UWC Robert Bosch College - Robert Bosch Stiftung

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Magazin 9. Jahrgang :: September 2014 17 UWC Robert Bosch College www.bosch-stiftung.de 2 :: Editorial 18 Schulprojekt mit Überraschungen: Di...

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Magazin

9. Jahrgang :: September 2014

17

UWC Robert Bosch College

www.bosch-stiftung.de

2 :: Editorial

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Schulprojekt mit Überraschungen: Die Baugeschichte des UWC Robert Bosch College

Fotos: Titel: Kathrin Harms; Seite 2/3: Robert Bosch Stiftung, Frank Schultze/Agentur, ZS, Bernhard Strauss, Kathrin Harms, Heinz Heiss; Illustration: KircherBurkhardt Infografik

D

odong hat einen ­langen Weg hinter sich zu seiner neuen Schule in Deutschland. Von seiner Heimat, den Philippinen, flog er mehr als 10.000 Kilometer nach Frankfurt. Vom Flughafen ging es dann mit dem Bus weiter nach Freiburg. Alles zusammen eine mehr als zwanzigstündige Reise auf einen anderen Kontinent – und doch nichts im Vergleich zu dem Sprung in eine andere Lebenswelt, die dieser Schulweg für Dodong bedeutet.

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140 Schüler aus Deutschland wurden zu Auswahlwochenenden für einen Platz an einem UWC eingeladen; 50 von ihnen haben die Auswahlkomitees überzeugt

Denn Dodong lebte acht Jahre lang als Straßenkind in Manila, seit seinem sechsten Lebensjahr. Eine Sozialarbeiterin, Dodong nennt sie Ms Claire, holte ihn irgendwann in eine Schule für Straßenkinder und betreute ihn dort. Über ein Theaterprojekt lernte er Englisch, wurde von e ­ iner angesehenen internationalen Schule aufgenommen. Der Direktor dieser Schule hat Dodong schließlich an UWC empfohlen. Jetzt lernt das ehemalige Straßenkind für einen Bildungsabschluss, der ihn für Aufgaben in der globalisierten Welt qualifiziert. Dodong ist einer von hundert Schülern des ersten Jahrgangs am Robert Bosch United World College in Freiburg. Sie kommen aus über 70 Ländern und viele haben eine besondere Geschichte. Für die nächsten zwei Jahre werden sie ab jetzt gemeinsam wohnen, miteinander und voneinander lernen. Die Schule ist das größte Einzelprojekt in der Geschichte der Robert Bosch Stiftung. Das besondere Konzept von UWC, die einmalige Konstellation von Partnern, die man für so ein Projekt braucht, und die große Herausforderung, die es bedeutet hat, ein altes Kloster in eine moderne Schule zu verwandeln, das sind die Themen in diesem Heft. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!

:: Inhalt 4 Endlich sind sie da! 104 Jugendliche aus 71 Ländern: Im neuen UWC Robert Bosch College beginnt der Schulbetrieb

Ihr

8 Die Burg der Weltbürger Im Atlantic College in Wales, dem ersten UWC weltweit, leben und lernen 360 Schüler aus 90 Ländern

Stefan Schott, Bereichsleiter Kommunikation

14 Vier Kulturen in einem Raum Jeweils vier Schüler aus unterschiedlichen Ländern ­teilen sich im UWC ein Zimmer

PS: Die Geschichte von Dodong ist wahr, aber es ist nicht sein richtiger Name. Um ihm eine n ­ ormale Schulzeit zu ermöglichen, haben wir auch auf ein Foto von ihm verzichtet.

16 »Ohne Bildung wird Kindern ein Teil ihrer Zukunft ­gestohlen« Essay von Desmond Tutu, ehemaliger Erzbischof und Symbolfigur für Gleichberechtigung und Frieden

Inhalt :: 3

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Keimzelle der UWC-Bewegung: Das Atlantic College in Wales

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Das Gesicht der neuen Schule ist Laurence Nodder, Gründungsdirektor in Freiburg. Er bringt viel Erfahrung mit

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Mary Finn aus England teilt sich mit drei weiteren Mädchen aus unterschiedlichen Ländern im UWC das Zimmer. So lernt man Toleranz und Rücksichtnahme

18 Die Schulbaumeister Wie entstand das UWC Robert Bosch College? Von der ­historischen Kartaus zur modernen Schule – die Geschichte eines ehrgeizigen Bauprojekts 26 »Das Großartige an UWC sind die Menschen« Interview mit Christof Bosch 28 Überzeugung statt Zeugnisnoten Beim Auswahlwochenende für ein UWC müssen die Schüler Kreativität und Engagement beweisen 32 Wie das UWC wirkt Ehemalige im Porträt 33 Kurt Hahn: Ein Leben für die Bildung Der Vater der UWC-Idee

34 Der Unermüdliche Gründungsdirektor ­Laurence Nodder 36 Im Fokus der Förderung: Bildung UWC steht nicht allein. Weitere Projekte: Der Deutsche Schulpreis, »grips gewinnt«, School Turnaround 38 Robert Bosch Academy eröffnet Neuer Ort für den globalen Dialog 40 50 Jahre Richtung Zukunft Nachrichten zum Jubiläum 44 Nachrichten aus der Förderung 47 Personalia und Impressum

4 :: Willkommen in Freiburg

:: Endlich sind sie da! Bei strahlendem Sonnenschein und unter lauten Willkommensrufen des Schulpersonals sind die ersten Schüler Ende August am neuen UWC Robert Bosch College in Freiburg angekommen Von Jana Braun

N

icht Maziya aus Swasiland, auch nicht Jackson aus Jamaika oder Lee aus Hongkong: Die längste und vor allem turbulenteste Anreise hatte Sophie aus Berlin. Mit ihrem Fahrrad ist sie vor über zwei Wochen vollgepackt in Berlin aufgebrochen. Ihr Ziel: das erste United World College (UWC) in Deutschland, das UWC Robert Bosch College. Auch wenn auf Sophies Tour quer durch Deutschland nicht alles so geklappt hat, wie sie sich das vorgestellt hat, und sie nach einer Woche aufgrund einer Fahrradpanne abbrechen musste, so lang wie die 17-jährige Berlinerin war wohl keiner der Schüler unterwegs.

Fotos: Alexander Wunsch

Jetzt steht sie gerade zum ersten Mal vor ihrem neuen Zuhause, die Fassade des Wohnwürfels mit der Nummer eins strahlt in der Freiburger Sonne, ihr kaputtes Fahrrad lehnt vor dem Eingang. »Die Kette ist hinüber, aber das ist mir jetzt egal, endlich bin ich hier!« Für sie heißt es jetzt erst einmal in Ruhe ankommen, Taschen auspacken und die neue Umgebung erkunden. Nicht nur für Sophie, auch für die anderen 103 Schüler beginnt heute der Start in einen neuen Lebensabschnitt. Die nächsten zwei Jahre werden sie am UWC Robert Bosch ­College verbringen und gemeinsam das international anerkannte Baccalaureate absolvieren. Wie die anderen zwölf UWCs ist auch das Robert Bosch College eine Ober­stufenschule für begabte Kinder aus der ganzen Welt. Über 70 verschiedene Nationen sind in Freiburg vertreten, von ­Afghanistan bis Zimbabwe, von Brasilien bis Vietnam. >

Kenia, Malaysia und Deutschland unter einem Dach: Schülerhaus acht hat schon am ersten Tag mächtig Spaß

Willkommen in Freiburg :: 5

6 :: Willkommen in Freiburg 

Aufregende Zeiten: Für 104 Schüler beginnt heute ein neuer Lebensabschnitt

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Viele von ihnen sind zum ersten Mal für längere Zeit von zu Hause weg, fernab der Eltern und Freunde. Für Tillmann aus Siegen ist das kein Problem, er plaudert schon in fließendem Englisch mit Siddhima aus Indien, für seine Mutter da schon eher. Mit etwas trauriger Miene schiebt sie mit einer Hand sein Mountainbike, in der anderen balanciert sie einen riesigen Teddy. »Für uns als Eltern ist es natürlich nicht einfach, die Kinder gehen zu lassen«, erzählt sie. »Aber es war Tillmanns großer Traum. Am UWC leben und lernen zu dürfen ist eine tolle Chance.« Augustine war heute Morgen einer der ersten Schüler, die in Freiburg angekommen sind. Sein Zimmer hat der 16-Jährige längst bezogen, wie ein alter Hase führt er Neugierige und Neuankömmlinge durch die Räume des Wohnwürfels mit der Nummer acht. Hier das Badezimmer, dort der Aufenthaltsraum, ein paar Meter weiter der großzügige Balkon. Hier sei die Aussicht einfach »phenomenal«, schwärmt er. Augus­ tine kommt ursprünglich aus Kenia, die letzten Jahre hat er in den Niederlanden gelebt. Und jetzt ist er »just happy to be here«. Vielleicht auch deshalb, weil ihn die hügelige Lage und die grünen Wälder rund um das College-Areal an seine afrikanische Heimat erinnern.

Fotos: Alexander Wunsch

Draußen fährt zur selben Zeit ein weiterer Bus mit Schülern die Einfahrt hoch. Ob Augustines neue Mitbewohner darin sitzen? Bislang kennt er nur ihre Vornamen. Aber Augustine ist sich jetzt schon sicher: »I’m sure we’ll get along well.« Schulpersonal und Helfer haben auch schon ein kleines Spalier für die Neuankömmlinge gebildet. Der Bus hat Schüler aus Laos und Thailand, die heute Morgen in Frankfurt gelandet sind, an Bord. Mit großen Augen und noch etwas unbeholfen steigen sie aus dem Bus. Viele von ihnen sind zum ersten Mal in Europa, wenn nicht gar zum ersten Mal außerhalb ihres Heimatlandes. Lang hält ihre Zurückhaltung aber nicht an: Die »Welcome«-Rufe des Personals und der herzliche Begrüßungs-Handshake von Schuldirektor Laurence Nodder hat ihnen schon ein Lächeln in die Gesichter gezaubert.

Die hügelige Freiburger Landschaft erinnert Augustine an seine afrikanische Heimat

Ehrensache: Schuldirektor Laurence Nodder begrüßt jeden Schüler mit Handschlag

Wenige Meter weiter am Welcome Desk warten schon die so genannten »Third-Years« auf die asiatischen Neuankömmlinge. Ehemalige UWCler, die extra für den Ankunftstag nach Freiburg gekommen sind, um die Schüler bei ihren ersten Schritten zu begleiten. Wenige Minuten später hat Ming aus Thailand dann auch schon ein Namensschild um den Hals baumeln, in der einen Hand hält er einen Willkommens-Flyer, in der anderen eine Brezel. Ein bisschen Lokalpatriotismus darf’s trotz aller Internationalität eben auch sein. Jana Braun war erstaunt, dass sich die Schüler schon beim ersten Aufeinandertreffen wie alte Freunde um den Hals fielen. War das bereits der viel zitierte UWC-Spirit? Die gelebte Weltoffenheit? Was sie später erfuhr: Die Schüler kannten sich bereits aus Whatsapp- und Facebook-Gruppen ...

Willkommen in Freiburg :: 7 

Das Rad muss mit: Noch darf die Mutter bei den ersten Schritten helfen Ein Fähnchen für die Heimat: Langsam füllt sich die Weltkarte

Hier geht’s lang: Schulpersonal und »Third-Years« begleiten die Neuankömmlinge an ihrem ersten Tag

Very international: Über 70 Nationen treffen am UWC aufeinander

Licimus, as ipitibusam fac cum quo vit harum eum quae ventis conseque sit aut

8 :: Das erste UWC

Sophonie aus H ­ aiti und Ffion aus Wales schäkern auf der Burgmauer mit zwei Mitschülern

Das erste UWC :: 9

:: Die Burg der ­­Weltbürger So könnte das Schulleben auch bald in Freiburg aussehen: Im Atlantic College an der Küste von Wales, dem weltweit ersten United World College, leben und lernen rund 360 Mädchen und Jungen aus 90 Ländern Von Mathias Becker

M

Hinter den Mädchen thront das St Donat’s Castle auf einem Hügel über der Küste von Wales. Einst wurde die Festung errichtet, um ihre Bewohner vor den Gefahren der Welt zu schützen. Heute ist die Welt hinter ihren dicken Mauern zu Hause: 360 Mädchen und Jungen aus neunzig Ländern leben und lernen am »Atlantic College«, eine halbe Autostunde westlich von Cardiff. Sie kommen im Alter von 16 oder

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Fotos: Kathrin Harms

anchmal gibt es eben Spannenderes als Unterricht, vor allem wenn man 17 Jahre alt ist. Mit der besten Freundin in der Sonne sitzen und den freien Nachmittag genießen zum Beispiel. Sophonie und Ffion haben ihre Projektarbeit für heute beendet und sitzen jetzt mit ein paar Mitschülern auf den alten Burgmauern des St Donat’s Castle. Irgendwo hinterm Horizont liegt Haiti, die Heimat von Sophonie. Nur ein paar Hügel weiter liegt Llantwit Major, das Dorf, aus dem Ffion kommt. »Wie warm es ist«, sagt Ffion. Sophonie lacht und kann sich einen Kommentar nicht verkneifen: »Das nennst du warm?« Jetzt lacht auch Ffion. Die beiden Freundinnen wissen, dass sie in dieser Frage wohl nie einer Meinung sein werden.

10 :: Das erste UWC

Im Fach »Theory of Knowledge« geht es um philosophische und ethische Fragen Sophonie und Ffion in der Sonne an der Küste von Wales

Mittagessen im gotischen Speisesaal des Atlantic College

Mary aus England kümmert sich um den Garten

Das erste UWC :: 11

was auf der Welt zu verändern? Eine Philosophie, die sich auch im Alltag am Atlantic College niederschlägt, etwa im Fach »Theory of Knowledge«, Geistesgeschichte, das neben den Kernfächern fest im Lehrplan verankert ist. »Am Atlantic College geht es nicht nur um Fachinhalte«, so Lush. »Unsere Schüler sollen auch lernen, ihr eigenes und andere Wertesysteme zu hinterfragen.« Ethisch-moralisches Rüstzeug für künftige Entscheidungsträger, wenn man so will: Viele der bis heute rund 7.500 Alumni des Internats sitzen auf wichtigen Posten in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft auf der ganzen Welt.

Schülerin Kozo übt im Kunstunterricht, wie man den Blick des Betrachters auf die Augen lenkt

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17 ­Jahren und verlassen die Schule zwei Jahre später wieder, das internationale Abitur in der Tasche. Etwa die Hälfte könnte sich das Schulgeld, mehr als 30.000 Euro im Jahr, nie leisten und erhält verschiedene Formen von Stipendien. Junge Menschen aus aller Welt, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten, zusammenzubringen – das war Kurt Hahns Ziel, als er 1962 das weltweit erste »United World College« (UWC) gründete. Seine Idee trägt die Schule bis heute. Auch Sophonie saß vor einem Jahr noch mit 100 anderen Schülern in einem Klassenraum in Port-au-Prince. Abends passte sie auf ihre jüngeren Geschwister auf, während die Eltern arbeiteten. Sophonie fiel das Lernen nicht schwer, sie begriff schneller als die meisten ihrer Mitschüler. Das registrierten auch die Lehrer, die sie bei der Bewerbung für das einzige Vollstipendium, das jährlich vom nationalen UWCKomitee in Haiti vergeben wird, unterstützten. Sophonie wurde prompt zum Auswahlgespräch eingeladen. Sie ging hin – ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Sophonie, Tochter eines Buchhändlers und einer Markthändlerin, überzeugte trotzdem. Sie erhielt das Stipendium.

Fotos: Kathrin Harms

»Die Nationalkomitees entscheiden auf Basis schulischer Leistungen, aber auch der persönlichen Motivation«, sagt Nic Lush, 56, stellvertretender Schulleiter des Atlantic College. Gesucht würden nicht einfach nur Karrieretypen, s­ ondern junge Menschen, die sich fragen: Was kann ich tun, um et-

Sophonie aus Haiti konnte bei ihrer Bewerbung kein Wort Englisch. Heute spricht sie es fließend

Sophonie möchte nach ihrem Abschluss Wirtschaft oder Ingenieurwesen in den USA studieren. »Am liebsten beides«, sagt sie. Ihre Lehrer sind zuversichtlich, dass sie ihren Weg gehen wird. »Ich habe selten ein Mädchen gesehen, das so rasante Fortschritte macht«, sagt Sarah Hamilton, Betreuerin des Schüler-Wohnhauses, in dem Sophonie lebt. Gerade mal sieben Monate ist es her, dass Sophonie Haiti das erste Mal verließ. Nach fast drei Tagen in Flugzeugen und Wartehallen stand sie mit leeren Händen vor dem Burgtor von St Donat’s Castle im fernen Nordeuropa: Ihr Koffer war auf der Reise verlorengegangen. Die Mädchen auf ihrem Zimmer liehen ihr Klamotten und eine Zahnbürste. Sophonie kramte ihre wenigen Brocken Englisch hervor: »Thank you!« Sie verkroch sich ins Bett und starrte auf das Transparent, das sie ihr gemalt hatten: »Welcome« stand da, in bunten Lettern. »Ich wollte einfach nur nach Hause.« Selbst ihre Haut rebellierte in der fremden Umgebung, wurde nach ein paar Tagen ganz spröde. Und das Essen: fad. Sophonie rief ihre Eltern an, doch die sagten nur: Du bleibst. Also blieb sie und lernte jeden Abend so lange Vokabeln, bis eines der anderen Mädchen sagte, mach endlich das Licht aus. Wenn sie ein Wort nicht verstand, schrieb sie es auf einen Zettel. Abends ließ sie sich die Begriffe dann erklären. Auf Englisch, obwohl die anderen auch Französisch sprechen. >

Hinter historischen Mauern offen für die Welt »UWC macht Bildung zu einer Kraft, die Menschen, Nationen und Kulturen für Frieden und eine nachhaltige Zukunft vereint« – so lautet die Philosophie der UWC-Bewegung. Das 1962 von Kurt Hahn gegründete Atlantic College ist die Keimzelle der UWC-Bewegung. In der burgähnlichen Anlage aus dem 12. Jahrhundert lernen heute 360 Schüler, unterrichtet von 30 Lehrern. Wie alle UWC-Standorte ist das Atlantic College geprägt von der Geographie und Kultur seiner Umgebung. Deshalb lernen die Schüler seit über 50 Jahren Seenotrettung vor der walisischen Küste und fahren regelmäßig Manöver. Im Sommer wachen sie als Rettungsschwimmer an Stränden. www.atlantic-college.org

12 :: Das erste UWC

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Heute, nach einem halben Jahr am Atlantic College, spricht Sophonie fließend Englisch. In der Schule erzielt sie Bestnoten. Außerdem hat sie schwimmen gelernt und sie engagiert sich in einem Projekt für Kinder aus benachteiligten Familien in der Gegend. Schmeckt auch das Essen inzwischen? »Die Spaghetti sind gar nicht so schlecht«, sagt sie. Trotz dieser positiven Entwicklung: Längst nicht alle Schüler haben so viele Hürden zu überwinden wie Sophonie. Viele sprechen Englisch, wenn nicht als ihre Muttersprache, dann wie eine zweite. Sie sind den Karrieresprüngen der Eltern rund um den Globus gefolgt, haben internationale Schulen

Nationale Konflikte haben hier keinen Platz. Jeder wird ernst genommen und stärkt die Gemeinschaft

besucht. Doch auch jene, die glaubten, sie hätten schon viel von der Welt gesehen, sagen: Diese Schule ist anders. Warum? Vielleicht, weil man hier erlebt, wie Yeabsera aus Äthiopien um ihr Visum für die Klassenfahrt nach Berlin kämpfen muss. Oder, weil man hier im Chemieunterricht mit Shazia und Kainat sitzt. Die beiden 17-jährigen Mädchen aus dem Swat-Tal in Pakistan wurden im Oktober 2012 bei dem Attentat auf ihre Freundin, die Kinder- und Frauenrechtlerin Malala Yousafzai, schwer verletzt. Als die Presse begann, auch sie zu Heldinnen zu machen, wurde es für sie in ihrer Heimat zu gefährlich. Eine Stiftung holte sie raus. Kulturelle Vielfalt, soziales Engagement, Nachhaltigkeit: Was schnell nach hochtrabenden Zielen klingt, wird am Atlantic College in besonderer Weise mit Leben gefüllt. Da trifft man Avia aus Israel, der ein Referat über den Nahostkonflikt hält – zusammen mit der Palästinenserin Razan. Man entdeckt die Gewächshäuser auf einer Lichtung hinter der Burg, in denen Schüler Tomaten, Bohnen und Zwiebeln anbauen und sogar Bienen halten. Man sieht die angehenden Rettungsschwimmer, die Boote startklar für ein Manöver machen. Und man

Fotos: Kathrin Harms; Illustration: KircherBurkhardt Infografik

Neben Kunst und Musik gehört soziales Engagement zum Stundenplan: Der 17-jährige Ashwin bringt Diane, 72, bei, wie man mit Computern umgeht (unten)

Das erste UWC :: 13

Normales ­Schulleben: ­Pause im ­historischen Burghof

trifft die Lehrerin Stephanie Steinberg, die einen »Self taught«-Kurs leitet, eine Form von Unterricht, die es nur am UWC geben kann. In ihrem Kurs lesen Schüler aus 13 Ländern Dürrenmatts »Besuch der alten Dame«, jeder in seiner Muttersprache. Anschließend sprechen sie auf Englisch über das Buch. »Bei uns gibt es so viele unterschiedliche Muttersprachler, dass wir nicht jeden in muttersprachlicher Literatur unterrichten können«, sagt Stephanie Steinberg. Schwimmunterricht für Kinder aus dem Ort, Computerkurse für Rentner, Besuche im Gefängnis oder die Gründung des »Peace-Council«, einer Arbeitsgruppe, die Friedenskampagnen entwickelt: Die Bildungsburg Atlantic College schottet sich nicht ab von den Stürmen, die um sie herum über die Welt hinwegfegen, im Gegenteil: Sie macht die Tore auf. Es ist Abend in Wales und in der Wohnung der Lehrerin Sarah Hamilton steigt eine kleine Feier mit Schülern. Adriana aus Italien hat nach dem Rezept ihrer Oma Vanilleeis gemacht. Adrian aus Indonesien lässt sich zu einer spontanen Beatbox-Show überreden. Xingge aus der Mandschurei pustet die Kerzen auf einer Torte aus. Ihre Haare sind nass: Sie wurde eben in den Pool geschmissen – eine alte Tradition, wenn jemand 18 Jahre alt wird. Sophonie und ein paar andere Mädchen tanzen vor dem großen Fernsehbildschirm um die Wette, in den Händen die Joypads der Spielkonsole Wii. Die gab es in Haiti zwar nicht. In Sachen Hüftschwung macht Sophonie hier trotzdem niemand was vor. Mathias Becker kam im Atlantic College in einem Turmzimmer unter, in dem es spuken soll. Fotografin Kathrin Harms residierte in der Suite mit dem schönsten Badezimmer der Burg – reserviert für die Queen, wenn sie die Schule besucht.

Das weltweite UWC-Netz wächst weiter 2014 eröffnen zwei neue United World Colleges – in Armenien und in Deutschland

UWC Red Cross Nordic Flekke, Norwegen (1995)

UWC Adriatic Duino, Italien (1982) UWC in Mostar Mostar, Bosnien und Herzegowina (2006)

UWC Atlantic College Llantwit Major, Großbritannien (1962)

UWC Dilijan Dilidschan, Armenien (2014)

Pearson College UWC Victoria, Kanada (1974) UWC-USA Montezuma New Mexico, USA (1982) UWC Costa Rica Santa Ana, Costa Rica (2006)

UWC Mahindra College Pune, Indien (1997) Li Po Chun UWC Hongkong, China (1992) UWC South East Asia Singapur (1971)

UWC Maastricht Maastricht, Niederlande (2009)

Waterford Kamhlaba UWC Mbabane, Swasiland (1981) UWC Robert Bosch College Freiburg, Deutschland (2014)

14 :: Das Viererzimmer

:: Vier Kulturen in einem Raum Schüler aus verschiedenen Ländern teilen sich ein Zimmer, so lautet das Konzept aller UWCs. Die Idee dahinter: Wenn Menschen auf so engem Raum miteinander gelebt haben, führen sie später keinen Krieg gegeneinander

Mary Finn, 17 Jahre

Ife Nwibe, 17 Jahre Bevor ich ans Atlantic College kam, war ich an einem Internat in Abuja in Nigeria. Dort hätte ich mich für einen Schwerpunkt entscheiden müssen: Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften. Das ist schwer für mich, weil ich Ärztin werden will, aber trotzdem bin ich fasziniert von Sprachen und Literatur. Hier habe ich die Freiheit, beides zu kombinieren. Neulich haben wir ein Referat über den Israel-PalästinaKonflikt gehört. Die Referenten waren eine Palästinenserin und ein Israeli. Gemeinsam haben die beiden versucht, uns ein möglichst objektives Bild von der Situation zu vermitteln. Das ist für mich ein gutes Beispiel dafür, was das UWC uns bietet: Hier bekommst du ein sehr lebendiges Bild von dem, was auf der Welt los ist. Ich möchte in England studieren, gehe danach aber auf jeden Fall zurück nach Nigeria. Ich möchte meiner Heimat eines Tages etwas dafür zurückgeben, dass ich hier sein durfte.

Als ich von dieser Schule erfahren habe, war es fast schon zu spät, sich zu bewerben. Ich habe es trotzdem getan. Wenig später hatte ich einen Platz und musste umziehen. Das war aufregend, aber auch ein wenig beängstigend. Heute weiß ich, dass es eine gute Entscheidung war. Das Atlantic College wird einen riesigen, positiven Einfluss auf mein ganzes Leben haben. Ich bin in einem kleinen Ort bei London aufgewachsen, in dem ich nie Menschen aus so vielen Ländern kennengelernt hätte. Diese Schule bietet so viel mehr als meine alte. Wo fährt man schon mit dem Rettungsboot raus aufs Meer oder lernt imkern? Auf der anderen Seite ist es auch nicht immer einfach. Bis zum Abschluss sind es zwei Jahre harte Arbeit. Wer hierherkommt, verlässt die »Komfort-Zone«. Da ist es wichtig, dass man Mitbewohnerinnen hat, auf die man sich verlassen kann. Ich bin froh, mit so tollen Mädels auf einem Zimmer zu leben. Ich fotografiere gern und freue mich jetzt schon darauf, meine Freunde an spannenden Orten auf der Welt zu besuchen – mit der Kamera im Gepäck.

Das Viererzimmer :: 15

Sheryl Ewe, 17 Jahre Shannon Stapley, 16 Jahre Ich wurde auf den Bermudainseln geboren, habe aber einen britischen Pass. Manchmal habe ich mich schon gefragt, welches mein Heimatland ist. Seit ich am Atlantic College bin, spielen solche Gedanken keine Rolle mehr. Weil ich gelernt habe, dass es überall auf der Welt Menschen mit starker und schwacher Bindung an ihre Heimat gibt. Überhaupt wird »Lernen« hier am College nicht nur im akademischen Sinn verstanden. Wenn man sich mit Menschen aus anderen Kulturen austauscht, ist das auch eine Form von Lernen. Das Atlantic College hat mein Leben in kurzer Zeit verändert. Und ich habe mich verändert, allein optisch: Solange ich denken kann, hatte ich lange Haare, zuletzt fielen sie bis zur Taille. Vor ein paar Monaten habe ich sie komplett abrasiert und einer Organisation gespendet, die Perücken für krebskranke Mädchen anfertigt. Freunde, die mich unterstützen wollten, haben noch mal fast 700 Euro gespendet. Jetzt wächst mein Haar langsam nach. Ich vermisse es, aber es hat sich gelohnt!

Fotos: Kathrin Harms; Illustration: KircherBurkhardt Infografik

Ich komme aus Singapur und habe die letzten Jahre in Russland, Malaysia und Oman gelebt. Aber trotzdem ist das nicht vergleichbar mit den vielen Eindrücken am Atlantic College. Hier muss man sich nur zwei Stunden in den Aufenthaltsraum setzen, um etwas über Menschen aus anderen Ländern, ihre Kultur und Sichtweisen zu erfahren. Auf den Zimmern ist es ähnlich. Eigentlich kann man sich immer darauf verlassen, dass jemand da ist, wenn man die Tür öffnet. Das ist super, denn es gibt immer etwas zu reden und zu lachen. Der Preis dafür ist, dass wir wenig Privatsphäre haben. Wenn ich allein sein will, gehe ich ins Schwimmbad und ziehe eine Stunde lang meine Bahnen. Dabei kann ich abschalten und trainiere zugleich für die Rettungsschwimmer-Prüfung. Wenn ich die bestehe, werde ich im August zum Wachdienst an Stränden in der Gegend eingeteilt. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich sozial zu engagieren. Während unserer Projektwoche haben wir zum Beispiel Flüchtlingen, die in der Nähe leben, Englischunterricht gegeben. Hier ist niemand einfach nur, weil er einen Abschluss will. Wer hier ist, will etwas auf der Welt verändern.

16 :: Desmond Tutu

:: »Ohne Bildung wird Kindern ein Teil ihrer Zukunft gestohlen« Für den Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu aus Südafrika ist Bildung der Schlüssel zu einer gleichberechtigten und friedlichen Zukunft für alle. Tutu kennt das UWC gut: Seine Kinder besuchten die Schule in Swasiland Von Desmond Tutu

I

ch glaube fest daran, dass gute Bildung eine große Bedeutung hat. Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Köchin und Reinigungskraft an einer Blindenschule. Meine Frau Leah und ich haben beide eine Ausbildung zum Lehrer gemacht und in den 1950er Jahren in Südafrika unterrichtet. Wenn wir Kindern ins Gesicht schauen, denken wir an die Zukunft. Wir denken an ihre Träume, daran, was sie werden und was sie erreichen könnten. Kindern zu helfen, ihr Potenzial zu erkennen, ist eines der großen Privilegien des Lebens. Im Jahr 1953 verabschiedete die südafrikanische Apartheidregierung den verachtenswerten »Bantu Education Act« und setzte ihn zwei Jahre später um. Sein Grundprinzip bestand darin, farbigen südafrikanischen Schülern und Studenten das Gefühl der Unterlegenheit zu geben und ihnen eine ebensolche gesellschaftliche Stellung zuzuweisen. Trotz der Tatsache, dass schon zuvor sehr vielen farbigen Kindern der Zugang zu jeglicher schulischen Bildung verwehrt war und sie ihr volles Potenzial nicht entfalten konnten, waren wir der Überzeugung, dass der »Bantu Education Act« eine noch größere Tragödie darstellte. Leah und ich konnten nicht anders, als aus Protest unsere Jobs als Lehrer zu kündigen. Wir glauben an die Bedeutung guter Bildung, nicht an eine »Ausbildung zur Unterwürfigkeit «.

Es gibt heute noch immer 72 Millionen Kinder auf der Welt, denen zumindest ein Teil ihrer Zukunft gestohlen wird, weil sie keinen Zugang zu grundlegender Bildung haben. Dabei ist Bildung ein moralisches Gebot. Eine umfassende und hochwertige Bildung schafft die Grundlage für eine dynamische und gleichberechtigte Gesellschaft. Die symbolische und praktische Rolle der United World Colleges ist dabei wichtig. Sie sensibilisieren Schüler und die Gesellschaft für Frieden und Völkerverständigung. Sie verschaffen außergewöhnlichen jungen Menschen Zugang zu Bildung, die andernfalls keine gute Ausbildung erhielten. Und sie bieten ein Umfeld, in dem sich Zielstrebigkeit entwickeln kann. Meine eigenen Kinder genossen das Privileg, das Waterford Kamhlaba in Swasiland zu besuchen, die Partnerschule des neuen UWC Robert Bosch College. Es war eine Schule, in der alle willkommen waren: Schwarze, Weiße, Reiche, Arme. Eine Schule, in der es keine Außenseiter gab.

Das Leitprinzip an jedem UWC heißt, sich für andere einzusetzen

Eine Schule, die den Gedanken lebt, dass wir alle zu einer Familie gehören, der Familie der Menschen, der Familie Gottes. Sie fanden einen Ort vor, an dem es zum Lehrplan gehört, dass die Schüler neben dem Unterricht auch Dienst an ihren Mitmenschen leisten. In der das Leitprinzip nicht darin besteht, über andere Menschen zu herrschen, sondern sich für sie einzusetzen. Der Gründer des Waterford Kamhlaba, Michael Stern, ging lieber mit gutem Beispiel voran, als Machtworte zu sprechen. Jeder Schüler, der neben guten schulischen Leistungen auch diese Grundhaltung besitzt und die Fähigkeit entwickelt, dienend zu führen, ist ein Geschenk für unsere Welt. Die Desmond & Leah Tutu Legacy Foundation und die UWCs haben ein gemeinsames Ziel: eine Gesellschaft zu schaffen, die Toleranz und Verständnis unter allen Menschen fördert. Das ist in Ländern wie Südafrika und Deutschland bis heute eine immens wichtige Aufgabe. Wir sprechen hier wohlgemerkt nicht über passive Neutralität. Wer sich bei Ungerechtigkeiten neutral verhält, schlägt sich auf die Seite des Unterdrückers: Wenn ein Elefant seinen Fuß auf den Schwanz einer Maus stellt und man sich neutral verhält, wird die Maus für diese Neutralität kaum dankbar sein. Ich freue mich, dass das UWC Robert Bosch College einen Fokus auf Nachhal-

Desmond Tutu :: 17

tigkeit legt – auch auf ökologische Nachhaltigkeit. Damit übernimmt es Verantwortung dafür, das Umweltbewusstsein junger Menschen zu fördern. Vor 25 Jahren war es noch entschuldbar, wenn man nicht viel über den Klimawandel wusste oder nicht viel dagegen unternahm. Heute können wir uns nicht mehr herausreden, wir spüren bereits seine Auswirkungen. Das Pferd des Klimawandels ist uns vielleicht noch nicht durchgegangen, aber es ist kurz davor, die Stalltür zu durchbrechen. Wer kann es jetzt noch aufhalten? Wir können das – Sie und ich. Und es liegt in unserer Verantwortung, dies auch zu tun. Diese Verantwortung beginnt damit, dass Gott den ersten Menschen im Garten Eden aufgetragen hat, »ihn zu bebauen und zu bewahren«. Nicht, ihn auszubeuten und zu zerstören. Mitten in der Apartheid, als es am dringendsten nötig war, haben Schüler des Waterford Kamhlaba gezeigt, dass Menschen aller Hautfarben und Glaubensrichtungen gleichberechtigt zusammen leben und lernen können – eine simple Wahrheit. Heute bete ich dafür, dass die Schüler des UWC Robert Bosch College ein lebendiges Beispiel dafür sein werden, dass sich Menschen aller Nationalitäten, Glaubensrichtungen und Hintergründe zusammentun und etwas bewegen, um eine nachhaltige Zukunft zu schaffen.

Als Bischof wurde Desmond Tutu zum Symbol des friedlichen Widerstandes gegen die Apartheid

Desmond Tutu, geboren 1931 in Südafrika, hat eine sehr persönliche Beziehung zu Bildung und ihrer Vermittlung: Der frühere Bischof von Johannesburg und Erzbischof von Kapstadt begann seine berufliche Laufbahn als Lehrer. Als die südafrikanische Regierung ab den 1950er Jahren die Ausbildungschancen schwarzer Kinder per Gesetz massiv verschlechterte, suchte Tutu andere Wege, sich für die Gleichberechtigung in seinem Land einzusetzen. Er fand sie in der Anglikanischen Kirche. 1984 erhielt er den Friedensnobelpreis. Sein konsequenter und charismatischer Einsatz für den friedlichen Wandel machte ihn weltweit zu einer geachteten Persönlichkeit.

Foto: Corbis

Charisma und Konsequenz

18 :: Die Schulbaumeister

Hinter dem Gebäude der historischen Kartaus begannen im Sommer 2012 großflächige Grabungen

Albrecht Fischer, Leiter der Bauabteilung der Robert Bosch GmbH (am Mikrofon), spricht bei der feierlichen Grundsteinlegung für das Robert Bosch College

:: Die Schulbaumeister In drei Jahren haben Architekten und Handwerker das ehemalige Kartäuserkloster am Freiburger Stadtrand aus dem Dornröschenschlaf geholt und in die moderne Oberstufenschule UWC Robert Bosch College gewandelt. Die Geschichte eines außergewöhnlichen Bauprojekts Von Julia Rommel

Die Schulbaumeister :: 19

Neben den historischen Gebäuden entstand ein komplett neues Wohndorf für Schüler und Lehrer

Blick auf die dreiflüglige Barockanlage, die saniert und in ein Schulgebäude umgebaut werden musste

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ie wussten, dass die Sanierung des alten Kartäuserklosters eine knifflige Aufgabe werden würde: Ein schlossähnliches Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das mehr als hundert Jahre als Altenpflegeheim und zuletzt als städtisches Kunstdepot gedient hatte – das ließ die Bauleute und Architekten Überraschungen ahnen. Sie wussten, dass der Zeitplan eng war und die Ansprüche des Bauherrn hoch. Und dass die mit der Projektleitung beauftragte Bauabteilung der Robert Bosch GmbH einwandfreie Qualität fordern würde. Da musste einfach alles klappen. Denn mit rund vierzig Millionen Euro geben die Robert Bosch Stiftung und Robert Bosch GmbH so viel wie nie zuvor in der Stiftungsgeschichte für ein einzelnes Projekt aus, für die Gründung des ersten und einzigen United World College in Deutschland. Im September 2014, drei Jahre nach dem symbolischen Spatenstich und im 50. Jubiläumsjahr der Robert Bosch Stiftung, sollte der Unterricht für die ersten einhundert Schüler aus der ganzen Welt beginnen. Bis dahin musste die Substanz der dreiflügligen Barockanlage saniert und in ein Schulgebäude umgebaut, ein Mensa- und Auditoriumsgebäude errichtet und Wohnraum für die Schüler und Lehrer geschaffen sein. Dort, wo früher Mönche das kulturelle und historische Wissen aus vielen Ländern versammelt und weiterverbreitet haben, sollte mit dem Robert Bosch College wieder ein Ort der Völkerverständigung und Bildung entstehen. Noch bevor der erste Bagger im Sommer 2012 anrückt, müssen die Architekten umdenken: Während im Freiburger Rathaus die Pläne für das neue Schüler- und Lehrer-Wohndorf

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Fotos: Peter Mayer, Peter Rokosch, Lena Engel, Bernhard Strauss (3)

Die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer (Mitte, mit Ingrid Hamm und Laurence Nodder) übergab einen ­Zuschuss für die ­denkmalgeschützte ­Sanierung der Kartaus

20 :: Die Schulbaumeister

1

Das UWC Robert Bosch College im Überblick Alte und neue Gebäude fügen sich am steilen Hang zu einem ­harmonischen Ensemble zusammen Schüler- und ­Lehrerhäuser

Mensa und Auditorium

2

Bibliothek

3

Verwaltung (2. OG)

4

Chemie-Physik-Labore (1. OG)

5

Rektorat

6

außerschulische Unterrichtseinheiten »Creativity, Action, Service« alte Gebäude neue Gebäude

ehem. ­Sägewerk

Waschhaus Pausenwiese Pförtnerhäuschen Ost

ehemalige Kapelle 2 Ehrenhof

Kartaus (Kloster)

1 Schulhof Mensa Auditorium

Die Presse informiert sich im Verlauf der Umbaumaßnahmen immer wieder über den Baufortschritt

3 4

Barockgarten Wasserkraftwerk

6

5 Pförtnerhäuschen West

Die Schulbaumeister :: 21

Die Auswertung der F ­ unde im ehemaligen Kreuzgang, ­Bestattungsort der Mönche, wird noch Jahre dauern

Fotos: Bernhard Strauss (2), Bosch Stiftung; Grafik: KircherBurkhardt Infografik

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und den Mensa-Neubau ausliegen, graben Archäologen der Abteilung Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Freiburg hinter dem Hauptgebäude. Hier, so hatte eine radiologische Untersuchung vorab gezeigt, soll es Reste einer früheren Kirche geben, die die Denkmalschützer erforschen und dokumentieren wollen. Kaum haben sich die Archäologen an die Arbeit gemacht, stellt sich heraus, dass im steilen Hang hinter der Kartaus mehr historische Substanz steckt als gedacht. Mannshohe Reste einer Kirchenwand, Fragmente eines Mosaikfußbodens und einer Sakristei aus dem 15. Jahrhundert sind im Boden verborgen und von den Archäologen vorab nicht erkannt worden. »Es steckte zu viel und zu kompakt in der Erde, um alles vorherzusehen«, sagt Mittelalter­ archäologe Bertram Jenisch, der die Grabung verantwortet hat. »Dass es so knüppeldick kam, war auch für uns eine Überraschung.«

Schulträger und Gremien Partner und Unterstützer Gemeinsam haben die Deutsche Stiftung UWC und die Robert Bosch Stiftung eine als gemeinnützig anerkannte GmbH als Schulträger gegründet, die Robert Bosch College UWC GmbH. Drei Gremien steuern die Entwicklung des College: die Gesellschafterversammlung, bestehend aus Vertretern der Robert Bosch Stiftung und der Deutschen Stiftung UWC, das Board und die Verwaltung der Schule. Das Board besteht aus sechs Mitgliedern, die von den Gesellschaftern paritätisch benannt wurden. Weitere Partner und Förderer sind das Land Baden-Württemberg, die B. Braun Melsungen AG, die Heidehof Stiftung und die Stadt Freiburg. So trägt das Land die Hälfte der Betriebskosten. Die Heidehof Stiftung hat eine integrative Mensa-Betriebs­ gesellschaft gegründet. Behinderte Menschen und Profi­ köche bereiten das Essen am Robert Bosch College zu. www.uwcrobertboschcollege.de

Die Entdeckung von rund zwanzig weitgehend erhaltenen Skeletten überrascht die Wissenschaftler Schon nach den ersten Gesprächen mit der Denkmalpflege ist klar: Diese Funde würde man erhalten und das Gebäude für Mensa und Auditorium umplanen müssen. Also entwirft Architekt Matthias Hotz neu, verschiebt den Bau weiter Richtung Westen und tiefer in den Hang hinein, macht aus einem langen Riegel einen zweistöckigen, oben rundum verglasten Kubus. Auch Jenisch »rutscht in ein Großgrabungsprojekt hinein« und verlängert den Einsatz seiner Mitarbeiter. »Dieser Fund ist ein Highlight«, sagt er. »Das wirklich Besondere daran ist, dass wir die Frühphase der Kirche gesehen haben, die wir sonst nicht hätten erforschen können.« Jetzt kann er nachvollziehen, wie das ursprüngliche Kloster aussah und in welchen Schritten es seit der Gründung um 1346 bis zum heutigen Aussehen verändert wurde. Für den Laien verwunderlich lässt der Denkmalschutz die Funde nach der wissenschaftlichen Dokumentation größtenteils wieder zuschütten, um sie an Ort und Stelle zu konservieren: »Wir haben die sensiblen Bereiche dauerhaft gesichert«, erläutert Jenisch. Nur wenige Wochen später, im Spätherbst 2012, stoßen die Archäologen auf weitere »spektakuläre Funde«. Mit sterblichen Überresten von Mönchen, mit Rosenkränzen und Kreuzen als Grabbeigaben hatten die Archäologen gerechnet. Schließlich graben sie im ehemaligen Kreuzgang eines Klosters, in dem die Kartäuser traditionell ihre Toten bestatteten. Doch dass sie in der Hälfte der Gräber weitgehend erhaltene Skelette entdecken, überrascht auch die Wissenschaftler. Die Auswertung der Fundstücke und die anthropologischen Untersuchungen der Knochen, die Aufschluss über Lebens- und >

22 :: Die Schulbaumeister

Bauleiter Wilfried Wörner hat ein Faible für die Sanierung historischer Gebäude

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Alt trifft Neu: Im gläsernen Auditorium haben Schüler und Lehrer einen tollen Blick auf die Kartaus

Ernährungsgewohnheiten und Krankheiten der Glaubensbrüder geben, werden sich über Jahre ziehen. Während Jenischs Leute einen Herbst und einen verregneten Winter lang Mauerreste und Knochen freilegen, abpinseln, fotografieren und kartographieren, mühen sich rund zweihundert Meter weiter die Bagger und Betonmischer den steilen Hang hinauf. Sie manövrieren über eine frisch gezogene Schotterstraße an Biotopen und Naturdenkmalen vorbei, die während der Bauarbeiten am Rande des Naturschutzgebiets gesichert werden müssen. Ein Tulpenbaum gehört ebenso dazu wie eine Gruppe Bergahorne. Wo dennoch Bäume fallen, werden später zum Ausgleich neue gepflanzt. Auch in diesem Bauabschnitt des UWC Robert Bosch College steckt die Herausforderung im Boden. Diesmal ist es schlicht die

»Wir wollen den Geist des historischen Ortes aufund der Schule vorwegnehmen«, sagt Kulka

Topographie: Das Gelände ist so abschüssig, dass die Fundamente für die acht Schüler- und vier Lehrerhäuser tief in den Hang gegossen werden müssen; der Regen macht das Gelände noch schwieriger. Als Fundamente und Versorgungsleitungen gelegt sind, läuft der Bau des Wohndorfs in nur 13 Monaten »generalstabsmäßig« ab, wie Bauleiter Wilfried Wörner sagt. In acht bis zehn Wochen klettert der Rohbau eines Hauses in die Höhe. Der Kölner Architekt Peter Kulka hat die Häuser als »tanzende Würfel« konzipiert. »Wir wollen den Geist des historischen Ortes auf- und den Geist der Schule vorwegnehmen«, sagt Kulka. »Weil die Schüler mit so vielen unterschiedlichen Lebenserfahrungen hierherkommen, sind die Häuser ganz klar und einfach gestaltet. Sie sind archaisch in ihrer Würfelform und geben nur den Rahmen für die Jugendlichen vor.« Für 24 Schüler ist ein Haus ausgelegt, jeweils zwölf Jungen oder Mädchen wohnen auf einer Etage in schlicht möblierten Viererzimmern. Sie teilen sich Bad, Küche und Gemeinschaftsräume. Für den reibungslosen Ablauf auf allen drei Baustellen des Geländes ist der 61-jährige Architekt Wilfried Wörner als Bauleiter zuständig. »Unangenehme Überraschungen kön-

Die Schulbaumeister :: 23

Spielerische Architektur: Die quadratischen Fenster der Schüler- und Lehrerhäuser tanzen über die Fassade

Fotos: Bernhard Strauss (3), Martin Geier (3)

Peter Kulka (l.), der Architekt des Wohndorfs für Schüler und Lehrer, erklärt Geschäftsführerin Ingrid Hamm sein Konzept

nen jeden Tag kommen«, sagt er und schmunzelt: »Das ist das Salz in der Suppe.« Wörner hat Erfahrung in der Sanierung großer, herrschaftlicher Gebäude. Bevor er den Auftrag erhielt, den Umbau des ehemaligen Kartäuserklosters zum UWC Robert Bosch College zu koordinieren, hat er Schlösser im Land saniert, darunter die in Meersburg, Schwetzingen und Ludwigsburg. In Freiburg gehört sein Herz dem Umbau der alten Kartaus. »Ein Altbau ist interessanter als ein Neubau, weil man mit verschiedenen Fachleuten zusammenarbeiten kann«, sagt Wörner. Genau das ist seine Aufgabe, wenn er jetzt, kurz vor der Schuleröffnung, die rund zwanzig Gewerke und zweihundert Leute koordiniert, die auf der Baustelle zugange sind. Wichtig ist ihm, dass das Klima unter den Handwerkern stimmt »und nicht einer auf den anderen losgeht«, wenn Zimmerer, Klempner, Gipser, Natursteinrestauratoren, Installateure und viele andere gleichzeitig innen und außen an der Kartaus arbeiten.

Archäologe Bertram Jenisch: »Die Spiritualität des früheren Klosters spürt man.«

»Es ist ein wahnsinnig tolles Gebäude, bei dem leider sehr viel kaputt ist«, sagt er. Die Vorbesitzer haben vieles zerstört, damit es den Anforderungen eines Pflegeheims genügte. Unter den abgehängten hohen Decken blieb kaum Stuck erhal- >

24 :: Die Schulbaumeister

ten, an wenigen Stellen im Flur entdeckte man Fischgrätparkett, das jetzt ergänzt wird. »Das waren brachiale Eingriffe, die man korrigieren kann – und das werden wir auch.« Dazu gehört, den einstigen Ballsaal, den die adligen Besitzer im 18. Jahrhundert einbauen ließen, wieder als Versammlungsraum für besondere Anlässe herzurichten. Nicht überall können die Architekten den Charakter des Barockgebäudes wiederherstellen, denn auch für den Schulbetrieb am UWC Robert Bosch College müssen bestimmte Auflagen eingehalten werden – zum Beispiel der Einbau von Brandmeldern. Rückschläge gehören zu Wilfried Wörners Job dazu. So bringt ihn auch der Asbestfund im Dezember 2013 im Obergeschoss der Kartaus nicht aus dem Konzept – wenn auch vorübergehend aus dem Zeitplan. Er bestellt die Abbrucharbeiter. Sie bauen luftdichte Schleusen auf und entfernen, eingepackt in Schutzanzüge, Atemschutzmasken und Spezialschuhe, die verseuchten Rohre im Dachgeschoss, bevor neue verlegt werden können. Auch der »echte Hausschwamm«, ein Pilz, den die Bauarbeiter in den Pförtnerhäuschen der Kartaus finden, scheint zunächst wie ein Rückschlag. Bald ist klar, dass ein Großteil des Gebälks ausgetauscht und das Mauerwerk aufwendig saniert werden muss. Als es zwischenzeitlich so aussieht, als sei der Umbau im Verzug, bleibt Wörner gelassen: »Ach, wir werden schon fertig.« Dreißig Jahre Erfahrung als Bauleiter haben ihn zum Berufsoptimisten gemacht. Hinter der Kartaus wächst währenddessen das verglaste Auditorium aus dem Hang. Hier werden sich die UWC-Schüler regelmäßig treffen und diskutieren, hier ist Raum für Theater- und Musikaufführungen und die internationalen Abende, fester Bestandteil des Unterrichts an einem United World

Die Umwelttechnik steckt im Detail Ein Schwerpunkt am Robert Bosch College wird sein, zu erforschen, wie Technik zu Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung beitragen kann. Das spiegelt sich in den Gebäuden wider: Alle Neubauten erfüllen die hohen Freiburger Standards für energetisches Bauen; das barocke Schulgebäude wurde bei der Sanierung optimal gedämmt. Ein Blockheizkraftwerk erzeugt Wärme für das Schüler- und Lehrerdorf und deckt gemeinsam mit einer Photovoltaikanlage dessen Strombedarf. Ihren Energie- und Wasserverbrauch können die Schüler über ein Monitoringsystem in jedem Haus kontrollieren – und gleich verbessern.

Die schlichte Möblierung ­gehört zum ­Konzept der Wohnhäuser für Schüler und Lehrer

College. Der Architekt Hotz lässt den Raum komplett mit Holz auskleiden, eine natürliche Lüftung kühlt das Gebäude im Sommer und heizt es im Winter. Stolz ist Hotz auch auf die Rundumverglasung, die den Schülern und Lehrern das Gefühl gibt, mitten im Grünen zu sitzen: »So holen wir den alten Klostergarten ins Gebäude hinein.« Im Sommer 2014 ist klar: Der Bau des UWC Robert Bosch College auf dem Gelände des ehemaligen Kartäuserklosters ist gelungen – weit über die architektonische Verbindung von Alt und Neu hinaus: »Die Kartaus ist ein verwunschener Ort, der im Dornröschenschlaf lag«, sagt Archäologe Bertram Jenisch. »Ein Ort, an dem schon vor Jahrhunderten auf hohem Niveau Spiritualität und Bildung gelebt wurde.« Mit den UWC-Schülern zieht jetzt zusätzlich ein neuer Geist ein: Offenheit und Internationalität. Julia Rommel muss nun bei jedem Kirchenbesuch an einen Satz denken, den der Archäologe Jenisch zitiert hat: »Dieser Raum ist wirklich durchbetet.« Besser kann man die besondere Atmosphäre mancher Orte nicht beschreiben.

Fotos: Bernhard Strauss (2), Martin Geier, Bosch Stfitung

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Die Schulbaumeister :: 25

Schüler und Lehrer ­füllen die ­modernen Wohn­häuser jetzt mit Leben Im Breisgauer Nebel: Das hochmoderne Auditorium mit ­Mensa und die ­historische Kartaus

Die Gebäude des Wohndorfes zeichnen sich ­innen wie außen durch klare ­Linien aus

26 :: Christof Bosch

:: »Das Großartige an UWC sind die Menschen« Für Christof Bosch ist das United World College ein einzigartiger Beitrag zur Bildungs­gerechtigkeit. In dieser Schule lernen begabte und motivierte Jugendliche aus der ganzen Welt, die sonst nie eine Chance dazu hätten

:: Herr Bosch, Ihre Familie und Sie selbst haben sich schon lange für gute Bildung engagiert. Wie sind Sie mit den United World Colleges in Kontakt gekommen? Christof Bosch: Ludwig Georg Braun, der Aufsichtsratsvorsitzende von Braun Melsungen und Kurator der Robert Bosch Stiftung, hatte mich vor einigen Jahren angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, dass die Robert Bosch Stiftung langfristig einige UWC-Stipendien für deutsche Schüler übernehmen würde. Ich war gleich fasziniert, aber mir wurde rasch klar, dass die Dauerförderung von Stipendien dem Gestaltungsanspruch der Robert Bosch Stiftung nicht genügen würde. Ich sah die große Übereinstimmung der UWC-Mission mit den Zielen unserer Stiftung und erkannte, dass das kein Zufall ist: Kurt Hahn und Robert Bosch, die geistigen Väter von UWC und der Robert Bosch Stiftung, standen sich persönlich, politisch und pädagogisch seit ihrer Begegnung Ende des Ersten Weltkriegs nahe. So entstand der Plan, zum 150-jährigen Geburtstag von Robert Bosch im Jahr 2011 und zum 50-jährigen Jubiläum der Robert Bosch Stiftung 2014 einen entscheidenden Beitrag zu leisten, um endlich – nach Jahrzehnten der Bemühungen – ein

UWC in Deutschland zu ermöglichen. Entscheidend war, dass wir im Land Baden-Württemberg einen starken Partner fanden und dass weitere Förderer gewonnen werden konnten. Nur mit dieser breiten Basis konnten UWC Deutschland und die Robert Bosch Stiftung die Verantwortung auf sich nehmen, eine solche Schule zu gründen. :: Was überzeugt Sie am UWC-Konzept? Bosch: Mich überzeugt nicht das Konzept, sondern die Schüler von UWC. Das Konzept finde ich einleuchtend, aber es gibt viele schöne Konzepte. Das Großartige an UWC sind die Menschen, die Schüler, Lehrer und Ehemaligen, die dieses Konzept mit Leben füllen. :: Wie ist ursprünglich der Plan entstanden, ein United World College in Deutschland zu bauen? Wer hat den Anstoß gegeben? Bosch: Der Plan ist so alt, dass ich seinen Beginn nur in Umrissen kenne. Er hat seine Wurzeln während oder kurz nach der Gründung des ersten UWC, des Atlantic College in Wales, dessen Schirmherren Lord Mountbatten und Konrad Adenauer waren. Aber das Projekt scheiterte immer wieder an der föderalen Struktur unseres Schul­wesens.

Christof Bosch :: 27

wir das Wort sonst verwenden. In ihr fokussieren sich die Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer Schule für fast erwachsene Jugendliche in der globalisierten Welt. Die Robert Bosch Stiftung wird daran mitwirken, dass sie eine wichtige Rolle für die internationale Öffnung unserer Schulen spielen wird.

Eine solche Schule braucht neben der privaten Förderung eine öffentliche Verankerung. Für ein derart internationales Projekt wäre das normalerweise die Bundesebene, aber die muss ja schulpolitisch abstinent bleiben. Zu unserem großen Glück hat Baden-Württemberg nun den entscheidenden Schritt getan, um dem Projekt eine Heimat zu geben. Ich glaube, das passt ausgezeichnet zur weltoffenen Denk- und Lebensweise in Baden und im Schwabenland. :: Welche Rolle spielt die Robert Bosch Stiftung in diesem Projekt? Bosch: Die Stiftung bringt nicht nur Geld ein, sondern genauso ihre 40-jährige Erfahrung als Förderer des deutschen Schulwesens und der internationalen Schülerbegegnung. Das UWC ist eine Brennpunktschule anderer Art, als

Der Ideengeber Christof Bosch

»Es ist bewegend, dass mein Großvater ­Namenspatron einer Schule wird, die so gut zu seinen Werten passt«

Christof Bosch, Enkel des Firmengründers Robert Bosch, studierte Forstwissenschaften und Philosophie in München und promovierte über ein bodenkundliches Thema. Auf dem ehemaligen »Boschhof« betreibt er Land- und Forstwirtschaft. Seit Ende der 1990er Jahre vertritt er die Interessen der Familie Bosch im Unternehmen und ist Gesellschafter der Robert Bosch Stiftung sowie der Robert Bosch Industrietreuhand KG.

:: Die Schule wird den Namen von ­Robert Bosch tragen. Was bedeutet das für die Schule und für Sie? Bosch: Was es für die Schule bedeuten wird, kann ich nicht vorhersagen. Ich hoffe sehr, dass sie den Namen mit Freude und ein bisschen Stolz tragen wird. Für mich ist es bewegend, dass mein Großvater über 70 Jahre nach seinem Tod zum Namenspatron einer Schule wird, die so gut zu seinen Werten passt und an der er eine große Freude gehabt hätte.

Foto: Björn Hänssler, Martin Geier

Christof Bosch bei der feierlichen Grundsteinlegung für das UWC Robert Bosch College

:: Mehr als 40 Millionen Euro investieren die Stiftung und die Robert Bosch GmbH in diese Schule für begabte Kinder. Müsste das Geld nicht besser den Bildungsverlierern zugutekommen? Bosch: Ich verstehe Bildungsverlierer als »Menschen ohne angemessene Entwicklungschancen wegen mangelndem Zugang zu Bildung auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene«. So gesehen ist das UWC – nicht nur, aber auch – ein Mosaikstein für mehr Bildungsgerechtigkeit. In Freiburg werden begabte und motivierte Schüler ihre Hochschulreife erwerben, die sonst nie eine Chance dazu hätten: Jugendliche aus Flüchtlingslagern des Nahen Ostens und Nordafrikas oder Jugendliche ohne Heim oder Familie aus den Megastädten der Schwellenländer. Natürlich ist das der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Aber die meisten Schüler eines UWC werden ihrerseits zu Anstiftern des Wandels. Aus einem UWC sind nun 14 rund um den Globus geworden. In 120 Ländern formen Alumni der UWCs Nationalkomitees, die sich zwei Aufgaben stellen: Jugendliche zu finden, die das meiste aus einer UWC-Erfahrung machen werden, und ihnen finanziell diese oft lebensentscheidende Erfahrung zu ermöglichen. So gesehen ist UWC ein einzigartiger Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.

:: Überzeugung statt Zeugnisnoten Indien? Kanada? Freiburg? Bei den Auswahlwochenenden für ein United World College müssen Jugendliche zeigen, dass sie engagiert, neugierig und reif sind für die internationalen Schulen. Die Konkurrenz ist groß, und nicht auf alle Prüfungen kann man sich vorbereiten Von Lisa Rokahr

Fotos: Frank Schultze/AgenturZS

28 :: Auswahlwochenende

Auswahlwochenende :: 29

N

och nicht einmal zwei Stunden ist Stephan in der Kasseler Jugendherberge, hundert fremde Menschen um ihn herum, von denen er keinen einzigen kennt, aber er sagt schon jetzt: »Hier fühle ich mich wohl, hier haben alle die gleichen Ziele und Träume.« Stephan Dalügge ist für ein Wochenende von Münster nach Kassel gereist, um einen der begehrten Plätze an einem United World College (UWC) zu ergattern. Mit ihm trudeln andere Jugendliche ein, bepackt mit Rucksack und Tasche, mit Kamera und manche mit Kuscheltier. Sie bekommen ein Namensschild, und es dauert nicht einmal bis zur Ausgabe der Bettwäsche, da haben sich erste Gruppen gebildet, reden durcheinander. Stephan ist aufgeregt, die kommenden drei Tage könnten sein Leben verändern. Er ist schmächtig und trägt Brille, wirkt ein bisschen schüchtern, aber bestimmt: »Die UWCs müssen großartige Orte sein, in intellektueller wie in sozialer Hinsicht«, sagt er. Seit zwei Jahren will er sich schon bewerben, aber immer war er zu jung. Jetzt, mit 15, konnte er seine Bewerbung endlich abschicken. Er listete seine außerschulischen Aktivitäten auf, nannte Themen, die ihn interessieren, und bat einen Lehrer, ein Gutachten zu schreiben. Zusammen mit 400 anderen dicken Briefumschlägen ging seiner beim nationalen Komitee des UWC Deutschland ein. Ehrenamtliche arbeiteten sich durch den Berg von Unterlagen und luden am Ende 140 Jugendliche zu zwei Auswahlwochenenden nach Frankfurt und Kassel ein. Dort haben sie die Chance, einen der fünfzig Plätze für deutsche Schüler an einem UWC zu bekommen.

Noch wissen die Jugendlichen nicht, welche Prüfungen sie erwarten. Aber die erste Hürde ist geschafft: Sie sind beim Auswahlwochenende dabei

Stephan hat sich nicht groß auf die anstehenden Prüfungen vorbereitet. Er will vor allem authentisch sein. Die Bewerber müssen keine Bestnoten auf dem Zeugnis mitbringen. Das Auswahlkomitee achtet auf fünf übergeordnete Eigenschaften: Kommunikations- und Sozialkompetenz, intellektuelle Fähigkeiten, Engagement in Gruppen und schließlich Neugier. Er schaut auf seinen Zeitplan für das Wochenende. Als Erstes steht eine Gruppendiskussion auf dem Programm. Es geht um Kunst: Der Pergamonaltar, die Büste der Nofretete, das Ischtar-Tor – dürfen diese Kulturgüter aus anderen Ländern überhaupt in Deutschland ausgestellt werden? Wem gehören sie? Die Gruppe ist sich nicht ganz einig. Ein guter Wille scheitere schon an der Rückgabepraxis, meint Franziska: »Das sind doch tausende Gegenstände, dann wären

Bestnoten sind nicht entscheidend. Stephan will vor allem authentisch sein

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30 :: Auswahlwochenende

»Die UWCs müssen großartige Orte sein.« Stephan Dalügge hofft, einen Platz zu bekommen

unsere Museen leer.« Und Julinka fügt hinzu: »Es wären nur noch deutsche Gegenstände ausgestellt, so kann ein Kulturaustausch nicht funktionieren.« Auch Stephan meldet sich zu Wort: »Und sind Erben in der zigsten Generation überhaupt noch rechtmäßige Besitzer?« Eine Antwort findet die Gruppe in den 15 Minuten nicht, aber die Völkerverständigung hat angefangen. Wer den Gesprächen lauscht, wundert sich, dass die Bewerber tatsächlich noch so jung sind. Es geht um Ehrenamt, Umweltschutz und Politik. Die Worte passen kaum zu den oft noch kindlichen Gesichtern. Diese Jugendlichen denken längst weiter als nur bis zu den nächsten Ferien. Durch die Herberge flutet ihre Begeisterung für die UWC-Idee wie eine Welle. Mit ihren schlichten Stühlen und einfachen Schlafsälen hält sie nur noch als Kulisse her für Themen, die sonst an größeren Orten diskutiert werden. Auch Stephan ist überzeugt, dass er auf einem UWC etwas bewegen könnte. Auf welche der weltweit verteilten Schulen er kommt, kann er nicht mitentscheiden – und will er auch nicht. Ihm geht es um das Ideal, das hinter allen UWCs steht. »Meine Eltern würden sicher keine Luftsprünge machen, wenn ich am anderen Ende der Welt angenommen werde«, sagt Stephan beim Abendessen. Vielleicht lieber das UWC Robert Bosch College in Freiburg, das im September 2014 startet. Schüler werden sich dort mit der Frage beschäftigen, wie Technik zu nachhaltiger ökologischer Entwicklung und Frieden beitragen kann. Das würde ihn interessieren, überlegt Stephan. »Aber selbst wenn ich einen Platz in Indien bekomme, würden mir meine Eltern nicht im Weg stehen.«

Es geht um Ehrenamt, Umweltschutz, Politik. Die Worte passen kaum zu den noch kindlichen Gesichtern

Doch erst einmal muss er sich einen Platz sichern. Als Nächstes gilt es, sich durch Buchstabenserien zu kämpfen, Zahlenkombinationen zu ergänzen, sein räumliches Denken unter Beweis zu stellen. Stephan absolviert einen kognitiven Test. Davor graute ihm am meisten, zum Glück ist danach wieder

Deutsche Stiftung UWC: Auswahl und Stipendien Die Deutsche Stiftung UWC ist die offizielle Vertretung der UWC-Bewegung in Deutschland. Sie kümmert sich um die Finanzierung der Stipendien und die jährliche Auswahl der deutschen Schüler. Etwa 60 Prozent aller von den nationalen Komitees weltweit ausgewählten Schüler erhalten Voll- oder Teilstipendien. Weitere Schwerpunkte der Stiftung sind Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit und Kontaktpflege zu den Colleges und der internationalen UWC-Organisation. Ebenfalls sehr engagiert – finanziell und ehrenamtlich für die UWC-Arbeit – ist der Alumniverein UWC Network Deutschland. www.uwc.de

Fotos: Frank Schultze/AgenturZS; Illustration: KircherBurkhardt Infografik

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Auswahlwochenende :: 31

Kreativität gefragt: In Fünfergruppen bekommen die Bewerber eine Tüte überreicht. Darin: Draht, Korken, Dosen, Pappe, Gummis. Daraus sollen die Bewerber kleine Maschinen basteln. Am Ende bewertet das Komitee nicht die Funktion, sondern die Zusammenarbeit. Die meisten Prüfer im Auswahlkomitee sind ehemalige ­UWCler. Viele erinnern sich noch gut an ihr eigenes Auswahlwochenende, obwohl es schon Jahrzehnte her ist. So wie Daniel Mittler, der seit Jahren hilft, geeignete Schüler für das UWC zu finden. Er selbst besuchte in den 1990er Jahren das College in Kanada. Zusammen mit einem Kollegen bittet er jetzt zum Einzelgespräch. Hier sollen die Jugendlichen mit ihrer Persönlichkeit überzeugen.

In der Gruppendiskussion sollen Argumente und Auftreten überzeugen. Beim Basteln eines »Energiewenders« (unten) zählen Kreativität und Teamarbeit

»Davor habe ich am wenigsten Angst«, sagt Stephan. »Im Einzelgespräch kann ich zeigen, wie ich bin, wer ich bin.« Aber als die Tür wieder aufgeht, er die Prüfungssituation und die zwei Ehrenamtlichen hinter sich lässt, ist er nicht mehr so sicher. »So viele Fragen ... Haben den Prüfern meine Antworten wohl gefallen?« Sie fragten nach Interessen und Hobbys, wollten wissen, wie Stephan in bestimmten Situationen handeln würde, hakten immer wieder nach. »In hohle Phrasen konnte ich mich nicht retten, unter Druck kamen da nur ehrliche Antworten.« Er geht wieder zu den anderen Bewerbern, mal hören, wie es bei ihnen lief. Konkurrenz: ja – aber für Stephan fühlt es sich nicht so an, denn alle helfen einander und haben Spaß zusammen. Unten, im Aufenthaltsraum der Jugendherberge, formieren sich die Jugendlichen gerade zu einer riesigen Deutschlandkarte, jeder positioniert sich dort, wo sein Heimatort liegt. Marie geht in die eine Ecke des Raumes, sie kommt aus Berlin. Moritz aus Köln auf die entgegengesetzte Seite. Nicht weit davon reiht sich Stephan aus Münster ein. »Damit wir wissen, wer in der Nähe wohnt, und wir uns wiedersehen können.« Sechs Tage später. Stephan sitzt mit seiner Oma beim Mittagessen, als er leise das metallische Klicken des Briefkastens hört. Er läuft zur Tür, denkt unterwegs: »Bitte ein großer Briefumschlag!« Ein kleiner würde eine Absage bedeuten. Er angelt nach der Post: Es ist ein großer Umschlag – mit der Zusage für einen Platz am UWC Robert Bosch College. Lisa Rokahr ging immer gerne zur Schule – wurde aber fast neidisch bei den Möglichkeiten, die den Jugendlichen an einem UWC offenstehen. Besonders beeindruckt hat sie der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl, das ­ehemalige, aktuelle und künftige UWCler ausgestrahlt haben.

32 :: UWC-Alumni

:: Wie das UWC wirkt Ob zweijähriger College-Aufenthalt oder Teilnahme an einem Kurzprogramm – UWC wirkt nachhaltig. UWC-Alumni arbeiten heute in den verschiedensten Berufsfeldern

Julian Lee »Ich wurde nicht in ein Internat geschickt, ich habe mir eine Erfahrung ausgesucht. Bis heute würde ich diesen Schritt als den besten meines Lebens bezeichnen.«

Felicitas von Lovenberg

Literaturkritikerin und Journalistin, UWC 1991–93

»Die UWCs gehören zu der seltensten Art von Schulen: Das Wort von der Erziehung des ganzen Menschen ist keine Floskel, sondern selbstverständliche Realität.«

RESSORTLEITERIN BEI DER FAZ, Autorin, Literaturkritikerin, TV-

Moderatorin – Felicitas von Lovenberg hat sich in der Medienbranche einen Namen gemacht. Aufgewachsen in Münster, legte sie am United World College in Wales das International Baccalaureate ab. Danach studierte sie Neuere Geschichte in Bristol und Oxford. Heute ist sie nicht nur als Journalistin und Leiterin des FAZ-Ressorts »Literatur und Literarisches Leben« erfolgreich, sondern als Moderatorin der Literatursendung »Literatur im Foyer« im Südwestfernsehen auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt.

UWC-Freunde aus aller Welt haben Julian Lee, der in Villingen im Schwarzwald aufgewachsen ist, die Augen für andere Länder und Kulturen geöffnet. Besuche bei Umweltexperte, College-Freunden UWC 1996–98 in Indien und Tansania bewegten ihn schließlich dazu, in Kanada Entwicklungshilfe zu studieren. Während und nach dem Studium arbeitete er bei verschiedenen Entwicklungshilfeprogrammen, leitete unter anderem die Umweltorganisation »Planetair« und beriet Firmen in Fragen der unternehmerischen Verantwortung. Lee arbeitet heute als Umweltexperte bei der Weltbank in Washington.

Oliver Dany Partner und Managing Director bei The Boston Consulting Group, UWC 1988–90

»Schulen sollen ihren Schülern den Horizont öffnen und erweitern. Ich kann mir keine bessere Schule als ein UWC vorstellen, um genau dies zu erreichen.« Erst über ehemalige UWC-Mitschüler lernte Oliver Dany die Unternehmensberater-Branche kennen. Sein Studium der Klassischen Philologie und Alten Geschichte in Oxford und München hätte eigentlich eine geisteswissenschaftliche Laufbahn vorgesehen.

Doch auch ohne betriebswirtschaftlichen Hintergrund arbeitete sich Dany bei der Unternehmensberatung The Boston Consulting Group bis ganz nach oben: Heute ist er dort als Partner und Managing Director tätig.

UWC-Vordenker :: 33

:: Kurt Hahn: Ein Leben für die Bildung Eigenverantwortung und internationale Verständigung sind zentrale Elemente des Bildungskonzepts von Kurt Hahn. Seine pädagogischen Ideen fanden auch das Interesse von Robert Bosch Von Ulrike Schiefelbein

urt Hahn, der geistige ­Vater der UWC-Bewegung, wurde 1886 in eine wohlhabende jüdische Familie in Berlin hineingeboren. Deutschland war noch Kaiserreich und Führungsmacht in Europa. Hahn studierte zunächst Geisteswissenschaften und arbeitete im Auswärtigen Amt. Früh interessierte er sich für pädagogische Fragen, wurde Anhänger der Erlebnispädagogik. 1919 gründete er gemeinsam mit Max von Baden das Internat Schloss Salem. Salem sollte sich durch ein ganzheitliches Verständnis von Bildung auszeichnen. 1932 folgte die Gründung des Birkle­ hofs, einer Schwesterschule von Salem im Schwarzwald. Hahn durchlebte beide Weltkriege, Faschismus und Emigration. Diese Erfahrungen schlugen sich in seinen Idealen von Bildung und Erziehung nieder: Jungen Menschen sollte mehr vermittelt werden als nur akademisches Wissen. Für genauso wichtig hielt er Eigenverantwortung, soziale Dienste, internationale Verständigung und Phantasie. Aus diesem Gedanken entwickelte Hahn das Konzept für das erste United World College, das 1962 eröffnete Atlantic College im walisischen St Donat’s Castle. Robert Bosch, der Kurt Hahn Ende des Ersten Weltkriegs kennenlernte, zeigte großes Interesse an dessen Ideen und besuchte ihn später mehrfach. Anfang der 1930er Jahre zum Beispiel in Salem, um »nach dem Rechten« zu sehen, da Hahn immer stärker von den Nationalsozialisten unter Druck gesetzt wurde. Auch seine letzte Auslandsreise führte Ro-

bert Bosch zu Kurt Hahn nach Schottland, wohin dieser emigriert war. Beide finden nun – in einem vereinten Europa – ideell im UWC Robert Bosch College in Freiburg wieder zueinander.

Kurt Hahn studierte am Christ Church College in Oxford und arbeitete bis 1919 im Auswärtigen Amt in Berlin

Fotos: kurt-Hahn-Archiv im Kreisarchiv Bodenseekreis, SO 1.1.1.6/38, Fotograf: Hans Lohman, Robert Bosch Stiftung (3)

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34 :: Der Gründungsdirektor

:: Der Unermüdliche Der Südafrikaner Laurence Nodder ist Gründungsdirektor des UWC Robert Bosch College. Sein halbes Leben widmete der Lehrer dem Kampf gegen Rassismus. In Freiburg will er die Schüler zu toleranten und umweltbewussten Menschen erziehen Von Marta Popowska

Neuaufbau in Freiburg: »Exciting«, sagt Nodder dazu

Der Gründungsdirektor :: 35

Aufgewachsen in Kapstadt in Zeiten der Apartheid, empfindet Laurence Nodder die Rassentrennung schon in jungen Jahren als falsch, findet, man müsse sie überwinden. Mit dem Ziel, Lehrer zu werden, studiert er an der Universität von Kapstadt Mathematik und Englisch. Während viele seiner Freunde, die die rassistische Gesellschaftsordnung ablehnen, das südliche Afrika verlassen, beschließt er, in der Region zu bleiben und etwas für die Verständigung der Bevölkerungsgruppen zu tun. Er unterrichtet an Schulen in Lesotho und nach der Wiederzulassung des ANC erneut in Südafrika. Seine Schülerinnen und Schüler sind fast immer schwarz und kommen aus den armen Townships oder ländlichen Regionen. An keiner Schule bleibt er so lange wie am Waterford Kamhlaba United World College. 13 Jahre lang leitet er die Institution in Swasiland, einem kleinen Königreich mit kaum mehr als einer Million Einwohnern, das an Südafrika grenzt. Waterford war in den 1960er Jahren die erste Schule, an der schwarze und weiße Jugendliche gemeinsam lernen konnten. Das Konzept des deutschen Reformpädagogen Kurt Hahn überzeugt Nodder: Menschen müssen sich kennen, um friedlich miteinander leben zu können. Nicht die soziale Herkunft, sondern ihre Begabung entscheidet, wer einen Platz erhält. Laurence Nodder arbeitet hart dafür, die nötigen Spenden zu sammeln, denn: »Auch Jugendliche aus sehr armen Verhältnissen sollten an das UWC kommen.« Stipendien sor-

gen dafür, dass nicht nur privilegierte Kinder an die Schule gelangen. Jahrzehnte später steht Nodder an einem sonnigen Nachmittag in einem Nebengebäude des ehemaligen Kartäuserklosters in Freiburg. Emsig wie Ameisen wuseln Handwerker um ihn herum, tragen Balken und Eimer voller Bauschutt hin und her. Ab Anfang September werden hier in seinem künftigen Rektorat Schüler und Lehrer ein- und ausgehen. Die Lehrer haben er und sein Team selbst ausgewählt. »Ich suche nach dem intellektuellen Hunger im Menschen«, sagt er, »nach jenen, die sich und die eigenen Stereotypen hinterfragen.« Denn was man von den Schülern erwarte, müssten die Lehrer selbst vorleben. Zweimal in der Woche fährt er auf die Großbaustelle, um zu sehen, wie es vorangeht. Den Staub der Baustelle trägt er fast immer an seinen Schuhen. Er kennt jeden Raum, weiß genau, wo was stehen und wer wo schlafen wird. Selbst wenn sein Büro erst ein paar Tage später als geplant fertig würde, sei das egal. Was mache das schon aus, sagt er, der seinen Unterricht zum Schutz vor der sengenden Sonne Afrikas schon unter Planen abhielt. Wie damals, 1986, als er nach Sekhukhune an das St Mark’s College ging, um die ein Jahr zuvor in einem Township gegründete Schule für 400 Kinder mit aufzubauen. Anfangs lebten sie in Zelten, das nächste Telefon zum Selbstbedienen achtzig Kilometer entfernt. Wenn er Menschen in Deutschland von seinen Abenteuern als Lehrer erzählt, schütteln die meisten ungläubig den Kopf. Nodder sagt, er habe am St Mark’s die wirklich praktischen Erfahrungen gesammelt. Er unterrichtete, war Vizerektor, Schatzmeister und sammelte Gelder für den Aufbau des Schulgebäudes. Sein Job ging schon immer weit über das bloße Lehren hinaus. »Das war mein Leben«, sagt er lapidar. Nodders Frau Deborah, eine Kunstlehrerin, war schon damals an seiner Seite.

Seit sie in Freiburg wohnen, leben sie zum ersten Mal nicht auf dem Schulgelände. »Das fühlt sich seltsam an. Jetzt wissen wir, wie es den meisten Menschen geht, die nach der Arbeit nach Hause gehen«, sagt Nodder und lacht. Seinen Humor hat er nie verloren. Weder nach den schweren Verkehrsunfällen mit 17 Knochenbrüchen, die nie wieder ganz zusammenwuchsen und seinem Gang einen ganz eigenen Rhythmus verleihen. Noch als ein paar seiner Schüler nach einem Fußballspiel mit einer Waffe auf Farmarbeiter losgingen, nur weil diese einer anderen politischen Partei angehörten. Dagegen scheinen pubertierende Schüler, die mal ein paar Dosen Bier auf das Zimmer schmuggelten, harmlos. Doch auch die rügte Nodder mit derselben Ernsthaftigkeit wie die Jungs, denen er damals die Waffe entriss. Sein neues Leben in Freiburg genießt er. Er fährt kaum mehr Auto, nimmt mit Freude die Straßenbahn. Die Chance, eine Schule von Grund auf aufbauen und mitgestalten zu dürfen, wollte er sich nicht entgehen lassen. Auf das Angebot der Robert Bosch Stiftung, Waterford nach 13 Jahren gegen den Breisgau einzutauschen, ist ihm gleich ein »Exciting!« über die Lippen gekommen. Er hätte auch einfach Lehrer an einer ruhigen Privatschule in Südafrika werden können. Doch Nodder entschied sich für einen anderen Weg. Dafür, die Grenzen von Hautfarben, Nationalitäten und Religionen zu sprengen und Verständigung und Toleranz zu vermitteln. Jetzt, da das Apartheidregime überwunden ist, will er sich in Freiburg einer neuen Aufgabe stellen: Schüler aus aller Welt zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz erziehen. Marta Popowska traf Laurence Nodder am UWC College in Freiburg. Mit Elan und Fachwissen führte der Schulrektor sie über die Baustelle. Die Journalistin war überrascht, kannte Laurence Nodder doch jeden noch so unfertigen Raum auf dem Klostergelände.

Foto: Heinz Heiss; Illustration: KircherBurkhardt Infografik

G

egen halb elf am Morgen hat Laurence Napier Nodder, 55 Jahre alt, seine erste Tasse Kaffee noch nicht geschafft – zu viel zu tun. Der neue Schulleiter des ersten deutschen United World College will vorbereitet sein, wenn die ersten einhundert Schüler aus aller Welt in Freiburg ankommen.

36 :: Bildungsprojekte

:: Im Fokus der Förderung: Gute Schulen und talentierte Schüler Die Entscheidung der Stiftung für das UWC Robert Bosch College reiht sich ein in eine lange Liste erfolgreicher Bildungsprojekte. Im Zentrum stehen Schulentwicklung und -management sowie Chancengleichheit der Schüler

Glückliche Sieger und der Außenminister: Deutscher Schulpreis für die Städtische AnneFrank-Realschule aus München

DEM LERNEN FLÜGEL VERLEIHEN: Unter diesem Motto vergeben die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung seit 2006 jedes Jahr den Deutschen Schulpreis. Die »beste Schule Deutschlands« und bis zu fünf weitere Preisträger aus allen Schularten zeigen beispielhaft, was gute Schule ausmacht: Mit Einsatz, Phantasie und Mut arbeiten Lehrer, Schüler und Eltern an neuen Konzepten, die sich in der Praxis bewähren müssen. Im Jahr 2014 gewann die Städtische Anne-Frank-Realschule in München den mit 100. 000 Euro dotierten Schulpreis. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier überreichte die Auszeichnung am 6. Juni in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin.

Vier weitere Preise in Höhe von je 25. 000 Euro erhielten die Erich-Kästner-Schule in Hamburg, die Römerstadtschule in Frankfurt am Main, das GeschwisterScholl-Gymnasium in Lüdenscheid und das Regionale Berufsbildungszentrum Wirtschaft in Kiel. Der ebenfalls mit 25. 000 Euro dotierte »Preis der Jury« ging an die SchlaU-Schule/Schulanaloger Unterricht für Flüchtlinge in München. Seit 2006 haben sich mehr als 1. 000 Schulen auf den Preis beworben. Grundlage des Wettbewerbs ist ein umfassendes Bildungsverständnis, das sich in sechs Qualitätsbereiche unterteilen lässt: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben

und Schule als lernende Institution. Diese sechs Kriterien sind heute als Zeichen für gute Schulqualität allgemein anerkannt. Um möglichst viele Schulen zu erreichen und zu eigenen Entwicklungsprozessen anzuregen, wurde 2007 die Akademie des Deutschen Schulpreises eingerichtet. Hier können sich Preisträger, Bewerber und interessierte Schulen vernetzen, Erfahrungen austauschen und Angebote zu Fragen guter Schulpraxis nutzen. In der Akademie lernen Schulen von- und miteinander. Noch in diesem Jahr stellt die Stiftung die Akademie des Deutschen Schulpreises als eine Ausgründung auf eigene Beine. www.deutscher-schulpreis.de

Fotos: Max Lautenschläger, Christoph Kellner, Fotolia

Deutscher Schulpreis: Ein renommierter Preis für gute Schule

Bildungsprojekte :: 37

Die Wende schaffen: School Turnaround VIELE SCHULEN IN SOZIALEN Brennpunkten stehen

Genauso wichtig wie das Stipendiengeld: Workshops und Seminare

»grips gewinnt«: Stipendien für mehr Chancengerechtigkeit IN ALLEN BEVÖLKERUNGSSCHICHTEN GIBT es Talente, auf die

die Gesellschaft nicht verzichten kann. Doch einige Kinder und Jugendliche haben es schwerer, ihre Begabungen zu entfalten. Häufig kommen sie aus bildungsfernen Familien und erhalten nur wenig Aufmerksamkeit, Unterstützung und Ermutigung. »grips gewinnt«, das gemeinsame Stipendienprogramm der Joachim Herz Stiftung und der Robert Bosch Stiftung, will das ändern. Es richtet sich an leistungsstarke und engagierte Schüler ab der 8. Klasse in Hamburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, SachsenAnhalt und Schleswig-Holstein. Auch dieses Jahr werden wieder über 100 neue Jugendliche gefördert. Ausgewählt wurden sie nach ihrem Potential, ihrem (außer-)schulischen Engagement und der sozialen Lage ihrer Familien. Sie werden nun bis zu ihrem Abitur an einem umfangreichen Bildungsprogramm mit Seminaren, Sommerakademie und Kulturveranstaltungen teilnehmen und bei ihrer Berufs- und Studienwahl unterstützt. Zudem erhalten sie eine finanzielle Förderung von 150 Euro pro Monat für Bücher, Museumsbesuche oder Sprachreisen. Ihren Weg gehen sie dabei nicht allein: Wie beim Schwesterprogramm »Talent im Land«, das die Stiftung zusammen mit der BadenWürttemberg Stiftung seit 2002 in Baden-Württemberg und seit 2005 in Bayern in Kooperation mit dem Kultusministerium anbietet, haben die Stipendiaten im »grips«-Büro feste Ansprechpartner, die sie beraten und unterstützen. www.grips-stipendium.de

vor einer schwierigen Aufgabe: Sie müssen die schlechten Startbedingungen mancher Schüler ausgleichen und gleichzeitig einen leistungsfähigen Schulbetrieb erhalten. Manche Schulen schaffen das alleine, andere brauchen Hilfe und Unterstützung von außen, um wieder zu einem attraktiven Lern- und Arbeitsort zu werden. An dieser Stelle setzt das Projekt »School Turnaround – Berliner Schulen starten durch« an. Getragen wird es von der Robert Bosch Stiftung und der Berliner Senatsverwaltung für Jugend, Bildung und Wissenschaft. Drei Grundschulen und sieben integrierte Sekundarschulen aus fünf Berliner Bezirken sind in der Pilotphase bis 2015 dabei. Der Grundgedanke: Für die jeweilige Schule passgenaue Maßnahmen entwickeln, um Strukturen, Arbeit und Unterricht auf Dauer zu verbessern, sodass die Schulwende, der »Turnaround«, gelingt. Das Konzept wurde unter anderem in New York entwickelt und dort erfolgreich umgesetzt. Entscheidend für den Erfolg ist das Zusammenspiel aller Beteiligten. Neben den Schulen müssen auch Schulträger und Aufsichtsbehörden mit ins Boot. In einem ersten Schritt besuchen Bildungsexperten die Schulen und ermitteln gemeinsam mit der Schulleitung, wo die besonderen Bedürfnisse, Stärken und Herausforderungen jeder Schule liegen. Auch die Vernetzung und der Erfahrungsaustausch der beteiligten Schulen gehören dazu. Mit bis zu 800. 000 Euro unterstützt die Stiftung das Projekt. Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft gibt bis zu 200. 000 Euro dazu. www.school-turnaround.de

Damit die Schule wieder ein attraktiver Lernund Arbeitsort wird, brauchen manche Schulen Unterstützung von außen für den »Turnaround«

38 :: Robert Bosch Academy

:: Robert Bosch Academy eröffnet Die Stiftung schafft in ihrer Berliner Repräsentanz einen neuen Ort für gesellschaftliche und politische Diskussionen und empfängt dort herausragende Experten und Entscheidungsträger aus aller Welt IM JUNI ERÖFFNETE DIE Robert Bosch Stiftung in der Berliner Repräsentanz ihre neue Einrichtung, die Robert Bosch Academy. Die Academy bietet bis zu 20 renommierten Experten und Entscheidungsträgern aus aller Welt die Gelegenheit, fernab ihres Arbeitsalltags Ideen und Strategien für die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu entwickeln.

Als Richard von Weizsäcker Fellows – ein Programm, das die Robert Bosch Stiftung in Berlin einrichtete – verbringen sie einen längeren Aufenthalt in der Hauptstadt, der ihnen die Teilhabe am

gesellschaftlichen Leben und den Dialog mit der politischen Öffentlichkeit ermöglichen soll. »In vielen Diskussionen über die zentralen Herausforderungen wird die internationale Perspektive zu wenig berücksichtigt«, so Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung. »Mit der Einladung renommierter Experten und Entscheidungsträger wollen wir die politische Diskussion in Deutschland um wertvolle Impulse aus anderen Regionen der Welt bereichern.« Denn viele gesellschaftspolitische Fragestellungen, etwa

der Klimawandel oder die Demokratieentwicklung, erfordern vergleichende bi- oder multilaterale Lösungsansätze, so Hamm. Bei der Eröffnung der Academy erinnerte der schwedische Außenminister Carl Bildt in seiner Key Note an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren: »Das letzte Jahrhundert hat 1914 begonnen«, so Bildt, »Historiker der Zukunft werden vielleicht einmal sagen, dass das 21. Jahrhundert im Jahr 2014 begonnen hat.« Angesichts der Ukraine-Krise sei es »eine Zeit zum Nachdenken, in der wir die

Robert Bosch Academy :: 39

:: Intellektueller Freiraum für Experten aus aller Welt Sandra Breka, Leiterin der Berliner Repräsentanz der Stiftung, über die Entstehung und Ziele der Robert Bosch Academy :: Wie entstand die Idee zur Gründung der Academy? Sandra Breka: Die Idee geht zurück auf den früheren Vorsitzenden der Geschäftsführung, Dieter Berg. Es ging darum, ein internationales und interdisziplinäres Format zu etablieren und Experten aus aller Welt einzuladen, um Dialog zu fördern. Seit dem Erwerb der Repräsentanz in der Französischen Straße können wir das umfassend umsetzen: Den Fellows steht dort ein ganzes Geschoss zur Verfügung.

Fotos: Manuel Frauendorf, Theodor Barth

Fellows diskutieren bei der Eröffnungs­ veranstaltung über Krisen und Protest­ bewegungen rund um den Globus. Blick ins Atrium der Berliner Repräsentanz

richtigen Schlüsse ziehen müssen«. Das besondere Profil der Robert Bosch Academy bietet Raum für solche Gedanken – und natürlich die passenden Austauschpartner. So gehören zu den kommenden Fellows Fjodor Lukjanow, der Chefredakteur der russischen Zeitschrift »Russia in Global Affairs«, und Iveta Radičová, die ehemalige ­Ministerpräsidentin der Slowakei. In einem zweiten Programmformat der Academy, dem Research Fellowship, forschen Nachwuchswissenschaftler zu Themen der Stiftungsarbeit. www.robertboschacademy.de

:: Wie unterscheidet sich die Academy von anderen Stipen­ dienprogrammen der Robert Bosch Stiftung? Sandra Breka: Der Großteil unserer Stipendienprogramme richtet sich an Nachwuchskräfte oder junge Führungskräfte. Oft richten sich die Programme an eine bestimmte Zielgruppe, etwa Journalisten oder Verwaltungsfachleute. An der Academy gibt es zwei Fellowship-Formate: Das Richard von Weizsäcker Fellowship bringt renommierte Entscheidungsträger und Meinungsbildner aus aller Welt zu längeren Arbeitsaufenthalten in Berlin zusammen. Neben einem Gesprächs- und Kontaktprogramm bieten die Aufenthalte vor allem einen intellektuellen Freiraum, in dem sich die Fellows jenseits ihrer regulären Aufgaben mit neuen Themen befassen können. Das Research Fellowship wendet sich an eine jüngere Zielgruppe von Wissenschaftlern und Experten, die zu konkreten Fragestellungen der Academy forschen. :: Welche Themen werden in der Academy Ihrer Meinung nach zukünftig eine große Rolle spielen? Sandra Breka: Neben traditionellen außen- und sicherheitspolitischen Fragestellungen stehen im Sinne der Fördergebiete der Stiftung gesellschaftspolitische Herausforderungen im Vordergrund. Die Fellows arbeiten oft an Themen, an denen die Stiftung arbeitet. :: Was möchte die Stiftung mit der Academy erreichen? Sandra Breka: Wir wollen die Academy als Ort des interdisziplinären, multilateralen Dialogs und der lösungsorientierten Zusammenarbeit zu den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts etablieren. Als Thinktank, der den bestehenden Markt Leitet Berliner um eine neue KomponenRepräsentanz: te ergänzt. Sandra Breka

40 :: Nachrichten zum Jubiläum

:: Das alles macht die Stiftung? Ja! Zum Bürgerfest am 5. Juli öffnete die Robert Bosch Stiftung erstmals Gebäude und Gelände in der Heidehofstraße. Knapp 6.000 Besucher ließen sich von den Mitarbeitern die Arbeit der Stiftung zeigen EIN MINIMALINVASIVER GRIFF NACH

Gummibärchen, literarische Häppchen ausgezeichneter Autoren oder zu klas­ sischer Musik tanzende Roboter: Das war an nur drei der insgesamt 40 roten Informationswürfel zu sehen, die die Besucher des Bürgerfestes auf ihrem zweistündigen Rundgang über das ­Gelände der Stiftung erleben konnten. Egal ob bei den Stationen zu Ehrenamt, internationalen Stipendienprogram­ men oder bei einer der heiß begehrten Führungen durch das ehemalige Wohn­ haus von Robert Bosch – überall trafen die Gäste auf auskunftsfreudige Mitar­ beiter, die ihre Aufgaben, die Projekte und den Geist der Stiftung vermittelten. Faszination und Erstaunen waren aller­ orten zu spüren und zu hören: »Das alles macht die Stiftung?« Ja!

Großer Andrang: Viele Besucher ­interessierten sich für das Robert Bosch Haus, heute Sitz der Stiftung

Blick aus dem Bosch Haus Heidehof; unten im Park eine der Literaturbühnen Auch die kleinen Gäste hatten dank interaktiver Stationen … … und tanzender Roboter ihren Spaß

Seltene Einblicke: Führungen durch die ­ehemaligen Wohnräume von Robert Bosch

Nachrichten zum Jubiläum :: 41

Auf der großen »50« unterschrieben alle: Christof Bosch, Joachim Rogall, Winfried Kretschmann, Kurt Liedtke, Ingrid Hamm (v. l.). Und Bosch-Tochter ­ Eva Madelung (u.)

FESTVERANSTALTUNG

:: 50 Jahre komprimiert in einem Abend Bei der Jubiläumsfeier am 50. Gründungstag der Stiftung stehen Geförderte im Mittelpunkt – und auf der Bühne

Fotos: die arge lola / Kai Loges + Andreas Langen (5), Björn Hänssler (4)

MIT RUND 200 GÄSTEN feierte die

Robert Bosch Stiftung am 26. Juni ihr 50-jähriges Bestehen. Der baden­ württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Christof Bosch, Sprecher der Bosch-Familie und Mitglied des Kuratoriums, hoben in ihren Festreden die Bedeutung der Stiftung hervor. Per Videobotschaft gratulierten u. a. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Wieland Ba­ ckes und Dennis Wilms führten durch das Bühnenprogramm, in dem Partner und Geförderte die Arbeit der Stiftung vorstellten: Chamisso-Preisträger hiel­ ten eine Flashmob-Lesung, ein junger Rapper sang über Politik und Nobel­ preisträgerin Herta Müller berichtete, welche Bedeutung das Grenzgän­ ger-Stipendium der Stiftung für ihr ausgezeichnetes Werk »Atemschaukel« hatte: »Das Geld für ein Stipendium bedeutet auch Unabhängigkeit. Geld zu bekommen von jemandem, der nicht den Kopf beeinflusst.« Doch die

Stiftung wurde auf der Jubiläumsfeier nicht nur als Förderer besonders ta­ lentierter Künstler, Wissenschaftler und Nachwuchskräfte, sondern auch als ­internationaler Impulsgeber ge­ würdigt. Der französische Botschafter Maurice Gourdault-Montagne und Karl Dedecius, deutsch-polnischer Über­ Moderator Dennis Wilms (l.) im Gespräch mit ­Herta Müller, Trägerin des Literaturnobelpreises. Karl Dedecius (u.) ist langjähriger Partner der Stiftung für Polen

setzer, hoben die Rolle der Stiftung als Motor der Völkerverständigung hervor. Dedecius lobte die Zusammenarbeit mit der Stiftung: »Das ist eine sonder­ bare Stiftung. Sie geben nicht nur Geld, die denken und arbeiten mit.«

42 :: Nachrichten zum Jubiläum

VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

:: 40 Jahre Deutschland – Polen Als die Robert Bosch Stiftung ab 1974 erste deutsch-polnische Projekte förderte, herrschte noch Kalter Krieg. An den heute guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern hat auch die Stiftung Anteil ZUM 40. JAHRESTAG DER Förderung der deutsch-polnischen Zusammen­ arbeit lud die Robert Bosch Stiftung zu einer Festveranstaltung in ihre Berliner Repräsentanz ein. Neben dem Blick zu­ rück auf den Beitrag der Robert Bosch Stiftung zu Aussöhnung und schrittwei­ ser Annäherung beider Länder ging es vor allem um die aktuellen Herausforderungen und Lösungsansätze rund um die Ukraine-Krise. Unter dem Titel »Polen - Deutsch­ land und die Nachbarn im Osten« widmete sich eine hochrangig besetzte Runde dem Thema. Es dis­ kutierten Marek Prawda (EU-Botschafter Polens), der österreichische Schrift­ steller und Übersetzer Martin Pollack, der rus­ sischsprachige ukrainische Autor Andrei Kurkow und Günter Verheugen, frü­ herer Vizepräsident der EU-Kommission. Pollack, Kurkow und Verheugen äußerten sich skeptisch, was die Rolle Russlands und Putins angeht. Prawda hingegen wertete die Lage verhalten optimistisch: Er beobachte, dass es seit dem Ukraine-Konflikt erstmals ein gesamteuropäisches Anliegen gebe, für das gemeinsame Lösungen gesucht würden: den Frieden und die territoriale Integrität in der Ukraine wiederherzustellen. Zudem hob er die enge Zusammenarbeit Frankreichs, Deutschlands und Polens im »Weimarer Dreieck« hervor.

Als vor Jahrzehnten der Eiserne Vor­ hang Europa durchschnitt, glaubten nur wenige Menschen an Versöh­ nung, Verständigung und Austausch

zwischen Ost und West, wie es das »Weimarer Dreieck« heute möglich macht. Richard von Weizsäcker war damals einer der Visionäre. Joachim Rogall, Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung, dankte dem ehema­ ligen Bundespräsidenten, der zur Veranstaltung gekommen war, in

seiner Eröffnungsrede: »Sie haben als Kurator maßgeblich dazu beige­ tragen, dass die Stiftung vor vierzig Jahren diesen Weg einschlug.« Rogall skizzierte in seiner Rede das jahr­ zehntelange Engagement der R ­ obert Bosch Stiftung. Anfangs ging e ­ ­s vor allem darum, zwischenmensch­liche Begegnungen zu ermöglichen und die Grenzen durchlässiger zu machen, sagte er. Mit Unterstützung der Robert

Bosch Stiftung kamen zum Beispiel über 1700 polnische Germanisten für Fortbildungen nach Westdeutschland, auch zahlreiche Schüler- und Studen­ tengruppen konnten sich gegenseitig besuchen und kennenlernen. Der pol­ nische Botschafter Jerzy Margański sagte in seinem Grußwort: »Die Stiftung ist eine der wichtigs­ ten Schaltstellen in den deutsch-polnischen Bezie­ hungen: Sie etablierte eine Dialogkultur, schuf Struktu­ ren und hinterließ Akteure auf beiden Seiten, auf die man sich verlassen kann.« Als Beispiele nannte er die deutsch-polnischen Me­ dientage, die Einrichtung einer polnischen Gastpro­ fessur an der Universität Mainz sowie die im Suhr­ kamp-Verlag erschienene 50-bändige »Polnische Bi­ bliothek«, ­koordiniert vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wandelte sich das deutsch-polnische Verhältnis. Das spiegelte sich in den Programmen der Stiftung wider. Es ging immer mehr darum, den Nachbarn auf dem Weg in die EU zu unterstützen sowie mit polnischen Part­ nern gemeinsam die Fühler weiter Richtung Osten auszustrecken für eine Zusammenarbeit mit anderen osteu­ ropäischen Ländern wie der Ukraine, Weißrussland oder Russland. »Dies ist heute eine Partnerschaft auf Augen­ höhe!«, betonte Joachim Rogall. Die spannende Chronologie dieser Part­ nerschaft sowie Informationen über aktuelle Projekte finden sich im Netz: www.bosch-stiftung.de/polen

Nachrichten zum Jubiläum :: 43

KULTUR

:: 30. Preisverleihung im Jubiläumsjahr

VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

:: Impulse für transatlantischen Austausch 30 Jahre Stipendienprogramm für amerikanische Nachwuchskräfte Constanze Stelzenmüller wird erste Robert Bosch Senior Fellow IM JAHR IHRES 50. Bestehens feiert die

Stiftung ein weiteres Jubiläum: 30 Jah­ re Robert Bosch Foundation Fellowship Program. Strobe Talbott, Präsident der Brookings Institution und früherer USVizeaußenminister, hielt die Festrede vor rund 200 ehemaligen Bosch Fellows sowie Vertretern aus Politik, Diplomatie und Wirtschaft in Washington, D.C. Seine The­ Zum Robert Bosch Folgt men: die Ukraine-Krise und die aktuelle ­Senior ­Fellow beLage der deutsch-amerikanischen Bezie­ rufen: Constanze hungen. Im Rahmen des Festakts wurde Stelzenmüller Constanze Stelzenmüller als erste Robert Bosch Senior Fellow vorgestellt. Sie wird ab November Deutschland und Eu­ ropa an der Brookings Institution, einem der bedeutendsten Thinktanks der USA, eine Stimme geben. Die Journalistin und Sicherheitsexpertin schrieb bis 2005 für die ZEIT und war dann Senior Fellow des German Marshall Fund of the United States in Berlin. www.bosch-stiftung.de/fellows30

500 engagierte Mittler zwischen den USA und Europa 1984 kamen die ersten US-amerikanischen Nachwuchsführungskräfte als Teilnehmer des Robert Bosch Foundation Fellowship Program nach Deutschland. Eine neue Generation sollte in Zeiten der NATO-Nachrüstung für die transatlantische Partnerschaft gewonnen werden. Seither haben

mehr als 500 Amerikaner das Programm absolviert; viele von ihnen nehmen inzwischen hochrangige Positionen in ihrem Land ein. Heute stellen die NSA-Enthüllungen und die Spionageaffäre die deutsch-amerikanische Freundschaft auf die Probe. Transatlantische Mittler sind gefragter denn je.

MIT DEM ADELBERT-VON-CHAMISSOPREIS EHRT die Robert Bosch Stiftung

herausragende auf Deutsch schrei­ bende Autoren, deren Werk durch einen Kulturwechsel geprägt ist. In diesem Jahr wurde die Schriftstellerin Ann Cotten für ihr bisheriges Werk, insbesondere für den jüngsten Erzäh­ lungsband »Der schaudernde Fächer« (Suhrkamp 2013) ausgezeichnet. Den Förderpreis an Dana Ranga für ihren Gedichtband »Wasserbuch« (Suhrkamp 2011) überreichte Michael Krüger, Schriftsteller und Präsident der Akade­ mie der Schönen Künste. Denis Scheck (ARD »Druckfrisch«) übergab Nellja Veremej den Förderpreis für ihren Ro­ man »Berlin liegt im Osten« (Jung und Jung 2013). Der Chamisso-Preis und das damit verbundene Begleitprogramm

Von links: Dana Ranga, Ann Cotten, Nellja Veremej

– darunter Lesungen, Workshops und Schreibwerkstätten – sind eine Erfolgs­ geschichte. Seit 1985 hat die Stiftung 68 Schriftsteller aus über 20 Herkunfts­ ländern ausgezeichnet. Darunter sind bekannte Autoren wie Rafik Schami, Terézia Mora, Feridun Zaimoglu, Ili­ ja Trojanow, Yoko Tawada und Saša Stanišić. www.chamissopreis.de

Fotos: Björn Hänssler, Markus Kirchgessner (2), ; Illustration: Karolina Pyrcik

30 Jahre Fellowship Program: Botschafter Peter Wittig empfängt Gäste, Alumni und Stiftungsvertreter in der deutschen Botschaft in Washington: Gale M ­ attox, Julianne Smith, Kurt Liedtke, Sandra E. Peterson, Peter Wittig, Frau Wittig (v. l.)

Adelbert-von-Chamisso-Preis in München verliehen: Hauptpreis für Ann Cotten, Förderpreise für Dana Ranga und Nellja Veremej

44 :: Nachrichten

KULTUR

Hjalmar Kühl beobachtet das ­Verhalten von Menschenaffen

:: A  ustausch der Kulturen und Karriereschub für Nachwuchsfilmer Drei Preise für deutsch-osteuropäische Filmteams letztmalig vergeben – 56 Teams hatten sich beworben DIE ROBERT BOSCH STIFTUNG hat

den Filmförderpreis für internationale Zusammenarbeit Deutschland/ Osteuropa auf dem goEast Festival in Wiesbaden verliehen. Der Preis in Höhe von jeweils bis zu 70. 000 Euro ging an drei deutsch-osteuropäische Koproduktionsteams aus den Bereichen Animation, Dokumentarfilm und Kurzspielfilm. 56 Teams hatten sich beworben, zwölf kamen in die engere Auswahl und durften ihre Projekte bei goEast – Festival des mittel- und

osteuropäischen Films vorstellen. Eine Expertenjury bestimmte die Sieger, die nun ihre Filmideen realisieren werden. Voraussetzung für die Bewerbung war, dass die geplanten Filme sowohl in Deutschland als auch im Partnerland produziert werden. Viele der Preisträger konnten dank der Auszeichnung ihre Filmkarriere festigen. Die deutsch-serbische Koproduktion »Milan«, ausgezeichnet 2006, wurde sogar für den StudentenOscar nominiert. www.filmprize.de

WISSENSCHAFT

:: Menschenaffen als Frühwarnsystem Robert Bosch Juniorprofessur für die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen verliehen DER BIOLOGE DR. HJALMAR KÜHL

erhielt die Robert Bosch Juniorprofessur 2014. Seit April leitet er eine Arbeitsgruppe am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig an der Universität Leipzig. Mit seinem Forschungsprojekt will er ein Evaluierungssystem entwickeln, aus dem sich Methoden für den Schutz der Lebensräume von Menschenaffen in Afrika und Asien ableiten lassen. Dafür stellt die Stiftung über fünf Jahre eine Million Euro zur Verfügung. »Nur so können wir diese wichtigen Naturräume im Gleichgewicht halten«, erklärt Kühl. Denn vom Verhalten der Affen können die Forscher auf den Zustand ressourcenreicher Ökosysteme schließen: Verschwinden sie aus ihrem ursprünglichen Lebensraum, ist das ökologische Gleichgewicht in Gefahr. www.bosch-stiftung.de/professorship

Stolze Nachwuchsfilmemacher aus Deutschland und Osteuropa mit Preisen

WISSENSCHAFT

:: J  uniorprofessur für afrikanischen Spitzenforscher EINER DER HERAUSRAGENDEN NACHWUCHSKÖPFE Afrikas, der in Kamerun geborene Mathematiker und IT-Experte Antoine Tambue, kehrt als ARETE Juniorprofessor nach Afrika zurück, um dort Spitzenforschung zu betreiben. Die erste AIMS ARETE Juniorprofessur wurde vom African Institute for Mathematical Sciences – Next Einstein Initiative (AIMS-NEI) und der Robert Bosch Stiftung vergeben. Sie ermöglicht hochqualifizierten afrikanischen Wissenschaftlern, aus dem Ausland nach Afrika zurückzukehren, innerhalb von fünf Jahren eine eigenständige Forschungsgruppe aufzubauen und auf internationalem Niveau zu forschen. Die ARETE Juniorprofessoren werden an einem der bestehenden AIMS-Forschungszentren arbeiten. Der Name des Programms ARETE steht für African Research, Education and Teaching Excellence.

Nachrichten :: 45

Das traditionell multiethnische Sarajevo war Austragungsort des wichtigsten Treffens europäischer Stiftungen

GESELLSCHAFT

:: Keine guten Chancen Studie belegt Diskriminierung wegen Migrationshintergrund bei Bewerbung für Ausbildungsplatz

EUROPA

:: »  Rethinking Europe« an einem historischen Ort Jahrestagung der europäischen Stiftungen in Sarajevo – spontane Hilfe für Flutopfer auf dem Balkan beschlossen RUND 500 VERTRETER EUROPÄISCHER Stiftungen diskutierten Mitte Mai 2014 in Sarajevo auf der Jahrestagung des European Foundation Centre (EFC) über Frieden und Solidarität in Europa. Ingrid Hamm hatte den EFC Committee Chair inne. Im traditionell multiethnischen Sarajevo sprachen die Teilnehmer über die Rolle der europäischen Bürgergesellschaft und neue Wege und Ideen, um Frieden zu bewahren und Europa mit einer Vision für die Zukunft auszustatten. Dabei rückten mit der Ukraine-Krise und dem Thema Jugendarbeitslosigkeit konkrete Handlungsfelder in den Fokus. Zudem bot die Konferenz den Stiftungen die Chance, Erfahrungen auszutauschen und das eigene zivilgesellschaftliche Engagement zu reflektieren. Der Tagungsort war eine Anregung der Robert Bosch Stiftung, um an die Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 – Auslöser des Ersten Weltkriegs – und an die Balkankriege der 1990er Jahre zu erinnern, den letzten kriegerischen Konflikt auf dem Kontinent. Angesichts der heftigen Überflutungen während der Konferenz spendeten die StifEine der zahlreichen Sessions während der tungen spontan für Flutopfer in Jahrestagung des EFC in Sarajevo Bosnien und Herzegowina.

bildungsplatz haben Jugendliche mit Migrationshintergrund auch bei gleicher Qualifikation schlechtere Chancen. Sie müssen mehr Bewerbungen schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als Bewerber ohne Migrationshintergrund. Für die Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), die von der Robert Bosch Stiftung gefördert wurde, gingen jeweils zwei Bewerbungen gleich gut qualifizierter Bewerber für die Ausbildungsberufe Kfz-Mechatroniker und Bürokaufmann an bundesweit rund 1800 Unternehmen – einmal unter ­deutschem und einmal unter türkischem Namen. Ergebnis: Um zu einem Vorstellungsgespräch als Bürokaufmann eingeladen zu werden, muss der türkische Kandidat sieben Bewerbungen verschicken, mit deutschem Namen reichen fünf. Im Ausbildungsberuf Kfz-Mechatroniker ist der Unterschied noch größer. Hier muss ein Bewerber mit einem türkischen Namen etwa 1,5-mal so viele Bewerbungen schreiben wie ein Kandidat mit deutschem Namen. »Diskriminierung tritt also nicht in allen Branchen gleichermaßen auf«, erläuterte Jan Schneider, Leiter des SVR-Forschungsbereichs und Autor der Studie. »Einen wichtigen Einfluss auf das Ausmaß der Ungleichbehandlung hat außerdem die Unternehmensgröße: Die Diskriminierungsrate ist bei kleinen Firmen mit weniger als sechs Mitarbeitern deutlich höher als bei mittleren und großen Unternehmen.« Um Diskriminierung zu vermeiden, empfiehlt der SVR-Forschungsbereich anonymisierte Bewerbungsverfahren und verstärkte interkulturelle Schulung auf betrieblicher Ebene. www.bosch-stiftung.de/diskriminierung

Fotos: Robet Bosch Stiftung (2), Alamy, Sobel Karolina

BEI DER BEWERBUNG UM einen Aus-

46 :: Nachrichten

Der 24-jährige Cossu (Mitte) aus Heidelberg machte das Rennen unter 230 Nachwuchsrappern bei RAPutation.tv, einer Online-Castingshow von DU HAST DIE MACHT

BILDUNG

:: Rap trifft auf Politik Die Medieninitiative DU HAST DIE MACHT kürt den besten politischen Rapper Deutschlands DER 24-JÄHRIGE COSSU AUS Heidelberg ist zum besten politischen Rapper

Deutschlands 2014 gekürt worden. Die politische Online-Castingshow RAPutation. tv, ein Projekt der von der Stiftung geförderten Medieninitiative DU HAST DIE MACHT, lud am 11. April zum Finale in den Berliner Club Bi Nuu. Um junge Menschen für Politik zu begeistern, für gesellschaftliches Engagement zu werben und ihr Verständnis für politische Zusammenhänge zu stärken, entwickelt die Medieninitiative Aktionen wie die Rap-Casting-Show. Als »Personal« waren beim Finale hochrangige Politiker im Einsatz: Gregor Gysi, Jens Spahn und Cansel Kiziltepe standen gemeinsam hinter der Bar, Katja Kipping nahm als Garderobiere die Jacken entgegen und Özcan Mutlu arbeitete am Merchandising-Stand. Hans-Christian Ströbele mischte sich als Zuschauer unter die Gäste. »Rap und Politik – das passt doch zusammen!«, so Jens Spahn nach der Veranstaltung. »Wenn mir das nächste Mal jemand sagt, die Jugend sei unpolitisch, dann kann ich mit Fug und Recht sagen: Das stimmt nicht!« www.raputation.tv

VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

:: E  rster Weltkrieg – alles nur Geschichte? Unter dem Motto »Look back, think forward« diskutierten 400 junge Europäer aus 40 Ländern in Berlin 100 JAHRE NACH DEM Beginn

des Ersten Weltkriegs machte die Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit der Körber-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und weiteren Partnern Berlin zum europäischen Treffpunkt für den gemeinsamen »Blick zurück nach vorn«. Den Mittelpunkt des Festivals »Europe 14 | 14« bildete der HistoryCampus Berlin vom 7. bis 11. Mai 2014. Hier trafen junge Menschen aus ganz Europa im Maxim Gorki Theater zusammen, um die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die jungen

Europäer, für ihre jeweilige nationale Identität und das heutige Europa als gemeinsames Friedensprojekt zu erkunden. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in ihrem Grußwort: »Wir erleben auch heute, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Umso bedenklicher ist es, was derzeit in der Ukraine passiert. Das verstößt gegen die Lehren aus der europäischen Geschichte.« Die Kanzlerin betonte, es dürfe nicht das Recht des Stärkeren gelten, sondern die Stärke des Rechts. www.europe1414.de

Messebesucher in Leipzig übermitteln ihre guten Wünsche für die Ukraine VÖLKERVERSTÄNDIGUNG

:: Stimmen aus der Ukraine hören Initiativen zur Krise in der Ukraine: Diskussionsrunden und literarische Momentaufnahmen SEIT 20 JAHREN FÖRDERT die Robert Bosch Stiftung Projekte und Menschen in der Ukraine. Angesichts der dramatischen Ereignisse im Frühjahr 2014 stieß die Stiftung mehrere Initiativen an: Kurz vor der Leipziger Buchmesse erschien die Flugschrift »Majdan! Ukraine, Europa«. Die Textsammlung ist eine Momentaufnahme des Aufstands und enthält Texte ukrainischer und europäischer Autoren. Gemeinsam mit dem Literaturhaus Stuttgart entstand die dreiteilige Reihe »Rebellen. Ukraine im Visier«, in der ukrainische Gäste über Kunst und Literatur im Spannungsfeld der Ereignisse sprachen. Und in der Berliner Repräsentanz der Stiftung trafen sich im Mai erstmals Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen aus der Ukraine, Russland und der EU zu einem runden Tisch. Das Ergebnis: die Gründung einer trilateralen »Kontaktgruppe Zivilgesellschaft«.

Nachrichten :: 47

Angestiftet – was bleibt?

2006

In dem gemeinsam mit der BadenWürttemberg Stiftung durchgeführten Programm »Talent im Land« unterstützte die Stiftung Ferkat Parhat aus China auf seinem Weg zum Abitur. Er kam als Flüchtling 2002 nach Deutschland ­und studiert heute Verfahrens- und Umwelt­technik in Heilbronn

PERSONALIA NEUE MITARBEITER Gesundheit und Wissenschaft: Katrin Rehak, Julia Wenkowitsch Bildung und Gesellschaft: Sara Genc, Sylvia

:: Sie sind mit 17 Jahren aus China nach Deutschland geflüchtet. Was war das Schwierigste an dieser Flucht? Ferkat Parhat: Das war sicherlich die Ungewissheit, wo die Reise endet, sich an der Grenze zwischen Legalität und Illegalität zu bewegen und die ständige Angst, entdeckt zu werden.

Krenn, Thomas Leppert, Ferdinand Mirbach,

:: Ihre Familie sind Uiguren, eine muslimische Minderheit in China. Weil sie keine Perspektive für Sie sahen, haben Ihre Eltern Sie alleine ins Ausland geschickt. Haben Sie ihnen das jemals vorgeworfen? Ferkat Parhat: Im Gegenteil. Ich betrachte das als großes Opfer meiner Eltern. Sie hätten auch sagen können: »Du musst hierbleiben und dich als Ältester später um uns kümmern« – so wie es bei uns Tradition ist.

Büro Berlin: Diana Fromm, Michael Pophal

Zora Sredan Amerika und Asien: Pia Bisch, Julian Hermann Europa und seine Nachbarn: Rosa de la Asunción Villaverde, Anna-Maria Manz Zentralbereich: Steffi Hunnius, Andrea Pfeiffer, Janine Künzer Kommunikation: Jana Braun, Sandra Scheffel AUSGESCHIEDEN Gesundheit und Wissenschaft: Dajana Karge

:: Womit hatten Sie bei Ihrer Ankunft besonders zu kämpfen? Ferkat Parhat: Wo soll ich da anfangen: Irgendwo zu sein, wo ich die Sprache nicht kann, die Absperrungen überall, das fremde Essen, kein Geld in der Tasche zu haben. Ich hatte eine schöne Kindheit, war behütet aufgewachsen und hatte Probleme, mir nur ein Spiegelei zu braten.

Bildung und Gesellschaft: Beate Bernauer, Anke Wagner Amerika und Asien: Nicola Hesse, Claudia Straßer, Andrea Tischer Europa und seine Nachbarn: Janina Germann-Sentner, Carsten Vogel

:: Wie sind Sie zu »Talent im Land« gekommen? Ferkat Parhat: Meine damalige Nachhilfelehrerin hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mich zu bewerben. Ich war gerade drei Jahre in Deutschland, wollte neben der Schule Geld verdienen und schlief nur fünf Stunden pro Nacht. Als sie mir sagte, ich würde materielle Unterstützung kriegen, musste ich zuerst nachfragen, was das heißt. :: Was bedeutete das Stipendium für Sie? Ferkat Parhat: Ich habe die Jahre schlichtweg genossen. Die Stiftung hat mir das Gefühl gegeben, anerkannt und ein Teil der Gesellschaft zu sein. Ich fühlte mich damals, als treibe ich in einem Fluss mit kaltem Wasser. Plötzlich hatte ich die Gelegenheit, ans Ufer zu schwimmen. Das Stipendium war der Ast, an dem ich mich festhalten konnte.

2014

:: Was bleibt von der »Talent im Land«-Zeit? Ferkat Parhat: Ich habe Freunde fürs Leben gefunden. Ich bezeichne es als großes Glück, in dieses Programm aufgenommen worden zu sein. Und weil ich etwas zurückgeben wollte, habe ich mein erstes Praktikum bei Bosch im Bereich der Brennstoffzellen absolviert.

Büro Berlin: Gabriela Lübcke

IMPRESSUM Robert Bosch Stiftung Magazin, Nr. 17, September 2014 Das Magazin erscheint in einer Auflage von 8500 Exemplaren. Eine PDF-Version steht unter www.bosch-stiftung.de zum Download bereit. Herausgeber Robert Bosch Stiftung GmbH, Heidehofstraße 31, 70184 Stuttgart, [email protected] Geschäfts­führung Dr. Ingrid Hamm, Prof. Dr. Joachim Rogall Verantwortlich Stefan Schott, Bereichsleiter Kommunikation Redaktion Julia Rommel (Ltg.), Jana Braun, Ulrike Schiefelbein, Stephanie Rieder-Hintze Layout und Produktion KircherBurkhardt GmbH, Berlin Druck J. F. Steinkopf Druck GmbH, Stuttgart ISSN-Nr. 1865-0910

Fotos: Karl Jurka, dpa picture alliance, Björn Hänssler, Robert Bosch Stiftung

:: Wie ging es von dort aus weiter? Ferkat Parhat: Ich hatte keinen Schulplatz bekommen und musste mir in der Bibliothek selbst Deutsch beibringen. Eine Mitarbeiterin beim Deutschen Roten Kreuz sorgte dafür, dass ich doch noch auf eine Schule kam. Zuerst habe ich ein Berufsvorbereitungsjahr gemacht, dann den Hauptschulabschluss, die Mittlere Reife und schließlich das Abitur.

Magazin

9. Jahrgang :: September 2014

17

UWC Robert Bosch College

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