Verben - Schmetterling Verlag

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Verben

Verben Themenüberblick

am ½o ama½s ama½t ama½mus ama½tis ama½nt ama½re

Zunächst wirst du begreifen, dass auch die lateinischen Verben nach denselben Bildungsprinzipien entstehen wie die deutschen, nämlich aus: Stamm, Suffix, Bindevokal und Endung Um ein Wort bilden zu können, brauchst du zunächst einen Stamm. Beim Stamm unterscheiden wir zwischen zwei unterschiedlichen Systemen zur Klassifizierung von Verben: — —

dem Präsensstammsystem dem Perfektstammsystem

Nahezu alle lateinischen Verbstämme kommen aus einem dieser beiden Systeme. Innerhalb dieser beiden Stammsysteme unterscheiden wir noch einmal: — —

fünf Konjugationen im Präsens sieben Stämme im Perfekt

Da der Stamm nicht in allen Formen gleich bleibt, ist es wichtig, wenigstens die wichtigsten Stammformen zu lernen, vor allem Präsens- und Perfektstamm. Das erleichtert das Lernen sehr. Hinzu kommen — — — —

29 Endungen 11 Suffixe 3 Bindevokale mehrere wichtige Regeln

Wichtig: Erst zum Schluss geht es ans Auswendiglernen!

Noch einmal Stamm und Endung, Suffix und Bindevokal Wir haben im deutschen Teil die Konjugation von Stamm und Endung kennengelernt. Die selben Prinzipien herrschen auch im Lateinischen. Bleiben wir bei unserem Beispiel: lieben heißt auf Lateinisch amare. Gehen wir nun einmal dieselbe Konjugationstabelle wie zuvor im Deutschen auf Lateinisch für den Indikativ Präsens Aktiv durch: 1. Person 2. Person 3. Person 1. Person 2. Person 3. Person Infinitiv

Singular Singular Singular Plural Plural Plural

amo amas amat amamus amatis amant amare

Trennen wir erneut Stamm und Endung und ziehen wir unsere Linie:

Wir haben einen Stamm ama und die Aktiv-Endungen o, s, t, mus, tis, nt und für den Infinitiv die Endung re. In anderen Tempora treten zusätzlich Bindevokale hinzu. Mit all diesen Phänomenen werden wir uns jetzt detailliert befassen, beginnend mit dem Stamm, über Endung und Suffix bis zum Bindevokal.

Stamm Um Verben in verschiedenen Formen zu unterscheiden, gibt es nicht nur die Möglichkeit unterschiedliche Suffixe und Endungen an den Stamm zu hängen. Man kann auch den Stamm selbst verändern. Verschiedene Tempora können neben unterschiedlichen Suffixen und Endungen auch unterschiedliche Stämme aufweisen. Das gilt im Deutschen und Englischen vor allem zur Unterscheidung des Präsens, des Präteritum und des Perfekt: gehen, ging, gegangen sprechen, sprach, gesprochen singen, sang, gesungen go, went, gone speak, spoke, spoken sing, sang, sung Die Unterscheidung verschiedener Stämme ein und desselben Verbs ist auch für das Lateinische sehr wichtig. Wir unterscheiden zunächst zwischen zwei Stämmen: — —

einem Präsensstamm einem Perfektstamm

Ein dritter Stamm, der Partizipstamm, kommt noch hinzu. Er hat jedoch nichts mit der Konjugation finiter Verben, sondern mit der Konjugation zusammengesetzter Prädikate zu tun. Doch für diesen Partizipstamm ist es jetzt noch zu früh.

Präsensstamm und Perfektstamm – von diesen beiden Stämmen wird ein Großteil der finiten lateinischen Verbformen durch Anfügung von unterschiedlichen Suffixen und Endungen gebildet. Vom Präsensstamm wird z. B. nicht nur das Präsens, sondern auch das lateinische Imperfekt und das Futur 1 gebildet. Vom Perfektstamm wird dementsprechend auch nicht nur das Perfekt, sondern auch das Plusquamperfekt und das Futur 2

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Verben jeweils mit eigenen Suffixen oder Endungen gebildet. Wir sprechen daher bei den vom Präsensstamm gebildeten Tempora vom Präsensstammsystem, bei den vom Perfektstamm gebildeten Tempora vom Perfektstammsystem. Die folgende Tabelle gibt darüber eine Übersicht: Präsensstammsystem Präsens Imperfekt (Latein) Futur 1

Perfektstammsystem Perfekt Plusquamperfekt Futur 2 (Perfekt Futur)

Gemäß diesen beiden Stammsystemen gibt es auch zwei Möglichkeiten lateinische Verben zu ordnen oder zu klassifizieren: — —

in fünf Konjugationsklassen oder Konjugationen nach dem Präsensstamm in sieben Arten von Stämmen nach dem Perfektstamm

Beide Stammsysteme, Präsens- und Perfektstammsystem, gehen wir jetzt einzeln durch.

5 Stammauslaute, 5 Präsensstämme, 5 Konjugationen im Präsensstammsystem Die lateinischen Verben lassen sich zunächst einmal alle nach dem Präsensstamm ordnen. Dabei unterscheiden die lateinischen Grammatiker in ihrem Ordnungsdrang fünf Arten von Stämmen. Sie werden auch als die fünf Konjugationsklassen bezeichnet. Mit den fünf Konjugationsklassen sind eigentlich nur fünf Buchstaben gemeint. Denn die fünf Konjugationsklassen sind benannt nach dem letzten Buchstaben des Stammes, dem sogenannten Stammauslaut, genauer gesagt: nach dem letzten Buchstaben des Präsensstammes, dem Präsensstammauslaut. Dieser Präsensstammauslaut lateinischer Verben kann entweder auf einen der Vokale e, a, langes i (wie im deutschen Wort wir oder Bier) oder i (wie im deutschen Wort wirr oder Geschirr) oder auf einen Konsonanten auslauten. Dazu ein paar Beispiele:

Präsensstamm

Stammauslaut

Bedeutung

proba-

a

prüfen

da-

a

geben

vide-

e

sehen

habe-

e

haben

audÌ-

langes i

hören

venÌ-

langes i

kommen

faci-

kurzes i

tun, machen

capi-

kurzes i

nehmen

ag-

g

handeln, treiben

dic-

c

sagen

Nach diesen Stammauslauten unterscheiden wir fünf Konjugationen, die wir gleich miteinander durchgehen: — — — — —

die die die die die

a-Konjugation e-Konjugation langvokalische i-Konjugation konsonantische Konjugation kurzvokalische i-Konjugation

Die a-Konjugation ama, den Stamm für amare, lieben, hast du schon kennengelernt. Stammauslaut ist -a. Er gehört folglich zur a-Konjugation. Ein weiteres typisches Beispiel für die a-Konjugation ist auch laudare, loben, mit dem Stamm lauda-. In der Tabelle im Anhang wird servare, retten, mit dem Stamm servaverwendet.

Die e-Konjugation Andere Stämme lauten auf -e aus, die Stämme der e-Konjugation: z. B. videre, sehen, mit dem Stamm vide-. Hängen wir die Endung der ersten Person Singular Präsens Aktiv an diesen Stamm, kommt ein bekanntes deutsches Wort heraus: video. Verstehst du jetzt, was es heißt? Lieblingsbeispiel der meisten Grammatiken ist monere, ermahnen. Es hat den Stamm mone-.

Die langvokalische i-Konjugation Langvokalische i-Konjugation ist z. B. audire, hören, mit dem Stamm audi-. Langvokalisch heißt sie, weil hier das i- lang gesprochen wird. Auch hier kennen wir die erste Person Singular Präsens Aktiv aus einem bekannten deutschen Wort audio.

Die konsonantische Konjugation Zur konsonantischen Konjugation gehört zum Beispiel der Stamm ag- von agere, tun, handeln. Nun fragst du dich sicherlich, warum es sich bei ag-e-re um einen konsonantischen Stamm handelt, obwohl zwischen der Infinitivendung -re und dem letzten Konsonanten -g noch ein Vokal -e steht. Ei-

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Verben gentlich müsste es doch ag-re lauten! Und du hast völlig recht – sprachgeschichtlich und logisch müsste es ag-re heißen. Aber machen wir noch einmal ein kleines Experiment. Mache dir nochmals die Mühe, dieses ag-re zehn Mal schnell hintereinander aufzusagen. Wenn du Zeit hast, auch tausend mal. – Dann kannst du ungefähr nachvollziehen, was in tausend Jahren Sprachgeschichte mit einem Wort passieren kann: agre, agre, agre, agre, agre ... ag-e-re. Irgendwann schleicht sich unwillkürlich beim Sprechen ein kleines -e ein, damit die zwei Konsonanten g und r nicht mehr so hart aufeinanderreiben, ein Bindevokal.

Die kurzvokalische i-Konjugation Mit der kurzvokalischen i-Konjugation ist es so eine Sache. Man möchte meinen: einmal kurzes i – immer kurzes i. Leider muss ich dich enttäuschen. Das kurze i ist nämlich ursprünglich ein j. Ein j ist bekanntlich ein Konsonant. Aus diesem Grund kann man die kurzvokalische i-Konjugation auch zur konsonantischen Konjugation zählen, weil sie ursprünglich ein j als Stammauslaut hatte. Aufgrund dieses Mischcharakters zwischen vokalischem und konsonantischem Stammauslaut hat sie Merkmale der i- und der konsonantischen Konjugation und heißt auch Mischkonjugation oder Mischklasse. So neigt das kurze i dazu manchmal zu verschwinden oder sich in ein e zu verwandeln, ähnlich einem Bindevokal. Zur kurzvokalischen i-Konjugation gehört zum Beispiel der Stamm capi-, nehmen. Die 1. Person Singular Präsens Aktiv lautet folglich capio, ich nehme. Als Infinitiv würdest du dementsprechend auch capi-re, nehmen, erwarten. Sprachgeschichtlich und logisch ist das völlig richtig. Doch wenn du tausend Mal hintereinander (oder auch nur zehn Mal schnell hintereinander) capi-re aussprichst, kannst du ein Stück lateinischer Sprachentwicklung im Zeitraffer nachvollziehen: Das kurze i (wie in Geschirr) von capi-re lässt sich nur schwer aussprechen und wird zu einem e. So entsteht die Form cape-re ganz einfach deshalb, weil es sich leichter aussprechen lässt und unsere Zunge automatisch aus einem kurzen i ein e werden lässt. Also: Hast du bis jetzt alles capirrt? Die Benennung der Konjugationen nach den fünf möglichen Stammauslauten des Präsensstammes ist etwas willkürlich. Man hätte die Konjugationen auch nach den Perfektstämmen benennen können. Oder man hätte diese Klassifizierung gleich lassen können, weil man bei einem Verb ja ohnehin sowohl Präsens- als auch Perfektstämme und manchmal sogar noch ganz unterschiedliche Stämme innerhalb eines Tempus lernen muss – also viel mehr als fünf. Der Vorteil dieser Klassifizierung liegt allerdings darin, dass sich alle lateinischen Verben in ihren Präsensstämmen absolut regelmäßig und ohne Ausnahme in diese fünf Klassen einteilen lassen – bis auf die Verben mit Stammwechsel.

Bevor wir zu den Perfektstämmen kommen, zur abschließenden Übersicht noch einmal die Tabelle: Präsensstamm

Stammauslaut

Konjugationsklasse

Bedeutung

proba-

a

a-Konjugation

prüfen

da-

a

vide-

e

e-Konjugation

sehen

habe-

e

audÌ-

langes i

venÌ-

langes i

faci-

kurzes i

capi-

kurzes i

ag-

g

dic-

c

geben

haben lang-i-Konjugation

hören kommen

kurz-i-Konjugation

tun, machen nehmen

konsonantische Konjugation

handeln, treiben sagen

7 Perfektstammtypen im Perfektstammsystem Es gibt insgesamt sieben unterschiedliche Typen von Perfektstämmen mit teilweise äußerst kompliziert klingenden Namen: — — — — — — —

das das das das das das das

v-Perfekt s-Perfekt u-Perfekt Ablaut- und Dehnungsperfekt Reduplikationsperfekt Stammperfekt Perfekt mit Stammwechsel

Sie sind nur teilweise nach dem Stammauslaut, in diesem Fall dem Perfektstammauslaut, benannt, teilweise aber auch nach anderen Bildungsprinzipien. Manche Perfektstämme sind auch Kombinationen von mehreren Bildungsprinzipien. Man kann von der Konjugationsklasse im Präsensstamm nicht auf die Perfektstammbildung schließen. Hier besteht nur in wenigen Fällen ein regelmäßiger Zusammenhang. An den Beispielen in der folgenden Tabelle kannst du das gut erkennen – die verschiedenen Perfektstämme gehen quer durch alle Konjugationsklassen. Eines der Hauptprobleme bei den Perfektstämmen besteht darin, dass viele von ihnen nicht so regelmäßig gebildet werden wie die Präsensstämme. Aus diesem Grund gehören die Stammformen zu den auch für das Latinum wirklich wichtigen Vokabeln. Am Auswendiglernen zumindest der häufigsten führt auf Dauer kein Weg vorbei. Du findest sie im Grundwortschatz. Die Verben mit Stammwechsel (vor allem esse, ire, ferre und fieri) lernst du am besten komplett auswendig.

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Verben Perfektstamm

Stammtyp

Präsensstamm

Konjugationsklasse

Bedeutung

probav-

v-Perfekt

proba-

a-Konjugation

prüfen, beweisen, billigen

audiv-

v-Perfekt

audi-

lang-iKonjugation

hören

habu-

u-Perfekt

habe-

e-Konjugation

haben,

dix-

s-Perfekt

dic-

konsonantische Konjugation

sagen

ded-

Reduplikationsperfekt da-

a-Konjugation

geben

eg-

Ablaut- und Dehnungsperfekt

ag-

konsonantische Konjugation

handeln, treiben

fec-

Ablaut- und Dehnungsperfekt

faci-

kurz-iKonjugation

tun,

ven-

Dehnungs- und Stammperfekt

venÌ-

lang-iKonjugation

kommen

vid-

Stammperfekt

vide-

e-Konjugation

sehen

cep-

Dehnungs- und Ab- capilautperfekt

kurz-iKonjugation

nehmen

halten für

machen

Das v-Perfekt Beim v-Perfekt geschieht etwas sehr Einfaches: Wie der Name schon sagt, hat es irgendwie mit dem Buchstaben v zu tun. Dieses v tritt beim v-Perfekt zusätzlich an den Präsensstamm. Dafür ein Beispiel: proba- prüfen ist ein Präsensstamm (a-Konjugation). Um nun zum Perfektstamm zu werden, fügen wir einfach ein v an den Stamm und schon ist das Rätsel gelüftet: probavEin weiteres Beispiel: audi- hören ist ein Präsensstamm (Lang-i-Konjugation). Tritt ein v an diesen Präsensstamm, entsteht ein v-Perfekt: audivDass das eigentlich sehr simpel ist, hat auch die Redaktion des Pons erkannt. Deshalb machen sie es sich bei allen Formen, die ein v-Perfekt haben, recht einfach. Sie lassen es einfach aus. Ist also im Pons keine Perfektform angegeben, so musst du davon ausgehen, dass es sich um ein v-Perfekt handelt (Vgl. dazu: Pons, Seite VII). Wichtige Regel: Die allermeisten Verben der a-Konjugation bilden ein v-Perfekt, indem v als Suffix an den Präsenzstamm tritt.

Hier ein Beispiel: mone- mahnen ist ein Präsensstamm (e-Konjugation). Leider tritt das u nicht, wie zu erwarten, an das e, sondern bereits hinter das n, so dass das e wegfällt: monuGanz ähnlich ist es mit dem Präsensstamm habe- haben (ebenfalls e-Konjugation). Auch hier bleibt der Präsensstamm nicht vollständig erhalten: habuDeshalb gibt der Pons die Formen im u-Perfekt auch nicht an. Wichtige Regel: Die meisten Verben der e-Konjugation bilden ein u-Perfekt, indem u den Präsensstammauslaut e ersetzt.

Das s-Perfekt Das s-Perfekt ist eine Präsensstammerweiterung durch ein s. Dabei kann es zu unterschiedlichen Stammveränderungen kommen. Hier das erste Beispiel: mitt- schicken ist ein Präsensstamm (konsonantische Konjugation). Das s-Perfekt dazu lautet: misEin zweites Beispiel: dic- sagen ist ein Präsensstamm (konsonantische Konjugation). Tritt ein s hinter den Stammauslaut c, so erwartet man die Form dics. Nun wurde das c im Lateinischen wie k ausgesprochen. Das hat zur Folge, dass hier ein k auf ein s trifft: ks. Zusammen ausgesprochen klingen k und s wie x. Und genau das tritt an die Stelle von c und s im Perfekt. Der s-Perfektstamm zum Präsensstamm dic lautet also dix. Man könnte soweit gehen zu behaupten: Eigentlich sind v-, u- und s-Perfekt gar kein Stammwechsel, sondern Suffixe, die an den Präsensstamm treten. Falsch wäre diese Behauptung nicht. Trotzdem bleiben wir dabei, proba und probav, audi und audiv als unterschiedliche Stämme anzusehen, weil es das Verständnis erleichtert und benutzerfreundlicher ist.

Das Ablaut- und Dehnungsperfekt Bisher haben wir gelernt, dass Tempus, Person, Diathese usw. allein durch Suffixe geändert und angegeben werden: Präsens:

ich du usw.

lieb½e lieb½st

Präteritum:

ich du usw.

lieb½t½e lieb½t½est

Das u-Perfekt u und v waren im klassischen Latein ursprünglich ein und derselbe Buchstabe. Deshalb besteht eigentlich kein Unterschied zwischen dem u-Perfekt und dem v-Perfekt. Die Bildungsprinzipien sind dieselben. Ein u tritt an den Stamm und es entsteht ein Perfektstamm. Ganz so einfach wie beim v-Perfekt ist es mit dem u-Perfekt aber nicht. Beim v-Perfekt tritt das v ganz sauber an den Präsensstamm, ohne diesen zu verändern. Beim u-Perfekt sieht das schon anders aus.

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Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit anzuzeigen, in welcher Zeit, Person, Diathese usw. wir uns befinden: durch kleine Veränderungen des Stammvokals. Nehmen wir ein anderes Beispiel zur Hand, das deutsche Wort tun:

Verben Präsens:

Präteritum:

fec½istis fec½erunt

ich du er wir ihr sie

tu½e tu½st tu½t tu½n tu½t tu½n

ich du er wir ihr sie

ta½t½ ta½t½est ta½t½ ta½t½en ta½t½et ta½t½en

Vorhin sagte ich, der Stamm eines Wortes bleibe stets gleich. Bei vielen Wörtern ist das auch der Fall, sie sind in allen Formen leicht zu erkennen. Doch tun ist im Präteritum für einen Fremdsprachler nicht so leicht an seinem Stamm zu erkennen. Aus dem u ist ein a geworden. Der Präsensstamm lautet also tu, der Präteritumstamm ta. Bei dieser Änderung des Stammvokals sprechen wir von Ablaut. Eine weitere Möglichkeit, einen Perfektstamm kenntlich zu machen, ist neben dem Ablaut die Dehnung. Bei der Dehnung wird entweder der Vokal des Präsensstammauslautes oder auch zusätzlich des Ablautes lang ausgesprochen, also gewissermaßen gedehnt. Man könnte jetzt auf die Idee kommen, dass es sich um ein ganz anderes Wort mit anderer Bedeutung und nicht um eine Form von tun handelt. Im Lateinischen kommt solch eine Stammveränderung durch Ablaut oder Dehnung häufig im Perfekt vor. Wir sprechen dann von Ablaut- oder Dehnungsperfekt. Bleiben wir bei unserem Beispiel: tun heißt auf lateinisch facere. Der Präsensstamm lautet faci-, der Perfektstamm dagegen fec-. Wundere dich im Perfekt nicht über die neuen Endungen, sie spielen jetzt keine Rolle. Wundere dich bitte auch nicht darüber, dass ich das Perfekt mit dem deutschen Präteritum übersetze – auch das ist eine kleine Besonderheit, die jetzt nicht so wichtig ist: Präsens:

Perfekt:

1 2 3

faci½o faci½s faci½t faci½mus faci½tis 1 faci½u½nt fec½i fec½isti fec½it fec½imus

tu½e tu½st tu½t tu½n tu½t tu½n ta½t ta½t½est ta½t½ ta½t½en

ta½t½et ta½t½en

Präsens und Perfekt bzw. Imperfekt unterscheiden sich hier nicht nur durch Suffixe und Endungen, sondern sie unterscheiden sich auch durch Ablaut des Stammvokals. Damit nicht genug, gibt es Ablaute nicht nur zur Unterscheidung zwischen Tempora, es gibt sie sogar innerhalb eines Tempus, z. B. des Präsens zur Unterscheidung des Numerus oder der Person. Ein schönes Beispiel sind die deutschen und lateinischen Formen des Wortes wollen: ich du er wir ihr sie

will ½ will ½st will ½ woll½en woll½t woll½en

Vergleiche auch sprechen: ich spreche, du sprichst etc.

Hier finden wir innerhalb eines Tempus sowohl Endungen als auch Ablaut des Stammes (woll und will ) zur Unterscheidung der einzelnen Formen. Ganz ähnlich ist es mit dem lateinischen Wort für wollen. Das fängt mit dem Infinitiv Präsens an: velle. Der Stamm lautet hier also vel. Nun schau dir bitte einmal die Konjugation des Präsens dazu an: vol½ o 2 vi ½ s vul½ t vol½u½ mus vul½ tis 3 vol½u½ nt

Zusammen mit dem Infinitiv bekommen wir gleich die volle Dröhnung an Ablautvokalen. Bis auf a sind sie alle vertreten: vel, vil, vol und vul. Aber keine Sorge: solche Formen sind im Lateinischen selten. Du findest alle Ausnahmen in den Konjugationstabellen.

Reduplikationsperfekt Jeder Mensch weiß, was ein Duplikat ist. Ein Duplikat ist eine zweite, identische Anfertigung eines Gegenstandes, z. B. eines Picasso, aber auch des Hochzeitsfotos meiner Großtante. Das Wort kommt vom lateinischen duplicare, duplizieren oder verdoppeln oder verzweifachen. Bilder werden dupliziert. Dupliziert werden auch Silben von Wortstämmen. Diese Duplikation ist im Grunde eine der primitivsten und einfallslosesten Arten Wörter zu bilden oder zu kon-

u ist Bindevokal zwischen i, das als j empfunden wurde, und nt. vis ist entstanden aus der Form vil-s. u ist Bindevokal zwischen l und nt.

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Verben jugieren: Tiere konjugieren so: «kuckuck, wauwau, mähmäh». Babys konjugieren so: «Mama, Papa, Hamham und Gluckgluck, Kaka und Pipi.» Bei all diesen Urlauten handelt es sich um syllabische Duplikationen, zu deutsch Verdopplungen von Silben. Auch die Römer haben sich bei einigen Verben nicht vom Stand der Altsteinzeit weiterentwickelt und eine Form der syllabischen Duplikation beibehalten, die der Kennzeichnung des Perfektstammes dient: die Reduplikation, zu deutsch Rückverdoppelung. Rückverdoppelt wird hier die erste Silbe des Perfektstammes, das heißt, die Verdopplung läuft in Richtung des Wortanfanges zurück: Nehmen wir an, wir haben einen Stamm aus zwei Silben S1 und S2 und eine Endung E, dann lautet unsere einfache Form: S1-S2 êE Wenn wir die Silbe S1 des Stammes reduplizieren, also zurück zum Wortanfang gehen und sie nochmal hinschreiben, sähe unsere Form so aus: S1¬S1-S2½E Im Deutschen gibt es leider außer den genannten keine entsprechenden Beispiele, aber da diese Verben aus dem Mund eines Einjährigen stammen könnten, sind sie für uns kinderleicht zu erkennen und zu lernen: laufen heißt auf lateinisch currere, die Präsensformen, aufgespalten in Stamm, Bindevokal und Endung, lauten: curr½o curr½i½s curr½i½t curr½i½mus curr½i½tis curr½u½nt

ich laufe du läufst er läuft wir laufen ihr lauft sie laufen

Die reduplizierten Perfektformen sehen nun folgendermaßen aus: cu-curr êi cu-curr êisti cu-curr êit cu-curr êimus cu-curr êistis cu-curr êerunt

ich lief du liefst er lief wir liefen ihr lieft sie liefen

Reduplikation kommt selten vor. Du solltest aber das Prinzip verstanden haben, weil du es vor allem für eine Form brauchst: dem lateinischen Wort für geben: dare. dare tritt nicht nur redupliziert, sondern auch noch abgelautet auf. Die Präsensformen sehen noch ganz normal aus: d ½o da½s da½t

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ich gebe du gibst er gibt

da½mus da½tis da½nt

wir geben ihr gebt sie geben

Der Perfektstamm dagegen lautet auf e ab: de-d½i de-d½isti de-d½it de-d½imus de-d½istis de-d½erunt

ich gab du gabst er gab wir gaben ihr gabt sie gaben

Das Stammperfekt Stammperfekt ist eigentlich ein Quatschname, weil Stamm und Perfekt tautologisch sind, also sich gegenseitig enthalten. Ein Stamm stellt das Perfekt und das Perfekt besteht immer aus einem Stamm. Trotzdem hat sich die Bezeichnung eingebürgert. Die Sache selbst ist ziemlich simpel. Der Präsensstamm wird beim Stammperfekt nicht erweitert, sondern er bleibt gleich oder wird sogar verkürzt, gewissermaßen auf seine wesentlichsten und notwendigsten Bestandteile reduziert. Ein berühmtes Beispiel dafür ist Caesars berühmter Spruch nach der Schlacht von Zela 47 v. Chr.: veni, vidi, vici – ich kam, ich sah, ich siegte. Reduziert auf den Perfektstamm lauten die drei Formen ven-, vid-, vic-. Der Vergleich mit den zugehörigen Präsensstämmen macht die Verkürzung deutlich: veni- kommen, vide- sehen, vinc- siegen. Das Stammperfekt ist also durch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Präsensstamm gekennzeichnet. Es zeigt entweder keine Veränderung oder eine Verkürzung des Präsensstammes. Den Unterschied kann man im Zweifelsfall nur aus dem Zusammenhang erschließen.

Der Stammwechsel und die sogenannten «unregelmäßigen Verben» Bisher hatten wir es mit Stämmen zu tun, die sich zwar leicht verändern konnten, aber mit etwas Phantasie und meinen phantastischen Erklärungen noch immer als ähnlich oder zumindest verwandt identifiziert werden konnten. Schließlich ändert sich zwischen dem Stamm will und woll nur ein Vokal und dass Geld, Gold, Gilde und Gulden irgendwie zusammenhängen, ist auch nicht schwer zu erkennen. Nun gibt es aber Stämme, die sich nicht einmal im Entferntesten ähnlich sind, trotzdem aber das Gleiche bedeuten, ungefähr so, als würde jemand für ein und dasselbe Verb der Fortbewegung die Stämme von gehen und laufen verwenden oder im Präsens Formen von weinen, im Imperfekt von heulen und im Perfekt von flennen verwenden. Bei