Von der Memel an die Mulde - Erinnerungen von Leo Griegoleit

Von der Memel an die Mulde - Erinnerungen von Leo Griegoleit

Von der Memel an die Mulde - Erinnerungen von Leo Griegoleit Vorwort Es ist nichts Außergewöhnliches an meinem Leben. Wenn ich jetzt versuche es zu ...

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Von der Memel an die Mulde - Erinnerungen von Leo Griegoleit

Vorwort Es ist nichts Außergewöhnliches an meinem Leben. Wenn ich jetzt versuche es zu skizzieren, so gibt es im Wesentlichen drei Gründe dafür: Ich war Zeuge und Teil einer dramatischen Zeit, die immer mehr verblasst und zum Teil verfälscht in Büchern und Filmen wiedergegeben wird. Ich selbst stand nie im Zentrum der Ereignisse und empfand sie auch nie in ihrer geschichtlichen Dimension, aber ich wurde von ihnen beherrscht und geprägt. Zweitens: Mit meiner Generation geht ein Volksstamm unter, der in Jahrhunderten viele Eigentümlichkeiten in Lebensweise, Charakter, Sprache und Kultur hervorgebracht und bewahrt hat. Wenn man auch das Brauchtum noch eine Zeit pflegen kann, die Mundart hat keine Existenzmöglichkeit mehr. Ich beherrsche sie aktiv auch nicht mehr. Schließlich erfülle ich einen Wunsch unserer Tochter Jana, der ich diese Aufzeichnungen widme.

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Von den Erinnerungen meines Vatis gibt es zwei handschriftliche Varianten, eine von 1998 und eine von nach 2001. Ich habe versucht beide zu berücksichtigen und miteinander zu verbinden. Trotzdem kommt es manchmal zu Dopplungen, weil ich in die Texte nicht eingreifen wollte. An einigen Stellen habe ich Bemerkungen in eckige Klammern gesetzt. Meinen Kindern Christian und Georg zum Gedenken an ihren Opa gewidmet. Jana Rau , Dezember 2015

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Biografie „Als Sie am 9.März 2001 bei uns waren, haben wir durch eine Herzkathederuntersuchung, die Sie am Bildschirm verfolgen konnten, festgestellt, dass Ihre Herzklappe an der Aorta nicht mehr richtig funktioniert. Dadurch fließt ein Teil des Blutes in die falsche Richtung zurück, kann nicht mit Sauerstoff angereichert werden, und Sie haben Luftprobleme und sind nicht belastbar. Abhilfe kann nur eine operative Erneuerung der Herzklappe bringen. Aber dazu müssten Sie ins Kardiologische Zentrum nach Dresden oder Leipzig. Wir haben auch eine Verengung der Aorta, die wahrscheinlich angeboren ist, und an einer anderen Stelle eine krampfaderartige Aussackung festgestellt. Für heute haben wir eine weitere Abklärung der festgestellten Veränderungen und die Suche nach möglichen weiteren Defekten auf dem Programm. Dazu werden wir eine Ultraschallaufnahme des Herzens aus der Speiseröhre heraus anfertigen, vom Herzen und den fraglichen Abschnitten der Aorta benötigen wir eine Computertomografie. Als Abschluss für heute und die gesamten Voruntersuchungen bei uns führen wir nochmals eine Untersuchung mit dem Herzkatheder durch, aber diesmal nicht durch die Bein-, sondern durch die Armarterie. Das Prinzip kennen Sie ja bereits. Auch heute müssen Sie anschließend sechs Stunden mit einem Druckverband ruhig liegen, und gegen 19 Uhr können Sie nach Hause, aber bitte nicht selbst fahren!“ Das war die Begrüßung durch Frau Dr. Gerner in der Kardiologischen Gemeinschaftspraxis in Chemnitz Den Patienten hat das alles wenig beeindruckt. Er hat sich schon oft in komplizierten Situationen von Medizinern helfen lassen und nimmt diese Hilfe gern an. Aber seine Gedanken beschäftigen sich mit einem anderen für ihn wichtigen Problem, und das möchte er auch gleich loswerden: „Frau Doktor Gerner, ich möchte aber im Juli mit meiner Frau, der Tochter und den Enkeln nach Litauen fahren. Die Plätze auf der Fähre und die Unterkünfte in Litauen sind bereits gebucht. Es wäre für alle eine große Enttäuschung, wenn das nicht klappen würde.“ „Da kann ich mich noch nicht festlegen, ob die Reise aus medizinischer Sicht zumutbar ist; denn Ihre gesundheitlichen Probleme sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, Herr Griegoleit. Da müssten wir mindestens die Ergebnisse der Untersuchung abwarten. Aber was wollen Sie so dringend in Litauen?“ „Das ist meine Heimat. Ich möchte sie gerne meinen Enkeln zeigen. Außerdem wohnen dort noch Schulfreunde und liebgewordene Bekannte von mir, die ich, solange es geht, jedes Jahr besuchen möchte. Nicht zuletzt fahre ich dorthin, weil die Landschaft recht schön, naturbelassen und die Kurische 4

Nehrung mit ihren Wanderdünen einmalig in Europa ist.“ „Sie sind wohl Litauer und haben auch einen litauischen Familiennamen?“ „Nein, ich bin Deutscher. Ich bin im Memelland geboren. Damals gehörte es wie auch heute zu Litauen. Mein Familienname aber stammt weder aus dem Deutschen noch aus dem Litauischen, sondern aus dem Altpreußischen, also von den Pruzzen, einem Teil der Ureinwohner dieses Gebiets.“ „Aber in Ostpreußen gab es doch sicher keinen Bergbau und Sie haben trotzdem eine Staublunge.“ „Da haben Sie recht: Die einzigen Bodenschätze meiner Heimat waren die Kartoffeln. Aber so ist das Leben: Voller Tücken und Überraschungen, gewürzt mit Sonnenschein, Regen und Elementen des Glücks.“ Der Klapperstorch Im Memelland, dem heute zu Litauen gehörenden, etwa 200km langen und knapp 50km breiten Landstrich im äußersten Nordosten des ehemaligen Ostpreußens gibt es noch auffallend viele Störche. Das hängt natürlich in erster Linie mit den günstigen Lebensbedingungen und einem ausreichenden Nahrungsangebot zusammen. Dieses Gebiet wurde -wie große Landstriche südlich der Ostsee auch- von den Gletschern der Eiszeit so glattgehobelt, dass man ohne große Mühe einen Sportoder Tennisplatz anlegen könnte. Das nördliche Memelland liegt etwa 17m über dem Meeresspiegel und weist kaum Höhenunterschiede auf. Als die Gletscher vor etwa 15000 Jahren schmolzen, hinterließen sie viele große Wasserlöcher, die entweder Seen oder durch allmähliche Verlandung Torflagerstätten oder Sümpfe bildeten und bilden. Torf ist auch heute noch ein preiswertes Brennmaterial für die Bevölkerung und ein wichtiges Exportgut für das an Industrie arme Land. Aber gerade die feuchten Wiesen, Wasserlöcher, Sümpfe und Seengebiete bilden ein Schlaraffenland für Kraniche, Reiher, Kiebitze, Schnepfen und Störche. Hinzu kommt die Achtung, Rücksicht, ja die Liebe der Menschen zu den Tieren und ihrem Lebensraum. Sicher spielt auch heute noch der überlieferte Aberglaube, wonach in ein Gebäude, auf dem sich ein Storchennest befindet, kein Blitz einschlagen 5

würde eine anregende Rolle für die Befestigung alter Wagenräder oder anderer Nisthilfen auf den Dächern. Die Störche bauen darauf ein Nest, das vom gleichen Paar jahre- oder jahrzehntelang genutzt und jährlich um einige Schichten aufgestockt wird. Spatzen und andere Kleinvögel ziehen gerne als Untermieter ein. Die Storchennester werden im Laufe der Jahre durch ihre Größe und das Gewicht zu einer Gefahr für das Gebäude und müssen von Zeit zu Zeit reduziert oder ganz entfernt werden. Reizend sind die jungen Störche in jedem Fall, besonders ihr weißer Kot, den sie in hohem Bogen auf das Dach und die Umgebung verteilen. Damit will ich verdeutlichen, dass schon eine Liebe zum Tier gehört, wenn Menschen Störche in ihrer Nähe dulden oder gar anlocken. Aber meinen Eltern wurde der Klapperstorch zum Verhängnis. Die Gletscher der Eiszeit planierten nicht nur das Land. Sie schoben auch gewaltige Sand- und Geröllmassen vor sich her, die dann die Hügelketten der Endmoränenlandschaft bilden. Auf einem solchen Sandhügel, genauer gesagt auf dem ersten “Hochplateau“ des Willkischker Höhenzuges, bauten sich meine Eltern im März 1913 ein gemeinsames Nest. Es war sehr bescheiden und mit einem feuergefährdeten Strohdach gedeckt, das der Vater bei Bedarf selbst reparieren oder erneuern konnte. In dem Haus befanden sich zwei Räume -einer für die Eltern und einer für die Kinder-, eine Küche, ein Hausflur und ein Lagerraum vorwiegend für Kartoffeln. Es gab in unserer Umgebung kein Stromnetz, so dienten Petroleumlampen und Stalllaternen als Lichtquelle und geheizt wurde mit Torf, den wir im Frühsommer in der Nähe von Gedrats Grundstück gewannen und bearbeiteten.1928 oder 1929 bauten meine Eltern Stall und Scheune. Dazu machten sie beim Standesbeamten Barkowski Schulden, die zu Beginn des 2. Weltkrieges abgezahlt waren. Auf unserem Haus gab es kein Storchennest. Aber den Störchen aus der Umgebung muss es so gefallen haben, dass sie meine Eltern regelmäßig besuchten und ihnen als Gastgeschenk ein Baby zurückließen. Aber nicht nur die Störche hatten es nicht weit zu uns. Der Standesbeamte, die Schule selbst der Friedhof waren höchstens 500m von uns entfernt an den Hängen des Szillas verteilt. Szillas heißt auf Deutsch Heide. In unserem Fall bestand sie aus einer „Hochebene“ mit einer runden Grundform, als wäre von einem großen Sandhaufen die Spitze bei 34m über dem Meeresspiegel einplaniert. Das dadurch entstandene Plateau hatte einen Durchmesser von schätzungsweise 800m und fiel dann verhältnismäßig steil auf 7 bis 12m über NN ab, nach der einen Seite zu den Memelwiesen, die im Frühjahr regelmäßig überschwemmt wurden nach der anderen Seite zu 6

den Torfbrüchen. Die übrigen Hänge waren bewaldet und versperrten dadurch die Sicht auf das Dorf Lompönen, zu dem wir gehörten, sowie zum „Sportplatz“, der Sandgrube und dem Friedhof, die im Wald lagen. Am Fuße des Szillas und dadurch für uns vom Gehöft nicht sichtbar, führte eine Fernverkehrsstraße vorbei, die die Städte Memel und Kaunas über eine Entfernung von etwa 250km verband und trotzdem nur abschnittsweise asphaltiert war. Diese Straße kreuzt im etwa 4km entfernten Miekiten die Straße, die von Königsberg über Tilsit nach Riga führt. Daran erkennt man, dass wir in der Nähe eines internationalen Verkehrsknotens wohnten und lebten.

Hier stand das Elternhaus.

Unser Gehöft, das kleinste und ärmlichste auf dem Szillas, bildete geometrisch gesehen etwa dessen Zentrum. In etwa 100m Entfernung von uns bildeten die Wirtschaften von Laurinat, Tielipps, Gendrolus und Wiegratz eine Art Innenring. Zum „Außenring“ könnte ich Hildebrandt, den Ziegeleibesitzer, den Briefträger Knispel den Bauern und Standesbeamten Barkowski sowie Lenkats zählen. Am Fuße des Szillas, dadurch von uns nicht mehr sichtbar, aber unmittelbar hinter Barkowskis, versteckte sich unsere Schule, während der Blick nach Tilsit durch die etwas hervorragenden Flügelspitzen von Reszies Bockmühle leicht eingeschränkt wurde. Ein Mann, Mitte vierzig, mit etwas vorgebeugtem Oberkörper und leicht federnden Knien bahnt sich querfeldein einen Weg über die abgeernteten 7

Äcker und Weiden in Richtung Schule. Die tief ins Gesicht gezogene Mütze soll ihn auf der zugigen Freifläche vor den nasskalten Winden etwas schützen. Der Weg zur Schule führt direkt über den Hof des wohlhabenden Bauern Walter Barkowski. Schon seit mehreren Generationen sind die Barkowskis nebenbei Standesbeamte von Lompönen, was sie aber nicht daran hindert, unseren Familiennamen mal mit ‚ie‘ mal ohne das ‚e‘ zu schreiben. „Na Christof, was treibt dich bei diesem Sauwetter zu mir?“ erkundigt sich etwas scheinheilig der Beamte. „Na, wie immer, ein Kind anmelden“, stammelt verlegen der Vater des nun zehnten Kindes verlegen und quetscht die Mütze, die er beim Betreten der Amtsstube abgenommen hat, fester unter den Arm. „Wie soll es denn heißen?“ „Leo. Das ist schön kurz und einfach, wo unser Familienname doch schon so kompliziert ist; und mit dem zweiten Namen Walter.“ Der Beamte stimmt ihm zu und registriert, dass am 24.11.1929, einem Totensonntag, dem Ehepaar Christof und Ede Griegoleit in Lompönen, Kreis Pogegen, der Sohn Leo Walter geboren ist. Damit beginnt mein offizielles Dasein in Litauen mit der etwas komplizierten, aber völkerrechtlich verbindlichen Staatsangehörigkeit „Deutscher in der Eigenschaft als Bürger des Memellandes“. Diese Bezeichnung ergab sich daraus, dass das Memelland, das seit der Eroberung durch den Deutschen Ritterorden zu Preußen und dadurch nach der Reichsgründung von 1871 zu Deutschland gehörte, 1919 durch den Versailler Vertrag von Deutschland abgetrennt, einer internationalen Verwaltung unterstellt und am 14. Februar 1920 von französischen Truppen besetzt wurde. Das betraf ein Gebiet von 2657km mit 150000 Einwohnern. Aber im Gegensatz zum ebenfalls französisch besetzten Ruhrgebiet und Saarland, war aus dem rohstoffarmen Memelgebiet außer Holz, Getreide und Bernstein nicht viel zu holen. Die eigentliche Bedeutung des Memellandes wird durch den im Kurischen Haff gelegenen Memeler Hafen und den damit verbundenen Zugang zur Ostsee bestimmt. Aber für das fast 2000km entfernte Frankreich war der Unterhalt seiner Truppen im Memelgebiet unattraktiv, umständlich, teuer und im Verhältnis zu den vielen Kolonien klimatisch unangenehm. Deshalb gab es von französischer Seite keinen Widerstand, als am 17. Januar 1923 „Partisanen“ des gerade selbständig gewordenen Litauens das Memelgebiet besetzten. 1925 bestätigte der Völkerbund die Zugehörigkeit des Memelgebietes zu Litauen im Rahmen einer parlamentarischen Selbstverwaltung. Dort wurde auch die 8

obengenannte Staatsangehörigkeit festgelegt. Dadurch wurde auch mein ältester Bruder Willy, der bei einem Onkel auf der anderen Seite der Memel aufwuchs, bis zu unserer Wiedereinverleibung ins Deutsche Reich staatenlos. Trotz freundschaftlicher Ermahnung durch den Standesbeamten seinem Namen (Griegoleit heißt zu Deutsch ‚Sünder‘) nicht noch mehr Ehre zu erweisen, kam der Klapperstorch noch zweimal zu meinen Eltern: 1931 und zum zwölften und zum letzten Mal 1934. Meine Mutter war damals bereits 44 Jahre alt. Später hat meine Mutter noch einen Säugling von einer ledigen Dienstmagd zur Pflege angenommen, um ihr aus der Not zu helfen. Die Dienstmädchen, die nicht selten vom Dienstherrn missbraucht wurden, mussten dafür sorgen, dass ihr Nachwuchs schnellstens aus dem Haus kam und sie zur Arbeit voll zur Verfügung stehen. Aber meine Mutter hatte ihre eigenen Kinder mindestens vier Monate gestillt und keine Ahnung, wie man Babynahrung zubereitet. So stellten sich bald Verdauungsstörungen ein, an denen der Kleine zugrunde ging. Aber auch drei meiner Geschwister musste mein Vater beim Standesbeamten abmelden: Anna, das erste und Werner, das letzte Kind jeweils nach sechs Monaten, während Kurt, zwischen Liesbeth und Erna geboren, mit zwei Jahren vom Keuchhusten überwältigt wurde. Neun der zwölf Kinder von Griegoleits vom Szillasberg erreichten das Erwachsenenalter. Es stellt sich die Frage: „War dieser Kindersegen nicht vermeidbar?“ Natürlich gab es in der Nachbarschaft und dem Umland auch Familien mit wenigen Kindern, aber sechs bis acht waren nichts Ungewöhnliches. Immer betraf es arme Leute, die durch die vielen Kinder zumindest finanziell noch ärmer wurden. Das traf auch auf uns zu. Hinzu kamen noch spezielle familiäre, lokale und historische Bedingungen: Unser Vater war ein uneheliches Kind, das schon frühzeitig zu seinem eigenen Lebensunterhalt beitragen musste. So blieb mein Vater des Lesens und Schreibens unkundig, d. h. er war Analphabet. Dadurch waren ihm nur einfache und schlechtbezahlte Arbeitsstellen zugänglich. Viele Jahre, von 1923 bis zum Ende der litauischen Zeit 1939, formte er in Handarbeit im wörtlichen Sinn des Wortes auf der Ziegelei, die dem Nachbar Hildebrandt gehörte, Ziegel und Dachpfannen. Im Winter waren Heimarbeiten wie Reisigbesen binden, Körbe flechten oder die Anfertigung von Holzpantoffeln oder anderen Holzgeräten sowie das Getreidedreschen mit dem Flegel auf dem Programm. Aber das war meist für den Eigenbedarf und brachte kein Geld in die Kasse.

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Unter diesen Umständen ist es müßig zu fragen, ob mein Vater Kondome gekannt hat oder nicht. Es waren dafür weder Geld noch Einkaufsmöglichkeiten vorhanden. Also ist das nur eine akademische Frage, fernab jeder Realität. Aber im Kreise liebevoller Eltern und vieler Geschwister aufzuwachsen, ist doch auch schön und ökonomischer dazu. Außerdem besaßen meine Eltern einen Hektar Feld und einen Garten, der ausreichte, uns mit Kartoffeln, Roggen, Rüben und Gemüse selbst zu versorgen sowie eine Kuh, ein Schaf, zwei Schweine und ein Dutzend Hühner und ebenso viele Kaninchen zu ernähren. Die Kaninchen liefen im Stall zwischen den Tieren frei umher und vermehrten sich nach Belieben. Es war jedes Mal eine Überraschung, wenn kleine Karnickel im Stall umherflitzten. Manchmal züchteten wir auch Gänse, wenn es mit den Bruteiern klappte. Außer den Arbeiten, für die wir uns Pferde vom Nachbarn borgen mussten (Pflügen, Torfeinfahren und Heu von den Memelwiesen holen) oblag die Hauswirtschaft unserer Mutter und uns Kindern. Nur Geld für Kleidung, Schuhe, Petroleum und anderen dringenden Bedarf war fast ein Fremdwort. Noch einige Bemerkungen zu unserem Familiennamen: Nach unserer Wiedereingliederung ins Deutsche Reich wurde auch von uns ein arischer Nachweis und ein Ahnenpass verlangt, der mit vielen Unsicherheiten nur bis zu meinen Urgroßeltern (1804) erbracht werden konnte. Wenn dahinter nicht der grauenvolle Antisemitismus und der völkerverhetzende Rassenwahn gestanden hätten, könnte man das Verlangen von einem germanischen Abstammungsnachweis als einen schlechten Witz abtun. Das ehemalige Ostpreußen war von den ersten Nachweisen menschlicher Siedlungen bis heute stets ein Schmelztiegel unterschiedlicher Stämme, Volksgruppen und Völkerschaften. Zu den Ureinwohnern dieses Gebietes gehörten Balten, Kuren, Aesten und die Pruzzen. (Je nach Landessprache auch Pruzzi, Prus, Pruteni oder Borussi genannt. )Da die Pruzzen nachweislich schon im ersten Jahrhundert vor der Zeitrechnung mit den Römern unter anderem Bernsteinhandel trieben, wird der Name aus diesen Kontakten hergeleitet, und er soll von diesen geprägt worden sein: po rus bedeutet nach der Rus oder nach den Russen (sein oder wohnen). Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Land der Pruzzen auch von Gothen (siehe Gothenhafen- das heutige polnische Gdynia!), Wikingern, den Ordensrittern mit ihrem Gefolge sowie nach der Niederlage der Ordensritter (1410 bei Tannenberg), der Pest (1709–1711) und der Umwandlung Preußens aus einem katholischen Ordensstaat in ein protestantisch 10

reformiertes Herzogtum mit Königsberg als Hauptstadt (1525) verstärkt von Litauern und protestantischen /Emigranten aus Frankreich (den Hugenotten), aus den vom katholischen Spanien kolonialisierten Niederlanden (den Geusen) aus dem Salzburger Land und besonders aus dem benachbarten katholischen Polen (den Masowiern oder Masuren) besiedelt. Davon zeugen auch die vielen verschiedenartigen Familien- und Ortsnamen. Unser Familienname lässt sich weder aus dem Deutschen noch aus dem Litauischen, außer vom Vornamen Gregor herleiten. Aber im Altpreußischen gibt es die Wörter „grigatas, grikatas und grigullus“ mit der gleichen Bedeutung von „der Sünder“. Das sich daraus die Familiennamen Grigoleit, Grigat und Grigull ergeben, fühlt ein Blinder mit dem Stock. In unserem Gebiet muss es viele Sünder gegeben haben, allein in unserem Ort gab es drei Familien dieses Namens. Zwischen Piktupönen und Pogegen gab es sogar einen kleinen Ort namens Griegoleiten, der inzwischen in Pogegen eingemeindet wurde. Aber trotz des Kinderreichtums meiner Eltern ist unser Familienname jetzt vom Aussterben bedroht. Das hat verschiedene Ursachen. Einige werden später ins Gespräch kommen. Zum Namen meines Geburtsortes und einiger Nachbarsorte: In der Nähe meines Geburtsortes floss ein Bach namens Lompe. Er gab Lompönen und dem Nachbarort Polompen den Namen. Dabei haben wir im Zusammenhang mit der Herkunft des Namens Preußen die Bedeutung der Vorsilbe „ Po“ schon kennen gelernt, nämlich in der Bedeutung von hinter oder unterhalb. Polompen war ein Ort mit einem Rittergut und einer Kleinbahnstation, 4km von Lompönen an der Lompe gelegen. Pogegen liegt an der Gege und Piktupönen an der Piktupe. Selbst Tilsit, an der Memel gelegen, erhielt seinen Namen von dem dort einmündenden kleinen Nebenflüsschen Tilse. Es sind also oft die vielen kleinen fließenden Gewässer, die den Orten dieser Gegend zu ihrem Namen verhalfen. Meine Schulzeit Lompönen, dem der Nachbarort Bardehnen eingemeindet war, hatte 1939 700 Einwohner. Das war für damalige dortige Verhältnisse beachtlich viel. Es gab im südlichen Teil des Memellandes (südlich von Heydekrug) nur drei Orte mit mehr Einwohnern: Pogegen (2760), Willkischken (980) und Schmalleningken (13660). 11

Pogegen wurde zu litauischer Zeit in Ermangelung größerer Orte zu unserer „Kreisstadt“, wobei seine Bedeutung damals wie heute eher durch seinen Wochenmarkt geprägt wird. Piktupönen, unser Kirchort, hatte mit 312 Einwohnern weniger als die Hälfte von Lompönen. Wir hatten in Lompönen keine Kirche und mussten bei Bedarf den Weg von etwa 6km nach Piktupenen zu Fuß zurücklegen. Dafür gab es extra einen Trampelpfad, den sogenannten Kirchsteig, den die Bauern bei ihren Feldarbeiten akzeptieren mussten. Aber in Lompönen gab es zwei einklassige Volksschulen, die nur etwa 4km voneinander entfernt lagen und trotzdem jede einen großen Einzugsbereich hatte. Das galt insbesondere für unserer Schule, in die auch Schüler aus ganz Bardehnen und aus Krakonischken, einem kleinen Ort auf den Memelwiesen kamen. Bei Hochwasser waren sie vom Wasser eingeschlossen und kamen entweder mit dem Kahn oder gar nicht zur Schule. In unserer Schule wurden jeweils alle acht Schuljahre in einem Klassenraum von nur einem Lehrer gleichzeitig unterrichtet. Die Schüler des achten Schuljahres fungierten dabei als „Hilfslehrer“. Wurde der Lehrer krank, (das habe ich zwar nie erlebt), fiel der Unterricht aus oder wurde jeden zweiten Tag im Wechsel vom anderen Lehrer durchgeführt. Das war nach dem plötzlichen Ableben unseres Lehrers der Fall. Zu litauischer Zeit war Litauisch ein Pflichtfach. Aber beide Lehrer der Schulen konnten die Sprache nicht, und so habe ich es nie gelernt, obwohl unsere Eltern es beherrschten. Ansonsten achteten unsere Eltern darauf, dass wir hochdeutsch und nicht plattdeutsch sprachen. Als ich Ostern 1936 eingeschult wurde, gab es 45 Schüler an unserer Schule, die mit Lompönen 1 bezeichnet wurde. Das war insofern eigenartig, da sie völlig dezentral am Ortsrand lag. Wahrscheinlich war sie die ältere von beiden. Mit mir gingen noch mein Geschwister Richard, Erna und Alfred gleichzeitig zur Schule. Herbert kam ein Jahr später hinzu.

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Die Schule - heute ein Hotel

Heinz Gedrat in der Schule vor dem Schulbild.

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Unsere Schulausrüstung bestand in den ersten Schuljahren aus einer Schiefertafel (eine Seite liniiert, die andere kariert), einer Fibel und einem Federkästchen für Griffel. Federhalter, Schreibfedern, Bleistift und Radiergummi. werden erst später beim Einsatz von Heften aktuell. Zuerst wurde die Druckschrift geübt. Ich glaube, im dritten Schuljahr begannen wir mit der Sütterlinschrift. Erst an der Oberschule benötigte ich für die englischen Vokabeln die sogenannte Normalschrift und stellte mich allmählich vollkommen auf sie um. Einen Füllfederhalter lernte ich auch erst in der Oberschule kennen. Bis dahin dominierte der Bleistift als Schreibutensil. Im Klassenzimmer herrschte eine strenge Sitzordnung: Vom Pult aus gesehen saßen die Marjellchen in der linken Bankreihe und die Lorbasse rechts. Als Schulmöbel dienten Zweierbänke mit zusammenhängenden Klappsitzen. In der vordersten Bank saßen die Erstklässler, in der hintersten die achte Klasse. Der beste Schüler der ganzen Schule saß auf der letzten Bank am Innengang. Da die Schüler der 8. Klasse als Hilfslehrer eingesetzt wurden und mit den unteren Klassen Lesen, Schreiben oder Rechnen übten, waren ihre Sitzplätze oft verwaist. Erst wenn die Kleinen Schulschluss hatten, konnte der Lehrer mit den Großen arbeiten .Es leuchtet ein, dass diese Bedingungen eine hohe Disziplin von allen Beteiligten verlangte. Verstöße wurden mit Stockschlägen auf die Handflächen, selten auf den Hintern geahndet. Unser Lehrer prügelte selten. Das änderte sich bei seinen Nachfolgern. Im Gedächtnis geblieben ist mir der Versuch des Lehrers Kiupel, einen Schüler der achten Klasse zu züchtigen. Der Schüler musste sich so bücken, dass der Lehrer dessen Kopf zwischen seine Beine quetschen konnte, um ihm dann mit dem Zeigestock einige Schläge auf den Hintern zu verpassen. Der Schüler – Sohn eines Fleischers und selbst kräftig gebaut – richtete sich aber vorher schon auf, so dass der Lehrer zusammen mit der Wandtafel in der Ecke lag. Einen Stundenplan kannten wir nicht. Der Lehrer sagte zum Beginn der Stunde an, was dran war, und wies seine Helfer in ihre Aufgaben ein. Damals besaß noch kein Schüler eine Armband- oder Taschenuhr. Die hätte auch nichts genützt, denn der Lehrer entschied nach eigenem Ermessen über die Länge der Unterrichtsstunde und der Pausen. Das hatte auch Vorteile. Wenn wir im Sommer in der Pause unseren Lehrer um Erlaubnis zum Baden im Schulteich baten, wurde das kaum abgelehnt. Dann war es nur fraglich, ob die Pause zehn Minuten oder eine Stunde lang wurde. Aber das wurde meist vor Ort entschieden und war von unserer Disziplin und unserem Eifer beim 15

Baden abhängig. Ähnlich verhielt es sich im Winter auf dem Eis oder beim Rodeln. Unser Schulhof war nicht eingezäunt und wir konnten uns frei bewegen, obwohl er direkt an einem öffentlichen Weg lag. Aber gerade dieser Weg war im Winter eine herrliche Rodelbahn. Der Start war auf dem Hof von Barkowskis und das Ende auf der Kiesstraße nach Bittehnen. Beides also weit außer Sicht- und Rufweite. Aber es gab nie Probleme Wenn der Lehrer mit seiner Trillerpfeife die Pause beendete, versuchten wir, schnell das Klassenzimmer zu erreichen. Aber alle kennen auch das Sprichwort: Der Klügere gibt nach und das war dann der Lehrer. So kamen wir auch zu unseren Sportstunden. Nicht die Erdkunde, aber den Biologie-Unterricht bewältigten wir, indem wie im Frühjahr und im Herbst zwei bis drei Tage lang den Schulgarten, pflegten, jäteten und hackten, Äpfel und Nüsse ernteten, das Laub zusammenharkten usw. Die Äpfel und Nüsse, ergänzt durch Pfeffernüsse, einen Bleistift und ähnliches, kriegten wir zur Schulweihnachtsfeier, zu der auch die Eltern eingeladen wurden, in einer bunten Tüte wieder, nachdem jeder ein Weihnachtsgedicht angesagt hatte. Im Sommer gingen wir barfuß in die Schule. In der übrigen Zeit mit Schlorren (Holzpantoffeln). Nur wenn es sehr stark frisch geschneit hatte, wurden für einige Tage die Schuhe vorgeholt. Dann liefen wir schön im Gänsemarsch, damit recht schnell der Schnee festgetrampelt war und wir die Schuhe wieder schonen konnten. Oft war nach wenigen Tagen die ganze Oberfläche des Schnees so fest gefroren, dass wir darauf laufen konnten, ohne einzubrechen. Aber dann war es auch so kalt, das die Finge an der Klinke der Schultür kleben blieben, wenn man sie ohne Handschuhe anfasste. Dann waren aber oft so wenige Kinder in der Schule, dass der Unterricht ausfiel und jemand aus den oberen Schuljahren etwas vorlas oder wir nach Hause geschickt wurden. Am nächsten Tag waren dann manchmal die Griegoleits ganz alleine in der Schule, aber wir nahmen die Schulpflicht wörtlich und ernst. Im unserer Schule gab es elektrisches Licht. Ein Dieselmotor im Schulkeller, der manchmal das ganze Haus verpestete, lud Akkus auf, die uns diesen Luxus ermöglichten. Einmal im Jahr hielt ein Auto, das dem Schulrat gehörte, auf dem Schulhof. Das war für uns immer aufregend. Der Schulrat inspizierte die Schule und wir sein Auto. Hausaufgaben wurden selten erteilt, denn nach der Schule warteten noch andere Pflichten auf uns. Nicht nur mein Verhältnis zur Schule, sondern das der ganzen Familie wurde von mehreren Faktoren geprägt: 16

Unsere Mutter ermahnte uns (meines Erachtens erfolgreich) alle Bildungsmöglichkeiten zu nutzen, damit es uns nicht so geht wie dem Vater. Unser Lehrer war Witwer, wohnte in der Schule und wurde von einer Wirtschafterin betreut, die nicht in der Schule wohnte. Da er aber auch ein Pferd und einen Schäferhund besaß, benötigte er jemanden, der sich darum kümmerte, einkaufte u.a.m. Das erledigten nacheinander mehrere meiner Brüder in den letzten Jahren ihrer Schulzeit bis zu ihrer Schulentlassung für ihn. Sie wohnten in der Schule, nahmen am Unterricht teil und erledigten anschließend ihre Aufgaben. Mit Alfred endete diese Tradition durch den Tod des Lehrers. Ich glaube nicht, dass sie dafür Geld erhielten, aber sie hatten Unterkunft und Verpflegung und eine Vertrauensstellung war es auch. Der Lehrer Breuer starb 1941 an Herzschwäche, weil es während des Krieges keinen Bohnenkaffee mehr gab, der ihn zuvor aufrechterhalten hatte. Für uns war das ein großer Verlust. Wir verloren eine talentierte, erfahrene und geachtete Respektsperson mit großem Verständnis für unserer und unserer Eltern Probleme. Alfred war damals elf Jahre alt und ging dann mit 12 Jahren zur Oberschule. Wenn wir ein Schwein schlachteten (das war in der Regel im November) kaufte unser Lehrer davon einen fertig geräucherten Schinken (selten zwei) ab. Da die Schweine erst mit 3,5 bis 4 Zentnern als schlachtreif galten, reichte es für uns auch noch, und die Wirtschaftskasse freute sich auch. In den Sommerferien verbrachten meine Eltern und ich einen Teil unserer Freizeit in der Schule. Im Klassenzimmer stand ein großer Kachelofen, der im Winter nur mit Holz geheizt wurde, und er hatte einen großen Appetit. Im Sommer wurden 2m lange Fichten- oder Kiefernstämme angeliefert und zu einer endlosen Wand aufgestapelt. Die Mutter und einer meiner Brüder zersägten dann tage- und wochenlang jeden Stamm in vier Stücke. Der Vater spaltete dann nach seinem Feierabend die Rollen in armdicke Stücke. Anschließend schichteten wir sie zu riesige Rundhaufen auf. Das muss etwa 1939/40 gewesen sein. Ich war damals 10 Jahre alt und einer der Akteure der Aktion. Wie oben erwähnt, hatten wir vielfältige und enge Beziehungen zu unserer Schule in Lompönen. Sie lockerten sich aber bald, als der Lehrer zu Beginn des Krieges starb. Für uns Schüler begann eine Periode mit Unterrichtsausfällen und Vertretungsstunden. Weitere Veränderungen ergaben sich aus der Einverleibung des Memellandes durch Deutschland im März 1939. 17

Die Viermann-Feldziegelei, auf der mein Vater über 30 Jahre im Sommer arbeitete, war der Konkurrenz der deutschen Großindustrie nicht im Geringsten gewachsen und stellte den Betrieb ein. Meinem Vater, inzwischen 54 Jahre, wurde eine neue Arbeit in der Sperrholzfabrik in Ragnit zugewiesen, wo er in einem Wohnheim hauste. Zum ersten Mal hatte er jetzt ganzjährig eine Beschäftigung und ein regelmäßiges Einkommen. Allerdings steht er von da ab der Familie nur noch selten zur Verfügung, ja es beginnt ein allmählicher Abschied von ihm, da der Staat in zunehmendem Maße über ihn und seinen Aufenthaltsort verfügt. Für das Geld, das er jetzt verdient, gibt es bald ohne Bezugsscheine oder Kartenzuteilung keine Waren und Lebensmittel mehr. Dadurch war der Unterschied zu der Zeit, als wir fast kein Geld hatten, nicht wesentlich. Da Deutschland sich am Vorabend des Zweiten Weltkrieges befand und viele Soldaten brauchte, wurde Kinderreichtum propagiert und gefördert Unsere Mutter erhielt das Mutterkreuz in Gold, wofür sie sich allerdings nichts kaufen konnte. Aber stolz war sie schon darauf, denn Kinderreichtum galt damals wie heute eher als Makel mit einem Anflug von Unsozialem, aber nicht als Würde und Ehre. Aber jetzt wird das zum ersten Mal in ihrem Leben als Leistung gewürdigt und geehrt. Wir Kinder durften jetzt die Oberschule besuchen, ohne Schulgeld bezahlen zu müssen Diese Chance nutzten Alfred und ich durch den Besuch der „Oberschule für Jungen in Aufbauform“ in Ragnit. Das war eine Einrichtung mit Schülerinternat, die Schüler nach Abschluss des sechsten Schuljahres aufnahm und selbst mit der dritten Klasse begann und mit der achten Klasse abschloss.

Schule in Ragnit.

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Alfred besuchte diese Schule ab 1941, ich ab 1942. Diese Schulform war insofern günstig, da wir sie erst mit 12 Jahren begannen, relativ selbständig waren und auch den etwas komplizierten Schulweg am Wochenende bewältigen konnten. Ragnit war nach etwa elf Kilometern zu Fuß über Bittehnen, dann den Marjensee und die Memel stromaufwärts erreicht .Im Sommer musste man mit der Fähre, im Winter über das Eis, die Memel überqueren. Bei hohem Schnee verbot sich dieser unwegsame Marsch von alleine. Eine zweite Möglichkeit bestand darin, die Memel in Tilsit zu überqueren und dann Ragnit anzusteuern. Die Entfernung auf der Landstraße betrug 22km. Die Strecke bin ich nur einmal gelaufen, als Alfred mich auf einem klapprigen Fahrrad mitnehmen wollte und wir bereits nach wenigen Kilometern Reifenpanne hatten. Im Sommer konnten wir den Weg nach Tilsit abkürzen, indem wir Wiesenwege benutzten. Aber im Winter waren sie verschneit und im Frühjahr vom Hochwasser überflutet. Eine andere, wenn auch etwas kostspielige Möglichkeit bestand darin, nach Miekiten zu laufen, dann mit der Straßenbahn nach Übermemel, zu Fuß zum Tilsiter Bahnhof und dann mit dem Zug nach Ragnit. Diese Verbindung habe ich einige Male in der umgekehrten Richtung genutzt, wenn ich in Tilsit etwas erledigen oder nach Piktupönen zum Konfirmandenunterricht musste. Aber wir sind nicht jedes Wochenende nach Hause gekommen und auch selten gemeinsam mit dem Vater gereist, da er länger arbeiten musste, als wir die Schulbank drücken. Die einklassige Volksschule war zwar nicht die günstigste Startrampe für die Oberschule, aber gescheitert sind wir an der großen Politik. Wir fuhren 1944 nach Hause in die Sommerferien und noch ehe sie beendet waren, war aus unserer Schule ein Hilfslazarett für verwundete Soldaten geworden. Ich half noch unserem verzweifelten Oberstudiendirektor, sein goldumrandetes Geschirr in den Schulkeller zu schaffen und ging wieder nach Hause. Von meinen im Internat zurückgelassenen Sachen fehlte schon jede Spur. Das war mein letzter Kontakt mit meiner Oberschule. Ich war inzwischen vierzehn Jahre alt, hatte, wie alle, acht Jahre Schule hinter mir: sechs Jahre Volksschule, zwei Jahre Oberschule, aber von keinen Abschluss. Die Sperrholzfabrik, in der unser Vater arbeitete, war inzwischen von Ragnit mit der ganzen Belegschaft nach Königsberg verlegt worden, denn Sperrholz war damals ein wichtiges Material für die Verkleidung von Flugzeugen. So gehörte der Betrieb zur Rüstungsindustrie und die Arbeiter waren gezwungen dort zu arbeiten. Meinen Vater hatte ich seitdem nur noch einmal gesehen.

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Wie ich den Zweiten Weltkrieg erlebte Die Einverleibung des Memellandes durch Deutschland im März 1939 war wenig spektakulär. Aber es war wie bei Österreich und dem Sudetenland ein Teil der systematischen Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges, wir hatten weniger als sechs Monate Zeit, uns ans Deutschsein zu gewöhnen. Da es keine Probleme zwischen den Deutschen und den Litauern in unserem Gebiet gab, mussten sie organisiert und entwickelt werden. So entstanden noch zu litauischer Zeit deutsche Organisationen mit schwarzer Uniform und roten Armbinden. Sie nannten sich Ordnungsdienst, führten Aufmärsche durch und zettelten Schlägereien mit Litauern, vor allem mit litauischen Staatsbeamten an. Als am 23. März die „Heimkehr ins Reich“ verkündet wurde, wechselten sie die Armbinden und errichteten Straßensperren, wo sie alle Fahrzeuge anhielten und die Ladung kontrollierten. Ihr Ziel waren flüchtende Juden. Ich habe einige Stunden das Treiben an der Straßensperre in unserem Ort beobachtet, ohne den Sinn dieser Maßnahme zu begreifen, aber gefunden wurde niemand. In unserem Ort gab es keine ansässigen Juden, und die anderen hatten sich bereits kurz zuvor über die neue litauische Grenze zurückgezogen. Ich hatte Glück, dass ich nicht dazu gehörte. Warum? Soweit es uns bekannt war, hatten wir keine jüdischen Verwandten. Aber ich kann mich noch daran erinnern, dass mich mit etwa sechs Jahren ein jüdischer Lumpenhändler, der ständig unser Gebiet bereiste, mitnehmen und adoptieren wollte. Aber meine Mutter willigte nicht ein und schickte mich immer fort, wenn er wiederkam. Ein zweites Mal wurde ich mit der Judenfrage auf eine ganz andere Weise konfrontiert. Mein Bruder Willy, der bei meinem Onkel im Reich aufgewachsen war, war jetzt nicht mehr staatenlos und durfte uns besuchen. Er war ja schon mehrere Jahre der Nazipropaganda ausgesetzt und deshalb gefiel ihm mein Vorname nicht. Der bekannte Judenkönig Salomo hätte auch Leo geheißen. Also ist Leo ein jüdischer und kein deutscher Name. Er redete solange auf meine Mutter ein, bis diese einwilligte, dass ich künftig mit meinem zweiten Vornamen, also Walter, gerufen würde. In einer kleinen Familienfeier mit Raderkuchen wurde das besiegelt. Aber niemand hat sich an den neuen Rufnamen gewöhnt und ich wurde auch nie wieder mit diesem Problem konfrontiert. Mutter wollte, dass wir zu dem komplizierten Familiennamen, der nicht zu ändern war, wenigstens einfache Vornamen bekamen, und ich bin ihr dankbar dafür.

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Als am 1. September 1939 mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, war ich noch nicht ganz zehn Jahre alt. Aber ich erinnere mich noch sehr genau an manche Details. Es war ein wunderschöner sonniger Spätsommertag: Entgegen unserer Gewohnheiten gingen wir Kinder auf dem Szillas spazieren und versuchten zu ergründen, was denn anders ist, wenn Krieg ist. Aber außer dass es in der Ferne einige Male leise grollte, war nichts anders als sonst. In den nächsten Tagen verschwanden immer mehr junge Männer zum Militär und die noch jüngeren zum Arbeitsdienst. Da sich die Siegesmeldungen überschlugen, trösteten sich die Abschiednehmenden und ihre Eltern gegenseitig, dass sie zu Weihnachten wieder daheim sein würden. Tatsächlich war der sogenannte Polenfeldzug nach achtzehn Tagen siegreich beendet. Die Nazipropaganda triumphierte: „Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der Herr geschlagen!“ Das machte Lust nach mehr Beute, und nach Hause kamen die jungen Männer nicht, ja die meisten dieser Jahrgänge nie mehr. Das schöne Wetter wich und wankte nicht. Der Altweibersommer erstreckte sich bis in den Oktober hinein. Ich nutzte die Sonnentage für meine Lieblingsbeschäftigung: die Gartenarbeit. Da der Boden aber nachts gefroren und tags wieder aufgetaut war, klebte die Erde unangenehm. an den Schlorren. Also zog ich die Strümpfe und die Holzpantoffeln, wie gewöhnt, aus und ging barfuß. Das brachte mir eine sehr schwere doppelseitige Lungenentzündung ein, die ich nur überlebte, weil jetzt für mich das Kreiskrankenhaus in Tilsit zugänglich war, denn im Memelland gab es eine ähnliche Einrichtung höchstens im 50km entfernten Heydekrug, und das war mit dem Pferdewagen nicht erreichbar. Alles andere war undiskutabel, weil nicht finanzierbar. Im Krankenhaus lernte ich zum ersten Mal eine Wasserleitung, ein WC und manche andere städtische Einrichtung kennen. Aber vor allem blieb mir in Erinnerung, wie sehr sich ein Mitpatient, ein junger Mann aus der Slowakei, der bei einem Großbauern als Knecht arbeitete und nicht aus den Augen gelassen wurde, um mich kümmerte. Als er entlassen wurde, schenkte er mir zum Andenken ein Foto, auf dem er mit einem Pferd abgebildet war, Dieses ist allerdings in den Kriegswirren verloren gegangen. Die Lungenentzündung hinterließ in der Lunge Narben, die noch mehrere Jahre mittels Durchleuchten ärztlich kontrolliert wurden. Sie spielten später die Rolle eines Katalysators bei der Entwicklung meiner Staublunge. Die Herkunft von Löchern in meiner Lunge, die normalerweise die Folge von

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Lungentuberkulose sind, ist allerdings unklar, da ich nie auf akute TBC behandelt wurde und auch nie Tuberkelbazillen bei mir gefunden wurden. Der Krieg pausierte in dieser Zeit, zwar nicht wegen meiner Krankheit, sondern wegen der Umgruppierung der militärischen Kräfte und des beginnenden Winters. Im Jahre 1940 standen neben Frankreich viele weitere meist kleinere Staaten West-, Nord- und Südeuropas auf dem Abreißkalender der deutschen Kriegsmacher. Im Osten verleibte sich die Sowjetunion die baltischen Staaten (Litauen, Lettland und Estland) ziemlich geräuschlos ein. Wir bekamen dadurch die Sowjetunion als unmittelbaren Nachbarn, aber es blieb an der Memel relativ ruhig und friedlich. Wann Willy Soldat wurde habe ich nicht genau mitgekriegt, da er ja nicht bei uns wohnte Fritz lernte Maurer und Richard Sattler. Die Lehrzeit dauerte vier Jahre. Fritz und Richard mussten auf Drängen der Armee ihre Lehre vorfristig abschließen und anschließend ging es zur Armee. Im Sommer 1940 zogen viele Tage lang eigenartige Kolonnen, überwiegend Pferdegespanne aller Art, aber auch Leute mit Handwagen durch unser Dorf in Richtung Miekiten. Man sah es ihnen an, dass sie von weit her kamen, denn Panjepferde und die entsprechenden kleinen Wagen mit Holzbügeln zwischen den Deichseln waren bei uns nicht üblich. Außerdem machten alle einen müden Eindruck. Sie rasteten nicht, hatten es aber auch nicht besonders eilig. Wir Kinder hatten sie zufällig entdeckt, denn von unserem Grundstück konnten wir die Landstraße nicht einsehen. Wir beobachteten den Zug aus der Ferne, informierten die Eltern und Nachbarn und wunderten uns nur, dass das nicht aufhörte. Eigentlich kümmerte sich niemand besonders darum. Es waren sogenannte Volksdeutsche im Ausland, die Hitler mit seiner Parole „Heim ins Reich!“ heimatlos gemacht hatte. Noch ahnte niemand, dass wir vier Jahre später in der gleichen Lage sein und in die gleiche Richtung ziehen werden. Ja, wir wurden 1944 auf der Flucht Nachbarn einer solchen Familie aus Weißrussland. Den Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erlebten wir als unmittelbares Aufmarschgebiet und damit aus unmittelbarer Nähe, so wie es heute ein Fernsehsender zu sagen pflegt: „Mittendrin, statt nur dabei!“. Von uns bis zur damaligen sowjetlitauischen Grenze waren es etwa 15km Luftlinie. Unsere inzwischen verheiratete Schwester Grete wohnte in Adomischken sogar nur 500m von der Grenze entfernt. Am Freitag, dem 20. Juni 1941 kam ich gegen 17 Uhr vom Konfirmationsunterricht aus Piktupönen. Ich wunderte mich, dass auf der etwa 7km langen Strecke ab und zu ein Soldat neben einem 22

Maschinengewehr, das auf einem Dreibock aufgebaut war, stand. Insgesamt waren es ca. sechs Mann. Ein ganz anderes Bild bot sich am nächsten Morgen. Die Wälder und auch alle mit Bäumen bepflanzten Wege waren mit Militärlastwagen der unterschiedlichsten Typen vollgestopft. Auch auf unserem Hof wimmelte es von Soldaten, die ohne um Erlaubnis zu fragen in der Scheune einquartiert wurden. Unter ihnen befand sich ein Unteroffizier mit einer gut verständlichen, aber für uns eigenartigen Aussprache. Es war ein Lehrer aus Hannover. Er suchte zu uns Kontakt und jammerte bei unserem Anblick, dass er zu seinen Kindern wolle. Immer öfter wurden wir und auch die Soldaten aus der Luft erschreckt. „Viseler Störche“ – das waren Kleinflugzeuge, die auf jeder Wiese landen und starten konnten, kamen so niedrig geflogen, dass sie höher steigen mussten, wenn sie nicht an einem Dach hängen bleiben wollten. Sie dienten als Nahaufklärer und als Kurier. Später bin ich ihnen kaum wieder begegnet, möglicherweise haben sie sich doch nicht so bewährt, wie erwartet. Am Abend saßen Soldaten auf dem Rand unseres Grenzgrabens, neben sich Rollen aus Zündschnur und Kisten mit Zündkapseln. Sie zerschnitten die Zündschnüre in kurze Stücken und befestigten ein Ende in einer Zündkapsel. Dann wurden die fertigen Zünder in Eierhandgranaten eingeschraubt. Dabei informierten sie sich gegenseitig und Vorbeikommende über die streng geheime Nachricht, dass es morgen früh um 3.05 Uhr losginge. Die Soldaten reagierten sehr unterschiedlich auf die Information, einige wollten noch schnell paar Stunden schlafen, andere wollten lieber gleich aufbleiben. Mit militärischer Pünktlichkeit wurden wir um 3.05 Uhr durch Kanonendonner aus dem Schlaf gerissen. Es war Sonntag der 22. Juni 1941, Sommeranfang und schon taghell. Die Artillerie stand näher an der Grenze, wir konnten aber das Mündungsfeuer der Geschütze sehen und von Zeit zu Zeit stiegen grüne Leuchtkugeln in den Himmel, die der Artillerie anzeigten, wie weit die Truppen vorangekommen waren. Gegen 6 Uhr leuchtete der Horizont im Osten rot. Die Erwachsenen meinten, dass das vom brennenden Tauroggen käme. So begann jetzt eine Periode intensiven Geografie-Unterrichts. Bis heute sind mir viele Städte und Gebiete Europas durch hartumkämpfte Frontabschnitte, Brückenköpfe, Kesselschlachten und später durch „Frontbegradigungen“ und „planmäßige Absetzbewegungen“ in Erinnerung geblieben. Da die Sowjetunion aus unterschiedlichen Gründen auf diesen Überfall sträflich unvorbereitet war und die ersten Soldaten in Unterhosen gefangen wurden, entfernte sich die Front recht rasch ostwärts. Ein Teil der Lastwagen 23

war schon in den Morgenstunden verschwunden. Der Rest rückte mit unseren Soldaten gegen Mittag ab. In der elften Stunde erschienen in großer Höhe drei sowjetische Flieger, so groß wie Papierflieger, aber mit einem sehr hohen, fast pfeifenden Motorengeräusch. Ihr Ziel war offensichtlich die Brücke von Tilsit, der einzige Übergang über die Memel im Umkreis von hundert Kilometern. Wir erschraken über die mächtige Knallerei in unmittelbarer Nähe, so dass der Erdboden zitterte. So etwas hatten wir noch nicht erlebt. Am Himmel platzierten sich kleine weiße Wölkchen in der Nähe der Flieger. Es waren schwere Flugabwehrgeschütze (Flak), die die Flieger zum Abdrehen zwangen, ohne dass sie ihren Auftrag erfüllen konnten. Etwas Ähnliches spielte sich etwa zwei Stunden später noch einmal ab. Das war die einzige für uns wahrnehmbare Gegenwehr der Sowjetunion für lange Zeit. Wo die Flak gestanden hat, haben wir auch nach ihrem Abzug nicht heraus bekommen. Die Front entfernte sich aus unserem Wahrnehmungskreis und mit ihr meine beiden Brüder Willy und Fritz, was wir allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht wussten. Ende Juli erhielt unsere Mutter einen Feldpostbrief (so nannte sich die Post, die von den Soldaten kam und die ihren Standort nicht verraten durften), den der Briefträger Knispel nicht wie üblich uns Kindern, sondern nur der Mutter aushändigte. Es war ein Brief von Willys Kompanieführer, in dem er uns mitteilte, dass Willy am 19.7.1941 am Rande eines Kornfeldes in Lettland für Führer, Volk und Vaterland den „Heldentod“ gestorben ist. Einige Tage später erhielten wir noch ein Feldpostpäckchen mit seiner leeren Brieftasche und zwei Schuhbürsten. Der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter der NSDAP kamen noch persönlich, um meiner Mutter zu kondolieren. Mutter erhielt auch einen Bezugsschein zur Anschaffung von Trauerbekleidung. Sie kaufte sich ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut. Sonst bekam man im dritten Kriegsjahr weder Lebensmittel noch Bekleidung ohne Karten. Aber im späteren Verlauf des Krieges gab es dann für einen toten Jüngling nur noch einen schwarzen Schal als staatliche Gegenleistung. Unser Problem bestand vor dem Krieg darin, dass wir kein Geld hatten, um etwas zu kaufen. Jetzt verdiente der Vater regelmäßig Geld und die Mutter kriegte für ihn und für die zum Militär eingezogenen Kinder Trennungsgeld. Aber jetzt nutzte uns das Geld wenig, denn es gab dafür kaum etwas zu kaufen. Die Nazipropaganda gab daher die Losung heraus: „Spare eisern jetzt im Krieg, kaufen kannst Du nach dem Sieg.“ Dabei wurde unter „eisern sparen“ das Einzahlen auf ein Konto verstanden, von dem es während des Krieges nicht abgehoben werden durfte. Nach dem Krieg wurde dann das

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Geld für wertlos erklärt und uns bei der Währungsreform praktisch wieder weggenommen. Fritz meldete sich im Herbst von der Front mit der Bitte, ihm wollene Handschuhe und Socken sowie Zwiebeln gegen den Mangel an Vitaminen zu schicken. Am ersten Weihnachtstag 1941 erhielt er am Donezk einen Kopfschuss und starb am nächsten Tag „wie ein Held“. Richard, der Sattler, hatte sich an der Ostfront die Füße erfroren. Nach seiner Genesung arbeitete er in Lettland in einer Wehrmachtsbäckerei, wo er sich mit einer Lettin anfreundete. Im Sommer 1944 bekam er Heimaturlaub. Das Ende seines Urlaubs fiel fast zeitgleich mit unserer Vertreibung zusammen. Er kam zur „Marschkompanie“, wo alle gesammelt wurden, deren militärische Einheiten nicht mehr existierten oder für den Betreffenden nicht erreichbar waren. Von der Marschkompanie werden die Betroffenen wieder an die Front geschickt, aber Richard wusste nicht wohin. Wir zogen in die entgegengesetzte Richtung ohne bekanntes Ziel. So ist es verwunderlich, dass uns Ende November 1944 ein Feldpostpäckchen mit einer leeren Brieftasche erreichte, der ein Zettel beigelegt war: “die Nachlasssachen Ihres gefallenen Sohnes“. Auf welchem Wege Mutter später erfuhr, dass Richard am 4.11.1944 gefallen ist, weiß ich nicht. Aber es war wahrscheinlich nach dem Krieg über einen Suchdienst. Willy wurde 26, Fritz 20 und Richard 22 Jahre alt.

Leider gibt es heute wieder deutsche Regierungschefs und Kriegsminister, die sich bei den USA und der NATO anbiedern und wieder oder immer noch bereit sind, unsere Enkel auf Kriegsschauplätze in alle Welt zu schicken. Da lobe ich mir unsere Enkel mit ihrem „Nein“ zum Wehrdienst. Mit zunehmender Kriegsdauer nahmen die Nachrufe für die Gefallenen immer mehr Platz in den Zeitungen ein. Im Sommer 1944 waren acht Seiten die Regel. Gretes Schwager Kurt befand sich auch unter ihnen. Er war bei der deutschen Kriegsmarine und auf einem „Fischkutter“ in der Ägäis stationiert. Als harmlose Fischer verkleidet, sollten sie U-Boote anlocken und zum Auftauchen verleiten, um sie dann vernichten zu können. Das waren die sogenannten U-Bootfallen. Ob sie jemals funktioniert haben, weiß ich nicht. Aber ihre Initiatoren haben nicht beachtet, dass sie in einem von deutschen Truppen eroberten und besetzten Land stationiert und von der heimischen 25

Bevölkerung misstrauisch beobachtet wurden. So genügte ein ebenso harmloses Flugzeug, um den Fischkutter auf den Meeresgrund zu schicken. Grete besuchte ihren Mann, der am Bodensee bei der Flak diente und offensichtlich die am Oberrhein liegenden IG-Farben-Werke schützen sollte. Es schien als hätte er von allen das große Los gezogen. Herrmann Göring, der erste Stellvertreter Hitlers, war sein oberster Chef. Der prahlte in seiner weißen Paradeuniform, dass er Herrmann Meier heißen wolle, wenn auch nur ein einziges feindliches Flugzeug deutsches Territorium überfliege. Aber ab 1942, den ersten deutschen Luftangriffen auf London und Coventry, wurde der deutsche Luftraum zunehmend von anglo-amerikanischen Bomberstaffeln beherrscht. Anfangs versuchten deutsche Jagdflieger dies mit Heldenmut zu verhindern, aber gegen die in großen Verbänden angreifenden „Fliegenden Festungen“ waren sie machtlos. Später zwang sie Benzinmangel, am Boden zu bleiben. Als völlig unerklärlich erscheint dann noch die Liquidierung der Flak-Einheiten im Jahre 1944. Sie wurden entweder zur Panzerabwehr eingesetzt oder anderen Einheiten zugeteilt. Franz, Gretes Mann, wird nach Dresden versetzt. Dort verliert sich jede Spur von ihm. Wahrscheinlich ging er mit Dresden im Bombenhagel unter. Das Eigenartige dabei ist, dass der größte Teil des Kasernenkomplexes die Bombenangriffe unbeschadet überstand und nach dem Krieg von der Roten Armee genutzt wurde. Auch der heutige russische Präsident Putin war dort stationiert. Ostpreußen galt, nachdem die Ostfront weitab von seinen Grenzen verlief, als relativ sicher. So fanden dort Kinder aus dem durch Bombenangriffe geplagten Rheinland eine Zuflucht. Das Leben bei uns verlief relativ normal. So ging auch ich -wie Alfred ein Jahr zuvor- ab 1. September 1942 nach Ragnit zur Oberschule. Dort kam irgendwann auch ein Mädel aus Mönchengladbach hinzu. Sie war sehr arrogant und unnahbar. Es wurde erzählt, dass ihr Vater Bankdirektor gewesen sei. Am Abend des 20. April 1943 erlebte ich in Ragnit zum ersten Mal einen Fliegeralarm. Wir nahmen ihn noch nicht besonders ernst, suchten aber den vorgeschriebenen Luftschutzkeller auf. Und das war gut so, denn bald bebten die Erde und der Keller. Uns fehlte zwar die Erfahrung für das Einschätzen der Entfernung der Explosionen, aber alle waren sich einig, dass es ganz in der Nähe sein müsste. In Wirklichkeit galt dieser Geburtstagsgruß der anglo-amerikanischen Flieger der elf Kilometer entfernten Stadt Tilsit. Die Erschütterungen und die Zerstörungen waren deshalb so gewaltig, weil 26

Luftminen, die damals stärksten Bomben zum Einsatz kamen. Tilsit war Garnisonstadt, Verkehrsknotenpunkt, einziger Eisenbahnund Straßenübergang über die hier 210m breite Memel und ein Standort von Molkereien, Zellstofffabriken und Getreidelagern. Mit dem Angriff auf Deutschlands östlichste Stadt demonstrierten die Alliierten, dass jeder Winkel Deutschlands für sie erreichbar sei. In Tilsit wurden ganze Straßenzüge zerstört. Nachdem die Straßen beräumt waren, wurden die Bürgersteige mit Durchhalteparolen wie „Trotz Terror – Tilsit lebt!“ bemalt. Die Brücken wurden nicht bei späteren Luftangriffen zerstört, sondern bei ihrem Rückzug von deutschen Truppen gesprengt. Der Luftangriff auf Tilsit und die sich nähernde Front führten dazu, dass wichtige Betriebe verlagert und entbehrliche Einwohner evakuiert wurden. Auch die Sperrholzfabrik unseres Vaters wurde nach Königsberg verlegt. Luftangriffe auf Ragnit habe ich nicht erlebt, aber Tilsit wurde nach einer mehrmonatiger Pause mit zunehmender Intensität Ziel neuer Luftangriffe, jetzt aber sowjetischer Staffeln. Im Sommer 1944 brannte Tilsit ununterbrochen. Zunächst wurde jede zweite, später jede Nacht das Feuer geschürt. Auch in Lompönen schlugen die ersten Bomben ein. Fast jede Familie baute sich außerhalb ihres Gehöfts einen Unterstand. Das war eine Grube, die mit Baumstämmen und Erde abgedeckt wurde und einen seitlichen Eingang erhielt. Den suchten wir auf, sobald es abends am Himmel zu summen begann. Wie notwendig das war, sieht man daran dass am Bergrand neben unserer Schule auch vier Bomben einschlugen und das war etwa 300m von uns entfernt. Die Bombensplitter durchlöcherten das Dach unserer Schule, wo zu diesem Zeitpunkt (ausländische) Arbeiter der Organisation Todt untergebracht waren. Das war eine Ergänzung zum Arbeitsdienst, wo Zivilisten aller Art im halbmilitärischen Dienst militärische Anlagen bauten. Diese Kräfte wurden dann noch von Jugendlichen ergänzt, die zum „Schanzen“ abkommandiert wurden. Die Organisation Todt baute unseren Szillas zur Festung aus. Am Hang wurde parallel zur Straße ein Panzergraben ausgehoben. Er sollte für Panzer unüberwindbar sein. Darüber, am oberen Teil des Hanges, wurden zwei Schützengräben mit sogenannten Einmannbunkern. ausgehoben. Das war auch im September 1944 fertig. Nur gebraucht wurde es nie, weil der Sturm auf Ostpreußen aus einer südlicheren Richtung erfolgte. Aber die spätere Einplanierung dieses Hanges hat zu seiner wesentlichen Abflachung geführt. Alfred musste in den Sommerferien 1944 auch zum Schanzen. Zusammen mit anderen Schulkameraden mussten sie auf der Kurischen Nehrung Schützengräben ausheben, obwohl diese bereits seit Anfang des 27

zwanzigsten Jahrhunderts Naturschutzgebiet war. Ich habe dieses Stück Heimat erst 50 Jahre später besuchen dürfen. Vorher hatte ich keine Zeit und keine Gelegenheit dazu, denn wir mussten auch bald auf „Wanderschaft“ gehen. Unsere Vertreibung Ich bin heute Mitglied des Bundes der Vertriebenen. Zurecht, denn wir wurden aus unserer Heimat vertrieben, aber nicht von irgendeinem Feind, sondern von den eigenen Leuten. Vielleicht hatten wir den Ernst der Lage nicht begriffen, vielleicht vertrauten wir immer noch den Gerüchten von den Wunderwaffen und ihren Illusionen. Aber ich habe keinen Menschen in unserer Gegend gekannt, der sich mit Fluchtplänen beschäftigte oder gar auf eine Flucht vorbereitete. Dazu war auch gar keine Zeit, denn die Ernte hatte begonnen, und welcher Bauer lässt seine Ernte im Stich? Zwar hatte es in letzter Zeit jeden Abend am Horizont geblitzt, ohne dass das Gewitter näher kam, aber solches Wetterleuchten war im Sommer nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war höchstens, dass das Gewitter von Osten kam, aber das ist zumindest mir damals nicht aufgefallen. So traf es uns doch völlig überraschend und unvorbereitet, als uns am 8. August 1944, früh gegen fünf Uhr der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Uniform aufforderten, die Sachen zu packen und um elf Uhr mit maximal 30kg Handgepäck pro Person an der Straße zu sein. Der Bauer Ernst Hühnert habe den Auftrag, uns auf seinem Pferdewagen mitzunehmen. Wir packten vor allem etwas Wäsche und die Federbetten, aber kaum Lebensmittel ein. Einiges Geschirr sowie Schuhe und Stiefel der älteren Brüder packten wir in eine Kiste und vergruben sie unter einem großen Reisighaufen auf dem Hof. Was wir nicht unmittelbar brauchten, ließen wir stehen oder liegen. So hatte unsere Mutter mehrere Winter über Leinen zu Garn versponnen. Das war so viel, dass sich die Schranktür gar nicht richtig schließen ließ. Mutter wollte es bei Gelegenheit zu Leinentuch verweben. Aber was sollten wir jetzt damit? Alle hofften auf die Ehrlichkeit der hier auftauchenden Leute und auf eine baldige Rückkehr. Schließlich hatte meine Mutter etwas Ähnliches schon im Ersten Weltkrieg erlebt und Willi im Januar 1915 auf der Flucht in Tilsit geboren. Zuletzt kümmerten wir uns um unsere Tiere: Alle angebundenen oder eingesperrten Tiere wurde freigelassen: die Kuh, zwei Schweine, zwei Schafe, je ein Dutzend Hühner und Kaninchen, die Katze und der Hund. Die 28

Stalltür blieb offen, so dass die Tiere zwischen dem Aufenthalt im Freien oder im Stall wählen konnten. Auf der Straße formierte sich ein endloser Zug, so wie wir es vor vier Jahren schon bei den Volksdeutschen beobachtet hatten. Das Gepäck legten wir auf den Wagen. Wir gingen zu Fuß hinterher. Als sich der Zug in Bewegung setzte, stimmte jemand das Lied: „Nun ade du mein lieb‘ Heimatland“ an und es wurde auch wie eine Welle ein Stück weitergetragen. Aber bald blieb es in der Kehle stecken, denn zum Singen war niemandem zu Mute. Unser Streben war, zunächst die Memel über die Brücke von Tilsit zu überqueren. Das schafften wir auch in den Abendstunden. Es ging nur langsam voran, denn jedes Mal, wenn Armee-Einheiten vorbei wollten, mussten wir rechts ran oder gar von der Straße runter. Als die Dämmerung anbrach, hielt unsere Kolonne zur Übernachtung auf der Landstraße. Auf dem angrenzenden Feld war das Getreide abgeerntet und in Hocken aufgestellt. Jeder versuchte dort reinzuschlüpfen und zu übernachten, aber für alle reichten sie nicht, und so schliefen wir im Straßengraben. Ich weiß es nicht mehr genau, ob wir zwei oder drei Tage unterwegs waren, als wir ein „Quartier“ bezogen. Es war eine Art Kohlenkeller. Auf einer Seite waren Briketts fast bis zur Decke aufgeschüttet, an der gegenüberliegenden Wand war ein etwa 80cm breiter Gang freigelassen. Das war unsere Unterkunft. Dort wohnten und lebten wir. Es gab einen großen Hof und eine große Scheune, aber die war von Soldaten belegt. Die Soldaten hatten in ihren Reihen einen Toten zu beklagen, für den sie einen Sarg zimmerten und ein Begräbnis vorbereiteten. Als niemand in der Scheune war, schlichen wir uns hinein und fanden im Heu einen hübschen Jungen in gepflegter Uniform. Er war nur wenige Jahre älter als ich und an einer Lungenentzündung gestorben. Da die Rote Armee in unserem Abschnitt gestoppt und etwas zurückgedrängt wurde, verweilten wir einige Wochen an unserem Standort. Unser Bürgermeister, der gleichzeitig Chef der freiwilligen Ortsfeuerwehr war, fuhr mit dem Feuerwehrauto, das ein normaler kleiner, rot gestrichener LKW war, auf den bei Bedarf eine transportable Motorspritze geladen werden konnte, mehrmals in der Woche nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen. Dazu nahm er einen Fleischer aus unserem Ort mit. Sie fingen unterwegs herrenlose Tiere ein, schlachteten sie und verkauften das Frischfleisch ohne Lebensmittelkarten oder Mengenbegrenzung an uns. Das war natürlich ein gutes Geschäft für die beiden, aber wir hatten genug zu essen. Überhaupt war in diesem Zeitraum alles widersinnig. Während das übrige Deutschland hungerte und Bauern als Volksschädlinge hingerichtet wurden, 29

weil sie Tiere heimlich ohne Genehmigung geschlachtet hatten, verreckten bei uns die Kühe, weil sie nicht gemolken wurden. Schon in den letzten Wochen vor unserer Vertreibung nahmen die Molkereien keine Milch von den Bauern ab und räumten ihre Lager, indem sie den Käse rollenweise verkauften. Es gab im Krieg zwar nur Magerkäse, und der bekannte Tilsiter Käse war hart und trocken. Dafür aßen wir ihn damals manchmal statt Brot, bestrichen ihn mit Butter und Marmelade. Da die Front in unserem Abschnitt nicht nur zum Stehen gebracht, sondern vorrübergehend sogar etwas zurückgedrängt worden war, begaben sich nach etwa zwei Wochen die Ersten zurück auf die Heimreise. Auch unser Jüngster, Herbert, fuhr eines Tages mit dem Feuerwehrauto mit nach Hause. Er ließ uns mitteilen, dass er dort bliebe und wir nachkommen sollten. Als Alfred und ich heimkehrten, hatte Herbert schon eine Kuh und ein Schwein eingefangen und eingestallt. Das Problem bestand jetzt darin, dass wir kein Brot und auch kein Geflügel zum sofortigen Verbrauch hatten. Herbert fand beim Nachbarn eine brütende Henne, schlachtete und briet sie. Nur uns gab er nichts davon ab. Dafür stand auf dem Küchenherd noch unversehrt ein Steintopf mit halbfertigem Rhabarberwein, den wir jetzt reichlich kosteten. Dann gingen wir ins Dorf, um uns über die Lage zu informieren. Heimwärts mussten wir Herbert tragen, weil er zu viel Wein probiert hatte. Mutter und die Mädels kamen mit dem Gepäck etwa eine Woche später zurück. Nachdem der Lehrer Szegunis mit seiner Frau und ihren sechs Kindern zurückgekehrt waren, schlachteten wir „unser“ Schwein und teilten es mit ihnen. Wir pökelten es etwa drei Wochen ein und räucherten es dann wie üblich beim Nachbarn Wiegratz, weil wir selbst keine eigene Räucherkammer besaßen. Ihre Anschaffung lohnte sich kaum, denn sie wurde in der Regel nur einmal im Jahr etwa drei Wochen lang genutzt. So besaßen wir einen haltbaren Vorrat für alle Fälle und diese Situation trat bald ein. Anfang Oktober wiederholte sich die Tragödie unserer Vertreibung. Vieles ähnelte der ersten, war aber insgesamt besser organisiert. Allerdings war es inzwischen Herbst und der Winter stand vor der Tür. Diesmal sollte uns der Bauer Mertineit, der zwei Gespanne besaß, mitnehmen und uns einen halben Wagen zur Verfügung stellen. Da wir zu Mertineits jahrelange nachbarschaftliche Beziehungen hatten – sie unterstützten uns mit Pferden, wir halfen bei der Ernte und Mertineits angenehme Nachbarn waren, gab es wenig Probleme. Mutter kutschierte einen Pferdewagen. Den anderen hatten Mertineits voll Heu geladen und eine Kuh hinten angebunden. 30

Unsere Kuh mussten wir diesmal auf einer Wiese, die als zentraler Sammelpunkt angegeben war, gegen Quittung abliefern. Wer keine Quittung vorweisen könne, würde nach der Rückkehr auch keine Kuh erhalten So schafften Herbert und ich die Kuh zum Sammelplatz, während die anderen Familienmitglieder sich auf der Straße sammelten. Auf der Wiese waren schon etwa 50 Kühe Zwei Männer, die wir nicht kannten, nahmen unsere Kuh in Empfang. Aber das genügte ihnen nicht. Sie forderten uns auf, da zu bleiben und zu helfen, das Vieh fortzutreiben. Wir wagten nicht zu widersprechen und warteten etwas abseits. Als die Männer die nächsten Kühe in Empfang nahmen, verschwanden wir, von Weidenbüschen gedeckt. Die Mutter war inzwischen mit den anderen unterwegs, und wir holten sie erst kurz vor Miekiten ein. Diesmal ging es weiter fort. Nach zwei Tagen wollte und konnte Mertineits Kuh nicht mehr laufen. Nach solchen Strapazen geben die Tiere auch kaum noch Milch. Wir konnten aber nachts auf dem Heuwagen schlafen und tags konnten wir uns auch mal eine Pause auf Mutters Gefährt leisten, während wir zur Entlastung der Pferde die meiste Zeit hinter dem Wagen gingen und uns an ihm festhielten. Die Pferde waren ja auch, wie wir, erschöpft. Etwa auf der halben Strecke zwischen Tilsit und Königsberg, in der Nähe des Städtchens Friedland wurde unser Treck aufgelöst und auf mehrere Dörfer verteilt. Diesmal erhielten wir im einem ziemlich neuen Siedlungshaus, das zu einem Gut gehörte, eine ganze Wohnung. Diese war sogar besser als unsere daheim. Wir wurden auch gut aufgenommen und brauchten uns nicht zu beklagen. Sogar die Tochter des Besitzers, die vielleicht etwas älter als wir war, suchte den Kontakt zu uns Jungens. Zu unseren Nachbarn gehörte eine Frau mit einer etwa zehnjährigen Tochter und einem Hund, der seinen Besitzerinnen ständig unter den Rock kroch. Im anderen Hauseingang wohnte eine „Volksdeutsche“ mit einem etwa vierjährigem Sohn und einer Kuh im Stall. Vielleicht gehörte sie zu einem der Trecks, die vor vier Jahren bei uns durchgezogen waren, aber darüber haben wir nicht gesprochen, denn alle hatten jetzt andere Sorgen. Die Frau war hochschwanger und entband bald mit der Unterstützung unserer Mutter. Die Frau besaß weder Windeln noch Schlüpfer, bevor Mutter ihr welche schenkte. Am nächsten Tag lief die Frau barfuß im Hof umher, um ihre Kuh zu versorgen. Es war Anfang November, und es blies ein kalter Wind. Der Mann der Weißrussin war zum Schanzen weggeholt worden. Während die meisten anderen schon wieder zurück waren, erhielt sie die Nachricht, dass ihr Mann bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sei. Das war zwar nicht 31

wahrscheinlich, aber üblich. Was wird aus diesen Menschen geworden sein? Beim Einmarsch der Roten Armee hatten sie nichts Gutes zu erwarten. Mutter und ich fuhren in diesen Tagen mit dem Zug nach Königsberg, um uns mit Vater zu treffen. Königsberg war inzwischen zur Festung erklärt worden. Das bedeutete unter anderem, dass kein Mann zwischen 16 und 65 Jahren die Stadt verlassen durfte und zum Waffendienst verpflichtet war. Vater war zu diesem Zeitpunkt 58 Jahre alt und wurde zum Volkssturm vereidigt. Der Volkssturm war das letzte Aufgebot des Dritten Reichs im totalen Krieg. Jugendliche, die für die Armee zu jung waren und die Alten wurden ohne Ausbildung, mit oder ohne Uniform und schlecht bewaffnet in einen aussichtslosen Kampf geschickt. Angeführt wurden sie von Leuten, die sich entweder selbst dazu berufen fühlten oder von irgendeinem Naziführer damit beauftragt wurden. Das Treffen mit Vater war nur kurz und fand auf der Straße in der Nähe des bereits halb zerstörten Schlosses statt, da Vater ja lange auf Arbeit war und wir mit dem Zug wieder zurückfahren mussten. Es war das letzte Zusammensein mit unserem Vater und mein erster und einziger Kontakt zu Königsberg. Es muss etwa der 20. November 1944 gewesen sein. als Mutter mit der Information aus dem Dorf kam, dass morgen ein Sonderzug ins Reich, also aus Ostpreußen heraus, fahren würde und sich heute noch melden müsse, wer mitfahren wolle. So hielten wir Familienrat. Wir überlegten: Der Winter stand vor der Tür. Wir waren auf die Gnade oder Ungnade der Nachbarn angewiesen und hatten ja eigentlich nichts mehr zu verlieren. So entschieden wir uns, mitzufahren. Wir waren etwa vier Tage unterwegs, denn unser Zug stand nicht im Fahrplan und es gab eiligere Transporte als uns. Hinzu kam häufiger Fliegeralarm. Auf dieser Fahrt beging ich meinen 15. Geburtstag. Wohin die Reise, ging wussten wir nicht. Das war ja auch egal, denn wir kannten sowieso nichts von Deutschland. Im Gedächtnis blieben mir die Passage der Weichselbrücke bei Thorn und unsere Angst, als der Zug mit rasender Geschwindigkeit bei Göschwitz zu Tal rauschte. Unsere Reise endete in Plauen/Vogtland und wir erhielten ein Quartier in einem Klassenraum der Diesterweg-Schule am Rande der Stadt. Wir schliefen auf Strohlagern und mussten meist über andere drübersteigen, um zu unserem Lager zu gelangen. Hier schlossen wir auch die erste 32

Bekanntschaft mit Kopfläusen. Wir wurden von einheimischen Frauen umsorgt. Aber es gab große Probleme, sich gegenseitig zu verständigen. denn zu unterschiedlich waren unsere Ausdrücke und unsere Sprechweise, obwohl beide Seiten glaubten hochdeutsch zu sprechen. Noch vor Weihnachten wurden wir in ein Privatquartier nach Reichenbach vermittelt. Wir bekamen zwei Zimmer der Wohnung des Wollgroßhändlers Fritz Augustin in der Horst-Wessel-Straße 28 (dann Moritz-LöscherStraße). Herr Augustin war ein ausgedienter Hauptmann der Reserve, stets freundlich und wies uns Kinder in das Leben der Stadt und in Einkaufsmöglichkeiten ein und vermittelte mir den Besuch der Städtischen Handelsschule. Trotzdem fühlten wir uns dort nicht besonders wohl. Die Wohnung war zwar groß, aber nicht in sich geteilt. Wir mussten immer aufpassen, dass wir den beleibten Hausherrn auf dem Korridor nicht umrannten. Er war gewohnt, täglich ein Wannenbad zu nehmen, neue Wäsche anzuziehen und Mittagsschlaf zu halten. Wir mussten darauf Rücksicht nehmen, konnten uns aber nur das Notwendigste leisten. Wir haben Herrn Augustin nie in seiner Mittagsruhe gestört, aber wir waren an ein anderes Leben gewöhnt. Ebenfalls mussten wir erst lernen, mit dem Parkettfußboden und den Teppichen umzugehen. Dafür hatten wir einen anderen Vorteil: Wir hatten noch Schinken und Speck von unserem Schwein, und wenn Frau Augustin ein Stück davon abbekam, war für sie ein Festtag. Dafür sorgte sie dafür, dass der benachbarte Bäcker uns ab und zu ein halbes Brot ohne Lebensmittelkarte abgab. Im Februar 1945 wurden nicht nur Dresden, sondern viele Städte zerstört, die nach dem Jaltaer Abkommen vom Januar 1945 sowjetisches Besatzungsgebiet werden sollten, wie Magdeburg, Halle und Chemnitz. Auch Plauen wurde großflächig zerstört. Aber wir hatten wieder einmal Glück, weil wir bereits in Reichenbach wohnten. Hier wurde ich im Februar 1945 für den Armeedienst gemustert. Ich war 15 Jahre und drei Monate alt. Obwohl die Front schon nahe war, wurde ich für ein Jahr zurückgestellt. Der Offizier, der mich gemustert hat, besaß nur noch einen Arm, deshalb nehme ich an, dass er nicht so optimistisch war, sondern wir Kinder ihm Leid taten. Er begründete es damit, dass ich Eiweiß im Urin hatte und mich in ärztliche Behandlung begeben solle. Das war zu diesem Zeitpunkt zwar eine Illusion, aber auf alle Fälle gut gemeint. Allerdings hatte sich damit das Soldatsein für mich noch nicht erledigt. Eines Tages wurden wir in das Ausflugslokal ‚Schöne Aussicht‘ beordert. Dort wurde uns ein Film „SS im Einsatz“ gezeigt. Dann hielt ein SS-Offizier eine schnittige Rede und forderte uns auf, uns freiwillig zur SS-Division 33

„Hitlerjugend“ zu melden. Das taten dann von den etwa 400 Anwesenden einige Wenige, etwa vier oder fünf. Das war dem Offizier zu wenig. So suchte er sich einen der größten Jungen heraus und forderte ihn persönlich auf, sich zu melden. Der aber sagte, er müsse erst die Mutter um Erlaubnis fragen. Der Offizier entgegnete, dass die Mutter bestimmt nichts dagegen hätte. Er aber meinte, dass er dies nicht wisse und sie erst fragen müsse. Der gesamte Saal verfolgte gespannt diesen Disput. Da wir alle noch Jugendliche waren, kam der Offizier gegen dieses Argument nicht an und musste es akzeptieren. Bei jedem weiteren Versuch erhielt er immer die gleiche Antwort und gab enttäuscht auf. Dadurch wurde der Endsieg vertan. Außerdem musste ich noch eine Woche nach Unterheinsdorf ins Wehrertüchtigungslager. Dort wurden wir unter anderem im Umgang mit der Panzerfaust geschult. Als der Ausbilder uns den Umgang mit Handgranaten und deren Wirkung demonstrieren wollte, besaß er keine mehr. Ansonsten hatte das Lager für uns keine weiteren Folgen. Der Unterricht in der Schule wurde durch ständigen Fliegeralarm unterbrochen und fiel schließlich ganz aus. Etwa zu dieser Zeit räumten die Fabriken der Umgebung ihre Lagerbestände und verkauften sie vorrangig an Flüchtlinge. In Reichenbach und Netzschkau waren neben Textilfabriken auch Wurstfabriken angesiedelt. So gelangten wir in den Besitz von etwa 80 Konservendosen zu je 800 Gramm. Ihr Inhalt bestand aus Fleisch von Ferkel, Kalb, Rind und Schwein sowie Blut-, Leberund Jagdwurst. Wir hätten auch mehr davon bekommen können, aber was sollten wir mit noch mehr und wo sollten wir es lagern. Außerdem war unsere Zahlungsfähigkeit auch begrenzt. Damit Geschäfte zu machen, kam uns nicht in den Sinn. Auch einige primitive Schlafdecken, die wahrscheinlich für die Wehrmacht gedacht waren, konnten wir erwerben. Auf dem nahegelegenen Oberen Bahnhof stand ein verlassener Güterzug. Einige Burschen hatten einen Wagon bestiegen und bemächtigten sich der Stoffballen. Wer einen haben wollte, bekam ihn runtergereicht. Wir ließen uns aber nicht darauf ein. Wir besaßen ja weder eine geeignete Schere noch Zwirn. Aber entscheidend dürfte wohl gewesen sein, dass überall Plakate hingen: „Wer plündert, wird erschossen!“ Und die Armeestreifen verstanden keinen Spaß. Trotzdem erlebte ich, dass im Zentrum von Reichenbach durch Bomben zerstörte Schaufenster und Läden geplündert wurden. Schon einige Monate später waren Stoffe aller Art auf dem Lande gefragte Tauschobjekte gegen Lebensmittel.

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Während wir schon das Schlimmste hinter uns hatten, muss ich noch einmal nach Ostpreußen zurückschauen. Vater schrieb uns Anfang Januar, dass es bitter kalt sei und wir ihm warme Socken und Unterwäsche schicken sollen. Ob er sie erhalten hat, wissen wir nicht, denn am 15. Januar 1945 setzte die Rote Armee zum Sturm auf Deutschland an. Dabei war Ostpreußen die am weitesten nach Osten ragende Bastion. Aber Ostpreußen wurde größtenteils umgangen und der Angriff in Richtung Danzig konzentriert. Dadurch wurde Ostpreußen eingekesselt. Wer noch nach Westen ausbrechen wollte, musste den Wettlauf mit der Roten Armee gewinnen und als erster an der Weichsel sein. Einem Teil der Menschen gelang es, einen Platz auf einem Schiff mit verwundeten Soldaten zu erlangen. Aber immer mehr Schiffe erreichten ihr Ziel nicht, sondern landeten auf dem Meeresgrund. Die Masse der Menschen versuchte auf dem Landweg zu entkommen. Aber die Straßen waren hoffnungslos verstopft. Die Armee hatte dort immer die Vorfahrt. Züge fuhren nicht mehr. So versuchte ein großer Teil mit seinem Gefährt über das noch nicht sehr stabile Eis des Haffs voran zu kommen. Das wurde zu einer Tragödie für viele Tausende oder Hunderttausende. Das Eis war glatt und damit rutschig, auf Grund der starken Belastung brach es und so versanken die Gespanne mit ihrer Ladung in den eisigen Fluten. Hinzu kam, dass die großen glatten Eisflächen keinerlei Schutz vor den eisigen Winden boten und nicht wenige erfroren auf ihrem Gefährt. Und heute wissen wir, dass Stalin in dieser Phase des Krieges die deutsche Bevölkerung für vogelfrei erklärt hatte. So wurden selbst die Trecks der flüchtenden Zivilisten von Tieffliegern angegriffen, was auf dem Eis erst recht ihr Ende bedeutete. Dort, wo die Flüchtenden von der Front überholt wurden, galt das erste Interesse der Soldaten den Pferden, die schnell den Besitzer wechselten. Etwa im März 1945 klingelte bei uns an der Wohnungstür die Frau Frieda Lenkat und bat mit ihrer etwa achtzehnjährigen Tochter um Unterkunft. Das waren unsere Nachbarn aus Lompönen. Sie waren total erschöpft und übermüdet. Da unsere Wirtsleute nichts dagegen hatten, nahmen wir sie für einige Tage auf und rückten soweit auf unseren Betten zusammen, bis wir alle Platz hatten. Nach einigen Tagen der Quartiersuche, zogen sie bei uns aus. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie sie uns gefunden haben. Aber das ist ja auch nicht mehr wichtig. Da es in Reichenbach keine Oberschule gab, besuchte ich auf Vorschlag und durch Vermittlung von Herrn Augustin die Städtisch Höhere Handelsschule. Ich habe dies in meinen Personalangaben meist gar nicht erwähnt, weil das eine unbedeutende Episode war. Es wäre auf die Dauer 35

sicher auch schief gegangen, denn die Klasse hatte schon ein Jahr Französisch gehabt, von dem ich keine Ahnung hatte. In den anderen Fächern wurde das Ausfüllen von Paketkarten und Postanweisungen gelehrt. Aber der Unterricht wurde ab Februar immer häufiger durch Fliegeralarm unterbrochen. Während früher die Flieger die Nacht bevorzugten, tummelten sie sich jetzt Tags am Himmel. Manchmal begann der Fliegeralarm früher als die Schule. Nach dem dritten Alarm wurden wir in der Regel nach Hause geschickt. Schließlich war es so unsinnig und gefährlich geworden, dass wir uns den Weg zur Schule sparten. Eines Tages im April gegen Mittag flog eine amerikanische Bomberstaffel demonstrativ so niedrig über uns hinweg, dass wir deutlich die Hoheitsabzeichen an den Tragflächen erkennen konnten. Aber sie warfen keine Bomben. Der Buschfunk verbreitete dann die Behauptung, dass die bedingungslose Kapitulation die Stadt vor der Vernichtung bewahrt hätte. Das nächste Heulen der Sirenen war anders. Es kündigte den Einzug amerikanischer Truppen in die Stadt an. Nach wenigen Minuten hingen an allen Häusern weiße Fahnen. Am Straßenrand lagen Berge von Pistolen und Gewehren, aber auch Dolche, Fotoapparate u.a.m. unterlagen der Abgabepflicht. Amerikanische Soldaten kontrollierten an solchen Stellen, wo niemand ausweichen konnte, ununterbrochen die Identität der Passanten. Jugendliche suchten Kontakt zu den amerikanischen Soldaten, um ihre Englischkenntnisse zu testen oder Schokolade und Zigaretten zu schnurren. Ansonsten kümmerten sich die Amerikaner wenig. Selbst die Waffen blieben lange liegen. Viele Pistolen holten sich nach Deutschland verschleppte polnische Zwangsarbeiter und machten die Umgebung unsicher. Im Juni packte eine Familie aus dem Rheinland über uns ihre Sachen und zog mit einem vollgepackten Handwagen in Richtung Heimat. Sie hatten eine Tochter etwa in meinem Alter, die mir auffiel, weil sie Lea hieß und ich den Namen zum ersten Mal hörte. Zeitgleich mit ihnen zogen auch die amerikanischen Truppen ab. Am nächsten Tag zogen Einheiten der Sowjetarmee in Reichenbach ein, zum Teil sogar mit ihren bekannten Panjewagen. Damit hatten die Alliierten jetzt ihre Besatzungszonen bezogen in den Grenzen, die sie in Jalta vereinbart hatten. Wir wurden davon völlig überrascht, denn wir hatten kein Radio und deutsche Zeitungen gab es zu dieser Zeit nicht. Aber, auch wenn wir es gewusst hätten, hätte das unser Verhalten nicht verändert. Die für uns wichtigen Informationen erfuhren wir jetzt über Bekanntmachungen an den Litfaßsäulen. Armeestreifen durchsuchten in allen Häusern die Keller nach versteckten Soldaten. Ansonsten waren sie in der Öffentlichkeit kaum zu sehen. 36

Die jetzt neugebildete Stadtverwaltung versuchte das Leben zu normalisieren. Deshalb sollten alle verfügbaren Männer die zur Verteidigung ausgehobenen Gräben und Stellungen einplanieren. Wer sich nicht beteilige, würde keine Lebensmittelkarten kriegen. Ich hatte aber so wenig anzuziehen, dass ich es mir nicht leisten konnte, meine Kleidung für solche Dreckarbeiten anzuziehen, außerdem gab es dafür kein Geld. So sah ich mich nach einer anderen Arbeit um und wurde Spinner in einer Kammgarnfabrik. Bei Augustins machten sich immer mehr Unruhe und Sorge breit. Zuerst tauchte die Tochter mit der Nachricht auf, dass ihre Textilfabrik in Mylau enteignet wurde, weil sie Bekleidung für die Wehrmacht produziert hatten und damit in die Rüstungsindustrie eingestuft wurden. Kurze Zeit später wurde Herr Augustin zu einer Befragung abgeholt, weil er als Hauptmann oder Major Stadtkommandant einer französischen Kleinstadt gewesen war. Von der Befragung kam er nicht zurück. Es wurde halbamtlich gemunkelt, dass er nach Buchenwald gebracht wurde, das Konzentrationslager aufzuräumen. Inzwischen wurde vieles getan, das Leben zu normalisieren. Vor allem sollten die Schulen ab 1. September wieder arbeiten. Alle Kinder bzw. deren Eltern waren aufgerufen, die Schüler an einer Schule registrieren zu lassen. Nun stand auch ich vor der Entscheidung weiter zur Schule zu gehen oder in der Fabrik zu bleiben. Aber diese Entscheidung wurde mir abgenommen. Als ich eines Tages von der Arbeit kam, hieß es, wir müssten das Vogtland verlassen, weil es zum Notstandsgebiet erklärt wurde. Am nächsten Tag um elf führe der Zug. Mehr wussten wir auch diesmal nicht. Ich frage mich heute, ob das bereits eine Aktion war, um Platz für die künftigen Kumpel des Uranbergbaus zu machen. Aber ich neige zu der Ansicht, dass damals die zu erwartende Dimension noch nicht erkennbar war. Ich kam jedenfalls nicht einmal dazu, mich bei meiner Arbeitsstelle abzumelden und meinen Lohn für fast vier Wochen abzuholen. Mit unserer abermaligen Vertreibung aus Reichenbach betrachte ich den Prozess der Vertreibung als abgeschlossen. Zwischenbilanz

Ich war ein Zeitzeuge des Zweiten Weltkrieges, wenn auch nur als Randfigur. Er war nicht nur das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts, sondern von seiner Ausdehnung, den beteiligten Staaten und Völkern, den Zerstörungen und Verwüstungen, den Rüstungsausgaben, aber insbesondere durch das Millionenheer an Toten, körperlich und geistig Verkrüppelten, durch die 37

Masse der Witwen, Waisen und Heimatlosen die größte Katastrophe, die die Menschheit bis dahin produziert und durchgemacht hat. Der Vollständigkeit halber muss ich jedoch darauf verweisen, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges weltweit ständig Kriege unterschiedlichen Charakters geführt werden, deren Opferzahlen die des Weltkrieges schon wesentlich übersteigen. Die Rüstungsindustrie läuft auf vollen Touren, bringt immer neue Waffensysteme hervor und gefährdet durch Waffenexport den Frieden und die Stabilität in vielen Regionen der Welt. Am intensivsten vorbereitet und dann ausgelöst wurde der Zweite Weltkrieg durch die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan, unterstützt von den ebenfalls faschistischen Regimes Ungarns, Bulgariens, Rumäniens, Spaniens, Portugals und anderer. Das erklärte Ziel ihres Krieges war die Ausrottung des Kommunismus und dessen Bollwerk, die Sowjetunion. Deshalb wurden viele Schritte der Kriegsvorbereitung Deutschlands, wie die Annexion Österreichs, Böhmen und Mährens von Frankreich und England akzeptiert bzw. unterstützt. Erst als Deutschland sich nicht an die Spielregeln hielt und nach West- und Nordeuropa einmarschierte, formierte sich eine Anti-Hitler-Koalition unter Einbeziehung der Sowjetunion. Die Sowjetunion trug die Hauptlast des Krieges und leistete den Hauptbeitrag zur Befreiung vom Faschismus, Deutschland kapitulierte am 9. Mai 1945 1.01 Uhr Moskauer Zeit. Der Zweite Weltkrieg begann am 1.September 1939 mit dem Überfall Deutschlands auf Polen und endete mit der bedingungslosen Kapitulation Japans (10.8.45) bzw. mit der Annahme der alliierten Bedingungen durch Japan (14.8.1945) bzw. mit der Unterzeichnung der Übergabeakte in Tokio am 2.September 1945. Das letzte Datum bedeutet eine Dauer des Krieges von 5 Jahren und einem Tag. Von den damals existierenden 67 Staaten waren 61 Staaten mit 1,7 Mrd. Einwohnern (80% der Weltbevölkerung) direkt am Krieg beteiligt. 100 Mio. Soldaten waren einberufen. 55 Mio. Tote wurden offiziell ausgewiesen. Wahrscheinlich waren es mehr, da die Sowjetunion aus heutiger Erkenntnis ihre Opferzahlen geschönt hat. Deutschland verlor an der Ostfront 13 Mio. Soldaten (Tote, Verwundete, Vermisste). Die deutsche Armee umfasste: im Sommer 1939 (vor Kriegsbeginn) 1,7 Mio. Soldaten. im September 1939 4,8 Mio. im Sommer 1940 5,7 Mio. im Sommer 1941 (nach dem Überfall auf SU) 7,3 Mio. 38

davon 5,2 Heer, 1,7 Luftwaffe, 0,42 Marine, 0,14 Waffen-SS im April 1942 8,762 Mio. Soldaten nach Verkündung des Totalen Krieges (Ende 42) 10,5 Mio. Soldaten von 60 Mio. Einwohner 1943/44 waren 32 verschiedene Jahrgänge einberufen (18jährige bis 50jährige). Die Zeitungen benötigten täglich Beilagen von sechs und mehr Seiten, um die Todesanzeigen zu veröffentlichen. Durch Luftangriffe kamen 300.000 Engländer, 600.000 Deutsche ums Leben. 700.000 deutsche Zivilisten (fast alles Frauen und Kinder) wurden bei Luftangriffen verletzt. Auf beiden Seiten waren 770.000 Flugzeuge und 330.000 Panzer direkt an Kampfhandlungen beteiligt. Die direkten Kriegskosten aller Beteiligten betrugen 1,154 Bill. Dollar => 80% des Nationaleinkommens der beteiligten Staaten. Die materiellen Kriegsschäden wurden auf 230 Mrd. Dollar geschätzt. Meine persönlichen und familiären Erfahrungen besagen, dass es kein größeres Verbrechen an der Menschheit gibt, als die Vorbereitung (ideologisch, psychologisch und materiell) von Kriegen und deren Anzettelung. Heute werden mehr Waffen produziert als während des Weltkrieges. Deutschland ist der größte Exporteur von Kriegsmaterial in der Welt, darunter verbotene Splitterwaffen zur Vernichtung von Menschen in großem Stil. Die USA nutzen die lokalen Konflikte und schüren neue, um neue Waffensysteme praxisnah zu erproben und sich in den Besitz wichtiger Bodenschätze zu bringen. Willkürlich werden Staaten, die den USA nicht hörig sind, zu Schurkenstaaten erklärt und mit Krieg bedroht. Deutschland reißt sich danach, an möglichst vielen Konflikten beteiligt zu sein und eigene Systeme zu testen. Was suchen deutsche Soldaten in Serbien, Kroatien, Kosovo, Afghanistan, Sudan, an der Küste Somalias, im Kongo und wer weiß, wo noch? Der einzige historische Lichtblick war die Weigerung der Schröder-Regierung, Deutschland direkt am Krieg der USA um die Erdölvorkommen im Irak zu beteiligen. Aber das brachte ihr viel Ärger mit den USA und der CDU ein, und heute sind auch deutsche Besatzer im Nordirak. Und den Bau des neuen Eurofighter, den Deutschland nicht braucht, bezahlt das deutsche Volk mit Sozialabbau und höherer Mehrwertsteuer. Ich war durch viele glückliche Umstände nicht einen Tag Soldat. Es erfüllt mich mit besonderer Genugtuung, dass meine Enkel sich bewusst dafür entscheiden, lieber Alte und Kranke zu pflegen, statt Soldat zu sein. 39

Meine berufliche Entwicklung Meine Brüder nannten mich im Grundschulalter Lempert. Ich wusste zwar nicht warum und was das bedeutete, empfand das aber als eine Beschimpfung. Inzwischen weiß ich, dass sie damit den Lehrer Lempel aus Wilhelm Buschs Bildergeschichten meinten. Aber Lehrer zu werden, das war nicht meine Absicht und wäre eine Illusion gewesen. Gerne wäre ich Gärtner geworden. Denn ich liebte die Gartenarbeit. Aber bis heute kenne ich keine Gärtnerei in meiner damaligen Umgegend. Sie wurden ja kaum gebraucht, denn nicht nur die Bauern, sondern fast alle Dorfbewohner versorgten sich mit Blumen, Gemüse und Obst selbst oder mit den Überschüssen der Nachbarn, Vater baute sich nicht nur den Tabak für seine Pfeife selbst an, sondern züchtete auch die benötigten Obstbäume selbst und veredelte sie. Da die Bauern ihre Überschüsse auf den Wochenmärkten anboten, war auch in den Kleinstädten wenig Existenzraum für eine Gärtnerei. Dass unser Stephan Gärtner lernte, entsprach nicht nur seinen Wünschen, sondern auch meinen Vorstellungen. Meine Geschwister meinten, aus mir würde auch ein guter Pfarrer werden. Zwar hatte ich damals wenig Vorstellung von den Voraussetzungen für diesen Beruf, aber dass ich dazu zu unmusikalisch war, wusste ich schon damals. Übrigens habe ich immer Minderwertigkeitsgefühle dadurch gehabt, und jeden beneidet, der gut singen konnte oder sich traute, es trotzdem zu tun. Man möchte meinen, dass sich mit dem Besuch der Oberschule neue Perspektiven öffneten, aber zunächst war das Gegenteil der Fall. Bereits aus Alfreds ein Jahr höheren Klasse fischte sich die Armee die Ältesten heraus und einige von ihnen sind auch gefallen. Darin sah ich zwar keine gute Perspektive, aber etwas anderes bot sich uns nicht. Mit der Kapitulation Reichenbachs und schließlich ganz Deutschlands war diese Gefahr gebannt. Der Knecht Unsere Ausweisung führte uns aus dem Vogtland nach Mittelsömmern, einem Bauerndorf im Kreis Langensalza, etwa 50km von Erfurt entfernt. Das ist ein sehr fruchtbarer Landstrich mit schwerem Lehmboden. Wir erhielten Unterkunft bei einem sehr alten Bauernpaar, das uns nicht besonders gern aufnahm, aber akzeptierte. Aber eine dauerhafte Lösung war das noch nicht.

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Einer der größten Bauern des Dorfes, Willi Lorenz sprach zuerst Alfred an, ob er bei ihm arbeiten wolle. Lorenz war ein Junggeselle und lebte mit seiner 66 jährigen Mutter zusammen und bewirtschaftete ca. 130 Morgen Land. Ein großer Teil der Ländereien gehörte dort der Gemeinde oder der Kirche und wurde an die Bauern verpachtet. Nach einigen Tagen erhielt Alfred den Auftrag, mich zur Arbeit mitzubringen. Es gab genug Arbeit, hektarweise wurden nicht nur Getreide und Kartoffeln, sondern auch Raps, Mohn, Möhren, Zuckerrüben u. a. angebaut. Im Stall standen 4 Pferde, 12 Kühe, einige Kälber, 2 Zuchtbullen, 10-15 Schweine und einige Hühner. Neben einem Traktor vom Typ Lanz Bulldog standen uns ein Mähbinder, eine Kartoffelschleuder, ein Zuckerrübenpflug eine Sämaschine aber auch eine Kreissage, eine Schrotmühle und eine Ölmühle zu Verfügung und zeugten von einem gewissen Wohlstand. Einiges davon erleichterte nicht nur die Arbeit, sondern schuf auch zusätzliche Arbeit für uns. Nach kurzer Zeit verabschiedetet sich Alfred vom Bauern Lorenz. Ein Stellmacher aus Ostpreußen, der auch in Mittelsömmern wohnte hatte ihm eine Lehrstelle angeboten. Alfred nahm diese an, hat aber nie ein Stück Hartholz bearbeitet, sondern nur dem Meister Katin beim Schnapsbrennen helfen müssen. Später befand sich der „Meister“ ständig im Delirium und starb an Kehlkopfkrebs. Dazu möchte ich nur erwähnen, dass der gebrannte Schnaps anfänglich einen Alkoholanteil von 95 Prozent und mehr enthält. Alfred bewarb sich um diese Zeit als Neulehrer, die dringend gesucht wurden Er wurde aber nicht angenommen, weil wir kein antifaschistisches Elternhaus hatten. Etwas später (1946 oder 47) bewarb er sich bei der Kasernierten Volkspolizei, er musste dazu zur Aussprache nach Sondershausen und kam nicht wieder, weil er die in der Nähe liegende Zonengrenze passiert hatte. Er arbeitet anschließend bei einem Bauern in Westfalen und dann als Bergmann in einem Steinkohlepott und später als Steiger im Ruhrgebiet. Ein Unfall, bei dem seine Wirbelsäule angebrochen wurde, eine Staublunge von 30% und vor allem starkes Rheuma, machten ihn mit 44 Jahren zum Invaliden. In den Fragebögen habe ich den 1. September 1945 als Beginn meiner Arbeit angegeben, auf den Tag genau, weiß ich es aber nicht mehr. Als ich dort begann bei der Ernte zu helfen, war noch nicht abzusehen, ob dies eine vorübergehende oder dauernde Beschäftigung sein werde. Ich war mit meinen knapp 16 Jahren noch recht schmächtig und der Bauer 41

beschäftigte bereits zwei aus der Gefangenschaft entlassene Soldaten, die aus Schlesien stammten. Ich erhielt einen Lohn von 15RM im Monat und freie Kost. Geschlafen habe ich bei meiner Mutter und den Geschwistern, da ich sonst nie ins Bett gekommen wäre. Es gab keinen Arbeitstag oder ähnliche Regelungen. Der Bauer Lorenz war knapp vierzig Jahre alt und lief recht liederlich umher Er hatte ein nach einem Bruch schief zusammengewachsenes Bein und war deshalb für den Kriegsdienst untauglich. Ihm gehörte zwar die Wirtschaft, aber das Kommando führte sein tüchtige 66 jährige Mutter. Der Bauer selbst war nicht besonders fleißig und umsichtig uns so stand die Wirtschaft stets unter Zeitdruck- im Frühjahr bei den Bestellarbeiten, im Sommer und Herbst bei der Ernte und bei der Wintersaat und -furche. Außerdem fielen noch eine Menge Lohnarbeiten für die Nachbarn an, die dem Bauer n zusätzliches Geld einbrachten, wie das Sägen von Feuerholz mit der Kreissäge, dem Mahlen des Futtergetreides mit der Schrotmühle und dem illegalen Auspressen von Mohn und Raps zu Speiseöl. Letztere Arbeit oblag meistens mir. Die beiden schlesischen Heimkehrer Karl und Josef, die bis jetztmeine Arbeitskollegen waren, wurden immer unruhiger. Sie wussten nicht, wo ihre Familien geblieben waren und welches Schicksal sie ereilt hatte. Deshalb verabschiedeten sie sich im Sommer 1946, um ihre Familien zu suchen. Dafür tauchte Franz al neuer Kollege auf. Er war etwa zehn Jahre älter als ich, geistig etwas zurückgeblieben und hatte im Oberkiefer keine Schneidezähne mehr. Aber er hatte enorme körperliche Kräfte und konnte arbeiten wie ein Wilder. Ihm waren die Mistforken für die Stallarbeiten zu klein und so führte er die doppelt so breiten Rübenforken als tägliches Arbeitswerkzeug für die Stallarbeit ei, schob damit den Mist von sechs Kühen auf eine Gabel und warf den Mist in hohem Bogen zur Tür hinaus. Damit hatte die auf einer Schiene laufende Mistkarre ausgedient. Trotzdem wuchs uns die Arbeit über den Kopf. Die war im Groben so aufgeteilt: Mutter Lorenz bereitete das Essen für uns und fütterte die Schweine. Eine Zeit lang melkte sie auch die Kühe, überließ dies aber dann einer Frau aus dem Dorf. Mein Arbeitstag sah in etwa so aus: Mittags fragte mich der Chef, wie das Wetter wird. Die Sonne strahle am blauen Himmel und es gäbe kein Anzeichen für Veränderung. Er aber behauptete, dass es aus irgendeinem Grund bald regnen werde. Mal dienten Beschwerden in seinem Bein als sicheres Anzeichen, mal gab es eine andere Begründung. Aber die Schlussfolgerungen waren immer die gleichen: 42

Wir werden den heutigen Tag nutzen, solange es geht. So wurde es im Sommer oft nach 20Uhr bis wir das Feld verließen, natürlich nahmen wir noch eine Fuhre Kartoffeln, hu, Getreide oder was nach Jahreszeit anfiel mit nach Hause. Auf dem Heimweg freute sich der Chef, dass das Wetter so ausgehalten habe, wenn wir Glück hätten, regnete es morgen früh noch nicht. Do sollten wir die Chance nutzen und nicht zu spät aufbrechen. Nachdem die Pferde und Kühe gefüttert und das Abendbrot gegessen war, wurde noch schnell die Fuhre abgeladen. Zum Schluss erhielten die Pferde noch das zweite Futter. Wenn ich mich zum Nachhause gehen abmeldete, war es nicht selten schon halb Elf. Dann wurde ausgehandelt, wann es morgen weitergehen sollte. Der Bauer war dafür, möglichst zeitig zu beginnen, denn wenn wir Glück hätten, regnet es morgen noch nicht und wir sollten da schöne Wetter nutzen. Halb Fünf stellte bereits einen Kompromiss beider Vorstellungen dar. Zweierlei habe ich vermieden: erstens dort zu schlafen, denn dann wäre ich überhaupt nicht ins Bett gekommen und zweitens melken zu lernen. Für den Eigenbedarf habe ich bereits als Kind unsere Kuh gemolken, aber jetzt hätte dies eine enorme zusätzliche Arbeit bedeutet. Am nächsten Morgen klopfte ich dann um halb fünf am verschlossenen Hoftor. Die alte Frau Lorenz schaute dann aus dem Schlafkammerfenster und öffnete kurz darauf das Tor. Zu den übliche Stallarbeiten mussten früh die Pferde gestriegelt und gebürstet und der Bulldog mit Diesel und Wasser befüllt werden. Wenn es feststand, dass wir ihn benötigen, hab ich ihn auch manchmal mit einer Lötlampe vorgeheizt und mit der Kurbel in Gang gesetzt. Wenn der Traktor die ersten Puffer von sich gab, schaute der Chef im Schlafanzug zur Schlafkammer raus und erkundigte sich, ob ich schon gefrühstückt hätte. War dies nicht der Fall, so mahnte er zur Eile, da das Wetter umschlagen könne. Das Mittageseen nahmen wir nur selten auf dem Feld ein. Waren wir daheim, so musste der Chef entweder zum Bürgermeister oder er hielt einen Mittagsschlaf bis der Mutter die Geduld verging. Dafür hielt er es abends wieder lange auf dem Feld aus. Sicher gab es beim Bürgermeister manches wichtige Problem zu lösen, aber der Bürgermeister hatte auch eine sehr attraktive Sekretärin, die noch zu haben war. Aber daraus wurde nichts. Die meisten Sorgen bereitete den Bauern die Ablieferungspflicht für Fleisch, Milch, Kartoffeln, Getreide und Ölsaaten. Die abzuliefernde Menge richtete sich nach der Größe der Wirtschaft. Musste ein Bauer mit 4ha Land nehmen wir an 10dz (Doppelzentner) Getreide pro Hektar abliefern, so waren es bei 43

einem Bauern mit 40ha z.B. 18dz. Damit sollte nicht nur die Ernährungslage der Bevölkerung gesichert, sondern nach sowjetischem Vorbild das Großbauerntum eingeschränkt werden. Eines Tages wurden alle Bauern, die ihr Ablieferungssoll nicht erfüllt hatten zum Bürgermeister bestellt. Dort erwartete sie ein sowjetischer Offizier. Er stellte ihnen ein Ultimatum, bis zum Abend den Verpflichtungen nachzukommen, sonst würden sie verhaftet. Am Abend hatten alle Bauern bis auf einen, ihr Ablieferungssoll erfüllt. Manche holten versteckte Vorräte hervor, andere borgten sich das Fehlende beim Nachbarn. Der eine, der es nicht geschafft hatte, war mein Willy Lorenz. Er fuhr mit den Soldaten mit, besser gesagt, er wurde mitgenommen. Nach zwei Tagen meldete er sich telefonisch aus einem Getreidelager in der Kreisstadt Langensalza und bat um neue Wäsche, die ich ihm dann auch hinschaffte. Er musste dort solange Getreide verladen, bis auch sein Ablieferungssoll erfüllt war. Wie das zustande kann, weiß ich nicht mehr, war aber auch nicht mein Problem. Mein Hauptproblem war nach wie vor meine Bekleidung. Es gab ja keinerlei Nachschub und das vorhandene hielt nicht ewig. Vor allem hatte ich keine Schuhe. Wer den schweren Lehmboden in Thüringen und die im Herbst und im Frühjahr knietief aufgeweichten Feldwege kennt, kann sich vorstellen, wie das an den Schuhen zerrte. Zwar kam regelmäßig ein Kriegsinvalide mit einem F9 vorgefahren und bot Stoffe und auch Schuhe zum Tausch gegen Mehl oder Mohn an, aber für mich gab es angeblich keine passenden. Ich musste zwar das Getreide oder den Mohn abwiegen und vom Boden holen, aber ich sollte beim nächsten Mal dran sein. So blieb es dabei, solange ich dort war. Zuletzt fuhr ich mit einem Schuh und einem Stiefel, die ich mir unter der Bodentreppe zusammengesucht hatte, aufs Feld. Mein Bekleidungsproblem wurde noch durch ein anderes Ereignis verschärft. Wir waren bei der Getreideernte. Bauer Lorenz fuhr den Traktor, an dem der Mähbinder hing. Der Mähbinder wird durch eine Kardanwelle vom Traktor angetrieben und von einer Person, die, die auf dem Mähbinder sitzt per Hand bedient. Ich hatte die Garben zum Trocknen in Hocken aufgestellt und war damit fertig. So stellte ich mich hinten auf den Traktor, um zum anderen Ende des Feldes mitzufahren. Der Chef bat mich, nachzusehen, ob im Mähbinder noch genügend Bindegarn sei. Ich stieg vom Traktor auf die Zuggabel des Mähbinders und bückte mich zum Garnbehälter. In diesem Augenblick erwischte die Kardanwelle meine Hose und wickelte sie auf, Ich stand splitternackt zwischen Traktor und Mähbinder. Ich hatte in zweierlei Hinsicht Glück gehabt: erstens hatte ich die Hose nur mit einem Strick, der sofort nachgab, um den Leib gebunden, zweitens hätte es mich auch etwas höher erwischen können. Zwar hatte die 44

kantige, ölige Kardanwelle etwas Haut am Schienbein abgerubbelt, aber das war erträglich. Ich setzte mich auf den Traktor und deckte mich mit dem Pullover des Chefs zu und fuhr nach Hause. In diesem Zusammenhang erinnerte Mutter Lorenz ihren Sohn daran, dass er mich noch nicht bei der Krankenkasse gemeldet hatte, d.h. ich war noch gar nicht krankenversichert. Aber auch daran hat sich später nichts geändert. Da ich aber ein Arbeitsbuch hatte, in dem diese Tätigkeit eingetragen war, wurden mir diese Jahre bei der Rentenberechnung trotzdem angerechnet. Es muss im Herbst 1946 gewesen sein, als ein kräftiger Sturm im Thüringer Wald großflächig Windbruchschäden anrichtete. Um die Ausbreitung des Borkenkäfers zu verhindern, musste das Holz schnellstens abgefahren und verarbeitet werden. So wurde Bauer Lorenz verpflichtet, mit seinem Traktor und Anhänger in den Thüringer Wald zum Holzrücken zu fahren. Wir waren es gewohnt, dass manchmal morgens ein Kälbchen oder eine Ziege fehlte und der Fleischer nachts zu tun hatte. Diesmal fehlte ein Schwein. Es fand sich in zwei Hälften geteilt auf dem Hänger wieder, den ich als Mitfahrer bergab mit der Handkurbel bremsen musste. So lernte ich erstmals den Thüringer Wald kennen. Der Chef zeigte mir die Hohe Sonne und den Rennsteig, auf dem tatsächlich einige Leute wanderten. In Bad Salzungen übernachteten wir bei einer älteren Frau, die dankbar die erste Hälfte des Schweins entgegennahm. Die Zusammenhänge kannte ich nicht. Gefragt wurde bei solchen Geschäften erst recht nicht. Unser Ziel war Wasungen. Dort meldete sich der Chef bei der Einsatzleitung. Nach kurzer Zeit kam er zurück, erklärte, dass niemand Bescheid wisse und wir wieder nach Hause fahren. Ich glaube in Schmalkalden tauschten wir die 2. Hälfte des Schweins gegen den Hänger voll Bretter ein und fuhren in Richtung Gotha. Unterwegs setzte Schneefall ein und die Straßen wurden glatt. Ich hatte als Bremser wenig zu tun, denn der Traktor kam bergauf stärker ins Rutschen als bergab. Ein sowjetischer Offizier, der sich unterwegs auf den Traktor gestellt hatte um mitzufahren, überließ und an einem Berg unserem Schicksal. Aber irgendwie kamen wir doch nach Hause. Damals war alles schwierig: die Reifen alt, der Treibstoff knapp, Ersatzteile gab es keine. Dadurch war aber auch wenig Verkehr auf den Straßen und Autobahnen. Eines Tages tauchte bei Lorenz eine Frau mit einem dreijährigen Mädel auf, die bald unserer Chefin wurde. es war auf alle Fälle eine Entlastung für die alte Mutter, die ja bei den meisten Feldarbeiten immer noch dabei war und wir brauchten jede helfende Hand. So wunderte es uns auch nicht, als ihr aus der Gefangenschaft heimkehrender Bruderunser Arbeitspotential 45

verstärkte. Er war ein Landsmann von mir, betrachtete sich als Mann vom Fach und warf einige aus der Erfahrung im Umgang mit den Pferden eingeführte Vorsichtsmaßnahmen über den Haufen. So befand sich unter den Pferden eine Stute, die sich nicht gerne anspannen ließ und jeden, der mit dem Pferdegeschirr klapperte, mit weitem Ausschlagen nach hinten empfing. Ich kriegte auch einmal einen leichten Schlag am Knie ab. Eine andere Stute schlug aus und biss. Als sie mich mal am Oberarm packte, dachte ich der Arm wäre in einem Schraubstock eingeklemmt. Eines der Pferde war kitzlig und schlug aus, wenn es von der Leine an bestimmten Stellen berührt wurde. Aber diese Tiere musste ich jeden Tag füttern, putzen und mit ihnen arbeiten. Eines Tages bekam eine dieser Stuten ein Fohlen. Damit dem Fohlen nichts passierte, übernachtete ich im Stall, legte mich auf 2 Strohballen und nahm das Fohlen in den Arm, während die Mutter frei im Stall herumlief. Wir vertrugen uns prächtig, aber das Fohlen starb trotzdem nach ein paar Tagen an Fohlenlähmung, weil es nicht geimpft war. Wenn man die Eigenheiten der Tiere kannte und berücksichtigte, kam man mit ihnen zurecht. So wurden sie, wenn sie die Drillmaschine oder den Kartoffelroder zogen nicht mit der Leine, sondern direkt am Zaum geführt. Mit diesem Auftrag fuhren der Schwager des Chefs und ich aufs Feld. Wir spannten die Pferde an den Kartoffelroder und begannen weisungsgemäß mit der Arbeit. Bei der zweiten Fuhre wollte es Herr Weber alleine probieren und den Pferden Zucht und Ordnung beibringen. Es ging auch gut. Aber als der Kartoffelroder wieder abgestellt wurde und die Pferde die Erleichterung spürten, rissen sie mit der Maschine und dem Kutscher querfeldein aus. Der Kutscher hing an der Leine, kam bald zu Fall, wurde solange am Boden mitgeschleppt, bis er die Leine losließ. Es gehörte einiger Mut dazu, das Gespann wieder einzufangen, aber dann wurde auf traditionelle Weise weitergearbeitet. Das Sprichwort „Man soll die Feste feiern, wie sie fallen.“ Galt für mich nicht. Ich arbeitete das ganze Jahr fast ständig sieben Tage in der Woche für zunächst 15 Rentenmark im Monat. Später erhielt ich 40RM und für jeden gearbeiteten Sonntag 5RM extra. Nach 2½ Jahren hatte ich sogar 400RM gespart. Ich hatte ja nie Gelegenheit Geld auszugeben. Zwar war im Nachbarhaus eine Gastwirtschaft, aber da war ich nie drin. In der Gemeindeschänke war am Wochenende öfter Tanz, aber wenn die Dorfjugend dorthin strömte, kam ich meistens erst vom Feld und das bedeutete noch mindestens zwei Stunden Stallarbeit. Darunter litt allerdings das Image meines Chefs im Dorf. 46

Das größte Ereignis am Jahr aber war Kirmes. Es wurde drei Tage gefeiert. Da wagte es kein Bauer auf dem Feld zu arbeiten. Da wurden die Arbeiten nachgeholt, die sonst nur bei Regenwetter oder in den späten Abendstunden fällig waren, wie z.B. Öl aus Raps, Mohn oder Leinsamen zu pressen. Das war zwar verboten, aber der Bürgermeister und der Dorfpolizist brauchten schließlich auch Öl. Diesmal erhielt ich am Kirmesmontag den Auftrag mit dem Fahrrad nach Bad Tennstedt zu fahren, ein Paket abzuschicken und beim Sattler defektes Zaumzeug zur Reparatur abzugeben. Das Read stellte ich vor der Post auf dem Fußweg ab, band es mit einem Lederriemen an den Gartenzaun und schaffte das Paket in die Post. Aber vor mir warteten bereits vier Mann. Als ich endlich rauskam, war das Fahrrad mit dem Zaumzeug weg. Ich rief den Chef an, wie ich mich verhalten solle, denn nach den Krieg mussten alle Fahrräder bei der Polizei registriert werden, was natürlich nicht geschehen war. So verzichteten wir auf eine Anzeige bei der Polizei und ich trat zu Fuß den Rückweg an. In den letzten Novembertagen 1947, ich war gerade 18 Jahre alt geworden, kam Unruhe im Dorf auf. Es hieß, dass mindestens vierzehn junge Männer zum Arbeitsamt bestellt worden seien, die zur „Wismut“ dienstverpflichtet werden sollten. Nach ein, zwei Tagen hatte sich herumgesprochen, wen es alles betroffen hatte. Aber bald schieden immer mehr aus dem Anwärterkreis aus, weil der Vater krank sei und sie ihn nicht alleine lassen konnten. Es waren Bauernsöhne, die mit einem Stück Speck oder Thüringer Rotwurst ihre Unabkömmlichkeit auf dem Arbeitsamt bewiesen hatten. An dem betreffenden Tag waren wir noch 6 oder 7 Kandidaten. Ich hatte keine vorgefasste Meinung, wollte mir das Angebot anhören und dann entscheiden. Ich konnte es mir aber auch nicht vorstellen, dass es im „Sächsischen Erzbergbau“, so die damalige Tarnbezeichnung für dein Uranbergbau schwerer oder schlechter sein könne, als zurzeit. Auf dem Arbeitsamt suchte ein Mitbewerber, ein Eingeborener aus Mittelsömmern meine Nähe. Er war etwa 50 Jahre, schielte sehr stark und war der Sohn des hiesigen Mühlenbesitzers. Aber er hatte Probleme mit seinem Vater. Der Buschfunk berichtete, dass der Vater ihn enterbt habe, weil er eine mittellose Umsiedlerin aus dem Sudetenland ohne Einwilligung des Vaters geheiratet habe. Er schlug mir vor, dass wir beide uns freiwillig melden sollten, denn dann wäre es etwas ganz anderes, wenn wir uns für ein halbes Jahr freiwillig meldeten, als wenn wir zwangsverpflichtet würden. Das leuchtet mir ein. Am 15. Dezember 1947 hatte ich mich auf dem Arbeitsamt in Aue zu melden. 47

Bis dahin waren noch zwei Wochen Zeit und das Wetter erlaubte es, dass ich zielstrebig die Herbstarbeiten zu Ende führte. Am 14. Dezember war es geschafft! Die letzte Furche war auf Lorenz Acker gezogen und am 15. Dezember meldete ich mich in Aue auf dem Arbeitsamt. Mein Leben als Bergmann Neben unserer Schule in Lompönen wohnte ein Mann, von dem es hieß, dass er als Kriegsgefangener des Ersten Weltkrieges in einem Kohlenbergwerk gearbeitet habe. Wir empfanden es als Kinder als ungeheuer geheimnisvoll und wollten gerne etwas Näheres darüber erfahren. Er aber wusste nicht mehr darüber zu berichten, als das es dort unten dunkel ist. So musste ich meine bergmännischen Erfahrungen selbst sammeln... Im Auer Arbeitsamt herrschte Hochbetrieb. Wir wurden registriert, erhielten ein Arbeitsbuch, in das zwar wenige, aber wichtige Einträge gemacht wurden, z.B. der Nachweis meiner Arbeit bei Bauer Lorenz und der Eintrag, dass ich Deutscher bin. Beide Einträge erlangten nach der Wende 1990 große Bedeutung. Auf dem Arbeitsamt empfing uns als Vertreter der „sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) Wismut“, der Übertage-Steiger Alfred Vogel. Wir wanderten gemeinsam über die Peuschelgüter nach SchneebergNeustädtel. Dort war der Sitz der Objektverwaltung 14. Niemand interessierte sich dafür, ob wir freiwillig kamen oder nicht. Ich musste meinen Ausweis abgeben, bekam dafür einen Betriebsausweis, der uns das Betreten und den Aufenthalt im Sperrgebiet erlaubte. Und wurde unter der Nummer 2261 registriert. Dann holte uns der Übertage-Steiger ab, führte uns zum Schacht 25 und erkundigte sich, ob jemand krank sei und zum Arzt wolle. Mit 18 Jahren will man die Welt einreißen und fühlt sich nicht krank. So waren wir bergbautauglich und endgültig eingestellt. Jeder erhielt ein Paar hohe Schnürschuhe, Arbeitskleidung, eine Schlafdecke, eine Lebensmittelkarte für Schwerarbeiter, eine Zusatzkarte und einen Talon für ein warmes Mittagessen in der Betriebsküche sowie 30RM in bar. Wir waren etwa 40 Männer. Eine Unterkunft wurde mir im etwa 20km entfernten Schwarzenberg zugewiesen. Sie lag am Bahnhof, so konnte ich relativ günstig nach Schneeberg zur Arbeit fahren, das damals noch einen Bahnanschluss besaß. Am ersten Arbeitstag fanden sich nur noch 14 Kumpel zur Arbeit ein. Jemand rechnete mir vor, dass man die Lederschuhe für etwa 459RM, die Decke für 60RM, die Lebensmittelkarten für 200RM usw. auf dem Schwarzmarkt 48

verkaufen und dann aus der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) abhauen könne. Ich sah keine Notwendigkeit für dergleichen und diese Moral widerstrebte mir auch. Als wir in Aue ankamen, schneite es. Ich wurde heiser und behielt diesen Zustand bis heute. Der Schacht 25 mitten in Schneeberg bei der Puppenfabrik gelegen war das Wirtschafts- und Verwaltungszentrum für einen am Krankenhausberg gelegenen neuen Schacht. Dieser Schacht 50 wurde noch geteuft und besaß keine eigenen Werkstätten und so mussten wir Bohrgestänge und anderes Werkzeug zwischen beiden Schächten hin und herschleppen. Durch das ungewohnte Bergesteigen kriegte ich Muskelkater in den Beinen. Aber in den Wintermonaten mussten wir überwiegend andere Transportarbeiten durchführen: Die Lastwagen brachten 6m lange, 25cm starke Kanthölzer für den Schachtausbau. Wir bezeichneten sie als Vogelholz, weil nach unserer Auffassung noch gestern die Vögel auf dem Baum gezwitschert hatten. Das Holz war noch grün, nass und schwer. Am Berg kamen die Lastautos ins Rutschen und warfen ihre Ladung ab. Wir trugen dann jeden Stamm einzeln etwa 500m weit den Berg rauf bis zum Schacht. Nach einigen Tagen meine neue Arbeit eine Woche vor Weihnachten begonnen, aber ich musste unbedingt Weihnachten nach Hause, mir noch Wintersachen(Schafwollsocken und Federbetten) holen. Obwohl für die Bergarbeiter Sonderzüge in alle Richtungen fuhren, reichten die Feiertage nicht aus, um die Hin- und Rückreise zu bewältigen. So führ ich einen Tag früher nach Hause und kam einen Tag später zurück. Aber das machte die Hälfte der Belegschaft so. Ja es führen bereits die Sonderzüge, obwohl noch ein Tag gearbeitet werden musste. Die Zugverbindungen waren schlecht, überfüllte Züge, häufiges Umsteigen und lange Wartezeiten bereiteten Probleme. Im Sommer bin ich einmal von Erfurt bis Gößnitz auf den Puffern mitgefahren. Jetzt im Winter warteten wir bis der Zug einrolle, sprangen kurz vorher über die Gleise, um von der anderen Seite einzusteigen. Dadurch kamen wir meistens auch mit. Die Lebensmittelkarten erhielten wir immer nur für zehn Tage. Als ich im Januar meine Lebensmittelkarte abholen wollte, bekam ich keine, weil ich Fehlschichten hatte. So musste ich mit einem Verpflichtungsschein, diese Fehlschichten wieder herauszuarbeiten, zum sowjetischen Schachtleiter. Es war meist ein Offizier in Uniform. Das Herausarbeiten war schwierig. Der Sonnabend war damals ein normaler Arbeitstag und sonntags wurde uns zusätzlich zur Pflicht gemacht zu arbeiten, um den Plan zu erfüllen. Ich suchte mit meinem Schein den Schachtleiter und traf ihn im Keller mit einer Krankenschwester an. Ich hatte 49

den Eindruck, ich störet, versicherte ihm, die Schichten herausarbeiten zu wollen, und er unterschreib, um mich loszuwerden. Aber bis heute habe ich diese zwei Schichten nicht herausgearbeitet, aber auch nie wieder eine Fehlschicht produziert, die später mit hohen finanziellen Einbußen geahndet wurden. Im Frühjahr 1948 drückte Steiger Vogel jedem von uns eine Brechstange in die Hand und ging mit uns aufs Feld. Dort saß bereits ein Mann mit einem mit Taschen bepacktem Fahrrad. Wir stießen an der uns zugewiesenen Stelle Löcher in den Erdboden und verließen dann das Feld. Danach wurde der Mann mit dem Fahrrad aktiv, er war der Sprengmeister. Er besetzte und sprengte, die von uns gestoßenen Löcher. Gleich darauf wiederholte sich das Ganze noch einmal, und die ersten vier Meter des Schachtes 76, der später meine Arbeitsstelle wurde, waren geteuft. Zunächst beuten die Zimmerlinge den Schachtkopf ein, während wir die Zufahrtsstraße, dann die Fundamente für den Förderturm und das Maschinenhaus errichteten. In dieser Zeit traf ich auf dem Weg zum Bahnhof einen Kumpel der mir erzählte, dass er für immer nach Hause fahre. Ich erkundigte mich nach seinem Quartier und zog so von Schwarzenberg in die Hartensteiner Straße 6 nach Schneeberg um. Als eines Tages ein Signalist in der Teufe benötigt wurde, bekam ich diese Aufgabe übertragen. Damit wechselte ich von Übertagearbeiter zum Untertagemann, allerdings auch ohne Gesundheitsuntersuchung oder ärztliche Begutachtung.

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Der Schacht 76 sollte ein Zentralschacht mit verhältnismäßig großem Querschnitt werden, Aber die Teuf-Technik entsprach der beim Brunnenbau. Zwei Haspeln von Typ OK1 mit einem Trommeldurchmesser von schätzungsweise 50cm und einem Anlasser, der die Geschwindigkeit danach regelte, wie weit er in einen kleinen Wasserbehälter eintauchte, dienten als Fördermaschinen. An dem Seil, das die Haspel auf- oder abwickelte hing ein Kübel von 0,3m³ mit zunehmender Teufe 0,25m³. Damit teuften wir den ersten Abschnitt des Schachts 109m tief. Die Aufgabe des Signalisten bestand darin, von einer höher gelegenen Bühne aus den Hauern und Förderleuten die Ankunft des Kübels mitzuteilen, damit ihn niemand auf den Kopf kriegt und den gefüllten Kübels zum Aufholen freizugeben. Mit zunehmender Teufe pendeltet der Kübel immer stärker und geriet durch den Drall des Seiles in Rotation. Es war verboten, Kübel ohne Seilführung für den Personentransport zu nutzen, aber wer klettert ohne Not 50 oder 100m Fahrten (Leitern) hoch?! So benutzten der Steiger, der Schlosser, eigentlich alle bis auf den Signalisten den Kübel als Fahrstuhl. Am aufregendsten war es beim Sprengen. In der ersten Zeit wurde ausschließlich mit Zündschnur gezündet. Elektrische Zünder gab es damals bereits, sie standen uns aber nicht zur Verfügung. Da der Schacht sehr nass war, wir zeitweise zwei Gummijacken und eine Fischerhaube trugen, waren gummierte Zündschnüre die Bedingung gewesen. Aber auch die gab es nicht immer. Deshalb müssten das Besetzen des Sprenglochs mit Sprengstoff, das Einführen der Schlagpatrone mit dem Zünder, das Anzünden der Schüre und das Verlassen der Teufe so rasch wie mögliche erfolgen, bevor die Zündschnüre ersoffen. Da die Fluchtleiter aus Stahlseilen vorher in Sicherheit gebracht wurde, blieben dem Sprengmeister und seinem Gehilfen- meist war es der Steiger- als einzige Fluchtmöglichkeit der 51

Förderkübel übrig. Dessen Funktionieren wiederum hing von einer zuverlässigen Stromzufuhr ab. Deshalb war hohe Spannung im wörtlichen und übertragenen Sinne angesagt. Hatten der Sprengmeister und sein Gehilfe mit dem Kübel den Signalisten passiert, musste dieser die in den Schacht herabhängende Lampe mit 10-15m Kabel hochziehen gegen Runterfallen und Zerstörung sichern und dann selbst das Weite suchen. Einmal ist es mir passiert, dass der Sprengmeister mir entgegenkam weil es ihm zu lange dauerte, bi ich oben ankam. Es kam auch schon vor, dass es mal knallte bevor ich oben war, aber das ist mit zunehmender Teufe auch nicht mehr gefährlich, nur die dann aufsteigenden dicken Sprenggase waren unangenehm und giftig. Als sich die Möglichkeit ergab, ließ ich mich eine Etage tiefer in die Teufe versetzen. Dort mussten zwar alle alle anfallenden Arbeiten, wie bohren, fördern oder bauen verrichten, wurden aber unterschiedlich als Fördermann, Zimmermann oder Hauer eingestuft und bezahlt. Die Tätigkeit des Hausers wurde zwar am besten bezahlt, war in der Teufe aber die einfachste, leichteste und kurzzeitigste Arbeit, da die Maschine sich durch ihr Eigengewicht in den Fels bohrte. Einer Schicht bohren folgten dann drei Tage oder länger das gesprengte Gestein rausschaufeln bis die Oberschenkel vom Schaufelstiel aufgerieben waren. Nach den Ausbauarbeiten haben sich alle Schichten gerissen. Sie waren die angenehmsten Tätigkeiten, verlangten aber große Sorgfalt, damit die Rahmen auch den Sprengarbeiten aus nächste Nähe standhielten. Aber bei allen Arbeiten waren wir trotz gummierter Schutzanzüge im Nu durchnässt. Da es auf dem neuen Schacht noch keine Kaue zum Umziehen und Duschen gab, gingen wir mit der nassen Arbeitskleidung, die im Winter steif fror, auch nach Hause. Das unangenehmste war, am nächsten Tag die halbnassen Sachen wieder anziehen zu müssen. Als wir die Teufe von 109 Metern erreicht hatten, wurde die erste Sohle angeschossen, aber das habe ich nur kurzzeitig erlebt. Steiger Bockelmanner stammte aus einer Grube aus Westfalen- hatte vom Schachtleiter den Auftrag erhalten, eine Hauer zwischen 18 und 35 Jahren dem Schachtleiter für den Besuch eines halbjährigen Steigerlehrgangs am Bergtechnikum in Freiberg vorzuschlagen. In seiner Schicht gab es aber nur zwei, die dafür in Frage kamen. So meldetet ich mich nach der Schicht beim Schachtleiter, der notierte meinen Namen und hatte damit sein Soll erfüllt. Am nächsten Tag saß ich in Freiberg auf der Schulbank.

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Es war Januar 1949, ich war erst ein Jahr und zwei Monate im Betrieb und noch nicht einmal ein Jahr untertage. Ich hatte bis dahin nur Teufarbeiten und Horizontalvortrieb kennengelernt, Abbaue und Überhauen und Erz noch nicht einmal gesehen, aber ich kam als Steiger von der Schule und war noch nicht 20 Jahre alt. So ist es kein Wunder, dass die Kumpel einige Jahre später sangen.

„Von der SDAG Wismut kommen wir und die Steiger sind genauso dumm wie wir...“ Das schließt nicht aus, dass aus dieser Kaderpolitik eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten hervorgingen und das aus Landarbeitern oder Friseuren manch „Verdienter Bergmann der DDR“ geworden ist. Aber kurios war einiges schon: Ich habe keinen Facharbeiterabschluss, aber einen Meisterbrief, denn der Steigerlehrgang, der mit der Qualifikation als Fahrhauer abschloss ist dem Meister der sozialistischen Industrie gleichgestellt, bedeutet aber auch Fachschulreife, obwohl ich nur 8 Jahre Schulbildung habe, aber dazu später. Aber das sowjetische Lohnsystem, das wir auch außerhalb der SAG Wismut übernahmen, wirkte oft der Qualifizierung entgegen. Am besten bezahlt wurden Produktionsarbeiter, alle anderen, die nicht unmittelbar produktiv tätig waren, wurden schlechter bezahlt. Das Bergtechnikum besuchte ich als Hauer und erhielt meinen Durchschnittslohn von 720DM netto, anschließend als Steiger erhielt ich 697DM brutto, also etwa 100Mark weniger netto. Nach dem Bergtechnikum kehrte ich zum Schacht 76 zurück. Aber man hatte bis dahin nicht eine Kiste Erz gefunden und die weiteren Aussichten waren bescheiden. Deshalb wurde nicht nur der Schacht 76, sondern das ganze Objekt 14 und schließlich der ganze Uranbergbau in Schneeberg aufgelöst. Mein künftiger Arbeitsplatz wurde das Revier 4 des Schachts 6 in Oberschlema auf der 90m Sohle. Hier befand sich mal die stärkste Radiumwasserquelle der Welt. Das waren nicht nur ein Arbeitsplatzwechsel, sondern auch ein Betriebsund Objektswechsel. Jetzt gehörte ich zum Objekt 2 und mein Arbeitsschwerpunkt als Steiger verlagerte sich in den Abbau und die Erzgewinnung, die ich bisher nicht kannte. Einige Wochen erhielt ich einen erfahrenen Steiger aus dem Zwickauer Kohlenbergbau als Mentor, der aber dann in den Ruhestand ging. In Oberschlema war alles ganz anders als in Schneeberg. Der Schacht 76 war eine Art Familienbetrieb mit etwa 80-100 Beschäftigten. Alle kannten 53

und halfen sich, vertrauten einander. Als Obersteiger arbeitete Sepp Wenig, ein ehemaliger Seemann, der später als ‚Held der Arbeit‘ Volkskammerabgeordneter und stellvertretender Generaldirektor Karriere machte. Der Schacht 6 war ein Großbetrieb mit mehreren tausend Beschäftigten, der seinerseits von ähnlichen Betrieben wie Schacht 4, 6b und 7 flankiert wurde. Nicht nur das Gezähe (Werkzeug), sondern auch Hunte, Bauholz, sogar Erz wurden gegenseitig geklaut. Zu jeder Schicht trafen 4 überfüllte Züge mit Kumpels aus allen Richtungen ein und nahmen die ausfahrenden Kumpels der vorangegangenen Schicht wieder mit zurück. Im Januar saßen ein Teil der Kumpels auf den Trittbrettern oder Dächern. Da kam es schon vor, dass jemand einschlief und runterfiel. Deshalb wurde das bald mit massivem Polizeieinsatz unterbunden. Das größte Problem während meiner Arbeit in Oberschlema bestand in der gewaltigen Konzentration der Kumpel. Es gab mehr Arbeitskräfte, als die Schachtkapazitäten, die verfügbare Werkzeuge, die Förderkapazität, das Ausbauholz, die Anzahl der Hunte usw., es zuließen. Dadurch gab es ständige Wartezeiten und Engpässe an den Förderhunten, beim Ausbauholz, bei Nägeln, Rohren, Schläuchen für die Druckluft oder für das Bohrwasser. Deshalb auch die ewigen Streitereien und Diebstähle. Mit einem Drittel an Arbeitskräften weniger, wäre die gleiche Leistung möglich gewesen. Aber zu diesem Zeitpunkt spielte die Ökonomie überhaupt keine Rolle. Es ging darum: Die USA waren als einzige im Besitz der Atombombe, hatten ihr Monopol zum Entsetzen der Menschheit in Japan missbraucht und versuchten damit die Völker, insbesondere die Sowjetunion einzuschüchtern und zu erpressen. Dieses Atomwaffenmonopol der USA zu brechen war damals eine Lebensfrage der Menschheit. Als damals größte bekannte Uranlagerstätte der Welt, mussten wir dem alles unterordnen und der Sowjetunion das notwendige spaltbare Material liefern. Ein Teil der Probleme, die wir auch als Steiger hatten resultierte auch daraus, dass nicht alle freiwillig und mit Begeisterung zur SAG Wismut kamen. Viele lockten das Geld und die erhöhten Lebensmittelrationen für Bergarbeiter. Da ist auch nichts Kritikwürdiges daran. Arbeit und Brot fanden auch die Umsiedler aus Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland, darunter auch viele Bergleute. Einen bedeutenden Anteil stellten auch ehemalige Angehörige der Wehrmacht, der SS und des faschistischen Staatsapparates, die jetzt keine Existenz mehr hatten. Aber auch Straftäter wurden vor die Wahl gestellt, entweder in den Knast oder zur Wismut zu gehen. Wie deren Entscheidung ausfiel kann sich jeder vorstellen. Der Wahrheit halber, muss ich erwähnen, dass mehr Ordnung und Disziplin einzogen, als verstärkt 54

Parteiaktivisten und Genossen der SED zu uns kamen und sich als gute Kumpel auszeichneten. [Hier enden die chronologischen handschriftlichen Aufzeichnungen meines Vatis, da er 2007 einen Schlaganfall erlitt. Er erholte sich zwar nach 6 monatiger Reha-Behandlung in Tharandt wieder soweit, das er geistig aktiv und am Leben interessiert noch bis 2013 zu Hause leben konnte. Er war aber nach dem Schlaganfall halbseitig gelähmt und das Sprechen viel ihm sehr schwer, so dass er die Aufzeichnungen nicht mehr fortführen konnte. Die weiteren Texte habe ich aus früheren Aufzeichnungen herausgesucht und sie zeitlicher Reihenfolge angeordnet.] Ich bekam eine neue Arbeitsstelle auf Schacht 6 in Oberschlema als Steiger. Es gab viel Erz und Arbeitskräfte, aber wenig Installationsmaterial wie Ausbauholz, Nägel, Bretter und Rohre für die Druckluft und Wasser sowie Gezähe und zu kleine Förderkapazitäten. So wurden aus Mangel an Voraussetzungen ständig Verstöße gegen die Grubensicherheit produziert, provoziert und toleriert, wie mangelhafter Ausbau, unzureichende Bewetterung und Trockenbohren. Da in der Regel der Plan erfüllt wurde und es ohne schwere Unfälle abging, wurde meine Arbeit als Steiger vom Reviersteiger und vom sowjetischen Schachtleiter akzeptiert. Von mir als Steiger erwartete man trotz meiner Parteilosigkeit politisches Engagement. So wurde ich als Zirkelleiter im FDJ-Lehrjahr [regelmäßige politische Schulung der FDJ-Mitglieder] eingesetzt. Der Inhalt war durch progressive demokratische Bewegungen der deutschen Geschichte geprägt, wie die Befreiungskriege, die Revolution von 1848, die Novemberrevolution u.a. Obwohl ich über die gleiche Broschüre wie alle Zirkelteilnehmer verfügte, galt ich bald als Experte. Ich wurde schließlich zu einem zweiwöchigen Zirkelleiterlehrgang geschickt und fand Gefallen an der Logik der marxistisch-leninistischen Theorie. So wurde ich im Frühjahr 1952 zu einem Vierteljahreslehrgang der FDJ delegiert. Anschließend wurde mir die Funktion eines Sekretärs für Wirtschaft in der FDJ-Gebietsleitung der Wismut angeboten, von mir aber wegen politischer Unerfahrenheit abgelehnt. So wurde ich im Sommer 1952 ein hauptamtlicher Sekretär der FDJGrundorganisation auf Schacht 65 der SDAG Wismut. [Die SAG (Sowjetische Aktiengesellschaft) wurde ab 1954 SDAG Wismut (Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft)]. Das geschah in der Zeit, als auf der 2. Parteikonferenz der SED die „Schaffung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR“

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beschlossen und die Löhne und Gehälter der Meister verdoppelt wurden. Als Steiger hätte ich künftig 900 bis 1050MDN + 40 Prozent erhalten, als FDJ-Sekretär 650MDN netto. Ich war aber insofern erleichtert und zufrieden, dass ich nicht mehr täglich dem Druck der Planerfüllung und die Angst der Unfallgefahr der Kumpels ausgesetzt war. Ich fuhr zwar noch drei bis viermal wöchentlich für einige Stunden ein, aber es stand kein Muss mehr dahinter. Der Student 1955 machte ich mir Gedanken über meine persönliche Zukunft. Ich war inzwischen fast 26 Jahre und hatte keinen richtigen Abschluss, in der Schule und im Beruf nicht. Der Steigerlehrgang auf dem Bergtechnikum wurde zwar als Meisterabschluss anerkannt, war aber nur für die Untertagtätigkeit zu gebrauchen. So bewarb ich mich, wenn auch mit Bedenken und Minderwertigkeitskomplexen zu einem Bergingenieurstudium an der Bergingenieurschule in Eisleben. Aber ich hatte noch keine Antwort, als ich in der Zeitung eine Annonce las, dass das Institut für Fachschullehrerbildung in Plauen Studenten für die Fachrichtung Marxismus-Leninismus und Fachschullehrer für Russisch suchen. So wurde ich 1955 Student, erhielt 120 Mark Stipendium und bezahlte fürs Internat 30 Mark monatlich. Im Frühjahr 1958 erkrankte meine Frau Johanna an Grippe und wurde bettlägerig. Ich nahm an der Schule für einige Tage Urlaub. Als ich ins Institut zurückkam, bot man mir an, mich sofort als Lehrer zu bewerben und bei Annahme sofort mit der Fachschullehrerprüfung zu beginnen. So lief es dann auch. Ich war der erste, der eine Stelle und einen vorzeitigen Abschluss angeboten kriegte. So wurde ich vom 1. März 1958 an Lehrer. Der Lehrer Ich wurde nach Blankenburg im Harz abgeordnet. Ein Wochenende blieb ich dort und langweilte mich, die nächste Woche fuhr ich nach Hause nach Schneeberg im Erzgebirge. Da war ich länger unterwegs, als daheim. 56

Außerdem ging ein Teil des spärlichen Gehalts von 680MDM für den 2. Haushalt und die Reise drauf. Es bestand keine Aussicht, in Blankenburg eine Wohnung zu bekommen. So wandte ich mich im Sommer an meine ehemalige Ausbildungsstätte mit der Anfrage, ob sie mir nicht eine neue Arbeitsstelle in der Nähe meiner Familie vermitteln könnten. So landete ich wieder bei der SDAG Wismut, jetzt als Lehrer und fast mit dem doppelten Einkommen. So blieb ich weitere 32 Jahre bei der SDAG Wismut als Lehrer und unterrichtete. Außer Politischer Ökonomie und Philosophie, Staatsbürgerkunde, Deutsch, Pädagogik und Psychologie und Erste Hilfe in der Facharbeiter Aus- und Weiterbildung, in Meisterlehrgängen und im Ingenieurstudium. 8 Jahre lang war ich in derselben Einrichtung in der Abteilung Ausund Weiterbildung für Leitungskader tätig. Von 1960 bis 1965 erwarb ich in einem Hochschulfernstudium in Leipzig die Qualifikation als Diplomlehrer für MarxismusLeninismus. Nach dem Abschluss meiner Teilprüfungen in den Fächern Politische Ökonomie und Philosophie, bot man mir eine Promotion an. Das Angebot wiederholte während meiner Tätigkeit in der Aus -und Weiterbildung auch Professor Ziemert von der Bergakademie Freiberg. Ich lehnte beide Male ab. Im ersten Fall wollte ich abwarten, bis das Diplom insgesamt erreicht war. Aber die Diplomarbeit, die sich mit dem ‚Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft‘ beschäftigen sollte, war angeblich kein Ruhmesblatt. Eine schriftliche Bewertung der Arbeit habe ich nie erhalten, obwohl es die Diplomprüfungsordnung vorschreibt. Die zweite Ablehnung erfolgte durch mich unter folgenden Überlegungen: Ich ging davon aus, das die SDAG Wismut an meiner Promotion nicht interessiert sei, da ich zu viel Westverwandtschaft ersten Grades hatte und diese die Entwicklungsmöglichkeiten bei der SDAG Wismut einschränkt. Ich hätte die 57

SDAG Wismut verlassen müssen und hatte aber anschließend an der Bergakademie Freiberg mit Promotion weniger verdient, als zuvor bei der Wismut an einer Betriebsschule. Drittens war ich interessiert, an der Bergakademie in Leitungspsychologie zu promovieren und zu unterrichten, aber angeboten wurde mir das Gebiet der sozialistischen Demokratie. So betrachtete ich die Promotion als eine brotlose Kunst, die nichts als Nachteile mit sich bringt. Erwähnen möchte ich noch, dass ich trotz oder wegen meiner zahlreichen Westverwandtschaft ein einmaliges Angebot erhielt. Jede Bezirksparteileitung (und die Wismut hatte den Status eines eigenen Bezirkes der DDR) hatte vom ZK der SED den Auftrag, einen Hochschulkader für einen Sonderlehrgang beim ZK der SED auszuwählen. Ziel war, sie als Mitarbeiter in einem neu zu gründenden Staatssekretariat für westdeutsche Fragen einzusetzen. (die BRD hatte ein dem entsprechendes für gesamtdeutsche Fragen). Auch dieses Angebot lehnte ich ab, weil wir gerad dabei waren unser Haus zu bauen. Die Annahme des Angebots hätte den Umzug nach Berlin oder wieder zwei Haushalte zur Folge gehabt. Außerdem hätte Johanna ihre Berufstätigkeit aufgeben müssen. Ich war der einzige Kandidat von der gesamten Parteiorganisation der Wismut. Aber die Ablehnung erwies sich als richtig. Erstens kam es nicht zu der Gründung des geplanten Staatssekretariats, zweitens wurden mit der Wende diese Kader sowieso arbeitslos. Mit der Wende 1990 fiel der Marxismus-Leninismus als Lehrfach weg. Ich war nicht in der Lage und vor allem nicht bereit, jetzt ein Loblied auf das kapitalistische System und die soziale Markwirtschaft zu singen. Im Gegenteil: Die gesellschaftliche Entwicklung nach der Wende bestätigt das ausbeuterische Wesen des Kapitalismus in der Praxis. Die Wirklichkeit ist schlimmer, als wir es zu lehren wagten und als unsere Schüler bereit waren, es uns als wahr abzunehmen. Aber auch die meisten anderen Lehrfächer wie Pädagogik oder Psychologie waren auf dialektisch-materialistischen Grundpositionen aufgebaut und in der mir übergestülpten neuen Ordnung nicht mehr gefragt. So nutzte ich die Möglichkeit und ging am 30. September 1990, drei Tage vor der offiziellen Einverleibung der DDR in die BRD in den Ruhestand.

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Unser Leben als Rentner 1967 bezogen wir unser neuerrichtetes Eigenheim in Bernsbach. Das Haus und das 930m² große Grundstück füllten während unserer Berufstätigkeit unsere Freizeit voll aus.

Trotzdem leisteten wir uns Urlaubsreisen nach Rumänien (1961) nach Bulgarien (1971) und zwei Mal in die Sowjetunion nach Moskau und Pizunda. Nach der Wende modernisierten wir unser Haus und überschrieben es unserer Tochter Jana formell als Eigentum. Die erweiterten Reisemöglichkeiten nutzten wir bisher für Busreisen in die Schweiz, nach Italien, nach Norwegen sowie eine Schiffsreise durch den Nordatlantik mit Aufenthalten in Island. Spitzbergen, am Nordkap und in Bergen und eine Schiffsreise durch das östliche Mittelmeer.

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Genau 50 Jahre nach meiner Vertreibung fuhren wir das erste Mal in meine ehemalige Heimat, vorsichtshalber nur für 5 Tage. Zwei Schulfreunde, die bei der Vertreibung von der Front eingeholt worden waren und deshalb in die Heimat zurückkehrten, Gerda und Heinz Gedrat aus Lompönen wohnten jetzt im Nachbarort von Lompönen in Piktupenen in einem 1972 von der Kolchose gebauten Fertighaus. Johanna war von Land und Leuten so beeindruckt, dass wir seit dem jährlich dorthin fahren.

Dazu benutzen wir die Fähre von Mukran (Rügen) nach Klaipeda und nehmen unser Auto mit. Dadurch konnten wir viele schöne Ecken des Memellandes und in Litauen kennenlernen, die mir auch vorher nur dem Namen nach bekannt waren, wie Klaipeda Tauroggen, Schmalleningken oder Kaunas. 1997 fuhr Jana (ohne Kinder) mit uns mit. Wir wohnten in Schwarzort auf der Kurischen Nehrung und besuchten Lompönen, Piktupönen, Bittehnen, den Rhombinus und Polangen. Leider war die Zeit etwas knapp, denn Jana musste aus familiären Gründen nach 5 Tagen zurück, aber ich glaube es hat ihr alles gefallen, insbesondere die Dünenwanderung auf der Nehrung und die nahe Bekanntschaft mit einem Wildschwein. Und der frisch geräucherte Aal hat auch allen geschmeckt. Wir hoffen und wünschen uns, dass wir noch viele Jahre gemeinsam in nun Janas Haus verbringen und viele Ausflüge und Reisen in alle Welt durchführen können, aber manchmal bereitet mir die Gesundheit Probleme.

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[2006 fuhren sein Enkel Georg und ich noch einmal mit den Eltern gemeinsam nach Litauen und Vati war glücklich mir und Georg in aller Ruhe seine alte Heimat vermitteln zu können. Und wir waren froh, dass wir uns die Zeit genommen hatten, weil Vati im Jahr darauf den schweren Schlaganfall erlitt. Sein anderer Enkel Christian bereitet ihm 2011 eine besondere Freude, als er gemeinsam mit seiner Freundin meine Eltern nach Litauen begleitete. Da er Altenpfleger ist, wurde meinem Vati die Reise trotz der schweren Behinderung noch einmal möglich und auch Christian bekam die Gelegenheit die Heimat seiner Vorfahren authentisch zu erfahren. Außerdem war ich in den letzten Jahren bereits zwei Mal ohne meine Eltern dort und wir besuchten natürlich auch jedes Mal die beiden herzlichen Gedrats.] Gesundheitliche Probleme Ausgangspunkt vieler meiner gesundheitlichen Beschwerde, war die schon erwähnte doppelseitige Lungenentzündung mit zehn Jahren. Aufgrund der Narben, die eine Lungenentzündung in der Lunge hinterlässt, hätte ich nie Untertage arbeiten dürfe, noch dazu unter Bedingungen, wo trocken gebohrt und nicht oder schlecht bewettert wurde. Die Narben der Lungenentzündung wirkten wie Staubfallen. Hinzu kommt, dass ich eine nicht bemerkte und nicht behandelte Tuberkulose durchgemacht habe. 1970 wurde ich mit SilikoseTBC-Verdacht in die Lungenheilanstalt Wiesen eingeliefert. Die TBC betätigte sich nicht; die Behandlung wurde als Kur deklariert und ich erhielt nach einigem Streit die Anerkennung einer Berufskrankheit Silikose mit einem Körperschaden von Null (!) Prozent. 1976 erkrankte ich an einer Virusgrippe und erlitt durch die Hustenbelastung der Lunge einen Lungenriss. Dieser konnte nur durch eine Lungenoperation in Krankenhaus Zschadraß behoben werden. Er wurde als Folge der Silikose als Berufskrankheit akzeptiert. Ich war erst nach viereinhalb Monaten wieder arbeitsfähig. Noch während dieser Genesungszeit löste ein großer Nierenstein eine schwere Kolik und eine Kreislaufstörung aus. Er blieb im Harnleiter stecken und wurde erst nach etwa einem Jahr operativ entfernt. Dreimal wurde ich auf der rechten Seite am Leistenbruch operiert, weil die Nähte nicht hielten. Einmal sprang ich dem Tod von der Schippe, als mir eine nichterkannte Blindarmentzündung einen vereiterten Blinddarm mit Bauchfellentzündung bescherte. 1994/95 hatte ich innerhalb von 14 Monaten dreimal einen Gallengangverschluss, der jedes Mal den Kreislauf und die Blutwerte durcheinander brachte. Selbst die Entfernung der Gallenblase beendete diesen Zustand nicht, inzwischen hat es sich normalisiert. 61

1995 auf meiner ersten Litauenreise und 1997 zur Kur in Falkenstein hatte ich je eine Lungenembolie, wahrscheinlich ausgelöst durch eine BeinvenenThrombose. 1996 habe ich mir bei der Arbeit mit der Kreissäge den kleinen Finger der linken Hand eingekürzt. Erst wenn er fehlt, merkt man, dass auch der kleine Finger seine Aufgaben hat. Inzwischen ist mein Kreislauf so angegriffen, dass ich das Herz und den Blutdruck mit Medikamenten unterstützen muss. Mein Leitspruch war schon immer:

„Alle Menschen müssen sterben, vielleicht sogar ich.“ Ich habe nie gedacht, dass ich so nahe an das neue Jahrtausend heranreichen werde. Nachwort

Mit diesen Aufzeichnungen habe ich versucht, meinen Kindern und Enkeln einiges aus meinem Elternhaus und von mir vor dem Horizont des Vergessens zu retten und aufzubewahren. [Vati kam nicht nur nahe an das neue Jahrtausend heran, er durfte uns sogar das erste Jahrzehnt noch begleiten. Nach einem Sturz mit resultierendem Oberschenkelhalsbruch zu Ostern 2013 erholte er sich körperlich nicht mehr und verstarb bei geistiger Klarheit am 15. Mai 2013 im Diakonissenheim Zion in Aue.]

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Anhang Weitere Texte vorwiegend zur Familie, Schnurren und Anekdoten Meine Familie An meinem 21. Geburtstag, den 24.11.1950 heiratete ich in Mittelsömmern Jutta Kellner, die Tochter eines hiesigen bäuerlichen Ehepaares. Ich richtete uns in Schneeberg eine Wohnung ein Aus der Ehe gingen die Kinder Reintraud und Gunar hervor. Meine Frau fühlte sich in Schneeberg nicht wohl und wir wurden nicht glücklich, so wurde die Ehe am 8. September 1954 geschieden. Mutter und Kinder zogen bereits vor der Scheidung nach Mittelsömmern zurück. Meine Exfrau heiratete bald wieder und trug seitdem den Familiennamen Dietrich und wohnte wieder in Mittelsömmern. [Vati hatte jahrelang keinen Kontakt zu seinen Kindern, mit zunehmendem Alter drängte es ihn, dies zu ändern. 2012 kurz vor seinem Tod stellte ich den Kontakt zu Reintraud her und sie besuchte ihren Vater in Bernsbach, ich denke dies war für beide ein sehr wichtiger Moment, sein Sohn Gunar lehnte eine so späte Kontaktaufnahme ab] Am 28.4.1957 heiratete ich Johanna Böhme. Sie brachte Stephan mit in die Ehe, den ich dann adoptierte. Am 07. Oktober 1964, dem 15. Jahrestag der DDR wurde unsere Jana geboren.

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Mein Vater 1886 in Auggtwilken, einem späteren Ortsteil von Laugßargen (heute Aǔkštvilkiai)- unmittelbar im Grenzort vom Memelland zu Litauen geboren. Laugßargen liegt an der Straße von Tilsit nach Tauroggen, etwa 10km vor Tauroggen. Er war ein uneheliches Kind der Bursche Griegoleit, die später einen Schedlofski heiratete, verwitwete und dann einen Hirsche heiratete. Ich erwähne es, weil mein Vater auch manchmal unter dem Namen Schedlofski geführt wurde. Frau Hirsche lebte in Russland. Mein Vater auch? Er besuchte keine Schule, da er im Sommer Kühe hütete, im Winter nichts anzuziehen hatte und sich niemand um ein uneheliches Kind kümmerte. Er konnte seinen Namen schreiben und schrieb meiner Mutter eine Postkarte aus der Kriegsgefangenschaft im 1. Weltkrieg und eine im Januar 1945 aus Königsberg, in der er um warme Wäsche bat. Er schrieb so, wie er sprach. Als nein Vater 1013 heiratete zog er zu meiner Mutter nach Lompönen. Dort arbeitete er über 30 Jahre auf einer Feldziegelei, die dem Besitzer Hildebrand gehörte und unmittelbar an der Ecke der Landstraße unserer Auffahrt zum Szillas lag. Auf der Ziegelei arbeiteten meist drei Personen und ein Pferd. Mein Vater hatte die vertrauensvollste Stellung. Er formte in Handarbeit mit Holzformen die Lehmziegel oder Dachpfannen. Ein Arbeiter fuhr mit Schiebekarren den Lehm bis zu einer Mühle heran, die von einem Pferd ‚Lotte‘ angetrieben wurde. Ein dritter Arbeiter (zeitweise waren es auch meine älteren Brüder) trugen die Fertigprodukte auf einem Brett zum Lufttrocknen in luftige Schuppen mit Hochregalen. Wenn die Regale voll und die Steine trocken waren, wurden die Ziegel kunstvoll in Brennöfen geschichtet und von vier Feuerstellen gleichzeitig gebrannt. Das dauerte etwa 2-3 Wochen. Zu Martini (10. November) wurde den Mägden und Knechten der Rittergüter und Großbauern regelmäßig gekündigt. Dabei wurde noch eine Martinsganz geschlachtet und gebraten. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so pünktlich und so feierlich ging es im Herbst den Ziegeleiarbeitern. Mein Vater verdiente auf der Ziegelei im Monat 32 Litas. Ein Litas entsprach 0,60RM, also betrug der Monatslohn 18RM. Das war im Sommer unser wesentliches Einkommen für die ganze Familie. Die Mutter trug im Sommer durch den Verkauf von Butter, Sahne, Eiern oder Hühner auf dem Markt in Pogegen oder Übermemel nur gelegentlich zu zusätzlichem Einkommen bei. Das ganze Jahr über kamen die Nachbarn zum Haare schneiden zu meinem Vater, sogar sein Chef. Aber ich habe es nie erlebt oder mitbekommen, dass jemand dafür etwas bezahlt 64

hat. Das war reine Gefälligkeit, da es im Ort keinen Friseur gab. Im Winter beschäftigte sich mein Vater mit der Herstellung von Holzgeräten, Reisigbesen, Weidenkörben für den eigenen Bedarf und nur selten auf Bestellung für die Nachbarn. Für Haus-, Hof- und Gartenarbeiten stand mein Vater selten zur Verfügung. Nur wenn wir arbeiten mit geborgten Pferden ausführten, wie pflügen, Heuoder Torfeinfahren oder Kartoffeln legen hinterm Pflug stand er zur Verfügung. Die übrigen Arbeiten oblagen der Mutter und uns Kindern. Kurz nachdem wir „heim ins Reich“ geholt worden waren, erlag die mittelalterliche Ziegelei der Konkurrenz der Industrie. Mein Vater arbeitet fortan in einer Sperrholzfabrik in Ragnit, wo er die ganze Woche über auch wohnte. Sperrholz war für die Rüstungsindustrie, insbesondere den Flugzeugbau von Bedeutung. Als sich durch die „planmäßigen Absetzbewegungen“ die Front uns wieder näherte, wurde die Sperrholzfabrik im Frühsommer 1944 von Ragnit nach Königsberg verlegt. Dort besuchten unserer Mutter und ich den Papa im Oktober oder November 1944. Es war unser letztes Zusammentreffen mit ihm. Königsberg wurde zur Festung erklärt. Alle Männer bis 65 Jahre durften die Stadt nicht verlassen und wurden zum Volkssturm verpflichtet. Anfang 1945 bat er uns.um warme Wäsche, die er wahrscheinlich nicht mehr erhalten hat. Am 15. Januar 1945 begann bei extremer Kälte der Sturm der Roten Armee auf Ostpreußen. Über Vater gab es später eine offizielle Bestätigung des Internationalen Roten Kreuzes, dass und wo er begraben ist. Sein Sterbezeitraum wird mit Februar/März 1945 angegeben. Er wurde 59 Jahre alt. Mein Vater war von mittlerer Statur, ich schätze höchstens 1,70m groß, der Rücken war leicht gebeugt, die Knie beim Gehen nicht ganz durchgedrückt. Er hatte volles, leicht gewelltes, rötlich schimmerndes Haar und einen ebensolchen Oberlippenbart. Über dem rechten Ohr schaute ein etwa 2cm großer Grießbeutel durch die Haardecke durch. Mein Vater hat, soweit ich mich erinnere kann in seinem Leben zwei Flaschen Bier getrunken, die ihm jemand spendiert hatte. Er hat aber fast ständig eine Pfeife mit selbstgebautem Tabak geraucht. Seine Zähne am Unterkiefer waren sehr abgenutzt. Nach Auffassung der Mutter kam das vom Pfeife rauchen. Obwohl ich nicht rauche, habe ich das gleiche Zahnproblem [Ich auch.] Es kommt von einem starken Überbiss des Oberkiefers. Nach Aussage der Mutter und der Geschwister würden mein Bruder Fritz und ich dem Vater am stärksten ähneln.

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Ich habe meinen Vater als ruhigen, ausgeglichenen nicht besonders redseligen Menschen in Erinnerung, der sehr wohl auch stundenlang mit dem etwas linksorientierten Nachbarn Laurinat diskutieren konnte. Da wir im Haus weder Radio noch Zeitung hatten, war es für ihn die einzige politische Informationsquelle. Sicher muss Vater der evangelischen Kirche angehört haben, denn er ist kirchlich getraut und wir getauft worden, aber ich habe nie erlebt, dass er auch nur einmal in der Kirche war. Selbst bei unserer Konfirmation, saß er in der Kutsche vor der Kirche und ging nicht mit rein. Ich habe Papa nur als liebevollen Vater kennengelernt. Ich besinne mich nicht, dass er uns geschlagen hat, während das bei meinen älteren Geschwistern noch vorgekommen sein soll.

Christof Griegoleit ca. 1940 in der Ziegelei

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Meine Mutter 1890 geboren, war fast 40 Jahre alt, als ich und 44 Jahre als mein jüngster Bruder geboren wurde. Meine Mutter stammt aus Lompönen und hat dort den elterlichen Besitz geerbt. Es war ein massives Wohnhaus mit Strohdach und kärglicher Innenausstattung sowie einem Hektar Land. Stall und Scheune wurden etwa 1929 mit geborgtem Geld gebaut oder ausgebaut. Meine Mutter hat ein schweres Leben voller Arbeit und Armut gehabt: 12 Kinder, mein ältester Bruder ist im Januar 1915 in Tilsit geboren, als die Mutter sich auf der Flucht vor der russischen Armee, die Zeitweilig das Memelland besetzt hatte, befand. Im zweiten Weltkrieg hat sie ihn und zwei weitere Söhne wieder verloren. Haus, Hof und Garten mit einer Kuh, 2 Schweinen, einem Schaf, etwa einem Dutzend Hühner und einer wechselnden Zahl frei herumlaufender Kaninchen und nicht zuletzt 8 Esser am Tisch wollten verpflegt und versorgt sein. Spinnen, stricken, flicken, waschen, kochen, sähen, mähen, ernten, Wintervorräte für Mensch und Vieh anzulegen, wie Heu, Rüben, Kartoffeln, Holz und Tort gehörten dazu. Wenn es am wenigsten passte kamen die Nachbarn, dass wir ihnen bei aufwendigen Arbeiten wie Heumachen, Getreide binden, Kartoffeln lesen und anderem helfen. Wir waren dazu verpflichtet, denn die Nachbarn borgten uns für Arbeiten, die wir nicht mit der Hand verrichten konnten, wie ackern, Heu von den Memelwiesen holen oder Torf aus dem Bruch holen, ihre Pferde. Ich besinne mich: Eines Abends spät kommt der Bauer Mertineit, um meine Mutter für den nächsten Tag zum Getreidebinden zu bestellen. Das musste klappen, denn zu jedem Mäher gehörte immer eine Binderin. Nebenbei bemerkt: Das war immer eine Schinderei für beide Partner, in der Sommerhitze den ganzen Tag gebeugt zu hantieren. Aber Mutter hatte bereits Brot eingeteigt, das über Nacht gären musste und am nächsten Morgen geknetet, geformt und gebacken werden musste. Mutter versprach zu kommen und ich habe am anderen Tag das Brot alleine gebacken. Dabei gab es schon einige Probleme, wie etwa 20 Pfund [10kg] mit den Händen, besser gesagt mit den Fäusten durchzukneten. Der Brotteig ist dabei so fest, dass er nicht auseinanderlaufen kann. Das Kneten dauert etwa 1 1/2 Stunden. Dann muss der Backofen geheizt werden, bis er die richtige Temperatur hat. Dann muss die Glut aus dem Ofen entfernt, der Teig zu etwa 3kg Brotlaiben geformt und gebacken werden, ohne zu verbrennen oder halbroh [schlief] zu bleiben. Ich war damals 10 Jahre alt und es ging ohne Pannen. 67

Ab und zu ging Mutter mit uns auf den Markt nach Pogegen oder Übermemel. In Pogegen hat der Markt heutzutage zwar seinen Standort geändert, hat aber seinen Charakter beibehalten. Wer was übrig hatte, brachte es zum Verkauf auf den Markt. Aber manchmal haben wir auch eingekauft, aber vorsichtig, dann das Geld war ja knapp. Im Spätsommer gab es in Pogegen viele Gurken. Die lagen in Bergen auf der Erde und die Händler (meist Juden) überboten sich gegenseitig: 100Stk für 1 Litas, der nächste 110 Stück ein anderer 125 Stück für 1 Litas. Man kaufte dort, wo das meiste geboten wurde. Der Händler zählte sie dann laut vor, in den Sack hinein. Doch wenn man sie daheim nachzählte, fehlten ein bis zwei Dutzend. Auf dem Markt in Übermemel, gegenüber von Tilsit, ging es gesitteter zu. Dort mussten die Verkäufer einen Standplatz (tische) mieten. Die Käufer kamen fast alle über die Königin-Louise-Brücke von Tilsit. Sie waren wählerisch, aber nahmen unser Angebot gern an. Meistens gingen wir dann selbst über die Brücke nach Tilsit, um Wäsche oder Schuhe zu kaufen. Mutter war das geistige Oberhaupt der Familie. Sie verfügte über eine abgeschlossene Volksschulbildung, über eine ordentliche und fehlerfreie Schrift. Sie kümmerte sich zwar nicht täglich um unserer Schularbeiten, ermahnte uns aber ständig, alle Bildungsmöglichkeiten zu nutzen, damit es uns nicht so ergeht, wie dem Vater. Wir haben ihr vertraut und sind dabei nicht schlecht gefahren. Wenn es die Zeit und das Wetter erlaubte ging Mutter mit uns im Sommer etwa einmal im Monat nach Piktupenen in die Kirche. Dabei ging es über Wiesenwege auf kürzestem Weg, barfuß die Schuhe über den Schultern. Am Ortsrand von Piktupönen wurden die Schuhe für die Dauer des Kirchgangs angezogen. Insgesamt war der Kirchgang eine Strapaze für uns Kinder: Eine Tour etwa 6km. Müde und hungrig waren wir gegen 13.00 Uhr wieder daheim. Meine Mutter war keine eifrige Kirchgängerin, natürlich litt auch sie unter der zusätzlichen Belastung. Erst nach der Übersiedlung nach Westdeutschland im Rentenalter wurde sie durch die dort herrschenden Umstände etwas aktiviert, war aber schon schwer krank. Mutter wurde im mittleren Lebensalter sehr von Krampfadern und offenen Beinen geplagt. Sie hatte manches Jahr mehr als vier Monate offenen Wunden an den Waden, hatte aber kaum die hygienischen und die anderen Möglichkeiten, um das richtig ausheilen zu können. Als wir wieder zu Deutschland kamen, was ein Teil der Kriegsvorbereitungen Deutschlands war, erhielt Mutter das ‚Goldene Mutterkreuz‘. Sie war sehr stolz darauf, dass ihre vielfache Mutterschaft anerkennt und gewürdigt 68

wurde, musste es aber mit dem Opfer von drei Söhnen, einem Schwiegersohn und dem Ehemann teuer bezahlen. Sie hat es aber ein Leben lang nicht begriffen, dass der Tod ihrer Familienangehörigen und Millionen anderer im Zweiten Weltkrieg das Resultat deutscher Politik war. Mit etwa 70 Jahren lag Mutter wegen Herz-Kreislauf-Problemen mit hochgradiger Verkalkung der Herzkranzgefäße in Mühlhausen/Thüringen im Krankenhaus. Als wir sie dort besuchten, erklärte der Arzt, dass sie die letzten Runden drehe. Aber sie kam wieder auf die Beine. Ihrem Wunsch, den Lebensabend bei ihren Töchtern in Westdeutschland zu verbringen, wurde entsprochen. Sie erhielt die Ausreisegenehmigung aus der DDR in die BRD. Sie überstand die Strapazen und Aufregungen der Übersiedlung und erlitt im 73. Lebensjahr einen schweren Schlaganfall, an dem sie nach etwa 18 Monaten Krankenlager am 24, November 1964 (meinem 35. Geburtstag) starb.

Grete, Erna, Alfred und Ede Griegoleit

Ede Griegoleit, 1952 Alfred, Erna, Ede und Grete Griegoleit 69

Zur Teilnahme an ihrem Begräbnis bekam ich als Lehrer und Angehöriger des Uranbergbaubetriebes Wismut keine Ausreisegenehmigung. Auch der Versuch über den Blumenversandhandel ‚Fleurop‘ einen Strauß zu übermitteln, scheiterte am fehlenden Devisenkontingent. Mein Bruder Herbert schickte aus Schlotheim einen Kranz aus Trocken und Kunstblumen im Karton. Mir kam das zu blamabel und unwürdig vor. Wir baten meine Schwester Erna, in unserem Namen einen Strauß am Grab nieder zu legen, was sie auch tat. Als Johanna und ich im Sommer 1988 die Genehmigung zur Teilnahme an Alfreds 60. Geburtstag erhielten und wir dabei auch in Siegen einkehrten, wollten wir den Besuch an Mutters Grab nachholen. Aber es war schon eingeebnet. Mutter wurde 74 Jahre alt. Ein stattliches Alter für eine Frau und Mutter, deren Leben vor allem mit Arbeit, Sorgen und derben Schicksalsschlägen angefüllt war. Sie hatte aber keine Zeit zum Trauern und Jammern, sie hatte für das Überleben zu sorgen. Das eigenartige dabei ist, dass ihre zwei Töchter auch 74 Jahre alt wurden. Die dritte und letzte meinte jetzt, sie hätte noch 3 Jahre Zeit. [inzwischen ist sie die letzte Überlebende, 89 Jahre alt, wenn allerdings stark dement und deshalb habe ich nach dem Tod ihres Mannes Ernst, im Jahr 2014, den zu ihr Kontakt verloren] Nachbemerkung: Unsere Eltern sprachen beide deutsch und litauisch. Letzteres vor allem, wenn sie sich über etwas unterhielten, was uns Kinder nichts angehen sollte. Ansonsten wurde in der Familie deutsch gesprochen, damit wir in der Schule keine Schwierigkeiten mit der Muttersprache hätten. Das war lobenswert, aber damit steht das Problem in Verbindung, das wir noch zu unseren Lebzeiten dazu beitragen, dass die ostpreußische Mundart allmählich ausstirbt. Dies ist in weniger als einer Generation zu erwarten. Meine Geschwister Meine älteste Schwester ist 1913, also 16 Jahre vor mir geboren Sie wurde nur sieben Monate alt. Warum, weiß ich nicht mehr, aber früher starben viele Kinder an Infektionskrankheiten (Scharlach, Diphterie, Keuchhusten und Verdauungsstörungen nach dem Abstillen). Der nächste war mein Bruder Willi. Er wurde im Januar 1915 auf der Flucht meiner Mutter vor den zaristischen Truppen, die zeitweilig das Memelland besetzt hielten, geboren. Er wuchs bei der Tante Emma (der Schwester meiner Mutter) und dem Onkel Ernst in der Nähe von Ragnit, also im Deutschen Reich auf. Warum und wann er dort hinkam, weiß ich nicht, 70

möglicherweise, als bereits mehrere Geschwister da waren und die Tante noch keine eigenen Kinder hatte. Bis vor kurzen war ich der Auffassung, dass er dort bis zum Wehrdienst blieb. Aber von unserer Kusine Reintraud, der Tochter von Tante Emma, die jetzt.im Erzgebirge in Annaberg wohnt, erfuhr ich 1997, das Willi die Tante mit 12 Jahren verlassen hat. Wann und wohin, weiß ich nicht. Willi war in Deutschland staatenlos, solange wir zu Litauen gehörten. Nach unserer Einverleibung ins Reich, besuchte uns Willi zum ersten Mal. Dabei stand ich im Mittelpunkt des Geschehens: Willi regte sich darüber auf, dass ich einen jüdischen Vornamen habe. „Leo Salomo“ war seine Redensart. Schließlich wurden Raderkuchen (eine Art Krapfen) gebacken und ich wurde umgetauft. Mein zweiter Vorname, also Walter, sollte zum Rufnamen werden. Aber das setzte sich nicht durch und war bald vergessen. Die deutsche Staatsangehörigkeit war für Willi ein halbes Todesurteil. Er wurde bald Soldat und fiel in den ersten Tagen des Krieges gegen die Sowjetunion, am 19. Juli 1941 an der Ostfront als Gefreiter. Schwester Margarete wurde im September 1991 geboren. Sie war schon in jungen Jahren gesundheitlich angeschlagen und erreichte nur eine mäßige Allgemeinbildung. Mit 16 Jahren litt sie sehr unter Gelenkrheumatismus, dessen medikamentöse Behandlung führte zu einem dauerhaften Herzschaden. Grete wurde von uns Geschwistern immer etwas belächelt. Erstens hatten wir immer den Eindruck, dass sie sich mit ihren Krankheiten wichtigtat -aber sie war wirklich krank und brauchte im Alter ein Stützkorsett für die Wirbelsäule- und sie sprach mit hoher Sachkenntnis über Dinge und Ereignisse, von denen sie keine Ahnung hatte, d.h. sie nahm es oft mit der Wahrheit nicht so genau. Wahrscheinlich 1939 heiratete sie einen Franz Kundrus. Er hatte eine kleine Landwirtschaft in Adomischken, bei Szugken, seitlich der Straße zwischen Willkischken und Schmalleningken. Das Gehöft lag auf einer kleinen Waldlichtung nur etwa 300 m von der Grenze zu Litauen, dass ab 1940 zur Sowjetunion gehörte, entfernt. Sie erlebte von uns am unmittelbarsten, wie der Überfall auf die Sowjetunion vorbereitet wurde und wie die deutschen Soldaten schon vor Beginn dieses Kriegsabschnittes die Grenze überschritten, um mit Drahtscheren den Stacheldrahtverhau auf sowjetischer Seite zu zerstören. 71

In den Sommerferien fuhren wir immer mal zu Grete für mehrere Tage. Mal fuhren wir mit Nachbars Pferdefuhrwerk, vollgeladen mit leeren Körben in den Wald, die dann abends voll mit Pilzen gefüllt , wieder abgeholt wurden. Mal sammelten wir tagelang Kiefernzapfen (Ich glaube wir nannten sie Skurren) für meine Schwester als Brennmaterial. Da kamen einige Kubikmeter zusammen. Unser Schwager Franz wurde Soldat, kam zur schweren Flak nach Friedrichshafen und verbrachte dort die meisten Kriegsjahre. Grete besuchte ihn dort und lernte so den Bodensee kennen. Als Deutschland von feindlichen Bombergeschwadern überhäuft wurde, obwohl Hitlers Stellvertreter, Reichsmarschall Göring großprotzig erklärt hatte, das er Hermann Meier heißen wolle, wenn jemals ein feindliches Flugzeug, deutsches Gebiet überfliegen würde, wurde die deutsche Luftverteidigung aufgelöst. Die Flakbatterien wurden entweder für die Panzerabwehr eingesetzt oder aufgelöst. Schwager Franz wurde zur Umschulung nach Dresden abkommandiert, wo er im Februar 1945 bei Bombenangriffen spurlos verschwand. Auch sein einziger Bruder Kurt, der auf einer als Fischkutter getarnten U- Boot-Falle im Mittelmeer diente, kehrte aus dem Krieg nicht heim. Grete musste im Sommer 1944 vor der Front flüchten.

Grete, Ede u. Liesbeth Griegoleit ca. 1940 vorm Elternhaus

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Sie wohnte schließlich mit unserer Schwester Liesbeth eine Weile in Ehrenfriedersdorf, dem alten Zinnbergbaustädtchen im Erzgebirge und siedelte im Februar 1950 nach Friedrichshafen über. Dort heiratete sie einen Herrn Heusler, der später mit seinem Motorrad tödlich verunglückte. Wir trafen uns erst 1979 in Schlotheim bei Herberts Begräbnis wieder. Da trug sie schon ein Stützkorsett für die Wirbelsäule. Die letzten Jahre ihres Lebens war sie geistig fast weggetreten, sehr teilnahmslos und schaukelte mit dem Oberkörper von einer Seite zur anderen, wie die Kinder, die früher unter Hospitalitis litten. 1993 starb sie mit 74 Jahren. Sie blieb kinderlos.

Grete und ihr Mann Franz ca. 1940

Unser Bruder Fritz wurde genau 2 Jahre nach Grete geboren, im Januar 1921. Als erster aus unserer Familie nahm er noch als Schüler eine Stellung bei unserem Lehrer an. Dieser war verwitwet, wohnte in der Schule, zu der auch ein Stück Land, ein Stallgebäude, ein Pferd und eine Hund Harras gehörten. Es gehörte zu den Obliegenheiten meiner Brüder Fritz, Richard und Alfred nacheinander, die Schule zu reinigen, zu heizen, Schulgarten, Stall, Pferd und Hund in Ordnung zu halten, einzukaufen und anderes. Für das Mittagessen sorgte eine Wirtschafterin, die stundenweise arbeitete. Als Fritz aus der Schule entlassen wurde, endete auch diese Anstellung. Zum Abschied spielte ihm der Lehrer auf seiner Geige das Lied „Winter ade…“. Fritz lernte in der Umgebung von Piktupenen Maurer. Damals betrug die Lehrzeit meist 4½ Jahre. In manchen Berufen mussten die Lehrlinge dem Meister sogar für die Ausbildung extra bezahlen, obwohl dieser den Nutzen der Arbeit hatte. Aber Fritz und auch Richard erhielten ein Taschengeld. Es betrug im ersten Lehrjahr 0,50RM pro Woche und steigerte sich bis zum Abschluss der Lehrzeit auf 2,50RM. Fritz brachte es als erster in der Familie 73

zu einem eigenen neuen Fahrrad. Wir hatten sie uns immer auf dem Schutthaufen zusammengelesen und dann zusammengebaut und das musste dann für die ganze Familie reichen. Ich glaube aber, Fritz behielt sein Fahrrad nicht lange. Wenn er am Wochenende nach Hause kam, konnte der meistens das Fahrrad nur schieben, denn er war ziemlich regelmäßig besoffen. Fritz gehörte zu den Jahrgängen, die bei Beginn des 2. Weltkrieges aktiv als Soldat dienten. Dadurch, dass wir bis März 1939 zu Litauen gehörten, verzögerte es sich bei ihm etwas. Er diente in Leitmeritz, im Protektorat Böhmen und Mähren. Als er das erste Mal auf Urlaub kam (ich glaube, es war auch das einzige Mal), hatte er eine schmucke Ausgehuniform an. An einem Nachmittag schickten er und die Eltern uns Kinder aus der Wohnung. Dann unterhielten sie sich zwei, drei Stunden über etwas, was wir nicht hören durften. Als das Gespräch zu Ende war, waren meine Eltern recht verstört. Die Eltern haben sich nie mit uns über den Inhalt des Gesprächs unterhalten, dennoch scheint er eindeutig zu sein. Dicht neben der Garnisonsstadt Leitmeritz lag die Festung Theresienstadt (heute Teresin). Ich habe mir in den sechziger Jahren zusammen mit meiner Frau und Jana einen ganzen Tag lang diese Festung angesehen. Sie war rundherum mit einer mindestens vier Meter hohen Ziegelmauer und Erdwällen umgeben. Die Erdwälle waren alle untertunnelt und dienten den Soldaten als Laufgräben und Unterstände. Theresienstadt wurde als Konzentrationslager genutzt. Das war wohl die größte deutsche Vernichtungsstätte auf tschechischem Boden. Schon beim Antransport wurden die Opfer in garagenartige Gebäude gepresst, wo sie dichtgedrängt stehend die Nacht verbringen mussten und dabei oft bereits erstickten. Aber auch die benutzten Galgen und die Stelle für die Erschießungen waren eindeutig zu sehen. Es ist möglich und wahrscheinlich, dass mein Bruder zu den Killerkommandos gehörte. Wenn mein Vater nach diesem Gespräch mit meinem Bruder mal Streit mit meiner Mutter hatte, pflegte er zu sagen: „Du kannst mich ja ins Konzertlager schaffen lassen.“ Fritz erhielt am 2. Weihnachtstag 1941 an der Ostfront bei Artenowsk einen Kopfschuss und starb am darauffolgenden Tag. Er war 20 Jahre alt.

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Richard wurde am 1. Mai 1922 geboren. Nach der Schule lernte er in Willkischken Sattler. Er musste seine Gesellenprüfung beschleunigt ablegen, um sofort Soldat zu werden. Er müsste 1936, als ich in die Schule kam, diese beendet haben. Dann folgten die viereinhalb Jahre Lehre, die also 1941 endeten. Richard klagte im ersten Lehrjahr, das er nur Arbeiten verrichten musste, die die Frau Meister von ihm verlangte, wie Einkaufen oder Ziegenstall ausmisten. Im zweiten Lehrjahr kriegte er die Grundfertigkeiten beigebracht und musste danach bereits zusammen mit dem Gesellen seinen Mann stehen. Seine Hände waren ständig vom Pechdraht bis auf die Knochen durchgerieben. Als Soldat erfroren Richard die Füße. Nach der Behandlung im Krankenhaus, arbeitet er in Estland in einer Armeebäckerei. Dort freundete er sich mit einer Estin an. Als die Front immer weiter westwärts verschoben wurde -das Oberkommando der Wehrmacht nannte es planmäßige Absetzbewegungen- wurde er wieder für den Fronteinsatz vorbereitet. Er bekam im Sommer 1944 ein paar Tage Heimaturlaub, der gerade endete, als wir zur Flucht aufbrachen. Er kam zur Marschkompanie, wo sie zu neuen Kampfeinheiten zusammengestellt wurden. Wir setzten uns ebenfalls mit unbekanntem Ziel in Bewegung. Trotzdem erreichte uns Anfang Dezember ein Päckchen mit einer leeren Brieftasche und einer Schuhbürste. Auf einem beigelegten Zettel stand: „Die Nachlasssachen Ihres gefallenen Sohnes.“ Das war alles. Welch ein Unterschied drei Jahren zuvor! Damals hatten meine Eltern einen drei Seiten langen Brief von Willis Oberleutnant erhalten. Als Trauerbekleidung gab es einen Bezugschein für ein schwarzes Kleid und einen schwarzen Mantel. Später gab es nur noch einen schwarzen Schal. Jetzt nichts mehr. Es war sicher auch nicht mehr nötig, denn alle Familien hatten schon trauern müssen und besaßen jetzt Trauerkleidung. In den Zeitungen reichte der Platz nicht mehr für die Nachrufe mit dem Eiserenen Kreuz. Nach dem Krieg erfuhren meine Geschwister in Westdeutschland von der Zentralstelle in Westberlin, das Richard am 4. November 1944 in Stakles gestorben ist. Richard wurde 22 Jahre alt. 75

Die Kopie der Sterbeurkunde liegt mir vor. Dabei fällt mir auf, dass Richard, Kurt und Erna alle drei nur mit ‚i‘, also ohne ‚ie‘ im Geburtsregister eingetragen sind.

Spätestens an dieser Stelle möchte ich meinen Abscheu gegen den Völkermord in Form von Kriegen betonen. Es gibt dafür keinerlei Rechtfertigung, sei es mit der Begründung des gerechten Krieges oder des Kampfes gegen die Verletzung von Menschenrechten. Am allerwenigsten hat das deutsche Monopolkapital und die Bunderegierung ein Recht, das deutsche Volk schrittweise in Kriege und internationale Konflikte hinein zu ziehen. Unsere Elisabeth wurde im Mai 1923 geboren. Sie hatte Glück, dass sie als Mädchen geboren wurde, sonst hätte sie den 2. Weltkrieg wahrscheinlich auch nicht überlebt. Über sie gibt es nichts Spektakuläres zu berichten. Nach der Schule arbeitete sie als Dienstmädchen unter anderem beim Kaufmann Kuprat in Lompönen. Dort schleppte sie 75 kg schwere Zuckersäcke auf dem Rücken. Sie war relativ klein, aber grobknochig und stämmig. Sie hatte ein grobes Gesicht und einen auffallend breiten Mund, war also keine besondere Schönheit, aber klug und fleißig und gütig. Sie hatte das Herz am rechten Fleck und ließ sich Ungerechtigkeiten nicht bieten. Drei Monate nach Grete (Mai 1950) versuchte sie in Westdeutschland ihr Glück. Alfred, Erna, Grete, Liesbeth und Leo ca. 1990

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Im Einzelnen kann ich ihren dortigen Lebensweg nicht wiedergeben. Eine Zeitlang arbeitet sie als Raumpflegerin an der Bonner Universität. Dann zog sie nach Siegen, wo inzwischen Grete, Erna und auch unsere Mutter lebten. Liesbeth heiratete einen Schaukellis. Sie hatten zwei Kinder, Gerd und Ursel. Liesbeth muss als sie Mutter wurde, nicht mehr jung gewesen sein. Ich habe Liesbeths Ehemann nicht kennengelernt. Er war alkoholkrank und ging daran zugrunde, noch bevor es möglich war nach Westdeutschland zu fahren. Liesbeth betreute, als es notwendig wurde auch unsere Mutter und auch Grete, da beide ihre Nachbarn waren. Am 06.04.1997 fand ihre Tochter Ursel sie im Nachthemd auf dem Sofa eingeschlafen, für immer. Sie hatte es am Abend vorher nicht mehr bis ins Bett geschafft. Sie wurde, wie ihre Mutter und Grete 74 Jahre alt. Zu Liesbeths Begräbnis trafen sich die drei noch lebenden Geschwister zum letzten Mal. Alfred erklärte, gegenüber Johanna, dass er dran gewesen wäre und Liesbeth sich aber vorgedrängt habe. Am nächsten Tag holte Alfred das „Versäumte“ nach. Aber dazu später. Bruder Kurt wurde im Mai 1925 geboren und starb im März 1927. Näheres ist mir nicht bekannt. Meine Schwester Erna ist ein Oktoberkind von 1926. Mit zunehmendem Alter nimmt sie immer offensichtlicher das Aussehen meiner Mutter an, ist allerdings trotz ihrer beruflichen Strapazen nicht so abgewirtschaftet, wie es Mutter in diesem Alter war. Aber der Reihe nach. Nach der Schule absolvierte Erna beim Bauern Auge in Bittehnen ihr Pflichtjahr. Wie es der Name besagt, waren während der Nazizeit die Mädchen verpflichtet, ein Jahr lang eine zugewiesene Arbeit für ein Taschengeld auszuführen. Dies entsprach dem Arbeitsdienst bei den jungen Männern, bei dem sie kaserniert waren, vormilitärisch ausgebildet und dressiert wurden und für 25 Pfennig Tagesgeld beim Straßen - oder Festungsbau arbeiten mussten. Erna hatte es bei Auges gut getroffen und war eine wichtige Stütze im Haushalt. Nach Abschluss des Pflichtjahres, den Frau Auge nicht mehr erlebte, verkaufte uns Herr Auge eine Kuh aus seiner Herdbuchzucht sehr preiswert. Die Kuh gab bis zu 28 Liter Milch am Tag, was eine hohe Leistung darstellt und sich arme Leute wie wir normalerweise gar nicht leisten konnten. Einen Enkel von Auges haben wir 1995 bei Lena Grigoleit [Paradiesstraße, Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit, Ulla Lachauer] getroffen. Eine Zeitlang arbeitet Erna in Königsberg bei der Straßenbahn als Schaffnerin. Nach einem Sturz aus der 77

überfüllten, fahrenden Straßenbahn endete diese Tätigkeit. Nach unserer Umsiedlung nach Thüringen arbeitete Erna in Bad Tennstedt bei einer Arztfamilie als Dienstmädchen. Als sie im Januar 1951 in den Westen übersiedelten, nahmen sie Erna mit. Dort arbeitet Erna als Diakonisse einer freikirchlichen Gemeinde. Das Mutterhaus bekam Nachwuchsprobleme und stellte es ihren Schwestern anheim, selbst für ihren Lebensabend vorzusorgen. Eine krebskranke Frau, die von Erna lange gepflegt wurde, bat Erna ihren Witwer mit den drei Söhnen zu heiraten. So geschah es auch. Sie heißt seitdem Otterbach. Sie und ihr liebenswürdiger Mann sind stark religiös orientiert. Ich fühle mich von ihnen, besonders von Ernst unter Druck gesetzt, da ich eine andere Einstellung zur Religion habe. Erna pflegte nach dem Schlaganfall die Mutter, bis sie starb. Sie stand Grete in dem Maße zur Seite, wie die Möglichkeiten von Liesbeth zurückgingen. Schließlich benötigte Liesbeth zunehmend selbst Hilfe, die Erna und Ernst ihr neben ihrer Tochter Ursel, gewährten. Ich wünsche Erna und Ernst noch viele Jahre glücklichen Lebens und Gesundheit und Wohlergehen. [Ernst starb 2014 mit weit über 90 Jahren sehr plötzlich, nachdem er sich viele Jahre rührend um, die zunehmend altersdement werdende, Erna gekümmert hatte, seitdem haben wir den Kontakt zu ihr verloren und auch keine Informationen über ihr Befinden.] Mein Bruder Alfred ist 15 Monate vor mir geboren, am 1. August 1928. Er beendete die Reihe der Griegoleit -Jungen, die schon während der Schulzeit als Laufbursche beim Lehrer Breuer arbeiteten. Der Lehrer starb zu Beginn des 2. Weltkrieges (wahrscheinlich 1940) an Herzversagen, weil es während des Krieges keinen Bohnenkaffee mehr gab, den zu trinken er gewöhnt war. So fordert der Krieg auch auf solche Art seine Opfer. Alfred besuchte ab Herbst 1941 die ‚Oberschule für Jungen in Aufbauform‘ in Ragnit (ich ein Jahr später). Wir brauchten weder das Schulgeld, noch den Internatsaufenthalt zu bezahlen, weil wir einer kinderreichen Familie angehörten und der Führer jede Menge Soldaten und auch Frontoffiziere aus der breiten Bevölkerung brauchte, da die Söhne des Adels und der Fabrikanten in den Städten saßen oder daheim unabkömmlich (u.k.) waren. 78

Im Juli 1944 fuhren wir in die großen Ferien. Damit endete auch unsere Schulzeit. Alfred war noch zu jung, um zum Arbeitsdienst verpflichtet zu werden. Er musste aber zum Schanzen, dem Bau von Schützengräben und anderer wenig befestigter Stellungen. Dabei lernte er auch die Kurische Nehrung kennen. Wie er erzählte, konnten sie gar nicht so schnell schippen, wie der Sand wieder alles zu rieselte. Als die Front von Osten auch auf die Nehrung drückte, marschierte er die ganze Nehrung entlang bis nach Königsberg. Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Flucht bei Insterburg, also mitten in Ostpreußen, aber Alfred fand uns und stieß für einige Zeit zu uns. Am Ende der Flucht arbeitete Alfred als Knecht bei einem Bauern im Vogtland. Das löste für ihn das Hungerproblem. Wir wohnten zwischenzeitlich in Reichenbach/Vogtland. Nach unserer Verlegung nach Thüringen arbeiteten Alfred und ich beim Bauern Lorenz als Knechte. Kurze Zeit darauf bot ein umgesiedelter, ostpreußischer Stellmacher Alfred einen Lehrvertrag als Stellmacher an. Alfred unterschrieb, hat aber nicht eine Stunde als Stellmacherlehrling gearbeitet, sondern musste dem Meister helfen, aus Zuckerrüben Hochprozentigen zu brennen. Das war zwar verboten, aber was sollten die jungen Staatsorgane im Dorf ausrichten, wenn selbst sowjetische Soldaten und Offiziere zu seinen Kunden gehörten. Mit Beginn der demokratischen Schulreform bewarb sich Alfred als Neulehrer. Es kam zum Vorstellunggespräch, aber Alfred wurde ohne Begründung abgelehnt. Dann bewarb er sich bei der kasernierten Volkspolizei. Er wurde im Februar 1948 zur Musterung und Aussprache nach Sondershausen bestellt, fuhr auch dort hin und kam nicht wieder. Er hatte die in der Nähe verlaufende noch nicht stark gesicherte Zonengrenze genutzt, um sich in die Westzone abzusetzen. Das habe ich Alfred sehr übel genommen. Alfred arbeitet zunächst in Westfalen bei einem Bauern. Später wurde er Bergmann und anschließend Steiger. Bei einem Unfall in der Grube brach er sich die Wirbelsäule an. Dies heilte ohne sichtbare Folgen wieder zusammen, aber ein zunehmendes Rheuma und eine leichte Steinstaublunge führen zu seiner vorzeitigen Invalidisierung. Alfreds Hände waren vom Rheuma krumm und steif. In den Kniegelenken waren die Knorpelschichten aufgerissen und machten jeden Schritt zur Qual. Nach einer vergeblichen Operation erhielt Alfred ein künstliches Kniegelenk. Schließlich musste er sich einer BypassOperation mit 5 Bypässen unterziehen. Aber das war noch lange nicht alles: Das Blutbild stimmte nicht, er hatte zu wenige rote Blutkörperchen. Als Ursache stellte sich ein Knochenmarkskrebs heraus. Mit einer komplizierten Therapie wurde auch dieses Problem einigermaßen in den Griff gekriegt, aber seine Knochen waren so spröde, dass bei einem unvorsichtigen Schritt 79

sein Oberschenkelhals brach. Er wurde dann durch Stahlplatten zusammengeschraubt, leider falsch, so dass das Bein erst nach einer erneuten Operation die richtige Länge erreichte. Ende 1996 bereiteten die Bypässe zunehmend Schwierigkeiten, sie verschlossen sich wieder, erneute Operationen brachten nicht viel. Als Liesbeth am 10.04.1997 begraben wurde, waren auch Alfred und seine Frau Betti mit dem Auto angereist. Alfred verneinte meine Frage, ob er es sich zutraut, uns noch einmal zu besuchen. Ich versprach ihm dann, ihn zu besuchen. Da Erna nicht viel Platz hatte, reisten wir noch am Begräbnistag zurück. Alfred und Betty übernachteten bei Erna und brachen dann in aller Gemütsruhe auf. Sie kamen auch gut daheim an. Dann brach Alfred in der Wohnung zusammen und hauchte sein Leben aus. Alfred war 1,84 m groß, hatte eine fast ebenso große kräftige Tochter, vier Enkel und einen englischen Schwiegersohn. Alfreds Auto nahmen wir dann seinem Schulkameraden und Banknachbarn Heinz Gedrat nach Piktupenen mit. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich war das zehnte Kind in der Familie, 15 Monate jünger als Alfred und 13 Monate älter als Herbert. Wir drei bildeten eine Art Kleeblatt, nur wenn es ums Arbeiten ging, vor allem längerdauerndes, war ich meist alleine. Ich besinne mich, dass ich für die ganze Familie Kartoffeln geschält habe (¾ Wassereimer voll), als ich sie noch gar nicht umfassen konnte. Im Frühjahr habe ich im Lagerraum tagelang Kartoffeln entkeimt, ohne dass sich jemand von den Geschwistern sehen ließ. Manchmal waren es 20 Zentner. Auch das Unkraut im Garten auf den Beeten veden (jäten), blieb meist mir überlassen. Ich war nie sehr flink, besaß aber die notwendige Ausdauer für solche Arbeiten und war zufrieden, wenn mich niemand störte. Solange wir zu Litauen gehörten, gab es bei uns einen ambulanten Landhandel, der meist von armen Juden betrieben wurde. Sie fuhren mit einem Pferdewagen von Haus zu Haus und boten zum Verkauf an: Petroleum, Wagenschmiere, Tran und ähnliche nützliche Dinge für das primitive Landvolk, im Herbst auch schlachtreife Gänse. Andere kauften Lumpen und andere Sekundärrohstoffe auf oder besser gesagt, sie tauschten sie ein. Für mehrere Säcke voll Lumpen gab es, je nach Ermessen des Händlers z.B. eine Sammeltasse, für die wir dann keine Verwendung hatten, weil sie nicht in unser Lebensniveau passte. 80

Wahrscheinlich 1938, wir gehörten noch zu Litauen, kam der Lumpenhändler Wolfssohn auf die Idee, mich zu adoptieren. Er kam wegen textiler Lumpen, sah die vielen Kinder und wollte mich gleich mitnehmen. Es war nur von mir die Rede, nicht von meinen Geschwistern. Bis er wiederkam, die aussortierten Lumpen zu holen, hatte meine Mutter Bedenkzeit. Aber sie dachte nicht einen Augenblick daran, mich herzugeben und ich hatte auch keine Lust, meine Familie zu verlassen. Was wäre wohl aus mir geworden, wenn meine Mutter sich auf den wohl gutgemeinten Handel eingelassen hätte? Als wir im März 1939 zu Deutschland einverleibt wurden, gingen wir Kinder ins Dorf, um zu sehen, was sich dadurch geändert hatte. Mitten im Dorf war eine Straßensperre errichtet und alle Autos wurden kontrolliert, auch Ladeflächen, die Fässer, Decken oder Strohhaufen. Wir begriffen es nicht warum. Inzwischen weiß ich es. Der ‚Ordnungsdienst‘, der zu litauischer Zeit schwarze Uniformen und rote Armbinden trug, hatte die Armbinden gewechselt, neue Spiegel an die Uniformkragen bekommen und sich zur SS gemausert. Sie suchten flüchtende Juden. Aber sie haben keine gefunden. Diese waren schon am Tag vorher bzw. in der anschließenden Nacht nach Litauen geflohen. Aber auch dort wurden einige hunderttausend Juden Opfer des Antisemitismus. Der Herbst 1939 war warm sonnig und trocken. Das war ein ideales Wetter zum Krieg führen. Am ersten September wollten wir erfahren, was denn nun im Krieg anders ist. Nur selten hörten wir aus weiter Ferne am ersten oder zweiten Kriegstag dumpfes Grollen. Dann war auch das vorbei und der Krieg schien für uns erledigt. Mitte Oktober hielt das sonnige, trockene Wetter an, nur nachts hatte es stark gereift. Nichts lag näher, als gegen Mittag die lästigen Wollsocken und Holzschlorren wieder auszuziehen und barfuß zu laufen. Das brachte mir eine doppelseitige Lungenentzündung ein. Erst lag ich eine Zeit daheim im Bett. Als ich aber anfing im Fieber zu fantasieren, wurde ich mit Laurinats Kutsche ins Kreiskrankenhaus nach Tilsit gebracht. Dort lag ich in einem kleinen Saal mit ca. 10 Mitpatienten, drunter der schon erwähnte slowakische Bursche. Beinahe hätte ich meinen zehnten Geburtstag nicht mehr erlebt, aber jetzt wirkte sich günstig aus, dass es seit dem März 1939 keine Staatsgrenze mehr zwischen uns und Tilsit gab. Solange ich daheim war (bis1942) wurde ich regelmäßig durchleuchtet und auf meine körperliche und geistige Lebenstauglichkeit überprüft. [Kurios ist folgendes: Der damalige Chefarzt der Kinderklinik des Tilsiter Krankenhauses Herr Dr. Gabriel landete mit seiner ganzen Abteilung nach 81

der Vertreibung ebenfalls in Aue. Nach der Gründung einer Kinderklinik im ostpreußischen Tilsit zog die Klinik mit Belegschaft und Patienten 1944 aufgrund von Bombenangriffen auf einer abenteuerlichen und gefährlichen Reise über 1.100 Kilometer teilweise in Güterwaggons bis nach Bermsgrün, nachdem alle und alles im Bahnhof Erla ausgeladen wurde. Der damalige Chefarzt Dr. Gabriel aus Tilsit untersuchte und betreute die Kinder provisorisch im Sportlerheim und anschließend auch in Oberschlema. Von 1946 bis 1963 setzte der Chefarzt seine Arbeit dann auch in der Schneeberger Straße im Diakonissenhaus „Zion“ fort, in dem Gebäude in dem mein Vati dann starb.] Herbert ist am 3. Januar 1931 geboren. Er schaffte es gerade bis zum Sommer 1944 die Volksschule abzuschließen. Dann ging er mit uns auf „Wanderschaft“. Seine Arbeit beim Bauern in Thüringen begann er mit einem Lehrvertrag als Landarbeiter. Ich glaube, er hat die Ausbildung auch abgeschlossen. Später arbeitete Herbert als Besamer für Rinder und als Viehaufkäufer für die VEAB, einer landwirtschaftlichen Einkaufs- und Liefergenossenschaft, ähnlich der Raiffeisengenossenschaft. Dabei lernte er seine Ursel, seine Frau kennen. Sie heirateten und nahmen unsere Mutter zu sich nach Mühlhausen/Thüringen. Mutter betreute später die beiden Enkel. Als Aufkäufer war Herbert das ganze Jahr mit dem Motorrad auf den Landstraßen unterwegs. Das bereitete ihm Leo und Herbert zunehmend Beschwerden. Als Mitglied der Bauernpartei kandidierte er bei den Kommunalwahlen für den Posten des Bürgermeisters in Schlotheim, einem kleinen Ort der Gegend und arbeitete auch eine Weile erfolgreich als solcher. Aber es traten immer stärker gesundheitliche Probleme, besonders am Magen, auf. Schließlich musste er sich einer Magenoperation unterziehen, mit nur zeitweiligem Erfolg. Am 28. Juni 1979, also mit nur 49 Jahren, starb er an Magenkrebs. Der Jüngste von uns, musste also als erster das Feld räumen. Im Mai 1934 wurde unser Bruder Werner geboren. Mutter war bereits 44 Jahre alt. Werner lebte nur sechs Monate. Damit endete das Wachsen unserer Familie.

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Einige Jahre später, es könnte so 1935 gewesen sein, nahm meine Mutter noch zwei fremde Kinder zeitweilig in Pflege. Eines davon war ein Säugling von wenigen Wochen von einer ledigen Mutter in Not, die als Dienstmädchen arbeitete. So viele Kinder meine Mutter auch aufgezogen hatte, so hatte sie doch keine Ahnung von der Ernährung von Säuglingen mit Fremdnahrung. Sie hatte ihre eigenen Kinder mindestens vier Monate, aber zum Teil auch bis zu einem Jahr an der Brust gestillt. So starb dieses Baby an Ernährungsstörungen. Das zweite Pflegkind war bereits zwei Jahre alt, als zu uns kam, es war ein sehr hübscher und intelligenter Junge. Zu unser aller Bedauern, wurde es von seiner Mutter nach einigen Wochen wieder abgeholt. Wahrscheinlich sah sie die Unterbringung ihres Kindes bei uns nur als Notbehelf an, aber für längere Zeit als zu armselig und primitiv. Das heimatliche Umfeld und die Nachbarn Meine Heimat ist geografisch gesehen durch die Eiszeit geformt, ähnlich wie das norddeutsche Tiefland, nur extremer: extra flach und eben ist das Gebiet des Memellandes im Norden. Es liegt meist etwas mehr als 10 m über dem Meeresspiegel. Dieses Gebiet wird bei Schneeschmelze im Frühjahr oft vom Memelstrom überflutet. Landwirtschaftlich wird dieses Gebiet als Wiesen für die Heugewinnung genutzt und bietet ideale Lebensbedingungen für Störche, Kiebitze, Schnepfen, Lerchen u.ä. Ebenso plötzlich geht diese Ebene in eine Hügellandschaft (Endmoränen aus der Eiszeit) über: hier kamen die Eiszeitgletscher zum Stehen und lagerten, die vor sich hergeschobenen Sandmassen ab. Auf der Landkarte sind sie als Willkischker Höhenzug eingetragen und erreichen mit dem Rhombinus mit einer Höhe von 72 m die höchste Erhebung der Umgebung. Unser Szillasberg bildet dabei den Anfang des Hügellandes, erreicht eine Höhe von 33 m und ist damit 20 m höher als die Umgebung und fällt nach allen Seiten wieder ab. Vom Norden zur Straße und den dahinter liegenden Torfbrüchen. Am Nordhang des Szillasberges gab es auch Lehmvorkommen, die die Grundlage der Ziegelei bildeten. Den Osthang des Szillas bildete der Sandberg, der für die Gewinnung von Bausand genutzt wurde. Am Beginn des 2. Weltkrieges wurde die Sandgrube als Schießstand für die Wehrmacht ausgebaut. Bei Schießübungen pfiffen nicht selten die Gewehrkogeln über unsere Köpfe. Wir Kinder entschädigten uns dafür, indem wir die Kugeln sammelten, das Blei rausschmolzen und verwerteten. Über den Sandberg verlief der kürzeste Trampelpfad ins Dorf. Dort gab es auch noch eine Ecke 83

mit Heidekraut, das dem Szillas seinen Namen (die Heide) gab. Im Kiefernwald, der sich vom Sandberg bis nach Bardehnen, Bittehnen und weiter hinzog, gab es reichlich Pilze (Pfifferlinge, Steinpilze und Waldchampignons). Letztere wurden von uns als weiße Fliegenpilze betrachtet und nicht genutzt. Der Süd- und Südwesthang wurde von Gendrolus Wald und dem Schulgebäude begrenzt. Der Westhang fiel zu den Wiesen hin ab. An Rande des Westhanges wurde 1937 oder 38 eine Bockwindmühle errichtet, die aber nur Futtergetreide mahlte. Die „Spitze“ des Szillas bildete eine kleine „Hoch“ebene von etwa einem Quadratkilometer. Unser Grundstück bildete dabei in etwa den Mittelpunkt dieses Gebietes. Weitere Gehöfte lagen verstreut auf der Fläche, z.T. am Waldrand und gehörten den Bauern Laurinat, Wiegratz, Gendrolus, Tilips, Barkowski (auch Standesbeamter), Lenkat, dem Ziegeleibesitzer Hildebrand und dem Briefträger Knispel. Wir waren die Ärmsten in dieser Ecke, wurden aber von den Nachbarn nicht nur akzeptiert, sondern auch als Arbeitskraft für die Ernte gern in Anspruch genommen. Nachbar Laurinat, der keine Kinder hatte, richtete jedes Jahr zu Pfingsten in seiner Scheune eine Schaukel her und schaukelte mit uns in beängstigende Höhen. Sie nahmen meine Mutter mit dem Fuhrwerk mit zum Markt. Wir halfen ihnen vor allem beim Getreide dreschen. Laurinats waren unsere nächsten Nachbarn. Nur wenige Meter weiter wohnten Wiegratz. Er war sehr klein, hielt einen alten Zuchthengst und war als Schmuggler von Brennspiritus, Äther, Streichhölzern und Feuersteinen bekannt. Seine Frau war sehr nervig, besuchte meine Mutter manchen Tag mehrmals, um sich über alles Mögliche zu informieren. Sie guckte in die Kochtöpfe, informierte uns über Neuigkeiten aus der Zeitung oder dem Radio. Sie war sehr auf ihre Gesundheit bedacht, trank Brennspiritus und Äther schluckweise und gab uns Kindern Esslöffel voll Zucker, der mit Äther getränkt war. Frau Wiegratz lief mit nackten Beinen durch die Brennnesseln, um Rheuma vorzubeugen. Von Wiegratz erfuhren wir auch, dass wir jetzt zu Deutschland gehörten. Sie verehrte Hitler und seine Politik und forderte uns Kinder bei angekündigten Führerreden oder Sondermeldungen auf, rüberzukommen. Als Kinder verstanden wir nichts von der Politik und der Bedeutung der Führerreden, aber wir bekamen dann jedes Mal etwas Köstliches, wie Erdnüsse, Süßholz oder Lackritze. Als kleine Kindre suchten wir, bei Wiegratz Schutz, nachdem alle Vorsorge gegen Blitzeinschläge getroffen hatten, wie Stalltüre schließen, Sense in die

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Scheune hängen, Kuh und Schafe in den Stall schaffen. Das erledigten wir schon mit etwa 6 Jahren. Tilips borgten uns manchmal ihren einzigen Rappen für die Feldarbeiten, zum Pflügen oder Anhäufeln der Kartoffeln. Beim Anhäufeln musste das Pferd geführt oder geritten werden. Das Reiten war für uns einfacher und interessanter. Da konnte das Pferd uns auch nicht auf die nackten Füße treten, aber fast jedes Mal warf es uns nach kurzer Zeit ab. Tilips wohnten nicht lange in unserer Nähe, als der Krieg ausbrach. Er wurde Soldat und seinen Platz nahm ein polnischer, kriegsgefangener Soldat ein, der ständig in gut gebügelter Uniform aufs Feld ging. Er war immer freundlich zu uns. Ich weiß nicht, was aus ihm wurde, als der Krieg zu Ende hing, aber von den anderen haben wir auch nicht viel erfahren. Gendrolus haben uns aus ihrem Wald Bäume für Balken gegeben und uns erlaubt, dort Pilze zu sammeln. Wenn im Frühjahr der Saft in die Bäume stieg, durften wir ihre Birkenbäume anbohren und den Saft auffangen, der dann getrunken wurde. Ansonsten hatten wir zu Gendrolus wenig Kontakt. Ihre Gebäude standen schon etwas versteckt am Waldrand. Kinder waren keine da. Sie verfügten über einen Schimmel, den wir aber nie ausgeliehen haben. Hildebrands besaßen die Ziegelei. Er war der Arbeitsgeber meines Vaters. Deshalb hatten wir Kinder ihm und seiner Frau mit entsprechendem Respekt zu begegnen. Im Gedächtnis ist mir folgendes Ereignis aus der Kindheit geblieben. Ich war vielleicht sechs Jahre alt. Zu Ostern gingen wir immer in den Morgenstunden des 2. Feiertages Schmackostern, also Ostern schmecken. Vorher wurde Birkenreisig geschnitten und zum Austreiben aufgestellt. Ostern wurde das frische Grün zu kleinen Ruten gebunden. Wir gingen zu den Nachbarn und sagten unser Sprüchlein auf:

„Schmack Oster, bunt Ostern, fiv Eier, Stück Speck, von Koke de Eck, ehr gah ich nich weg.“ Dabei peitschten wir mit den Ruten den Leuten (meist waren es die Hausfrauen) gegen die Beine. Dann erhielten wir Ostereier oder ein Stück Kuchen. Manche wünschten sich dafür einen Teil der Birkenrute als Strauß. 85

Bei Hildebrands lief es schief. Mutter hatte uns ermahnt, der Frau Hildebrand möglichst gar nicht an die Beine zu schlagen. Dort traute sich dann niemand von uns drei Jungens, das zu tun. Damit hatten wir keine Gelegenheit unser Verschen vorzutragen. Wir standen in der Küche vor der Tür. Frau Hildebrand gab nichts, ohne das Sprüchlein und sagte nichts zu uns, sondern versah weiter ihren Haushalt. Als sie den Raum verließ, schlichen wir ergebnislos davon. Insgesamt glaube ich, war Ostern für uns Kinder das schönste Fest im Jahr. Wahrscheinlich, weil es draußen wieder wärmer und heller wurde. Wir bereiteten es gründlich vor, indem wir körbeweise graues und grünes Moos aus Gendrolus Wald holten und Osternester daraus bauten. Knispels waren eine deutsche Beamtenfamilie in litauischem Staatsdienst. Sie gaben ihrem Namen die litauischen Geschlechtsendungen: für den Mann Knispelis, die Frau Knispelene und die Tochter Knispelite! Sie sprachen auch untereinander bevorzugt litauisch! Schließlich heiratete die Tochter einen Mitarbeiter des litauischen Staatssicherheitsdienstes. Knispels bewohnten ein schönes Haus mit einer großen Veranda. Es steht heute noch. Sie gaben sich betont vornehm, aber waren distanziert umgänglich und hilfsbereit. Ich erinnere mich daran, dass Mutter tagelang in Knispels Haus auf deren großen Handwebstuhl Läufer für uns webte. Mit ihren Back- und Kochkünsten halfen uns Knispels Frauen, als sie zu Gretes Hochzeit raffinierte Torten und andere Speisen für uns herrichteten. So etwas hatten wir vorher noch nicht gekannt. Als Mutter den Knispels bei der Heuernte auf den Memelwiesen half, nahm sie Herbert mit. Er war damals vielleicht acht Jahre alt und half mit. Als er heimkam, schwärmte er vom Frühstück, bei dem er Butterbrote erhielt, die einen ca. 1cm hohen Rand Butter hatten, der dann mit flüssigem Honig ausgegossen wurde. So verschwenderisch zu essen, konnten wir uns daheim nicht leisten. Knispel trug auch die Post aus. Da wir keine Zeitung abonnierten, kam er nur selten zu uns. Die Briefträger sind immer die größten Herausforderer für die Hunde. So war es auch bei uns. Deshalb liefen wir dem Briefträger entgegen und nahmen ihm unsere Post ab. Nur zweimal gab er sie uns nicht. Er begleitete uns bis zur Mutter und übergab den Brief der Mutter persönlich. Es waren die Mitteilungen über den Tod meiner ältesten Brüder an der Ostfront, und das gleich zweimal in der 2. Hälfte des Jahres 1941. Zu Lenkats hatten wir wenig Kontakt. Nur die Tochter ging mit uns zusammen in die Schule. Sie war 3-4 Jahre älter als ich, konnte mich gut leiden und 86

gab mir wegen meines mädchenhaften Gesichts den Spitznamen „Tante Leo“. Das Leben geht eigenartige Wege: Nachdem wir geflüchtet waren, tauchten Frau Lenkat und ihre Tochter kurz vor Weihnachten 1944 in unserem Quartier in Reichenbach auf und baten um eine Bleibe. Wir waren damals zu fünft oder gar sechs und sie zu zweit und teilten uns eine Zeitlang das Schlafzimmer. Wie sie uns gefunden hatten und wie lange sie blieben, weiß ich nicht mehr. Waltraud unterhält bis heute freundschaftliche Beziehungen zu Gerda Gedrat. Unsere Beziehungen zu Barkowskis waren vielfältig: Wir mussten jeden Tag, wenn wir zur Schule gingen, den öffentlichen Weg benutzen, der direkt über den Hof von Barkowskis führte. Nur ein Trampelpfad führte um das Gehöft herum, war aber durch die Hanglage schwer benutzbar. Im Winter wurde dieser öffentliche Weg ab Barkowskis Hof als Rodelbahn durch die ganze Schule benutzt. Das war eine viele hundert Meter lange und recht schnelle Bahn. Wenn unser Lehrer Bräuer sah, wie wir uns in der Pause dort vergnügten, gab er manchmal eine halbe oder gar ganze Stunde dazu. Die Pause wurde immer durch den Pfiff mit der Trillerpfeife beendet. Wer aber zu dem Zeitpunkt ganz unten war, musste mindestens 5 Minuten im Trapp laufen, bis er in der Schule war. Der Lehrer hatte dafür volles Verständnis. Aber zurück zu Barkowskis. Im Winter gingen wir mit dem Schlitten zur Schule. Als unser Herbert das erste Jahr zur Schule ging, zogen wir ihn eines Tages, auf dem Schlitten liegend zur Schule. Plötzlich fällt uns Barkowskis Hund an. Wie versuchten abzuhauen, aber der Schlitten kippt und Herbert fliegt runter. Der Hund stellt sich der Länge nach über Herbert und versucht ihn zu beißen. Aber er ist fast vollständig eingepackt. Durch unser Geschrei kommen Barkowskis zu Hilfe und befreien uns. Das war bei uns so üblich, dass bei sehr großer Kälte die Hunde von der Kette gelassen wurden, damit sie sich einen geschützten Platz suchen und sich warm laufen konnten. Barkowskis hatten vier erwachsene Söhne, die die Wirtschaft betreuten. Vier Pferde gehörten dazu. Da Barkowskis die einzigen waren, denen wir Geld schuldeten (wie erwähnt für den Bau der Scheune), achteten wir sehr genau darauf, dass wir zu allen gewünschten Arbeiten zur Verfügung standen. Das lief dann folgendermaßen ab: Wir lasen die ganze Woche Kartoffeln. Am Wochenende rief uns dann der älteste Sohn und erklärte:“ Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert.“ Er wollte jetzt abrechnen, ich glaube wir kriegten einen Stundenlohn von 16 Pfennig. Dann wurde das Essen abgezogen, und heraus kam als Nettowochenlohn ein Fünfziger. Den gaben wir der Mutter, und die versprach uns, dafür zum Geburtstag einen neuen Kaffeetopf oder einen 87

Blechteller zu kaufen. So war allen geholfen. Wenn Barkowskis ihre Getreidefelder abgeerntet und mehrmals abgeharkt hatten, forderten sie uns auf, die abgebrochenen Ähren abzulesen. Die waren für uns. Das war eine sehr erniedrigende Beschäftigung. Das Feld war leer und wir liefen den ganzen Tag darauf herum und hatten am Schluss nur eine dünne Schicht auf dem Korbboden zusammen, die die Hühner als Mahlzeit verzehrten. Von Barkowskis vier Söhnen hat nur schwer verletzt überlebt. Vom Gehöft und dem Weg (Rodelbahn) existiert nichts mehr. Es ist glattplaniert. Zu den anderen Nachbarn hatten wir nur gelegentlich Kontakt.

Die Ziegelei am Szillas heute

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Postbote Knispel, später Gerlinde

Laurinats Haus

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Seelenverzeichnis von Lompönen ca. 1930

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In liebevoller Erinnerung von deiner Jana

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