werte von jetzt an unter Druck stehen werden. Oder die Botschaft des Anschlags richtet sich an die Touristen aus aller Welt, die in einer bestimmten Region ihren Urlaub verbringen 189

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wollen; ihnen wird mitgeteilt, dass sie, wenn sie daran festhalten, mit Tod oder Verstmmelung rechnen mssen. Der Terroranschlag enthlt hier also die dringliche Aufforderung, anderswo Urlaub zu machen. Solche Botschaften, die wirtschaftliche Dispositionen oder Urlaubsverhalten von Menschen nachhaltig beeinflussen sollen, sind um so eindrucksvoller, je grçßer der Terroranschlag war und je mehr Tote und Verletzte er gefordert hat. Schon die Aufmerksamkeitsçkonomie der Medien spricht fr eine systematische Eskalation terroristischer Gewalt, um das allgemeine Hintergrundrauschen des Infotainment zu durchbrechen und die Nachricht so zu platzieren, dass sie weltweit unberhçrbar ist. Das eigentliche Angriffsziel dieser Form des Terrorismus ist die labile psychische Infrastruktur postheroischer Gesellschaften (Mnkler 2004a, dort auch weitere Literaturhinweise und Mnkler 2004b). Der Schrecken soll hier das Wirtschaftsleben strangulieren, zum Zusammenbruch der Nahverkehrssysteme in urbanen Ballungszentren fhren oder das Urlaubsverhalten der Menschen so nachhaltig verndern, dass dies fr die nunmehr gemiedenen touristischen Zentren zu einem wirtschaftlichen Debakel fhrt. So hat der Angriff auf die deutsche Touristengruppe vor der Synagoge von Djerba, einer zu Tunesien gehçrigen Ferieninsel, nicht diesen konkreten Touristen gegolten, auch nicht eigentlich einem Ort jdischer Glaubenspraxis, sondern der tunesischen Volkswirtschaft, zu deren wichtigsten und ertragskrftigsten Teilen die Tourismusbranche gehçrt. Wrden die Touristen aus Europa ausbleiben, so wre dies ein schwerer Schlag fr die tunesische Wirtschaft, der Arbeitslosigkeit, Verarmung, Unzufriedenheit und politische Radikalisierung zur Folge htte. Eine solche Entwicklung wrde sehr bald auch Auswirkungen auf die politische Stabilitt des Landes haben, womit sich die islamistischen Extremisten dann gute Chancen fr die bernahme der Macht ausrechnen kçnnten. Dass dies im Fall von Djerba nicht eingetreten ist, ebenso wenig brigens wie nach den verheerenden Anschlgen auf mehrere Diskotheken auf Bali, ist weniger die Folge einer grundstzlichen Fehlkalkulation der terroristischen Strategie, sondern verdankt sich eher in dem Umstand, dass es den Gruppen nicht gelang, diese Anschlge zu wiederholen. Die Kontinuierung der Anschlge zu einer Abfolge ber Wochen und Monate ist das eigentliche Problem der als Verwstungskrieg angelegten Strategie des Terrorismus: Sobald sich nmlich durch den ersten Anschlag die „abstrakte“ in eine „konkrete“ Bedrohungslage verwandelt hat, entwickelt sich ein Verfolgungsdruck, der einen zweiten oder dritten Anschlag hnlicher Art fast immer verhindert. Nur in arabischen Lndern, wie Saudi-Arabien und Marokko, ist es den Terrorgruppen bislang gelungen, mehrere Anschlge hintereinander durchzufhren. Als Einsatz fr die bislang nicht gelungene Kontinuierung der Anschlge haben Terroristen zuletzt zunehmend Doppel- und Mehrfachanschlge verbt: Vom 11. September ber Mombasa bis Istanbul. Hier wird zugleich eine Chance effektiven Gegenhandelns der Staaten erkennbar, die von Terroristen angegriffen werden: Dass es zu Anschlgen kommt, ist in Anbetracht der globalen Angriffsmçglichkeiten wohl kaum zu verhindern. Aber sobald der erste Anschlag erfolgt ist, ist auch klar, 190

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wo der Schwerpunkt des Angriffs liegt, und alle Maßnahmen kçnnen getroffen werden, um weitere Anschlge zu verhindern. Solange dies gelingt, kann sich die Strategie des Verwstungskrieges nicht wirklich entfalten. In der Analyse des Terrorismus kommt es also darauf an, zunchst die beiden Hauptformen terroristischer Gewalt przise voneinander zu unterscheiden: den Terrorismus als eine Strategie der Kommunikation und Provokation, die Nachrichten an den „zu interessierenden Dritten“ versendet, in den Reihen des angegriffenen Gegners Angst und Schrecken verbreitet und schließlich den Staat zu berreaktionen provozieren will, durch die er seine Legitimitt verliert, whrend die Terroristen an Legitimitt gewinnen. Und daneben den Terrorismus als eine Strategie des Verwstungskrieges, die im Unterschied zum klassischen Verwstungskrieg ihre Wirkung freilich nicht ber die unmittelbaren materiellen Zerstçrungen entfaltet, sondern auf die psychischen Effekte setzt, die von den Anschlgen ausgehen. Je komplexer die angegriffenen Gesellschaften sind und je strker ihre Funktionsweise auf Stimmungen und mentale Dispositionen angewiesen ist, desto leichter sind sie durch diese Form des Terrorismus angreifbar. Der als Verwstungskrieg konzipierte Terrorismus zeigt kaum Wirkung auf agrarische Gesellschaften, bei denen Verwstungen materieller Art sein mssen, um Wirkungen zu entfalten; starke Wirkung hat er dagegen in modernen, kommunikativ vermittelten und medial integrierten Gesellschaften, deren wirtschaftliches Leben von den Stimmungen und Erwartungen der Wirtschaftssubjekte abhngt. Die neueren Formen des Terrorismus, die seit dem 11. September 2001 die politische Diskussion beherrschen, haben sich erst in den letzten zwanzig Jahren entwickelt, und sie folgen als Angriffsmçglichkeit der Entwicklung moderner Gesellschaften. Um sie zu verstehen, ist es wenig hilfreich, einen Blick in die Geschichte des Terrorismus von der Antike oder der Mitte des 19. Jahrhunderts an zu werfen, sondern hier sind Vergleiche und Analogien zur Strategie des Verwstungskrieges weiterfhrend und hilfreich. Zwei Hauptformen des Verwstungskrieges lassen sich hierbei unterscheiden: der Verwstungskrieg, den benachbarte Staaten gegeneinander fhren, um die je andere Seite durch erhebliche Schdigung ihres Territoriums zum Nachgeben zu zwingen oder ihr die wirtschaftlichen Mittel zur weiteren Fortsetzung des Krieges zu nehmen, und der Verwstungskrieg, den nomadische Reitervçlker an den Grenzen der großen Imperien fhren, indem sie deren Gebiet berfallen und es raubend und mordend, sengend und brennend durchstreifen, um sich dann, wenn die imperialen Streitkrfte heranziehen und sie zum Kampf stellen wollen, schnell wieder zurckzuziehen und in der Tiefe des Raumes zu verschwinden (Mnkler 2005). Es ist ihre Schnelligkeit und die Weite der Rume, in denen sie sich bewegen, die eine lngere Verfolgung der Reiternomaden durch die imperialen Streitkrfte unmçglich machen: Die Verfolger wrden sehr bald logistische Probleme bekommen und dann den berfallartigen Attacken der Verfolgten hilflos ausgeliefert sein. Von den beiden Varianten des Verwstungskrieges ist letztere naheliegend fr die Analogiebildung mit den jngeren Formen des Terrorismus. 191

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Der Verwstungskrieg, den Staaten gegeneinander praktizieren, unterliegt nmlich letzten Endes den Regeln der Symmetrie, da alles, was die eine Seite der anderen an Schaden zufgt, ihr auch von der anderen zugefgt werden kann – jedenfalls im Prinzip. Diese Form des Verwstungskrieges bleibt also an den Grundsatz der Reziprozitt gebunden. Anders ist dies im Falle des Verwstungskrieges, den Reiternomaden in den imperialen Grenzrumen fhren. Mit der Symmetrie fllt hier auch die Reziprozitt weg, da die Schdigungen, die sich beide Seiten zufgen kçnnen, von unterschiedlicher Art sind. Im Prinzip resultiert die Verletzlichkeit des imperialen Raumes aus dessen hçherer çkonomischer und sozialer Entwicklung, whrend die nomadische Lebensform der Steppenvçlker sie vor einem entsprechenden Gegenschlag der imperialen Macht schtzt. Imperien suchen sich gegen solche Bedrohungen zu sichern, indem sie entweder ihrerseits Reiternomaden in Dienst nehmen, um mit ihnen die Eindringlinge zu bekmpfen (man kçnnte dies auch als Resymmetrierung des Krieges bezeichnen) oder aber indem sie durch Tributzahlungen die periodischen Einflle abwenden: Sie zahlen den Nomaden regelmßig bestimmte Summen, die unterhalb der von diesen angerichteten Zerstçrungen liegen, sich tendenziell aber mit der von ihnen zu machenden Beute decken. Damit sind zugleich die mçglichen Reaktionen umrissen, mit denen sich moderne Gesellschaften gegen die Bedrohungen des Terrorismus zu schtzen suchen.

Reaktionen auf den Terrorismus: Vom Gewaltabkauf zur heroischen Gelassenheit Der Vergleich zwischen den Verwstungskriegen der Steppennomaden und denen jngerer Terroristen zeigt eine Reihe von Parallelen und hnlichkeiten: Zunchst ist das technlogische, soziale und çkonomische Geflle, das die zurckgebliebene und eigentlich unterlegene Seite so auszunutzen sucht, dass sie die berlegenheit des Gegners in dessen Verletzlichkeit verwandelt. Was die Nichtsesshaftigkeit fr die Reiternomaden war, die sie vor entsprechenden Gegenschlgen der angegriffenen Macht schtzte, ist fr heutige Terroristen die Netzwerkstruktur ihrer Organisationen. So vermeiden sie die Territorialisierung ihrer Organisation, die sie angreifbar und verletzlich machen wrde und beschrnken sich auf einige wenige Verwurzelungsregionen, die fr die Gegenseite unzugnglich sind und notfalls schnell verlagert werden kçnnen. Und was fr die Reiternomaden ihre Beweglichkeit und Schnelligkeit war, ist fr heutige Terrororganisationen die Klandestinitt, durch die sie sich massiven Gegenschlgen entziehen. In beiden Fllen, der Schnelligkeit wie der Klandestinitt, kommt es zu einer weitgehenden Ausnutzung der Infrastruktur der angegriffenen Seite – im einen Fall durch den Umstand, dass die schnell agierenden Reitergruppen sich nicht durch das Mitfhren eigener Verpflegung belasten mssen, sondern davon ausgehen kçnnen, dass sie diese in hinreichendem Maße vorfinden werden, und im anderen Fall dadurch, dass die Terrornetzwerke sich der Transport- und Kommunikationssysteme hochentwickelter Lnder fr ihre Zwecke bedienen. Men192

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schen, Geld, Waffen und Informationen werden in die Kanle der Globalisierung eingelagert und auf diese Weise bei minimalem eigenem Aufwand ans Ziel gebracht. Die Angriffsfhigkeit der Terroristen erwchst nicht zuletzt daraus, dass sie durch die Nutzung der gegnerischen Infrastruktur eigene operative Defizite kompensieren kçnnen. Wie kçnnen sich die auf diese Weise bedrohten Gesellschaften schtzen? Natrlich ist die Reaktion des Gewaltabkaufs, wie sie bereits gegenber den Reiternomaden praktiziert wurde, naheliegend: Staaten zahlen an Terrororganisationen Gelder, verschaffen ihnen Legitimitt, gewhren ihnen verdeckte Hilfe und erlegen sich bei politischen Fragen, die fr die Terroristen zentral sind, Zurckhaltung auf. Auf diese Weise hoffen sie Angriffen auf ihr Territorium und ihre Bevçlkerung zu entgehen und diese auf diejenigen zu lenken, die zu einer solchen Politik des Gewaltabkaufs nicht bereit oder in der Lage sind. Sieht man einmal von der moralischen Fragwrdigkeit dieser Politik ab, so ist zweifelhaft, ob sie mehr sein kann als eine kurzzeitige Verschnaufpause, die aber nicht in ein dauerhaftes, stabiles Arrangement zu berfhren ist. Im Unterschied zu den Steppennomaden, die durch Tribute tendenziell zu pazifizieren waren, weil sie das darstellten, weswegen sie Krieg fhrten, kann dies bei terroristischen Organisationen nicht unterstellt werden: Sie wollen politische Ziele erreichen, die durch den Einsatz von Geld nicht zu kompensieren sind. Bleibt als ein weiteres Mittel die Bekmpfung der asymmetrischen Angreifer durch Akteure, die ihnen hnlich oder gleich sind: Im Falle der Reiternomaden waren dies andere nomadische Stmme. Analog dazu hatte Napoleon angesichts der Probleme seiner Truppen in Spanien erklrt, Partisanen kçnne man nur nach Partisanenart bekmpfen. In begrenztem Maße folgen die Staaten bei der Terrorismusbekmpfung diesem Prinzip vermittelst ihrer Geheimdienste, und eine Steigerung dessen stellt der von der US-Regierung betriebene Einsatz von Kopfgeldjgern dar, die, wie in Afghanistan der Fall, mutmaßliche Angehçrige von Terrororganisationen aufspren und sie „tot oder lebendig“ unschdlich machen. Aber hier sind die Grenzen des Rechtsstaates sehr schnell erreicht, und wo sie dauerhaft berschritten werden, hat dies irreversible Folgen fr die innere Ordnung der sich mit solchen Methoden verteidigenden Staaten. Fasst man diese neuen Herausforderungen zusammen und identifiziert sie als die hier skizzierte neue Form des Terrorismus, so werden drei Verteidigungslinien sichtbar, an denen sich moderne Gesellschaften gegen Verwstungskrieg schtzen kçnnen. Da ist zunchst der Polizeiapparat, der im Zusammenwirken mit den Geheimdiensten an der Enttarnung terroristischer Akteure arbeitet, um sie festzunehmen oder unschdlich zu machen, bevor sie zum Angriff bergehen kçnnen. Um diese breit angelegte und nicht weiter differenzierte Aufgabe zu erfllen, bedarf es einer Flle von Fhigkeiten, die von der sichtbaren Polizeiprsenz an besonders gefhrdeten (weil symbolisch hochbesetzten) Orten bis zur un-

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sichtbaren Infiltration terroristischer Gruppen und ihrer Untersttzerszene reicht. Im Zentrum dieser ersten Verteidigungslinie steht die gewçhnliche Polizeiarbeit. Die zweite Verteidigungslinie, die zugleich die offensivste ist, besteht im Einsatz des Militrs bzw. militrischer Spezialeinheiten gegen identifizierte Knotenpunkte des terroristischen Netzwerks. Die Ausbildungslager von al-Qaida in Afghanistan waren solche Knotenpunkte, womçglich auch Transportrouten am Horn von Afrika, kurzum Gebiete, die inzwischen als failed states bezeichnet werden. Terroristische Organisationen sind auf solche Ruhe- und Vorbereitungsrume angewiesen, und wer sie hier angreift, kann sie in Stress versetzen und so ihre strukturelle Angriffsfhigkeit erheblich beeintrchtigen. Die Terrorgruppen sind dann mehr mit ihrer Selbsterhaltung als mit der Planung und Durchfhrung von Angriffen beschftigt. Freilich muss man sich von der Vorstellung frei machen, es sei auf diese Weise mçglich, die Terrororganisationen zu stellen und ein fr allemal zu besiegen. Das ist genauso wenig der Fall, wie es Polizei und Geheimdiensten, der ersten Verteidigungslinie, mçglich ist, alle der von Terroristen geplanten und vorbereiteten Anschlge zu verhindern. Das ist ebenso unmçglich wie der Sieg ber Terroristen mit militrischen Mitteln. Aber das heißt nicht, wie einige meinen, dass darum der Einsatz von Militr gegen Terroristen sinn- und zwecklos wre. Seine Aufgabe besteht darin, die begrenzten Ressourcen der Terrorgruppen an den Knotenpunkten des Netzwerks zu attackieren, um so ihren beschleunigten Verbrauch oder ihre Nutzung fr Zwecke der Selbsterhaltung zu erzwingen (Dazu bedarf es freilich anderer militrischer Fhigkeiten als der, die zur klassischen Raumverteidigung erforderlich waren. Eine Beschreibung des militrischen Umbaus in Reaktion auf die neuen Herausforderungen durch den Terrorismus findet sich bei Priest 2003.). Vor allem drfte es dabei um die Inanspruchnahme der knappsten Ressource gehen: der Aufmerksamkeit. Im (freilich unwahrscheinlichen) Idealfall wrde dies dazu fhren, dass die Aufmerksamkeit der Terroristen durch permanente Attacken des Militrs absorbiert wird, so dass sie vçllig mit sich selbst beschftigt sind und nicht offensiv werden kçnnen. Weil auf diese Weise jedoch nicht alle Terrorattacken abzuwehren sind, bedarf es des Aufbaus einer dritten Verteidigungslinie, bei der ber den professionellen Sicherheitsapparat des Staates (Polizei, Geheimdienste und Militr) hinaus die gesamte Bevçlkerung in die Verteidigung ihrer Interessen und Werte einbezogen wird. Diese Verteidigungslinie besteht darin, dass die Bevçlkerung des mit terroristischen Methoden angegriffenen Staates auf diese Attacken „mit zusammengebissenen Zhnen“ reagiert und sich durch sie weder in ihren wirtschaftlichen Dispositionen, noch in ihrem Urlaubsverhalten, noch in ihrer Bereitschaft zur Nutzung çffentlicher Nahverkehrssysteme erschttern lsst. Ich nenne dies die heroische Gelassenheit der Bevçlkerung postheroischer Gesellschaften, um so die Paradoxie zu bezeichnen, die hier als Antwort vorgeschlagen wird. Postheroische Gesellschaften sind mithin dadurch gekennzeichnet, dass ihre Bevçlkerung an Opfer und Ehre wenig interessiert ist, diese fr den Zusammenhalt der Gesellschaft auch keine Rolle spielen, sondern entsprechende Ttigkeiten sepa194

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riert und spezialisiert sind (Mnkler und Fischer 2000). Aber der asymmetrische Krieg der Terroristen zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er die Konfrontation mit den Spezialisten der Gewalt, der Polizei und dem Militr meidet und wesentlich auf die Zivilbevçlkerung zielt. Wenn sie, in Angst und Schrecken versetzt, panisch reagiert, kommt der Terrorismus seinem Ziel nher, die çkonomische Infrastruktur der angegriffenen Lnder zu verwsten. Eines der effektivsten Mittel gegen die terroristische Strategie besteht also im Vermeiden dieser Reaktion, und genau dies ist gemeint, wenn hier von heroischer Gelassenheit die Rede ist. Tatschlich sind postheroische Gesellschaften sehr wohl in der Lage, eine gewisse Zahl von Opfern ihrer Lebensweise zu ertragen, ohne diese Lebensweise grundstzlich aufzugeben oder in Frage zu stellen. Der PKW-Individualverkehr ist dafr ein Beispiel: Jahr fr Jahr fordert er eine erhebliche Anzahl von Verletzten und Toten, und dennoch pflegen wir weiter diese Form der Mobilitt. Wir nehmen diese Opfer in mrrischer Indifferenz hin. Mrrische Indifferenz ist im Fall der Verkehrsopfer hinreichend, weil wir es hier nicht mit intentionalen Akten einer Gegenseite zu tun haben. Genau dies ist jedoch beim Terrorismus der Fall, und deswegen bedarf es einer Reaktion der heroischen Gelassenheit. An ihr beißen sich Terrorgruppen, wenn sie denn damit konfrontiert werden, buchstblich die Zhne aus.

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Robert Pelzer/Sebastian Scheerer

Terrorismus-Prognosen: Fehlerquellen und Rechtsstaatlichkeit

1

Fehlerquellen

1.1

Allgemeine Schwierigkeiten wissenschaftlicher Prognosen

Wissenschaftliche Prognosen gleichen unter formalen Gesichtspunkten wissenschaftlichen Erklrungen. Aus einer Gesetzesaussage und Antezendensbedingungen, die zusammen das Explanans bilden, wird das Explanandum abgeleitet, das die zu erklrende, respektive vorauszusagende Tatsache zum Ausdruck bringt. Erklrung und Prognose unterscheiden sich jedoch in pragmatischer und struktureller Hinsicht. Pragmatisch, da das Explanandum-Ereignis im erklrenden Fall in der Vergangenheit, im Voraussagefall dagegen in der Zukunft liegt. Strukturell, da nicht jede Prognose auch eine Erklrung ist, sondern Prognosen auch mithilfe von Symptomen aufgestellt werden kçnnen. Fr Prognosen reichen berzeugungsgrnde, whrend echte Erklrungen immer Ursachen (Real-/ Seinsgrnde) verlangen (vgl. Lenk 1986, 40 ff.). Dieser Unterschied ndert jedoch nichts an dem Umstand, dass man fr die Aufstellung von Prognosen auf das Vorliegen deterministischer Gesetze oder induktiv-statistische, bzw. probabilistische Aussagen angewiesen ist. Beispiel 1: Wenn Y, dann X.

Wenn Mitglieder einer radikalen Gruppe in den Untergrund gehen, dann isoliert und radikalisiert sich die Gruppe und die Gewaltbereitschaft nimmt zu.

Y liegt (lag) vor.

Mitglieder gehen (gingen) in den Untergrund.

X wird eintreten (trat ein). Die Gruppe wird sich radikalisieren (radikalisierte sich) und die Gewaltbereitschaft wird zunehmen (nahm zu). Beispiel 2: Wenn Y, dann X.

Fr 90% aller Flle gilt: Wenn Personen in den Untergrund gehen, dann begehen sie innerhalb der nchsten 12 Monate ein Gewaltdelikt.

Y liegt (lag) vor.

Person P geht (ging) in den Untergrund.

X wird eintreten (trat ein). Person P wird innerhalb der nchsten 12 Monate mit einer induktiven Wahrscheinlichkeit von p = .90 ein Gewaltdelikt begehen. 199

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Fr eine Prognose kann es erst einmal egal sein, ob die Bedingung der Klandestinitt die wirkliche Ursache fr die beobachtete Isolation ist, oder ob sie nur ein Symptom (sozusagen eine vermittelnde Variable) fr eine tieferliegende „wahre“ Ursache ist. Entscheidend ist, dass sich die Hypothese bewhrt hat. Nach Popper (1984, 116 f.) zeichnen sich wissenschaftliche Prognosen (z. B. gegenber den als Prophetien bezeichneten Vorausverkndungen der Zukunft aufgrund besonderer gçttlicher Erleuchtung, aber auch gegenber historizistischen Voraussagen) dadurch aus, dass sie rational begrndbar und durch ihre Bedingtheit berprfbar (falsifizierbar) sind. Zur Bedingtheit gehçren die Spezifikation des Objektbereichs (z. B. Spezifizierung der Begriffe „Mitglied“, „radikale Gruppe“), des prognostizierten Sachverhaltes (z. B. Spezifizierung des Begriffs „Gewaltdelikt“), des Prognosezeitraums (z. B. „innerhalb der nchsten zwçlf Monate“) und eine przise Beschreibung der Ausgangs- und Randbedingungen, unter denen die prognostische Aussage Gltigkeit beanspruchen kann (vgl. zu dieser sog. Ceteris-Paribus-Einschrnkung Friedrichs et. al. 1998, 17 u. 21). Deren Identifikation ist Voraussetzung fr die Aufstellung von Alternativprognosen (vgl. Albert 1968, 130), die angeben, wie sich die Dinge im Falle der Vernderung wichtiger Randbedingungen anders entwickeln kçnnen. Die Umwandlung von Karriere-, Stufen- und Verlaufsmodellen und anderen genetischen Erklrungen (vgl. Stegmller 1974, 346 ff.) – wie sie von Hess, Bçllinger und Puschnerat in diesem Band vorgestellt werden – in prognostische Aussagen erfordert die Durchfhrung der oben erwhnten Spezifizierungen fr jede einzelne prognostische (Teil-) Aussage einschließlich der Ceteris-ParibusBedingungen. Da in einem Entwicklungsmodell jede Entwicklungsstufe auf der Realisierung einer vorherigen Stufe aufbaut, stellen die prognostischen Aussagen der einen Stufe immer einen Teil der Ceteris-Paribus-Bedingungen der nchsten Stufe dar.

1.2

Spezifische Schwierigkeiten bei Terrorismus-Prognosen

Schwierigkeiten spezifischer Art kçnnen im Fall des Terrorismus dreierlei Art sein. Sie kçnnen aus der besonderen Art des Gegenstandes, des Erkenntnisinteresses und/oder der Stçrungen des Erkenntnisprozesses resultieren.

1.2.1 Schwierigkeiten aus der Art des Gegenstandes Die Zuverlssigkeit von Prognosen hngt entscheidend von der Stabilitt des Gegenstandes sowie vom betrachteten Aggregationsniveau und von dem gewhlten Prognosezeitraum ab. Stabilitt hngt eng mit dem Grad der Institutionalisierung zusammen. Institutionalisierung bedeutet u. a. Durchnormierung und einen hohen Grad an Erwartungssicherheit. Zur Erwartungssicherheit kçnnen auch Selbstverpflichtungen al200

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ler Art beitragen. Viele Gegenstnde wissenschaftlicher Prognosen (wie z. B. Parteien und Mrkte) zeichnen sich durch ein relativ hohes Maß an Stabilitt aus (was sie nicht daran hindert, den Analysten hin und wieder berraschungen zu bereiten). Beim Terrorismus gibt es zwar auch einige Elemente der Erwartungssicherheit – man denke an Fatwen, Anschlagsankndigungen per Videokassetten und hnliche Selbstverpflichtungen. Insgesamt aber berwiegt doch das Element der Instabilitt. So beruht die terroristische Strategie ja gerade auf der Verweigerung von Kontinuitt und Erwartungssicherheit in dem Sinne, dass zum erfolgreichen Terroranschlag immer auch die berraschung im Einzelfall gehçrt. Auch ist schon oft beschrieben worden, dass terroristische Gruppen erstens sehr kleine und zweitens sozusagen „unternormierte“ und „unterinstitutionalisierte“ Einheiten mit einer oftmals sehr geringen Lebensdauer darstellen. Ihre Aktivitten sind in besonders hohem Maße umweltabhngig und werden nicht zuletzt durch spontane Reaktionen auf externe Einflsse wie Verfolgungsmaßnahmen, Verhaftungen, unerwartete Erfolge oder Misserfolge etc. beeinflusst. Terroristisches Handeln steht zudem in einer intensiven wechselseitigen Abhngigkeit vom und stndigen Anpassung an externen Wandel. Prferenzen und Erwartungen ndern sich vergleichsweise schnell mit den ebenfalls volatilen Erfahrungen, Interpretationen von Situationen und Optionen sowie last not least objektiven Gelegenheitsstrukturen (vgl. zu den Facetten und Dynamiken solcher Gelegenheitsstrukturen Backes in diesem Band). Ihre geringe Grçße fhrt zu einem hohen Eigengewicht individueller Subjektivitt (vgl. Neidhardt 1988, 178 ff.). Was eine Person in einer Situation fhlt, denkt, will, sagt oder durchsetzt, kann die Richtung des Handelns anderer und damit der ganzen Gruppe beeinflussen und ber lange Handlungsketten und viele unintendierte Folgen die gesamte „Laufbahn“ einer terroristischen Gruppe in eine andere Richtung lenken. hnlich wie bei Naturphnomenen kann man in sozialen Zusammenhngen von „chaotisch instabilen Systemen“ sprechen, wenn sich kleine Zuflle, Idiosynkrasien oder Handlungsketten „in die Zukunft ausbreiten und immer grçßer und grçßer werden, bis unsere Vorhersagen nicht mehr die geringste hnlichkeit mit dem tatschlichen Gang der Ereignisse aufweisen“ (Gott 2002, 240). Deshalb ist auch „ein letztliches Ereignis aus den Ausgangsbedingungen, die die Genese ursprnglich einmal angestoßen haben, nicht prognostizierbar: Der Wirbelsturm nicht aus dem Flgelschlag des Schmetterlings, der Mensch nicht zu Beginn der Evolution, der Kapitalismus nicht auf der Stufe der Jger und Sammler, der Holocaust nicht im Januar 1933 und die RAF nicht 1968. berall produzieren die Mechanismen der Variation und Selektion wie in der Evolution neue Lagen, d. h. neue Randbedingungen fr den weiteren Verlauf“ (Hess in diesem Band). Terrorismus-Prognosen mssten also die Gesetze von Stabilitt und Wandel kennen, v. a. mssten die prognose-begnstigenden „stabilisierenden Elemente“ im Objekt der Vorhersage bestimmt und evaluiert werden. Dabei wre angesichts der Wechselwirkungen zwischen Terrorismus und Reaktion als Prognose-Objekt gar nicht der isolierte Terrorismus „als solcher“, sondern der Terrorismus in sei201

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nen Abhngigkeiten und Bezgen, also gewissermaßen die gesamte „terroristische Konstellation“ oder „Konfiguration“, um einen Terminus von Norbert Elias zu entleihen, zum Gegenstand der Vorhersage zu machen. Hinsichtlich des Aggregationsniveaus des Gegenstands „Terrorismus“ kann man eine Makroperspektive („terroristische Konfiguration“) von einer Meso- und einer Mikroperspektive unterscheiden („einzelne Gruppen“; „Individuen“). Grundstzlich sind Aggregationsniveau und Zeitperspektive von Prognosen nicht unabhngig voneinander: je hçher das Aggregationsniveau, desto langfristiger die Perspektive. Fr Praktiker (z. B. von Polizei und Nachrichtendiensten) steht in der Regel die eher kurz- und mittelfristige Entwicklung im Vordergrund. Der Status Quo des aktuellen Bestands an motivierten und fhigen Akteuren, Terrorgruppen, an Ideologien, Strategien und Bewaffnung wird als konstant vorausgesetzt und man ist an der Vorhersage von Anschlagszielen, -zeitpunkten und -mitteln fr einen berschaubaren Zeitraum von bis zu zwei, drei oder vier Jahren interessiert. Ziel ist die Vorhersage des weiteren Vorgehens bereits bekannter und motivierter Tter und Ttergruppen. Im Vordergrund stehen bevorstehende Bedrohungen, etwa die Frage ob fr die nchsten Jahre mit einiger Wahrscheinlichkeit mit einem Anschlag mit ABC-Waffen (und mçglichst: mit welchen Substanzen) zu rechnen ist, denn das Anlegen von Gegengift- und sonstigen Vorrten in den fr den Bevçlkerungsschutz erforderlichen Mengen dauert nun einmal seine Zeit – und man will alles Mçgliche tun, um zu vermeiden, dass sich der Zivilschutz auf die Bedrohungsvariante A einstellt, wenn die Terroristen in Wirklichkeit einen Plan B verfolgen. Darber hinausgehende langfristige Vorhersagen (etwa ber die nchsten Jahrzehnte) sprechen notwendigerweise andere Dimensionen an: Vor allem Basisdaten wie die demographische und die çkonomische Langzeitentwicklung, die Dynamik der politisch-ideologischen und sozio-kulturellen Trends, die Entwicklungschancen von sozialen Bewegungen und das Gewaltpotenzial in der Interaktion mit deren Adressaten und den Ordnungsmchten und vieles mehr. In diesem Zusammenhang vergrçßert sich der Bereich der relevanten Randbedingungen. Es geht um die „langen Wellen“ bestimmter Ideologien und çkonomischer Zyklen, um die kommenden Konflikte um allokative Ressourcen (Rohstoffe wie Wasser und l), um autoritative Ressourcen (Wissen ber Technologien wie Atomexperten), aber auch um deren Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen, die Machtblçcke, das Verbrechen, die Kriege und den Terrorismus. Derlei Zusammenhnge verndern sich nicht innerhalb einer Legislaturperiode, doch ist angesichts der Brisanz der Angelegenheit die Suche nach langfristigen Tendenzaussagen, die sich ber Jahrzehnte und womçglich sogar Jahrhunderte erstrecken, kein bloßes Glasperlenspiel (vgl. Rees 2003).

1.2.2 Schwierigkeiten aus dem Erkenntnisinteresse Wenn die Terrorismusforschung seit jeher geeint war in der „Absicht, durch Erklrung des Phnomens zu seinem Verschwinden beizutragen“ (Linhardt 2000, 202

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83), dann ist das nur Ausdruck eines alten Ideals, gemß dem Motto Auguste Comtes: „savoir pour prvoir, prvoir pour prvenir“. Die Diagnose und Prognose des Terrorismus steht unter dem Vorzeichen von Bekmpfung und Prvention. Empirische, prognostisch orientierte Terrorismusforschung ist daher angewandte Forschung. Ihre Ergebnisse sollen in der Praxis – vornehmlich der Praxis der Sicherheitsbehçrden – verwertet werden. Die Zielkriterien „Bekmpfung und Prvention“ und ein entsprechender pragmatischer, anwendungsbezogener Blick auf den Terrorismus implizieren jedoch eine der Wissensgenerierung abtrgliche Verkrzung des Erkenntnisinteresses.1 Wissenschaftliche Forschung tut gut daran, die Analyse in erster Linie an der zu erforschenden Sache – die zunchst einmal fachgerecht zu definieren ist – zu orientieren und nicht voreilig und ausschließlich an dem Zweck, einen Beitrag zur Eindmmung oder Eliminierung der entsprechenden Risiken, Stçrungen und Bedrohungen zu leisten (vgl. zu Definitionsproblemen: Hess und Waldmann in diesem Band; zum Erkenntnisinteresse: Scheerer 2002, 74 ff.). Erst eine von praktischen Handlungszwngen entlastete Wissenschaft ist zu methodisch kontrollierter Erkenntnis in der Lage und kann die Geltung der Wissensbestnde berprfen, die in der Praxis zur Anwendung kommen (vgl. Oevermann 1998). Kommen Terrorismusforscher nicht ber die Perspektive der Praxis und ihr Vorverstndnis des Untersuchungsgegenstandes hinaus, sind sie weder in der Lage, einen Beitrag fr zuverlssige Prognoseinstrumente zu leisten, noch berhaupt neue Einsichten einzubringen. Forschung beruht immer auf Wertinteressen. Die Perspektive auf die Realitt ist notgedrungen selektiv und verkrzt, weil kein Forschungsprojekt den Terrorismus als Ganzes untersuchen kann. Aus anfnglichen Bewertungen wird ein Forschungsbedarf abgeleitet (Verwertungsinteresse o Erkenntnisinteresse) und die Ergebnisse fhren zu einer neuen, erweiterten oder korrigierten Bewertung des Phnomens. Dabei ist klar: Was am Ende herauskommen kann, hngt von dem am Anfang stehenden Blick und den vorne eingegebenen Prmissen ab. Wrde man z. B. den Blick nicht auf die politischen Dimensionen des Terrorismus richten, weil man die individualpathologische Dimension seiner Genese als einzig relevant erachtete, wrde man am Ende logischerweise nur zu einer neuen Bewertung dieses Aspektes terroristischen Handelns gelangen. Verallgemeinert kann man sagen: Je strker man bestehende Bewertungen und Relevanzkriterien auf den Prfstand stellen will und je weniger gesichertes Wissen existiert, desto breiter sollte das Erkenntnisinteresse und desto weniger selektiv sollte der Blick sein. In der Praxis scheint man dieser Feststellung sehr nahe zu kommen: „Eine wirksame Frherkennung muss auf eine verlssliche und breite Datenbasis gestellt werden. Zu diesem Zweck ist die strategische Analyse der zuknftigen Kriminalittsentwicklung zu strken. Diese ist ohne die zuvor referierte Ursachenerklrung terroristischen Handelns nicht denkbar: liefert doch die ex post Betrachtung 1 Vergleichbares lsst sich auch beim Thema Organisierte Kriminalitt beobachten. Auch hier steht die Forschung unter dem kriminalpolitischen Druck der OK-Bekmpfung, was eigenstndige kriminologische Untersuchungen erschwert (vgl. Besozzi 1997, 45).

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diejenigen Indikatoren, an denen sich die Frhaufklrung zumindest in Teilen ex ante zu orientieren hat“ (Ziercke 2005, 26). Eine enge Verzahnung zwischen Grundlagenforschung und anwendungsbezogener Forschung ist Voraussetzung fr eine langfristige Qualittssicherung von Prognoseinstrumenten. Die Chance, „Vertrautes aus einem neuen Blickwinkel zu sehen, um zu neuen Eindrcken und Einsichten zu gelangen“ (Ziercke 2005, 29) grndet auf der Bereitschaft der Praxis Infragestellungen des Selbstverstndlichen und Bewhrten hinzunehmen, und auf der Bereitschaft der Wissenschaft, den Bezug zur Praxis zu suchen. Es wre jedoch ein Fehler, Praxisbezug mit einer Orientierung der Forschung an praktischen Ntzlichkeitskriterien zu verwechseln. Wenn sich Wissenschaftler die Zielkriterien der Praxis zu eigen machen, besteht nmlich die Gefahr, dass sich die fr eine ex post Betrachtung terroristischen Handelns herangezogenen Dimensionen auf jene beschrnken, die ex ante fr praktisch ntzlich gehalten werden. Man wrde dadurch den Blick auf die Realitt auf jene Aspekte beschrnken, die auf dem Wege einer Operationalisierung prventionsbezogener Variablen in Erfahrung zu bringen sind und so letztlich in der Zirkularitt eines infiniten Regresses von Vor-Verstndnissen und Ntzlichkeitskriterien stecken bleiben, da immer nur das als Ergebnis herauskommen kann, was vorher als relevante Dimension via Ntzlichkeitsmaßstben eingegeben wurde. Die Komplexitt und Dynamik des Geschehens kann so immer nur residual erfasst, geschweige denn richtig verstanden werden. Die objektspezifischen Theorien, die zur Prognose bençtigt werden, wren defizitr. Zwischen Wissenschaft und Praxis, oder besser: zwischen einer an verstehenden Erklrungen orientierten Forschung einerseits und einer an bekmpfungsntzlichen Erklrungen orientierten Forschung andererseits besteht ein Zielkonflikt (vgl. Matza 1973, 22). Manchmal muss man den Terrorismus verstanden haben, um ihn bekmpfen zu kçnnen, aber eben nicht immer. Das ist die Perspektive der Praxis. Die Tiefe und Art der Erklrung orientiert sich am jeweiligen instrumentellen und legitimatorischen Nutzen.2 Die ein positiver Zusammenhang zwischen „weichen“ Bekmpfungsstrategien und der Konzeptualisierung von Terroristen als rationalen Akteuren (vgl. Entorf in diesem Band). Die Chance einer produktiven Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis besteht nicht in der Doppelung der Praxisperspektive, bei der die Forschung gerade die Erklrungen liefert, die zu einem bestimmten Zeitpunkt als ntzlich 2 Bei der Identifizierung von sog. Gefhrdern interessieren z. B. jene (ex post) Aspekte, die aufgrund leicht ermittelbarer Informationen (ex ante) identifiziert werden kçnnen. Das rein bekmpfungsbezogene, aus der kriminalpolizeilichen Handlungslogik abgeleitete Erkenntnisinteresse richtet sich hier nicht auf Ursachen bzw. generative Strukturen (z. B. lebensgeschichtliche Hintergrnde); gesucht werden stattdessen Faktoren, die die Identifizierung von potenziellen Gefhrdern aus einer gegebenen Population von Individuen ermçglichen. Es reicht, wenn die Prdiktorkriterien den interessierenden Sachverhalt statistisch-induktiv mit einer hinreichend hohen Wahrscheinlichkeit anzeigen. Sie mssen aber keine „wahren“ Ursachen darstellen, sondern kçnnen auch Symptome fr einen dahinterliegenden Wirkmechanismus sein.

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erachtet werden, sondern in der Infragestellung gerade dieser Nutzenerwgungen und der sie bedingenden Wirklichkeitskonstruktionen, also einer Aufklrung der schlummernden Irrtmer und „blinden Flecken“ der Bekmpfung und damit einer Steigerung ihrer Selbstreflexivitt.3 Gerade durch dieses „methodenkritische Bewohnen des Elfenbeinturms“ wird die Wissenschaft „zu einem wirksamen Apparat der Rationalisierung gesellschaftlicher Praxis in der beschleunigten Aufdeckung schlummernder Irrtmer und Fehler. Und das geht eben nicht ohne selbstbewusste und zugleich ,weltfremde Inanspruchnahme von Autonomie im Sinne einer Unabhngigkeit von gesellschaftlicher Funktionalisierung und einer selbstverstndlichen Inanspruchnahme der Alimentierung scheinbar nutzloser ,Fragerei “ (Oevermann 1998, 23).

1.2.3 Schwierigkeiten aus Stçrungen des Erkenntnisprozesses Steht das Erkenntnisinteresse fest, geht es um die Ermçglichung eines mçglichst stçrungsfreien objektiven Erkenntnisprozesses. Voraussetzung dafr ist die Einnahme einer distanzierten Beobachterperspektive durch Entlastung von zeitlichem und existenziellem Handlungsdruck. Erst dann kann Wissenschaft ihrem idealen Regulativ der formalen Logik (Evidenz, Folgerichtigkeit, Widerspruchsfreiheit, usw.) folgen – im Unterschied zur Praxis, die einer „konomie der Logik“ (Bourdieu 1993, 158) folgt, die dafr sorgt, dass nicht mehr Logik aufgewendet wird, als es fr die Bedrfnisse der Praxis erforderlich ist. Unter den Bedingungen von Prventions- und Bekmpfungszwngen und einem so erfolgsorientierten, „engagierten“ und zudem von eindeutigen politischen Interessen gefçrderten und/oder bedrngten Diskurs ist die Gefahr der Behinderung objektiver Erkenntnis besonders groß.4 Dabei spielen folgende Aspekte eine besondere Rolle: Distanzverlust durch Emotionen: Aufwhlende Themen kçnnen zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realitt fhren. Dies gilt fr Gefhle der Hoffnung (wishful thinking) wie fr solche von Furcht und Angst. Es gilt auch fr die bewusst-intentionale Integration von Emotionen in die eigenen Handlungen (z. B. Verflschung von Prognosen in der positiven Erwartung in Aussicht gestellter Vorteile durch einen Geldgeber) sowie fr unbewusste Einflsse. Emotionalitt behindert die unvoreingenommene Beobachtung der Realitt. Hohe Emotionalitt und Distanz- bzw. Kontrollverlust bedingen sich wechselseitig. Elias beschreibt diesen Doppelbinderprozess am Beispiel der Exponiertheit gegenber einer Gefahr: „Hohe Exponiertheit gegenber den Gefahren eines Prozesses er-

3 In vielerlei Hinsicht lsst sich hier an die in der Polizeiforschung gefhrten Debatten ber eine Arbeit fr oder ber die Polizei (vgl. Ohlemacher/Liebl 2000, 7 ff.; Reichertz 2002, Abs. 64 ff.; Mensching 2004) anknpfen. 4 Vgl. auch Ziercke (2005, 15): „Trotz massiver Emotionen und Affekte, die solche terroristischen Verbrechen in uns auslçsen, bedarf polizeiliches und kriminalwissenschaftliches Handeln der objektiv-distanzierten Analyse, damit wir uns nicht von vornherein Erkenntnisquellen verschließen, die fr eine effektive Verbrechensbekmpfung unabdingbar sind.“

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hçht die Emotionalitt menschlicher Reaktionen. Hohe Emotionalitt der Reaktion verringert die Chance einer realistischen Beurteilung des kritischen Prozesses und damit einer realistischen Praxis ihm gegenber. Eine relativ unrealistische Praxis unter dem Druck starker Affekte verringert die Chance, den kritischen Prozess unter Kontrolle zu bringen. Kurzum: Unfhigkeit zur Kontrolle geht gewçhnlich Hand in Hand mit hoher Emotionalitt des Denkens und Handelns; dadurch bleibt die Chance zur Gefahrenkontrolle auf einem niedrigen Niveau, wodurch wiederum die Emotionalitt der Reaktion auf einem hohen Niveau gehalten wird, und so weiter“ (Elias 2003, 181). Affektive Abwehr: Gerade im Falle bedrohlicher Erkenntnisgegenstnde besteht die Gefahr, dass die Wahrnehmung durch affektive Reflexe bestimmt wird. Ein stçrendes, feindseliges und unmoralisches Verhalten fçrdert neben dem Distanzverlust des emotionalen berengagements – das in der moralisch nicht bewerteten Form von Angst, Furcht, Panik usw. auch bei Naturkatastrophen vorkommt – zustzlich noch eine affektive Abwehr. Eine affektive Abwehr des Gegenstandes, den man untersuchen mçchte, verhindert aber seine unvoreingenommene objektive Analyse. Wissenschaftliche Praxis fllt dann aus der beschtzten Objektivitt der Erkenntnis zurck in die Geborgenheit der von Karl-Otto Hondrich (2005) so genannten „Moral der Prferenz“. Es geht dann nicht mehr vorrangig um wissenschaftlich-rationale Begrndung und Erkenntnis sondern um die Aufwertung der eigenen sozialen Zugehçrigkeit und um die Abwertung des Fremden. Wissenschaftliche Erkenntnis braucht fr den Prozess, in dem sie gewonnen werden soll, aber eine Distanz zu reflexionshemmenden Emotionen, wie auch zu hnlich verkrzenden und verzerrenden Interessen. Ansonsten ist sie der Macht der kollektiven Gefhle, die jede Form sozialen Lebens durchwirken und von der die Autonomie der Wissenschaft sich in Jahrhunderten eine relative Unabhngigkeit erkmpft hat, wieder schutzlos ausgeliefert. Nutzenkalkl: Prognostiker sind keine externen Beobachter einer Situation, sondern Beteiligte. Sie orientieren sich direkt oder indirekt an der subjektiven Nutzenerwartung (subjective expected utility oder auch SEU) im Verhltnis zu den Kosten. Dabei ist das Risiko negativer Sanktionen fr falsche Prognosen je nach Fehlerart unterschiedlich. Eine Prognose, die sich ex post als Verharmlosung erweist, zieht erhebliche negative Sanktionen auf sich. Eine Prognose, die dramatisiert, ist hingegen immunisierbar gegenber Sanktionen. Erstens kann man immer behaupten, dass das Ergebnis gerade wegen der Warnung verhindert worden sei, die Prognose also im Grunde richtig war, aber glcklicherweise durch ihren Vorwarn-Effekt als self-destroying prophecy gewirkt habe, und zweitens wird ein Zuviel an politisch gewnschter Dramatisierung und Stigmatisierung weniger sanktioniert als ein Zuwenig. Deswegen sind Fehlprognosen in der Form von „Doomsday“-Vorhersagen hufiger als Fehlprognosen einer „verharmlosenden“ Art.5 5 In den 1970er Jahren waren Prognosen typischerweise von bertreibungen gekennzeichnet. Dazu gehçrte zunchst einmal die Situationsanalyse, die alles gesellschaftliche Leben existentiell vom

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Gruppendruck und Opportunismus: Da vor allem Fehler sanktioniert werden, die im Alleingang begangen werden, whrend Fehlprognosen im Kollektiv berall eher verziehen werden („. . . immerhin waren selbst die Kollegen X und Y von der Rand Corporation davon ausgegangen, dass . . .“), entbehrt es fr Prognostiker nicht einer gewissen Rationalitt, sich im Zweifel (und wann htte man die nicht?) an Meinungsfhrern zu orientieren – selbst dann, wenn man von deren Methoden oder Ergebnissen alles andere als berzeugt sein sollte. hnlich verhlt es sich mit dem Einfluss, den die Erwartungen des Auftraggebers auf die Prognostiker haben kçnnen. Da Regierungen zum Beispiel in der Regel lieber positive Wirtschaftsprognosen hçren als negative, ist es fr den Prognostiker keineswegs gleichgltig, ob er sich „nach oben“ oder „nach unten“ verschtzt. Liefert er ungnstigere Prognosen, so kostet ihn das mehr Sympathisanten und er riskiert hçhere Sanktionen als im umgekehrten Fall. Nicht zuletzt deshalb liegen Konjunkturprognosen, die im Auftrag von Regierungen erstellt werden, regelmßig ber den eintretenden realen Werten. Institutionelle Erwnschtheit: Bei Terrorismus-Prognosen verhlt es sich hnlich. Auch hier haben Regierungen besondere Interessen und auch hier gibt es eine soziale oder besser institutionelle Erwnschtheit. Dieser Verzerrungsfaktor der institutional desirability bezieht sich auf zweierlei: Einerseits ist eine berzeichnung der Bedrohung insofern als politische Ressource erwnscht, als sich Maßnahmen zur Strkung der Staatsmacht und ihrer exekutiven Befugnisse besser legitimieren lassen. Andererseits darf die Bedrohung nicht so weit berzeichnet werden, dass den Brgern der Legitimationsglaube und insbesondere das Vertrauen in die Schutz-Fhigkeiten des Staates ganz abhanden kommen. Die Lage muss sozusagen als „ernst, aber nicht hoffnungslos“ (Konrad Adenauer) erscheinen.

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Rechtsstaatlichkeit

Ob man einer Bekmpfungs- oder Verstehensperspektive folgt, entscheidet nicht nur ber die Qualitt des Wissens und der auf diesem aufbauenden Prognosen, sondern auch ber den Charakter der prognostischen Instrumente, die auf Basis des erzeugten Wissens mçglich sind. Der Entscheidung fr die Bekmpfungsperspektive entsprechen „mechanische“ Prognoseinstrumente, die ohne ein Subjekt und ohne Verstehen seines sozialen Sinns auskommen. Der Entscheidung fr die Terrorismus bedroht sah („Wir leben in einem Zeitalter des Terrorismus“). Dazu kam dann ein Bild des Gegners als einer Verkçrperung des Bçsen, was politische Lçsungen gleichsam von der Natur der Bedrohung her auszuschließen schien. Vorausgesagt wurde, dass die Terroristen sich „instruments of death and destruction“ beschaffen und skrupellos einsetzen wrden (Alexander und Finger 1977, X f.). In Deutschland sprach man von der „jederzeitigen Mçglichkeit einer persçnlichen, nationalen, ja planetarischen Katastrophe“ durch „Verseuchung des Wassers, Zerstçrungen in der Erdatmosphre“ und „nukleare Billig-Bomben“ (Funke 1977, 9). Zustzlich zu der klugen Einschtzung dieser Prognosen durch Hess (1988, 57 f.) ist anzumerken, dass die erwartete Sanktionswahrscheinlichkeit bei Fehlern ein wichtiger Grund fr die Verzerrung „nach oben“ gewesen sein drfte.

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Verstehensperspektive hingegen entsprechen „individualisierte“, d. h. fallverstehende Prognoseinstrumente, die die Besonderheit des jeweiligen Falles erfassen und letztlich eine kausale Erklrung ermçglichen. Diese beiden Typen von Prognoseinstrumenten tangieren zudem auch noch ein weiteres Problem, nmlich dasjenige des Zielkonflikts zwischen Rechtstaatlichkeit und Effektivitt in der Terrorismus-Bekmpfung.6

2.1

Rechtsstaatlichkeit von Prognose-Instrumenten als Problem in der Kriminologie

In der Kriminologie wurden auf der Basis der Rckfall- und Karriereforschung in den letzten zwanzig Jahren sowohl subsumtionslogisch-statistisch vorgehende als auch rekonstruktionslogisch-einzelfalldiagnostische Prognoseverfahren zur Identifizierung der fr die Legalbewhrung relevanten Faktoren entwickelt (vgl. allgemein Bock 2000; Schçch 2003; spezieller: Schrçdter 2005). Statistische Prognosen beruhen auf empirischen Verallgemeinerungen von mit Rckflligkeit hoch korrelierenden Variablen. Sie kçnnen mehr oder weniger mechanisch angewandt werden, indem formale, leicht feststellbare Merkmale wie Alter, Geschlecht, Vorstrafen, usw. als Risikofaktoren, die statistisch mit einer erhçhten Wahrscheinlichkeit des Auftretens des interessierenden Ereignisses (Strafflligkeit) einhergehen, identifiziert werden. Eine auf der Basis von Risikofaktoren gestellte Prognose sagt zwar nichts ber den zugrundeliegenden Risikomechanismus aus, also die urschliche Weise des Zustandekommens des Ereignisses. Das Eintreten des Ereignisses kann aber mit einer gewissen Irrtumswahrscheinlichkeit durchaus vorhersagt werden. Bei der statistischen Prognose erfolgt die Anwendung des Wissens auf den Einzelfall subsumtionslogisch. Der Fall wird hier mithilfe standardisierter formaler Prozeduren unter ein System von diagnostischen Kategorien subsumiert. Statistische Prognosen sind nicht einzellfallgerecht, sie sind entsubjektivierend. Einzelfalldiagnostische Prognosen setzen auf eine Identifizierung der im konkreten Einzelfall wirksamen Mechanismen. Die von Gçppinger entwickelte Methode der sog. idealtypisch-vergleichenden Einzelfalluntersuchung basiert z. B. auf einer Konstruktion „idealtypische Bilder“, die verschiedene Formen des Zusammenhangs zwischen dem allgemeinen Sozialverhalten und der Delinquenz beschreiben und als Prfkriterien zur Erfassung des Einzelfalls dienen sollen. Die Charakteristik des Einzelfalls wird verstehend zu erfassen versucht. Welchem dieser beiden Prognosetypen Vorrang zu geben ist, hngt nicht nur von der Treffergenauigkeit ab.7 Offensichtlich kommt es darauf an, wie gerecht man 6 Zur Diskussion ber Rechtsstaatlichkeit und Terrorismusbekmpfung vgl. Hetzer (2005a, 2005b). 7 Die Frage, welche der jeweiligen Methode mit der grçßeren Treffsicherheit prognostizieren kann, lsst sich schwer beantworten, da vergleichende Untersuchungen zu widersprchlichen Ergebnissen kamen (vgl. die Darstellung bei Cornel [1994, 22] und Eisenberg [2000, §§ 21 u. 177]).

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dem jeweiligen Subjekt durch eine Erfassung seiner (Fall)-Spezifik werden will. Dies hngt wiederum ganz grundlegend von der Art des Handlungsproblems ab, welches mithilfe der Prognose bearbeitet werde soll. In der Rechtspflege geht es um ein Entscheidungsproblem des Richters bei der Festlegung der Rechtsfolgen, die Wahl einer spezialprventiv und zweckmßigen Sanktion, bei der das Interesse der Rechtsgemeinschaft nach Schutz der Allgemeinheit gegen die Freiheits- und Entfaltungsinteressen des Delinquenten abzuwgen sind. Die Sanktionsentscheidung ist hier nicht nur eine empirische Prognoseentscheidung, sondern immer auch eine rechtsgterabwgende normative Entscheidung, die letztlich in der Frage kulminiert, welches Risiko man in Kauf zu nehmen bereit ist (vgl. Cornel 1994, 24; Volckart 2002, 108). Der Straftter ist nicht nur Trger von Risikomerkmalen, sondern auch Rechtssubjekt. Deshalb muss eine Entscheidung einzelfallgerecht sein. Und eine Entscheidung die einzelfallgerecht sein soll, kann nur auf einer Prognose grnden, die der Besonderheit des Straftters gerecht wird. Die Erkenntnis, dass Statistische Prognosen nicht einzelfallgerecht sind (vgl. insbesondere Schneider 1996, 15 u. 75; Volckart 2002, 110), weil sie nichts weiter liefern als eine statistisch begrndete Zuordnung eines Tters zu einer Risikogruppe, die, wie Strafrechtspraktiker mit Nachdruck betonen, keine Entscheidungsund erst recht keine Begrndungsgrundlage fr eine Prognosestellung im konkreten Einzelfall liefern kann (vgl. Huber 1994; Frisch 1994), gilt in der Kriminologie mittlerweile als Selbstverstndlichkeit. Wie soll man auch eine Entscheidung etwa ber Freiheitsentzug auf einer Aussage der Art „die Rckfallwahrscheinlichkeit der Gruppe, der sich der Proband zuordnen lsst, liegt bei 80%“ verantworten kçnnen, wenn man nicht weiß, ob er nun den 80% oder den restlichen 20% zugehçrt. In der Prognoseforschung geht der Trend mittlerweile deshalb auch weg vom mathematisch-statistischen Addieren hin zu einer persçnlichkeits- und deliktspezifischen individuellen Gewichtung von Risiko- und Schutzfaktoren (Wulf 2004), wobei statistischen Prognoseinstrumenten wesentlich die Rolle eines Richtungsweisers zugesprochen wird (vgl. z. B. Endres 2000, 78). Doch auch wenn man Faktoren individuell gewichtet, kann man immer nur zu einer graduellen Zuordnung zu den Polen prognostisch gnstig oder ungnstig gelangen, bei der Vorsicht in die eine Richtung immer zugleich Rcksichtslosigkeit in die andere Richtung bedeutet (Volckart 2002, 109). Je mehr von den Strafttern, die in Wirklichkeit rckfllig geworden wren, „getroffen“ bzw. ausgesiebt werden sollen, desto niedriger ist der Schwellenwert anzusetzen, ab dem prognostisch gnstig in ungnstig umschlgt. Je mehr „wahre Positive“ prognostiziert werden sollen, desto mehr „falsch Positive“ werden in Kauf genommen.8 Am Ende entscheiden zwei Faktoren darber, wie hoch oder niedrig der 8 Genaugenommen hngt das Verhltnis zwischen „wahren Positiven“ und „falsch Positiven“ von der deliktspezifischen Basisrate der Rckflligkeit ab. Je hçher die Basisrate, desto mehr richtige Positive werden im Verhltnis zu falsch Positiven in Bezug auf Rckflligkeit prognostiziert und

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Schwellenwert angesetzt wird: Die Risikobereitschaft der Gesellschaft gegenber einem (zu entlassenen) Straftter und die Zumutung gegenber den „falsch Positiven“, deren Freiheitsrechte zugunsten der Sicherheitsinteressen einer Gesellschaft gewissermaßen aufgeopfert werden. Zusammenfassend lsst sich folgendes feststellen: Kriminalprognosen gengen rechtsstaatlichen Ansprchen nur, wenn sie einzelfallgerecht, d. h. subjektbezogen sind. Dabei gilt: Je hçher die Spezifitt und je geringer die Sensitivitt eines Prognoseinstruments (d. h. je weniger schnell ein Instrument anschlgt), desto geringer die Gefahr, dass Personen unberechtigterweise der Gruppe der Rckfallverdchtigen zugeordnet werden.

2.2

Zur Rechtsstaatlichkeit prognostischer Instrumente im Bereich des Terrorismus

Auch bei Terrorismusprognosen stellt sich das Spezifitts- und Sensitivittsproblem. Die Fragen lauten hier: Wie genau muss man die Spezifik des Einzelfalls fr welchen prognostischen Zweck erfassen? Wie steht es dabei um das Verhltnis zwischen rechtsstaatlichen Kosten und Bekmpfungsnutzen?

2.2.1 Prognostische Relevanz des Einzelfallbezugs Einzelflle kçnnen selbst Gegenstand der Prognose sein, etwa bei der Einschtzung der kurzfristigen oder mittelfristigen Entwicklung der von einer Einzelperson oder einer Organisation ausgehenden Gefahr (Identifizierung von „Gefhrdern“ und „Gefhrdergruppen“ als Mikro- und Mesoprognosen). Prognosen von Einzelfllen kçnnen zudem Grundlage einer Gesamtschau der Entwicklung des Terrorismus auf der Makroebene in allen zeitlichen Perspektiven sein. Denn die gesamte „terroristische Konfiguration“ besteht letztlich aus einer Vielzahl von miteinander interagierenden Organisationen und Gruppierungen (also von Einzelfllen auf der Mesoebene), die sich wiederum aus einer Vielzahl einzelner Personen (also einer Vielzahl von Einzelfllen auf der Mikroebene) zusammensetzen. Mit zunehmendem Aggregierungsniveau der Betrachtung tritt die individuelle Besonderheit eines Subjektes oder einer Gruppe jedoch hinter die kollektive Besonderheit des jeweils historischen Typs des Terrorismus zurck. Insgesamt ist der Grad des bei einer Prognose herzustellenden Einzelfallbezugs und mit ihm die Entscheidung ber ein subsumtionslogisches oder ein rekonstruktionslogisches Prognoseinstrument neben den jeweiligen Routineanforderungen vom Typ und Differenzierungsgrad der Intervention im Verhltnis zur Art des

desto mehr falsch Negative im Verhltnis zu richtig Negativen. Niedrige Basisraten haben eine entgegengesetzte Wirkung (vgl. Volckart 2002, 108). Je weniger Rckfllige in der Population der wegen eines bestimmten Deliktes Verurteilten vorkommen, desto schwieriger ist es, hohe Trefferquoten zu erzielen, ohne nicht gleichzeitig hohe Fehlerquoten in Kauf nehmen zu mssen.

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vorauszusagenden Prozesses oder Ereignisses in zeitlicher und qualitativer Hinsicht abhngig. Folgende Daumenregeln lassen sich formulieren: (1.) Je strker und unmittelbarer die mit dem Prognoseobjekt zusammenhngende Bedrohungsqualitt, je undifferenzierter und subjektunspezifischer die beabsichtigten Interventionen und je grçßer der Handlungsdruck, desto eher wird die Spezifik des Einzelfalls in den Hintergrund treten. (2.) Je schwcher und mittelbarer die mit dem Prognoseobjekt zusammenhngende Bedrohungsqualitt und je differenzierter und subjektspezifischer die beabsichtigten Interventionen, desto strker tritt die Spezifik des Einzelfalls in den Vordergrund.

2.2.2 Rechtsstaatliche Relevanz des Einzelfallbezugs Whrend die blichen Kriminalprognosen im Rahmen von Rechtsgterabwgungen bei Strafzumessungs- oder Haftentscheidungen eine Rolle spielen, dienen Terrorismusprognosen der hier behandelten Art erfolgreicher Gefahrenabwehr und Strafverfolgung. Die Forderung, der Person als Rechtssubjekt gerecht zu werden, steht hinter dem Ziel der Sachverhaltsaufklrung zurck.9 Dennoch ist die rechtsstaatlich elementare Pflicht zur Individualisierung auch bei polizeilichen Maßnahmen selbstverstndlich nicht suspendiert, sondern vielmehr ein Gradmesser ihrer Rechtsstaatlichkeit. Fr die Einzelfallgerechtigkeit einer Prognose und eines Eingriffes lsst sich folgendes rechtstaatliches Gtekriterium formulieren: Je weitreichender der Eingriff in Persçnlichkeitsrechte, desto spezifischer muss die diesen Eingriff nahelegende und legitimierende Prognose sein, und desto weniger sensitiv und allgemein darf das Prognoseinstrument sein. Weitrechende Grundrechtseingriffe kçnnen also nicht durch Vorliegen allgemeiner Risikomerkmale (auf der Basis eines abstrakten Gefahrenbegriffes) begrndet werden, sondern erfordern eine einzelfallgerechte berprfung des Vorliegens eines Risikomechanismus, den man nur fallverstehend rekonstruieren kann. Zur Verdeutlichung zwei Beispiele: Rasterfahndung: Je allgemeiner das Filterkriterium, desto mehr „wahre Gefhrder“ wird man aussieben kçnnen, desto mehr „Unbescholtene“ sind aber betroffen. Dabei sind es um so mehr „wahre“ im Verhltnis zu „falsch“ Positiven, je hçher die Basisrate der Gefhrder in der gerasterten Population. Da eine wirksame Rasterung bei geringer Basisrate hoch-sensitive Kriterien verlangt, handelt es 9 Der Fokus kriminalpolizeilichen Handelns liegt in den beiden Aspekten Ttersuche und Tatnachweis. Es geht zentral um die Herstellung einer juristisch nicht domestizierten Gewissheit bezglich der Tterschaft. Evidenzen, die den Verdacht auf eine bestimmte Person lenken und erhrten, sind grundstzlich unabhngig von formal-rechtlichen Geltungsaspekten (Oevermann et. al. 1985, 221 ff.; Wernet 1997, 118 f.). Handlungslogisch steht so auch das Verhltnismßigkeitsprinzip der Ttersuche latent entgegen.

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sich hierbei um den Prototyp eines hoch-sensitiven und unspezifischen Instrumentes mit doch relativ hohen rechtsstaatlichen Kosten. Um wenige auszufischen, wird das Recht auf informationelle Selbstbestimmung vieler verletzt. Auf Grundlage der durch Rasterfahndung gewonnenen Datenbasis erfolgt eine Prfung der einem bestimmten Sub-Raster entsprechenden Personen. Ab wann gemß dem rechtsstaatlichen Gtekriterium eine Einzelfallberprfung statt zu finden hat, sollen Verfassungsrichter beurteilen. Aus rechtsstaatlicher Sicht wre jedoch zu fordern, dass die Prognose- bzw. Rasterkriterien mit zunehmender Eingriffsstufe spezifischer sein sollten. Je frher eine Einzelfallprfung einsetzt, je frher Kriterien individuell gewichtet werden, desto besser. Sozialwissenschaftliche Prognoseforschung kann einen Beitrag zur Gewhrleistung einer rechtsstaatlichen Terrorismusbekmpfung liefern, wenn sie qualitative Prognosekriterien erarbeitet. Mittelfristige Meso-Prognosen: Mittelfristige Prognosen auf der Mesoebene dienen zwar nicht unmittelbar operativen Bekmpfungszwecken, doch dienen sie dazu, sich in Bekmpfungs- und Prventionsangelegenheiten auf mittelfristige Trends einzustellen. Und wenn man sich gleichzeitig auf die mittelfristige Beibehaltung des Rechtsstaates einstellen will, gilt auch hier: Je rechtsstaatlicher man z. B. auf eine islamistische Organisation mittelfristig reagieren will, desto mehr steht man in der Pflicht, Interventionen nicht schon das Vorliegen allgemeiner Risikoindikatoren fr belastende Interventionen gengen zu lassen, sondern vom Nachweis des Vorliegens eines Risikos im konkreten Fall abhngig zu machen. Fallungerecht wre eine Prognose, die via Subsumtionslogik, d. h. fallunspezifischer Kriterien, ein hohes Risiko prognostiziert und eine harte Intervention nach sich zieht. Das bloße Vorliegen von Indikatoren ohne Vorliegen des tatschlichen Risikos kann nicht gengen.

Fazit Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Terrorismus steht vor der Herausforderung, sich in einem politisch und affektiv hoch aufgeladenen Konfliktfeld eigenstndig zu positionieren, um ihrem Auftrag objektiver Erkenntnis gerecht werden zu kçnnen. Dies gilt auch – und vielleicht in besonderem Maße – fr die Entwicklung empirisch-prognostischer Instrumente. Die Einnahme einer reinen Bekmpfungsperspektive wrde zudem zur Entwicklung „mechanischer“ Prognoseinstrumente tendieren und damit das Risiko erhçhen, dass auf deren Grundlage rechtsstaatlich bedenkliche Umsetzungsmaßnahmen erfolgen, bei denen die Akteure nicht mehr als Rechtssubjekte, sondern nur noch als abstrakte Gefahrenquellen behandelt werden. Auf der anderen Seite besteht auch eine Wahlverwandtschaft zwischen der Einnahme einer Verstehensperspektive, der Entwicklung individualisierter Prognoseinstrumente und der Chance auf die Bewahrung von Rechtsstaatlichkeit in der zukunftsgerichteten Reaktion auf Terrorismus. 212

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Zusammenfassung Alle Prognosen sind fehleranfllig. Manche sind es aber in besonderem Maße. Das kann an der Beschaffenheit des Gegenstandes, der Durchschlagskraft eines besonders intensiv verfolgten Verwertungsinteresses und/oder an außergewçhnlichen Stçrungen des Erkenntnisprozesses liegen. In der Terrorismus-Forschung kommen alle drei Aspekte zusammen und erhçhen damit das Risiko verzerrender Einflsse auf die Inhalte und die Objektivitt von Prognosen. Insbesondere ist hier an die Instabilitt des Gegenstandes, an verzerrende Einflsse des Bekmpfungsinteresses und an den Gesichtspunkt des „sozialen Angstniveaus“ (Norbert Elias) zu denken. Das Bekmpfungsinteresse begnstigt zudem die Produktion „mechanischer“ Prognosen, deren Umsetzung in nachrichtendienstliche und/oder polizeiliche Maßnahmen im Gegensatz zu „individualisierten“ Risikoabschtzungen leicht mit rechtsstaatlichen Prinzipien in Konflikt geraten kçnnen.

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Tnia Puschnerat

Zur Bedeutung ideologischer und sozialer Faktoren in islamistischen Radikalisierungsprozessen – eine Skizze

1

Problemaufriss

Die Anschlge einer islamistischen Gruppierung auf Vorortzge in Madrid am 11. Mrz 2004 und die Ermordung des niederlndischen Filmemachers und Publizisten Theo van Gogh durch einen islamistischen Attentter in Amsterdam am 2. November 2004 haben das çffentliche Bewusstsein dafr geschrft, dass Europa selbst Schauplatz eines „home made terrorism“ und entsprechender islamistischer Radikalisierungsprozesse geworden ist. Nach allen bisher bekannten Meldungen ber die Attentter von London wird man diese Aufzhlung um die Anschlge vom 7. Juli in Großbritannien erweitern mssen (News of the World 2005; vgl. auch DIE ZEIT 2005).1 Vor dem Hintergrund der Berichte ber die „banlieue“ am Rande der franzçsischen Großstdte und die dort wachsende Gewaltbereitschaft junger, in der Regel (aber nicht ausschließlich) sozial deklassierter Muslime, angesichts der Reaktionen in den Niederlanden nach dem van GoghMord wurde auch in Deutschland erneut die Frage aufgeworfen, ob und bis zu welchem Eskalationsgrad islamistische Radikalisierung unter formal, aber eben nur vordergrndig integrierten muslimischen Jugendlichen bzw. jungen Muslimen um sich greift. Ist nunmehr eine selbstgemachte, nicht mehr nur importierte Bedrohung der inneren Sicherheit und der demokratischen Institutionen der europischen Staaten durch einen indigenen Islamismus zu befrchten? Die in den Medien wie im politischen Raum formulierte Sorge um die Stabilitt der europischen Gesellschaften gilt dabei zuvorderst der unmittelbaren Bedrohung der inneren Sicherheit durch den islamistischen Terrorismus. Gleichwohl steht auch die Frage nach den Zielen und Strategien des nicht-gewaltbereiten „politischen Islam“ – in der Terminologie der Verfassungsschutzbehçrden des „legalistischen Islamismus“ – zur Debatte. Die Diskussion ber Scheitern oder Chancen der europischen Integrationsmodelle kreist um gesellschafts- und sicherheitspolitische Kernfragen: Ist die formalrechtliche Verleihung von Staatsbrgerrechten eine hinreichende Garantie fr gelingende Integration vor allem der 2. und 3. Generation hier lebender Muslime? Sind in der Bundesrepublik Deutschland islamische oder gar islamistische Parallelgesellschaften im Entstehen begriffen, die Radikalisierung begnstigen? Wel1 Die Arbeit an diesem Beitrag wurde unmittelbar vor den Anschlgen vom 7. Juli 2005 in London abgeschlossen. Ersten Presseverçffentlichungen sowie einer ersten Einschtzung von Lord Stevens, ehemaligem Chef der London Metropolitan Police, ber die Attentter und ihren Hintergrund zufolge kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch die Londoner Anschlge in dieser Einleitung aufgefhrt werden mssten (vgl. „Young, clever . . . and British“ – News of the World vom 10. Juli 2005; vgl. auch Krçnig „Unter Druck“, in: DIE ZEIT 28/2005).

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chen Einfluss ben islamistische Organisationen auf hier lebende Muslime aus oder in welchem Ausmaß sind sie an der Ausprgung islamistischer Milieus beteiligt? Welche Gefahren fr den sozialen Frieden, fr den zivilgesellschaftlich unaufgebbaren Grundkonsens ber Rechte und Pflichten der Brger, fr die Institutionen des demokratischen Gemeinwesens und die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland gehen von ihnen aus? Diese Fragen werden zu Recht auch an die Verfassungsschutzbehçrden, nicht zuletzt in ihrer Eigenschaft als „Frhwarnsystem der Demokratie“, gerichtet. Die Analyse islamistischer Radikalisierungsprozesse – in ihrer terroristischen und ihrer legalistischen Variante – wird auch in Zukunft eine zentrale Herausforderung fr die Sicherheitsbehçrden der europischen Lnder darstellen. Vertieftes Wissen ber den Verlauf islamistischer Karrieren bildet nicht nur die Grundlage geeigneter sicherheitspolitischer und exekutiver Gegenmaßnahmen. Es ist auch die Basis fr die notwendige geistig-politische Auseinandersetzung mit diesem Phnomen i. S. eines ganzheitlichen Bekmpfungsansatzes, der auch den kritischen Dialog mit dem Islam und dem Islamismus einschließt. So klar die Problemstellung zu umreißen ist, so schwierig gestaltet sich die Beantwortung. Einfache Erklrungen und Rezepte wird es nicht geben. „Islamismus“ als modernes ideologisches Konstrukt und zugleich sozial vielschichtige Bewegung ist ein komplexes Phnomen, seine Erscheinungsformen und Ursachen sind vielfltig. Islamistische Terrororganisationen unterscheiden sich in ideologischer Ausrichtung und modus operandi von Gruppierungen, deren Islamismusvariante den gewaltfreien „langen Marsch durch die Institutionen“ vorsieht. Dazu kommt, dass die Analyse islamistischer Radikalisierungsprozesse aus Sicht des Verfassungsschutzes nur im gesetzlich vorgegebenen Rahmen seines Auftrages erfolgen kann. Den Ausfhrungen zum Thema ist daher – um den methodischen und begrifflichen Kontext der folgenden Ausfhrungen abzustecken – ein kurzer Exkurs ber Kompetenzen und Begrifflichkeiten vorauszuschicken. Das empfiehlt sich auch deshalb, weil in der politischen und auch wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phnomen „Islamismus“ nach wie vor Definitionsdefizite offenkundig werden, die Missverstndnissen Vorschub leisten. Gegenstand der Beobachtung der Verfassungsschutzbehçrden ist nicht der Islam als Religion und sind nicht die Muslime. Der persçnliche Glaube der Muslime sowie ihre religiçse Praxis sind durch das in Art. 4 GG verbriefte Recht auf Religionsfreiheit geschtzt. Die Verfassungsschutzbehçrden sammeln und bewerten Informationen ber die Bestrebungen islamistischer Organisationen und ber islamistische Einflussnahme auf muslimische Einrichtungen. Voraussetzung fr die Sammlung und Auswertung dieser Informationen ist das Vorliegen tatschlicher Anhaltspunkte fr solche Bestrebungen. Nur wenn diese vorliegen, ist der Auftrag der Verfassungsschutzbehçrden erçffnet, die Aktivitten und Absichten dieser Bestrebungen aufzuklren. Kenntnisse ber das soziale Umfeld der beobachteten Bestrebungen fallen bei der Ttigkeit der Verfassungsschutzbehçrden in gewis218

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sem Rahmen zwar auch an, dies geschieht aber nur am Rande der eigentlichen Aufklrungsttigkeit. Ausgangspunkt kann insofern immer nur die konkret beobachtete extremistische Struktur sein, nicht die muslimische Klientel, auf die sich ihre Bestrebungen richten. Allein vor diesem Hintergrund und mit diesen Einschrnkungen sind Aussagen ber den Einfluss islamistischer Organisationen auf das islamische Milieu in Deutschland mçglich. Die Verfassungsschutzbehçrden orientieren sich vor diesem Hintergrund an einer begrifflichen Unterscheidung von „Islam“ und „Islamismus“ bzw. von „Muslimen“ und „Islamisten“. In diesem Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff „Islamismus“ eine religiçs motivierte und vorgeblich legitimierte Form des politischen Extremismus. Islamisten bzw. islamistische Organisationen sehen in den Schriften und Geboten des Islam nicht nur Weisungen fr die Beziehung zwischen Mensch und Gott, sondern zwingende politische Handlungsanweisungen, hufig auch die Befugnis, als „islamisch“ definierte politische Ziele mit Gewalt zu verfolgen. Islamismus bezeichnet mithin eine Herrschaftsideologie, deren Elemente per se mit einem demokratischen Gemeinwesen und rechtsstaatlichen Prinzipien unvereinbar sind. Der in der ffentlichkeit hufig bedeutungsgleich gebrauchte Begriff „islamischer Fundamentalismus“ bezeichnet demgegenber lediglich die Ausrichtung des persçnlichen Lebens nach islamischen Glaubensfundamenten. Die Grenze zum Extremismus – hier: dem Islamismus – ist dort berschritten, wo zu den fundamentalistischen berzeugungen politisch bestimmte Verhaltensweisen hinzutreten, die auf die vollstndige oder teilweise Verwirklichung einer angeblich vom Islam verpflichtend vorgegebenen Gesellschaftsordnung gerichtet sind. Relevant sind dabei Verhaltensweisen, die geeignet sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland oder ein anderes der in § 3 Abs. 1 BVerfSchG bezeichneten Schutzgter zu beeintrchtigen. Es liegt auf der Hand, dass die Verfassungsschutzbehçrden wissenschaftliche Studien ber den Islam in Deutschland und ber das islamische Milieu zur Kenntnis nehmen und fachwissenschaftliche – in der Regel bislang islamwissenschaftliche – Expertise in ihre Arbeit einfließt. Dies geschieht jedoch gleichsam „anwendungsbezogen“, d. h. zu dem Zweck, Ausmaß und Chancen extremistischer, in diesem Fall islamistischer Bestrebungen gewichten und bewerten zu kçnnen. Die in diesem Beitrag dargelegten Erkenntnisse ber islamistische Radikalisierungsverlufe, den Einfluss islamistischer Propaganda und islamistischer Organisationen sind daher grundstzlich vom dargelegten „point of view“ der Verfassungsschutzbehçrden her zu verstehen. Die zentrale Frage, ob ein indigener „europischer Islamismus“ im Entstehen begriffen oder bereits entstanden ist, der sich nicht mehr hinreichend als Import islamistischen Gedankenguts von außerhalb speist und nicht mehr ausschließlich durch die Krisen im Irak, in Palstina, in Tschetschenien oder im Kaschmir motiviert wird bzw. auf diese hin orientiert ist, lsst sich nur unter Bercksichtigung 219

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des gesellschaftlichen Resonanzraums bzw. der Klientel beantworten, die allen vorliegenden Erkenntnissen zu Folge das Radikalisierungs- und Rekrutierungspotenzial islamistischer Akteure – seien es Einzelpersonen oder Organisationen – bildet. Fundiertes sozialwissenschaftliches, sozialpsychologisches und nicht zuletzt ethnologisches Wissen ber die Rolle und Bedeutung ethnisch-religiçser Segregation von muslimischen Migranten in den westeuropischen Gesellschaften, ber die Entstehung islamistischer Parallelgesellschaften/Milieus, ber die Gemengelage von Integrationsdefiziten, sozialen Verwerfungen, Marginalisierungserfahrungen, kollektiver Identittsproblematik und ethnisch tradierter, gleichwohl auch religiçs legitimierter Gewaltakzeptanz ist unverzichtbar, um den Funktionsmechanismen und Erfolgsaussichten islamistischer Radikalisierungsangebote und -bestrebungen auf die Spur zu kommen. Mit anderen Worten: Ideologische und soziale Faktoren mssen bei der Analyse islamistischer Radikalisierungsprozesse gleichermaßen bercksichtigt werden (Heckmann 2002). Zu den dafr erforderlichen breitangelegten Studien des „islamischen Milieus“ sind die Verfassungsschutzbehçrden aus den dargelegten gesetzlichen Grnden nicht ermchtigt; sie sind und bleiben vorrangig Aufgabe der wissenschaftlichen Forschung. Es bedarf angesichts der Problemstellung daher wohl kaum eines Pldoyers fr den intensivierten Dialog von Sicherheitsbehçrden und wissenschaftlicher Forschung, den das Bundesamt fr Verfassungsschutz (BfV) seit einigen Jahren – u. a. durch das jhrliche BfV-Symposion sowie durch Vortrags- und Publikationsttigkeit von BfV-Mitarbeitern – verstrkt betreibt. Mit den folgenden Ausfhrungen wird jedoch auch der Versuch unternommen, Argumente fr eine interdisziplinre Vorgehensweise und den graduellen Perspektivenwechsel zugunsten einer systematischen, prozessorientierten Sichtweise auf die Phnomene „islamistischer Terrorismus“ und „legalistischer Islamismus“ vorzutragen (Kowalski 2005). In der Terrorismusbekmpfung arbeiten Polizeibehçrden, aber auch die Nachrichtendienste, in der Regel im wesentlichen „target“–, d. h. zielpersonenorientiert. Die Notwendigkeit und Legitimitt dieser Arbeitsweise steht außer Frage, vor allem dann, wenn es um unmittelbare Verhinderung terroristischer Anschlge, d. h. um schnelle und effiziente Maßnahmen gegen terroristische Netzwerke geht. Dennoch darf die Konzentration auf terroristische Akteure nicht zu einer Vernachlssigung des Blicks auf extremistische Umfelder bzw. radikalisierungsbegnstigende Milieus und zum Verzicht auf systematisierende Anstze in der Aufklrung von Radikalisierungs- und Rekrutierungsprozessen im terroristischen Milieu fhren. Die ausschließliche Konzentration auf individuelle Einzelflle, auf Personen, die bereits einen Radikalisierungsprozess durchlaufen und fr den gewaltsamen Jihad rekrutiert wurden, wrde den Sicherheitsbehçrden den Blick auf ein mçglicherweise nachwachsendes terroristisches Potenzial bzw. auf prinzipielle Funktionsweisen und Schaupltze islamistischer Radikalisierung verstellen, dies mit der Konsequenz, ihre Aktionen auf rein reaktive Maßnahmen zu reduzieren. Als „Frhwarnsystem der Demokratie“ mssen vor allem die Verfassungsschutzbehçrden ihr Augen220

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merk zugleich auch weiterhin auf die langfristige Bedrohung richten, die der legalistische Islamismus und seine Protagonisten wie Sympathisanten fr eine demokratische Gesellschaft und fr den sozialen Frieden darstellen. Auch im nichtgewaltbereiten islamistischen Milieu sind Radikalisierungsprozesse erkennbar, die zwar in der Regel nicht in terroristische Aktivitten mnden, dennoch zur Bildung islamistischer Parallelgesellschaften beitragen und das gesellschaftliche Konfliktpotenzial auch in Deutschland erhçhen. Aus diesen berlegungen heraus widmete sich das 3. BfV-Symposion im Oktober 2004 dem Thema „Radikalisierungsprozesse und extremistische Milieus“. Im Folgenden werden erste Ergebnisse ber die ideologischen und sozialen Faktoren in islamistischen Radikalisierungsverlufen zur Diskussion gestellt. Ausgangspunkt sind dabei auch Analysen und Arbeitshypothesen, die im Rahmen der in den letzten Jahren verstrkten Kooperation der Nachrichtendienste auf EUEbene erarbeitet wurden.

2

Ein Modell islamistischer Radikalisierungs- und Rekrutierungsverlufe

Angesichts der Bedeutung individueller (sozialer und psychologischer) Faktoren und Bedingungsgefge in extremistischen Radikalisierungskarrieren muss jeder Versuch einer modellhaften, also generalisierenden Beschreibung der Stufen eines solchen Prozesses defizitr bleiben. Eine jeden einzelnen Fall erklrende Typologie, aus der sich im Sinne der Prvention idealer Weise ein konkretes Profil des islamistischen Terroristen oder Extremisten und seiner Karriere ableiten ließe, kann seriçser Weise nicht geboten werden. Gleichwohl lsst sich aus der Flle der Einzelflle ein typisiertes Verlaufsmodell extrahieren, in dem die Stadien, Akteure und Faktoren islamistischer Radikalisierung beschrieben werden kçnnen. Die daraus abzuleitenden, im Zusammenhang dieses Beitrags nicht weiter auszufhrenden Gegenmaßnahmen gegen islamistische Radikalisierungsprozesse umfassen entsprechend das gesamte Spektrum der rechtsstaatlichen Instrumente, reichen jedoch auch weit in das Feld hinein der geistig-politischen Auseinandersetzung mit dem Islamismus als gesamtgesellschaftlicher – nicht vorrangig sicherheitsbehçrdlicher – Aufgabe. Radikalisierung soll hier als umfassender Prozess einer – mehr oder minder zgigen – in der Regel von islamistischen Multiplikatoren/Akteuren geleiteten ideologisch-politischen Sozialisation verstanden werden, der ber eine sich verfestigende Segregation von der westlichen Mehrheitsgesellschaft zunchst zur „islamisch“ begrndeten Ablehnung der Institutionen und Werte des demokratischen Staats- und Gesellschaftssystems fhrt. Der islamistische Radikalisierungsprozess kann – muss jedoch nicht – auf einer weiteren Stufe zur Verfestigung dieser Ablehnung zu offener Feindseligkeit und zur zunehmenden Bereitschaft fhren, das verurteilte System mit gewalt221

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samen Mitteln zu bekmpfen, sich also aktiv am Jihad zu beteiligen oder ihn zu untersttzen. Damit wre ein Stadium der Rekrutierungsreife des Kandidaten fr den „Heiligen Krieg“ erreicht; ein Stadium, in dem er anfllig wird fr die Werbung durch islamistische Rekruteure oder „talent-spotter“, ber die eine vertiefte jihadistische Ideologisierung erfolgt und die Kontakte in die terroristischen Netzwerke und/ oder die Vermittlung an die Schaupltze des Jihad – etwa im Irak – hergestellt werden. Hufig wurde im Fall islamistischer Terroristen von einem diesem Rekrutierungsstadium vorausgehenden islamistischen „Erweckungserlebnis“ berichtet: Die Kandidaten durchlaufen einen tiefgreifenden psychologischen Wandlungsprozess, in dessen Verlauf sie zum vermeintlich „wahren“ Islam finden, aus dem die vermeintliche Pflicht zur Teilnahme am Jihad erwchst. Bekannt sind die zuerst von der „Hamburger Zelle“, aber auch von anderen spteren Attenttern berichteten massiven Vernderungen in Einstellung, Verhalten und ußerem Erscheinungsbild, die zunehmende Isolation von Familie, Freunden und Bekanntenkreis bei gleichzeitiger ausschließlicher Konzentration des gesamten Lebensvollzugs auf die neue (totale) Bezugsgruppe der „Brder“ und die in der klandestinen terroristischen Zelle geltenden rigiden Verhaltensmuster, Wert- und Loyalittsvorstellungen. Im Kern bezeichnet der islamistische Radikalisierungsprozess die schrittweise Integration in eine „subkulturelle“ soziale Gruppe. Die ideologisch konstituierte Gemeinschaft bietet emotionale Geborgenheit, Selbstvergewisserung und eindeutige, teilweise stark ritualisierte Verhaltensstandards, ein geschlossenes ideologisches Sinn- und Welterklrungssystem sowie klare Handlungsorientierungen. Die Vergemeinschaftungsprozesse in diesen auf persçnlichen Verbindungen und Jihad-Erfahrungen beruhenden Netzwerken und Zellen hat zuletzt Marc Sageman (2004) in einer umfassenden Studie beschrieben. U. a. kam er zu dem Ergebnis, dass soziale Bindungen in der Clique oder „peer-group“ bei der Wandlung vom potenziellen Untersttzer jihadistischer Gruppen in „full-fledged mujahedin“ eine grçßere Rolle spielen, als ideologische Komponenten. Kaum eine wissenschaftliche Analyse beschreibt diese Gruppenprozesse prziser und anschaulicher als der vom britischen Fernsehsender Channel 4 produzierte und 2004 ausgestrahlte dokumentarische Spielfilm „The Hamburg Cell“. Rekrutierung fr den gewaltsamen Jihad – also der Weg in den islamistischen Terrorismus – bezeichnet mithin die Spitze eines umfassenden Radikalisierungsprozesses. Islamistische Radikalisierungsprozesse mssen durchaus nicht automatisch in ein Rekrutierungsstadium mnden. Letztere setzen allerdings einen Vorlauf islamistischer Radikalisierung voraus. Dabei drfte das Ergebnis entscheidend davon abhngen, mit welchen islamistischen Akteuren bzw. welchen islamistischen Ideologievarianten (gewaltbereit-terroristisch oder legalistisch) zumal junge Muslime (aber auch Konvertiten) in einem frhen Stadium – auf der Suche nach Ich-Identitt, Sinnstiftung und sozialer Akzeptanz – in Berhrung 222

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kommen. Legalistisch agierende islamistische Organisationen wie die „Islamische Gemeinschaft Milli Gçrs¸ e. V.“ (IGMG) oder die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V.“ (IGD) rekrutieren nicht fr den Jihad; sie kçnnten vielmehr sogar fr sich beanspruchen, junge Muslime durch ein alternatives ideologisches Identifikationsangebot und die Integration in mit legalen politischen Mitteln agierende Organisationen gegen jihadistische Indoktrination zu immunisieren. Gleichwohl bleibt ihnen vorzuhalten, dass ihre anti-integrativen „Identittspolitiken“ (Johannes Kandel) die Entstehung islamistischer Parallelgesellschaften und Radikalisierung i. S. einer Sozialisation in den politischen Extremismus – Islamismus – hinein befçrdern. Radikalisierungsschaupltze kçnnen Moscheen, Haftanstalten und Asylbewerberheime, aber auch Universitten, Schulen, durch parallelgesellschaftliche Strukturen geprgte Stadtteile oder virtuelle Gemeinschaftsrume wie chatrooms und Diskussionsforen im Internet sein. ber Erziehungs- und Bildungsangebote islamistischer Organisationen, schriftliches und audio-visuelles Propagandamaterial, auch nach Europa ausgestrahlte Programme zumal arabischer Fernsehsender, ber verschiedene Medien verbreitete Predigten radikaler Imame oder ber das Internet wird islamistisches Gedankengut als ideologischer Gehalt islamistischer Radikalisierungsprozesse transportiert. Es ist immer und berall verfgbar; seine Verbreitung ist kaum zu kontrollieren.

3

Kernelemente islamistischer Ideologie im Blick auf ihre Bedeutung im islamistischen Radikalisierungsprozess

Es liegt auf der Hand, dass die Vermittlung bzw. Akzeptanz ideologischer Positionen ein wesentlicher Faktor islamistischer Radikalisierungsprozesse ist. Wesentliche Voraussetzung fr die gelingende Rezeption islamistischer Ideologie vor allem in den westeuropischen Lndern ist dabei, dass islamistische Propaganda die Ideologie weitgehend auf wenige Basisbotschaften oder Grundpositionen reduziert, die damit um so leichter, d. h. ohne grçßere Sprachkompetenz oder ideengeschichtliches Hintergrundwissen angenommen werden kçnnen. In dieser didaktisierten Form gewinnt islamistische Ideologie (etwa im Unterschied zum Marxismus-Leninismus, der allerdings in den studentischen Zirkeln der 1970er und 1980er Jahre auch weitgehend auf simplifizierter Schwundstufe rezipiert wurde) eine grçßere „konsumentenorientierte“ Attraktivitt fr die Zielgruppe junger, teilweise bildungsferner Muslime, an deren Bedrfnis- und Motivationsstruktur – die sich aus anderen als ideologischen Quellen speist – das islamistische Ideologiesubstrat angepasst ist. Zum ideologischen Kernbestand islamistischer Propaganda gleich welcher Ausprgung – also zunchst unabhngig von der terroristisch-gewaltttigen (jihadistischen) oder legalistischen Ausrichtung der jeweiligen Organisationen oder Gruppierungen – gehçrt generell die Auffassung, dass sich staatliche Gesetzgebung und hoheitliches Handeln nicht auf den Willen des Volkes oder Mehr223

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heitsentscheidungen grnden drfen, sondern allein aus der Scharia, dem islamischen Gesetz, abgeleitet werden kçnnen. In der islamistischen Auslegung wird dem islamischen Gesetz umfassende Geltung als einer vorgeblich von Gott gesetzten verbindlichen Ordnung des menschlichen Lebens in all seinen Aspekten zugemessen. Im franzçsischen Sprachgebrauch wird diese totalitre Dimension des Islamismus daher mit dem Begriff „Integrismus“ gekennzeichnet. Damit ist ein eindeutiger, religiçs legitimierter (und also autoritativer) Ordnungsund Handlungsrahmen vorgegeben (Tibi 2004). Das islamistische Axiom von der alleinigen Souvernitt Gottes sowie der umfassende Geltungsanspruch des islamischen Gesetzes zeitigen zwei Konsequenzen durchaus nicht theoretischer Natur: In der islamistischen Deutungslogik werden erstens Skularitt und Demokratie (jedenfalls das westeuropisch-amerikanische Modell) abgelehnt; die westlichen Demokratien, also auch die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland, lassen sich in diesem Kontext mehr oder minder offen als dem islamischen Gesetz widersprechend bzw. als dekadent und unmoralisch verurteilen. Der totale Geltungsanspruch der aus dem islamischen Gesetz abgeleiteten „islamischen Ordnung“ zieht de facto die Ablehnung demokratischer und rechtsstaatlicher Grundprinzipien nach sich; das gilt insbesondere fr das Prinzip der Gewaltenteilung, der Volkssouvernitt, das Mehrparteiensystem und das Recht auf Ausbung einer parlamentarischen Opposition. In diesem Zusammenhang wird auch die universale Geltung der Menschenrechte, denen die Idee vor- bzw. berstaatlicher, dem Menschen von Natur aus gegebener unverußerlicher Grundrechte zugrunde liegt, negiert. Das demokratiefeindliche Kernelement islamistischer Ideologie ist im Blick auf den Erfahrungshorizont der jngeren muslimischen Einwanderergeneration um so leichter zu vermitteln, als es an soziale Marginalisierungs- und Ausgrenzungserfahrungen und/oder wirtschaftliche Erfolglosigkeit, die Nicht-Teilhabe an politischer Willensbildung und gesellschaftlicher Gestaltung, kurz: an Frust und Aggression anzuknpfen und diese zu ideologisieren vermag. Dem Negativbild permissiver westlicher Gesellschaften setzt islamistische Propaganda – das ist die zweite Konsequenz – die Utopie einer gottgewollten „islamischen Ordnung“ und einer solidarischen und gottgeflligen islamischen Gemeinschaft (umma) entgegen. Die islamistische Version der islamischen Gemeinschaft birgt als dezidierter Gegenentwurf zum negativ erfahrenen westlichen Individualismus und Materialismus, zur gesellschaftlichen Ent-Solidarisierung und zum diagnostizierten Werterelativismus und Werteverfall der skularen Mehrheitsgesellschaft Attraktivitt. Es ist im Blick auf Radikalisierungsprozesse dabei mutmaßlich nicht ausschlaggebend, dass islamistische Vorstellungen ber die institutionelle Verfassung eines „islamischen Systems“ hinreichend unkonkret sind. Das Spektrum der Vorstellungen ber die „islamische Ordnung“ reicht von der Utopie eines (weltweiten) Kalifats (in dem die Trennung von skularer und religiçser Herrschaft aufgehoben wre) bis hin zu verschiedenen Konzeptionen einer sog. „islamischen 224

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Demokratie“.2 Ausschlaggebend drfte sein, dass die Propagierung der islamistisch interpretierten umma ein verlockendes Vergemeinschaftungsangebot in Abgrenzung zu „dem Westen“ darstellt, der weniger als geographischer Raum, denn als politisch-weltanschauliches Substrat einer Summe abzulehnender, weil „unislamischer“ Werte und Verhaltensweisen suggeriert wird. Die islamistische „InGroup“ bietet eine religiçs autorisierte Realitts- und Selbstdeutung, eindeutige Wertorientierungen, individuelle Sinnstiftung und nicht zuletzt ein umfassendes Regelwerk fr den alltglichen Lebensvollzug. Mit der Abwertung der westlichen Werte und Lebensweise werden zugleich eine „islamische Identitt“ und damit ein religiçs-moralisch begrndeter berlegenheitsanspruch vermittelt, der negative Alltagserfahrungen zu kompensieren vermag und darum gerade fr viele junge Muslime anziehend sein drfte. Konstitutiv fr islamistische Radikalisierungsprozesse, besonders im Blick auf den Motivationshorizont muslimischer Jugendlicher der 2. und 3. Migrantengeneration, ist in diesem Zusammenhang das ausgeprgt polarisierte Weltbild islamistischer Ideologie. Die ontologische Einteilung der Welt in „Gut“ und „Bçse“ zeitigt – vielfach verschwçrungstheoretisch durchfrbte – Feindbildkonstruktionen. An erster Stelle der islamistischen Feindbildliste stehen die USA, die als Inbegriff westlicher Dekadenz gelten und denen eine gegen die islamische Welt gerichtete imperialistische Politik bzw. Krieg gegen den Islam unterstellt werden. Zu den klassischen Feindbildern islamistischer Organisationen und Bewegungen gehçren des Weiteren der Staat Israel bzw. „die Juden“, denen – je nach Standort im ideologischen Spektrum des Islamismus – die komplotthafte Manipulation westlicher Staaten, vor allem der USA, unterstellt wird. Der islamistische Antizionismus ist stark antijdisch gefrbt, insofern auf eine prinzipielle, nach Auffassung von Islamisten im Koran evidente und durch die islamistische Geschichtsinterpretation gesttzte, unversçhnliche und ewig whrende Feindschaft „der Juden“ gegen die Muslime bzw. den Islam Bezug genommen wird. Die antizionistischen Positionen islamistischer Propaganda tragen des weiteren stark antisemitische Zge; in den letzten Jahren ist die verstrkte Propagierung eines islamistischen Antisemitismus zu beobachten, in dem die Begriffsgrenzen von „Zionist“, „Israeli“ und „Jude“ verschwimmen. Den Juden werden kollektiv negative soziale, kulturelle, religiçse und politische Eigenschaften gleichsam biologischer Qualitt zugeschrieben, die ihre Ablehnung, Bekmpfung oder gar Vernichtung als Volk rechtfertigen sollen (Jesse et al. 2004). Wie wirksam diese ideologischen Konstrukte sind, zeigen die gewaltttigen bergriffe auf jdische Brger nicht nur in den franzçsischen „banlieue“, sondern europaweit. Die motivierende Kraft zumal von antisemitischen Verschwçrungstheorien wurde zuletzt durch den Ritualmord an Theo van Gogh belegt. Wie in 2 Im konzeptionellen Rahmen der „islamischen Demokratie“ wren m. E. auch Bestrebungen zur Etablierung autonomer „islamischer“ Rechts- und Lebensinseln innerhalb der westlichen demokratischen Gesellschaften zu verorten.

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der Presse vielfach berichtet, hatte der islamistische Attentter – ein niederlndischer Staatsbrger marokkanischer Herkunft, der das niederlndische Bildungssystem recht erfolgreich durchlaufen hatte und der niederlndischen Sprache durchaus mchtig war – an der Leiche des Filmemachers einen Brief hinterlassen, der von verschwçrungstheoretisch argumentierenden antisemitischen Phrasen durchzogen war und in diesem Zusammenhang eine explizite Todesdrohung gegen die als Apostatin und als Marionette der jdischen Verschwçrung apostrophierte niederlndische Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali enthielt. Die Frage nach der Funktion dieser Feindbildkonstruktionen in islamistischen Radikalisierungsprozessen ist eng mit der Frage nach islamistischen Vergemeinschaftungsprozessen verbunden. Das dichotome islamistische Weltbild, vermeintlich islamisch autorisiert, vereinfacht fr die Rezipienten die Zuordnung politischer Ereignisse weltweit und vor Ort und liefert eine simple Erklrung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme des grçßten Teils der islamischen Staatenwelt. Die islamistische Weltauslegung geißelt die „imperialistische“ Politik des Westens, zugleich den Abfall der Muslime selbst vom wahren Glauben als Ursachen dieser Probleme. Die mit der Feindbildpropaganda einhergehende muslimische Selbst-Viktimisierung unterbreitet ein Entlastungsangebot auch fr Ohnmachts-, Demtigungs- und Versagenserfahrungen in Deutschland lebender junger Muslime, denen ein kollektives Selbstverstndnis als Opfer „antiislamischer“ Machenschaften und Politikstrategien nahegelegt wird, das sie von selbstkritischer Ursachenanalyse entlastet. Das polarisierte Weltbild und die projizierten Feindbilder erleichtern jedoch auch die individuelle Entscheidung fr die vermeintlich „richtige“ Seite und die Entstehung von Loyalittsvorstellungen und Solidarisierungsverpflichtungen fr die vermeintlich bestndig bedrohte islamische Gemeinschaft auch „vor Ort“. Die islamistische Feindbildpropaganda will eine Wagenburgmentalitt erzeugen, die die Abwendung der islamistischen „In-Group“ von der feindlichen westlichen Umwelt befçrdert und – im Fall der jihadistisch-gewaltbereiten Denkschule – zur Beteiligung am aktiven „Widerstand“ gegen die „Feinde des Islam“ motivieren soll. In diesem Verstndnisund Deutungszusammenhang reichen die politischen Krisenherde in Palstina, im Kaschmir oder in Tschetschenien tief in die muslimischen Gemeinschaften auch in Westeuropa hinein. Diese Schaupltze des weltweiten Jihad mçgen weit abseits der Alltagswelt junger Muslime in Deutschland liegen; ihre motivierende Kraft beziehen sie dessen ungeachtet aus ihrer islamistischen Interpretation als aktuelle Belege fr den ewigen Kampf der „Juden und Kreuzfahrer“ gegen „den Islam“ und „die Muslime“.

4

Kategorienmodell islamistischer Organisationen/Bewegungen

Das BfV unterscheidet drei Kategorien islamistischer Organisationen/Bewegungen unter dem Aspekt der ideologisch abgeleiteten Taktiken bzw. modi operandi. Sie sind grob den Phnomenbereichen „islamistischer Terrorismus“ und „politi226

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scher“ bzw. „legalistischer Islamismus“ zuzuordnen. Sie sollen hier aufgefhrt werden, da sich aus ihren ideologischen Grundstzen voneinander zu unterscheidende Formen der extremistischen Radikalisierung ableiten.

4.1

Islamistischer Terrorismus

In die erste Kategorie fallen Bestrebungen islamistischer Gruppierungen, die einen pan-islamisch ausgerichteten Jihad fhren, weltweit mit terroristischen Aktionen drohen und solche durchfhren. Damit ist der internationale islamistische Terrorismus bezeichnet, der sich in den letzten Jahren zur grçßten Bedrohung fr die innere Sicherheit der internationalen Staatengemeinschaft und damit auch Deutschlands entwickelt hat. Auf eine Aufzhlung der zahlreichen Anschlge vor und nach dem 11. September 2001, die diesen Jihad-Gruppen zuzurechnen sind, kann hier verzichtet werden. Mit den Anschlgen vom 11. Mrz 2004 in Madrid wurde deutlich, dass diese neue Dimension des Terrors auch Westeuropa erreicht hat. Zum Spektrum der fr diese Anschlge verantwortlichen Jihad-Gruppen zhlen die von Usama bin Laden gegrndete „Al-Qaida“, die mit dieser kooperierenden Netzwerke „Arabischer Mujahedin“ sowie einige regional operierende islamistische Organisationen in Zentral- und Sdostasien und in nordafrikanischen Lndern. Auch die Tter von Madrid und Istanbul zhlen hierzu. Diese Jihad-Gruppen haben neben Israel den westlichen Staaten generell und insbesondere den USA und ihren Verbndeten den „Heiligen Krieg“ erklrt. Die zweite Gruppe umfasst Organisationen, die die in ihren Herkunftslndern bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnungen durch ein strikt islamistisches Staatswesen auf Grundlage der Scharia zu ersetzen bestrebt sind und dazu auch gewaltsame Mittel einzusetzen bereit sind. Einige erklren offen, die Weltherrschaft des Islam anzustreben. Ihre Mitglieder gelangten zumeist als politische Flchtlinge nach Deutschland und untersttzen von hier aus die zum Teil gewaltsamen Bestrebungen in ihren Heimatregionen logistisch, finanziell und propagandistisch. Zu den Gruppierungen dieser Art gehçren die algerische „Bewaffnete Islamische Gruppe“ (GIA) sowie die Ende 1997 von ihr abgespaltene „Salafiya Gruppe fr die Mission und den Kampf“ (GSPC), die libanesische schiitische „Hizb Allah“, die palstinensische sunnitische „Islamische Widerstandsbewegung“ (HAMAS), aber auch die Anhnger der in Deutschland verbotenen Organisationen „Hizb ut-Tahrir“ sowie der trkische „Kalifatsstaat“. Die im vorhergehenden Abschnitt holzschnittartig skizzierten Kernelemente islamistischer Ideologie werden von islamistischen Organisationen und Akteuren mehr oder minder offen propagiert; sie sind dann besonders gefhrlich, wenn sie – wie im Fall der jihadistisch-gewaltbereiten Variante – mit dem Aufruf zum gewaltsamen Kampf zur Erreichung dieser Ziele verbunden sind. Islamistische Ideologie wird ber Videoverlautbarungen der „Al-Qaida“ bzw. Usama bin Ladens oder Al-Zawahiris verbreitet, sie ist in den Programmen islamistischer Organisationen – dafr ist die Charta der HAMAS ein Beispiel – festgeschrieben, sie 227

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wird in Publikationen verbreitet – etwa in der Zeitschrift „Explizit“ der „Hizb utTahrir al-Islami“ (bis zum Bettigungsverbot im Januar 2003) oder in der Publikation „Beklenen Asr-i Saadet“ des seit Dezember 2001 verbotenen trkischen Kalifatsstaats. Islamistische Propaganda, gerade auch in ihrer jihadistisch-gewaltbefrwortenden Variante, wird zunehmend ber kaum kontrollierbare Medien, vor allem ber das Internet, in Chatrooms und Foren, ber Videos, CD und Audiokassetten verbreitet. Wiederholte, ber Medien und Internet weltweit verbreitete Verlautbarungen terroristischer Gruppierungen signalisieren den verbndeten Mujahedin und regionalen islamistischen Gruppen die andauernde Aktionsfhigkeit terroristischer Gruppen. Sie sind zugleich Impuls und Handlungsanleitung fr islamistisch indoktrinierte gewaltbereite Personen weltweit, sich persçnlich am internationalen Jihad zu beteiligen bzw. diesen – mehr oder minder „autonom“ – weiterzufhren. Aufgrund der erkennbaren Zunahme einschlgiger Internetseiten in den letzten Jahren muss von einer regelrechten Propagandaoffensive gesprochen werden. Im Internet abrufbare „Enthauptungsvideos“ und die dort gezeigten grauenhaften authentischen Bilder der angeblich religiçs legitimierten Hinrichtung europischer und muslimischer Geiseln durch Mitglieder der „Ansar al-Islam“ oder anderer Gruppierungen im Irak forcieren Brutalisierungs- und Verrohungstendenzen. Aus diesem Angebot kann beispielsweise jene von Mustafa Setmarian Nasar, alias Abu Musab al-Suri prognostizierte „dritte Generation von Mujahedin“ ideologische Rechtfertigung und Motivation beziehen. In einer Verçffentlichung vom Dezember 2004 entwirft der vom SITEInstitute als einer der wichtigsten Fhrer der internationalen Jihad-Bewegung apostrophierte al-Suri eine vernderte Gruppenformation, die sich nicht mehr als „klassische“ Untergrundstruktur mit hierarchischer Befehlsstruktur darstelle, sondern sich als konspirative „gang-war structure“ mit verschiedenen und zahlreichen, miteinander unverbundenen Zellen bilde.3

4.2

Legalistischer Islamismus – „politischer Islam“

Im Unterschied zum islamistischen Terrorismus verfolgen legalistische islamistische Organisationen wie die „Islamische Gemeinschaft Milli Gçrs¸ e. V.“ (IGMG) oder die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V.“ (IGD) eine breiter angelegte Strategie der politischen Einflussnahme. In der Regel prsentieren sie sich als Interessenvertreter großer Teile der in Deutschland lebenden Muslime und sind zunehmend bestrebt, ihren Anhngern im Bundesgebiet Freirume zu schaffen, in denen diese ein Scharia-gemßes Leben fhren kçnnen. Die IGMG setzt dabei auf eine langfristige Taktik der politischen Einflussnahme und gezielten PR zur Erlangung çffentlicher Akzeptanz. Diese Ausprgung des legalistischen Islamismus, dessen Ziele auf dauerhaft in Deutschland lebende Muslime gerichtet sind, fçrdert die Bildung islamistischer Parallelgesellschaften. 3 Vgl. SITE-Institute vom 13. Juli 2005: „Abu Musab al-Suri Outlines Strategy for Attacks Against America, Britain, Russia and NATO Countries“ (http://www.siteinstitute.org).

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Der „politische Islamismus“ stellt aus Sicht der Verfassungsschutzbehçrden daher ein langfristiges gesellschaftspolitisches Problem dar. Die wichtigste und grçßte Organisation dieser Art ist die trkische IGMG mit ca. 26.500 Mitgliedern/Anhngern in Deutschland. Der IGMG kommt unter den islamistischen Organisationen sowohl aufgrund der großen Zahl ihrer Mitglieder und Anhnger als auch ihrer zahlreichen Moscheen und Einrichtungen (auch in anderen europischen Lndern) eine besondere Bedeutung zu. Ihre Anhngerschaft setzt sich im Unterschied zu den meisten anderen islamistischen Organisationen auch mehrheitlich nicht aus Flchtlingen oder Asylbewerbern, sondern aus dauerhaft in Europa lebenden Zuwanderern zusammen. Die IGMG stellt sich çffentlich als auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehende integrationsbereite Organisation dar. Dieser verlautbarten Anerkennung der Werteordnung des GG ist allerdings mit Skepsis zu begegnen, insofern der Islam (in der Auslegung der Organisation) als unvernderliches Leitprinzip fr das Leben des Einzelnen wie auch fr Staat und Gesellschaft definiert wird. Die Akzeptanz der deutschen Rechtsordnung wird diesem absoluten Geltungsanspruch zu Folge jeweils an ihrer Vereinbarkeit mit „dem Islam“ bzw. mit der „islamischen Identitt“ gemessen und damit in ihrer Geltung tendenziell eingeschrnkt oder relativiert. Diese „negative Identittspolitik“ (Johannes Kandel) zielt auf Abgrenzung von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, deren vorgeblichen „Assimilationsbestrebungen“ entgegengewirkt werden soll. Das kompromisslose Beharren auf der Wahrung der kulturellen und religiçsen Identitt konterkariert de facto die Selbstbeschreibung der IGMG als „Motor der Integration“. Nach wie vor hat sich die grçßte islamistische Organisation in Deutschland nicht von der totalitren, islamistisch-nationalistischen „Milli Gçrs¸“– Bewegung und der Ideologie der „Gerechten Ordnung“ ihres geistigen Fhrers Necmettin Erbakan distanziert, versteht sich vielmehr als Teil der Bewegung, wie der IGMG-Generalsekretr O uz cnc in einem Interview in der Tageszeitung (taz 2004) freimtig bekannte. Bis in die Mitte der 1990er Jahre hinein vertrat die IGMG einen ausgeprgten Antisemitismus. Angesichts çffentlicher Kritik und der Gesetzeslage in der Bundesrepublik Deutschland hlt sich die Organisation in den letzten Jahren mit entsprechenden Verlautbarungen zurck, verurteilt sogar çffentlich antisemitische Positionen. Gleichzeitig sind Artikel und Beitrge in der „Milli Gazete“ – einer Tageszeitung, in der die ideologischen Grundpositionen der „Milli Gçrs¸“-Bewegung verbreitet werden – von antisemitischen, hufig verschwçrungstheoretisch untermauerten Aussagen durchzogen.

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berlegungen zu „islamischen“ und „islamistischen Milieus“

Die nchterne Feststellung, dass in zahlreichen deutschen Stdten und Gemeinden mehr oder minder ethnisch-religiçs homogene sozialrumliche Konzentrationen muslimischer Migranten entstanden sind, ist kein Geheimnis mehr. Diese islamischen Milieus (als Form sozialer Milieus) kçnnen – so haben Erfahrungen vor allem im klassischen Einwanderungsland USA gezeigt – notwendige Durchgangsstationen im Zuge eines allmhlichen, ber Generationen verlaufenden Anpassungsprozesses an die Aufnahmegesellschaft dienen, in dessen Verlauf sich die ethnische und religiçse Identitt wandelt, aber nicht zwangslufig aufgegeben werden muss. Dieser Akkulturationsprozess setzt soziale Interaktion mit der Mehrheitsgesellschaft, die Anerkennung ihrer grundlegenden Werte und Normen sowie die Bereitschaft voraus, den individuellen Lebensvollzug an ihnen zu orientieren. Islamische Milieus kçnnen sich jedoch unter dem Einfluss islamistischer Organisationen, ihrer Propaganda und Aktivitten, auch zu „gated communities“, d. h. zu geschlossenen, nach eigenen Normen und Regeln funktionierenden Enklaven in der deutschen Gesellschaft entwickeln. In diesem Fall wre von der Entstehung extremistischer – hier: islamistischer – Milieus i. S. ideologisch und auch materiell abgeschotteter Lebenswelten zu sprechen (Kandel 2005). Sie sind im Wesentlichen geprgt durch systematische Vermittlung islamistischer Positionen, d. h. verfassungsfeindlicher Einstellungsmuster und (mçglicherweise gewaltbereiter) Handlungsoptionen, aber auch durch den Aufbau von Parallelinstitutionen – etwa Bildungs- und Freizeiteinrichtungen-, durch die Ausbildung eigener Wirtschafts- und Arbeitsbereiche und durch das Bestreben, einen Geltungsbereich islamischen Rechts neben der Rechtsordnung des skularen Staates zu etablieren. Ihre Bedeutung fr islamistische Radikalisierungsprozesse liegt auf der Hand: Sie haben eine wichtige Funktion als „breeding grounds“ fr eine extremistische Sozialisation derjenigen, die in ihnen leben oder in sie hinein geraten. Der in der ffentlichkeit hufig in verschiedenen Bedeutungsnuancen gebrauchte, gleichwohl bislang m. W. nicht eindeutig definierte Begriff „Parallelgesellschaft“ zielt in diese Richtung. Legalistisch agierende islamistische Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland wie die IGMG oder die IGD und die ihr angeschlossenen Islamischen Zentren messen der Bildungsarbeit vor allem unter Kindern und Jugendlichen hohe Bedeutung zu. Sie stellen daher ein breites Bildungs- und Betreuungsangebot (Koran- bzw. Islamunterricht, Freizeiten, Kurse) bereit, das sowohl alters- als auch zielgruppenorientiert ist. Dabei ist oft schwer zu beurteilen, in welchem Umfang und in welcher Intensitt islamistische Positionen in die als „islamische Bildung“ prsentierten Angebote einfließen bzw. diese prgen. Gleichwohl hat die çffentliche Diskussion um den Unterricht an der „Kçnig Fahd-Akademie“ (KFA) in Bonn gezeigt, dass berechtigter Anlass zu der Sorge besteht, Teile der islamischen Bildungsarbeit in Deutschland kçnnten von islamistischen 230

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Positionen getragen sein, deren Erziehungsziele und Lerninhalte den Grundstzen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung widersprechen. Eine solche Erziehungsarbeit wirkt mindestens desintegrativ und fçrdert die Entstehung von Parallelgesellschaften. Islamistische Einflsse auch auf Bildungsangebote von Moscheevereinen sowie auf einzelne Einrichtungen oder Institute, die formal nicht einer islamistischen Organisation zugerechnet werden kçnnen, in denen jedoch dem islamistischen Spektrum zugehçrende Personen aktiv sind, mssen ebenfalls in Betracht gezogen werden. Die von der IGMG als grçßter islamistischer Organisation in Deutschland bereitgestellten zielgruppenorientierten Bildungs- und Freizeitangebote vor allem fr Kinder und Jugendliche sowie ihre sozialen Dienste sind es vor allem, die im Verdacht stehen, die Herausbildung islamistischer Milieus bzw. islamistischer Parallelgesellschaften zu befçrdern. Angesichts der dargestellten desintegrativen „negativen Identittspolitik“ sowie der ideologischen Tradition der Organisation ist die kritische Frage zu stellen, inwiefern diese Positionen leitend fr die pdagogische und soziale Arbeit der Organisation sind. Welche Werte, welches Welt- und Menschenbild werden im Koranunterricht, in Freizeitcamps oder in der Erziehungsberatung vermittelt? Die IGMG fordert in diesem Zusammenhang auch, den islamischen Religionsunterricht ihrer Prgung zum Inhalt der Lehrplne an çffentlichen Schulen zu machen. Muslimischen Schlerinnen und Schlern soll eine nach IGMG-Auffassung islam-konforme Verhaltensweise auch in der Schule ermçglicht werden. In çffentlichen Darstellungen argumentiert etwa die IGMG, ihr Angebot diene der Strkung der religiçsen und kulturellen Identitt, d. h. der Integration ohne Leugnung der eigenen Herkunft und Tradition. Nun ist dieser Konstruktion einer kollektiven „islamischen Identitt“ angesichts sich immer individuell gestaltender Integrationsprozesse schon allein deshalb zu misstrauen, weil sie als kompromissloser Gegenentwurf zu einer „anderen“, auch zu einer multiplen Identitt (etwa: Muslim und Deutscher) konzipiert ist. Dieser Maßgabe ist aber vor allem deshalb mit Skepsis zu begegnen, weil sich die Organisation nach wie vor der verfassungsfeindlichen „Milli Gçrs¸“-Ideologie verpflichtet sieht, das Erziehungsziel „islamische Identitt“ im Fall der IGMG mit der Ablehnung der Integrationspolitik der Bundesregierung einhergeht (die als „Assimilationspolitik“ diskreditiert wird) und die deutsche Mehrheitsgesellschaft von der Organisation durchgngig als moralisch minderwertig beurteilt wird. Im Zusammenhang der Frage nach dem Beitrag der IGMG zur Entstehung islamistischer Milieus ist auch die Untersttzung in juristischen Fragen zu erwhnen, die die Organisation trkischen Muslimen zur Verfgung stellt. Seit einiger Zeit unterhlt sie dazu eine eigene Rechtsabteilung. Die Organisation gewhrt Rechtsbeistand bei Konflikten mit der Schule (z. B. in Fragen der Teilnahme am Sexualkundeunterricht sowie am koedukativen Schwimm- und Sportunterricht), aber auch bei Problemen am Arbeitsplatz (z. B. wegen der Einrichtung von Gebetsru231

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men oder der Freistellung an islamischen Feiertagen); außerdem bert die IGMG ihre Mitgliedsvereine im Miet-, Immobilien-, Vereins- und Baurecht. Diese Aktivitten kçnnen nicht losgelçst von den dargestellten ideologischen Grundlagen und politischen Zielen der Organisation als neutrale Wahrnehmung des verfassungsmßigen Rechts auf juristische Vertretung berechtigter muslimischer Interessen und auf „kulturelle Differenz“ bewertet werden. Sie sind vielmehr praktische Auslufer der relativierenden Auslegung der deutschen Rechtsordnung bzw. ihres Geltungsbereichs seitens der IGMG und Indizien dafr, dass es der Organisation nicht um die Herstellung einer – pluralistisch verstandenen – gesellschaftlichen Einheit von Muslimen und Nichtmuslimen geht, sondern um ein mçglichst rechtsgleiches Nebeneinander von Mehrheit und Minderheit. Das juristische Untersttzungsangebot in seiner Gnze zeigt, dass die IGMG bestrebt ist, grçßtmçgliche Freirume fr eine an der Scharia orientierten Rechtsauslegung zu schaffen bzw. einzufordern. In der Tendenz kçnnen diese Bestrebungen auf die Entstehung autonomer Rechtsrume hinauslaufen und damit ein wesentliches Merkmal islamistischer Milieus herausbilden, in denen die von der demokratischen Rechtsordnung gewhrten individuellen Menschen- und Grundrechte am Maßstab des islamischen Rechts gemessen und zu Gunsten des letzteren relativiert oder gar außer Kraft gesetzt werden. Durch die Ausprgung parallelgesellschaftlicher Strukturen wie den skizzierten werden islamistische Radikalisierungsprozesse insofern gefçrdert, als eine ideologie- und propagandagesttigte soziale Lebenswelt geschaffen wird, in denen die Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft systematisch und kontinuierlich verhindert werden. Die ethnozentrisch-ideologische Abschottung vor allem junger Muslime, ihre Erziehung zur Ablehnung der deutschen Gesellschaft und der demokratischen Institutionen des deutschen Modells, die Verpflichtung der hier aufwachsenden jungen Trken und Trkinnen auf nicht hinterfragbare Werthaltungen und Verhaltensstandards kçnnte fr die Zukunft ein nicht unerhebliches politisches und gesellschaftliches Konfliktpotenzial bergen

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Ausblick: Zur Notwendigkeit interdisziplinrer und vergleichender Forschungsanstze

Islamismus und islamistischer Terrorismus sind bislang in Deutschland weitgehend als neuartiges, von anderen, hier bekannteren „indigenen“ Extremismusformen zu unterscheidendes Phnomen behandelt worden. Im Bezug auf seine ideologischen Positionen wurde und wird der Islamismus weitgehend am Maßstab des „klassischen“ Islam, seiner Terminologie und seiner Geschichte gemessen und analysiert. Diese Engfhrung hat tendenziell dazu gefhrt, den grundlegenden sozialen und politischen Ursprung und Kontext der islamistischen Ideologie (als moderner totalitrer Ideologie) zu vernachlssigen und sie vorrangig als (fehlgeleitete) Politisierung der Religion zu beschreiben. Es liegt jedoch – im Blick auf islamistische Sozialisationsprozesse vor allem junger Muslime in den 232

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europischen Lndern – nur partieller Erkenntniswert etwa in der Feststellung, welche ideengeschichtlichen Wurzeln Salafiya/Wahhabiya oder Jihadismus haben oder inwiefern sie sich aus Koran und Sunna ableiten lassen, wo sie im Kontext „der“ autoritativen islamischen Rechtsauslegung zu verorten sind. Entscheidend ist, dass diese und andere islamistische Positionen – vereinfacht und parolenhaft vermittelt – soziale und politische Wirkmchtigkeit entfalten. Sie bieten offenkundig in Europa geborenen jungen Muslimen Orientierung und Identifikation, lassen sie anfllig werden fr Radikalisierungsbestrebungen islamistischer Akteure und kçnnen sie letztlich zu gewaltsamen Aktionen motivieren. Islamismus kann also nicht hinreichend von seinem ideologischen Gehalt her und im Kontext der klassischen islamischen (Rechts-)Geschichte allein verstanden werden. Das Phnomen muss auch unter dem Aspekt seines sozialen Resonanzraums, d. h. der politischen und sozio-çkonomischen Entstehungsbedingungen fr den Islamismus als moderner sozialer und politischer Bewegung analysiert werden. Das gilt zunchst fr die Ursprungslnder in der islamischen Welt, in denen der Islamismus als Befreiungsideologie und Protestbewegung, z. T. mit sozialrevolutionren Zgen, entstanden ist. Das Untersuchungsterrain muss jedoch erweitert werden auf die europischen Lnder, in denen große muslimische Migrantengemeinschaften existieren. Islamismus kann weder von seiner ideologischen noch von seiner sozialen Komponente weiterhin ausschließlich als problematischer Import aus der Trkei oder dem Nahen Osten beschrieben werden; er entsteht in den europischen Gesellschaften selbst. Daraus ist nicht abzuleiten, dass die ideologiekritische Auseinandersetzung mit den islamistischen Klassikern oder mit den Chefideologen islamistischer Gruppierungen von lediglich akademischem Interesse wre. Das Wissen um die Verortung der jeweiligen Akteure im islamistischen Ideologiespektrum ist vielmehr vor allem im Blick auf die damit verbundenen taktischen Grundsatzentscheidungen (aktive Beteiligung bzw. Untersttzung des globalen Jihad, Begrenzung der gewaltsamen Aktionen bzw. ihrer Untersttzung auf regionale Aktionsrume zwecks Beseitigung „unislamischer“ Regierungen, legalistische Strategie i. S. einer allmhlichen Vernderung des politischen und gesellschaftlichen Systems durch politische Partizipation und Erziehungsaktivitten) der jeweiligen Organisationen und Gruppierungen erforderlich. Dieser Ansatz muss jedoch ergnzt werden um wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse ber die sozialstrukturellen Rahmenbedingungen, die islamistische Radikalisierungsprozesse in Deutschland und anderen europischen Staaten fçrdern kçnnen, also durch eine sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Perspektive auf die potenziellen Rezipienten (soziale Lage, Bildungsgrad, rechtlicher Status in den Einwanderungsgesellschaften, Integrationsgrad bzw. -defizite, wirtschaftliche Situation etc.). Es stellt sich die Frage nach der Bedeutung individueller und kollektiver Demtigungs- und Marginalisierungserfahrungen, nach Aggressionspotenzialen und Identifikationsdefiziten vor allem junger Muslime der 2. und folgenden Migrantengenerationen, die eine gleichsam „zeitgeist233

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konforme“ Ideologie zu kanalisieren vermag. Aus diesen Erfahrungen resultiert eine Bedrfnisstruktur, die von islamistischen Organisationen/Bewegungen und ihrem Ideologie- und Sinnstiftungsangebot bedient werden kann. In diesem Zusammenhang wre auch ber den individualpsychologischen Vorgang des islamistischen „Erweckungserlebnisses“ und die folgende Verhaltensnderung nachzudenken und zu forschen, die Eltern, Freunde oder Lehrer retrospektiv bei spteren Attenttern erinnert haben. Nach dem van Gogh-Mord pldierte der niederlndische Schriftsteller Leon de Winter fr eine kulturanthropologische Sicht auf die lange nicht wahrgenommenen kulturell-lebensweltlichen Probleme muslimischer Einwandererfamilien (de Winter 2004). Aus einer solchen Perspektive wrden ethnisch tradierte, z. T. vor-islamische Werte und Normen – wie etwa verbindliche Verhaltensmuster von Ehre, Schande und Rache – verstrkt als motivierende Elemente des islamistischen Radikalisierungsprozesses bercksichtigt werden. Die systematische Auseinandersetzung mit den sozialpsychologischen Rezeptionsbedingungen islamistischer Ideologie in den westeuropischen Lndern steht m. W. weitgehend aus. Sie wre insbesondere im Blick auf die Entstehung eines indigenen europischen Islamismus erforderlich. Die vertiefte Auseinandersetzung mit islamistischen Radikalisierungsprozessen kçnnte weiterhin profitieren von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen und Wissen der Sicherheitsbehçrden ber Gruppenbildungsprozesse und Gruppendynamiken, Ideologietransfer sowie die Integrationsmechanismen z. B. linksund rechtsextremistischer Gruppierungen bzw. ihrer Klientel. Auch die vergleichende Ideologieanalyse – z. B. hinsichtlich der Adaption eines simplifizierten und popularisierten Marxismus-Leninismus als „politischer Religion“ (Riedel 1997) in den studentischen Milieus der 1970er und 1980er Jahre – kçnnte hier nutzbringend sein, ohne die Andersartigkeit und den spezifischen religiçs-kulturellen Gehalt der islamistischen Ideologie und die Tatsache zu vernachlssigen, dass sich die verschiedenen Extremismusbereiche in Zielsetzung, Mitgliederbzw. Anhngerstruktur, Organisationsstruktur und Kampftaktiken unterscheiden. Aus vergleichender sozialwissenschaftlicher und ideologiekritischer Perspektive wre islamistische Radikalisierung mçglicherweise als (historisch jngste) Variante extremistischer Radikalisierungsprozesse generell zu betrachten. Von einer interdisziplinren und vergleichenden Betrachtungsweise kçnnten die Verfassungsschutzbehçrden profitieren, aber auch ihren eigenen Beitrag leisten. Sie ist m. E. die Grundlage jeder prognostischen Empirie.

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Literatur de Winter L. [2004] Vor den Trmmern des großen Traums. In: DIE ZEIT, 48. die tageszeitung [2004] 5. Februar 2004, 1. Heckmann F. [2002] Islamische Milieus: Rekrutierungsfelder fr islamistische Organisationen? Vortrag auf dem 1. Symposion des Bundesamtes fr Verfassungsschutz, „Politischer Extremismus in der ra der Globalisierung“, am 20. Juni 2002. Jesse E., Pfahl-Traughber A., Meyer Th., Puschnerat T. [2004] Feindbilder im politischen Extremismus. Gegenstze, Gemeinsamkeiten und ihre Auswirkungen auf die Innere Sicherheit. 2. BfV-Symposion am 1. Oktober 2003. Kçln. Kandel J. [2005] Organisierte Muslime in Deutschland zwischen Integration und Abgrenzung. In: Senatsverwaltung fr Inneres/Abteilung Verfassungsschutz (Hg.) Islamismus – Diskussionen eines vielschichtigen Phnomens. Berlin: 60–78. Kowalski M. [2005] Dawa und Jihad als Bedrohungen des demokratischen Rechtsstaates – Analyse, Hintergrnde und Handlungsperspektiven. In: Radikalisierungsprozesse und extremistische Milieus. Ein Symposion des Bundesamtes fr Verfassungsschutz, 4. Oktober 2004. Kçln: 77–82. Krçnig J. [2005] Unter Druck. In: DIE ZEIT, 28. News of the World [2005] Young, clever . . . and British. In: News of the World vom 10. Juli 2005. Riedel K.-G. [1997] Der Marxismus-Leninismus als politische Religion. In: Maier H., Schfer M. (Hg.) Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs. Band 2. Paderborn u. a.: 75–128. Sageman M. [2004] Understanding Terror Networks. Philadelphia. Tibi B. [2004] Der neue Totalitarismus: „Heiliger Krieg“ und westliche Sicherheit. Darmstadt.

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Werner Schiffauer

Verfassungsschutz und islamische Gemeinden1

Dem Verfassungsschutz kommt in der Auseinandersetzung um den islamistischen Terrorismus eine Schlsselfunktion zu. Er ist, vor allem seit dem 11. September, zum entscheidenden Ansprechpartner fr Politik, Verwaltung und ffentlichkeit geworden, wenn es um Fragen des Umgangs mit dem Islam und dem Islamismus geht. Man vertraut den Verfassungsschutzberichten, was die in ihnen vorgetragenen Fakten und vorgenommenen Einschtzungen betrifft. Auf diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Bedeutung, wie objektiv das Wissen ist, das vom Verfassungsschutz erarbeitet und zur Verfgung gestellt wird. Welche Art von Wissen wird produziert, wie wird es produziert, wo liegen seine Grenzen und was sind potenzielle Fehlerquellen? Meine These ist, dass nur eine Beantwortung dieser Fragen, eine Einschtzung der vom Verfassungsschutz erhobenen Informationen ermçglicht und einen verantwortlichen Umgang mit ihnen erlaubt. Jede Organisation produziert ein fr sie charakteristisches Wissen: Das Wissen in einem wirtschaftlichen Unternehmen unterscheidet sich deutlich von dem im Justizapparat oder bei Sicherheitsbehçrden. Fr die Untersuchung dieses organisationsspezifischen Wissens hat es sich bewhrt, von Grundunterscheidungen auszugehen, mit denen von diesen Organisationen die Informationen ausgewhlt und geordnet werden. Diese Grundunterscheidungen leiten sich aus dem jeweiligen Organisationsziel ab: Bei Wirtschaftsunternehmen ist die zentrale Unterscheidung wirtschaftlich/unwirtschaftlich; bei Juristen Recht/Unrecht; im Sicherheitsapparat gefhrlich/ungefhrlich – und bei dem Verfassungsschutz eben verfassungsgemß/verfassungsfeindlich. Mit diesen Unterscheidungen wird ein Blickwinkel definiert, von dem aus ein vereinfachtes Bild von der Realitt erstellt wird. Diese Komplexittsreduktion ist notwendig, um handlungsfhig zu sein. Die entscheidende Frage ist nun, wie diese Grundunterscheidung in die Praxis umgesetzt wird: Wie wird sie operationalisiert und gefllt? Wie werden die Daten von jeweiligen Institutionen gesammelt und mit welchen Techniken und Methoden wird die Umwelt befragt?

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Die Umsetzung der Leitdifferenz verfassungsgemß/verfassungsfeindlich

In Bezug auf den Islam wird die Unterscheidung vom Verfassungsschutz von verfassungsgemß/verfassungsfeindlich in die Unterscheidung von Islam und Isla1 Das Material zu diesem Text beruht auf einer fast zwanzigjhrigen Auseinandersetzung ber islamische Gemeinden in Europa. Nach einer Beschftigung mit dem Kalifatsstaat, beschftige ich mich seit einigen Jahren intensiv mit der IGMG. Es liegt daran, dass viele in dem Text angefhrte Fakten sich mit dieser Gemeinde befassen.

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mismus bersetzt. Dies tritt unter anderem aus einem Positionspapier zu einer vom Bundesamt fr Verfassungsschutz geplanten Ausstellung „,Islamismus in Deutschland“ hervor. Das Papier unterscheidet zwischen dem Islam „als Religion“ und als „fundamentalistischer Ideologie“. Diese klare Unterscheidung, so heißt es im Text, soll einerseits dazu dienen, die Muslime in Deutschland von dem Generalverdacht fundamentalistischer Einstellungen zu befreien. Gleichzeitig soll sie die effektive Bekmpfung des Islamismus erlauben – und zwar in seinen verschiedenen Ausprgungen. Hier werden drei Kategorien unterschieden nmlich (1) islamistische Gruppierungen, „die einen panislamisch ausgerichteten ,Jihad (Heiligen Krieg) fhren und weltweit mit terroristischen Aktionen drohen“; (2) islamistischen Organisationen, „die die Gesellschafts- und Herrschaftsverhltnisse in den Herkunftslndern gewaltsam (mit terroristischen Aktionen oder Guerillakrieg) verndern wollen“ und (3) Organisationen, „die mit politischen Aktivitten islamistische Positionen auch im gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik Deutschland durchsetzen, mindestens aber Freirume fr organisierte islamistische Bettigung in Deutschland erlangen wollen.“ (Vorberlegungen zu einer Ausstellung des Verfassungsschutz zum Thema ,Islamismus in Deutschland; siehe auch den Text von Tania Puschnerat in diesem Band). Die letzte Position wird auch als „legalistischer Islamismus“ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass die Organisationen sich formal zur Verfassung der Bundesrepublik bekennen und sich an die Gesetze halten, die in einer Demokratie existierenden Freiheiten jedoch dazu benutzen wollen, die Ordnung langfristig auszuhebeln. An diesen berlegungen ist mehreres bemerkenswert. (1.) Es wird davon ausgegangen, dass sich eine klare Grenze zwischen Islam und Islamismus ziehen lsst. „Islam als Religion steht den demokratischen und rechstaatlichen Prinzipien in Deutschland nicht entgegen. Der Islamismus – sowohl in seiner gewaltorientierten als auch in seiner legalistischen Ausprgung – entspricht hingegen nicht den Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung“ heißt es im zitierten Konzeptionspapier. Gerade die Annahme einer klaren Grenze ist jedoch mehr als zweifelhaft. Sie enthlt die soziologisch unplausible Annahme, dass es keinen bergang zwischen „Islamismus“ und „Islam im eigentlichen Sinn“ gibt. Schon die Terminologie „legalistischer Islamismus“ legt die Annahme einer Grau- bzw. bergangszone viel nher als die einer scharfen Grenze. Die Annahme einer klaren Grenze leugnet, dass es einen großen Bereich gibt, in dem man von Ambivalenzen ausgehen kann. Diese Ambivalenzen kçnnen folgende Formen annehmen: 1) Eine Organisation kann sich in einem Wandlungsprozess befinden: In der Geschichte (und gerade in der Kirchengeschichte [vgl. hierzu vor allem Niebuhr 1987]) gab es immer gesellschaftsfeindlich-umstrzlerische Organisationen, die sich in gesellschaftsbejahende Organisationen verwandelt haben. Whrend dieser bergansprozesse treten regelmßig revolutionre und reformistische Flgel einander gegenber. 2) Gerade Migrantenor238

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ganisationen kçnnen in der Diaspora demokratische Freiheiten bejahen und schtzen, kçnnen aber gleichzeitig in Bezug auf das Herkunftsland fr eine revolutionre Umgestaltung eintreten: Dies war bei vielen muslimischen Gemeinden der ersten Generation der Fall. 3) Eine Organisation kann sich in Bezug auf Letztbegrndungen in einer Ambivalenz befinden: Dies ist bei allen orthodoxen Positionen der Fall, die an der absoluten Offenbarung – und damit an der letztlichen Souvernitt Gottes – festhalten, aber gleichzeitig nach Wegen der Umsetzung innerhalb der Gesellschaftsordnung suchen. (2.) Die zweite Annahme des Verfassungsschutzes besteht darin, dass es diakritische Merkmale gibt, die die eindeutige Zuordnung einer Gruppe zur einen oder anderen Kategorie erlauben. Auch in dieser Hinsicht wirft der „legalistische Islamismus“ besondere Probleme auf. Es ist angesichts der in der Verfassungsschutzberichten aufgefhrten Argumente beispielsweise schwer nachvollziehbar, warum die IGMG als einzige trkische Gemeinde erwhnt wird. Die angefhrten Argumente (wie die Suche nach einem schariakonformen Leben oder die Einrichtung eigener Bildungseinrichtungen), treffen auch auf andere islamische Gemeinden (und manchmal sogar in hçherem Maße) zu. Was die konkrete Einordnung betrifft, so gibt auch zu denken, dass die gleiche IGMG, die in Deutschland als verfassungsfeindlich eingestuft wird, in den Niederlanden als Hauptansprechpartner der Regierung akzeptiert wird. (3.) Ein Ausdruck dieser Suche nach Klarheit ist der Versuch, numerische Przision herzustellen. So kursiert die Zahl von 30.500 Islamisten. Die Zahl wird weiter nicht erlutert. Sie scheint sich aus der Addition der Mitgliederzahlen der als islamistisch klassifizierten Organisationen zu ergeben. Eine derartige Zahl zu nennen, stellt eine Radikalisierung der Annahme von diakritischen Merkmalen dar. Es wird suggeriert, dass jedes Mitglied einer Organisation die als verfassungsfeindlich klassifiziert wird auch verfassungsfeindlich ist. Die Mçglichkeit einer zuflligen Mitgliedschaft (die sich etwa ergibt, weil man ber Freunde und Verwandte in einer Organisation hineingerutscht ist); die Mçglichkeit, dass man sich Organisationsziele nur teilweise aneignen kann und schließlich die Mçglichkeit, dass ein Mitglied einer innergemeindlichen Opposition angehçrt, wird damit zumindest implizit geleugnet. Dieses Zurechnungsverfahren hat inzwischen weitgehende Konsequenzen: Mitgliedern der Islamischen Gemeinschaft Milli Gçrs¸ oder der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) wird inzwischen die Staatsbrgerschaft verweigert. Die bislang bliche Einzelfallprfung, ob tatschlich ein Antragsteller diesbezglich aktiv wurde, findet bei den Einwanderungsbehçrden in manchen Bundeslndern (Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz) nicht mehr statt. Der Verfassungsschutz versucht die Schwierigkeiten, die eindeutige Zuordnungen aufwerfen, zu lçsen, indem er die Klassifikation immer mehr verfeinert. Be239

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merkenswert ist beispielsweise die erst krzlich eingefhrte Unterscheidung zwischen Islamismus und islamischem Fundamentalismus, „der lediglich die Ausrichtung des persçnlichen Lebens nach islamischen Glaubensfundamenten“ (Puschnerat in diesem Band) bezeichne. ber die Einfhrung derartiger Subkategorien wird das Klassifikationssystem immer filigraner – ohne dass damit das prinzipielle Problem von binren Klassifikationen gelçst wird. Die Bildung immer neuer Subkategorien, hat einen wichtigen Nebeneffekt. Jede neue Subkategorie verfestigt die ursprngliche Unterscheidung prinzipiell weiter. Sie erscheint immer natrlicher, selbstverstndlicher – und damit unanfechtbarer. Was zunchst das legitime Interesse einer deutschen Behçrde ist – nmlich eine im 7. Jahrhundert entstandene Offenbarungsreligion daraufhin zu befragen, wie weit Strçmungen, die aus ihr heraus entstanden sind, kompatibel mit einer Verfassungsordnung des zwanzigsten Jahrhunderts sind – gerinnt zunehmend zur Eigenschaft der Sache an sich, also der Religion selbst. Es erscheint fast selbstverstndlich, nun zwischen einem wahren bzw. richtig verstandenen Islam und einem falsch verstandenen beziehungsweise als politischer Ideologie missbrauchten Islam zu unterscheiden. Ein Beleg fr diese Naturalisierung ist etwa die bemerkenswerte Selbstverstndlichkeit, mit der deutsche Politiker Muslime belehren, was islamisch ist und was nicht. Die Frage stellt sich natrlich, warum der Verfassungsschutz daran festhlt, eindeutige Grenzen zu ziehen – und in seinen Berichten nicht von Grauzonen spricht. Die plausibelste Antwort ist, dass sich dies nicht aus der Sache heraus ergibt (also aus einer Eigenschaft der islamischen Gemeinschaft heraus), sondern aus politischen und administrativen Grnden heraus erfolgt. Das brokratische Handeln im modernen Staat erfordert klare Kategorien – und wenn diese in der Realitt nicht existieren: Umso schlechter fr sie! (Siehe hierzu die berlegungen von Zygmunt Bauman 1991 und Scott 1998). Grauzonen werden nur ausnahmsweise zugelassen, nmlich dann wenn kein Handlungsbedarf besteht. Wird ein solcher jedoch gesehen (oder eingefordert), wie es bei Bedrohungslagen immer der Fall ist, dann wird schnell der Ruf nach klaren Kategorien laut, um Maßnahmen treffen zu kçnnen. Wenn der Verfassungsschutz also an der Klarheit der Grenzen festhlt, trgt er primr politischen und gesellschaftlichen Forderungen an ihn Rechnung. Gleichzeitig muss er jedoch die politische Natur der Grenzziehung verschleiern. Damit die besondere Behandlung einer Bevçlkerungsgruppe (also beispielsweise die Verweigerung der Staatsbrgerschaft) als gerechtfertigt erscheint, muss so getan werden, als ergben sich die Grenzen aus der Sache selbst. Nur dann haben sie vor Gericht bestand. Gerade aber diese Notwendigkeit, knstliche Trennungen als sachliche auszugeben, prgt nun die inhaltliche Arbeit der mter.

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Die Arbeit der Kategorisierung

Die Annahme einer klaren Unterscheidungsmçglichkeit von verschiedenen Kategorien von Gruppen und Subgruppen strukturiert nun die praktische Informa240

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tionsbearbeitung. Diese besteht in der Sammlung und Auswertung von Daten mit der Absicht, einen berblick ber Ziele und Aktivitten von verfassungsfeindlichen Gruppen zu bekommen. Auf Grund dieser Informationen wird eine Organisation in das Kategorienraster eingeordnet. Einige Gruppen werfen dabei kein Problem auf. Sie sind explizit revolutionr und lassen wenig Zweifel an den Methoden, die sie zum Erreichen ihrer Ziele einzusetzen gedenken. Interessanter ist die Informationsbearbeitung in den Grau- und bergangszonen. Hier legt die politische Notwendigkeit, Eindeutigkeit herzustellen einen bestimmten Umgang mit den Daten nahe. In diesem Bereich scheint eine Logik zu greifen, die – wie Ulrich Oevermann (1994) gezeigt hat – hufig die Praxis der Polizeiarbeit bestimmt. Es ist – etwa bei einem Bankberfall – in der Regel nicht so, dass die Polizei sozusagen unvoreingenommen ermittelt und dann den Tter herausfindet. Sondern sie ersetzt dieses als zu aufwendig eingeschtzte Verfahren dadurch, dass sie in eine Richtung ermittelt. Sie hat einen Tterverdacht und arbeitet dann daran, die jeweilige Person zu berfhren. Ebenso scheinen die Verfassungsschtzer in ihrer praktischen Arbeit weniger von außen und unvoreingenommen einen Fall zu prfen, als dass eine Gruppe aus der Grauzone, aus welchen Grnden auch immer, in den Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit gert. Der Verfassungsschutz beginnt dann akribisch Spuren zu ermitteln, die den Verdacht belegen. Da sich diese Gruppen eingestandenermaßen verfassungskonform ußern, sucht man besonders nach Indizien, die auf eine latente Botschaft hinter der manifesten Aussage hindeuten – so dass man dieser Gruppe ihre „eigentlichen“ Ziele nachweisen kann. Dieses Verfahren birgt einige Probleme. Zum einen fhrt es leicht zu einer Einseitigkeit der Wertung. Die Argumente, die fr und diejenigen, die gegen eine Zuordnung zur Kategorie „verfassungsfeindlich“ sprechen, werden nicht neutral gegeneinander abgewogen und gewichtet. Fakten, die in das vorgefasste Bild einer verfassungsfeindlichen, straff gegliederten Organisation passen, werden angefhrt. Andere werden dagegen einfach bergangen. Ausfhrlich dargestellt werden beispielsweise antizionistische und antisemitische ußerungen, die aus dem Umkreis der trkischen Schwesterorganisation (der Saadet Partisi unter der Fhrung von Necmettin Erbakan) stammen; keine Erwhnung findet dagegen, dass Milli Gçrs¸ Europa in Presseerklrungen antisemitische Ausschreitungen verurteilt2 oder dass Moscheegemeinden jdische Gemeinden zu Iftar Essen im Ramadan einladen. Auch wird bei Fakten, die unterschiedliche Interpretationen zulassen, regelmßig die denkbar problematischste Interpretation gewhlt. So wirbt die IGMG fr die Annahme der deutschen Staatsbrgerschaft. Dies kçnnte als Bekenntnis zur Integration verstanden werden, wird jedoch als Unterwanderung gewertet (Verfassungsschutzbericht Bayern). Wenn die IGMG sich nach dem 11. September kritisch zu dem isla2 Die Erwhnung in dem Text von Puschnerat in diesem Band ist der erste diesbezgliche Hinweis, der in einer Publikation des Amtes (oder einer seiner Mitarbeiter) enthalten ist.

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mischen Terrorismus ußerte, wird dies nicht als Distanzierung von Terror gewertet, sondern als taktisches Mançver interpretiert, um dem Organisationsverbot zu entgehen (Verfassungsschutzbericht Nordrhein-Westfalen 2002). Wenn die IGMG ein umfangreiches Freizeit- und Weiterbildungsangebot macht, wird dies mit dem Ziel begrndet, es ginge der IGMG darum, „Kinder und Jugendliche vom ,Einfluss der westlichen Gesellschaft“ fernzuhalten. Unerwhnt bleibt, dass die IGMG in ihren Moscheen flchendeckend Nachhilfeunterricht anbietet, mit dem erklrten Ziel, die Jugendlichen in die hçheren deutschen Schulen zu bringen. Abweichende ußerungen – etwa seitens der IGMG Europa und der in der Trkei erscheinenden Milli Gazete – werden in der Regel als Hinweis auf Doppelzngigkeit gewertet: Verfassungskonforme Bekenntnisse seien fr die Ohren der ffentlichkeit bestimmt – die eigentliche (und an die Anhnger gerichtete) Meinung komme aber in den ußerungen der Milli Gazete zum Ausdruck. Die Mçglichkeit, dass in solch unterschiedlichen ußerungen auch Flgelkmpfe zwischen einer mit zunehmenden Selbstbewusstsein sich artikulierenden europischen Fraktion der zweiten Generation und den trkischen Vertretern der Milli Gçrs¸ zum Ausdruck kommen, wird nicht diskutiert.3 Eine zweites Problem bei der berfhrungslogik liegt darin, dass es leicht zu berprfungsasymmetrien kommt. Informationen, die dem vorgefassten Verdacht entsprechen, also „ins Bild passen“, werden offenbar weniger genau berprft als Informationen, die ihm widersprechen. Hierbei kommt es zu systematischen Fehlern, die sich gerade in Bezug auf den legalistischen Islam hufen. Bei meinen Forschungen zur Islamischen Gemeinde Milli Gçrs¸ bin ich auf zahlreiche Fehler gestoßen – von bersetzungsfehlern, falschen Zitierungen, Verdrehungen des Wortsinns bis hin zu Verdrehungen durch Auslassungen. Da es sich bei allen um Fehler zu Ungunsten der Milli Gçrs¸ handelte, lassen sie sich nicht alleine durch Schlampigkeit erklren. Eine Auflistung dieser Fehler in einem Artikel in der ZEIT (Nr. 48 vom 18.11.2004, 8) blieb vom Verfassungsschutz unwidersprochen. Ein drittes Problem ist, dass bloße Hinweise auf mçgliche Verbindungen und Beziehungen leicht als Fakten gewertet werden. Der Nachweis, ob dabei eine tatschliche Einflussnahme stattgefunden hat beziehungsweise welcher Art sie war, wird oft nicht gefhrt.

3 Die Erfahrung einer extrem selektiven Lesart des Verfassungsschutzes musste auch der Autor dieses Textes machen. In einer Stellungnahme zu einem Gutachten, das ich im Zusammenhang eines Einbrgerungsverfahren der Stadt Gladbeck erstellte, schaffte es der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen die enthaltene Aussage von Kopf auf die Fße zu stellen, indem er aus einem abgewogenen Gutachten ausschließlich die Passagen zitierte, die ins Konzept passten (Verwaltungsgericht Gelsenkirchen AZ 17 K 5862/02).

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Ein besonders deutliches Beispiel fr eine solche Querverbindung ist folgendes Zitat aus dem Tagesspiegel: „Fr den Verfassungsschutz steht fest, dass es enge Verbindungen [von der Muslimischen Jugend zu islamistischen Organisationen] gibt. So sei der Verein im ,Haus des Islam gegrndet worden, einer Organisation, die Mitglied im Zentralrat der Muslime ist. Der Zentralrat wiederum sei eine Dachorganisation, zu der auch die Islamische Gemeinschaft gehçre und die werde von Anhngern der fundamentalistischen Muslimbruderschaft beeinflusst. Guggenberger berichtete weiter, ein MJ-Vorstandsmitglied sei der Bruder des Vorsitzenden der Islamischen Gemeinschaft“ (Susanne Vieth-Entus im Tagesspiegel vom 07.11.2003) Vorausgesetzt, dass der Verfassungsschutz hier korrekt zitiert wird, so wird als Beleg fr enge Verbindungen angegeben, dass der Verein im Haus des Islam gegrndet wurde, der selbst in keinem Verfassungsschutzbericht erwhnt wird und von dem offen bleibt, ob er nur die Rumlichkeiten zur Verfgung gestellt hat. Dieser Verein ist allerdings Mitglied in einer Dachorganisation, ber die ebenfalls nichts negatives zu sagen ist, außer dass ihr wiederum eine Organisation angeschlossen ist, die von den Muslimbrdern „beeinflusst“ ist. Schließlich sei ein MJ Vorsitzender der Bruder des Vorsitzenden der Islamischen Gemeinde. Ein viertes Problem bei einer Arbeit, die auf berfhren angelegt ist, besteht darin, dass wahrnehmungskonstitutive Rahmungen4 produziert werden. Nur so lsst sich erklren, warum auch vçllig verfassungskonforme Aktivitten als Beleg fr verfassungsrechtlich bedenkliche Tendenzen gelten. So wird von Tania Puschnerat in diesem Band schon die Untersttzung von Mitgliedern in juristischen Fragen als Beleg angefhrt, dass parallelgesellschaftliche – und damit islamistische – Tendenzen verfolgt werden. Ein Hçhepunkt in dieser Hinsicht stellt der Hinweis auf problematische „Badehosen“ auf der homepage des Verfassungsschutzes Baden-Wrttemberg dar: „Trotz ihrer immer wieder zu vernehmenden Aussagen pro Integration liefert die ,Islamische Gemeinschaft Milli Gçrs¸ (IGMG) gerade auch mit den Freizeitangeboten an ihre Mitglieder Beispiele, die in die entgegengesetzte Richtung weisen . . . . Am 31. Mrz 2004 warb die IGMG-Jugendorganisation des Gebiets Dsseldorf in ,Milli Gazete fr eine Veranstaltung in einem Schwimmbad in Dsseldorf-Unterrath. Das Angebot richtete sich an mnnliche Jugendliche ab 11 Jahren, wobei das Bekleiden nach islamischer Vorschrift (hier: Badeshort, der den Kçrperbereich zwischen Bauchnabel und Knie bedeckt) zwingend war. Offensichtlich befindet es die IGMG als richtig, sich durch demonstratives Festhalten

4 Frames im Sinn von Goffman 1993.

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auch an solchen religiçsen Vorschriften, die sich hauptschlich auf den westlichen Bereich erstrecken, von der Mehrheitsgesellschaft deutlich abzusetzen.“ http://www.verfassungsschutz-bw.de/Abgelesen am 19.02.2005 Es spricht fr die Strke derartiger wahrnehmungskonstitutiven Rahmungen, dass diese ußerungen offenbar unbeanstandet die berprfungsmechanismen einer Organisation passiert haben. Auf diese Punkte angesprochen reagieren Verfassungsschtzer mit einem Hinweis auf den gesellschaftlichen Auftrag des Amtes. Dieser bestehe darin, ein gesellschaftliches „Frhwarnsystem der Demokratie“ zu sein und bereits „im Vorfeld aktiv zu werden“, sobald „tatschliche Anhaltspunkte“ fr Verfassungsfeindlichkeit vorliegen. Der Verfassungsschutz sei das Misstrauen, das die Gesellschaft sich selbst gegenber zubillige. Dagegen wre nichts einzuwenden, wenn die wahrnehmungsverzerrenden Aspekte eines systematischen Misstrauens reflektiert wrden. Genau dies aber geschieht nicht.

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Das Sammeln von Daten

Wichtig fr die Einschtzung des Wissens, das im Verfassungsschutz produziert wird, ist schließlich die eingeschrnkte Datenbasis, auf die er zurckgreifen kann. Offenbar aus Sorge um Objektivitt und Wahrung von Unvoreingenommenheit ist der direkte Kontakt der Analysten mit den Personen, die observiert werden, untersagt. Auch ist dem Verfassungsschutz aus gesetzlichen Grnden nicht gestattet, breitangelegte Studien des „islamischen Milieus vorzunehmen“ (Puschnerat in diesem Band). Dies bedeutet, dass die Verfassungsschtzer auf indirekte, also meist schriftliche, Quellen bei ihrer Arbeit angewiesen sind. Verfassungsschutzarbeit ist in der Regel Lesearbeit. Damit sind der Interpretation von Daten zwei wichtige Grenzen gesetzt. Erstens: Nicht selten ist fr das Verstndnis eines Satzes die Reaktion der Umwelt entscheidend. Eine ußerung lsst sich nur dann verstehen, wenn man auch nachvollzieht, welche Handlung sie auslçsen soll – und wenn man versteht, welche Handlung sie tatschlich nach sich zieht. Jeder kennt das Phnomen der kumpelhaften Beschimpfung, das manchmal bei etwas rauhbeinigen Mnnerbeziehungen der Fall ist: Was spielerisches Beschimpfen, was ernstes Beschimpfen ist, lsst sich nur aus der beobachteten Praxis ablesen: Was lçst ein Sprechakt aus, wie wird er beantwortet? Dies ist besonders wichtig in Bezug auf Gemeinden, denen Doppelzngigkeit unterstellt wird: Ob ein Bekenntnis zur Verfassung strategisch auf die deutsche ffentlichkeit zielt oder ob sie eine genuine Position in einem Richtungskampf innerhalb der Gemeinde ist, lsst sich (wenn nicht widersprechende ußerungen der gleichen Person vorliegen) nur entscheiden, wenn man weiß, wie die Gemeinde diese ußerung liest. Wie lsst sich z. B. die ußerung von Oguz cnc in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung werten, in der er der Doktrin der Adil 244

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Dzen5 eine Absage erteilte? Fr die Beurteilung ist u. a. wichtig, dass nach dem Interview ußerungen aus der Fhrungsspitze der mit der IGMG verbundenen Berliner Gemeinden bekannt wurden, in denen diese ußerungen als „Verrat“ und als Abfall von der Position der Milli Gçrs¸ gewertet wurden. Die Positionierung von Oguz cnc wurde also eindeutig als Richtungsußerung und nicht als strategische ußerung gewertet – und zwar von Personen, die Funktionen innehaben. Viel lsst sich auch darber spekulieren, was es bedeutet, wenn in den Publikationen der IGMG von Gleichwertigkeit aber nicht von Gleichberechtigung der Geschlechter die Rede ist. Was damit genau gemeint ist – beziehungsweise auf welch unterschiedliche Weise diese Begriffe gefllt werden – lsst sich aber kaum aus den Texten ableiten. Hier wurde ich selbst Zeuge6, wie weibliche Aktivisten aus der Gemeinde derartige Formeln aufgriffen, um beim gleichzeitigen Festhalten an einer Differenz von Mann und Frau fr die Schulausbildung der Mdchen, gegen Zwangsehen, und fr die Beteiligung von Mnnern an der Hausarbeit und der Kinderbetreuung einzutreten. Sie bezogen sich auf den Begriff der Gleichwertigkeit, um Positionen zu vertreten, die von den zuhçrenden Mnnern als feministisch verstanden und zum Teil als viel zu weitgehend abgelehnt wurden. Kurz: Die Tatsache, dass der Verfassungsschutz aus Grnden, die er nicht zu verantworten hat, keinen Zugang zu derartigen Daten hat, msste eigentlich Zurckhaltung und Vorsicht gebieten – gerade wenn man sich zum Verhltnis von „Sagen“ und „Meinen“ ußert. Die zweite Grenze betrifft nicht den „Inhalt“, sondern die „Wirkung“ einer Aussage. Weil der Verfassungsschutz darber keine Daten erheben darf, ist er hier weitgehend auf Spekulationen angewiesen. Letztlich legt dies ein wissenschaftlich lngst nicht mehr haltbares Sender-Empfnger Modell nahe. Man vermutet, dass die Leser oder Hçrer einer Botschaft sie passiv rezipieren und sich mit ihr identifizieren, sich aber nicht aktiv mit ihr auseinander setzen. Wenn diese Perspektive von Rezipienten (also etwa den Einbrgerungsbehçrden oder Gerichten) unkritisch bernommen wird, kommt es zu entscheidenden Fehlurteilen. Die empirischen Studien, die sich beispielsweise mit der IGMG auseinander setzen, zeigen einen erheblichen Meinungspluralismus bei den Mitgliedern, der sich nicht erschließt, wenn man nur die Texte kennt. Tietze (2001) hat dies fr junge Mnner7, Klinkhammer (2000)8 und Nçkel (2002)9 fr junge Frauen gezeigt. 5 Die Ideologie der Adil Dzen (Gerechte Ordnung) wurde Anfang der 1990er Jahre von der damaligen Wohlfahrtspartei des Necmettin Erbakan adaptiert: Sie enthlt die Vision einer islamischen Staats- und Gesellschaftsordnung, in der das Verhltnis von Individuum zu Gesellschaft im Wesentlichen durch die Einbindung in Kçrperschaften wie Znften, Gilden, Religionsgemeinschaften reguliert ist. Die Absage an Adil Dzen erfolgte in der „FAZ am Sonntag“ vom 18. April 2004: Nr. 16, 4). 6 Bei der Tagung der europischen Gebiets- und Regionalleiter in Nassogne 2001. 7 Tietze ist bei ihrer Untersuchung zum IGMG Jugendclub in Wilhelmsburg auf Vertreter eines ethischen, utopischen, kulturalistischen und ideologischen Islamverstndnisses gestoßen. Die Verfassungsschutzberichte legen eine Lesart nahe, die jedem Mitglied ein Islamverstndnis unterstellen, das bei Tietze „ideologisch“ genannt wrde. 8 Siehe insbesondere die Fallstudie von „Mihriban“ S. 122 ff. 9 Siehe die Informationen zu „Aysel“, „Birgl“ und „Birzel“.

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Eine zweite Einschrnkung betrifft die Datenerhebung. Die direkte Kommunikation mit der Umwelt luft ausschließlich ber Informanten. Dies scheint aus mehreren Grnden problematisch. Zum einen sind die Motive von Informanten im harmlosen Fall Geldnçte, im problematischeren (weil zu grçßerer Verzerrung fhrenden) Fall Ressentiment (etwa, weil man bei der Befçrderung bergangen wurde). Eine ußerung wird aus dem Hçrensagen wiedergegeben. Sie kann weder von einer zweiten Quelle verifiziert werden, noch kann der Betroffene selbst zu ihr Stellung beziehen. Der Informant kann sich darauf verlassen, dass sein Bericht nur im inneren Kreis des Verfassungsschutzes zirkuliert. „Die ußerungen fallen oft im engsten Kreis von drei oder vier Personen. Wenn wir die ußerungen offen zitieren wrden, dann wrde es gleich klar, wer die ußerung weitergegeben hat“, teilte mir ein Verfassungsschtzer mit. Der Informant hat damit einen gewissen Spielraum, um zuzuspitzen und zu bertreiben: Er wird nicht mit der ußerung konfrontiert werden. Dies ist deswegen wichtig, weil man davon ausgehen kann, dass Informanten ein Interesse daran haben „im Geschft zu bleiben.“ Die beiden Einschrnkungen der Datenbasis sind sehr wichtig, als sie es erschweren, die wahrnehmungsleitenden Vorannahmen zu falsifizieren. Zusammenfassend lsst sich festhalten, dass das Wissen, das der Verfassungsschutz produziert, sehr spezifisch ist. Es handelt sich um klassifikatorisches Wissen, das daraus besteht, dass zugeordnet und eingeordnet wird. Ein derartiges Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass die Differenzen zwischen den Kategorien grçßer gemacht werden als sie sind und dass innerhalb der Kategorien Homogenitt konstruiert wird. Dabei tritt hinzu, dass die Zuordnung von Organisationen zu Kategorien durchaus tendenziçse Zge hat und zwar auf Grund des strukturellen Misstrauens, das zum Auftrag des Amtes gehçrt. Um die Besonderheit des vom Verfassungsschutz produzierten Wissens zu identifizieren, empfiehlt es sich auf die islamischen Gemeinden von einer anderen Perspektive und mit einem Verfahren zu sehen. Die Perspektive der Sozialwissenschaft (insbesondere der Anthropologie) ergibt eine Kontrastfolie, die zumindest deutlich macht, wie man das Feld des Islam auch betrachten kann. Sie wird es insbesondere ermçglichen, die Wirkung, die Verfassungsschutzberichte entfalten, einzuschtzen.

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Die islamische Suche

Die Anthropologie rekonstruiert ber ein hermeneutisches Verfahren die Binnenperspektive der Betroffenen. Sie findet dazu einen Zugang durch teilnehmende Beobachtung und qualitative Interviews. Bei der Interpretation der gesammelten Fakten, versucht sie die Fragen herauszuarbeiten, die die Suche der Glubigen leiten und von denen aus sich die einzelnen Positionen verstehen lassen, die zum

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Verhltnis von Offenbarung zur Gesellschaft eingenommen werden. Bei diesem Verfahren wird das Suchen von Weltbildern als Prozess begriffen. Zentral fr die islamische Ordnung – wie sie etwa in den Ritualen dargestellt und ausgedrckt wird – ist die Vision eines Zusammenhangs von „Gerichtet-Sein“, dem „Richtigen“ und dem „Gerechten“, wie sie in der Scharia ausgedrckt wird. Die Idee des Gerichtet-Seins meint die gemeinsame und geteilte Ausrichtung der Gemeinde auf Gott, wie sie in der Art und Weise, wie man Gott verehrt, sichtbar wird. Die – etwa in der Aufstellung zum rituellen Gebet oder in der Pilgerreise – aufscheinende schçne und wahrhaft menschliche Ordnung zeichnet sich durch Gleichheit, Respekt und generell einer Balance aus, in der Individuum, weitere soziale Gruppen (Familie, Gemeinde), die Glaubensgemeinschaft und die Gesellschaft als Ganze stehen oder stehen sollten. Die Vorstellung dieser Ordnung umfasst das Richtige – also den Bereich von Moral, Sitte etc. – und das Gerechte – die gesellschaftliche Ordnung. Die Aufgabe des Muslim ist es, fr diese Ordnung einzutreten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger besagt die Formel, dass man ein scharia-konformes Leben fhren will. Wenn man verstehen will, was dies im Alltag bedeutet, muss man sich klar machen, dass dieser Vision ein konzentrisch gestuftes Gesellschaftsbild unterliegt. Im innersten Kreis befindet sich das Individuum: Primr ist die Verantwortung fr einen selbst – die Verwirklichung des Islam im eigenen Leben, beziehungsweise die Islamisierung des Selbst; in einer zweiten Sphre kommt die Familie, in einer dritten die weiteren sozialen Beziehungen in Verwandtschaft und im Gemeinwesen und schließlich in der Gesamtgesellschaft. Dieser ußerste Kreis ist tatschlich der peripherste und oberflchlichste. Diese Vision stiftet nun einen hohen Grad einer inneren Verbindung zu Mit-Muslimen, die die gleiche Vision von Gerichtet-Sein, dem Richtigen und dem Gerechten teilen.10 Fr die Bedeutung der Scharia im Alltag ist nun entscheidend, wie diese Sphren zueinander in Beziehung gesetzt werden. Man lebt ja nicht alleine – wie weit aber geht die Verantwortung ber den Bereich des Individuellen hinaus? Wie ist sie gelagert in Bezug auf die anderen Familienmitglieder? Soll man sich darauf beschrnken, den Kindern den Islam vorzuleben und darauf setzen, dass man als Vorbild ausstrahlt oder soll man/muss man auch Grenzen setzen und gegebenenfalls Druck ausben – solange jedenfalls bis die Kinder alt genug sind, selbst zu entscheiden. Und wie sieht dies im weiteren sozialen Umfeld aus? Sollte man soziale Kontrolle – etwa in Bezug auf Kleidung ausben (um eine Nachahmungseffekt zu verhindern) oder sollte man diese Frage jedem einzelnen selbst (im Sinn seiner individuellen Verantwortung) berlassen? Sollte man das Schaffen is10 Eine deutsche Muslima, die das Defizit an Selbstkritik in den muslimischen Gemeinden sehr deutlich wahrnahm, artikulierte ihr eigenes Zçgern diesbezglich. Es gebe ein großes Gefhl der inneren Verbindung zu anderen Muslimen, die in der Art und Weise begrndet sei, wie man gemeinsam Gott verehre. Gegen diesen tief empfundenen Gemeinsamen seien Differenzen in Bezug auf die Gesellschaft nur zweitrangig und oberflchlich.

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lamischer Rume auf die Privatsphre beschrnken, solange die weitere Gesellschaft die Religionspraxis nicht einschrnkt (die Mehrheitsposition)? Oder muss es islamische Rume auch jenseits der Privatsphre geben, weil die Familie (und hier wiederum insbesondere die Kinder) alleine und fr sich dem Druck oder den Versuchungen der Mehrheitsgesellschaft hilflos ausgesetzt ist? Fr jede dieser Positionen gibt es Maximen und Rechtsgutachten (Fetwas). Die Positionen, die von den islamischen Gemeinden vertreten werden, lassen sich daraufhin befragen. Diese Fragen stellen sich natrlich deshalb, weil die weitere Gesellschaft nicht nur ein Rahmen ist, in dem man lebt, sondern weil sie immer wieder auf die Familie zurck wirkt. Man mag als Erwachsener gegenber ihren Einflssen gefeit sein – in Bezug auf die Kinder stellt sich das anders dar. Wie kann man sie schtzen gegenber den Gefhrdungen aus der Umwelt – also vor Drogen, Alkohol, sexueller Promiskuitt? Wie kann man verhindern, dass diese Einflsse, etwa ber den Internetzugang und das Fernsehen auch direkt im privatesten Raum der Familie ihren Einfluss entfalten. Diese Fragen stellen sich fr fromme Muslime auch in den Herkunftslndern; sie stellen sich mit besonderem Nachdruck auch in der Migrationssituation – nicht nur wegen der Differenz der Normen und Werte, sondern auch, weil viele Migranten ja in Vierteln leben (mssen), in denen auch deutsche Eltern hnliche Einflsse frchten. Hier stellt sich ganz zugespitzt und real die Frage, wie ein richtiges Leben im Falschen mçglich ist. Vieles, was wie Rckzug in parallelgesellschaftliche Strukturen aussieht, ist ein Versuch, diese ganz realen Herausforderungen irgendwie zu bewltigen. Diese Fragen gewinnen drittens an Brisanz angesichts eines verbreiteten Gefhls der Schutzlosigkeit der umma, der islamischen Weltgemeinschaft. Die deutsche Umwelt, in der eine Tendenz vorherrscht, Muslime als Aggressoren zu sehen, nimmt oft das Gefhl von Schwche, Hilflosigkeit und Bedrohung nicht wahr, das bei den meisten Muslimen dominiert. Dies Gefhl in einer ihnen feindselig gesonnenen Welt zu leben, gilt nicht nur weltweit – Muslime haben das Gefhl, die großen Verlierer der „neuen Weltordnung“ zu sein – dies gilt aber auch fr Deutschland. Hier existiert bei den Muslimen ein verbreitetes Gefhl, gesellschaftlichem Druck ausgesetzt zu sein. Viele Muslime nehmen dementsprechend eine defensive Grundhaltung ein. Die erste Generation der Muslime in Deutschland hatte bei dem Versuch, Antworten auf diese Fragen zu finden, die Trkei im Auge, in die sie frher oder spter zurckkehren wrden. Die Gemeinden und ihre Angehçrigen spalteten sich ber die unterschiedlichen Auffassungen, die in dieser Hinsicht formuliert wurden. Der von vielen Muslimen dieser Generation vertretene Islamismus entpuppt sich bei genauem Hinsehen als Traum der Erlçsung von der als leidvoll empfundenen Fremde. Nur eine Rckkehr zu ihren kulturellen Wurzeln (sprich dem Islam) wrde der Trkei erlauben, einen eigenen erfolgversprechenden Entwicklungsweg einzuschlagen und es den Migranten ermçglichen, zurckzukehren. 248

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Deutschland, beziehungsweise die deutsche Demokratie interessierte diese Generation kaum. Deutschland war nicht-islamischer Raum, den man lieber frher als spter wieder verlassen wrde. Fr die, nun immer deutlicher sich artikulierende, zweite Generation ist dagegen Europa zur Heimat geworden. Es ist ein existenzielles Anliegen dieser Generation, die Mçglichkeiten einer islamischen Existenz in einer nicht-islamisch geprgten Gesellschaft auszuloten. Der Islam muss als Minderheitenreligion neu gedacht werden. In ganz anderer und neuer Hinsicht mssen damit die oben aufgeworfenen Fragen angegangen werden. Lsst sich ein scharia-konformes Leben in einer christlich geprgten Mehrheitsgesellschaft fhren? Ist dies berhaupt denkbar, angesichts der jahrhundertenlangen geistesgeschichtlichen Tradition, in der – von beiden Seiten – Orient und Okzident, Islam und der Westen – sich als Gegensatz definiert haben? Ist in diesem Prozess eine individualistische – die individuelle Gewissens- und Religionsfreiheit betonende – Lçsung anzustreben oder besteht die Lçsung in der Schaffung von islamischen Rumen? Sollte man sich vielleicht auf den Kampf um Anerkennung berhaupt nicht einlassen, weil man die Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft nur um den Preis bekommt, dass man sich ihr anpasst und – sich unter Umstnden auch in Kernfragen – ihr unterordnet? Wie sieht man die Verantwortlichkeiten gegenber der Trkei, zu der man nach wie vor ein besonderes Verhltnis hat, auch wenn Deutschland inzwischen zur Heimat geworden ist? Wie ist es insbesondere um die Verantwortung gegenber der umma bestellt – der islamischen Weltgemeinde: Muss man als Muslim nicht ein schlechtes Gewissen haben, wenn man es sich an den Fleischtçpfen des (christlichen) Europas gut gehen lsst? Wie ich in einem krzlich erschienenen Text (Schiffauer 2004) gezeigt habe, bilden sich in der Suche nach Antworten hnliche Positionen heraus, wie sie sich in einer ganz hnlich gelagerten Situation auch im Judentum entfaltet haben. Eine individuierende Position betont, dass die Religion eine Sache zwischen dem Schçpfer und seinem Geschçpf ist – und deshalb strikt auf den Privatraum zu beschrnken ist. Diese Lçsung verzichtet auf die religiçse Durchdringung des weiteren Umfelds (oder beschrnkt sich auf einen indirekten Einfluss – etwa indem man als Vorbild wirkt ohne weiteren Druck auszuben). Die Strke dieser Position ist, dass sie am besten in die geistige Landschaft Europas passt; ihr Nachteil – aus der Sicht der anderen Positionen – ist, dass sie mçglicherweise dazu fhren kçnnte, dass sich der Islam in Europa assimiliert und letztendlich nur als „Kulturmuslimtum“, einer Art „grner Protestantismus“ berlebt. Dies wird nicht zuletzt deshalb als Gefahr gesehen, weil der Islam hierzulande unter besonderem Anpassungsdruck steht. Eine individuierende Position ist nicht in der Lage, einen Gegendruck aufzubauen. Eine kommunitaristisch neo-orthodoxe Position betont, dass der Islam im Wesentlichen Gemeindereligiositt ist. Sie betont kollektive Symbole (wie etwa das Kopftuch) und kollektive Rechte (wie das Schchten). Das Problem ist das 249

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Verhltnis von Scharia und Leben in einer nicht-islamischen Mehrheitsgesellschaft zusammen zu denken. Die Strke dieser Position ist, dass sie ein gewisses empowerment des Islam erlaubt. Ein Nachteil, der vor allem von den Kulturmuslimen hervorgehoben wird, ist das Problem sozialer Kontrolle und sozialen Drucks in den Binnenbeziehungen, die letztlich mit der individuellen Verantwortung nicht zusammen passen. Von den radikaleren Positionen (s. u.) wird diese Position wegen ihrer Inkonsequenz kritisiert: Der Versuch fr das Recht auf Differenz in einer nicht-islamischen Gesellschaft einzutreten, nçtige Vertretern dieser Position einen Schlingerkurs ab, bei dem auch wichtige islamische Positionen geopfert wrden. Eine ultraorthodoxe Position betont, dass man sich als Muslim in einer falschen Gesellschaft nicht einrichten darf. In ihrer weltfeindlichen Ausprgung pldiert sie fr Rckzug; in ihrer weltzugewandten Version dafr, die Gesellschaft als Basis fr eine islamische Revolution zu nehmen. Die Strke beider Positionen ist die logische Konsequenz, mit der das schwierige Verhltnis von islamischer Lebenswelt und weiterer Gesellschaft aufgelçst wird. In ihrer Radikalitt sind beide Positionen nur fr Minderheiten attraktiv. Dennoch gehen natrlich von der revolutionren Variante Gefahren aus. Aus islamischer Sicht wird die Rckzugoption insofern kritisiert, als das Herausoptieren letztlich der islamischen Verantwortung fr die Gesellschaft widerspricht. Der revolutionre Kampf wird andererseits deswegen kritisiert, weil er mit Elitarismus und Arroganz einher geht, die ihrerseits der Offenheit der Ordnungsvorstellungen widerspricht. Natrlich handelt es sich hier um Idealtypen, zwischen denen alle mçglichen Abschattierungen und bergnge existieren. Noch wichtiger ist es, dass keine dieser Positionen festgeschrieben ist. Sie entwickeln sich in der Interaktion mit der weiteren Gesellschaft stndig weiter – und junge Muslime gehen oft von einer Position in eine andere ber. In den einzelnen Gemeinden gibt es dementsprechend unterschiedliche Flgel, die in die eine und in die andere Richtung hin drngen. Welcher Flgel sich durchsetzt, wird auch davon abhngen, wie die Gesellschaft auf die Gemeinden reagiert. Gegenwrtig gibt in der IGMG etwa eine Gruppe den Ton an, die eine kommunitaristisch neo-orthodoxe Position betont und, unter Wahrung auf einem Recht auf Differenz, in die Gesellschaft drngt. Es gibt aber auch Fraktionen, die fr eine grçßere Abkapselung von der Mehrheitsgesellschaft drngen. hnliche Auseinandersetzungen zwischen Flgeln hatten in der Vergangenheit etwa bei den Islamischen Kulturzentren schon zu radikalen Richtungsnderungen gefhrt (Jonker 2002).

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Verfassungsschutz und islamische Gemeinden

Auf dieser Kontrastfolie drfte das Spezifische des Verfassungsschutzwissens deutlich werden. Man wird (zu Recht) einwenden, dass eine derartige Rekonstruktion der Binnensicht fr administratives und politisches Handeln wenig brauchbar ist – und zwar genau deshalb, weil staatliches Handeln klare Katego250

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rien bençtigt. Dennoch halte ich ein derartiges Wissen fr hilfreich: Nicht um die Kategorien zu ersetzen, sondern um ihre Relativitt zu verstehen und um einen adquaten Umgang mit ihnen zu erlauben. Anders formuliert: Man muss die Grenzen des vom Verfassungsschutz im Einklang mit seinem gesetzlichen Auftrag produzierten Wissens kennen, um mit seinen Informationen umzugehen. Hier ist nun wichtig, dass es seit dem 11. September die zwar verstndliche, aber nichtsdestoweniger problematische Tendenz gibt, Behauptungen in Verfassungsschutzberichten als „wahr“ zu unterstellen. Damit wird in weiten Bereichen der ffentlichkeit auf die bislang gebte und aus den dargestellten Grnden sehr sinnvolle Praxis verzichtet, die Fakten und Bewertungen der mter als Hinweise zu nehmen, die ihrerseits einer konkreten berprfung und Einschtzung bedrfen. Bereits die Tatsache, im Verfassungsschutzbericht erwhnt zu sein, wird als Verurteilung gewertet. Ein vorsichtigerer Umgang mit den eigenen Daten wird manchmal aus Kreisen des Verfassungsschutzes selbst gefordert. Allerdings verhalten sich die mter hier nicht ganz eindeutig. Die Rhetorik der Berichte ist eher die der autoritativen Beurteilung, als die eines Hinweises, Verdachts oder einer Vermutung. Da die Verfassungsschutzberichte fr bare Mnze genommen werden, entfalten sie eine stark performative Wirkung. Sie produzieren erst das, was sie vermeintlich nur abbilden. (1.) Die Abgrenzung gegenber der Mehrheitsgesellschaft nimmt zu, wenn das Prinzip der Verhltnismßigkeit außer Kraft gesetzt wird. Besonders deutlich ist dies wenn – unter Berufung auf Einschtzungen des Verfassungsschutzes – verdachts- und personenabhngige Kontrollen vor Moscheen durchgefhrt werden. Bei diesen Kontrollen werden naturgemß unbescholtene Brger einer polizeilichen Kontrolle unterworfen. Diese Kontrollen werden im hçchsten Maß als stigmatisierend und diskriminierend wahrgenommen – gerade auch, weil viele Muslime nach dem 11. September schlicht Angst haben, in Listen zu erscheinen. Derartiges staatliches Handeln trgt wesentlich zur wachsenden Distanz zur Mehrheitsgesellschaft bei: Allgemein wchst die Tendenz, sich in die Gemeinden zurck zu ziehen; vor allem bei jungen Gemeindeangehçrigen wchst eine Wut auf die Mehrheitsgesellschaft, die Nhrboden fr eine Radikalisierung sein kann. Eine katastrophale Folge wre es, wenn der Eindruck entsteht, dass man nicht mehr unbehelligt seinem Gottesdienst nachgehen kann. Fr konservative recht-glubige Muslime steht und fllt die Legitimitt einer skularen Ordnung damit, dass man seinem Glauben ungestçrt nachgehen kann. (2.) Potenzielle Gesprchspartner werden auch gegenber ihren eigenen Gemeinden demontiert. Wer fr Dialog eintritt, gert nicht selten in einen Rechtfertigungszwang gegenber denjenigen aus der Gemeinde, die einen ffnungskurs mit Skepsis beobachten, weil sie an einem Grundgegensatz von Islam und Westen festhalten. Diese kçnnen mit einiger Plausibilitt da251

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rauf hinweisen, dass sich die Absage an den Islamismus nicht auszahlt – und zwar deshalb nicht, weil der Westen einen wertekonservativen Islam letztlich auch dann nicht akzeptieren werde, wenn er sich zum skularen Rechtsstaats bekenne. Der Preis, der fr eine Anerkennung seitens der Mehrheitsgesellschaft zu entrichten sei, sei einfach zu hoch. Besonders katastrophal fr eine Integrationspolitik ist es, wenn durchaus verfassungskonforme Ttigkeiten in Verfassungsschutzberichten als Belege fr verfassungsfeindliche Bestrebungen angefhrt werden. Mit guten Grnden stellt sich dann der Eindruck ein, dass hier mit unterschiedlichem Maß gewertet wird. (3.) Zur Schwchung des Reformlagers tragen auch Abwanderungstendenzen vor allem bei bildungsbrgerlichen Gruppen bei. Dabei erfolgt der Abgang in zwei Richtungen. Eine Gruppe von radikaler gesinnten jungen Leuten, die der Meinung sind, man msse angesichts des gesellschaftlichen Drucks endlich Widerstand zeigen, verlsst die Gemeinden, die dem „legalistischen Islamismus“ zugerechnet werden, um sich radikaleren und konsequenteren Gruppen anzuschließen. Eine andere Gruppe, die eher auf eine Zukunft in dieser Gesellschaft baut, verlsst die Gemeinde, um den Erwerb der Staatsbrgerschaft nicht zu gefhrden oder berufliche Nachteile zu vermeiden. Auch durch diese Abwanderung werden zunehmend homogene Kategorien erzeugt. Durch die erste Gruppe wird das radikal-islamistische Lager gestrkt; durch die zweite wird die Gruppe, die am ehesten als Reformer in Frage kommt, geschwcht. (4.) Eine Politik des Drucks fhrt besonders dann zur Schwchung des Reformlagers, wenn im Namen des Bekmpfens des Islamismus Unrecht geschieht. Dies ist der Fall, wenn in Verfassungsschutzberichten offenkundige Fehler vorliegen. Dies ist aber auch der Fall, wenn gerade Personen, die aktiv in der Gemeinde sind, die Staatsbrgerschaft verweigert wird. Da mittlerweile von der Einzelfallprfung abgesehen wird, trifft dies auch Personen, die sich fr den interkulturellen Dialog eingesetzt haben.11 Es ist ebenfalls problematisch, wenn das Gefhl sich verbreitet, dass Anerkennung nur zum Preis der vçlligen Assimilation gewhrt wird. Bei einer Beibehaltung des Kurses der Verfassungsschutzmter und der Behçrden ist eine Radikalisierung des „legalistischen Islamismus“ nicht ausgeschlossen.

11 So war einer der Betroffenen der Entscheidung des Verwaltungsgerichts Wiesbaden, drei Mitglieder der IGMG aus der deutschen Staatsbrgerschaft zu entlassen, weil sie bei der Einbrgerung nicht angegeben hatten, einer verfassungsfeindlichen Organisation anzugehçren, ein Medizinstudent, der sich aktiv in der Jugendarbeit fr den Dialog eingesetzt hatte.

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Schluss Der Verfassungsschutz schaut auf die Landschaft aus einer bestimmten Perspektive und unter einer bestimmten Fragestellung. Diese Perspektive ist von seinem gesetzlichen Auftrag her vorgegeben. Dieses Papier untersucht nun, wie diese Perspektive die Wissensproduktion beeinflusst: Wie jede Perspektive rckt dieser Blick bestimmte Aspekte in den Vordergrund, rckt andere in den Hintergrund, macht einiges sichtbar und verdeckt anderes. Wie jede Perspektive ist auch die Gefahr einer gewissen Verzerrung nahe. Sie wird dadurch noch erhçht, als – um im Bild zu bleiben – aus gesetzlichen Grnden dem Verfassungsschutz der Gang durch die Landschaft verwehrt ist: Die Mitarbeiter drfen keinen direkten Kontakt mit den von ihnen observierten Personen aufnehmen. Der potenziell verzerrende Einfluss der Perspektive auf die Wahrnehmung ist besonders hoch in Grau- und bergangsbereichen. Bei den Extremen ist eine Fehleinschtzung unwahrscheinlicher. Es gibt ein doppeltes gesellschaftspolitisches Interesse daran, sich der Perspektivik und der potenziellen Fehlerquellen der Verfassungsschutzberichte bewusst zu werden. Das erste Interesse bezieht sich auf die Pflege unserer rechtsstaatlichen Kultur. Es ist fr sie zentral, dass Behçrden, Gerichte, Politiker und Medien die Informationen des Verfassungsschutzes und vor allem die Einschtzungen nicht ungeprft bernehmen. Sie mssen als das genommen werden, was sie sind: Nmlich als Verdachtsmomente, die auftreten, wenn man ein Feld unter einer bestimmten Perspektive betrachtet. Diese Verdachtsmomente mssen sicherlich bercksichtigt werden – sie mssen aber der Ausgangspunkt und nicht der Endpunkt der eigenen berprfung sein. Das zweite Interesse ist gesellschaftspolitisch. Es gibt viele Anhaltspunkte dafr, dass im Bereich des „legalistischen Islamismus“ Positionen erarbeitet werden, mit denen der revolutionre und der gewaltbereite Islamismus berwunden werden kann.12 Diese Positionen werden nur dann junge Glubige berzeugen, wenn sie nicht von vorne herein von der Gesellschaft abgewehrt werden. Dies heißt nicht bedingungslose Affirmation – bedeutet aber gerade in diesem Bereich die Notwendigkeit, genau hinzusehen und nicht einfach das vom Verfassungsschutz gelieferte Wissen vorbehaltlos zu bernehmen.

12 Dies sieht auch der Verfassungsschutz. Die IGMG und die IGD „kçnnten sogar fr sich beanspruchen, junge Muslime durch ein ideologisches Identifikationsangebot und die Integration in mit legalen politischen Mitteln agierende Organisationen gegen jihadistische Indoktrination zu immunisieren“ schreibt Taˆnia Puschnerat in diesem Band.

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Peter Waldmann

Zur Erklrung und Prognose von Terrorismus

Einleitung Den folgenden berlegungen liegen drei Prmissen zugrunde: Erstens wird postuliert, dass der einzig erfolgversprechende Weg, um das Besondere des Terrorismus zu verstehen und ihm begegnen zu kçnnen, darin besteht, die Terroristen selbst zum Hauptgegenstand der Untersuchung zu machen, ihre sozialen Merkmale und Ideen zu erkunden. Fr die methodischen Schwierigkeiten, die dies aufwirft, wird als Lçsungsweg die Untersuchung des radikalen Milieus, aus dem die Terroristen stammen, empfohlen. Zweitens wird anstelle der unfruchtbaren Suche nach den direkten oder „tiefer liegenden“ Ursachen von Terrorismus vorgeschlagen, die prozessualen Verlufe terroristischer Anschlagsserien vermehrt zu studieren, die nachvollziehbar und bis zu einem bestimmten Grad auch prognostizierbar sind. Drittens wird als Analyseinstrument ein aus drei Grundvariablen bestehendes Modell vorgeschlagen, das es erlaubt, aus unterschiedlichen Variablen-Konstellationen jeweils erwartbare Gewaltniveaus abzuleiten und gegebenenfalls zu beeinflussen. Wir beginnen mit einer Begriffsbestimmung von Terrorismus und einigen Bemerkungen zur Eingrenzung des Untersuchungsfeldes. Es folgt eine Auseinandersetzung mit den methodischen Hauptstrçmungen in der derzeitigen Forschungsdebatte, bevor das Drei-Variablen-Modell vorgestellt wird.

Definition von Terrorismus; Eingrenzung des Untersuchungsfeldes Unter Terrorismus, so der Definitionsvorschlag, sind planmßig vorbereitete Gewaltanschlge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund heraus zu verstehen, die vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten, daneben bei bestimmten Bevçlkerungsgruppen aber auch Schadenfreude und Sympathie fr die Tter wecken sollen (Waldmann 1998, 10). Terroristen sind numerisch und von ihrer Kampfstrke her nicht stark genug, um ein eigenes Territorium zu besetzen, und operieren deshalb im und aus dem Untergrund heraus. Wo sie, wie Al Qaida in Afghanistan, in aller Offenheit ein militrisches Trainingslager errichten, wchst entsprechend das Risiko, angegriffen und vernichtet zu werden. In den westlichen Demokratien, wo der Staat ein Gewaltmonopol ausbt, kommt fr sie nur eine Untergrundexistenz in Frage. Andererseits, und das macht sie so gefhrlich, zeichnen sich terroristische Gruppen durch eine große Organisationsfhigkeit aus. Die Aufmerksamkeit, die ihnen 255

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im Westen zuteil wird, erklrt sich daraus, dass Gewaltanschlge mit Todesopfern in einem relativ friedlichen sozialen und politischen Umfeld automatisch zum Medienereignis werden. Das darf aber nicht darber hinweg tuschen, dass es sich im Grunde um eine Strategie der Schwche handelt, bei der die Aktivisten den Mangel an echten Kampfressourcen durch den spektakulren Effekt ihrer Anschlge auszugleichen suchen. Spektakulrer Effekt: Damit ist gemeint, dass es fr die Terroristen weniger um die zerstçrerische Wirkung der Anschlge als solche geht, diese vielmehr primr als Mittel gedacht sind, um „Botschaften“ an ein mçglichst breites Publikum auszusenden: Botschaften, die auf die Verbreitung von Furcht und Schrecken abzielen, aber auch Elemente der Sympathiewerbung enthalten. Die Anarchisten des 19. Jahrhunderts, die die Mçglichkeit, Gewalt als Kommunikationsmittel zu verwenden, „erfunden“ haben, tauften diese Vorgehensweise „Propaganda der Tat“. Dabei kann lediglich beabsichtigt sein, dass das verunsicherte Publikum gewisse Dinge nicht mehr tut: nicht mehr in einem bestimmten Land investiert, bis dahin beliebte Urlaubsziele meidet, sich von einer Partei abwendet. Doch hufig geht es um mehr: Der in seinem Gewaltmonopol verletzte und in seinem Ansehen beschdigte Staat soll aus der Reserve gelockt und zu einer berreaktion verleitet werden. Durch bertriebene Maßnahmen der Gegenwehr soll er in aller Augen zu jenem bçsen Ungeheuer mutieren, als das ihn die Terroristen von Anfang an hingestellt haben. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die „positiven“ Bezugsgruppen, jene Bevçlkerungsteile, um deren Sympathie und Beistand die Terroristen werben. Bei manchen Formen des Terrorismus, etwa dem ethnisch-nationalistischen, fallen sie weitgehend mit dem sozialen Milieu zusammen, dem die Terroristen selbst angehçren. Es kann sich, wie bei den linksradikalen Organisationen der 1970er und 1980er Jahre, aber auch um eine fingierte Anhngerschaft (hier: die Arbeiterschichten) handeln, die dem Anliegen der Terroristen reserviert gegenbersteht. Auf jeden Fall ist festzuhalten, dass terroristische Gruppen auf eine gewisse Verankerung in Sympathisantenkreisen angewiesen sind, die sie tragen und sttzen. Diese ein Untersttzungsmilieu bildenden Kreise wurden von dem britischen Anthropologen Frank Burton (1978), der die nordirische IRA untersuchte, die radikale Gemeinschaft (the radical community) genannt. Die Definition enthlt sich bewusst einer moralischen Bewertung des Terrorismus (etwa als „illegitime“ Gewaltakte gegen „unschuldige“ Zivilisten), wie sie im politischen Sprachgebrauch blich ist, da damit nichts zur Przisierung des Phnomens beigetragen, diese vielmehr zustzlich erschwert wrde (bekanntlich gilt „one man’s terrorist is another man’s freedom fighter“). Und sie lsst den staatlichen Terror, der ebenfalls hufig unter „Terrorismus“ subsumiert wird, beiseite, da er anderen Gesetzmßigkeiten als der aufstndische Terrorismus folgt (Waldmann 1998, 15 ff.). Noch eine weitere Einschrnkung sei hinzugefgt: Was zur Debatte steht, sind nicht singulre Anschlge, sondern Anschlagsserien, 256

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also terroristische Feldzge oder „Wellen“. Geheimdienste mçgen imstande sein, aus entschlsselten Geheiminformationen auf einen bevorstehenden Megaanschlag in einem bestimmten Land zu schließen – der Wissenschaft hingegen ist eine Einzelfallprognose nicht mçglich. Versuche, wie sie vor rund einem Jahr in England unternommen wurden, mit Hilfe von Expertenbefragungen („DelphiBefragungen“) Ort, Zeitpunkt und ungefhre Opferzahl des nchsten grçßeren terroristischen Anschlags zu ermitteln, sind unseriçs (Newsome 2003).1

Methodische Kontroversen Terrorismus kann unter Zugrundelegung unterschiedlicher methodischer Prmissen erforscht werden (grundlegend Schmid/Jongman 1988). Die Diskussion ber die angemessene Herangehensweise lsst sich unter drei methodischen Gegensatzpaaren zusammenfassen: a) gesellschaftliche Strukturanalyse versus tterbezogener Ansatz; b) statistische Verfahren versus begrenzte Vergleiche; c) Kausalanalyse versus Prozessanalyse. Ad a) Die erste methodische Weichenstellung, ob man die Gesellschaft untersucht, aus der die Terroristen stammen, oder diese selbst zum Ausgangspunkt der Analyse nimmt, ist zentral. Wenn etwa nach den Anschlgen vom 11. September 2001 wiederholt zu hçren war, angesichts der Armut und des verbreiteten Analphabetismus in der sog. Dritten Welt drfe man sich ber gelegentliche Gewalteruptionen dieser Art nicht wundern, so wurde damit stillschweigend unterstellt, die genannten Entwicklungsdefizite wrden mehr oder weniger zwangslufig Terrorismus „erzeugen“. Dass diese Meinung durchaus auch in politischen Kreisen verbreitet war und ist, geht u. a. daraus hervor, dass im Juni 2003 in Oslo, gefçrdert vom norwegischen Verteidigungsministerium, eine große internationale Expertentagung mit dem vielsagenden Titel „root causes of terrorism“ stattfand (Bjorgo 2005). Der strukturanalytische Ansatz ist verfhrerisch und bequem zugleich, beruht er doch auf der Annahme, aus bestimmten Strukturmerkmalen einer Gesellschaft ließe sich auf die Wahrscheinlichkeit (und Hufigkeit) terroristischer Anschlge in ihr schließen, ohne dass es der zustzlichen Beschftigung mit den terroristischen Gruppen und ihrem Anhang bedrfe. Diese Annahme halten wir fr falsch. Terroristische Gruppen sind Kleingruppen, die im allgemeinen keineswegs reprsentativ fr die jeweilige Gesamtgesellschaft sind. So kann als empirisch erwiesen gelten, dass sich in diesen radikalen Zellen primr junge Leute aus den gebildeten urbanen Mittelschichten zusam1 Noch eine weitere Begrenzung des Untersuchungsfeldes sei kurz angesprochen. Die Ausfhrungen beschrnken sich auf Flle, in denen Terrorismus als strategisches Instrument benutzt, d. h. zur Hauptform des gewaltsamen Vorgehens gegen ein Regime gemacht wird. Der gelegentliche taktische Einsatz von Terrorismus als ein Mittel unter anderen, um dem Gegner Schaden zuzufgen, wie er vor allem in der Dritten Welt blich ist, bleibt ausgeklammert.

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menfinden, ganz unabhngig vom durchschnittlichen Bildungs- und Erziehungsniveau der Gesellschaft, aus der sie hervorgehen und in der sie operieren (Krueger und Maleckova 2002). Gebildete Mittelschichtangehçrige sind zudem meist besonders fr internationale Ideen und Trends aufgeschlossen; auch dies macht die Grenzen eines Ansatzes, der sich primr auf die Kausalwirkung innergesellschaftlicher Strukturfaktoren sttzt, deutlich. Wer mit der Erforschung der Hintergrnde des Terrorismus ernst machen will, so die hier vertretene These, kommt nicht an den Terroristen selbst und ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld vorbei. Woher stammen sie, wo und wie wurden sie erzogen, welche berufliche Laufbahn schlugen sie ein, in welchen Kreisen verkehren sie, welche Hoffnungen und Frustrationen, Ziele und Visionen bewegen sie, was treibt sie dazu, andere Menschen umzubringen? Das sind die Fragen, die zu stellen sind. Dabei geraten automatisch auch sozio-strukturelle Faktoren ins Blickfeld. Zum einen, weil hinter individuellen terroristischen Karrieren durchgehende soziale Muster, etwa was die Ausbildung oder regionale Herkunft anbetrifft, sichtbar werden. Zum anderen, weil davon auszugehen ist, dass das radikale Engagement der Gewalttter maßgeblich von ihren gesellschaftlichen und politischen Vorstellungen beeinflusst wird. In diesem Sinn ist es weniger wichtig, wie krass die soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft ist oder ob eine religiçse Bewegung tatschlich unterdrckt wird oder nicht. Worauf es ankommt, ist, ob die Terroristen davon berzeugt sind, also auf ihre Sichtweise. Diese gilt es zu untersuchen. Ad b) Schon in den 1970er Jahren gab es Versuche, aus einer Vielzahl der damals marxistisch orientierten terroristischen Organisationen das typische Profil des Durchschnittsterroristen herauszufiltern (Russel/Miller 1977, 17 ff.). Man kam zu dem Schluss, es handle sich grçßtenteils um ledige Mnner (Frauen waren damals noch die Ausnahme) im Alter von 22–25 Jahren, die aus relativ wohlhabenden Familien der urbanen Mittelschicht stammten, Recht, Medizin oder Sozialwissenschaften studierten oder studiert hatten und an der Universitt mit radikalen marxistischen Gruppen in Berhrung gekommen waren. Statistische Erhebungen dieser Art (und es ließen sich andere Beispiele anfhren) sind wenig befriedigend. Man fragt sich im konkreten Fall, warum aus der breiten Masse junger Studierender, auf welche die beschriebenen Merkmale zutrafen, nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz den Weg in den gewaltsamen Untergrund einschlug, whrend das Gros sich fr eine gesetzeskonforme Karriere entschied. Offenbar stoßen statistische Verfahren an ihre Grenzen, wenn es sich darum handelt, die komplexen Bedingungen aufzuschlsseln, die zur Entstehung einer terroristischen Gruppe fhren oder hinter dem Entschluss des Einzelnen stehen, sich einer solchen Gruppe anzuschließen. Die entscheidenden Variablen bleiben in ihnen oft unbercksichtigt, sei es weil man sie nicht kennt (mit steigender Zahl der Flle nimmt die Tiefenschrfe der Erkenntnis hinsichtlich des einzelnen Falles zwangslufig ab), sei es dass sie zwar bekannt, jedoch nicht generalisierbar, d. h. statistisch verwertbar sind. 258

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Aus diesem Grund empfiehlt es sich, zumindest vorlufig, eher einzelne Flle von Terrorismus zu studieren oder begrenzte Vergleiche anzustellen (Waldmann 1989).2 Die Einbuße an Reichweite, die bei den Ergebnissen in Kauf genommen werden muss, wird mehr als aufgewogen durch das Mehr an Erkenntnissen ber die Tiefenstrukturen und motivationalen Hintergrnde des Phnomens. Ad c) Aus dem Vorangegangenen folgt, dass es im Rahmen der Terrorismusforschung wenig sinnvoll ist, auf deterministische Kausalaussagen nach dem Muster „immer wenn A, und nur wenn A, dann B“ hinzuarbeiten. Wie Renate Mayntz (1997, 328 ff.) betont hat, ist im Bereich des Sozialen Multikausalitt blich, die derartige Aussagen praktisch unmçglich macht. Selbst wenn sich ex post nachvollziehen und somit auch „erklren“ lsst, wie es zur Emergenz terroristischer Gruppen gekommen ist, bleibt deren Vorhersage ein prekres Unterfangen. Denn bei der Bildung terroristischer Zellen spielen, wie Friedhelm Neidhardt (1988, 178 ff.) bereits am Beispiel der RAF nachgewiesen hat, oft der Zufall oder Einzelpersçnlichkeiten eine ausschlaggebende Rolle. Einmal entstanden und in Aktion getreten, entwickeln sich terroristische Verbnde indes nicht beliebig, sondern gemß einer spezifischen Dynamik. In Abhngigkeit von ihrer internen Struktur und ihrem sozialen Umfeld sowie in Auseinandersetzung mit dem politischen System und insbesondere den Sicherheitskrften, kçnnen sie sich konsolidieren oder wieder zerfallen, expandieren oder stagnieren. Diese ihre „Karriere“ lsst sich nicht nur nachzeichnen, sondern mit Einschrnkungen auch prognostizieren. Dafr ist weniger die auf einen einmaligen Entstehungsakt ausgerichtete Kausalanalyse als das Instrument der Prozessanalyse geeignet, das es erlaubt, kontinuierliche Vernderungen bei den Akteuren und in den Randbedingungen zu bercksichtigen.

Drei-Variablen-Modell Die bisherigen Ausfhrungen lassen sich dahin zusammenfassen, dass fr Beginn und Verlauf terroristischer Anschlagsserien („Kampagnen“) vor allem drei Faktorenkomplexe von Bedeutung sind: – Die Terroristen bzw. das soziale Milieu aus dem sie stammen und in das sie eingebettet sind (die radikale Gemeinschaft), – das politische System und – die terroristische Gruppe bzw. Organisation. Wir gehen davon aus, dass diese drei Faktorenkomplexe die Grundbausteine eines Modells fr die Erklrung der eigentmlichen Dynamik terroristischer Wellen bzw. Kampagnen bilden. Deshalb sollen sie kurz erlutert werden. 2 Als Beispiel sei die Vergleichsstudie des Verfassers zum ethnisch-nationalistischen Terrorismus angefhrt.

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Wie bereits erklrt, sollte die Erforschung des Terrorismus prinzipiell bei den Akteuren, den Terroristen selbst ansetzen. Das ist nicht einfach; Terroristen geben zwar gelegentlich Journalisten Interviews, haben aber kein Interesse daran, mit Wissenschaftlern zu sprechen. Deshalb ist die Zahl der einschlgigen Untersuchungen bislang gering, meist sttzen sie sich auf Befragungen bereits inhaftierter Terroristen, Berichte der Polizei und Geheimdienste und dergleichen (zu den wenigen Beispielen in neuerer Zeit zhlt Reinares 2001; siehe auch den Sammelband von della Porta 1992; zu Deutschland: Wunschik 1997). Angesichts dieser schwierigen Lage bietet es sich an, anstelle der Terroristen das engere soziale Milieu, aus dem sie hervorgegangen und/oder eingebettet sind, als Informationsbasis zu bentzen. Ein solches radikales Milieu gibt es in den allermeisten Fllen, es ist allerdings nicht immer leicht ausfindig zu machen. In der Zeit des Linksterrorismus der 1970er und 1980er Jahre wurde es primr durch bestimmte Hochschulen, Fakultten und radikale marxistische Zirkel gebildet, im Falle des ethnisch-nationalistischen Terrorismus stellen bestimmte Dçrfer, Landstriche, Stadtviertel oder landsmannschaftliche Vereinigungen die Muttergruppen der Aktivisten dar, der religiçse Terrorismus wiederum findet seinen Nhrboden bei radikalen Predigern, im Umkreis von Moscheen oder sonstigen religiçsen Institutionen. Die radikale Gemeinschaft, die hinter den Terroristen steht, als Datenquelle zu bentzen, bringt einen doppelten Vorteil. Zum ersten ist sie fr den Forscher zugnglich. Im Unterschied zu den im Untergrund operierenden Terroristen handelt es sich hier um Gruppen, die sich innerhalb der Legalitt bewegen und nichts zu verbergen haben. Es gilt lediglich, ihr Misstrauen auszurumen und sie zum Sprechen zu bringen, was Geduld und unter Umstnden spezielle Sprachkenntnisse voraussetzt. Der zweite Vorteil liegt in der Reprsentativitt des auf diesem Weg gewonnenen Datenmaterials. Wie die Terroristen von der radikalen Gemeinschaft akzeptiert und oft wie Helden verehrt werden, so gilt auch umgekehrt, dass sich in den Ideen und der Mentalitt der radikalen Gemeinschaft weitgehend die Vorstellungswelt der Terroristen wiederspiegelt. Hier begegnet man den gleichen Grundberzeugungen, Ressentiments, Visionen und Rechtfertigungsfiguren fr die Gewaltanwendung, wie sie von den Sprechern der terroristischen Gruppen vorgebracht werden. Die terroristische Gemeinschaft steht fr das Gewaltpotenzial innerhalb einer Gesellschaft und den Rckhalt, den ein einmal gewonnener terroristischer Feldzug in bestimmten Gruppen der Gesellschaft findet. Ob sich das jeweils vorhandene Gewaltpotenzial in Form der Bildung einer terroristischen Gruppe verdichtet und wie sich diese entwickelt, hngt entscheidend vom zweiten Variablenkomplex, dem politischen System ab. Hier kommen etliche Teilvariablen zum Tragen, etwa ob es sich um einen demokratischen oder einen autoritr regierten Staat handelt (Waldmann 1998, 126 ff.), ob dieser ein Gewaltmonopol durchsetzen konnte, ob er unter versteckten oder offenen Legitimittsdefiziten leidet. Alle diese Teildimensionen werden jedoch an Relevanz bertroffen von der Art und Weise, in 260

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welcher die staatlichen Reprsentanten und der Sicherheitsapparat mit der Herausforderung durch eine protestbereite Bevçlkerungsgruppe oder bereits bestehende terroristische Gruppen umgeht. Vor allem whrend der ersten Interaktionssequenzen werden die Weichen dafr gestellt, ob die Auseinandersetzung in eine unkontrollierbare Eskalationsspirale mndet oder es gelingt, sie einzudmmen und unter Kontrolle zu bringen. Den dritten Variablenkomplex bildet die terroristische Gruppe oder Organisation. Sie als eigenstndiges Faktorenbndel zu behandeln, ist notwendig, da Organisationen im Laufe der Zeit dahin tendieren, sich von ihren Muttergruppen abzulçsen und eigenstndige Ziele der Selbsterhaltung und Machtentfaltung zu verfolgen. Inwieweit terroristische Gruppen bei diesem Streben erfolgreich sind, ist wiederum von einer Reihe von Teilfaktoren abhngig, deren wichtigste stichwortartig aufgezhlt seien: der Konsolidierungsgrad der Gruppe (in der Anfangsphase ist die Gefahr, von den Sicherheitskrften aufgesprt und zerschlagen zu werden, besonders groß); deren innere Struktur (bei einer Einmannfhrung riskiert die Organisation im Falle der Gefangennahme oder Tçtung des Fhrers ihre rasche Auflçsung); der finanzielle Spielraum der Gruppe; die Existenz von Rckzugsnischen und Schonrumen in Nachbarlndern sowie von zur Untersttzung der Terroristen bereiten Diasporagemeinschaften in Drittlndern. Wenngleich alle diese Faktoren eine gewisse Eigenstndigkeit der terroristischen Organisation gegenber ihrem Ausgangsmilieu, der radikalen Gemeinschaft, begrnden, darf deren Ausmaß nicht berschtzt werden. Denn die Schlsselressource, um einen lngerfristigen terroristischen Feldzug zu fhren, heißt „Motivation“. Wenn keine neuen Mitglieder mehr zu der terroristischen Organisation stoßen, die bereit sind, die Risiken und Strapazen eines Untergrundkampfes auf sich zu nehmen, muss diese ihre Aktivitten reduzieren und ist mittelfristig in ihrer Existenz gefhrdet. Wie aus der letzten Bemerkung hervorgeht, sind es neben der internen Zusammensetzung der drei Faktorenkomplexe vor allem die Beziehungen zwischen ihnen, welche das Gewaltniveau beeinflussen. Dabei kommt unter Prventions- und Kontrollgesichtspunkten der Entwicklung der hinter den terroristischen Verbnden stehenden radikalen Gemeinschaft besondere Bedeutung zu, da sich die terroristischen Gruppen und der Staats- bzw. Sicherheitsapparat oft in eine Konfrontation verbeißen, die wenig Spielraum fr konstruktive Lçsungen lsst. Die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang aufdrngen, lauten etwa: Inwieweit kçnnen internationale terroristische Organisationen (etwa Al Quaida), die keine bestimmte radikale Gemeinschaft hinter sich haben, auf die Dauer auf diese verzichten oder sich Ersatzgruppen erschließen (kommt das Internet als Ersatzmilieu infrage?)? Was kann von Seiten der politisch Verantwortlichen unternommen werden, um der Emergenz terroristischer Gruppen aus einem radikalen Milieu zuvorzukommen? Wie kann das Loyalittsband, das die sozialen Muttergruppen an die Terroristen und ihre Organisation bindet, zerschnitten, die radikale Gemein261

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schaft mit dem Staat versçhnt werden? Dies sind komplizierte, keineswegs leicht zu beantwortende Fragestellungen, zumal davon auszugehen ist, dass Vernderungen in den Beziehungen zwischen den Variablenkomplexen sich oft nur mit Verzçgerung und keineswegs immer linear auf die Hufigkeit und Intensitt terroristischer Anschlge auswirken. (Zur Mçglichkeit der Frhwarnung vor terroristischen „Feldzgen“ Sirseloudi 2004; allgemein zur Frhwarnung vor bewaffneten Konflikten Davies und Gurr 1998.) Doch im Prinzip stellt das Modell das konzeptuelle und methodische Instrumentarium bereit, um diese Relationen zu erfassen und daraus das jeweils erwartbare terroristische Gewaltniveau, prospektiv oder im Nachhinein, abzuleiten sowie gegebenenfalls zu beeinflussen.

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