Veranstaltungen - BfG

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2/2011 Veranstaltungen Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen WSV-Workshop am 21./22. Juni 2010 in Bremerhaven Koblenz, April 2011 Im...

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2/2011

Veranstaltungen

Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen WSV-Workshop am 21./22. Juni 2010 in Bremerhaven

Koblenz, April 2011

Impressum Herausgeber:

Bundesanstalt für Gewässerkunde Am Mainzer Tor 1 Postfach 20 02 53 56002 Koblenz Tel.: (0261) 1306-0 Fax: (0261) 1306 5302 e-mail: [email protected] Internet: http://www.bafg.de

Druck:

Druckpartner Moser, Druck + Verlag GmbH, Rheinbach

ISSN 1866 – 220X

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Inhaltsverzeichnis Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen ................................................. 4 Einführung - Thematik, Fragestellungen Heiko Leuchs und Volker Steege.............................................................................................. 5 Wirkungskontrolle WI-Baggerungen Unterweser: Ziele, Methodik, Durchführung Jürgen Lange ............................................................................................................................. 9 Gewässerkundliche Untersuchungen im Rahmen der WI-Wirkungskontrolle Friederike Piechotta ................................................................................................................ 18 Messung von Schwebstoffkonzentrationen im Umfeld einer Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser Holger Rahlf und Christian Maushake.................................................................................... 32 Auswirkungen von WI-Baggerungen subaquatischer Dünen auf die Sedimentcharakteristik und -dynamik der Gewässersohle in der Tideweser Kerstin Schrottke, Alexander Bartholomä und Svenja Papenmeier........................................ 42 Benthosökologische Untersuchungen zu den Auswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen in der Riffelstrecke der Unterweser Petra Schmitt, Arnd Krumwiede und Volker Steege .............................................................. 55 Wirkungskontrolle WI-Baggerungen Unterweser: Untersuchung zur Betroffenheit der Finte Jürgen Lange ........................................................................................................................... 65 Bewertung der WI-Untersuchungsergebnisse in der Unterweser vor dem Hintergrund von UVU, Natura 2000 und EG-Wasserrahmenrichtlinie Volker Steege und Jürgen Lange ............................................................................................ 71 Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum auf den Sedimenthaushalt und die Sauerstoffverhältnisse der Tideems Ina Quick, Andreas Schöl, Jens Mäueler, Nicole Gehres und Sönke Schriever ..................... 78 WI-Einsatz im Kontext des Strombau- und Sedimentmanagementkonzeptes Tideelbe Ingo Entelmann ..................................................................................................................... 103 Diskussion, Zusammenfassung, weiteres Vorgehen Heiko Leuchs und Volker Steege.......................................................................................... 116

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Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen

Das Wasserinjektionsverfahren (WI) als neuere Baggertechnik wirbelt das Sediment am Baggerort auf; dieses wird dann durch physikalische Prozesse im Gewässer „selbsttätig“ verlagert. Ein Transport zum Verbringen des Baggergutes anderen Orts entfällt damit. Diese Technik ist inzwischen in Deutschland an der Nordseeküste ein Standardverfahren neben Hopperbagger oder Eimerkettenbagger. In einigen Abschnitten wird die Hopperbaggerei vollständig durch die Wasserinjektion ersetzt. Daraus ergab sich der Bedarf, die vorhandenen Kenntnisse über die Auswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen zusammenzuführen und den zuständigen Bearbeitern in der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) als Material für Bewertungen im Zuge von Umweltverträglichkeitsuntersuchungen sowie für Belange von Wasserrahmenrichtlinie und Natura 2000, für die Anwendung der Handlungsanweisungen Baggergut und auch für ein besseres Systemverständnis verfügbar zu machen. Letzteres trägt über das verbesserte Verständnis auch zu einem optimierten Einsatz der Technik bei Ausbau und Unterhaltung bei. Hierzu hat die Bundesanstalt für Gewässerkunde (Referat U1) mit Unterstützung durch das Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven und das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Referat WS 14) am 21./22. Juni 2010 einen WI-Workshop „Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen“ in Bremerhaven durchgeführt. Der Teilnehmerkreis setzte sich aus Fachleuten aus der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, der Bundesanstalt für Gewässerkunde, der Bundesanstalt für Wasserbau und von Landeshäfen zusammen. In dem vorliegenden Band werden die auf dem Workshop vorgestellten Untersuchungen dargestellt und die Ergebnisse der Diskussion zusammengefasst.

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Einführung - Thematik, Fragestellungen

Heiko Leuchs1 und Volker Steege 2 1

Bundesanstalt für Gewässerkunde, 56068 Koblenz ² Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 53175 Bonn

1 Einführung Das Wasserinjektionsverfahren (WI) als Baggertechnik hat sich in den letzten Jahren in den Bundeswasserstraßen an der Nordseeküste neben anderen Baggerverfahren wie Hopperbagger oder Eimerkettenbagger zunehmend als eines der Standard-Verfahren etabliert. Eine Abfrage im Zuge der Vorbereitung des WI-Workshops am 21./22. Juni 2010 in Bremerhaven ergab, dass das WI-Verfahren in den drei Nordsee-Ästuaren Elbe, Weser und Ems bereits häufig praktiziert wird (s. u.). Bei der Durchführung von Baggerungen ergeben sich je nach Status (Ausbau, Unterhaltung) Bezüge zur Umsetzung der Baggergutrichtlinien, zu Umweltverträglichkeitsuntersuchungen oder auch zu Belangen von Wasserrahmenrichtlinie und Natura-2000-Richtlinien. Die Berücksichtigung von Umweltbelangen im Zuge von Ausbau und Unterhaltung hat in der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) einen hohen Stellenwert, der in den letzten Jahren durch neue gesetzliche Regelungen (EG-Wasserrahmenrichtlinie, Natura-2000-Richtlinien und Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie mit deren nationaler Umsetzung im Wasserhaushaltsgesetz und Bundesnaturschutzgesetz) noch deutlich an Bedeutung zugenommen hat. Die WSV hat im Zuge ihrer Eigentümer-Verantwortung mit der wasserwirtschaftlichen Unterhaltung der Bundeswasserstraßen zur Erreichung der Ziele der EG-Wasserrahmenrichtlinie beizutragen. Große Bereiche der Bundeswasserstraßen in den Ästuaren der Nordseeküste sind bzw. werden als Natura-2000-Gebiete ausgewiesen. Damit sind beim Baggerund Sedimentmanagement auch die Maßnahmenprogramme der Wasserrahmenrichtlinie und die Integrierten Bewirtschaftungspläne (IBP) der Natura-2000-Gebiete zu berücksichtigen bzw. das Management kann Bestandteil dieser Pläne/des IBP sein. Die EU-Kommission hat in Zusammenarbeit mit einer Experten-Arbeitsgruppe der Mitgliedsstaaten („Working group on estuaries und adjacent coastal zones“) einen Leitfaden für das Baggergutmanagement in den Ästuaren vor dem Hintergrund der einschlägigen EGRichtlinien erarbeitet. (http://circa.europa.eu/Public/irc/env/estuary/library?l=/documents_december&vm=detailed &sb=Title) Vor diesem Hintergrund sollte der WI-Workshop für Anwender und Interessierte innerhalb der WSV und ihrem Umfeld einen Überblick über die vorhandenen Kenntnisse zu Umwelt-

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auswirkungen vermitteln und Ansätze für eine Einschätzung über die Bewertung von möglichen Auswirkungen geben. Daraus ergeben sich auch Hilfen für die Anwendung der Baggergutrichtlinien sowie Hinweise für ein besseres Systemverständnis in den untersuchten Gewässern.

2 Einsatz der Wasserinjektionsbaggertechnik in Deutschland Zur Vorbereitung des Workshops wurde im Vorwege von den Teilnehmern ein Fragenkatalog beantwortet. Neben einem Überblick über den Umfang des Einsatzes von Wasserinjektionsgeräten in der WSV und bei anderen Unterhaltungsträgern sollte der Kenntnisstand zu Umweltuntersuchungen zusammengefasst werden und von den Teilnehmern im Workshop vorgestellt werden. Die Ergebnisse sind im Folgenden in Kürze zusammengefasst. Zur Unterhaltung von Bundeswasserstraßen wird die Baggertechnik „Wasserinjektion“ in Deutschland im Bereich der Nordseeküste und dort vornehmlich im Bereich der Ästuare Ems, Weser, Jade, Elbe und Eider eingesetzt. Der intensivste Einsatz erfolgt in der Tideelbe mit ca. 4,5 Mio. m³/a gefolgt von der Weser mit ca. 0,7 Mio. m³/a, der Ems und der Eider mit im Durchschnitt weniger als 0,1 Mio. m³/a sowie der Jade mit im Durchschnitt weniger als 0,05 Mio. m³/a. Im Bereich der Ostsee sowie im Binnenbereich wird die Technik in BWStr. nicht eingesetzt. Tabelle 1: Durch WI-Einsatz gebaggertes Material und Mengen. Daten aus der Abfrage zur Vorbereitung des Workshops.

Elbe Fahrrinne Nebenelben Nebenflüsse Hamburger Hafen Hafen Cuxhaven Weser Fahrrinne Nebenarm Schweiburg, WSVHäfen Häfen Bremen

mittlere Mengen [Mio. m³/a]

Material

Verwaltung

1,5 0,3 0,95 0,2 – 0,4 1-2

(Mittel-)Sand Feinsand/Schluff Feinsand/Schluff Sand und Schlick Sand-Schluffgemisch

WSV WSV WSV HPA nds Ports

0,7

Sand

WSV

< 0,1

Sand und Schlick

WSV

0,4

Sand und Schlick

bremenports

< 0,05

Sand

WSV

0,01 - 0,12

Schlick

WSV

< 0,1

feinsandiger Schluff

WSV

Jade Ems Schleusenvorhäfen/ Sperrwerk Eider Schleusenvorhäfen/ Sperrwerk

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Im Bereich der Fahrrinnen wird Sand, in Randbereichen wie Nebenarmen und -flüssen (Elbe, Weser) sowie Hafen- und Schleusenbereichen Sand, Schlick bzw. Schluff mobilisiert. Der Einsatz der WI-Technik dient überwiegend der Unterhaltung, nur in der Weser wird die Methode auch im Rahmen vom Ausbau eingesetzt. Die durchgeführten Begleituntersuchungen zu den WI-Einsätzen sind in der Regel auf die Erfolgskontrolle des Baggereinsatzes ausgerichtet (z. B. Peilungen, Effektivität, Genauigkeit des Abtrages). Umfangreichere Begleituntersuchungen wurden bislang in der Elbe (MEYERNEHLS 2000) und in der Weser (siehe Berichte in diesem Band) durchgeführt. Letzteres führte zu der umfangreichen Begleituntersuchung, deren Ergebnisse auch auf dem Workshop vorgestellt wurden und in diesem Band dargestellt sind.

3 Inhalte und Fragestellungen für den Workshop Bei der Vorbereitung des Workshops wurde auch überlegt, den Einsatz technisch ähnlicher Baggerprinzipien in die Betrachtung aufzunehmen. Hierunter fallen im Wesentlichen die Mobilisierung mittels Druckluft oder einer Kombination aus Druckluft und Wasser. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass diese Techniken teilweise auch mit weiteren Anwendungen wie der „Sedimentverflüssigung“ verknüpft sind. Um eine klare Abgrenzung für das Thema des Workshops zu formulieren, erfolgte die Beschränkung auf die klassische Wasserinjektion. Folgende Inhalte und Fragestellungen sollten auf dem Workshop bearbeitet werden: > > > > > > > > >

Erstellung einer Übersicht über den Umfang des Einsatzes des Wasserinjektionsverfahrens in der WSV Welche Erfahrungen mit Untersuchungen zu Umweltauswirkungen liegen vor? Liegen Bewertungen zu Umweltauswirkungen vor? Welche Vor- oder auch Nachteile werden hinsichtlich Umweltauswirkungen im Vergleich zu anderen Baggerverfahren gesehen? Gibt es Anforderungen/Auflagen von Dritten zu Umweltuntersuchungen? Gibt es Erfahrungen mit Bewertungen in Bezug auf die EG-Wasserrahmenrichtlinie? Gibt es Erfahrungen mit Bewertungen in Bezug auf die Natura-2000-Richtlinien? Wie wird der Einsatz des WI-Verfahrens in den dynamischen Ästuar-Lebensräumen beurteilt? Besteht weiterer Handlungs- oder Untersuchungsbedarf?

Im Ergebnis soll die Handlungssicherheit für die WSV durch die Verfügbarkeit der vorhandenen Kenntnisse verbessert werden.

Literatur MEYER-NEHLS, R. (2000): Das Wasserinjektionsverfahren – Ergebnisse einer Literaturstudie sowie von Untersuchungen im Hamburger Hafen und in der Unterelbe. Ergebnisse aus Baggergutuntersuchungen, Heft 8. Freie und Hansestadt Hamburg, Wirtschaftsbehörde, Strom- und Hafenbau. Hamburg.

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1973 – 1984 Studium der Biologie an der Universität Köln mit Promotion (Prof. Dr. D. Neumann) 1984 – 1986 Postdoc und freiberufliche Arbeiten Seit 1987 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der BfG 1994 - 2005: Aufbau der Tierökologie im Küstenbereich

Kontakt: Dr. Heiko Leuchs Bundesanstalt für Gewässerkunde Referat U1 Am Mainzer Tor 1 56068 Koblenz Tel.: 0261-1306-5468 Fax.: 0261-1306-5374 E-Mail: [email protected]

Seit 2005: Im Referat Ökologische Grundsatzfragen, Umweltschutz (stellvertretender Referatsleiter)

Deutscher Ansprechpartner für Baggergutfragen bei OSPAR und HELCOM

Jahrgang: 1958 1983 – 1991 Studium der Biologie mit Schwerpunkt Hydrobiologie an der Universität Hamburg (AG Kausch) 1991 – 1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg, Institut für Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft

Kontakt: Volker Steege Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Referat WS 14 Robert-Schuman-Platz 1 53175 Bonn Tel.: 0228-99 300 4242 Fax: 0228-99 300 807 4242 E-Mail: [email protected]

1994 – 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven, Bearbeitung von Umweltverträglichkeitsuntersuchungen, Wirkungskontrollen (Ausbauvorhaben, Baggergutmanagement) und Funktionskontrollen (Kompensationsflächen) seit 2009: Referent im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Referat WS 14, Klima- und Umweltschutz für die Wasserstraßen, Gewässerkunde, BfG

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Wirkungskontrolle WI-Baggerungen Unterweser: Ziele, Methodik, Durchführung

Jürgen Lange Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven, 27568 Bremerhaven

1 Veranlassung und Fragestellung Das Erfordernis einer Kontrolluntersuchung zu Umweltauswirkungen der WI-Baggerungen in den sandigen Sedimenten der Unterweser ergab sich aus der Umweltverträglichkeitsuntersuchung im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens zur Weseranpassung (WAP). Bei der Vorplanung erwies sich schnell, dass aussagekräftige Ergebnisse nur in einem sehr breiten Untersuchungsansatz zu erwarten waren, der Expertise in Bagger- und Vermessungstechnik, Gewässerkunde und Ökologie integriert. Aufgrund der hohen hydrologischen und morphologischen Dynamik in der Stromrinne der Unterweser, die durch starke tiderhythmische, saisonale und witterungsbedingte Schwankungen gekennzeichnet ist, war zur Identifizierung der Auswirkungen von WI-Baggerungen ein außergewöhnlich umfangreiches Beprobungsdesign erforderlich. Nur durch diesen aufwändigen Ansatz konnte den Zweifeln und Befürchtungen auf Seiten von Stellungnehmenden und Einwendern wirksam begegnet werden. Ein Untersuchungsschwerpunkt lag auf den bodenbesiedelnden Organismen, sprich der Endo- und der vagilen Epifauna des Makrozoobenthos als Hauptbetroffene in ihren Lebensräumen. Da sich der limnische und der brackige Bereich der Unterweser hinsichtlich der Makrozoobenthosbesiedlung unterscheiden, wurde jeweils eine komplette Untersuchungskampagne pro Bereich durchgeführt. Damit waren gleichzeitig die unterschiedlichen Natura2000-Gebiete berücksichtigt. Da an der Stromsohle der Unterweser wegen der starken Sedimentdynamik damit zu rechnen war, dass Auswirkungen von Baggerungen auf die Bodenbesiedlung bereits nach wenigen Wochen von der bestehenden Dynamik überprägt sind, wurden die Benthosbeprobungen auf den Zeitraum unmittelbar vor und nach den Testbaggerungen konzentriert. Zur Einordnung der hydrologischen und morphologischen Verhältnisse zum Zeitpunkt der Testbaggerungen und Benthosbeprobungen in die bestehende Dynamik erfolgten im Vor- und Nachlauf über etliche Wochen Peilungen und Messungen charakteristischer hydrologischer Parameter im Untersuchungsraum. Von besonderem Interesse waren auch die durch die WI-Baggerung induzierten Prozesse an der Gewässersohle und in der Wassersäule hinsichtlich Entstehung und Ausbreitung von

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Trübungswolken, Reaktionen des Sauerstoffgehaltes, Sedimenttransport bzw. -ablagerung und der Sedimentbilanz im Umfeld der Baggerung. Die Fragestellungen im Überblick: Organismen > Wie reagiert die Bodenbesiedlung auf den Baggerflächen? > Wie reagiert sie im Umfeld der Baggerflächen, wie in Strömungslee des WI-Gerätes und wie in den angrenzenden Seitenbereichen im Vergleich zu Referenzflächen? > Lassen sich Aussagen zur Regeneration der Besiedlung treffen? > Besteht eine besondere Gefährdung der Überdeckung oder Schädigung von Finteneiern, wenn diese sich im Tidezyklus zeitweilig in Riffeltälern akkumulieren? > Lassen sich aus den Erkenntnissen erhebliche Beeinträchtigungen gemäß BNatSchG herleiten? Sedimente > Wie verändert sich die Sedimentzusammensetzung auf den Baggerflächen? > Wie verändert sie sich im direkten Umfeld der Baggerflächen? > Gibt es erkennbare Reaktionen in der angrenzenden Fahrrinne? > Gibt es Reaktionen, insbesondere Sedimenteintrag und -ablagerung, in den benachbarten Seitenbereichen? > Findet in der Bilanzierung ein Sedimentaustrag statt? Wassersäule > Wie groß sind die Ausmaße der WI-induzierten Trübungswolken? > Wie lange persistieren solche Trübungswolken? > Werden sauerstoffzehrende Prozesse in Gang gesetzt? Sonstiges > Gibt es Optimierungspotenzial hinsichtlich der Erfassung von Baggerparametern (Mengenerfassung, Erfolgskontrolle etc.)? > Gibt es Optimierungspotenzial hinsichtlich der Effizienz und Wirtschaftlichkeit des Baggereinsatzes? Zur Beantwortung dieser Fragestellungen wurde ein umfangreiches Mess- und Probenahmenprogramm entworfen, zu dessen Bewältigung nicht nur Mitarbeiter der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, sondern auch die unter Kapitel 4.1 genannten weiteren Institutionen beitrugen.

2 Untersuchungsrahmen Die Untersuchungsidee war, unter weitgehend dokumentierten „normalen“ hydrologischen Randbedingungen definierte WI-Einsätze zu fahren und schiffsgestützt moderne Sensorik einzusetzen, um ein hochaufgelöstes, dynamisches Bild der hydromorphologischen Prozesse zu gewinnen. Die definierten WI-Einsätze sollten dabei einerseits die gängige Unterhaltungs-

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praxis auf bestehender Sollsohle und andererseits die Ausbaubaggerung auf die im Rahmen der Weseranpassung beantragte Solltiefe als „worst-case“-Szenario einschließlich erlaubter Baggertoleranz und Vorratsmaß simulieren (Abbildung 1). Für diese Baggerszenarien wurden in einem aufwändigen Auswahlverfahren Riffelstrukturen in der Fahrrinne als Testbaggerfelder identifiziert, die folgenden Ansprüchen genügten: > >

>

>

>

Die Lage im Salzgradienten entspricht den Vorgaben „Brackwasserbereich“ (unterhalb km 45) bzw. „limnischer Bereich“ (oberhalb km 35). Die Riffelkuppen für das Szenario „Unterhaltung“ ragen über die aktuelle Sollsohle hinaus und wurden in der jüngeren Vergangenheit mehrfach per WI-Baggerung unterhalten (hohe Vorbelastung der Fauna). Die Riffelkuppen für das Szenario „Ausbau“ liegen unterhalb der aktuellen Sollsohle, aber oberhalb der beantragten WAP-Tiefe und wurden über einen möglichst langen Zeitraum nicht unterhalten (ungestörte bzw. sehr gering vorbelastete Fauna, dadurch größtmögliche Störung = worst-case). Die Testriffel liegen in ihrer jeweiligen halinen Zone möglichst dicht beieinander und möglichst weit entfernt von Störeinflüssen wie Hafenanlagen, Flusseinmündungen etc., um gleichartige hydrologische Randbedingungen zu gewährleisten In unmittelbarer Nähe zu den Testbaggerfeldern lassen sich weitgehend unbeeinflusste Referenzflächen sowie geeignete Untersuchungsflächen in ungestörten Seitenbereichen neben der Fahrrinne identifizieren.

Abbildung 1: Schematische Darstellung der Baggerszenarien für die WI-Wirkungskontrolle Unterweser anhand eines Peilprofils aus der Riffelstrecke. „Unterhaltung“: Baggerung auf den 9 m-Horizont. „Ausbau“: Baggerung auf beantragte Sohle (WAP = Weseranpassung) plus Vorratsmaß und Baggertoleranz (nicht maßstabsgerecht)

Solche Riffelstrukturen wurden in zwei Untersuchungsbereichen vorgefunden, für den Brackwasserbereich zwischen km 47,5 und km 51,5 und für den limnischen Bereich zwischen km 26,5 und km 30,25. Innerhalb dieser Untersuchungsbereiche wurden jeweils Untersuchungsboxen um die Testbaggerfelder herum für „Ausbau“ und „Unterhaltung“ sowie für Referenz- und Seitenbereiche eingerichtet. Ausdehnung und Abstand der Untersuchungsboxen wurden dabei so gewählt, dass hydrologische Rahmenbedingungen zwar vergleichbar,

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gegenseitige Beeinflussungen jedoch auszuschließen waren. Die Universität Kiel definierte zusätzliche Vor- und Nachlaufboxen für bestimmte Fragestellungen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Lage der Untersuchungsbereiche der WI-Wirkungskontrolle Unterweser mit Ausschnitten aus den Peilplänen km 47,5 bis 51,5 (Brackwasser) vom 9. Juni 2008 und km 26,5 bis 30,25 (limnischer Bereich) vom 23. Juni 2008. Darin Darstellung der Untersuchungsboxen und Testbaggerfelder.

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3 Methodik 3.1 Hydrologische Randbedingungen Für die Wasserstände und Oberwassermengen wurden die Datenerfassungen der Pegel Intschede, Farge und Rechtenfleth herangezogen, an den letzteren beiden wurden zudem Wassertemperatur, Salzgehalt, Strömung und Trübung erfasst. Als Ergänzung zu diesen punktuellen Messstationen wurden entlang der Untersuchungsbereiche an den vorhandenen Fahrwasser- und Buhnenkopftonnen weitere Dauermessgeräte für diese Parameter angebracht.

3.2 Organismen Die Beprobung der Sedimentbewohner erfolgte mittels Van-Veen-Greifer bei anschließender Siebung über 1 mm Maschenweite, anteilig auch über 250 µm. Pro Untersuchungsbox wurden minimal 20 Proben gewonnen, um statistische Auswertungen vornehmen zu können, die Probenahmestellen wurden anhand GPS-gestützter Verortung und Verschneidung mit den parallel durchgeführten Peilungen auf die verschiedenen Strukturen „Kuppe“, „Hang“ und „Tal“ entlang eines Riffels differenziert. Insgesamt wurden im limnischen und im brackigen Bereich jeweils drei vollständige Probenahmezyklen abgeleistet, der erste wenige Tage vor den jeweiligen Testbaggerungen als Status-quo-Erhebung, der zweite unmittelbar nach den Baggerungen zur Ermittlung der direkten Baggerauswirkungen und eine dritte Kampagne ca. vier Wochen nach den Baggerungen. Letztere diente der Ermittlung mittelfristiger Auswirkungen und möglicher Regenerationsentwicklungen. Die Untersuchungen zu möglichen Betroffenheiten der Laichprodukte der Finte werden in diesem Heft (LANGE 2011, s. S. 65 ff.) erläutert.

3.3 Sedimente Die Sedimentlage wurde in umfangreichen Peilfahrten vor, während und nach den Testbaggerungen aufgezeichnet. Zum Einsatz kamen Fächerecholote, Sedimentecholote und Seitensichtsonargeräte, die zu unterschiedlichen Fragestellungen verschiedene Erfassungskurse, -bereiche und -zeiten erfassten. Zentrale Erfassungsmethode für die WI-induzierten Umlagerungen waren linienhafte Sedimentecholotungen der Baggerfelder mit den stromauf und stromab gelegenen Bereichen unmittelbar vor und unmittelbar nach der jeweiligen Baggerung. Die Verschneidung und der Vergleich dieser Profile ließ Aussagen zu Dimension und Reichweite der Umlagerungen zu. Ebenso wurden im Vorfeld und im Nachgang der Baggerungen mittels Fächerecholot flächenhafte Aufnahmen der Sohle produziert, die anschließend die Erstellung flächiger Differenzpläne ermöglichte. Vertiefende Erkenntnisse lieferten Seitensichtsonardaten, die parallel zu den mobilen Trübungsmessungen sowohl in Längs- als auch in Querprofilen erhoben wurden. Ergänzend wurden Unterproben aus den Greiferproben einer Laboranalyse auf Korngrößenverteilung, organische Anteile (Glühverlust) und weitere Sedimentkennwerte unterzogen. Lokale Feinstrukturen innerhalb des Sedimentes wurden anhand von Reliefgüssen aus Kastengreiferproben erschlossen.

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3.4 Wassersäule Besondere Aufmerksamkeit galt der Detektion und Verfolgung von Trübungsereignissen im Umfeld der Baggerungen. Die kontinuierlichen Messungen an den stationären Messstellen (siehe 3.1) wurden ergänzt durch schiffsgestützte mobile Erfassungen. Eingesetzt wurden neben dem Seitensichtsonar zwei „Acoustic Doppler Current Profiler“ (ADCP), deren Backscatter-Signale anhand von parallel gewonnenen Kalibrierproben Rückschlüsse auf Trübungsintensitäten in der Wassersäule erlauben. Ergänzt wurde die Erfassung durch den Einsatz von „Laser In-situ Scattering and Transmissiometry“ (LISST) und „Optical Backscatter“ (OBS)-Sensoren, also optischer Trübungsaufnahme. Vor, während und nach den Testbaggerungen wurde eine Vielzahl von Messkursen in wechselnden Abständen zum Baggerfeld gefahren. Zusätzlich zu den Messungen der chemisch-physikalischen Parameter an den verankerten Stationen wurden in alternierenden Abständen zum jeweiligen Testbaggerfeld Fierprofile über die anstehende Wassertiefe erstellt.

4 Beteiligte 4.1 Institutionen An der Bewältigung eines so umfangreichen Mess- und Testprogramms war eine Reihe von Experten beteiligt. So kam es, dass neben Gewässerkundlern, Biologen, Nautikern, Baggerund Peilexperten und dem Schiffspersonal der beiden Revierämter WSA Bremen und WSA Bremerhaven auch Mitarbeiter und Material der benachbarten WSÄ Wilhelmshaven und Cuxhaven sowie der Bundesanstalten für Wasserbau (BAW, Hamburg) und für Gewässerkunde (BfG, Koblenz) beteiligt waren. Mit ihrer jeweiligen Kompetenz und Sensorik erweiterten Experten des Senckenberg-Institutes Wilhelmshaven, der Christian-AlbrechtsUniversität Kiel und der beiden Planungsbüros KÜFOG GmbH, Loxstedt sowie BioConsult Schuchardt und Scholle GbR, Bremen (Fintenuntersuchung, siehe LANGE 2011, S. 65 ff.) die vorhandene Fachexpertise.

4.2 Schiffe Folgende schwimmende Einheiten waren an der Wirkungskontrolle WI-Baggerung Unterweser beteiligt: > >

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WI-Gerät „Akke“ Länge: 46m, Breite: 11 m, Maximale Baggertiefe 23 m, Spülleistung: 2x240 kW Gewässerkundliches Messschiff „Tide“ Länge: 31,60 m; Breite: 7,50 m; An Bord Probenahmegeschirr der Fa. KÜFOG: Van-Veen-Greifer, Siebkaskaden, Sondenmessgeräte Mehrzweckschiff „Rüstersiel“ Länge: 33,70 m; Breite: 6,70 m; An Bord Probenahmegeschirr des SenckenbergInstitutes Wilhelmshaven: Van-Veen-Greifer, Kastengreifer

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Gewässerkundliches Messschiff „Zenit“ Länge: 30 m; Breite: 6,50 m; An Bord Sensorik des WSA Bremerhaven: Fächerecholot Mehrzweckschiff „Drielake“ Länge: 18,90 m; Breite: 4,80 m; An Bord Messsensorik der BAW Hamburg und des WSA Cuxhaven: Sedimentecholot, ADCP, LISST, Optical Backscatter-Sensor (OBS), pumpengetriebener Wasserprobennehmer, Fierrahmen mit Messsonden für Fierprofile, Bedien- und Auswertungselektronik Arbeitsboot „Scanner“ Länge: 6,50 m; Breite: 2,00 m; An Bord Messsensorik und Probenahmegeschirr der Universität Kiel und des Senckenberg-Institutes Wilhelmshaven: Sedimentecholot, Seitensichtsonar, ADCP, LISST, Wasserschöpfer Peilboot „Krabbe“ Länge: 6 m; Breite: 2 m; An Bord Peilgeräte der WSV Weitere kleine Einheiten für Versetz- und Versorgungsfahrten.

5 Durchführung der Untersuchungen Die beiden intensiven Untersuchungskampagnen im brackigen und im limnischen Bereich erstreckten sich jeweils über acht bzw. sieben Wochen. Peilungen und Erhebungen einiger hydrologischer Parameter erfolgten im Vor- und Nachlauf weit über diesen Zeitraum hinaus. Etwa zwei Wochen vor den Testbaggerungen wurde eine flächige Peilaufnahme des Flussabschnittes zur Festlegung der Baggerfelder und der Beprobungspunkte für das Makrozoobenthos auf aktueller Sohltopographie vorgenommen. Gleichzeitig wurden die Dauermessgeräteketten entlang der Tonnen in Betrieb genommen. Eine Woche vor den WI-Baggerungen erfolgte die erste Beprobung des Makrozoobenthos mittels Greiferproben in den Unterhaltungs-, Ausbau- und Referenzboxen sowie den Seitenbereichen. Auf den in Verdriftungsrichtung liegenden Stränden wurden Bodenproben gewonnen. Einen Tag vor den Testbaggerungen wurde ein weiteres flächiges Peilbild der Gewässersohle aufgenommen und der Erfassungstakt der Dauermessgeräte wurde von fünf Minuten auf eine Minute verkürzt. Unmittelbar vor den Baggerungen wurden je nach deren Ausdehnung drei bis fünf linienhafte parallele Peilprofile der Testriffel und ihrer Umgebung einschließlich der nächstgelegenen Transportkörper erfasst und mit dem Sedimentecholot untersucht. Einen Tag vor bis einen Tag nach den Baggerungen, die nach den definierten Parametern für die Szenarien „Unterhaltung“ und „Ausbau“ erfolgten, fanden die umfangreichen schiffsgestützten Messungen statt. Unmittelbar in Strömungslee des WI-Gerätes und im näheren Umfeld operierte die „Drielake“ in alternierenden Schleifenkursen. Die „Rüstersiel“ führte stationäre Messungen auf einem Längsprofil, das über die Untersuchungsstellen hinaus reichte, durch und nahm Kastengreiferproben, während die „Scanner“ und die „Krabbe“ als beweglichste Einheiten sowohl sehr nah am arbeitenden Bagger als auch in weiter entfernten Bereichen messen konnten. Am Tag nach den Testbaggerungen begannen unmittelbar die Kontrollaufnahmen. Die Gewässersohle wurde erneut flächig gepeilt und das Makrozoobenthos sowie die Strände beprobt. Die einminütige Datenfrequenz an den Dauermessgeräten wurde auf fünf Minuten zurückgesetzt und in diesem Turnus weitere vier Wochen betrieben. Wirkungskontrolle WI-Baggerungen Unterweser: Ziele, Methodik, Durchführung Seite 15

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Gut drei Wochen nach dem WI-Einsatz erfolgte eine weitere flächige Peilung der Sohle und gut vier Wochen nach Baggerung schloss eine erneute Makrozoobenthos-Beprobung den jeweiligen Untersuchungszyklus ab. Für den Brackwasserbereich erstreckte sich dieser Zyklus auf den Zeitraum vom 23. Mai bis zum 15. Juli 2008, wobei die WI-Testbaggerungen in der Unterhaltungs- und Ausbaubox am 10. Juni durchgeführt wurden. Parallel, aber zeitversetzt begann die Untersuchung im limnischen Bereich am 6. Juni, die WI-Einsätze erfolgten am 24. Juni und der Abschluss der Felderhebungen endete am 25. Juli 2008. Zur Auswertung der gewonnenen Daten entstanden und entstehen verschiedene Teilberichte. Die BAW verfasste einen Bericht über ihre Schwebstoff- und Trübungsmessungen, die KÜFOG GmbH lieferte Berichte über die Reaktionen des Makrozoobenthos inklusive der kleinen Makrofauna (250-µm-Fraktion) und die Analysen der Sediment- und Strandbodenproben. Die Peilbilder der linien- und flächenhaften Sedimentaufnahmen wurden unter Mitarbeit der KÜFOG GmbH vom WSA Cuxhaven verglichen und ausgewertet. Die hydrologischen, morphologischen und meteorologischen Rahmenbedingungen werden ausführlich von den Fachkräften der WSÄ Bremen und Bremerhaven dargestellt, das gilt ebenso für die detaillierte Dokumentation des tatsächlichen Baggergeschehens. Die Christian-AlbrechtsUniversität und das Senckenberg-Institut werten ihr umfangreiches Datenmaterial über die Geschehnisse in der Wassersäule und an bzw. in der Gewässersohle gesondert aus. Abschließend entsteht ein übergreifender Gesamtbericht, der die wesentlichen Erkenntnisse der Detailuntersuchungen zusammenfasst, verschneidet und bezüglich der naturschutzfachlichen und umweltrechtlichen Fragestellungen bewertet.

Literatur LANGE, J. (2011): Wirkungskontrollen WI-Baggerung Unterweser: Untersuchung zur Betroffenheit der Finte. In: Veranstaltungen 2/2011 „Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen“. Workshop am 21./22. Juni 2010 in Bremerhaven. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. S. 66 - 71.

Wirkungskontrolle WI-Baggerungen Unterweser: Ziele, Methodik, Durchführung Seite 16

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Jahrgang: 1967 1991 – 1998 Studium der Biologie an der Universität Bremen 1999 – 2009: Freiberufliche Tätigkeit, Projekte (in Auswahl): 1999 – 2002: diverse Fachgutachten und Expertisen, Schwerpunkt Makrozoobenthos- und Fischzönosen 2003 – 2004: Forschungsvorhaben „RETRO“, BMBF-Projekt, Universität Bremen Kontakt: Jürgen Lange Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven Abt. Wissenschaftliche Untersuchungen Am Alten Vorhafen 1 27568 Bremerhaven Tel.: 0471-4835 327 Fax: 0471-4835 210 E-Mail: [email protected]

2004 – 2006: Forschungsvorhaben „Ökologische Bedeutung von Flachwassergebieten an der Unterweser“, Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz 2007 – 2008: diverse ökologische Funktionskontrollen in Genehmigungsverfahren an Unterweser und Unterems seit 2009: Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven, Abteilung Wissenschaftliche Untersuchungen Projektbearbeitung: seit 2009: Planungsgruppe Weseranpassung

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Gewässerkundliche Untersuchungen im Rahmen der WI-Wirkungskontrolle

Friederike Piechotta Wasser- und Schifffahrtsamt Bremen, 28199 Bremen

1 Einleitung Die gewässerkundlichen Untersuchungen im Rahmen der im Jahr 2008 durch die Wasserund Schifffahrtsämter Bremen und Bremerhaven initiierten WI-Wirkungskontrolle umfassen Untersuchungen und Bestandserhebungen zum Sohlinventar, zur Bathymetrie und zu den hydrologischen und morphologischen Randbedingungen während der Messkampagne und den Benthosprobenahmen sowie zu den Auswirkungen der Baggeraktivitäten auf den Sedimenttransport am Boden und in der Wassersäule. Die umfangreichen gewässerkundlichen Untersuchungen erfolgten in Kooperation mit der Bundesanstalt für Wasserbau (DH), die Schwebstoffmessungen im Nahfeld des WI-Gerätes durchführte, dem Büro KÜFOG GmbH, das ergänzend zu den Untersuchungen zur benthischen Fauna auch die Sedimentbeprobungen und -analysen vornahm, und dem Wasser- und Schifffahrtsamt Cuxhaven, welches die Messungen und Auswertungen mit dem Sedimentecholot durchführte. Von dem Gesamtumfang der gewässerkundlichen Untersuchungen umfasst der vorliegende Artikel die Beschreibung der hydrologischen Randbedingungen zum Zeitpunkt der WI-Testbaggerungen und der Benthosprobenahmen, einige Darstellungen zu den Auswirkungen des WI-Baggerverfahrens auf den Sedimenttransport am Boden basierend auf Sedimentecholotund Fächerecholotpeilungen sowie die Ergebnisse der Untersuchungen zu den Auswirkungen des WI-Baggerverfahrens auf den Sedimenttransport in der Wassersäule auf der Grundlage von Trübungsmessungen an temporär eingerichteten Dauermessstellen. Die Ergebnisse der Schwebstoffmessungen und die Sedimentanalysen sind im vorliegenden Berichtband in separaten Kapiteln beschrieben.

2 Beschreibung der hydrologischen Randbedingungen 2.1 Allgemeines Für die Auswertung der hydrologischen Randbedingungen stehen die gewässerkundlichen Pegel der WSÄ Bremen und Bremerhaven (vgl. Abbildung 1) zur Verfügung. Wie aus Abbildung 1 zu entnehmen ist, liegen die Pegel Rechtenfleth, Strohauserplate Ost und Nordenham im Nahbereich des Untersuchungsgebiets im Brackwasserbereich (UW-km 48 bis 52) sowie die Pegel Farge und Elsfleth angrenzend an das Untersuchungsgebiet im limni-

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schen Bereich (UW-km 27 bis 31). Die Auswertungen der Parameter Wasserstand, Temperatur, Salzgehalt und Trübung erfolgten auf Grundlage der Messwerterfassungen an diesen Pegelanlagen.

Untersuchungsgebiet Untersuchungsgebiet Brackwasserbereich Brackwasserbereich UW-km 5252 UW - km4848bis bis Untersuchungsgebiet Untersuchungsgebiet limnischer Bereich Limnischer Bereich UW-km 3131 UW - km2727bis bis

Abbildung 1: Übersicht über die gewässerkundlichen Pegel der WSÄ Bremen und Bremerhaven

Die Informationen über den Oberwasserabfluss basieren auf den Messwertaufzeichnungen des WSA Verden am Pegel Intschede, der ca. 30 km oberhalb des Bremer Weserwehres liegt. Die Daten der Sauerstoffkonzentration, gemessen an der Gütemessstation Brake des NLWKN Brake, wurden vom Betreiber der Station zur Verfügung gestellt.

2.2 Oberwasserabfluss Die Oberwasserabflussmenge, gemessen am Pegel Intschede, liegt im 10-jährigen Mittel (1999 bis 2008) bei ca. 350 m³/s; die minimalen und maximalen Oberwasserabflussmengen liegen in diesem Zeitraum zwischen 70 m³/s und 2.220 m³/s. Im hydrologischen Jahr 2008 erreicht der maximale Oberwasserabfluss ca. 1.300 m³/s und der minimale knapp 110 m³/s.

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Zum Zeitpunkt der Messkampagne im Juni 2008 weist der Oberwasserabfluss mit 195 m³/s einen für den Sommermonat Juni typischen Wert von ca. 200 m³/s (vgl. Abbildung 5) auf.

2.3 Wassertemperatur und Sauerstoff Abbildung 2 zeigt den Jahresgang der Temperatur gemessen an den Pegeln Elsfleth und Rechtenfleth sowie die Sauerstoffkonzentration (blau) an der Station Brake für das Jahr 2008.

Wassertemperatur Rechtenfleth km 46,48 [°C]

25

25

Wassertemperatur Elsfleth km 33,33 [°C]

O2 [mg/l]

31.12.2008

30.11.2008

31.10.2008

0 01.10.2008

0 31.08.2008

5

01.08.2008

5

01.07.2008

10

01.06.2008

10

01.05.2008

15

01.04.2008

15

01.03.2008

20

31.01.2008

20

01.01.2008

Wassertemperatur [°C]

Sauerstoff Brake [mg/l]

Datum

Abbildung 2: Jahresgang 2008 Temperatur (Pegel Elsfleth und Rechtenfleth) und Sauerstoff (Station Brake, Quelle NLWKN Brake), Zeitpunkte der Benthosprobenahme

Die Temperatur weist in der Unterweser im Jahresgang Schwankungen von über 20° C auf. Zum Zeitpunkt der Benthosprobenahmen, die in Abbildung 2 durch die vertikalen Striche (schwarz Brackwasserbereich, rot limnischer Bereich) gekennzeichnet sind, schwankt die Temperatur zwischen 18° C und 22° C. Im Jahr 2008 schwankt der an der Gütemessstation Brake gemessene Sauerstoffgehalt zwischen 5,5 mg/l und 12,5 mg/l. Die niedrigsten Sauerstoffgehalte treten mit dem Anstieg der Wassertemperatur in den Sommermonaten auf. Zum Zeitpunkt der Benthosprobenahmen variiert der Sauerstoffgehalt zwischen 5,5 mg/l und kleiner 9 mg/l, wobei der Minimalwert von ca. 5,5 mg/l für beide Bereiche in den Zeitraum zwischen der 2. und 3. Probenahme fällt.

2.4 Wasserstände, Tidehub und Windverhältnisse Die Wasserstände in der Unterweser unterliegen in Abhängigkeit der Gezeiten, der Windverhältnisse und der Oberwassermenge deutlichen Schwankungen im Jahr. Im 10-jährigen Mittel (1999 bis 2008) liegen das mittlere Tidehochwasser (MThw) am Pegel Farge bei 2,29 m NN, das mittlere Tideniedrigwasser (MTnw) bei -1,56 m NN und der mittlere Tidehub (MThb) bei 3,85 m. Aus den Wasserstandsaufzeichnungen am Pegel Rechtenfleth errechnen sich für den Zeitraum zwischen 1999 und 2008 ein mittlerer Tidehochwasserstand von 2,09 m NN, ein mittlerer Tideniedrigwasserstand von -1,84 m NN und ein mittlerer Tidehub von 3,91 m. Im Gewässerkundliche Untersuchungen im Rahmen der WI-Wirkungskontrolle Seite 20

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Juni 2008 liegen annähernd mittlere Tideverhältnisse vor, die bei konstant niedrigem Oberwasserabfluss in Abhängigkeit des Windes um bis zu 1 m schwanken. In den Abbildungen 3 und 4 sind die im Zeitraum der WI-Testbaggerungen an den Pegeln Rechtenfleth und Farge gemessenen Wasserstände dargestellt. Die grünen und schwarzen Boxen am 10. Juni und am 24. Juni 2008 markieren die Einsatzzeiten (MEZ) des WI-Gerätes.

Abbildung 3: Wasserstände am Pegel Rechtenfleth vom 07. bis 14. Juni 2008

Abbildung 4: Wasserstände am Pegel Farge vom 20. bis 25. Juni 2008

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2.5 Salzgehalt Die Höhe des Salzgehalts in der Unterweser ist ortsabhängig und korreliert mit der Lage der Brackwasserzone, die sich unter dem Einfluss der Gezeiten und der Oberwasserabflussmenge örtlich verschiebt. Salzgehalt Rechtenfleth km 46,48 [‰]

12

1800

Salzgehalt Elsfleth km 33,33 [‰] Q Intschede [m³/s]

1600 10

Salzgehalt [‰]

8

1200 1000

6 800 4

600

Q Intschede [m³/s]

1400

400 2 200

31.12.2008

30.11.2008

31.10.2008

01.10.2008

31.08.2008

01.08.2008

01.07.2008

01.06.2008

01.05.2008

01.04.2008

01.03.2008

31.01.2008

0 01.01.2008

0

Datum

Abbildung 5: Jahresgang Salzgehalt Pegel Rechtenfleth und Elsfleth 2008, Zeitpunkte der Benthosprobenahmen

Anhand der Abbildung 5, die den Jahresgang des Salzgehalts gemessen an den Pegeln Rechtenfleth und Elsfleth sowie den Oberwasserabfluss am Pegel Intschede für das Jahr 2008 darstellt, wird deutlich, dass mit dem Rückgang der Oberwasserabflussmenge einhergehend der Salzgehalt an der Station Rechtenfleth ab Mai deutlich ansteigt. Zum Zeitpunkt der Benthosprobenahmen, die in Abbildung 5 durch die vertikalen Striche gekennzeichnet sind (schwarz Brackwasserbereich, rot limnischer Bereich), steigt der Salzgehalt in Rechtenfleth sprunghaft auf Werte bis 8 %o an, während der Salzgehalt in Elsfleth Konzentrationen bis ca. 1 %o aufweist. Die Auswertung der Salzgehaltsdaten zeigt, dass die Testbaggerungen und die Benthosprobenahmen in einem Zeitbereich erfolgten, in der sich die Brackwasserzone in der Unterweser signifikant stromauf verlagerte.

2.6 Trübung Analog zu den Salzgehaltskonzentrationen weist auch die Trübung an den Stationen Rechtenfleth und Elsfleth einen deutlichen Jahresgang auf (vgl. Abbildung 6). Zwischen Mai und Juni bis etwa Mitte Oktober 2008 steigen die Trübungswerte in Rechtenfleth und Elsfleth auf maximale Werte von ca. 430 NTU bzw. 310 NTU an. Zum Zeitpunkt der Benthosprobenahmen (grün = Brackwasserbereich, schwarz = limnischer Bereich) schwanken die Trübungswerte in Rechtenfleth zwischen 100 NTU und 220 NTU und im Bereich Elsfleth zwischen 30 und 130 NTU. Die Zeitpunkte der Testbaggerungen und der Benthosprobenahmen liegen sowohl im Brackwasserbereich als auch im limnischen Bereich in einer Phase mit zuneh-

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mender Trübung. Die Trübungszone dringt in diesen Zeitphasen infolge Abnahme des Oberwasserabflusses stromauf vor. Trübung Rechtenfleth km 46,48 [NTU]

450

1800

Trübung Elsfleth km 33,33 [NTU]

400

1600

350

1400

300

1200

250

1000

200

800

150

600

100

400

50

200

31.12.2008

30.11.2008

31.10.2008

01.10.2008

31.08.2008

01.08.2008

01.07.2008

01.06.2008

01.05.2008

01.04.2008

01.03.2008

31.01.2008

0 01.01.2008

0

Q Intschede [m³/s]

Trübung [NTU]

Q Intschede [m³/s]

Datum

Abbildung 6: Jahresgang Trübung Pegel Rechtenfleth und Elsfleth 2008, Zeitpunkte der Benthosprobenahmen

3 Auswirkungen des WI-Baggerverfahrens auf den Sedimenttransport am Boden 3.1 Allgemeines Die Unterhaltung der Wasserstraße erfolgt in der Unterweser zwischen dem Bremer Weserwehr und südlich von Nordenham (UW-km 55) seit etwa Mitte 2003 mit dem Wasserinjektionsgerät. In diesem Gewässerabschnitt bilden von kleineren Riffeln überlagerte subaquatische Dünen die charakteristische Sohlform der Unterweser. Mit dem Ziel, die planfestgestellte Sollsohltiefe für die Schifffahrt zu gewährleisten, werden nur die Dünenkuppen, die in das Fahrwasser hineinragen, gebaggert. Das Aufwachsen der Sohlformen setzt direkt im Anschluss an die Sohlbaggerung wieder ein. In Abhängigkeit der hydrologischen Randbedingungen haben die Dünenkuppen nach einigen Wochen wieder das alte Niveau erreicht und müssen im Rahmen der sogenannten Unterhaltungsbaggerungen erneut gebaggert werden.

3.2 Baggerszenarien während der Wirkungskontrolle Für die Untersuchung der Auswirkungen des WI-Baggerverfahrens auf das Makrozoobenthos wurden im Zuge der Messkampagne zwei unterschiedliche Baggerszenarien durchgeführt. Zum einen wurden die Auswirkungen der derzeitigen Unterhaltungsbaggerei untersucht. Hierfür wurde in jedem Untersuchungsbereich eine Düne aus dem Hauptunterhaltungsbereich herausgesucht, die auf die derzeitige Sollsohltiefe einschließlich einer Baggertoleranz von 50 cm gebaggert wurde. Zum anderen erfolgte eine Art worst-case-Szenario, bei dem eine Gewässerkundliche Untersuchungen im Rahmen der WI-Wirkungskontrolle Seite 23

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Düne vergleichsweise intensiv gebaggert wurde, die in einem Abschnitt liegt, der unbeeinflusst von den Unterhaltungsbaggerungen ist. Der Baggerhorizont für die sogenannte Vertiefungsbaggerung wurde ca. 2 m unter dem derzeitigen Sollsohlniveau bzw. 1 m unter dem geplanten Ausbauniveau der geplanten Weservertiefung gewählt. Im Brackwasserbereich dauerten die Baggeraktivitäten am 10. Juni 2008 auf der Unterhaltungsfläche insgesamt 05:40 Stunden und auf der Ausbaufläche 04:50 Stunden. Im limnischen Bereich war das WI-Gerät zur Herstellung der vorgegebenen Sohltiefen auf der Unterhaltungsfläche insgesamt knapp fünf Stunden aktiv und im Ausbaubereich ca. drei Stunden. Die Lage der Baggerstellen ist den Abbildungen 9 und 10 zu entnehmen.

3.3 Auswirkungen auf den Sedimenttransport am Boden Die Untersuchungen zu den Auswirkungen der Baggeraktivitäten auf den Sedimenttransport am Boden basieren auf der Grundlage von Peilungen mit dem Sedimentecholot und dem Fächerecholot, die jeweils vor und nach der Baggerung durch die WSÄ Bremen und Bremerhaven in Zusammenarbeit mit dem WSA Cuxhaven durchgeführt wurden. Die in Abbildung 7 dargestellte Differenztopografie zeigt die durch den WI-Baggereinsatz verursachten Sedimentverlagerungen im Nahbereich der Baggerstelle 218-10 (vgl. Abbildung 9) in der Unterhaltungsbox des limnischen Bereichs. Die blauen und violetten Farben zeigen den Bereich des Bodenabtrags; die gelben und roten Bereiche die des Bodenauftrags. Während der Testbaggerung, die bei Ebbströmung erfolgte, wurden die Dünenkuppen bis zu einer Höhe von 2 m abgetragen.

Å Bremen

Nordsee Æ

Vertiefung ~2 m 1m

Ablagerung~1 m

Abbildung 7: Differenzdarstellung Peilung 25.06.08 - 24.06.08 (Unterhaltungsbox, limnischer Bereich)

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Aus den Differenzdarstellungen ist deutlich zu erkennen, dass sich das durch den Bagger mobilisierte Material, welches sich im Wesentlichen aus Mittelsanden mit kleineren Fraktionen von Fein- und Grobsand zusammensetzt, von den Dünenkuppen im Nahbereich von ca. 50 m in den angrenzenden Tälern und Flanken abgesetzt hat. Das Material lagerte sich hierbei schwerpunktmäßig in Hauptströmungsrichtung mit einer maximalen Auftragshöhe von ca. 1 m ab. Die Sedimentverlagerungen infolge der WI-Baggerung zeigten im limnischen und im Brackwasserbereich für die Untersuchungsszenarien „Unterhaltungsbaggerung“ und „Vertiefungsbaggerung“ (worst-case-Szenario) annähernd den gleichen Trend auf. Die folgende Abbildung 8 zeigt im Längsschnitt die Überlagerung der Gewässersohle vor und direkt nach der Vertiefungsbaggerung im Brackwasserbereich (Baggerstelle 103-10 / 103-11, vgl. Abbildung 9).

Å Bremen

Nordsee Æ

-11,0

-11,45 m NN vorh. Sollsohle

vor WI-Baggerung

-11,5 -12,0 -12,5

Wassertiefe [mNHN]

-13,0

-13,50 m NN Baggerhorizont

nach WI-Baggerung

Vertiefung Tiefe ~1,90 m Länge ~ 50 m

Vertiefung Tiefe ~1,20 m Länge ~ 50 m

-13,5 -14,0 -14,5 -15,0 -15,5 -16,0

200 m -16,5 -17,0 48,4

Sedimentation Höhe ~1 48,6 m Länge ~ 50 m

48,8

49,0

Sedimentation Höhe ~0,5 m Länge ~ 50 m 49,2

49,4

49,6

Weser-km

Abbildung 8: Längsschnitt Überlagerung Peilung 09.06. und 11.06. 2008 (Ausbaubox, Brackwasserbereich)

Auch hier lagerten sich die im Zuge der WI-Testbaggerung von der Dünenkuppe abgetragenen sandigen Sedimente im Nahbereich der Baggerstelle mit einer maximalen Auftragshöhe von ca. 1 m ab.

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4 Auswirkungen des WI-Baggerverfahrens auf den Sedimenttransport in der Wassersäule 4.1 Umfang der Untersuchungen Die Untersuchung der Auswirkungen des WI-Baggerverfahrens auf den Sedimenttransport in der Wassersäule erfolgte im Rahmen der gewässerkundlichen Messungen sowohl anhand von Trübungsmessungen an temporär eingerichteten Dauerstrommessgeräten als auch auf Grundlage von Schwebstoffmessungen. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Trübungsmessungen erläutert; die Ergebnisse der Schwebstoffmessungen sind im vorliegenden Berichtsband (RAHLF & MAUSHAKE 2011, s. S. 32 ff.) beschrieben.

4.2 Lage und Anordnung der temporären Dauermessstellen Die Trübungsmessungen erfolgten mittels Dauerstrommessgeräten der Fa. Aanderaa vom Typ RCM 9. Die Lage der Messpositionen ist den Abbildungen 9 und 10 zu entnehmen. Baggerstelle 104-6

Baggerstelle 103-10

Baggerstelle 103-11

Abbildung 9: Standorte der temp. Dauerstrommessgeräte im Brackwasserbereich (rote Kreise)

Å Nordsee Baggerstelle 218-10

Bremen Æ Baggerstelle 217-3

Baggerstelle 217-2

Abbildung 10: Standorte der temp. Dauerstrommessgeräte im limnischen Bereich (rote Kreise)

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Zur Erfassung der Daten in unterschiedlichen Tiefen wurden an jedem der sechs Standorte drei Messgeräte übereinander angeordnet, wobei das unterste Gerät für alle Stationen einheitlich in einer Tiefe von 2 m über der Sohle verankert wurde. Die Testbaggerungen im Brackwasserbereich und im limnischen Bereich erfolgten auf der Unterhaltungsfläche jeweils bei Ebbströmung; die Baggerarbeiten auf der jeweiligen Ausbaufläche bei Flutströmung. Im Brackwasserbereich liegen die an der Baggerstelle 104-6 (Unterhaltungsfläche) in Ebbströmung nächstgelegenen Messstellen bei Buhne 64 und 91. Die Entfernung zwischen den Messpositionen 91 und der Baggerstelle 104-6 beträgt ca. 300 m; die Entfernung zur Messposition an Buhne 64 ca. 400 m, wobei sich die Messstelle 64 analog zur Baggerstelle am rechten Fahrwasserrand befindet. Die an den Baggerstellen 103-10 und 103-11 (Ausbauflächen) in Flutströmungsrichtung nächstgelegenen Messstationen befinden sich bei Buhne 70 und 97 in einer Entfernung von ca. 400 m bzw. 500 m. Im limnischen Bereich befindet sich die Messstation 108 direkt oberhalb der Baggerstelle 218-10 (Unterhaltungsfläche). Die zum Zeitpunkt der Vertiefungsbaggerung in Strömungsrichtung nächstgelegenen Messstellen sind die Stationen Warnstelle bei km 28,06 und Buhne 29, die sich im Abstand von 250 m bzw. 400 m von den Baggerstellen 217-3 und 217-2 befinden.

4.3 Auswertung der Trübungsdaten Die Auswertung der Trübungsmessungen an den temporären Dauermessstellen zeigte, dass die Trübungswerte sowohl örtlich als auch zeitlich sehr großen Schwankungen unterliegen. Trübungspeak kurz vor Flutstromkenterung und bei einsetzender Ebbströmung

Tonne 105 km 29,40 links

Tonne 108 km 29,40 rechts

Tonne 107 km 28,80 links

Tonne 110 km 28,80 rechts

Abbildung 11: Trübungscharakteristik im limnischen Bereich

Abbildung 11 zeigt die Trübungscharakteristik an vier Messstandorten im limnischen Bereich zwei Tage vor der Testbaggerung. Anhand der aufgezeichneten Daten ist erkennbar, dass in diesem Bereich Trübungsmaxima kurz vor Flutstromkenterung und bei einsetzender Flut-

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strömung auftreten, während die niedrigsten Trübungswerte bei Tideniedrigwasser erreicht werden. Abbildung 12 zeigt die am 24. Juni 2008 gemessenen Trübungsdaten an den sechs Messstationen im limnischen Untersuchungsbereich.

Trübung Tonne 105 km 29,40 li

Trübung Tonne 108 km 29,40 re

Trübung Tonne 107 km 28,80 li

Trübung Tonne 110 km 28,80 re

Trübung Tonne 119 km 28,18 li

Trübung Warntonne km 28,39 re

Abbildung 12: Trübungswerte zum Zeitpunkt der WI-Baggerung im limnischen Bereich

Zum Zeitpunkt der WI-Baggerung zeigt sich an den Messpositionen 2 m, 5 m und 7 m über der Sohle keine von den übrigen Tagen abweichende Trübungscharakteristik, die auf eine erhöhte Sedimentmobilisierung in die Wassersäule hindeutet. Im Vergleich zu den in Abbildung 12 dargestellten ungestörten Verhältnissen, zeigen die Trübungsganglinien zum Zeitpunkt der Testbaggerungen die gleiche tideabhängige Charakteristik. Weiterführende Untersuchungen des sich am 24.06.2008 gegen 24:00 Uhr an den Stationen des rechten Fahrwasserrands abzeichnenden Trübungspeaks zeigten, dass der kurzzeitige

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Trübungsanstieg auf eine Schiffspassage zurückzuführen ist und nicht im Zusammenhang mit der acht Stunden zuvor beendeten WI-Testbaggerung steht. Auch im Brackwasserbereich konnten zum Zeitpunkt der WI-Baggerung an den gemessenen Positionen und Stationen keine erhöhten Trübungsgehalte in der Wassersäule festgestellt werden, die auf eine durch den WI-Bagger induzierte Trübungswolke hindeuten. Abbildung 13 zeigt exemplarisch die an der Station Buhne 70 im Zeitraum vom 09. Juni 2008 bis zum 13. Juni 2008 in der unteren Messebene erfassten Trübungswerte. Die Zeiträume der WITestbaggerungen am 10. Juni 2008 sind durch eine grüne (Unterhaltung) und schwarze Box (Ausbau) gekennzeichnet. Die während der WI-Baggerung gemessenen Trübungswerte liegen im Rahmen der natürlichen Schwankungen wie sie auch im Zeitraum vor und nach der Testbaggerung gemessen wurden.

Trübung Buhne 70 km 48,53 rechts unten

Abbildung 13: Trübung vom 09.06.08 – 13.06.08 (Buhne 70 km 58,53 rechts, untere Messebene)

5 Zusammenfassung >

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Die Unterweser ist ein extrem dynamisches System, welches ständigen Änderungen unterliegt. Die natürlichen Schwankungen der hydrologischen und morphologischen Verhältnisse sind groß und erfordern seitens der in diesem System lebenden Organismen ein schnelles Anpassen an die auch kurzfristig wechselnden vorherrschenden Bedingungen. Die WI-Baggerungen und Benthosuntersuchungen erfolgten in einem Zeitraum, in dem sich die Brackwasserzone abhängig vom Oberwasserabfluss stromaufwärts verlagerte. Damit verbunden war über den Untersuchungszeitraum ein deutlicher Anstieg der Salzgehalte im Brackwasser-Untersuchungsgebiet zu verzeichnen und eine Zunahme der Trübung in beiden Untersuchungsbereichen. Das Verlagerungs- und Sedimentationsverhalten ist abhängig von der Beschaffenheit und Zusammensetzung des örtlich anstehenden Sediments. Der Einsatz des WI-Gerätes wirkt sich in der Unterweser im Bereich der Dünenstrecke lokal auf die Baggerflächen aus. Die Sedimentation des mobilisierten überwiegend mittelsandigen Mate-

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rials erfolgte im Umkreis von ca. 50 m um die Abtragsfläche herum, wobei der Schwerpunkt der Verlagerung in Strömungsrichtung erfolgte. In den untersuchten Abschnitten zeigte sich, dass die Ablagerungsflächen in etwa dreimal größer als die Abtragsfläche sind. Die Ablagerung des durch das WI-Gerät mobilisierten Sohlmaterials erfolgte mit Höhen bis zu einem Meter. Die Auswirkungen des WI-Geräts auf den Sedimenttransport am Boden sind in den untersuchten Dünenabschnitten temporär. Die Regeneration der Dünen und die damit verbundenen natürlichen Sedimentumlagerungen setzen im Untersuchungsbereich direkt nach Beendigung der Baggermaßnahme ein. An den Positionen der temporär eingesetzten Dauerstrommessgeräte konnten während des WI-Geräteeinsatzes keine signifikanten Änderungen in den Trübungswerten festgestellt werden. Die gemessenen Trübungswerte an den Positionen der eingesetzten temporären Dauermessstellen liegen im Bereich der natürlichen Schwankungen. Bei der Bewertung der Ergebnisse ist die Lage und Entfernung der Messstationen von den Baggerstellen zu berücksichtigen.

Literatur BAW (2010): „Schwebstoffmessungen im Nahfeld einer Wasserinjektionsbaggerung im Rahmen einer Wirkungskontrolle auf der Weser bei km 30 und km 50“. Bundesanstalt für Wasserbau, Dienststelle Hamburg, 37 S., unveröffentlicht. GRAY, J. S. & ELLIOT, M. (2009): The Ecology of Marine Sediments: From Science to Management, Oxford University Press. KÜFOG UND WSA Cuxhaven (2009): „Wirkungskontrolle Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser – Sedimentecholotuntersuchung“. Wasser- und Schifffahrtsämter Bremen und Bremerhaven, bearb. durch Küfog GmbH, Loxstedt und das WSA Cuxhaven i. A. des WSA Bremerhaven, 25 S., unveröffentlicht. RAHLF, H. & MAUSHAKE, C. (2011): Messung von Schwebstoffkonzentrationen im Umfeld einer Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser. In: Veranstaltungen 2/2011 „Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen“. Workshop am 21./22. Juni 2010 in Bremerhaven. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz, S. 32 - 41. WSA Bremerhaven (2009): „Wirkungskontrolle Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser – Begleitende gewässerkundliche Untersuchungen, Teilbericht Baggerei“. Wasser- und Schifffahrtsämter Bremen und Bremerhaven, bearb. durch das WSA Bremerhaven, 33 S., unveröffentlicht. WSA Bremerhaven (2010): „Wirkungskontrolle Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser – Begleitende gewässerkundliche Untersuchungen, Teilbericht Hydrologie und Morphologie“. Wasser- und Schifffahrtsämter Bremen und Bremerhaven, bearb. durch das WSA Bremerhaven, 145 S., unveröffentlicht.

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WSA Bremen (2010): „Wirkungskontrolle Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser – Begleitende gewässerkundliche Untersuchungen, Teilbericht Hydrologische Randbedingungen und Auswertung der Trübungsmessungen an den temporären Dauermessstationen“. Wasser- und Schifffahrtsämter Bremen und Bremerhaven, bearb. durch das WSA Bremen, 57 S., unveröffentlicht.

1990 – 1994 Diplomstudium Bauingenieurwesen an der Fachhochschule Nordostniedersachen, Suderburg 1994 – 2002 Projektleiterin Ingenieurbüro u. a. ARCADIS Schwerpunkte: Gewässerrenaturierung, Hochwasserschutz und Polderbau 2002 – 2004 Studium Coastal Geosciences and Engineering an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Kontakt: Dipl.-Ing. M. Sc. Friederike Piechotta WSA Bremen Sachbereich 2, Gewässerkunde Franziuseck 5 28203 Bremen Tel.: 0421/5378-322 Fax: 0421/5378-400 E-Mail: [email protected]

2004 – 2005 Wissenschaftliche Mitarbeiterin Bundesanstalt für Wasserbau, Dienststelle Hamburg Seit 2005 Leiterin der Gewässerkunde im WSA Bremen

Gewässerkundliche Untersuchungen im Rahmen der WI-Wirkungskontrolle Seite 31

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Messung von Schwebstoffkonzentrationen im Umfeld einer Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser

Holger Rahlf und Christian Maushake Bundesanstalt für Wasserbau, 22559 Hamburg

1 Einleitung Im Rahmen der Wirkungskontrolle zu Baggerungen mit einem Wasserinjektionsgerät (WIBagger) in der Unterweser wurden von der Bundesanstalt für Wasserbau - Dienststelle Hamburg - (BAW-DH) umfangreiche Messungen der Suspensionskonzentrationen vor, während und nach dem WI-Baggereinsatz auf vier unterschiedlichen Baggerfeldern durchgeführt. Der vorliegende Bericht zeigt auszugsweise einzelne Ergebnisse, um einen Eindruck über die Wirkung der WI-Baggerung in der Unterweser zu vermitteln. Es sind keinesfalls alle komplexen Details der Datenanalyse gezeigt, die für die weitergehende Interpretation und Bewertung der Ergebnisse in den nachfolgenden Kapiteln berücksichtigt wurden (BAW 2010).

2 Messverfahren Das mit der PG Weseranpassung abgestimmte Messkonzept sah baggerbegleitende, schiffsgestützte Messungen im Umfeld des WI-Gerätes zur Erfassung von Trübungs- und Schwebstoffwolken vor. Das hierfür eingesetzte Verfahren basiert im Kern auf der Durchführung schiffsgestützter Messungen mit einem Acoustic Doppler Current Profiler (ADCP) in Kombination mit zusätzlicher Sensorik und Probenahmeverfahren und wird von der BAW-DH seit 2005 angewendet (siehe MAUSHAKE 2007a und 2007b sowie BAW-Kolloquium vom 10. Nov. 2005 auf http://www.baw.de). Neben den ADCP-Messungen und der direkten Probennahme mit einem Pumpsystem wurden auch optische Messungen mit einem LISST 100 (Laser In-Situ Scattering und Transmissometry) und einer Seapoint OBS (Optical Backscatter Sensor) auf stationären Vertikalprofilen durchgeführt. Eine Einschränkung des eingesetzten akustischen Verfahrens auf Basis von ADCP-Messungen besteht darin, dass technisch bedingt eine Messung in den sohlnahen Schichten der Wassersäule nicht ohne weiteres möglich ist. Je nach Wassertiefe und morphologischer Struktur kann eine Schicht von ca. 1 - 1,5 m über der Sohle nicht, bzw. nur mit erheblichem technischem Aufwand analysiert werden. Aussagen zur sohlnahen Umlagerung des vom WI-BagMessung von Schwebstoffkonzentrationen im Umfeld einer Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser Seite 32

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ger mobilisierten Materials müssen in der vorliegenden Untersuchung aus parallel durchgeführten Untersuchungen z. B. auf der Grundlage von Peilungen, Sedimentecholotdaten, usw. abgeleitet werden, auf die an dieser Stelle verwiesen werden muss.

3 Durchführung der Messung Zur Erfassung der natürlichen Schwebstoffkonzentrationsverhältnisse sind unmittelbar vor Beginn bzw. nach Beendigung des WI-Einsatzes eine Vormessung bzw. Nachmessung in mehreren Längsprofilen auf den jeweiligen Baggerflächen durchgeführt worden. Während der Baggerung sind ADCP-Schwebstoffmessungen zur Erfassung eines möglicherweise durch den WI-Geräteeinsatz verursachten Schwebstoffeintrags in die Wassersäule nach folgendem Schema durchgeführt worden: 1. Mit Beginn der Tideströmung beginnt das WI-Gerät mit den Arbeiten im Baggerfeld. 2. Das Messfahrzeug (MS Drielake) legt sich in den Strömungsschatten (Luv) des WIGerätes und beginnt mit schleifenförmigen Profilfahrten auf der gesamten Fahrrinnenbreite und entfernt sich dabei immer weiter von der Baggerstelle, bzw. nähert sich an diese an (je nach Fahrtrichtung). 3. Von Zeit zu Zeit werden Suspensionsproben aus verschiedenen Wassertiefen entnommen, und zwar sowohl direkt aus dem Schleppwasser des WI-Gerätes als auch in einer Entfernung, in der es keinen offensichtlichen Einfluss durch die Baggerung mehr gibt. Für die spätere Interpretation der Ergebnisse ist zu beachten, dass die Messungen aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen nicht zu gleichen Tidephasen durchgeführt werden konnten.

4 Ergebnisse Unterhaltungsfläche Strohhauser Plate Die mittleren, über das gesamte jeweils gefahrene ADCP-Profil abgeleiteten Schwebstoffkonzentrationen sind in Tabelle 1 zusammengestellt. Aus den ADCP-Schwebstoffmessungen ergibt sich kein Hinweis auf eine erhöhte mittlere Schwebstoffkonzentrationen während der Durchführung der WI-Baggerung in dem vom ADCP erfassten Teil der Wassersäule (sohlnahe Schicht von 1 - 1,5 m kann nicht erfasst und bewertet werden). Tabelle 1: Mittlere Schwebstoffkonzentration aus ADCP-Profilen, Unterhaltungsfläche Strohhauser Plate

Messung

Tidephase

mittl. Schwebstoffkonzentration aus ADCP-Profil [mg/l] Fahrt 1

Fahrt 2

Fahrt 3

Mittel [mg/l]

Vormessung

Thw

134

145

216

165

baggerbegleitende Messung

Ebbe

85

60

90

78

Nachmessung

Flut

118

105

99

107

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Die Farbkonturdarstellung der Schwebstoffverteilung der ausgewerteten ADCP-Profile in den Abbildungen 1 bis 3 bestätigen dies auch bei etwa vergleichbaren Strömungsgeschwindigkeiten. Die Veränderung der Schwebstoffkonzentrationen in der Unterhaltungsfläche innerhalb der jeweils ca. 1 Stunde dauernden Vor- und Nachmessungen sind deutlicher als während der ca. 2-stündigen baggerbegleitenden Messung.

vm = -1,02 m/s

Cm = 134 mg/l

vm = -0,87 m/s

Cm = 146 mg/l

vm = -0,76 m/s

Cm = 216 mg/l

Konzentration [mg/l]

Strömungsgeschwindigkeit [m/s]

Kurs Messfahrzeug Baggerkurs Profil (Projektion)

Abbildung 1: ADCP-Profile, Unterhaltungsfläche Strohhauser Plate, Vormessung

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vm = 0,02 m/s

Cm = 85 mg/l

vm = 0,58m/s

Cm = 60 mg/l

vm = 1,17 m/s

Cm = 91 mg/l

Konzentration [mg/l]

Strömungsgeschwindigkeit [m/s]

Kurs Messfahrzeug Baggerkurs Profil (Projektion)

Abbildung 2: ADC-Profile, Unterhaltungsfläche Strohhauser Plate, baggerbegleitende Messungen

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vm = 0,17 m/s

Cm = 118 mg/l

Cm = 105 mg/l

vm = -0,25 m/s

Cm = 99 mg/l

vm = -0,70 m/s

Konzentration [mg/l]

Strömungsgeschwindigkeit [m/s]

Kurs Messfahrzeug Baggerkurs Profil (Projektion)

Abbildung 3: ADCP-Profile, Unterhaltungsfläche Strohhauser Plate, Nachmessung

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Auch in den Analyseergebnissen der zur Kalibrierung der ADCP-Messungen entnommenen Pumpproben lassen sich keine Hinweise auf ein durch die WI-Baggerung erhöhtes Trübungssignal in der Wassersäule finden. In Abbildung 4 sind alle Pumpproben der Unterhaltungsfläche in Abhängigkeit der Probenahmetiefe dargestellt. Die rot dargestellten Werte der baggerbegleitend entnommenen Proben liegen im Streubereich der Ergebnisse der Vor- und Nachmessung. 0 Nordenham Unterhaltung VOR Nordenham Unterhaltung BAGGER Nordenham Unterhaltung NACH

2

4

Tiefe [m]

6

8

10

12

14

16 0

100

200

300

400

500 SSC [mg/l]

600

700

800

900

1000

Abbildung 4: Schwebstoffkonzentration der Pumpproben, Unterhaltungsfläche Strohhauser Plate, SSC vs. Tiefe

Die mittleren Schwebstoffkonzentrationen der Pumpproben in Tabelle 2 liegen über den Werten aus der ADCP-Messung (Tabelle 1), weil es sich hierbei um wenige Einzelproben handelt, die teilweise auch gezielt aus den höher konzentrierten bodennahen Suspensionen entnommen werden, um ein stabile Kalibrierung zu erzielen. Hierdurch entsteht ein höherer Mittelwert. Tabelle 2: Mittlere Schwebstoffkonzentrationen aus Pumpproben, Unterhaltungsfläche Strohhauser Plate

Messung

Tidephase

Anzahl Proben

Mittel [mg/l]

Standardabweichung

Vormessung

Tnw

9

216

141

Baggerbegleitende Messung

Flut - Thw

26

90

77

Nachmessung

Thw - Ebbe

9

126

127

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Ausbaufläche Strohhauser Plate Während der Baggerungen konnten aus den ADCP-Schwebstoffmessungen keine gegenüber der Vor- oder Nachmessung erhöhten Schwebstoffkonzentrationen beobachtet werden. Zu beachten ist allerdings, dass nur eine kleine Fläche gebaggert wurde. Die mittleren Schwebstoffkonzentrationen bleiben sowohl während der Vor- und Nachmessung, als auch während der baggerbegleitenden Messungen trotz unterschiedlich erfasster Tidephasen mit ~ 100 mg/l nahezu konstant. Erhöhte Schwebstoffkonzentrationen in dem vom ADCP erfassten Teil der Wassersäule (eine Bodenschicht von 1 – 1,5 m kann nicht erfasst werden, s. o.) können während der Durchführung der WI-Baggerung in der Ausbaufläche nicht nachgewiesen werden. Unterhaltungsfläche Elsfleth Aus den ADCP-Schwebstoffmessungen ergibt sich kein Hinweis auf eine erhöhte mittlere Schwebstoffkonzentrationen während der Durchführung der WI-Baggerung gegenüber der Vor- und Nachmessungen in dem vom ADCP erfassten Teil der Wassersäule (eine Bodenschicht von 1 - 1,5 m kann nicht erfasst werden). Die mittleren Schwebstoffkonzentrationen bleiben mit ca. 75 mg/l für die Vormessung und die baggerbegleitende Messung nahezu konstant und zwar sowohl für die Mittelwerte aus ADCP-Messungen als auch für die Mittelwerte aus den zur Kalibrierung verwendeten Pumpproben. Bei den Nachmessungen fallen die Werte noch niedriger aus. Ausbaufläche Elsfleth Im Gegensatz zu allen anderen Untersuchungsflächen wurden auf der Ausbaufläche Elsfleth bei den Schwebstoffkonzentrationen aus ADCP-Messungen leicht erhöhte Konzentrationen festgestellt: im Mittel 83 mg/l gegenüber 66 mg/l bzw. 65 mg/l aus der Vor- und Nachmessung. Diese Erhöhung wird aber als nicht signifikant eingeschätzt: >

>

>

Die Farbkonturdarstellung der Schwebstoffverteilung während der WI-Baggerung aus ADCP-Profilen zeigt, dass die erhöhte Schwebstoffkonzentration von der Oberfläche her kommt. Dies kann jedoch keine Auswirkung der WI-Baggerung sein, die aufgrund des sandigen Sohlmaterials eher sohlnah zu suchen ist. Vielmehr ist anzunehmen, dass es sich um den Einfluss von Schraubenwasser des WI-Gerätes handelt. Durch den hierdurch induzierten Turbulenzeintrag wird auch ein vom ADCP aufgezeichnetes akustisches Rückstreusignal erzeugt, welches sich signaltechnisch nur sehr schwer von Rückstreusignalen durch Schwebstoffe separieren lässt. Hierfür spricht auch, dass die baggerbegleitenden Messprofile im Falle der Messungen auf der Ausbaufläche Elsfleth sehr nah an das WI-Gerät heran gefahren worden sind, wo der Einfluss des Schraubenwassers größer ist. Die Erhöhung der Schwebstoffkonzentrationen während des WI-Einsatzes werden auch nicht in den Werten der für die Kalibrierung entnommenen Pumpproben bestätigt Hier liegt die mittlere Schwebstoffkonzentration mit 44 mg/l zwischen den Werten der Vor- und Nachmessung (64 bzw. 34 mg/l). Die Erhöhung des Signals liegt im Bereich der natürlichen Varianz (tidebedingt). Die mittlere Schwebstoffkonzentration liegt insgesamt auf einem niedrigen Niveau.

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5 Schlussfolgerungen und Zusammenfassung Die „Wirkungskontrolle zu Baggerungen mit einem Wasserinjektionsgerät in der Unterweser“ wurde auf insgesamt vier Untersuchungsflächen messtechnisch durch die BAW begleitet, um ggf. durch die WI-Baggerung induzierte erhöhte Trübung (Schwebstoffkonzentration) in der Wassersäule zu erfassen, ggf. zu quantifizieren und in ihrer räumlichen Ausdehnung zu beschreiben: >

>

Untersuchungsabschnitt Strohhauser Plate - Unterhaltungsfläche - Ausbaufläche Untersuchungsabschnitt Elsfleth - Unterhaltungsfläche - Ausbaufläche

Es wurden verschiedene Messverfahren zur Erfassung von Schwebstoffkonzentrationen angewendet: >

> >

Schiffsgestützte, akustische Messungen mit einem ADCP zur Erfassung von Schwebstoffprofilen über (fast) die gesamte Wassersäule (eine sohlnahe Schicht von ca. 1 - 1,5 m, sowie eine oberflächenahe Schicht bleiben technisch bedingt unberücksichtigt). Stationäre Vertikalprofile mit einer OBS-Sonde (kalibriert auf FTU) Punktuelle Entnahme von Pump-Proben aus verschiedenen Wassertiefen

Diese Messungen wurden vor, während und nach dem Einsatz des WI-Gerätes auf den Untersuchungsflächen in verschiedenen Wassertiefen und, während der Baggerungen, in verschiedenen Entfernungen zum WI-Gerät vorgenommen. Die Untersuchungen konnten aufgrund des Gesamtablaufes der Messkampagne nicht zur jeweils gleichen Tidephase durchgeführt werden. In keiner möglichen Korrelation und auf keiner der untersuchten Flächen konnte im Vergleich zu den durchgeführten Vor- und Nachmessungen ein während der WI-Baggerung signifikant erhöhtes Trübungssignal in dem von den ADCP-Messungen erfassten Teil der Wassersäule festgestellt werden. Auch wenn die Messung kurzfristiger und kleinräumiger „Trübungswolken“ bei den baggerbegleitenden Messungen auf den Einfluss des WI-Gerätes zurückgeführt werden sollte, führt dies nicht zu signifikant erhöhten mittleren Schwebstoffkonzentrationen. Alle Ergebnisse der hier vorgestellten Messungen weisen darauf hin, dass eine eventuell durch die WI-Baggerung örtlich in die Wassersäule eingetragene erhöhte Schwebstoffkonzentration auf den Untersuchungsflächen von der starken Varianz der „natürlichen“ tideinduzierten Schwebstoffkonzentration überprägt wird. Dies erscheint aufgrund des überwiegend sandigen Sohlmaterials plausibel, da aufgrund der Korngrößen ein überwiegend sohlnaher Transport des gelösten Sediments erwartet werden kann, der jedoch aufgrund der Totzone der akustischen Messungen in einer Schicht von 1 - 1,5 m über der Sohle nicht erfasst wurde. Mit der hier verwendeten Methode ist also eine Aussagen zur „sohlna-

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hen“ Mobilisierung des Sediments und dessen Transport nicht, bzw. nur sehr eingeschränkt möglich. Deswegen müssen die Ergebnisse der parallel durch das WSA Cuxhaven durchgeführten Sedimentecholotvermessungen bei der Gesamtbewertung zur Wirkung des WI-Einsatzes einbezogen werden. Da die vorliegenden Schwebstoffkonzentrationsmessungen zu jeweils unterschiedlichen Tidephasen vor, während und nach der WI-Baggerung durchgeführt wurden, muss der Vergleich der ermittelten Schwebstoffkonzentrationen vor dem Hintergrund der natürlichen Varianz des gemessenen Parameters relativiert werden. Die - im vorliegenden Bericht nicht weiter behandelten - stationären Messungen zeigen beispielhaft die hohen Schwankungen während einer kurzen Messdauer. Die Varianz der Schwebstoffkonzentrationen über die Dauer einer Tide ist in einer weitergehenden Interpretation der Daten und in der Gesamtbewertung zur Wirkung des WI-Einsatzes zu berücksichtigen. Es wird erwartet, dass sich die aus den akustischen Messungen oben abgeleiteten Aussagen zur Wirkung der WI-Baggerung auf die Schwebstoffkonzentrationen im Umfeld der Baggerung bestätigen. Die auf der Ausbaufläche Elsfleth festgestellte Erhöhung der mittleren Schwebstoffkonzentrationen während des WI-Einsatzes wird als nicht signifikant bewertet und konnte auf den Einfluss von Störgrößen (Schraubenwasser) zurück geführt werden. Die im Rahmen des Gesamtprogramms „Wirkungskontrolle WI-Baggerung“ betrachteten Referenzflächen sind mit der hier vorgestellten Methode nicht untersucht worden. Die in dem vom ADCP erfassten Teil der Wassersäule analysierten Ergebnisse zeigen jedoch keine erhöhten Suspensionstransporte, sodass eine Beeinflussung der Referenzflächen durch eine von der WI-Baggerung induzierten Trübungswolke ausgeschlossen werden kann. Für eine Beeinflussung der Referenzflächen durch erhöhten baggerinduzierten sohlnahen Transport kann aus obigen Messungen keine Aussage abgeleitet werden. Dies wäre in der Gesamtbewertung aller Ergebnisse ggf. zu prüfen.

Literatur BAW (2010): Schwebstoffmessungen im Nahfeld einer Wasserinjektionsbaggerung im Rahmen einer Wirkungskontrolle auf der Weser bei km 30 und km 50, Bericht, BAW, Dezember 2010. MAUSHAKE, C. (2007a): Untersuchungen zur Schwebstoffdynamik im Elbeästuar auf Basis von ADCP-Messungen, Die Küste, Heft 72. MAUSHAKE, C. (2007b): Untersuchungen zur Verdriftung von Baggergut auf der Klappstelle KS527 im Rahmen einer Systemerprobung. Bundesanstalt für Wasserbau, Hamburg, 08. August 2007. VAN SANTEN, P.; AARDOM, J. & MAUSHAKE, C. (2007c): Sediment transport measurements in the Elbe estuary, Germany, using ADCP Backscatter. Vortrag auf der Konferenz „INTERCOH’07“ in Brest, Frankreich vom 25. bis 28.09.2007 Veröffentlichung im Tagungsband Messung von Schwebstoffkonzentrationen im Umfeld einer Wasserinjektionsbaggerung in der Unterweser Seite 40

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Kontakt: Holger Rahlf Bundesanstalt für Wasserbau Dienststelle Hamburg Ästuarsysteme I (K2) Wedeler Landstraße 157 22559 Hamburg Tel.: 040/81908-301 Fax: 040/81908-373 E-Mail: [email protected]

Christian Maushake Bundesanstalt für Wasserbau Dienststelle Hamburg Ästuarsysteme I (K2) Wedeler Landstraße 157 22559 Hamburg Tel.: 040/81908-342 Fax: 040/81908-373 E-Mail: [email protected]

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Auswirkungen von WI-Baggerungen subaquatischer Dünen auf die Sedimentcharakteristik und -dynamik der Gewässersohle in der Tideweser

Kerstin Schrottke1, Alexander Bartholomä2 und Svenja Papenmeier1 1

Universität Kiel, Institut für Geowissenschaften und Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“, 24118 Kiel 2 Forschungsinstitut Senckenberg am Meer, 26382 Wilhelmshaven

1 Einleitung Die Nutzung von Wasserstraßen gewinnt im Zuge des globalen Handels weltweit immer größere Bedeutung. Somit wächst der Bedarf für größere Schiffsklassen, um den Gütertransport zu optimieren. In Folge müssen viele Wasserstraßen durch bauliche Eingriffe u. a. Baggerungen angepasst werden. Es geht dabei insbesondere um die Vertiefung der nautischen Sohle sowie der anschließenden Zustandserhaltung. In tidedominierten Flussmündungen, wie dem Weser-Ästuar, wo erhebliche Sedimentfrachten regelmäßig zur Umlagerung gelangen und bis zu mehrere Meter hohe subaquatische Dünen gebildet und verlagert werden, müssen regelmäßige Unterhaltungsmaßnahmen durchgeführt werden. Diese sind mit Kosten verbunden. Ferner wird mit diesen Maßnahmen in die vorherrschende Sedimentdynamik und adaptierte Lebewelt eingegriffen. Der Einsatz herkömmlicher Saugbaggerverfahren erfordert zudem die Verbringung des Baggergutes, was Umweltauswirkungen auch auf den entsprechenden Verklappstellen nach sich zieht. Im Gegensatz zum Baggerverfahren mit schiffsgestützter Sedimentverbringung wird beim sogenannten Wasserinjektionsverfahren (WI) das umzulagernde Sediment am Ort, durch Injektion von Wasser in den Gewässergrund, mobilisiert und unter Ausnutzung der gewässereigenen Transportenergie aktiv verlagert (MEYERNEHLS et al. 2000, NASNER 1992). Damit entfallen hohe Verbringkosten. Das WI-Verfahren, welches vorrangig für die Beseitigung fein-kohäsiver Sedimente konzipiert wurde, hat vor allem in den letzten Jahren einen immer breiteren Einsatzbereich auch in Gebieten mit sandiger Sohle eingenommen. Begleitend hierzu wurde dessen Effizienz in Gewässerabschnitten mit unterschiedlicher Sohlcharakteristik und Hydrodynamik eingehend untersucht, wie MEYER-NEHLS et al. (2000) zusammenfasst. Hingegen wurde der Einfluss des WIVerfahrens auf die vorherrschende Sedimentdynamik und daran gekoppelte Gewässerökologie noch nicht vollständig geklärt. Das WI-Verfahren, das seit 2004 im Weser-Ästuar für Unterhaltungsmaßnahmen eingesetzt wird, soll auch im Rahmen einer weiteren Fahrrinnenvertiefung genutzt werden. Vor diesem Hintergrund wurde im Juni 2008 eine umfangreiche

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Untersuchungskampagne im Weser-Ästuar realisiert (vgl. LANGE 2011), bei der das Senckenberg-Institut Wilhelmshaven, zusammen mit der Universität Kiel, flankierend den Grad der baggerinduzierten Einflussnahme auf Sedimentcharakteristik und -dynamik an der Gewässersohle und in der Wassersäule mittels räumlich und zeitlich hochauflösender hydroakustischer und optischer Messtechnik untersucht hat. Ergebnisse hierzu finden sich sowohl in SCHROTTKE et al. (2008) und PAPENMEIER et al. (2010a, 2010b) als auch auszugsweise im diesem Artikel.

2 Untersuchungsgebiet Der tidedominierte Abschnitt der Weser, der sich über ~120 km Länge von Bremen bis zur offenen Nordsee erstreckt, zählt zu den wichtigsten Wasserstraßen Deutschlands (Abbildung 1a). Die ursprüngliche Flussgeometrie mit ihren Untiefen wurde seit Beginn der Nutzung als Wasserstraße schnell zu einem Schifffahrtshindernis, was nachfolgende Ausbaumaßnahmen zur Folge hatte (FRANZIUS 1991). Die heutige, meso- bis makrotidale Unterweser ist derzeit auf 9 m Springniedrigwasserniveau ausgebaut. Im Bereich des Fahrwassers wird die Sohloberfläche von Sanden dominiert, die oft in Form von bis zu 6 m hohen und 150 m langen, zwei- bis dreidimensional ausgeprägten subaquatischen Dünen die Gewässertiefe lokal herabsetzen (SCHROTTKE et al. 2006). An den Böschungen stehen vermehrt alte feinkohäsive Ablagerungen an. Kohäsive Feinsedimente mit unterschiedlichem Konsolidierungsgrad finden sich auch im Bereich der Trübungszone (TMZ), die sich im Durchschnitt über eine Flusslänge von 15 - 20 km erstreckt und deren Zentrum bei mittlerem Oberwasser von 327 m³/s im Brackwasserbereich stromauf von Bremerhaven liegt (SCHROTTKE et al. 2005, 2006). Dieses deckt sich mit Angaben zu Schwebstoffkonzentrationen (SSC), die außerhalb der TMZ Werte von 126 mg/l kaum übertreffen (SCHUCHARDT et al. 1993), jedoch innerhalb dieser Zone um ein Vielfaches ansteigen können (GRABEMANN 1997). Insbesondere in Sohlnähe können zu Stauwasser Werte von mehreren 10er g/l erreicht werden (SCHROTTKE et al. 2006). Dieses wird durch die Bildung großer Partikelaggregate hervorgerufen, die nach WELLERSHAUS (1981) Durchmesser > 100 µm erreichen können. Neuere Untersuchungen bestätigen diesen Sachverhalt (PAPENMEIER et al. 2010a). Die Untersuchungen zur Wirkungskontrolle von WI-Baggerungen fanden in zwei Gewässerabschnitten statt (Abbildungen 1a, b und c). So wurde einer im brackischen (A) und limnischen (B) Milieu mit jeweils 4 - 5 Untersuchungsboxen ausgewiesen. Es galt zwischen Unterhaltungs- bzw. Ausbauboxen zu unterscheiden, innerhalb derer ausgewählte Dünenkörper auf die Soll- bzw. geplante Ausbautiefe (Toleranz ± 50cm) abgetragen werden sollten und Referenzboxen zum Vergleich zwischen baggerbeeinflussten und –unbeeinflussten Bedingungen. Die Baggerarbeiten wurden am 10.06.2008 (A) bzw. 24.06.2008 (B) jeweils bei Nipptide durchgeführt. Der Oberwasserabfluss lag mit 195 m³/s geringfügig unter dem für diesen Monat typischen Wert von 200 m³/s (vgl. PIECHOTTA 2011, vgl. S. 18 ff.). Der WIEinsatz wurde vom Baggerschiff Akke durchgeführt. Diese nutzt einen 10 m breiten Injektionsschlitten, der sohlnah geführt wird und über den aus Düsen große Oberflächenwassermengen mit geringem Wasserdruck in die Sohle verbracht werden (STENGEL 2006).

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Abbildung 1 a-c: a) Die Weser von Bremen bis Bremerhaven mit zwei Untersuchungsabschnitten im brackischen (A) und limnischen (B) Milieu, sowie die Lage des Untersuchungsgebietes in Deutschland b) Gewässerabschnitt (A) mit der Lage der Untersuchungsboxen und c) Gewässerabschnitt (B)

3 Methodik und Datenbasis Zur Klärung der Frage, inwieweit WI-Baggerungen im Bereich subaquatischer Dünenfelder die vorherrschende Sedimentcharakteristik und -dynamik beeinflussen, wurden verschiedene hydroakustische und optische Messungen, gepaart mit Probennahmen, zeitgleich durchgeführt. Dabei galt es sowohl mögliche morphologische und sedimentologische Änderungen der Gewässersohle zu erfassen als auch Schwebstoffänderungen in der Wassersäule über Raum und Zeit aufzunehmen. Ein parametrisches Sedimentecholot (SES-2000®, Innomar Technology GmbH) diente, unter Nutzung von Primär- und Sekundärfrequenz (100 kHz, hier 12 kHz), hauptsächlich der Erfassung von Sohländerungen mit Eindringtiefen hier bis zu 5 m, bei einer vertikalen Auflösung von ≥ 6 cm (SCHROTTKE & BARTHOLOMÄ 2008). Eine flächenhafte Erfassung der Sohloberflächencharakteristik erfolgte unter Nutzung der 330 kHz Frequenz eines digitalen Zwei-Frequenz Seitensichtsonars (SSS) vom Typ Sportscan®, Imagenex (SCHROTTKE & BARTHOLOMÄ 2008). Die festgelegte Abdeckung betrug 60 m bei einer Signalverstärkung von 8 dB. Ein ADCP (Acoustic Doppler Current Profiler, 1200 kHz Zedhead RDTeledyne) mit vertikaler Zellengröße von 25 cm diente der profilierenden Strömungsmessung sowie einer SSCAbschätzung durch Auswertung des akustischen Rückstreusignals (DEINES 1999). Diese Angaben wurden durch Rückstreuintensitäten eines optischen Feststoffsensors (OBS) vom Typ ViSolid 700IQ (WTW) flankiert. Salinität und Temperaturmessungen erfolgten mit CTD-Sonden (Conductivity, Temperature, Depth) der Firmen Sea & Sun Technology und Driesen & Kern GmbH. Laseroptische Daten zur Partikelverteilung im Größenbereich von 2,5 - 500 µm und Partikelvolumenkonzentration (VC) wurden mit einem LISST (Laser InSitu Scattering & Transmissometry) System vom Typ 100x-C (Sequoia® Scientific Inc.) profilierend erhoben (AGRAWAL & POTTSMITH 2000).

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Wasser- und Sedimentproben wurden zur Kalibrierung der hydroakustischen und optischen Messdaten genommen. Dabei kam ein horizontaler Wasserschöpfer (2,2 l, HydroBios©) in zwei Wassertiefen zur Ermittlung von SSC-Werten mittels Vakuumfiltration (Ø 1,2 µm) zum Einsatz (SCHROTTKE & ABEGG 2005). Verschiedene Van-Veen-Greifer sowie ein ReineckKastengreifer mit Stechkästen (B: 25 cm x T: 20cm x L: 40 cm) wurden zur Beprobung der Oberflächensedimente genutzt. Die laborgestützte Korngrößenanalyse erfolgte für die Fraktionen zwischen 10.75 Phi und 4 Phi (Phi = -log2d/d0 mit d = Korndurchmesser d0 = 1 mm) mit einem SediGraphen (5120TM, Micromeritics Inst. Corp.) über Röntgentransmission und für Fraktionen zwischen umgerechnet 4 Phi und -1 Phi mit einer Sedimentationsröhre vom Typ MacroGranometerTM (H = 1.8 m; D = 0.2 m) über Sinkgeschwindigkeiten. Stechkastenprofile gaben zudem Aufschlüsse über oberflächennahe Sedimentgefüge. Die Messungen wurden hauptsächlich vom Messboot Scanner des Senckenberg-Institutes Wilhelmshaven mit Unterstützung der Rüstersiel vom Wasser- und Schifffahrtsamt Wilhelmshaven durchgeführt (vgl. LANGE 2011). Dabei wurden Längsprofile und Querprofile im Fahrwasser der Unterweser vor, während und nach WI-Einsatz aufgenommen. Stationäre Profilmessungen fanden an ausgewählten Positionen über verschiedene Tidephasen statt. Der Mindestabstand zwischen Bagger und Rüstersiel wurde auf rund 60 m gesetzt, während die Messprofile, die mit dem Scanner abgefahren wurden teils dichter an den Arbeitsbereich der Akke heranreichten. Die Positionierung erfolgte über GPS (Globales Positionierungssystem), wobei die Positionsdaten, die über das auf dem Scanner installierte System erhoben wurden durch eingespeiste Korrekturdaten von Referenzstationen eine Genauigkeit im cm-Bereich aufweisen.

4 Ergebnisse In allen Untersuchungs- bzw. Ausbauboxen wurden die Dünenkuppen zuvor ausgewählter Dünenkörper mittels WI-Verfahren erfolgreich gekappt. Dieses Resultat spiegelt sich deutlich in den einander gegenübergestellten SSS- und SES-Daten wider, wie in den Abbildungen 2a und 2b an einem Querprofil aus der Ausbaubox (B) exemplarisch gezeigt ist. Das Profil erstreckt sich von der Uferböschung im Westen zur anderen im Osten. Deutlich zu erkennen sind die steil abfallenden Böschungen. Die Sohloberfläche im Bereich der Fahrrinne wirkt auf der SSS-Aufnahme rau, durch die Präsenz mehrere Meter hoher, asymmetrischer subaquatischer Dünen. Die Dünenkämme sind dabei nicht gradlinig quer zum Strom ausgerichtet, sondern nehmen einen komplexen, teils bogenartigen Verlauf ein. Die großen Dünenkörper sind typischerweise von kleineren, hier ebborientierten subaquatischen Dünen bzw. Rippel überlagert. Die SSS-Aufnahme zeigt den Injektionsschlitten des Baggers, der an einem Dünenkörper im westlichen Fahrrinnenbereich arbeitet und bereits rund 60 % der dortigen Sohlform eingeebnet, d. h. die befahrbare Tiefe in dem Bereich auf gut 1 m heraufgesetzt hat (Abbildung 2a, 2b). Deutlich zu erkennen ist die präzise Abarbeitung der Dünenkuppe. Dabei ist der Injektionsschlitten quer zur Rinne ausgerichtet und arbeitet gegen den Flutstrom. In Lee des Schlittens zeigt sich scharf vom Umfeld abgrenzbare, erhöhte akustische Rückstreuung, die Auswirkungen von WI-Baggerungen subaquatischer Dünen auf die Sedimentcharakteristik und -dynamik der Gewässersohle in der Tideweser Seite 45

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das Bodensignal überlagert. Dabei bleibt diese Signalüberlagerung hauptsächlich auf die Breite des Schlittens beschränkt. Westlich des Schlittens ist die Luvflanke des noch zu bearbeitenden Dünenkörpers mit ungestörter Sohloberfläche zu sehen. Das zeigt sich an dem typischen Wellenmuster, das durch die kleineren, den großen Dünenkörper überlagernden Dünen bzw. Rippel hervorgerufen wird. Von einer Einebnung dieser Formen durch eine baggerinduzierte Sedimentüberdeckung ist hier nicht auszugehen.

Abbildung 2a-b: a) Seitensichtaufnahme über ein Profil quer zum Strom in der Ausbaubox des Gewässerabschnittes (B) während aktiver Wasserinjektion b) SES Aufnahme bildet den westlichen Teil der Gewässersohle im Vertikalprofil ab.

Hingegen zeigt sich ein anderes Rückstreusignal in dem Bereich, in dem die Kuppe des großen Dünenkörpers bereits abgetragen wurde. Die akustische Rückstreuung ist schwächer, eine kleinskalige Oberflächenmorphologie fehlt. Allerdings bleibt dieser Zustand auf wenige 10er Meter in nördliche und südliche Richtung beschränkt. Weiter östlich erscheint die Sohloberfläche wieder ungestört. Es lässt sich folgern, dass das Material der Dünenkuppe im Wesentlichen nur bis zu den Dünenflanken bzw. sich direkt anschließenden Dünentälern verfrachtet wird. Dieses Ergebnis deckt sich mit denen, die sich von anderen Messprofilen ableiten lassen, die jeweils vor und nach den Baggeraktivitäten durchgeführt wurden. In Gegenüberstellungen zeigen sich stromauf bzw. -abwärts gerichtete Sedimentverlagerungen über eine Längserstreckung von wenigen 10er Metern. Dabei entfällt der mengenmäßig größere Anteil auf den Abschnitt, der von der Tideströmung abgewandt ist. Ein Vertikalschnitt durch die ersten oberflächennahen Meter der Gewässersohle, wie in Abbildung 2b gezeigt, signalisiert weitere baggerinduzierte Auswirkungen im Vergleich

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zwischen unbearbeiteter und bearbeiteter Sohle. So sind Änderungen der akustischen Impedanz an der Sohloberfläche des unbearbeiteten Abschnitts wesentlich geringer als im bearbeiteten Abschnitt. Ferner deuten kleinräumige Impedanzwechsel innerhalb der ersten Dezimeter im unbearbeiteten Bereich auf Interngefüge hin, das im bearbeiteten Bereich erst ab einer Tiefe von rund 1 m zu sehen ist (Abbildung 2b). Auf Basis von SSS- und SES-Daten sowie Sedimentanalysen ist die Sohloberfläche im Fahrwasser als sandig zu bezeichnen, wobei unimodale, gut sortierte Mittelsande überwiegen (Abbildungen 3 und 4). Kleinräumiger betrachtet entfallen die feineren Fraktionen auf die Dünenkuppen (Beispiel B: 1. Mode Ø bei 1,4 Phi), während gröbere Fraktionen eher in den Dünentälern anzutreffen sind (Beispiel B: 1. Mode Ø bei 1,1 Phi). Korngrößenverteilungen, die aus Steckkastenproben gewonnen wurden und Aussagen über vertikale Korngrößenänderungen erlauben, lassen teils klare Unterschiede zwischen Dünenkuppe und Dünental erkennen. Allerdings zeigt sich, wie exemplarisch in Abbildung 3 dargestellt, dass trotz Interngefüge, die Sedimente im Bereich der Dünenkuppen über die Tiefe (wenige Dezimeter) oft nur unwesentlich variieren.

Abbildung 3: Stechkastenprofil von einer Dünenkuppe aus der Unterhaltungsbox (B) vor der WI-Baggerung mit Korngrößenhäufigkeitsverteilungen aus unterschiedlichen Tiefenniveaus.

Die Oberflächensedimentproben, die in der Ausbaubox (B) vor und nach den Baggeraktivitäten an 12 vergleichbaren Positionen genommen wurden, zeigen anhand der aus den Proben gemittelten Verteilungskurven keine signifikanten Unterschiede (Abbildung 4). Inwieweit Sediment baggerinduziert in die Wassersäule eingetragen wird, kann anhand einer SES-Aufnahme aus dem unmittelbaren Leebereich des Injektionsschlittens aufgezeigt werden (Abbildung 5). Daraus lässt sich ableiten, dass lokal begrenzt Sohlsedimente bis zu 1 m in die Wassersäule eingetragen werden. Die zugehörigen akustischen Signale lassen sich von

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Abbildung 4: Mittlere Korngrößenhäufigkeitsverteilungen von Oberflächensedimentproben vor (24.06.2008) und nach (25.06.2008) der WI-Baggerung im Bereich der Ausbaubox (B).

weiteren akustischen Mustern abgrenzen, die in der SES-Aufnahme, aber auch in ADCP- und SSS-Daten zu finden sind. Sie lassen sich je nach Strömungsintensität bis zu mehrere 100 m verfolgen, bis sie schließlich im natürlichen Signal verschwinden. Es liegt nahe anzunehmen, dass es sich dabei um Trübungsfahnen handelt.

Abbildung 5: SES-Aufnahme aus dem unmittelbaren Leebereich des Injektionsschlittens in der Unterhaltungsbox (B). Rote Markierung kennzeichnet den Abschnitt, in dem nach Interpretation der akustischen Impedanzänderung Sohlsedimente in die Wassersäule eingetragen werden.

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Die Analysen der Wasserproben auf SSC zeigen allerdings keine klar erhöhten Werte hinter bzw. seitlich des Baggers in Entfernungen > 60 m. SSC-Werte rangieren in beiden Gewässerabschnitten zwischen 22 - 320 mg/l (A) bzw. 26 - 128 mg/l (B). Auch die Schwebstoffpartikel zeigen keine deutlich baggerinduzierte Größenveränderung. Die Partikelgrößen, die insitu gemessen wurden, sind vorwiegend unimodal verteilt. Im brackischem Milieu gehen sie durch das Auftreten der Fraktionen < 3 Phi öfters in bi-modale Verteilungen über. Insgesamt liegen die mittleren Partikelgrößen in beiden Gewässerabschnitten mit 2,9 Phi (A) bzw. 2,8 Phi (B) eng beieinander. Auffällig ist das vorzeitige Erreichen der Trübungssättigung beim LISST-System in Sohlnähe während der Wasserinjektion.

5 Interpretation und Diskussion Die Untersuchungen bestätigen, dass mit dem WI-Verfahren eine sehr präzise Abarbeitung ausgewählter Dünenkuppen auf das geforderte Höhenniveau möglich ist. Dieses Resultat deckt sich mit Angaben aus der Literatur (u. a. MEYER-NEHLS et al. 2000). Es lässt sich ebenfalls auch aus den neuen Untersuchungsergebnissen ableiten, dass die mittels Wasserinjektion auf den Dünenkuppen mobilisierten und unter Einwirkung des Tidestromes verfrachteten Sedimente bereits an den Dünenflanken bzw. in den unmittelbar angrenzenden Dünentälern wieder zur Ablagerung gelangen, dabei Transportentfernungen von wenigen 10er Metern längs der Stromachse nicht übersteigen. Derartige Lageänderungen mobilisierter Dünensedimente zeigte auch STENGEL (2006) bei vergleichenden Gegenüberstellungen bathymetrischer Profilschnitte sowie PAPENMEIER et al. (2010a) in SES-Aufzeichnungen bzw. PIECHOTTA (2011, s. S. 18 ff.) in SES-Daten und fächerecholotbasierten Differenzkarten. Eine baggerinduzierte Sedimentverlagerung über die Fläche lässt sich auch aus SSS-Aufnahmen anhand von Änderungen der mikro- bis kleinskaligen Sohlmorphologie ableiten. Dabei können scharfe Übergänge zwischen unbeeinflusster und beeinflusster Sohle in den akustischen Aufnahmen identifiziert werden. Während die Sohloberfläche den in unbeeinflussten Bereichen durch die Präsenz kleiner Sohlformen ein akustisch raues Bild widerspiegelt, nimmt die akustische Rückstreuintensität auf den bearbeiteten Flächen ab, da die Sohlmorphologie entweder durch Abtrag oder durch Sedimentüberlagerung eingeebnet wird. Zudem ist davon auszugehen, dass das Lagerungsgefüge nicht nur an der Sohloberfläche verändert wird, wie sich auch an vertikalen Sedimentprofilen abzeichnet. Das für ein strömungsdominierten Faziesbereich typische Interngefüge, das sich im unbeeinflussten Bereich sowohl in den akustischen Daten als auch in den Stechkastenprofilen widerspiegelt, tritt auf den frisch bearbeiteten Flächen innerhalb der ersten Tiefendezimetern nicht in Erscheinung. Vergleichbare Beobachtungen aus anderen Studien konnten bislang nicht gefunden werden. Eine deutliche baggerinduzierte Änderung der Korngrößenverteilung lässt sich aus den gezeigten Daten nicht ableiten. Die Sedimentanalysen ergeben ein im Mittel enges, d. h. gut sortiertes Kornspektrum im Mittelsandbereich, insbesondere auf den Dünenkuppen. Werden diese Sedimente um- bzw. verlagert, ohne das sich diese mit feineren bzw. gröberen Kompo-

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nenten in nennenswertem Umfang mischen, so kann sich das Kornspektrum nicht ändern. Es sei an dieser Stelle jedoch nochmals erwähnt, dass die aufgeführten Ergebnisse auf mittleren Korngrößenverteilungen basieren, es also lokal und gebietsspezifisch zu größeren Abweichungen kommen kann. Neue Hinweise zur Frage, ob und inwieweit sandige Sohlsedimente in die Wassersäule eingetragen werden, ergeben sich aus SES-Aufzeichnungen, aus denen abgeleitet werden kann, dass Sande im unmittelbaren Leebereich des Injektionsschlittens über sehr kurze Distanzen als sohlnahe Schwebfracht verlagert werden. Signalerhöhungen, die sich auch in anderen Messdaten über weitere Distanzen abzeichnen, müssen jedoch mehr baggerinduzierten Turbulenzen denn erhöhten SSC-Werten zugeordnet werden (PAPENMEIER et al. 2010a, 2010b). Dieser Sachverhalt deckt sich ebenfalls mit den Ergebnissen der Sedimentanalysen, aus denen sich ableiten lässt, dass Fraktionen < 63 µm, die potenziell als Suspensionsfracht weiter verdriftet werden können, nur in einem geringem Maße bzw. nur lokal zur Verfügung stehen. Feinsedimente sind insbesondere in den Randbereichen der Fahrrinne zu finden, wo vermehrt auch alte Kleiablagerungen anstehen und erodiert werden. Auch sogenannte Schlickgerölle sind im gesamten Flusslauf anzutreffen. Im Gebietsvergleich entfallen leicht höhere SSC-Gehalte auf den brackischen Gewässerabschnitt. Dieses lässt sich mit der dortigen Beeinflussung der Schwebstoffverhältnisse innerhalb der Trübungszone erklären, deren stromaufwärts gerichtete Begrenzung je nach Oberwasserabfluss und Tidephase auf diesen Gewässerabschnitt entfällt. Zu Stauwasser kann dort die sandige Sohle partiell von fluiden Schlicken überlagert werden (SCHROTTKE et al. 2006). Ferner treten Wechsellagerungen von Sanden und Schlicken dort häufiger auf.

6 Schlussfolgerungen Das WI-Verfahren ermöglicht eine präzise Bearbeitung ausgewählter Dünenkuppen. Dabei bleibt die sohlnahe Ausbreitung der abgetragenen, durchschnittlich gut sortierten Mittelsande räumlich und zeitlich eng begrenzt. Eine weitreichende Beeinträchtigung der Seiten- bzw. Uferbereiche durch baggerinduzierte Sedimentverlagerungen lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Eine Generierung neuer Schwebfracht bzw. ein Austrag von Sedimenten als Schwebfracht über Transportstrecken von mehreren hundert Metern ist als gering einzustufen bzw. liegt dort im Rahmen der tidegesteuerten Schwebstoffdynamik.

Danksagung Danken möchten wir der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Förderung dieser Studie, die über das Exzellenzcluster Ozean der Zukunft und dem Senckenberg-Institut Wilhelmshaven durchgeführt wurde und angegliedert war in das Untersuchungsprogramm „Wirkungskontrolle Wasserinjektion“. Dieses wurde unter Federführung der Wasser- und Schifffahrtsämter (WSA) Bremerhaven und Bremen mit Beteiligung des WSA Cuxhaven sowie der Bundesanstalt für Wasserbau Hamburg durchgeführt. Unser Dank richtet sich auch an das WSA Wilhelmshaven für die Bereitstellung von Schiff und Besatzung.

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Geboren 1971 in Hamburg Fachgebiet: Küstengeologie 1992 – 1997 Geologie Studium an der Universität Kiel 2001 Promotion an der Math.-Nat. Fakultät der Universität Kiel

Kontakt: Prof. Dr. Kerstin Schrottke Universität Kiel Institut für Geowissenschaften Exzellenzcluster Future Ocean Sea-level Rise & Coastal Erosion Otto-Hahn-Platz 1 24118 Kiel Tel.: 0431/880-3911 E-Mail: [email protected]

Projektarbeit: 2001 – 2002 Forschungs- und Technologiezentrum Westküste, in Büsum 2002 – 2007 DFG Forschungszentrum Ozeanränder Marum (rcom), der Universität Bremen seit 2008 Leitung der JRG B5-1 Sea-Level Rise & Coastal Erosion des Exzellenzclusters Future Ocean der Universität Kiel, Leitung des Forschungstauchzentrums der Universität Kiel

1987: Diplom am Fachbereich Geowissenschaften, Freie Universität Berlin 1992: Promotion am Fachbereich Geowissenschaften, Freie Universität Berlin 1992-1997 Post Doc am Forschungsinstitut Senckenberg Wilhelmshaven

Kontakt: Dr. Alexander Bartholomä Forschungsinstitut Senckenberg Südstrand 40 26382 Wilhelmshaven Tel.: 04421/9475-210 Fax: 04421/9475-299 [email protected]

Seit 1997 Fachgebietsleiter Marine Sedimentologie, Abt. für Meeresforschung, Forschungsinstitut Senckenberg Seit 2004 Lehrbeauftragter an der Universität Bremen Forschungsgebiete: > Transportprozesse marine Sedimentologie > Meeresgeologie und Küstengeologie, Schwerpunkt Wattsysteme > Marine Fernerkundung und Hydroakustik

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2007 Master of Marine Geosciences am Fachbereich Geowissenschaften der Universität Bremen Seit 2008 Promotionsstudium an der Math.-Nat. Fakultät der Universität Kiel

Kontakt: M. Sc. Svenja Papenmeier Institut für Geowissenschaften Exzellenzcluster Future Ocean Sea-level Rise & Coastal Erosion Otto-Hahn-Platz 1 24118 Kiel Tel.: 0431/880-3217 Fax: 0431/880 1324 E-Mail: [email protected]

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Benthosökologische Untersuchungen zu den Auswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen in der Riffelstrecke der Unterweser Petra Schmitt1, Arnd Krumwiede1, Volker Steege2 1

KÜFOG GmbH, 27612 Loxstedt-Ueterlande ² Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 53175 Bonn

1 Einleitung Der zunehmende Einsatz des Wasserinjektionsverfahrens (WI) zur Unterhaltung der Fahrrinne sowie der geringe Kenntnisstand über die Auswirkungen auf bodenlebende Organismen gaben die Veranlassung zur Durchführung eines umfangreichen Untersuchungsprogramms in der Unterweser. Grundsätzlich ist bei der Mobilisierung von Sedimenten im Rahmen der WI-Baggerung mit Beeinträchtigungen der Benthoszönose zu rechnen. Neben einer direkten Schädigung der Organismen beim Spülvorgang kann es zu einem Verdriften der Tiere mit der Strömung kommen. Des Weiteren können bei der Ablagerung der suspendierten Sedimente Bodenlebewesen überdeckt werden. Die Folgen der Überdeckung auf die Besiedlung sind stark abhängig von der Beweglichkeit der Organismen und ihrer Fähigkeit, das Sediment zur Oberfläche hin zu durchwandern. Dabei spielt auch die Sedimentbeschaffenheit eine Rolle. Sandige Substrate können von Benthostieren leichter durchwandert werden als schlickige Sedimente, zudem tritt im Sand seltener ein Sauerstoffmangel auf. Im Rahmen der Baggerung entstehende erhöhte Schwebstoffkonzentrationen können sich vor allem auf suspensionsfressende und filtrierende Organismen wie Annelida (Ringelwürmer) und Bivalvia (Muscheln) negativ auswirken. Einer besonderen Gefährdung durch die Baggertätigkeit unterliegen auch Organismen wie Hydropolypen oder Seepocken aufgrund ihrer sessilen Lebensweise. Die bisher vorliegenden Untersuchungen der Benthosgemeinschaft im Zusammenhang mit WI-Baggerungen stellen in der Baggerstrecke einen Rückgang der Artenvielfalt, der Besiedlungsdichte und der Biomasse fest (MEYER-NEHLS 2000). Die Regeneration einer gestörten Benthoszönose ist unter anderem abhängig von der Intensität und Dauer der Störung sowie der Nähe zu unbeeinflussten Gebieten mit gleichem Arteninventar, aus denen eine Wiederbesiedlung erfolgen kann. Die hydrographischen Verhältnisse sind ebenfalls von Bedeutung, so werden stark durchströmte Bereiche schneller wiederbesiedelt als strömungsarme Flachwasserbereiche. Generell ist die Makrofauna instabiler Sedimente wie beispielsweise der Riffelstrukturen an hohe Umlagerungsintensitäten angepasst

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und weist daher eine entsprechende Störungstoleranz sowie Regenerationsfähigkeit auf (MEYER-NEHLS 2000). Im Rahmen der WI-Baggerungen in der Unterweser wird für die meisten Arten von einer Wiederbesiedlung innerhalb von Wochen ausgegangen, im Laufe von 1 - 2 Jahren sollte sie weitgehend abgeschlossen sein (GFL et al. 2005). Die vorliegende Studie befasst sich mit der räumlichen und zeitlichen Ausdehnung der Baggereffekte auf Bodenorganismen in der sogenannten „Riffelstrecke“, einem durch hohe Morphodynamik und Umlagerungsaktivität der mittel- bis grobsandigen Sedimente geprägten Abschnitt der Unterweser. Neben den betroffenen Baggerflächen in der Fahrrinne lag ein spezielles Augenmerk auf den strömungsberuhigten Hangbereichen, da hier bekanntermaßen eine artenreichere und sensiblere Fauna angesiedelt ist.

2 Untersuchungsgebiet Zur Erfassung der Auswirkung von WI-Baggerungen auf die sublitorale Benthosfauna wurden Untersuchungsflächen sowohl im Brackwasserbereich als auch im limnischen Bereich gewählt, da sich Artenzusammensetzung und Schwebstoffhaushalt in beiden Abschnitten stark unterscheiden. Damit wurden auch die verschiedenen FFH-Gebiete der Unterweser berücksichtigt. In beiden Abschnitten wurden „Untersuchungsboxen“ gebildet, die die Auswirkungen einer Unterhaltungs- und einer Ausbaubaggerung im Vergleich zu einer unbeeinflussten Referenzfläche darstellen (s. Abbildung 1). Die Unterhaltungsflächen liegen in Bereichen, die regelmäßig mit hoher Intensität unterhalten werden, die Ausbauflächen wurden bislang nicht oder nur gering unterhalten, sollen aber im Zuge der Unterweseranpassung bearbeitet werden. Als Referenz wurden Flächen mit vergleichbaren sedimentologischen und hydrologischen Gegebenheiten ohne Unterhaltungsmaßnahmen oder andere Beeinträchtigungen gewählt. Der Abstand der einzelnen Boxen beträgt mehrere hundert Meter zueinander, sodass sie sich im gleichen hydrodynamischen System befinden, eine gegenseitige Beeinflussung jedoch ausgeschlossen werden kann. Die untersuchten Seitenbereiche befinden sich in räumlicher Nähe zu den drei Boxen in der Rinne. Dort wurden die Stationen entlang des gesamten Untersuchungsabschnitts in einer Wassertiefe positioniert, die theoretisch noch einem Einfluss von suspendierten Sedimenten aus der Stromrinne unterliegen könnte. Im Zuge der Wirkungskontrolle wurden im Juni und Juli 2008 drei Untersuchungskampagnen zur Erfassung des Benthos durchgeführt. Eine erste Probenahme erfolgte wenige Tage vor der WI-Baggerung, die zweite unmittelbar nach dem Baggereinsatz und eine weitere Untersuchung vier Wochen nach der Baggerung. In jeder Untersuchungsbox wurden pro Kampagne mindestens 20 Stationen mit Hilfe eines Van Veen-Greifers (Oberfläche 0,1 m²) beprobt. Soweit möglich wurde auf eine repräsentative Verteilung der Probestellen auf die unterschiedlichen morphologischen Strukturen wie Riffelkuppe, -hang und -tal bzw. nach der WIBaggerung auf Flächen mit unterschiedlichem Umlagerungsgeschehen geachtet. Die Auswertung der erhobenen Daten erfolgte in Anlehnung an ein Konzept der BfG (NEHRING & LEUCHS 1999) und umfasst neben einer deskriptiven Analyse der BenthosKennwerte Taxazahl, Abundanz und Biomasse umfangreiche statistische Auswertungsmethoden (u. a. uni- und multivariate Varianzanalysen) einschließlich Ordinationsverfahren.

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Abbildung 1: Untersuchungsgebiet mit den Boxen Unterhaltung (U), Ausbau (E), Referenz (R) und Seite (S) im limnischen und oligohalinen Abschnitt der Unterweser

3 Ergebnisse Artenspektrum Die benthische Besiedlung der Riffelstrecke stellt sich aufgrund der vorherrschenden Umweltbedingungen wie hohen Strömungsgeschwindigkeiten und erhöhter Umlagerungsaktivität der sandigen Sedimente als sehr verarmt dar. Vor allem der limnische Untersuchungsabschnitt ist durch eine auffallende Artenarmut und geringe Besiedlungsdichte (ca. 40 Ind./m²) der Benthosfauna geprägt. Insgesamt wurden in beiden Weser-Abschnitten 23 Taxa nachgewiesen, darunter 13 Crustaceen-Arten (s. Tabelle 1). Das Arteninventar wird sowohl im oligohalinen als auch im limnischen Abschnitt vorwiegend von Brackwasserarten bestimmt. In den Rinnenbereichen dominieren unspezialisierte, opportunistische Arten, dagegen werden sensible Arten wie Seepocken und Hydrozoen sowie Arten mit spezifischeren Habitatansprüchen wie Boccardiella ligerica oder Corophium lacustre ausschließlich oder in höherer Dichte im geschützteren Seitenbereich angetroffen. Die Ausbildung stabiler Zönosen ist in der Rinne durch die kontinuierliche Umlagerung der oberflächennahen Sedimente erschwert. Während Arten wie die häufig angetroffene Schwebegarnele Neomysis integer oder der Amphipode Gammarus zaddachi, die die Substrate nur temporär besiedeln, diese Bedin-

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gungen tolerieren können, ist eine eigentliche endobenthische Fauna in diesen Bereichen nur eingeschränkt ausgebildet. Stetige endobenthische Arten in der Rinne sind lediglich der Polychaet Marenzelleria cf. viridis (in beiden Abschnitten) sowie die Körbchenmuschel Corbicula fluminea (im limnischen Abschnitt). Beide Arten sind ausbreitungsstarke Neozoen, die trotz ihrer vorwiegend endobenthischen Lebensweise über eine gewisse Mobilität verfügen. Tabelle 1: Übersicht der nachgewiesenen Makrozoobenthos-Taxa mit Angaben zur Ökologie, RoteListe-Status und Vorkommen in den Untersuchungsgebieten. Rote-Liste-Status nach RACHOR et al. (1995), V. NORDHEIM et al. (1996), RACHOR (1998): 3 = gefährdet, G = Gefährdung anzunehmen, Su = Vorwarnliste. Vorkommen: (x) = Einzelfunde (< 3 Ind. pro m² und Bereich) Brackwasserart

Taxa

Neozoen

Rote Liste

oligohalin

limnisch

Rinne

Seite

Rinne

Seite

-

x

-

-

x

x

x

x

(x)

(x)

(x)

(x)

-

x

-

x

x

(x)

(x)

x

x

x

x

-

(x)

-

-

x

x

(x)

x

-

-

x

(x)

x

(x)

x

x

x

x

x

x

x

x

(x)

x

-

-

Corophium volutator

-

x

-

-

Crangon crangon

x

x

-

-

-

x

-

x

Annelida (Ringelwürmer) Boccardiella ligerica

x

Marenzelleria cf. viridis

x

x

Neanthes succinea Oligochaeta spp. Mollusca (Weichtiere) Corbicula fluminea Potamopyrgus antipodarum Crustacea (Krebstiere) Balanus improvisus Bathyporeia pelagica Bathyporeia pilosa

x

Corophium lacustre

x

Corophium multisetosum

x

3

Eriocheir sinensis

x

x

Gammarus salinus

x

x

x

-

-

Gammarus zaddachi

x

x

x

x

x

x

x

-

-

x

x

x

x

Su

-

x

-

(x)

G

x

x

x

x

3

-

(x)

-

-

Chironomidae spp.

-

(x)

x

x

Ephemera spp.

-

-

-

(x)

14

22

10

14

Mesopodopsis slabberi Neomysis integer

x

Palaemon longirostris

x

Hydrozoa Cordylophora caspia Sertularia cupressina

x

x

Insecta (Insekten)

Anzahl Taxa

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Besiedlung der Fahrrinne vor der WI-Baggerung Im limnischen Abschnitt zeigen sich innerhalb der Rinnenbereiche keine auffälligen Unterschiede hinsichtlich der Artenzusammensetzung und Besiedlungsdichte bei der Beprobung vor der WI-Baggerung. Dagegen treten im oligohalinen Unterhaltungsbereich gegenüber den unbeeinflussten Rinnenstandorten (Ausbau und Referenz) deutlich reduzierte Abundanz- und Biomassewerte auf (p < 0,05), die auf das Fehlen von Marenzelleria cf. viridis an einigen Stationen zurückzuführen sind. Ursache für die Abwesenheit der Art an dieser Stelle dürfte vor allem die Sedimentbeschaffenheit sein, da die Gewässersohle hier aus einer Tonschicht mit stellenweise nur dünner Sandauflage gebildet wird (KÜFOG GmbH 2009). Der vorhandene Riffel aus vergleichsweise groben Sanden, die generell in diesem Bereich vorhandene hohe Morphodynamik, die für die ständige Neubildung von hohen Riffeln verantwortlich ist, sowie vermutlich auch die regelmäßig stattfindenden Unterhaltungsbaggerungen wirken weiterhin einem beständigen Ansiedeln der endobenthischen Art entgegen. Besiedlung der Fahrrinne unmittelbar nach der WI-Baggerung In beiden Untersuchungsabschnitten ist bei der Wiederholungsbeprobung unmittelbar nach Durchführung der WI-Baggerung in allen Bereichen der Fahrrinne eine deutliche Abnahme der Abundanzen und Biomasse aller häufigen Arten festzustellen (s. Abbildung 2). Die durchschnittliche Besiedlungsdichte verringert sich etwa um die Hälfte des Vorzustands, eine statistische Signifikanz ergibt sich in der oligohalinen Ausbau- und Referenzbox sowie in der limnischen Unterhaltungsbox (p < 0,05).

Abbildung 2: Mittlere Abundanzen der häufigen Benthos-Arten in den oligohalinen Rinnenboxen vor (1), unmittelbar nach (2) und vier Wochen nach WI-Baggerung (3)

Bei der Differenzierung der einzelnen Stationen in Bereiche mit Auftrags- bzw. Abtragsgeschehen (Sedimentumlagerung > 30 cm) zeigt sich, dass Abundanzrückgänge am stärksten in den bearbeiteten Flächen mit einem Sedimentabtrag auftreten. Insbesondere Marenzelleria cf. viridis tritt in den Abtragsflächen in reduzierter Zahl auf. In den Unterhaltungs- und Ausbauboxen findet sich aber auch an den Stationen ohne nennenswerte Sedimentumlagerungen ein

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Rückgang der Individuenzahlen im Vergleich zum Vorzustand, allerdings weniger deutlich ausgeprägt als in den Umlagerungsflächen. Der Einbruch der Besiedlungszahlen betrifft auch die jeweilige Referenzbox. Der großflächige Besiedlungsrückgang im Vergleich von der Vor- zur Nachbeprobung nach WI-Baggerung tritt sowohl im oligohalinen Abschnitt als auch zeitversetzt in der limnischen Referenzfläche auf. Die begleitenden hydrologischen und sedimentologischen Untersuchungen konnten jedoch nur vergleichsweise kleine Wirkradien der WI-Baggerung darstellen, so dass eine Beeinträchtigung der mehrere hundert Meter vom Baggergeschehen entfernt liegenden Referenzflächen durch verdriftetes Sediment oder erhöhte Trübung weitgehend ausgeschlossen werden kann (MAUSHAKE & WEZEL 2008, HANSEN & KÜFOG GmbH 2009, PAPENMEIER et al. 2010). Es ist daher davon auszugehen, dass die kleinräumigen Auswirkungen der WI-Baggerungen von großräumigen Besiedlungsveränderungen überlagert wurden. Eine mögliche Ursache könnte das saisonale Vordringen der Brackwasser- und Trübungszone in die jeweiligen Untersuchungsbereiche sein, das im Zuge der gewässerkundlichen Untersuchungen erfasst wurde. Besiedlung der Fahrrinne vier Wochen nach Baggerung In der weiteren zeitlichen Entwicklung deutet sich vier Wochen nach der Baggerung in den oligohalinen Rinnenstandorten eine Zunahme der Besiedlungsdichten und Biomassewerte an, die Ausgangswerte der ersten Beprobung werden jedoch nicht erreicht. Dominierendes Element in den Aufnahmen der letzten Probenahme ist Marenzelleria cf. viridis mit einer großen Anzahl juveniler Individuen. Als Hinweis auf die veränderte Zusammensetzung der Altersstruktur dient dabei die Verteilung der Gewichtsklassen (s. Abbildung 3).

< 2 mg AFTG 2‐4 mg AFTG 4‐6 mg AFTG 6‐8 mg AFTG > 8 mg AFTG

vor Baggerung

nach Baggerung

4 Wochen nach Baggerung

Abbildung 3: Prozentuale Verteilung der Gewichtsklassen von Marenzelleria cf. viridis vor, unmittelbar nach und vier Wochen nach WI-Baggerung in der Ausbaufläche des oligohalinen Abschnitts. AFTG = Aschefreies Trockengewicht

Bei stärkerer Differenzierung der einzelnen Stationen in die Bereiche mit Auf- bzw. Abtrag nach der Baggerung wird deutlich, dass die umlagerungsneutralen sowie die Auftragsflächen dichter mit Marenzelleria cf. viridis besiedelt sind. Die Abtragsflächen zeigen sich infolge deutlich geringerer Abundanzen der Art weiter beeinträchtigt. In den Stationen mit Sedimentauftrag finden sich weitgehend dem Ausgangszustand entsprechende Besiedlungszahlen, was für eine Wiederansiedlung der Art aus der näheren Umgebung spricht. Die Besiedlung des limnischen Abschnitts stellt sich weiterhin sehr stark verarmt dar. Die Individuendichte der endobenthischen Arten Marenzelleria cf. viridis und Corbicula fluminea

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ist nach wie vor sehr gering, sodass sich konkrete Aussagen über eine Regeneration der Baggerstellen nicht treffen lassen. Generell ist vier Wochen nach der WI-Baggerung eine deutliche Veränderung der Faunenzusammensetzung festzustellen, wie die Ergebnisse der Hauptkomponentenanalysen zeigen. In der graphischen Darstellung (Beispiel s. Abbildung 4) bilden die Stationen der dritten Probenahme in den oligohalinen Rinnenboxen eine zumindest von der ersten Beprobung recht gut abgrenzbare Gruppe. Ausschlaggebend ist das Fehlen von Gammarus zaddachi in den Aufnahmen der letzten Beprobung. In beiden Abschnitten ist der Amphipode sowie eine zweite bislang häufige Art, die Schwebegarnele Neomysis integer, nur noch in sehr geringen Abundanzen vorhanden. Da beide Arten jahreszeitliche Wanderungen durchführen und der Rückgang in allen Untersuchungsboxen nachzuweisen ist, sind für diese Erscheinung populationsbiologische Effekte verantwortlich zu machen. Zudem tritt im oligohalinen Abschnitt bei der dritten Beprobung mit Bathyporeia pilosa eine weitere wandernde Amphipoden-Art vermehrt auf, die vorher nur vereinzelt in den Proben vorhanden war. Die Wanderungsbewegungen dieser Arten wurden vermutlich durch veränderte abiotische Faktoren wie den Anstieg des Salzgehalts und die höhere Wassertemperatur ausgelöst. Oligohaliner Abschnitt, Ausbaufläche z vor Baggerung ▼ nach Baggerung „ 4 Wochen nach Baggerung

0.6

0.5

Gam zad 0.4

218 17 9

14 13 21 4 5

0.3 19

20

Axis 2

-0.4

16 1 15 -0.3 11 4 10

15

126

7 -0.1 188

0.1

7

-0.1 6

10 20 4 0.3

18

3

12

2

7

0.4

0.5

0.6

13 19 13 911 28

-0.3 20 6 -0.4

5

165

10

21 11

Bath pil

19

3

17 14 3 8

-0.5

15

17 0.1

-0.6

9

1

1

12 14

-0.5

Mar vir -0.6

Axis 1

Abbildung 4: Ordinationsdiagramm der Hauptkomponentenanalyse auf der Basis der Abundanzen im Bereich Ausbau bei allen drei Probenahmen im oligohalinen Abschnitt. Eigenvalues (cumulative percentage): Axis 1 - 39,8 %; Axis 2 – 71,2 %. Bath pil = Bathyporeia pilosa, Gam zad = Gammarus zaddachi, Mar vir = Marenzelleria cf. viridis.

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Seitenbereiche Die Seitenbereiche unterscheiden sich von den Rinnenstrukturen durch eine in der Regel arten- und individuenreichere Zönose. Vor allem in den oligohalinen Hangbereichen kommt es nach der Baggerung im Gegensatz zu den Entwicklungen in der Fahrrinne zu einem deutlichen Anstieg der Abundanzen (p < 0,05). Dominierende Arten mit einer Populationszunahme um mehr als die Hälfte sind die beiden endobenthischen Polychaeten Marenzelleria cf. viridis und Boccardiella ligerica sowie der röhrenbewohnende Flohkrebs Corophium lacustre. Ein naheliegender Effekt der Verdriftung von Individuen in die Seitenbereiche durch den Spülvorgang ist nicht erkennbar, da allein Marenzelleria cf. viridis ebenfalls in der Rinne häufiger auftritt, dort jedoch in verschiedenen Altersstadien, während im Seitenbereich ausschließlich juvenile Tiere nachgewiesen wurden. Die Ergebnisse der Benthosuntersuchungen im limnischen Seitenbereich sind aufgrund der dort vorhandenen steilen Hänge und der Substratheterogenität weniger deutlich, aber auch hier ergeben sich keine Hinweise auf eine Beeinträchtigung der Benthosgemeinschaft durch suspendiertes und abgelagertes Material aus den Baggerflächen. Die begleitend durchgeführten sedimentologischen Untersuchungen konnten ebenfalls keine auffälligen Veränderungen wie beispielsweise feinkörnige Auflagerungen feststellen (KÜFOG GmbH 2009).

4 Zusammenfassung Die benthische Besiedlung der Fahrrinne in der Unterweser besteht überwiegend aus Arten, die an die vorherrschende Dynamik angepasst sind. Nach Durchführung der WI-Baggerung tritt ein deutlicher Rückgang der Abundanzen in allen Untersuchungsbereichen der Fahrrinne auf, auch in den Referenzflächen. Da die Ergebnisse der hydrologischen und sedimentologischen Begleituntersuchungen übereinstimmend nur im unmittelbaren Nahbereich der Baggerstellen Effekte der WI-Baggerungen anzeigen, wird davon ausgegangen, dass großräumige Besiedlungsveränderungen die lokalen Auswirkungen der WI-Baggerungen überlagert haben. Trotz dieser Überlagerung zeigen sich die Flächen mit Sedimentabtrag am stärksten von dem Besiedlungsrückgang betroffen. Auch vier Wochen später ist hier die Besiedlungsdichte im Vergleich zur Umgebung weiter vermindert, so dass dies als Effekt der WI-Baggerung eingestuft werden kann. Vier Wochen nach der Baggerung sind teilweise Wiederbesiedlungsprozesse erkennbar, gleichzeitig ändert sich jedoch die Zusammensetzung der Zönose durch saisonale Wanderungen einiger Arten. Die Mehrzahl der sensiblen Arten wurde in den sublitoralen Hangbereichen nachgewiesen, die sich durch die WI-Baggerungen nicht beeinträchtigt zeigen.

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Literatur GFL; BioConsult & KÜFOG GmbH (2005): Fahrrinnenanpassung der Unter- und Außenweser an die Entwicklungen im Schiffsverkehr - Umweltverträglichkeitsuntersuchung (UVU), Gutachten i. A. des WSA Bremerhaven, unveröffentlicht. HANSEN, R.-D. & KÜFOG GmbH (2009): Wirkungskontrolle Wasserinjektionsbaggerungen in der Unterweser - Teilbericht Sedimentecholotuntersuchungen, Gutachten i. A. des WSA Bremerhaven, unveröffentlichter Entwurf. KÜFOG GmbH (2009): Wirkungskontrolle Wasserinjektionsbaggerungen in der Unterweser - Teilberichte Benthos- und Sedimentuntersuchungen, Gutachten i. A. des WSA Bremerhaven, unveröffentlichter Entwurf. MAUSHAKE, C. & WEZEL, M. (2008): Schwebstoffmessungen im Nahfeld einer Wasserinjektionsbaggerung, Bundesanstalt für Wasserbau, unveröffentlicht. MEYER-NEHLS, R. (2000): Das Wasserinjektionsverfahren. Ergebnisse einer Literaturstudie sowie von Untersuchungen im Hamburger Hafen und in der Unterelbe, Freie und Hansestadt Hamburg, Wirtschaftsbehörde Strom- und Hafenbau. NEHRING, S. & LEUCHS, H. (1999): Neues Untersuchungs- und Auswertungskonzept zur Erfassung von Auswirkungen auf das Makrozoobenthos durch subaquatische Baggergutverbringung, Jahresbericht 1999, Bundesanstalt für Gewässerkunde Koblenz. NORDHEIM, H. V.; ANDERSEN, O. N. & THISSEN, J. (1996): Red Lists of Biotops, Flora and Fauna of the Trilateral Wadden Sea Area, Helgoländer Meeresuntersuchungen 50 Suppl., S. 1 - 136. PAPENMEIER, S.; SCHROTTKE, K.; BARTHOLOMÄ, A. & STEEGE, V. (2010): Wirkungskontrolle von Wasserinjektionsbaggerungen auf subaquatischen Dünenfeldern in der Unterweser auf der Basis von hydroakustischen, optischen und laseroptischen Messungen, Erweiterte Zusammenfassungen der Jahrestagung 2009 (Oldenburg), Hardegsen 2010, Deutsche Gesellschaft für Limnologie. RACHOR, E. (1995): Rote Liste der bodenlebenden Wirbellosen des deutschen Wattenmeerund Nordseebereichs, In: NORDHEIM, H. V. & MERCK, T. (Bearb.): Rote Liste der Biotoptypen, Tier- und Pflanzenarten des deutschen Wattenmeer- und Nordseebereichs, Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz 44, S. 63 - 74. RACHOR, E. (1998): Rote Liste der bodenlebenden wirbellosen Meerestiere, In: BINOT, M., BLESS, R. BOYE, P., GRUTTKE, H. & PRETSCHER, P: Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands, Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz 55, S. 290 - 300.

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Jahrgang: 1975 2000 - 2007 Studium der Biologie mit den Schwerpunkten Meeresbiologie, Ökologie und Zoologie an der Universität Bremen seit 2007 Angestellte der Küfog GmbH

Kontakt: Dipl.-Biol. Petra Schmitt Küfog GmbH – Landschaftsökologische und biologische Studien Alte Deichstraße 39 27612 Loxstedt-Ueterlande Tel.: 04740-1071 Fax: 04740-1027 E-Mail: [email protected]

Projektbearbeitung: seit 2007: Biologische Begleituntersuchungen zu den Unterhaltungsbaggerungen in den ostfriesischen Inselhäfen 2008 - 2009: Wirkungskontrolle Wasserinjektionsbaggerungen in der Unterweser: Benthos- und Sedimentuntersuchungen 2009: Umweltverträglichkeitsstudie Dortmund-EmsKanal: Bestandsaufnahme und Bewertung des Makrozoobenthos und der Fische

Dipl.-Biol. Arnd Krumwiede Küfog GmbH – Landschaftsökologische und biologische Studien Alte Deichstraße 39 27612 Loxstedt-Ueterlande Tel.: 04740-1071 Fax: 04740-1027 E-Mail: [email protected]

Volker Steege Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Referat WS 14 Robert-Schuman-Platz 1 53175 Bonn Tel.: 0228-99 300 4242 Fax: 0228-99 300 807 4242 E-Mail: [email protected]

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Wirkungskontrolle WI-Baggerungen Unterweser: Untersuchung zur Betroffenheit der Finte

Jürgen Lange Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven, 27568 Bremerhaven

1 Anlass Die anadrome Wanderfischart Finte (Alosa fallax fallax, Lacepede 1803) erfuhr in den 1950er und 1960er Jahren einen dramatischen Einbruch ihrer in die Weser aufsteigenden Laichpopulation (u. a. SCHUCHARDT et al. 1985). Folgerichtig verlor die Finte ihre vormalige fischereiwirtschaftliche Bedeutung und geriet geradezu in Vergessenheit, bis sich in den 1990er Jahren die Anzeichen für eine deutliche Erholung des Bestandes mehrten. Die aktuellen stabilen Schwarmgrößen erreichen aber noch nicht wieder die historischen Ausmaße, weswegen die Art zu Recht einen hohen Schutzstatus als FFH-Art des Anhanges II und bundesweit als „stark gefährdet“ eingestufte Art genießt (z. B. BioConsult 2006). Nach den vorliegenden Erkenntnissen schwimmen die laichreifen Tiere, nachdem sie sich im März und April in der inneren Außenweser aufgehalten haben, in der Zeit von Anfang Mai bis Mitte Juni in Schwärmen die Unterweser hoch, wo sie sich fortpflanzen. Das Laichgeschehen konzentriert sich dabei zeitlich auf einige wenige Tage nach Erreichen adäquater Wassertemperaturen (> 15 °C) und räumlich auf den Flussabschnitt zwischen km 20 und km 35, ohne gänzlich darauf beschränkt zu bleiben. Die Laichprodukte werden oberflächennah in die freie Wassersäule abgegeben und mit den vorherrschenden tiderhythmischen Strömungen flussauf- und flussabwärts verdriftet (SCHULZE & SCHIRMER 2006). Diese Kenntnisse über das Fortpflanzungsverhalten der Finte gaben Anlass zur Sorge, dass die Art durch vermehrte WI-Baggerungen in ihrem Laichgebiet im Zuge der geplanten Weseranpassung (WAP) besonders betroffen sein könnte. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf dem Schicksal der Laichprodukte in den ersten Stunden und Tagen, denn es wurde besorgt, dass die Finteneier zu bestimmten Tidephasen (Stauwasser) aufgrund ihrer gegenüber dem Weserwasser höheren Dichte absinken und sich in den Tälern der örtlichen Riffelstrukturen akkumulieren könnten. Dort wären sie dann bei einem WI-Einsatz besonders dem Risiko der Überdeckung ausgesetzt, wodurch relevante Anteile der Reproduktionspopulation vernichtet werden könnten. Das Büro BioConsult Schuchardt und Scholle GbR Bremen wurde vom Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven beauftragt, das Gefährdungspotenzial dieses Wirkpfades zu ermitteln,

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indem die horizontale und vertikale Verteilung der Fintenlaichprodukte in der Wassersäule untersucht und beschrieben wird. Nachfolgend wird diese Untersuchung zusammengefasst.

2 Fragestellung und Methodik Die Untersuchung zur Betroffenheit der Finte durch WI-Baggerungen in ihrem Laichgebiet war nicht eingetaktet in die gesondert beschriebenen WI-Wirkungskontrolluntersuchungen mit Testbaggerungen im limnischen und brackigen Bereich. Vielmehr sollte das Hauptlaichgeschehen zu Anfang Mai 2008 benutzt werden, um Erkenntnisse über die zeitliche und räumliche Verteilung von Finteneiern und Fintenlarven in der Weser in Längs- und Querschnitten zu gewinnen. Die Fragestellungen im Überblick: > > > >

Wie verteilen sich die Finteneier zeitlich und räumlich in der Wassersäule der Unterweser? Wie verteilen sich Fintenlarven in der Wassersäule? Wie verändern sich die Verteilungsmuster in den wechselnden Tidephasen, insbesondere zur Stauwasserphase? Gibt es Hinweise auf eine Akkumulation von Finteneiern oder ggf. Fintenlarven in Riffeltälern?

Hierzu wurden im Mai 2008 an insgesamt vier Beprobungstagen umfangreiche Bongonetzbefischungen zwischen km 28 und km 35 durchgeführt. Die verwendeten Bongonetze wiesen Rundöffnungen von 50 cm Durchmesser und Netzsteerts von 2,50 m Länge bei 500 µm Maschenweite auf. Mittig auf dem Rahmenträger war ein Strömungsmessgerät installiert, um das gefilterte Wasservolumen zu bestimmen. Die Untersuchung unterteilte sich in zwei Teile: Zum einen wurden an km 28 und km 30 Quertransekte mit drei Fangplätzen (Strommitte und beide Hangbereiche) eingerichtet, die jeweils bodennah und oberflächennah beprobt wurden. Eine solche Quertransektaufnahme bestand also aus sechs Einzelhols, die über den Verlauf des Tidezyklus siebenmal wie folgt wiederholt wurde: > > > > >

1x kurz nach Ebbstau (Beginn Flutstrom) 2x bei laufender Flut 1x bei Flutstau 2x bei laufender Ebbe 1x kurz vor Ebbstau (Ende Ebbstrom)

Auf diese Weise wurden pro Transekt und Untersuchungstag 42 Einzelhols gewonnen. Insgesamt wurde km 28 einmal (08. Mai 2008) und km 30 zweimal (16. und 22. Mai 2008) solchermaßen beprobt. Zum anderen wurde bei km 35 eine Serie von Bongonetzhols gezielt zur Ermittlung von Unterschieden zwischen Riffelkuppe und Riffeltal durchgeführt. Auch hier wurde boden- und oberflächennah und nach o. a. Muster sieben Mal verteilt über den Tidezyklus gefischt. Diese Beprobung fand am 19. Mai 2008 statt. Vor Ort wurde eine ausgeprägte Transportkörper-

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struktur mit Tiefendifferenzen von 6,5 bis 8 m angetroffen, die die Identifikation per Echolot zur Unterscheidung der Kuppen- und der Talmessstelle erleichterte. Parallel zu den Netzfängen wurden eine Reihe physikochemischer Wasserparameter erhoben, die in der Auswertung durch Dauermesswerte des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ergänzt wurden. Für Unterproben der Finteneier wurden deren Entwicklungsstadien bestimmt. Die Interpretation der Daten erfolgte anhand einer Reihe deskriptiver statistischer Kennwerte. Datengruppen (Probenahmetage, Tiefenschichten, Hang- und Stromlage etc.) wurden anhand des Wilcoxon Rangsummentestes (Mann-Whitney U-Test) und des Kruskal-Wallis-Testes (One Way ANOVA für Ränge) auf signifikante Unterschiede geprüft.

3 Ergebnisse An allen vier Beprobungstagen wurden Finteneier und auch Fintenlarven erfasst. Am ersten Probenahmetag erwies sich die Eierdichte mit Abstand am höchsten, während nur sehr vereinzelt Larven nachgewiesen werden konnten. Das Fehlen später Entwicklungsstadien und der große Anteil sehr früher Entwicklungsstadien der Eier deuten darauf hin, dass mit Beginn der Untersuchung der Höhepunkt des Laichgeschehens erfasst wurde. Nachfolgend sinkt die Eierdichte kontinuierlich, während die Anzahl an Larven von wenigen Einzelnachweisen zu Beginn auf etwa 1,8 Individuen/m³ an den folgenden zwei Terminen anstieg. Die Eidichte lag im Mittel bei 6,1 pro m³. Obwohl jeweils an allen Probenahmestellen in beiden Tiefenstufen nachgewiesen, zeigten sowohl die Verteilung der Eier als auch jene der Larven signifikante Muster. Im Quertransekt erwies sich sowohl die horizontale als auch die vertikale Verteilung der Eier als inhomogen. So konnten nur 20 % aller in den Quertransekten gefundenen Eier im linken, westlichen Hangbereich erbeutet werden, während sich die restlichen 80 % recht gleichmäßig auf die Bereiche der Fahrrinnenmitte und des rechten, östlichen Hanges verteilen (Abbildung 1). Auch vertikal ergaben sich signifikante Häufigkeitsunterschiede, wenn auch weniger stark ausgeprägt. Etwa 60 % aller Finteneier stammten aus den bodennahen Hols, während 40 % oberflächennah angetroffen wurden.

Abbildung 1: Schematische Darstellung der Befischungspunkte (oberflächennah variabel je nach Tidewasserstand) sowie der horizontalen und vertikalen Häufigkeitsverteilung von Finteneiern aus Mittelwerten aller Quertransektdaten

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Für die Larven konnte das vertikale Verteilungsmuster nicht bestätigt werden, die Fänge verteilen sich indifferent auf die Hang- und Fahrrinnenpositionen. Die vertikale Verteilung stellt sich dagegen umgekehrt und zudem wesentlich deutlicher gegenüber der Verteilung der Eier dar. Oberflächennah wurden 90 % der Fänge getätigt, während nur 10 % der Larven aus den bodennahen Fangplätzen stammten (Abbildung 2).

Abbildung 2: Schematische Darstellung der Befischungspunkte (oberflächennah variabel je nach Tidewasserstand) sowie der horizontalen und vertikalen Häufigkeitsverteilung von Fintenlarven aus Mittelwerten aller Quertransektdaten

In der Sonderuntersuchung zum Vergleich zwischen Riffelkuppe und Riffeltal ergaben sich sehr variable Häufigkeiten der Finteneier. Das gilt sowohl für die vertikale als auch für die horizontale Verteilung (Abbildung 3). Die in der Quertransektuntersuchung vorgefundene moderate Häufung der Eier an Sohlnähe konnte hier nicht festgestellt werden, teilweise ergaben sich sogar umgekehrte Verhältnisse. So waren über dem Riffeltal oberflächennah erhöhte Eidichten gegenüber der sohlnahen Probenahmestelle zu verzeichnen. Im statistischen Abgleich der Stationen untereinander ergab sich keinerlei Signifikanz.

Abbildung 3: Schematische Darstellung der Befischungspunkte (oberflächennah variabel je nach Tidewasserstand) sowie der horizontalen und vertikalen Häufigkeitsverteilung von Finteneiern aus Mittelwerten aller Längstransektdaten

Die Verteilung der Fintenlarven bestätigt dagegen die Ergebnisse aus der Quertransektbeprobung: So ergab die horizontale Verteilung, d. h. in diesem Fall die Unterscheidung zwischen Kuppe und Tal wiederum indifferente Häufigkeiten und die vertikale Konzentration auf die oberflächennahen Stationen fiel in diesem Datensatz sogar noch etwas deutlicher aus als an km 28 und 30.

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Der Vergleich der verschiedenen Fänge im Verlauf der Tidephasen zeigte sowohl für Eier als auch für Larven Abundanzmaxima überwiegend zur Tidehochwasserphase. Abbildung 4 zeigt die vorgefundenen Eihäufigkeiten in Relation zur Tidephase aus den Daten der Quertransektuntersuchung. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass in der Untersuchung zur Unterscheidung von Riffeltal und Riffelkuppe, die ja auch die unterschiedlichen Tidephasen berücksichtigte, gerade zur Stauwasserphase weder sohl- noch oberflächennah überhaupt Finteneier nachgewiesen werden konnten, wohl aber zu den übrigen Tidephasen. Hierbei dürfte es sich um einen zufälligen Effekt der unter Kapitel 4 beschriebenen Verteilungsfunktion der Eier im Wasserkörper und der mehr oder minder stationären Betrachtung handeln.

Abbildung 4: Häufigkeit Finteneier zu verschiedenen Tidephasen (Tidekurve schematisiert). E1 = Ebbfang, Fangzeitpunkt kurz nach Tidehochwasser, E2 = Ebbfang (mittlere Ebbtidephase), E3 = Ebbfang (kurz vor Tideniedrigwasser), F1 = Flutfang, Fangzeitpunkt kurz nach Tideniedrigwasser, F2 = Flutfang (mittlere Fluttidephase), F3 = Flutfang (kurz vor Tidehochwasser), S = Tidekenterpunkt, Stauwasser. Beachte log. Skalierung der y-Achse (veränd. aus BioConsult 2008)

4 Interpretation Die Ergebnisse dieser Untersuchungskampagne bestätigen die Bedeutung der Unterweser als Laichgebiet für die Finte. Sowohl für Eier als auch für Larven werden Abundanzen erreicht, die im Rahmen vormaliger Untersuchungen liegen. Die hier gewonnenen Vorstellungen von der zeitlichen und räumlichen Entwicklung der Verteilung von Fintenlaichprodukten in der Unterweser in frühen Entwicklungsstadien geben keinen Hinweis auf eine massive Gefährdungslage durch WI-Einsätze. Insbesondere kann ein Aufakkumulieren von Eiern in Riffeltälern zur Stauwasserphase nicht bestätigt werden, die Anzahlen sind für die gesamte Wassersäule als hoch einzustufen (BioConsult 2008). Zwar sind die Häufigkeiten bodennah tatWirkungskontrolle WI-Baggerungen Unterweser: Untersuchung zur Betroffenheit der Finte Seite 69

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sächlich signifikant erhöht gegenüber den oberflächennahen Stationen, aber es werden sohlnah keine Mengen erreicht, die eine unmittelbare Gefährdung durch Vernichtung eines wesentlichen Anteils der Eier in einem Riffeltal befürchten lassen. Diese Verteilung wird entsprechend den festgestellten Entwicklungsstadien der Eier sehr schnell nach dem Ablaichen erreicht. Gerade auch die orientierende Untersuchung an Riffeltal und -kuppe ergab geringere Eidichten in der Talstruktur. Dabei weisen die Variabilität der Fangergebnisse und besondere Einzelereignisse wie punktuell scheinbar fintenfreie bzw. mit sehr geringen Abundanzen versehene Wasserkörper auf eine hohe räumliche Heterogenität der Verteilung hin. Für die Larven stellt sich die vertikale Verteilung umgekehrt dar. Die sehr deutliche Häufung in den oberflächennahen Bereichen spricht für ein aktives Aufsuchen durch vertikale Wanderung auch der frühen Larvenstadien. Die Verteilung der Laichprodukte im Längsschnitt über die verschiedenen Tidephasen ist als Funktion des Ortes, des Zeitpunktes und der Intensität des Ablaichens sowie der vorgefundenen Oberwasser- und Tideströmungsverhältnisse zu verstehen. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass sich die Laichprodukte nach der oberflächennahen Abgabe rasch über die gesamte Wassersäule verteilen und sich passiv mit dem jeweiligen Wasserkörper im Tidegeschehen stromauf und stromab bewegen. Die hier festgestellte Häufung zur Tidehochwasserphase ist demnach als Zufallsprodukt dieser Funktion zu interpretieren.

Literatur BioConsult (2006): Fischbasiertes Bewertungswerkzeug für Übergangsgewässer der norddeutschen Ästuare, unveröffentlichte Expertise im Auftrag der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein, Bremen, 88 S. BioConsult (2008): Untersuchungen zur Verteilung von Finteneiern und -larven in der Wassersäule im Querprofil bei Unterweser-km 30 im Mai 2008, unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag des Wasser- und Schifffahrtsamtes Bremerhaven, 40 S. SCHUCHARDT, B., BUSCH, D., SCHIRMER, M. & SCHRÖDER, K. (1985) Die aus Fangstatistiken rekonstruierbare Bestandsentwicklung der Fischfauna der Unterweser seit 1891; ein Indikator für Störungen des Ökosystems, Natur u. Landschaft 60 (11), S. 441 - 444. SCHULZE, S. & SCHIRMER, M. (2006): Die Finte (Alosa fallax) wieder in der Weser - endlich gesicherte Daten, Verhandlungen der Gesellschaft für Ichthyologie 5, S. 269 - 283. Kontakt: Jürgen Lange Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven Abt. Wissenschaftliche Untersuchungen Am Alten Vorhafen 1 27568 Bremerhaven Tel.: 0471-4835 327 Fax: 0471-4835 210 E-Mail: [email protected]

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Bewertung der WI-Untersuchungsergebnisse in der Unterweser vor dem Hintergrund von UVU, Natura 2000 und EG-Wasserrahmenrichtlinie Volker Steege1 und Jürgen Lange2 1

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 53175 Bonn ² Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven, 27568 Bremerhaven

1 Einführung Auslöser für die Untersuchungen in der Unterweser war die Umweltverträglichkeitsuntersuchung (UVU) im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens zur Anpassung von Unter- und Außenweser (GFL et al. 2006a). Die Auswirkungsprognose der UVU, die wegen fehlender Felduntersuchungen auf Plausibilitätsannahmen beruhte, sollte vorsorglich überprüft werden. Gleichzeitig sollte damit ein Beitrag zur Bewertung der Auswirkungen von WI-Baggerungen auf die Schutz- und Erhaltungsziele von Natura-2000-Gebieten in der Unterweser geleistet werden. Ursprünglich sollten die Untersuchungen erst bei der Ausführung des Vorhabens als Wirkungskontrolle durchgeführt werden. Aufgrund von Verzögerungen im Verfahrensablauf bestand aber die Möglichkeit, das Untersuchungsprogramm noch während des laufenden Planfeststellungsverfahrens auszuführen. Damit konnten erste Ergebnisse bereits im Planfeststellungsbeschluss berücksichtigt werden. Die Auswirkungsprognose der UVU wurde bestätigt, sodass der Planfeststellungsbeschluss auf gesicherten gutachterlichen Aussagen beruht. Eine abschließende Bewertung zu allen im Titel angesprochenen Aspekten ist erst nach Vorlage aller Teilberichte der Weseruntersuchungen möglich. An dieser Stelle wird der derzeitige Wissensstand dargelegt.

2 Umweltverträglichkeitsuntersuchung Die Umweltverträglichkeitsuntersuchung zur Weseranpassung hatte folgende Auswirkungsprognose zu den WI-Baggerungen in der Riffelstrecke der Unterweser, die aus sandigen Sedimenten besteht, formuliert: Schutzgut Wasser (Hydrologie, Morphologie, Wasserbeschaffenheit, Sediment): > Eine grundlegende Veränderung der Korngrößenverteilung bzw. Sedimentverteilung ist nicht anzunehmen.

Bewertung der WI-Untersuchungsergebnisse in der Unterweser vor dem Hintergrund von UVU, Natura 2000 und EG-Wasserrahmenrichtlinie Seite 71

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Die Erhöhung der Trübung oberhalb des in Bewegung befindlichen Sedimentes ist voraussichtlich nur schwach. Der Sedimenttransport beschränkt sich auf sohlnahe Bereiche. Es ist nicht mit einer relevanten Freisetzung an Nährstoffen und auch nicht mit einer erhöhten Sauerstoffzehrung zu rechnen, da der Schlickanteil im Sediment gering ist. Insgesamt sind die Umlagerungsvorgänge bei Einsatz des WI-Verfahrens den natürlicher Weise in großem Umfang stattfindenden Umlagerungen relativ ähnlich, finden allerdings intensiviert in wesentlich kürzerer Zeit statt. Die Auswirkungen der einzelnen Baggerungen sind vorübergehend und kleinräumig bis örtlich begrenzt, bei fortlaufender Unterhaltung werden die Auswirkungen andauernd. Eine Abnahme der Wertstufe gegenüber dem Ist-Zustand findet nicht statt.

Schutzgut Boden (semiterrestrische und semisubhydrische und terrestrische Böden): > Eine messbar erhöhte Sedimentation in den Wattbereichen der Unterweser ist aufgrund der geringen Erhöhung der Trübung nicht zu erwarten. Das sandige, gröbere Material der Riffelkuppen wird bei einer Mobilisierung durch das WI-Gerät vorwiegend bodennah über kürzere Strecken verdriftet. In die obere Wassersäule und somit auf die Höhe der Wattflächen gelangt nur ein geringer Anteil des Materials. > Es sind keine wesentlichen Schadstoffanreicherungen zu erwarten, da es sich um sandiges Material handelt. Eine Freisetzung feinkörniger Schwebstoffe ist nicht zu erwarten. Schutzgut Pflanzen (Phytoplankton und Phytobenthos): > Durch das Ansaugen und den Durchfluss von Wasser mit dem WI-Gerät kann eine geringe (nicht relevante) Menge an Phytoplankton geschädigt werden. > Eine Beeinträchtigung des Phytoplanktons durch erhöhte Trübung ist nicht zu erwarten, da in dem durchlichteten Bereich der Wassersäule, der nur nahe der Wasseroberfläche vorhanden ist, keine relevant erhöhte Trübung eintritt. > Phytobenthos wird nicht beeinträchtigt. Schutzgut Pflanzen (Biotoptypen): > Da bereits relativ instabile Sedimente durch das WI-Verfahren nur zusätzlich bewegt werden, wird der vorhandene Biotoptyp „Mäßig ausgebauter Flussunterlauf mit Tideeinfluss“ nur unwesentlich stärker gestört. > Höhere Pflanzen sind nicht betroffen. Schutzgut Zooplankton: > Durch das Ansaugen und den Durchfluss von Wasser mit dem WI-Gerät kann eine geringe (nicht relevante) Menge an Zooplankton geschädigt werden. Eventuelle Bestandsverluste werden durch die hohen Reproduktionsraten schnell ausgeglichen. > Eine Beeinträchtigung des Zooplanktons durch erhöhte Trübung ist nicht zu erwarten, da in dem durchlichteten Bereich der Wassersäule, der nur nahe der Wasseroberfläche vorhanden ist, keine relevant erhöhte Trübung eintritt.

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Schutzgut Makrozoobenthos: > Die betroffenen Sedimente in der Riffelstrecke der Unterweser sind artenarm besiedelt. > Die vorhandenen Arten sind an die hohe Umlagerungsdynamik angepasst. Viele Arten sind mobil und können ausweichen bzw. von Umlagerungen betroffene Bereiche umgehend wiederbesiedeln. Sessile bzw. wenig mobile Arten werden beeinträchtigt. > Die zu baggernden Riffelkuppen werden zunächst weitgehend entsiedelt. > Im Nahbereich der gebaggerten Riffelkuppen werden sessile und wenig mobile Arten durch umgelagertes Sediment überdeckt. Die Beeinträchtigungen sind hier wahrscheinlich nur schwach, hierfür wird ein Monitoring empfohlen. > Beeinträchtigte Bereiche werden kurzfristig zunächst durch mobile Arten und anschließend auch mit sessilen und weniger mobilen Arten wiederbesiedelt. Die Wiederbesiedlung erfolgt innerhalb von wenigen Wochen, nur bei wenig mobilen Arten mit längeren Reproduktionszeiten kann sie längere Zeit (1 - 2 Jahre) in Anspruch nehmen. > Bei Wiederholungsbaggerungen im Zuge der Unterhaltung können die Intervalle der Störung kürzer sein als die vollständige Wiederbesiedlung, so dass die Störung andauernd wird. Schutzgut Fische: > Pelagische Fischeier und -larven können durch das Einsaugen geschädigt werden. Durch den Ausschluss der Ausbaubaggerung in der Laichzeit der Finte im Hauptlaichgebiet werden die Auswirkungen vermieden. Mögliche Verluste während der kleinflächigeren Unterhaltungsbaggerungen in der Laichzeit werden als nicht erheblich eingestuft, da aufgrund der im Vergleich zum gesamten Wasserkörper angesaugten geringen Wassermengen die Mortalitätsrate nur gering erhöht wird. > Es kann im Bereich der Sedimentumlagerung zu einer Überdeckung von bodennahen Eiern und Larven kommen. Adulte Fische können ausweichen. > Von deutlichen Beeinträchtigungen durch erhöhte Trübung wird nicht ausgegangen. Zusammenfassend kann als Ergebnis der Monitoring-Untersuchungen in der Unterweser festgestellt werden, dass die Auswirkungsprognose der UVU detailliert bestätigt wurde. Da das Hauptziel der Untersuchungen das Makrozoobenthos war und indirekt auch mögliche Auswirkungen auf die Finte (Trübung, Überdeckung von Eiern am Boden), werden diese beiden Aspekte im Folgenden gesondert beschrieben. Zum Makrozoobenthos ist hervorzuheben, dass es in dem hochdynamischen Untersuchungsraum mit permanenter Wanderung der Riffel(Dünen)kuppen eines außergewöhnlich umfangreichen Beprobungs- und Auswerteaufwandes mit exakter Positionsbestimmung der Greiferproben bedurfte, um die kleinräumigen Auswirkungen auf den nur wenige Meter breiten Riffelkuppen und Überlagerungsbereichen herauszufiltern. Bereits dieser hohe Aufwand bringt zum Ausdruck, dass derartige Störungen in einem per se gestörten System von geringer Intensität in Bezug auf das Gesamtsystem sind. Durch das große Engagement aller Beteiligten bis hin zu den Schiffsbesatzungen gelang es dennoch, Beeinträchtigungen der BodenBewertung der WI-Untersuchungsergebnisse in der Unterweser vor dem Hintergrund von UVU, Natura 2000 und EG-Wasserrahmenrichtlinie Seite 73

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besiedlung zu erfassen. Es konnte gezeigt werden, dass auf den Abtragsflächen eine kurzfristige Entsiedlung eintritt. Die Flächen, auf denen das umgelagerte Sediment aufgetragen wird, sind ebenfalls beeinträchtigt, aber deutlich schwächer. Längerfristige Auswirkungen (Monate) werden durch die natürliche Fluktuation überdeckt und verlieren sich im Gesamtsystem. Die beeinträchtigten Flächen sind auf das nahe Umfeld der Baggerstellen (angrenzende Riffeltäler bis zur nächsten Kuppe) beschränkt. Auffällig war die starke Veränderung auch der Besiedlung der Referenzflächen im Zeitraum der Untersuchungen. Da es aus den gewässerkundlichen Untersuchungen, insbesondere dem Sedimentecholot, heraus keinen Hinweis gibt, dass die mehrere hundert Meter entfernten Referenzbereiche durch Verdriftung von mobilisiertem Sediment in einer Größenordnung, die entsprechende Besiedlungsänderungen bewirken könnte, betroffen sein könnten, muss davon ausgegangen werden, dass es sich hier um systemimmanente Besiedlungsschwankungen handelt. Eine Ursache könnte die saisonale oberwasserabhängige Stromaufverlagerung der Brackwasser- und Trübungszone sein, die in den Zeitraum der Untersuchungen fiel. Die damit einhergehende Veränderung des Wasserkörpers könnte Einfluss auf die Zusammensetzung des Makrozoobenthos genommen haben. Ebenso können Reproduktionszyklen Einfluss genommen haben. Die Auswirkungsprognose der UVU zum Makrozoobenthos wurde somit hinsichtlich Intensität und Reichweite von Beeinträchtigungen bestätigt. Im Planfeststellungsverfahren wird im Zuge der UVU vor dem Hintergrund der Gesamtwirkung und Dauerhaftigkeit (Ausbau plus Unterhaltung) die Erheblichkeit der Beeinträchtigungen durch die Baggerungen im Sinne des Bundesnaturschutzgesetzes festgestellt. Hinsichtlich der WI-Baggerungen werden erhebliche Beeinträchtigungen in den Baggerflächen angenommen. Die von Sedimentauflagerung betroffenen Bereiche werden nur unerheblich beeinträchtigt. Insgesamt wird die WI-Baggerung im Vergleich zur Hopperbaggerung als geringere Beeinträchtigung bewertet, da die Bodenfauna „nur“ aufgewirbelt und verdriftet wird, sie durchläuft nicht das Baggergerät mit dem Pumpensystem und wird nicht an einen anderen Ort im Gewässer verbracht. Auch die Auswirkungsprognose zu Beeinträchtigungen der Finte durch WI-Baggerungen konnte bestätigt werden. Das WI-Gerät verursacht keine Trübungswolken in der Wassersäule, die Finteneier oder -larven relevant beeinträchtigen könnten. Aus den Untersuchungen zur Verteilung von Finteneiern im Wasserkörper (LANGE 2011, vgl. S. 66 ff.) ist zu schließen, dass Ansammlungen von Finteneiern am Grund von Riffeltälern, die von Überlagerungen mit Sediment betroffen sein könnten, nicht vorhanden sind. Die Eier werden durch die Tideströmung auf die gesamte Wassersäule verteilt. Erhebliche Beeinträchtigungen im Sinne der UVU in der Unterweser durch Sedimentverdriftung in Seitenbereiche (Unterwasserhang, Wattflächen, Strände), Ausbreitung von Trübungswolken, Eintrag von Nährstoffen oder auch Sauerstoffzehrung können ausgeschlossen werden. Die dauerhaften Auswirkungen der Vertiefungsbaggerungen insgesamt auf das hydromorphologische System (u. a. Veränderung der Tidewasserstände, Verschiebung der Brackwasserzone, Veränderungen der Schwebstoffdynamik) werden an dieser Stelle nicht behandelt,

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da sie unabhängig von der Art des Baggerverfahrens eintreten und für die spezielle Bewertung von WI-Baggerungen hier nicht zu diskutieren sind.

3 Natura 2000 Die Bewertung möglicher Beeinträchtigungen von Baggerungen in den Ästuaren im Zuge von Umweltverträglichkeitsuntersuchungen hat im Verlauf der Anwendung des UVPG (Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung) seit seiner Einführung 1990 einen gewissen einheitlichen Standard erreicht, wobei dennoch jeder Einzelfall gesondert zu beurteilen ist. Die Anwendung der Natura-2000-Richtlinien mit der Prüfung auf erhebliche projektbedingte Beeinträchtigungen der Schutz- und Erhaltungsziele gemäß § 6 (3) FFH-Richtlinie bzw. § 34 BNatSchG befindet sich jedoch noch im Stadium der Entwicklung. Die Schutzgebietskulisse in den Ästuaren wurde mehrfach ausgeweitet, die Rechtsprechung wurde durch EuGH und BVwG mehrfach präzisiert und interpretiert, Integrierte Managementpläne für die bestehenden Schutzgebiete sind in Bearbeitung. Die laufenden Planfeststellungsverfahren zum Ausbau von Unter- und Außenweser sowie Unter- und Außenelbe sind von diesen Entwicklungen geprägt. Der Aufwand, alle aus Natura 2000 entstehenden rechtlichen Ansprüche vollständig zu bearbeiten, hat die Planfeststellung der Vorhaben stark verzögert. Im Planfeststellungsverfahren zur Unter- und Außenweser kam die gutachterliche FFH-Verträglichkeitsuntersuchung (GFL et al. 2006b) zu dem Ergebnis, dass die entstehenden Beeinträchtigungen durch Ausbau- und Unterhaltungsbaggerungen nicht als erhebliche Beeinträchtigungen der Schutz- und Erhaltungsziele der Natura-2000-Gebiete einzustufen sind. Vor dem Hintergrund der Rechtsprechung durch EuGH und BVwG in den Folgejahren kam die Planfeststellungsbehörde bei der WSD Nordwest zu der Beurteilung, dass erhebliche Beeinträchtigungen der Schutz- und Erhaltungsziele hinsichtlich Makrozoobenthos durch die Ausbau- und Unterhaltungsbaggerungen nicht mit hinreichender wissenschaftlicher Sicherheit ausgeschlossen werden können. Daher sind vorsorglich Kohärenzmaßnahmen zu ergreifen (GFL et al. 2008). Die Frage, ob die Baggerungen tatsächlich erhebliche Beeinträchtigungen auf das Makrozoobenthos im Sinne FFH auslösen, ist somit bislang nicht abschließend geklärt. Ausgehend von den Ergebnissen der WI-Untersuchungen in der Unterweser ergeben sich Argumente, die die Bewertung der WI-Baggerungen in der Riffelstrecke der Unterweser als „unerheblich“ im Sinne FFH stützen. Diese Einschätzung basiert auf den Anforderungen der FFH-Richtlinie für den „günstigen Erhaltungszustand“ eines natürlichen Lebensraumes. Der „Erhaltungszustand“ eines natürlichen Lebensraums wird gem. Art. 1 e, FFH-Richtlinie als „günstig“ erachtet, wenn > >

sein natürliches Verbreitungsgebiet sowie die Flächen, die er in diesem Gebiet einnimmt, beständig sind oder sich ausdehnen, die für seinen langfristigen Fortbestand notwendige Struktur und spezifischen Funktionen bestehen und in absehbarer Zukunft wahrscheinlich weiterbestehen werden, Bewertung der WI-Untersuchungsergebnisse in der Unterweser vor dem Hintergrund von UVU, Natura 2000 und EG-Wasserrahmenrichtlinie Seite 75

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>

der Erhaltungszustand der für ihn charakteristischen Arten im Sinne des Buchstabens i) günstig ist.

Nach Buchstabe i) wird der Erhaltungszustand der Arten als „günstig“ betrachtet, wenn >

> >

aufgrund der Daten über die Populationsdynamik der Art anzunehmen ist, dass diese Art ein lebensfähiges Element des natürlichen Lebensraumes, dem sie angehört, bildet und langfristig weiterhin bilden wird, das natürliche Verbreitungsgebiet dieser Art weder abnimmt noch in absehbarer Zeit vermutlich abnehmen wird, ein genügend großer Lebensraum vorhanden ist und wahrscheinlich weiterhin vorhanden sein wird, um langfristig ein Überleben der Populationen dieser Art zu sichern.

Die direkten Auswirkungen der bestehenden und geplanten Wasserinjektionsbaggerungen in der Unterweser auf die Stromsohle mit ihrer Benthosbesiedlung und den Wasserkörper beeinträchtigen die Kriterien für einen „günstigen Erhaltungszustand“ der relevanten Lebensraumtypen und Arten in der Unterweser allenfalls geringfügig. Die Beeinträchtigungen sind vor dem Hintergrund der natürlichen Populationsschwankungen und der vorhandenen hydromorphologischen Dynamik gering. Die Bewertung solch niedrigschwelliger Beeinträchtigungen hinsichtlich der Natura-2000-Belange wird weiterhin Gegenstand fachlicher Diskussion sein. Alleine der Umstand, dass Beeinträchtigungen eintreten, kann nicht ausreichend sein, bereits die „Erheblichkeit“ festzustellen. Die Intensität der Beeinträchtigungen muss im Verhältnis zu den sich fortlaufend verändernden dynamischen Verhältnissen in den Ästuaren beurteilt werden. Hinzuweisen ist an dieser Stelle darauf, dass die Planfeststellungsbehörde die indirekten dauerhaften Auswirkungen der Vertiefungsbaggerungen insgesamt auf das hydromorphologische System der Tideweser (u. a. Veränderung der Tidewasserstände, Verschiebung der Brackwasserzone, Veränderungen der Schwebstoffdynamik) als erhebliche Beeinträchtigungen im Sinne FFH einstuft.

4 EG-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) Ähnlich wie die Bewertung von Beeinträchtigungen im Sinne FFH befindet sich auch die Bewertung von Beeinträchtigungen im Sinne der WRRL noch in der Entwicklung. Nach derzeitigem Stand werden für die Bewertung des ökologischen Zustands innerhalb der Küstengewässer, Übergangsgewässer und limnischen Fließgewässer die Qualitätskomponenten Phytoplankton, Makrophyten (Makroalgen und Angiospermen), benthische wirbellose Fauna sowie Fische und Rundmäuler herangezogen. Hierfür wurden spezielle Bewertungsverfahren entwickelt. Weiterhin ist der chemische Zustand zu bewerten. In der UVU (GFL et al. 2006a) wird dazu ausgeführt: „Es ist danach davon auszugehen, dass der aktuelle Zustand der Wasserkörper „tidebeeinflusste Ströme Typ 20“ und „Übergangsgewässer Typ T1“ der Weser durch die vorhabenbedingten Veränderungen hydromorphologischer und ggf. auch biologischer Qualitätskomponenten negativ verändert wird (…) Eine erste Einschätzung lässt für die Wasserkörper des Typs Küstengewässer keine Verschlechterung im Sinne der WRRL Bewertung der WI-Untersuchungsergebnisse in der Unterweser vor dem Hintergrund von UVU, Natura 2000 und EG-Wasserrahmenrichtlinie Seite 76

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erwarten. Für die Wasserkörper „tidebeeinflusste Ströme Typ 20“ und „Übergangsgewässer Typ T1“ der Weser ist bei Realisierung der vorgesehenen Kompensationsmaßnahmen trotz der vorhabenbedingten Auswirkungen allenfalls eine tendenzielle Verschlechterung der aktuellen Situation, nicht jedoch eine Veränderung der Zustandsklasse zu erwarten“. Die Untersuchungsergebnisse des WI-Monitorings geben keine Veranlassung, dass es zu stärkeren Beeinträchtigungen im Sinne WRRL kommen könnte als sie 2006 bereits beschrieben wurden.

Literatur GFL, BioConsult & Küfog GmbH (2006a): Fahrrinnenanpassung der Unter- und Außenweser an die Entwicklungen im Schiffsverkehr - Umweltverträglichkeitsuntersuchung (UVU), Gutachten i. A. des WSA Bremerhaven, unveröffentlicht. GFL, BioConsult & Küfog GmbH (2006b): Fahrrinnenanpassung der Unter- und Außenweser an die Entwicklungen im Schiffsverkehr - FFH-Verträglichkeitsstudie, Gutachten i. A. des WSA Bremerhaven, unveröffentlicht. GFL, BioConsult & Küfog GmbH (2008): Fahrrinnenanpassung der Unter- und Außenweser an die Entwicklungen im Schiffsverkehr - FFH-Verträglichkeitsstudie, Nachtrag Juni 2008, Gutachten i. A. des WSA Bremerhaven, unveröffentlicht. LANGE, J. (2011): Wirkungskontrollen WI-Baggerung Unterweser: Untersuchung zur Betroffenheit der Finte. In: Veranstaltungen 2/2011 „Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen“. Workshop am 21./22. Juni 2010 in Bremerhaven. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. S. 66 - 71.

Kontakt: Volker Steege Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Referat WS 14 Robert-Schuman-Platz 1 53175 Bonn Tel.: 0228-99 300 4242 Fax: 0228-99 300 807 4242 E-Mail: [email protected]

Kontakt: Jürgen Lange Wasser- und Schifffahrtsamt Bremerhaven Abt. Wissenschaftliche Untersuchungen Am Alten Vorhafen 1 27568 Bremerhaven Tel.: 0471-4835 327 Fax: 0471-4835 210 E-Mail: [email protected]

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Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum auf den Sedimenthaushalt und die Sauerstoffverhältnisse der Tideems

Ina Quick1, Andreas Schöl1, Jens Mäueler2, Nicole Gehres1, Sönke Schriever1 1 Bundesanstalt für Gewässerkunde, 56068 Koblenz 2 Wasser- und Schifffahrtsamt Meppen, 49716 Meppen

1 Einleitung Die Schleuse Herbrum stellt die binnenländische Begrenzung des gezeitenbeeinflussten Bereiches der Tideems dar. Der Untere Vorhafen der Schleuse Herbrum ist 870 m lang und liegt tiefer als das sich anschließende Gewässerbett der Tideems. Die Gezeitenwirkung ist im Vorhafen abgeschwächt. Das Oberwasser der Ems gelangt nur als Schleusungswasser/Spülwasser über die Schleusen in den Vorhafen, weiterhin existiert ein parallel zum Vorhafen verlaufender Wehrarm, über den der überwiegende Teil des Oberwasserabflusses abfließt (vgl. Abbildungen 1 und 2). Erst am Zusammenfluss von Wehrarm und Schleusenarm steigen die Gezeitenströmungen an. Aufgrund der Gestalt des Unteren Vorhafens herrschen dort entsprechend geringe Fließgeschwindigkeiten und hohe Sedimentationsraten bzw. Sedimentmengenentwicklungen vor, die eine permanente Unterhaltung mittels Schlickeggeneinsatz erfordern und zeitweise trotzdem zu Beeinträchtigungen der Schifffahrt führen. Vor diesem Hintergrund wurde vom 13. bis 22. März 2010 der Einsatz des Wasserinjektionsverfahrens (WI) im Unterwasser der Schleuse Herbrum erprobt. Hierbei wurden rund 100.000 m³ Feinsedimente mobilisiert. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) erhielt den Auftrag seitens des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Meppen, die Auswirkungen der WI auf verschiedene gewässerökologische Parameter zu erfassen und zu beurteilen sowie eine Prognose vor dem Hintergrund der erlangten Werte vorzunehmen, inwieweit Wasserinjektionen in den Sommermonaten bei höheren Wassertemperaturen durchführbar sind mit einem wesentlich kleinerem WI-Gerät als Ergänzung/Ersatz der Schlickegge. Die Pilotstudie sollte des Weiteren Aufschluss geben, inwieweit die Wasserinjektion in Ergänzung zum Schlickeggeneinsatz zu wirtschaftlichen Synergien hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Sicherheit und Leichtigkeit der Schifffahrt führen kann. Die Wasserinjektionsarbeiten wurden im Benehmen mit der unteren Wasserbehörde und der Naturschutzbehörde des Landkreises Emsland durchgeführt. Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum auf den Sedimenthaushalt und die Sauerstoffverhältnisse der Tideems Seite 78

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Die Tideems besitzt einen erheblich veränderten Schwebstoffhaushalt mit in den Frühjahrsund Sommermonaten auftretenden, sohlennahen fluid-mud-Horizonten. Innerhalb der letzten 25 Jahre hat sich die Schwebstoffkonzentration im Bereich der Unterems zwischen Papenburg und Terborg im Mittel mehr als verfünffacht (DE JONGE 1983; NLWKN 1987-2005 (unveröffentlicht); STELZER et al. 2007). Durch das sogenannte tidal pumping kommt es vor allem in den Sommermonaten mit niedrigen Oberwasserabflüssen zu einem zunehmenden Sedimenteintrieb und in Folge davon, kombiniert mit höheren Wassertemperaturen, zu sich verschlechternden Gewässergüteverhältnissen in der Tideems. Feines Sediment wird infolge der Tideasymmetrie und des daraus resultierenden Ungleichgewichtes zwischen Flut und Ebbe mit einem stärkeren Flutstrom unablässig zyklisch in die Unterems mit ihrem stark vertieften Querprofil hinauftransportiert. Während der im Vergleich zur Flutphase wesentlich längeren und schwächeren Ebbphase kann das Material nicht entsprechend wieder aus der Unterems heraustransportiert werden (BfG 2006, 2008, 2010a, 2010b). Große Mengen feiner Kornfraktionen marinen Ursprungs finden sich daher in der Unterems bis nach Herbrum. Die von oberstrom aus dem Dortmund-Ems-Kanal (DEK) über das Wehr Herbrum eingetragenen Sedimentmengen sind vergleichsweise gering. Mit den eingetriebenen feinen Kornfraktionen hat auch die Korngrößenzusammensetzung der Gewässersohle eine erhebliche Veränderung erfahren. Zwischen den Jahren 1989 bis 2005 ist eine erhebliche Zunahme des Anteils von Ton und Schluff < 63 µm an der Gewässersohle im Fahrrinnenbereich zu verzeichnen (BfG 2008).

2 Begleitendes Messprogramm Um die Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung nachweisen zu können und um eine Beurteilungsgrundlage für eine Abschätzung der Beeinflussung der gewässerkundlichen Parameter zu schaffen, wurde das Monitoringkonzept auf die Analyse folgender Inhalte bzw. Fragestellungen ausgelegt: 1. Gewässergeometrie (Wie verändert sich die Morphologie der Gewässersohle?) 2. Trübung, Wassertemperatur, Sauerstoffgehalt, Salinität und Nährstoffe (Welche Beeinflussungen sind messbar?) 3. Strömungsgeschwindigkeiten, Durchflussmengen, Schwebstoffkonzentrationen und Schwebstofffrachten (Wie und wohin wird das mobilisierte Material transportiert, verändern sich die Korngrößenzusammensetzungen der Schwebstoffe infolge der WI?) 4. Chemie (Sind die Sedimente schadstoffbelastet?) 5. Ökotoxikologie (Wie ist das Toxizitätspotenzial der biologisch verfügbaren Schadstoffkomponenten einzuschätzen?) Der Schwerpunkt wird im Folgenden auf die Parameter des Feststoffhaushaltes/der Hydromorphologie sowie der Wasserbeschaffenheit/des Stoffhaushaltes (Punkte 2 und 3) gelegt. Die weiteren Ergebnisse zu den Punkten 1, 4 und 5 sind dem Endbericht zur Erprobung des WI-Verfahrens zu entnehmen (BfG 2010a). Das vollständige Messkonzept zeigt Tabelle 1.

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Tabelle 1: Messungen vor, während und nach der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum zu jeweils vergleichbaren Tidephasen und Tidezykluszeitpunkten (BfG 2010a). Datum

Art der Messung

02.03.2010

Probenahme

03.03.2010

Nullmessung

10.03.2010

Temporäre Sonden

10.03.2010

17.03.2010

18.03.2010

Nullmessung

Hauptmessung

Hauptmessung

17.03.2010

Hauptmessung

18.03.2010

Hauptmessung

31.03.2010

Nachmessung

Januar bis Mai 2010

Dauermessstationen (NLWKN)

Messprogramm Chemie/Ökotoxikologie Schwebstofftransportermittlungen über den gesamten Gewässerquerschnitt (ADCP + PDT), Kalibrierprobenentnahme – DEK-km 214,2 Ausbringen der temporären Sonden (die Sonden messen Trübung, Sauerstoff, Temperatur und Leitfähigkeit ca. 1 m unter der Wasseroberfläche) - Oberwasser Herbrum (Wehrarm) – DEK-km 211,5 - Vorhafen Herbrum (Dalbe 966) – DEK-km 213,5 - Strecke Herbrum/Rhede – DEK-km 215,5 - Rhede – DEK-km 217,9 Trübungslängsfahrt Emden-Herbrum (1,5 m unter der Wasseroberfläche) - Trübung, Salinität, Sauerstoff, Chlorophyll a (Kalibrierprobenentnahme) Schwebstofftransportermittlungen über den gesamten Gewässerquerschnitt (ADCP + PDT), Kalibrierprobenentnahme – DEK-km 214,2 Schwebstofftransportermittlungen über den gesamten Gewässerquerschnitt (ADCP + PDT), Kalibrierprobenentnahme – DEK-km 214,2 Trübungslängsfahrt Herbrum-Papenburg-Herbrum (1,5 m unter der Wasseroberfläche) - Trübung, Salinität, Sauerstoff, Chlorophyll a (Kalibrierprobenentnahme) Trübungslängsfahrt Herbrum-Papenburg-Herbrum (1,5 m unter der Wasseroberfläche) - Trübung, Salinität, Sauerstoff, Chlorophyll a (Kalibrierprobenentnahme) Einholen der am 10.03.2010 ausgebrachten temporären Sonden Auswertung der Dauermessstationen des NLWKN: - Herbrum (Oberwasser) (Ems-km -12,7/DEK-km 213,1) - Papenburg (Ems-km 0,4 - Messung 0,5 m unter der Wasseroberfläche) - Weener (Ems-km 6,9 - Messung 1,5 m über der Sohle) - Leerort (Ems-km 14,7 - Messung 1,5 m über der Sohle) (hier werden jeweils Trübung in g/l, Temperatur, Sauerstoff in mg/l und Leitfähigkeit kontinuierlich aufgezeichnet)

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Für die Erfassung und Bewertung der gewässerkundlichen Parameter wurden diese zunächst mittels einer sog. „Nullmessung“, d. h. ohne Wasserinjektionsbaggerung, erhoben. Um die unmittelbaren Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung nachweisen zu können, wurden die gewässerkundlichen Parameter anschließend während der sog. „Hauptmessung“, d. h. während der Durchführung der WI erfasst. Sowohl Null- als auch Hauptmessungen erfolgten für die Parameter des Feststoffhaushaltes bzw. der Hydromorphologie jeweils zu vergleichbaren Tidephasen (gleicher Zeitpunkt im Spring-Nipp-Verlauf) sowie zum jeweils vergleichbaren Tidezykluszeitpunkt (gleicher Zeitpunkt im jeweiligen Flut- und Ebbverlauf). Die Nullmessung zur Erfassung der Schwebstoffkonzentrationen, Schwebstofftransportraten, Durchflussmengen und Strömungsgeschwindigkeiten fand drei Tage nach Springtide am 03. März 2010 bei einem hohen Oberwasserzufluss (Pegel Versen) von 214 m3/s statt. Die Hauptmessungen erfolgten am 17. und 18. März 2010 wiederum zwei bzw. drei Tage nach Springtide bei einem immer noch hohen Oberwasserabfluss am Pegel Versen von 136 m³/s (17.03.10) und 133 m³/s (18.03.10). Das langjährige Mittel MQ der Jahre 1946 - 1998 am Pegel Versen liegt bei 79,9 m³/s, der MNQ bei 15,5 m³/s und der MHQ bei 379 m³/s. Durch die Gegenüberstellung der Messungen - mit und ohne WI-Einsatz zum vergleichbaren Tidezykluszeitpunkt - wurden Veränderungen des Sedimenthaushaltes durch die Wasserinjektion aufgezeigt und dokumentiert. Bei DEK-km 214,2, kurz unterhalb des Unteren Vorhafens in der Tideems, erfolgte eine ADCP/PDT-Messung - Acoustic-Doppler-Current-Profiler (ADCP) und Einsatz der Software VISEA mit der Plume-Detection-Toolbox (PDT ) - zur detaillierten Messung der Schwebstoffkonzentrationen und Schwebstofftransportraten, um Aussagen zu den Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im unterstromigen Bereich der Schleuse Herbrum treffen zu können. Mit der PDT können die Echointensitäten der Ultraschallsignale in Schwebstoffkonzentrationen umgerechnet werden. Dazu war es erforderlich, während der ADCP-Messungen in verschiedenen Tiefen über den Flussquerschnitt verteilt Wasserproben für die Kalibrierung zu entnehmen. Nach Filtration und späterer gravimetrischer Bestimmung der Schwebstoffgehalte im Labor konnten die Messungen im Postprocessing kalibriert und die Schwebstofftransporte berechnet werden (BfG 2010a). Die Messungen begannen an allen Tagen während der Ebbphase und es wurde jeweils ein kompletter Tidezyklus erfasst. Von den genommenen Wasserproben wurden exemplarisch 17 Proben ausgewählt, an denen zusätzlich die Korngrößenverteilung der Schwebstoffe im Feststofflabor der BfG durch Filterabspülung mit einem Beckman Coulter LS300, VSM+ bestimmt wurden. Auswahlkriterien für die Ermittlung dieser exemplarischen Korngrößenverteilungen waren Messtag, jeweils vergleichbare Tidezykluszeitpunkte und die gleichen Entnahmetiefen (s. BfG 2010a). Die Nullmessung zur Erfassung der oberflächennahen Trübungs- und Sauerstoffwerte per Trübungslängsmessfahrten erfolgte am 10.03.2010. Diese Messfahrt war aufgrund des erfolgten Einstaus der Unterems für eine kurzfristig vorverlegte Schiffsüberführung der Meyer-Werft stark gestört. Die Ergebnisse wurden daher nicht weiter verwendet.

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Darüber hinaus wurden während der Hauptmessungen am 17. und 18.03.2010 mehrfach Längsmessfahrten zwischen Papenburg und Herbrum durchgeführt. Dabei wurden die Trübung und der Sauerstoff kontinuierlich oberflächennah (1,5 m unter der Wasserspiegeloberfläche) mittels Sonden erfasst sowie biologisch-chemische Parameter mittels Einzelproben aufgenommen. Nähere Informationen zum vollständigen Messkonzept sind dem BfGBericht 1695 (BfG 2010a) zu entnehmen. Seitens des WSA Meppen wurde überprüft, wie sich die Morphologie der Sohle in Folge der Wasserinjektion im Vorhafen Herbrum verändert hat. Dies wurde durch Peilaufnahmen per Schlicklot durch das WSA Meppen vor und nach der Maßnahme ermittelt. Ferner erfolgten Vor- und Nachpeilungen der Gewässersohle durch die Firma Hegemann, die die Wasserinjektionsbaggerung mit dem Hopperbagger „Hegemann II“ flächig zwischen den Dalben am rechten und linken Ufer über die gesamte Länge des Vorhafenbereiches durchführte. Spülstöße mit Hilfe des Oberwasserabflusses durch die kleine (10 m3/s) und die große Schleuse (45 m3/s) unterstützten den Abtransport des mobilisierten Materials während der Ebbphase. Messungen mittels temporärer Sonden zur Erfassung der Parameter Trübung, Sauerstoff, Temperatur und Leitfähigkeit erfolgten an vier Stationen im Gewässerbett im Nahbereich des Vorhafens Herbrum (Tabelle 1). Die Lage ist in Abbildung 1 ersichtlich. Diese Sonden zeichneten räumlich und zeitlich hoch aufgelöst Daten vom 01.03. bis 31.03.2010 und somit vor, während und nach dem WI-Einsatz auf. Darüber hinaus wurden Daten von den NLWKN-Dauermessstationen Herbrum (Oberwasser), Papenburg, Weener und Leerort ergänzend mit betrachtet für den gesamten Zeitraum von Anfang Januar bis Mitte Mai 2010. Die drei letztgenannten Stationen wurden herangezogen, um mögliche Auswirkungen auch im Fernfeld verfolgen zu können. Abbildung 1 zeigt die Lage der Messstellen zwischen Herbrum und Leerort entlang der Unterems. Im Vorfeld wurden zudem im Vorhafen Herbrum die Schadstoffverhältnisse (Chemie) und ökotoxikologischen Verhältnisse der Sedimente untersucht (s. Abbildung 2). Diese Baggergutuntersuchungen wurden vorgenommen, um die Qualität der bewegten Sedimente erfassen und evaluieren zu können. Es wurden Schwermetalle und organische Verbindungen untersucht, die aufgrund ihrer Verwendung oder Entstehung häufig vorkommen, sich im Sediment oder in der Biomasse anreichern, nur langsam abgebaut werden und/oder toxisch wirken (BfG 2010a) (Abbildung 2). Die Zeitpunkte der verschiedenen Messkampagnen, die Wasserstände sowie der Wasserinjektionszeitraum werden in Abbildung 3 dargestellt. Erkennbar ist auch der Aufstau für die Schiffsüberführung der Meyer-Werft Papenburg.

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Legende

Temporäre Sonden Dauermessstelle NLWKN Querprofilmessung „ADCP/ PDT“ bei DEK-km 214,2

N + exemplarische Korngrößenverteilungen der Schwebstoffe + Längsfahrten (Multisonden) zwischen Papenburg und Herbrum + Probenahme Vorhafen (Chemie/Ökotoxikologie) im Vorhafen Herbrum + Sohlpeilungen

Abbildung 1: Messprogramm und Messstellenübersicht zwischen Herbrum und Leer zum Monitoring der Wasserinjektionsbaggerung Herbrum (BfG 2010a).

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Abbildung 2: Graphische Darstellung der Probenahmestellen Chemie/Ökotoxikologie

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(cm)

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Abbildung 3 : Wasserstand und Messungen während der Pilotstudie März 2010.

3 Ergebnisse des Monitorings zu den Umweltauswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung Der Fokus liegt bei den folgenden Ergebnisdarstellungen auf dem Feststoffhaushalt/der Hydromorphologie und der Wasserbeschaffenheit/dem Stoffhaushalt. Wichtig ist, dass aufgrund der erfolgten Bewertung der Chemie und Ökotoxikologie keine Bedenken hinsichtlich einer Umlagerung der in einer Tiefe von 0 - 2,0 m vorgefundenen Sedimente aus dem Vorhafen Herbrum mittels Wasserinjektionsbaggerung bestanden. Nähere Erläuterungen hierzu sowie ausführlichere Informationen zu den im Folgenden vorgestellten Auszügen der Ergebnisse lassen sich dem Endbericht des Monitorings zu den Umweltauswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG 2010a) entnehmen. Generell gilt es zu beachten, dass aufgrund der vorherrschenden hohen Oberwasserabflüsse sowohl bei der Null- als auch bei den Hauptmessungen der Abfluss ausschließlich meerwärts gerichtet war, d. h. sowohl bei Ebbe als auch bei Flut.

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3.1 Feststoffhaushalt/Hydromorphologie Die bei den Schwebstofftransportermittlungen gemessenen Schwebstofftransporte und Wasserstände bei DEK-km 214,2 sind in Abbildung 4 für die drei Messtage einander gegenübergestellt. Es wird deutlich, dass die Schwebstofftransporte während der Hauptmessungen im Zeitraum der Wasserinjektionsbaggerung um ein Vielfaches höhere Werte erreichten als während der Nullmessung: Schwebstofftransport 03.03.2010 Schwebstofftransport 17.03.2010 Schwebstofftransport 18.03.2010 Wasserstand Pegel Herbrum 03.03.2010 Wasserstand Pegel Herbrum 17.03.2010 Wasserstand Pegel Herbrum 18.03.2010

160

700 650

120

600 100 550 80 500 60

Wasserstand [cm]

Schwebstofftransport stromab [kg/s]

140

750

450 40

400

20

350

0 06:00

08:00

10:00

12:00

14:00

16:00

18:00

20:00

300 22:00

Zeit

Abbildung 4: Vergleich der Schwebstofftransporte und Wasserstände bei Querprofil DEK-km 214,2 zwischen Nullmessung und Hauptmessungen zu jeweils gleichen Tidephasen und zum jeweils gleichen Tidezykluszeitpunkt (zur Vergleichbarkeit einander gegenübergestellt).

Der Schwebstofftransport erreichte während der Hauptmessungen am 17. und 18. März im Vergleich zur Nullmessung im Maximum bis zu ca. siebenfach höhere Werte: Der maximale, nicht schifffahrtsbeeinflusste Schwebstofftransport lag kurzzeitig bei ca. 80 kg/s (17.03.) bzw. ca. 110 kg/s (18.03.) im Gegensatz zur Nullmessung, bei der zum Vergleich ein maximaler, nicht schifffahrtsbeeinflusster Schwebstofftransport von ca. 15 kg/s vorlag (siehe Abbildung 5). Die höchsten Schwebstofftransporte wurden ca. 1 - 2 Stunden vor Tideniedrigwasser (Tnw) bei hohen Strömungsgeschwindigkeiten erreicht. Die folgenden Abbildungen 5, 6 und 7 zeigen die Ergebnisse der Messungen des Schwebstofftransportes (in kg/s), der Strömungsgeschwindigkeiten (in m/s), des Durchflusses (in m³/s) und des Wasserstandes (in cm) jeweils für den 03., 17. und 18.03.2010 (hier sind die unterschiedlichen Achsenangaben zum Schwebstofftransport und zum Durchfluss zwischen Null- und Hauptmessungen stromab in kg/s zu beachten).

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Abbildung 5: Schwebstofftransport, Fließgeschwindigkeit, Durchfluss und Wasserstand bei Querprofil DEK-km 214,2 während der Nullmessung am 03. März 2010.

Abbildung 6: Schwebstofftransport, Fließgeschwindigkeit, Durchfluss und Wasserstand bei Querprofil DEK-km 214,2 während der Hauptmessung am 17. März 2010.

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Anhand exemplarischer Kalibrierprobenauswertungen zum maßgebenden mittleren Korngrößendurchmesser (Dm) konnte von der Nullmessung zu den Hauptmessungen eine Abnahme der Korngrößendurchmesser festgestellt werden. Diese Abnahme lässt sich auf eine Zunahme der Ton-, Fein- und Mittelschlufffraktionen zurückführen, im Gegensatz dazu nahmen die Sedimentanteile der Grobschluff- und Feinsandfraktion ab. Diese Verschiebungen waren sowohl in 2 m als auch in 4 m Wassertiefe zu erkennen (s. Tabelle 2). Die Veränderung des Dm von der Nullmessung zu den Hauptmessungen und die Veränderungen innerhalb der Fraktionen lassen die Schlussfolgerung zu, dass die Schwebstoffe durch zunehmend mobilisiertes feinkörniges Sediment der Ton-, Fein- und Mittelschlufffraktion infolge der Wasserinjektionsbaggerung in dem Vorhafen Herbrum in ihrer Korngrößenzusammensetzung verkleinert und somit „verfeinert“ wurden (BfG 2010a). Abbildung 8 zeigt für einen ausgewählten Tidezykluszeitpunkt (ca. 1,5 Std. vor Tnw) die Schwebstoffkonzentrationen und Strömungsgeschwindigkeiten für die drei Messtage:

Abbildung 7: Schwebstofftransport, Fließgeschwindigkeit, Durchfluss und Wasserstand bei Querprofil DEK-km 214,2 während der Hauptmessung am 18. März 2010. Tabelle 2: Prozentuale Anteile der einzelnen Fraktionen an der Gesamtprobe in 2 m und 4 m Tiefe. Anteile in % 2 m Tiefe

4 m Tiefe

03. Mrz

17. Mrz

18. Mrz

03. Mrz

17. Mrz

18. Mrz

Ton

4,2

5,7

5,4

4,8

5,0

5,0

Feinschluff

10,9

14,1

13,8

10,8

13,1

13,3

Mittelschluff

29,2

33,8

32,7

25,4

32,4

33,4

Grobschluff

45,6

41,5

38,6

42,9

38,1

40,2

Feinsand

10,1

4,9

9,6

16,2

11,3

8,0

Mittelsand

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

Grobsand

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

0,0

32,2 25,2 28,1 29,9 Herbrum27,3 Dm Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren 35,3 Vorhafen der Schleuse auf den Sedimenthaushalt und die Sauerstoffverhältnisse der Tideems Seite 88

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a)

b)

c)

a) Nullmessung 03. März 2010 b) Hauptmessung 17. März 2010 c) Hauptmessung 18. März 2010

1 h 32 min. vor Tnw 1 h 37 min. vor Tnw 1 h 30 min. vor Tnw

(10:41 Uhr) (09:30 Uhr) (10:05 Uhr)

Abbildung 8: Gegenüberstellung der Schwebstoffkonzentrationen (mg/l) und Strömungsgeschwindigkeiten (m/s) an den drei Messtagen zum jeweils gleichen Tidezykluszeitpunkt (ca. 1,5 Std. vor Tnw).

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Die deutlichen Zunahmen der Schwebstoffkonzentrationen im Querprofil an den beiden Hauptmesstagen (Abbildungen 8b und 8c) im Vergleich zur Nullmessung (Abbildung 8a) sind auf die Wasserinjektionsbaggerung zurückzuführen. Jedoch ist anzunehmen, dass auch die hohen Oberwasserabflüsse während der Nullmessung einen gewissen Einfluss auf die relativ geringen Schwebstoffkonzentrationen gehabt haben (vgl. Durchflussmengen und Strömungsgeschwindigkeiten gemäß den Abbildungen 5, 6 und 7). Die Ergebnisse der Auswertungen der ADCP/PDT-Messungen sowie der ausgebrachten temporären Trübungssonden bestätigen insgesamt eindeutig eine Beeinflussung der unterstrom liegenden Bereiche bis Rhede (DEK-km 217,9). Unterhalb der Vorhafenmündung konnte mit Hilfe der ausgebrachten temporären Sonde oberflächennah eine ca. 10-fach erhöhte Trübung nachgewiesen werden. Die Auswirkung der Wasserinjektion auf noch weiter unterstrom liegende Flussabschnitte von Papenburg bis Leerort ist aufgrund der Auswertung der Daten der NLWKN-Dauermessstationen erkennbar (s. BfG 2010a). Abschließend lässt sich festhalten, dass während der Hauptmessungen im Vergleich zur Nullmessung die Berechnungen am Querprofil DEK-km 214,2 eine 4- bis 4,5-fach höhere Fracht gegenüber der Nullmessung aufwiesen. Diese deutlich erhöhte Schwebstofffracht im Verlauf der Hauptmessungen während Ebb- und Flutphase ist auf die Wasserinjektionsbaggerung zurückzuführen, da durch sie neue Materialdepots zum Abtransport zur Verfügung gestellt wurden. Abbildung 9 zeigt die stromab transportierte Schwebstofffracht durch das Messquerprofil bei DEK-km 214,2 in Tonnen pro Tide. Hieraus wird die 4- bis 4,5-fach höhere Fracht gegenüber der Nullmessung deutlich: Schwebstofffracht stromab [t/Tide], Vergleich Nullmessung und Hauptmessungen 2500

Schwebstofffracht stromab [t/Tide]

2185 1970

2000

1500

1000

500

484

0 03.03.2010

17.03.2010

18.03.2010

Abbildung 9: Schwebstofffracht stromab in t pro Tide – Nullmessung am 03.03.2010 ohne Wasserinjektionsbaggerung im Vergleich zu den beiden Hauptmessungen am 17. und 18.03.2010 mit Wasserinjektionsbaggerung.

Aufgrund der hohen Oberwasserabflüsse konnten die mobilisierten Sedimente aus dem Vorhafen Herbrum erfolgreich abtransportiert werden. Den Erfolg der Wasserinjektion hinsichtlich der Freiräumung des Unteren Vorhafens bestätigten auch die Daten aus Vor- und Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum auf den Sedimenthaushalt und die Sauerstoffverhältnisse der Tideems Seite 90

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Nachpeilungen der Gewässersohle. Ein Wiedereintrieb des mobilisierten Sediments bei Flut in den Vorhafen Herbrum war somit während der Maßnahme aufgrund der permanent stromabwärts gerichteten Strömung nicht erfolgt. Die nach Beendigung des WI-Einsatzes im April 2010 stark fallenden Oberwasserabflüsse führten zu einer Umkehr der Strömungsrichtung bei Flut, so dass seit April wieder verstärkt Sedimente in den Vorhafen eingetragen werden konnten. Dies spiegelt sich auch in den extremen Sedimentmengenentwicklungen im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum wider: Bis Ende April 2010 war annähernd die Hälfte der Sedimentmenge mit ca. 50.000 m³ wieder eingetrieben.

3.2 Sauerstoffverhältnisse Die Sauerstoffverhältnisse in der Unterems zwischen der Schleuse Herbrum und Papenburg werden neben den internen Umsatzprozessen durch die über das Wehr bei Herbrum mit dem Oberwasser eingetragenen Sauerstoffkonzentrationen und die während der Flutphase aus der Unterems über den Querschnitt bei Papenburg einströmenden Sauerstoffkonzentrationen bestimmt. Im Betrachtungszeitraum März 2010 wurde bei hohen Oberwasserabflüssen über das Wehr nahezu mit Sauerstoff gesättigtes Wasser (~ 100 %) eingetragen (Abbildung 10), während das bei Papenburg von unterstrom bei Flut einströmende Wasser Sättigungswerte von 60 - 80 % aufwies (Abbildung 11). Die Wassertemperaturen lagen während der Wasserinjektionskampagne zwischen 3 und 9 °C. Unter diesen Bedingungen war die Sauerstoffsättigung bzw. der Sauerstoffgehalt im Abschnitt direkt unterhalb des Wehres Herbrum - also im direkten Auswirkungsbereich der WI-Maßnahme - entscheidend durch das Oberwasser und seine Sauerstoffgehalte geprägt. 120

Sauerstoffsättigung (%)

100

80

60

40

Oberwasser Vorhafen Herbrum

20

Strecke Herbrum/ Rhede Rhede

0 10.03.2010

14.03.2010

18.03.2010

22.03.2010

26.03.2010

30.03.2010

Abbildung 10: Sauerstoffsättigung im Zeitraum 10.-30.03.2010 an den Stationen der temporär ausgebrachten Sonden Oberwasser Herbrum (Wehrarm), Vorhafen Herbrum (Dalbe 966), Strecke Herbrum/Rhede und Rhede.

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500

Baggerzeitraum

Sauerstoffsättigung (%)

100

400

80

300

60

200

40

100 Herbrum

Papenburg

Weener

Leerort

Oberwasserabfluss (m³/s)

120

Abfluss

20

0

01.03.

04.03.

07.03.

10.03.

13.03.

16.03.

19.03.

22.03.

25.03.

28.03.

31.03.

Abbildung 11: Sauerstoffsättigung im März 2010 an den NLWKN-Messstationen Herbrum (Oberwasser), Papenburg, Weener und Leerort sowie der Oberwasserabfluss am Pegel Versen.

Im Baggerzeitraum traten im Vorhafen Herbrum am 18.03.2010 mit knapp 40 % die geringsten Sauerstoffsättigungen auf (s. Abbildung 10). Im Nahbereich kam es zu den deutlichsten Absenkungen um bis zu 60 %. Insgesamt konnte ein kumulativer Effekt der WI-Aktivitäten auf den Sauerstoff beobachtet werden. Von Beginn der Baggerungen am 13.03. bis zum 18.03.2010 gingen die täglichen Minima der Sauerstoffsättigung im Nahbereich stetig zurück, woran ein Anstieg der Belastung des Sauerstoffhaushaltes der Unterems zu erkennen ist. Ab dem 20.03. bis zum 24.03.2010 kam es dann wieder zu einem Abklingen der Auswirkungen der WI-Aktivitäten und damit zu einem Anstieg der minimalen Sauerstoffsättigungen. Derart deutliche Absenkungen des Sauerstoffs traten nur im Nahbereich des WIEinsatzes auf, die weiter stromab durchgeführten Messungen wiesen wesentlich geringere Rückgänge der Sauerstoffsättigung auf. Das Minimum der Messwerte betrug hier 75 % Sauerstoffsättigung, so dass eine maximale Absenkung um ca. 25 % vorlag. Somit war eine deutliche Abschwächung der Auswirkungen auf der Strecke bis Rhede (DEK-km 217,9) zu beobachten (Abbildung 10). Bei einer höheren zeitlichen Auflösung der Messwerte ist zu erkennen, dass die stärksten Sauerstoffabsenkungen im Nahbereich immer zum Ende der einzelnen Wasserinjektionseinsätze auftraten; dann wurden O2-Werte bis nahe 4 mg/l am 18. und 19.03.2010 gemessen (Abbildung 12). Somit ist, auch bezogen auf jeden einzelnen WI-Einsatz, ein mit der Einsatzdauer (bzw. -intensität) zunehmender Einfluss auf den Sauerstoffgehalt feststellbar. Dieser Effekt ist - wenn auch in deutlich abgeschwächter Form - auch an den stromab gelegenen Messstellen zu beobachten. Dabei sind die im Vergleich zur oberhalb gelegenen Station (zwischen Herbrum und Rhede, DEK-km 215,5) stärkeren Rückgänge des Sauerstoffgehaltes an der Station Rhede (DEK-km 217,9) zum Ende der Ebbphase durch

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lokale Einflüsse mitbestimmt. Die Messsonde an der Station Rhede erfasste auch den Eintrag von Sielwässern aus dem Hinterland, welche zur Ebbphase in die Unterems eingeleitet werden. Dies zeigte sich auch an den geringen Leitfähigkeiten, die zur Ebbphase an dieser Messstation gemessen wurden (Daten hier nicht dargestellt). Aus der Abbildung 12 wird auch deutlich, dass das oberwasserseitig über das Wehr zufließende Wasser mit konstant hohen Sauerstoffgehalten (11 - 12 mg/l) dazu führte, dass zwischen den WI-Einsätzen wieder hohe Sauerstoffgehalte erreicht wurden. An der Station im Vorhafen traf dies nicht immer zu, hier blieb der Sauerstoffgehalt am 17.-20.03.2010 um 1 - 2 mg/l unter der Sauerstoffkonzentration des Oberwassers:

Abbildung 12: Sauerstoffgehalt im Zeitraum 15.-20.03.2010 an den Stationen der temporär ausgebrachten Sonden im Oberwasser Herbrum (Wehrarm), Vorhafen Herbrum (Dalbe 966), Strecke Herbrum/Rhede und Rhede (gestreifte Flächen = WI-Einsatzzeiträume, Dreiecke = Spülvorgänge durch die Schleuse).

Um mögliche Auswirkungen des WI-Einsatzes im Fernbereich zu erfassen, wurden auch Daten der Messstationen des NLWKN in der Unterems bei Papenburg, Weener und Leerort betrachtet (s. Abbildung 11 und Tabelle 1). Trotz der hohen Oberwasserabflüsse (> 100 m³/s) und der geringen Wassertemperaturen (< 10 °C) war an den Messstationen in der Unterems eine deutliche Sauerstoffuntersättigung des Wassers zu messen. Die Sättigungswerte lagen im Bereich von 60 - 90 %. Diese Untersättigung ist auf die hohen Schwebstoffgehalte und die damit verbundene Sauerstoffzehrung durch Bakterien in diesem Abschnitt der Unterems zurückzuführen. Im Gegensatz dazu war an der Messstation Herbrum (Oberwasser) im tideAuswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum auf den Sedimenthaushalt und die Sauerstoffverhältnisse der Tideems Seite 93

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unbeeinflussten Abschnitt der Mittelems bzw. des DEK das Wasser im März weitgehend mit Sauerstoff gesättigt bzw. sogar leicht übersättigt. Eine wesentliche Steuergröße für die Sauerstoffsättigung in der Unterems ist der Oberwasserabfluss. Dabei bewirken im Winter - im Gegensatz zu den Sommerbedingungen - hohe Oberwasserabflüsse mit ihren Abschwemmungen einen leichten Rückgang der Sauerstoffsättigung. Diese Abhängigkeit war im Oberwasser bei Herbrum und noch ausgeprägter und auf niedrigerem Niveau auch an den Stationen in der Unterems festzustellen (Abbildung 11). Die Trübungslängsfahrten am 17.03.2010 fanden während der Flutphase statt. Es traten nur geringe maximale Absenkungen der Sauerstoffsättigung (bis auf 95 %) im Nahbereich bei DEK-km 214 auf. Die gemessenen Trübungen waren in diesem Bereich mit 100 - 200 mg/l gering. Insgesamt war auf der Strecke stromab von Herbrum nach Papenburg jeweils ein leichter O2-Rückgang bei leichtem Trübungsanstieg zu beobachten (Abbildung 13). 600

110% LP 2 - O2 LP 2 - SPM

500

Sauerstoffsättigung (%)

100%

400 90% 300 80% 200 70%

60% 212

Trübung (mg/l)

LP 1 - O2 LP 1 - SPM

100

214

216

218

220

222

224

0 226

DEK-km Abbildung 13: Trübungslängsmessfahrten: Längsprofile (LP) der Sauerstoffsättigung (O2) und der Trübung (SPM = suspended matter) am 17.03.2010 während der Flutphase. LP 1: 12:20 bis 13:22 Uhr, Fahrtrichtung von Papenburg nach Herbrum (ohne WI- Einsatz, aber nach WI am Morgen von 03:00 bis 10:30 Uhr) LP 2: 13:23 bis 14:18 Uhr, Fahrtrichtung von Herbrum nach Papenburg (ca. ab Beginn WI-Einsatz, der um 13:30 Uhr begann)

Die Trübungslängsfahrtmessungen am 18.03.2010 erfolgten während der WI-Aktivitäten, die von 04:00 - 11:00 Uhr und 14:00 - 21:00 Uhr durchgeführt wurden. Im Nahbereich bis DEKkm 214 traten maximale Absenkungen bis auf 75 % Sauerstoffsättigung auf bei z. T. sehr hohen Trübungen (> 1500 mg/l). Bei Längsprofil 5 war auf der Strecke bis DEK-km 219 ein zweimaliger leichter Rückgang der Sättigungswerte bei jeweils deutlichen Trübungsanstiegen zu detektieren (s. Abbildung 14).

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110%

LP 5 - O2

LP 6 - O2

LP 7 - O2

LP 5 - SPM

LP 6 - SPM

LP 7 - SPM

4000 3600 3200 2800 2400

90%

2000 1600

80%

Trübung (mg/l)

Sauerstoffsättigung (%)

100%

1200 800

70%

400 60% 212

214

216

218

220

222

224

0 226

DEK-km Abbildung 14: Trübungslängsmessfahrten: Längsprofile (LP) der Sauerstoffsättigung (O2) und der Trübung (SPM= suspended matter) am 18.03.2010 während der Flut- und Ebbphase, HW-Kenterpunkt ca. 14:00 Uhr. LP 5: 09:08 bis 10:34 Uhr, Fahrtrichtung von Papenburg nach Herbrum (während WI) LP 6: 10:53 bis 13:14 Uhr, Fahrtrichtung von Herbrum nach Papenburg (Ende WI-Einsatz um 11:00 Uhr) LP 7: 15:05 bis 16:30 Uhr, Fahrtrichtung von Papenburg nach Herbrum (während WI, die um 14:00 Uhr begann)

Die Auswertungen zum Sauerstoffhaushalt stützen sich vor allem auf oberflächennahe Messungen in der Tideems. Die Schwebstoffgehalte waren jedoch in tieferen sohlnahen Bereichen stärker erhöht als nahe der Wasseroberfläche (vgl. z. B. Abbildung 8), so dass auch von stärkeren Reduzierungen der Sauerstoffsättigungen im sohlnahen Bereich ausgegangen werden muss.

3.3 Prognose zum WI-Einsatz im Sommer Bei einem WI-Einsatz in den Frühjahrs- und Sommermonaten herrschen andere Randbedingungen vor als während der Erprobung im März 2010. Die im Folgenden getroffenen Aussagen zu möglichen Auswirkungen eines Einsatzes im Sommer werden unter Einbeziehung der im März 2010 gemessenen Auswirkungen abgeschätzt. Für den oberen Abschnitt der Tideems unterhalb des Wehres Herbrum bis Papenburg liegen keine kontinuierlichen Sauerstoffmessungen vor. Bei einzelnen Messfahrten der BfG, die immer während der Ebbphase erfolgten, wurden im Sommer (bei Wassertemperaturen > 20 °C) Sauerstoffsättigungen von 60 - 80 % (5 - 6 mg O2/l) als exemplarische Werte gemessen (vgl. Abbildung 15). Während der Flutphase mit Umkehr der Strömungsrichtung und Stromauftransport von sauerstoffarmem Wasser aus dem unterliegenden Abschnitt dürften die Sauerstoffgehalte eher niedriger ausfallen. Bei den Messfahrten konnten in Auswirkungen der Wasserinjektionsbaggerung im Unteren Vorhafen der Schleuse Herbrum auf den Sedimenthaushalt und die Sauerstoffverhältnisse der Tideems Seite 95

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Richtung Papenburg stark abnehmende Sauerstoffgradienten beobachtet werden. Auf Grundlage der Dauermessungen des NLWKN bei Papenburg können für den Sommer Messwerte von 20 - 40 % Sauerstoffsättigung als typisch gelten, wobei über weite Zeiten im Sommer noch geringere Sauerstoffsättigungen anzutreffen sind. Damit liegen im Sommerhalbjahr für einen WI-Einsatz ungünstigere Hintergrundwerte für den Sauerstoff vor, zumal generell die absoluten Sauerstoffgehalte des Wassers im Sommer geringer sind, da bei höheren Temperaturen eine verminderte Löslichkeit des Sauerstoffs im Wasser besteht.

Längsprofil - 27.September 2006

100

3000

Schwebstoffgehalt (mg/l)

30000

2000 60

1500 40

20000

1000 20

10000

Leitfähigkeit (µS/cm)

2500

80

Sauerstoffsättigung (%)

40000

500

0

0 -10

-5

0

5

10

15

20

25

30

35

40

0

45

Unterems-km

Abbildung 15: Längsprofile der Sauerstoffsättigung (blau), der Schwebstoffgehalte (grünlich; Messbereich der Sonde endete bei 1500 mg/l) sowie der Leitfähigkeit (schwarz gestrichelt) während der Ebbphase am 27.09.2006 in der Unterems von Emden bis Herbrum.

Zudem werden im Sommer die Auswirkungen eines WI-Einsatzes dadurch verstärkt, dass bei höheren Wassertemperaturen eine stärkere mikrobielle Zehrung auftritt. Als Faustregel erfolgt bei einer Erhöhung der Temperatur um 10 °C eine Verdoppelung der Umsatzraten der Bakterien, was mit einer Verdopplung der Sauerstoffverbrauchsraten gleichzusetzen ist. Zudem ist davon auszugehen, dass in den Sommermonaten in den durch eine Wasserinjektion mobilisierten Sedimenten größere Konzentrationen an reduzierten Verbindungen (Mn, Fe) vorliegen würden, die bei ihrer chemischen Aufoxidation schnelle Sauerstoffrückgänge bewirken. Als ein weiterer Aspekt, der die Auswirkungen stark beeinflusst, ist der im Sommer geringe Oberwasserabfluss zu nennen. Dadurch wird weniger sauerstoffreiches Wasser aus der Mittelems bzw. dem DEK in die Unterems eingetragen. Geringe Oberwasser-

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abflüsse würden zu einer geringeren und langsameren Einmischung/Verdünnung der durch die WI-Injektion mobilisierten zehrungsfähigen Verbindungen in den Wasserkörper der Unterems führen. In der Folge könnten deutliche Sauerstoffabsenkungen über den Nahbereich (direkter Bereich des Vorhafens) hinaus im oberen Abschnitt der Unterems zwischen Herbrum und Papenburg auftreten. Vermutlich sind dann bei geringer Einmischung der mobilisierten Sedimente insbesondere sohlnah intensivere Sauerstoffzehrungen und damit stärkere Rückgänge des Sauerstoffgehaltes zu erwarten. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Aspekt, dass insbesondere in den Sommermonaten die sog. fluid-mud-Schichten in der Unterems auftreten. Diese könnten durch WI-Maßnahmen noch in ihrem Umfang verstärkt werden, vor allem da die im Sommer vorherrschenden niedrigen Oberwasserabflüsse die Einmischung des mobilisierten Materials deutlich erschweren würden. Aus den vorgenannten Gründen können für einen WI-Einsatz in vergleichbarem Umfang zur Maßnahme im März 2010 deutlich negativere Auswirkungen auf den ökologischen Zustand der Unterems prognostiziert werden. Da aus wirtschaftlichen Überlegungen dennoch der Einsatz eines Injektionsbaggergerätes im Vorhafen Herbrum sinnvoll erscheint, ist zu prüfen, inwieweit im Sommer der Einsatz eines kleineren WI-Gerätes, unterstützend zur stattfindenden Schlickeggung oder ggf. als Ersatz für die Schlickegge, möglich ist. Hier würde bei lokal begrenzteren Umlagerungen im Vorhafen vermutlich auch die Verdriftung von Sedimenten hinein in die Unterems deutlich geringer ausfallen. Hinsichtlich eines solchen WI-Einsatzes mit einem kleineren Gerät in den Sommermonaten ist die Durchführung von Testbaggerungen angedacht, deren Ablauf und Umsetzung zwischen dem WSA Meppen, der BfG und den betroffenen Behörden sowie ggf. Externen abgestimmt werden sollte. Die Abstimmung bezieht sich u. a. auf die mögliche Dauer des WI-Einsatzes und die zu erhebenden Monitoringparameter. Ein solches Monitoring würde dann exaktere Aussagen zu den Auswirkungen eines WI-Einsatzes mit kleinerem Gerät im Sommer ermöglichen und zusätzliche Hinweise für die Feststellung möglicher Grenzwerte bzw. Randbedingungen aus gewässerökologischer Sicht erbringen.

4 Zusammenfassung Im Vorhafen Herbrum im Bereich der Tideems wurden in der Zeit vom 13. bis 22. März 2010 durch den Einsatz des Wasserinjektionsverfahrens in einem Probebetrieb rund 100.000 m³ Feinsedimente mobilisiert. Die Wasserinjektionsarbeiten wurden im Benehmen mit der unteren Wasserbehörde und der Naturschutzbehörde des Landkreises Emsland durchgeführt. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde erhielt den Auftrag seitens des Wasser- und Schifffahrtsamtes Meppen, die Auswirkungen des WI-Einsatzes auf verschiedene gewässerökologische Parameter zu erfassen und zu beurteilen. Zusätzlich sollte eine Prognose hinsichtlich des WI-Einsatzes in den Sommermonaten - der jedoch mit deutlich geringerem Aufwandsprofil/-umfang als im März 2010 realisiert werden würde - auf Grundlage der erlangten Daten erfolgen.

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Als wichtigste Ergebnisse der Studie sind folgende Punkte zusammenfassend zu nennen: >

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Das mobilisierte Baggergut wies niedrige Schadstoffgehalte auf und war daher unbedenklich aus Sicht der Chemie und Ökotoxikologie für Umlagerungen im Gewässer; aber TOC-Gehalte, Ammoniumgehalte und die potenziellen Sauerstoffzehrungen waren hoch. Durch das WI-Verfahren wurde eine deutliche Zunahme des Schwebstofftransportes bewirkt, der ermittelte Transport im Querprofil bei DEK-km 214,2 war um ca. das 4 - 4,5-fache höher als bei der Nullmessung zur vergleichbaren Tidephase und zum vergleichbaren Tidezykluszeitpunkt. Während des WI-Einsatzes war die Trübung oberflächennah um das ca. 10-fache erhöht, Schwebstoffkonzentrationen nahmen mit der Tiefe zu. Die Auswirkungen des WI-Einsatzes auf die Schwebstoffgehalte/Trübung waren auch an den Dauermessstationen des NLWKN stromab erkennbar. Nach Abschluss der WI-Baggerung gingen die Trübungssignale deutlich zurück. Der Schwebstofftransport war während des Ebbstroms größer als während des Flutstroms und erfolgte aufgrund der hohen Oberwasserabflüsse immer nur stromab gerichtet. Die Ausbildung einer sohlnahen Dichteströmung konnte im Nahbereich der WI bei DEK-km 214,2 nicht beobachtet werden (s. BfG 2010a). Bei Rhede (DEK-km 217,9) und auf der Strecke Herbrum/Rhede (DEK-km 215,5) war ein Trübungsanstieg über den gesamten WI-Zeitraum und während der Spülstöße meist ein sprunghafter Anstieg der Trübung zu beobachten. Das Trübungsmaximum trat jeweils kurz vor Tnw auf. Der Sauerstoff zeigte deutliche Rückgänge von 100 % auf 40 % Sättigung im unmittelbaren Nahbereich des WI-Einsatzes. Wesentlich geringere Absenkungen der O2Sättigung um nur maximal 25% der O2-Sättigung wurden auf der 1,5 km langen Strecke stromab bis Rhede beobachtet. Im Fernbereich der WI-Maßnahme in der Unterems zwischen Papenburg und Leerort konnten keine belegbaren Auswirkungen auf die Sauerstoffsättigung beobachtet werden. Ein kumulativer Effekt der Auswirkungen des WI-Einsatzes auf den Sauerstoffgehalt war in der ersten Woche des Baggerzeitraum festzustellen mit einem Maximum am 17./18.03.2010.

Die Auswertungen zum Sauerstoffhaushalt resultieren vor allem aus oberflächennahen Messungen in der Tideems. Da die Schwebstoffgehalte jedoch in den tieferen, sohlnahen Schichten wesentlich höher sind als nahe der Wasseroberfläche, sind auch stärkere Reduzierungen der Sauerstoffsättigungen im sohlnahen Bereich anzunehmen.

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Wichtige Randbedingungen für einen verträglichen WI-Einsatz an der Tideems sind hohe Oberwasserabflüsse, wie sie zum Zeitpunkt der Pilotstudie vorgeherrscht haben, damit eine permanent stromabwärts gerichtete Strömung unterhalb der Schleuse Herbrum bis DEK-km 214,2 bei Aschendorf gegeben ist. Ferner sind hohe Sauerstoffgehalte des Wassers (> 7 mg/l) notwendig, um die durch die mobilisierten Sedimente verursachten Sauerstoffzehrungen abzupuffern. Ein Schwellenwert von 4 mg O2/l, der einen mäßigen Gewässerzustand beschreibt (OgewV 2010), sollte im Abschnitt Herbrum bis Rhede nicht über einen längeren Zeitraum unterschritten werden. Zudem vermindern niedrige Wassertemperaturen (< 10 °C) die mikrobiellen Sauerstoffzehrungsraten und damit die durch die Umlagerung verursachte Belastung des Sauerstoffhaushaltes. Darüber hinaus sind die zeitliche Dauer und Intensität (= mobilisiertes Sedimentvolumen) des WI-Einsatzes entscheidende Größen für das Ausmaß der Beeinträchtigungen. Hier sollten nur geringere Sedimentmengen über mehrere Tage mobilisiert werden. Auch die Hintergrundwerte der Schwebstoffgehalte dürfen nicht hoch sein, um eine zusätzliche Belastung des Systems der Tideems zu vermeiden. Eine Entwicklung oder Förderung bestehender Dichtehorizonte muss unterbunden werden (BfG 2010a). Abschließend kann daher vermutet werden, dass ein WI-Einsatz in den Sommermonaten auf Grundlage der erlangten Daten die Tideems aufgrund der zu dieser Jahreszeit vorherrschenden Hintergrundwerte erheblich zusätzlich belasten würde. Für nähere Aussagen wäre die Durchführung von Testbaggerungen mit einem angepassten Monitoringprogramm erforderlich (s. Kapitel 3.3). Die vorgenannten Randbedingungen sind in den Wintermonaten über größere Zeiträume gegeben, so dass ein entsprechend ausgerichteter WI-Einsatz hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die Unterems ökologisch vertretbar erscheint. Da eine Räumung des Vorhafens in den Wintermonaten zur ganzjährigen Aufrechterhaltung der Schifffahrt notwendig ist, stellt eine Wasserinjektion eine gute Alternative zu den bisherigen Schlickeggeneinsätzen dar.

Danksagung Dem WSA Meppen sei für die Unterstützung während der Kampagne sowie für die Bereitstellung erforderlicher Daten gedankt. Des Weiteren gilt ein besonderer Dank den Besatzungen der Messschiffe „Friesland“, „Haren“, „Aschendorf“ und „Eisvogel“ für den Einsatz und die gute Zusammenarbeit während der Messtage. Auch bedanken wir uns bei dem WSA Emden, das mit entsprechender Messtechnik die Kampagne unterstützte. Außerdem sei innerhalb der BfG den Kolleginnen und Kollegen Dagmar Steubing, Claudia Günster, Walter Krings, Dr. Dirk Löffler, Ilona Kirchesch, Steffen Wahrendorf, Uwe Nicodemus sowie Jürgen Schmegg und Michael Simon für die Mitarbeit während der Probenahme und Auswertearbeiten gedankt.

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Literatur BfG (2006): Einfluss von Unterhaltungsbaggerungen auf die Schwebstoffdynamik der Unterems - Monitoring während eines baggerfreien Zeitraums. Bericht BfG-1488. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. BfG (2008): Umweltrisikoeinschätzung (URE) und FFH-Verträglichkeitseinschätzung (FFHVE) für Projekte an Bundeswasserstraßen. Ausbau der Außenems. Bericht BfG-1538. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. BfG (2010a): Monitoring zur Erfassung und Beurteilung der Umweltauswirkungen bei der Erprobung des Wasserinjektionsverfahrens im Unterwasser der Schleuse Herbrum an der Tideems. Bericht BfG-1695. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. BfG (2010b): Einsatz des Emssperrwerkes zur Reduzierung des Schwebstoffeintrages in die Unterems. Naturmessprogramm der BfG zum Probebetrieb im September 2009. Bericht BfG- 1664. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. DE JONGE, V. N. (1983): Relations between annual dredging activities, suspended matter concentrations and the development of the tidal regime in the Ems estuary. Can. J. Fish. Aquat. Sci. 40, S. 289 - 300. OgewV (2010): Verordnung zum Schutz der Oberflächengewässer. Entwurf November 2010. STELZER, P., DIEKMANN, B. & MOSEBACH, O. (2007): Planfeststellungsverfahren für die geplante bereichsweise Anpassung der Unterems und des Dortmund-Ems-Kanals. Umweltverträglichkeitsuntersuchung. Im Auftrag des Landkreises Leer und des Landkreises Emsland. Freren (regionalplan & uvp – Planungsbüro P. Stelzer GmbH), Rastede (Diekmann & Mosebach).

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Kontakt: Dr. Ina Quick Bundesanstalt für Gewässerkunde Referat M3 – Grundwasser, Geologie, Gewässermorphologie Am Mainzer Tor 1 56068 Koblenz Tel.: 0261/1306-5193 E-Mail: [email protected]

Kontakt: Dipl.-Biol. Andreas Schöl Bundesanstalt für Gewässerkunde Referat U2 – Ökologische Wirkungszusammenhänge Am Mainzer Tor 1 56068 Koblenz Tel.: 0261/1306-5514 E-Mail: [email protected]

Kontakt: Dipl.-Ing. Jens Mäueler Wasser- und Schifffahrtsamt Meppen SB 3/Gewässerkunde Herzog-Arenberg-Straße 66 49716 Meppen Tel.: 05931/848242 E-Mail: [email protected]

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Kontakt: Dipl.-Geol. Nicole Gehres Bundesanstalt für Gewässerkunde Referat M3 – Grundwasser, Geologie, Gewässermorphologie Am Mainzer Tor 1 56068 Koblenz Tel.: 0261/1306-5977 E-Mail: [email protected]

Kontakt: Dipl.-Ing. (FH) Sönke Schriever Bundesanstalt für Gewässerkunde Referat M3 – Grundwasser, Geologie, Gewässermorphologie Am Mainzer Tor 1 56068 Koblenz Tel.: 0261/1306-5459 E-Mail: [email protected]

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WI-Einsatz im Kontext des Strombau- und Sedimentmanagementkonzeptes Tideelbe Ingo Entelmann Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg, 20148 Hamburg

1 Einleitung Auf der Tideelbe erfolgte im Zuständigkeitsbereich der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) erstmals im 2-Jahres-Zeitraum 2004/2005 eine Einsatzerprobung von Wasserinjektionsgeräten für regelmäßige Unterhaltungsarbeiten. Hierbei wurden 1.200 Einsatzstunden für Baggerkampagnen ausgeschrieben. Der versuchsweise WI-Einsatz konzentrierte sich zunächst ausschließlich auf Baggerbereiche in Nebenelben und Nebenflüsse, in denen Weichsedimente bzw. feinsandige/schluffige Baggerbereiche vorherrschen. Für den Folgezeitraum 2006/2007 wurden nach guten ersten Erfahrungen ergänzende Lose zur Beseitigung von Einzeluntiefen (Sandriffeln/-dünen) in der Fahrrinne ausgeschrieben. Um die Effektivität des Einsatzes in der Fahrrinne besser beurteilen zu können, wurden im WSA Hamburg diverse Fächerecholotpeilungen veranlasst. In einem Erfahrungsbericht vom Januar 2007 wird festgehalten, dass der WI-Einsatz auf Grundlage der mittels der Messdaten durchgeführten gewässerkundlichen Auswertungen als erfolgreich gewertet werden kann. Zitat (BEHM 2007): „Sowohl die Verringerung der Gesamtbaggermengen durch zielgerichtetes Abtragen der Riffelköpfe als auch die Dauerhaftigkeit der erfolgten Baggerungen sind mit den gewonnenen Erkenntnissen belegt.“ Seit 2007/2008 sieht der WI-Unterhaltungsvertrag den ständigen Einsatzes eines Gerätes auf der Hauptelbe (Fahrrinne; Elbe-km 638,9 bis 726,0; fast ausschließlich Sandriffel) sowie in Nebenbereichen (Feinsand, Schluff) mit einem Gesamtumfang von rd. 4.000 Einsatzstunden vor. Für die Jahre 2007 bis 2009 lassen sich folgende mittlere Baggermengen nennen (Mengenermittlung aus Vorpeilung sowie für Nebenbereiche z. T. Abschätzung aus Einsatzstunden): WI-Baggerung Hauptelbe ((Mittel-)Sand) WI-Baggerung Nebenelben (Feinsand, Schluff) WI-Baggerung Nebenflüsse (Feinsand, Schluff)

rd. 1,5 Mio. m³/a rd. 290.000 m³/a rd. 950.000 m³/a

Der WI-Einsatz ist in eine Gesamt-Baggerstrategie für die Amtsbereiche der WSÄ Hamburg und Cuxhaven eingebunden. Der Hopperbaggereinsatz wird seitens des WSA Cuxhaven, der

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WI-Einsatz im WSA Hamburg koordiniert. Vor dem Hintergrund des im Jahr 2008 von WSV und Hamburg Port Authority verabschiedeten „Strombau- und Sedimentmanagementkonzeptes Tideelbe“ (WSV & HPA 2008) wird eine sukzessive Optimierung des Geräteeinsatzes angestrebt.

2 Strombau- und Sedimentmanagementkonzept Tideelbe Das Strombau- und Sedimentmanagementkonzept für die Tideelbe (WSV & HPA 2008) ist ein Handlungsrahmen, mit dem WSV und HPA gemeinsam >

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dem erheblichen Anstieg von Baggermengen im Hamburger Hafen sowie der Verlagerung von Baggerschwerpunkten im Bereich der WSV-Strecke nach weiter stromauf, der mit den Unterhaltungsbaggerungen in der Tideelbe verbundenen Umwelt-, insbesondere Schadstoffproblematik sowie den gesetzlichen Anforderungen der EG-Wasserrahmen- und FFH-Richtlinie

begegnen wollen. WSV-seitig sind zum Konzept insbesondere folgende, bereits umgesetzte Maßnahmen zu nennen: >

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Optimierung der Unterhaltungsbaggerung durch eine Änderung der Umlagerungsstrategie sowie damit einhergehend eine Fortschreibung und Ergänzung fortlaufender Monitoringprogramme zur Umlagerung; Errichtung des Sedimentfangs Wedel durch die HPA (als eine strombauliche Maßnahme zur Steuerung von Sedimentationsprozessen) im Zuständigkeitsbereich des WSA Hamburg.

Für den Amtsbereich Hamburg werden als mögliche weitere strombauliche Maßnahmen die Errichtung weiterer Sedimentfänge sowie die gezielte Bewirtschaftung des Feinsedimenthaushaltes in Nebenbereichen diskutiert. Außerdem erfolgt derzeit eine Modernisierung und Erweiterung des im Rahmen der Beweissicherung zur letzten Fahrrinnenanpassung aufgebauten Dauermessnetzes der WSV (Messung von Strömung, Leitfähigkeit, Trübung und Temperatur) als ein Beitrag zur Verbesserung des Systemverständnisses für das Tideästuar. Fortlaufende Informationen zum Strombau- und Sedimentmanagementkonzept finden sich auf den Informationsseiten „Portal Tideelbe“ des Zentralen Datenmanagements der WSD Nord (Projekte → Strombau- und Sedimentmanagement Tideelbe).

2.1 Geänderte Umlagerungsstrategie (Hopperbaggerung) seit 2006 Die Transportmechanismen im Bereich der Trübungszone wie auch in der übrigen Tideelbe sind nur zum Teil erforscht - den derzeitigen Wissensstand geben u. a. die GKSS-Studie

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„Sedimenttransportgeschehen in der tidebeeinflussten Elbe“ (KAPPENBERG und FANGER 2007) sowie die „BfG-Systemstudie Tideelbe“ (BfG 2008) wieder. Für weite Teile des Amtsbereiches Hamburg ist davon auszugehen, dass Stromauftransporte von Sedimenten nicht nur in Flachwasserbereichen, sondern auch in der Fahrrinne dominieren (vgl. hierzu sowie zu nachfolgenden Punkten EICHWEBER 2007). Dies gilt insbesondere für feinsandiges und grobschluffiges Material. Da vor allem stromauf des Störbogens (Bereich um Elbe-km 677) von erheblichen residuellen Transportraten in Richtung Hamburger Hafen ausgegangen wird („tidal pumping“), wird im Zuständigkeitsbereich des WSA Hamburg seit 2006 in der Hopperbaggerung eine geänderte Umlagerungsstrategie praktiziert (vgl. Abbildung 1). Ziel ist eine Durchbrechung von Sedimentkreisläufen. Durch die Umlagerung der im Amtsbereich gebaggerten Sedimente, zu i. M. rd. 50 % aus dem Bereich Wedel (Elbe-km 638,9 - 644,0) sowie weiteren i. M. rd. 15 % aus dem Bereich Juelssand (Elbe-km 649,5 - 654,5) stammend, in stromab des Störbogens gelegene Bereiche soll der mögliche Stromauftransport nach Umlagerung des Baggergutes verhindert bzw. sollen die stromaufgerichteten residuellen Transporte verringert werden. Seit 2008 wird das Baggergut nahezu vollständig zwischen Elbe-km 686 und 690, im Bereich des Hauptmaximums der Trübungszone, verbracht.

Abbildung 1: Unterhaltungsbaggermengen (Hopperbaggerung) im Bereich des WSA Hamburg (2008 und 2009 inkl. Herstellung Sedimentfang Wedel) – seit 2006 erfolgt die Umlagerung vorwiegend in stromab des Störbogens gelegene Bereiche

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Zur morphologischen und ökologischen Bewertung der Umlagerungsstrategie wurden in den vergangenen Jahren umfangreiche Sedimentbeprobungen durchgeführt und Untersuchungen beauftragt: > >

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grundlegende ökologische Bewertung der geänderten Umlagerungsstrategie (BfG 2008), Durchführung von Probenahmekampagnen in ausgewählten Depositionsbereichen zwischen Rhinplatte (Elbe-km 674) und Osteriff (Elbe-km 705) bzw. zugehörige Beauftragung der BfG mit einem Monitoringprogramm zur Verbringung von Feinmaterial im Bereich Elbe-km 688/690 (BfG 2010), Aktualisierung von HABAK-Untersuchungen für den Verbringbereich Elbe-km 686/690 durch WSA Hamburg und BfG (Auswirkungsprognose nach den Gemeinsamen Übergangsbestimmungen zum Umgang mit Baggergut im Küstenbereich (GÜBAK); Berichtserstellung durch BfG Mitte 2011), Beauftragung von Modellrechnungen zur Verdriftung des Feinmaterials nach der Verbringung (Bearbeitung durch BAW-DH; erste Ergebnisse liegen vor).

In einem nächsten Schritt soll die Umlagerungsstrategie für die Hopperbaggerung weiter optimiert werden. Hierbei soll für Feinmaterialien die Einrichtung zusätzlicher Verbringstellen stromab des Elbe-km 690 untersucht sowie für sandige Materialien die „Reaktivierung“ alter Verbringstellen stromauf von Elbe-km 686 geprüft werden (vgl. nachfolgende Abbildungen 2 und 3).

Abbildung 2: Derzeitige Umlagerungsstrategie für die Verbringung von Hopperbaggergut aus dem Amtsbereich Hamburg (inkl. Mengen Sedimentfang Wedel)

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Umlagerungsbereich für schluffigfeinsandiges Baggergut

Abbildung 3: Geplante weitere Optimierung der geänderten Umlagerungsstrategie – Suchräume für die Umlagerung von schluffig-feinsandigem Baggergut sowie für die Umlagerung aus stark (mittel-)sandig geprägten Baggerbereichen

2.2 WI-Einsatz im Kontext des Strombau- und Sedimentmanagementkonzeptes Für vorwiegend in Transportkörpern (Riffel, Dünen) bewegte mittelsandige Sedimente ist in weiten Teilen des Amtsbereiches Hamburg davon auszugehen, dass sich diese ebenso wie die feinsandigen und schluffigen (in Suspension befindlichen) Sedimente resultierend stromauf bewegen. Die residuellen Transportraten sind für den bewegten Mittelsand jedoch sehr viel geringer als für Feinsand sowie Grobschluff. Dies lässt sich sowohl mit Hilfe von Modellrechnungen der BAW-DH (vgl. u. a. HEYER et al. 2006) wie auch aus Fächerecholotaufnahmen belegen. Mittels Peildaten erstellte Differenzmodelle sowie Sedimentbeprobungen nach 2006 geben Hinweise darauf, dass seit Änderung der Umlagerungsstrategie bezüglich des mittelsandigen Sedimentinventars in weiten Teilen des Amtsbereich Hamburg nur geringe Veränderungen stattgefunden haben sowie im Verbringstellenbereich 686/690 (vgl. Abbildung 2) ein Zuwachs erfolgt ist. Grundsätzlich sind hier noch vertiefte Untersuchungen zu den relevanten Transportprozessen, inkl. Betrachtungen im Hinblick auf die Rolle von Sturmfluten und schiffsinduzierten Transporten, notwendig. Nach derzeitigem Kenntnisstand erscheint es aus morphologischer Sicht aber sinnvoll, den WI-Einsatz im Bereich der Hauptelbe (Fahrrinnenbereich, Beseitigung von Einzeluntiefen) wie in den Jahren 2007 bis 2009 praktiziert fortzuführen, ggf. sogar auszuweiten. Ein Nettoverlust von Mittelsand in Richtung See durch verstärkten Hoppereinsatz in sandigen Baggerabschnitten, verbunden mit weiträumiger Umlagerung, ist zu vermeiden, da Sandriffel bzw. Dünen durch ihr wiederkehrendes „Aufwachsen“ zu einer Energiedissipation beitragen

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(Verringerung der einschwingenden Tideenergie). Auch ist ein geringerer Aufwand im jeweiligen Baggerbereich einem möglicherweise entstehendem Mehraufwand im Verbringbereich gegenüberzustellen (Nettozuwachs mittelsandigen Materials → Verdriftung von Verbringstelle(n) in die Fahrrinne → höherer Baggeraufwand zur Beseitigung lokaler Mindertiefen und damit einhergehend Notwendigkeit häufigerer Peilungen). Hinsichtlich der Kornfraktionen Feinsand und Schluff kann angenommen werden, dass aufgrund der herrschenden Transportprozesse ein Zustrom vorrangig mariner Sedimente in die derzeitigen WI-Einsatzbereiche in den Nebenelben und Nebenflüsse erfolgt. Die seit 2006 geänderte Umlagerungsstrategie setzt, wie bereits ausgeführt, insbesondere in den Baggerbereichen Wedel und Juelssand an. Hier fallen vorwiegend Feinsedimente sowie gleichzeitig zwischen 60 bis 70 % der gesamten jährlichen Hopperbaggermengen im Amtsbereich an. Untersuchungen anhand der entlang der Ästuars abnehmenden Schadstoffstoffkonzentrationen (Nutzung der Schadstoffe als Tracer) führten zu dem Ergebnis, dass über 70 % dieses feinkörnigen Materials marinen Ursprungs sind (ACKERMANN 2006, zit. nach BfG 2008). Für die WI-Einsatzbereiche in den Nebenbereichen, die zwischen 10 bis 30 km unterhalb der Baggerabschnitte Wedel und Juelssand liegen, ist von höheren marinen Anteilen auszugehen. Entsprechend ist im Zuge der weiteren Optimierung des Sedimentmanagementkonzeptes vorgesehen, den WI-Einsatz in den Nebenbereichen einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Hierbei ist zu überprüfen, ob es sinnvoll ist, in einzelnen Nebenbereichen (zeitweise) alternativ Hoppereinsätze durchzuführen, um das Feinmaterial weiter stromab umzulagern. Kosten und Nutzen sind gegenüber anderen denkbaren Maßnahmen, die zu einer Entlastung des Feinmaterialhaushaltes beitragen können, abzuwägen. Hierbei sind wirtschaftliche, nautische, morphologische sowie ökologische Gesichtspunkte in die Bewertung aufzunehmen.

3 WI-Einsatz Hauptelbe (Fahrrinne) in den Jahren 2007 bis 2009 Die WI-Baggermengen Hauptelbe von i. M. rd. 1,5 Mio. m³/a verteilten sich in den Jahren 2007 bis 2009 räumlich relativ gleichmäßig über den Einsatzbereich Elbe-km 638,9 bis 726,0 (Baggerabschnitte 1 bis 14 = BA1 bis BA14; vgl. nachfolgende Abbildung 4).

Abbildung 4: WI-Unterhaltungsbaggermengen 2007 bis 2009 in WSV-Baggerabschnitten 1 bis 14 (Elbe-km 638,9 bis 726,0), Mengenermittlung aus Vorpeilung

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Wie bereits mehrfach erläutert, erfolgt der WI-Einsatz in der Fahrrinne fast ausschließlich zur Beseitigung von Einzeluntiefen (Riffel, Dünen). Dies ist in Abbildung 5 anhand des Baggerabschnittes Wedel (BA1) verdeutlicht. In dem dort eingerichteten Sedimentfang Wedel wurden zuletzt über 2,0 Mio. m³/a an Feinsediment (mit 65 % bis 75 % Schluffanteil; Laderaummenge) gebaggert und im Rahmen der geänderten Umlagerungsstrategie weiträumig verbracht. In den angrenzenden Riffelstrecken, in denen Mittelsand vorherrscht, erfolgen hingegen WI-Einsätze.

Abbildung 5: Hopper- und WI-Einsatzbereiche im Baggerabschnitt 1 (Elbe-km 638,9 bis 644,0)

WI-Einsätze zur Beseitigung von Feinsedimenten erfolgen im Bereich Wedel nur in Ausnahmefällen (z. B. keine Verfügbarkeit eines Hoppergerätes bei dringender nautischer Erfordernis) sowie prinzipiell nur im Winterhalbjahr. Hintergrund hierbei ist, dass der Baggerabschnitt im sogenannten „Sauerstofftal“ der Tideelbe liegt (vgl. hierzu Abbildung 6). Seitens der Landesbehörden werden Dritten hier grundsätzlich keine WI-Einsätze im Sommerhalbjahr genehmigt.

Abbildung 6: Sauerstofftal Tideelbe am Hafenausgang / bei Wedel (Darstellung der ARGE Elbe)

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Der WI-Einsatz auf der Hauptelbe ist im Vergleich zum Hoppereinsatz auch unter ökologischen Gesichtspunkten positiv zu bewerten. Die Eingriffe sind geringer als beim Hoppereinsatz (kleinere Baggerfelder/Materialumsätze; keine großräumige Verbringung von Baggergut mit entsprechenden Belastungen an der Verbringstelle). Erhöhungen der Trübung und vermehrte Sauerstoffzehrung sind nicht zu erwarten, da es sich fast ausschließlich um mittelsandiges Material handelt. Diese Annahmen werden durch die Ergebnisse des WI-Untersuchungsprogrammes Unterweser bestätigt. Die Nautik im WSA Hamburg bewertet den vermehrten WI-Einsatz ebenfalls positiv (schnellere und effektivere Beseitigung kleinräumiger/lokaler Mindertiefen als beim Hoppereinsatz).

4 WI-Einsatz in Nebenflüssen und -elben in den Jahren 2007 bis 2009 Die Gesamtmengen der WI-Baggerungen in den Nebenbereichen von i. M. rd 1,24 Mio. m³/a sind zu 77 % den Nebenflüssen (i. M. 950.000 m³/a) sowie zu 23 % Nebenelben (i. M. 290.000 m³/a) zuzuordnen (vgl. Abbildung 7; Mengenermittlung aus Vorpeilung, z. T. auch Abschätzung aus Einsatzstunden). Von den genannten Mengen für die Nebenflüsse werden i. M. rd. 79 % in der Wischhafener Süderelbe gebaggert (Mündungsbereich und Durchstich zur Hauptelbe; Fährverkehr Glücksstadt - Wischhafen). Ergänzend erfolgen in diesem Bereich auch bereits Hopperbaggerungen. Weitere 13 % der WI-Baggerungen in Nebenflüssen erfolgen im Ruthenstrom, wo die ständige Zufahrt zu einem dort ansässigen Werftbetrieb zu gewährleisten ist. Die WI-Baggerung in den Nebenelben betrifft fast ausschließlich die Pagensander Nebenelbe (rund 70 % der gesamten WI-Baggermenge Nebenelben) sowie die Glückstädter Nebenelbe (rund 25 % der gesamten WI-Baggermenge Nebenelben). Die Ausbaggerungen dienen der Gewährleistung nautischer Tiefen in den Nebenelben und wirken Verlandungsprozessen entgegen, die mittelbar zu einem verstärktem Stromauftransport von Feststoffen führen (Verringerung der Strömungsgeschwindigkeiten im Nebenelbenbereich → Zunahme von Strömungsgeschwindigkeiten in der Hauptelbe). Die Räumungen in den Nebenbereichen erfolgen bevorzugt im Winterhalbjahr. Aus morphologischer Sicht ist ein Einsatz in den Monaten Februar bis April (sowie ergänzend den Vormonaten) optimal, da hier hohe Oberwasserabflüsse herrschen und Feinsedimente/Schwebstoffe verstärkt stromab transportiert werden (vgl. Abbildung 8). Ökologisch gesehen ist das Winterhalbjahr, u. a. aufgrund der höheren Sauerstoffgehalte, ebenfalls vorzuziehen. Aufgrund der nautischen Randbedingungen/Erfordernisse (Verkehrssicherung) können Einsätze in den Nebenbereichen im Sommerhalbjahr jedoch nicht vollständig vermieden werden.

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Abbildung 7: WI-Unterhaltungsbaggermengen in Nebenflüssen und Nebenelben, Mengenermittlung aus Vorpeilung bzw. alternativ Abschätzung aus Einsatzstunden

Wie bereits unter 2.2 diskutiert, ist im Zuge der weiteren Optimierung des Sedimentmanagementkonzeptes Tideelbe vorgesehen, den WI-Einsatz in den Nebenbereichen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Hierbei sind vorrangig die Haupteinsatzbereiche Wischhafener Süderelbe und Pagensander Nebenelbe (vgl. Abbildung 9) zu betrachten. Im Kontext der geänderten Umlagerungsstrategie (vgl. Abschnitt 2.1) dürfte ein entsprechender Ansatz ökologisch zunächst positiv bewertet werden: In der BfG-Systemstudie (BfG 2008) wird die Umlagerung Wedeler Baggergutes zwischen km 700 bis 730 (vgl. Abbildung 3) unter Berücksichtigung verschiedener Fachaspekte in einer Gesamtbetrachtung als Kompromiss identifiziert. Nachteilig wird hierbei die Schadstoffbelastung des Wedeler Baggerguts gese-

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hen. Für die möglichen Einsatzbereiche Wischhafener Süderelbe und Pagensander Nebenelbe ist von geringeren Belastungen des sedimentierenden Unterhaltungsbaggergutes auszugehen.

Monate Februar bis April (und Dez., Jan.) hinsichtlich Sedimenttransportbedingungen am günstigsten für den WI-Einsatz

Abbildung 8: Verteilung der Oberwasserabflüsse an der Tideelbe über das Hydrologische Jahr 10-Jahresreihe 2001/2010 des mittleren Monatsabflusses am Pegel Neu Darchau

Abbildung 9: WI-Einsatzbereiche in Nebenflüssen und Nebenelben - Mittlere Baggermengen im 3-Jahres-Zeitraum 2007/2009, Mengenermittlung aus Vorpeilung bzw. alternativ Abschätzung aus Einsatzstunden

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Lokal ist zu betrachten, wie sich die Umweltauswirkungen von Hopper- und WI-Gerät an der Baggerstelle unterscheiden. In einer ersten (subjektiven) Bewertung wird von nur geringfügigen Unterschieden ausgegangen, Veröffentlichungen bzw. laufende Untersuchungen zur speziellen Thematik sind dem WSA Hamburg aber nicht bekannt. Die grundlegend notwendige Kosten/Nutzen-Abwägung gegenüber anderen Maßnahmen wurde bereits in Abschnitt 2.2 diskutiert. Darüber hinaus sind Akzeptanzprobleme im Hinblick auf die Notwendigkeit von Pflegebaggerungen in Nebenbereichen zu erwarten. So wurde Vorschlägen, den Bereich der Pagensander Nebenelbe gezielt zu bewirtschaften und hierzu den Sedimentationsraum ggf. aufzuweiten, von Naturschutzseite sehr restriktiv begegnet. Dabei schien kaum bekannt (und akzeptiert), dass bereits jetzt regelmäßig Unterhaltungsmaßnahmen in der Nebenelbe durchgeführt werden, die auch aus naturschutzfachlicher Sicht Sinn machen. Aufgrund der Phasenverschiebung zwischen Haupt- und Nebenelbe befindet sich am oberstromigen Ende der Nebenelbe ein dauerhafter Sedimentationsbereich. Ohne Pflege würde es langfristig zu einer nahe vollständigen Verlandung und in Folge auch zu negativen ökologischen Wirkeffekten kommen. (ENTELMANN 2009)

5 Zusammenfassung und Ausblick Mit der Darstellung des WI-Einsatzes auf der Tideelbe im Kontext des Strombau- und Sedimentmanagementkonzeptes (WSV & HPA 2008) will der vorliegende Beitrag zum Workshop „Umweltauswirkungen von Wasserinjektionsbaggerungen“ einen Denkansatz geben, ökologische Aspekte von WI-Einsätzen nicht nur lokal, sondern auch großräumig bezüglich ihrer Wirkeffekte zu beleuchten. Dazu wurden neben einem Überblick zu den WI-Baggermengen und Einsatzbereichen auf der Tideelbe (Zuständigkeitsbereich der WSV) grundlegende Aspekte der Gesamtbaggerstrategie (Hopper- und WI-Einsatz) dargestellt. Bezüglich der großräumigen ökologischen Bewertung dieser Strategie wurde mehrfach auf die BfGSystemstudie Tideelbe (BfG 2008) als eine wesentliche Grundlage verwiesen. Der WI-Einsatz auf der Hauptelbe wurde im Vergleich zum Hoppereinsatz hinsichtlich seiner Umweltauswirkungen als positiv bewertet. Bezüglich des WI-Einsatzes in den Nebenbereichen ist im Zuge der weiteren Optimierung des Sedimentmanagementkonzeptes vorgesehen, diesen einer kritischen Beurteilung zu unterziehen. Grundlegende ökologische Nachteile im Vergleich zu Hoppereinsätzen werden aber auch hier derzeit nicht gesehen. Unter anderem auch im Hinblick auf die Umweltauswirkungen erfolgt eine bevorzugte Räumung der Nebenbereiche im Winterhalbjahr. Bisher gibt es im Bereich der Tideelbe keine nennenswerte Kritik bzw. Diskussionen hinsichtlich einer eventuell notwendigen Beschränkung der WSV-seitig veranlassten WI-Einsätze. Als grundlegende Orientierungshilfe - auch im Hinblick auf ökologische Fragestellungen - findet im Amt der HPA-Bericht „Das Wasserinjektionsverfahren“ (MEYER-NEHLS 2000) Verwendung. Darüber hinausgehende gezielte Untersuchungen zu den (lokalen) Umweltauswirkungen von WI-Baggerungen sind derzeit nicht geplant.

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Literatur BEHM, J. (2007): Unterhaltungsbaggerungen in der Hauptelbe mit Wasserinjektionsgerät 2006 - Erfahrungsbericht des WSA Hamburg (verwaltungsintern), Hamburg. BfG [Hrsg.] (2008): WSV-Sedimentmanagement Tideelbe - Strategien und Potenziale - eine Systemstudie. Ökologische Auswirkungen der Umlagerung von Wedeler Baggergut. BfG-1584. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. (Download: www.portaltideelbe.de/Projekte → Strombau- und Sedimentmanagement Tideelbe) BfG [Hrsg.] (2010): Untersuchung zur Dynamik von Feststoffen und feststoffgebundenen Schadstoffen für den Verbringbereich bei Elbe-km 688/690 - Ergebnisse der Monitoringkampagnen vom Oktober 2008 und März 2009. BfG-1691. Bundesanstalt für Gewässerkunde, Koblenz. ENTELMANN, I. (2007): Bewirtschaftung von Nebenelben zur Beeinflussung des Feinsedimenthaushaltes - Planungsstand Pagensander Nebenelbe/Steinloch (verwaltungsintern), Hamburg. EICHWEBER, G. (2007): Wasserbauliche und ökologische Bewertungskriterien für Umlagerungsstrategien in der Unterelbe. Rostocker Meeresbiologische Beiträge - Zeitschrift des Instituts für Biowissenschaften der Universität Rostock. Heft 17. S. 19-37. HEYER, H.; WINKEL, N. & WEILBEER, H. (2006): Anpassung der Fahrrinne von Unter- und Außenelbe an die Containerschifffahrt - Gutachten zur ausbaubedingten Änderung der morphodynamischen Prozesse der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW), Hamburg. Teil der Antragsunterlagen zur geplanten Fahrrinnenanpassung von Unter- und Außenelbe, Teilgutachten H.1c. (Download: www.portal-tideelbe.de/Projekte → Geplante Fahrrinnenanpassung) KAPPENBERG, J. & FANGER, H.-U. (2007): Sedimenttransportgeschehen in der tidebeeinflussten Elbe, der deutschen Bucht und in der Nordsee. GKSS-Forschungszentrum, Geesthacht. (Download: www.portal-tideelbe.de/Projekte → Strombau- und Sedimentmanagement Tideelbe) MEYER-NEHLS, R. (2000): Das Wasserinjektionsverfahren - Ergebnisse einer Literaturstudie sowie von Untersuchungen im Hamburger Hafen und in der Unterelbe. Ergebnisse aus Baggergutuntersuchungen, Heft 8. Freie und Hansestadt Hamburg, Wirtschaftsbehörde, Strom- und Hafenbau. Hamburg. WSV & HPA [Hrsg.] (2008): Strombau- und Sedimentmanagementkonzept für die Tideelbe. Hamburg/Kiel. (Download: www.portal-tideelbe.de/Projekte → Strombau- und Sedimentmanagement Tideelbe)

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Jahrgang: 1968 1990 – 1992 Ausbildung zum Wasserbauer im Außenbezirk Wedel des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hamburg 1992 – 1998 Studium Bauingenieurwesen und Umwelttechnik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg

Kontakt: Dr.-Ing. Ingo Entelmann Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg Moorweidenstraße 14 20148 Hamburg Tel.: 040-44110-220 Fax: 040-44110-365 E-Mail: [email protected]

1999 – 2004 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wasserressourcen und Wasserversorgung an der Technischen Universität Hamburg-Harburg Projektbearbeitungen u. a.: 2001 – 2002: GIS-gestützte Nährstoffbilanzen für die Flusseinzugsgebiete Aue/Lühe, Este und Seeve 2002 – 2003: Dezentrale Abwasserbeseitigung in Wasserschutzgebieten Dissertationsschrift: „Stoffbilanzmodelle in der flusseinzugsgebietsbezogenen Gewässerbewirtschaftung“ 2005 Kurzzeitige Tätigkeit als Projektmanager bei der aquabench GmbH, Hamburg/Köln seit 2005 Technischer Angestellter Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg 2005 – 2007: Neubausachbereich des Amtes (insb. Vorplanungen zur weiteren Fahrrinnenanpassung Unter- und Außenelbe, Betreuung von Aufgaben zur Beweissicherung letzte Fahrrinnenanpassung) seit 2008: Leiter Gewässerkunde (Teil des Unterhaltungssachbereiches des Amtes)

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Diskussion, Zusammenfassung, weiteres Vorgehen

Heiko Leuchs1 und Volker Steege2 1

Bundesanstalt für Gewässerkunde, 56068 Koblenz ² Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, 53175 Bonn

1 Ergebnisse der Diskussion, Zusammenfassung Zum Abschluss des Workshops wurde zu fachlichen Inhalten, Übertragbarkeit der vorgestellten Untersuchungen, deren Ergebnissen sowie der sich aus der Übersicht ergebender Bedarf zukünftiger Aktivitäten ausführlich diskutiert. In dieser Diskussion wurden folgende Aspekte herausgestellt: >

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Der WI-Workshop war eine gut geeignete Form, die vorhandenen Kenntnisse über Umweltauswirkungen von WI-Baggerungen in der WSV zusammenzuführen und Erfahrungen auszutauschen. Um einen vollständigen Überblick über den Kenntnisstand erhalten zu können, besteht Bedarf, auch internationale Literatur auszuwerten. Von besonderem Interesse ist dabei ein Vergleich zwischen den Umweltwirkungen und der Effizienz von WIGeräten mit den anderen Baggerverfahren. Es ist zu beachten, dass bei den eingesetzten hydroakkustischen Verfahren (ADCP in Nähe der Wasseroberfläche) aus physikalischen Gründen der direkt über der Sohle liegende Bereich nicht erfasst werden kann. Hier kann nur mit anderen Methoden punktuell gemessen werden, um die Lücken zu füllen. Mit Kornanalysen, Fächerlotpeilungen und Sedimentecholot können aber qualitative Veränderungen der Sedimente und morphologische Veränderungen im Dezimeterbereich identifiziert werden. Das Wasserinjektionsverfahren ist kein kritisches Thema in den Revieren. Es hat sich als anerkanntes Verfahren etabliert. Derzeit gibt es keine Forderungen von Dritten nach weiteren Felduntersuchungen. Akuter Bedarf für weitere Felduntersuchungen besteht nicht. Das WI-Verfahren „hat seine Berechtigung“. Es ist in der Lage, Baggerstellen flächen- und tiefengenau abzutragen. Es ist auch wirtschaftlich ein gut geeignetes Verfahren in bestimmten Einsatzgebieten. Es gibt Hinweise, dass sich bei Einsatz der WI-Technik in der Unterhaltung die Mindertiefen langsamer aufbauen. Hierzu sind weitergehende Auswertungen notwendig. Bei einem langfristigen Einsatz im Revier ist zu prüfen, ob Veränderungen der Morphologie eintreten (z. B. Aufhöhung der Talsohlen, Verbreiterung der Kuppen). Die vorgestellten einzelnen Fallbeispiele erlauben keine pauschale Verallgemeinerung. Jeder Einzelfall soll und muss für sich betrachtet werden – dies erfolgt je

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nach unterschiedlicher Art von Sediment (z. B. Schlick, Sand), hydromorphologischen Verhältnissen, Mengen- und Flächenumfang sowie Wiederholungsfrequenz. Kurzfristige Betrachtungen können nicht auf langfristige Wirkungen übertragen werden. Wenn die Sohlmorphologie dauerhaft verändert wird, können sich z. B. auch die hydraulischen Verhältnisse verändern. Es kann hilfreich sein, Modellierungen einzubeziehen, z. B. Sedimenttransportmodelle. Die Diskussion zum Naturschutz in dynamischen Systemen wie z. B. den Ästuaren sollte weitergeführt werden. Ein starres Festhalten am Bestand oder auch das Berufen auf vergangene, ihrerseits bereits anthropogen überprägte Zustände berücksichtigen ungenügend die naturbedingte Dynamik des Systems. Naturschutzkonzepte müssen die natürliche Dynamik und Veränderung einbeziehen. Die Auswirkungen auf das Makrozoobenthos sind tendenziell geringer einzustufen als bei der Hopperbaggerei. Die Tiere am Boden werden nicht eingesaugt. Mobile Arten können ausweichen, wenig mobile Arten werden mit dem mobilisierten Sediment umgelagert und haben gute Chancen, sich am neuen Ort zu etablieren. Bei der derzeit laufenden Neufassung der WSV-Baggergutrichtlinien in einer HABAG ist das WI-Verfahren zu integrieren. Vor dem Hintergrund der neueren Gesetzgebung (Umsetzung von EG-Wasserrahmenrichtlinie, Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie und Natura-2000-Richtlinien in nationales Recht) sind die Anforderungen an die Erstellung von Sedimentmanagementkonzepten gestiegen. Das Baggermanagement der WSV in den jeweiligen Revieren muss mit den sich daraus ergebenden Anforderungen abgestimmt werden. Die dafür vorhandenen personellen Ressourcen in der WSV-Gewässerkunde sind allerdings limitiert.

2 Weiteres Vorgehen Nach übereinstimmender Auffassung der Teilnehmer besteht in den Revieren kein akuter Bedarf, weitere Begleituntersuchungen zu Umweltauswirkungen von WI-Baggerungen zu veranlassen. Die vorhandenen und im Rahmen des Workshops zusammengetragenen Kenntnisse sollen aber aufbereitet und verfügbar gemacht werden. Hierzu wird die BfG die Ergebnisse des WI-Workshops in einem Band der Reihe „Veranstaltungen der BfG“ zusammenfassen. Dies ist mit dem Vorlegen dieses Bandes „Veranstaltungen 2/2011“ erfolgt. Zusätzlich wird angestrebt, eine Literaturstudie mit Sichtung und Auswertung der international vorhandenen Literatur zu erstellen. Kontakt: Dr. Heiko Leuchs Bundesanstalt für Gewässerkunde Referat U1 Am Mainzer Tor 1 56068 Koblenz Tel.: 0261-1306-5468 Fax.: 0261-1306-5374 E-Mail: [email protected]

Kontakt: Volker Steege Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Referat WS 14 Robert-Schuman-Platz 1 53175 Bonn Tel.: 0228-99 300 4242 Fax: 0228-99 300 807 4242 E-Mail: [email protected]

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In der Reihe BfG-Veranstaltungen sind bisher u. a. erschienen: 1/2004

Flussgebietsbewirtschaftung – quo vadis Modellierung

2/2004

Auswirkungen des Ausbaus deutscher Nordsee-Ästuare auf die Gewässergüte und das Baggergutmanagement

3/2004

Die Lahn, Betrachtungen zu einem Gewässer aus hydrologischer, wasserwirtschaftlicher und ökologischer Sicht

4/2004

Tracer- und Abriebversuche – Gewinnung morphologischer Basisdaten für die Bewirtschaftung defizitärer Flusssysteme

5/2004

Statusseminar – Sedimentkontakttests

6/2004

Wasserstands- und Abflussvorhersage in grenzüberschreitenden Flussgebieten. Stand und Weiterentwicklung von Vorhersagesystemen

1/2005

Praxisorientierte und vielseitig nutzbare Fernerkundungseinsätze an der Elbe

2/2005

Die Bedeutung von Baggergutrichtlinien für das Sedimentmanagement in Flussgebieten und für den Meeresschutz

3/2005

Anwendungen der weltweiten Sammlung von Abflussdaten des Global Runoff Data Centre (GRDC)

4/2005

Feststoffhaushalt und Sedimentbewirtschaftung – anthropogene Steuerung natürlicher Prozesse

5/2005

Erfahrungen zur Niedrigwasserbewirtschaftung

1/2006

Gewässerkundliche Untersuchungen für verkehrliche und wasserwirtschaftliche Planungen an Bundeswasserstraßen

2/2006

Wasserstands- und Abflussvorhersagen im Elbegebiet

3/2006

Niederschlag-Abfluss-Modellierung zur Verlängerung des Vorhersagezeitraumes operationeller Wasserstandsund Abflussvorhersagen

4/2006

Radiologische Untersuchungen an Bundeswasserstraßen als Teil der radiologischen Umweltüberwachung

5/2006

Messkonzepte und Modellierung in der Gewässermorphologie

1/2007

Höhenmessungen mit GPS – Status quo und Entwicklungstendenzen

2/2007

Röhricht an Bundeswasserstraßen (im norddeutschen Raum)

1/2008

Neue Wege der Schadstoffbekämpfung

2/2008

Ultraschall in der Hydrometrie: neue Technik – neuer Nutzen?

3/2008

Effektive und qualitätsgesicherte Abwicklung von Sediment-/Baggergutuntersuchungen in der WSV

4/2008

Saisonale Vorhersagesysteme in Meteorologie und Hydrologie

5/2008

Umweltaspekte des Einsatzes von industriell hergestellten Wasserbausteinen in Bundeswasserstraßen

6/2008

Wasserbewirtschaftung und Niedrigwasser

1/2009

Wasserstandsinformationsdienste der BfG für die Bundeswasserstraßen

2/2009

Sediment Contact Tests. Reference conditions, control sediments, toxicity thresholds

3/2009

Sedimentologische Prozesse – Analyse, Beschreibung, Modellierung

4/2009

Ingenieurvermessung im Bauwesen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung

5/2009

Verfahren der ökotoxikologischen (Risiko-) Bewertung in der Umweltsicherung

6/2009

Softwarelösungen für ein integriertes Hochwassermanagement

7/2009

Aspekte des Schadstoffmonitorings an Schwebstoffen und Sedimenten in der aquatischen Umwelt

1/2010

Flusssysteme in Raum und Zeit

2/2010

Berücksichtigung verkehrs- und bautechnischer Emissionen und Immissionen in Umweltverträglichkeitsprüfungen

3/2010

Pathogene Vibrionen in der marinen Umwelt

4/2010

Riskobewertung stofflicher Belastungen

5/2010

Screeningverfahren zur Erfassung endokriner Wirkungen in der aquatischen Umwelt

1/2011

Erfassung und Bewertung des hydromorphologischen Zustands in Wasserstraßen