Turm oder Schacht? - UniReport

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Aktuell UniReport | Nr. 3 | 31. Mai 2013 3 Turm oder Schacht? 6 00 oder 150 Jahre alt? Nach wie vor erhebliche Differenzen in der Deutung eines hi...

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Aktuell

UniReport | Nr. 3 | 31. Mai 2013

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Turm oder Schacht? 6 00 oder 150 Jahre alt? Nach wie vor erhebliche Differenzen in der Deutung eines historischen Denkmals auf dem Campus Westend

W

er die neue Bereichs­ spürt man ein großes Engagement, bibliothek im PEG-­aber auch Vorbehalte. Denn die DeuGebäude zum ersten tung des Bauwerkes hätte, so ihre Mal betritt, wird nicht nur vom feste Überzeugung, eine andere freundlichen Ambiente der großzü- Richtung nehmen können, ja müsgigen Räumlichkeiten empfangen. sen. „Wir sollten uns im Frühjahr Eine bauliche Auffälligkeit zieht die 2008 auf Bitte des damaligen BaubeBlicke des Besuchers auf sich: ein vollmächtigten der Universität, Peter wie das Fragment eines Turmes aus- Rost, das Gemäuer einmal ansehendes Objekt im Erdgeschoss, schauen, dies weil er vom federfühdas raumfüllend über zwei Etagen renden Denkmalamt der Stadt reicht. Eine Beschilderung des auf- Frankfurt keine nachvollziehbaren wändig konservierten Denkmals, Informationen über Alter und Funkdas „in situ“, also an Ort und Stelle tion der Anlage erhalten hatte. Wir der Ausgrabungsstätte steht, und haben sie dann besichtigt und aufdessen Fundament zwecks Stabili- grund der charakteristischen Flügelsierung neu gegossen wurde, fehlt mauern mussten wir sofort an einen aber bislang. Bibliotheksmitarbeiter Eiskeller denken“, berichtet von geben einem schulterzuckend die Kaenel. Eiskeller waren bis ins späte Auskunft, dass es wohl „zwei ver- 19. Jahrhundert sehr verbreitet in schiedene Deutungen“ gebe und Europa. Vor der Erfindung von Madaher nähere Informationen noch schinen zur Herstellung von Kunsteis auf sich warten ließen. Dabei sollte konnte in diesen Schächten oder der Fall doch eindeutig sein: Das Gruben Natureis vom Winter bis in 2007 entdeckte Bauwerk ist nämlich die warmen Sommermonate konmit Datum vom 25. März 2009 serviert werden. Nicht nur in der durch das Landesamt für Denkmal- Küche, sondern auch für medizinipflege Hessen als „sog. Affenstein, sche Anwendungen wurde Eis drinehem. Wachtturm der ersten Frank- gend benötigt. Ein gemauerter furter Landwehr, später Mühle, Schacht wurde dabei mit Erdreich

Das Denkmal in der neuen Bibliothek. An der linken offenen Seite des Bauwerkes erkennt man die Reste der Flügelwände (Foto: Dettmar). Die Grafik oben rechts verdeutlicht die Form, die das Gebäude einmal hatte (Zeichnung: Albrecht Schlierer). dann Eiskeller der Städtischen Irrenanstalt“ nach § 2 Abs. 1 des Hessischen Denkmalschutzgesetzes zum „Kulturdenkmal“ und damit für denkmalgeschützt erklärt worden. Also seit nunmehr vier Jahren scheint die historische Einordnung und E ­ rklärung des Bauwerkes festzu­stehen. Dass der Fall dennoch alles andere als eindeutig ist, wird einem klar, wenn man dem Institut für Archäologische Wissenschaften an der Goethe-Universität einen Besuch abstattet. Prof. Hans-Markus von Kaenel und sein Assistent Dr.  Thomas Maurer haben sich seit 2008 mit dem Fund auf dem Campus beschäftigt, betonen aber einleitend, dass sie eher „zufällig in den Fall hinein­geraten“ seien.

Eine Deutungsversuch konkretisiert sich Auch wenn die beiden Archäologen formal nicht in das denkmalpflegerische Verfahren eingebunden waren,

bedeckt und seitlich mit einem Zugang über eine oder mehrere Türschleusen ausgestattet, die eine Erwärmung des Kellers im Innern verhindern sollten. Den Zugang zu den Schleusen sicherten zwei seit­ liche Flügelmauern gegen das Erdreich des aufgeschütteten Hügels (s.  Grafik oben rechts). „Herr Maurer“, so von Kaenel, „ist ins Institut für Stadtgeschichte gegangen und hat dort sofort die entsprechenden Pläne gefunden, sodass uns klar war: Es handelt sich um einen Eiskeller innerhalb der von Heinrich Hoffmann in den Jahren 1859–1864 erbauten ‚Anstalt für Irre und Epileptische‘.“

Frank­ furter Fundes mit Blick auf britische Vorbilder, die der neugierige Heinrich Hoffmann auf einer Belehrungsreise auch besichtigt hatte, erklären konnte. Von Kaenel und Maurer teilten ihre Einschätzung im Sommer 2008 dem Denkmalamt mit. Doch war diese schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gefragt. Denn das Denkmalamt hatte, nachdem bei der Erschließung des Geländes im Rahmen des 2. Bauabschnittes auf dem Campus Westend im Jahre 2007 einige Mauern in einem Erdhügel entdeckt worden waren, entschieden, dass das Bauwerk aus dem Hügel förmlich ‚herausgebaggert‘ werden sollte. „Nun stand der Schacht als Turm da, und das Denkmalamt, das damals noch nichts vom Eiskeller wusste, suchte nach einer Deutung des Bauwerks als Turm. So kam es zur Annahme, es handele sich um einen Wartturm aus dem 14. Jh.“, so von Kaenel. Zwar habe man erklären müssen, warum die „neue“ Warte Frankfurts auffällig kleiner sei als die Sachsenhäuser Warte, Galluswarte, Bockenheimer Warte und Friedberger Warte. Doch habe man sich dabei mit der allerdings wenig fundierten Kategorie einer „Nebenwarte“ beholfen, die – nachdem sie ihre Funktion verloren hätte – im 16. Jh. auch noch als Windmühle gedient hätte. „Nichts an dem Gebäude weist auf eine solche Nutzung hin“, betont hingegen Thomas Maurer. “Hätte sich das Denkmalamt intensiver mit der Form und Funktionsweise von Eiskellern beschäftigt, dann wären Warte und Windmühle als Deutungen nicht infrage gekommen“, argumentiert Maurer. Und von Kaenel ergänzt: „Bis heute warten wir auf eine ein­­seh- und nachvollziehbare baugeschichtliche Auseinandersetzung der Fachbehörde mit der charakteristischen Bauweise von Eiskellern und handfeste Belege für die Deutung als Warte und Windmühle.“

ern, Türmen und Burgen einen schweren Stand. Dabei habe es durchaus auch Ideen für den Erhalt eines solchen Denkmals gegeben: „Wenn, wie heute möglich, ein kompletter Scan des Gebäudes angefertigt worden wäre, dann hätte man den Eiskeller verschieben oder abbrechen und wenige Meter entfernt im Park wiederaufbauen können. Das wäre eine schöne Lokalität geworden.“ Von Kaenels Lieblingsbezeichnung dafür lautet „Struw­ welpeters Eiskeller“ – denn die enge Verbindung zum Spiritus rector der Anstalt, zum fortschrittlich denkenden Heinrich Hoffmann, ist ihm ein Anliegen: „Der Eiskeller ist das letzte Bauwerk, das von der früheren ‚Anstalt für Irre und Epileptische‘ übriggeblieben ist. Daran sollte auf einem geschichtsträchtigen Campus unbedingt erinnert werden“, fordert von Kaenel und fügt hinzu: „Mit der offiziellen Bezeichnung des Bauwerks als ‚Historisches Turmfragment‘ wird das in diesem Zusammenhang einzig Gesicherte, nämlich seine Funktion als Eiskeller, zugunsten einer vom Frankfurter Denkmalamt getroffenen Umdeutung zum ‚Turm‘ aus dem Sprachgebrauch getilgt. Das wird doch wohl niemand ernstlich wollen.“ Man darf jedenfalls gespannt sein, wie der Umgang mit dem ungewöhnlichen Denkmal weiter­ geht. Wenn der angebliche mittel­ alter­ liche Turm wirklich ‚nur‘ ein Schacht aus dem 19. Jahrhundert

sein sollte, wäre die jüngere Denkmalgeschichte Frankfurts um eine denkwürdige Geschichte reicher! df

Zum Weiterlesen: Hans-Markus von Kaenel, Thomas Maurer, Albrecht Schlierer: Wie das Gedachte das Gebaute verändert. Zur Umdeutung des Eiskellers der ehemaligen „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Areal des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt a. M. In: Wulf Raeck/Dirk Steuernagel (Hrsg.), Das Gebaute und das Gedachte. Siedlungsform, Architektur und Gesellschaft in prähistorischen und antiken Kulturen. Frankfurter Archäologische Schriften 21, Bonn 2012, S. 167–209 (als PDF-­Datei zugänglich über www.uni-frankfurt.de/fb/fb09/arch­ wiss/Abteilungen/Abt-2/dokumente/ Beitrag-Eiskeller-­Webversion.pdf). Weitere Hinweise unter: www.eiskeller-frankfurt.blogspot.com und A. Hampel, Der Affenstein. Ein mittelalterlicher Wachtturm und seine wechselhafte Historie durch sechs Jahrhunderte. Fundberichte aus Hessen 50, 2010, Wiesbaden 2012, S. 729-760.

„Struwwelpeters Eiskeller“ vs. „Historisches Turmfragment“

Ein Kritikpunkt der beiden Archäologen betrifft auch die Art und Weise, in der das Denkmal an Ort und Stelle erhalten worden ist: Die Flügelwände und weitere Teile des Bauwerks habe man abgebrochen, um einen „Turm“ in die Bibliothek des PEG-Gebäudes zu integrieren. In seinem „amputierten“ Zustand, zudem noch auf einen hohen Sockel gehoben, vermittle das Bauwerk heute keine Vorstellung mehr von Ausgebuddelt und als Warte seinem ursprünglichen Aussehen (v)erkannt und seiner Funktion als Eiskeller. Um ihre Deutung zu stützen, zogen „Dies ist sehr bedauerlich“, so von die Uni-Archäologen den Land- Kaenel, Eiskeller seien Industrieschaftsarchitekten und Eiskeller-­ denkmäler, und diese hätten leider Experten Albrecht Schlierer zu in der öffentlichen Wertschätzung Rate, der die Besonderheiten des ­ gegenüber mittelalterlichen Mau-

Vorderansicht der Anstalt. Handzeichnung des Architekten Oskar Pichler (ca. 1863).

Heinrich Hoffmanns »Anstalt für Irre und Epileptische« Genannt wurde sie etwas despektierlich das „Irrenschloss“: Dabei handelte es sich bei der zwischen 1859 und 1864 erbauten Anstalt um eine für damalige Verhältnisse fortschrittliche Klinik. Von Beginn an seiner Leitung der Anstalt im Jahre 1851 hatte der Arzt Heinrich Hoffmann, heute vor allem bekannt wegen seines Kinderbuchklassikers „Struwwelpeter“, wegen unhaltbarer Zustände im innerstädtischen Gebäude den Plan gefasst, einen Neubau auf den Weg zu bringen. Gegen Widerstände seitens der Stadt, aber mithilfe von Spenden konnte schließlich am Rande der Frankfurter Innenstadt, im damals noch wenig bebauten Westend, nach Plänen des Architekten Oscar Pichler die Anstalt im gotischen Stil errichtet werden. Hoffmann leitete die Anstalt bis 1888. Ab 1888 arbeitete der Psychiater Alois Alzheimer als Assistenzarzt in der Anstalt; er beschrieb später erstmalig die nach ihm bekannte neurodegenerative Erkrankung. 1928 bezog die Anstalt ihr neues Quartier in Niederrad, das alte Gebäude wurde abgerissen. df