Vertrauen in Zeiten des Umbruchs - Pgr.at

Vertrauen in Zeiten des Umbruchs - Pgr.at

Vertrauen in Zeiten des Umbruchs Manuskript für die Veranstaltung PGR-Akademie – Mag. Johannes Pesl (nicht zur Veröffentlichung) Allgemeine Bemerkunge...

257KB Sizes 0 Downloads 3 Views

Vertrauen in Zeiten des Umbruchs Manuskript für die Veranstaltung PGR-Akademie – Mag. Johannes Pesl (nicht zur Veröffentlichung) Allgemeine Bemerkungen zum Begriff Umbruch 



Paradigmenwechsel in der Gesellschaft allgemein (Auswahl): o Vertrauenskrise – Enttäuschung der Institutionen öffentlicher Ordnung (Erziehung, Staat, Autoritäten der Wahrheitsfindung) führt zu verstärkter Eigenverantwortung und Autonomie (Fragen der Lebensführung, Unterscheidung richtig-falsch, Lebensgestaltung, Berufswelt) o Enttäuschung moralischer, ethischer und sinnstiftender Institutionen; Wirtschaft, Politik, Kirchen, - niemand kann mehr sagen, wie es weiter gehen wird, soll oder kann – alle unterliegen einem Vorbehalt: es kommt in Wahrheit ganz anders o Traditionskrise: Was einem sagen konnte, wie Leben richtig geht, muss kritisch und skeptisch betrachtet werden; was morgen wichtig sein wird, kann nicht mit dem beantwortet werden, was gestern wichtig war; „ewig gültiges“ gibt es nicht mehr. o Autoritätskrise: Was unter Zwang steht, kann nicht dem Leben dienen, sondern führt zu Verdrängung oder Widerstand, hat keinen Bestand, sobald sich der einzelne vom zwang befreien kann. Positiv gesprochen: Nur was aus eigener Überzeugung angenommen wird, gewinnt Verbindlichkeit und normative Geltung. Paradigmenwechsel in der Kirche (Auswahl): o Oben genannte Merkmale treffen auch in der Kirche weitgehend zu: Vorbehalte im Blick auf die Lehre der Kirche (Sexualmoral, Ehe und Familie, Glaube – Wissenschaft, Bindungskraft von Traditionen, Autorität der Würdenträger bis hin zu Priestern (nicht das Amt verleiht Autorität, sondern Kompetenz)). o Kirche = Religion wird dem Bereich der Ästhetik zugewiesen: sie bereichert und verschönert das Leben, gibt Sinn und sorgt für Gefühle, > Religion hauptsächlich gefragt als Kontingenzbewältigung (Hilfe, die Vergänglichkeit des Lebens, den Mangel an letztgültigen Antworten und Sinngarantie, an Sicherheit zu bewältigen) und Erfahrungsort (schöne Liturgie, mystische Erlebnisse, das Gefühl, mit dem ewigen in Verbindung zu sein); Aber: kann auch entfallen, ohne dass deshalb „die Welt zugrunde ginge“ o Krise der Gemeinschaft: Gemeinschaften geraten unter den Verdacht der Anpassung und somit einer Persönlichkeitsunterdrückung (weil alle etwas tun oder für richtig halten, sagt das noch lange nichts) – „der Andere“ ist ambivalent: kann zur Bereicherung und Bestärkung beitragen, aber auch dazu, mich selbst von meinem Lebensplan abzubringen. Grundfrage: „bin ich der Hüter meines Bruders“ – auf neue Weise ungelöst: so etwas geht nicht, auf der einen Seite; manche/einige sind mir unendlich wichtig, auf der anderen Seite. o Experiment statt Glaube – sein ganzes Leben auf Gott setzen, fällt schwer, sich vorzustellen, doch man kann das eine oder andere sehr wohl gut in sein Leben integrieren (Werte, Anstöße zum richtigen Leben, Kirche als moralische Instanz in der Gesellschaft, spirituelle Anstöße und Erfahrungen)



Umbruch ist nicht alleine die Krise unserer Pfarren bedingt durch Priester- und Ressourcenmangel, sondern eine Bewegung der Veränderung bis in die Tiefenschichten aller Menschen und bis in die elementarsten Bereiche des Zusammenlebens. Der Umbruch lässt etwas ein- und zusammenbrechen (alle autoritären Formen der Kirche, alle Modernitätsverweigerung), aber er stellt auch neue Fragen und darunter viele religiöse und existentielle Fragen, die mit dem Evangelium zu tun haben. Was in der Kirche also wichtig ist, kann als Neuausrichtung an diesen neuen Fragen beschrieben werden – nicht, weil sie die alten völlig abgelöst hätten, sondern weil sie einen neuen Horizont bilden, auf den hin die Botschaft zu formulieren ist. Was heißt neu? Rainer Bucher: das Evangelium vom Leben der Menschen her deuten, nicht von „oben“ deduziert. Das heißt: nicht der eine weiß und der andere lernt, sondern deutend sind beide Lernende. Die Kirche begibt sich mit auf die Suche und wird dadurch auch selbst verändert. Doch das kann nur glücken, wenn es verbindliche Orte dieses Lernens gibt, wo das Leben der Menschen und das Evangelium aufeinander treffen und wo es Deutung von Erfahrung, Aufbruch und Veränderung gibt und wo gemeinsam gesucht wird, auf welche Weise das Reich Gottes sich schon Bahn verschafft hat in der Welt und Gegenwart. Die Orte solchen Erfahrungslernens sind auch in Zukunft Gemeinden (nicht nur Internetforen, Kongresse, Mediendiskurse) – nur im überschaubaren Kreis von Menschen kann sichtbar werden, was es bedeutet („mit einem macht“), sich auf das Wort Gottes einzulassen und Jesus nachzufolgen (oder auch nicht); nur dort kann sichtbar werden, wie leicht es auch ist, zu scheitern; nur dort kann im Scheitern noch gelernt werden, indem die Gemeinschaft aufrichtet, an die Zusage Gottes gemeinschaftlich und persönlich bezeugt erinnert, ein Neuanfang erfolgen kann und die nötige Versöhnung mit dem gescheiterten Lebensanteil zugesagt und gelebt wird.

Was ist bleibend wichtig in Gemeinden? Die Antwort ist grundsätzlich damit schon gegeben. Was nun kommen kann, ist eigentlich eine Entfaltung davon. Die oben beschriebenen Wandlungsvorgänge sind zunächst „formlos“ – d.h. es gibt keine bestimmten Voraussetzungen, unter denen sich all das vollzieht, sondern anhand zahlloser und nicht vorhersehbarer Kristallisationspunkte und Auslöser. Zwei Beispiele: Jiri Kratochwil, femme fatale („Es ist Liebe, aber davon hast Du nie etwas verstanden“) Sarah Kuttner, Wachstumsschmerzen, („auf einmal fühlte ich mich nicht mehr ängstlich, sondern schuldig“) Karlfried Durkheim (aber auch nahezu alle christlichen spirituellen Lehrer) spricht davon, dass Leben bedeutet, sein Wesen durch eine (zu stark oder zu gering ausgeprägte) äußere Ego-Schale zum Durchbruch kommen zu lassen; gilt dem ersten (vereinfacht) die erste Lebenshälfte, so dem zweiten die zweite Lebenshälfte. Über vieles, was er versucht und experimentiert hat, sucht der Mensch letztlich sein Wesen und entsprechend das, was ihm zu diesem seinem Wesen Zugang verschafft und ihr darin bestärkt, es zu finden und zu ergreifen (und er trennt sich von allem, was ihn daran hindert).

Einen Buchtitel Romano Guardinis aufgreifend, durchschreitet das Leben die Sphären von „Freiheit, Gnade, Schicksal“ – Was ist meine Freiheit, wie weit geht sie? Worin besteht sie? Wann ist jemand wirklich frei? – Was ist Gnade? Was kann ich selbst nicht bewerkstelligen, sondern nur erhalten? Was ist wirklich gut? – Was ist als Prägung anzunehmen, was ist nicht (mehr) veränderbar? Was macht mich aus, ohne dass ich dafür selber verantwortlich wäre? So könnte man die Wegmarken beschreiben, durch die hindurch sich das Leben „zeitigt“ (= vollzieht). Unschwer zu sagen, dass dies Urthemen des Glaubens und des Schicksals Jesu sind. Was ist wichtig in den Gemeinden? – den Bezug herzustellen zwischen dem Leben der Menschen im je-jetzt und dem Leben Jesu, der in seiner Person diese Dimensionen wie ein Wasserzeichen, jedem Leben eingeschriebene Gesetzmäßigkeiten sichtbar gemacht hat und durch sein konkretes irdisches Leben (seine Menschwerdung) eine zeitlose Gültigkeit der Annahme und Antwort gegeben hat („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“). Welchen Paradigmenwechsel hat eine Gemeinde heute zu berücksichtigen? Blicken wir dazu auf den weiteren Vers im Johannesevangelium: „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich“ – die Jahrhunderte ließen diesem Satz eine Hermeneutik der Bedrohung zukommen: Wenn du das nicht so hältst bist du verloren! Der Bezugspunkt lag nicht im Gelingen des Lebens selbst, sondern in einem Lohn, der dafür zu erhalten wäre. Genau darin liegt der paradigmenwechsel: der Mensch von heute wehrt sich gegen die Bedrohung (nicht gegen den Weg selbst)! Die Ablehnung der Bedrohung führt allzuleicht dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten, also auch den Weg selbst abzulehnen (meist ohne die Erfahrung ausprobiert zu haben, ob er tatsächlich zum Leben führte oder nicht). Eine Gemeinde muss heute also das Paradigma und eine Hermeneutik des Lebens wählen, um bestehen zu können und, ich bin davon auch überzeugt, um so die ursprüngliche Hermeneutik der Verkündigung Jesu wieder zur Geltung zu bringen, denn auch ihm ging es zuerst am das hervorbringen des wahren Lebens, was für ihn aber in keinerlei Widerspruch zu einem „um gottes willen“ stand – anders gesagt: wenn jemand sein wahres Leben findet, kann er gar nicht im Widerspruch zu Gott gelangen, weil alle Strafandrohung oder Lohnverheißung auf nichts anderes zielen als dass der Mensch sein wahres Leben findet.

Was wird in einer Gemeinde also immer wichtig bleiben? Merkmale französischer Gemeinschaften: Acceuil (=Ansprechbarkeit, Empfang, Wilkommen-raum…) Partager (Teilen des Lebens, der Güter, der Erfahrungen…) Priere (= das Leben vor Gott bringen) Fete (= Feiern, was die Gemeinschaft trägt, woraus sie lebt und was sie aufbaut…) Was daraus für das Leben einer Gemeinde folgt: Alles was in ihr geschieht (Kirchenjahr, Sakramente, Alltagsleben) dient dazu, diesem existentiellen Prozess „Gestalt“ zu geben – Formen zu schaffen, in denen sowohl jede/r als einzelner, aber ggf.

auch gemeinschaftlich die Stationen der Selbstwerdung und das Wasserzeichen des göttlichen Lebens erkennen, erfahren, entfalten und verausgaben (anderen zur Verfügung stellen) kann.

Zwei mögliche Weisen der Leitung von Gemeinden Die Leitung von Gemeinden kann durch zwei unterschiedliche Grundformen wahrgenommen werden. Nenne wir die erste „Charismatische Leitung“ und die zweite „Vereinbarte Leitung“; Ihre Aufgabe, ihre Ziele sind weitgehende identisch, nämlich sicherzustellen, dass die angesprochenen Formen gemeinschaftlicher Verwirklichung christlichen Lebens und Raum für individuelles glaubenlernen „vor Ort“ – in einem konkreten Nahbereich, sagen wir „um eine Kirche herum“, vorgefunden werden können (im wörtlichen Sinne: auffindbar, ergreifbar, anschlussfähig). Charismatische Leitung verdankt sich dabei mehr einem völlig innerlichen, eigenen Antrieb, etwa, weil jemanden etwas ein Anliegen ist, etwas geschenkt ist, eine Begabung in sich vorfindet, die ihn/sie befähigt, etwas so zu tun, dass sich andere anschließen (möchten und können). Das kann sich an unterschiedlichem festmachen: Der Antrieb, für jemand/eine bestimmte Gruppe etwas zu tun, Hilfe zu stellen, „sich zu verausgaben für…“ (Arme, Hungernde, Heimatlose, …) – also ein diakonisches Moment; aber auch an einem spirituellen Moment: Anderen bestimmte Erfahrungen zukommen zu lassen (etwa des Gebets), auf dem Weg zum „wahren Leben“ (die Versuchung zur Selbstverabsolutierung bzw. einem Guru-Dasein ist kritisch zu begegnen, die Versuchung ist aber selbst noch kein Gegenargument!). Es kann auch eine Begabung zur Gestaltung der Gemeinschaft sein, die Fähigkeit zur Vernetzung, zur Förderung des gemeinschaftlichen Lebens und der Freude; es kann der Antrieb der Mission sein, „wir können nicht schweigen über das was wir erfahren und erlebt haben“); charismatische Leitung ist nicht im Voraus davon abhängig, dass jemand zustimmt, sondern sie ergreift ihre Möglichkeiten und sucht lediglich den Raum für Entfaltungsmöglichkeit, in unserem Fall liegt diese innerhalb der Gemeinde. Charismatische Leitung ist auch nicht abhängig davon, ob es Formen und Muster gibt, an die angeknüpft werden kann. Sie ist fähig, ganz neues zu schaffen, zu „erfinden“, Dinge so zu gestalten, wie sie der Sache dienlich sind. Sie fragt nicht zuerst nach Zuständigkeit und Kompetenz, dem „was getan werden darf“, sondern weiß sich angetrieben, der Kirche auf ihre ganz eigene Weise zu dienen, möglicherweise mit nichts vergleichbar, was schon da war.

Vereinbarte Leitung unterscheidet sich davon grundsätzlich dadurch, dass eine Person „im Namen“ anderer eine Funktion ergreift und ausfüllt, weil sie so dem Ganzen dienen kann. Der Antrieb kommt weniger aus dem eigenen Inneren, sondern aus einer Gemeinschaft (einem Kreis innerhalb), dem es bereits um solche Dinge geht und die grundsätzlich miteinander auf dem Weg sind. In einem gemeinsamen Nachdenken und Lernen werden jene Dinge gefunden, die man verwirklichen möchte (fortführen möchte, verbessern, neu gestalten, experimentieren…) und es braucht sozusagen jemand, bei dem die Fäden zusammenlaufen und der/die dafür sorgt, dass das Besprochene realisiert wird.

Der Bereich der Tradition, des bisherigen Gemeindelebens, der bisherigen Formen von Gottesdiensten, Zusammenkünften etc. wird in dieser Form der Leitung einen breiteren Raum einnehmen, da alle beteiligten ja daraus kommen; es gibt also eine gewisse geschichtliche Kontinuität und idealerweise eine gute Fähigkeit, in den Veränderungen und Erneuerungen bisherige Akteure und das ganze Beziehungsgeflecht einer Gemeinde mit einzubeziehen. Es gibt auch gute Möglichkeiten, den größeren Raum einzubeziehen (Pfarre neu) und Impulse von dort in die eigene Gemeinde zu integrieren, nachdem sie gemeinschaftlich besprochen, erwogen und „beschlossen“ worden sind. Eine Gefahr dieser Form der Leitung besteht darin, dass sie sich zu sehr am Bestehenden und aus der gemeinsamen Praxis, wie sie bisher war, orientiert – also zu wenig Mut zu etwas Neuem findet und dadurch Grenzen des Bisherigen neuerlich nicht zu überschreiten imstande ist. Auch hier ist die Gefahr kein Gegenargument, sondern benennt das Korrektiv, das sie benötigt.

Was beiden Formen von Leitung in einer Gemeinde aufgetragen ist, ließe sich auf zwei Achsen beschreiben:  

Organisieren, festlegen, planen, was wann wo, durch wen,… geschieht bzw. geschehen soll „führen“: erkennen, was wichtig ist, was möglich ist, wessen es hier und jetzt bedarf, um das Leben der Menschen mit dem Evangelium in Kontakt zu bringen.

Wenn wir nun nochmals nach oben schauen, ist klar, dass die Formen der Gemeindeleitung nicht ohne eine Rückbindung an „die Kirche“ geschehen können, weil sie als ganze Trägerin der Seelsorge ist, wie sie oben beschrieben wurde als Begleitung von Menschen zu einem wahren Leben in Gott. Gemeindeleiter/innen ersetzen nun nicht den früheren Priester (war der so ohne weiteres in der Lage?...), sondern stellen sich der Kirche als Knotenpunkte inmitten des Umbruchs zur Verfügung. Es wird ihnen dabei vertraut (zugetraut, anvertraut….) – siehe Titel der Veranstaltung. Aber auch sie dürfen vertrauen: sie dürfen den Platz vertrauensvoll ergreifen, weil sie damit nichts anderes tun, als die vernachlässigte Stelle des Gemeinsamen Priestertums aller Getauften besetzen und sie kirchlich relevant mit allem ausfüllen, was ihnen als Person geschenkt ist (ihren Charismen, aber auch ihrem „Hinterland“ der Gemeinschaft, in der sie stehen). Sie dürfen auch vertrauen, dass die größeren Einheiten der Kirche ihnen Hilfen zukommen lässt; dass sie Handwerkszeug erhalten, um die Aufgabe zu erfüllen; und sie dürfen vertrauen, dass Gott den Weg mit ihnen gehen wird, weil der den Weg mit seiner Kirche geht und ihr helfen wird, zu lernen, wie es hier und heute möglich ist, christliches gemeinschaftliches Leben zu gestalten.