„Vor dem Gesetz“ -‐ im Kontext

„Vor dem Gesetz“ -‐ im Kontext

Franz Kafka: Der Prozess „Vor  dem  Gesetz“  -­‐  im  Kontext 1.  Was  ging  voraus  -­‐  in  diesem  Dom-­‐Kapitel?  In  welchem  Stadium  seines  P...

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Franz Kafka: Der Prozess

„Vor  dem  Gesetz“  -­‐  im  Kontext 1.  Was  ging  voraus  -­‐  in  diesem  Dom-­‐Kapitel?  In  welchem  Stadium  seines  Prozesses  befindet  sich  K.?  Wie   verhält  er  sich  dem  Geistlichen  gegenüber? • K.s  beruflicher  Abs.eg  ist  schon  fortgeschri4en,  der  Kampf  mit  dem  Konkurrenten  verloren. • Er  ist  seelisch  und  körperlich  geschwächt  („wütende  Kopfschmerzen“,  S.  183),  fühlt  sich  „gehetzt“  (S.  187). • Auch  die  äußeren  Umstände  verdüstern  sich:  Das  We4er  draußen,  die  Lichtverhältnisse  im  Dom. • K.  kann  dem  „Ruf“  nicht  mehr  widerstehen  und  den  Dom  rechtzei.g  verlassen. • K.  verhält  sich  dem  Gefängniskaplan  gegenüber  vertrauensselig,  kindlich,  demü.g:  „Ich  habe  mehr  Vertrau-­‐ en  zu  dir  als  zu  irgendjemandem  von  ihnen  …  Mit  dir  kann  ich  offen  reden“.  Aber:  “Täusche  dich  nicht.“   2.  Es  folgt  die  Legende! Was  kennzeichnet  den  Mann  vom  Lande   • • • • • •

lässt sich einschüchtern, wartet auf Erlaubnis ist nachdenklich, eher passiv, handelt nicht einfach unternimmt viele Versuche (auch Bestechungsversuche), eingelassen zu werden fixiert sich aber auf den Türhüter, anstatt einfach einzutreten verhält sich nicht selbstbewusst, sondern zurückhaltend verhält sich aber auch klug, da er nicht weiß, was ihn erwartet

Was  kennzeichnet  den  Türhüter   • • • • •

droht mit seiner Macht und anderen Instanzen, verhält sich erhaben/überheblich lockt den Mann trotzdem, ist herablassend, zynisch täuscht vor, fürsorglich zu sein (gibt ihm einen Schemel) ist aber eigentlich gleichgültig ist nicht so seriös, wie jemand sein sollte, der etwas Besonderes / Wichtiges repräsentiert ähnelt einem Beamten in einer Bürokratie, tut seine Pflicht, existiert nur für den Mann

3.  Mögliche  Parallelen  zu  Josef  K.  und  seinem  Prozess: • Josef  K.  entspricht  in  seinem  Verhalten  dem  Mann  vom  Lande,  er  scheint  sich  darin  wiederzuerkennen.  Das   Verhalten  der  Wächter  im  1.  Kapitel  ähnelt  bspw.  sehr  dem  des  Türhüters • Fast  alle  (männlichen)  Personen,  denen  K.  begegnet,  haben  etwas  vom  Türhüter  an  sich  (z.B.  Titorellis  Vita-­‐ lität,  der  Advokat,  der  Direktor-­‐Stellvertreter),  sie  stehen  für  K.  vor  dem  Gesetz  und  halten  ihn  davon  ab,   durch  die  Tür  zu  gehen. • Ihm  bleibt  das  „Gesetz“  weiterhin  verborgen,  auch  er  hat  es  nur  mit  Türhütern  zu  tun. • Er  lässt  sich  von  den  Handlungen  und  Erklärungen  der  zum  Gericht  Gehörigen  beeinflussen  und  hinhalten   (Advokat  Huld,  Kaufmann  Block,  Titorelli). • Er  versucht  sich  zunehmend  mit  den  möglichen  Helfern  gut  zu  stellen  (die  Frauen,  Titorelli) • Er  zögert  Entscheidungen  zunehmend  hinaus  (die  Eingabe,  die  Kündigung) • Er  versucht,  die  Türhüter  für  sich  einzunehmen  (z.B.  Gefälligkeitskauf  der  drei  Heide-­‐Bilder) • K.  lässt  in  seinem  Widerstand  gegen  den  Prozess  immer  stärker  nach  und  wird  demüVger,  kindlicher. • Josef  K.  ermüdet  auch  körperlich,  wenn  er  mit  dem  Gericht  konfronVert  ist • Er  handelt  und  entscheidet  nicht  frei,  sondern  lediglich  reagierend.   • Er  erkennt  erst  am  Schluss,  dass  er  sein  Leben  verwirkt  hat,  dass  seine  Schuld  in  seiner  Entscheidungslosig-­‐ keit  besteht  (Kaplan:  „zu  viel  fremde  Hilfe.“  S.  195) 4.  Das  folgende  Gespräch  (die  „Exegese“)  behandelt  die  Frage:  Wer  ist  der  „Getäuschte“?   • K.  verteidigt  den  Mann  vom  Land:  Er  sei  der  Getäuschte.  K.  scheint  sich  in  dessen  Schicksal  wiederzufinden.   • Der  Kaplan  stellt  die  „Meinung“  dagegen,  dass  auch  der  Türhüter  ein  Getäuschter  sei:  Er  ist  der  durch  die   Pflicht  „Gebundene“,  der  Mann  vom  Land  hingegen  bleibt  „freiwillig“  sitzen,  die  „Geschichte  erzählt  von   keinem  Zwang“.  Kaplan:  „Vor  allem  ist  der  Freie  dem  Gebundenen  übergeordnet.“  (S.  201) • Der  Kaplan  äußert  eine  driae  „Meinung“:  Diener  des  Gesetzes  zu  sein  ist  unvergleichlich  mehr,  „als  frei  in   der  Welt  zu  leben.“  (S.  203) Und  welcher  Meinung  sVmmen  SIE  zu?

K. Dautel 2011