U N G A R N – J A H R B U C H

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U N G A R N – J A H R B U C H Zeitschrift für interdisziplinäre Hungarologie Herausgegeben von ZSOLT K. LENGYEL In Verbindung mit Gabriel ADRIÁNYI (B...

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S I C H E R U N G S A B T R E T U N G. Aus Anlass des unten beschriebenen Schadensfalles habe ich das. Ing.-Büro Seiber

S I C H E R U N G S A B T R E T U N G
Der Auftrag kommt mit Unterzeichnung der Sicherungsabtretung zustande und ist nicht widerrufbar. Bei Aufträgen ohne aus

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Koc, Ali Cem. ASV Wuppertal. Boxring Hilden. Jugend bis 69 kg Omeirate, Adnan ... Ali, Mohammed. Boxring Neuss. Boxring

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05.11.2016 - TV Paderborn. 66,5 kg Kad.-W. Celik, Buse ... TV Paderborn. SR Garath. 50 kg Kadett. Nimani ... Murad, Rama

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Sportstätte: Sportpark Pennenfeld. Mallwitzstraße 9-11. 53179 Bonn. Disziplinen: Damen-Einzel, Damen-Doppel, Herren-Ei

Y A C H T C L U B B R E G E N Z
Peter Hirschbichler, Heinz Böhler, Max. Rohner, Fritz Trippolt und mir, später kam. Alfred Baer dazu, ist in kürzeste

A U F N A H M E A N T R A G - ASV-Schleswig
Großer Langsee: ungefähre Lage: zwischen Schleswig und Böklund, 113 ha groß. Brautsee: am östlichen Stadtrand von Schles

K U L T U R R I N G R Ü T H E N
26.06.2016 - Sietze de Vries der künstlerische Leiter ist. In dieser Eigenschaft ist er einer der festen. Organisten de

E R F A H R U N G S B E R I C H T
20.08.2013 - Ich habe mit dem Office of International. Affairs (OIA) der KU sehr ... Ich hatte mich für ein Einzelzimme

U N G A R N – J A H R B U C H Zeitschrift für interdisziplinäre Hungarologie

Herausgegeben von ZSOLT K. LENGYEL In Verbindung mit Gabriel ADRIÁNYI (Bonn), Joachim BAHLCKE (Stuttgart) János BUZA (Budapest), Holger FISCHER (Hamburg) Lajos GECSÉNYI (Budapest), Horst GLASSL (München) Ralf Thomas GÖLLNER (Regensburg), Tuomo LAHDELMA (Jyväskylä) István MONOK (Budapest), Teréz OBORNI (Budapest) Joachim von PUTTKAMER (Jena), Harald ROTH (Potsdam) Andrea SEIDLER (Wien), Gábor UJVÁRY (Budapest) András VIZKELETY (Budapest)

Band 32 Jahrgang 2014/2015

Verlag Ungarisches Institut Regensburg 2016

Ungarn–Jahrbuch Zeitschrift für interdisziplinäre Hungarologie Redaktion Zsolt K. Lengyel mit Florian Bucher, Krisztina Busa, Ralf Thomas Göllner, Mihai Márton Der Druck wurde vom ungarischen Nationalen Kulturfonds (Nemzeti Kulturális Alap, Budapest) gefördert Redaktion, Verlag: Ungarisches Institut der Universität Regensburg, Landshuter Straße 4, D-93047 Regensburg, Telefon: [0049] (0941) 943 5440, Telefax: [0049] (0941) 943 5441, [email protected], http://www.ungarisches-institut.de. Beiträge: Die Autorinnen und Autoren werden gebeten, ihre Texte weitzeilig und ohne Formatierungen zu setzen und mit den eventuellen Beilagen sowohl im Papierausdruck als auch elektronisch einzusenden. Publikationsangebote, welche die Kriterien einer Erstveröffentlichung erfüllen, sind willkommen. Für unverlangt zugegangene Schriften und Rezensionsexemplare wird keinerlei Gewähr übernommen. Die zur Veröffentlichung angenommenen Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber und Redaktion wieder. Für ihren Inhalt sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Größere Kürzungen und Bearbeitungen der Texte erfolgen nach Absprache mit den Autorinnen und Autoren. Bezugsbedingungen: Der umsatzsteuerfreie Jahresabonnementpreis ist der jeweilige Bandpreis (z. Zt. EUR 45,–/SFr 100,–), zuzüglich Porto- und Versandkosten. Ein Abonnement verlängert sich, wenn es nicht drei Monate vor Ablauf des Kalenderjahres beim Verlag gekündigt wird. Bestellungen zur Fortsetzung oder von früheren Jahrgängen nehmen der Buchhandel oder der Verlag entgegen. Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar © Ungarisches Institut München e. V. 2016 Das Werk einschließlich aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Bearbeitung in elektronischen Systemen

Satz: Ungarisches Institut der Universität Regensburg Druck und Bindung: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten ISBN 978–3–929906–69–1 (Buchnummer) · ISSN 0082–755X (Zeitschriftennummer)

INHALTSVERZEICHNIS

Abhandlungen GÁBOR BARABÁS Prinz Koloman und Herzogin Viola von Oppeln Beitrag zu einem historiografischen Disput

1

ÁGNES MALÉTH Diplomatische Beziehungen zwischen Karl I. von Ungarn und dem Papsttum unter Johannes XXII. (1316-1334)

25

RENÁTA SKORKA Die Bürger von Preßburg vor dem Reichshofgericht

39

ZOLTÁN PÉTER BAGI Der junge Peter Ernst II. von Mansfeld im Fünfzehnjährigen Krieg

47

PETRA RAUSCH-MÁTYÁS Die Verwaltung des Edelmetall-Bergbaus von Sathmar unter dem siebenbürgischen Fürsten Gábor Báthory (1608-1613)

61

GÁBOR KÁRMÁN »Verdammtes Konstantinopel« Das Türkenbild der siebenbürgischen Gesandtschaft bei der Hohen Pforte im 17. Jahrhundert

93

FREDERIK KRABBES »dass er in re wirklich dominire, und doch nicht so scheine« Das kaiserliche Generalat in Siebenbürgen unter Jean Louis de Bussy-Rabutin während des Großen Türkenkrieges

115

TIBOR MARTÍ Paul Esterházy, Ritter vom Goldenen Vlies

139

SZILÁRD SZABÓ Ungarns Politik gegenüber Bosnien und Herzegowina 1878-1908

157

IV ISTVÁN GERGELY SZĭTS Zu den deutsch-ungarischen porzellanindustriellen Kontakten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

169

RÓBERT KEREPESZKI Gesellschaftliche Vereine im Ungarn der Horthy-Ära

177

ÉVA PETRÁS Die Rezeption der kirchlichen Soziallehre durch die katholische Intelligenz im Ungarn der 1930er Jahre

195

MICHAEL BRAUN »Lasst den Streit, ihr Länder, legt den Streit beiseite« Béla Bartók und das Ideal der Völkerverständigung

207

VILMOS ERčS Ein Wegbereiter der modernen gesellschaftsgeschichtlichen Forschung in Ungarn: Elemér Mályusz (1898-1989)

229

ANNAMÁRIA FÁBIÁN – IGOR TROST Politolinguistische Analyse der Argumentationsschemata und der Persuasion in der Budapester Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Viktor Orbán vom 2. Februar 2015

243

Forschungsberichte MICHAEL KNÜPPEL Der Teilnachlass von István Futaky (1926-2013) in der Abteilung Handschriften und Seltene Drucke der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

259

MICHAEL PROSSER-SCHELL „Politics, Feasts, Festivals“. Kommentar zum neuen Sammelband der SIEF-Arbeitsgruppe „The Ritual Year“ aus kulturanthropologischer Perspektive und unter besonderer Berücksichtigung hungarologischer und internationaler Thematik

267

V

Mitteilungen LÁSZLÓ LUKÁCS Christbaum der Irrungen

277

AMBRUS MISKOLCZY Der atmosphärische Wandel im Siebenbürgen des 19. Jahrhunderts

293

MARC STEGHERR Ungarischer Regionalismus im rumänischen Siebenbürgen Die notwendige Wiederentdeckung des multiethnischen Osteuropa im 21. Jahrhundert

303

CSABA SZABÓ Das Erbe von Kuno Graf Klebelsberg in Wien

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Besprechungen Allgemeines und Übergreifendes HONTERUS, J.: Rudimenta Cosmographica. (Ralf Thomas Göllner) WEGER, T. – GÜNDISCH, K.: Kaschau – Košice. Eine kleine Stadtgeschichte. (Wolfgang Kessler) PAAS, J. R.: The German Political Broadsheet 1600-1700. Volume 12: 1686-1700. (Nóra G. Etényi) Kooperation in Europa. Modelle aus dem 20. Jahrhundert / Cooperation in Europe. Models from the 20th Century. (Franz Sz. Horváth) LENGYEL, ZS. K.: Emigráció, szórvány, hungarológia. Válogatott írások 1985-2012. (Franz Sz. Horváth)

335 337 338 345 346

Staat, Recht, Politik GÖNCZI, K. – CARLS, W.: Sächsisch-magdeburgisches Recht in Ungarn und Rumänien. Autonomie und Rechtstransfer im Donau- und Karpatenraum. (Dirk Moldt) Frieden und Konfliktmanagement in interkulturellen Räumen. Das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie in der Frühen Neuzeit. (Antal Szántay)

350

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VI Der österreichische Neoabsolutismus als Verfassungsund Verwaltungsproblem. Diskussionen über einen strittigen Epochenbegriff. (Ágnes Deák) SEIDERER, G.: Österreichs Neugestaltung. Verfassungspolitik und Verwaltungsreform im österreichischen Neoabsolutismus unter Alexander Bach 1849-1859. (Ágnes Deák) DEÁK, Á.: „Zsandáros és policzájos idďk”. Államrendďrség Magyarországon, 1849-1867. (Loránd L. Mádly) Staatsbürgerschaft und Teilhabe. Bürgerliche, politische und soziale Rechte im östlichen Europa. (Ferenc Eiler) KÜHRER-WIELACH, F.: Siebenbürgen ohne Siebenbürger? Zentralstaatliche Integration und politischer Regionalismus nach dem Ersten Weltkrieg. (Franz Sz. Horváth) Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die „Legion Erzengel Michael“ in Rumänien 1918-1938. (Ambrus Miskolczy) GLASS, H.: Deutschland und die Verfolgung der Juden im rumänischen Machtbereich 1940-1944. (Ambrus Miskolczy) Minderheitenpolitik im „unsichtbaren Entscheidungszentrum“. Der „Nachlass László Fritz“ und die Deutschen in Ungarn 1934-1945. (Ferenc Eiler) Jenseits von Aufrechnung und Verdrängung. Neue Forschungen zu Flucht, Vertreibung und Vertriebenenintegration. (Ferenc Eiler) ROTHER, H.-J.: Die Freie Montagsuniversität in Budapest. Eine fliegende Universität in Ungarn vom Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre. (Jeannette Madarász-Lebenhagen) KORKUT, U.: Liberalization Challenges in Hungary. Elitism, Progressivism, and Populism. (Ralf Thomas Göllner) KÜPPER, H.: Ungarns Verfassung vom 25. April 2011. Einführung – Übersetzung – Materialien. (Michael Pießkalla)

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Wirtschaft und Gesellschaft BERLÁSZ, J.: Erdélyi jobbágyság – magyar gazdaság. (Antal Szántay) WEISZ, B.: A királyketteje és az ispán harmada. Vámok és vámszedés Magyarországon a középkor elsď felében. (Péter Haraszti Szabó) Hans Dernschwam’s Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel und Kleinasien (1553/55). (János Buza) FATA, M.: Migration im kameralistischen Staat Josephs II. Theorie und Praxis der Ansiedlungspolitik in Ungarn, Siebenbürgen, Galizien und der Bukowina von 1768 bis 1790. (Krisztina Kulcsár)

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VII IFJ. BARTA, J.: „Ha Zemplin vármegyét az útas vizsgálja...” II: Adattár Zemplén vármegye 18. századvégi történetéhez. (Antal Szántay)

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Kultur und Bildung RIEDEL, J. A.: Bildungsreform und geistliches Ordenswesen im Ungarn der Aufklärung. Die Schulen der Piaristen unter Maria Theresia und Joseph II. (Lilla Krász) UJVÁRI, H.: Kulturtransfer in Kakanien. Zur Jókai-Rezeption in der deutschsprachigen Presse Ungarns (1867-1882). (Krisztina Busa) GANTNER, E. B.: Budapest – Berlin. Die Koordinaten einer Emigration 1919-1933. (Wolfgang Kessler) UJVÁRY, G.: „Egy európai formátumú államférfi”. Klebelsberg Kuno (1875-1932). (Franz Sz. Horváth) „A legnagyobb álmú magyar kultuszminiszter”, gróf Klebelsberg Kuno. (Franz Sz. Horváth) A negyedik nemzedék és ami utána következik. Szekfį Gyula és a magyar történetírás a 20. század elsď felében. (Franz Sz. Horváth) Történeti átértékelés. Hóman Bálint, a történész és a politikus. (Franz Sz. Horváth) OROSZ, L.: Tudomány és politika. Fritz Valjavec (1909-1960) a két világháború közötti magyar-német tudománypolitikai kapcsolatokban. (Franz Sz. Horváth) BITTER, Á.: Deutsche Sprachelemente im Ungarischen als Hilfen beim kognitiven Erwerb des Deutschen. Einsichten aus Unterrichtseinheiten mit ungarischen Deutschlehrern. (Annamária Fábián)

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Kirche und Religion SRODECKI, P.: Antemurale Christianitatis. Zur Genese der Bollwerksrhetorik im östlichen Mitteleuropa an der Schwelle vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. (László Glück) TESZELSZKY, K.: Szenci Molnár Albert elveszettnek hitt Igaz Vallás portréja (1606). (Wolfgang Kessler) Katholische Aufklärung und Josephinismus. Rezeptionsformen in Ostmittel- und Südosteuropa. (Julia Krämer-Riedel) BALOGH, M.: Kardinal József Mindszenty. Ein Leben zwischen kommunistischer Diktatur und Kaltem Krieg. (Gabriel Adriányi)

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VIII

Chronik Adalbert Toth (12. Mai 1926 – 4. Februar 2014). (Zsolt K. Lengyel) Gyula Borbándi (24. September 1919 – 23. Juli 2014). (Zsolt K. Lengyel) Ágnes R. Várkonyi (9. Februar 1928 – 13. Dezember 2014). (László Solymosi) László Katus (13. Juli 1927 – 26. Januar 2015). (Márta Font) Hungaricum – Ungarisches Institut der Universität Regensburg gegründet. (Zsolt K. Lengyel) Bericht über den Filmabend „Son of Saul“. Regensburg, 15. Juni 2016. (Ralf Eickhoff)

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Verschiedenes Autorinnen und Autoren dieses Bandes Veröffentlichungen des Ungarischen Instituts München 1964-2016

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GÁBOR K ÁRMÁN, BUDAPEST

»Verdammtes Konstantinopel« Das Türkenbild der siebenbürgischen Gesandtschaft bei der Hohen Pforte im 17. Jahrhundert*

Jakab Harsányi Nagy, der in den 1650er Jahren an der Hohen Pforte dem siebenbürgischen Fürsten als Diplomat gedient hatte, verfasste 1672 – dann schon als Hofrat des Kurfürsten von Brandenburg – ein Buch unter dem Titel „Colloquia familiaria turcico-latina“.1 Diese in Dialogform geschriebene Arbeit enthält ein fiktives Gespräch zwischen einem Gesandten und seinem Dolmetscher. Der Gesandte, der von führenden Mächten Europas an die Hohe Pforte delegiert worden war, kannte sich demnach im Osmanischen Reich nicht aus und versuchte sich in der für ihn fremden Welt allein an den damals vorherrschenden Meinungen zu orientieren, die allerdings von der Realität weit entfernt waren. Dabei war ihm der Dolmetscher behilflich, der ihm intime Kenntnisse über die Struktur des osmanischen Verwaltungsapparates und der Armee, über den Alltag in Konstantinopel sowie über die diversen Richtungen des Islam vermittelte.2 Der Gesandte zeigte sich von diesen Ausführungen beeindruckt und bat seinen Gesprächspartner, ihm die wahre Natur der Türken zu erläutern. Der Dolmetscher vermied jedoch überraschenderweise eine klare Aussage und erklärte, dass die Fähigkeiten eines Menschen keineswegs ausreichen würden, die wahre Natur und die Sitten eines Volkes darzustellen. Dazu sei vielmehr nur Gott in der Lage, insbesondere im Falle der Türken, die gar kein einheitliches Volk seien, sondern das Ergebnis der Verschmelzung vieler – der Dolmetscher nannte die Zahl 27 – Völker der Welt. »Deshalb«, so der Dolmetscher, »ist es so, dass wollte jemand die Beschreibung der Natur und der Gewohnhei*

1

2

Diese Arbeit entstand während der Mitarbeit des Verfassers am Forschungsprojekt „Osmanischer Orient und Ostmitteleuropa“ im Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig in den Jahren 20072013. Für ihre Hilfestellungen sei insbesondere den Kollegen Norbert Spannenberger, Robert Born und Markus Koller gedankt. Jakab Nagy de Harsány: Colloquia familiaria turcico-latina, seu status turcicus loquens […]. Coloniae Brandenburgicae 1672. Einzelne Teile, nämlich den lateinisch-türkischen Text der „Colloquia“ samt deutscher Übersetzung und der linguistischen Analyse des türkischen Textes siehe bei György Hazai: Das Osmanisch-Türkische im XVII. Jahrhundert. Untersuchungen an den Transkriptionstexten von Jakab Nagy de Harsány. Budapest 1973. Da die siebenbürgischen Diplomaten die osmanische Hauptstadt konsequent Konstantinopel nannten, soll auch in diesem Aufsatz dieser Name anstatt Istanbul verwendet werden.

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ten der Osmanen sich vornehmen, so sollte er zunächst die Natur all dieser Völker studieren. Selbst die natürlichen, aus türkischem Geschlecht stammenden Anhänger Mohammeds sind von anderer Natur und Moral als die Renegaten; von anderer Natur und Moral sind die gebildeten Türken als die Ungebildeten und Ungeschliffenen; andere Bräuche haben die Bewohner der Grenze als die in der Mitte des Reiches: Von den christlichen Nachbarn kann ein jeder sowohl Gutes als auch Schlechtes dazulernen. Wie bei uns verfügen alle, die Soldaten, die Wissenschaftler und die Ungebildeten, die Händler, die Bauern, die Stadtbewohner oder die Leute am Hof über eigene Sitten und Bräuche.« 3 Dieser antiessentialistische Standpunkt war unter den siebenbürgischen Gesandten bei der Hohen Pforte nur selten anzutreffen. Auch bei Harsányi kam er nur in Ansätzen zur Geltung. Im erwähnten Buch ließ er den Dolmetscher, der mit seinem Gesprächspartner doch etliche Charakteristika der türkischen Natur erörterte, an seiner Stelle sprechen. Allerdings war er nicht immer so zurückhaltend: In den 15 Jahre vor der Fertigstellung der „Colloquia“ verfassten Briefen an György II. Rákóczi (1648-1657/1658-1660) gab er wiederholt seine stereotypischen Ansichten über die Osmanen preis. Diese entsprachen den klischeehaften Vorstellungen der siebenbürgischen Gesandten.4 In den folgenden Ausführungen soll eben dieses klischeehafte Türkenbild der siebenbürgischen Diplomaten rekonstruiert und seine Entstehung sowie Wirkung in den europäischen Kontext gestellt werden.

Die siebenbürgische Gesandtschaft an der Hohen Pforte Es lässt sich nicht mehr feststellen, wann die ständige Gesandtschaft des Fürstentums Siebenbürgen bei der Pforte eingerichtet wurde. Folgt man den nur bruchstückhaft überlieferten Angaben, so geschah dies vermutlich im Laufe des 16. Jahrhunderts und war das Ergebnis der Bildung des selb3

4

»Itaque, opus hoc, quicunque aggressus, Osmannidarum naturam, & mores explanare voluerit, illum omnium nationum naturam oportebit nosse. Praeterea naturalis, & ex prosapia Turcica oriundus, Mahometis Assecla, ac renegatus, seu ex Christiano factus, aliam, & diversam habet naturam ac mores: doctus Turca aliam, indoctus & rudis iterum aliam; confiniorum, & meditullii imperii incola, alios assumit mores: ex Christianis & vicinis, bona pariter ac mala quilibet addiscit. Miles, sapiens, & stupidus, mercator, paganus, oppidanus, vel civicus, atque aulicus, quemadmodum in nostris quoque regionibus, variis ac variis utitur moribus ac consuetidinibus.« Nagy de Harsány 363-364. Sämtliche Übersetzungen ins Deutsche wurden vom Verfasser unter Rückgriff auf die Version von Hazai angefertigt. In diesem Aufsatz sollen die beiden Türkenbilder von Harsányi nicht weiter vertieft werden. Verwiesen sei aber auf Gábor Kármán: Turks Reconsidered: Jakab Harsányi Nagy’s Changing View of the Ottoman. In: Well-Connected Domains: Towards an Entangled Ottoman History. Hgg. Pascal W. Firges [u. a.]. Leiden/Boston 2014, 110-130.

G. Kármán: Das Türkenbild der siebenbürgischen Gesandtschaft

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ständigen siebenbürgischen Staates, dessen Beziehung zur Hohen Pforte jedoch der eines tributpflichtigen Vasallen war. 5 Auf jeden Fall stand zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Struktur der Gesandtschaft fest, die danach eine ununterbrochene Kontinuität aufwies. Die wichtigsten diplomatischen Vertreter waren die Hauptgesandten (f követ). Dieses prestigeträchtige Amt übernahmen vor allem Aristokraten oder Männer inne, die sich schon in Siebenbürgen bewährt hatten beziehungsweise Personen, die mit der Politik der Pforte besonders vertraut waren. Ihre wichtigste Aufgabe war es, den jährlichen Tribut des Fürstentums abzuliefern. Die Fürsten ernannten aber auch dann Hauptgesandte, wenn sie in einer besonders wichtigen Angelegenheit das Wohlwollen der Pforte erwirken wollten.6 Die Entsendung eines solchen Abgesandten wurde von der Pforte auf jeden Fall erwartet; so ermahnte der Großwesir den gerade ins Amt eingesetzten György I. Rákóczi (1630-1648), dass – wenn er künftig Ergebnisse bei der Pforte erzielen wolle –, er dem Beispiel seines Vorgängers Gábor Bethlen (1613-1629) folgen und einen Sondergesandten nach Konstantinopel schicken oder aber zumindest persönliche Briefe schreibe möge. Keinesfalls aber solle er durch den ständigen Gesandten Botschaften ausrichten lassen.7 Das Ansehen der ständigen Gesandten oder Oratoren – dem siebenbürgischen Wortgebrauch nach wurden sie Kapitiha genannt – war also geringer als das der Hauptgesandten, was auch für das Fürstentum selbst galt. 5

6

7

Nach der verfügbaren Liste der Gesandten von Siebenbürgen begann die erste Periode im Jahr 1574. Vgl. Vencel Bíró: Erdély követei a Portán. Cluj/Kolozsvár 1921, 114-115. Über den Status des Fürstentums Siebenbürgen im Osmanischen Reich Gábor Barta – Katalin Péter – Ágnes R. Várkonyi: Das Fürstentum Siebenbürgen. In: Kurze Geschichte Siebenbürgens. Hg. Béla Köpeczi. Budapest 1990, 241-403; Gábor Barta: The First Period of the Principality of Transylvania (1526-1606). In: History of Transylvania. Hgg. Gábor Barta [u. a.]. I. Boulder 2002, 593-770; Sándor Papp: Die Verleihungs-, Bekräftigungs- und Vertragsurkunden der Osmanen für Ungarn und Siebenbürgen. Wien 2003; Ders.: The System of Autonomous Muslim and Christian Communities, Churches, and States in the Ottoman Empire. In: The European Tributary States of the Ottoman Empire in the Sixteenth-Seventeenth Centuries. Hgg. Gábor Kármán, Lovro Kunкeviд. Leiden/Boston 2014, 404-412; Katalin Péter: The Golden Age of the Principality (1606-1660). In: History of Transylvania II, 3-229; Ágnes R. Várkonyi: The Last Decades of the Independent Principality (1660-1711). In: History of Transylvania II, 233-513; Gerald Volkmer: Siebenbürgen zwischen Habsburgermonarchie und Osmanischem Reich. Völkerrechtliche Stellung und Völkerrechtspraxis eines ostmitteleuropäischen Fürstentums 1541-1699. München 2015, 486-509. Die Tätigkeit der Hauptgesandten wird ausführlich beschrieben von Bíró 1-78. Zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts István Molnár: Rozsnyai Dávid török deák. Budapest 1909, 44-49; Georg Müller: Die Türkenherrschaft in Siebenbürgen. Verfassungsrechtliches Verhältnis Siebenbürgens zur Pforte 1541-1688. Hermannstadt 1923, 74-96. Im internationalen Vergleich: Gábor Kármán: Sovereignty and Representation: Tributary States in the Seventeenth-Century Diplomatic System of the Ottoman Empire. In: The European Tributary States of the Ottoman Empire in the Sixteenth-Seventeenth Centuries 155-185. Vgl. István Szalánczi an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 14. Oktober 1632. In: Levelek és okiratok I. Rákóczy György keleti összeköttetései történetéhez. Hg. Sándor Szilágyi. Budapest 1883, 58.

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Ungarn-Jahrbuch 32 (2014/2015)

Diese sorgten nämlich für die ständige Kontaktpflege mit den obersten Würdenträgern des Osmanischen Reiches in Konstantinopel beziehungsweise in Adrianopel (Edirne), nach dem zeitweisen Umzug des Hofes des Sultans in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts dorthin. Die Struktur der siebenbürgischen Gesandtschaft in Konstantinopel entsprach weitgehend der kaiserlichen Ordnung, während die englischen, französischen und niederländischen Gesandtschaften nie Sondergesandte (extraordinarii) hatten. 8 Neben den grundlegenden strukturellen Ähnlichkeiten im Gesandtschaftswesen gab es deutliche Unterschiede zwischen den westeuropäischen Mächten und Siebenbürgen: Während die ständigen Gesandten Venedigs, Frankreichs, Englands, der Niederlanden und des Heiligen Römischen Reiches sich nicht selten über zehn Jahre in Konstantinopel aufhielten, galt der Auftrag der ständigen Gesandten Siebenbürgens nur für ein Jahr. Theoretisch traf jeden Winter zusammen mit der Gesandtschaft, welche die Steuergelder mitführte, auch der neue Orator ein, um seinen Vorgänger abzulösen.9 Dieser einjährige Dienst, der mit der Hin- und Rückreise nach Siebenbürgen ohnehin anderthalb Jahre dauerte, zog sich in der Praxis oft noch weiter in die Länge, wenn etwa der Fürst wegen politischer Spannungen mit der Pforte die Entsendung eines neuen Gesandten verweigerte. Genau dies trat häufiger während der Herrschaftszeit von György I. Rákóczi ein. Boldizsár Sebesi, der im Februar 1635 nach Konstantinopel aufgebrochen war, musste zum Beispiel bis Mai 1637 darauf warten, sein Amt offiziell abgeben zu dürfen. Der Fürst hielt nämlich die Steuern solange zurück, bis die Pforte erklärt hatte, dass die beiden Thronprätendenten, Mózes Székely und István Bethlen, nicht unterstützt werden.10 8

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Zur Geschichte der Gesandtschaften in Konstantinopel im Überblick Bertold Spuler: Die europäische Diplomatie in Konstantinopel bis zum Frieden von Belgrad (1739). In: Jahrbücher für Kultur und Geschichte der Slaven 11 (1935) 53-115, 171-222, 313-366; Ders: Europäische Diplomaten in Konstantinopel bis zum Frieden von Belgrad (1739). In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 1 (1936) 229-262, 383-440. Die wichtigsten Überblickswerke zu den Gesandtschaften der einzelnen Staaten: George Frederick Abbott: Turkey, Greece and the Great Powers. A Study of Friendship and Hate. London 1916; Daniel Goffman: Britons in the Ottoman Empire 1642-1660. Seattle 1998; Alexander H. De Groot: Ottoman Empire and the Dutch Republic. A History of the Earliest Diplomatic Relations 1610-1630. Leiden/Istanbul 1978; Michael Hochedlinger: Die französisch-osmanische »Freundschaft« 1525-1792. Element antihabsburgischer Politik, Gleichgewichtsinstrument, Prestigeunternehmung. Aufriss eines Problems. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 102 (1994) 108-164; Peter Meienberger: Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn als kaiserlicher Resident in Konstantinopel in den Jahren 1629-1643. Ein Beitrag zur Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und der Türkei in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Bern/Frankfurt 1973. Über die ständigen Gesandten im Allgemeinen Bíró 79-94; Molnár 112-122; Müller 97-125. Boldizsár Sebesi unterzeichnete die Beglaubigungsurkunde am 5. Februar 1635 in Fogarasch. In: I. Rákóczy György és a Porta. Hgg. Antal Beke, Samu Barabás. Budapest 1888, 190.

G. Kármán: Das Türkenbild der siebenbürgischen Gesandtschaft

97

Zehn Jahre später erging es István Réthy ähnlich. György I. Rákóczi weigerte sich, die von der Pforte verlangten höheren Steuern zu bezahlen, was zu diplomatischen Spannungen führte. So konnte der im November 1644 eingetroffene ständige Gesandte erst im Februar 1647 Konstantinopel verlassen. Gerüchten zufolge war dies nur deshalb möglich, weil er dem Großwesir Geschenke zukommen ließ.11 Dieser Zwischenfall offenbart, dass es allen Hauptgesandten durchaus ähnlich ergehen konnte. Gewöhnlich blieben diese bis zur Erledigung ihres Auftrags an der Pforte, meistens nicht länger als ein bis zwei Monate. Der Großwesir verwehrte aber dem im Dezember 1645 angekommenen Hauptgesandten István Szalánczi die Rückkehr, um auch dadurch Druck auf den Fürsten auszuüben. Szalánczi blieb schließlich mehr als drei Jahre lang als Geisel in der osmanischen Hauptstadt und verstarb dort im Januar 1648.12

Elemente des Türkenbildes in der siebenbürgischen Gesandtschaft Die Habgier galt nach der gängigen Auffassung der siebenbürgischen Gesandten als die wichtigste Eigenschaft der Türken. Zu den zentralen Themen in den Gesandtschaftsberichten zählte die in der osmanischen Terminologie als rü vet bezeichnete Korruption. Demnach konnte man bei den osmanischen Würdenträgern nur dann Erfolge erzielen, wenn man ihnen zuvor diverse Geschenke überreichte. Die moderne Historiografie ist der Ansicht, dass dies zum integralen Bestandteil des osmanischen Regierungssystems gehörte und es daher überflüssig sei, rü vet als Bestechung zu

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Sein erster Bericht über die Pforte stammt aus dem Monat Juni 1635. In: Levelek és okiratok 316. Über die Entsendung eines neuen ständigen Gesandten unterrichtete ihn der Fürst mit seinem Brief vom 2. Mai 1637. In: Ebenda, 403. Die Ironie der Angelegenheit liegt darin, dass Sebesi, der schon im August 1635, etwa zur Halbzeit seiner Amtsausübung, ersucht hatte, die Pforte verlassen zu dürfen, stattdessen einer der Gesandten mit der längsten Amtszeit ohne Unterbrechung geworden ist. Vgl. György I. Rákóczi an Sebesi. Unterkumanen (Komána, Comăna), 18. August 1635. In: I. Rákóczy György és a Porta 207. Für diese Daten von Réthys Tätigkeit an der Pforte Bíró 125-126. Zur erkauften Genehmigung István Szalánczi an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 22. Oktober 1647. In: I. Rákóczy György és a Porta 855. Über den Konflikt Gábor Kármán: The Price of Succession: Diplomatic Negotiations Around the Acknowledgment of György Rákóczi II as a Prince of Transylvania. In: New Trends in Ottoman Studies: Papers Presented at the 20th CIEPO Symposium. Rethymno, 27 June – 1 July 2012. Rethymno 2014, 594-608 (Onlineausgabe: http://anemi.lib.uoc.gr/metadata/7/8/e/metadata-1412743543-919456-15948.tkl [8. März 2016]); Sándor Papp: II. Rákóczi György és a Porta. In: »Szerencsének elegyes forgása«. II. Rákóczi György és kora. Hgg. Gábor Kármán, András Péter Szabó. Budapest 2009, 99-170. Seine Ankunft in Konstantinopel teilte er dem Fürsten am 2. Januar 1642 mit. I. Rákóczy György és a Porta 786. Über seinen Tod am 9. Januar 1648 benachrichtigte der ständige Gesandte, Ferenc Gyárfás, György I. Rákóczi am 14. Januar. Levelek és okiratok 895-898.

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interpretieren.13 Die zeitgenössischen Besucher des Osmanischen Reiches dürften dies anders gesehen haben: Die Gepflogenheit dieser obligatorischen Schenkungen hatte nämlich allgemeine Empörung ausgelöst, da sie als offensichtliche Korruption und als eindeutiges Zeichen der Unsitte betrachtet wurde.14 Es ist kaum verwunderlich, dass auch die siebenbürgischen Diplomaten, die regelmäßig verschiedene Amtsträger zu beschenken hatten, sich nicht für die Situation begeisterten, da ihrer Meinung nach »die türkische Welt nur mithilfe von Zuwendungen« funktionierte.15 Diese Gegebenheit war Anlass zu zahlreichen geistreichen Bemerkungen in den Gesandtschaftsberichten. Kristóf Paskó etwa artikulierte seine Erfahrungen wie folgt: »Mit Geld lässt sich beim Türken alles erwirken, doch allein mit Versprechungen pflegt er nicht zu weiden.«16 Selbst Harsányi wandte sich als Diplomat diesem Thema zu und fand vielleicht die poetischste Metapher: »Die Mühle des Türken wird allein mit der Gabe angetrieben« beziehungsweise »ohne Gabe sieht das Türkenauge nichts, seine Zunge bleibt ohne sie stumm«.17 Man sollte sich allerdings hüten, diesen Äußerungen der siebenbürgischen Gesandten einen allzu großen Wahrheitsgehalt beizumessen. Denn ihre Erfahrungen zeigten, dass – im Gegensatz zur Aussage Paskós – keinerlei Geschenke die osmanischen Würdenträger dazu veranlassen konnten, Entscheidungen zu treffen, die ihren eigenen politischen Interessen zuwiderliefen. Zugleich scheinen die siebenbürgischen Diplomaten der Überzeugung gewesen zu sein, dass es für die politischen Würdenträger des Osmanischen Reiches keine wichtigeren Ziele gab, als sich zu berei-

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Gábor Ágoston: Információszerzés és kémkedés az Oszmán Birodalomban a 15-17. században. In: Információáramlás a magyar és török végvári rendszerben. Hgg. Tivadar Petercsák, Mátyás Berecz. Eger 1999, 129-156, hier 141. Aslı Çirakman: From the «Terror of the World» to the «Sick Man of Europe». European Images of Ottoman Empire and Society from the Sixteenth Century to the Nineteenth. New York 2002, 69; Clarence Dana Rouillard: The Turk in French History, Thought and Literature (1520-1660). Paris 1940, 323. »Ez az török világ csak adammal jár.« Zsigmond Boér an Mihály Teleki. Thessaloniki, 24. Februar 1670. In: Teleki Mihály levelezése. V: 1670-1671. Hg. Sámuel Gergely. Budapest 1910, 97. Ähnlich János Donáth an Gabriel Bethlen. Konstantinopel, 30. Mai 1629: demnach wisse der Fürst »es viel besser, dass die Gabe zur Pforte gehört«. In: Bethlen Gábor fejedelem levelezése. Hg. Sándor Szilágyi. Budapest 1887, 386. Für eine besonders ausführliche Beschreibung des siebenbürgischen Geschenkwesens Klára Jakó: Rozsnyai Dávid portai »tanító írása«. In: Levéltári Közlemények 84 (2013) 169-186. »Pénzzel az török el tt mindent végben vihetni, de csak igirettel nem szokott legeltetni.« Paskó an Mihály I. Apafi. Konstantinopel, 6. Februar 1666. In: Török-magyarkori államokmánytár. IV. Hgg. Áron Szilády, Sándor Szilágyi. Pest 1870, 303. »Az török malmát csak az adom hajtja.« Harsányi an György II. Rákóczi. Konstantinopel, 3. Februar 1656. In: Okmánytár II. Rákóczy György diplomáciai összeköttetéseihez. Hg. Sándor Szilágyi. Budapest 1874, 307; »[…] az török szeme adom nélkül nem lát, nyelve néma.« In: Erdély és az északkeleti háború. I-II. Hg. Sándor Szilágyi. Budapest 1891, hier II, 224.

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chern.18 Nur wenige der Gesandten schlossen sich der Argumentation von János Nemes an, der seinen eigenen Landsleuten vorwarf, sich ohne größere Mühen Vorteile verschaffen zu wollen. Noch während seiner Gesandtschaftsreise 1671 erklärte er dem siebenbürgischen Kanzler: »Ich sehe, unsere Heimat möchte, dass jemand sie vor den Gefahren schützt, ihren Zustand verbessert, sie mag aber dafür kein Geld ausgeben […]. Wer keinen Weizen zur Mühle bringt, geht ohne Mehl nach Hause.«19 Später notierte er freudig, dass er in Konstantinopel entgegen den eigenen Erwartungen mit Hochachtung empfangen worden war, obwohl er weder Geschenke mitbrachte noch die volle Summe des anstehenden Tributes aus dem Fürstentum übergab. Offenbar wollte der Großwesir vor dem Hintergrund des gerade begonnenen Krieges mit Polen-Litauen keine Spannungen zwischen dem Fürstentum und der Pforte aufkommen lassen.20 Den siebenbürgischen Diplomaten zufolge zeichneten sich die Osmanen allerdings nicht nur durch Gier, sondern auch durch Unzuverlässigkeit aus. Sie wiesen häufig darauf hin, dass die Türken »Lügenbolde« seien. »Das soll nicht geglaubt werden, weil es nur eine türkische Nachricht ist«, riet Tamás Borsos seinem Fürsten. Auch andere waren dieser Ansicht: »Lügen ist keine Scham für sie, obwohl sie einen großen Bart als Maske tragen.«21 Das Bild des verlogenen Türken fand auch in die politische Elite Siebenbürgens Eingang. Fürst György I. Rákóczi machte in seinen Briefen solche Andeutungen häufiger, gelegentlich maß er diesem Merkmal der türkischen Natur eine historische Bedeutung bei.22 In einem seiner Briefe bat er seinen Sohn, eine früher von ihm an die Pforte übersandte Nachricht zu korrigieren, da sie sich als falsch erwiesen hatte. Er begründete sein Han-

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Tamás Borsos an István Bethlen. Konstantinopel, 28. Oktober 1626. In: Samu Gergely: Adalék „Bethlen Gábor és a Porta“ czím közleményhez. Harmadik és befejez közlemény. In: Történelmi Tár 6 (1883) 609-645, hier 611. »Úgy látom, ez az mü hazánk akarná, ha valaki találkoznék, édes Komám uram, az ki veszedelemt l oltalmazná, döl félben lev állapotját támogatná, de nem szereti azt, hogy erszénye száját megnyittatná […]. Mert az ki malomban megyen s búzát nem viszen, bizony liszt nélkül megyen vissza.« Nemes an Mihály Teleki. Adrianopel, 14. November 1671. In: Teleki Mihály levelezése V, 652. Ebenda, 659. »Nem kell hinni, mert csak török hír.« Borsos an Gabriel Bethlen. Konstantinopel, 28. September 1619. In: Tamás Borsos: Vásárhelyt l a Fényes Portáig. Emlékiratok, levelek. Hg. László Kocziány. Bukarest 1972, 325; »[…] nálok nem szemérem az hazukság, hiába viselik az nagy personatus szakállt.« Boldizsár Sebesi an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 26. August 1635. In: I. Rákóczy György és a Porta 221. So erläuterte der Fürst gegenüber den Gesandten der Pforte, dass man – wie es auch die historischen Bücher belegten – dem Türken selbst dann nicht glauben dürfe, wenn er auf seine Worte schwöre, weil er den Christen immer betrüge. In: Levelek és okiratok 455.

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deln mit der Bemerkung: »Obwohl das Lügen beim Türken keine Scham ist, sollten wir selbst keinen Gebrauch davon machen.« 23 Als einen weiteren Beleg für die Unzuverlässigkeit der Türken konstatierten die siebenbürgischen Gesandten die Unbeständigkeit der osmanischen Politik. So erklärte Harsányi: »Das gegebene Wort der Türken hat nur selten Beständigkeit.«24 Auch andere Diplomaten verliehen dieser Überzeugung mehrmals Ausdruck. Der ständige Meinungswechsel der osmanischen Amtsträger wurde auch mit ihrer angeblichen Geldgier in Zusammenhang gebracht. So wurde in der diplomatischen Korrespondenz den osmanischen Eliten immer wieder vorgeworfen, das gegebene Wort zu brechen und auf niederträchtige Kabalen zurückzugreifen, offenbar in der Hoffnung auf weitere Vorteile. Der Ausdruck türkische Kunst erschien in diesen Berichten als Synonym für Arglist.25 Ebenso wie die Ausführungen über die vermeintliche Geldgier, sind auch diese Äußerungen kritisch zu betrachten. Das Stereotyp des listigen, falschen Türken wurde immer dann reaktiviert, wenn die siebenbürgischen Gesandten etwas nicht erreichen konnten. So führte István Serédy 1649 lange Verhandlungen an der Pforte, um Mehmet IV. (1648-1687) zum Verzicht auf Zahlungen zu bewegen, die der Sultan für die von György I. Rákóczi besetzten ungarischen Komitate verlangte.26 Dabei versuchte Serédy den osmanischen Würdenträgern glaubhaft zu machen, dass die Komitate unter der Hoheit seines Fürsten lediglich aus einer Burg und umliegenden Güter bestanden. Obwohl Serédy selbst die Unwahrheit sagte, nannte er den Großwesir einen »alten Filou«.27 Schaut man auf den umfangreichen Bestand des diplomatischen Schriftverkehrs, so sind es vor allem Geldgier und Unzuverlässigkeit, die den Osmanen seitens der siebenbürgischen Diplomaten zugeschrieben wurden. 23

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»[…] noha az töröknél nem szégyen az hazugság, de mi ne éljünk azzal.« György I. Rákóczi an seinen Sohn György Rákóczi. [o. O.], 28. Juni 1644. In: A két Rákóczy György családi levelezése. Hg. Sándor Szilágyi. Budapest 1875, 213. »Az törökben az állhatatos szó ritka.« Harsányi an György II. Rákóczi. Konstantinopel, 17. Dezember 1655. In: Erdély és az északkeleti háború I, 567. Vgl. Boldizsár Sebesi an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 24. Mai 1636. In: Levelek és okiratok 369. 1644 führte György I. Rákóczi mit der Erlaubnis der Hohen Pforte einen Feldzug gegen Ungarn. Für die sieben Komitate Ungarns, die ihm im Linzer Frieden (1645) abgetreten worden waren, forderte der Sultan einen jährlichen Tribut, den Fürst Rákóczi ihm allerdings nicht zahlen wollte. Nach dem Tod des Fürsten 1648 erbte sein Sohn, György II. Rákóczi, diesen Konflikt, obwohl er nach den Bestimmungen des Linzer Friedens fünf Komitate dem Königreich Ungarn zurückgeben musste. Der Konflikt endete 1650, als Siebenbürgen doch einen Teil der umstrittenen Summe bezahlte. Kármán: The Price of Succession; Papp: II. Rákóczi György. »[…] vén lator.« Serédy an György II. Rákóczi. Konstantinopel, 12. Mai 1649. In: Sándor Szilágyi: Levelek és okiratok II. Rákóczy György fejedelem diplomácziai összeköttetéseinek történetéhez. In: Történelmi Tár 12 (1889) 326-353, hier 329.

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Doch nicht nur das: Péter Bakó beschrieb sie als sehr »einfach« denkende Menschen, weil sie »nicht viel vom philosophicum argumentum« verstünden.28 Dániel Sövényfalvi wiederum klagte darüber, dass der türkische Dolmetscher ihn während seiner Krankheit nur nachlässig vertreten hätte: »[…] selbst gestern fand ich Mängel in der Angelegenheit, weil der Türke ja Türke ist.«29 Diese waren jedoch nur einzelne Stimmen im Diplomatenkreis. Andere Gesandte konnten nämlich in konkreten Fällen ganz andere Erfahrungen sammeln, wie es das Beispiel für die türkische Geschwätzigkeit belegt: Nach mehreren Gesandtschaftsaufenthalten berichtete István Szalánczi 1634 über seine Verhandlungen mit dem walachischen Woiwoden: »Mit vielen Worten, fast wie ein Türke, sprach ich mit Seiner Durchlaucht.« 30 István Réthy, der ständige Gesandte Siebenbürgens in der osmanischen Hauptstadt, schrieb hingegen noch im selben Jahr: »Der Türke gebraucht sehr kurze und sinnvolle Worte.« 31 Schließlich wurde noch die Aggressivität der Türken in der diplomatischen Korrespondenz thematisiert. So wurde eine ganze Reihe von wahren Gegebenheiten geschildert, die von Grausamkeiten berichten, die auf den Straßen stattfanden, meistens während der Rebellionen, aber auch in Friedenszeiten.32 Auch wenn diese Schilderungen keine expliziten, die Na28

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»[…] philosophicum argumentumhoz nem sokat ért.« Bakó an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 9. März 1636. In: Levelek és okiratok 293. »[…] csak az minap ott nem lételem miatt is fogyatkozást találtam az dologba, mert az török ugyan török.« Sövényfalvi an Gabriel Bethlen. Konstantinopel, 29. Juli 1621. Vgl. Samu Gergely: Adalék „Bethlen Gábor és a Porta“ czím közleményhez. Els közlemény. In: Történelmi Tár 5 (1882) 434-469, hier 442. Die Dragomane an der Hohen Pforte übten nicht nur durch ihre Rolle als Übersetzer eine Vermittlerfunktion aus, sondern nahmen des Öfteren auch kleinere Aufträge von den Gesandten an. Nestor Camariano: Alexandre Mavrocordato le Grand Dragoman. Son activité diplomatique 1673-1709. Thessaloniki 1970; Alexander H. De Groot: The Dutch Nation in Istanbul, 1600-1985. A Contribution to the Social History of Beyoğlu. In: Anatolica 14 (1987) 131-150; Tijana Krstić: Of Translation and Empire: Sixteenth-Century Ottoman Imperial Interpreters as Renaissance GoBetweens. In: The Ottoman World. Hg. Christine Woodhead. London/New York 2012, 130-142; Meienberger 94-95; Marie Testa – Antoine de Gautier: Les drogmans au service de la France au Levant. In: Dies.: Drogmans et diplomates européens auprès de la Porte Ottomane. Istanbul 2003, 17-39; Natalie E. Rothman: Interpreting Dragomans. Boundaries and Crossings in the Early Modern Mediterranean. In: Comparative Studies in Society and History 51 (2009) 771-800. »[…] sok szóval, csaknem ugyan török formán beszélgettem nagyságával.« Szalánczi an György I. Rákóczi. Bukarest, 2. Juli 1634. In: I. Rákóczy György és a Porta 127. »[…] az török igen rövid értelmes szóval szokott élni.« Réthy an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 16. Mai 1634. In: Ebenda, 102. Die Gesandten Siebenbürgens kamen nicht an den kaiserlichen Gesandten Herrmann Czernin heran, der sich in den Jahren 1644/1645 mit der Präzision eines Buchhalters in sein Tagebuch notiert hatte, wie viele Menschen der Sultan täglich hinrichten ließ. Vgl. Zweite Gesandtschaftsreise des Grafen Hermann Czernin von Chudenic nach Constantinopel im Jahre 1645. Hg. Franz Tischer. Neuhaus 1879, 32-71. Zum Quellenwert des Czernin-Tagebuches Petr Štepánek: Correspondence and Diary Related to the Second Embassy of Count

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tur des Türken betreffenden Kommentare enthalten, verweist die Art der Auswahl und die Form der Erzählung eindeutig auf das Bild des unzähmbaren, wilden und blutrünstigen Osmanen. In einigen Fällen gaben einzelne Gesandten sogar an, Angst um ihr eigenes Leben zu haben, denn »Menschentod ist ein kleines Ding hier«. So wagten sie kaum, das Haus zu verlassen, da »dies ein wütendes Geschlecht« sei. 33 Eine interessante Frage ist, besonders wenn man an die Mahnung von Harsányis Dolmetscher zurückdenkt, wen genau die Gesandten unter diesem wütenden Geschlecht verstanden wissen wollten. Sie schlossen nämlich die christliche Bevölkerung des Osmanischen Reiches vom Sammelbegriff Türken aus. Das lässt sich am besten am Beispiel der Griechen belegen, die die größte christliche Gruppe in Konstantinopel bildeten, im Fürstentum Siebenbürgen jedoch nur marginal – vor allem als Händler – vertreten waren. Eigentlich hätten die Griechen einen osmanischen Charakter in Siebenbürgen verkörpern können. Doch die beiden Gruppen wurden von den Diplomaten nie vermischt.34 Unter Türken verstand man also die muslimische Bevölkerung des Osmanischen Reiches, unabhängig jedweder ethnischer Zugehörigkeit. Dies belegt die Beurteilung der Renegaten. Die siebenbürgischen Gesandten trafen in Konstantinopel auch auf zahlreiche Konvertiten, die vom Christentum zum Islam übergetreten waren. Die Abneigung der siebenbürgischen Diplomaten gegenüber diesen Renegaten wurde offen artikuliert. Tamás Gyulai zum Beispiel fühlte sich in Konstantinopel »wie der Stumme«. Er schrieb ferner: »wenn ich überhaupt jemanden zum Dolmetschen bekomme […], ist er ein aus einem Ungar zum Heiden gewordener […] und wenn er dolmetscht, woher soll ich wissen, ob er die Wahrheit sagt; ein Heide hält zum Heiden.« 35 In die-

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Herrman Czernin to Constantinople in 1644/1645. In: Essays on Ottoman Civilization. Proceedings of the XIIth Congress of the Comité International d’Études Pré-Ottomanes et Ottomanes. Praha 1998, 385-394. »[…] itt az emberhalál igen kicsin dolog«; »[…] az minem dühös nemzetség ez.« Réthy an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 1. November 1634 und Konstantinopel, 27. Mai 1643. In: Levelek és okiratok 213 und I. Rákóczy György és a Porta 624. Balázs Harasztosi berichtete, dass – während in der Stadt ein großer Feuerbrand wütete – die Janitscharen die Häuser plünderten und große Schäden verursachten: »[…] kein Feind wäre ihnen gleichgekommen, sie sind ja Schächer von verdammter, freier Gattung.« Sándor Szilágyi: Bethlen Gábor és a Porta. Második közlemény. In: Történelmi Tár 5 (1882) 57. Zugleich hatten die siebenbürgischen Diplomaten über die Griechen eine ebenfalls wenig schmeichelhafte Meinung. Über Constantin Postelnic, den griechischen Amtsträger der Walachei, schrieb Harsányi am 14. Juni 1655 an Fürst György II. Rákóczi: »Er ist so ein mit allen Wassern gewaschener Grieche, dass er mit seinen abgebrühten Ratschlägen selbst den Teufel überlisten würde.« In: Szilágyi: Levelek és okiratok, 668. »Mint az néma […], ha kit kaphatnék is, hogy tolmácsoljon, az […] magyarból lett pogány […], ha mit tolmácsol is mit tudok benne, ha igazán mondja-é vagy nem; pogány pogányhoz szít.« Gyulai an Mihály I. Apafi. Adrianopel, 7. Januar 1672. In: Török-magyarkori államokmánytár. V. Hgg. Áron Szilády, Sándor Szilágyi. Pest 1871, 94. Über die Rolle der Renega-

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sem Fall nannte der Diplomat den Renegaten »Heide«, doch viel verbreiteter war die Bezeichnung »zum Türken gewordener«. Nach Auffassung der siebenbürgischen Gesandten änderten offensichtlich die Konvertiten auch ihre Natur. Anders gesagt: unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft zeigten die Konvertiten letztlich türkische Eigenschaften. Diese Imagination wird am Beispiel des Dolmetschers Zülfikar Ağa deutlich, der ein halbes Jahrhundert bei der Gesandtschaft Siebenbürgens tätig war. Man wusste, dass er ungarischer Abstammung war und seiner Muttersprache sowie des Osmanischen mächtig war. 36 Dennoch scheint seine frühere ungarische Natur für niemanden von Relevanz gewesen zu sein, da er diese mit seinem Glaubenswechsel offensichtlich verloren und eine neue türkische erworben hatte.37 Wie die Worte von István Rácz an den siebenbürgischen Fürsten belegen, galt er den siebenbürgischen Diplomaten als »Türke«: »Er ist ein Türke, vermag nicht viele Geheimnisse zu hüten.« 38 Deshalb sollten dem Ağa auch nicht sämtliche Informationen mitgeteilt werden, da dieser mit dem kaiserlichen Gesandten sehr gut befreundet war. Ihm ist also mit der gleichen Reserviertheit begegnet worden, wie mit den gebürtigen Türken. So berichtete Ferenc Gyárfás seinem Fürsten: »Zülfikar Ağa scheint im Spiegel seiner Haltung und seiner Worte aus ganzem Herzen Euer Fürstlichen Durchlaucht dienen zu wollen, doch die türkische Natur hat er inne; er mag und sucht stets seinen eigenen Nutzen.« 39 Welches Türkenbild dominierte im 17. Jahrhundert unter den siebenbürgischen Gesandten an der Hohen Pforte? Schenken wir den schriftlichen Überlieferungen der Diplomaten Glauben, so waren die Türken, das heißt, die Muslime im Osmanischen Reich, geldgierig, unzuverlässig, lügnerisch und betrügerisch veranlagt, außerdem grausam, wild und unzähmbar. Natürlich wurden diese Eigenschaften nicht von allen Diplomaten jedem ein-

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ten in der Staatsverwaltung und ihr Verhältnis zur osmanischen Gesellschaft Pál Fodor: »Hivatásos törökök« – »született törökök«. Hatalmi elit és társadalom a 15.-17. századi Oszmán Birodalomban. In: Századok 138 (2004) 773-791; Baki Tezcan: The Second Ottoman Empire. Political and Social Transformation in the Early Modern World. Cambridge 2010. Über die Sprachkenntnisse Zülfikar Ağas: István Rácz an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 7. Februar 1642. In: I. Rákóczy György és a Porta 576. Siehe auch den Bericht des kaiserlichen Gesandten Johann Rudolf Schmid (1590-1667) aus Wien vom 12. November 1643. In: Meienberger 268-269. Zu den frühneuzeitlichen Diskursen über die ungarische Natur Gábor Kármán: Identity and Borders. Seventeenth Century Hungarian Travellers in the West and East. In: European Review of History 17 (2010) 562-563. » török, nála nem sok titok vagyon.« Rácz an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 15. August 1642. In: Levelek és okiratok 688. »Zülfikár agának magaviseléséb l, szavaiból is úgy látszik, mintha nagyságodnak igen jó szívvel szolgálna, de az török természet benne vagyon, igen szereti s keresi az maga hasznát mindenben.« Gyárfás an György II. Rákóczi. Konstantinopel, 24. Oktober 1648. In: I. Rákóczy György és a Porta 902.

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zelnen Osmanen zugewiesen, doch in der überlieferten Korrespondenz scheint ein Konsens darüber zu bestehen, dass diese im Großen und Ganzen die vorherrschenden Charakteristika waren. Nur gelegentlich assoziierten die Diplomaten den Türken mit positiven Attributen, wie zum Beispiel Tamás Borsos, der beispielsweise von »menschlichen Türken« schrieb. Allerdings bezeichnete er damit jene Fußgänger in Konstantinopel, die ihn vor den Übergriffen eines betrunkenen Einheimischen in Schutz genommen hatten.40 Im Gesamtkontext wurde allerdings dieser positive Inhalt deutlich abgeschwächt, denn der Gesandte wollte lediglich erwähnt haben, dass »manche Türken« sich immerhin »wie Menschen« benahmen. Ausgesprochen anerkennende Kommentare oder lobende Bemerkungen sind in den Gesandtschaftsberichten kaum zu finden.

Das siebenbürgische und das europäische Türkenbild Berücksichtigt man die Tatsache, dass das europäische Türkenbild am Ende des 16. Jahrhunderts ebenfalls aus überwiegend negativen Topoi bestand, sind die obigen Ausführungen, die Siebenbürgen betreffen, wenig überraschend. Nach der Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453 war der wichtigste Topos in der europaweit verbreiteten Turcica-Literatur jener des grausamen, barbarischen, nur zur Zerstörung neigenden Türken. Laut Martin Luther und seinen Wittenberger Kollegen war der Türke die Geisel Gottes für die Sünden der Christen.41 Auch westeuropäische Autoren teilten die Ansichten ihrer siebenbürgischen Zeitgenossen über die Gier und die Unzuverlässigkeit der Türken. Diese Stereotypen wurden im folgenden Jahrhundert beliebig reaktiviert, so auch in den Flugblättern anlässlich des Reichstags zu Regensburg Anfang der 1660er Jahre.42 40 41

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Borsos 283. Zsuzsa Barbarics: »Türck ist mein Nahm in allen Landen…« Kunst, Propaganda und Wandlung des Türkenbildes im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In: Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungaricae 54 (2001) 257-318; Maximilian Grothaus: Zum Türkenbild in der Kultur der Habsburgermonarchie zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. In: Habsburgisch-osmanische Beziehungen. Wien, 26.-30. September 1983. Colloque sous le patronage du Comité International des Études Pré-Ottomanes et Ottomanes. Relations Habsbourg-Ottomanes. Hg. Andreas Tietze. Wien 1985, 69-72. Zum lutherischen Türkenbild Martin Brecht: Luther und die Türken. In: Europa und die Türken in der Renaissance. Hgg. Bodo Guthmüller, Wilhelm Kühlmann. Tübingen 2000, 9-27; Yoko Miyamoto: The Influence of Medieval Prophecies on Views of the Turks. Islam and Apocalyptism in the Sixteenth Century. In: Journal of Turkish Studies 17 (1993) 125-145; Kenneth M. Setton: Lutheranism and the Turkish Peril. In: Balkan Studies 3 (1962) 133168. Meike Hollenbeck: Die Türkenpublizistik im 17. Jahrhundert – Spiegel der Verhältnisse im Reich? In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 107 (1999) 111-130.

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Allerdings enthielten viele in Europa verlegte Schriften durchaus auch anerkennende Äußerungen, vor allem hinsichtlich des osmanischen Alltags. Die Erfolge der osmanischen Armee veranlassten verschiedene Autoren dazu, die Struktur der Streitkräfte zu würdigen, wobei sie ihre Wertschätzung der dort vorherrschenden Disziplin zum Ausdruck brachten.43 Nicht zuletzt veranlassten die Frömmigkeit der Muslime und die Intensität ihrer Glaubenspraxis manchen Beobachter dazu, den Wunsch zu äußern, die Christen mögen mit ähnlichem Enthusiasmus ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen. Während man aus ähnlichen Gründen den meritokratischen Charakter des Osmanischen Reiches würdigend anerkannte, fragte man sich, wie es denn möglich sei, dass der Aufstieg auf der Karriereleiter bei den barbarischen Türken tatsächlich nur von den Verdiensten abhängig war, während dies in der eigenen Heimat so nicht funktionierte.44 Der am häufigsten erwähnte Aspekt war jedoch jener der religiösen Toleranz. Bei den Osmanen war die Glaubensverfolgung weitgehend unbekannt, wovon zahlreich Notiz genommen wurde. Vor diesem Hintergrund sprach man zwar nicht von einer Übernahme des toleranteren osmanischen Gesellschaftsmodells anstelle des vorhandenen, es lassen sich aber in der Literatur zahlreiche zugespitzte Bemerkungen des Bedauerns darüber finden, dass ausgerechnet die für Barbaren gehaltenen Türken – im Gegensatz zu den Christen – in der Lage seien, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben.45 43

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Die Betonung der Disziplin war um so wichtiger, weil dadurch die Folgerung zu vermeiden war, wonach die Osmanen wegen ihrer körperlichen oder geistigen Gegebenheiten für den Kampf geeigneter gewesen wären. Charakteristisch ist die Bemerkung von Gianfrancesco Morosini, des Gesandten von Venedig in Konstantinopel, dem zufolge zwar 10.000 Christen 30.000 Türken besiegen könnten, es aber viel schwieriger sei, 2.000 Christen als 100.000 Türken zu zähmen, insbesondere wenn erstere Italiener seien. Vgl. Carl Göllner: Turcica. III: Die Türkenfrage in der öffentlichen Meinung Europas im 16. Jahrhundert. Bucure ti/Baden-Baden 1978, 284-298; Pursuit of Power. Venetian Ambassadors’ Reports on Spain, Turkey and France in the Age of Philip II, 1560-1600. Hg. David C. James. New York 1970, 134; Rouillard 292-297. Zum Phänomen des für den Rest der Welt beispielhaften osmanischen Heeres sind Angaben auch aus Osteuropa bekannt. Edward Tryjaski: Marcin Bielski (16. Century) on the Turks. In: Journal of Turkish Studies 17 (1993) 175. Etliche Beispiele bei Çirakman 59-60; Göllner 305-312; Rouillard 298-309, 335-353. In der Fachliteratur wird teilweise die Ansicht vertreten, dass es durchaus Gruppen gab, für die die osmanische Glaubenstoleranz eine beispielhafte Alternative war: Hans Joachim Kissling: Türkenfurcht und Türkenhoffnung im 15./16. Jahrhundert. Zur Geschichte eines »Komplexes«. In: Südost-Forschungen 23 (1964) 1-18; Nicolette Mout: Calvinoturcismus und Chiliasmus im 17. Jahrhundert. In: Pietismus und Neuzeit 14 (1988) 72-84. Andere Autoren betrachten die Frage skeptisch und betonen, dass die Anerkennung der osmanischen Glaubenstoleranz nicht unbedingt zu politischen Folgen führen musste: John W. Bohnstedt: The Infidel Scourge of God. The Turkish Menace as Seen by German Pamphleteers of the Reformation Era. In: Transactions of the American Philosophical Society N. S. 58/9 (1968) 20-21; John M. Headley: »Ehe Türckisch als Bäpstisch«. Lutheran Reflections on the Problem of Empire 1623-28. In: Central European History 20 (1987)

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Pars pro toto sollen dafür die im 16. Jahrhundert von Ogier Ghislain de Busbecq verfassten „Türkischen Briefe“ erwähnt werden, in denen der Autor die Fülle der im Osmanischen Reich für ihn fremd wirkenden Erscheinungen wahrnimmt und sie mit einer gewissen jovialen Sympathie behandelt.46 Der Erinnerung Busbecqs, der sich als kaiserlicher Gesandter mehrmals in der osmanischen Residenzstadt aufgehalten hatte, war auch die Tatsache behilflich, dass ein Großteil der Verfasser der Turcica-Literatur des 16. Jahrhunderts in einer engen Beziehung zu den Gesandtschaften der europäischen Großmächte stand: Entweder waren sie selbst Angehörige des diplomatischen Korps oder sie verbrachten dort eine längere Zeit.47 Diese Tradition wurde im 17. Jahrhundert fortgesetzt. Das erfolgreichste Buch dieser Zeit über das Osmanische Reich verfasste der englische Konsul in Smyrna (İzmir), Paul Rycaut (1629-1700). Ebenso ist der deutsche Orientalist Levinus Warner (1619-1665) zu erwähnen, der als Sammler von osmanischen und persischen Manuskripten sowie als Initiator einer Übersetzung der Bibel ins Osmanisch-Türkische bekannt wurde. Er war von 1654 bis 1665 niederländischer Gesandter in Konstantinopel.48 Der gravierende Unterschied zwischen dem Türkenbild der westeuropäischen christlichen Großmächte und dem der siebenbürgischen Gesandtschaften an der Pforte ist an der Tatsache festzumachen, dass jene Personen, die positive Berichte

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3-28. Zur Lage in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Béla Vilmos Mihalik: Turkismus und Gegenreformation: Die Osmanen und die konfessionellen Konflikte im Ungarn der 1670er Jahre. In: Osmanischer Orient und Ostmitteleuropa. Perzeptionen und Interaktionen in den Grenzzonen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Hgg. Robert Born, Andreas Puth. Stuttgart 2014, 321-336. Die osmanische Toleranz galt noch unter Philosophen des 18. Jahrhunderts als Bezugspunkt: László Kontler: »Mahometan Christianity«. Islam and the English Deists. In: Frontiers of Faith. Religious Exchange and the Constitution of Religious Identities 1400-1750. Hgg. Eszter Andor, István György Tóth. Budapest 2001, 107119. Ogier de Busbecq: Turkish letters. Aus dem Lateinischen übertragen von Edward Seymour Forster. Clerkenwell 2001. Darauf weist Almut Höfert zum ersten Mal in ihrer Dissertation hin. Almut Höfert: Den Feind beschreiben. »Türkengefahr« und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450-1600. Frankfurt am Main/New York 2003, 119-178. Für die Kurzbiografie von Busbecq: Zweder von Martels: In His Majesty’s Service. Augerius Busbequius, Courtier and Diplomat of Maximilian II. In: Kaiser Maximilian II. Kultur und Politik im 16. Jahrhundert. Hgg. Friedrich Edelmayer, Alfred Kohler. Wien 1992, 169-181. Das berühmteste Buch von Paul Rycaut (1629-1700) ist „Present State of the Ottoman Empire“ (1667). Über seine Tätigkeit Sonia P. Anderson: An English Consul in Turkey. Paul Rycaut at Smyrna, 1667-1678. Oxford 1989. Über Warner G. J. W. Drewes: The Legatum Warnerianum of the Leiden University Library. In: Levinus Warner and His Legacy. Three Centuries of Legatum Warnerianum in the Leiden University Library. Catalogue of the commemorative exhibition held in the Bibliotheca Thysiana from April 27th till May 15th 1970. Leiden 1970, 1-31; Alexander H. De Groot: De Betekenis van de Nederlandse Ambassade bij de Verheven Porte voor de Studie van het Turks in de 17de en 18de Eeuw. Leiden 1979, 34-41.

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über die Türken lieferten, vorher persönliche Erfahrungen mit dem Osmanischen Reich gesammelt hatten.49 Um die Ursachen dieses Unterschieds zu erschließen, muss vor allem auf die Diversität der Quellen hingewiesen werden. Während in Westeuropa zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert eine Vielzahl von Medien, wie Traktate, Reisebeschreibungen, Pamphlete, Broschüren, Theaterstücke und Lieder, ein Bild von den Osmanen vermittelten, gab es in Siebenbürgen keine solche Turcica-Literatur. Das dortige Türkenbild muss deshalb in erster Linie anhand von literarischen und theologischen Werken rekonstruiert werden.50 Diese liefern allerdings im Vergleich zur großen Anzahl relevanter Publikationen aus Westeuropa deutlich weniger Informationen. Als weitere mögliche Quelle kommt die zeitgenössische Korrespondenz in Frage, die bei der Untersuchung des Wandels der öffentlichen Meinung während der Vertreibung der Osmanen aus Ungarn bereits untersucht wurde. 51 Ähnlich ist die Situation bei unserem Thema, dem Türkenbild der siebenbürgischen Gesandten an der Hohen Pforte, da außer Jakab Harsányi Nagy kein einziger Diplomat bekannt ist, der nach seiner Rückkehr seine Erlebnisse und Erfahrungen in schriftlicher Form der Nachwelt überliefert hat. 49

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Eine kontrastive Untersuchung des Türkenbildes der Reisenden beziehungsweise der »in Armsesseln reisenden« zeitgenössischen Essayisten und Geschichtsschreiber, die also das Osmanenreich nie mit eigenen Augen gesehen hatten, siehe bei Çırakman 35-104. Diesen Ansatz verfolgt die Historiografie in Bezug auf das Türkenbild in Ungarn. Zu den in jüngerer Vergangenheit erschienenen Studien über das Türkenbild Ungarns gehören Pál Fodor: The View of the Turk in Hungary. The Apocalyptic Tradition and the Legend of the Red Apple in Ottoman-Hungarian Context. In: Ders.: In Quest of the Golden Apple. Imperial Ideology, Politics and Military Administration in the Ottoman Empire. Istanbul 2000, 71-103; Mihály Imre: Der Topos »Querela Hungariae« in der Literatur des 16. Jahrhunderts. Paulus Rubigallus – Ursinus Vellius. In: Iter Germanicum. Deutschland und die Reformierte Kirche in Ungarn im 16.-17. Jahrhundert. Hg. András Szabó. Budapest 1999, 39-118; Ders.: Der ungarische Türkenkrieg als rhetorisches Thema in der frühen Neuzeit. In: Deutschland und Ungarn in ihren Bildungs- und Wissenschaftsbeziehungen während der Renaissance. Hgg. Wilhelm Kühlmann, Anton Schindling. Stuttgart 2004, 93-109; József Jankovics: The Image of the Turks in Hungarian Renaissance Literature. In: Europa und die Türken in der Renaissance 267-273; Farkas Gábor Kiss: Political Rhetorics in the Anti-Ottoman Literature. Martinus Thyrnavius: To the Dignitaries of the Hungarian Kingdom. In: Ein Raum im Wandel: Die osmanisch-habsburgische Grenzregion vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Hgg. Norbert Spannenberger, Szabolcs Varga. Stuttgart 2014, 141-158; Sándor ze: Reformation und Grenzgebiete: Zur Verbreitung der Reformation in den ungarisch besiedelten Gebieten. Budapest/Leipzig 2011; Brigitta Pesti: Zwischen Wittenberg und der Hohen Pforte – Konstruktionen von Fremd- und Selbstbildern in der ungarischen Literatur der Frühen Neuzeit. In: Osmanischer Orient und Ostmitteleuropa 107-129; András Szabó: Die Türkenfrage in der Geschichtsauffassung der ungarischen Reformation. In: Europa und die Türken in der Renaissance 75-281. Speziell über das Türkenbild in Siebenbürgen ist bisher keine Arbeit erschienen. Zu den Tataren János B. Szabó: Vázlat egy ellenségkép történetér l. I. A tatárok emlékezete Erdélyben 1241-1621. In: Aetas 10 (1995) 1-2, 5-21. Ágnes R. Várkonyi: Búcsú és emlékezet (A visszavonuló török képe a magyar közvéleményben). In: Dies.: Europica varietas – Hungarica varietas. Budapest 1994, 158-182.

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Die Korrespondenz als Quellengattung weist in unserem Fall eine besondere Schwierigkeit auf, da die Diplomaten, in erster Linie die ständigen Gesandten, in ihren Berichten vornehmlich das Besondere, das Ungewohnte betonten; sie hielten alle Informationen für unnötig, die das Alltagsleben betrafen. Darin liegt ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal gegenüber Reisebeschreibungen, in denen viele Gebräuche und Gepflogenheiten festgehalten wurden, die den jeweiligen Autoren als fremd erschienen. Es gehörte zur obersten Pflicht der Diplomaten, das Prestige ihrer Auftraggeber zu wahren; so konnte von ihnen erwartet werden, dass sie über jedes noch so belanglose Ereignis Bericht erstatteten, das dieses Prestige verletzt zu haben schien. Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass sie vermeintliche oder tatsächliche Beleidigungen sowie am eigenen Leib erfahrene Bedrohungen seitens der Osmanen ausführlich beschrieben, während sie verhältnismäßig wenig oder gar nichts über die osmanische Glaubenstoleranz oder die Frömmigkeit der muslimischen Gläubigen berichteten. 52 Dies ist keine Besonderheit siebenbürgischer Diplomatenkorrespondenz, sondern auch in Berichten anderer Provenienz zu finden, etwa in jenen des Levinus Warner. Obwohl dieser der islamischen Kultur – wie aus seinem wissenschaftlichem Werk ersichtlich – großes Interesse entgegenbrachte, gab er als niederländischer Gesandter zugleich neutral die Ereignisse im Osmanischen Reich wieder, aber gelegentlich durchaus detailliert, so die Grausamkeiten am Palast des Sultans.53 Insofern steht hier weniger im Vordergrund, warum das Türkenbild der siebenbürgischen Gesandten negativ ausfiel; vielmehr ist es von Interesse, warum sich in Siebenbürgen – anders als in Westeuropa – keine Turcica-Literatur herausbildete beziehungsweise warum im Umfeld der siebenbürgischen Gesandtschaften keine deskriptive und analytische Literatur entstand, die ein komplexeres Bild über die Reflexionen der Diplomaten ergeben würde.

Warum gab es keine Turcica-Literatur in Verbindung mit der siebenbürgischen Gesandtschaft? Mehrere Arbeiten verwiesen darauf, dass die Sphären öffentlicher Meinungsbildung in Siebenbürgen ebenso wie in Ungarn im Vergleich zu 52

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Ähnliche Phänomene beschrieb Gabrielle Scheidegger in ihrer Untersuchung des westeuropäischen Russland-Bildes im 16.-17. Jahrhundert anhand diplomatischer Korrespondenzen. Gabrielle Scheidegger: Perverses Abendland – barbarisches Russland. Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse. Zürich 1993, 36-39. Levini Warneri de rebus Turcicis epistolae ineditae. Hg. Willem Nicolas Du Rieu. Lugduni Batavorum 1883.

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Westeuropa deutlich enger waren. Manche Gattungen politischer Literatur existierten überhaupt nicht, beispielsweise diskursive Reaktionen auf politische Theorien.54 Zudem muss auch der vergleichsweise kleine Markt für Druckschriften im siebenbürgischen Raum betont werden. Es sei daran erinnert, dass der Siebenbürger Miklós Misztótfalusi Kis (1650-1702), der am Ende des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden ein gefragter Drucker war, in seiner Heimat mit gravierenden finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, da sich dort für seine künstlerischen Verlagswerke keine zahlungsfähige Kundschaft fand. 55 Es gab aber noch einen weiteren Grund dafür, warum sich die TurcicaLiteratur in Siebenbürgen nicht entfalten konnte: Der offizielle Vertreter des Fürstentums befand sich in einer anderen Lage als der englische oder der holländische Gesandte. Wenn – wie eingangs geschildert – einige Diplomaten als Geisel genommen und noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mehrmals ins Gefängnis geworfen wurden, wundert es nicht, dass die ständigen siebenbürgischen Gesandten wenig Interesse daran hatten, ihren regulären einjährigen Aufenthalt am Goldenen Horn zu verlängern. Es gibt zahlreiche Briefe, in denen sie den Fürsten anflehten, nicht länger an diesem »hässlichen Ort der gottlosen Heiden, wo weder Brüderlichkeit noch Pietät existiert«, Zeit verbringen zu müssen. 56 Diese Komponente kam nicht nur in Krisenzeiten zum Vorschein. Auch in Phasen, in denen die Beziehung des Fürstentums zur Pforte konfliktfrei war, wurden die ständigen Gesandten von Seiten osmanischer Politiker durchaus unfreundlich, gelegentlich sogar ausgesprochen erniedrigend behandelt. Hinzu kam die permanente finanzielle Unsicherheit der siebenbürgischen Diplomaten, die anhand der zeitgenössischen Korrespondenz gut belegbar ist. Die Ausstattung der Gesandten in Konstantinopel konnte auf unterschiedliche Weise bewerkstelligt werden. So haben zum Beispiel die

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Sándor Bene: A történeti kommunikációelmélet alkalmazása a magyar politikai eszmetörténetben. A kora újkori modell. In: Irodalomtörténeti Közlemények 105 (2001) 285-315. Über die Öffentlichkeit Ungarns in der Frühen Neuzeit Ders.: Theatrum politicum. Nyilvánosság, közvélemény és irodalom a kora újkorban. Debrecen 1999, 326-391. Zsombor Tóth: Missed Tótfalusi… A Mentség historiográfiai vizsgálatának tanulságai. In: Ders.: A történelmem terhe. Antropológiai szempontok a kora újkori magyar írásbeliség textusainak értelmezéséhez. Kolozsvár 2006, 200-242. »[…] ezen az unalmas, Isten nélkül való pogányok földjén, az holott sem atyafiság, sem semmi könyörületesség nincsen.« László Kubinyi an Mihály I. Apafi. Konstantinopel, 2. Oktober 1677. In: Török-magyarkori állam-okmánytár V, 452. Kubinyi befand sich zudem in einer besonders unglücklichen Lage, da er während seines Aufenthaltes in Konstantinopel erblindet war und seine Heimreise erst sieben Monate nach seiner Anfrage antreten durfte. Im Wagen des Botschafters, der die Steuern des Fürstentums ablieferte, fand er zwar Platz, nicht aber seine Diener, ohne die er hilflos war. Vgl. Mihály Bessenyei an Mihály Teleki. Konstantinopel, 6. April 1678. In: Teleki Mihály levelezése. VIII: 1678-1679. Hg. Sámuel Gergely. Budapest 1926, 136.

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kaiserlichen Gesandten von ihrem Herrscher beziehungsweise vom Hofkriegsrat ihr Salär erhalten, das ihnen eine angesehene und dem Prestige entsprechende Existenz ermöglichte. 57 Die Besoldung der englischen Diplomaten hingegen garantierte nicht der König, sondern die Levant Company, da die Gesandtschaft in erster Linie Handelsinteressen vertrat. Der ständige Gesandte der Niederlande wiederum wurde anhand einer Quotenregelung entschädigt, die auf den Einnahmen der in Konstantinopel tätigen holländischen Händler fußte. 58 Die Einnahmequellen garantierten den westlichen Gesandten einen gehobenen Lebensstandard. 59 Die Briefe der Gesandten von Siebenbürgen sind dagegen voll von Klagen über die knappen finanziellen Ressourcen, die Unregelmäßigkeiten in der Auszahlung der Gehälter und über große Teuerungen. Theoretisch sollten auch sie finanziell abgesichert gewesen sein, da der Fürst den Hauptgesandten in der Regel größere Summen zur Verfügung stellte, um einen standesgemäßen Auftritt zu sichern, während die Oratoren von der Hohen Pforte Verpflegung (ta’yin) bekamen.60 Aber im Laufe des 17. Jahrhunderts nahmen die Leistungen ständig ab. So führte Boldizsár Sebesi seinem Herrscher im Jahre 1640 wiederholt vor Augen, dass nicht nur die Rationen kleiner wurden, sondern die Verpflegung mit Lebensmitteln wie Honig, Hühnern und Gewürzen gar nicht mehr erfolgte. Die Portionen, die früher für eine Woche galten, wurden zu dieser Zeit schon für einen Monat ausgegeben.61 Verständlicherweise baten die ständigen Gesandten ihren Fürsten regelmäßig um Behebung dieser Missstände. Doch die Fürsten waren – abgesehen von den eigenen knappen materiellen Möglichkeiten – auch nicht immer davon überzeugt, dass diese Beschwerden tatsächlich begründet waren, da die entsprechenden Berichte aus der großen Entfernung nicht überprüfbar waren. Nur zögernd gaben sie weitere Summen frei, zumal über einige der Gesandten das Gerücht kursierte, dass sie ihre Verpflegun-

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In den ersten zwölf Jahren seines Dienstes erhielt Johann Rudolf Schmid aber insgesamt nur ein Drittel des ihm zustehenden Gehaltes. Der Kriegsrat häufte dagegen weitere Schulden durch das Ausbleiben der Rückerstattung der Sonderausgaben an. Meienberger 78-79. Er konnte auf ³⁄₇ Prozent des ein- und ausgehenden Verkehrs der holländischen Residenten Anspruch erheben. Dieser Satz erhöhte sich bis 1660 auf ¾ Prozent. Vgl. Drewes 9. Die englische Gesandtschaft erhielt halbjährlich ihre Gelder. Einzelne Amtsträger betrieben zudem Edelstein- und Juwelenhandel beziehungsweise Geldwechsel. Alfred Cecil Wood: A History of the Levant Company. London 1935, 12-13, 85, 134-135. Dies belegen die Beschreibungen der Lebensart der Gesandten von Philip Mansel: Constantinople. City of the World’s Desire, 1453-1924. London 1995, 189-219. Unter den englischen Gesandten gaben nicht wenige zu, dass sie das Amt nur angenommen hatten, um ihre verworrenen Finanzlagen zu klären und ihre Schulden zu bezahlen. Wood 134. Über die Finanzierung der Gesandtschaft in Siebenbürgen Molnár 119-122. Sebesi an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 21. Oktober 1640. In: I. Rákóczy György és a Porta 529-530.

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gen zu Geld gemacht hätten.62 So sahen sich die Gesandten, die Oratoren und manchmal sogar die Hauptgesandten selbst, wenn sie länger blieben, gezwungen, die knapp bemessene Verpflegung auf eigene Kosten zu ergänzen. Es gibt Belege dafür, dass die Diplomaten zur Sicherung ihres Lebensunterhalts einmal sogar ihre Kaftane verkaufen mussten, die sie beim Empfang des Sultans bekommen hatten.63 Der kaiserlichen Gesandtschaft gegenüber hatten sie den Nachteil, dass Siebenbürgen ein unterworfenes Territorium der Pforte war und entsprechend betrachtet wurde. Daher fanden die ständigen Gesandten vermutlich nicht so leicht Gläubiger wie ihre Amtskollegen aus den Staaten der Großmächte. Zudem führten auch verzögerte Rückzahlungen zu folgenschweren Kalamitäten. So stellte János Váradi Házi zur öffentlichen Meinung in Konstantinopel über die eigene Gesandtschaft fest: »Auch jetzt sagt man oft genug: Die siebenbürgischen Oratoren sind ja nur Bettler.« 64 Die mit finanziellen Sorgen kämpfenden siebenbürgischen Gesandten hatten zudem auch mit ihrer Unterkunft immer wieder Probleme. Siebenbürgen unterhielt im nordwestlichen Stadtviertel Balat ein Haus. Über das »Serail von Siebenbürgen« lässt sich oft lesen, dass dessen Wände einzufallen drohten, das Ziegeldach löchrig gewesen sei und es hereinregnete. Im Laufe der 1640er und 1650er Jahre wurde es zwar in mehreren Etappen saniert, doch nicht einmal nach den Abschlussarbeiten konnte es mit den venezianischen, englischen, französischen oder holländischen Residenzen auf der anderen Seite des Goldenen Horns verglichen werden.65 Besonders auffällig ist dieser Unterschied, wenn man bedenkt, dass manche der westlichen Gesandten, so der Engländer Thomas Bendyshe in den 1640er bis 1650er Jahren, sich zusätzlich ein Ferienhaus in Thrakien leisten konnten.66 Hinzu kam die oft beklagte Einsamkeit der Gesandten. Während die meisten ihrer westlichen Kollegen ihre Frauen nach Konstantinopel mitge-

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Dessen wurde auch Sebesi beschuldigt. Vgl. ebenda, 545-550. Auch diese Beschuldigung mag den Orator dazu bewogen haben, die erwähnten Aufzeichnungen zusammenzustellen. Während der Fürst diese Beschuldigungen scheinbar für glaubhaft hielt, sandte er Sebesi für eine weitere Dienstzeit an die Pforte zurück. Mihály Tholdalagi und István K rössy an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 24. Oktober 1639. In: I. Rákóczy György és a Porta 500-501. »Most is eleget mondják: csak koldusok az erdélyi kapitihaják.« Házi an István Bethlen. Konstantinopel, 17. August 1630. In: Samu Gergely: Brandenburgi Katalin és Bethlen Gábor összeköttetései a Portával (Gróf Teleki Miksáné levéltárából). In: Történelmi Tár 8 (1885) 102. Sándor Mika: Az erdélyi ház Konstantinápolyban. In: Budapesti Szemle 130 (1907) 1-21; Imre Karácson: Az erdélyi ház Konstantinápolyban. In: Budapesti Hírlap 27 (1907) 125, 31; Kármán: Sovereignty, 167-173. Claes Rålamb: Diarium under resa till Konstantinopel 1657-1658. Hg. Christian Callmer. Stockholm 1963, 121.

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bracht hatten, mussten die Siebenbürger ihre Familien zu Hause lassen. 67 Dies galt den siebenbürgischen Gesandten dann auch als Argument beim Gesuch um baldige Ablösung.68 Während sie in Konstantinopel mit all diesen schwierigen Problemen zu kämpfen hatten, nutzten ihre Nachbarn daheim oft die Gelegenheit, sich an ihren Besitztümern zu vergreifen oder ihnen diese in Gerichtsprozessen streitig zu machen. 69 Den Gesandten waren die Unterschiede zu ihren westeuropäischen Kollegen sehr wohl bewusst. In ihren Briefen machten sie regelmäßig Anspielungen auf deren privilegierte Situation. Sie bemängelten, dass sie Arbeiten zu verrichten hätten, die in anderen Gesandtschaften die Dolmetscher übernahmen oder dass sie wegen Geldnot Kleider tragen mussten, die in anderen Gesandtschaften den Dienern zugeteilt wurden. Ferner war die erforderliche aktive Anwesenheit an der Pforte zur Informationsbeschaffung nicht unbedingt kennzeichnend für die westlichen Gesandten.70 Daran übte am heftigsten János Váradi Házi Kritik: »Die christlichen Oratoren haben hier zwei bis drei, sogar vier Dolmetscher, die ausnahmslos besser gestellt sind als ich; die ständigen Gesandten führen ein Leben wie Herren; es gibt keinen ärmeren Oratoren als mich.« 71 Es ist also kein Wunder, dass im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen die siebenbürgischen Gesandten keineswegs daran interessiert waren, ihr Amt innerhalb der Familie weiterzugeben. Der eigene Sohn beerbte 67

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Beispielsweise hatte Heneage Finch, Earl of Winchelsea (1628-1689), der den englischen König ab 1660 in Konstantinopel vertrat, seine Frau sieben Jahre lang an seiner Seite. Erst wegen verschiedener Epidemien schickte er sie nach England zurück. Vgl. Finch an Karl II. Pera, 16. Oktober 1667. The National Archives, London. State Papers Turkey 97/18, Fol. 326. Die Frau von Thomas Bendyshe starb in Konstantinopel. Vgl. Bendyshe an seine Mutter. Pera, 24. November 1649. Essex Record Office, Chelmsford [im Folgenden: ERO]. D/DHf O25. Warner wiederum heiratete eine Christin aus Konstantinopel. De Groot: De Betekenis, 35. Dániel Sövényfalvi an Simon Péchi. Konstantinopel, 16. Dezember 1616. In: Sándor Szilágyi: Bethlen Gábor és a Porta. Els közlemény. In: Történelmi Tár 4 (1881) 619; György Daczó an Mihály I. Apafi. Adrianopel, 16. Dezember 1674. In: Török-magyarkori államokmánytár V, 296-297; Mihály Bessenyei an Mihály Teleki. Adrianopel, 8. Dezember 1678. In: Teleki Mihály levelezése VIII, 361. Ferenc Balássy und Dániel Sövényfalvi an Gábor Bethlen. Konstantinopel, 18. Mai 1616. In: Szilágyi: Bethlen Gábor és a Porta, 610; István Szalánczi an Márton Komáromi. Konstantinopel, 31. Juli 1631. In: Sándor Szilágyi: Levelek és acták I. Rákóczy György és a Porta diplomácziai összeköttetéseinek történetéhez. In: Történelmi Tár 6 (1883) 420-421; István Szalánczi an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 23. Juni 1647. In: I. Rákóczy György és a Porta 841. Siehe den in der Anmerkung 62 erwähnten Brief von Boldizsár Sebesi aus dem Jahr 1640/1641. In: I. Rákóczy György és a Porta 549; István K rössy an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 4. September 1633. In: Levelek és okiratok 137. »Itt az keresztény oratoroknak kinek két, három és négy tolmácsa is vagyon, mindenik tolmácsi, én orator levén, külömb állapottal vannak, az oratorok magok úri módra; én nálamnál vékonyabb és szegénb állapatú orator nincsen.« Házi an István Bethlen. Konstantinopel, 19. Dezember 1629. In: Szilágyi: Bethlen Gábor és a Porta, 77.

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zum Beispiel den französischen Gesandten Jean de la Haye-Vantelet. Nach diesem Vorbild ermutigte auch Thomas Bendyshe seinen Sohn, sein Nachfolger zu werden.72 Es ist kein vergleichbarer Fall aus Siebenbürgen bekannt. Die Mitglieder der Familie Szalánczi, die mehrere Gesandte stellte, folgten einander in Konstantinopel in großen zeitlichen Abständen.73 Zahlreiche Oratoren sind dagegen bekannt, die ein bis zwei Jahre nach ihrer Heimkehr das Amt wieder antraten, dies in der Hoffnung, dafür vom Fürsten reich belohnt zu werden.74 Selbst jene, die als Experten für osmanische Angelegenheiten galten und dieses Amt als Lebensaufgabe betrachteten, konnten den Tag kaum erwarten, an dem sie die Pforte verlassen durften. So bat István Réthy 1646 seinen Herrscher gegen Ende seiner vierten Amtsperiode und nach neun Dienstjahren, ihn mit Rücksicht auf den »langen, schwierigen, kargen und fürchterlichen Dienst« abzulösen.75 Wenn ein erfahrener Diplomat am Ende seines Dienstes bei der Pforte so mitgenommen war, verwundert es nicht, dass die Hauptgesandten noch weniger Geduld hatten. Ferenc Rhédey fluchte bereits nach einigen Monaten: »Hätte mich mein Gott lieber ein Jahr lang mit einer Krankheit gegeißelt als damit!« 76 Der Aufenthalt an der Pforte weckte in den Gesandten nach ihrer Heimkehr keine nostalgischen Erinnerungen, denn keiner von ihnen hatte das Bedürfnis, seine Erfahrungen und Erlebnisse schriftlich festzuhalten. Bücher mit osmanischem Bezug verfasste lediglich jener Kreis von Diplomaten, deren Existenz vom geschickten Umgang mit den osmanischen Angelegenheiten abhing: die türkischen Schreiber. Sie waren Dolmetscher beziehungsweise Übersetzer in Konstantinopel oder am Fürstenhof. Ihre Werke handelten nicht von den Osmanen, sondern waren vor allem Übersetzungen osmanischer Texte.77 Im Gegensatz zu den Verfassern der westli72

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Über de la Haye Abbott 30-31; Jean-Louis Bacqué-Grammont – Sinan Kuneralp – Frédéric Hitzel: Représentantes permanentes de la France en Turquie (1536-1991) et de la Turquie en France (1797-1991). Istanbul/Paris 1991, 19-20; Hochedlinger 19-20. Über den Plan von Thomas Bendyshe siehe seinen Brief an John Bendyshe. Pera, 15. März 1658. ERO D/DHf O37. Ihm war es nicht gelungen, eine Diplomatendynastie zu etablieren. Dem nächsten Gesandten, Sir Heneage Finch, folgte dessen Schwager, dann dessen Bruder. Anderson 95. Klára Jakó: A Szaláncziak (Egy fejezet az erdélyi fejedelemség keleti diplomáciájának történetéb l). In: Emlékkönyv Imreh István születésének nyolcvanadik évfordulójára. Hgg. András Kiss [u. a.]. Kolozsvár 1999, 199-210. Über die Zuwendungen für die ständigen Gesandten Molnár 127-128. »[…] vegye consideratiójában ennyi id k alatt itt való súlyos, sanyarú, félelmes szolgálatomat.« Réthy an György I. Rákóczi. Konstantinopel, 18. September 1646. In: I. Rákóczy György és a Porta 782. »Az én Istenem esztendeig való betegséggel ostorozott volna inkább, mintsem ezzel.« Rhédey an Mihály Teleki. Adrianopel, 13. November 1670. In: Teleki Mihály levelezése V, 402. Über die türkischen Schreiber als Intellektuellengruppe Gábor Kármán: Translation at the Seventeenth-Century Transylvanian Embassy in Constantinople. In: Osmanischer Orient und Ostmitteleuropa 273-277.

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chen Turcica-Literatur verfolgten sie nicht die souveräne Präsentation einer ihnen fremden Kultur. Ihr Ansinnen bestand vielmehr darin, dem Publikum praktisches Wissen über jene zu vermitteln. Auch wenn auf diese Weise letztlich ein positiveres Türkenbild als jenes in den Briefen der Diplomaten entstand, gewann es keine deutlichen Konturen, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Schreiber eine distanzierte Haltung zu ihrem Amt pflegten. So notierte Dávid Rozsnyai, der auf die längste Dienstzeit auf diesem Posten zurückblickte, in seinem Testament: »Nicht einmal Fremden kann ich es raten, meine Nächsten aber verfluche ich, wenn sie diesem Broterwerb nachgehen. Lieber solltet ihr für zwei Jahre in den Westen gehen und Schuhe putzen, als dreißig Jahre lang im Osten Kronen vergolden.« 78 Dieser Aufsatz beginnt mit einem Ausnahmefall und endet mit einem solchen. Nach den gegenwärtig bekannten Quellen war Gábor Kende der Einzige, der in seinen Briefen aus Konstantinopel auch Witze machte. In seinem an Mihály Graf Teleki (1634-1690) geschriebenen Brief teilte er dem omnipotenten Kanzler mit: »Bisher dachte ich darüber nicht nach, aber eine sehr anständige Einrichtung ist dieses türkische Kaisertum, nur müssten Sie als Kaiser antreten. Sie würden mich zum Großwesir berufen, meinen Schwager […] in Euer altes Amt versetzen, er wäre unser Mann im Fürstentum.«79 Nach ein bis zwei Monaten ließ aber auch seine gute Laune nach; da schrieb er an Teleki, dass »viele von uns unter den gegebenen Umständen keineswegs um ihre Entsendung hierher bitten würden und sagen, sollten sie jemals von hier wegkommen, würden sie nie mehr zurückkehren«. 80 Der Name von Kende tauchte auf der Liste der Gesandtschaftsangehörigen nicht wieder auf. Er selbst gab sich verständlicherweise auch keine Mühe, seine Erlebnisse niederzuschreiben, nachdem er – um den Ausdruck eines Gesandten aufzugreifen – aus dem »verdammten Konstantinopel« endlich heimgekehrt war. 81 78

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»Távolabb valóknak sem javaslom, magaméinak átok alatt hagyom, ebben a kenyérben, minden id ben ne harapjatok. Inkább menjetek néha napnyugotra két esztendeig czipell t tisztítani, mint sem napkeletre harmincz esztendeig koronát aranyazni.« In: Rozsnyay Dávid, az utolsó török deák történeti maradványai. Hg. Sándor Szilágyi. Pest 1867, 260. »Még ennyire eszembe nem vöttem, de bizony böcsületes állapot ez az török császárság; csak fel kellene venni Kegyelmednek. Engem tenne f vezérré, komámat, szegény Csernál Pál uramat, az régi hivataljában állítanók be, lenne maszkoránk.« Kende an Teleki. Konstantinopel, 4. Mai 1677. In: Teleki Mihály levelezése. VII: 1675-1677. Hg. Sámuel Gergely. Budapest 1916, 358. »[…] bizony némelyikünk nem sollicitálná most az bejövetelt szaporán, mondja soha nem j ide, ha egyszer ki mehet.« Kende an Teleki. Konstantinopel, 18. Juni 1677. In: Ebenda, 374. So stand es im Gesandtschaftstagebuch von Tamás Borsos zu den Jahren 1618 bis 1620: »14 die Maji jöttünk bé az átkozott Konstantinápolyba.« (»Am 14. Mai sind wir im verdammten Konstantinopel angekommen.«) Borsos 85.