Vorwort

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Die Enkel des 20. Juli 1944 Zum Umgang mit einem historischen Erbe Dokumentation einer Abendakademie am 15. Juli 2004 Herausgegeben von Dr.Meike Wage...

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Die Enkel des 20. Juli 1944

Zum Umgang mit einem historischen Erbe Dokumentation einer Abendakademie am 15. Juli 2004 Herausgegeben von Dr.Meike Wagener-Esser Mit Beiträgen von Thomas Auchter Dr. Ulrich Heinemann

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Falkenweg 6 D-45478 Mülheim/Ruhr Telefon 0208 / 9 99 19 - 0 Telefax 0208 / 9 99 19 - 110 Email [email protected] Internet http://www.die-wolfsburg.de

Inhalt Vorwort.................................................................................................................................. 5

Dr. Ulrich Heinemann

„In den Herzen der Deutschen nie wirklich Wurzeln geschlagen“ Betrachtungen zur Rezeptionsgeschichte des 20. Juli 1944....................................................7

Thomas Auchter

Die Bedeutung von Vergangenheit und Generationenfolge für die Gegenwart (‚Enkel des 20. Juli‘)...............................................................................................................24

Vorwort

Die Enkel der Widerständer des 20. Juli tragen ein schweres Erbe mit sich: nach dem missglückten Attentat auf Hitler und der Hinrichtung der sogenannten „Verschwörer“ wurden ihre gesamten Familien in eine „Sippenhaft“ genommen. Witwen wurden verhaftet, Söhne an die Front geschickt, kleinere Kinder von der Mutter getrennt, Geschwister auseinandergerissen. Bis Mitte der 60er Jahre wurde in der Öffentlichkeit und oftmals in der eigenen Familie über die Rolle der Großväter geschwiegen. Innerhalb der Gesellschaft der jungen Bundesrepublik wurde das Thema Nationalsozialismus häufig verdrängt und wurden die Attentäter des 20. Juli teilweise sogar als Vaterlandsverräter gebrandmarkt. Im Zuge des Gedenkens an den 60. Jahrestag des misslungenen Attentats auf Hitler hat die Wolfsburg in einer „Akademie am Abend“ den Blick auf die Enkelgeneration der Attentäter gerichtet. Zum Thema referierten der Historiker Dr. Ulrich Heinemann, der Psychoanalytiker Thomas Auchter und die Enkelin Henning von Tresckows, Dr. Felicitas von Aretin. Im folgenden Internetskript sind die Beiträge von Herrn Dr. Heinemann und von Herrn Auchter nachzulesen, Frau Dr. von Aretin las aus dem ersten Kapitel ihres neu erschienenen Buches „Die Enkel des 20. Juli 1944“ (Verlag Faber & Faber, 2004).

Dr. Meike Wagener-Esser Dozentin der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“

Dr. Ulrich Heinemann

Betrachtungen zur Rezeptionsgeschichte des 20. Juli 1944

In den folgenden Betrachtungen geht es nicht um die Ursachen und Folgen des 20. Juli 1944, auch nicht um Leistung und Versagen der Träger dieser Verschwörung. Es geht nicht um die Geschichte des Attentats als historisches Ereignis; es geht vielmehr um die Geschichte dieser Geschichte, genauer gesagt um die Rezeptionsgeschichte eines Ereignisses, dessen 60. Wiederkehr wir in diesem Jahr feiern.

In dieser Rezeptionsgeschichte verbinden sich Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik zu einer kaum noch auflösbaren Einheit. Denn einerseits war und ist die öffentliche Darstellung des 20. Juli nie frei von gesellschaftlichen oder politischen Zwecken gewesen, andererseits hat die Widerstandsforschung stets auch diese Instrumentalisierung des Attentats entweder legitimiert oder aber kritisiert.

Dass das so ist, liegt auch am Gegenstand selbst. Es ist nahezu unmöglich, den Widerstand gegen Hitlers Unrechtsregime und die Männer, die sich gegen den Diktator verschworen, mit einem distanzierten Blick zu beschreiben. Weit näher liegt dagegen die verklärende Aufgipfelung des Widerstandes zur Heldentat und die strukturelle Affinität jeder Widerstandsgeschichte zum Mythos.

Insofern kann man die Rezeptionsgeschichte des 20. Juli 1944 auch als Arbeit am Mythos lesen und wie sehr das der Fall ist, lässt sich beispielsweise an dem Erinnerungsbild aufzeigen, das die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Jubiläumsjahr 1994 gezeichnet hat.

In den Darstellungen der FAZ, die stets eine besondere Affinität zum Vermächtnis des 20. Juli hatte, stach noch ein halbes Jahrhundert nach dem Attentat das heroische Element der Verschwörer besonders stark hervor. Da ist vom "Mut zum stellvertretenden Opfer im Reich des Bösen" die Rede, ein Mut, der noch 50 Jahre später zutiefst erschüttere, rühre und ergreife, wie Jens Jessen am 20. Juli 1994 schreibt.

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In derselben Ausgabe nennt Günther Gillessen den 20. Juli 1944 das "strahlendste Ereignis dieser schändlichen Zeit" und fügt hinzu, dass die Erinnerung daran "politisch einigend und sinnstiftend" wirken könne. Allerdings dürfe es dann in der ehemaligen Bendlerstraße in Berlin, dem Ort, an dem die Männer des 20. Juli "das Letzte wagten und starben ... keinen Platz für Pieck und Ulbricht und das Nationalkomitee Freies Deutschland geben".

Schon in diesen kurzen Zitaten wird der mythische Einschlag dieses wagnerschweren Geschichtsbildes deutlich. Begriffe wie "stellvertretendes Opfer", "Reich des Bösen", "das Letzte wagen" weisen darauf hin. Erkennbar wird aber hier - stellvertretend für die Rezeptionsgeschichte insgesamt - dass das Bild, das die FAZ zeichnet, von sehr selektiven Vereinnahmungsbestrebungen geprägt ist und stark auch von Ausgrenzungstendenzen. Dies hat mit den Verschwörern, von denen einige durchaus mit einer Einbeziehung der Kommunisten liebäugelten, herzlich wenig zu tun sehr viel aber mit den ideologisch-politischen Legitimationsbedürfnissen unmittelbar nach der Wende.

Solche Vereinnahmungen und Ausgrenzungen kennzeichnen die gesamte Rezeptionsgeschichte des 20. Juli 1944. Darauf wird im Folgenden eingegangen. Es wird versucht, die Entstehung und Entwicklung des Geschichtsbildes vom 20. Juli in den verschiedenen Phasen und in der jeweiligen Verschränkung von Forschung und politischer Instrumentalisierung nachzuzeichnen. Beleuchtet werden die Akteure, die am Mythos des 20. Juli gearbeitet haben und auch diejenigen werden nicht vergessen, die sich im kritischen Sinne mit ihm auseinander setzten. Schließlich soll geklärt werden, warum diese Arbeit nicht den erhofften Erfolg hatte, weshalb sich der Mythos nicht lenken ließ, warum die Rezeptionsgeschichte des 20. Juli keine reine Erfolgsgeschichte gewesen ist und weshalb das Attentat selber nicht der für alle Bevölkerungsschichten konsensfähige deutsche Erinnerungsort geworden ist, den sich meinungsprägende Deutsche, wie Theodor Heuss oder Marion Gräfin Dönhoff, so sehnlich gewünscht haben.

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Für die NS-Führung selbst war das Attentat ein Schock, der unerwartet kam. Keineswegs wurde Stauffenbergs Tat aber als Vorbote der kommenden Katastrophe gedeutet. Das Scheitern des Obersten und seiner Freunde schien vielmehr den Mythos des "Führers", der von der Vorsehung beschützt wird, neu zu legitimieren. Wie wir aus den Goebbels-Tagebüchern wissen, wurde der 20. Juli bei Hitler selber und in seinem Umfeld zu einer Art "Lieblingsthema". Goebbels sprach von einer "Reinigungskur", vom "Stichtag unserer Wiedererhebung" und davon, dass das missglückte Attentat "am Ende zu einer ungeheuren Stärkung des nationalsozialistischen Regimes führen werde".

Das war natürlich eine Illusion. Richtig daran ist immerhin soviel: Das Attentat stieß in der deutschen Bevölkerung auf weit mehr Ablehnung als auf Zustimmung. Für viele Deutsche war, wie der englische Historiker Ian Kershaw schreibt "die Aktion der Männer vom 20. Juli ein Sakrileg".

An dieser negativen Einstellung der Deutschen zu den Attentätern änderte auch das Kriegsende nichts. Im Gegenteil: Die Verschwörer und ihre Tat stießen nach 1945 auf mehr oder weniger offene Feindseligkeit, die einige Jahre anhalten sollte. Noch 1951 missbilligten 30 % der Westdeutschen das Attentat. Nicht einmal 40 % bewerteten den militärischen Umsturzversuch positiv. Vor allem von der Mehrheit der Kriegsteilnehmer wurde ihre Tat als Verrat an den Frontsoldaten begriffen.

Auch die neuen westdeutschen Eliten - einschließlich der Justiz und der Kirchen standen den Männern des 20. Juli anfangs sehr distanziert gegenüber. Entsprechend vorsichtig und taktierend verhielt sich auch die politische Führung. Eine zu starke Hervorhebung der Männer des 20. Juli hätte als Missbilligung des Verhaltens der übergroßen Mehrheit der Deutschen erscheinen können. Diese Distanz bekamen nicht zuletzt die Überlebenden der Verschwörung schmerzhaft zu spüren, auch diejenigen, die sich wie Jakob Kaiser, Andreas Hermes, Theodor Steltzer, Hans Lukaschek, Paulus van Husen, Otto Heinrich von der Gablentz, Hans Peters und Eugen Gerstenmaier der CDU angeschlossen hatten.

Als betont nationalbewusste Skeptiker, der von Konrad Adenauer betriebenen Westbindung und als Anhänger einer Brückenfunktion Deutschlands, waren sie dort von Anfang an isoliert und gerieten bald schon ins Niemandsland der neuen Fronten des Kalten Krieges. Die meisten von ihnen verloren rasch jeden Einfluss. Das beste Beispiel dafür ist Hans Lukaschek. Als Vertriebenenminister musste er bei der Bildung des zweiten Kabinetts Adenauer im Jahre 1953 dem ehemaligen NS-Gauamtsleiter und hochrangigen SA-Mitglied Theodor Oberländer weichen.

Weiter in Misskritik brachte die Überlebenden des Widerstandes der Fall Otto John, der als ehemaliger Kämpfer gegen Hitler Präsident des Bundesamtes für den Verfassungsschutz wurde und 1954 zu den Kommunisten nach Ostberlin überlief.

Auf der anderen Seite gab es schon früh gegenläufige Tendenzen. Führende Repräsentanten der neuen Bundesrepublik, wie Bundespräsident Theodor Heuss und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, setzten sich bereits zu Beginn der 50er Jahre für eine Neubewertung des 20. Juli 1944 ein. Beide verwiesen vor allem in ihren Reden zum 10. Jahrestag des Attentats in viel beachteten Reden immer wieder auf die Bedeutung dieser Tat für den Neuanfang im Nachkriegsdeutschland. Heuss nannte in diesem Zusammenhang den 20. Juli ein "Geschenk an die deutsche Zukunft".

Mit dieser politischen Fürsprache von berufener Seite wurde ein wichtiger Anfang gesetzt. Auch in den Medien und in einer breiteren Öffentlichkeit traten die Verschwörer jetzt allmählich aus dem Halbdunkel der Geschichte. Zwei überaus erfolgreiche Filme über Stauffenberg, darunter der "20. Juli" mit Wolfgang Preiss in der Rolle des Attentäters und ein viel beachteter Film über "Wilhelm Canaris" mit O. E. Hasse in der Titelrolle setzten den Widerstandskämpfern in der Mitte der 50er Jahre ein künstlerisches Denkmal und markierten gleichzeitig den Beginn ihrer Idealisierung. Im Zuge der Westintegration der Bundesrepublik, im Laufe der wirtschaftlichen Erholung setzte sich im Inland und auch im westlichen Ausland immer stärker die Einsicht durch, dass das "andere Deutschland" auch das bessere Deutschland gewesen sei.

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Vor allem für die neu gegründete Bundeswehr, deren erste Führung noch in den Attentätern eine Gefahr für das Gehorsamsprinzip gesehen hatte, bekam der 20. Juli Vorbildfunktion. Zunehmend berief man sich auf die Verschwörer und ihre preußischen Werte. Das hatte den Vorteil, dass man umso leichter über die vielen personellen Kontinuitäten der neuen Armee zur nationalsozialistischen Wehrmacht hinwegsehen konnte.

Bedeutsam wurde die allmähliche Rehabilitation des 20. Juli auch für die Reintegration des deutschen Adels, der mit dem Ende des Dritten Reiches seine staatstragende Stellung endgültig verloren hatte. Gerade wegen der erstaunlich hohen Zahl adeliger Verschwörer geriet jede Würdigung des 20. Juli fast automatisch auch zu einer öffentlichen Würdigung der Aristokratie - des "christlichen Adels Deutscher Nation", wie Theodor Heuss es ausdrückte. Das erleichterte eine neue Identitäts- und Traditionsstiftung im Adel selber, das ermöglichte seine Annäherung an die Demokratie und das half schließlich vielen Adelsfamilien, sich als "Prestige-Oberschicht" an der Spitze der deutschen Gesellschaft zu halten.

Zu Beginn der 60er Jahre waren dann aus den ehemals verketzerten Attentätern endgültig Lichtgestalten geworden, Persönlichkeiten ohne Fehl und Tadel, die moralisch über jeden Zweifel erhaben, ausschließlich aus ethischen Motiven, von Anfang an oder mindestens sehr früh - jedenfalls mit letzter Entschlossenheit - der Tyrannis getrotzt hatten. Die Geschichtswissenschaft jener Zeit untermauerte noch dieses Geschichtsbild. Einflussreiche Historiker wie Hans Rothfels und Gerhard Ritter, die sich nicht mit dem Nationalsozialismus eingelassen hatten, verliehen der Kanonisierung des 20. Juli in ersten zusammenfassenden und viel gelesenen Arbeiten wissenschaftliche Weihen. Das "andere Deutschland", das waren jetzt allein der 20. Juli und seine Vertreter, die im Nachhinein zu geistigen Vätern des Grundgesetzes und der westdeutschen Demokratie stilisiert wurden.

Demgegenüber gerieten in Westdeutschland alle übrigen Vertreter und Formen der Oppositionen gegen Hitler - vielleicht mit Ausnahme der Weißen Rose - aus dem Blick - und das galt in besonderer Weise für den Widerstand aus der Arbeiterbewe-

gung. Der 20. Juli wurde - wie die Historikerin Regina Holler herausgearbeitet hat zum "Gedenktag nach außen", auf den sich die politische Klasse Westdeutschlands berief, um die Kollektivschuldanklage abzuwehren, die namentlich aus dem Osten von jenseits des neu errichteten Eisernen Vorhangs - noch immer in schöner Regelmäßigkeit erhoben wurde.

Begründet, fundiert und ausgeschmückt wurde das jetzt zur Heldentat geadelte Attentat des 20. Juli vor allem von den Zeitzeugen. Die mündlichen und schriftlichen Berichte von Männern und Frauen wie Hans Berndt Gisevius, Fabian von Schlabrendorff, Annedore Leber, Marion Gräfin Dönhoff, Eugen Gerstenmaier, Ewald Heinrich von Kleist-Schmenzin, Erich Kordt, Christoph Freiherr von Gersdorff, Axel von dem Bussche u. a. machten Furore. Ihre Erinnerungen bekamen in der Forschung den Charakter von authentischen historischen Quellen. Das lag vor allem daran, dass es zunächst aus dem inneren Kreis der Verschwörung kaum schriftliche Überlieferungen gab, sieht man einmal von den wichtigen Hassel-Tagebüchern ab. Es hatte auch damit zu tun, dass die Gestapoverhörberichte der so genannten "KaltenbrunnerKommission" unvollständig waren und dass sie von einem "braun" angehauchten Verlag veröffentlicht wurden. In diese Lücke stießen die Zeitzeugenberichte, die gewissermaßen "eins zu eins" in die rasch wachsende wissenschaftliche Widerstandsliteratur übernommen, dort fortgeschrieben und wohl auch fortgesponnen wurden. Das eindrucksvollste Beispiel dieser Erinnerungsarbeit und Ausgangspunkt vieler weiterer Forschungsarbeiten ist Peter Hoffmanns Buch "Widerstand - Staatsstreich Attentat", das 1969 erschien, auf zahllosen Zeitzeugenäußerungen basiert und noch heute als Standardwerk des deutschen Widerstandes gilt.

Exemplarisch lässt sich an dieser Pionierarbeit auch die Haupttendenz der Literatur zum 20. Juli bis in die 70er Jahre hinein ablesen. Die Verschwörung wurde als ein großes Martyrium dargestellt, getragen von einer von Anfang an alles aufopfernden, alles riskierenden Oppositionshaltung. Widerstandsforscher wie Peter Hoffmann ließen dabei häufig genug die professionelle Sorgfalt des Historikers außer Acht. Nur in den wenigsten Fällen hat er die Äußerungen der vielen Zeitzeugen, die er befragte, der Quellenkritik unterzogen. In seinem Buch wurde die häufig genug komplexe Situation der Nachkriegszeit, in der die Zeugen ihre Aussagen machten, nie wirklich re-

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flektiert. Nicht ansatzweise wurde beispielsweise deutlich, dass viele der Überlebenden auch deshalb die moralische Untadeligkeit ihrer Freunde aus dem 20. Juli hervorhoben, um sie gegen die öffentlichen Verunglimpfungen, die anfangs an der Tagesordnung waren, in Schutz zu nehmen. Andere Zeitzeugen wollten sich durch den Nachweis intensiver Kontakte zu den Verschwörern sicherlich auch nachträglich selber exkulpieren, wie das beispielsweise Hans Globke, einer der Verfasser der Nürnberger Rassegesetze, getan hat.

Wiederum andere brachten in ihre Erinnerung an den Widerstand die eigene innere Oppositionshaltung gegen die sich rasch verwestlichende und amerikanisierende Bundesrepublik ein - gegen "unsere wohlstandsbürgerliche Zeit und ihrem Hang zum Konformismus" - wie es in einer dieser Aussagen hieß. Diese Zeugen hoben an den Verschwörern besonders deren vorgebliche Überparteilichkeit hervor und vor allem ihr Staats- und Gesellschaftsverständnis, das antikapitalistisch und an den besten preußischen Traditionen ausgerichtet gewesen sei.

Zur Leitfigur derjenigen, die das Erbe des 20. Juli über vier Jahrzehnte hinweg gepflegt, verteidigt und öffentlich hochgehalten haben, gehörte die spätere Herausgeberin der Wochenzeitung "Die Zeit", Marion Gräfin Dönhoff. Sie hatte viele Freunde gerade unter den jüngeren Verschwörern und betrachtete sich selber stets auch als einen Teil der Verschwörung. Sie besonders hob die "ritterliche Gesinnung" dieser Bewegung stets hervor und betonte deren moralisches Vermächtnis, das für sie in zunehmender Weise zu einem Gegenbild der Bundesrepublik wurde und damit eine gesellschafts- und kulturkritische Dimension gewann. Sicherlich, so hat es der Historiker Ekkehard Conze formuliert, kann man Marion Gräfin Dönhoff keine altkonservativen, organischen oder korporatistischen Staats- und Gesellschaftsvorstellungen unterstellen, aber zwischen den Zeilen ihrer vielen Veröffentlichungen zum 20. Juli, so Conze, erkenne man doch "Spuren harmonistischer und pluralismusskeptischer Vorstellungen".

Dass das Staats- und Gesellschaftsverständnis der verschiedenen Teile des 20. Juli von der Goerdeler-Gruppe bis zum Kreisauer Kreis stark auch von illiberalen und an-

tidemokratischen Vorstellungen geprägt gewesen war, das haben Historiker wie Hans Mommsen und Hermann Graml schon Mitte der 60er Jahre nachgewiesen. In ihren bahnbrechenden Arbeiten kamen sie zu dem Ergebnis, dass man die Männer des 20. Juli keinesfalls zu den geistigen Vorläufern des Grundgesetzes und der westdeutschen Demokratie zählen könne. Allerdings blieben ihre Thesen lange Jahre unbeachtet, ehe sie dann immer stärkeren Einfluss auf die Interpretationen der Widerstandsforschung gewannen.

Im Allgemeinen herrschte Mitte der 60er Jahre noch die weitgehende Kanonisierung des 20. Juli durch Politik und Wissenschaft vor, auch wenn dieses Bild am Ende des Jahrzehnts Sprünge und Risse bekam. Obwohl nicht exakt nachzuweisen, scheint das Jahr 1968 auch für die Interpretation des 20. Juli eine Zäsur bedeutet zu haben. Namentlich die jüngeren Generationen der Bundesrepublik suchten ihre Widerstandshelden jetzt weit weniger bei den Adligen des 20. Juli, sondern vielmehr bei den widerständigen Arbeitern. Die Ablösung vom Mythos des 20. Juli scheint jedoch auch der politischen Linken nicht leicht gefallen zu sein. So schrieb die Frankfurter Rundschau am 19. Juli 1969: "Wir getrauen uns ja bis heute nicht einmal einzugestehen, dass der agilste, energischste und opferbereiteste Widerstand insgesamt der von den Kommunisten und Sozialisten war und nicht der der Offiziere, die am 20. Juli 1944 in dem Berliner Bentler-Block ermordet worden sind."

Das sich langsam ändernde Geschichtsbild über den deutschen Widerstand hing sicherlich auch mit der zunehmenden Popularität von Erzeugnissen der DDRForschung zusammen. Im ostdeutschen Staat war der kommunistische Widerstand von Anfang an das Hauptthema der Forschung gewesen. Der bürgerliche Widerstand hingegen und besonders der 20. Juli blieben Randgebiete. Zumindest was Stauffenberg, den Kreisauer Kreis und auch Teile der Militäropposition um Henning von Tresckow anbetraf, hörten allerdings die üblichen Verunglimpfungen etwa seit den späten 60er Jahren auf. Vor allem in den Arbeiten des Historikers Kurt Finker wurde "der persönliche Mut der Kämpfer des 20. Juli und ihr Einsatz für die Interessen des Volkes" gewürdigt. Das Wirken Stauffenbergs und Tresckow wurde mit dem Prädikat "traditionswürdig" der Vorgeschichte der DDR einverleibt.

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Doch das, was in der DDR an Arbeiten zum 20. Juli entstand, erschloss keine neuen Quellen. Die Arbeiten fügten sich paradoxerweise nahtlos in die ältere idealisierende Widerstandsforschung der Bundesrepublik ein. Die kritische Wende in der Widerstandsforschung fand im Westen statt. Sie setzte etwa in der zweiten Hälfte der 70er Jahre ein und hatte ihren Höhepunkt im Umfeld des Jubiläumsjahres 1984. Die 40. Wiederkehr des 20. Juli war denn auch besonders fruchtbar für die Forschungen zum deutschen Widerstand insgesamt und besonders auch zur Verschwörung des 20. Juli. Die Vielfalt, die Breite und die Tiefe der Arbeiten seinerzeit sind vorher und nachher nicht wieder erreicht worden.

Jetzt fanden vor allem die Einschätzungen und Einordnungen einer mittleren Generation von Historikern von Hans Mommsen über Hermann Graml bis zu Klaus-Jürgen Müller weit mehr Gehör. Wie erwähnt, hatten diese Historiker schon längere Zeit auf die geistige Nähe der meisten Widerständler des 20. Juli zum zeitgenössischen antidemokratischen Denken in der Weimarer Republik hingewiesen. Ihre Studien wurden breit rezipiert. Es stellte sich heraus, dass viele der späteren Verschwörer die Machtübertragung an Hitler im Januar 1933 begeistert begrüßt oder sich für ein Bündnis der alten Eliten mit der Führung der NS-Bewegung eingesetzt hatten. Manche der späteren Attentäter hatten sich auch für ein hartes Durchgreifen, ja für die gewaltsame Ausschaltung der Parteien der Arbeiterbewegung ausgesprochen.

Das neue gesellschaftliche Klima schlug auch auf die Wissenschaft durch. In einer zweiten und dritten Phase der Widerstandshistoriographie gelangten nun andere Themen und Gruppen stärker in den Blick - etwa das Exil und die Opposition der kleinen Leute vor Ort und in der Region, etwa die Resistenz sozialer Milieus wie des katholischen und vor allem auch der Widerstand der Arbeiter und ihrer Organisationen - von den Gewerkschaften über die Sozialdemokraten bis zu den Kommunisten.

Deutlicher wurde jetzt auch, dass diejenigen vom 20. Juli, die, wie Julius Leber, Wilhelm Leuschner oder Helmut James Graf von Moltke, von Anfang an zur Verteidigung des freiheitlichen Rechtsstaates entschlossen waren, auch im Kreis der späteren Verschwörer eine Minderheit bildeten. Das Verhältnis der meisten Widerständler

des 20. Juli zum Hitler-Regime war - wie der Historiker Klaus Hildebrandt zu Recht festgestellt hat - geprägt durch eine "Dialektik von Mitmachen und Widerstehen, von Zusammenarbeit und Verweigerung". Der 20. Juli war darüber hinaus - wie sich herausstellte - keine homogene Gruppe. Es gab Junge und Alte in diesem Widerstand und entsprechend harte, durch Generationskonflikte geprägte Gegensätze. Es gab "alte Kämpfer" der NS-Bewegung, wie Wolf Heinrich Graf von Helldorf und Fritz Dietlof Graf von der Schulenburg und es gab schließlich Verschwörer wie die Generäle Karl-Heinrich von Stülpnagel und Erich Höpner und den Gestapomann Arthur Nebe, die, wie der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt geschrieben hat, zu "Vollzugsorganen der Vernichtungspolitik" gezählt werden müssen.

In den 80er Jahren zeichnete die Widerstandsforschung insgesamt also ein differenziertes Bild vom 20. Juli. Dieses Bild konnte entstehen, weil die Forscher endlich aus dem Bann der Zeitzeugen und ihrer Erinnerungsarbeit herausgetreten und die Brükke zur allgemeinen NS-Forschung geschlagen hatten. Sie suchten nun die historischen Widerständler in ihrem beruflichen Alltag auf und gewannen dadurch neue Einblicke in ihr Tun und Denken. Neue Editionen und eine Reihe von Selbstzeugnissen erweiterten jetzt auch die Materialbasis der Widerstandsforschung. Äußerungen der Zeitzeugen konnten dadurch quellenkritischer analysiert werden. Es wurde deutlich, dass vieles, was die Beteiligten und Überlebenden überliefert hatten, den wissenschaftlichen Überprüfungen nicht Stand hielt.

Umso erstaunlicher war es dann, dass sich nach der Wende 1989 eine Rückwendung zum Mythos in einem Teil der Widerstandsliteratur feststellen ließ. In einer ganzen Reihe von Studien nämlich - namentlich von Nachwuchsautorinnen und autoren, Arbeiten über die junge Generation im 20. Juli, über Bonhoeffer, Dohnanyi, Olbricht und die militärische Opposition fanden jetzt wieder die alte Kanonisierung der Zeitzeugenberichte und die bekannte Idealisierung der Verschwörer die, wie es im Titel einer dieser Arbeiten heißt, "stets einem Höheren verantwortlich waren". Es schien so, als brauchte das nach 1989 größere Deutschland auch höhere Sockel für seine Widerstandskämpfer.

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Im Jubiläumsjahr 1994, fünfzig Jahre nach dem Attentat, brach dann - wie zuletzt im Kalten Krieg - der alte Ausgrenzungsstreit um den kommunistischen Widerstand wieder auf. Im Mittelpunkt des Streits stand die Berliner Gedenkstätte "Deutscher Widerstand", die Pieck, Ulbricht und das NKFD-Mitglied von Seydlitz in ihre ständige Ausstellung aufgenommen hatte. Das wurde öffentlich gerügt, wobei sich Angehörige der Attentäter, konservative Blätter und der deutsche Verteidigungsminister Volker Rühe in ihrer Empörung wechselseitig übertrafen. Der Wind hatte sich wieder gedreht. Jüngere kritische Widerstandsforscher wie etwa Christian Gerlach erfuhren ihrerseits scharfe Kritik, vor allem seit aus diesem Kreis die Vermutung geäußert wurde, dass auch die Mitglieder der Militäropposition in der Heeresgruppe Mitte, ja möglicherweise Henning von Tresckow selber, mindestens anfangs in den mörderischen Partisanenkrieg im Osten involviert gewesen waren. Diesen Historikern wurde öffentlich vorgeworfen, sie betrieben eine "verdunkelnde Aufklärung" und setzten das Ansehen des 20. Juli bewusst herab.

Dieser Streit, vor allem in der FAZ ausgetragen, blieb allerdings ein Randthema in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der 20. Juli 1944 wurde auch fünfzig Jahre nach dem Attentat nicht - wie Helmut Kohl noch 1984 gehofft hatte - "Bestandteil einer neuen Selbstfindung des deutschen Volkes". Marion Gräfin Dönhoff hatte durchaus Recht, wenn sie resignierend feststellte, dass diese historische Tat "in den Herzen der Deutschen nie wirklich Wurzeln geschlagen hat". Dies bestätigte auch die in dieser Hinsicht besonders rührige Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sehr zu seinem Leidwesen musste das Blatt in Bezug auf den Gedenktag im Jubiläumsjahr feststellen: "Die Bundesrepublik steht nicht in der Nachfolge der Verschwörer des 20. Juli und sie will es auch nicht."

Hat sich daran zehn Jahre später, zur 60. Wiederkehr im Jahre 2004, etwas geändert? Von der historischen Gemütslage der Nation her könnte einiges genau dafür sprechen. Denn der Blick der Deutschen in ihre jüngste Geschichte ist nicht mehr allein auf den Holocaust gerichtet. Die Chiffre "1945" ist ins deutsche Erinnerungskollektiv zurückgekehrt. Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung, Massenvergewaltigung und Kriegsgefangenschaft sind die neuerdings viel besprochenen Themen.

Den deutschen Opfern wird wieder mehr gedacht. Man muss nicht gleich wie die Oppositionsführerin Angela Merkel von der "deutschen Versöhnung mit sich selbst" sprechen. Selbst, wenn man es weniger pathetisch ausdrückt, kommt man an dem Befund nicht vorbei, dass die historische Selbstwahrnehmung der Deutschen neuerdings wieder stärker zur Artikulation von Mitgefühl und zum Mitleid mit der Kriegsgeneration neigt.

Das Gedenken an den 20. Juli schien davon allerdings merkwürdig unberührt. Bis weit in das Jahr 2004 hin warf das Jubiläum nur kurze Schatten. Eine ZDFDokumentation und der Stauffenberg-Film der ARD, dabei blieb es lange Zeit. Der Stauffenberg-Film wurde dafür kritisiert, dass er zwar die Tat selber dramaturgisch angemessen eingefangen, ihre Hintergründe und die Motive der Attentäter aber kaum beleuchtet habe.

Auch die berufenen Sachwalter des historisch-politischen Gedächtnisses schienen wenig interessiert an der 60. Wiederkehr des 20. Juli 1944. Eine Anfrage des Autors beim nordrhein-westfälischen Geschichtslehrerverband und bei der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung, Sektion NRW, ergab, dass keine speziellen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr geplant waren. Einzig die katholischen und evangelischen Akademien und auch die Bundeszentrale für Politische Bildung machten hier eine rühmliche Ausnahme.

Eine Enttäuschung auf der ganzen Linie war die Widerstandsforschung im Jubiläumsjahr. Während sie noch am 40. Jahrestag geblüht hatte, glich sie mittlerweile einer nur wenig befahrenen Nebenstrecke der allgemeinen Zeitgeschichtsschreibung. Mit Ausnahme der voluminösen Goerdeler-Edition von Hans Mommsen, abgesehen von Günter Brakelmanns verdienstvoller Herausgabe der Schriften des Kreisauer Kreises und Daniale Rüthers Arbeit über den ordoliberalen Freiburger Kreis sind keine neuen Quellen verfügbar. Wichtige neue Biographien sind ebenfalls Mangelware, sieht man einmal von Klaus Harpprechts Buch über Harald Poelchau, den Gefängnispfarrer von Plötzensee, ab.

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Zwar gibt es im Jubiläumsjahr 2004 eine Reihe von neuen Sammelbänden, die aber nur Altbekanntes wiederholten. Die Biographien über Stauffenberg, Trott zu Solz und die Dohnanyis, die ebenfalls erschienen, reichen an die Klassiker nicht im Entferntesten heran. Bezeichnenderweise stammen die zuletzt genannten Arbeiten von Fernsehleuten oder haben mit voraus laufenden Fernsehproduktionen zu tun.

Wirklich Neues, etwa die Diskussion um die Verstrickung der Verschwörer in der Heeresgruppe Mitte in den völkerrechtswidrigen Partisanenkrieg, spielte sich in Fachorganen, also eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab oder es betraf die Tatsache, dass jetzt auch die Enkelgeneration in die Diskussion eingriff, wie es Felicitas von Aretin, die Enkelin Henning von Tresckows, mit einer beachtenswerten Veröffentlichung getan hat. An ihrem Beispiel wird deutlich, wie tief und anhaltend die Tat der Verschwörer die eigenen Familien betroffen und bis in die Gegenwart bestimmt und auch belastet hat.

Wie schon im Jubiläumsjahr 1994, so ist auch 2004 wieder viel gerätselt worden, wo die Gründe für die vorgeblich nur begrenzte Anschlussfähigkeit des 20. Juli 1944 an das historische Gedächtnis der Deutschen liegen mochten. Peter Hoffmann und Joachim Fest sprachen in diesem Zusammenhang sogar von einem "verschmähten Vermächtnis". Karl-Heinz Bohrer machte als mögliche Ursache eine tiefe Kluft aus, die sich - wie er meinte - zwischen dem aristokratischen Wertegefüge der meisten Verschwörer und dem kleinbürgerlichen Vorteilsdenken der bundesrepublikanischen Demokratie und ihrer "neuartigen Klassenlosigkeit" auftäte. Das "preußische Paradigma" der Stauffenbergs, Schulenburgs und Tresckows, "ihre singuläre Noblesse", werde, so Bohrer, vom juste milieu der Gegenwart nicht verstanden und darum abgelehnt.

Das Feuilleton der FAZ stieß am Jubiläumstag 2004 in das gleiche Horn und unterstrich noch die kulturkritische Perspektive Bohrers. Es gehöre, so das Blatt, "zu den ältesten Lehren der politischen Geschichte, das unter allen Gruppen einer Bevölkerung am meisten die Edlen zum Widerstand gegen eine Tyrannis bereit und fähig sind. Die Tyrannis hingegen sei mit der Demokratie oft "auf merkwürdige Weise ver-

schränkt ... und für ihren Machterhalt nicht selten auf den Demos angewiesen." Weil das so sei, schrieb die FAZ weiter, erscheine "der 20. Juli heute ferner denn je. Die verzweifelt patriotischen, die christlich-ethischen Motive des deutschen Widerstands (seien) in einer Gesellschaft, die zum postnationalen Weg erzogen (werde) und um keinen Preis ein christlicher Club sein soll, kaum mehr zu vermitteln."

Auf den ersten Blick sprach in der Tat manches für diese aus national konservativer Sicht festgestellte Distanz der Deutschen zum 20. Juli. Neben dem schleppenden Anlaufen des 60. Jahrestages ergab beispielsweise eine Allensbach-Umfrage, dass nur noch jeder etwa vierte Deutsche zwischen 16 und 29 Jahren (27,9 %) weiß, woran der 20. Juli erinnern soll. Verwunderlich ist das nicht, wenn man bedenkt, dass die Erinnerung an Stauffenberg und seine Freunde in den neuen Ländern so gut wie keine Tradition hat und dass sich die kollektive Erinnerung auch der Westdeutschen zwangsläufig immer stärker in die Nachkriegszeit verschiebt. Letzteres zeigte sich etwa an der großen Aufmerksamkeit, die der 17. Juni 1953 bei seiner 50. Wiederkehr erfuhr und noch mehr an dem Medienspektakel um das so genannte "Wunder von Bern", das im Frühjahr 2004 die öffentliche Aufmerksamkeit der Deutschen fast ganz in Beschlag nahm.

Und trotzdem. Man wird nach den Erfahrungen dieses Sommers nicht sagen können, dass die Bundesrepublik - die öffentliche zumal - den Männern des 20. Juli fern stünde. Das Land erinnerte sich - je näher der Gedenktag rückte - um so intensiver an die Tat und die Akteure von damals.

"Quotentechnisch" sei, so hob die TAZ hervor, der deutsche Widerstand sogar "eine Europameisterschaft" und der 60. Jahrestag am 20. Juli sei das "Finale". Zum Beleg dafür führte das Blatt an, dass an den drei Abenden vor dem Jubiläum der deutsche Zuschauer aus 16 einschlägigen Beiträgen hätte auswählen können. Nicht nur im Fernsehen und in allen Tageszeitungen der Republik war der Gedenktag präsent. Der "Spiegel", der das Attentat in seinen ersten Jahren konsequent mit Schweigen übergangen hatte, widmete Stauffenberg und seinen Mitverschwörern in diesem Jahr sogar eine Titelgeschichte.

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Das öffentliche Deutschland gedachte mit Würde der Männer des 20. Juli. Bundespräsident und Bundeskanzler sprachen bewegend aus diesem Anlass. Der Historiker Wolfgang Wippermann zog die Bilanz der unzähligen Kolumnen und Kommentare in den deutschen Tageszeitungen. Wippermann kam zu dem Schluss, dass diesmal zum ersten Mal alle Deutschen ohne Ausnahme den Widerstand als gemeinsames Erbe begriffen .

Das ist für sich genommen ein sehr zufrieden stellendes Fazit. Leider befriedet es nicht die Mythenwächter national konservativer Provenienz. Sie zeigten sich einmal mehr indigniert. Die FAZ kritisierte scharf, dass Kanzler Gerhard Schröder es gewagt hatte, den deutschen Widerstand als Teil eines europäischen Vermächtnisses zu deuten und nicht als Kernstück des nationalen Erbes. Im "Rheinischen Merkur" beschwerte sich Rüdiger von Voss, der Sprecher der Nachkommen, darüber, dass auch in diesem Jahr eine "diskreditierend gefärbte Debatte", etwa über die Neuordnungspläne des Widerstandes, geführt worden sei. In dieser Debatte, so Voss, seien "die gleichen Diffamierungen" benutzt worden, "wie in den Prozessen vor dem Volksgerichtshof Freislers".

Bei Lichte besehen, muss man die zuletzt genannten Äußerungen in die Kategorie geistiger Phantomschmerzen einordnen. Denn es gab gerade in diesem Jahr - anders als in manchem Jubiläumsjahr zuvor - nicht einmal den Ansatz einer Widerstandsdebatte mit diskreditierendem Hintergrund und selbst die kritischen jüngeren Historiker,

die

in

den

Vierteljahrsheften

für

Zeitgeschichte

auf

die

Partisanenkriegsbeteiligung Tresckows und Gersdorffs hingewiesen hatten, taten das unter voller Würdigung des Mutes und der Leistungen dieser Verschwörer.

Offenbar ging es aber der FAZ und anderen gar nicht um diese Würdigung und auch nicht um den hohen Respekt, der den Männern des 20. Juli allseits entgegengebracht wurde .Vielmehr geht es um eine bestimmte Deutung, die sich nicht hat durchsetzen lassen. Der 20. Juli als der "größte historische Dramenstoff, den das vergangene Jahrhundert in Deutschland hervorgebracht hat" (Ulrich Raulff), seine

schicksalhaften Helden als "lakonische Hamlets" (Caroline Neubaur) - nur diese heroische Deutung scheint im konservativen Bildungsbürgertum akzeptabel.

Da stört das ganz andere Bild, das sich nach 60 Jahren über die Männer des 20. Juli herauszuschälen beginnt.. Dieses Bild ist nicht eindimensional, sondern vielschichtig. Es zeigt keine "reinen Helden", sondern mutige und tatkräftige Menschen in ihrem Irrtum und in ihrem Widerspruch. Es zeigt Menschen, die ihre in Sonntagsreden oft beschworene Vorbildlichkeit nicht eo ipso hatten, sondern durch Aufgabe ihrer Vorurteile und Feindbilder in einem schmerzhaften Lernprozess erst erwerben mussten. Dieses Bild hat nichts von einem Kult der Gerechten und wenig von einem Mythos. Es eignet sich gerade deshalb besonders gut als Vorbild für eine demokratische Zivilgesellschaft.

In dieser entmythologisieren Form scheint der 20. Juli das historische Gedächtnis der Deutschen zu rühren und vielfach auch ihre Herzen zu berühren. Stauffenberg und seine Mitkämpfer nicht wagnerhaft ins Walhall entrückt, sondern in eine bunte Ahnengalerie gestellt, das ist den Deutschen symphatisch. Die Männer des 20.Juli. auf einer Augenhöhe mit anderen deutschen Helden, das kommt an.

Diese anderen, das sind die Widerständler der ersten Stunde aus Arbeiterschaft, Gewerkschaften, Parteien und Kirchen, das sind die Trümmerfrauen der Stunde Null, die Arbeiter des 17. Juni, die Fußballer von Bern, die Bergleute von Lengede und last but not least die historischen Montagsdemonstranten von Leipzig. Dass Stauffenberg und seine Mitkämpfer dort stehen - nicht über, sondern neben den anderen, dass sie 60 Jahre nach ihrer mutigen Tat, für die sie ihr Leben einsetzten, in ihrem Heimatland für die "Traditionen europäischer Menschlichkeit" (Freya von Moltke) einstehen, das ist nicht zu beklagen, das ist gut so. Das zeugt allen kulturkritischnationalkonservativen Unkenrufen zum Trotz von der Reife der demokratischen Kultur, die das Land mittlerweile erreicht hat.

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Thomas Auchter

Die Bedeutung von Vergangenheit und Generationenfolge für die Gegenwart (‘Enkel des 20. Juli’) 1. Einleitung

„Ich bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht... der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht“ (2. Mose 20, 5; 34, 6; 4. Mose 14, 18; Jer. 32, 18). Mit dieser poetischen Metapher beschreibt die Bibel das Phänomen, dass wir uns als Menschen nicht aus unserer eigenen Geschichte herausstehlen können. Ja, dass wir darüber hinaus in die Geschichte unserer Vorfahren in Generationen vor uns hineinverstrickt sind. Um es in einem anderen Bild zu fassen, sind wir unter übergreifender lebensgeschichtlicher Betrachtung so etwas wie eine Matruschka, die russische Puppe in der Puppe in der Puppe... In moderner wissenschaftlicher Terminologie wird das als transgenerationale psychische Vererbung, als Transmission (Bergmann/ Jucovy/ Kestenberg

1995, 49 u.a.) oder als intergenerationale Tradierung (Buchholz 1998, 338, 351) bezeichnet. Seelisch – unbewusst - vererbt werden nun nicht nur positive Erfahrungen und Kompetenzen, sondern vor allem auch ungelöste Konflikte und unbewältigte Traumata (LeuzingerBohleber 2003, 983). Unseren gewöhnlichen Umgang mit derart belastenden Erinnerungen fasst die Schriftstellerin Christa Wolf (1977, S. 9) in ihrem Buch "Kindheitsmuster" so: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd“ (kursiv T.A.). Jedoch, wie es der Psychologische Psychotherapeut Jürgen

Müller-Hohagen (1998, 320) formuliert: „Wir tragen die Geschichte unserer Eltern und Großeltern, unserer Lehrer, unseres Landes in uns“ weiter, ob wir das nun wollen oder nicht. Ich möchte Ihnen zunächst einen kurzen Überblick über den Gedankengang meines Vortrages geben. Ich beginne mit grundlegenden Überlegungen zum Thema Vergangenheit und den Zusammenhängen zwischen Vergangenheit und Identität. Und ich erörtere an Beispielen krankhafte Auswirkungen unbewältigter Vergangenheit auf die Enkelgeneration.

Sodann wende ich mich dem speziellen Thema der ‚Psychologie des Enkels und der Großeltern’ zu und beleuchte ausführlich den Beziehungs-Diskurs zwischen beiden.

Anschließend betrachte ich die Generation der Nazizeit und die Wirkung ihrer Erfahrungen in der Generationenfolge. Dabei geht es einmal um die Diskrepanz zwischen dem durch Schule und Medien vermittelten ‘offiziellen’ kulturellen Gedächtnis und dem durch persönliche Gespräche begründeten familialen Gedächtnis. Das betrifft vor allem Menschen, die in der Nazizeit Erwachsene oder junge Erwachsene waren. Abschließend werde ich mich dann den Kriegskindern und ihren traumatisierenden Erinnerungen zuwenden.

2. Vergangenheit

Jeder Mensch lebt unausweichlich in einer historischen Kontinuität, jedoch ist das Bewusstsein von der individuellen, lebensgeschichtlichen und der kollektiven Vergangenheit höchst unterschiedlich ausgeprägt. Für weite Teile der Vergangenheit kommt es (nur) zu einer „unbewussten Weitergabe zwischen den Generationen“ (Buchholz 1998, 330ff.).

2.1. Vergangenheit heute Zum wachsenden Entwurzelungsgefühl, zur Haltlosigkeit des postmodernen Menschen (Auchter 2000, S.88ff.) trägt unter anderem das von dem Psychoanalytiker Martin Dornes (1999) angesprochene „Verschwinden der Vergangenheit“ bei. Er meint damit die sich bei vielen verbreitende ausschließliche Fixierung auf das Hier und Jetzt, den Verlust von Traditionen. Die Beschleunigung aller Lebensvorgänge und vor allem die explosionsartige Vermehrung von Wissen und Informationen erschweren dem Individuum anwachsend das Erle-

ben, sich in einem Strom historischer Kontinuität zu befinden. Die zunehmende pluralistische Beliebigkeit in der Postmoderne untergräbt die Fähigkeit des Subjekts, Phänomenen in der

Gegenwart oder im Rückblick in der Vergangenheit ein Gewicht, eine Bedeutung oder einen Sinn zu verleihen. Alles scheint gleich gültig.

Das Erinnern dagegen stiftet Identität, es schafft eine seelische Verbindung zwischen unserer Vergangenheit und unserer Gegenwart, es betont unseren Werdegang (Auchter 2004).

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Der Blick in die Vergangenheit führt zum Erleben einer zeitlichen Kontinuität. Das Erfahren von lebensgeschichtlichen 'Zusammenhängen' statt Zeitfragmenten kann so auch eine hoffnungsvolle Zukunftsorientierung mit begründen. Um zu wissen, wer wir heute sind, und morgen sein werden, um uns selbst treu bleiben zu können, ist es notwendig, in Erfahrung zu bringen, wer wir gestern waren. "Unsere Erinnerungen“, schreibt der Hirnforscher Daniel Schacter (1999, 496), „sind die hinfälligen, aber machtvollen Produkte dessen, was wir aus der Vergangenheit behalten, über die Gegenwart glauben und von der Zukunft erwarten",. Von der Erinnerungsvergessenheit führt nur ein kurzer Weg zur Selbstvergessenheit, zur Korrosion des Charakters, wie der Sozialwissenschaftler Richard Sennett (1999) es nennt.

Die Verwurzelung in der eigenen Geschichte ist demgegenüber auch eine gewisse Prophylaxe gegen das Phänomen des Selbstverlustes in der von der Wirtschaft und Politik geforderten 'neuen Flexibilität' (Sennett), der totalen Anpassungsfähigkeit des Individuums an die Verhältnisse, und deren pathologischen Folgen, nämlich der verzweifelten Suche nach neuen Selbstgewissheiten und Selbstsicherheiten.

2. 2. Vergangenheit und Identität Jeder Mensch steht in seinem Leben vor der Herausforderung, eine persönliche Identität herauszubilden. „Die psychosoziale Identität ist die Verankerung der vergänglichen Existenz des Menschen im Hier und Jetzt“, betont der Psychoanalytiker Erik H. Erikson (1970a, S.39), der sich lebenslang intensiv mit dem Thema Identität auseinandergesetzt hat. Das Bedürfnis nach Identität umfasst neben der Zukunftsperspektive - der Verbindung zu den Nachgeborenen - auch den Wunsch, in einer Verbundenheit mit den Vorfahren zu stehen, die Vergangenheitsperspektive (Erikson 1970b, S. 182).

In der klinischen Praxis begegnen uns Psychoanalytikern in erster Linie ‘Vergangenheiten, die nicht vergehen’, also krankhafte Phänomene, bei denen die gegenwärtige Existenz (oder

Identität) eines Individuums in einem Übermaß von der persönlichen und/oder familiären Vergangenheit überschattet und beeinträchtigt ist. Dies ist besonders augenfällig, wenn außerordentlich belastende Erfahrungen, sogenannte ‘Traumata’ in den Vorgenerationen vorgefallen sind. Mittlerweile gibt es zum Beispiel eine recht umfangreiche psychologische/psychoanalytische Literatur über die transgenerationale Wirkung der Judenverfolgung und Judenvernichtung in der Nazizeit bei den Opfern der Shoah, aber auch bei den Tätern (Bohleber 1998, 256ff.). Dabei entfaltet in der ersten Folgegeneration vor allem die „Last des Schweigens“ (Bar-On 1993) der Traumatisierten ihre pathologische Kraft. Primo Levi, Überlebender von Auschwitz, notiert in seinem Buch "Die Untergegangenen und die Geretteten" (1986, S. 19f.): "Die menschliche Erinnerung ist ein wunderbares, aber unzuverlässiges Instrument... Wer tief verletzt worden ist, neigt dazu, die Er-

innerung daran zu verdrängen, um den Schmerz nicht erneuern; und derjenige, der diese Verletzung zugefügt hat, drängt seine Erinnerung in die Tiefe ab, um sein Schuldgefühl zu beschwichtigen". „Moralische Schuld vererbt sich nicht, aber die psychischen und sozialen Folgen ihres Beschweigens beschädigen noch die folgenden Generationen“, meinen Claudia Brunner u. Uwe von Seltmann (2004, 13). Sie, Enkel von NS-Tätern, haben kürzlich ein Buch veröffentlicht unter dem Titel: „Schweigen die Täter, reden die Enkel“. Die zwei folgenden Beispiele, an denen ich die Auswirkungen solcher Sprachlosigkeit in den Folgegenerationen erläutern möchte, entnehme ich Arbeiten des schon erwähnten Psychotherapeuten Jürgen Müller-Hohagen (1994, 2002). Er ist Leiter einer Evangelischen Erziehungsberatungsstelle in München, und hat sich in mehreren Publikationen (1988, 1994, 2002) intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt. (1) Der 10jährige Simon leidet unter einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und diversen Verhaltensauffälligkeiten, weshalb seine Mutter die Beratungsstelle aufsucht. Jeden Mittag, wenn er aus der Schule kommt, lese er die Süddeutsche Zeitung von Anfang bis Ende gründlich durch. Ein Geiseldrama in einer entfernten Stadt versetzt ihn in so extreme Ängste, dass er sich persönlich bedroht und verfolgt fühle. Er weigere sich im Haushalt mitzuhelfen und spreche davon, man wolle ihn damit foltern. Der Berater, der dem Dargestellten zunächst ziemlich ratlos gegenübersteht, erfährt per Zufall, dass Simon aus einer jüdischen Familie stammt. Trotz einsetzender Befangenheit fragt der Berater, ob es in der Familie Opfer der Verfolgung durch die Nazis gäbe. Es stellt sich heraus, dass der Großvater von Simon mütterlicherseits ein Überlebender von Auschwitz ist. Darüber hätte er jedoch mit seinen Kindern nie gesprochen. Nur durch Verwandte wisse sie, dass er Entsetzliches habe mit ansehen, erdulden und wahrscheinlich auch ausführen müssen. Sie selber habe sich schon seit längerem gefragt, ob Simons auffälliges Verhalten etwas mit diesem Familienhintergrund zu tun haben könnte. Als die Mutter im Anschluss daran mit Simon über die Möglichkeit einer Therapie spricht, fleht er sie an, er könne einfach nicht darüber sprechen, wie es in ihm aussehe, wenn man ihn zur Therapie zwingen würde, würde er nur dort nur etwas vorspielen. Simons Angst, sich offenbaren zu müssen, lässt sich nur mit dem Verfolgungsschicksal seines Großvaters und einer unbewussten Identifikation seines Enkels mit ihm angemessen verstehen (MüllerHohagen 2002, 34ff.). (2) Ilona, vier Jahre alt, wird von ihrer Mutter in der Beratungsstelle vorgestellt wegen leichterer Schlafstörungen, Einnässen und gelegentlichen aggressiven Ausbrüchen im Kindergarten. Erst auf Nachfragen des Beraters wird deutlich, dass der Symptombeginn vor zwei bis drei Monaten zeitlich mit dem Tod des Großvaters mütterlicherseits zusammenfällt. Erst nach einigem Zögern offenbart Frau A., dass sie ihren Vater sehr gehasst habe. Es stellt sich

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heraus, dass er Flieger in der ‘Führerstaffel’ gewesen war, die Hitler und seine Begleitung geflogen habe. Frau A. sei 1944 als zweites Mädchen zur Welt gekommen, während der Vater sich sehnlichst einen Sohn gewünscht habe und dem ‘Führer’ einen Soldaten. 1945 brachen die Größenphantasien ihres Vaters: ‘Ich und der Führer’ pflegte er im Scherz zu sagen, zusammen. Durch das Mal-trätieren seiner Tochter, ‚ich musste neben ihm sitzen und bei jedem Essen bekam ich das Gesicht in die Suppe’, konnte er sich einen erbärmlichen Rest von Machtgefühl erhalten. Er ließ sie ‘büßen’, indem sie stellvertretend für ihre Geschwister ‘bestraft’ wurde. Darüber hinaus war sie von ihm dazu ausersehen, als völlige Versagerin zu enden, indem er ihr z.B. jegliche Unterstützung für eine Berufsausbildung versagte. Sie sollte unbewusst seine ‘Delegierte’ als ‘Schandfleck der Familie’ sein, statt dass er sich mit seiner eigenen Scham und Schuld auseinandersetzte. In der Beratungsarbeit wird deutlich, dass die Schatten der Vergangenheit - die brutale Abwertung der Mutter durch ihren Vater - bis zu der kleinen Ilona von heute reichen. Noch sie muss unbewusst verbissen darum kämpfen, als Mädchen anerkannt zu sein, aber nicht gegen ihre Eltern, sondern gegen die unbewusste Delegation ihres Großvaters (MüllerHohagen 1994, 58f.). Die Kindertherapeutin Rose Ahlheim (1985) beschreibt in ihrer Arbeit: „Bis ins dritte und vierte Glied. Das Verfolgungstrauma in der Enkelgeneration“ die analytische Behandlung der siebenjährigen Amelie. Ihre Eltern waren ‘nur’ mittelbar von der Judenverfolgung betroffen. Amelie war jedoch zutiefst „in ihren unbewussten Phantasien geprägt... von dem schweren Schicksal ihrer Familie“ (Ahlheim 1985, 331), speziell dem ihrer Großeltern.

3. Zur Psychologie der Enkel und Großeltern

Obwohl es natürlich schon immer unterschiedliche Generationen und insofern auch Großeltern gibt, fand das Enkel-Großelternverhältnis in der psychologischen und soziologischen Wissenschaft, in der Familien- und Altersforschung bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit (Uhlendorff 2003; Höpflinger 2002).

3.1. Zur Definition des Enkels Die familiäre Position des Enkels bestimmt sich im Bezug auf die übernächste Generation, nicht die der Eltern, sondern die der Großeltern. Die psychosoziale Identität des ‘Enkels’ setzt sich zusammen aus der genau definierten Position im Generationenverhältnis, und diversen offenen Rollen und Stellungen in seinen sonstigen Lebens- und Beziehungsverhältnissen.

Enkel sind einerseits durch ihre größere familiale Distanz zu ihren Großeltern in der Regel

nicht direkt in die Kind-Eltern-Probleme ihrer Eltern mit deren Eltern verwickelt. Andererseits sind Enkel jedoch bisweilen durchaus durch unbewusste Delegation (H. Stierlin 1978, 1980) - wie bei Ilona - in ungelöste Kind-Eltern-Konflikte ihrer Eltern verstrickt und mit unbewussten Lösungsaufgaben belastet. In anderen Fällen sind Enkel aber durchaus auch „geeignet und

befähigt, Spannungen zwischen Familiengenerationen zu reduzieren“ (Olbrich 1997 zit. n. Höpflinger 2002, 3). Problematisch ist es, wenn Großeltern ihren Enkeln andere überstarke unbewusste Delegationen (H. Stierlin 1978, 1980) überstülpen. Wenn also die Enkel bei-

spielsweise stellvertretend unerreichte Ziele, Erwartungen und Ideale ihrer Großeltern erreichen und erfüllen sollen. Der Psychoanalytiker Horst E. Richter (1963, 1970) bezeichnet das als „traumatische Rollenzuweisungen“. Derartige unbewusste Rollenaufträge beeinträchtigen die freie Selbstentwicklung der betroffenen Enkel oft in krankhaftem Ausmaß. Manche begegnen uns dann in den psychotherapeutischen Praxen wieder.

3.2. Gesellschaftliche Dimensionen des Enkel-Großeltern-Verhältnisses Die gesellschaftliche Position von Großeltern variiert historisch und kulturell in hohem Maße (Uhlendorff 2003, 116). „Die Beziehungen zwischen Enkelkindern und Großeltern beruhen wie viele andere verwandtschaftliche Beziehungen - auf Freiwilligkeit und individueller Gestaltung“ (Höpflinger 2002, 3). Diese Beziehungen sind in postmodernen Gesellschaften weder juristisch noch sozial reglementiert und besitzen deshalb vielfältigste Ausprägungsformen. In diesem Kontext ist vielleicht erwähnenswert, dass in islamischen Familien traditionell der älteste Enkel den Vornamen des Großvaters väterlicherseits und die erste Enkelin den der Großmutter väterlicherseits erhält (Mazarweh 2004, mdl. Mitteilung). Mein nächstjüngerer Bruder trägt als Zweitvornamen den meines Großvaters väterlicherseits und ich selber als Zweitvornamen den meines Großvaters mütterlicherseits. Er ist zugleich der Vorname des gegen Ende des 2. Weltkrieges mit 19 Jahren gefallenen jüngsten Bruders meiner Mutter. Die Entwicklung von der Großfamilie zur modernen Kleinfamilie hat einerseits den direkten Austausch und die direkte Vermittlung zwischen Großeltern und Enkeln erschwert, andererseits gerade durch den größeren Abstand zwischen den Generationen auch neue Freiräume der Begegnung geschaffen. Sich ständig vermindernde Kinderzahlen führen heute dazu, dass in wachsender Zahl mehr Großeltern als Enkel vorhanden sein werden. Damit verändern sich auch die Formen der Drei-Generationen-Beziehungen. Der Sozialwissenschaftler Harald Uhlendorff (2003, 112) konstatiert seit Mitte des 20. Jahrhunderts einen „Wandel von einer [eher] negativen zu einer [eher] positiven Bewertung der Großelternschaft“. Großeltern und Enkel können im besten Fall für einander eine Bereicherung darstellen.

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3.3. Die ‘neuen’ Großeltern Die zunehmende Verlängerung der Lebenserwartung führt dazu, dass sich die Lebenszeit von Großeltern und Enkeln heute oft viel länger überschneidet als das früher der Fall war (Höpflinger 2002, Uhlendorff 2003). Darüber hinaus kommt es heutzutage zu einer „Relativierung der Alterspositionen“ (Höpflinger 2002, 2), die Großmutter trägt beispielsweise dieselben Jeans wie ihre Enkelin. Das erleichtert und fördert die intergenerationale Kommunikation. Das erlaubt und erfordert für Großeltern auch neue Rollenzuweisungen und Lebensperspektiven, zum Beispiel eine „aktive Großelternschaft“ (Höpflinger 2002, 8; Uhlendorff 2003, 113). Durch eine engagierte Großelternschaft und Kinderbetreuung (Höpflinger 2002, 7) kann beispielsweise die Berufstätigkeit der Tochter erleichtert werden, oder eine Hilfestellung bei Scheidungen von Eltern geleistet werden (Höpflinger 2002, 6; Uhlendorff 2003). Großeltern können auch wichtige materielle und emotionale Ersatzfunktionen als Betreuer und/oder Ernährer bei Erkrankungen oder Tod der Eltern ihrer Enkel oder in anderen Krisen übernehmen.

3.4. Der Beziehungs-Diskurs zwischen Großeltern und Enkeln Großeltern haben nicht selten einfach ‘mehr Zeit’ für ihre Enkel als mitten im Berufsleben stehende Eltern. Die aktive Großelternschaft bietet ihnen ein neues Betätigungsfeld, in sie kreativ ihre Fähigkeiten einbringen und erweitern können (Uhlendorff 2003, 113). Das kann ihrem Leben auch Sinn und ein Gefühl der Zugehörigkeit statt Einsamkeit verleihen. Denn für die Großeltern wird ja ihre Gleichaltrigengruppe immer kleiner. Darüber hinaus kann die Großelternschaft ihnen das Gefühl vermitteln, jung zu bleiben, gefragt und gebraucht zu sein. Nicht nur Kinder, Adoleszente und Erwachsene, sondern gerade auch Ältere sind, wie der schon erwähnte Erik H. Erikson (1971) bemerkte, so konstituiert, „daß sie es nötig haben, benötigt zu werden, um nicht der seelischen Deformierung... zu verfallen“. Die Enkel

sind zudem ein sichtbarer Beweis für die Kontinuität der Familie. Eine gute Beziehung zu ihnen kann bei den Großeltern das Gefühl stärken, in der übernächsten Generation weiterzuleben, es kann das Gefühl der biographischen Kontinuität (Höpflinger 2002, 4) festigen. Es

kann insofern sogar Gefühle und Phantasien von biologischer Unsterblichkeit erwecken. Großeltern erhalten partielle Partizipation an den Erfahrungen der jüngsten Generation. Sie werden dadurch auch an ihre eigenen Vergangenheit als Kinder und Jugendliche erinnert. Und Enkel können an den Erfahrungen der Ältern - und damit ihrer Zukunft, dem Älterwerden mit seinen Aspekten wie Krankheit, Leid, Einschränkung, Verlust, Tod und Trauer - teilhaben. „Durch die Begegnung mit alten Menschen“, schreibt Erik H. Erikson ([1982] 1988, 80), „werden Kinder lebendiger Kulturen in besonderer Weise zur Nachdenklichkeit angeregt“. Die Sozialwissenschaftlerin Francois Höpflinger (2002, 4f.) unterstreicht die Möglichkeit zur

‘Generativität’ (Erikson 1970b) in der Großelternrolle. Zur Generativität zählen unter anderem: Vermittlung und Weitergabe von Erfahrung und Kompetenz (Traditionen), Sorge um die nachkommenden Generationen, inklusive finanzieller Aspekte. Diese Sorge kann sich zum Beispiel auch in sozialen, kulturellen oder politischen Aktivitäten äußern. „Die Generativität älterer Menschen besteht im weiteren auch in der Integration von Neuem in das Alte und der Wahrung der Kontinuität“ (Höpflinger 2002, 5). Großeltern geben Erfahrungen, Haltungen,

Sicht- und Erlebnisweisen an die Enkel weiter“ (Uhlendorff 2003, 118). Sie können Zeitzeugen, Geschichts- und Traditionsvermittler und Lehrer für ihre Enkel sein. Darüber hinaus

Personen, bei denen man Zuflucht suchen kann, die besondere Wünsche erfüllen und bisweilen die Enkel verwöhnen. Der Verwöhnung der Enkel durch die Großeltern kann auch ein unbewusster Wiedergutmachungsversuch an den eigenen Kindern zugrunde liegen. Auf-

grund ihrer größeren Lebenserfahrung zeigen viele Großeltern Altersweisheit, Nachsichtigkeit und Toleranz. Psychoanalytisch sprechen wir von einer Milderung des Über-Ichs im Alter - bisweilen kommt es allerdings auch zum Gegenteil einer vermehrten Rigidität und Alterstarrheit.

Aber wie jede menschliche Beziehung steht auch die zwischen Großeltern und Enkel unter einer gewissen Ambivalenz. Diese wird manchmal bewusst, ist oft aber auch unbewusst. Zum Beispiel konfrontieren die Enkel ihre Großeltern zwangsläufig mit dem eigenen Älterwerden und damit ihrer Endlichkeit beziehungsweise Vergänglichkeit. Das ist nicht nur angenehm. Zur Identitätsfindung des Pubertierenden und Adoleszenten gehört auch eine altersbedingte und -gemäße Abgrenzung gegenüber den Vorfahren, den Eltern und auch den Großeltern. Das kann manche Konflikte zwischen ihnen verständlicher machen. Enkel können schließlich auch durch ihr Leben und ihre Fragen, die Großeltern zur Auseinandersetzung mit deren eigener Vergangenheit anregen. Die größere Distanz zwischen Enkeln und Großeltern erlaubt nicht selten auch einen offeneren, freieren und differenzierteren Zugang zur Vergangenheit, besonders einer belasteten Vergangenheit, als den zwischen Kindern und Eltern. „Lebensgeschichtliche Erzählungen und die Tradierung des familialen Gedächtnisses sind denn bedeutsame Bestandteile der Beziehung zwischen Großeltern und

Enkelkindern“ meint Francois Höpflinger (2002, 4). Bisweilen kann sogar, das, was zwischen Eltern und Kindern unaussprechlich war, und die erdrückende „Last des Schweigens“ (BarOn 1993) hervorrief, dann im Gespräch mit der Nachfolgegeneration zur Sprache kommen (Broke 1989; vgl. Lorenz 2003, 104). So kann ein Anfang gesetzt werden, das belastende Schweigen zu brechen und die Sprachlosigkeit zu überwinden.

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4. Enkel der ‘Hitlergeneration’

Wenn heute lebende Menschen die Nazizeit miterlebten (als Großeltern, Eltern oder Kinder), ergeben sich daraus spezifische Fragen und Problemstellungen, aber auch Chancen für deren Enkel. „Die Sprachlosigkeit der Eltern war Hauptproblem dieser Kinder“ (Broke 1989, 41), damit sind die Eltern der Enkel gemeint. „Mit den Enkeln können die Großeltern reden. Es wirkt fast so, als sei eine Generation übersprungen worden“ (Broke 1989, 42).

4.1. Generationenfolge In den letzten 10 – 15 Jahren ist es zu einer intensiven interdisziplinären Ausweitung und Vertiefung der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung gekommen. Sie bezieht sich auf das ‘kulturelle Gedächtnis’ (Assmann), das ‘soziale Gedächtnis’ (Welzer 2001) einer größeren Gemeinschaft wie einer Gesellschaft ebenso wie auf das einer kleineren wie der Familie, das „Familiengedächtnis“ (Halbwachs 1985 zit. n. Koch 2001, 138). Ich frage mich, ob es nach dem Schock der Shoah und der Nazizeit ein rein zufälliger Zusammenhang ist, dass heutzutage (erst) fast fünf Jahrzehnte später die Wissenschaft damit beginnt, sich intensiv interdisziplinär mit der Erforschung der Phänomene Gedächtnis und Erinnerung zu befassen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf den in Kürze erscheinenden Tagungsband: „Theologie und Psychologie im Dialog über Erinnern und Vergessen“ (Auchter u. Schlagheck 2004) hinweisen. Es ist nun auffällig, dass zudem in jüngster Zeit - und unser heutiges Tagungsthema gehört wohl auch in diesen Zusammenhang - also ungefähr 60 Jahre nach den Geschehnissen auch eine neue Welle von ‘Erinnerungsliteratur’ auf den (Buch-)Markt kommt. Es sind vor allem die deutschen ‘Kriegskinder’ und ihre Nachkommen, die sich heute verstärkt zu Wort melden. Ich erwähne nur zum Beispiel: Hilke Lorenz (2003): „Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation“, oder: Sabine Bode (2004): „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“. Die Kriegskinder von damals (also die Generation der 1930/1935 1945 Geborenen) sind heute häufig selbst schon im Alter von Großeltern. „Es scheint als sei die Zeit des konsequenten Schweigens nun vorbei“, formuliert Hilke Lorenz (2003, 22). In der psychoanalytischen Fachzeitschrift „Forum der Psychoanalyse“ veröffentlicht im Juni-Heft der Münchner Psychoanalytiker Michael Ermann (2004) einen einschlägigen Artikel mit dem Titel „Wir Kriegskinder“. Auch er betont, dass es bislang es zu diesem Thema „kaum nennenswerte psychotherapeutische Fachliteratur“ (Ermann 2004, 226) gäbe.

Der Historiker Jörn Rüsen (2001, 244ff.) hat drei Phasen der deutschen Erinnerung an die Nazizeit und die Shoah unterschieden. Er ordnet sie idealtypisch drei Generationstypen zu: (1) der Kriegs- und Wiederaufbaugeneration, (2) der Nachkriegsgeneration und (3) ihrer Kinder (mit anderen Worten: die Enkel). Markante ‘Wendezeiten’ dafür sind die Jahre 1968 und 1989. Den entsprechenden Umgang mit der Erinnerung charakterisiert Rüsen (2001) durch (1) „Beschweigen und Exterritorialisieren“, das ist die Zeit der „Unfähigkeit zu trauern“, welche die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich (1967) beschrieben haben. (2) Die ‘68er’ gründeten ihr Selbstverständnis vor allem auf „Moralischer Distanzierung“ von und auf kritischer Auseinandersetzung mit der Väter- und Mütter-Generation. Dabei dominierte häufig eine ‘Gegenidentifizierung’ mit den Opfern und eine universalistische Identifizierung (Che Guevara, Ho Chi Min, Mao Tse Tung). (3) Erst heute scheint dritte Epoche anzubrechen, die Rüsen mit „Historisierung und Aneignung“ charakterisiert. „Der wachsende Abstand zum Holocaust im Generationswechsel eröffnet nun die Chance, den mentalen Bruch zu schließen, der die Deutschen von heute von ihren Vätern und Großvätern in der historischen Perspektive ihres Selbstverständnisses trennt“ (Rüsen 2001, 254). Der ZEIT-Autor Volker Ullrich (2003, 14) schreibt in einer Besprechung des Jugendbuches „Die Zeit der schlafenden Hunde“ von Mirjam Pressler (2003) – eines Textes, der sich mit Ereignissen in der Nazizeit beschäftigt -: „Auch die Generation der Enkelinnen und Enkel kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen; sie anzunehmen eröffnet vielmehr die Möglichkeit, ein selbstbewusstes Leben zu führen“. Im Folgenden wende ich mich nun zunächst der Generation zu, welche die Nazizeit als Erwachsene beziehungsweise junge Erwachsene erlebt hat.

4.2. „Opa war kein Nazi“ Der Hannoveraner Sozialpsychologe Harald Welzer und seine MitarbeiterInnen führen zwischen 1997 und 2000 eine vielbeachtete und -diskutierte Mehrgenerationenstudie „Tradierung von Geschichtsbewusstsein“ durch. Sie veröffentlichen sie unter dem Titel „Opa war kein Nazi“ im Jahre 2002. Für das Projekt werden 40 Familiengespräche und 142 Interviews

mit Familienangehörigen geführt (Welzer u.a. 2002, 11). Die Autoren stellen eine gravierende Diskrepanz zwischen dem kognitiven Geschichtswissen (durch Schule und Medien fundiert), dem „kulturellen Gedächtnis“, und emotionalen Erinnerungen (vor allem durch familiale Gespräche vermittelt), dem „kommunikativen Gedächtnis“ (Welzer u.a. 2002, 12f.) oder „Familiengedächtnis“ fest. Das Familiengedächtnis wird bestimmt durch prinzipielle – überwiegend unbewusste – Forderungen. Welzer u. a. (2002, 20) nennen drei grundlegende Anforderungen: Es soll (1) die familiäre Kohärenz zu sichern, (2) die familiäre Identität zu bewahren und (3) Loyalitätsver-

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pflichtungen gegenüber der Familie nachzukommen. Das hat zur Folge, dass grundsätzlich

eine „‚gute Geschichte’ der Familie aufrechterhalten und fortgeschrieben (Welzer u.a. 2002, 24) werden muss. Die Angehörigen der Kinder- und noch mehr der Enkelgeneration stehen damit aber vor dem Dilemma. „Einerseits den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus und die Tatsache des Holocaust umstandslos anzuerkennen, andererseits aber ihre eigenen Eltern und Großeltern so zu positionieren, dass von diesem Grauen kein Schatten auf sie fällt“ (Welzer u.a. 2002, 47; vgl. 207, 247). Die gelungene gesellschaftliche Aufklärung über die nationalsozialistische Vergangenheit, meinen Welzer u.a. (2002, 53), „evoziert geradezu das subjektive Bedürfnis, dem eigenen Großvater oder der eigenen Großmutter jeweils die Rolle der anderen, der ‚guten Deutschen’ im nationalsozialistischen Alltag zuzuweisen“. Das Ergebnis ist, dass „zwei Drittel aller Geschichten [in den Familiengesprächen] davon handeln, dass die Familienangehörigen aus der Zeitzeugengeneration und ihre Verwandten entweder Opfer der NS-Vergangenheit und/oder Helden des alltäglichen Widerstands waren“ (Welzer u.a. 2002, 54). „’Die Nazis’ sind die anderen – die ‚Gegentypen’ zum eigenen Großvater bzw. Vater“ (Welzer u.a. 2002, 155). Im Anhang zur 2. Auflage des Buches (Welzer u.a. 2002, 246ff.) wird eine repräsentative Emnid-Umfrage zum gleichen Thema vom Juni 2002 referiert. Die überraschenden Ergebnisse der Umfrage sind: 49% der Befragten sind der Auffassung, dass ihre Angehörigen dem Nationalsozialismus sehr negativ oder eher negativ gegenüberstanden. Lediglich 6% meinen, sie seien sehr positiv (2%) oder eher positiv (4%) dem NS gegenüber eingestellt gewesen. Nur 3% der Befragten meinten, ihre Angehörigen seien ‚antijüdisch’ eingestellt gewesen. 26% sind der Überzeugung, ihre Angehörigen hätten ‚Verfolgten geholfen’ und 35% hätten ‚nach Möglichkeit nirgendwo mitgemacht’ (Welzer u.a. 2002, 246f.). Die Befragungsergebnisse veranlassen eine Kommentatorin zu der bissigen Bemerkung: „Die Opfer des Nationalsozialismus müssten demnach wohl ein ernsthaftes Problem gehabt haben, diese Nachfrage zu stillen!“. Die Autoren der Studie fassen ihre Ergebnisse so zusammen, „dass es in deutschen Familien aus der Sicht der Familienangehörigen so gut wie keine Nazis gegeben hat“ (Welzer u.a. 2002, 248, kursiv T.A.). Dieses Ergebnis ähnelt in wirklich verblüffender Weise den Antworten, die der amerikanische Sozialpsychologe Saul K. Padover ([1946] 1999) bei seinen Befragungen von Deutschen 1944/45 direkt nach der Befreiung durch die Amerikaner im Aachener Raum und im Ruhrgebiet erhielt. „Sie schoben die Schuld auf den einst so geliebten Führer, machten ihn für alle Schwierigkeiten verantwortlich“ (Padover 1999, 28; kursiv T.A.). „Wir haben keinen einzigen Nazi gefunden. Jeder ist ein Nazigegner. Sie sind immer schon gegen Hitler gewesen... Ich

bin nur zwei Deutschen begegnet, die nicht vor Selbstmitleid troffen, die nicht jammerten und sich nicht als unschuldig und völlig bedeutungslos hinstellten“ (Padover 1999, 46/47, kursiv T.A.).

Ein Befragungsergebnis aus der Emnidumfrage von 2002, nämlich: „65% der Befragten glaubten, dass ihre Eltern und Großeltern ‚viel im Krieg erlitten hätten’“ (Welzer u.a. 2002, 47) bedarf allerdings m.E. einer gesonderten Betrachtung. Ohne Zweifel lassen sich eigene Leidens- und Opfergeschichten zur Abwehr der eigenen Täterschaft und Verantwortungsübernahme missbrauchen. Solche Opferkonstruktionen können wie Welzer u.a. (2002, 82ff., 248) in ihrer Studie herausgearbeitet haben bis zur völligen Umkehrung der Täter - in die Opferrolle reichen. Dahinter und daneben dürfen jedoch m.E. die tatsächlichen Leiden, insbesondere der sicher unschuldigen Kinder nicht verlorengehen! Damit komme ich zu:

4.3. Kriegskinder Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber (2003, 984 FN) charakterisiert als ‚Kriegskinder’ Menschen, die „den Krieg als Kleinkinder, Kinder und Jugendliche erlebt“ haben, also etwa die Geburtsjahrgänge 1930 – 1945. Das sind ca. 14,8 Millionen Menschen allein in den alten Bundesländern (Lorenz 2003, 19). Ihrer bisherigen Sprachlosigkeit, ihrem „konsequenten Schweigen“ (Lorenz 2003, 22) entspricht ein jahrzehntelanges mangelndes öffentliches Interesse ebenso wie eine fehlende psychologische (Bode 2004, 19, 32) oder psychotherapeutische Fachauseinandersetzung (Ermann 2004, 226) mit ihnen. Dieses kollektive „dauernde Wegschauen“ (Ermann 2004, 227) über Jahrzehnte bedarf einer Erklärung. (1) Der erste und wichtigste Grund dürfte darin liegen, dass die bewussten und unbewussten Schuldgefühle über die Verfolgung und Vernichtung der Juden und anderer und die Destruk-

tionen des von Deutschland ausgegangenen Krieges den Blick auf das eigene Leiden und auch die Leiden der (sicher unschuldigen) Kinder verstellten. Man fürchtete vermutlich, einer Verwischung der klaren Unterscheidungen zwischen Opfern und Tätern und des Versuchs einer Aufrechnung von Schuld bezichtigt zu werden (Leuzinger-Bohleber 2003, 983; Ermann 2004, 238; Bode 2004, 18, 68; Richter 1997 zit. n. Bode 2004, 68, 101). (2) Sehr viele Kriegskinder haben Traumatisierungen erlitten. Zur traumaspezifischen seelischen Abwehr zählen Dissoziation und Abspaltung und Verleugnung. Dabei ist zu berück-

sichtigen, dass es sich bei diesen seelischen Abwehrmaßnahmen primär um selbststabilisierende (Leuzinger-Bohleber 2003, 1010) und selbstregulierende Schutz- und Bewältigungsversuche angesichts von traumatisch überwältigenden Erfahrungen handelt (vgl. Ermann 2004, 238)! Dieser Abwehr unterlagen wohl auch die Wissenschaftler und auch die Psychoanalytiker (Leuzinger-Bohleber 2003, 982).

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(3) Ermann (2004, 238) findet ein weiteres Motiv in den Nachwirkungen der Heldenideologie des Nationalsozialismus und des Mythos von der Stärke und Unverletzlichkeit des ‘deutschen Kindes’ (‘Gelobt sei, was hart macht’, ‘hart wie Kruppstahl’, ‘deutsche Jungen (und Mädels) weinen nicht’) (vgl. Lorenz 2003, 296).

„Bagatellisieren, abschwächen, bewusst vergessen und verdrängen, lautete die Devise in den Nachkriegsjahren“ (Lorenz 2003, 19). „Ein Leben lang haben sie geschwiegen: jetzt beginnen sie zu reden: ‘Wir Kriegskinder’“ (Ermann 2004, 228). (4) Weiter meint Ermann (2004, 228): „Wir können als Menschen offenbar nicht zur Ruhe kommen und nicht in Ruhe alt werden, wenn wir Kern und Ursprung unserer Geschichte, ei-

ner erschreckenden Geschichte, in uns abgespalten halten“. „Im Alter rückt auch die Kindheit wieder näher. Da hat man das Bedürfnis und endlich auch die Zeit, sich mit seinen Wurzeln und den frühesten Eindrücken zu beschäftigen“ (Bode 2004, 32). „Die Erlebnisse der Kriegskindheit melden sich oft erst wieder, wenn die Menschen nach einem langen Arbeitsleben zur Ruhe kommen“ (Lorenz 2003, 164). Angesichts des näherrückenden Lebensendes wächst vielleicht das Bedürfnis, die eigene Lebensgeschichte ‘abzurunden’, indem auch traumatische Erfahrungen durch aus-sprechen und mit-teilen integriert werden. Die heranwachsenden Enkel regen vielleicht zusätzlich ihre Großeltern dazu an, durch Identifikation mit ihnen ihre eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen wiederzubeleben. Traumatisierungen erfolgten durch Bombardierungen, unerträgliche Trennungserfahrungen

(von der sogenannten Kinderlandverschickung waren ungefähr 2 Millionen Kinder betroffen (Lorenz 2003, 57)), Flucht und Vertreibung, Hunger und Heimatlosigkeit, Miterleben von unaushaltbaren Szenen (z.B. Tötung und Vergewaltigung). Eine gravierende potentiell trauma-

tisierende Erfahrung war die verbreitete Vaterlosigkeit (3 Millionen Gefallene, 2 Millionen Vermisste, 2 Millionen Kriegsversehrte (Bode 2004, 46), rund 10 Millionen Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft (Lorenz 2003, 249). Diese Thematik und Problematik des Kriegsheimkehrers ist kürzlich durch den Film „Das Wunder von Bern“ eindrucksvoll in Erinnerung

gerufen worden. 2,5 Millionen Kinder hatten nach dem 2. Weltkrieg nur noch einen Elternteil, 100 000 waren Vollwaisen (Lorenz 2003, 48, 248). 14 Millionen Menschen suchten nach dem Krieg Angehörige (Bode, 132). Zwischen 11 (Lorenz 2003, 237) und 14 Millionen waren Heimatvertriebene (Bode 2004, 111).

Ein Topos, der in den Berichten der Kriegskinder immer wieder auftaucht ist das lebenslange seelische Gezeichnetsein durch die Traumatisierungen: „Unbeschwertheit hat sich im Leben

nie richtig eingestellt“ (Lorenz 2003, 44, 136), „nie mehr richtig unbeschwert“ (Lorenz 2003, 234; Bode 2004, 114). „Das Ohnmachtsgefühl schmerzt sie heute noch“ (Lorenz 2003, 59). „Noch immer hat die heute Zweiundsechzigjährige Angst, verloren zu gehen“ (Lorenz 2003,

211). Ein besonders problematische unbewusste Rollenzuweisung nach dem Krieg lag darin, dass viele dieser Kinder dazu bestimmt waren „fröhlich“ zu sein (Bode 2004, 93ff.), der „Sonnenschein“ ihrer Eltern. Das ‘fröhliche Kind’ sollte einerseits zur Abwehr der eigenen (kindlichen) Trauer dienen. Andererseits stellte es einen - in der Regel vergeblichen - unbewussten Versuch des Kindes dar, die depressiven Mütter (Leuzinger-Bohleber 2003, 997ff.)

und die geschlagenen Väter (a.a.O. 995) aufzuheitern. „Das Schlimmste, was passieren konnte“, sagt einer, war, „Enttäuschungen verursachen“ (Bode 2003, 113). „Doch dieses kollektive Nach-vorne-Schauen war nicht gesund optimistisch. Es hat etwas von Denk- und Fühlverbot“ (Lorenz 2003, 292). „Die Kriegskinder, ihre Eltern und Großeltern haben ihre

Trauer gut in sich vergraben“ (Lorenz 2003, 296). Erst heute, sechs Jahrzehnte später beginnt das Verdrängte wiederzukehren. Und hat eine (letzte) Chance zur seelischen Bearbeitung, vielleicht zur Bewältigung?

4.4. Enkel der Widerstandskämpfer des 20. Juli Ohne Frau von Aretin hier vorgreifen zu wollen, erlauben Sie mir noch ein paar wenige Bemerkungen zu unserem heutigen Kernthema. Die ‘Großeltern des 20. Juli’, jedenfalls die Großväter, die im Widerstand gegen Hitler ermordet wurden oder gezwungen wurden, Selbstmord zu begehen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits ‘Helden’ sind, die ihr Leben für den Sturz Hitlers und ein ‘besseres Deutschland’ geopfert haben. Andererseits sind sie tot und deshalb ist nach dem 20. Juli 1944 für ihre Partnerinnen, ihre Kinder und ihre Enkel keine persönliche Beziehung mehr zu ihnen, kein lebendiger Austausch mit ihnen und keine realitätsfördernde Auseinandersetzung mit ihnen mehr möglich. Das ist in jeder Hinsicht ein Verlust.

5. Schluss

Lassen Sie mich diesen Vortrag schließen mit einigen Zeilen aus dem Gedicht: „An die Nachgeborenen“ von Bertold Brecht. Er schrieb es Mitte der 30er Jahre des vergangenen

Jahrhunderts in seinem dänischen Exil, in das ihn die Nazis gezwungen hatten. „Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut in der wir untergegangen sind Gedenket wenn ihr von unseren Schwächen sprecht auch der finsteren Zeit der ihr entronnen seid.

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Dabei wissen wir doch: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach, wir die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist gedenket unserer mit Nachsicht.“

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