Ufer_Umschlag bis Seite 8 - Universität Bern

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Ufer_Umschlag bis Seite 8 16.12.2004 9:08 Uhr Seite 2 Jahrbuch vom Thuner- und Brienzersee 2004 Ufer_Umschlag bis Seite 8 16.12.2004 9:08 Uhr ...

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Jahrbuch vom Thuner- und Brienzersee 2004

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Jahrbuch vom Thuner- und Brienzersee 2004

Herausgegeben vom Uferschutzverband Thuner- und Brienzersee mit finanzieller Unterstützung durch SWISSLOS/Lotteriefonds Kanton Bern Selbstverlag des Uferschutzverbandes

Verantwortlich für die Redaktion O. Reinhard und W. Seiler

Umschlaggestaltung: Hansueli Urwyler, Unterseen «Lichtflug» aus Zyklus «Dezemberlicht» (Brienzersee) Oel auf Leinwand, 1998

Druck: Thomann Druck AG, Brienz

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Organisation des Uferschutzverbandes 2004 Vorstand

Fuchs Andreas, Interlaken, Präsident Blatti Walter, Interlaken, Vizepräsident Berger Katharina, Hünibach, Fachinstanz Bauberatung Huggler Andreas, Brienz, Fachinstanz Landschaft Maerten Bruno, Leissigen, Fachinstanz Landschaft Dütschler-Müntener Regula, Hünibach, Fachinstanz Kommunikation (bis April 2004) Wüthrich Hansjürg, Thun, Fachinstanz Kommunikation Hassenstein Marianne, Steffisburg, Fachinstanz Finanzen, Mittelbeschaffung (bis April 2004) Blunier Ulrich, Gunten, Fachinstanz Finanzen, Mittelbeschaffung

Beirat

Barben Rolf, Aarau Betsche Peter F., Sundlauenen Diez Christoph, Grosshöchstetten Hauri Rolf, Längenbühl Hofer Ingrid, Unterseen Hulliger Fritz, Brienz Liechti Qrt, Oberried Niklaus Markus, Hünibach Santschi Peter, Brienz Schild Hans, Sundlauenen Siegenthaler Christian, Gsteigwiler von Gunten Rudolf, Ringgenberg Wäcken Harald, Waldegg Wagner Verena, Hilterfingen Wälti-Michel Ernst, Bönigen

Rechnungsführung

Josiane Jenzer, Goldswil

Rechnungsrevision

Goldschmid Willi, Interlaken Heim Peter, Wilderswil Bachmann Rudolf, Interlaken (Ersatz)

Bauberatung

Berger Katharina, Hünibach: Gemeinden Krattigen, Oberhofen, Sigriswil, Spiez und Thun, sowie die Seen im Thuner Westamt Von Allmen Oliver, Interlaken: Gemeinden Hilterfingen, Beatenberg, Unterseen, Därligen und Leissigen Solcà Silvio, Matten: Gemeinden am Brienzersee

Jahrbuch 2004

Reinhard Oskar, Matten

Geschäftsstelle des Uferschutzverbandes Thuner- und Brienzersee Montani Myrta, Seestrasse 2, 3600 Thun, Tel. 033 222 87 15, Fax 033 222 87 27 [email protected], www.u-t-b.ch

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Inhaltsverzeichnis Organisation des Uferschutzverbandes 2004 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Heinrich Buri, Ueli Ryter, Interlaken Klimawandel und Naturgefahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Markus Niklaus, Hünibach Klimawandel vor der Haustüre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Peter Blaser, Steffisburg Eine Mantelmöwe vor Brienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Helene Schild-Michel, Brienz Briensertiitsch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Max Gygax, Bern Willi Huggler, der Brienzer Bildhauer ist achtzigjährig . . . . . . . . . . .

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Peter Hiltbold, Thun Wilhelm Bernhard Benteli (1829–1924) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Michael Dähler, Thun Kirche Scherzligen Thun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Alfred Stettler, Spiez 75 Jahre Stiftung Schloss Spiez . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Hans Frutiger, Oberhofen Das ehemalige Parkhotel Oberhofen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Peter Michel, Bern Die Müllerfamilie Abegglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Jahresberichte 2004 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Protokoll der Generalversammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Berichte der Bauberater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Verschiedenes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Naturschutzgebiet Weissenau – Neuhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Fortsetzung Inhaltsverzeichnis

Seite Rolf Hauri, Längenbühl Wasservogelzählungen am Thuner- und Brienzersee 2003/2004 . . . .

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Neue Mitglieder 2004 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Heinrich Buri, Ueli Ryter

Klimawandel und Naturgefahren Ein neuer See entsteht Mit dem massiven Rückgang des Triftgletschers und wegen dem terrassenförmigen Gletscherbett ist im Triftttal, Gde. Gadmen, in den letzten paar Jahren ein neuer, etwa 1 km langer See entstanden. Weil er nun an seinem oberen Ende sehr nahe an einer (noch) gletscherbedeckten Steilstufe angrenzt, könnten bei Grossabstürzen des Gletschers gefährliche Flutwellen bis ins Siedlungsgebiet vorstossen.

Abb. 1 Triftgletscher, Stand 1948 (Quelle: VAW/ETH)

Abb. 2 Triftgletscher, Stand 2003 (Quelle: VAW/ETH)

Die möglichen Szenarien, ihre Folgen für Menschen und erhebliche Sachwerte und realistische Schutzmassnahmen werden gegenwärtig von den beauftragten Experten zusammen mit den verantwortlichen Behörden intensiv studiert.

Zufällige Häufung oder Klimawandel? Die Entstehung des Triftsees ist eine klare Folge der in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachteten Änderungen im Wettergeschehen. Unter dem Ein7

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druck von vielen anderen in den letzten Jahren aufgetretenen eindrücklichen Wetter- und Naturereignissen stellen sich verschiedene Fragen: • Sind diese Phänomene bereits ein Indiz für eine menschenverursachte, gefährliche Klimaerwärmung? • Ist die Häufigkeit und die Intensität von gefährlichen Naturereignissen grösser geworden? • Hat sich das Klima bereits verändert? Haben wir Menschen das verursacht? • Wie wird sich das Klima in Zukunft weiterentwickeln? Wie wird sich das auf die gefährlichen Naturereignisse auswirken? Wie gross ist das diesbezügliche Risiko für Menschen und Sachwerte? Besteht Handlungsbedarf?

Eine Flut von Ereignissen und Rekorden Im August/September 2004 wurden riesige Gebiete in der Karibik und in den Südstaaten Amerikas von einer ungewöhnlich langen Serie von teilweise gewaltigen Hurrikanen heimgesucht. Mehrere Tausend Menschen verloren ihr Leben, Hunderttausende verloren ihr Obdach, es entstanden Schäden im Ausmass von Dutzenden Mrd USD.

Abb. 3 Vier Wirbelstürme auf einem Bild: Reste des Hurrikans «Ivan» (links), Hurrikan «Jeanne» (Bildmitte), Hurrikan «Karl» (rechts oben) und tropischer Sturm «Lisa» (rechts unten) am 23.9.2004 in der Karibik, Infrarotaufnahme NOAA (Quelle: amerikanischer Wetterdienst)

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Der Sommer 2003 hat bezüglich Wärme alle bisherigen Rekorde gebrochen. Er war rund 5 Grad wärmer als normal. Er war viel heisser als alle früheren Sommer der verfügbaren Klimareihen, die für Genf bis ins Jahr 1753 zurückreichen. Es war nicht einfach ein Rekord, es ist ein so unglaubliches Ergebnis, in der Sportwelt vielleicht zu vergleichen mit einer (ebenso unglaublichen oder gar unmöglichen) Steigerung des Hochsprungweltrekordes auf drei Meter.

Abb. 4 Verteilung der mittleren Sommertemperaturen (Juni, Juli, August) in der Schweiz von 1864 bis 2003 und die Gauss-Verteilung 1864 bis 2000. (Quelle: C. Schär et al., Nature Vol. 427, 2004)

Im Januar 2003 ereignete sich beim westlichen Ausgang des Chüebalmtunnels eine folgenschwere Serie von Felsstürzen. Das Tunneldach der Autobahn wurde dabei von einem Felsblock durchschlagen, nur mit viel Glück kam niemand zu Schaden. Am 13. Januar 2004 verschüttete erneut ein Felssturz die linksufrige Brienzersee-Autobahn, diesmal beim Rastplatz Gloten.

Abb. 5 Beinahe-Verschüttung eines Autos im Chüebalmtunnel am 4.1.2003 (Foto: Abteilung Naturgefahren BE)

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Im November 2002 entstanden durch ungewöhnlich intensive Niederschläge in den Kantonen Tessin und Graubünden Rutsch- und Murgangereignisse mit gewaltigen Schäden.

Abb. 6 Schlammlawine in Schlans GR, November 2002 (Foto: KAPO GR)

Im Juli/August 2002 verursachten anhaltende Starkniederschläge in Deutschland und in östlich angrenzenden Ländern nie dagewesenene Rekordpegelstände vieler Flüsse und Schäden von 23 Mrd. SFr. Im Oktober 2000 fielen im Simplongebiet innert zwei Tagen nahezu 500 mm Regen. Am 14.10. brach oberhalb Gondo VS eine Stützmauer, eine nachfolgende Rutschung zerstörte Teile des Dorfes und forderte 13 Menschenleben. Am 26. Dezember 1999 zog der Orkan Lothar über Europa hinweg, ein Ereignis von noch nie dagewesenem Ausmass. Allein im Kanton Bern fällte der Sturm 4.3 Millionen Kubikmeter Holz, beschädigte 47’000 Häuser mit einem Gesamtschaden von 120 Mio SFr, blockierte unzählige Strassen und Wege, verursachte neue Naturgefahrenprobleme oberhalb Siedlungen und Verkehrswegen. Ende Januar bis Ende Februar 1999 brachten drei aufeinander folgende Nordwest-Staulagen der ganzen Alpennordseite und insbesondere auch dem Berner Oberland Rekord-Neuschneemengen. In Mürren (1660 m ü. M.) betrug die tägliche Neuschneemenge über 30 Tage 5.74 m. In der Folge herrschte während mehr als einem Monat eine äusserst prekäre Lawinensituation. Es wurden hunderte von Schadenlawinen registriert, Menschen kamen zu Schaden, viele Gebäude, Wälder, Transport- und andere Anlagen wurden beschädigt oder zerstört. 10

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Im Frühjahr 1999 waren durch die Jahrhundertschneefälle ausserordentliche Wassermengen in der Schneedecke gespeichert. Das Zusammentreffen dieser ungünstigen Disposition mit ergiebigen Niederschlägen im Mai 1999 führte in der Folge zum Jahrhunderthochwasser am Thunersee und an der Aare und zu unzähligen Rutschungen. Gemäss GVB-Statistik wurden im Kanton Bern über 4000 Gebäude beschädigt, die Schadensumme betrug 82 Mio SFr. Die untenstehende Grafik der maximalen Pegelstände des Thunersees zeigt ein ähnliches Bild wie beim Sommertemperaturrekord 2003; die bisherigen Höchstwerte wurden sehr sehr deutlich übertroffen.

Abb. 7 Jährliche Maximalpegelstände Thunersee (Quelle: WEA BE)

Die beschriebenen Wetter- und Unwetterkapriolen schrecken auf. Es entsteht der sehr deutliche Eindruck, dass das Wetter «verrückt spielt». Hat sich in den letzten Jahren oder Jahrzehnten diesbezüglich etwas Grundsätzliches geändert? Wie geht es weiter? Im Folgenden soll dieser Frage nachgegangen werden.

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Die vergangenen 50 Winter im Berner Oberland – ein Rückblick Gleich wie das Klima nicht durch ein einziges Klimaelement charakterisiert werden kann, braucht es für die Beschreibung eines Winters ebenfalls mehrere Merkmale. Dies sind insbesondere die Zeitpunkte des Einschneiens und der Ausaperung, die Neuschneemengen, die Schneehöhen und die Temperaturen.

Spätes Einschneien – grüne Weihnachten Ein wichtiges – «emotionales» – Kriterium bildet die Schneelage an Weihnachten. Vor allem in tieferen Lagen lautet jeweils die entscheidende Frage nicht mehr, wieviel Schnee am 25. Dezember liegt, sondern ob Weihnachten «grün oder weiss» ist. In höheren Lagen sind weisse Weihnachten bis anhin in der Regel noch gewährleistet.

Abb. 8 Schneehöhen an Weihnachten in Wengen (1310 m ü.M.): Jährliche Werte und statistisch berechnete Trendlinie (Grafik: Abteilung Naturgefahren BE)

Das Beispiel Wengen (Vergleichsstation des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung, Davos) zeigt deutlich, dass die Schneedecke am 25. Dezember auch in höheren Lagen tendenzmässig immer dünner wird; nach 1981 wurde nie mehr wirklich viel Schnee gemessen. Die durchschnittlichen Schneehöhen sind in den vergangenen 50 Jahren auf die Hälfte gesunken. In den letzten 10 Jahren lag ausnahmslos weniger Schnee als im Durchschnitt der Jahre 1955–1990. 12

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Abb. 9 Lawinenverbauung Hintisberg, Lütschental: selbst im Jahrhundertwinter 1999 lag am 7. Januar auf einer Höhe von 1900 m kaum Schnee (Foto: Abteilung Naturgefahren BE)

Wärmere Winter Die physikalischen Eigenschaften des Schnees sind stark abhängig von der umgebenden Lufttemperatur. Temperaturveränderungen wirken sich auf die Schneefallgrenze aus, beschleunigen die Umwandlungen in der Schneedecke, beeinflussen die Lawinengefahr, und sind schliesslich auch verantwortlich für die Schneeschmelze. Ob sich die globale Klimaerwärmung auch in der Entwicklung der Wintertemperaturen im Berner Oberland widerspiegelt, soll anhand der Werte der Messstation Interlaken (Meteo Schweiz) betrachtet werden. Für die Charakterisierung der mittleren Temperaturverhältnisse eines Winters wurde der Durchschnitt der Tagesmittelwerte vom 1. Dezember–30. April berechnet. Der Durchschnitt der Wintertemperaturen 1955–1992 lag bei 2.4°C, derjenige von 1993–2004 bei 3.3°C. Weiter fällt auf, dass die Schwankungen zwischen den einzelnen Jahren deutlich kleiner geworden sind. Die Winter sind in Interlaken in den vergangenen 50 Jahren um fast ein Grad wärmer geworden. 11 der letzten 12 Winter waren deutlich wärmer als der Durchschnitt der vorangehenden 38 Jahre; selbst der Jahrhundertwinter 1999 war nicht kälter. Diese Aussagen treffen auch für höher gelegene Stationen zu (Adelboden, Grimsel). Nach Bader/Bantle (2003) zeichnet sich für die Periode seit 1860 ein signifikanter Trend zu höheren Temperaturen im Winterhalbjahr ab. Die Zunahme 13

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beträgt im Mittel 1.4–1.6°C pro 100 Jahre; es sind keine Unterschiede zwischen hoch und tief gelegenen Stationen festzustellen. Im 20. Jahrhundert ist vor allem der Temperatursprung Ende der Achzigerjahre von klimatologischer Bedeutung.

Abb. 10 Wintertemperaturen in Interlaken: Jährliche Werte, Mittelwerte und statistisch berechnete Trendlinie. (Grafik: Abteilung Naturgefahren BE)

Schneearme Winter häufen sich Eine wesentliche Grösse zur Charakterisierung eines Winters ist die durchschnittliche Schneehöhe. Die folgende Auswertung basiert auf den Messungen in Adelboden (1350 m ü.M., Vergleichsstation des Instituts für Schneeund Lawinenforschung, Davos). Als durchschnittliche Schneehöhe wird dabei der Mittelwert der täglichen Schneehöhen vom 1. Dezember bis am 30. April betrachtet. In 15 der letzten 16 Winter war die Schneedecke in Adelboden dünner als im langjährigen Durchschnitt vor 1990. Einzig der Winter 1999 (geprägt durch die extremen Schneehöhen im Februar) war schneereicher. Diese Tendenz der Schneearmut ist nicht auf abnehmende Niederschläge zurückzuführen, sondern auf den Anstieg der Temperaturen im Winterhalbjahr (Anstieg der Schneefallgrenze und vermehrte Schneeschmelze in den Wintermonaten). In höheren Lagen ist die Abnahme der Schneedecke weniger ausgeprägt, da die Temperaturen trotz ansteigendem Trend mehrheitlich noch unter dem Ge14

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frierpunkt liegen. In Mürren (1660 m ü.M.) beispielsweise war die Schneedecke in den vergangenen 16 Wintern «nur» 12 mal unterdurchschnittlich. Umgekehrt ist die Schneearmut in tiefen Lagen besonders ausgeprägt (vgl. Artikel von Dr. Markus Niklaus, Kapitel «Schneearmut im schweizerischen Mittelland»).

Abb. 11 Durchschnittliche Schneehöhen (1.12.–30.4.) in Adelboden (1350 m ü.M.): Jährliche Abweichungen vom langjährigen Mittelwert 1955–1989 (Grafik: Abteilung Naturgefahren BE)

Kürzere Winter Ein weiteres Mass zur Beschreibung eines Winters ist die längste Zeitspanne, während der ohne Unterbruch eine Schneedecke liegt. Der erste Tag dieser Periode wird als Datum des Einschneiens registriert, der erste Tag ohne Schnee als Datum der Ausaperung. Die folgende Auswertung basiert auf den gemittelten Werten der Vergleichsstationen Wengen, Mürren, Adelboden und Gsteig. Vierzehn der letzten siebzehn Winter waren kürzer als der langjährige Durchschnitt von Mitte der Fünfziger- bis Ende der Achzigerjahre; die Differenz beträgt im Mittel zweieinhalb Wochen. Dies ist die Folge sowohl des späteren Einschneiens als auch der früheren Ausaperung. 15

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Abb. 12 Anzahl Tage zwischen dem Einschneien und der Ausaperung, bezogen auf eine mittlere Höhe von 1400 m ü.M. (Grafik: Abteilung Naturgefahren BE)

Extreme Lawinensituationen Massgebend für die Lawinengefahr sind in erster Linie intensive Schneefälle innert kurzer Zeit und nicht durchschnittliche Verhältnisse über ganze Winter. Für das Berner Oberland sind vor allem Nordwest-Staulagen gefährlich, wie sie im Februar 1999 dreimal nacheinander aufgetreten sind. Klimaexperten sind sich einig, dass die Klimaerwärmung zu einer Zunahme der Häufigkeiten und Intensitäten von Extremereignissen führt. Das bedeutet, dass trotz der Tendenz zu wärmeren, schneeärmeren und kürzeren Wintern auch in Zukunft mit extremen Lawinensituationen gerechnet werden muss.

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Klimawandel: Rückblick und Prognosen Der Begriff «Klima» beschreibt die durchschnittlichen Wetterverhältnisse in einem Gebiet. Diese setzen sich zusammen aus verschiedenen Klimaelementen, namentlich Niederschlag, Temperatur, Wind, Luftdruck, Luftfeuchte und Strahlung. Trotzdem wird der Begriff «Klimawandel» oft vereinfacht gleichbedeutend mit «Klimaerwärmung» verwendet (Temperaturzunahme in der Atmosphäre). Ein wesentlicher Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Tatsache, dass von diesem Klimaelement die umfangreichsten Messdaten vorhanden sind und sich Temperaturen aufgrund verschiedener Quellen (z.B. Jahrringanalysen) auch ohne Messwerte bis weit zurück in die Vergangenheit rekonstruieren lassen.

Temperaturen in den vergangenen 1000 Jahren Auswertungen über generelle Trends in der Temperaturentwicklung sind besonders aussagekräftig, wenn sie sich auf sehr grosse Gebiete beziehen, damit lokale oder regionale Besondeheiten nicht überbewertet werden. Unter diesem Aspekt interessieren vor allem globale Untersuchungen und solche, die sich mit der nördlichen oder südlichen Halbkugel befassen.

Abb. 13 Temperaturveränderungen (Nordhemisphäre) der letzten 1000 Jahre, dargestellt als Abweichungen vom Mittelwert 1961–1990 (Quelle: IPCC)

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Die wissenschaftliche Interpretation der Temperaturdaten der vergangenen 1000 Jahre formuliert Dieter Kasang (Hamburger Bildungsserver) wie folgt: «Die Länge und Dauer der Erwärmung im 20. Jahrhundert ist auch in den letzten 1000 Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach einmalig. Die 1990er Jahre sind zumindest auf der Nordhalbkugel wahrscheinlich das wärmste Jahrzehnt des Jahrtausends und 1998 das wärmste Jahr. Die Abbildung zeigt eine relativ warme Periode vom 11. bis zum 14. Jahrhundert und eine relativ kalte Periode vom 15. bis 19. Jahrhundert, die als ‹Mittelalterliches Optimum› und ‹Kleine Eiszeit› bezeichnet werden. Die Darstellung macht deutlich, dass die Erwärmung im 20. Jahrhundert nicht einfach als natürliche ‹Erholung› aus der Kleinen Eiszeit angesehen werden kann, da sie das Niveau der mittelalterlichen Werte deutlich überschreitet. Die mittelalterlichen Temperaturen der Nordhalbkugel lagen zwar um 0,2°C über dem Durchschnitt vom 15. bis zum 19. Jahrhundert, aber deutlich unter den Werten des 20. Jahrhunderts.»

Abb. 14 Abweichung des globalen Mittels der Lufttemperatur an der Erdoberfläche vom langfristigen Mittel 1961–1990 (Quelle: IPCC)

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Auch in der Schweiz wird es immer wärmer In der Schweiz startete das offizielle meteorologische Messnetz im Jahr 1864. Die Auswertung der Temperaturmessungen (MeteoSchweiz, St. Bader) ergibt für die vergangenen 140 Jahre (gemittelt über die ganze Schweiz) einen berechneten linearen Trend von +1.1°C pro 100 Jahre, was einer Gesamterwärmung von 1.5°C entspricht. Seit Ende der Achzigerjahre sind die Jahre ununterbrochen sehr warm.

Abb. 15 Jährliche Abweichung der Temperatur in der Schweiz von der Jahresnorm 1961–1990 (Quelle: MeteoSchweiz, St. Bader)

Extrem warme Monate nehmen zu – extrem kalte ab Klimaerwärmung kann dazu führen, dass sich die Intensitäten und Häufigkeiten von extremen Ereignissen verändern. Die Durchschnittstemperatur im Juni 2003 lag beispielsweise 6° über dem langjährigen Durchschnitt; vergleichbare Werte wurden in den vergangenen 150 Jahren nie gemessen. Der Hitzesommer 2003 war in Europa der heisseste seit mindestens 500 Jahren. Durchschnittstemperaturen sind statistische Werte; Schwankungen innerhalb einer gewissen Bandbreite um diese Grössen sind die Regel und absolut «normal». Extreme Werte, die deutlich ober- und unterhalb dieses Bereiches liegen, werden als «Anomalien» bezeichnet. 19

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Prof. Chr. Pfister vom historischen Institut der Universität Bern hat mit seinem Team die Monats-Mitteltemperaturen bis weit zurück ins 16. Jahrhundert ausgewertet und in einer Grafik pro Jahrzehnt dargestellt, wieviele Monate extrem warm resp. extrem kalt waren.

Abb. 16 Zahl der extrem warmen und kalten Monate pro Jahrzehnt, aufgeschlüsselt nach den Niederschlagsverhältnissen (Quelle: Chr. Pfister, UNI Bern)

Urs Neu (ProClim) interpretiert die Darstellung wie folgt: «Nach 1988 treten die extrem warmen Monate etwa fünfmal häufiger auf als zuvor im 20. Jahrhundert. Es fällt nicht nur die starke Zunahme der extrem warmen Monate auf, sondern auch die klare Abnahme der extrem kalten Monate.» In den Neunzigerjahren waren 22 Monate extrem warm, kein einziger extrem kalt.

Klimaprognosen Klimaprognosen sind abhängig von den ihnen zugrunde liegenden Szenarien. Massgebende Eingangsgrössen sind beispielsweise das Bevölkerungswachstum, die Entwicklung der Wirtschaft, der Verbrauch fossiler Brennstoffe und die technologischen Fortschritte. Nach IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) wurden insgesamt 40 Szenarien ausgeschieden, die vier Hauptgruppen zugeteilt werden können (A1, A2, B1,B2). 20

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Die für die kommenden 100 Jahre berechneten Modellergebnisse zeigen ausnahmslos eine deutliche Zunahme der Temperatur; der Anstieg variiert im Bereich von 1.4–5.8°C. Dieser globale Trend gilt für alle Regionen, jedoch in unterschiedlichem Ausmass.

Abb. 17 Veränderungen der globalen bodennahen Durchschnittstemperatur bis 2100. Als Funktion verschiedener Szenarien (Quelle: IPCC 2001)

Abb. 18 Regionale Temperaturveränderungen bis 2100 (Quelle: IPCC 2001, Szenario A2)

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Auch die Prognosen bezüglich Veränderung der Niederschläge zeigen deutliche regionale Unterschiede an.

Abb. 19 Regionale Niederschlagsveränderungen in Prozent bis 2100 im Vergleich zur Periode 1961–1990 (Quelle: IPCC 2001, Szenario A2)

Dieter Kasang (Hamburger Bildungsserver) erklärt die regionalen Unterschiede wie folgt: «Bei einer globalen Erwärmung der unteren Atmosphäre verstärkt sich der Austausch von Wasser zwischen Meer, Eis, Atmosphäre und Land durch Verdunstung, Niederschlag und Abfluß. Da die Gebiete mit überwiegender Verdunstung und die mit überwiegendem Niederschlag ungleich über die Erde verteilt sind, ist damit zu rechnen, daß bei einer weltweiten Temperaturerhöhung in einigen Regionen besonders die Verdunstung, in anderen vor allem der Niederschlag zunehmen wird.»

Luftverschmutzung und Klimawandel Dass der Klimawandel stattfindet und dass er verschiedene Ursachen hat, ist wohl unbestritten; weit schwieriger ist die Quantifizierung des Einflusses der einzelnen Faktoren. Insbesondere die Frage nach der Bedeutung des durch uns Menschen verursachten Anteils führt (vor allem auf politischer Ebene) zu heftigen Diskussionen. Tatsache ist, dass wir Menschen der Atmosphäre grosse Mengen von Treibhausgasen zuführen. 22

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Kohlendioxid, Methan sowie Wasserdampf (gasförmiges Wasser in der Atmosphäre) gelten als Hauptakteure im Zusammenhang mit dem sogenannten Treibhauseffekt. Dieser ist die natürliche physikalische Ursache für eine mittlere Erdoberflächentemperatur von etwa 15 °C. Ohne Atmosphäre mit ihren natürlichen Treibhausgasen würde die Erdoberflächentemperatur etwa -18 °C betragen (Quelle: MeteoSchweiz).

Abb. 20 Rekonstruktion des CO2-Gehaltes der Atmosphäre aus einem Bohrkern der Antarktis für die letzten 420 000 Jahre (Quelle: Petit et al. 1999)

Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre zeigt in den vergangenen 420’000 Jahren ein zyklisches Verhalten mit regelmässigen Phasen der Zu- und Abnahme in einem konstanten Wertebereich (180–300 ppmv). Dieser Rahmen wird in jüngster Vergangenheit (20. Jahrhundert) völlig gesprengt; der rasante Anstieg auf den aktuellen Wert von 379 ppmv bedeutet nicht nur einen absoluten Rekord, sondern beinahe eine Verdoppelung des bisherigen Schwankungsbereichs. Ganz ähnlich sieht die Entwicklung der Methan-Konzentration aus (Quelle: IPCC). Die Frage nach dem Anteil des Menschen am globalen Temperaturanstieg kann mit Klimamodellen beantwortet werden, die in der Lage sind, einerseits die natürliche Temperaturentwicklung und andererseits das Zusammenspiel der menschlichen Einflüsse genügend genau nachzubilden. 23

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Abb. 21 Temperaturänderung aufgrund von Modellsimulationen (roter Bereich) und effektiv gemessene (schwarze Kurven) Temperaturveränderungen. (Quelle: IPCC, 2001) 1: nur natürliche Einflussfaktoren berücksichtigt (Sonne, Vulkanaktivität) 2: nur menschliche Einflussfaktoren berücksichtigt (Kohlendioxid, Methan, Schwefel-Aerosole) 3: natürliche und menschliche Einflussfaktoren kombiniert berücksichtigt

Dieter Kasang vom Hamburger Bildungsserver interpretiert die Darstellungen wie folgt: «Bei Berücksichtigung nur der natürlichen Antriebskräfte zeigen die Modellergebnisse vor allem in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine starke Abweichung von der beobachteten Temperatur. Werden nur die durch den Menschen verursachten Antriebskräfte berücksichtigt, stimmen die Modellrechnungen für diesen Zeitraum mit der Beobachtung weitgehend überein, weichen davon jedoch deutlich um die Jahrhundertmitte ab. Die beste Übereinstimmung zwischen Beobachtung und Modellsimulation wird erzielt, wenn sowohl die natürlichen wie die anthropogenen Antriebskräfte berücksichtigt werden. Das spricht dafür, dass die Temperaturveränderungen des 20. Jahrhunderts nicht durch natürliche Klimafaktoren allein erklärt werden können und dass insbesondere der Temperaturanstieg der letzen 30 Jahre eine Folge des anthropogenen Einflusses auf das Klima ist.» 24

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Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch die Meteo Schweiz: «Nach dem gegenwärtigen physikalischen Verständnis verstärken die menschlichen Emissionen die natürliche Treibhauswirkung der Atmosphäre. Das Risiko, dass durch diese menschliche Beeinflussung der Atmosphäre global eine negative Gesamtwirkung erzeugt wird, ist gross.»

Entwicklung der Schäden Die Schäden, die durch Unwetterereignisse in den letzten Jahrzehnten allein in Mitteleuropa verursacht wurden, sind gewaltig. Nach Schätzungen der Swiss Re beträgt zum Beispiel der durch die Stürme Lothar und Martin 1999 verursachte Schaden 31 Mrd SFr. Die Überschwemmungen und Erdrutsche im Juli/August 2002 verursachten in Europa Schäden von ca 23 Mrd SFr. Die durch die Gebäudeversicherung des Kantons Bern (GVB) versicherten Elementarschäden beliefen sich für die Jahre 1970 bis 1979 noch 200 Mio SFr, für das Jahrzehnt 1990 bis 1999 waren es schon 520 Mio SFr. Die GVB versichert sich ihrerseits bei Rückversicherungen. Die hiefür zu bezahlenden Jahres-Prämien können als guten Indikator für die effektive Schadenentwicklung interpretiert werden. Wie die folgende Grafik zeigt, haben sich diese Rückversicherungsprämien in den Jahren 1998 bis 2004 mehr als verdreifacht!

Abb. 22 Entwicklung der Rückversicherungsprämien der Gebäudeversicherung des Kantons Bern in Mio SFr. (Quelle: GVB, 2004)

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Theorien, Hypothesen und Fakten Der Zusammenhang zwischen Klima, menschlich verursachten Änderungen, Extremereignissen, Schadenentwicklungen ist äusserst komplex; exakte, lückenlos beweisbare, wissenschaftlich absolut stichhaltige Aussagen sind schwierig. Trotzdem kann nach heutigem Wissensstand eindeutig festgehalten werden: • Das Klima hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, seit den 1990er Jahren sogar fundamental! Auf der Alpennordseite haben die die durchschnittlichen Temperaturen im Verlauf des letzten Jahrhunderts 1.1 Grad zugenommen. • Der Mensch ist an dieser Veränderung ganz massgeblich beteiligt. • Naturereignisse sind in den letzten Jahren häufiger und in intensiverem Ausmass aufgetreten. • Die daraus entstehenden Schäden sind stark angewachsen.

Was erwartet uns in Zukunft bezüglich Klima und Naturereignissen? Noch schwieriger als eine Analyse der Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist natürlich eine verlässliche Prognose der weiteren Entwicklung. Die vom Regierungsrat eingesetzte Arbeitsgruppe Naturgefahren des Kantons Bern hat mit einer Gruppe ausgewiesener Spezialisten die mögliche Klimaentwicklung im Kanton Bern und deren Auswirkungen auf die Naturgefahren analysiert. Folgende Prognosen lassen sich heute machen: • Der Klimawandel wird weitergehen. • Die Temperaturen werden weiter steigen, wahrscheinlich um mehrere Grad • • • • • •

Celsius in den nächsten 50 Jahren. Dadurch ist allgemein mehr Energie in der Atmosphäre, die Tendenz zu „verrücktem Wetter“ ist daher grösser. Die gegen Europa wandernden Tiefdruckgebiete werden sich verstärken, aber gegen Norden verlagern. Die Schnee- und Permafrostgrenze wird sich nach oben verschieben. Die Gletscher werden massiv weiter zurückgehen. In Höhenlagen oberhalb 1500 m sind evtl. weniger häufig, aber wiederkehrend sehr massive Schneefälle zu erwarten. Die Niederschläge nehmen allgemein zu (+25%?).

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• Es ist eine Abnahme der Häufigkeit, aber eine Intensivierung der Starkregen

im Sommer und Herbst und der Winterstürme zu erwarten. • Die Gefahren für Hochwasser, Überschwemmungen, Rutschungen, Fels-

stürze, Gletscherabbrüche nehmen zu. • Die Häufigkeit von Schadenereignissen wird zunehmen.

Was können und müssen wir machen? Massnahmen gegen die Ursachen der menschenverursachten Klimaänderungen müssen/müssten selbstverständlich konsequent weitergeführt werden. Hier ist einerseits die (internationale) Politik gefragt, andererseits ist ebenso selbstverständlich das Verhalten jedes einzelnen von uns entscheidend. Die nötigen Massnahmen bezüglich Schutz vor den offensichtlich zunehmenden Naturgefahren können wie folgt zusammengefasst werden: • Die Naturgefahren müssen laufend, konsequent und gründlich beobachtet, erhoben und quantifiziert werden. • Die erkannten Risken müssen in der Raumnutzung konsequent und restriktiv umgesetzt werden. • Wo nötig müssen Ereignis-Vorsorgemassnahmen geplant und umgesetzt werden (Messstellen, Evakuationen, Sperrungen usw.). • Die vorhandenen technischen Schutzwerke müssen laufend unterhalten werden. • Der Schutzwald, unser natürliches Schutzwerk vor vielen Naturgefahren, muss ebenso unterhalten, bzw. gepflegt werden. • Wo nötig werden weitere Schutzwerke erstellt werden müssen.

Schlussbemerkungen Der globale, menschenverursachte Klimawandel hat auch in der Schweiz und auch im Berner Oberland Auswirkungen auf das Wettergeschehen. Die Prognosen verheissen für die nächsten Jahrzehnte nichts Gutes. Wir werden uns möglicherweise an eine Häufung von gefährlichen Naturereignissen gewöhnen müssen.

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Markus Niklaus

Klimawandel vor der Haustüre Einleitung Am 26. August 2002 setzte nach 21 Uhr ein heftiges Gewitter in der Gegend des unteren rechten Thunerseeufers in der Region der Dörfer Hünibach, Hilterfingen und Oberhofen ein. In nur 80 Minuten fielen 112 Millimeter Regen oder 112 Liter Wasser auf jeden Quadratmeter. Diese Regenmenge mass ich mit einem Pluviographen und zur Kontrolle daneben mit einem Pluviometer, und zwar an der Stationsstrasse in Hünibach. Die Folgen waren entsprechend: – Hänge kamen ins Rutschen. – Asphaltierte Strassen verwandelten sich in reissende Bäche. Diese flossen durch Gärten und in Häuser hinein. – Die Feuerwehr musste über 200 überflutete Keller auspumpen. – Es entstanden für rund 3 Millionen Franken Gebäudeschäden. – In der Gemeinde Oberhofen war das Trinkwasser verseucht und konnte nicht mehr verwendet werden.

Peter Jutzi aus Hünibach vor seinem Haus mit einer 900 m3 Schlammlawine im Rain

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Zum Glück bewährten sich die im letzten Jahrhundert dauernd verbesserten Bachverbauungen der Bäche Hünibach, Eichgräbli, Louelibach, Dorfbach in Hilterfingen und Riderbach in Oberhofen. Sämtliche Geschiebesammler wurden unmittelbar nach dem Hochwasser wieder ausgebaggert. Letztmals trat der Dorfbach von Hilterfingen am 20. Juli 1937 über die Ufer und richtete grossen Schaden an. Bei seiner Mündung in den Thunersee entstand ein grosses Delta, so dass die Thunerseeschiffe dort nicht mehr anlegen konnten. Das Material musste von einem Schwimmbagger der Firma Kanderkies AG abgetragen werden und konnte zum Bau der neuen Schiffländte Hünibach verwendet werden. Noch schlimmer wütete damals der Riderbach in Oberhofen, indem er das Baugeschäft Frutiger verwüstete und die Firma Keller Harmoniumbau in Mitleidenschaft zog. Mehrere Harmonien schwammen im Thunersee herum. Auch in Gunten entstand viel Schaden. Die damals noch verkehrende rechtsufrige Thunerseebahn STI, das gelbe Tram, konnte zwischen Oberhofen und Ralligen in Merligen nicht mehr verkehren.

Das denkwürdige Jahr 1999 Ende Januar bis Ende Februar erlebten wir einen Jahrhundertwinter, in dem anhaltende Nordwest-Staulagen reiche Schneemassen auf die Nordabdachung der Alpen brachten. In Mürren wurden ingesamt 11 Meter Neuschnee aufsummiert gemessen! Im schweizerischen Alpenraum gingen rund 1000 Schadenlawinen nieder mit insgesamt 17 Toten. Im übrigen verweise ich auf den Beitrag von UeIi Ryter im UTB-Jahrbuch 99. Die gewaltigen Schneemassen im Berner Oberland führten im Mai zum Jahrhundert-Hochwasser am Thuner- und Brienzersee, sowie zu den Überflutungen in der Belpau und im Mattequartier der Stadt Bern. (Siehe dazu auch meinen Bericht im UTB-Jahrbuch 99 auf den Seiten 23 bis 56). In der ganzen Schweiz entstanden durch das Hochwasser, namentlich auch am Bodensee, Schäden in der Höhe von 580 Millionen Franken, im Kanton Bern allein betrugen diese 156 Millionen Franken. Am 26. Dezember erlebten wir in der Schweiz den Jahrhundertsturm LOTHAR. In Bern Liebefeld mass man eine Windgeschwindigkeit von 133 km/h und auf 30

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dem Uetliberg bei Zürich sogar 241 km/h. Ab 120 km/h oder Beaufort 12 spricht man von einem Orkan. Allein im Kanton Bern gab es 4,3 Millionen Kubikmeter Sturmholz oder anders gesagt, die vierfache Jahres-Holznutzung. In der ganzen Schweiz (der Tessin blieb verschont) fielen 12,7 Millionen Kubikmeter Holz dem Sturm zum Opfer. In Mitteleuropa waren es insgesamt 175 Millionen Kubikmeter, allein in Frankreich 120 Millionen Kubikmeter! Auch hier kann ich auf eine Arbeit von Walter Kröpfli im UTB-Jahrbuch 2000 hinweisen. Drei der grössten fünf Stürme in den letzten 500 Jahren ereigneten sich innerhalb der letzten 33 Jahre,nämlich 1967, 1990 (VIVIAN) und 1999 (LOTHAR). Die anderen waren in den Jahren 1645 und 1739 (nach Angaben von Prof. Christian Pfister). Der LOTHAR forderte 30 Todesopfer, die Hälfte davon bei den Aufräumarbeiten. Die Schadensummen betrugen im Wald 760 Millionen Franken und an den Gebäuden fast gleich viel, nämlich 730 Millionen Franken. Im Berner Oberland lagen total 930 000 Kubikmeter Holz am Boden. Zum Teil sehen wir noch heute Spuren davon. Aus Totholz entsteht neues Leben, aber auch der Borkenkäfer ist auf dem Vormarsch und bereitet dem Forstpersonal grosse Sorgen.

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100

200

300

400

500

600

700

800

900

1000

1100

952

795

1995

1994 1993

1992

1990

1989 1988

1987

1986

1985

1984

1983

1982

1981

1980

1979

1978

1977

Figur 1: Jahresniederschläge in mm in Thun (Allmendstrasse), 1977–2003, im Durchschnitt = 992.5 mm

1901 bis 1976 im Durchschnitt

1200

1991

1300

787

1998

754

1292

785

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2000

mm

2002

32

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2001

1999

1997

1996

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Maximale und minimale Monatsniederschläge in Millimeter in Thun in der Zeit von 1901 bis 2004 Tab. 1 Monat Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember

Maximum 115 136 164 168 238 254 287 305 209 174 169 122

Jahr 2001 1999 2001 1989 1994 1915 1965 1968 1901 1992 2002 1995

Minimum 0 6 8 14 33 40 17 14 22 0 2 5

Jahr 1996 1909, 1932. 1959 1938 1922, 1947 1934 1902 1911 1919 1972 1943 1924 1933

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mm

2000: 857 mm

250 2002: 1468 mm

200

150

100

50

J

F

M

A

M

Figur 2, Monatsniederschläge Hünibach

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J

J

A

S

O

N

D

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Starkniederschläge der letzten 30 Jahre in der Region Thun Definition: Wenn innerhalb 48 Stunden mehr als 70 Millimeter Niederschlag fallen, so sprechen wir von einem Starkniederschlag Tab. 2 Datum 22./23. August 1974

Niederschlag in mm 170

Ort Steffisburg

7./8. August 1978

85

15./16. August 1980 1./2. Juli 1989 12./13. Juni 1993 18./19. Juli 1994 7./8. Juli 1996 11./12. Juni 1997 4./5. Juli 1997 17./18. Juli 1997 25./26. August 1997 14./15. Juli 2001 5./6. Juni 2002 16./17. Juli 2002 10./11. August 2002 26. August 2002

70 87 74 76 80 82 81 72 73 92 84 93 74 112

Steffisburg, Thierachern Thun Thun Thun Thun Hünibach Hünibach Hünibach Hünibach Hünibach Hünibach Hünibach Hünibach Hünibach Hünibach innerhalb 80 Min., grösste Regendichte bis heute gemessen

Bemerkungen sehr grosses Unwetter

}

Die Häufung in den letzten 15 Jahren (2. Hälfte der Klimaperiode) ist signifikant

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Veränderungen im Niederschlagsregime Die Jahresniederschläge der letzten 15 Jahre (1989 bis 2003) fallen durch eine grössere Variabilität auf. Vor allem die letzten 6 Jahre weisen eine recht grosse Streuung auf. In den Jahren 1901 bis 1976 betrug das Jahresmittel für Thun 952 Millimeter. In den Jahren 1977 bis 2003 stieg die Jahressumme im Mittel auf 992,5 Millimeter. (Fig. 1). In der Tabelle 1 habe ich die maximalen und minimalen Monatsniederschläge von Thun dargestellt, und zwar für den Zeitraum 1901 bis 2004, also mehr als ein Jahrhundert. Hier fällt auf, dass die maximalen Winter- und Frühjahrsniederschläge der letzten 15 Jahre dominieren. Eine einzige Ausnahme stellt der Januar 1996 dar. In der Fig. 2 habe ich die monatlichen Niederschläge von Hünibach – sie sind etwas grösser als die von Thun – der Jahre 2000 und 2002 dargestellt. Ein sehr gutes Beispiel, um zu zeigen, dass auch in unserem Raum die Extreme zunehmen. Wie wird wohl das Jahr 2004 ausfallen? Auch die Starkniederschläge haben in unserer Region stark zugenommen. Wir reden von einem Starkniederschlag, wenn innerhalb von 48 Stunden mindestens 70 Millimeter Niederschlag gemessen werden, siehe Tabelle 2. Weitere extreme Niederschlagswerte: Thun Juni 1989 65,0 mm Mai 1989 44,8

Juni 1997 238 mm Mai 1994 238

Hünibach Winterniederschäge: Dezember 1994 76,4 mm 2001 21,2 mm Januar 1995 103,3 2002 10,8 Februar 1995 112,7 2002 71,0 total 292,4 103 Norm: 133 mm Hünibach im 1. Halbjahr 2000: 268 mm

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im 1. Halbjahr 2001: 748,3 mm

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Zur Schneearmut im schweizerischen Mittelland Prof. Christian Pfister wies nach, dass im 19. Jahrhundert im schweizerischen Mittelland die Schneedecke während rund 60 Tagen vorhanden war. Im 20. Jahrhundert bis zum Jahr 1987 dauerte die Schneedecke nur noch im Mittel 46 Tage. Und nun trat eine markante Wende auf, die auch für unsere Region Thun zutrifft. Die folgenden zwei Tabellen 3 und 4 verdanke ich dem Steffisburger HobbyMeteorologen und Gärtner Walter Wild, der in der Gärtnerei Gerber im Glockental während bald einem halben Jahrhundert sehr zuverlässige und lückenlose Beobachtungen aufschreibt. Die einzelnen Schneefälle wurden auf einem horizontalen Holzbrett gemessen und monatlich aufsummiert. Eine Schneedecke wurde dann registriert, wenn mindestens die Hälfte des Geländes während eines halben Tages vom Schnee bedeckt war. Die Auswertungen der Messungen von Walter Wild ergibt folgendes Bild: in den 29 Wintern von 1958/59 bis 1986/87 betrug die jährliche Schneehöhe im Mittel 82 cm. In den folgenden 17 Wintern sank diese Zahl auf 44,5 cm, also beinahe die Hälfte! Das gilt auch für die Zahl der Tage mit einer Schneedecke: in den Wintern 1979/80 bis 1986/87 gab es im Mittel 46,5 Tage in den folgenden Wintern 1987/88 bis 2003/04 nur noch 18,3 Tage,also weniger als die Hälfte! Dabei ist zu sagen, dass wir in Thun am Rande zwischen Mittelland und den Alpen sind, wobei gerade die Hügel und Berge als Schnee- und Regenfänger wirken. Zusammengefasst lässt sich bemerken, dass die festgestellte Schneearmut ein unübersehbares Signal für die laufende Klimaerwärmung darstellt. Entsprechend sind viele Skilifte in unserer Gegend nicht mehr rentabel, wie zum Beispiel Aeschi, Faltschen, Reutigen, Wilerallmi (Sigriswil), Goldiwil, Heiligenschwendi, Heimenschwand, Linden usw.

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Monatliche Schneehöhe in der Region Thun (Glockental, Steffisburg), gemessen in cm Tab. 3 Winter Oktober November Dezember 58/59 0 0 6 59/60 0 0 4 60/61 4 0 17 61/62 0 11 3 62/63 0 5 29 63/64 0 0 3 64/65 1 1 31 65/66 0 28 15 66/67 0 17 7 67/68 0 1 30 68/69 0 7 7 69/70 0 24 16 70/71 0 1 11 71/72 0 27 5 72/73 0 5 0 73/74 7 5 5 74/75 7 5 6 75/76 0 8 8 76/77 0 2 47 77/78 0 12 3 78/79 0 14 1 79/80 0 11 42 80/81 0 28 24 81/82 0 12 44 82/83 0 1 3 83/84 0 1 2 84/85 0 0 8 85/86 0 27 1 86/87 0 0 18 87/88 0 1 6 88/89 0 12 23 89/90 0 0 0

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Januar Februar 17 0 15 26 8 3 35 27 69 30 11 2 30 20 9 0 17 0 60 21 8 31 3 42 1 16 11 2 4 20 5 10 0 1 20 9 38 3 25 25 36 5 15 0 33 12 12 27 11 17 42 26 16 75 46 26 34 14 4 36 3 1 0 2

März 0 1 8 15 3 15 15 27 1 4 13 32 5 0 7 7 18 20 6 19 4 1 13 5 5 13 19 6 50 26 0 2

April 0 1 0 10 3 0 30 0 15 2 4 32 0 2 31 5 23 17 28 1 5 31 0 2 4 0 1 6 1 0 0 0

Total 23 47 40 101 139 31 128 79 57 118 70 149 34 47 67 44 60 82 124 85 65 100 110 102 41 84 119 112 117 73 39 4

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Winter Oktober November Dezember 90/91 0 17 30 91/92 0 2 7 92/93 0 0 2 93/94 0 3 18 94/95 0 0 3 95/96 0 1 33 96/97 0 22 8 97/98 0 0 5 98/99 0 13 6 99/00 0 32 26 00/01 0 2 4 01/02 0 4 10 02/03 0 0 0 03/04 0 0 5

Januar Februar 5 16 15 5 1 15 4 4 31 5 0 20 1 2 19 1 6 43 14 7 5 5 0 5 5 10 16 9

März 0 1 19 0 29 5 0 13 2 1 11 1 0 6

April 3 1 0 18 0 2 1 3 7 0 1 0 1 1

Total 71 31 37 47 68 61 34 41 77 80 28 20 16 37

Zahl der Tage mit einer Schneedecke gemessen im Glockental, Steffisburg Tab. 4 Winter 1979/80 80/81 81/82 82/83 83/84 84/85 85/86 86/87 87/88 88/89 89/90 90/91 91/92 92/93 93/94

Tage 42 54 32 15 42 65 71 51 23 14 0 37 21 2 8

Winter 94/95 95/96 96/97 97/98 98/99 99/00 2000/01 01/02 02/03 03/04

Tage 23 19 16 27 41 33 3 19 9 16

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Frost und Eistage Gemäss Definition sprechen wir von einem Frosttag, wenn die Lufttemperatur an einem Tag unter den Gefrierpunkt von Wasser sinkt. Bleibt die Temperatur während 24 Stunden eines Tages dauernd unter Null Grad Celsius, so registriert man einen Eistag. Eine Klimaperiode zählt international 30 Jahre. Von 1975 bis 1994 habe ich in Thun beim Staatlichen Seminar im Seefeld und seither bis zur Gegenwart in Hünibach kontinuierlich die Lufttemperatur aufgezeichnet. Eine Tabelle, die ich hier nicht wiedergebe, enthält für jeden Tag die maximale und minimale Lufttemperatur, gerundet auf ganze Grade Celsius. Die Auswertung dieser Tabellen habe ich in dieser Arbeit graphisch dargestellt, mit zwei verschiedenen Abbildungen, siehe Figur 3 und 4. Ich erwähnte bereits bei den Schneefällen, dass vom Winter 1987/88 an eine markante Wende infolge der Klimaerwärmung auch bei uns eintraf. Das Staffeldiagramm zeigt es augenfällig, indem die Zahl der Frosttage in den letzten 16 Jahren deutlich zurück ging. Nur noch 4 Jahre, oder 25 Prozent,waren überdurchschnittlich. 75 Prozent lagen unter dem Mittelwert von 93 Frosttagen pro Winter. Auch bei den Eistagen ergibt sich dasselbe Bild. Nur 4 Winter der letzten 16 lagen über dem Mittelwert von 20,6 Eistagen. Bei den vorangehenden 12 Wintern war es gerade umgekehrt, das heisst drei Viertel waren überdurchschnittlich kalt mit Eistagen. Der Trend zu milderen Wintern ist auch bei uns eindeutig nachweisbar.

Sommer und Hitzetage Wenn die Lufttemperatur die Marke von 25 Grad Celsius erreicht, so sprechen wir von einem Sommertag. Falls die Grenze von 30 Grad Celsius erreicht oder überschritten wird, geht der Tag als Hitzetag in die Annalen. Jeder Hitzetag ist somit auch ein Sommertag. Auf der Abbildung habe ich links am Rand das Ergebnis für Thun aus der Klimaperiode von 1931 bis 1960 festgehalten. In jener Zeit ergab sich als Mittelwert von 30 Jahren 28 Sommertage und knapp 3 Hitzetage (genau 2,7). In den vergangenen 28 Jahren kam ich auf einen Mittelwert von 46,6 Sommertagen und 7,1 Hitzetagen! Die Zahlen sprechen für sich! Man beachte auch den Vergleich des Rekordsommers 2003 mit der Klimaperiode 1931 bis 1960. Natürlich gab es in jener Periode auch Spitzensommer, wie zum Beispiel 1947 und 1949 (KABA-Jahr). Aber der Sommer 2003 schlägt alle bisherigen Rekorde. Das Geografische Institut der Universität in 40

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Bern wies nach: 2003 war der heisseste Sommer seit 500 Jahren mit Sicherheit und vielleicht sogar seit mehr als 1000 Jahren. Ein Extremereignis? Klimamodelle des Geografischen Institutes der Universität Freiburg sowie der ETH in Zürich sprechen von der Möglichkeit, dass inskünftig noch solche Sommer folgen werden. In meiner Abbildung (Fig. 4) fällt auf, dass die Werte in den letzten 15 Jahren deutlich zunehmen, also wieder seit 1989. 10 mal wurde der Mittelwert von 46,4 Sommertagen überschritten, derjenige von 7,1 Hitzetagen immerhin 7 mal. Die Häufung in den Jahren 1992, 1994, 1998, 2002 und 2003 ist signifikant.

Immer neue Hitzerekorde 1990 bis 2000 war das heisseste Jahrzehnt seit 1000 Jahren 1998 war das bisher wärmste Jahr des letzten Jahrtausends 2003 Der Rekordsommer bringt der Schweiz eine neue Höchstmarke: 41,5 Grad Celsius gemessen in Grono bei Roveredo im Misox.

Die Erwärmung im 20. Jahrhundert global plus 0,6 Grad Celsius, aber in der Westschweiz plus 1,6 Grad in der Deutschschweiz plus 1,3 Grad in der Südschweiz plus 1,0 Grad 1978 bis 2003 stiegen die Sommertemperaturen in den Monaten Juni, Juli und August in Europa um 2,8 Grad Celsius. Der Durchschnitt der Sommertemperaturen betrug für die Jahre 1901 bis 1995 17,5 Grad; im Rekordsommer 2003 jedoch 19,5 Grad, also plus 2 Grad! In Zentraleuropa und im Alpenraum sogar plus 5 Grad! Und Klimaforscher der ETH sagen: «Es wird noch heisser werden als 2003»

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42 20.6

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Figur 3: Zahl der Frost- und Eistage in Thun von 1975–2003

1975/76 1976/77 1977/78 1978/79 1979/80 1980/81 1981/82 1982/83 1983/84 1984/85 1985/86 1986/87 1987/88 1988/89 1989/90 1990/91 1991/92 1992/93 1993/94 1994/95 1995/96 1996/97 1997/98 1998/99 Eistage im Mittel = 20.6

Frosttage im Mittel = 93

99/2000 2000/01 2001/02 2002/03

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80

90

1986 1985

1984

1983

1982

1981

1980

1979

1978

1977

1976

1931 bis 1960 im Durchschnitt

Figur 4: Zahl der Sommer- und Hitzetage in Thun, 1976–2003

1995

1994 1992

1993

1991

1990

1989

1988 1987

der Periode

2001

über dem Durchschnitt

Hitzetage mit Werten

1999 1998

9:14 Uhr

2000

100

1996

Hitzetage im Mittel = 7.1

2002

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1997

Sommertage im Mittel = 46.6

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Die Ozonschicht oben und die Ozonbelastung unten Die schützende Ozonschicht in der Stratoshäre wird von Jahr zu Jahr dünner. Der Hautkrebs nimmt von allen Krebsarten am stärksten zu. Die Ozonbelastung unten im Sommersmog steigt ebenfalls an, wie der motorisierte Strassenverkehr. Schon im Juni 2003 wurde in Thun der Grenzwert von 120 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter 180 mal überschritten,wobei das Gesetz für die Luftreinhaltung vorschreibt, dass der Grenzwert höchstens eine Stunde pro Jahr überschritten werden darf. Thun war übrigens kantonaler Spitzenreiter in dieser Sache und geriet deshalb in die Schlagzeilen. Da das Ozon in der städtischen Agglomeration während der Nacht wieder abgebaut wird, auf dem Lande aber nicht, ergibt sich die merkwürdige Tatsache, dass ausserhalb der Stadt die Ozonbelastung noch gravierender ist!

Das Kyotoprotokoll Die Schweiz hat es ratifiziert. Die Politiker müssen jetzt handeln und die C02Abgabe beschliessen, sonst werden wir die Zielvorgaben nicht erfüllen. Aber die USA mit dem C02-Ausstoss von 20 Tonnen pro Kopf und Jahr machen nicht mit und die Schweizer sind doch Musterknaben mit 6,7 Tonnen pro Kopf und Jahr. Global sehe ich schwarz in der Zukunft. Viele Länder, nicht zuletzt China und andere futieren sich darum. Die Motorisierung nimmt weltweit ständig zu, auch die Billigfliegerei. Der Lufttransport für ein Kilogramm über den Atlantik (zum Beispiel 1 kg Grünsspargel) braucht 5 Liter Flugpetrol. In der Schweiz produziert höchstens 3 Deziliter.

Dramatische Folgen des global warming Die Gletscher schmelzen, und wer es nicht glauben will, soll einmal zum Triftgletscher wandern und von der SAC Hütte Windegg aus die Situation betrachten. Am Ende des Gletschers entstand ein See von 6 Millionen Kubikmeter Inhalt mit einer maximalen Tiefe von 45 Metern. Dieser See bedroht die Unterlieger im Gadmental bis lnnertkirchen. Ein Gletscherabbruch könnte eine Flutwelle auslösen. Prof. Funk von der ETH ist beauftragt, den Gletscher zu überwachen und mit permanenten Messungen ein Frühwarnsystem einzurichten. Zudem werden Studien zum dosierten Ablassen des Schmelzwassers an die Hand genommen.

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Wenn es so weiter geht sind in 100 Jahren drei Viertel der Alpengletscher verschwunden. Seit 1850 haben in der Schweiz die Gletscher bis heute ihre halbe Masse verloren und ein Drittel der Fläche eingebüsst! Das wird seine Auswirkungen auf die Stauseen in den Bergen haben. Das «Kapital» schmilzt und die Wasserführung der Flüsse wird drastisch abnehmen. lm 21. Jahrhundert wird der Kampf um das Wasser verschärft. Der Permafrost steigt, Steinschlag und Bergstürze folgen. Da die Nullgradgrenze in den Alpen auch immer höher zu liegen kommt, entstehen vermehrt bei Niederschlägen Schlammlawinen und Murgänge. Dass auch die Schneegrenze in unseren Alpen nach oben verschoben wird, erkennen wir in der gewaltigen Zunahme der Schneekanonen. Auch die Häufigkeit der Waldbrände hat in der Schweiz stark zugenommen.

Zunahme der Extremereignisse Mit der Aufheizung der Erdatmoshäre wird auch die Energie angehoben. Die Wettermaschine läuft auf höheren Touren. Es sind rund 20 Prozent mehr Wasserdampf in der Atmospäre vorhanden. Der Wasserdampf ist auch ein Treibhausgas und damit wird der Effekt des global warming noch verstärkt. Stürme, Hitze- und Kältewellen, Fluten, Hochwasser, Dürren, Hagel, Starkniederschläge usw. werden zunehmen. Im Jahrzehnt 1990 bis 99 entstanden durch diese Naturkatastrophen Schäden in der Höhe von 180 Milliarden US Dollars. Gemäss Angaben der Swiss Re war damit die Schadensumme 8,6 mal höher als im Jahrzehnt 1960 bis 69. Wir sind das Klima, oder besser, der Mensch verändert das Klima, das steht ausser Zweifel.

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Peter Blaser

Eine Mantelmöwe (Larus marinus) vor Brienz Im November/Dezember 2003 zeigten sich am Brienzersee vor Brienz verschiedene Grossmöwen, die sonst am Meer zu Hause sind. Es ist zwar nicht aussergewöhnlich, sie im Binnenland Schweiz zu beobachten, am ehesten sieht man sie am Genfer-, Neuenburger- oder am Bodensee. In den letzten Jahren gehören sie auch vermehrt ins Bild des Alpenrandsees, doch erstaunt es gleichwohl, dass sie dort zu Überwinterern geworden sind. Der Brienzersee macht den Eindruck, er sei der menschlichen Geschäftigkeit etwas entrückt und das überzeugt vielleicht Möwen, die seit einigen Jahren diesen See aufsuchen: Sie kommen wieder. Es handelt sich neben den Lachmöwen um Weisskopf-, Sturm- und etwas spärlicher um die schwarze Heringsmöwe. Jetzt kommt noch eine Seltenheit dazu, von der lange Zeit kaum jemand gewagt hätte, unter der schwarzflügligen Möwe, eben keine Herings- sondern eine Mantelmöwe zu vermuten. Mitten im Alpenland Schweiz gelegen, wird der Brienzersee zu einem winterlichen Treffpunkt für Grossmöwen vom Mittelmeer (Weisskopfmöwe) und von der Nord- und Ostsee (die anderen). Die Mantelmöwe ist die grösste und kräftigste europäische Möwe. Ihr Verbreitungsgebiet ist Nordeuropa. Sie ist aber seit Mitte der 1980er Jahr regelmässiger Brutvogel in wenigen Paaren in Deutschland und ist sonst das ganze Jahr über, aber häufiger im Winter, an der Nord- und Ostseeküste anzutreffen, meist im Bereich von Fischereihäfen, Städten und Müllplätzen. Die Heringsmöwe, mit der sie verwechselt werden könnte und die im Winter häufiger, vor allem an unseren Grenzgewässern, anzutreffen ist, ist teilweise Zugvogel und zieht bis nach Ost- und Südafrika. Erstmals wurde die Mantelmöwe am 8. Dezember 1997 von der Ländte Brienz-Bahnhof aus von Rolf Hauri beobachtet. Eine sichere Bestimmung war jedoch erst im Winter 1999/2000 möglich. Sie kehrte in den folgenden Wintern wieder zurück, denn wir dürfen annehmen, dass es sich stets um den gleichen Vogel handelte. Seit 1997/98 hätte sie jetzt den siebenten Winter in Folge 47

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vor Brienz verbracht. Da sie schon zu Beginn das Alterskleid trug, müsste sie im Frühling 2004 ein Alter von mindestens elf Jahren erreicht haben. Über ihre Ernährungsgewohnheiten – mit Ausnahme des Brotfressens – konnte bisher kaum etwas in Erfahrung gebracht werden. Kenntnislücken bei der Möwe von Brienz bestehen auch über die Aufenthaltsdauer, wann trifft sie im Herbst ein, wann verlässt sie im Frühling den See. Die bisher bekannten Randdaten – 9. November (2003) bis 28. Februar (2004) – entsprechen wohl nicht der Wirklichkeit.

Mantelmöwe, Brienz BE, Dezember 2003 (aus Ornis, Heft 1/04)

Beobachtungen dieser Grossmöwe im Alpenraum sind ausgesprochen selten. Vom benachbarten Thunersee darf die Feststellung eines Vogels im 2. Kalenderjahr vom 23. Januar bis zum 26. Februar 1985 als gesichert gelten. Winterortstreue einer Mantelmöwe in der Schweiz ist einmal am Neuenburgersee von einem Vogel angenommen worden, der sich von 1972/73 bis 1977/78 während sechs aufeinanderfolgenden Wintern vor Yverdon aufgehalten hätte. Jetzt noch die Frage, warum gerade der Brienzersee? Er ist eigentlich kein See, der Wasservögel zum Verweilen und zur Nahrungssuche einlädt, und doch stellt Rolf Hauri, der mich umfassend über das Vorkommen der Mantelmöwe informiert hat, bei seinen Besuchen im Winter jeweils bis zu fünf Möwenarten fest. Letztlich sollten wir selbst Mantelmöwe sein, um mitzufühlen, was an dieser nordisch anmutenden Landschaft anzieht. 48

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Helene Schild

Briensertiitsch Anmerkung der Redaktion: Seit Jahren arbeitet Helene Schild an einem Brienzerdeutschen Wörterbuch, welches demnächst erscheinen wird. Die Bemühungen zur Erhaltung einer der im Berner Oberland so reichhaltig vorhandenen Mundarten werden auch von unserer Seite sehr begrüsst. In der Folge ein kleines Müsterchen in Brienzer Mundart von Helene Schild:

Guets Tagelli Es Gschichtli uf Briensertiitsch us em Biechli «Erschtelled ech eis», gschribe von Erich und Helene Schild, Brienz «Guets Tagelli, hiit isch schäs aber e Schenna», teends us Griitlis Gaarten näbefir. Mier bruuchen im Brienserdialäkt no rächt mengs von däne Wweertren

Glücks-Klee (Oxalidaceae, Oxalis deppei)

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in der Verchliindrigsform: Gäärtelli, Bänzelli, Wällelli, Breesmelli. Mi tuucht eggheis seid esoo vil uus, wie gad äben «guets Tagelli». Liebi, wes der Man zum Freuwwelli seid, Zueneigig, we mmes von epprem underwägs ggheerd, und Ehrfurcht voor iisem Schepfer, waan is geng emmumhi scheenn Taga bringd. Wie wään o Fiischters und Soorgevolls, waan eggheis von iis ma eggeid, ohni Luuters suscht z erträägen. Bin em aalte Tessiinerhuus ischt uf enem Miirli, grad näb em Ingang, es Glicks-Chleestiidelli errunnen. Bim eerschte Sunnenglitz hein die rootem Bliemleni d Eigeni uuftan und ds Muetschi, wes i siine Zoggellenen ischt uusiträppelled, abblinzled. Ds Tessiiner Grooselli heds tuucht, si sägen imm guete Tag und drumm hed äs sa «Buon Giorno» teuft. Das häärzig Perseendli im schwarze Lluuderli ischt schoon es Raschtli nimma daa. Dem Glicks-Chlee aber ischt der Namen «Buon Giorno», bbliben. Di Junge säge mma no hiit esoo. Was nitzt ds ganz Umwäldgschtirm, we mier nid umhi lehren di chliinne Wwunder z gsehn, z eschtimieren und es Breesi de Sin von iisem Läbe z begriiffen. Erschtelled ech eis u ggscheuwwid, wie der See wällelled, d Gloggembluemmi im teufrischen Gras weiggen u d Amsli heij im Beimmen irer Chehrleni lieden. Es guets Tagelli winschen i Ewwch allen.

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Max Gygax

Willi Huggler Der Brienzer Bildhauer ist achtzigjährig Lob des Herkommens Willi Huggler wurde am 31.1.1925 in Brienz geboren als jüngstes von drei Kindern des Ehepaars Hans und Elise Huggler-Seiler. Er steht heute am Ende einer langen Ahnenreihe, die bis in die Anfänge der Brienzer Holzschnitzlerei zurückreicht und ihr während fünf Generationen immer wieder phantasiereiche, geschickte Schnitzler geschenkt hat, welche das Kunsthandwerk mit eigenständigen Ideen und Werken befruchtet und weiter entwickelt haben. Erinnert sei an Kaspar Huggler (1806–1846), der beim legendären Christian Fischer, dem Begründer der kommerziellen Holzschnitzlerei, eine Lehre machte und den Meister bald an Kunstfertigkeit übertraf. Kaspar seinerseits musste später neidlos die Überlegenheit seines Sohnes Johann (1834–1912) anerkennen, der als «Schnitzlerkönig» in die Geschichte der Brienzer Holzschnitzlerei eingegangen ist. Johann Huggler als Schnitzler zu taxieren wird seinem aussergewöhnlichen Talent allerdings nur zum Teil gerecht; er verfügte über Fähigkeiten, die ihn zum bedeutenden Bildhauer stempelten, dessen grosse Holzskulpturen in meisterhafter Weise Menschen und Tiere zu lebendig-bewegten Gruppen vereinigten. Die Hinwendung auf die eigentliche Bildhauerei vollzogen dann die Söhne des Schnitzlerkönigs. Neben dem traditionellen Holz bedienten sie sich nun auch anderer Materialien wie Lehm, Gips, Bronze und Stein. Über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt wurden Hans Huggler-Wyss (1877–1947), der Schöpfer des Fischerbrunnens, Peter und Albert Huggler und deren Söhne Arnold und Hermann. Dass das künstlerische Erbe vor allem in der grossen Familie von Albert Huggler (1864–1938) sich weiter durchsetzte, bewiesen die beiden Jüngsten, die sich neben dem erlernten kaufmännischen Beruf in der Freizeit der Malerei zuwandten und als Autodidakten beachtliche Bilder schufen. Der Schnitzlerei treu blieben die ältesten Söhne Albert und Hans (1889–1975), der Vater unseres Jubilars. 51

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Dieser kurze Rückblick auf das künstlerische Erbgut und das ihm innewohnende Potential, das sich in der Hugglersippe gewissermassen zusammengeballt hatte, musste einer Würdigung des Künstlers und seines Werk vorangestellt werden, zeigt es doch beispielhaft, wie stark und durchschlagend gerade künstlerische Begabung oft im Herkommen verankert ist und über Generationen sich durchsetzen und weiterwirken kann. Diese günstigen genetischen und bestimmt auch durch die Familientradition geförderten Umstände waren für die Berufswahl von Willi Huggler entscheidend; für eine Laufbahn als Bildhauer und Künstler genügten sie allein aber nicht. Unabdingbar waren eine anregende Ausbildung, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, verbunden mit Fleiss und Durchhaltevermögen, das sich auch in Zeiten materieller Bedrängnis bewahrte. Das alles brachte der junge Huggler mit.

Lehrjahre In Anbetracht des geschilderten familiengeschichtlichen Hintergrundes schien die Berufswahl des schulentlassenen Jünglings Willi Huggler eigentlich gegeben: Schnitzler! Berücksichtigt man aber die damaligen Zeitumstände: Krieg, totaler Einbruch des Fremdenverkehrs mit einschneidenden Folgen für das schon vorher krisengeplagte Schnitzlergewerbe, dann wird begreiflich, dass die nicht auf Rosen gebetteten Eltern versuchten, ihren Jüngsten einem Beruf zuzuführen, der auch in turbulenten Zeiten ein einigermassen sicheres Auskommen versprach. Dazu geeignet schien eine Anlehre als Briefträger. Zum Glück, so darf man rückblickend sagen, zerschlug sich dieses Vorhaben und wurde nun doch ersetzt durch eine Schnitzlerlehre, die der schon in der Schulzeit auffälligen zeichnerisch-gestalterischen Begabung Willi Hugglers eher entgegenkam. Zum Entscheid trug wesentlich der Umstand bei, dass er in einem kunsthandwerklichen Umfeld aufgewachsen war, in der väterlichen «Pudiig» erste prägende Eindrücke mitbekommen hatte, die im Atelier von Grossvater Albert Huggler noch verstärkt wurden. Willi konnte der Arbeit des hochbegabten Bildhauers stundenlang zusehen und wurde vom Grossvater, dem die künstlerische Begabung des Enkels nicht entgangen war, schon früh gefördert. So schenkte er dem Zehnjährigen bereits sechs Meissel und überliess ihm immer wieder auch einen Klumpen Plastilin für erste Gestaltungsversuche. Willi wusste mit beidem umzugehen, so verdiente er, kaum zwölf52

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jährig einmal ein paar Franken, als ihm ein Luzerner Holzwarenhändler, wohl mehr spasseshalber, eine Bestellung für beschnitzte Papiermesser aufgab! Für den Besuch der Schnitzlerschule (1943–47), wo er in die Figurenklasse eintrat, brachte er, wie schon angetönt, die besten Voraussetzungen mit. Sein bereits grosses handwerkliche Können bedurfte eigentlich nur noch der Ergänzung und Vertiefung. Vor allem schätzte er die sehr gute Ausbildung in Anatomie, was bereits auf den zukünftigen Bildhauer hinweist. Neben dem Erwerb einer beruflichen Qualifikation in der Schnitzlerschule war ein weiterer Umstand nicht unwichtig: die Lehre war kostenlos, und die angehenden Schnitzler wurden nach der Prüfung sogar noch mit gratis abgegebenem Werkzeug im Wert von Fr. 500.– belohnt. Der Abschluss der Schnitzlerschule bedeutete für Willi Huggler nur ein Etappenziel. Ohne Verzug steuerte er gleich auf das nächste zu und fand 1948 Aufnahme in die Kunstgewerbeschule Zürich. Sorgen bereiteten ihm und den Eltern nicht die Fähigkeiten, über die der Schüler verfügen musste, wohl aber die finanzielle Belastung; ein Schulgeld von Fr. 300.– pro Semester war fast untragbar und konnte nur aufgebracht werden, wenn man sich aufs äusserste einschränkte. Die Eltern nahmen das Opfer auf sich. Ich erspare mir nähere Angaben dazu; bemerkt sei immerhin, dass auch der Sohn das Seine dazu beitrug: Während seiner Zürcherzeit und später in Genf, volle drei Jahre, verzichtete er auf ein Frühstück, um mit den sechs Franken, die ihm täglich zur Verfügung standen und mit denen er auch noch Abendkurse bezahlte, über die Runden zu kommen. Abgesehen von Einschränkungen, die heute kaum mehr vorstellbar sind, bewegen unseren Jubilaren nur gute Erinnerungen an die Kunstgewerbeschule: Den Stundenplan durfte er weitgehend nach seinen Wünschen und Bedürfnissen gestalten, und allgemein herrschte ein guter Geist in der Schule. Hervorragende Lehrer wie Karl Fischer und Heinrich Müller unterrichteten in Modellieren und figürlichem Zeichnen, häufig im Zoo, was dem Tierfreund Huggler besonders entgegenkam. Neben einer zielgerichteten Ausbildung schätzte der Heimwehbrienzer vor allem die menschliche Zuwendung, welche den Schülern von ihren Lehrern entgegengebracht wurde. Karl Fischer, für Willi Huggler fast eine Vaterfigur, sorgte mit einem Empfehlungsschreiben für seinen begabten Schüler auch dafür, dass dieser problemlos in die Ecole des Beaux-Arts aufgenommen wurde und von den vier Aus53

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bildungsjahren nur das 3. und 4. absolvieren musste zum Erwerb des Bildhauerdiploms. Das waren natürlich höchst erfreuliche Perspektiven, getrübt eigentlich nur durch die Aussicht, dass ein jährliches Schulgeld von Fr. 600.– aufzubringen war. Ein Stipendium von Staat und Gemeinde half im Verein mit erneuten Einschränkungen den Eltern und dem Sohn über die grössten Sorgen hinweg. Ein bezeichnender Charakterzug des Jubilars sei hier erwähnt, auch wenn ihm das gar nicht passt: Das Preisgeld für seine Abschlussarbeit in Genf bot ihm die Gelegenheit, der Gemeinde das Stipendium sofort zurückzuzahlen. Die Ecole des Beaux-Arts galt als Talentschmiede für Bildhauer und Maler dank bestens qualifizierten Lehrkräften, an die Willi Huggler gerne zurückdenkt. Entscheidend für seine spätere Tätigkeit als Bildhauer war die in Genf erwachte Lust auf die Bearbeitung von Stein. Die Ausbildung war gründlich und erfolgte von der Pike auf, umfasste sie doch sogar das eigenhändige Schmieden der Steinmeissel, noch bevor Hand an den Stein gelegt werden konnte! Die heikle Bearbeitung sagte dem angehenden Bildhauer zu und entwickelte sich zu seiner bevorzugten Tätigkeit, der er zusammen mit Studienkollegen sogar in der Nacht nachging, da – auch ein Zeichen für das gute Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern – die Ateliers der Schule am Abend geöffnet blieben für freiwillige Arbeiten der Kunstschüler. Die zwei Genferjahre vergingen im Nu, das zweite zum Teil ausgefüllt von der Ausführung der Diplomarbeiten. Willi Huggier lieferte dafür einen lebensgrossen Eisbären aus einem Walliserkalk und ein Gipsmodell für einen lebensgrossen Frauenakt. Es spricht für sein schon damals aussergewöhnliches Können, dass die Jury, welche die Werke zu begutachten hatte, ihm dafür den Kunstpreis der Stadt Genf verlieh, dem 1952 auch ein Förderpreis der Eidgenossenschaft folgte. Damit gelangte eine lange und gründliche Ausbildung zu einem vorläufigen Abschluss und hatte sich nun in der rauhen Kunstwirklichkeit zu bewähren.

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Die Kunst geht nach Brot

Willi Huggler an der Arbeit

Diese Erfahrung, wohl aus eigenem Erleben, zitiert der berühmte Dichter und Philosoph Lessing in einem seiner Dramen, und sie gilt für alle Künstler, ob jung, ob alt, die nicht von Haus aus über die Mittel verfügen, die ihnen erlauben, unabhängig von der Sorge um das tägliche Brot nur ihrer Kunst zu leben. In aller Regel dauert es nämlich Jahre, ja, jahrzehntelang bis ein Bekanntheitsgrad bei Kunstfreunden, massgebenden Kommissionen und Behörden erreicht ist, der sich dann endlich in Aufträgen von privater Seite und der öffentlichen Hand niederschlägt. Und noch länger, sofern es überhaupt dazu kommt, dauert es, bis der Erlös aus seinem Schaffen den Künstler aller materiellen Sorgen enthebt. Auch Willi Huggler machte diese Erfahrung. Sie beeinflusste seine Entwicklung aber nicht wesentlich, noch beunruhigte sie ihn stark, da er schliesslich vorgängig seiner Ausbildung zum Bildhauer eine Schnitzlerlehre absolviert hatte, was ihm ein zwar schmales aber doch einigermassen regelmässiges Einkommen sicherte, auch wenn die Nachkriegszeit nicht gerade Massen von 55

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Touristen ins Oberland schwemmte, die ausgerechnet nach Brienzer Holzschnitzereien verlangten! Zur Herstellung von üblichem Souvenirkitsch liess er sich nicht einspannen; zusammen mit Vater Hans schnitzte er für das bekannte Holzwarengeschäft Huggler-Wyss folkloristische Figuren, die typische Vertreter einer bergbäuerlichen Umwelt zeigten, ähnlich wie sie auf den Bildern des Brienzer Malers Max Burri zu finden sind. Der aus dieser Tätigkeit resultierende Verdienst war bescheiden und bei den nicht sehr rosigen Zukunftsaussichten des Schnitzlergewerbes auch recht unsicher. Das schlug sich übrigens in einem stetigen Rückgang der in der Schnitzlerei Beschäftigten nieder, die in andern Berufen bedeutend bessere Verdienstmöglichkeiten fanden. Als Glücksfall in Hinsicht auf eine gesichertere Existenz erwies sich deshalb die 1965 erfolgte Übernahme des Holzwarenmagazins auf der «Gärbi» von seinen Grosstanten Hanna und Emma Huggler. Mit tatkräftiger Mithilfe seiner Frau entwickelte sich das Geschäft erwartungsgemäss, nicht zuletzt dank der bewussten Beschränkung auf ausschliesslich von einheimischen Schnitzlern und Drechslern hergestellte Waren. Billige, meist aus dem Ausland stammende Erzeugnisse der Souvenir-Industrie gingen auf der «Gärbi» nicht über den Ladentisch. Was an Schnitzereien und Gebrauchsgegenständen aus Holz angeboten wurde, musste nicht nur dem Kunden gefallen, sondern vorab den hohen Qualitätsansprüchen Willi Hugglers und seiner Frau genügen. Neben dem Verkauf von Arbeiten des lokalen Schnitzlergewerbes schuf der kreative Künstler originelle Werke aus Arvenholz, jedes ein unnachahmliches Unikat. Sie wurden in kurzer Zeit zu einem Verkaufsschlager und Standbein des Geschäfts. Und so begann die Erfolgsgeschichte: Auf einer Bergwanderung entdeckte der naturverbundene Schnitz1er auf der «Hilfenen», einem bewaldeten Höhenzug im Faulhorngebiet, in fast 2000 m Höhe abgestorbene Baumstrünke. Es handelte sich um letzte Reste eines früheren Arvenwaldes, der durch menschliche Einwirkung und Naturgewalten bis auf kümmerliche Überbleibsel zerstört worden war. Die verbliebenen hohlen Stöcke und gröbere Äste, gebleicht von Schnee und Regen, jahrzehntelang Sturm, Frost und Sonne ausgesetzt, faszinierten durch eine silbergraue Patina, die sich im Lauf der Zeit an der Oberfläche gebildet hatte und nicht weniger mit den skurrilen, sich oft wie kunstvolle Frisuren abzeichnenden Strukturen des Holzes. Zusammen mit dem unter der prächtigen Oberfläche liegenden, merkwürdiger56

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weise noch kerngesunden rötlichen Holz, das überaus angenehm nach Harz duftete, ergab sich ein Rohmaterial, das spontan zur Gestaltung herausforderte, umsomehr als es dank seiner weichen und trotzdem festen Beschaffenheit auch leicht zu verarbeiten war. Restbestände einstiger Arvenwälder, deren es im Oberland eine Anzahl gibt, lieferten im Einverständnis und mit der ausdrücklichen Erlaubnis der jeweiligen Alpbesitzer den Nachschub für die nun entstehenden, sich grosser Nachfrage erfreuenden Arvenskulpturen. Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Schnitzerei, bei der eine Figur oder ein Ornament aus einem geeigneten grob zugefrästen Stück Stammholz herausgemeisselt wird, gestaltete Willi Huggier seine Tiere und maskenähnlichen Gebilde unter möglichster Wahrung der durch natürliche Form und Oberflächenbeschaffenheit vorgegebenen Eigenschaften. So entstanden bizzare, materialbedingt unwiederholbare Einzelstücke, die dem Schnitzler von Liebhabern oft buchstäblich von der Werkbank weg aus den Händen gerissen wurden. Die Abbildungen vermögen vielleicht etwas vom Zauber dieses wettergegerbten Arvenholzes aufzuzeigen, das mit grösster Zurückhaltung bearbeitet wurde, um die natürlichen Strukturen zu erhalten. Die Herstellung dieser vielbegehrten und anderswo nicht erhältlichen kleinen Kunstwerke beschäftigte den Schnitzler während 20 Jahren fast ausschliesslich. Der geschäftliche Erfolg, der zu einem guten Teil auf diesen unnachahmlichen, phantasievoll gestalteten Schnitzereien beruhte, war das eine, die Aufmerksamkeit, welche der Künstler bei den vielen Besuchern seiner Werkstätte auf sich zog, das andere: Sie führte zu Kontakten mit Kunstfreunden, die nun auch den Bildhauer kennen lernten und sich mit seinem Werk auseinandersetzten.

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Maria & Josef mit Esel

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Christus

Vogel

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Uhu

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Geier

Fliegende Ente

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Coiffeurpreis

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Naturfrisur

Flamingo füttert Junges

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Vielhorn

Dreihorn

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Einhorn

Wildmanndli

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Christus

Madonna

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Affen

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Pferd

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Der Bildhauer Mit seiner Arbeit als Schnitzler bestritt Willi Huggler vorab den Lebensunterhalt; sie füllte ihn indessen nicht so aus, dass er daneben nicht auch noch Zeit gefunden hätte für plastisches Gestalten mit andern Materialien. Zunehmend mehr und schliesslich ganz wandte er sich seiner eigentlichen Berufung, der Bildhauerei zu, die ihn seit seinem Studium in Genf stets beschäftigt hatte und der er leidenschaftlich ergeben war. Nach der Aufgabe des Geschäfts auf der «Gärbi» im Jahr 1985 machte er denn auch reinen Tisch und versorgte sein Schnitzlerwerkzeug endgültig! Das war zwar bedauerlich in Anbetracht seiner phantasiereichen Kunstfertigkeit als Schnitzler, aber doch konsequent, da er seine gestalterischen Möglichkeiten fortan ungeteilt der Bildhauerei zuwenden wollte. In Zukunft beschäftigte ihn nur noch die Arbeit mit Lehm, Gips, Bronze und vor allem mit dem schwierigsten und heikelsten Material des Bildhauers, dem Stein. Mit diesen Materialien konnte er seine Kreativität und sein ungewöhnliches Handgeschick voll einsetzen und ausschöpfen. Die Entstehung eines Kunstwerks entspringt einer schöpferischen Eingebung, die den Anstoss zum Schaffen gibt. Neben mehr gefühlsbetonten Erwägungen spielen immer auch der Verstand und bewusst oder unbewusst noch andere Triebfedern eine Rolle: Unverzichtbar für die Umsetzung einer kreativen Idee in ein Kunstwerk ist aber in jedem Fall ein ausgefeiltes handwerkliches Können des Künstlers, denn erst damit gelingt es ihm, seine Vorstellungen aus dem ihm zusagenden Material herauszuholen und so das ihm vorschwebende Werk zu schaffen. Zu einem grossen Teil entzieht sich dieser künstlerische Prozess einfachen Erklärungsversuchen, da er weitgehend Ausdruck der Persönlichkeit des Künstlers ist, eines besonders empfindlichen Menschenschlags, dessen Fühlen und Denken oft eigene Wege geht. Das gilt sicher auch für unseren Jubilaren. Er kennt keine Vorbilder in dem Sinne, dass er ähnlichen Motiven und einer Formensprache nacheifert, wie wir sie bei berühmten grossen Meistern finden. Richtschnur, auch wenn er seinen Rodin kennt und hoch schätzt, ist ihm stets seine eigene Eingebung, seine reiche Vorstellungskraft, die zum Teil Quellen entspringt, die tief in seine Jugendjahre zurückreichen. Schon den Knaben verband eine starke gefühlsbetonte Beziehung zu Haus- und Wildtieren seiner heimatlichen Umwelt, zu den Katzen daheim ebenso wie zu den Kühen, Schafen und Ziegen, mit denen er während seiner Hüterbubenzeit auf der Alp Hinterburg zu tun hatte. Das enge Verhältnis dauert übrigens auch jetzt noch an, unterhält der Naturfreund doch jeden Winter zwei Futterkrippen 69

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für Rehe, was ihm immer wieder Möglichkeiten zur Tierbeobachtung verschafft. Diese schon früh gepflegte und ständig weitergeführte Anteilnahme an allem, was da kreucht und fleucht, gab wohl den Ausschlag, dass sich dem scharfen Beobachter Form, Bewegungen und charakteristische Eigenschaften seiner Schützlinge unauslöschlich einprägten. Ein letztlich fast instinktives Wissen um äussere Erscheinung und Verhalten spiegelt sich denn auch in den zahlreichen Tierplastiken des Künstlers. Willi Hugglers Meisterwerk, in Bronze gegossen, steht auf dem Bahnhofplatz in Brienz, wo nach einem unverständlichen Entscheid einer eidgenössischen Kunstkommission eine hölzerne Plastik hingehört hätte, die aber für NichtKunstsachverständige ziemlich erklärungsbedürftig gewesen wäre. Die Brienzer lehnten sie deshalb ab und übernahmen die vom Bund in der Folge verweigerte Finanzierung halt selber! So erfreut denn heute ein eindrückliches Kunstwerk, viel beachtet und hundertfach fotografiert, die mit Bahn oder Schiff ankommenden Besucherscharen. Die Figurengruppe zeigt in natürlicher Grösse einen Hirtenbuben mit Horn und zwei Geissen auf dem Weg zur Weide. Sie darf neben ihrer zweckfreien Schönheit auch als Symbol gelten für eine entschwundene kleinbäuerliche Nutztierhaltung, erinnert sie doch an die mehr als hundertköpfige Ziegenherde, die von einem Geisshirten noch bis in die Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts im Sommer Tag für Tag in den Dorfgassen gesammelt und in die Berge getrieben wurde. Die Gruppe weist alle Vorzüge auf, die den Bildhauer auszeichnen: Sie ist sehr gekonnt gestaltet, steht frei und leicht im Raum und wirkt trotz der vorwärts drängenden Bewegung von Mensch und Tier geschlossen und sehr harmonisch. Sie besticht durch anatomische Richtigkeit und einwandfreie Proportionen. Drastisch ausgedrückt: Bei Willi Hugglers Werken besteht keine Gefahr, beispielsweise ein Murmeltier mit einem Windhund oder einen Torso mit einem Sack Mehl zu verwechseln Das schliesst nicht aus, unbedeutende, vom Gesamteindruck ablenkende Einzelheiten wegzulassen; so kommt die Behandlung der Oberfläche ohne besondere Hervorhebung des Haarkleides der Geissen aus, was kaum bemerkt und jedenfalls nicht als Nachteil empfunden wird. Zusammenfassend kann bei der Betrachtung dieser gelungenen Gruppe festgestellt werden, dass ein gemässigter Naturalismus vorherrscht, ein Naturalismus fern von fotografischer Detailtreue, aber doch Erscheinung und Art des 70

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Vorbildes erkennbar und überzeugend gestaltend. Mit dem heute in abgehobenen Kunstkreisen viel verwendeten «Erweiterten Kunstbegriff», der zur Rechtfertigung von jeder Art Gegenwartskunst dient, einem Begriff, mit dem die abstrusesten Konstruktionen, Installationen und andere Hervorbringungen zu Kunstwerken hochgejubelt werden, kann Bildhauer Huggler wenig anfangen. Besonders die fast zur modischen Masche verkommene Sitte, Mensch und Tier bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden, liegt dem genauen Beobachter und Gestalter fern; auf eine so geartete Modernität verzichtet er. Seine Arbeiten bedürfen keiner geschraubten Erläuterungen, weil sie mit ihrer klaren Formensprache einem natürlichen Kunstempfinden entgegenkommen. Damit erfüllen sie eine Aufgabe, der die Kunst seit jeher auch zu dienen hatte: Ein wenig Licht und Freude in das oft eintönige und trübe Dasein zu bringen und es tröstlich zu erhellen. Es verwundert kaum, dass Kunstfreunde schon früh auf Willi Huggler aufmerksam wurden und Interesse an seiner Arbeit bekundeten. Es bahnten sich denn auch Beziehungen an zu Persönlichkeiten, die sich bereits nach dem Abschluss des Studiums in Genf als mögliche Auftraggeber vorstellten. So machte Huggler l950 anlässlich der Schweizerischen Ausstellung alpiner Kunst in Bern Bekanntschaft mit Hans Surer, der bei dieser Gelegenheit die von Willi Huggler geschaffene Steinplastik eines Murmeltiers erwarb. Bei diesem Kauf blieb es nicht; Surer, ein engagierter Kunstfreund und Förderer von talentierten jungen Künstlern, erkannte die ungewöhnlichen Fähigkeiten des Bildhauers und hielt die Verbindung zu ihm aufrecht. Sie führte schliesslich zu einer Einladung nach Muri und einer Anfrage, ob er gewillt ware, für die Villa oder den umliegenden Park eine lebensgrosse Bronzeplastik zu schaffen. Es kam zu eingehenden Gesprächen, wobei die gegenseitigen Vorstellungen und Ansprüche erörtert und geklärt wurden. Dann entstanden drei verschiedene Gipsmodelle, aus denen der Auftraggeber den ihm zusagenden weiblichen Akt auswählen konnte. Die Zufriedenheit Surers mit der Arbeit des Bildhauers zeigte sich darin, dass er in der Folge zweiundzwanzig Stein- und Bronzeplastiken verschiedener Art und Grösse erwarb und das anfänglich rein geschäftliche Verhältnis sich zu einer bis zum Tode von Hans Surer dauernden freundschaftlichen Beziehung zwischen dem Mäzen und dem von ihm hochgeschätzten Künstler entwickelte. 71

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Surer war es auch, der die Verbindung einer New Yorker Kunsthandlung mit Willi Huggler herstellte, was sich über Jahre in Aufträgen für anspruchsvolle Plastiken in Stein, Bronze und Holz niederschlug. Gefördert wurde das bildhauerische Schaffen unseres Jubilars auch durch Erwin Frey, dem Inhaber der Elektrowerke Reichenbach und zeitweiligem Besitzer der Giessbachhotels. Fü ihn schuf er einige der besten Plastiken, u.a. einen Fischreiher in Bronze, einen lebensgrossen Torso und einen Fuchs aus Stein. Seine mit dem Kunstpreis der Stadt Genf ausgezeichnete Diplomarbeit, ein Eisbär aus Colombey-Kalk, stand übrigens während 20 Jahren im Zentrum der Gartenanlagen beim Giessbach. Ein Schmuckstück aus den Händen Willi Hugglers wurde der Gemeinde Zweisimmen von einem hochherzigen Gönner, dem Viehhändler Karl Haueter, geschenkt. Die reizvolle Bronzeplastik, einen Hirtenknaben mit einem Zicklein darstellend, spricht den Betrachter unmittelbar an und verträgt sich ausgezeichnet mit Landschaft und Tradition des Simmentals. Eindrückliche Schnitzereien, Plastiken aus Stein und Bronze schmücken die Räume privater Kunstfreunde in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich, und viele Arbeiten fanden den Weg in die USA. Einen Querschnitt durch das vielfältige Schaffen des Bildhauers zeigt die Burgergalerie in Brienz, welcher der Künstler Plastiken aus Stein und Bronze sowie eine grosse Anzahl Gipsmodelle von Auftrags- und freien Arbeiten geschenkweise überlassen hat. Grosse Bronzefiguren erheischen eine immense Vorarbeit, braucht es doch vorgängig ein Gipsmodell in der gewünschten Grösse. Willi Huggler hat dafür eine eigene Technik entwickelt: Mit einem genau berechneten Gerüst aus Eisenstäben baut er gewissermassen eine Art Skelett, das er dann mit einem Drahtgitter überzieht. Dieses dient als Träger für den Gipsauftrag, welcher die gültige Form bestimmt. Die so entstandene Plastik wird dann in einer Spezialfirma im Tessin in einem komplizierten Verfahren in Bronze gegossen, was dem fertigen Werk unbeschränkte Lebensdauer verleiht und auch erlaubt, es im Freien aufzustellen. Abschliessend sei noch des Schaffens unseres Jubilars als Steinplastiker gedacht. Die Bearbeitung von Natursteinen, das Herausmeisseln der darin 72

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schlummernden Formen, galt ihm stets als Krönung seiner Tätigkeit, als immer wieder gesuchte Herausforderung. Sie diente ihm sowohl als Bestätigung seiner Gestaltungsmöglichkeiten wie seines subtilen handwerklichen Könnens. Man muss dem Bildhauer zugesehen haben, wie eingehend er einen Stein rundum prüft, betastet, die Schichtung verfolgt, Einschlüsse von glashartem sprödem Quarz schon zum voraus in die Gestaltung einbezieht, noch bevor der Meissel angesetzt wird! Tatsächlich stellt das Material, das je nach Herkunft ganz verschiedene Beschaffenheit aufweist, höchste Ansprüche an den Bearbeiter, denn viel mehr als bei der Holzschnitzlerei kann ein unbedachter Schlag, eine falsche Einschätzung der Steinstruktur die schon weit fortgeschrittene Plastik buchstäblich «auf einen Schlag» zunichte machen und damit die Arbeit von Wochen. Unser Bildhauer geht diesen Schwierigkeiten nicht aus dem Weg, er weicht z.B. nur in Ausnahmefällen auf den kompakten, eher leicht zu bearbeitenden Marmor aus, und er setzt auch nicht auf die Hilfe von Kleinkompressoren und ähnlichen maschinellen Erleichterungen, wie sie heutzutage bei Steinhauern allgemein verwendet werden. Das Rohmaterial sucht er in der Umgebung, im nahen Ballenberg, im Giessbachtal, aber auch im Gadmenwasser und schöne Granite im ausgetrockneten Aarebett gegen die Grimsel. Wie bei seinen Arvenholzschnitzereien weiss er meist schon am Fundort, je nach Form und Struktur des Steins, was daraus gestaltet werden kann. Daheim im Werkschopf meisselt er dann mit scheinbar problemloser Leichtigkeit seine Figuren, Tiere, Torsos und Köpfe aus dem widerspenstigen Material – ausschliesslich in Handarbeit! Aufwändige Oberflächenbehandlung durch Schleifen und Polieren verleiht dem ursprünglich oft recht unscheinbaren Stein Glanz und Glätte und bringt die helldunklen Partikel der verschiedenen Steinarten zu ungeahnter, überraschender Wirkung. Ob Mensch, ob Tier, ob in Bronze gegossen oder in Stein gemeisselt, Willi Hugglers Plastiken ist eines gemeinsam: Sie bieten mehr als die Sichtbarmachung einer äusseren Erscheinung; sie erfüllen auch den Anspruch, etwas vom Wesen, von dem was hinter der oberflächlichen Hülle steckt, zu vermitteln. In den Porträtplastiken kommt dieses intuitive Erfassen der Persönlichkeit deutlich zum Ausdruck. Neben der frappanten Ähnlichkeit der Porträtierten, sei es nun Albert Streich oder Fritz Ringgenberg, um nur zwei Beispiele zu nennen, spürt der Betrachter auch noch eine geistig-seelische Dimension, die ihm vielleicht auch ein Türchen öffnet zur Person der Dargestellten. Solches gefühlsmässige Gestalten geht über das noch so ausgefeilte handwerkliche Können 73

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hinaus und ist nur möglich bei einer engen Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Modell. Willi Huggler hat denn auch nie wildfremde Menschen porträtiert; er beschränkte sich auf Freunde, auf Leute, die er gut kannte und schätzte wegen besonderer Leistungen, wegen ihren künstlerischen oder menschlichen Qualitäten. Diese Einstellung bewahrte ihn davor, wahllos jeden Auftrag anzunehmen und ebenso wenig kam er in Versuchung, sein Mäntelchen in den wechselnden Kunstwind zu hängen, wie ihm dies bei seiner Erfindungsgabe und seinen technischen Fertigkeiten ein Leichtes gewesen wäre. Seine ehrlichen, handwerklich perfekten Schnitzereien und sein bildhauerisches Gesamtwerk sind einem Schönheitsideal verpflichtet, das zeitlos gültig ist, nicht auf ausgefallene, aufsehenerregende Neuerungen setzt, wohl aber auf eine Kunst, die bewegt und erfreut.

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Ente

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Katze

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Schlafender Schwan

Murmeltier

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Panther links: Schwan

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Sitzende Bronze

Torso stehend

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Portraitplastik S. A.

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Portraitplastik F. R.

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Gipsmodell der Geissengruppe in Bronze, Bahnhofplatz Brienz

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Knabe mit Zicklein, Bronzegruppe Primarschulhaus Zweisimmen

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Peter Hiltbold

Wilhelm Bernhard Benteli (1829–1924) Ein bedeutender Maler der Seenlandschaft des Berner Oberlandes

Im Jahrbuch vom Thuner- und Brienzersee 2003 hat Ulrich Ammann in seinem interessanten Artikel über Jean Jacottet und Anton Winterlin eine ganze Reihe von Schweizer Kleinmeistern aufgeführt, denen es die Landschaft an unseren beiden Oberländerseen besonders angetan hat. Hier ist noch ein weiterer Berner Kleinmeister beizufügen, der um 1900 im Rufe stand, der eigentlich grosse Maler des Berner Oberlandes und speziell des Thuner- und Brienzersees zu sein. Es war dies der auf der Schwarzenegg geborene Wilhelm Bernhard Benteli (5.12.1829–5.10.1924), wo sein Vater als Pfarrer tätig war. Von 1850–57 besuchte er in Bern die städtische Realschule, sein Zeichenlehrer Senn weckte in ihm die Freude am Zeichnen und Malen. Er verbrachte dann die Jahre 1858–60 an der Kunstakademie in München unter Prof. J. G. Hiltensberger und als Schüler in der Malklasse von Prof. Hermann Anschütz. Zwei weitere Ausbildungsjahre folgten in Paris unter Charles Gleyres, bevor er dann bis 1880 als Zeichenlehrer an der städtischen Realschule in Bern tätig war. Nach der Reorganisation der stadtbernischen Mittelschulen wurde er Zeichenlehrer am städtischen Gymnasium und zudem seit 1871 Lehrer für Zeichnen und Malen an der neugegründeten bernischen Kunstschule. Eine sechsmonatige Studienreise führte ihn 1866 nach Italien, wo er sich vornehmlich in Venedig, Florenz, Rom und Neapel aufhielt, aber auch in anderen Städten wie Verona, Siena, Perugia und Genua. Benteli war ein begnadeter Landschafts- und Porträtmaler, letzteres vor allem nach seinem Pariser Aufenthalt. Seine Landschaften beinhalten vorwiegend Motive vom Thuner- und Brienzersee, sowie Wildbäche im Oberland. Zu seinen wichtigsten Werken zählen «Iseltwald», «Ringgenberg», «bei Unspunnen» und das «Lauterbrunnental». Er war 1883 an der Landesausstellung in Zürich mit dem Bild «Am Brienzersee» vertreten. Für die Firma Kaiser in Bern lieferte er die Originale zu den Oelfarbdrucken der «Schweizerischen Geographischen Bilderwerke» und zu « Bern, Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart». Werke von Benteli finden sich im Kunstmuseum Bern und St. Gallen. 85

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Benteli malte vor allem vom Naturalismus geprägte Landschaften des Brienzer- und Thunersees mit satten Farben und breiten Pinselstrichen. Die zahlreichen Aquarelle zeichnen sich durch zarte Farbgebung und ein einzigartiges Spiel von Licht und Schatten aus. Während seiner Lehrtätigkeit bekleidete er eine Reihe öffentlicher Aemter, so im Vorstand der Bernischen Kunstgesellschaft, als Inspektor der Berner Oberländer Schnitzschulen, er war Mitglied der akademischen Kunstgesellschaft und der eidgenössischen Kunstkommission. In den letzten Jahren wurden Werke von Benteli in der Galerie Stuker, Bern und Fischer Luzern zu Preisen von Fr. 1900.– biz 11500.– für Oelbilder und Fr. 1000.– bis 2000.– für Aquarelle verkauft.

Quellen: – Biographisches Lexikon der Schweizer Kunst, NZZ-Verlag – Schweiz. Kunstlexikon, Thieme-Verlag – E. Bénézit, Dictionnaire des peintres suisses. Dank an Frau Margrit Jöhr-Streuli, die mir vier Bilder zur Reproduktion zur Verfügung stellte.

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W. B. Benteli: Bei Iseltwald

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W. B. Benteli: Unteres Thunerseebecken bei Hünibach

W. B. Benteli: Inseli im Thuner Aarebecken bei Hofstetten, Blick aareaufwärts

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W. B. Benteli: Hilterfingen

W. B. Benteli: Heidenhaus im Längenschachen am Thunersee

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W. B. Benteli: Unterer Grindelwaldnergletscher

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Michael Dähler

Kirche Scherzligen Thun In den Jahren 2002/03 wurde die Kirche Scherzligen einer Gesamtrestauration unterzogen und steht heute der Bevölkerung in ihrer schlichten Schönheit, die das Alter nicht versteckt, wiederum für Gottesdienste, Trauungen, Konzerte und zum Verweilen vor den reich bemalten Wänden in Schiff und Chor offen.

Kirche Scherzligen von der Schadau aus

Die Restauration verzichtete auf Grabungen im Innern, weil sich diese erstens nicht aufdrängten, und zweitens der Erhaltung der Malereien aus dem 13. bis 16. Jahrhundert Priorität eingeräumt wurde. Zudem galt das Augenmerk den bisher nicht erforschten Wänden im Chor und in der Sockelzone der Nordwand, wo die Restauratoren Malereien entdeckten. Der archäologische Dienst untersuchte und analysierte das aufgehende Gemäuer an den Giebelmauern im Dachbereich, und wo sich dessen Freilegung aufdrängte: an der Chorscheidewand und der östlichen Südwand. Weil im Zug der Gesamtrestauration im südöstlichen Kirchhof eine neue Sakristei gebaut wurde, führte dort der archäologische Dienst Grabungen durch, welche die erwarteten Grundmauern der urkundlich erwähnten Kapelle, dem späteren Beinhaus, zutage brachten. 91

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Bereits im Jahr 1989 sind auf der südöstlichen Seite der Kirche zwischen Turm und Chor bei offiziellen Grabungen unerwartete Entdeckungen gemacht worden. Nebst jüngeren fanden sich zwei römische Münzen des Kaisers Trajan aus den Jahren 103 und 114 n. Chr, und ein spätantik-frühmittelalterliches Gräberfeld, das von späteren Bestattungen bis ins 19. Jahrhundert überlagert wird. Wir können vermuten, dass Scherzligen mit dem bedeutenden römischen Tempelbezirk im benachbarten Allmendingen mit seiner Blütezeit im 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert in Verbindung zu bringen ist. Der sensationelle Fund aber war ein Doppelgrab mit zerstörter Grabkammer und Westanbau, dessen Boden 1,3 Meter unter dem heutigen Niveau liegt und in die Zeit um 500 datiert wird. Ob dieser Westanbau die erste Kirche war, kann nicht mit Gewissheit gesagt werden.

Geschichte Urkunde des Bischofs Eddo von Strassburg Am 13. März 762, im elften Regierungsjahr des Königs Pippin (Kg. 751–768), des Vaters Karls des Grossen, vermachte der Strassburger Bischof Eddo dem Kloster Mönchszell bei Ettenheim (Baden D) u.a. Kirchen und Zehnten von Spiez und Scherzligen. Die Abschrift dieser Urkunde aus dem Jahr 1457 wird heute als glaubwürdig beurteilt. Zwischen 762 und 1228 fehlen uns schriftliche Zeugnisse. Trotzdem führt uns Elogius Kiburger mit seiner Stretlinger Chronik aus dem Jahr 1465 mit einer Legende über König Rudolf II. von Hochburgund nicht ganz unglaubhaft ins 10. Jahrhundert. König Rudolf II. & Königin Bertha von Hochburgund Rudolf II. regierte von 912 bis 937 als König von Hochburgund und der Lombardei und war mit Bertha, Reine Berthe (✝ 966), verheiratet. Elogius Kiburger, Pfarrer von Einigen, schreibt Rudolf II. den Bau der zwölf sogenannten Thunerseekirchen Frutigen, Leissigen, Aeschi, Wimmis, Uttigen (1536 abgebrochen), Thierachern, Scherzligen, Thun, Hilterfingen, Sigriswil, Amsoldingen und Spiez zu. Archäologische Untersuchungen bei einigen dieser Kirchen haben in den letzten Jahren nicht nur Neu- oder Erweiterungsbauten aus dem 10. Jahrhundert nachgewiesen, sondern lassen auch lombardische Einflüsse an der romani92

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schen Bauweise ablesen. So werden – mangels archäologischer Grabungen – die heutigen Mauern des Kirchenschiffs von Scherzligen in die Zeit vom 10. bis 12. Jahrhundert datiert.

Grundriss Scherzligen, roman. und gotischer Chor (Arch. Dienst des Kts. Bern)

In kirchlichen Händen Im Jahr 1228 erscheint die Kirche Schercelingen im Pfarreiverzeichnis des Bistums Lausanne als Teil des Dekanats Bern. Am 17. Januar 1272 wird die Schenkung des Hofs Scherzingun und das Patronatsrecht der Kirche Schercelingen von den Brüdern von Wediswill ans Kloster Interlaken verurkundet. Im selben Jahr auf Mariä Himmelfahrt gibt Bischof Johannes von Lausanne einen Ablass für alle bekannt, die Geld oder Arbeit an den Bau der Kapelle bei der Kirche Scherzligen leisten.

Interlakner Dokumentenbuch, Bischof Johannes erlaubt den Bau einer Kapelle (Staatsarchiv Bern)

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Die Bedeutung von Scherzligen als eine der vielen Wallfahrtskirchen am Pilgerweg nach Santiago di Compostela nahm vom 14. Jahrhundert bis zur Reformation mit bis zu vier diensttuenden Priestern stetig zu: Zwischen 1370 und 1380 erhält die Kirche nicht nur das reich bemalte gotische Chor, sondern auch hundert Jahre später Dachstühle auf Schiff und Chor in der doppelten, heutigen Höhe. Der Visitationsbericht des Bistums Lausanne aus dem Jahr 1453 bemängelt am 27. Juni das Fehlen eines würdigen Sakramentenhauses, eines ewigen Lichtes davor, sowie schlecht gebundene Kirchenbücher, heilige Reliquien und Salben ohne Anschrift, schlecht verglaste Fenster, die schlechte Einfriedung des Totenhofs und das Fehlen von Kreuzen an den vier Ecken der Friedhofmauer, sowie eines Tors. Die ernsthafte Sorge um das Seelenheil führt zu vielen Vergabungen an die Kirche zur Bezahlung der Jahrzeitmessen. Das von Scherzligen noch erhaltene Jahrzeitenbuch* gibt darüber Aufschluss. Von 1411 bis 1459 übte Anna von Velschen-von Krauchtal (✝ 1464) die Herrschaftsrechte über die Herrschaft Strättligen aus. Sie bedachte ihre «Hauskirche» Scherzligen mit grossen Schenkungen. Davon sind uns heute noch zwei Heidnischwerke erhalten.

*Jahrzeitenbuch Jahrzeitenbücher waren seit dem Hochmittelalter ursprünglich in jeder Pfarrkirche vorhanden. Unter Jahrzeit versteht man die am Jahrestag des Todes eines Verstorbenen gelesene Totenmesse, um dessen Läuterungszeit im Fegefeuer zu verkürzen. Je nach Vergabung wurde sie von einem oder mehreren Priestern gehalten, wurden so und so viele Kerzen angezündet und das Grab des Verstorbenen mit einem Kreuz oder eben mit einem Tuch markiert. Oft wird an der Jahrzeit beim Grab Brot an die Armen verteilt. Im Jahrzeitenbuch wurden diese Jahrzeit-Bestellungen mit den dazugehörenden Vergabungen festgehalten. Es ist als Glücksfall zu bezeichnen, dass uns das Jahrzeitenbuch von Scherzligen erhalten geblieben ist.

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Reformation Die Berner Reformation von 1528 hat die Wallfahrerei gegen grosse Widerstände zu stoppen versucht. Erst ab 1533 finden sich Hinweise zum Umbau des Beinhauses in das Sigristenhaus, und zur Einrichtung der Kirche für den reformierten Gottesdienst. Doch Bern besann sich anders: 1536 wurden die Strättliger der Pfarrei Thun einverleibt und die Kirche geschlossen. Somit war die Pfarrei Scherzligen auf der Kirchen-Karte getilgt. Aber die Strättliger wehrten sich und erhielten immerhin sonntäglich Gottesdienste und durften die Toten weiterhin in Scherzligen beerdigen. So führte die Kirche von nun an ein Schattendasein unter der Stadtkirche. Wir sind versucht zu sagen: gottlob; denn sonst hätte sie vielleicht einem Barockbau weichen müssen, und uns wäre die Bausubstanz und all die prächtigen Malereien nicht erhalten geblieben.

Ansicht von Westen um 1920 (Denkmalpflege des Kts. Bern)

Im Dornröschenschlaf Welch ein Wunder: 1570 erfährt die Kirche eine gründliche Restaurierung, von der heute noch zwei Fensterscheiben zeugen. Im Jahreswechsel 1612/13 trägt ein Lothar ähnlicher Sturm den Turmhelm weg und 1657 schlägt der Blitz in den Turm: Das Feuer greift gottlob nicht auf die Kirche über, beschädigt aber beide Glocken, die nach Bern ins Zeughaus entsorgt werden. 95

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Eine alte Glocke aus dem früheren Kloster Interlaken mit dem Ton g“ ohne Inschrift dient als Ersatz und bekommt erst 2003 wieder eine Schwester-Glocke aus der Glockengiesserei Rüetschi in Aarau auf den Ton b“ von der Burgergemeinde Strättligen geschenkt.

neue Glocke

Bis 1714 finden allsonntäglich Gottesdienste in der Kirche statt, und dann nur noch alle 14 Tage im Sommer eine Kinderlehre und im Winter eine Predigt. Klagen wegen der Gefährlichkeit der Kirche führen 1757/58 zu einer Restaurierung der Kirche. Am 1. August 1819 wird die neue eidgenössische Militärschule in Thun eröffnet. Für die katholischen Offiziersaspiranten wandelt der Bernische Regierungsrat das Chor der Kirche Scherzligen in einen römisch-katholischen Gottesdienstraum mit Altar und Kniebänken um. Ein Holzgitter im Chorbogen trennt ihn vom reformierten Schiff, wo fortan die Paroisse française im Sommerhalbjahr ihren Culte feiert. Ab dem Jahr 1909 findet in der Scherzligenkirche regelmässig Sonntagschule für die Strättligerkinder statt. 96

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Kath. Chor, 1923 (Eidg. Archiv für Denkmalpflege)

Das Erwachen Nach jahrelangem Suchen stösst Howard Carter Ende Oktober 1922 auf den Eingang zum Grab des Pharao Tutanchumun. Nur ein halbes Jahr zuvor hat Direktor Rudolf Wegeli (Historisches Museum Bern) die Malereien im Schiff der Kirche Scherzligen entdeckt.

Jesu Kindheitslegenden nach der Rest. 1925 (Eidg. Archiv für Denkmalpflege)

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Die Stadt Thun – seit der Eingemeindung von Strättligen im Jahr 1920 Besitzerin der Kirche – ist zusammen mit Kanton und Bund zu einer Restaurierung des Notwendigsten im Innern der Kirche in den Jahren 1923–25 bereit. Was durch den Restaurator Karl Wilhelm Lüthi an Malereien an der Chorscheidewand und im Schiff zum Vorschein kommt, ist überwältigend!

Kirche 1945 mit Leuchtern (Michaelsbruderschaft)

Stadtpfarrer Arthur Graf und die Michaelsbruderschaft nehmen sich der Kirche an. Sie bringen die Bretterwand im Chorbogen weg und einen steinernen Abendmahlstisch und ein Chorgestühl ins Chor. Das Schiff erhält zwei Decken-Kerzenleuchter, und die Empore eine ganz kleine Orgel. Leider hatte der neue Kohlenofen erschreckende Beschädigungen an den Malereien zur Folge, welche 1944 und 1953 behoben werden konnten. Jetzt erhielt die Kirche eine elektrische Heizung. Unterdessen ist die Kirche zur Hochzeitskirche avanciert; aber auch zum Gotteshaus für regelmässige Sonntagsgottesdienste mit Taufen, für Taizéfeiern, Sommerabendgottesdienste, meditative und Tanz-Gottesdienste. Der Raum wird auch als Konzertraum entdeckt.

Das Wasser 1989 werden rings um die Kirche Drainageröhren verlegt, Dach und Fassaden von Kirche und Turm frisch verputzt. Walter Ochsner rettet die Malereien an der Westfassade vor dem Zerfall. 98

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W. Ochsner 1989 an der Westfassade

Zehn Jahre später erlebt Thun sein Jahrhundert-Hochwasser: der Grundwasserspiegel steigt so hoch, dass das Wasser in kleinen Fontänen durch die Bodenritzen des Tonplattenbodens spritzt. Gut zehn Zentimeter hoch steht das Wasser im Schiff. Reformierte Gesamtkirchgemeinde und Gemeinderat von Thun einigen sich auf eine umfassende Restaurierung der Kirche, die am 16. August 2002 offiziell von der Stadt an die Reformierte Gesamtkirchgemeinde Thun übergeben wird. Die Restaurierung und der Neubau der Sakristei in den Jahren 2002 und 03 stehen unter Leitung der Architektengemeinschaft Willi Schranz und Adrian Bühler. Das Budget von Fr. 2,13 Mio kann eingehalten werden! Am 7. Dezember 2003 wird die Kirche in einem Festgottesdienst wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung übergeben.

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«Notre Dame» zu Scherzligen: Zum Bildprogramm Die neu entdeckten Malereien in der Chor-Mitte

Blick vom Schiff in den Chor

Die Restauration 2002/03 wandte sich im Innern vor allem auch dem Chor zu und hat unter fünf Kalkmörtel- und Verputzschichten den gotischen Verputz von 1380 zutage gebracht. Und dieser ist bemalt.

Gabriel mit Baldachin

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Im Zentrum um das Chor-Mittelfenster finden wir eine Verkündigungsdarstellung mit lebensgrossen Figuren: links den Engel Gabriel in wundervoll gefaltetem altrosa Kleid, rechts Maria am Lesepult, in Blau gekleidet, hinter ihr klein dargestellt eine Stifterfigur in gebetshaltung. Darüber in einem Wolkenband Gottvater mit dem «strahlenden» Jesuskind in den Armen, das er herzt und küsst.

Maria nah mit Stifterfigur

Bis dahin enthielt die Verkündigungsdarstellung höchstens die aus einer Wolke auf Maria deutende Hand Gottes oder eine Taube als Symbol des Heiligen Geistes, die vom Himmel zu Maria fliegt. Was jetzt in dieser Verkündigungsdarstellung auffällt: es sind nicht nur Gabriel und Maria dargestellt, sondern oben zwischen beiden Gottvater und Jesuskind.

Gottvater mit Kind

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Ich habe ein ähnliches Bildprogramm im süddeutschen Rottweil entdeckt (im 14. Jh. der Sitz des königlichen Landgerichts für unser Gebiet). Im Tympanon des Nordportals der Kapellenkirche findet es sich als Plastik aus der Zeit von 1330/40. Gottvater im Wolkenband frontal dargestellt reicht das Jesuskind zu Maria hinunter.

Rottweil

In Scherzligen reicht Gottvater das Kind nicht hinunter – er herzt und küsst es! Und diese Darstellung scheint äusserst selten zu sein; denn sie findet im ikonographischen Lexikon keine Erwähnung. Vierzig Jahre später – 1420 – wird dasselbe Motiv in der Vorhalle der Stadtkirche Thun übernommen. Wieso wird jetzt – trotz dem alttestamentlichen Bildverbot – Gott dargestellt? Das lässt sich einerseits erklären durch die mit der Gotik aufkommende Bedeutung der Maria als Gottesgebärerin und Muttergottes. Anderseits erklärt sich die Scherzligen-Verkündigung durch die theologischen und ketzerischen Strömungen des Mittelalters. Vom Altertum durch die ganze Kirchengeschichte hindurch tauchen immer wieder Bewegungen auf, welche die Göttlichkeit Jesu leugnen (z.B. die Arianer und die Katharer). Im 14. Jh. sind zwar die Katharer fast endgültig ausgerottet, doch ihre Denkweise geistert weiter. Immerhin haben die Katharer nicht nur in Südfrankreich, Nordspanien und bis nach Köln Anhänger gefunden, sondern auch in Burgund. Im Jahr 1399 werden in der Stadt Bern Waldenser (die offizielle Kirche zählte sie wie die Katharer zu den Ketzern) mit hohen Geldbussen und der Zerstörung ihrer Häuser bestraft. 102

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Verkündigung

Dieses eindrückliche Bild in der Chor-Mitte teilt dem Betrachter und der Betrachterin unmissverständlich mit: Gott ist Mensch geworden! Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott!

Unsere Frau: neu entdeckt an der Chor-Südwand

Mondsichelmadonna auf dem Mond stehend

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Dass wir es mit einer Marien-Kirche zu tun haben, zeigt uns ein weiterer Fund im Chorbereich: Die Frau vor dem Sonnenstrahlenkranz auf dem Mond stehend aus dem 12. Kapitel der Offenbarung nach Johannes, allerdings ohne Sternenkranz um ihr Haupt, jedoch mit dem Jesuskind auf dem linken Arm. Hoch oben, aber nicht ganz auf der Höhe von Gottvater schwebt sie in lieblicher Eleganz: «Unsere Frau»/«Notre Dame». Sie versinnbildlicht jetzt nicht nur die Gottesgebärerin, sondern auch die (vom Drachen, sprich Ketzereien) bedrohte Kirche und die auserwählte Braut des himmlischen Bräutigams Jesus Christus. So wird Maria zur Mittlerin und Fürbitterin zwischen der Gemeinde und dem Erlöser. Darunter sitzt der Evangelist Johannes am Schreibpult, auf dem sich der Adler, Symbol des Johannes Evangeliums, niedergelassen hat. (Bis ins 20. Jh. hielt die Theologie den Verfasser des Evangeliums und der Offenbarung für ein und dieselbe Person, was heute klar widerlegt ist).

Würdigung der neuentdeckten Malereien von 1380 Wir kennen weder den Stifter oder die Stifterin noch den Künstler. Hingegen steht fest, dass wir es mit einer qualitativen Spitzenleistung zu tun haben. Aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gibt es im ganzen Kanton Bern nichts dergleichen zu sehen! Der Künstler malt im weichen Stil, der seit der Mitte des 14. Jahrhunderts von Schulen in Prag, Paris und Venedig entwickelt und umgesetzt wird.

Gabriel nah

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Er zeigt sich zum Beispiel in den eleganten Faltenwürfen der Kleider. Halbkreis und s-förmige Falten umschreiben tiefe, verschattete Mulden, bevor sie sich am Boden glockenförmig ausbreiten und die Füsse bedecken. Oder die Arme: sie sind bewegt oder unter dem Gewand zu erahnen. Woher stammt der Künstler? Aus Frankreich, wo eine Statue der Johanna von Bourbon aus dem Jahre 1370 für den Engel Gabriel Modell gestanden haben könnte? Oder ist es ein böhmischer Maler, der aus der Schule des Peter Parler aus Prag stammt? Oder hat er sich seine Kunstfertigkeit in Venedig angeeignet, das 14 Jahre später (1394) seine Apostelfiguren in San Marco erhält? Wir wissen es nicht.

Das Programm der Schiff-Nordwand: Gott ist durch Maria Mensch geworden Jetzt interessiert Maria: ihre Familie, ihre Kindheit und Mutterschaft. Die Gemeinde soll darüber alles erfahren. An der Schiff-Nordwand sind die erste und die zweite Bilderreihe dieser Thematik gewidmet. Leider ist die erste Reihe nicht mehr lesbar, wo uns das legendarische Schicksal ihrer Eltern Anna und Joachim geschildert würde.

Die 3-jährige Maria in Tempel

Hingegen die zweite Reihe beginnt damit, dass die Eltern als Folge ihres Gelübdes die dreijährige Maria zur Erziehung und Schulung in den Tempel bringen. Diese Reihe endet mit der Darstellung der drei Könige bei der heiligen Familie. 105

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Drei Könige an der Krippe

Max Grütter, der erste gründliche Erforscher der Malereien in Scherzligen, schreibt diese einem unbekannten Maler aus dem 1. Viertel des 16. Jahrhunderts zu. Vermutlich entstand sie anlässlich der Restaurierung der Jahre 1523/24. Die dritte Reihe – entstanden um 1469 – schildert die Kindheit Jesu, wie sie der Evangelist Lukas berichtet, mit Ausnahme zweier legendarischer Bilder (Kindheitsevangelium des Thomas). Sie allein schon machen Scherzligen sehenswert:

Jesus mit dem Röcklein: Maria webt Jesus ein Röcklein, in dem er ihr Wasser nachhause bringt.

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Jesus und das Krüglein: der Jesusknabe kann ein Krüglein an seinem Henkel an einem Sonnenstrahl aufhängen. Seine Spielgefährten versuchen es ihm gleich zu tun, doch alle Krüglein fallen herunter und zerschellen.

Die Eltern holen den Zwölfjährigen aus dem Tempel zurück nach Nazareth.

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Diese Jesus-Reihe wird Peter Maler von Bern (✝1469) zugeschrieben.

Jesu Leiden und Triumph: Malerei der Südwand

Jesus trägt das Kreuz

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Das Chor-Zentrum weist darauf hin: Nur durch Maria kann Gott Mensch werden. Während das Abendland Christus als Weltenrichter am Jüngsten Tag immer weiter weg von den Menschen wegrückte, schob es Maria immer mehr ins Zentrum. Interessanterweise findet sich aber in der Kirche Scherzligen keine Darstellung des Weltgerichts; dafür über die ganze Südwand ein fantastisches Passions- und Osterbild aus der Zeit um 1469 von Peter Maler von Bern.

Jesus vor Pilatus

Es zeichnet ein in dieser Zeit übliches Passions- und Osterspiel nach, das vielleicht auf dem Rathausplatz aufgeführt worden ist. Das 15. Jahrhundert wendet den Blick immer mehr vom Weltenrichter weg auf den leidenden Gekreuzigten.

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Kreuz tragender Jesus

Erdbeben auch in unserer Gegend (1356), die Pest in den Jahren 1439, 1478/ 79 und Hungersnöte rücken die Leidensgeschichte Jesu in ein neues, seelsorgerliches Licht. Jetzt wird Jesus zum mitleidenden Mensch gewordenen Gott: er hat unsäglicher gelitten als ich. Er hat meine Schuld auf sich geladen und musste deswegen sterben. So verschwindet in der darstellenden Kunst der triumphierende Christus und macht dem leidenden Kruzifixus Platz. Die Passion Jesu wird in der Liturgie gespielt. So haben wir auch in der Kirche Scherzligen eine Heiliggrab-Kapelle bezeugt. Über der Nische an der Westfassade sind die Dachansätze gefunden worden. Vielleicht befand sie sich hier im Westen der Kirche.

Ostern

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Aber der Gekreuzigte ist auch der Auferstandene! Gegen das Chor hin stellt Peter Maler die Auferstehung sehr gross dar und ebenso die Begegnung der ersten Apostolin Maria Magdalena mit dem Auferstandenen.

Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen

Rechts vom Auferstandenen entdecken wir im Hintergrund einen Altar mit Altertafel und Kreuz, links von ihm eine Kirche: so feiert fortan die Kirche den Auferstandenen, der seinen Leib hingab im Abendmahl. Der Ort an der östlichen Südwand ist absichtlich so gewählt: denn im Chor wird die Eucharistie in der Gegenwart des Auferstandenen zelebriert.

Marias Rückkehr und Tod Am Kreuz hat Jesus seine Mutter Maria dem treuen Jünger Johannes anbefohlen. Nach dem Geschehen auf Golgatha kehren die beiden zurück nach Jerusalem: diese Szene hat Peter Maler an der östlichen Nordwand zur Darstellung gebracht. Die Legende berichtet, als Marias Tod nahe gekommen sei, habe der Heilige Geist alle in die Welt zerstreuten Apostel nach Jerusalem ins Haus der Maria getragen. Die Wiedersehensfreude weicht sogleich der Trauer, denn während der Gebete stirbt Maria im Kreis der Apostel. In eindrücklicher Weise wird der Gemeinde diese Sterbensbegleitung an der südlichen Chorscheidewand vor Augen geführt. Wer hatte in seiner Familie 111

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nicht immer wieder Tote zu beklagen? Kinder und Mütter bei der Geburt, was der Totenhof zwischen Turm und Chor zur Genüge beweist, Erwachsene durch Seuchen, Kriege und Krankheiten?

Tod Marias – Gesichter dreier Jünger

Der Künstler – oder war es eine Frau? – der dieses Gemälde kurz nach 1400 angebracht hat, beweist ein ausserordentliches Einfühlungsvermögen in trauernde Menschen: man betrachte nur still die drei Gesichter der frontal stehenden Jünger.

Haupteingang: noch eine Verkündigungsdarstellung

Verkündigung Westfassade

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Bevor wir die Kirche von Westen her betreten, halten wir einen Moment inne und betrachten die Malereien über dem Portal: Wir finden links wiederum den Engel Gabriel mit dem Spruchband «Ave Maria gratia plena dominus tecum» (Heil dir Maria voller Gnaden, Gott ist mit dir). Rechts steht Maria im blauen Kleid vor dem Lesepult und der Lilienvase.

Kleiner kreuztragender Christus und Maria (Westfassade)

Das Gemälde wird von Max Grütter ins 1. Viertel des 16. Jahrhunderts datiert. Im Jahr 1523 erhält u.a. das Heilige Grab einen neuen Dachstuhl, ja vielleicht wird es neu erstellt, weil auch Baumeisterausgaben in der Rechnung figurieren. Befand sich dieses vor der Nische, dann wären gleichzeitig Teile der Westfassade neu verputzt und bemalt worden. Die Todesthematik hätte in der Kirche einen weiteren Akzent erhalten. Und nun beachten wir, was wir zwischen Gabriel und Maria entdecken: direkt über dem Portalbogen ein Wolkenband, das leider durch die Befestigung einer Lampe sehr beschädigt worden ist. Es könnte darin durchaus Gottvater dargestellt gewesen sein. Rechts davon – nur ungefähr zehn Zentimeter gross – Jesus knieend, der das Kreuz trägt. Die Thematik der ganzen Kirche, die im Chor-Zentrum lebensgross erscheint, ist damit angezeigt: Gott ist Mensch geworden – durch Unsere liebe Frau Maria! Doch 140 Jahre später herzt Gott nicht mehr ein Jesuskindlein, sondern übergibt den kreuztragenden Jesus. Sein Schicksal des Kreuzestodes erscheint bereits in der Verkündigung. So hat sich die Frömmigkeit gewandelt. Wo keine Quellenangabe, stammen die Bilder von Michael Dähler

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Alfred Stettler

75 Jahre Stiftung Schloss Spiez Die Anfänge Vorgeschichte Am 1. August 2004 waren es genau 75 Jahre her, seit im Schloss Spiez der letzte Abschnitt seiner langen, wechselvollen Geschichte eingeläutet wurde. Auf diesen Tag gelangte das ehrwürdige Bauwerk in die Obhut und Verantwortung der Stiftung Schloss Spiez. Dies ist der Anlass, um die näheren Umstände auszuleuchten, die zu ihrer Gründung geführt haben. Die drei adeligen Familien der Strättliger, Bubenberg und von Erlach besassen das Schloss vom 13. Jahrhundert bis 1875. Beim letzten von Erlachschen Besitzer, Ferdinand von Erlach, verursachte vor allem der Bau des Hotels Spiezerhof den finanziellen Ruin, der zur Versteigerung des Schlosses führte. – Nach der Veräusserung aller verwertbaren Mobilien im Schloss und dem Verkauf des Hotels Spiezerhof übernahm vorerst die Eidgenössische Bank, als Hauptgläubigerin, das Schloss. Die Bank verkaufte auf den 1. Januar 1879 die Schlossbesitzung an Hermann Karl von Wilke, den geheimen Legationsrat aus Berlin, der dank seiner reichen Frau die nötigen Mittel zum Kaufe besass. Nach dem Tod von Wilkes verkaufte seine Frau die Besitzung 1900 an Frau Rosina Magdalena Gemuseus und von ihr gelangte sie 1919 an ihren Neffen Dr. Wilhelm Schiess.

Dr. Wilhelm Schiess, der letzte private Schlossbesitzer Carl Wilhelm Schiess von Basel und Herisau wurde am 12. Juli 1869 geboren. Sein Vater war Prof. Dr. med. Heinrich Schiess, ein bekannter Augenarzt in Basel, und seine Mutter Rosalie Gemuseus. Nach absolviertem Studium durchreiste der junge Arzt ferne Länder, so auch Mexiko. Am 30. April 1900 hatte seine Tante, Frau Rosina Magdalena Gemuseus, das Schloss von Frau von Wilke gekauft. Bereits am 28. Juli 1900 eröffnete Dr. W. Schiess im Schloss Spiez seine Arztpraxis. 115

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Im Anzeiger Nieder- und Obersimmenthal hiess es: «Teile dem werten Publikum mit, dass ich meine Praxis von heute an im Schloss Spiez ausüben werde. Sprechstunden täglich vormittags bis 11 Uhr, Dienstag und Freitag Vormittag unentgeldliche Sprechstunde für Augenkranke. Dr. Wilh. Schiess, Arzt.» Dr. Schiess praktizierte und wohnte von da an im Schloss. Leider ist nicht überliefert, in welchen Räumen Dr. Schiess mit seiner Frau, und wo im Schloss seine Tante, Frau Gemuseus, wohnte.

Dr. Schiess zieht an die obere Bahnhofstrasse Nach 1900 herrschte in Spiez eine rege Bautätigkeit. Die Spiez-Frutigen-Bahn war im Bau; in den Jahren 1905/7 entstand die reformierte Kirche auf dem Längenstein; im Spiezberg, im Dorf, in der Leimern und andernorts entstanden Privatbauten. – Dr. Schiess liess 1906/7 eine herrschaftliche Villa vom Basler Architekten E. Hemann bauen. Von da an praktizierte und wohnte er mit seiner Familie im neuen Haus an der heutigen oberen Bahnhofstrasse. Ältere Spiezer erinnern sich, dass Dr. Schiess seine Patienten mit dem Velo besuchte. Er sprach Baseldeutsch und wird als freundlicher, dienstfertiger und pflichteifriger Arzt beschrieben. Während seiner fast 30jährigen Arbeit hat er viel Gutes geleistet; erwähnt wird sein grosser Einsatz während der Grippezeit (1918), wo er monatelang nicht zur Ruhe kam.

Ein Arzt wird Schlossbesitzer Frau Gemuseus, seine Tante, verkaufte am 21. Oktober 1907 Dr. W. Schiess die gesamte Schlossbesitzung mit der alten Kirche, dem Pfarrhaus, dem Verwalterhaus, dem Kirschgarten, viel Rebland, der Stöcklimatte, der Niederlimatte, dem Spiezbergwald und dem Weidli. Der Verkauf erfolgte mit erheblichen Eigentumsbeschränkungen, vor allem dem Wohn- und Nutzungsrecht der Verkäuferin bis zu ihrem Todestag und einer Verkaufssperre während 20 Jahren. Der Kaufpreis von Fr. 300'000.–, den der Käufer schuldig blieb, war in Anbetracht der Auflagen sicher angemessen. Es wird gesagt, Frau Gemuseus habe die Schlossgüter ihrem Neffen fast verschenkt, aber ihm leider 116

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das nötige Geld für den Unterhalt der Bauten nicht vermacht. – Nachdem Frau Gemuseus am 3. Februar 1919 verstorben war, ging das Schloss, wie im oben erwähnten Kaufvertrag von 1907 vereinbart, an Dr. Schiess über. Der Unterhalt des Schlosses belastete von nun an Dr. Schiess schwer. Von einer sicher recht teuren Unterhaltsarbeit, der Turmrenovation, ist im «Berner Wochenblatt», dem heutigen «Berner Oberländer» vom 21. Juli 1926 zu lesen: «Gegenwärtig werden Dach und Spitze des Schlossturms renoviert. Die Arbeiten werden besorgt durch die hiesigen Handwerksmeister, Spengler Kuhn, Dachdecker Kläy und Zimmermeister Stähli für die Holzarbeit. Beträchtliche Arbeit gab das Herunternehmen der Wetterfahne, was am 1. Mai abhin glücklich erfolgt war. Die Arbeiten gehen ihrem Abschluss entgegen. Nächster Tage kann die Wetterfahne wieder auf den Turm gesetzt werden. Sie kommt auf eine 6 Meter hohe Stange, von der Turmfirst aus gemessen. Die Eisenstange wird im untern Teil eingefasst in ein Kupferrohr, auf welchem der schwere Zinkknopf (Zwiebelform) ruht. Letzterer lässt durch die darin eingravierten Inschriften erkennen, dass die letzten Reparaturen vor 30 Jahren vorgenommen worden waren und zwar durch Spenglermeister Karl Hofer in Thun und Dachdecker Spring in Steffisburg.» Die Unterhaltskosten müssen Dr. Schiess dermassen belastet haben, dass er gezwungen war, Gegenstände, z.B. Gewehre, aus dem Schloss zu veräussern.

Schloss zu verkaufen Nachdem Dr. Schiess 1919 das Schloss übernommen hatte, schaute er sich bereits im November 1922 nach Kaufinteressenten um. Er dachte damals daran, die Schlossbesitzung wie folgt aufzuteilen: Altes Schloss mit Kirche Preis ca. 350'000.– Neues Schloss ca. 200'000.– Zeitweise war am Schloss in grossen Lettern angeschrieben: «Schloss zu verkaufen». Die ungewisse Zukunft des Schlosses beunruhigte die Gemeinde, den Verkehrsverein und die Spiezer ganz allgemein. Seit dem Jahr 1907 gehörten die alte Kirche und der Kirchhof zum Schloss, und der alte Kirchweg durch den Schlosshof war dadurch unterbrochen. Die Öffentlichkeit war deshalb von diesem schönsten Stück Spiez ausgeschlossen. 117

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Die Zukunft des Schlosses muss Dr. Schiess sehr beschäftigt haben. Mit der Absicht eines Verkaufs an den Heimatschutz war er im September 1926 mit Herrn Notar Wehrli von Bern in Kontakt getreten. In einem Brief schlug er vor, das neue und alte Schloss, die Kirche, den Hafen und die Serren (Orangerie), jedoch ohne Verwalterhaus und ohne Pfarrhaus zum Preis von Fr. 270'000.– abtreten zu wollen. Mit dem Verwalterhaus zusammen wäre der Preis Fr. 300'000.– gewesen. Dr. Schiess schrieb am 7. September 1926 an Notar W. Wehrli: «Ich finde diesen Preis wirklich sehr nieder. Bedenken Sie nur einmal was im Schloss noch für Werte sich befinden, an den schönen kostbaren Boiserien, den alten Türen, den schönen Öfen & dem alten Mobiliar. Wenn man diese Werte berücksichtigt & noch etwas Bescheidenes für die prächtigen Gärten einsetzt, dann bekommt der Heimatschutz das Schloss ganz vergebens... Mein Vermögen liegt im Schlosse Spiez. So weit ich kann, komme ich dem Projecte entgegen...» Dr. Schiess erteilte Notar W. Wehrli das Mandat, den Verkauf in die Wege zu leiten. Dieser wurde aktiv und fand in Herrn Arist Rollier, Gerichtspräsident in Bern und Obmann der Bernischen Vereinigung für Heimatschutz, und weiteren Herren in Bern und Spiez Mitstreiter. Im September 1927 schaltete sich auch die Schweizerische Vereinigung zur Erhaltung der Burgen und Ruinen in Zürich ein. In einem Rundschreiben vom 6. September 1927 lud die Vereinigung auf Samstag, den 17. September 1927, Vormittag 11 Uhr zu einer Zusammenkunft in einem der Säle des alten Schlosses Spiez ein. Präsidiert wurde diese Konferenz von Architekt Eugen Probst und eingeladen waren u.a.: Das Eidg. Departement des Innern, die Regierung des Kantons Bern, der Gemeinderat Spiez, die Bundesbahnen, die Lötschbergbahn, die Oberländische Volkswirtschaftskammer, der Berneroberländische Verkehrsverein, die Gottfried Kellerstiftung, die Thunersee Dampfschifffahrtsgesellschaft, der Heimatschutz Section Bern, der Historische Verein des Kantons Bern und das Historische Museum der Stadt Bern. Der Einladungstext schildert die Situation im September 1927: «Der Besitzer des Schlosses Spiez möchte schon seit längerer Zeit die ganze Schlossbesitzung verkaufen und es besteht die Gefahr, dass bei einer Zerstückelung derselben, das einzigartige Landschaftsbild, welches das Schloss mit der alten Kirche und dem Pfarrhaus vom See gesehen darstellt, und das von Tausenden von Einheimischen und Fremden jährlich bewundert wird, durch unpassende Neubauten oder anderweitige Veränderungen verunstaltet, oder 118

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doch in seiner jetzigen geschlossenen Wirkung stark zu seinem Nachteil verändert wird. Der Name Spiez spielt zu dem eine bedeutende Rolle in der Berner Geschichte und es verbinden sich mit ihm historische Akte und Erinnerungen an grosse Männer der Schweizergeschichte (Erlach, Bubenberg), sodass eine Profanation dieses prächtigen Landschaftsbildes und Baudenkmals nicht erfolgen darf. Die Ehrfurcht und Achtung vor diesem Juvel des Thunersee's verlangt eine ungeschmälerte Erhaltung der ganzen jetzigen Anlage. Der Vorstand des Burgenvereins hat deshalb beschlossen, eine Konferenz derjenigen Kreise einzuberufen, von welchen er glaubt, dass Sie Interesse am Weiterbestehen des Schlosses und seiner Umgebung haben, um über die Zukunft der ganzen Anlage zu beraten. Er wird hiebei ein Projekt über die Möglichkeit der Verwendung für einen öffentlichen Zweck zur Diskussion vorlegen. Eine Vorbesprechung mit verschiedenen Herren hat das sehr rege Interesse gezeigt, welches für den Gedanken vorhanden ist, und die Herren, welche um ihre Meinungsäusserung begrüsst worden sind, haben ihre Bereitwilligkeit erklärt, an der ganz unverbindlichen Zusammenkunft teilzunehmen. Wir erlauben uns deshalb, auch Sie recht höflich zu der Konferenz, welche Samstag, den 17. September 1927, Vorm. 11 Uhr in einem der Säle des alten Schlosses Spiez abgehalten wird, einzuladen, bezw. sich vertreten zu lassen, und sind Ihnen verbunden, wenn Sie dem Unterzeichneten Ihre Anmeldung bald zustellen. Mit vorzüglicher Hochachtung Für den Burgenverein Der Präsident: Eug. Probst, Arch.» Die Konferenz war von Unstimmigkeiten zwischen dem Architekten Probst und Notar Wehrli begleitet, wie aus einem Brief von Notar Wehrli an Dr. Schiess vom 20. September hervorgeht. Notar Wehrli hatte bereits einen Vorkaufsvertrag für eine zu gründende Stiftung vorbereitet und fühlte sich von der Schweizerischen Vereinigung zur Erhaltung der Burgen und Ruinen übergangen. Im Brief schrieb er wie folgt: «Meine Stellung in der ganzen Sache ist klar und korrekt. Ich bin von Ihnen beauftragt den Verkauf in die Wege zu leiten, besitze also ein Mandat, das ich angenommen habe und deshalb auch auszuführen verpflichtet bin. Die Stellung von Herrn Probst ist vollkommen unklar, da er via einen gemeinnützigen Verein eigene Interessen verficht. Leider musste ich auch feststellen, 119

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dass Herr Probst in der Sitzung gelogen hat. Er erklärte, meine Existenz erst in der Sitzung festgestellt zu haben, er hätte vorher überhaupt nie etwas von mir gehört, während es doch eine Tatsache ist, dass Sie ihm meinen Namen schriftlich und mündlich genannt haben. Ich könnte noch weitere Kritik an diesem Herrn üben, es hat aber keinen sachlichen Wert und ich möchte lieber vorwärts arbeiten und mich nicht in persönlichen Zänkereien ermüden...» Wenn auch die Konferenz des Burgenvereins vom 17. September 1927 keine konkreten Ergebnisse erbrachte, so weckte sie doch bei den angesprochenen Kreisen das Interesse am Schloss Spiez. Der Gemeinderat von Spiez richtete jedenfalls schon drei Tage nach der Konferenz an den Bernischen Heimatschutz das Ersuchen um einen Sitz in der «bezüglichen Kommission», da die Gemeinde ein sehr grosses Interesse an der «ganzen Schlossfrage» habe. Notar Wehrli in Bern bemühte sich nach der Konferenz, eine Stiftung auf die Beine zu stellen, mit dem Zweck, das Schloss Spiez für die Öffentlichkeit zu kaufen. Die Herren Nationalrat H. Schüpbach Thun, Gerichtspräsident A. Rollier und Fürsprecher A. Raaflaub, beide in Bern, wirkten bei den Vorarbeiten mit. Notar Wehrli gelang es, mit Dr. Schiess einen Entwurf für den Kaufrechtsvertrag um die Schlossbesitzung abzuschliessen, der einer Stiftung das Recht einräumte, bis 2. Juni 1929 die Besitzung zu erwerben. Notar Wehrli fand auch einen anonymen Stifter, der einen Betrag von Fr. 25'000.– für die Gründung der Stiftung einbrachte. Der Gründungsakt fand am Mittwoch, 30. November 1927, in Bern statt. Otto Keller, der zusammen mit Notar Walter Wehrli am Bahnhofplatz 3 in Bern ein Notariatsbüro betrieb, war der verurkundende Notar, und Arist Rollier, Gerichtspräsident in Bern, errichtete die Stiftung mit einem Vermögen von Fr. 25'000.– von anonymer Seite.

Einige wichtige Punkte der Stiftungsurkunde: Stiftungszweck Die Stiftung bezweckt den Ankauf der Schlossbesitzung Spiez in einem genau umschriebenen Umfange gemäss einer vorliegenden Planskizze. Das Schloss soll nach dem Erwerb dem Staate Bern oder einer andern Korporation des öf120

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fentlichen Rechts unter noch festzusetzenden Bedingungen und Auflagen geschenkt werden. Der Stiftungsrat vereinbart die Bedingungen des Schenkungsvertrages mit dem Staate Bern oder einer andern Korporation in freier Weise, mit der Einschränkung jedoch, dass er dem Uebernehmer die Verpflichtung auferlegen soll, das Schloss niemals zu Anstaltszwecken zu verwenden. Auflagen und Bedingungen 3. Sofort nach Errichtung der Stiftung hat das zuständige Stiftungsorgan mit Herrn Dr. Wilhelm Schiess einen Kaufrechtsvertrag abzuschliessen. Ein entsprechender Vertragsentwurf mit der Zustimmung des Herrn Dr. Wilhelm Schiess liegt bei der Errichtung der Stiftung als Wegleitung vor. 4. Die Stiftung hat sich zu bemühen, binnen Jahresfrist die erforderlichen weitern Mittel zum Ankauf des Schlosses Spiez zu beschaffen, auf dem Wege der öffentlichen und privaten Subskripition, mittels einer öffentlichen Lotterie oder auf andere Weise. Organisation der Stiftung 1. Der Stiftungsrat 2. Der Arbeitsausschuss 3. Der Geschäftsführer 4. Die Rechnungsrevisoren Der Stiftungsrat ist das oberste Organ. Er ordnet alles zur Erfüllung des Zweckes an. Er bestellt einen Arbeitsausschuss. Er nimmt die Jahresrechnung entgegen, bestätigt diese und erteilt die nötigen Entlastungen. Der Rat versammelt sich alljährlich wenigstens einmal. Er wird einberufen durch seinen Präsidenten. In der Jahresversammlung nimmt er die Berichte der Unterorgane entgegen und stellt verbindliche allgemeine Richtlinien auf. Der Stiftungsrat konstituiert sich selbst und ergänzt sich beim Ausscheiden eines Mitgliedes. Der Stiftungsrat besteht aus wenigstens 9 Personen. Der Stifter ernennt hiermit folgende Stiftungsräte: 1. Herrn Nationalrat Hermann Schüpbach in Thun. (Präsident) 2. Herrn Gemeinderatspräsident Huldreich Lörtscher, Bäckermeister und Grossrat in Spiez. 121

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3. Herrn Gerichtspräsident Arist Rollier, Obmann der Bernischen Vereinigung für Heimatschutz in Bern. (Präsident des Arbeitsausschusses) 4. Herrn K.D.F. von Fischer, Burgerratspräsident in Bern. 5. Herrn Fürsprecher Arnold Raaflaub, Sekretär der kantonalen Poizeidirektion in Bern. 6. Herrn Dr. Marcel Godet, Direktor der Landesbibliothek in Bern. 7. Herrn Dr. Pierre Kohler, Professor an der Technischen Hochschule in Zürich. 8. Herrn Oberstkorpskommandant Wildbolz in Einigen. (Mitglied des Arbeitsausschusses) 9. Herrn Dr. Hans Bloesch, Stadtbibliothekar in Bern. 10. Herrn Dr. Linus Birchler, Kunstschriftsteller in Einsiedeln. 11. Herrn Nationalrat Roth, Sekundarlehrer in Interlaken. 12. Herrn Notar Walter Wehrli in Bern. (Mitglied des Arbeitsausschusses und Geschäftsführer) Der Stiftungsrat ist befugt, weitere Stiftungsräte zu ernennen. Der Arbeitsausschuss wird vom Stiftungsrat aus seiner Mitte gewählt. Er setzt sich aus 3 Mitgliedern zusammen und konstituiert sich selbst. Er ist beschlussfähig bei Anwesenheit von wenigstens 2 Mitgliedern. Er ist das Arbeitsorgan des Stiftungsrates und tritt auf die Einladung seines Präsidenten so oft zusammen, als es die Verhältnisse erfordern. Er verwaltet das Stiftungsvermögen. Der Geschäftsführer wird vom Arbeitsausschuss aus seiner Mitte gewählt, der dessen vertraglichen Rechte und Pflichten festsetzt. Er steht unter der Aufsicht des Arbeitsausschusses. Ihm unterliegen die gesamte Geschäftsführung und die Ausführung der Beschlüsse der obern Organe. Er führt sämtliche Protokolle der Stiftungsorgane, stellt das Budget auf und verfasst die Jahresrechnung. Sechs allgemeine Punkte regelten die Uebergabe des Stiftungsvermögens, das Rechnungsjahr, den Ausschluss der persönlichen Haftung der Stiftungsräte etc.

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Eine Lotterie unter dem Motto: Erhaltet Schloss Spiez dem Schweizervolk Einen wesentlichen Beitrag zur Aufbringung des Kapitals sah man in der Durchführung einer Lotterie. Die Stiftung Schloss Spiez bekam vom Regierungsrat des Kantons Bern die Bewilligung, zur teilweisen Finanzierung des Schlosserwerbs eine Lotterie durchzuführen. Die Lotterie, wie die ganze Sammeltätigkeit stellte man unter das ultimative Motto: «Erhaltet Schloss Spiez dem Schweizervolk». Diese Aufforderung verknüpfte man vor allem mit der Person Adrians von Bubenberg, der 1476 im Auftrage Berns von Spiez nach Murten aufbrach, und die Stadt heldenhaft gegen die Übermacht des burgundischen Heeres verteidigte. In den Presseberichten wurde deshalb argumentiert: «Und dieser Wohnsitz eines der Ersten, wie sie die Schweizergeschichte hat, sollte verkümmern, sollte in unwürdige Hände geraten oder sollte eine Ruine werden? Dieser Wohnsitz einer Anzahl von hervorragenden Männern aus den Geschlechtern der Bubenberg und der von Erlach, denen für ihr Vaterland je und je ein warmes Herz geschlagen hat, die sich offen ins Vorderfeld stellten, wenn Not am Mann gekommen war, diese sollte das Vaterland heute vergessen? Nein. Es will ihrer nicht vergessen. Es will die Wohnstätte dieser Grossen der Nachwelt erhalten und in Ehren überliefern.» In diesen «hehren» Tönen, warb man in der Presse für den Losverkauf. Mit der Organisation und Durchführung der Lotterie wurde der Geschäftsführer Notar Wehrli betraut. Als Mitarbeiter und Leiter des Lotteriebureaus wurde Milton Ray Hartmann aus Bern, Direktor der Beatushöhlen, angestellt, und man beauftragte Kunstmaler V. Surbek, einen Entwurf für ein Reklameplakat auszuarbeiten. In einem Briefe vom 28. Mai 1928 an Notar Wehrli äusserte sich Dr. Schiess wie folgt zur vorgesehenen Lotterie und dem Zustand im Schloss: «Für Ihren freundlichen Besuch von gestern & für Ihre Mitteilung die Lotterie betreffend, sage ich Ihnen meinen besten Dank. Betreffend Ihren Vorschlag, dieses Jahr das Schloss zu zeigen (gratis) habe ich gewisse Bedenken, die auch jetzt noch nicht ganz verschwunden sind. Bis jetzt hielt ich es gerade zu für gut, dass die Leute gerne ins Schloss möchten, aber noch nicht können. Das spornt sie an etwas dafür zu tun, damit das 123

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Schloss in öffentlichen Besitz kommt. Garten & Schloss müssten unbedingt, wenn man sie öffnen wollte in guten Zustand gestellt werden. Im Schloss selbst ist gegenwärtig recht wenig zu sehen. Ich fürchte es werde eine Kritik einsetzen, es sei doch schade, dass so manches aus dem Schloss verkauft worden sei. etc. Das beste sei jetzt fort. Es wird gar dumm geschrieben...» Im «Berner Wochenblatt» vom 22. Juni 1928 stand: «Der Stifungsrat versammelte sich letzten Donnerstag unter dem Vorsitz von Herrn Nationalrat Schüpbach zur Beschlussfassung über das weitere Vorgehen. Der Losverkauf wird im Berner Oberland anfangs Juli beginnen. Ein Aufruf richtet sich an alle Geschäftsinhaber, Hoteliers, Wirte etc., die Aktion durch Uebernahme von Losverkaufsstellen zu unterstützen. Das prächtige von Herrn Kunstmaler Surbek entworfene Plakat zeigt den oberen Teil des Thunersees mit dem Bödeli, hoch überragt durch die majestätischen Schneegipfel der Alpen. Romantisch erheben sich im Vordergrund die Türme und Zinnen vom Schloss Spiez, als wären sie ewig dort gewesen. Man könnte sich das Landschaftsbild ohne das Schloss gar nicht denken, darum unterstütze ein Jeder die Aktion nach Möglichkeit: Erhaltet Schloss Spiez dem Schweizervolk!» Im «Berner Wochenblatt» dem sogenannten «Spiezer» wurde auf der Titelseite vom 13. Juli 1928 sogar ein Gedicht von Bergli-Hannes abgedruckt:

Schloss Spiez Wie stolz und markig schaut es aus Mit Mauern und mit Türmen, Es trotzt das giebelstarke Haus Den Zeiten und den Stürmen. Von seinem Schicksal hat man schon Urälteste Berichte; Was einst in sagenhaftem Ton, Bestätigt die Geschichte. 124

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Von Bubenberg Herr Adrian, Hier mocht er einstens grollen. Was er in Murten hat getan, Dem muss man Achtung zollen. Der See rollt um des Schlosses Fuss, Die Berge es umragen; Dass es erhalten werden muss Wird jedermann sich sagen. Drum greifet nach den Losen keck! Wer wollte sich besinnen, Man hat ja nebst dem guten Zweck Die Chance zu gewinnen!

Am Mittwoch, 31. Oktober 1928, waren die Deutschschweizer Pressevertreter und im Frühling 1929 die Presse der Romandie ins Schloss Spiez eingeladen. Im Rittersaal (Festsaal) wurden sie vom Präsidenten des Arbeitsausschusses, Gerichtspräsident Rollier, und dem Geschäftsführer, Notar Wehrli, empfangen. Direktor Oskar Weber, gewesener eidgenössischer Baudirektor in Bern, nun in Spiez, zeigte und erklärte die Schlossanlage, und Grossrat Huldreich Lörtscher von Spiez verdankte im Schlusswort «die Bemühungen und das an den Tag gelegte Interesse für die Erhaltung dieser historischen, wertvollen Burg.» Das Echo in der Presse war vielfältig. Der umfangreiche Artikel im «Bund» vom 4. November 1928 war unter den Titel gestellt: «Was wird aus Schloss Spiez?» Die Pressestimmen gingen vorab und ausführlich auf die uralte Existenz des Schlosses ein. Es wurde auf die Wichtigkeit von Spiez zur Zeit des Laupenkrieges für die Verproviantierung von Bern hingewiesen, ebenso auf die Gefahr, die während den Burgunderkriegen für Bern und die Eidgenossenschaft bestand, und die dank dem mutigen Verteidiger von Murten, Adrian von Bubenberg, abgewendet wurde. Betont wurde die Bedeutung des Schlosses «als geweihte Stätte des vaterländischen Denkens und Fühlens». Im «Bund» steht u.a.: 125

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«Sein Unterhalt kam die Nachfolger der Bubenberg und den heutigen Besitzer teuer zu stehen. Nun ist die Gefahr, dass die Besitzung an Hände veräussert werden könnte, die nichts wüssten von historischer und heimatlicher Pietät, und das Schloss auf die profitlichste Weise versilberten – auch wenn es verschwände und an seine Stelle ein Hotelbau käme! Diesen landschaftlichen und historischen Verlust abzuwenden, wurde eine Stiftung errichtet...» In der «Berner Tagwacht» vom 3. November wurde geschrieben: «Seit Jahren wird durch den derzeitigen Besitzer, Herrn Dr. Schiess, vergeblich versucht, das Schloss zu verkaufen, so dass in letzter Zeit Pläne zur Parzellierung und Ueberbauung des Schlossgeländes aufgetaucht sind.» In den Presseberichten wurde betont, dass das Schloss in Zukunft öffentlich zugänglich gemacht und es nicht «zu Anstaltszwecken» verwendet werden soll. Die Gedanken über die künftige Nutzung waren noch verschwommen. In den alten Mauern sollte der Zustand zur Zeit der Bubenberg wiederhergestellt werden, man dachte daran das «neue Schloss» der Schweizer Schuljugend, den Pfadfindern zu widmen und eine Art Jugendherberge einzurichten. Der Hauptzweck war die Erhaltung des Schlosses für die Öffentlichkeit.

Losverkauf Der Losverkauf war Neuland für die Stiftung Schloss Spiez. Der Vertrieb hatte mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, da er im wesentlichen auf das Gebiet des Kantons Bern beschränkt war. Nur der Kanton Zürich gab die Erlaubnis für den Verkauf von 50'000 Losen, die restlos abgesetzt wurden. – Der Kanton Basel-Stadt hat ein Gesuch für den Losverkauf in Basel ausdrücklich abgelehnt und die Stiftung mit Brief vom 10. Oktober 1929 wegen eines Inserats im «Der schweizerische Beobachter» verwarnt und mit Verzeigung gedroht. Wie aus dem Inserat «Kauft Lose» ersichtlich, war die Hauptverkaufsstelle beim Geschäftsführer der Stiftung, Notar Wehrli, am Bahnhofplatz 3 in Bern. Die Stiftung errichtete im ganzen Kanton über 3000 Losverkaufsstellen. Begrüsst wurde auch die Lehrerschaft des deutschen Kantonsteils; jedem Lehrer wurden 25 Lose zu Fr. 1.– zugestellt. Im weitern verkauften in der Stadt Bern drei Hausierer eine grössere Anzahl Lose. 126

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Herr Dr. Schiess verfolgte den Losverkauf und die Sammeltätigkeit mit Interesse. Er berichtete am 9. November 1928 Notar Wehrli: «An der Bahnhofstrasse in Zürich geht es zuweilen sehr lebhaft mit den Schlosslosen. Wenn es ähnlich ginge in anderen Städten, dann wären die Lose wohl bald verkauft.» Ausgegeben wurden 500'000 Lose zu Fr. 1.–. Nach dem Verlosungsplan gelangten insgesamt Fr. 250'000.– als Bartreffer zur Auszahlung. Der grösste Treffer betrug Fr. 30'000.–, es gab weitere Treffer in Beträgen von Fr. 10'000.–, Fr. 5'000.–, Fr. 100.–, Fr. 20.– und Fr. 10.–. Die kleinen Treffer von Fr. 5.– und Fr. 2.– wurden sofort vom Verkäufer ausbezahlt. Die grossen Treffer wurden nach dem Verkauf aller Lose am Freitag, 6. Dezember 1929, vormittags um 10 Uhr, unter Zutritt der Öffentlichkeit im Bürgerhaus in Bern gezogen.

Die Lotterie war erfolgreich Die Endabrechnung über die Lotterie vom 31. August 1931 ergab einen Ertrag von Fr. 115'128.97 und trug den grössten Teil zur Finanzierung des Schlosskaufs bei.

Die Sammlung von Geldern Die neben der Lotterie laufende Sammlung lief harzig an. Ein mit grossen Hoffnungen an die Schweizerische Nationalbank gerichtetes Gesuch brachte nur bescheidene Fr. 1'000.– ein. Nicht enttäuscht wurde man von der Einwohnergemeinde Spiez, die am 23. Februar 1929 im Hotel Terminus einen öffentlichen Vortrag organisierte und als Redner Oberstkorpskommandant Wildbolz von Einigen einlud. Die darauf folgende von 188 Bürgern besuchte ausserordentliche Gemeindeversammlung vom 3. April 1929 erkannte die Bedeutung des Schlosses für Spiez und bewilligte einen einmaligen Beitrag von Fr. 30'000.– unter folgenden Bedingungen: «a.Die Gemeinde Spiez soll zu allen Zeiten mit 1–2 Mitgliedern im Stiftungsrat Schloss Spiez vertreten sein. b. Der Schlosspark soll dem Publikum als öffentliche Anlage zur Verfügung gestellt werden. 127

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c. Den Bewohnern von Spiez soll gegen entsprechenden Ausweis freien Eintritt ins eigentliche Schloss gewährt werden. d. Der bestehende, zur Schlossbesitzung gehörende Bootshafen soll der Oeffentlichkeit auf alle Zeiten zur unentgeltlichen Benützung zur Verfügung gestellt werden. Ferner wird an den Stiftungsrat der Wunsch gerichtet, es möchte mit allen Mitteln danach getrachtet werden, dass ein gewisser Teil des hinter dem Schloss liegenden Terrains vom Wallrain baldmöglichst von Hr. Dr. Schiess durch die Gemeinde Spiez erworben werden könnte, um alsdann der Oeffentlichkeit als Strand unentgeltlich zur Verfügung stellen zu können...» Wenn wir die Teuerung seit 1929 hochrechnen, so entsprachen die Fr. 30'000.– heute rund 180'000.–; doch ein respektabler Betrag. Oberstkorpskommandant Eduard Wildbolz, der im «Tellergut» in Einigen wohnte, äusserte sich in einem Aufruf im «Bund» vom 11. April 1929 unter dem Titel «Schloss Spiez, ein bernisches und eidgenössisches Nationaleigentum»: «Ich erlebte an der Gemeindeversammlung in Spiez (wo die Sozialdemokratie eine bedeutende Rolle spielt) die einstimmige Bewilligung einer Subvention von 30'000 Fr. an die „Stiftung zur Erhaltung des Schlosses Spiez». Sein Spendenaufruf gipfelte in der Aussage: «Weil wir nun im Schloss Spiez ein bernisches und eidgenössisches Symbol erblicken, deswegen wollen wir es unserem Land und Volk in seiner geschichtlichen Form erhalten. Wir wollen verhüten, dass es verschandelt wird, dass es in fremde Hände kommt. Solche Gefahr ist leider heute nahe gerückt. – Wir wollen sie ein für allemal ausschalten.» Oskar Weber, gewesener eidgenössischer Baudirektor, äusserte sich zur ausserordentlichen Gemeindeversammlung vom 3. April 1929 in der Presse ebenfalls sehr positiv: «Alle Parteien haben mitgeholfen, zu dokumentieren, welche grosse Bedeutung die Schlossbesitzung für die Gemeinde Spiez hat und dass man dem Gemeindesäckel trotz reichlicher anderweitiger Inanspruchnahme diese Anzapfung nicht glaubte ersparen zu können...». Weber wies auf den vorbereitenden Vortrag von Oberst Wildbolz hin und erwähnte die Worte des sozialdemokratischen Grossrats Alfred Ritter, der sich ebenfalls für die Subvention von Fr. 30'000.– zur Erhaltung des Schlosses einsetzte. 128

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Der Kauf für die Stiftung eine «Zitterpartie» Am 2. Juni 1929 erlosch der abgeschlossene Kaufrechtsvertrag; Dr. W. Schiess war aber bereit, den Vertrag bis Ende Juli 1929 zu verlängern. Der Stiftungsrat war in einer heiklen Lage, da bis Mitte Juni erst rund Fr. 170'000.– beisammen waren. Der Arbeitsausschuss orientierte die Stiftungsratsmitglieder auf dem Korrespondenzweg und führte aus: «Der definitive Kaufvertrag um die Schlossbesitzung muss im Laufe des Juli 1929 unterschrieben werden, weil wir sonst keine dingliche Sicherheit mehr besitzen. Tatsächlich interessieren sich wieder deutsche Kreise für das Schloss, wie ich aus Originalkorrespondenzen festgestellt habe. Die grossen öffentlichen Lasten und die Unterhaltskosten belasten Herrn Dr. Schiess, der aus Rücksicht auf uns das Schloss letztes Jahr nicht vermietete, zu stark, als dass er eine günstige andere Kaufsofferte ausschlagen könnte. Es stellt sich deshalb für uns heute die entscheidende Frage, ob wir sofort kaufen wollen oder nicht.» Der Kauf war für die Stiftung, der noch rund Fr. 120'000.– (nach heutigem Geldwert Fr. 720'000.–) fehlten, eine «Zitterpartie». Aus moralischen Gründen, da die Öffentlichkeit einen Rücktritt vom Kauf schlecht verstanden hätte, und da man überzeugt war, die noch fehlenden Mittel zusammen zu bringen, wurde der Kaufvertrag am 9. Juli 1929 abgeschlossen und das Schloss auf den 1. August 1929 übernommen. Folgende Einladung zur Feier der Übergabe des Schlosses erging im Juli an die Bevölkerung: Feier zur Übergabe des Schlosses am 1.August 1929 «An die Bevölkerung von Spiez! Der Stiftungsrat hat der Gemeindebehörde von Spiez mitgeteilt, dass der Kauf des Schlosses am 1. August zur Tatsache wird. Er wünscht mit der Uebergabe eine bescheidene Feier zu verbinden, an der die Bevölkerung von Spiez, die das Schloss zur Obhut empfängt, teilnehme. Die Übergabe des Schlosses wird nicht nur in unserer Gemeinde, die mit ihrem Beitrag von Fr. 30'000.– am Zustandekommen des Kaufes einen wesentlichen Anteil hat, sondern auch im ganzen Schweizerlande grosse Freude und Genugtuung auslösen. 129

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Nun wissen wir, dass das Schloss Spiez, das der Landschaft das eigenartige, malerische Gepräge verleiht, mit dem die Geschichte unserer alteingesessenen Bevölkerung und das Werden der Ortschaft aufs Innigste verwachsen ist, das auch in der Geschichte der Eidgenossenschaft vor Zeiten eine so bedeutende Rolle gespielt, nicht der Spekulation verfällt. Wir atmen dankbar auf, dass es uns erhalten bleibt und der Allgemeinheit zugänglich gemacht wird. Und da haben wir allen Grund, diese Dankbarkeit offen zu bekunden und die geschichtlich bedeutungsvolle Uebergabe mit einer Feier zu verbinden. Wir laden zu dieser Feier die sämtlichen Vereine, die gesamte Schuljugend und die Bevölkerung freundlich ein. Der Gemeinderat» Im damaligen «Berner Wochenblatt», stand Freitag, den 2. August 1929, auf der Frontseite: «Schloss Spiez gehört dem Vaterland!» und weiter: «Programmgemäss um 6 Uhr 45 bewegte sich der beim Bahnhof gesammelte Zug geordnet zum Schloss. An der Spitze Sekundar- und Primarschüler, im langen Zuge die Behörden; 6 Vereinsfahnen der Gemeinde; Spiel des Musikvereins. Beim Schlosstor gab Herr Dr. W. Schiess seiner Befriedigung Ausdruck, Schloss Spiez zum Zwecke, dass es der Öffentlichkeit erhalten werde, abtreten zu können. Er gratulierte dem Stiftungsrat zum Erfolge seiner grossen Bemühungen, und dankte allen, die zum Gelingen mithalfen. Damit übergab er die Schlüssel dem Vertreter des Stiftungsrates, Herrn Gerichtspräsident Rollier, Bern, welcher dem Verkäufer für sein grosszügiges Entgegenkommen dankte.» Der ehemalige Schlosspächter, Kurt Schneider, erinnerte sich, dass rechts vom Schlosstor eine Rednertribüne aufgebaut war, und wie er und seine Schwester, beide in Trachten, den Schlüssel des Schlosses dem neuen Besitzer auf einem rot/schwarzen Kissen überreichten. Nach den Reden von Dr. W. Schiess und A. Rollier und der Schlüsselübergabe an den Vertreter des Stiftungsrates wurde das Schlosstor geöffnet und die Menge, vorab die Kinder, begab sich in den Schlosshof. Im Schlosshof stimmten die Kinder ein Lied an, ein Fenster ging auf und es zeigte sich Regierungspräsident Dr. Guggisberg, er sprach «in knappen markigen Sätzen, ohne Schwulst und Phrase von dem was der 1. August dem Schweizer zu sagen hat.» Er gipfelte in dem Satze: «Alle Macht liegt in der Treue. Die Eidgenossenschaft war gross, wenn ihre Glieder einander die 130

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Treue hielten, sie wurde klein, wenn der Geist des Verzagens über sie kam.» Dr. Guggisberg pries Adrian von Bubenberg, der einst das Schloss Spiez bewohnte. Gemeinderatspräsident und Grossrat Huldreich Lörtscher dankte den Mitgliedern des Stiftungsrates, insbesondere den Herren Nationalrat Schüpbach, Arist Rollier, W. Wehrli und Oberst Wildbolz für ihre uneigennützige Arbeit. Zum Abschluss der Feier wurde der Schweizerpsalm gesungen und man ging still auseinander. Nach 21 Uhr wurde das Schloss bengalisch beleuchtet.

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Plakat, das auf den Verkauf von Lotterielosen hinwies

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Schloss, Verwalterhaus «Le Roselier», Kirche und Hotel Spiezerhof um 1876

Das Schloss um 1900 mit den Wilke-Anbauten am neuen Schloss: Dachgiebel und Erkertürmchen

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Neues Schloss mit Dachgiebeln, Eisenvorbauten und Erkertürmchen um 1910

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Kaufvertrag zwischen Dr. med. Wilhelm Schiess und der Stiftung Schloss Spiez Im Büro von Notar J.J. Hadorn in Spiez wurde der Kauf am 9. Juli 1929 unterzeichnet. Der Kauf beinhaltete Neues Schloss, versichert für Fr.107'100.–, Verkehrswert Fr. 75'000.– Altes Schloss, versichert für Fr.158'100.–, Verkehrswert Fr. 80'000.– Kirche, versichert für Fr. 50'900.–, Verkehrswert Fr. 25'000.– Pavillon, versichert für Fr. 4'000.–, Verkehrswert Fr. 2'000.– Treibhaus, versichert für Fr. 17'700.–, Verkehrswert Fr. 10'000.– Badhaus, versichert für Fr. 2'500.– Der Flächeninhalt der veräusserten Schloss-Besitzung betrug 1 ha 65,70 Aren. Vom Verkauf ausgeschlossen blieben das alte Pfarrhaus und das Verwalterhaus (Le Roselier). Mitverkauft wurde auch die Ursprung-Quelle mit ca. 300 Minutenliter Quellwassererguss. Der Kaufpreis betrug Fr. 290'000.–. Unter den Vertragsbestimmungen ist von Interesse: Nutzen und Gefahr gingen am 1. August 1929 auf die Stiftung über. Der grosse Keller (Trüel genannt) im alten Schloss, ist an die Weinhandlung Regez in Spiez zum jährlichen Mietzins von Fr. 100.– vermietet. Der Stiftung wurde ferner überbunden der Mietvertrag mit Gärtner Wälchli um die Gärtnerwohnung, die Serren (Orangerie) und den Gemüsegarten zum monatlichen Mietzins von Fr. 80.–. Bezug genommen wurde auch auf den Gemeindeversammlungsbeschluss vom 3. April 1929 mit dem Wunsch zur Abtretung des Wallrains an die Gemeinde. Kaum 14 Tage nach der feierlichen Übergabe des Schlosses an die Stiftung starb ganz unerwartet Dr. W. Schiess. Herzanfälle zwei Tage vor dem Ableben zwangen ihn zur Ruhe. Am 14. August trat aber eine Verschlimmerung ein und führte zum Tode. – Alle waren bestürzt und überrascht; man erinnerte sich noch lebhaft an die kräftigen Worte, mit denen der Verstorbene am Bundesfeierabend, bei anscheinend guter Gesundheit, das Schloss an die Stiftung 135

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übergeben hatte. – Der Tod von Dr. W. Schiess kam auch für den Stiftungsrat vollkommen unerwartet. Notar Wehrli äusserte sich zum Tod von Dr. W. Schiess in einem Schreiben an den Stiftungsrat wie folgt: «Es ist ein grosses Glück, dass wir vorher den Kauf tätigten. Einziger Erbe des Verstorbenen ist sein Sohn, der in holländisch Indien weilt und erst 22 Jahre alt ist. Die Witwe Frau Dr. Schiess ist nur Nutzniesserin der Erbschaft. Aus dieser neuen rechtlichen Situation hätten für uns die grössten Komplikationen entstehen können.»

Die Stiftung bemüht sich um die Restfinanzierung Wie aus einem Bericht vom Oktober 1929 des Geschäftsführers W. Wehrli an den Stiftungsrat hervorgeht, entsprach das Ergebnis der ersten öffentlichen Sammelaktion nicht den Erwartungen. Aus der Deutschschweiz gingen von Gemeinden, Industrie, Banken und Privaten, an welche 2800 Beitragsgesuche versandt worden waren, insgesamt Fr. 37'000.– ein, die Subvention von Fr. 30'000.– von Spiez nicht mitgerechnet. Sehr enttäuscht war man vom Echo aus dem Welschland; dort erbrachten 650 Subventionsgesuche bloss Fr. 227.–. Der Stiftungsrat nahm an seiner Sitzung vom 19. Oktober 1929 Kenntnis vom Ergebnis der Sammelaktion und stellte u.a. fest, dass missliche wirtschaftliche Verhältnisse in der Welschschweiz ein Grund für die Zurückhaltung sei. Die Sammeltätigkeit ging weiter, und die Herren Stiftungsräte wurden ermuntert, persönliche Verbindungen spielen zu lassen, um Beiträge und Subventionen zu erlangen. Hängig waren noch Subventionsgesuche an den Staat und die Stadt Bern. Ein Lichtblick waren immerhin die Worte des Regierungspräsidenten Dr. Guggisberg anlässlich der Übergabe des Schlosses am 1. August 1929, als er sagte: «Die Berner Regierung wird das Schloss Spiez ebenso wenig verlassen, als Adrian von Bubenberg Murten.» Die erste Zahlung der Stiftung an Dr. W. Schiess war pünktlich auf den 1. August 1929 erfolgt. Für die zweite Zahlung auf den 1. November 1929 von Fr. 90'000.– wollte man für einen Teil bei der Erbschaft Dr. Schiess um eine Stundung bis Ende Dezember nachsuchen. Für die dritte und letzte Zahlung von Fr. 100'000.– auf den 1. März 1930 sah man vor, eine Obligationen Anleihe von Fr. 100'000.– auszugeben, abgesichert durch eine 1. Hypothek. Der 136

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Erbschaft Dr. Schiess konnten Fr. 160'000.– aus eigenen Mitteln bezahlt werden. Eine Zahlung von Fr. 100'000.– erfolgte im April 1930 durch die Spar- & Leihkasse in Thun, die der Stiftung einen zweijährigen Kredit von Fr. 100'000.– zu 6 % p.a. bewilligte gegen Verpfändung eines Schuldbriefes im 1. Rang. Der Arbeitsausschuss stellte an seiner Sitzung vom 23. September 1929 fest, dass der Zustand des Gartens und des Schlosses und namentlich der Dächer und Treibhäuser wesentlich schlechter war, als aus den Erklärungen von Dr. Schiess vor dem Kauf zu schliessen war. Eine eingehende Besichtigung am Sitzungstage mit Dachdeckermeister Kläy und Spenglermeister Kuhn zeigte leider, dass die Dächer wirklich in einem schlechten Zustand waren. Grössere Aufwendungen für deren Sanierung mussten für die nächsten Jahre vorgesehen werden. Man sah vor, bei der Erbschaft Schiess eine Mängelrüge anzubringen. Der Stiftungsrat ermächtigte den Geschäftsführer Wehrli mit den Erben über eine Reduktion des Kaufpreises zu verhandeln. Auf den 1. März 1930 hatte man der Erbschaft Dr. Schiess nur Fr. 70'000.– der Restzahlung überwiesen und wurde von dieser nun für die noch offenen Fr. 30'000.– betrieben. Der Arbeitsausschuss machte Rechtsvorschlag und suchte in Verhandlungen mit der Erbschaft im Sinne der Mängelrüge eine Reduktion des Kaufpreises um Fr. 16'000.– zu erwirken. Sollte keine Einigung möglich sein, wurde eine schiedsrichterliche Erledigung oder der Gang vor das Obergericht vorgesehen. Nach mühsamen Verhandlungen konnte 1931 ein Vergleich abgeschlossen werden, der die Restforderung von Fr. 30'000.– in einen festen Kredit auf 10 Jahre umwandelte und einen reduzierten Zins von 3 % vorsah. Die Sitzung des Arbeitsausschusses vom 26. Mai 1930 war geprägt von der angespannten Finanzlage der Stiftung Schloss Spiez und der Suche nach weiteren Mitteln. Vorgesehen wurde eine Besichtigung von Schloss und Garten durch die stadtbernische Finanzkommission, der man eine Subvention von Fr. 10'000.– dadurch schmackhaft machen wollte, dass den stadtbernischen Schulen der freie Eintritt für eine Reihe von Jahren zugesichert werden sollte. Die Stadt Bern bewilligte schliesslich eine Subvention von Fr. 5'000.–. – Beim Staat Bern wollte sich der Arbeitsausschuss für einen jährlichen Beitrag von Fr. 10'000.– einsetzen. 137

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Der Arbeitsausschuss hatte für eine erste Etappe der Instandstellung budgetiert: Garten Fr. 7’000.– Gewächshäuser Fr. 12'000.– Couchen Fr. 800.– Gartenbänke, 50 Stück Fr. 2'000.– Terrasse und Geländer Fr. 2'000.– Wohnung Gärtner Fr. 600.– Dach und Känel Fr. 1'500.– Reinigung der Hafenanlage Fr. 1'500.– Instandstellung Fr. 27'400.– Bei den Instandstellungsarbeiten beschloss man nur das Allernotwendigste vorzunehmen. Verzichtet wurde vorerst auf die Reinigung des Hafens und die Erstellung von Bedürfnisanstalten. Bewilligt wurde eine Kredit von Fr. 2'000.– für die Vornahme von Dachreparaturen im Herbst 1930.

Das Schloss Spiez wird im Juni 1930 eröffnet Der Arbeitsausschuss besichtigte am 26. Mai die Gärten und Anlagen und beschloss, Schloss und Park am Sonntag, 15. Juni, zu eröffnen. Man sah vor, die Besichtigung des Schlosses auf Mittwoch, Samstag und Sonntag zu beschränken. Der Ausschuss war mit der Arbeit von Gärtnermeister Wälchli sehr zufrieden. Wälchli wurde vom 15. Juni an als Schlossgärtner und Schlossverwalter angestellt. Familie Wälchli wurde auch mit dem Verkauf von Postkarten und Plakaten beauftragt; «unter allen Umständen ist davon abzusehen, dass der übliche Erinnerungskitsch feilgeboten wird», steht im Protokoll. Zu Reklamezwecken sollten die Plakate von Surbek mit dem Text, «Besuchet Schloss und Gärten Spiez» in den Bahnhöfen angeschlagen werden. – Der Besuch des Schlosses in den Sommern 1930 und 1931 war recht gross, die Eintrittsgelder von Fr. 1.– für Erwachsene und Fr. –.50 für Kinder und Vereine vermochten die Aufwendungen aber in keiner Weise zu decken. Die Eintrittskontrolle und Kasse besorgten Gärtner Wälchli und seine Frau. Einige Einnahmen erwirtschaftete der Gärtner durch den Verkauf von Pflanzen. Der Schlosspark wurde zu einem Anziehungspunkt für Einheimische und Fremde. Wie beschlossen wurden Schloss und Park am Sonntag, 15. Juni 1930, eröffnet. Am 13. Juni war im sogenannten «Spiezer» u.a. zu lesen: «Das erste Ziel der Stiftung ist erreicht, ein Wahrzeichen, ein Sinnbild der Heimat der Allge138

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meinheit zugänglich gemacht zu haben. Eine Ehrenpflicht ist damit erfüllt worden, dieses von Natur und Geschichte bevorzugte Landschaftsbild zu erhalten. Wer hängt nicht am Schloss, an seinem altehrwürdigen Kirchlein, an der eigenartigen Stimmung, die von hier ausstrahlt? ... Wenn heute unsere Freude vor allem der Schönheit der Parkanlagen, der Lage der wellenumspülten Halbinsel gilt, so werden die jetzt noch leeren Säle auch noch lebendig, wenn in wenigen Jahren all der Inhalt an Altertümern und Dokumenten aus den Museen zusammengetragen sind, die im Jahre 1875 auf die Gant kamen...» Man musste damals im Schloss noch leere Säle zeigen, das Wichtigste war aber erreicht, das Schloss war der Allgemeinheit gesichert. Die Kontakte zwischen dem Arbeitsausschuss der Stiftung Schloss Spiez und der Gemeinde waren noch sehr locker, und so war anscheinend der Gemeindevertreter in der Stiftung, Grossrat Huldreich Lörtscher, über die Schlossund Parkeröffnung nicht orientiert worden. An der Hauptversammlung des Verkehrsvereins vom 11. Juni wurde deshalb «mit schwachem Mehr» beschlossen, keine Feier zu veranstalten, da der Gemeinderat nicht orientiert worden war. Der junge, dynamische Sekretär Alfred Heubach hielt sich nicht an den Beschluss. Er liess in der Ortspresse ein Inserat auf die Eröffnung hin erscheinen und organisierte mit Musikverein und Männerchor am Sonntagvormittag des 15. Juni eine kleine Feier im Schlosspark. Alfred Heubach trat bei diesem Anlass sogar als Festredner auf. – Die Rüge protokollierte Sekretär Heubach im Protokoll der Vorstandssitzung des Verkehrsvereins vom 24. Juni 1930 wie folgt: «Schloss Eröffnung. Der Sekretär muss eine formelle Rüge genehmigen in Anbetracht dessen, dass er entgegen eines Hauptversammlungsbeschlusses gleichwohl am offiziellen Tage der Schlosseröffnung, wie es sich gehörte, die Bedeutung des Tages nicht sang- und klanglos vorbeigehen liess, sondern nach dem deutlichen Wunsche der Stiftung handelte und durch die Mitwirkung des Musikvereines und des Männerchors dem Anlass wenigstens ein Quentlein Gepräge zu geben versuchte. Der Sekretär entschuldigt sein Vorgehen mit dem Hinweis darauf, dass ein Auf-Der-Seite-Stehen die Stiftung nicht begriffen hätte und unsern Willen der Mitberatung in den kommenden Schlossfragen hätte beeinträchtigen müssen.» An dieser Sitzung wurde eine Schlosskommission mit folgenden Vorstandsund Vereinsmitgliedern ernannt: Arnold Boss, Hotel Spiezerhof als Präsident; Hans Barben, Gemeinderat; Alfred Barben, Kohlenhandlung; Max Kuhn, Architekt und Alfred Heubach. 139

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Im «Berner Oberländer» vom 20. Juni 1930 war von der Schloss-Eröffnung folgendes zu lesen: «Vom massigen Burgfried wehten schon am Samstag abend heraldisch prächtige Flaggen: gegen Bern die eidgenössische, über dem Schlosstor die bernische und gegen die Berge die Spiezerfarben. Schloss Spiez ist erwacht! Während des Winters regten sich fleissige Hände an allen Orten, das Dickicht des Parkes wurde gelichtet, nach den Plänen des Stadtgärtners wurde gerodet, gegraben, gesät, gepflanzt und heute ist Dornröschen wach, frisch, frühsommerlich zart, reizvoll ohne gleichen. In lauschigen Winkeln laden bequeme Bänke in grosser Zahl zum Ausruhen und zum Geniessen ein. Am Sonntag vormittag fand die offizielle Eröffnung unter Mitwirkung des Spiezer Musikvereins und Männerchors statt, die einen grossen Anhang aus der Bevölkerung mitbrachten. Auch die Kurgäste fanden sich ein, als aus den weiten schattigen Anlagen schöne Klänge über die Gefilde und die Bucht hinschwebten. Herr A. Heubach, Sekretär des Verkehrsvereins, hielt für die Spiezer eine schwungvolle Ansprache, in der die kulturelle und historische Bedeutung des prächtigen Schlosses in Vergangenheit und Gegenwart gewürdigt wurde. Er gedachte, die neueste Geschichte des romantischen Baues streifend, besonders des Geschäftsführers, Herrn Notar Wehrli in Bern, der trotz peinlicher Hemmnisse den Kauf zuhanden der Oeffentlichkeit zustande brachte. Auch für die Zukunft wird das Schloss für Spiez seine besondere Bedeutung haben, und wir freuen uns für alle die Gäste, die in seinen Gärten wandeln oder in den altertümlichen Sälen an Konferenzen tagen werden. Noch sind viele Geldmittel nötig, um die Ausgestaltung zu vollenden; kein Spender wird sein Scherflein bereuen, wenn er herkommt und wahrnimmt welch schöne Tat in der Erhaltung des ehrwürdigen Baukunstwerkes der Stiftungsrat vollbracht hat.» W.K. (Walter Kasser)

Aus der Eröffnungsrede von Alfred Heubach: «Liebe Spiezer! Es ist dem Verkehrsverein die Ehre und schöne Aufgabe zuteil geworden, über die Bedeutung des heutigen Tages an Euch, an die Besucher des ersten öffentlichen Schlosstages einige Worte zu richten. Wir heissen Euch alle willkommen auf diesem Stück uralter Erde, das nun bestimmt ist, auch für die Zukunft zu leben und als Andenken einer ruhmbedeckten Vergangenheit zu zeugen. 140

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Um die Bedeutung des heutigen Tages so recht zu ermessen, wollen wir uns nur wenige Jahre zurück versetzen. Wie sah es damals aus! Wie tat es einem weh, sehen zu müssen, wie eines der schönsten Wahrzeichen unserer Heimat verlassen, unbewohnt auf die Erlösung harrte. Ein zähes Gras wucherte auf den Gartenwegen, man konnte die Angst nicht mehr unterdrücken, dass es je länger je mehr der Verfall bedrohe. Oder wir mussten fürchten, dass unser Schloss eines schönen Tages das Opfer der Spekulation werde. Die Schönheit des Schlosses bekam nach und nach etwas Wehmütiges, Düsteres; die Zukunft sah trostlos aus. Der frühere Besitzer, Herr Dr. Schiess sel. litt unter diesem unerfreulichen Zustande selbst am meisten. Heute stehen Schloss und Park zum Empfange gerüstet da. An allen Tagen soll die herrliche Anlage uns gehören, dem Volk, der Allgemeinheit. Das Dornröschengestrüpp ist verschwunden, das verwunschene Schloss mit seinen Schatten und Schemen ist erlöst, das verstummte Leben erwacht wieder. Der bittere Gedanke, das Schloss verlieren zu müssen, ist für immer verschwunden. Und wie schwer wäre der Gedanke zu ertragen gewesen, ein unzugängliches Schloss zu haben, einen abgesperrten «goldenen Hof», den durch die Jahrhunderte hindurch ein unzerreissbares Geschick mit unserer Ortschaft, mit dem mächtigen Staate Bern verband! Der Platz, auf den eine der ältesten Urkunden des Berner Oberlandes fällt! Wir sind nicht sentimental, aber es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen, dass Schloss Spiez für uns eine Hoffnung, ein wieder gefundenes Glück bedeutet. Ich glaube kaum, dass es einen Spiezer gibt, der nicht sein Schloss immer wieder mit Stolz grüsst, der mit ganzem Gemüt an ihm hängt. Ich verstehe den Spiezer, der von einer frohen burgenbesungenen Rheinreise heimkehrend sagte: «Ein Schloss Spiez mit seinem Thunersee und seinen Bergen gibt es nicht wieder.» Wir wissen, welch ein schönheitsgesegneten Erdenfleck wir hier haben, wir wissen, dass Tausende von diesem einzigartigen Landschaftsbild beglückt sind. Das Schloss ist ein Höhepunkt, ein Brennpunkt unseres Landschaftsbildes. Dazu kommt nun noch der Nimbus einer stolzen Vergangenheit, der es uns so teuer macht. Wir leben ja nicht nur von der Gegenwart und Zukunft, man hat auch eine Vergangenheit hinter sich, und kein Volk kann die Spuren von dem, was hinter ihm liegt, verwischen oder abwerfen. Und so haben wir auch keine Ursache, das historische Sinnbild unseres Schlosses unbekümmert zu übersehen. Das Schloss Spiez ist eines der lebendigsten Denkmäler bernischer und schweizerischer Geschichte. 141

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Und nun die Zukunft? Wir fühlen alle, was Spiez im besondern in seinem ruhmvollen Schloss übernimmt. Wir wissen, wie der zu neuem Leben erwachende «goldene Hof» unsere Ortschaft mit dem ganzen Schweizerlande fester verbindet und mit nah und fern neue Beziehungen knüpft. Er wird viele Herzen begeistern und Tausende an den Thunersee führen. Spiez wird mit der vollständigen Wiederherstellung des Schlosses zu einem Wallfahrtsort, schätze man es als Baudenkmal, als Kulminationspunkt eines unvergleichlichen Landschaftsbildes oder als krönendes Symbol bernischer Geschichte. Das alles kann uns natürlich nicht gleichgültig sein, wir denken an wirtschaftliche Faktoren, an verkehrspolitische Vorteile, an eine gewisse kulturelle Bedeutung, die sich für Spiez auswirken werden. Doch damit übernehmen wir auch die Verpflichtung, nach unsern besten Kräften das Erbe zu erhalten, es zu hegen und zu pflegen. Wir sind diese Ehrfurcht den Mauern und dem Geiste, der daraus spricht, schuldig. Noch bleibt zwar viel zu tun. Heute wollen wir uns vor allem des wunderbaren Parkes freuen, seiner einzigartigen Lage inmitten des prächtigen Rundblickes unserer seeumspülten Berge. Noch einige Jahre Geduld, dann werden die Altertümer und Dokumente der schicksalkundigen Vergangenheit wieder gesammelt und zur alten Ausstattung vereinigt, manches in der ursprünglichen Anlage wieder hergestellt sein. Es braucht aber dazu die Hilfe noch vieler, bis das ganze Rettungswerk vollendet ist. Unsern Dank aber der Stiftung Schloss Spiez, die mit entschlossener Tat handelte, helfend eingriff und unserm Volke dies bedeutsame, ehrwürdige Denkmal sicherte. Dank vor allem auch dem Initianten der Schlosserwerbung, Herrn Notar Wehrli. Dank gebührt auch der Gemeindebehörde von Spiez, welche die Einwohnerschaft zur tatkräftigen Mithilfe aufrief und sich mit einem grossen Beitrag der schönen und edlen Sache würdig zeigte. Wir aber wollen das Vermächtnis mit Liebe und Treue bewahren und verehren: Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen.» Die Worte von Alfred Heubach zeugen vom «feu sacré» mit dem er sich für das Schloss begeisterte. Im Jahr 1917 war A. Heubach an die Primarschule Spiez gewählt worden, wohnte anfangs bei Dr. med. Wilhelm Regez, lernte so die Verhältnisse in Spiez kennen und wusste deshalb, wovon er sprach. 142

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Grosse finanzielle Sorgen Der Stiftungsrat stellte im Juni 1931 an den Regierungsrat des Kantons Bern ein Gesuch um Bewilligung einer zweiten Lotterie im Betrage von Fr. 500'000.–. Man suchte zudem einen Bankkredit von Fr. 10'000.–, den man von der Kantonalbank auch erhielt, um die laufenden Ausgaben zahlen zu können. Die Zinsen für den Kredit von Fr. 100'000.– bei der Spar- & Leihkasse Thun blieb man schuldig. Die Finanzlage war angespannt und die Beschaffung neuer Mittel dringend. Die einzige Rettung sah die Stiftung in der Lancierung einer zweiten Lotterie und stellte in dem Sinn beim Regierungsrat ein Gesuch. Eine Delegation des Stiftungsrates mit den Herren Nationalrat Schüpbach, Fürsprecher A. Raaflaub, Architekt Indermühle und Notar Wehrli sprachen im Dezember 1931 beim zuständigen Regierungsrat Stauffer vor und versuchte, die Erlaubnis für eine zweite Lotterie zu erwirken. Der Stiftungsrat hatte mit Brief vom 6. November 1931 das Gesuch wie folgt begründet: «Der Ertrag der Lotterie soll verwendet werden zur Tilgung der restlichen Kaufpreisschuld, sowie als Beitrag an die Restaurationskosten des alten und des neuen Schlosses und zur Schaffung eines Betriebsfonds. Die Schlossbesitzung ist am 1. August 1929 in unser Eigentum übergegangen. Bereits im Frühjahr 1930 öffneten wir die Parkanlagen und das alte Schloss dem Publikum, und seither sind ständig Verbesserungen und Verschönerungen im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden bescheidenen Mittel vorgenommen worden. Schloss und Park Spiez sind heute schon ein Anziehungspunkt des Berner Oberlandes, und jedermann erwartet den Ausbau und die Vollendung des Werkes. Dass dies Zeit und reichliche Geldmittel erfordert, ist eine Selbstverständlichkeit, die vom grossen Publikum meist übersehen wird, so dass immer Klagen laut werden, es gehe viel zu langsam vorwärts...» In den Restaurations- und Umbauarbeiten sah man aber auch ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der Gemeinde Spiez. Regierungsrat Stauffer nahm eine ablehnende Haltung ein, er kritisierte unter dem Eindruck der Krise (1931) die Höhe des Kaufpreises von Fr. 290'000.–. Notar Wehrli wehrte sich mit den Argumenten, dass die Grundsteuerschatzung Fr. 383'000.– betrage und die Verhandlungen in einem Zeitpunkt erfolgten, da «von der heutigen schweren Krise kein Mensch eine Ahnung hatte». Wehrli wies darauf hin, dass Dr. Schiess das Schloss unbedingt verkaufen wollte und auch mit andern Interessenten in Verhandlungen war. Er führte ins Feld, dass Dr. Schiess ursprünglich einen Preis von Fr. 400'000.– gefordert hatte und mit 143

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Dritten auf dieser Basis verhandelte. Alle Argumente fruchteten nichts, auch ein Gespräch von Grossrat Huldreich Lörtscher von Spiez mit den Herren Regierungsräten Stauffer, Guggisberg und Bösiger blieb erfolglos. Regierungsrat Stauffer lehnte das Gesuch kategorisch ab mit der Begründung, während der Krisenzeit seien überhaupt keine Lotterien zu bewilligen. Die prekäre finanzielle Situation kommt in einem Brief Notar Wehrlis an Nationalrat und Stiftungspräsident H. Schüpbach vom 29. Mai 1933 zum Ausdruck. Geschäftsführer Wehrli schrieb: «Es ist unbedingt notwendig, dass in unserer Angelegenheit etwas entscheidendes geht. Ich kann die Löhne nicht mehr bezahlen, mangels Mittel. Die Spar- und Leihkasse in Thun hat für die verfallenen Zinse Betreibung auf Pfandverwertung eingeleitet. Der Zahlungsbefehl ist mir am 27. Mai zugestellt worden... Ich könnte im Falle der ablehnenden Haltung der Regierung die Verantwortung nicht mehr übernehmen...» Der Stiftungsrat gab nicht auf und kämpfte für eine zweite Lotterie weiter; so mit einem erneuten Schreiben an die Kantonale Polizeidirektion vom 19. Juni 1933, in dem der Stiftungszweck, die finanzielle Basis und die vorgesehenen Bauetappen beleuchtet wurden. – Es bemühten sich zur gleichen Zeit aber noch andere um die Erlaubnis für die Durchführung einer Lotterie. Da war z.B. der Verein Bielerseeschutz, der von Regierungsrat Bösiger gefördert wurde. Es zeichnete sich nun die Möglichkeit ab, dass sich die Stiftung Schloss Spiez an einer kantonalen Lotteriegenossenschaft beteiligen konnte. Am 20. September 1933 erhielt Notar Wehrli von der Eisenbahndirektion folgende Einladung zur Teilnahme an einer Sitzung am folgenden Tag: «Sehr geehrter Herr, Beim Regierungsrat des Kantons Bern sind verschiedene Lotterie-Gesuche anhängig gemacht worden, die auf eine gemeinnützige Förderung der Bestrebungen des Naturschutzes, sowie der Verkehrswerbung hinzielen und damit gleichzeitig auch der Arbeitsbeschaffung dienen wollen. Der Regierungsrat ist aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage, alle diese Lotterien einzeln sofort oder in nächster Zukunft zu bewilligen. Da sich die in Frage stehenden, verschiedenen Lotterien der Zweckbestimmung nach sehr ähnlich sind, also manches gemeinsam haben, erachtet der Regierungsrat für einmal die Zusammenfassung dieser Bestrebungen in einer einzigen grossen Lotterie, als sehr angezeigt. Unter der Voraussetzung, dass sich die verschie144

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denen Interessenten zu einer Lotteriegenossenschaft zusammenfinden, nimmt er einen entsprechenden, zunächst grundsätzlichen Beschluss in Aussicht und es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Regierungsrats-Beschluss schon morgen gefasst wird. Behufs Konstituierung der vorgesehenen Lotteriegenossenschaft, beehren wir uns Sie hiermit einzuladen zu einer Sitzung, die Donnerstag, den 21. September 1933, 17 Uhr im Sitzungssaal Nr. 6 des Tscharnerhauses (Münsterplatz 12, Bern) stattfindet.» Notar Wehrli nahm an der für die Stiftung Schloss Spiez so wichtigen Sitzung teil und hat wohl aktiv an den Statuten der «SEVA» mitgearbeitet. Die Lotterie hatte zum Zweck, Gelder für den SEeschutz, die Verkehrswerbung und die Arbeitsbeschaffung zu erwirtschaften. An der Genossenschaft beteiligt waren: der Verein Bielerseeschutz in Biel, der Uferschutzverband Thuner- und Brienzersee, die Stiftung Schloss Spiez und die Verkehrswerbung. Die erste Lotterie sah eine Lossumme von Fr. 2'000'000.– vor, an der die vier Beteiligten mit je einem Viertel partizipierten. Für die Verteilung des Reinertrags war der Regierungsrat zuständig. Gemäss den Statuten waren die folgenden Korporationen beteiligt: • Verein Bielerseeschutz, mit Sitz in Biel, • Uferschutzverband Thuner- und Brienzersee in Interlaken, • Stiftung Schloss Spiez, mit Sitz in Bern, • «Société jurasienne de développement», mit Sitz in Delémont, • Verkehrsverein des Berner Oberlandes, mit Sitz in Interlaken, • «Association pour la défense des intérêts économique du Jura», mit Sitz in Moutier, • Berner Alpenbahn-Gesellschaft Bern-Lötschberg-Simplon, mit Sitz in Bern. Am 12. Dezember 1933 fand die Gründungsversammlung der Lotteriegenossenschaft in Bern statt. Für die Stiftung Schloss Spiez war es sicher ein Vorteil, dass ihr Präsident, Bundesrichter Paul Kasser, zugleich zum Präsidenten der SEVA gewählt wurde. Die Stiftung hatte sich mit Fr. 1'000.– an der Genossenschaft zu beteiligen. Ein jährlicher Beitrag des Kantons von ursprünglich Fr. 5'000.– wurde 1933 auf Fr. 4'000.– und 1934 auf Fr. 3'000.– gekürzt. Die Stiftung war gezwungen, den Kredit bei der Kantonalbank um Fr. 10'000.– zu erhöhen, um die laufenden Ausgaben zahlen zu können. – Im März 1934 floss in die Kasse der Stif145

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tung ein Anteil vom Sammelergebniss des Schweizerischen Bundesfeierkomitees von Fr. 5'000.–. – Trotz finanzieller Engpässe liess die Stiftung auf Sommer 1934 bei K. Wyss Erben 3000 Broschüren «Schloss Spiez» drucken. Der informative Text stammte von Prof. Dr. H. Türler, die Umschlagzeichnung von Paul Boesch. Der Aufbau der Stiftung Schloss Spiez fiel in die schwierigen Jahre der Weltwirtschaftskrise. Die Krise nahm den Anfang mit dem Schwarzen Freitag an den amerikanischen Börsen vom 24. Oktober 1929. Die wirtschaftliche Depression weitete sich auf Europa aus und führte 1931 zum Zusammenbruch europäischer Banken. Als Beispiel der schwierigen Finanzlage sei erwähnt, dass die Gemeinde Spiez gezwungen war, 1935 und 1936 bei den Gemeindefunktionären und Lehrern einen Besoldungsabbau von ca. 5 % vorzunehmen, um die sinkenden Steuereinnahmen und die zunehmenden Aufwendungen für die Arbeitslosen im Budget aufzufangen.

Ein Lichtblick in der Krisenzeit Im September 1934 konnten die Vertreter der Stiftung von der neu entstandenen SEVA Lotteriegenossenschaft einen voraussichtlichen Gewinnanteil von Fr. 200'000.– erwarten, der 1935 zur Realität wurde. Damit konnten sämtliche Schulden getilgt werden, und für die Dachreparaturen blieben noch Fr. 18'000.–. Um die Beteiligung am Reingewinn der zweiten Seva Lotterie, deren Ziehung am 20. Dezember 1935 stattfand, mussten die Stiftungsräte wieder kämpfen. Am 25. Oktober 1935 wurde an den Regierungsrat das Gesuch gestellt, vom Lotteriegewinn der Stiftung Schloss Spiez einen Betrag von Fr. 200'000.– zuzuweisen, der primär für den Umbau und die Restauration des neuen Schlosses (Fr. 126'200.–) und der Rest als Betriebskapital verwendet würde. Es flossen schlussendlich bloss Fr. 100'000.– in die Kasse der Stiftung und zudem wurde die jährliche Subvention von Fr. 2'700.– vom Staat gestrichen. Von der 3. SEVA Lotterie gab es 1937/38 Fr. 100'000.– in drei Raten. In der Folge nahmen die Gewinnausschüttungen der SEVA Lotterie weiter ab und die finanzielle Lage wurde wieder prekär. Das änderte sich glücklicherweise von dem Moment an, als die SEVA ihren Losumsatz durch neue Lotterieangebote zu steigern vermochte und sich auch am Reingewinn aus dem Schweizer Zahlenlotto beteiligen konnte. 146

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Indessen trat am 1. Januar 2004 das neue bernische Lotteriegesetz in Kraft, wodurch sich die Zahl der Genossenschafter auf über 30 erhöhte. – Die SEVA wird zur Zeit liquidiert und hat sich am 1. Januar 2003 mit andern Lotterien zur SWISSLOS mit Sitz in Basel zusammengeschlossen. Wie sich die finanzielle Zukunft für das Schloss Spiez entwickeln wird, ist ungewiss. Es ist zu hoffen, dass sich der mutige Einsatz der Vorkämpfer aus den Anfangsjahren auch in der kommenden Zeit fortsetzt und das Schloss Spiez dem Schweizervolk auch in alle Zukunft erhalten bleibt.

Bauliche Renovationen Man machte sich im Stiftungsrat von Anfang an Gedanken über die Zukunft des Schlosses. Architekt Karl Indermühle in Bern wurde deshalb beauftragt, ein Umbauprojekt mit Kostenvoranschlag zu erstellen. Bereits am 10. Dezember 1931 lieferte Indermühle Planaufnahmen vom Schloss und der Kirche und skizzierte die Baugeschichte. Er fand, das Äussere des alten Schlosses sei verhältnismässig gut erhalten und weise wenig störende Eingriffe auf. Als verbaut taxierte er das 1880 durch von Wilke mit Eisenvorbauten, Dachgiebeln und einem unpassenden Erkeranbau veränderte neue Schloss. Zum alten Schloss meinte Indermühle: «Fussböden, Wandverkleidungen und Decken sind meist billig in der Wohnungsbauart des 19. Jahrhunderts gehalten. Die fälschlicherweise mit 1614 datierten Stuckarbeiten ... rühren aus den Fünfziger-Jahren des 19. Jahrhunderts her. Sie sind im Gegensatz zu der allgemeinen Wertschätzung von minderer, künstlerischer Qualität; in ihrem Formausdruck entsprechen sie der damals und noch heute spottmässig mit «Jesuitenstil» bezeichneten Richtung.» Indermühle empfahl, das alte Schloss in die Wohnkultur der Zeit der Bubenberg vor 1500 zurückzuversetzen. Er errechnete approximative Kosten von Fr. 90'000.– für den Umbau des neuen Schlosses; Fr. 185'000.– für Restaurations- und Rekonstruktionskosten inklusive Mobiliar, für das alte Schloss, und Fr. 34'000.– für die allgemeine Restauration der Kirche. In den Jahren 1930 bis 1935 wurden die ersten und dringendsten Erhaltungsarbeiten vorgenommen und die Ost-, Nord- und Westseite von der üppigen Baum- und Gestrüppvegetation befreit. Das führte dazu, dass die Bauformen von der Land- und Seeseite wieder sichtbar wurden. Nachdem der Schlossgraben vom Walddickicht befreit war, konnte man auch die Brunnenanlage vor dem Tor restaurieren. 147

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Die störenden Dachgiebel, Erkertürmchen, Anbauten und Terrassen am neuen Schloss aus der Aera von Wilke wurden im Winter 1936/37 entfernt. Die nicht so leichte Gestaltung dieses Schlossteils geht auf den ersten Plan von Architekt Indermühle zurück und ist von Kantonsbaumeister Egger und Architekt Mützenberg gelöst worden. Dem neuen Schloss gab man damals eine schmucke barocke Form, die aber nicht der ursprünglichen schlichten Ansicht entsprach. – Zur gleichen Zeit wurden auch die Innenräume des alten Schlosses restauriert mit dem Ziel, das Schloss in die Zeit der Bubenberg zurück zu versetzen. Die kassettenartige Stuckdecke der Eingangshalle und der Stuck der umhüllten Säule wurden weggeschlagen, und zum Vorschein kamen die russgeschwärzte Balkendecke und die gotische Säule. Über der Aussentüre zur Eingangshalle wurde nach Sondierungen unter Verputz eine quadratische Supraporte aus Sandstein gefunden, ein reichverziertes Wappenfeld der Erlach und Steiger. – In der Gerichtshalle im 1. Stock wurde die Gipsdecke mit den Wappen der von Erlach und von Graffenried vorerst nicht entfernt; der Raum wurde mit Waffen und vier Harnischen aus dem Landesmuseum Zürich ausgestattet. – In der sogenannten Adrian von Bubenbergstube und der Erlachstube (Eckzimmer) wurden Ölfarbe und Tapeten beseitigt. Beim Entfernen der Decke der Bubenbergstube kamen schliesslich Spuren einer gotischen Holzdecke zum Vorschein, die restauriert wurde. In der Bubenbergstube stiess man auf ein Meisterstück, das als Blindholz versteckt war, ein 6 Meter langes Fries mit einer Jagdszene, die durch Pflanzenornamente und Steinbock, Hirsch und Hund dargestellt wird. Im Eckzimmer konnte die im Schweizerischen Landesmuseum lagernde Decke zurückgeholt und wieder eingebaut werden, ebenso der zurückerstattete Ofen mit den Wappen des Schultheissen Hans von Erlach und seiner Frau Marg. von Mülinen. Die zwei Zimmer konnten mit gotischen Tischen und Truhen möbliert werden. Architekt Indermühle hatte sich vor allem bei der Beurteilung der Stuckdecken geirrt. Zum Glück fehlte in den 30er Jahren das Geld, so blieb die Stuckdecke im Festsaal vom Jahr 1614, die er als «minderer Qualität» einstufte, erhalten. Noch im Juni 1937 schrieb Paul Kasser im «Kleinen Bund»: «Der Zustand des zweiten Stockwerkes stellte den Arbeitsausschuss vor schwierige Probleme. Von historischem Wert waren hier eigentlich bloss das Fragment der gotischen Decke im Nebenraum, ein monumentaler grüner Turmofen des 18. Jahrhunderts im Renaissancezimmer und der grosse Kamin im Korridor. Sollte alles andere herausgerissen, das gotische Zimmer im ursprünglichen 148

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Ausmass wieder hergestellt und der Saal mit Hilfe der verkohlten Muster rekonstruiert werden? Eine solche Radikallösung wäre wohl im Sinne Indermühles gelegen...» – Es war das Verdienst Alfred Heubachs im Staatsarchiv in Bern herauszufinden, dass die Stuckaturen im Festsaal echt sind. In einem Brief vom 15. Juli 1939 schrieb Alfred Heubach an den Präsidenten der Stiftung, Bundesrichter Dr. Paul Kasser: «Das Rätsel der Datierung unserer Festsaaldecke und der Stuckaturen ist endlich gelöst und die Antwort auf die nun jahrelang gestellten Fragen heisst: 1614! Also doch echt und wir hätten im Festsaal, da nun der Frühbarock feststeht, das Beispiel einer reichgeteilten und interessanten und kunstgeschichtlich bedeutenden Reliefkomposition. Den Beleg fand ich gestern in einem der vielen Hausbücher des Franz Ludwig von Erlach, nachdem ich letztes Jahr mehrere dieser Art vergeblich durchblätterte...» Die wertvolle Stuckdecke im Festsaal von Antonio Castello aus Melide von 1614 war damit gerettet.

Aussteller und Benutzer der Anfangszeit Die Trüelzimmer nahmen in den 30er Jahren eine Ausstellung des Heimatwerks des Berner Oberlandes auf mit Verkauf von Heimarbeiten der Holzschnitzerei, Keramik, Handweberei und Klöpplerei. Ein Raum war als Arbeitsstube mit Webstuhl und Schnitzlerbank eingerichtet. Zwei Zimmer des neuen Schlosses wurden der bernischen Trachtenstube zur Verfügung gestellt. – Eine enge Beziehung zum Schloss hatten damals die Spiezer Pfadfinder. Die Abteilung mit dem verpflichtenden Namen «Stärn vo Bubebebärg» wurde 1933 im Schlosshof gegründet, und drei Fähnli durften in den Jahren 1935/37 Zimmer in der damals noch unterteilten Bubenberghalle benützen.

Feierliche Eröffnung am 12. Juni 1937 Mit einer schlichten Feier wurde das Schloss an einem schönen Sommertag, am Samstag, 12. Juni 1937, eröffnet. Im Schlosshof begrüsste der Präsident der Stiftung Schloss Spiez, Bundesrichter Dr. Paul Kasser, eine illustre Gästeschar, die durchs Gürbetal in einem «Blauen Pfeil» angereist war. Darunter befanden sich die Herren Regierungsräte Seematter, Dürrenmatt, Bösiger und Rudolf und Mitglieder des Bundes- und des bernischen Obergerichts, der SEVA, der Gemeindebehörden von Spiez und der Presse. Dr. Paul Kasser er149

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innerte an den 10jährigen Bestand der Stiftung, die aus einem heimatschützlerischen Gedanken heraus entstanden war, und hielt einen orientierenden Vortrag über die Schlossgeschichte von 1927 bis 1937. Er verwies auf die noch bevorstehenden Renovationen von Schlossturm und Kirche und dankte allen, die zum guten Gelingen beigetragen hatten. Ein Gang durch das Innere des Schlosses zeigte den Besuchern die renovierten und neu gestalteten Räume und machte sie mit den weiteren Bauplänen der Stiftung vertraut. Ein Imbiss auf der Schlossterrasse und Vorträge der Trachtengruppe rundeten den Anlass ab.

Die Renovation des Schlossturms Im Frühjahr/Vorsommer 1939 konnte unter Leitung von Architekt Otto Schmid, Konservator im Schloss Chillon, der Schlossturm saniert werden. Im Laufe der Zeiten hatte der Turm sein ursprüngliches Aussehen etwas verloren: An den Aussenseiten wurde durch unschönen Verputz die charakteristische Mauertechnik des ungefügen, aus Findlingen und Feldsteinen aufgeführten Unterbaues und des regelmässigen, mit Buckelquadern gemauerten Oberbaues stark verdeckt. Der uralte Raum im ersten Stock, ein Wohngemach zur Ritterzeit, hatte durch den Umbau des Kamins in einen Gefängnisraum sein ursprüngliches Aussehen verloren. Es musste das Problem gelöst werden, wie die hässlichen Eisenspangen entfernt und die Rissbildung im Oberbau behoben werden konnten. Über 100 Säcke Zement wurden verbraucht, um die Risse im Turm durch Betoneinspritzungen und Eisenbeton-Verzahnungen zu sichern. Zudem liess O. Schmid die Unterzugsbalken im Dach und die Wehrplatte im obersten Stock mit verdeckten U-Eisen verstärken. – Die schlimmen Risse bis in die untere Turmhälfte sollen von einem Erdbeben im Jahr 1729 herrühren. – Nach diesen Sicherungsarbeiten konnten die Eisenspangen und seitlichen Kantenverkleidungen entfernt werden. Der störende Aussenverputz wurde entfernt, dabei kam die Sonnenuhr zum Vorschein, die von Kunstmaler Alfred Schmidiger restauriert wurde; dieser stellte auch die Allianzwappen von Erlach – Steiger auf den Mittelzinnen wieder her. Zimmerleute mussten die zum Teil morschen Böden im Turm ersetzen und Treppen und Balkenlagen erneuern; im Dachstuhl wurden einige Teile ersetzt. Die Innenrenovation ging darauf aus, den Wohncharakter einer weit zurückliegenden Epoche wieder herzustellen. Bei der Renovation erkannte Architekt Schmid auch die Ritzzeichnungen im Hartgips der Kaminnischen im ersten Stock des Turmes und wies auf die Verwandtschaft mit jenen im Schloss Chillon hin. 150

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Neben dem Projektverfasser und bauleitenden Architekten Otto Schmid wirkten bei der als Experte des Staates und der eidgenössischen Kommission für Kunstdenkmäler, Kantonsbaumeister Max Egger mit; die örtliche Bauleitung lag in den Händen von Architekt und Kunsthistoriker Alfred Schätzle und aktiv dabei war auch Alfred Heubach. – Die Arbeiten des örtlichen Bauleiters, Alfred Schätzle von Einigen, ist vielleicht etwas zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Wohl wegen seinen Honorar- und Spesenansprüchen trennte sich der Arbeitsausschuss im Herbst 1940 von ihm. Alfred Schätzle führte ein interessantes Tagebuch über die Turmrenovation. Er begleitete auch die Aufstellung des Erlachofens aus dem Schweizerischen Landesmuseum. Von Alfred Schätzle stammt eine aufschlussreiche Dissertation über das Schloss, die leider nie publiziert wurde. (Aufbewahrungsort: Kant. Denkmalpflege Bern) Nach eingehenden Untersuchungs- und Vorarbeiten in den Jahren 1941/45 wurde 1949/50 die Schlosskirche restauriert. Eine überaus heikle Frage stellte sich dem Stiftungsrat in Bezug auf das Wie: Sollte sie im barocken Zustand von 1949 belassen und bloss renoviert, oder in die frühromanische Form zurückgeführt werden. Er entschied sich knapp für die zweite Lösung. *** In diesem Bericht «75 Jahre Stiftung Schloss Spiez» geht es nicht darum, die interessante Geschichte von 1929 bis 2004 aufzurollen, das würde ein Buch füllen. Ich habe lediglich versucht, die Ausgangslage zu schildern und die treibenden Kräfte aufzuzeigen, die zur Gründung geführt haben, vor allem aber auch die enormen finanziellen Anfangsschwierigkeiten zu beleuchten, und schliesslich auch die erfolgreichen Ergebnisse zu skizzieren, die das Schloss Spiez der Stiftung zu verdanken hat. Alfred Stettler

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Das Schloss um 1925. Der Schlosspark ist stark überwachsen.

Schlosshof im Dornröschenschlaf um 1928 (Foto: A. Krenn)

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Der Festsaal mit der wertvollen Stuckdecke vom Jahr 1614 von Antonio Castello

Inserat der Stiftung Schloss Spiez vom 13. Juli 1928 im damaligen «Berner Oberländer»

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Das ehemalige «Park-Hotel Oberhofen» Ein Beitrag zur Bau- und Familiengeschichte von Oberhofen 1865–1929

Einleitung Das Gebäude des ehemaligen «Park-Hotel Oberhofen» musste 1996 der 1. Bauetappe der Überbauung «Elisabeth» weichen. Heute gibt es zwar wieder ein «Park-Hotel», das glücklicherweise im Buch «Riviera am Thunersee» (Flückiger 2002) mit dem alten Namen «Montana» bezeichnet wird. In diesem Buch ist ein Kapitel den Bauten der Fremdenindustrie gewidmet und in einer Tabelle werden alle Hotels und Pensionen, welche in den Jahren 1853 bis 1918 in Oberhofen entstanden, aufgezählt. Auf Seite 185 (Abbildung 7) fand ich eine frühe Photographie des Hanges über dem Dorf. Die Aufnahme zeigt im Vordergrund das «Hotel Moy» und im Hintergrund das «Park-Hotel». Leider ist die Legende zur Abbildung 7 falsch: das Hotel im Hintergrund, hoch oben am Hang, wo sich heute die Terrassen-Überbauung «Elisabeth» befindet, ist das ehemalige «Park-Hotel Oberhofen», das spätere «Hotel Elisabeth», und nicht die «Viktoria». Im Jahr 1983 erschien die «Chronik von Oberhofen» von Erwin Heimann (Heimann 1983). Sie enthält zahlreiche Bilder und eine Liste der Hotelbetriebe. Die Liste wurde einem Werbeprospekt aus dem Jahr 1928 entnommen. Auch Flückiger (2002) führt in einer Tabelle alle Pensionen und Hotels auf, die in den 63 Jahren von 1865 bis 1928 entstanden. Wertvolle Bilder und Angaben findet man auch im Buch «Mein Thunersee; Rechtes Ufer» (Krebser 1984). Autorennamen und Jahrzahlen in Klammern verweisen auf den chronologisch angeordneten Quellen- und Literatur-Nachweis am Schluss dieser Arbeit. Wörtlich zitierte Sätze aus Quellen (Publikationen, Briefe) sind in kursiver Schrift. In Klammern gesetzte genealogische Angaben, wie Johann (* 21.1.1821/ ✝ 20.3.1884), sind wie folgt zu lesen: Johann wurde am 21. Januar 1821 geboren und starb am 20. März 1884. 155

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Die Anfänge der Fremdenindustrie in Oberhofen «Der sömmerliche Touristenzug ist eine Eigenthümlichkeit unserer Tage, von welcher kein früheres Zeitalter etwas wusste» berichtet Abraham Roth (1873 p. 3,8) und er fährt weiter, dass die Berneralpen «mit allem Fug die Perle der Alpenwelt genannt werden und dass die fremden Besucher dieses herrliche Ländchen nicht nur durchschweifen, sondern auf Wochen und Monate zu bewohnen lieben, davon zeugen die zahllosen, Jahr für Jahr noch neu aus dem Boden schiessenden ‹Pensionen› aller Art.» Benedict Moy, ein Gärtner aus dem Neuenburgischen zugewandert, «war der erste, der an die grosse neue Entwicklung glaubte» (Krebser 1984 p. 131). Er liess bereits vor dem Brand von Oberhofen (1864) ein einfaches Logierhaus bauen, das niederbrannte, doch liess er es sofort wieder aufbauen und später zu einem Hotel mit 100 Betten erweitern. «Das Beispiel Moys machte Schule, es entstanden weitere Hotels, die Gäste erschienen immer zahlreicher am Thunerseeufer» (Heimann 1983 p. 130). Nach der Liste des Werbeprospekts aus dem Jahr 1928 gab es damals 12 Gastbetriebe mit insgesamt 480 Betten in Oberhofen. Wenn man vom «Bären» absieht, welcher schon lange das einzige Gasthaus in Oberhofen war, so entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur das Hotel «Moy» und die Pensionen «Favorita» und «Oberhofen». Das «Moy» wurde aber immer wieder erweitert, letztmals im Jahr 1906. Erst nach der Jahrhundertwende entstanden dann weitere 4 Pensionen und Hotels, die «Viktoria» 1903, das «Kreuz» 1908, das «Park-Hotel» 1909 und die «Montana» 1913 (Abb.1). Allerdings bestehen gewisse Unterschiede zwischen den Angaben von Heimann und Flückiger. In der Tabelle des Letztern fehlen Angaben über das Hotel «Schönau», das schon um 1910 bestanden hatte. Auch die Pension «Dragula», die spätere «Speranza», ist nicht in beiden Angaben enthalten. Von dieser Pension gibt es eine Abbildung in Krebser (1984 p. 131), die mit 21. April 1903 datiert ist. Die Tischmacher-Linie der Frutiger von Oberhofen Im Jahr 1872 wurde der Einwohnerverein Oberhofen gegründet, dessen erster Präsident der Baumeister Johann Frutiger war. Unter den 14 Gründern befand sich auch ein Johann Frutiger, Schreiner, und ein Jakob Frutiger, Zimmermann, und es könnte sein, dass es sich beim Johann (*21.1.1821/ ✝20.3.1884 Abb. 2) um einen Vorfahren von Christian Frutiger, dem Tischmacher (Schreiner), handelt. Von Johann haben sich bis heute 17 Briefe erhalten, welche er in 156

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den Jahren 1877 bis 1884 an seinen jüngsten Sohn Gottlieb schrieb, welcher damals in der Fremde, in Paris, weilte. In den Briefen kommen immer wieder die Sorge um den Sohn und Ermahnungen zu gutem Verhalten zur Sprache. Nebenbei vernehmen wir aber auch Einiges über das Geschehen im Dorf. Hier seien solche Angaben wörtlich zitiert: 9. Dez. 1877: Christian hat immer noch Arbeit von Frutiger. Er macht gegenwärtig 11 Grosse geschweifte Fenster in ein Haus auf dem Aarefeld in Thun. Jakob ist bei ihm Gesell. – Ich will meine Reben bis an die Ruten ausreuten... 28. Okt. 1881: Am 24. Oktober ist bei uns ganze Gemeind abgehalten worden. Da ist dein Bruder Christian Einwohnergemeinderat geworden. – Chr. ist diesen Herbst wieder mit einem Sohn und Gritli (Margarete *1856) mit einer Tochter begabt worden. 13. Aug. 1882: Die Pensionen ... und Moi sind ziemlich foll. Auch Joh. hat auch immer ein par Pensionäre. Hingegen ist diesen August Pensionshalter Moi gestorben. – Es giebt jetzt für die ärmere Klasse Leute wieder Arbeit. – Die Merligen Neuhaus Strasse wird diesen Herbst in Arbeit genommen. Schnitzler Manis haben uns die Behausung auf 11 Novemb. aufgesagt. 12. Nov. 1882: Unser Chr. und Frutiger Baumeister sind ganz zerfallen gegen einander weil Frutiger immer die Fremden vorzieht. – Und Frutiger Baumeister hat diesen Sommer ein grosser Schopf mit einer Scheune ob dem Obersten Brunnen ob Abraham Baurs Haus lassen bauen und auf der Richtstadt eine Saage. Auch hat er die Merlig Neuhaus Strasse übernommen. Da arbeiten gegenwärtig 150 Mann daran. 4. Febr. 1883: Hingegen Chr. hat, wie man sagt, von der Hand ins Maul Arbeit. 21. April 1883: Chr. hat jetzt Arbeit zu seinem Schwiegervater in seinem neuen Hause auf dem Belpberg, sonst hätte er auch wenig. – Der Chr. hat seitdem ich diesen Brief geschrieben habe wieder einen Sohn bekommen. 12. Okt. 1883: Die Baumeister Frutiger haben beide keine Arbeit mehr. Christian hat immer Arbeit. Christian (*28.2.1852, Abb. 3) war Schreiner und einer der vier Söhne vom Briefschreiber und mein Grossvater. Er hat also als Dreissigjähriger seinem Arbeitgeber, dem Baumeister Johann Frutiger, gekündigt und sich selbständig gemacht. Er erlebte die ganze Blütezeit der Fremdenindustrie als junger Mann und entschloss sich deshalb ebenfalls, ein Hotel zu bauen, um von der günsti157

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gen Zeit zu profitieren. Am 5. März 1907 kaufte er eine Liegenschaft im Aebnit im Halte von 82,67 Aren. Ein Jahr später, kauft er wieder «ein Stück Mattund Ackerland», im Halte von 17,28 Aren, auf welcher eine Scheune steht und am 30.August 1909 folgt noch der Kauf von 2,99 Aren Ackerland im Neuenacker. In den drei Jahren wurde also Land im Halte von 1 ha und 3 Aren zusammengekauft. Die Baubewilligung für das Hotel wurde am 19. November 1908 erteilt. Es ging dann rasch vorwärts, denn der Bau trägt die Jahrzahl 1909. Wer den Bau ausführte, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, es ist jedoch anzunehmen, dass es der Baumeister Johann Frutiger war. Christian hatte 5 Söhne und 4 Töchter, die ihn im Betrieb des Hotels unterstützen konnten. Der älteste Sohn Rudolf *25.9.1878 war Architekt und zeichnete die Baupläne. Ein anderer Sohn, Hans, mein Vater *27.3.1887, war Koch und Konditor und konnte, allerdings nur zeitweise, in der Küche arbeiten. Die Töchter waren auch im Hotelbetrieb tätig. Dass dies der Fall war, bezeugt eine Begebenheit, die sich während des Krieges 1914-1918 ereignete. In dieser Zeit fehlten die Gäste, was sich vermutlich später fatal auswirkte. Immerhin konnte das Hotel mit Internierten belegt werden. Eine der Töchter, Hanni *13.12.1890, lernte einen internierten Franzosen kennen und am 4. Oktober 1919 fand die Hochzeit mit Raymond Debarge statt. Die Abb. 4 zeigt den Prospekt für das «Park-Hotel Oberhofen», auf dessen Rückseite sind Angaben über das Hotel und dessen Umgebung in französischer und englischer Sprache. Auf Französisch lauten sie wie folgt: «Maison confortable avec situation splendide, sans poussière. Vue magnifique sur le lac de Thoune et sur les Alpes. Grand parc. Belles promenades dans les forêts à toute proximité. Bains dans la maison, Bains au lac. Grand choix de vins et cuisine excellente. Ouvert toute l’année. La situation climatique est spécialement recommandée par son air absolument pure. FAMILLE FRUTIGER, Propr.» Nicht besonders lange, nur 16 Jahre, war das Hotel im Eigentum von Christian Frutiger, denn am 20. Mai 1925 wurden die drei Parzellen, Nrn. 814 mit dem Hotelgebäude, Nr. 156 mit der Parkanlage und dem grossen Gemüsegarten und Nr. 910 mit Tennisplatz, an Theophil Jäger-Blatter verkauft. Damals konnten die Hotelzimmer noch nicht geheizt werden und die Einnahmen aus einem Hotelbetrieb beschränkten sich auf die oft kurze Sommersaison. Vier 158

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Kriegsjahre ohne ausländische Gäste und vielleicht auch ein zu teurer Bau wegen nicht voraussehbaren Mehrkosten wegen der in diesem Gebiet anstehenden Nagelfluh, all dies mochten wohl die Gründe sein, dass der Betrieb zu defizitär und ein Verkauf unumgänglich wurde. Mit dem Übergang des «Park-Hotels» an die Familie Jäger änderte sich auch dessen Namen. Jägers nannten das Hotel nach einer ihrer Töchter «Elisabeth». Das «Park-Hotel Elisabeth» blieb aber nicht lange im Besitz von Jäger. Im Februar 1929 wurde die Liegenschaft an Martin Zeeb-Jaun in Bern verkauft und wurde von da an von dessen älterer Tochter und Schwiegersohn, Helene und Natale Spozio-Zeeb geführt. Im Jahr 1955 ging das Hotel infolge Erbteilung an die Eheleute Helene und Natale Spozio-Zeeb. Nach dem Hinschied der Eltern Spozio-Zeeb, 1974 und 1978, gelangte die Besitzung an deren Sohn Bernhard Spozio-Frutiger. Die « Elisabeth» (Abb. 5) blieb als Sommer-Einsaison-Betrieb bis im Oktober 1991 geöffnet. Der rund eine Hektare grosse Umschwung am Hang um das Hotelgebäude erlaubte die Anlage eines kleinen Parks. Es wurden bekieste Spazierwege angelegt und auch eine Gartengrotte aus Tuffstein, wie es damals üblich war. Erst 1853 war in Kalifornien der grösste Baum der Welt, der Mammutbaum (Sequoiadendron giganteum) entdeckt worden und es wurden davon zwei Exemplare vor dem Hotel (Abb. 7) und vier weitere in der Parkanlage gepflanzt. Einer der zwei Bäume vor dem Hotel kränkelte und wurde am 16.11.1983 gefällt. Man muss annehmen, dass sein Wurzelwerk eine rund 1.5 Meter hohe Überdeckung mit Erdmaterial bei der Anlage des Parkplatzes nicht ertrug. Der andere musste 1996 der Überbauung des vor dem Hotel gelegenen Tennisplatzes weichen. Der am nächsten beim Hotel stehende Baum im Park wurde wegen der Terrassenüberbauung ebenfalls 1996 gefällt. Eine Jahrring-Auszählung an den Stammscheiben beider gefällter Bäume, in rund einem Meter über Boden entnommen, ergab fast übereinstimmend 84 und 83 Jahre. Heute stehen nun noch drei der ursprünglich sechs Bäume und sie sind die einzigen Überbleibsel des einstigen «Park-Hotel Oberhofen». Die Geschichte mit dem Bäumen wurde etwas ausführlich dargestellt, weil deren Rettung vor einer Fällung zu einer beträchtlichen Aufregung Anlass gab. Wie die Abb. 5 und 6 zeigen, handelte es sich meines Erachtens beim «ParkHotel Oberhofen» um einen typischen Jugendstil-Bau. Es ist eine landläufige 159

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Erscheinung, dass die Häuser am Hang, dessen Untergrund aus Nagelfluh besteht, häufig in den Fundamenten vernässt sind. Das mag ein Grund dafür sein, dass dies auch bei diesem Bau der Fall war und eine Sanierung des Erdgeschosses wohl unverhältnismässig teuer gewesen wäre. Das Gebäude musste dann der Überbauung «Elisabeth» weichen. Am 16. April 1996 fuhr der Bagger auf (Abb. 8) und begann mit dem Abbruch und heute sind, wie oben erwähnt, die einzigen Zeugen des «Park-Hotel Oberhofen» die drei mächtigen Sequoiadendron.

Quellen-Nachweis und Literatur • Abraham Roth: Thun und seine Umgebungen; J.Dalp’sche Buchhandlung, Bern 1873 • e.r.: Nekrolog Christian Frutiger; Schweiz. Werkmeisterzeitung, Zürich, 27. Juli 1939 • Adolf Schaer-Ris: Oberhofen am Thunersee; in: Jahrbuch vom Thuner- und Brienzersee 1959;

p. 12–36, Abschn. «Das kleine Wirtschaftswunder» • Erwin Heimann: Chronik von Oberhofen; Gemeinde Oberhofen 1983 • Markus Krebser: Mein Thunersee, rechtes Ufer; Krebser, Thun 1984 • Roland Flückiger-Seiler: Die Bauten der Fremdenindustrie; in: Georg Germann: Riviera am

Thunersee im 19. Jahrhundert; Stämpfli, Bern 2002

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Abb. 1 Photoswissair: Oberhofen am Thunersee vor 1920. Die Aufnahme zeigt alle im Text erwähnten Pensionen und Hotels mit Ausnahme der «Schönau». Da auch die «Montana» auf dem Bild ist, muss die Aufnahme zwischen 1913 und 1920 gemacht worden sein.

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Abb. 2 Johann (21.1.1821–20.3.1884) & Katharina (20.9.1818–25.12.1904) Frutiger-Kämpf (sitzend) mit 4 Kindern. Sie hatten die folgenden Kinder: Johann (22.2.1843 – 6.1.1883) nicht auf dem Bild Jakob (20.7.1845 – 18.4.1918) 2. von links Katharina (26.11.1848 – 4.8.1872) nicht auf dem Bild Christian (28.2.1852 – 9.7.1939) 4. von links Margarete(4.6.1856 – ? 1. von links Gottlieb (10.3.1858 – ? 3. von links

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Abb. 3 Christian (28.2.1852–9.7.1939) & Elisabeth Frutiger-Hofmann (20.1.1857–19.2.1937) links und rechts neben dem Tischchen im Park sitzend mit allen 9 Kindern: Rudolf (25.9.1878 – ? rechts aussen sitzend Ernst (6.10.1881 – ? 2. von links stehend Albert (22.8.1883 – 19.11.1951) 6. von links stehend Elise (30.3.1885 – ? links aussen sitzend Hans (27.3.1887 – 6.5.1983) 1.von links stehend Hanni (13.12.1890 – 6.5.1948) 5. von links stehend Emmi (9.2.1893 – 11.1.1978) 3. von links stehend Fritz (10.3.1895 – 18.2.1956) 7. von links stehend Hildi (14.7.1899 – ? 4. von links stehend

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Abb. 4 Farbiger Prospekt «Park-Hotel Oberhofen»

Abb. 5 Ausschnitt aus dem farbigen Prospekt «Hotel Elisabeth»

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Abb. 6 Das Türmchen auf dem ehemaligen «Park-Hotel Oberhofen» mit der Jahrzahl 1909, umgeben mit einem für den Jugendstil typischen Rankenornament des Weinstocks.

Abb. 7 Die «Elisabeth» mit den zwei davorstehenden Mammutbäumen.

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Abb. 8 Am 16. April 1996 begann der Bagger mit dem Abbruch der «Elisabeth», welche der gleichnamigen Überbauung mit Terrassenhäusern weichen musste.

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Die Müllerfamilie Abegglen zu «Mühlenen», später «am Hubel» in Iseltwald Skizzen aus dem Leben einer Hintersassenfamilie im 18. und 19. Jahrhundert in Wilderswil

Abb. 1: König, Franz Niklaus Bern 1765-1832 Bern: Gsteig. Ansicht (um 1805) der ehemaligen Allmend der Bäuertgemeinde Wilderswil, in der Mitte die Kirche Gsteig. Heute überbaut mit Gewerbebauten, der Turnhalle und dem Bahnhof. Altkolorierte Umrissradierung. 9x13 cm. Unten rechts bezeichnet F. N. König f(ecit). Aus: «Souvenirs des Environs d'Unterseen et d'Interlaken». Brun 1908: Nr. 36.

In bernischen Landen haben sich mancherorts alte Schriftstücke erhalten, die, oft ohne je wirklich beachtet worden zu sein, von Generation zu Generation weitergereicht wurden. In alten Archiven und Bibliotheken zählten sie zur Gattung der «unnützen Papiere». Für die grosse Geschichtsschreibung sind sie nicht von Bedeutung. Umso interessanter sind sie aber für die Lokal- und Sozialgeschichte. Im vorliegenden Fall sind es 120 Schriftstücke. Das älteste da167

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von, ein 1747 in Wilderswil entstandener Taufzettel. Zusammen mit diesen Schriftstücken wurden auch zwei Psalmen- und Gebetbücher, ein Heidelbergischer Katechismus von 18271 von Pfarrer Samuel Ziegler von Gsteig und eine kleine Französische Sprachlehre für Anfänger aus dem Jahre 18502 aufbewahrt und haben so die Zeit überdauert. Anhand dieser Zeugnisse lässt sich das Leben von fünf Generationen der aus Iseltwald stammenden Familie Abegglen3 nachzeichnen. Über weite Strecken allerdings nur umrissartig. Zwei Generationen waren von Beruf Müller und lebten als Hintersassen4 in Mühlenen5, heute ein Teil des Dorfes Wilderswil. Den ersten Strich zu dieser Skizze führte 1747 Ulrich Balmer in Wilderswil aus. Von seiner für heutige Begriffe etwas ungelenken Hand stammt der Taufzettel mit folgendem Sinnspruch: «Durch Chrystey Bluth beyst Du Ehr kaufft / Dann würst Jn seynem nammen getaufft / Der Heylig Geist der wont Jn Dier / Diß klein Dänck Zeyhen hast Du Von miehr: Ulli Balmmer meiner Jungen Gotten6 / Deiss Kind Jst gethaufft den 30. Chrystmonat deß 1747 Jahrs.» Ihn überbrachte er zusammen mit dem darin eingewickelten «Göttibatzen» an die Eltern seines Täuflings, Anna Gruber (1)7 von Wilderswil. Anna wurde am 30. Dezember in der nahe gelegenen Kirche von Gsteig getauft. Der 12 x 20.5 cm grosse Taufzettel weist noch heute die typischen Faltspuren auf. Von anderer Hand ist er später mit «Deß Anniß» beschriftet worden. Ulrich Abegglen und Anna Gruber (1), Müller zu Mühlenen Über Ulrich Abegglen und Anna Gruber, die 1761 in der Kirche Gsteig heirateten, geben die Schriftstücke nur wenig Preis. Anna Gruber wird mit Sicherheit ihre Kindheit und Jugend in Wilderswil oder Mühlenen verbracht haben. Wo Ulrich das Müllerhandwerk erlernte und wann er die Mühle pachtete, ist nicht bekannt. Im April 1763 brachte Anna Abegglen-Gruber ihr erstes Kind zur Welt. Acht weitere sollten folgen.

Abb. 2: Schuldanerkennung 1777 bliben ich Hanß Urfer von Bönigen dem Ulli ab Eglen Müller zu Mûllen 13 K(ronen) 15 bz (Batz) bekenn ich Hanß Urfer von Bönigen

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Im gleichen Jahrzehnt trat Ulrich in Wilderswil als Käufer einer Scheune auf, die er von Ulrich Balmer und Hans Guggisberg um drei Kronen und fünf Batzen erwarb. Als Müller hat Ulrich Abegglen wirtschaftlichen Erfolg gehabt. So durfte er bis kurz vor 1800 die «Mûli ym seiwen Fall zu Reidenbach» (Reichenbach) sein Eigen nennen. Allerdings scheint er damals die Mühle in Mühlenen nicht mehr in Pacht gehabt zu haben. In einer Schuldanerkennung von 1795 wird nämlich ein anderer, «Hanß Ballmer, jeziger Müller zu Wilderswihl», als Pächter genannt. Anna Abegglen-Gruber starb kurz vor 1800. Das geht aus einem Schriftstück 8 von 1801 mit dem Titel «Übergaab» hervor. Ulrich Abegglen setzte sich darin mit seinem Sohn Ulrich (12) über einen Teil des ihm zustehenden mütterlichen Erbteils aus dem Verkauf der Mühle zu Reichenbach auseinander. Ulrich Abegglen starb im Winter 1801/1802, denn im April 1802 erkennen seine Erben eine Schuld gegenüber Christian Imboden, Buchbinder in Unterseen, an. Kurz vor seinem Tod schrieb Ulrich für sein Patenkind noch eine Anweisung im Fall seines Todes: «Eich dun Euch meitt deisen bar Zeilen zu Wüßen wan ich balt stärben ob daß Göttechi gwand hed soll eis vor allen auf 5 Batzen gäben Das befillen ich der Groß Vatter.» Von den vier Söhnen des Ehepaares Abegglen-Gruber haben drei selber eine Familie gegründet. Ulrich (12) trat in die Fussstapfen des Vaters und übte u.a. in Mühlenen das Müllerhandwerk aus. Aus den Reihen seiner Nachkommen stammen die Schriftstücke und Bücher. Christian (13) zog es nach Boltigen, wo er Bäcker war und von Jacob (17), der in Wilderswil wohnte, ist nichts bekannt. Der einzige Sohn von Jacob, Ulrich (171), wanderte 1886 mit seiner Frau in die USA aus. Ulrich Abegglen und Anna Imboden (12), Müller zu Mühlenen Taufzettel stehen auch hier am Anfang des Geschehens. Zwei sind erhalten, beide waren sie für Anna Imboden, die spätere Frau von Ulrich Abegglen, bestimmt. Sie wurde am 2. Dezember 1770 in der Kirche von Unterseen getauft. Taufzeugen waren Barbara Michel und Hans Imboden, beide aus Unterseen. Der Vater von Anna, Christian, war in Unterseen als Buchbinder tätig. In Unterseen ist Anna auch aufgewachsen. Ulrich, sechs Jahre älter als seine spätere Frau, wurde in Mühlenen oder Wilderswil geboren und am 24. Juni 1764 in der Kirche Gsteig getauft. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er zum grössten Teil in der vom Vater ge169

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pachteten Mühle in Mühlenen. Zur Unterscheidung von seinem Vater mit gleichem Vornamen und gleichem Beruf nannte er sich «Ulrich Abegglen der Jung». Als Zuname verpasste ihm sein Umfeld zusätzlich die Bezeichnung «Mehlulli».

Abb. 3: Mühle in Wilderswil, seit 1988 Dorfmuseum.

Die Mühle zu Mühlenen 9 Die Wirkungsstätte von zwei Generationen der Familie Abegglen aus Iseltwald beschrieb Johann Friedrich Ryhiner in Band IV seines 1783 verfassten «Regionenbuch des Freystaates und Respublic Bern» unter B. Das Oberamt Interlaken, 7° das Gericht Unspunnen: «3. Mühlenen, ein Dorf samt 1 Mühle. NB. Hinter diesem Dorf befinden sich Ueberbleibsel eines ehemaligen Twingschlosses» (Ruine Rothenfluh Anm. d. Verf.). Das verschüttete Grenchen: «5. Gränchen, ein Haus». Lutz schrieb 1822: «Mühlinen, Häusergruppe im sogenannten Bödeli, in der Pfarre Gsteig im Bernischen Amt Jnterlachen». Die Mühle und das verschüttete Grenchen listete er nicht mehr auf. Das Ehepaar Abegglen-Imboden hatte zwei Kinder, die 1792 geborene Tochter Anna (121), später verheiratet mit Peter Zurschmiede aus Wilderswil und den 1794 geborenen Sohn Christian (122). 170

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Ulrich Abegglen der Jüngere scheint ein umtriebiger Mann gewesen zu sein, unternehmerisch erfolgreich, aber nicht ganz konfliktfrei. Nach seiner Gesellenzeit arbeitete er zuerst bei seinem Vater, um sich später als Müller selbstständig zu machen. Eine Reihe von Liegenschaftskäufen zeugen von seiner wirtschaftlichen Betriebsamkeit: 1799 Erwarb er um 930 Bernkronen von Hans Gafner von Beatenberg «eine Mühli zu Medligen (Merligen Anm. des Verf.) samt einem Garden und einer Bescheurung, zwei Birr- und ein Apffel Bäum auch die in dem Garden stehenden Bäume». Hans Gafner versprach dem Käufer, die Liegenschaft bis zum 1. Mai auf eigene Kosten zu reparieren und in Stand zu stellen. Dem Käufer räumte er eine Probezeit bis Mai 1800 ein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte Ulrich vom Kauf zurücktreten können. 1807 Kaufte Ulrich von Christen Jaggi von Rüdlen bei Reichenbach ein Grundstück zu Mühlenen (Wilderswil) und eine Weide samt einer halben Scheune auf der Zügegg (Wilderswil). 1812 Verkaufte ihm Obmann und Chorrichter 10 Peter Balmer von Wilderswil ein Stück Land zu Grenchen (Wilderswil). Balmer hatte das Grundstück zwei Jahre zuvor von «Heinrich Heggi aus dem hochlöblichen Canton Zürich, dermal aber angesehener Müller zu Wilderswyl» gekauft. 11 1815 Erwarb er für seinen Sohn Christian (122) ein Grundstück mit Scheune und Wald im Steini (Wilderswil). In einen ersten aktenkundigen Konflikt geriet Ulrich Abegglen 1807. Mit einer «Friedensrichterlichen Vorladung für Ant. Bütschi an Ullrich Abegglen, für sich und allfällige Mithafte zu Wilderswil», wurde er auf den 20. Oktober 1807 zum Verhör vor Oberamtamm Thormann ins Schloss Interlaken vorgeladen. Streitpunkt waren die Früchte eines grossen Birnbaums auf einem Grundstück von Ulrich Abegglen, auf dem Mühlenenfeld (Wilderswil). Anton Bütschi schrieb in seiner Einleitung: «Wenn ein Mann an einem fremden Orte sich aufhält |:Hintersäß ist:| so muß es demselben höchst unbeliebig seyn, mit Bürgern des Orts, ober seinen Nachbarsleüten in Streit zu gerathen! Thorrecht würde es aber angesehen werden wenn er sich von einem jedwelchen eigennüzigen Haushalter benachtheiligen, an seinem Eigenthum und Recht, auf eine unerlaubte Art verkürzen ließ, und alles mit Stillschweigen bey Seite sezte!».12 Über den Ausgang des Streites finden sich keine Aufzeichnungen. Von seiner Tätigkeit als Müller auf der Mühle zu Mühlenen erfahren wir erst 1818 wieder etwas. Um 1795/1800 war Hans Balmer von Wilderswil, und zwischen 1800 und 1810 Heinrich Heggi aus dem Kanton Zürich, Pächter der 171

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Mühle. Ulrich Abegglen übernahm die Pacht erst später wieder, denn am 23. November 1818 zahlte er dem damaligen Besitzer, Heinrich Wyder (wohl aus Matten b. Interlaken) , für 6 Wochen den Mühlezins. Ulrich wohnte mit seiner Familie im «Steini» (Flurbezeichnung in Wilderswil) und betrieb dort, neben der Mühle in Mühlenen, eine Landwirtschaft und einen Viehund Käsehandel. Er verkaufte Käse an das Kaufhaus/Waaghaus in Thun und auf dem Wochenmarkt in Thun.

Abb. 4

Abb. 5

Abb. 4: Quittung des Waaghauses Thun vom 13. Januar 1810 für Ulrich Abegglen für Käselieferungen des Jahres 1809 Abb. 5: Quittung des Kaufhauses Thun vom 11. März 1826 für Ulrich Abegglen für den Kauf von altem Käse

Abb. 6: Marktbewilligung vom 8. Dezember 1827 für Ulrich Abegglen für den Handel mit Käse auf dem Wochenmarkt von Thun.

Als Hintersass13 in Wilderswil Als Hintersass hatte Ulrich keinen Anteil an der Nutzung des Bäuertgutes seiner Wohngemeinde. Ein Bäuertrecht bestand meist aus einem Hausplatz, je einem Stück Acker- und Weideland, einem Bergmaad und einem Los Holz. Hintersassen waren für die Selbstversorgung also ausschliesslich auf eigenes und hinzugepachtetes Land angewiesen. In Angelegenheiten der Gemeinde 172

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hatten sie bis zur Schaffung der Einwohnergemeinden keine Stimme. Sie konnten, sobald sie der Wohngemeinde zur Last fielen, an die Heimatgemeinde abgeschoben werden. Nach 1798 waren sie verpflichtet, den von der Heimatgemeinde ausgestellten Heimatschein zu hinterlegen. Einen ersten Heimatschein hinterlegte Ulrich am 18. Dezember 1814 bei Obmann Peter Balmer und erhielt dafür eine Quittung (vergleichbar mit der heutigen Niederlassungsbewilligung). Ein neuer Heimatschein wurde für ihn und seine Familie dann am 12. April 182514 ausgestellt. Hintersassen schuldeten der Wohngemeinde auch eine jährliche Personalsteuer, das «Hintersassengeld». Für das Jahr 1820 zahlte Ulrich am 25. Februar 1821 an den Bäuertvogt Christian Balmer die Summe von 30 Batzen.

Abb. 7: Heimatschein für Ulrich Abegglen

Abb. 8: Quittung vom 25.02.1821

Der Badertscher-Handel Offenkundig haben Vater Ulrich und Sohn Christian (122) Abegglen am 10. Dezember 1828 einem Niklaus Badertscher ein gemeinsames, schriftliches Versprechen zum Kauf von dessen Liegenschaft im Lehn bei Reutenen im Amt Konolfingen abgeben. Die beiden Käufer liessen sich allerdings mit der Erfüllung der Kaufabsicht Zeit. Am 10. Januar 1829 lud der Verkäufer auf den 23. Januar ins Wirtshaus nach Oberdiessbach zur notariellen Verschreibung ein. Vater und Sohn erschienen nicht und so sah sich Badertscher am 20. Februar gezwungen, einen neuen Termin anzusetzen. Doch auch diese Aufforderung nützte wenig. Das Gut bedurfte dringend der Bewirtschaftung und Badertscher liess den beiden säumigen Käufern weitere Aufforderungen 173

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zukommen. Letztlich haben Vater und Sohn Abegglen diese Liegenschaft nicht erworben. Nachdem sie Badertscher dessen Kosten ersetzt hatten, finden sich zu dieser Sache nach 1831 keine weiteren Belege mehr.

Abb. 9: Burgdorfer, Daniel Bern 1800–1861 Lausanne. Mühle bei Unterseen. Im Vordergrund Knabe mit Hund. Federzeichnung, 11x16.6 cm, signiert unten rechts D. Burgdorfer, del. 1840. 1838/39 war dort Friedrich Gfeller als Müller tätig.15

Anna Abegglen-Imboden (12) erwirbt ein halbes Haus in Iseltwald In ihrer Jugendzeit in Unterseen wird die Mühle von Unterseen nicht viel anders ausgesehen haben als 1840. Anna Abegglen-Imboden verbrachte nach ihrer Heirat den grössten Teil ihres Lebens in Wilderswil. Was sie 1830 dazu bewog, wohl mit dem Erbe ihres Vaters, ein halbes Haus in ihrem Heimatort Iseltwald zu erwerben, geht aus den Papieren nicht hervor. Für diesen Kauf liess sie sich nicht von ihrem Ehemann, sondern von einem richterlich bestellten Vormund, Melchior Ritter, Pintenschenk in Unterseen, vertreten. Von Christian Brunner aus Iseltwald erwarb sie ein «halbes angebauwenes Wohnhaus, bestehend in einer Stuben und Gaden, darauf Küche und Keller, samt einer Lauben, Schweinestall und Holtzschopf mit zu dienendem Umschwung und Gärtli auch darauf stehenden Bäumen» in der gegen Brienz gelegenen Bucht. Der Kaufvertrag sagt aus, dass der Verkäufer Grund und 174

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Boden von der (Bäuert-)Gemeinde Iseltwald erworben habe und das Haus habe erbauen lassen. Der Kaufpreis wird mit 100 Bernkronen angegeben. Mit inbegriffen waren einige Möbel, so ein Küchenschrank und ein Tisch mit Brotschublade. Die Liegenschaft wurde ihr am 19. August 1830 vom Fertigungsgericht in Gsteig zu Eigentum zugefertigt, der Kauf im Stipulationsmanual Nr. 18 von Gsteig auf Seite 359 eingetragen. Die andere, rechte Haushälfte, verblieb noch für einige Jahre im Besitz der Mutter des Verkäufers, Luzia Brunner-Brunner.

Abb. 10: Am Brienzersee. Ansichtskarte Nr. 13255 aus dem Photographie-Verlag Wehrli A.-G., Kilchberg Zürich. Dargestellt ist das um 1800 von Joseph und Luzia Brunner-Brunner erbaute Doppelwohnhaus «hinter dem Hubel» in Iseltwald. Die Aufnahme entstand um 1900 16. Die linke Haushälfte wird heute als Ferienhaus genutzt. An Stelle des Ofenhauses rechts, steht die mittlerweile ebenfalls zu Wohnzwecken umgebaute Werkstatt des ehemaligen Bootsbauers Christian Abegglen-Müller.

Nachdem ihr Mann Ulrich 1837 starb, zog Anna in ihr Haus nach Iseltwald um. Mit siebzig pflegebedürftig geworden, musste sie die Liegenschaft 1843 auf eine öffentliche Versteigerung bringen um ihrem Sohn die Pflegekosten erstatten zu können. Das höchste Angebot machten ihre vier Enkelkinder Christian (1222), Jacob (1223), Rudolf (1224) und Margaritha (1225) Abegglen, die schon seit 1840 im Besitz der anderen Haushälfte waren. Anna behielt sich ein lebens175

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langes Wohnrecht vor. 1846 starb sie, im damals hohen Alter von 76 Jahren in Iseltwald. Christian Abegglen und Margaritha Glaus (122) Auch das älteste Zeugnis der dritten Abegglen-Generation in Wilderswil stammt aus der Familie der Frau. Der Vater von Margaritha, Hans Glaus von Wilderswil, trug 1767 folgenden Eigentumsverweis auf das Vorsatz seines Psalmenbuches 17 ein: «Diß Buch Jst mein Hans Glauß zu Wildersweil und ist meir lieb und wär meirs stillt der ist ein Dieb. Hans bin ich gedauft Glauß bin ich genant Wilderswil ist mein Vaterland. Jm 1767 Jahr.» Auf der Innenseite des hinteren Buchdeckels notierte er ein besonderes Vorkommnis, eine Wetteraufzeichnung: «In dem 1767 Iahr hat es am Meien Märth aûber schnit». (... bis ins Tal hinunter geschneit.) Erhalten geblieben sind auch die beiden Taufscheine für Christian, der am 14. Dezember 1794 in der Kirche Gsteig getauft wurde. Seine Paten waren die aus Unterseen gebürtige Anna Beugger, geb. Imboden und Hans Sterchi von Wilderswil. Christian Abegglen und Margaritha Glaus wuchsen beide in Wilderswil auf und besuchten dort, im Schulhaus auf der Allmend, auch die Schule. Margaritha Glaus stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie. Christian Abegglen und Margaritha Glaus heirateten am 31. Dezember 1816 in der Kirche von Gsteig. Margaritha brachte vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, zur Welt. Das Älteste starb 1823 im Alter von sechs Jahren. Bereits mit 22 Jahren, kurz vor seiner Heirat, war Christian Besitzer eines alten, aus Holz erbauten und mit Schindeln gedeckten, Wohnhauses in Mühlenen 18. Erworben hatte er die Liegenschaft von Peter Balmer, dem er jährlich für die Restschuld 1 Bernkrone Zins zahlen musste. Von Beruf war er, wie sein Onkel Christian (13), Bäcker. Wo sich seine Bäckerei befunden hat, lässt sich nicht mehr ausmachen. Mit dem frühen Tod seiner Frau Margaritha im Jahr 1834 änderten sich die Lebensverhältnisse der Familie. Das älteste Kind war 12 Jahre, das Jüngste gerade mal 3 Jahre alt. 1836 starb auch die Mutter von Margaritha Abegglen176

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Glaus, Elisabeth Glaus. Sie hinterliess ihren drei Töchtern19 das damals beachtliche Vermögen von 2'625 Franken. Den Anteil ihrer verstorbenen Tochter Margartitha erbten ihre vier Enkelkinder Christian (1222), Jacob (1223), Rudolf (1224) und Margaritha (1225) Abegglen. Um den Kindern das grossmütterliche Erbe zu sichern und zu erhalten, wurden sie von ihrer Heimatgemeinde Iseltwald unter Vormundschaft gestellt. Der Vater wurde als Vormund eingesetzt und besorgte für seine noch minderjährigen Kinder die Geschäfte. Auf Vorschlag der Vormundschaftsbehörde von Iseltwald veräusserte Christian Abegglen 1839 die ererbten Liegenschaften in Wilderswil und Gsteigwiler. Am 14. Februar brachte er für seine Kinder im Wirtshaus zu Gsteig20 sechs Grundstücke aus dem grossmütterlichen Erbe auf eine öffentliche Steigerung. Der Gemeindepräsident von Wilderswil, mit Familiennamen Vögeli, verlas die Ankündigung dazu am 10. Februar nach dem Gottesdienst von der Kanzel der Kirche von Gsteig. Alle Liegenschaften fanden neue Besitzer. Das Wohnhaus in Mühlenen samt Scheune, Speicher und Backofen ersteigerte Christian Gruber-Sterchi; die Wiese «an Dorfmatten» Gemeinderat Ulrich Balmer; das Ackerland «am Lehn» Rudolf Amacher21; die Wiese auf den «obern Ägerten» Hans Herzog; die Wiese im «Flysau» (Gemeinde Gsteigwiler) samt Scheune und den Wald in der «Krieshalden» (Gemeinde Gsteigwiler) der Sigrist Peter Zurschmiede. Im Gegenzug erwarb Christian für seine Kinder im Januar 1840 eine Haushälfte «am Hubel» an der Matten in Iseltwald. Verkäuferin war Luzia Brunner-Brunner, die 1830 die andere Haushälfte an die Grossmutter der Kinder väterlicherseits, Anna Abegglen-Imoboden verkaufte 22. Luzia Brunner behielt sich das lebenslange Wohnrecht vor. Damit war das Haus «am Hubel» wieder in einer Hand. Einen Teil des Geldes legte der Vater für seine Kinder in «zinsbaren Kapitalien» an. Nach der Versteigerung der Liegenschaften in Wilderswil/Gsteigwiler und dem Kauf in Iseltwald, verfügten die vier Kinder zusammen nun über ein Vermögen von 1'221 Franken, 346 Franken mehr als der Erbteil betragen hatte. Christian Abegglen zog mit seinen Kindern um 1837/38 nach Iseltwald, wohl in das Haus «hinter dem Hubel – oder auf der Burg», wo seine pflegebedürftige Mutter lebte. Seiner Tätigkeit als Bäcker scheint er auch in Iseltwald weiterhin nachgegangen zu sein. Dies allerdings mit nur mässigem Erfolg, mussten ihn seine Lieferanten doch immer häufiger mahnen, seine Schulden zu begleichen. Das Mehl bezog er nicht etwa von der Mühle in Wilderswil, sondern von der Mühle in Unterseen23, wo Friedrich Gfeller als Müller tätig war. 177

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Abb. 11: Quittung, Lieferschein und Mahnung von Friedrich Gfeller, Müller zu Unterseen vom 30. August 1839. Adressiert an: «Christian Abegglen, Bek in Jseltwald»

1841 legte er für seine Kinder die erste «Vogtsrechnung» 24 ab, die am 1. März von der Vormundschaftsbehörde Iseltwald, versehen mit einigen Bemerkungen, genehmigt wurde. Als Vormund seiner Kinder wurde er allerdings entlassen, weil er die Gelder nicht weisungsgemäss angelegt hatte. Im gleichen Jahr legte Christian auch die Vormundschaftsrechnung für seine Mutter ab. Deren Vormundschaft übernahm er 1834 von Peter Ritter aus Unterseen. Auch diese Rechnung wurde nicht ohne grössere Vorbehalte an seine Person genehmigt. 1843 verheiratete sich Christian ein zweites Mal mit der um sechs Jahre jüngeren Anna Abegglen aus Iseltwald. Anna wuchs zusammen mit ihren beiden Geschwistern Christian und Barbara «an der Matte» in Iseltwald auf. Ihr Vater Ulrich geriet 1830 in Konkurs. Die Mutter, Anna Abegglen, geb. Zwahlen, konnte ihren Besitz, die Hälfte des Wohnhauses und die «Silbodenweid», jedoch retten. Als sie 1835 starb, erbte Anna einen Drittel der mütterlichen Hinterlassenschaft. Ihrem Ehemann brachte sie so bei der Heirat schliesslich ein Vermögen von 1'014 Franken mit in die Ehe ein. Wohl aufgeschreckt durch die «sonderbare» Verwendung der Gelder ihrer Stiefkinder und ihrer Schwiegermutter durch ihren Mann, liess sie sich zwei Jahre nach der Trauung, im Dezember 1845, die Hälfte ihres eingebrachten Vermögens in Form einer sogenannten «Weibergutsherausgabe» amtlich sicherstellen. Für den Fall der Fälle hätten ihr dann zugestanden: Eine verzinsliche Geldforderung in der Höhe von 312 Franken; ein Teil des Hausrates im Betrag von 132 Franken; zwei Ziegen, die zusammen auf 20 Franken geschätzt waren, und Baumansprachen für 43 Franken. Das erhalten gebliebene Inventar gestattet einen interessanten Einblick in die damalige Lebensweise. 178

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B. Jn Effekten Hausrat: 1 aufgerüstetes Bett mit Anzug und Bettstatt; 7 Anzüge Bettgewand Bettwäsche; 1 tannener Schaft; 1 tannener Kasten Truhe; 1 kleines Wandschäftli; 1 Stubenuhr; 1 Tisch; 2 Stabellen; 2 Lehnstühle; 1 Spinnrad samt Kunkelstock zu Zugehörd; die Hälfte eines Kupferkessis; 3 Pfannen von Eisen; 1 eiserne Kunsthafen (?); 1 ehernes Häfeli von 3 Maas; 1 Gartenschaufel; 1 Mistgabel und zwei Worbgablen; 2 Sensen, 1 Steinfass mit Wetzsein; 1 Dangelgeschirr 25; 1 zinnene Kanne und ein zinnener Teller; 1 Kaffeemühle; 2 Laternen; 1 Feile; 1 Fensterumhang; 1 Spiegel; 6 verschiedene Bücher; 1 Spansaage; 1 Schindeleisen. – C. Jn Lebwaare: Zwei Ziegen. – D. Jn Baumansprachen: 4/9 von einem Urferbirnbaum auf Ulrich Abegglens Mätteli; 4/18 von einem Schaafbirnbaum auf Anna Abegglens Land; 2/9 von einem Muschgatellerbirnbaum auf der Lezteren Land; 4/9 von einem Apfelbaum auf Anna Abegglens Mühlegut; 4/27 von zwei Aepflebäumen auf Christian Abegglens Schooren; 1/4 an drei Nussbäumen und die Hälfte von einem vierten Nussbaum hinter dem Schoren auf der Allment.» Für die damals herrschende Selbstversorgung waren Kern- und Steinobst- und Nussbäume von grosser Wichtigkeit. Bis weit ins 19. Jahrhundert waren einzelne Bäume, oder auch nur Teile davon, die auf fremden Grundstücken standen, handelbar wie Grundeigentum. Die Ansprachen an den Nussbäumen hinter dem Schoren etwa, die Christian, wie oben vermerkt, an seine Frau abtrat, erwarb er 1838. Für sein neues Eigentum liess er sich folgende Kaufbestätigung ausstellen: «Endes unterzeichneter erkennt sich somit aufrecht und redlicher maßen verkauft zu haben dem Ed. (ehrenden) Christen Abegglen am Hubel in Jseltwald. Nämlich: 1. An einem Nußbaum die Hälfte. 2. Noch an dreien Nußbäumen der vierte Theil. Alle hinter dem Schorren in Jseltwald stehend. Der Kauf ist geschehen für und die Summe der 2 K. sage zwei Bernkronen. Jseltwald den 8. November 1838. Ullrich Brunner.» War jemand des Schreibens unkundig, setzte er entweder seine Initialen auf die Quittung oder machte, allerdings im Beisein von Zeugen, ein Kreuz. Als Christian Hasler die von seiner Ehefrau ererbten Obstbäume in Wilderswil 1831 an Christian Abegglen veräusserte, quittierte er die Kaufsumme mit «Aus Unwißenheit des Schreibens bezeichnet ers mit CHL».

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Abb. 12: Quittung vom 20. September 1831 von Christen Hasler von Reichenbach für Christian Abegglen.

Bis zu ihrem Tod lebten Anna und Christian Abegglen-Abegglen in Iseltwald. Anna starb 1862, Christian 1871. Die beiden nächsten Generationen haben nur wenig Schriftliches hinterlassen. Es sind dies hauptsächlich Quittungen und Papiere die das Haus «am Hubel» betreffen. Jakob (1223) veräusserte seinen Erbteil in der Folge an den Gerichtssäss Christian Abegglen. Dieser wiederum verkaufte diesen Teil 1862 zurück an Christian Abegglen (1222), der nun die Hälfte des Hauses besass. Im August 1898 teilten die drei Geschwister das grossmütterliche Erbe endgültig auf: Christian (1222) übernahm die rechte, Rudolf (1224) die linke Haushälfte. Ihre Schwester Margaritha (1225) liess sich ihren Teil ausbezahlen. Als Rudolf im Dezember 1898 starb, fiel seine Hälfte zurück an seine Geschwister. Durch Kauf gelangte diese Haushälfte 1909 an den Schreiner Heinrich Flück. Im September 1899 verkaufte Christian die rechte Haushälfte seinem Sohn Christian AbegglenAbegglen (12222), der dort seit Jahren eine Schnitzereiwerkstatt betrieb. 1920, kurz vor seinem Tod, veräusserte dieser seinen Hausteil an den Zimmermann Christian Abegglen 1893–1969/Hänslichrist. Beim Verkauf liess er neben den 120 Schriftstücken26 und den Büchern auch Hausrat und einige Werkzeuge zurück. Dazu gehört eine von ihm geschaffene Gemüseraffel mit der Bezeichnung «CA 1898», ein Zimmermannsbeil und sein Brenneisen mit den Initialen «CA». Wie verworren die Eigentumssituation durch diese ständigen Teilungen geworden war, zeigt eine Grenzbereinigung, die 1933 zwischen den neuen Eigentümern der beiden Haushälften vorgenommen wurde. In der öffentlichen 180

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Urkunde wird der Tatbestand folgendermassen beschrieben: «Die beiden vorbeschriebenen Häuser resp. Haushälften sind folgendermassen ineinander gebaut: Die Küche des Hauses der Frau Grüne ragt ca. 60 cm in das Haus des Christen Abegglen hinüber resp. umgekehrt ragt die darüber liegende Küche des Hauses Abegglen ca. 60 cm in die Haushälfte der Frau Grüne hinüber. Da Frau Grüne einen neuen Kamin erstellen will, die gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse diesem Vorhaben jedoch erhebliche Hindernisse in den Weg legen, sind die Contrahenten zu folgender Regelung gütlich übereingekommen: Christen Abegglen verzichtet auf den Ueberbau über der Küche der Frau Grüne und tritt ihr den bezüglichen Raum zum Eigentum ab. Dadurch verläuft die Grenze zwischen beiden Haushälften in Zukunft in senkrechter Linie von der an Christen Abegglens Eigentum anstossende Küchenwand des Hauses Grüne zum Dach und es bestehen gegenseitig keinerlei ins anstossende Eigentum übergreifende Vorsprünge mehr. An den Eigentumsverhältnissen am Grund und Boden wird durch diese Vereinbarung nichts geändert.»

Abb. 13: Zimmer, Johann Heinrich Ehrenfried Rossdorf 1774–1851 Biel. Maison de Paysan près Wilderswil. Altkolorierter Umrissstich. 19x27.5 cm. Abzug vor der Schrift. In der Platte, Bildmitte am unteren Rand, signiert H: Zimmer 27.

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Ausklang Einige der Urenkel- und Ururenkel der beiden in Mühlenen aufgewachsenen Brüder Ulrich Abegglen-Imboden (12) und Christian Abegglen-Gertsch (13) waren um 1900 wieder in Iseltwald anässig. Die Beweggründe der Nachkommen von Ulrich lassen sich nachvollziehen. Wieso sich die Nachkommen des in Boltigen tätigen Christian nach drei Generationen wieder in Iseltwald ansiedelten, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Linie von Ulrich ist in der dritten Generation nach ihm, mit dem Tod von Christian Abegglen-Abegglen (12222), 1921 in der männlichen Linie erloschen. In der Linie von Christian leben möglicherweise noch männliche Nachkommen der beiden 1921 in die USA ausgewanderten Paul Emil (133177) und Ernst (133178). Sie sind aber nicht mehr Schweizerbürger. Abegglen-Stammtafel Ahnennummern:

Generation 1 Generation 2 Generation 3 Generation 4 Generation 5 Generation 6

Zeichen:

~

= = = = = =

1 11 – 19 121 – 161 1221 – 1334 12221 – 13317 122221 – 133179

getauft (steht das Zeichen alleine, ist das genaue Geburtsdatum nicht bekannt) * geboren ∞ verheiratet † gestorben Gsteig = Kirche Gsteig bei Interlaken (vgl. Abb. 1) Die Kinder der weiblichen Nachkommen sind nicht aufgeführt. Stand: Nachgetragen bis und mit 1986.

1

Abegglen Ulrich von Iseltwald. Wohnhaft in Wilderswil, Müller auf der Mühle zu Mühlenen. ∞ 1.10.1761 mit Gruber Anna von Wilderswil, ~ 30.12.1747 in Gsteig.

11

Abegglen Margaritha, ~ 1.5.1763 in Gsteig.

12

Abegglen Ulrich, ~ 24.6.1764 in Gsteig, † 2.4.1837. Von Iseltwald, wohnhaft in Wilderswil, Müller auf der Mühle zu Mühlenen. «Mehlulli». ∞ 8.7.1791 mit Im Boden Anna, ~ 2.12.1770, † 23.4.1846, von Unterseen. Tochter des Im Boden Christian.

13

Abegglen Christian, ~ 2.2.1766 in Gsteig, † 26.11.1838 in Boltigen. Von Iseltwald, wohnhaft in Boltigen, zu Schwarzenmatt, 1835 in Zweisimmen und später in Jaun, [FR]. Bäcker. ∞ I. 27.7.1792 mit Gertsch Barbara, ~ 13.11.1768, † in Boltigen. ∞ II. 18.11.1819 mit Blum Anna von Saanen, † 25.2.1837.

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Abegglen Anna, ~ 24.5.1767 in Wimmis.

15

Abegglen Johannes, ~ 21.5.1769 in Gsteig.

16

Abegglen Margaritha, ~ 17.1.1770 in Gsteig.

17

Abegglen Jacob, ~ 28.7.1771 in Gsteig, † 4.7.1847. Von Iseltwald, wohnhaft in Wilderswil, zu Mühlenen. ∞ I. 27.1.1804 mit Thuli Margaritha. ∞ II. 25.8.1838 mit Feuz Elisabeth.

18

Abegglen Anna, ~ 26.8.1772 in Gsteig.

19

Abegglen Luzia, ~ 26.9.1773 in Gsteig.

121

Abegglen Anna, ~ 3.6.1792 in Gsteig. ∞ mit Zurschmiede Peter von Wilderswil.

122

Abegglen Christian, ~ 14.12.1794 in Gsteig, † 1.3.1871. Von Iseltwald, wohnhaft in Wilderswil, später in Iseltwald. Bäcker. ∞ I. 31.12.1816 mit Glaus Margaritha, ~ 19.2.1792 in Gsteig, † 1.6.1834, Tochter des Hans und der Elisabeth Glaus. Margaritha wuchs zusammen mit ihrer Schwester Anna auf. ∞ II. 31.3.1843 mit Abegglen Anna, ~ 28.12.1800, † 11.10.1862. Von Iseltwald, Tochter des Abegglen Ulrich und der Zwahlen Anna.

131

Abegglen Margaritha, ~ 20.1.1793 in Gsteig. ∞ mit Zum Kehr Stephan.

132

Abegglen Peter, ~ 12.10.1798 in Boltigen, † 20.12.1848 in Boltigen. Von Iseltwald, wohnhaft in Boltigen. Bäcker. Diente zuerst auf Schloss Büren. ∞ I. 11.2.1835 mit Andrist Susanna, ~ 9.11.1788, † 21.7.1839. ∞ II. 24.8.1840 mit Jernzi Anna, ~ 18.5.1819, † 12.6.1842. ∞ III. 3.2.1843 mit Brunner Susanna Katharina, ~ 31.7.1814, † 12.3.1849.

133

Abegglen Jacob, * 31.8., ~ 8.9.1808 in Boltigen, † 14.12.1878 in Boltigen. Von Iseltwald, wohnhaft in Boltigen, zu Weissenbach. Bäcker. ∞ 30.5.1834 in Boltigen mit Werren Anna, ~ 31.1.1812, † 30.1.1898.

134

Abegglen Christian, * 16., ~ 25.8.1811 in Boltigen, † 1830 in Boltigen.

135

Abegglen Johannes, * 22., ~ 28.7.1820 in Boltigen. [aus II. Ehe]

136

Abegglen Anna, * 8., ~ 16.12.1821 in Boltigen. [aus II. Ehe]

137

Abegglen Susanne Katharina, * Januar, ~ 5.2.1826 in Boltigen. [aus II. Ehe]

138

Abegglen Emanuel, * 9., ~ 15.3.1829 in Abländschen. [aus II. Ehe]

171

Abegglen Ulrich, * 15., ~ 21.11.1847 in Gsteig. ∞ 19.6.1874 in Gsteig mit von Almen Luzia, * 25.2., ~ 3.3.1854. Wanderte im Mai 1886 nach Amerika aus. Seine Nachkommen in den USA sind nicht mehr Schweizer Bürger.

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Abegglen Margaritha, * 22., ~ 27.7.1817 in Gsteig, † 30.4.1823.

1222

Abegglen Christian, * 2., ~ 11.8.1822 in Gsteig, † 16.2.1901. Von Iseltwald, aufgewachsen in Wilderswil, später wohnhaft in Iseltwald, am Hubel. Landwirt. ∞ 6.6.1845 mit Brunner Anna, * 17., ~ 26.8.1821 in Gsteig, † 10.12.1879.

1223

Abegglen Jacob, * 29.9., ~ 3.10.1824 in Gsteig, † 11.10.1901. ∞ 15.5.1845 mit Abegglen Margaritha.

1224

Abegglen Rudolf, * 10., ~ 17.2.1828 in Gsteig, † 31.12.1898. Landwirt.

1225

Abegglen Margaritha, * 26., ~ 30.1.1831 in Gsteig. ∞ mit Brunner Matthäus von Iseltwald.

1331

Abegglen Jakob, * 28.3., ~ 12.4.1835 in Boltigen. ∞ 5.6.1857 in Därstetten mit Kohli Anna Katharina, ~ 25.8.1833, † 26.10.1881.

1332

Abegglen Anna, * 19.8., ~ 11.9.1836 in Boltigen. ∞ mit Gobeli Christian.

1333

Abegglen Susanna Katharina, ~ 18.2.1840 in Boltigen. ∞ mit Inäbnit Christian.

1334

Abegglen Caroline, * 11.6., ~ 2.7.1843 in Boltigen.∞ mit Kunz Jakob.

12221

Abegglen Anna, * 19., ~ 26.4.1846 in Gsteig. ∞ mit Abegglen Peter von Iseltwald.

12222

Abegglen Christian, * 9., ~ 20.5.1849 in Gsteig, † 28.3.1921 in Brienz. Von und in Iseltwald, am Hubel. ∞ 9.2.1878 mit Abegglen Elise Caroline, * 11.3.1851, † 30.12.1924 in Meiringen (Anstalt Reichenbach). Christian war von Beruf Holzschnitzer.

12223

Abegglen Friedrich, * 20.4., ~ 1.5.1853 in Gsteig , † 27.1.1856.

12224

Abegglen Johannes, * 4., ~ 12.8.1855 in Gsteig, † 22.1.1856.

12225

Abegglen Friedrich, * 12., ~ 25.4.1858 in Gsteig, † 25.7.1858.

12231

Abegglen Margaritha, * 4., ~ 11.10.1846 in Gsteig. ∞ mit Brunner Peter von Iseltwald.

12232

Abegglen Jacob, * 16., ~ 27.4.1851 in Gsteig, † 7.12.1901.

12233

Abegglen Elisabeth, * 18., ~ 26.8.1855 in Gsteig. ∞ mit Urfer Christian von Bönigen.

12234

Abegglen Elisabeth, * 16., ~ 24.4.1859 in Gsteig.

12235

Abegglen Friedrich, * 2., ~ 14.4.1861 in Gsteig, † 21.8.1861.

12236

Abegglen Magdalena, * 26.10., ~ 9.11.1862 in Gsteig. ∞ mit Glaus Karl von Wilderswil.

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Abegglen Jakob, * 8.8., ~ 30.8.1857 in Boltigen, † 30.8.1905 in Zug. ∞ 6.11.1879 mit Brog Anna, ~ 27.1.1858.

13312

Abegglen Anna Katharina, * 27.1., ~ 20.2.1859 in Abländschen.

13313

Abegglen Maria, * 30.12.1860, ~ 20.1.1861, † 6.8.1861.

13314

Abegglen Maria, * 31.12.1860, ~ 2.2.1862.

13315

Abegglen Gottlieb, * 28.1., ~ 12.3.1865, † 28.11.1944 in Brienz. Von Iseltwald, wohnhaft in Brienz. ∞ I. 23.9.1893 mit Perroud Rosina Maria, * 3.10.1860, † 1.3.1924 in Brienz. ∞ II. 8.12.1930 mit Hügli Rosa Marie, * 13.2.1895, † 24.2.1972 in Wohlen bei Bern.

13316

Abegglen Arnold, * 19.3., ~ 3.5.1866 in Gsteig.

13317

Abegglen Oskar, * 23.3., ~ 28.4.1867, † 23.8.1946 in Iseltwald. Von Iseltwald, in Boltigen aufgewachsen, später in Iseltwald wohnhaft. ∞ mit Brunner Margaritha, * 8.8.1863, † 24.2.1916.

122221 Abegglen Carolina, * 1.4.1880, †29.11.1923, kinderlos. ∞ mit Barben Johannes von Spiez. Sie lebten in Spiez. 122222 Abegglen Emma, * 25.9.1881. ∞ mit Streich Andreas von Gadmen. Sie lebten in Brienz. 122223 Abegglen Anna, * 27.6.1883. ∞ mit Feuz Christian von Beatenberg. Sie lebten auf dem Beatenberg. 122224 Abegglen Rosa, * 25.6.1885. ∞ mit Bhend Johann Jakob. Sie führten auf dem Beatenberg ein Restaurant. 122225 Abegglen Bertha, * 5.10.1889. ∞ mit Barben Edaurd. Sie wanderten in die USA, nach Lyman im Staate Washington, aus. 122226 Abegglen Maria, * 13.12.1892. ∞ mit Gafner Christian von Beatenberg. Christian war Portier auf dem Beatenberg. 133171 Abegglen Anna Margaritha, * 11.3.1891 in Iseltwald. ∞ 1917 mit von Rebstein Ernst Georg. 133172 Abegglen Maria, * 24.5.1893 in Iseltwald. ∞ 1919 mit Küenzi Karl Friedrich. 1920 in die USA ausgewandert. 133173 Abegglen Agnes, * 30.6.1894 in Iseltwald, † 29.9.1894. 133174 Abegglen Rosalie Agnes, * 22.12.1895 in Iseltwald. ∞ 1922 mit Toggweiler Julius. 133175 Abegglen Emma, * 6.3.1897 in Iseltwald, † 20.6.1921.

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133176 Abegglen Paul Emil, * 11.9.1900 in Iseltwald. 1921 in die USA ausgewandert. 133177 Abegglen Cécile, * 28.12.1901 in Iseltwald. Im Herbst 1921 in die USA ausgewandert. 133178 Abegglen Ernst, * 3.7.1904 in Iseltwald. Im Herbst 1921 in die USA ausgewandert. 133179 Abegglen Peter, * 4.3.1906 in Iseltwald, †19.5.1938 in Langnau. Wanderte 1927 in die USA aus, kehrte später wieder zurück.

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Quellen BEZIRKSARCHIVE Interlaken (Bez Interlaken): • Zivilstandskreis Interlaken (Stadthaus Unterseen): Burgerrödel I und II von Iseltwald. Genealogische Aufzeichnungen auf Grund der Verordnung vom 9.9.1822. Ab 1824 erstellt durch Pfarrer Samuel Ziegler von Gsteig und Matthäus Abegglen, Gemeindeobmann von Iseltwald. • Kreisgrundbuchamt XI, Interlaken-Oberhasli: Grundbücher von Gsteig. BÖNIGEN/BERN Peter Michel (PAMI): • Archiv | Bibliothek | Sammlung

Literatur • BRUN, Carl. 1913: Schweizer Künstler-Lexikon, Bd. III. Frauenfeld. • BURI, Ernst. 1978: Die Mühlen im Bödeli einst und jetzt. Heimatkundebeitrag für den Raum Interlaken. Privatdruck der Firma Schlaefli AG. Interlaken. • GRAF-FUCHS, Margret. 1957: Die Rechtsquellen des Kantons Bern. Zweiter Teil, Rechte der Landschaft; Sechster Band, Das Recht der Ämter Interlaken und Unterseen. • LUTZ, Markus. 1822: Geographisch-Statistisches Handlexikon der Schweiz für Reisende und Geschäftsmänner. Gedruckt in Aarau bei Heinrich Remigius Sauerländer. • MICHEL, Peter. 1993: Iseltwald. Geschichte und Geschichten über das Fischerdorf am Brienzersee. Iseltwald. • MICHEL, Peter. 1997: 1897–1997 | 100 Jahre Hotel du Lac Iseltwald. Iseltwald. • MICHEL, Peter. 2003: Zwischen 1815 und 1865 unterwegs zu Fuss, mit Pferd und Wagen, Postschiff und Raddampfer. In: Jahrbuch UTB 2003. • WEBER, Konrad. 1991: Berner Taufzettel. Funktion und Formen vom 17. bis 19. Jahrhundert. Bern.

Abbildungen • Abb. 1, 2, 4–13: • Abb. 3:

Privatbesitz Schweiz Heimatvereinigung Wilderswil & Umgebung

Anmerkungen ZIEGLER, Samuel. 1827: Der heidelbergische Katechismus oder kurzer Unterricht christlicher Lehre in kurzen Sätzen (...). Ein Lehr- und Lesebuch (...). Bern. Dieses Lehr- und Lesebuch wurde im Kanton Bern im kirchlichen und im allgemeinen Schulunterricht verwendet. Gebraucht haben es Christian (1222), Jacob (1223), Rudolf (1224) und Margaritha (1225) Abegglen, die im Schulhaus «auf der Brügg» in Iseltwald, unweit ihres Wohnhauses, die Grundschule besuchten. 2 ORELLI, von, Conrad. 1850: Kleine Französische Sprachlehre für Anfänger. Aarau und Frankfurt am Main. Der Einband trägt den Besitzervermerk Luzia Brunner. In Gebrauch stand es bei Rosa Abegglen (122224), die 1883 geboren, in Iseltwald die Grundschule besuchte. Schulhäuser in Iseltwald siehe Michel 1993 und 1997. 3 Abegglen, Familie: Seit 1303 in Iseltwald urkundlich nachweisbar. Um 1730 lassen sich 20 einzelne Stämme dieser Familie in Iseltwald nachweisen. Michel 1997. 4 Einsassen oder Hintersassen: Menschen die nicht an ihrem Heimatort wohnten, daher auch 1

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an den Rechten und Pflichten der Bäuertgemeinde (ab 1832 der Burgergemeinde) ihres Wohnortes nicht teilhaben konnten. Sie hatten ihrer Wohngemeinde jährlich eine Personalsteuer, das «Hintersassengeld», zu entrichten. Mühlenen: Alte Schreibweisen «Molendino», «Mûlinon», «Mülinen» oder «Mühlinen». Bis ins frühe 18. Jahrhundert eine selbstständige Bäuertgemeinde. Mühlenen war, zusammen mit einem Teil von Wilderswil, mit Gsteig, Grenchen, einem Teil von Därligen, Isenfluh, Sulwald und einem Teil von Saxeten, Bestandteil des Gerichts Unspunnen. 1334/35 werden Mühlenen und Grenchen als Dorfschaften, «villis Mûlinon et Grenchon» genannt. GrafFuchs 1957, S. 37 40. Der Täufling wurde von seinem Paten (Götti) nicht etwa als Gottenkind, sondern als «Junge Gotten» bezeichnet. Die in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf die vorstehende Abegglen-Stammtafel. Das Dokument hatte amtlichen Charakter und trägt den Blindprägestempel «Helvetische Republik». Zur früheren Geschichte der Mühle von Mühlenen siehe Buri 1978. Obmann = Gemeindevorsteher; Chorrichter = Richter am Chorgericht zu Gsteig. Am 16. Juni 1826 trat er die Weide auf der «Zügegg» als Ehesteuer an seine Tochter Anna Zurschmiede-Abegglen (121) und das Land in «Grenchen», ebenfalls als Ehesteuer, an seinen Sohn Christian Abegglen (122) ab. Dieser veräusserte das Grundstück 1837 an Hans Balmer Bütschi war in Wilderswil auch Hintersass. Siehe auch Fussnote 4. Die neuen Heimatscheine wurden nach der Aufnahme der Personendaten und Fertigstellung der Burgerrödel ausgestellt. Siehe auch Quellen: Bez Interlaken. Siehe Abbildung 11. Zustand um 1880 siehe Michel 2003. LOBWASSER, Ambro.(sius)/SULTZBERGER, Joh.(ann) Ulrich. 1727: Vierstimmiges Psalmenbuch. Druck von Daniel Tschiffeli. Bern. Die Holzdeckel mit reich verziertem Leder und verzierten Blechauflagen. Ehemals mit Schliessen. Das zweite, 1750 in der Berner Staatsdruckerei hergestelltes Psalmenbuch von Lobwasser/Sultzberger, wurde 1753 von Maria Joûn ihrer Patentochter Elisabeth Brunner geschenkt. Elisabeth war eine Vorfahrin von Christian Brunner, dem ehemaligen Besitzer des Hubel-Hauses in Iseltwald. Brandversicherungsschein vom 7. September 1816 für das Haus Nr. 204 in Wilderswil. Versichert für die Summe von dreihundert Franken. Elisabeth, verheiratet mit Rudolf Amacher; Anna, verheiratet mit Peter Balmer und Margaritha, verheiratet mit Christian Abegglen. Hotel/Restaurant Steinbock neben der Kirche. Rudolf Amacher war verheiratet mit Elisabeth Glaus, einer Schwester ihrer Mutter. Siehe auch Fussnote 19. Siehe dort. Siehe Abbildung 9. Vormundschaftsrechnung Ein Teil des Dangelgeschirrs, der Stein, stand bis 1996 beim Hauseingang der rechten Haushälfte. Siehe auch Michel 1993. Die dort abgebildeten Schriftstücke stammen aus der hier besprochenen Sammlung. Johann Heinrich Ehrenfried Zimmer wurde 1774 in Rossdorf bei Göttingen geboren. Dort war er Schüler von Ernst Ludwig Riepenhausen 1865–1840. Nach 1799 war er in Interlaken, in der Werkstatt von Franz Niklaus König (Abb. 1), tätig. Am 15. August 1803 heiratete er in

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der Kirche Ringgenberg. 1810 finden wir ihn als Zeichenlehrer in Zofingen, 1817 in Hofwyl und ab 1820 in Bern. 1848 zog er nach Biel, wo er am 4. Februar 1851 starb. 1815 wurde er in der aargauischen Gemeinde Dättwil eingebürgert. In der Berner Kunstausstellung von 1810 stellte er das Gemälde «Die Mühle bei Wilderswil» aus (Verbleib des Gemäldes unbekannt).

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Titel Jahresberichte

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Jahresberichte 2004 für die Zeit vom 1. November 2003 bis 31. Oktober 2004

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Protokoll der Generalversammlung vom 13. Februar 2004, Hotel Weisses Kreuz, Interlaken, 15.45–17.05 Uhr Anwesend: Entschuldigt: Leitung: Protokoll:

83 Personen gemäss Präsenzliste 19 eingegangene Entschuldigungen Andreas Fuchs, Präsident Myrta Montani, Geschäftsstelle

Traktanden 1. Protokoll der ausserord. GV vom 25. April 2003 2. Jahresbericht 3. Jahresrechnung 2003 4. Budget 2003 5. Beitragsgesuche 6. Verschiedenes Der Präsident Andreas Fuchs begrüsst die Anwesenden zur 72. Generalversammlung des UTB. Er nimmt die eingegangenen Entschuldigungen zur Kenntnis, verzichtet jedoch auf eine namentliche Erwähnung. Als Stimmenzähler wird Christian Siegenthaler bestimmt. 1. Protokoll der ausserord. GV vom 25. April 2003 Das Protokoll wird genehmigt und verdankt. 2. Jahresbericht Für den Jahresbericht verweist der Präsident auf das Jahrbuch 2003, S. 99–129. Ein paar wichtige Punkte dazu: – Nebst den GV-Protokollen sind die neuen UTB-Statuten im Jahrbuch abgedruckt. – Bauberatung: Der frei gewordene Bauberater-Posten von Andreas Fuchs konnte durch Oliver von Allmen, Interlaken neu besetzt werden. Er ist Architekt und Mitinhaber der Von Allmen Architekten in Interlaken. – Beiträge: Da das UNO-Jahr 2003 dem Wasser gewidmet war, konnte der UTB verschiedene Aktionen in diesem Rahmen unterstützen und aktiv mitgestalten (Ausstellungen und Führungen im Rahmen des THUNO-Jahres des Wassers). 193

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– Das Naturschutzgebiet Weissenau wird auch weiterhin von Bruno Maerten betreut. Dies geschieht in freiwilliger Funktion. – Die gewissenhaft durchgeführten Wasservogelzählungen von Rolf Hauri werden ebenfalls verdankt. – Der UTB zählt per Ende 2003 717 Mitglieder. Die Mitgliederzahl ist immer noch rückläufig. – Das Jahrbuch enthält eine sehr wertvolle Bibliografie sämtlicher Jahrbuchinhalte von 1933–2002, aufgeteilt in ein Autoren- und ein Sachregister. Für diese grosse Arbeit wird dem Verfasser Hans Frutiger ganz herzlich gedankt. Die Zusammenstellung wird auf der Homepage ebenfalls abrufbar sein. Ergänzungen zum Jahresbericht im Jahrbuch: Der Vorstand kam in seiner neuen Zusammensetzung 5mal zusammen. Die Arbeit erfolgte gemäss neuem Organigramm. Dabei wurden die Fachinstanzen wie folgt besetzt: – Bauberatung: Katharina Berger (ausserhalb des Vorstandes: Silvio Solcà und Oliver von Allmen) – Landschaft/Kulturlandschaft: Bruno Maerten und Andreas Huggler – Kommunikation/Jahrbuch: Regula Dütschler und Hansjürg Wüthrich – Finanzen/Mittelbeschaffung: Marianne Hassenstein und Ulrich Blunier Der Beirat konnte im Rahmen der Aktivitäten des UNO-Jahres des Wassers mit einbezogen werden. Er trat als solcher nicht eigens zusammen. Die Art und Weise der Zusammenarbeit mit dem Vorstand soll im kommenden Jahr vom Vorstand noch konkretisiert werden. Die Liegenschaftsverwaltung konnte neu organisiert werden. Die Liegenschaftsakten werden von der Geschäftsstelle verwaltet. Der Kontakt zu den Pächtern sowie die Abklärung eines eventuellen Handlungsbedarfs auf den UTB-eigenen Liegenschaften obliegt der Fachinstanz Landschaft/Kulturlandschaft. Das Jahrbuch 2003 ist unter der Regie von Oskar Reinhard in Zusammenarbeit mit Walter Seiler entstanden. Beiden wird dafür ganz herzlich gedankt. An dieser Stelle wird Oskar Reinhard auch für seine grosse Arbeit als Vorgänger von Andreas Fuchs als Vereinspräsident gedankt. 194

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Der Vizepräsident Walter Blatti stellt den Jahresbericht zur Diskussion. Diese wird nicht genutzt. Der Jahresbericht wird durch Applaus bestätigt. Walter Blatter dankt Andreas Fuchs für seine wertvolle Arbeit. 3. Jahresrechnung Die Rechnungsführerin Josiane Jenzer erläutert die Jahresrechnung 2003. Sie schliesst bei einem Aufwand von Fr. 183’612.50 mit einem Ausgabenüberschuss von Fr. 4’173.50. Der Ausgabenüberschuss ist bedeutend niedriger als für das Jahr 2003 budgetiert, da einerseits der Beitrag des Zahlenlottos rund Fr. 30’000.– höher war und andrerseits die Geschäftsstelle rund Fr. 10’000.– weniger Kostenaufwand hatte. Der Vizepräsident verliest den Bericht der Revisoren Peter Heim und Willi Goldschmid und dankt Josiane Jenzer für ihre einwandfreie Arbeit. Die Jahresrechnung wird einstimmig genehmigt. 4. Budget 2004 Josiane Jenzer und Andreas Fuchs stellen das Budget 2004 vor. Es sind Einnahmen in der Höhe von Fr. 149’875.– und Ausgaben von Fr. 220’950.– vorgesehen. Dies ergibt einen Ausgabenüberschuss von Fr. 71’075.–. Dieser kann auf der Ausgabenseite mit der Instand-Stellung der UTB-eigenen Scheune «Erschwande» (ca. Fr. 20’000.–, s. nachfolgendes Traktandum) und auf der Einnahmenseite mit dem reduzierten Zahlenlotto-Beitrag (Fixum) begründet werden. Das Budgetdefizit ist insofern berechtigt, als dass sich der UTB in einer 3-jährigen Umbruchphase (Auflösung der SEVA) befindet. Das Budget wird ohne Gegenstimmung genehmigt. 5. Beitragsgesuche Es handelt sich im Folgenden nicht um ein eigentliches Beitragsgesuch sondern um den Unterhalt auf einer UTB-eigenen Liegenschaft. Der Bauberater Silvio Solcà stellt das Geschäft vor: Die Scheune «Erschwande» liegt in der Gemeinde Bönigen auf einem Grundstück, das vor 20 Jahren vom UTB gekauft wurde. Für den Pächter ist die Scheune auf diesem Grundstück attraktiv als Geräteunterstand und zur Heulagerung. Der renovationsbedürftige (entgegen dem Wortlaut im Jahrbuch!) Zu195

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stand der Scheune lässt diese Nutzung nur noch beschränkt zu. Die eingeholte Offerte zur Instand-Stellung der Scheune (Abdichtung, Renovation, Mauerwerk, Entfernen von Vegetation etc.) liegt bei Fr. 23’000.–. Silvio Solcà empfiehlt das Vorhaben zur Annahme. Der Antrag wird ohne Gegenstimme angenommen. 6. Verschiedenes Der Präsident Andreas Fuchs gibt einen kurzen Ausblick auf das kommende Vereinsjahr. Der Vorstand ist nun in seiner neuen Zusammensetzung institutionalisiert. Ein wichtiger Punkt wird das Sichern der künftigen Finanzmittel sein. Nach 2006 wird der fixe Beitrag des Zahlenlottos (ca. Fr. 100’000.–) wegfallen. Weiter soll die Uferlandschaft, die Abklärung des Aufwertungspotenzials ein Thema sein. Von Seiten des Beirates sind Anregungen und Eingaben jederzeit erwünscht. Eine Zusammenarbeit des Beirates zur Konkretisierung der Zusammenarbeit mit dem Vorstand ist geplant. Ein Mitglied regt an, die Verbreitung des japanischen Knöterichs an der Ufermauer beim Stedtlizentrum Interlaken einzudämmen. Daniel Früh, Gemeinderat von Unterseen, informiert, dass das Problem bekannt sei und man sich entsprechend dafür einsetze. Hans Michel von der Fischereipachtvereinigung Amt Interlaken dankt für die gute Zusammenarbeit bei der jährlichen Uferputzete und wünscht dem UTB weiterhin alles Gute. Auf die Frage, weshalb die GV vom Samstag auf den Freitag verlegt worden sei, antwortet der Präsident, dass der Freitagnachmittag gerade für jüngere Mitglieder mit Familienverpflichtungen und oft vielen Freizeitaktivitäten attraktiver sein sollte. Der offizielle Teil der Generalversammlung schliesst um 17.05 Uhr. Im Anschluss gibt der Landschaftsmythologe Kurt Derungs Einblick in die Zusammenhänge zwischen Namensherkünften und sinnstiftenden Landschaftsbetrachtungen rund um die Landschaft des Thuner- und Brienzersees. 196

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Berichte der Bauberater Fachleitung Bauberatung Katharina Berger, dipl. Architektin ETH, Hünibach Das Bauberaterteam hat sich zu 6 Sitzungen getroffen. Vier dieser Besprechungen waren der Behandlung von Bauberatergeschäften und dem Organisatorischen gewidmet. Da es sich zeigte, dass während der ordentlichen Sitzungen zuwenig Zeit für eine eingehende Diskussion der vorgesehenen Merkblätter blieb, haben wir noch 2 Termine eingeschoben. Die kurz vor der Verabschiedung stehenden Merkblätter umschreiben die Haltung des UTB zu den Bereichen: • Materialien und Farbgebung • Dachlandschaft • Umgebungsgestaltung • Stützmauern / Lärmschutzwände Leider hat Silvio Solcà beschlossen, sein Bauberatermandat auf Ende dieses Jahres abzugeben. Wir verlieren mit ihm einen engagierten, versierten Bauberater. Ich danke ihm für seinen jahrzehntelangen Einsatz für Belange des UTB und wünsche ihm, dass er sein grosses Engagement beibehält und weiterhin gut einsetzen kann.

Gemeinden Krattigen, Oberhofen, Sigriswil, Spiez und Thun sowie die kleinen Seen im Thuner Westamt Katharina Berger, dipl. Architektin ETH, Hünibach Im vergangenen Jahr waren total 178 kleinere und grössere Baugesuche, dazu 5 Mitwirkungs- und 8 Planauflagen einzusehen; so viele Publikationen gab es schon lange nicht mehr. Ob dies ein Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung ist, wird erst die Zukunft zeigen. Von den 11 erhobenen Einsprachen konnten bis heute 10 bereinigt werden, nur bei einem dieser Bauvorhaben ist noch keine Einigung zustande gekommen. Dazu habe ich 13 schriftliche und 197

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5 mündliche Stellungnahmen abgegeben, 2 Mitwirkungseingaben verfasst, in 4 Fällen ein Mitspracherecht bei Farb- und Materialwahl oder Umgebungsgestaltung wahrgenommen und bei 8 Gesuchen ein solches beantragt. Kurz zu einer Auswahl meiner Geschäfte: Krattigen: – Nachdem die gestalterischen Einwände zu den geplanten Neubauten in der Örtlimatt in Form einer Voranfrage bereinigt werden konnten, musste ich mich zum Baugesuch nicht mehr äussern. Längenbühl: – Die revidierte Ortsplanung kam zur Planauflage. Da ich diese Planung ausgearbeitet habe, musste ich für die kritische Beurteilung meine beiden Kollegen Andreas Fuchs und Oliver von Allmen beiziehen; sie sahen keinen Grund für eine Einsprache. Oberhofen: – Im Hang zwischen dem Friedhof Hilterfingen und der Villa Frutiger ist eine zeitgemässe Überbauung mit begrünten Dächern geplant. Bei den Entscheiden zu Farb- und Materialwahl wie auch zur Umgebungsgestaltung wünscht der UTB beigezogen zu werden. – Für das Gebiet Wendelsee möchte Oberhofen sobald als möglich eine Baubewilligung erwirken, um das Gelände verkaufen zu können. Da es sich um eine Zone mit Planungspflicht handelt, bisher aber keine rechtsgültige Planung vorliegt, glaube ich nicht, dass dieses Vorhaben so schnell gelingt, wie dies beabsichtigt ist. Sigriswil: – Obwohl die Gemeinde nicht auf meine Mitwirkungseingabe eingetreten ist, habe ich wegen Aussichtslosigkeit auf eine Einsprache zur Teilrevision der Ortsplanung verzichtet. – Am Stotzigen Acker in Gunten werden immer mehr Bauwerke für die Verbesserung des Liegenschaftszuganges notwendig(Parkplätze, Autoeinstellräume, Liftanlagen). Dies bedeutet in diesem steilen Gelände eine Zunahme von hohen, schlecht gestaltbaren Stützbauwerken, die sich negativ auf das Landschafts- und Siedlungsbild auswirken. 198

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– Auf der Uferparzelle beim Hotel Eden in Gunten ist als Ersatz der unschönen Zeltanlage der Bau eines festen Bewirtungspavillons vorgesehen. Aus baurechtlichen Gründen musste das ursprünglich mit einem Zeltdach geplante Gebäude in einen konventionellen Satteldachbau umgewandelt werden. Spiez: – Bei der Planungsauflage für die Zone mit Planungspflicht Gwatt-Zentrum konnte ich feststellen, dass meine, im Mitwirkungsverfahren eingebrachten Anliegen weitgehend berücksichtigt waren, somit erübrigte sich eine Intervention. – Für die geplante, von Seiten des UTB angefochtene Gärtnerei, zeichnet sich doch noch eine zufriedenstellende Lösung ab, indem die Creabeton AG bereit ist, einen Teil ihrer Industrielandreserve bei der Kanderkies in eine Gärtnereizone umzonen zu lassen. Im Gegenzug verlangt sie aber eine Wohnzone auf einem Teil ihrer ursprünglich für die Gärtnerei vorgesehenen Parzelle beim Gwatt-Zentrum. Von Seiten des UTB bestehen keine Einwände gegen diese Änderungen. – Die BLS hat ihre Pläne für Lärmschutzwände entlang der Bahnlinie Thun– Spiez aufgelegt. Da der UTB als regionale Organisation bei eisenbahnrechtlichen Vorhaben keine Einsprachelegitimation besitzt, konnte ich das Anliegen, wenigstens die vom See her einsehbaren Betonelementwände mit einer Vorpflanzung zu versehen, lediglich in Form einer Bitte einbringen. Thun: – Der UTB hat zur zukünftigen Nutzung des Lachenareals eine Mitwirkungseingabe mit dem Wunsch nach mehr Erholung und Freizeit zulasten des Wohnungs- und Parkplatzbaus deponiert. – Beim kantonalen Wasserbauplan Hochwasserschutz Thunersee hat der UTB in seiner Mitwirkungseingabe Ersatzstandorte für zu fällende Bäume gefordert. – Die Fuhrerwerft soll einer Wohnüberbauung weichen. Die Einsprache des UTB bezweckt vor allem die Sicherstellung des zukünftigen Uferweges im Uferbereich und nicht mehr, wie durch den Werftbetrieb bedingt, entlang der Seestrasse. Im gemeinsamen Gespräch konnten die meisten der anstehenden Probleme gelöst werden. Ich danke allen, die bereit waren, diese Gespräche in gegenseiti199

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gem Verständnis zu führen. Ich hoffe auch im kommenden Jahr auf eine gute Zusammenarbeit zum Wohle der Anliegen des UTB.

Gemeinden Hilterfingen, Beatenberg, Unterseen, Därligen und Leissigen Oliver von Allmen, dipl. Architekt HTL, Interlaken Insgesamt sind in den 5 Gemeinden vom UTB 84 Baupublikationen registriert worden. Beatenberg Mit der Sanierung eines privaten Bootshafens in Sundlauenen wird im vergangenen Berichtsjahr nur zu einer Publikation Stellung bezogen. Im Fachbericht an das Regierungsstatthalteramt zweifelt der UTB besonders an der Nützlichkeit einer Schutzwand, welche Materialauflandung verhindern soll. Nach den Erläuterungen der besonderen Begebenheiten dieser Situation durch andere Fachstellen wird dem Projekt jedoch zugestimmt. Unterseen Die meisten Baugesuche in Unterseen sind für den UTB nicht von grosser Bedeutung. Zu beurteilen ist nur ein Projekt, welches direkten Seeanstoss hat: der Teilabbruch und Anbau eines Ferienhauses in der Nutzungszone Neuhaus-Manorfarm zwischen dem Lombach und dem Thunersee. Der Eingriff ist gering und das bestehende Volumen wird nur unwesentlich vergrössert. Därligen In Därligen sind im Berichtsjahr nur wenige Baugesuche zu verzeichnen. Zu erwähnen ist das Projekt zur Sanierung und Erweiterung des Bootshafens beim Hotel du Lac. Es handelt sich dabei um eine Projektänderung eines bewilligten Bauvorhabens, welches vom UTB im Vorjahr geprüft wurde, wobei die gestalterischen Anliegen bereits angebracht werden konnten. Das vorliegende Projekt wird gegenüber dem bewilligten Hafen vom Juni 2003 noch zurückhaltender gestaltet und redimensioniert. Die für den UTB kritischen Punkte werden klar verbessert und das Bauvorhaben kann befürwortet werden. 200

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Leissigen In Leissigen wird besonders in der ersten Jahreshälfte im Vergleich zu den anderen Gemeinden eine rege Bautätigkeit festgestellt. Der UTB hat zu verschiedenen Projekten Stellung bezogen oder auch Einsprache erhoben. Sehr kritisch wurde die Zusammenlegung der ARA Därligen und Leissigen beurteilt. Der Grundgedanke mit dem Rückbau der bestehenden Hochbauten wird selbstverständlich unterstützt. Der UTB erachtet sowohl die Situierung als auch die Erschliessung der Anlage als sehr problematisch. Aus technischen und insbesondere aus wirtschaftlichen Gründen konnte dies leider nicht beeinflusst werden. Die gestalterischen Anliegen am Pumpengebäude wurden jedoch berücksichtigt. Vorbehalte gegenüber zweier Mehrfamilienhäuser in den Bereichen Rütele und Gubi konnten jeweils in gutem Einvernehmen mit den verantwortlichen Planern und Bauherren ohne Einspracheverfahren frühzeitig besprochen werden. Bei der Beurteilung des Baugesuchs für eine Halle mit Ausstellungszelt an der Hauptstrasse gibt vor allem die mögliche Materialisierung und Farbgebung der Hallanfassade zu diskutieren. Für ein Mitspracherecht zieht der UTB die Einsprache jedoch zurück. Hilterfingen Bei den geplanten Bauvorhaben tauchen für den UTB keine gestalterischen Fragen oder Probleme auf. Die Überbauung am Wiesenweg ist zwar sehr prägnant, die Einfamilienhäuser sind jedoch aus gestalterischer Sicht unproblematisch. Gegen das Aufstellen und Betreiben eines Verkaufswagens im Hafen hat der UTB Einsprache erhoben. Der Verkaufswagen bildet den Vordergrund für zwei erhaltenswerte Bauten und wäre ein prägnanter Bestandteil der neu gestalteten Hafenanlage. Daher sollen für eine dauernde Einrichtung höhere gestalterische Anforderungen gestellt werden. Das Hafengebiet ist gemäss Überbauungsordnung eine Freifläche und gleichzeitig Uferweg. Im übrigen werden die Gestaltungsgrundsätze der Überbauungsvorschriften missachtet. Unter der Bedingung, dass der Wagen nach Saisonende entfernt und dass für die kommende Sommersaison eine andere Lösung gefunden wird, zieht der UTB die Einsprache zurück. 201

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In diesem Jahr wird das Mitwirkungsverfahren der Uferschutzplanung Seegarten durchgeführt, welche den Verlauf des Uferwegs neu entlang des Sees vorsieht. Weder bei dieser Planauflage noch bei der ZPP Marbach, welche eine Umwandlung der Hotelzone in Wohnzone vorsieht, hat der UTB Einwände angebracht.

Der UTB dankt den Gemeindebehörden, Regierungsstatthalterämtern und den Fachstellen für die gute Zusammenarbeit. Erfreulich ist auch die Tatsache, dass der UTB sehr oft bereits in einem frühen Stadium der Planung mit einbezogen wird. An dieser Stelle danke ich auch dem Vorstand für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird und für die Möglichkeit, diese interessante Aufgabe wahrnehmen zu dürfen.

Brienzerseegemeinden Silvio Solcà, Architekt HTL, Matten b. Interlaken Durch die Erschliessung des Gebietes «Leischen» in Bönigen hat in dieser Gemeinde die Bautätigkeit leicht zugenommen. Trotzdem sind gleich viele Baupublikationen veröffentlicht worden wie im letzten Jahr, nämlich deren 73; in Bönigen 23 und in Brienz 22. Es sind die Gemeinden mit den meisten Publikationen. Erfreulich ist, dass in keinem Fall Einsprache gemacht werden musste. Bönigen: Die Scheune auf dem Grundstück Erschwanden im «im Spitz», welches dem UTB gehört, wurde im Verlaufe dieses Jahres renoviert. An der letzten GV wurde dafür ein Beitrag von Fr. 23’500.– gesprochen. Die Arbeiten sind nun abgeschlossen. Die Abrechnung über die gesamten Arbeiten stehen noch aus. Diese bewegten sich jedoch im Rahmen des zur Verfügung stehenden Betrages. Hotel Schlössli Bönigen AG, Seestrasse 34, Baupublikation für den Neubau einer Altersresidenz. Bereits im November 2002 konnte der UTB zur Überbauungsordnung UeO samt Vorprojekt mit Modell Stellung nehmen (siehe Be202

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richt 2002). Der Gesamtbau-Entscheid wurde Anfang November 2004 durch das Regierungsstatthalteramt erlassen. Brienz: SBB Brünig, Bahnhof Brienz, Neugestaltung Bahnhofareal mit Abbruch und Neubau Uferweg. Nach Voranfrage der Gemeinde wurde im Dezember 2003 eine Beitragszusicherung beschlossen. Der Weg wurde auf einer Länge von 220 m und einer Breite von 3 m direkt über dem Seespiegel neu gebaut. An die Restkosten von Fr. 151’000.–, die der Gemeinde verbleiben, hat der Vorstand im Januar einen Beitrag von 10 % bis zu einem Maximalbeitrag von Fr. 15’000.– beschlossen. Die Abrechnung liegt noch nicht vor. Nach langem hin und her hat sich wieder etwas getan in Sachen Gestaltung des Quais und der dahinterliegenden Plätze. Am 9. September haben die Stimmbürger über die Vorschläge der neuen Planungsgruppe zum Vorprojekt positiv abgestimmt. Lange, geschnitzte Bänke und geschnitzte Skulpturen sollen den Brienzerquai nach Vorstellungen der Quaibaukommission künftig zieren. Die Bauberatung bleibt «am Ball». Seeufersanierung Camping Aaregg. Im Winter 2003/04 wurde mit der 3. und letzten Bauetappe begonnen. Die Bauabnahme fand am 8. Juni statt. Vom UTB konnte leider an diesem Datum niemand teilnehmen. Der Bauberater hat aber die fertigen Bauarbeiten im Juli besichtigt und in Ordnung befunden. Die gesamte Sanierung des Ufers in 3 Bauetappen mit einer Gesamtlänge von 335 m präsentiert sich heute dem Betrachter als ein gelungenes Werk und es ist eine schöne Bereicherung der Uferlandschaft am oberen Brienzersee. Der Restbetrag von Fr. 4’500.– des damals bewilligten Beitrages von Fr. 33’000.– konnte kürzlich der Bauherrschaft ausbezahlt werden. Interlaken: Der Neubau des Touring Club Schweiz an der Brienzstrasse im «Sackgut» beim Campingplatz an der Aare, Zone UeO-Sackgut (Uferschutzplan), wurde am 2. Juli eröffnet. Bekanntlich hat der Bauberater gegen das Bauvorhaben Einsprache erhoben (Bericht 2003). Das Projekt wurde darauf abgeändert. In der Presse stand am 13. September 2003: Wegen einer Einsprache verzögert sich der Neubau auf dem Campingplatz Sackgut. Der TCS nimmts gelassen». Dem Bauberater wurde auch schriftlich zugesichert, die projektierten Gebäude anstelle von Metallplatten mit Welleternit, Ondapress Structa, Länge 62 cm, Farbe Broncit M 2012, einzudecken. Daraufhin habe ich beim Regierungs203

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statthalteramt unsere Einsprache zurückgezogen. Mit den Auflagen des UTB erteilte das Regierungsstatthalteramt dem TCS am 13. Oktober die Gesamtbewilligung. Nach der Eröffnung habe ich festgestellt, dass entgegen der erteilten Baubewilligung die Dachflächen nicht mit dem gewünschten Materialformat und Farbe eingedeckt wurden. Zuständig für die Bauabnahme ist das Bauinspektorat Interlaken. Entweder erfolgte keine Bauabnahme oder die Auflagen des UTB wurden schlichtweg ignoriert. Ich habe unseren Präsidenten informiert und mit ihm an Ort und Stelle einen Augenschein vorgenommen. Ich hoffe nun sehr, dass der Vorstand gegen das Vorgehen der Bauherrschaft interveniert und verlangt, dass die Dächer gemäss Bewilligung umzudecken oder aber die Bauherrschaft mit einer saftigen Busse von einigen tausend Franken zu Gunsten des UTB zu büssen. Mit solchem Vorgehen werden wir unglaubwürdig, und die Bauberatung des UTB wird in Frage gestellt. Uferschutz- und Ortsplanungen: Bönigen: Überbauungsordnung UeO «Leischen» und Überbauungsordnung Nr. 4 «Schlössli» Bei beiden handelte es sich nur um geringfügige Anderungen ohne Auswirkungen auf die Uferlandschaft. Noch etwas in eigener Sache. Nach 29-jähriger Bauberater-Tätigkeit ist es an der Zeit, einer jüngeren Kraft Platz zu machen. Diese anspruchsvolle Tätigkeit habe ich unserem Ehrenmitglied Hans Boss zu verdanken. Als Nachfolger von Hans Huggler, dipl. Arch. ETH, Brienz, übernahm ich bis 1984 die Gemeinden am oberen Thunersee und nach Rücktritt von Hans Boss die Gemeinden am Brienzersee. Meinem oder meiner Nachfolger(-in) wünsche ich viel Freude an dieser Tätigkeit. Den Behörden und deren Mitarbeitern danke ich für die stets gute Zusammenarbeit.

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Verschiedenes Umsetzung Leitbild Mit dem neu konstituierten Vorstand, wie er sich an der GV 2004 präsentierte, wurden die anstehenden Aufgaben angepackt und kreativ nach Wegen und Lösungen gesucht, die Arbeit im Vorstand effizient zu gestalten. Ein Treffen mit dem Beirat bot Gelegenheit, die jüngste Renaturierungsetappe in der Weissenau zu besichtigen und die anschliessende Diskussion über mögliche Aufwertungsmassnahmen im Uferbereich unserer Seen brachte Impulse für neue Projekte. Die Homepage wurde online geschaltet und dient nun jedermann als ständige Informationsquelle unter der Adresse www.u-t-b.ch . Drucksachen mit dem neuen Logo wurden erstellt und Vorbereitungen getroffen für die Gestaltung eines vielseitig verwendbaren Flyers. Die Liegenschaftsverwaltung wurde der Geschäftsstelle angegliedert, welche für die Koordination mit den Fachinstanzen Landschaft (Pachtverträge) oder Bauberatung (baulicher Unterhalt) und der Rechnungsführerin (Liegenschaftsrechnung) besorgt ist. Leider haben zwei Mitglieder infolge beruflicher Weiterbildung und Arbeitsüberlastung den Vorstand verlassen. Bedauerlicherweise wurde damit der Frauenanteil drastisch reduziert – Ansporn und Anreiz für JederFrau, sich zu engagieren und aktiv mitzumachen!

Beiträge und andere finanzielle Unterstützungen – Der Uferweg beim Bahnhof Brienz von der Schiffländte bis zum Hotel Schützen (Fluhberg) wurde erneuert und wesentlich komfortabler gestaltet. Der UTB leistet einen Beitrag von max. Fr. 15'000.– an die nicht subventionierte breitere Ausführung von 3.0 Meter Wegbreite. 205

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– Mit dem Projekt «Kohle, Stein und Wasser» werden im Rahmen des Gesamtprojektes «Höhenweg Thunersee» Pflegeeinsätze für Natur, Kultur und Landschaft im Gebiet Hohgant-Thunersee lanciert. Der UTB spricht einen Beitrag von Fr. 10'000.– an die Teilprojekte «Sundbachdelta» und «Nastel». Erste Pflegeeinsätze durch den Campus Muristalden haben im Laufe des Jahres 2004 bereits stattgefunden. – Der Erlebnispfad in Oberried wurde mit einem Beitrag von Fr. 1'000.– unterstützt. – Der Fotoclub Interlaken erstellte eine Jubiläums-Broschüre über die Weissenau. Der UTB leistete einen Beitrag von Fr. 1'500.– verbunden mit der Uebernahme von 50 Ex. der Broschüre. – Unter dem Titel «Hohe Wellen in Thun» startete der Verein Stadtmobilität Thun eine Reihe von «STATTrundgängen». Die Aufbauarbeit wurde mit einem Beitrag von Fr. 1'000.– unterstützt. – An die Publikation «Die St. Beatus-Höhlen – Entstehung, Geschichte, Erforschung» von Philippe Häuselmann leistet der UTB einen Beitrag von Fr. 500.–. – Das Buchprojekt «Axalp – Geschichte und Poesie» von Paul Am Acher wird mit einem Beitrag von Fr. 1'000.– unterstützt. – Daneben leistete der UTB wie alle Jahre die vertraglich vereinbarten Unterhaltsbeiträge an die Grünanlage im Lombachdelta, den Pilgerweg und den Rastplatz Wychel in Oberried.

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Maerten_Weissenau

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Bruno Maerten

Naturschutzgebiet Weissenau – Neuhaus «Es ist vollbracht!» Im Berichtsjahr konnten die im Winter 1997/98 begonnenen grossen Renaturierungsarbeiten im Schutzgebiet fertiggestellt werden. Das Ziel, die Qualität der Lebensräume für Tier, Pflanzen und Erholungssuchende zu verbessern, ist sichtlich gelungen. (Renaturierungsprojekt Weissenau von Andreas Bossert, UTB Jahresbericht 2002). Nachdem im Winter ungewöhnlich viele Äste auf den Weg fielen, wurde mit der Forstequipe der Burgergemeinde Unterseen eine ausgedehnte Sicherheitsholzerei durchgeführt. Sämtliche Bäume am Wegesrand wurden auf ihren Zustand hin beurteilt. Dürre oder sonst gefährliche Bäume und Äste wurden entfernt. Das Risiko, durch einen herunterfallenden Ast verletzt zu werden, kann so klar vermindert werden. Die traditionelle Uferputzete fand in diesem Jahr nur im kleinen Kreise statt. Unter Mithilfe der Familie Zingrich und dem Schreibenden konnte das wenige Schwemmholz entfernt werden. Auf vermehrten Kehrichttouren durch Werkmann U. Zingrich sowie durch den Schreibenden mussten die Flachuferstreifen von Unrat befreit werden. Für die geleisteten Arbeiten im Schutzgebiet geht der beste Dank an Ueli Zingrich und seine Familie sowie an alle, die bei den Renaturierungsarbeiten mitgeholfen haben.

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Rolf Hauri

Wasservogelzählungen an Thuner- und Brienzersee 2003/2004 Vorab einige Bemerkungen zum Brutgeschehen 2003: Allgemein kann bei den Wasservögeln von einem erfolgreichen Jahr gesprochen werden. Das andauernde Schönwetter sowie geringe Wasserstandsschwankungen liessen die Bruten gedeihen. Für einige ausgewählte Arten ergaben sich am Thunersee folgende Zahlen: – Höckerschwan: 13 Familien – Kolbenente: 13 Familien mit 40–50 flüggen Jungen – Reiherente: 9 Familien – Gänsesäger: 17 Familien Als besonderes Ereignis darf das erstmalige erfolgreiche Brüten des Schwarzhalstauchers am Thunersee – in der Weissenau – bezeichnet werden. Für Einzelheiten sei auf den Bericht von Peter Blaser im Jahrbuch 2003 verwiesen. Führt ein gutes Brutergebnis an einem Gewässer auch zu höheren Zahlen im folgenden Winter? Da sich hier in der kälteren Jahreshälfte aber Vögel aus einem weiten Umkreis einfinden, lässt sich ein solcher Zusammenhang nur schwer herauslesen. Die Sommervögel wandern teilweise wieder ab, dann spielen die grossräumigen Witterungsverhältnisse im Herbst und im Winter eine entscheidende Rolle. Gerne hätten die Zähler sowohl im November als auch im Januar noch etwas von der sommerlichen Wärme gespürt, beidemale herrschte eine unangenehme, kalte Feuchte, teilweise auch etwas Wind. Da sich an beiden Seen die meisten Wasservögel in Ufernähe aufhalten, dürfen die gewonnen Zahlen dennoch als zuverlässig gelten. Auch diesmal musste allerdings für die Kolbenente am Thunersee eine zusätzliche Erhebung durchgeführt werden. «Rosinen» konnten im Winter 2003/2004 nur wenige gefunden werden und Spitzenzahlen ergaben sich bei keiner Art. Immerhin, die Mantelmöwe vor Brienz erfreute sich besonderer Aufmerksamkeit und erhielt oft Ornitholo209

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genbesuch. Als Wintergast ist diese mächtige Möwe in der Schweiz ohnehin sehr selten, im Alpenraum gar eine Ausnahmeerscheinung. Besonders bemerkenswert ist nun, dass dieser Vogel – so gut wie sicher immer der gleiche – seit mindestens 1997/98 jeden Winter vor Brienz auftaucht, wo es ihm anscheinend sehr gut gefällt. Winterliche Ortstreue ist bei Grossmöwen durchaus bekannt. An welcher nördlichen Meeresküste verbringt die Möwe wohl die Sommermonate? Gegenüber den Jahren bis 2002 gab es in den letzten beiden Wintern einen recht starken Einbruch bei den Schwarzhalstaucherzahlen, eine Erscheinung, die auch an andern Schweizerseen bemerkt werden musste. Eine Erklärung steht bisher noch aus. Im Verlaufe des Herbstes und des Winters 2003/2004 fiel am Thunersee eine merkwürdige Verschiebung der Aufenthaltsgebiete von Tauchenten auf. Gewisse Buchten mit gewohnt grösseren Scharen an Kolben-, Tafel- und Reiherenten wirkten wie verlassen, zweifellos eine Folge eines schlechteren Nahrungsangebotes. Dies galt besonders für die Bucht vor der Weissenau, dann auch für den Bereich vor Einigen, wo sich die sonst grossen Bestände an Laichkräutern – eine begehrte Vogelnahrung – im Sommer 2003 kaum entwickelt haben. Die Gesamtzahlen haben sich allerdings kaum stark verändert, deshalb müssen Verschiebungen angenommen werden. Tatsächlich erschienen im Herbst die Reiherenten schon sehr früh in den Thuner Stadtgewässern. Als Grund ist anzunehmen: Im heissen Sommer 2003 führten die Zuflüsse Aare und Kander aussergewöhnlich viele und langezeit Feinstoffe aus den Gletscherregionen mit, die sich im See abgelagert und offenbar Nahrungsgründe eingedeckt und verschlammt haben.

Allen Helferinnen und Helfern herzlichen Dank!

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Die Ergebnisse: 1. Thunersee Sterntaucher Haubentaucher Schwarzhalstaucher Zwergtaucher Kormoran Graureiher Höckerschwan Graugans Stockente Krickente Spiessente Pfeifente Schnatterente Kolbenente Tafelente Reiherente Moorente Schellente Gänsesäger Teichhuhn Blässhuhn Lachmöwe Zwergmöwe Sturmmöwe Weisskopfmöwe Eisvogel Bergstelze Wasseramsel

14.–16.11.2003 – 116 48 62 28 1 141 1 1171 39 1 19 28 49 417 624 1 19 53 5 1146 855 1 2 13 5 12 19

Gefangenschaftsflüchtlinge und Bastarde: Schwarzschwan Nonnengans Mandarinente Brautente

11 1 2 2

16.–18.01.2004 1 96 55 44 20 2 135 1 1227 18 3 – 23 150 329 898 – 84 124 15 1207 1048 – 18 28 1 6 20

11 2 1 1 211

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1. Thunersee Bastard Stock- x Löffelente Bastard Stock- x Kolbenente Hausgans

2. Brienzersee Haubentaucher Zwergtaucher Kormoran Höckerschwan Stockente Spiessente Tafelente Reiherente Moorente Schellente Gänsesäger Teichhuhn Blässhuhn Lachmöwe Sturmmöwe Heringsmöwe Weisskopfmöwe Mantelmöwe Bergstelze Wasseramsel Hausgans Brautente

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14.–16.11.2003 1 1 1

16.–18.01.2004 1 1 1

15.11.2003 16 14 2 10 242 1 12 34 1 1 – – 107 96 – 2 2 – 4 6 1 –

17.01.2004 9 13 – 11 287 1 15 102 2 2 28 3 118 232 2 2 7 1 – 3 1 1

Neue Mitglieder

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Neue Mitglieder 2004 Frei Ernst, Rentner, Spielhölzli 10, 3800 Unterseen Gurtner Peter, Eidg. Dipl. Zimmermeister, Nordstrasse 21, 3806 Bönigen Hofer Ingrid, Vorholzstrasse 47, 3800 Unterseen Keller-Béguin M., Schneidermatte 4, 3705 Faulensee Pflugshaupt Hans, Schneckenbühlstrasse 11, 3852 Hilterfingen Von Allmen Oliver, Architekt HTL, Beatenbergstrasse 41, 3800 Unterseen Zumbrunn Hans, Werber, Am Gstygbach, 3852 Ringgenberg

Mitgliederbestand Gemeinden Korporationen + Gesellschaften Mitglieder mit Jahresbeitrag Mitglieder mit einmaligem Beitrag Total

2003 20 73 613 11 717

2004 20 73 598 11 759

Die Rechnungsführerin: Josiane Jenzer

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