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VORWORT Als Karl August Varnhagen von Ense 1823 einen Sammelband Goethe in den Zeugnissen der Mitlebenden veröffentlicht und Goethe überreicht hatte, ...

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VORWORT Als Karl August Varnhagen von Ense 1823 einen Sammelband Goethe in den Zeugnissen der Mitlebenden veröffentlicht und Goethe überreicht hatte, entwarf dieser die folgende Stellungnahme: Man hat einen Octavband herausgegeben: »Goethe in den wohlwollenden Zeugnissen der Mitlebenden.« Nun würde ich rathen ein Gegenstück zu besorgen: »Goethe in den mißwollendcn Zeugnissen der Mitlebenden.« Die dabei zu übernehmende Arbeit würde den Gegnern leicht werden und zur Unterhaltung dienen; auch würde sie einem Verleger, dem Gewinn von allen Seiten her guten Geruch bringt, sichern Vortheil gewähren. Zu diesem Vorschlag bewegt mich die Betrachtung, daß, da man mich aus der allgemeinen Literatur und der besondern Deutschen jetzt und künftig, wie es scheint, nicht los werden wird, es jedem Geschichtsfreunde gewiß nicht unangenehm seyn muß, auf eine bequeme Weise zu erfahren, wie es in unsern Tagen ausgesehen und welche Geister darinnen gewaltet. Mir selbst würde ein solches Unternommene bei dem Rückblick auf mein eigenes Leben höchst interessant seyn; denn wie sollt’ ich mir leugnen, daß ich vielen Menschen widerwärtig und verhaßt geworden und daß diese mich auf ihre Weise dem Publicum vorzubilden gesucht. Ich dagegen bin mir nur bewußt, daß ich niemals unmittelbar gegen Mißwollende gewirkt, sondern daß ich mich in ununterbrochener Thätigkeit erhalten und sie, wiewohl angefochten, bis ans Ende durchgeführt habe.1

Goethe hat diesen ›Vorschlag‹ selbst nicht veröffentlicht. Wie er tatsächlich mit den ›Mißwollenden‹ verfuhr, mag das folgende mit »B. und K.« überschriebene Gedicht belegen. B. und K. sind Karl August Böttiger und August von Kotzebue: Ihr möchtet gern den brüderlichen Schlegeln Mit Beil und Axt den Reise-Kahn zerstücken; Allein sie lassen euch schon weit im Rücken, Und ziehen fort mit Rudern und mit Segeln. Zwar wär’ es billig, diesen frechen Vögeln Auch tüchtig was am bunten Zeug zu flicken; Doch euch, ihr Musenlosen, wird’s nicht glücken; Drum, Flegel, bleibt zu Haus mit euern Flegeln. Dramatisch tanzt ein Esel vor Apollen, Und reichet traulich seinem Freund die Pratschen Dem Häßlichzerrer besserer Naturen.

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Johann Wolfgang Goethe: Ästhetische Schriften 1821-1824, hrsg. von Stefan Greif und Andrea Ruhlig. Frankfurt am Main 1998, S. 699. (Frankfurter Ausgabe, I. Abteilung, Bd. 21.)

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Karl Eibl, Bernd Scheffer Der liefert Hexen, jener liefert Huren, Und beide hören sich aus einer vollen Parterrekloak’ bejubeln und beklatschen. Schämt euch, ihr Bessern, auch mit einzupatschen Die Müh, uns zu vernichten, ist verloren: Wir kommen neugebärend, neugeboren.2

Böttiger, der langjährige klassisch-philologische Zuarbeiter am Weimarer Gymnasium, hatte sich selbständig gemacht und mit dem Erfolgsdramatiker Kotzebue, dem Zentrum der Weimarer Opposition gegen Goethe, zusammengetan. Dieser lag zudem in Fehde mit den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel, die damals zur Gruppe der nahezu rückhaltlosen GoetheVerehrer gehörten. Bald weitete sich das aus: Zur Gruppe der Gegner stieß Garlieb Merkel, und in der Berliner Zeitschrift Der Freimüthige, die sie seit 1803 herausgaben, wurden Goethe als Person sowie das unter seiner Leitung stehende Weimarer Theater und die Jenaer Universität immer wieder mit hämischen Berichten bedacht. Öffentlich hat Goethe sie ignoriert. Die private Reaktion suchte sich ein Medium, das den Zorn zu bändigen vermochte und Überlegenheit signalisierte: Hier die besonders kunstvolle Form des sonetto codato, des ›geschwänzten‹ Sonetts, das die Form des Sonetts um ein drittes Terzett erweitert. Einen anderen Typus von Goethe-Gegnern mag Johann Friedrich Pustkuchen repräsentieren. Als im Jahre 1821 die erste Fassung von Wilhelm Meisters Wanderjahren erschienen war, brachte dieser Quedlinburger Pastor unter dem gleichen Titel eine Art Parodie (die ›falschen Wanderjahre‹) heraus, die bis 1828 auf fünf Bände anschwoll und in der Goethe aus dem Munde Goethescher Helden der Charakter- und Sittenlosigkeit und des reinen Virtuosentums bezichtigt wurde. Das musste nur noch um den Vorwurf der politischen Indifferenz, wenn nicht Gesinnungslumperei ergänzt werden, und der klassische Kanon der Goethe-Schelte war fertig: Wolfgang Menzel blieb es vorbehalten, dies aus burschenschaftlicher Perspektive zu tun, zuerst in seiner Geschichte der deutschen Literatur von 1828, dann in immer neuen Stellungnahmen: Goethe ein Wüstling, ein Höfling, ein undeutscher Diener des Zeitgeschmacks. Auch seiner hat Goethe einmal gedacht und dabei die Kontinuität auf seine Art betont: Verwandte sind sie von Natur, Der Frischling und das Ferkel; So ist Herr Menzel endlich nur Ein potenzierter Merkel.3

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Johann Wolfgang Goethe: Gedichte 1800-1832, hrsg. von Karl Eibl. Frankfurt am Main 1988, S. 752 f. Ebd., S. 770.

Vorwort

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Von dieser polemischen Art Goethe-Kritik wird auf den folgenden Seiten jedoch kaum die Rede sein. Es genügt, sie der Ordnung halber in der Einleitung zu erwähnen. Denn was bei Pustkuchen, vielleicht auch bei Menzel noch ehrlicher Empörung entsprang, wurde im Laufe der weiteren Kanonisierung Goethes zum unvermeidlichen Begleitgeräusch des Ressentiments, das vor keiner Verdächtigung und keiner Geschmacklosigkeit zurückschreckte, um dem Großen etwas anzuhängen. Das mag auf sich beruhen.4 Es gibt aber auch eine andere Art von Goethe-Kritik, die ernster zu nehmen ist. Ihr Erkenntniswert liegt darin, dass Goethe und sein Werk immer wieder gerade in den Konfliktzonen der deutschen Kulturgeschichte zur Herausforderung wurden. Der erste große Erfolg, der Werther, brachte die Aufklärer gegen ihn auf. In der Periode der Zusammenarbeit mit Schiller, der ›Klassik‹, betätigte er sich selbst als Polemiker, gegen die expandierende Trivialliteratur, doch auch gegen die Physik Newtons. Die Römischen Elegien trugen ihm den Ruf des Sittenverderbers ein. Spätestens seit der Periode der Wahlverwandtschaften festigte sich dieser Ruf. Seine Alterswerke, der Westöstliche Divan, Wilhelm Meisters Wanderjahre und Faust II, fanden zwar nicht mehr zu einem breiteren Publikum, doch war es nun Goethes Ruhm, der die Gemüter spaltete. Erst 1871, mit der Reichsgründung und dem aus ihr erstandenen offiziellen Klassikerbedarf schien Goethe ein Dichter aller Deutschen zu werden: »Der liebe Gott war im Himmel, Bismarck im Reichstag, Goethe auf dem Parnaß: alles war in bester Ordnung«5 – nicht zuletzt, weil die Unterscheidung von jungem Goethe und klassischem bzw. spätem Goethe gleich zwei (oder gar drei) Goethes parat hielt: Revolutionär gesonnene Literaturfreunde konnten den Dichter der Prometheus-Ode verehren, Anhänger der Bewahrung mochten sich in manchen abgeklärten Weisheiten seiner späteren Jahre wiederfinden. Dass die Deutschen darum ein Volk Goethes geworden wären, wie manche meinten, wird man kaum sagen können. Abgesehen von den 30 % Analphabeten, die 1871 in Preußen gezählt wurden, und von den 35 % deutschen Katholiken, deren geistiger Führung die ganze Klassik ein Gräuel war: Goethe-Lektüre blieb eine Angelegenheit von Minderheiten. Für die Mehrheit sorgte Georg Büchmann mit seinen Geflügelten Worten6: Auch die deutsche Bildungselite war nicht von Goethe imprägniert, Goethe war sozusagen ab-

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Kompetenteste zusammenfassende Auskunft gibt die Textsammlung: Goethe im Urteil seiner Kritiker, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Karl Robert Mandelkow. 4 Bde. München 1975-1984. Siehe ferner die Darstellung: Karl Robert Mandelkow: Goethe in Deutschland. Rezeptionsgeschichte eines Klassikers. 2 Bde. München 1980 und 1989. Wolfgang Leppmann: Goethe und die Deutschen. Vom Nachruhm eines Dichters. Stuttgart 1962, S. 98, über Herman Grimms Goethe-Buch. Georg Büchmann: Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des Deutschen Volkes. Berlin 1864 [und viele Male später].

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wischbar. So war denn auch die Wahl Weimars als Ort der verfassunggebenden Nationalversammlung von 1919 eine rhetorische Geste ohne Folgen. 1949 schrieb Jens Daniel (der junge Rudolf Augstein): »Der abendländische Geist, und das ist der Geist Goethes, hat in Goethes eigenem Land die KZ nicht verhindert.«7 Natürlich ist das keine Kritik an Goethe, sondern eine Kritik an der Goethe-Verwendung. Oder anders gesagt: Es geht nicht um Goethe, es geht um den Streit um Goethe, um die Geltung eines noch immer als klassisch eingestuften Nationalautors und den Umgang mit ihm. Das war auch der Impuls, dem die Ringvorlesung an der Münchner LudwigMaximilians-Universität entsprang, aus der die Beiträge dieses Bandes hervorgingen. Goethes Kritiker, wie sie in diesem Band versammelt sind, markieren Positionen des Streits um Goethe. Deshalb konnten wir die schnellen Verurteiler ebenso wenig brauchen wie die blinden Verehrer. Wichtig waren die ›Wohlwollenden‹, die gleichwohl ihr Unbehagen nicht unterdrücken konnten, und die ›Mißwollenden‹, die gleichwohl sich zum Respekt gezwungen sahen. Angestrebt war dabei weder Systematik noch gar Vollständigkeit: Es sollten einige Schlaglichter geworfen werden auf ein Feld, das nur scheinbar abgegrast, in Wirklichkeit voller Überraschungen ist, wenn man nur das Prinzip des starren Entweder-Oder verlässt und nach dem des Sowohl-Als auch, des Einerseits-Andrerseits und des Ja-aber oder Nein-aber fahndet. Wir danken den Beiträgern für die Bereitstellung ihrer Vorträge und die Disziplin, mit der sie uns das Leben erleichtert haben, und Katja Mellmann für die Redaktion und die Herstellung der Druckdatei. Karl Eibl, Bernd Scheffer

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Goethe im Urteil seiner Kritiker (Anm. 4), Bd. 4, S. 333 (Der Spiegel 3, 1949, Nr. 36, S. 25).