Vogelfindlinge – was tun?

Vogelfindlinge – was tun?

Vogelfindlinge – was tun? R. Pfistermüller und D. Schratter Jedes Jahr im Frühjahr und Frühsommer gelangen zahlreiche, tatsächlich oder vermeintlich, ...

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Vogelfindlinge – was tun? R. Pfistermüller und D. Schratter Jedes Jahr im Frühjahr und Frühsommer gelangen zahlreiche, tatsächlich oder vermeintlich, verwaiste Jungvögel in Menschenobhut. Viele Menschen fühlen sich, wenn sie junge Wildtiere in Pflege nehmen, als besonders tier- und naturverbunden. Nur wenige aber verfügen über ausreichend Kenntnisse über deren Biologie und Bedürfnisse und so werden jedes Jahr aus Unkenntnis und falsch verstandenem Mitleid Jungvögel zu Tode gepflegt. Ein Großteil der aufgelesenen Jungvögel benötigt überhaupt keine Hilfe, weil sie – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht - weiterhin von den Eltern versorgt. Zu bedenken ist auch, dass eine Handaufzucht nie einer natürlichen gleichzusetzen ist, dass künstlich aufgezogenen Jungvögel oft in der Freiheit nicht mehr überlebensfähig sind und dass das Überleben einer Tierart viel besser durch Lebensraumschutz gewährleistet werden kann. Trotzdem tragen wir auch eine Verantwortung für das Einzelindividuum. Nicht nur unsere Ethik verlangt es Hilfe zu leisten der Gesetzgeber schreibt sogar eine Verpflichtung zur Hilfeleistung vor: §15 des österreichischen Tierschutzgesetzes: „Weist ein Tier Anzeichen einer Krankheit oder Verletzung auf, so muss es unverzüglich ordnungsgemäß versorgt werden, erforderlichenfalls unter Heranziehung eines Tierarztes. Kranke oder verletzte Tiere sind diesen Ansprüchen angemessen und erforderlichenfalls gesondert unterzubringen.“ Es ist daher wesentlich, dass man – bevor man pflegebedürftige Findlinge aufnimmt – sich Grundkenntnisse über deren Ansprüche anzueignen, so dass sie artgerecht versorgt und optimal auf ihr Leben in Freiheit vorbereitet werden können.

Jungvogel gefunden – was tun? Konkret sollte man bei einem Jungvogelfund schrittweise vorgehen. Aus größerer Entfernung muss der Vogel einige Zeit lang, etwa 1-2 Stunden, beobachtet werden, ob nicht doch ein Elternteil in der Nähe ist. Generell unterscheidet man beim Jungvogel zwei Entwicklungsstadien – die Nestlings- und die Ästlingsphase. Nestlinge sind unbefiedert, werden gehudert und verlassen das Nest nicht selbständig, während Ästlinge schon die Umgebung ihres Nestes erkunden, aber noch nicht oder nur bedingt flugfähig sind. Befindet sich ein Ästling an einem gefährlichen Ort, z.B. an einer Strasse, kann man ihn auch im Umkreis von etwa 25 m umsetzen. Ästlinge werden auch am Boden weiter von den Eltern versorgt, die Altvögel suchen ihre verloren gegangenen Ästlinge bis zu 24 Stunden lang. Nestlinge hingegen werden meist nicht am Boden weiter versorgt. Entdeckt man das Nest, empfiehlt es sich den Vogel ins Nest zurückzusetzen. Im Unterschied zu vielen Säugetiereltern nehmen Vögel ihren Nachwuchs weiterhin an, obwohl man ihn mit seinen Händen berührt hat. Doch sollte man bedenken, dass kranke Singvogeljunge oft absichtlich aus dem Nest geworfen werden.

Erste Hilfe Hat man ein geschwächtes, verwaistes oder krankes Tier nach Hause mit genommen, besteht die erste Hilfemaßnahme in Wärmezufuhr, am besten vorerst in der hohlen Hand, später durch Wärmelampen oder Wärmematten. Kreislauf unterstützend und Energie zuführend sind schwarzer Kaffee und Traubenzuckerlösung. Flüssigkeiten darf man immer nur auf den Schnabel tropfen, nie direkt in den Schnabel, da sie in die Lunge gelangen könnten. Als Notfallfutter eignen sich eingeweichte Beoperlen oder eine Mischung aus gekochtem Eigelb, 1

Topfen und zerriebenem Zwieback. Dieses Futter sollte allerdings nicht länger als 1-2 Tage gefüttert werden, da es zu Verdauungsstörungen führen kann. Sind die Jungvögel wieder munter, kann man auch jetzt noch versuchen sie zum Fundort zurückzubringen. Beobachtet man, dass das Jungtier innerhalb einer Stunde gefüttert wird, braucht das Tier keine weitere Hilfe.

Künstliche Aufzucht Entschließt man sich zu einer künstlichen Aufzucht, ist darauf zu achten, dass sie dem Entwicklungstyp und dem Entwicklungsstand angepasst ist. Man unterscheidet Nesthocker (Reiher, Störche, Greifvögel, Tauben, Eulen, Segler, Spechte, alle Singvogelarten), Nestflüchter (Schwäne, Enten, Gänse, Hühnervögel, Rallen, Watvögel) und Platzhocker (Möwen, Seeschwalben, Ziegenmelker).

Ernährung Nicht nur die Nahrungszusammensetzung sondern auch die Fütterungstechnik spielte bei der Aufzucht eine wesentliche Rolle und sollte möglichst der natürlichen Aufnahme entsprechen. So sperren zum Beispiel Singvögel, Kuckuck und Rackenvögel. Taucher, Reiher, Störche, Greifvögel, Eulen und Platzhocker schnappen nach der Nahrung wenn man sie ihnen vor den Schnabel hält. Selbständig nehmen Watvögel, Rauhfuß- und Feldhühner ihre Nahrung auf. Als grobe Richtlinie zur Ernährung kann man für Nesthocker folgende Tabelle angeben: Beoperlen Frische Futter- Handauf- Tatar Früchte Frische tiere zuchtpulver Samen und (Insekten) Grünfutter 20% 10% 30% 40%

Grünfink, Girlitz, Hänfling, Stieglitz, Goldammer Haus- und 10% Feldsperling, Buchfink, Gimpel, Kleiber, Kernbeißer Star, Amsel, Sing- und 30% Wacholderdrossel Raben- und Saatkrähe, 10% Dohle, Eichelhäher, Elster Spechte 30% Empfindliche 10% Insektenfresser

50%

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(Meisen, Schwalben, Rotschwänzchen, Rotkehlchen, Zaunkönig, Bachstelze, Grasmückenartige, Baumläufer, Goldhähnchen)

Alpen-, Mauersegler

100%

verändert nach www.wildvogelhilfe.org 2

Nestflüchtern bietet man klein geschnittene Grünpflanzen oder Teichlinsen, Insekten, kleine Krebstiere, gehackte, hart gekochte Eier und Getreide (gekeimt oder gequetscht). Kükenstarter enthält die meisten lebenswichtigen Nahrungsbestandteile und kann in kleinen Mengen in aufgeweichter Form zusätzlich verfüttert werden. Junge Möwen erhalten Regenwürmer, Insekten, Insektentrockenfutter, Limikolenfutter aus dem Handel, ungewürztes Fischfilet und Tartar.

Unterbringung Generell muss in der künstlichen Behausung ein Schutz vor Verletzung und Entkommen gewährleistet werden. Nackte oder wenig befiederte Nesthocker brauchen (Nest-)Wärme. Die Temperatur an der Stelle, an der der Vogel sitzt, sollte etwa 35 – 38°C betragen. Jungvögel, die bereits das Nest verlassen haben, werden in einem nicht zu kleinen, der Art und dem Lebensraum entsprechenden Vogelkäfig untergebracht.

Auswilderung Nesthocker proben in der so genannten Bettelflugperiode verschiedene Verhaltensweisen, wie Beutefang, Feinderkennung und Fluchtverhalten. In dieser Zeit müssen Wasser und Futter stets bereitstehen und Freiflüge sooft als möglich gewährleistet werden. Sobald der junge Vogel selbständig Nahrung aufnimmt und gut fliegen kann, sollte man den Käfig in eine geeignete Umgebung bringen, den Käfig öffnen und die nächsten Tage noch Futter und Wasser anbieten. Das Verhalten der Jungvögel kann dabei sehr unterschiedlich sein. Manche fliegen sofort weg, andere verlassen den gewohnten Käfig nur zögerlich. Die meisten werden sich einige Tage in der Nähe aufhalten. Nestflüchter, die zusammen aufgewachsen sind, sollte man gemeinsam auswildern. Das erleichtert das Loslösen von den Zieheltern und gibt ihnen ein erhöhtes Maß an Sicherheit. Wasservögel werden erst freigelassen, wenn die Schwungfedern voll ausgebildet sind (ungefähr 8 Wochen). Sind bereits anderen Wildenten in der Nähe, werden sich die Handaufzuchten diesen sehr bald anschließen.

Sonderfall Mauersegler Mauersegler füttern ausschließlich Jungtiere, die sich im Nest befinden. Ein aus dem Nest gefallener Mauersegler braucht immer Hilfe. Ideales Futter für die Aufzucht von Mauerseglern sind Insekten. zum Beispiel Heimchen. Mauersegler sperren auch nicht und müssen zwangsgefüttert werden. Bei der Unterbringung ist zu beachten, dass man den Vögeln eine Unterlage anbietet an der sich festhalten können, ein schräg gestelltes Brett das man mit einem Handtuch bespannt ist dazu gut geeignet. Sobald das Federkleid vollständig ausgebildet ist, sind sie sofort in der Lage, sich selbst zu versorgen.

Sonderfall Greifvögel und Eulen Generell ist die Aufzucht von Eulen und Greifvögel sehr anspruchsvoll und Jungvögel sollen sobald als möglich in professionelle Hände gegeben werden. Schon alleine die Nahrungsbeschaffung (Mäuse, Ratten und Eintagsküken) ist nicht jedermanns Sache. Weiters findet bei diesen Vögeln Brutplatzprägung statt. Daher muss die Auswilderung an einem Kunsthorst stattfinden, der einem natürlichen entspricht. 3

Sonderfall Tauben Alle Taubenarten legen in der Regel zwei Eier. Findet man also in einem abgestürtztem Nest ein einzelnes Jungtier, sollte man die Umgebung nach einem zweiten Jungvogel absuchen. Tauben sind die Ausnahme, wenn es bei Vogelaufzucht darum geht, Babybrei zu füttern, denn Milupa HN 25 eignet sich bei dieser Art ausgezeichnet. Man kann aber genauso gut eine Mischung aus Weißbrot, Haferflocken, gequollene feine Sämereien, gebrochener Weizen und Mais, gekochtem Eigelb und einigen Insekten oder gehackten Mehlwürmern, Vitamin- und Mineralstoffzusätzen anbieten Jungtauben sperren nicht und müssen zwangsgefüttert werden. Besonders die dargestellten Fütterungstechniken eignet sich dazu ausgezeichnt.

aus: Plass, J. (2000). Tonschalen eignen sich sehr gut als Nestersatz. Mindestens 6 – 8 Wochen alt sollte eine Taube sein, bevor sie ausgewildert werden kann.

Sonderfall Rabenvögel Generell liegt in der Handaufzucht eine besondere Gefahr, nämlich die der Gewöhnung an den Menschen oder gar eine Fahrprägung. Dies gilt insbesondere für die gelehrigen Rabenvögel, die bei der Aufzucht durch den Menschen rasch sehr zutraulich werden. Man kann und muss bei der künstlichen Aufzucht von Jungvögeln dieser Fehlprägung entgegenwirken, indem man übermäßigen Kontakt zu den Pfleglingen vermeidet und nach Möglichkeit mehrere Vögel der gleichen Art gleichzeitig aufzieht.

Verwendete Literatur Plass Jürgen (2000): Tierfindlinge. Aufzucht. Pflege. Auswilderung. Österreichischer Agrarverlag, Leopoldsdorf. www.wildvogelhilfe.org

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