Vorwort IX

Vorwort IX

Vorwort Die Tätigkeit unserer Arbeitsgemeinschaft hat sich dank der Initiative ihrer Mitglieder bereits gut etabliert. Nach der ersten Phase des Kenne...

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Vorwort Die Tätigkeit unserer Arbeitsgemeinschaft hat sich dank der Initiative ihrer Mitglieder bereits gut etabliert. Nach der ersten Phase des Kennenlernens sind wir schon fast unbemerkt in eine zweite Phase eingetreten, die gewissermaßen die Normalität darstellt: eine selbstverständliche, kontinuierliche Kooperation. Es ist eine schwierige Aufgabe, die damit ansteht, denn sie verlangt Ausdauer und Zähigkeit, sie wird aber auch die Ernsthaftigkeit unserer Bemühungen erweisen und kann zu wichtigen Ergebnissen führen. Es erscheint uns günstig, über die weiterhin notwendigen Informationen zum Stand der Forschung hinaus für diese Phase die Arbeit in konkreten Projekten zu konzentrieren. Zwei Themen schlagen wir dafür vor. Musikerbriefe in Mittel- und Osteuropa: Die Entwicklung der Musikkultur in Mittel- und Osteuropa war immer von einem regen Austausch gekennzeichnet. Die kulturellen Beziehungen waren lebendig. Viele Musiker aus Westeuropa, speziell auch deutschsprachige, wirkten im Osten und umgekehrt, und viele Musiker achteten darauf, ihre Ausbildung in Leipzig, Berlin, Wien oder Paris zu vervollkommnen. Diese Beziehungen sind in zahlreichen Musikerbriefen dokumentiert, in denen die Betroffenen Verwandten und Freunden über ihre Erfahrungen berichten und Geschäfte abwickeln. Aber auch die Korrespondenz vor Ort läßt immer wieder die Bedeutung regionaler und europäischer Bezüge deutlich werden. Die Bearbeitung solcher Briefe deckt das komplizierte Beziehungsgef1echt des Musiklebens auf. Es spiegelt in besonderem Maße regionale und europäische Musikkontakte wider und ist eine erstrangige Quelle für die musikalische Kulturgeschichte Mittel- und Osteuropas. Briefausgaben sind derzeit eine besonders bevorzugt behandelte Aufgabe der Musikwissenschaft. Nachdem die starke Konzentration auf das musikalische Werk als absolute Größe in die Diskussion geraten ist, weil die damit verbundene Wertehierarchie auf ihre sozialen Bedingungen hin zu befragen sich nicht als überflüssig erwiesen hat, ist die Musik als kulturhistorische Größe wieder stärker in das Blickfeld geraten. Dies ist besonders wichtig, weil die Musikwissenschaft

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unter den Prämissen des bürgerlichen Nationalstaats sich als gänzlich national bedingt entwickelte. Die absolute, immanente Betrachtung der Musik tendiert aber gerade dazu, die sakrosankte Stellung der Musik als Nationalgut zu festigen. Die Wirkungszusammenhänge dieser Musikanschauung mit politischen und sozialen Gegebenheiten in Beziehung zu setzen und in ihrer historischen Bedingtheit zu verstehen, ist ein erklärtes Ziel der kulturhistorischen Betrachtung, zu der Briefeditionen eine wichtige Quellenbasis darstellen. Die Organisation eines solchen internationalen Projekts benötigt eine Arbeitszentrale, die selbst Korrespondenzen herausgibt, somit über das editorische und technische Fachwissen verfügt und auf dieser Grundlage eine Betreuung einzelner Wissenschaftler in Außenstellen gewährleistet. Sodann werden einzelne Projekte als Arbeitsauftrag oder Werkvertrag vergeben. Kollegen weisen auf interessante Briefwechsel hin, die zu veröffentlichen sich lohnt. Solche Angebote sind zu prüfen und im Falle positiven Bescheides mit einem zu kalkulierenden Geldbetrag zu unterstützen. Die Ergebnisse werden im Internet veröffentlicht. Darauf wird in unserem Periodikum "Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa" ausführlich hingewiesen. Opernhäuser in Mittel- und Osteuropa: Keine Angst vor fächerübergreifenden Themen! Im Gegenteil, sie erfreuen sich gegenwärtig erhöhter Aufmerksamkeit und Förderung, da sie aus möglicher Fächerisolation herausführen. Auf die Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern, Theaterwissenschaftlern, Historikern etc. zielt das Projekt zur Erforschung von Opern- und Konzerthäusern der genannten Regionen. Tatsächlich ist einerseits die interdisziplinäre Erforschung von Musikstätten seitens der Musikwissenschaft insgesamt ein vernachlässigtes Thema (dies hängt mit der geringen Schätzung kulturgeschichtlicher Fragestellungen in der Vergangenheit zusammen), andererseits sind die Kulturdenkmäler dringend zu dokumentieren, da dies der erste, notwendige Schritt zu weiterer Erhaltung und verantwortungsvoller Sanierung ist. Zunächst wäre eine Bestandsaufnahme zu leisten, sodann eine Problematisierung des Themas, die Erstellung einer Bibliographie und Konzipierung von Untersuchungs kriterien vorzunehmen. Die vielschichtigen Zusammenhänge, die aus ver-

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schiedenen Blickwinkeln zusammengetragen werden, erhellen sich gegenseitig und befördern Einsichten, die über spezielles Fachwissen hinausführen. Vielleicht werden einige Kolleginnen und Kollegen nun bemerken, daß dies ein Programm für den Rest unser aller Dienstzeit darstellt, aber genau das soll es auch sein. Nachdem unsere Zusammenarbeit über nun zehn Jahre hinweg aufgebaut worden ist, sollten wir die Ziele genauer definieren, um auch qualitativ zu intensiverer Forschung zu gelangen. Wir werden uns darum bemühen, auf speziellen Tagungen die bei den Themen zu diskutieren. Unsere vorliegenden Mitteilungen bilden für diese beiden Projekte die Informationsgrundlage. Darüber hinaus gibt es eine große Menge an Themen, die vorrangig zu bearbeiten sind, auch wenn sie in unseren Mitteilungen manchmal nur in einzelnen Beiträgen angesprochen und nicht ausführlich ausdiskutiert werden können. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben Musik und Musikleben nachhaltig geprägt, und es gibt die Notwendigkeit einer Aufarbeitung des Geschehenen. Wir dürfen uns nicht vor diesem vielfach schmerzlichen Thema verschließen, sondern müssen es zumindest thematisieren. Dazu fordert der Ausschnitt über Svjatoslav Richter aus der Schrift von Vladimir Smirnov auf. Das Thema Karol Mikuli ist in den letzten Heften ausführlicher behandelt worden und bildet ein willkommenes Beispiel dafür, wie unsere Zusammenarbeit über heutige politische Grenzen hinweg notwendig und möglich ist. Eine Ergänzung zu dem Beitrag "Weiteres zu Arthur Lourie" in Heft 5 läßt uns Monsieur Vincent Laloy, der Verwalter des Pariser Nachlasses, zukommen: der Nachlaß Arthur Lourie ist ab sofort in der PaulSacher-Stiftung Basel allgemein zugänglich. Es bleibt die Entschuldigung für Druckfehler, die uns immer wieder entgehen, vor allem auch die fehlerhaften Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis von Heft 5. Bitte bleiben Sie uns gewogen. Helmut Loos Eberhard Möller

Chemnitz, Juni 2000 XI