Transidentität Transidentität

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Transidentität oder die Kunst der eigenen Identität zu vertrauen Mag. Sylvia Sabin, 19.02.2011 Ich sehe es noch ganz lebhaft vor mir. Meine beiden Br...

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Transidentität oder die Kunst der eigenen Identität zu vertrauen Mag. Sylvia Sabin, 19.02.2011

Ich sehe es noch ganz lebhaft vor mir. Meine beiden Brüder und ich sitzen am großen, herbstlich dekorierten Erkertisch im Hause unserer Eltern. „Wir müssen euch etwas Wichtiges sagen. Es ist etwas Schlimmes mit eurem Vater!“, waren die Worte mit denen meine Geschwister und ich zu diesem Treffen beordert wurden. Spannung liegt in der Luft. Nach einigen holen, belanglosen Sätzen, setzt unser Vater einen Blick auf, als müsse er dem Teufel höchst persönlich gegenüber stehen und sagt etwas verhalten: „Aber da ist noch etwas.“ - noch ein trockenes Schlucken - „Ich bin krank. Ich fühle mich, seit ich ein Kind bin, als Frau. Ich habe nicht mehr die Kraft, es zu verbergen.“ Stille – In meinen Kopf ist einfach ein großes „WAS?“ Wie kann ich das verstehen? Aus diesem Chaos im Kopf drängt sich ein Lachen empor. Was, DU fühlst dich als Frau? DU? Das ist verrückt, einfach verrückt, aber auch spannend - nein einfach verrückt. Aus meinem Mund höre ich mich sagen: „Wie meinst du das?“ Mein Vater erzählt von seiner Kindheit als er heimlich in Mädchenkleider geschlüpft ist und Faschingsperücken versteckt hat um in freien Stunden damit im Grazer Stadtpark spazieren zu gehen. Er beschreibt, wie er später Koffer voll mit Röcken, Blusen, Strumpfhosen und Make Up im Auto gelagert hat - immer auf der Hut, nicht entdeckt zu werden. Und er spricht von den unsagbaren Glücksgefühlen auf der Mariahilferstraße als Frau spazieren zu gehen und ein „bitte schön die DAME“ zu hören. Hinter den Worten lag eine große Sehnsucht wahrgenommen und angenommen zu werden, abseits von oberflächlichen Bewertungen und Rollenerwartungen. Mit dem Herzen gesehen zu werden, sozusagen. Ich staune nicht schlecht. Dreißig Jahre kenne ich diesen Menschen nun, aber noch nie ist mir auch nur ein Gedankenfetzen aufgeblitzt, dass er eine „SIE“ ist!? Warum konnte ich das nicht sehen? Mein Vater erzählt aus seiner Jugendzeit, als ein Nachbar sich phasenweise sehr eigenartig verhalten hat. Seinen Schilderungen nach dürfte es sich um eine schizophrene Störung gehandelt haben. Er schildert die abwertenden, ja fast feindseligen Reaktion der Umgebung und von den Mythen über die Psychiatrie. Die kranken Gedanken und Wahrnehmungen werden einem dort würdelos ausgetrieben und durch gesellschafskonforme ersetzt. Wahr ist das Urteil des Arztes, das eigene wird gegenstandslos. Dieses Bild lässt meinen Teenager-Vater erschauern und er beschließt, sich selbst zu therapieren. Sein Konzept ist denkbar einfach: Verhalte dich einfach

so, wie es die Gesellschaft von einem Mann erwartet und passe dein Äußeres an das gängige Normbild an. Gesagt, getan. Die Selbsttherapie seines Verhaltens beginnt mit dem Besuch von Schulbällen und der Beziehung mit meiner Mutter im Alter von 17 Jahren. Er wählt männliche Hobbys, männliche Autos, studiert an der technischen Universität, lässt sich einen Bart wachsen, heiratet, bekommt 3 Kinder, geht mit meinen Brüdern Fußball und Tischtennis spielen und versorgt seine Familie in finanzieller Hinsicht. Er spielte seine Rolle so perfekt, dass ich als Tochter bis zu seinem Coming-Out glaubte, in einer sehr männerdominierten Familie aufgewachsen zu sein. Doch hinter dieser männlichen Maske wird die Traurigkeit und die Einsamkeit immer größer. Die Energie zum Aufrechterhalten der Fassade schwindet. „Es tut mir von Herzen weh, euch enttäuschen zu müssen. Ich habe gespielt ein Mann zu sein. Ich kann nicht mehr.“, kommt es ihm schwach über die Lippen. Demut und Verzweiflung schwingen in seinen Worten mit, aber auch ein Hauch von Endgültigkeit. Heute, eineinhalb Jahre nach dem familiären Outing, lebt mein Vater Sandra Andrea Aisha als Frau. Nach anfänglich heftigen Problemen in ihrem Beruf sind die Wogen geglättet, die Personenstandsänderung ist durchgeführt und die Beziehung meiner Eltern ist nun nach der Krise neu inspiriert. Wie ein Schmetterling, der sich aus einer Raupe entpuppt, wurde aus dem introvertierten, verschlossenen, ja manchmal verbissenen und harten Walter eine fröhliche, warmherzige, den Menschen zugewandte Sandra. Nach der ICD-10 der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (DIMDI, 2010) leidet sie unter einer Persönlichkeits- und Verhaltensstörung, konkret unter F64.0 Transsexualismus. Eine Störung, die mindestens eine von 2.000 Personen (Olyslager & Conway, 2007) betrifft und deren Ursache bis heute nicht geklärt ist. So werden die Körper jener transidenten Personen in Österreich meist – nach einem entsprechenden Gutachten und einer 50 stündigen Psychotherapie - mit Hormonpräparaten und geschlechtsanpassenden Operationen dem gewünschten Geschlecht angenähert. Eine Krankheit also, deren Behandlung auch von der Krankenkasse bezahlt wird. Doch was ist hier eigentlich gestört? Ist es die Psyche? Ist es krank sich im Inneren als Frau wahrzunehmen, wenn der äußere Körper männlich ist? Ist es der Körper? Erfüllt er die Funktionen nicht, die er aufgrund der im Inneren wahrgenommenen Identität sollte? Oder sind es unsere gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen? Macht die Vorstellung und der soziale Druck krank, eine Rolle oder Identität leben zu müssen, die der inneren Selbstwahrnehmung widerspricht? Diese Fragen gilt es zu klären – für das eigene Leben, aber auch für die professionelle Beratung und Behandlung von uns anvertrauten Klienten und Klientinnen. Das Beispiel meines weiblichen Vaters hat mich gelehrt, dass Gesundheit und Lebensfreude aus dem Vertrauen in seine oder ihre (selbst)wahrgenommene Identität entspringt. Es braucht Mut zu sich selbst zu

stehen und eine freie Gesellschaft mit offen(herzig)en Mitmenschen, die dies ermöglicht.

Referenzen Olyslager, F., Conway, L. (2007). On the Calculation of the Prevalence of Transsexualism. [Online: http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TS/Prevalence/Reports/Prevalence%20of%20Tran ssexualism.pdf] DIMDI (2010). ICD-10-GM Version 2011 Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision German Modification, Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, DIMDI

Weiterführende Literatur: Hischauer, S. (1993). Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Über die Medizin und den Geschlechtswechsel. Frankfurt am Main: Suhrkamp Lindermann, G. (1993). Das paradoxe Geschlecht. Transsexualität im Spannungsfeld von Körper, Leib und Gefühl. Frankfurt am Main: Fischer Rauchfleisch, U. (2009). Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. Vandenhoeck & Ruprecht

Ing. Mag. Sylvia Sabin, BSc Psychologin Shiatsu Praktikerin Ausdrucks- und Tanzpädagogin Freiberuflich tätig im Gesundheits- und Arbeitspsychologischen Bereich, Shiatsu Praxis und Trainerin für Persönlichkeitsentwicklung und mentale Entspannung Anmeldung Newsletter/Inspirationsletter zur Stärkung der Seele und des Körpers: http://sylvia.sabin.at [email protected] +43 (0) 676 / 8 93 23 888

DIE KRAFT DES AUGENBLICKS BERÜHRT DES WESENS KERN