Vorwort

Vorwort

Vorwort Seit dem Sommer 1992 ist es offensichtlich und unübersehbar: der latente Rassismus, die Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit in der deutschen ...

1MB Sizes 0 Downloads 9 Views

Recommend Documents

Vorwort Vorwort
Die deutschen Beispiele helfen der weiteren Disambiguierung: Das Deutsche betont hier; oft ist auch eine. Übersetzung m

Vorwort
im selben Gebäude wie der Obersaal, den wir bei unserer Israelreise gesehen ha- ben. So kamen zu Pfingsten ganz viele.

Vorwort
15.07.2004 - schek, Paulus van Husen, Otto Heinrich von der Gablentz, Hans .... der NS-Bewegung, wie Wolf Heinrich Graf

Vorwort
Hessische Staatskanzlei. Georg-August-Zinn-Straße 1. 65183 Wiesbaden. Mitherausgeber: Arbeitsgemeinschaft hessischer In

Vorwort
Michail Kaufman, ... von der Idee, vom Plan bis zu seiner Umsetzung dauert es viel zu ..... Dokumentarfilms, Vertov, Kau

Vorwort
Händel war eines der größten Improvisationstalente des späten Barock. ... 6 Georg Friedrich Händel, Zwölf Fantasien und

Vorwort Vorwort - WKO
Buchhandlung, schloss 1863 eine Leihbibliothek an und ließ noch im ..... Die Mühle in Ebelsberg wurde 1251 erstmalig u

Vorwort..
3.7 Wiederverstaatlichung: Der Fall JVA Offenburg........... 3.8 Die Öffentlich-Private-Partnerschaften in der Praxis un

Vorwort
Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien. Von den 14 .... Weltkrieges zu der Flucht und Vertreibung

Vorwort
als Dirigent und Komponist für das Professional Concert in den Hanover Square Rooms agierte, als auch als Hauptkomponis

Vorwort

Seit dem Sommer 1992 ist es offensichtlich und unübersehbar: der latente Rassismus, die Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit in der deutschen Bevölkerung schlägt um in offene Aggression, Totschlag und Mord. Die Täter fragen nicht nach dem Grad der Wehrlosigkeit ihrer Opfer, sie machen auch vor kleinen Kindern nicht halt. Die öffentliche Diskussion, zahlreiche Medien und eine Mehrzahl der politischen Verantwortlichen setzen nicht etwa Strategien dagegen, die den Schutz der Opfer und ein Ende des Terrors zum Ziel haben, sondern planen die Vertreibung zumindest eines Teils der 'Fremden' mit vermeintlich sauberen, rechtstaatlichen Methoden. Mit anderen Worten: der Terror zeigt Wirkung, die Täter dürfen sich ermutigt fühlen. Das vorliegende Buch - im Juli 1991, also kurz vor Beginn der ersten dieser Pogrome abgeschlossen, - gibt auf einige Fragen Antwort. Es tut das in indirekter und nicht selten verblüffender Weise am Beispiel der Beziehung zwischen Deutschen und Türken. Denn: die Geschichte der Begegnungen zwischen diesen beiden Kulturen beginnt nicht mit den ArbeitsmigrantInnen und den Asylsuchenden. Seit der frühen Neuzeit finden sich in der deutschen Sprache, Literatur und Musik, in der kirchlichen Lehrmeinung und im religiösen Brauchtum Bilder von den Türken. Es läßt sich nachweisen, daß diese Bilden einen hohen Verbreitungsgrad hatten und spezifische Funktionen erfüllten. Margret Spohn dokumentiert und analysiert sie anhand eines reichhaltigen Quellenmaterials: populäre Bilder, nicht selten von hervorragenden Intellektuellen ihrer Zeit geprägt und verbreitet, die immer wieder neu alte Stereotype, Vorurteile und Rassismen produzieren. Bilder aber auch, deren Relevanz und Brisanz in der Gegenwart unübersehbar ist. Eine Studie zu einem ernsten Thema also, und dennoch eine spannende und manchmal gar vergnügliche Lektüre. Die Autorin bietet eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, die die Gegenwart verstehen hilft - nicht um die zu verharmlosen und zu entschuldigen, sondern um sie zu verändern. Lydia Potts

Einleitung

Die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Türken/innen begann 1961 mit dem Anwerbevertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei. Dieser Schluß drängt sich auf, bei einem Blick in die zahlreiche Literatur zum Thema "Gastarbeiter" und "Arbeitsmigration". Wenn dies so ist, wenn Deutsche und Türken/innen wirklich erst eine 30jährige gemeinsame Geschichte haben, wie ist dann Folgendes zu erklären: - Ausdrücke wie: "einen Türken bauen" "türken, oder einen Türken stellen" "Türkenblut", ein Rotwein "schlimmer als der Türke" "Türk" oder "Sultan" als Hundenamen "Kümmeltürken" als Bezeichnung für Haller Studenten... ? - Türkendrucke aus dem 15.-17. Jahrhundert in allen deutschen Gebieten? - Türkengebete, Türkenglocken vom 12. Jahrhundert an? - Türkische Gräber aus dem 18. Jahrhundert in Berlin, Hannover und anderen Städten? - Türkentaufen im Deutschland des 17. und 18. Jahrhunderts? Es liegt nahe zu vermuten, daß dies Relikte viel früherer Epochen deutschtürkischer Beziehungen sind, deren Nachwirkungen noch heute spürbar sind. Es wäre doch durchaus möglich, daß Türken/innen, die von dem wachsenden Rassismus in der Bundesrepublik am stärksten betroffen sind, Opfer jahrhundertealter, längst vergessen geglaubter, Vorurteile und Ängste sind, die ins kollektive Unterbewußtsein der Deutschen eingedrungen sind. Diese Arbeit möchte versuchen, längst Vergessenes wieder sichtbar werden zu lassen. Aus diesem Grund muß die 500jährige gemeinsame Geschichte näher untersucht werden:

12 Spuren, die frühere Türken/innenbilder1 in Deutschland hinterlassen haben, sind zahlreich und umfassen u.a. die Bereiche: Religion, Musik, bildende und darstellende Künste, Literatur, Mode, Architektur, Umgangssprache. Vorstellungen über "die Türken" waren somit in allen Bevölkerungsschichten vertreten. Wie sahen diese Bilder aus? Welche Vorstellungen verknüpften die Deutschen mit den Türken/innen? Assoziierten Klerus, Adel, Bauern, Handwerker, Bürgertum die gleichen Vorstellungen? Änderten sich diese Bilder? Gibt es Konsequenzen daraus, die bis heute spürbar sind? Folgende Fragen sollen zur Klärung beitragen: 1. Wer war an der Entstehung einer bestimmten Vorstellung über die Türken interessiert? 2. Wer war der Nutznießer dieser Bilder; welchen Zweck verfolgten sie? 3. Warum änderten sie sich? Im Rahmen einer Diplomarbeit ist es leider nicht möglich, die ganze Facette der beiderseitigen Beziehungen zu analysieren. Erschwerend hinzu kam die Tatsache, daß sich die Literatursuche als außerordentlich schwierig erwies. Es gibt keine mir bekannte Arbeit, die das Verhältnis von Deutschen und Türken/innen über einen längeren Zeitraum hinweg, unter unterschiedlichen Gesichtspunkten beleuchtet. Einzelne Arbeiten, meist Dissertationen philosophischer Fakultäten, analysieren zwar vereinzelte Aspekte (z.B. Das Türkenbild in der Literatur des Barock, das Türkenbild bei Luther...), aber ein Gesamtzusammenhang fehlt. Aus diesen Gründen mußte das Thema eingegrenzt werden. Ich habe mich für folgende Schwerpunkte entschieden, die in vier Kapiteln behandelt werden: 1. Das religiös geprägte Türken/innenbild Auch heute noch gilt als einer der größten Unterschiede zwischen Deutschen und Türken/innen die unterschiedliche Religion gesehen. Die Ab-

1

12

Unter "Bildern" werden immer wiederkehrende Stereotypen in der Beurteilung der Türken verstanden.

13 neigung gegenüber dem Islam ist sehr alt. In diesem Kapitel werde ich einige Ursachen nennen, die katholische und protestantische Theologen dazu bewogen, durch kirchliche Propaganda, ein negatives Türkenbild zu vermitteln. 2. Das musikalisch geprägte Türken/innenbild Musik ist ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens. Zu einer Zeit, in der weder Radio noch Fernsehen als Informationsträger entdeckt waren, übernahmen vor allem Volkslieder die Funktion der Nachrichtenver- und übermittlung. Aus den Texten dieser Lieder lassen sich somit Rückschlüsse auf die Wichtigkeit von Ereignissen und auf das vermittelte Türkenbild ziehen. Die von mir untersuchten Opern und Volkslieder sprachen ein jeweils unterschiedliches Publikum an, so daß dadurch eine Analyse des Türkenbildes verschiedener Bevölkerungsschichten möglich wird. 3. Das Türken/innenbild der Reiseliteratur Reiseberichte waren lange Zeit die einzigen Augenzeugenberichte aus dem Osmanischen Reich. Reisen war nur einer kleinen Schicht der Bevölkerung möglich. Ihre Berichte prägten, oft über Jahrhunderte hinaus, die Vorstellungen über das von ihnen besuchte Land und seine Bewohner/innen. Die in diesem dritten Kapitel behandelten Berichte waren weit verbreitet und von Reisenden aus vier Jahrhunderten geschrieben worden, so daß eventuelle Kontinuitäten oder Unterschiede in der Bewertung der Türken/innen erkennbar werden. 4. Das Türken/innenbild im Unterricht Das Türken/innenbild im Unterricht habe ich ausgewählt,um zu zeigen, daß auch noch in der Gegenwart die Vermittlung eines Türken/innenbildes stattfindet. Ich werde untersuchen, ob der direkte Kontakt zwischen Türken/innen und Deutschen an dem Inhalt dieses Bildes etwas ändert. Der Analyse des Türken/innenbildes in den vier Bereichen: Religion, Musik, Reiseliteratur und Unterricht, werde ich, quasi als Einstieg in das Thema, Meinungen von Gelehrten und Theologen des 15. und 17. Jahrhunderts zur Herkunft der Türken voranstellen.

13

14

Exkurs Wer sind die Türken? Erklärungsversuche von Gelehrten des 15., 16. und 17. Jahrhunderts Diese Frage beschäftigte zahlreiche weltliche und geistliche Wissenschaftler seit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen. Erklärungsversuche, waren sehr vielfältig und stützten sich auf religiöse, ethymologische und geschichtlich-mythische Ansätze. Ich werde im Folgenden verschiedene Abstammungstheorien vorstellen und dabei größere Originalpassagen zitieren: 1. Religiöse Abstammungstheorien Vertreter dieser Meinung waren meist Theologen, die glaubten, alles Wichtige müsse in der Bibel vermerkt sein. So suchten und fanden sie auch dort die entsprechenden Hinweise: a) Türken = Abkömmlinge des 10. Stammes Israel. CAELIUS, Verfasser der "Sarracinicae historiae" schrieb dazu 1580: "Andere halten dafür das die Türcken jhren Ursprung nehmen von der Zehen Geschlecht Israels, die in die Landschaft Mediam (wie Josephus bezeugt) sind geführt worden (...)" (Caelius zit.n. Göllner III, 76:241) Im weiteren Verlauf führte der Autor aus, daß die Sitten und Gebräuche Türken denen der anderen Stämme Israels ähnelten. Was er als Beweis seiner These ansah. b) Türken = Nachkommen Ismaels Als Heinrich KNAUST 1596 seine "Mahometische Genealogie" schrieb, glaubte er in den Türken/innen die Nachkommen des mißratenen Sohnes der verstoßenen Magd Agar und des Abraham zu erkennen. Von diesem Sohn hatte ein Engel verkündet, daß "(...) er ein wilder Mensch würde seyn und streitbar und sich setzen wieder alle seine Brüder: daher mans noch dafür helt, daß der Türcke von diesem Ismael her komme (...)" (Knaust zit.n. Göllner, ebda:)

16 c) Türken = Rote Juden MELANCHTHON, ein Theologe und Freund Luthers vertrat die Ansicht, die Türken wären "Rote Juden". "Juden" deshalb, da sie sich auch beschneiden ließen, und viele jüdische Bräuche übernommen hätten. Daß sie "Rote" Juden genannt wurden". (...) mag auff das kriegen vnd mörden gedeutet werden/ das die Türcken treyben/ dann es sind eytel bluthunde (...)" (Melanchthon zit.n. Köhler, 38:67) 2. Ethymologische Abstammungstheorien In Abstammungsuntersuchungen dieser Art versuchten die Wissenschaftler aus dem Wort "Türke" Hinweise auf den Ursprung und Charakter dieses Volkes zu erhalten: a) Türken kommt von "Theorici" Georg VON UNGARN warnte 1480 seine Glaubensbrüder/schwestern vor der "verführerischen Vorbildlichkeit der Türken": "Turci kommt von theorici, d.h. es sind Leute, die auf subtile geistige Art und nicht mit grober Gewalt die Christen zum Islam bekehren wollen." (Georg von Ungarn zit.n. Klockow, 89:45) Diese Erklärung unterschied sich von der landläufigen Meinung, die Türken mit Grausamkeit und Barbarei zu verbinden. Dies kann aus der frühen Entstehungszeit (1480) erklärt werden. In allen späteren Schriften steht die Wildheit der Türken im Vordergrund. b) Türken kommt von "Torquere" HEIDENREICH, ein protestantischer Theologe zur Zeit Luthers fand folgende Erklärung: "Das wortlein Turca gibt viels nachdenkens. Etliche meinen/ es komme her vom wortlein Torture vnd Torquere, vom quellen vnd plagen/ das der Türckischen bestien an den armen Christen die meiste Kunst ist (...) Die andern achtens dafür/ es komme vom wörtlein Trux, das da heisset grawsam/ Wie denn der Türcken gesichter vnd tracht scheußlich vnd grausam genug ist. (...)" (Heidenreich zit.n. Brenner, 68:323)

17 c) Türken kommt von "Beuwrisch" MÜLLER, der Übersetzer des "Trattato des costumi" von Menavino führte etliche Erklärungen zum Ursprung des Namen "Türken" auf: "Etliche sagen Turck komme von dem wortlein trux, darumb, daß sie tyrannisch, wutherich und schrecklich seyen (..)" "Doch ist der mehrertheil dieser meinung, dieweil das wortlein turco in jrer Sprach heißt beuwerisch, rauh wildt und grob, daß sie von wegen jrer groben unartigen sitten also heißen." (Müller zit.n. GöllnerIII,76:249) Auch in diesem Fall wird der Name mit einer Eigenschaft "wild, rauh" in Verbindung gebracht. 3. Geschichtlich-mythologische Abstammungstheorien Versuche dieser Art vermischten oft Geschichte und Mythen, um die Herkunft der Türken/innen zu erhellen. a) Türken = Nachkommen der Skythen. GIOVIO, Verfasser des "Commentario de le cose de Turchi" (1531) ein Standartwerk des 16. Jahrhunderts, sah in den Türken die Nachfahren der Skythen: "Die Turcken haben jren ersten ursprung von den Scythen (welche wir Tartarn nennen) die denn jnn wüstungen und wildnissen (...) bei dem wasser Volga wonen. (...)" (Giovio zit.n. GöllnerIII, 76:232) Giovio erklärte seine These damit, daß die Sitten, die äußere Gestalt und die verwendeten Waffen identisch seien. Diese These war in ganz Europa verbreitet. (Vgl. ebda) Die Wissenschaftler stützten sich auf die Aussagen HERODOTS, der in seinen Werken von den "Yürken" berichtet hatte. Die Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts wandelten diesen Begriff in "Türken" um und waren von der skythischen Abstammung überzeugt. Müller verband den sykythischen Ursprung der Türken mit der griechischen Mythologie: "und andere schreiben, daß die Türcken heißen von einem Sohn des Herkules, welcher vor zeiten in Scythia regieret habe, deß Namen Turcko gewesen, von welchem auch diß Land der Scythier genennet worden Teucria, welches wir nun mit Verwechselung etlicher Buchstaben nennen Turckia. (...)" (Müller zit.n. GöllnerIII, 76:249) Damit war das Problem der unterschiedlichen Namen für augenscheinlich ein Volk (Skythen = Türken) gelöst. Die Skythen galten in Europa als ein ausgesprochen grausames Volk. Sicher trug

18 diese Meinung nicht unwesentlich zur Gleichsetzung beider Völker bei. b) Türken = Nachkommen Trojas Diese Theorien basierten aus den Versuchen der Gelehrten des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit alle bekannten Herrschaftsdynastien aus trojanischen Wurzeln abzuleiten. Jonannes PISCATORIUS berichtete 1541 in seinem Büchlein "Herkommen, ursprung und auffgang des Türckischen und ottomanischen Kayserthums": "(Sie) halten sich für Nachkömmling des Königs Troili, welcher ein Sohn Priami, des Trojanischen Königs, und des gewaltigen Helden Hectoris und Paridid Bruder, geweßt, und wöllen also für echte Trojaner gehalten seyn und sagen; Daß jnen, als den Erben und Nachkömmlingen der Trojaner, das gantze Römische Reich, sonderlich gegen Nidergang, von rechtswegen zustehe und zugehöre (...)" (Müller zit.n. GöllnerIII, 76:235) (Diese These wird im ersten Kapitel wieder aufgegriffen werden.) Aus all diesen Erklärungen und Abstammungstheorien wird deutlich, daß der Name "Türke" mit zwei Dingen in Verbindung gebracht wurde: 1. mit militärischer Macht und 2. mit Grausamkeit. Wie diese Vorstellungen entstanden, wer, warum, auf welche Weise dazu beitrug, wird in den nun anschließenden Kapiteln behandelt werden.

1

Das religiös geprägte Türkenbild

1.1

Allgemeine Lage

Im 15., 16. und 17. Jahrhundert schien das Abendland in seiner Existenz von zwei Mächten bedroht: Im Süden Europas, in Spanien, galt die Reconquista mit der Übergabe Granadas 1492 an Phillip II zwar abgeschlossen, doch lebte die Angst vor den Morisken1 in der Bevölkerung fort. Nach der Zwangschristianisierung der Moslems 1499 in Granada, 1526 in Kastilien und Aragon lebten zwar offiziell keine Moslems mehr in Spanien, doch behielten viele der Zwangskonvertierten ihre alte Religion heimlich bei. In Provinzen wie Almeria, deren Bevölkerung zu 90% aus Morisken bestand, die aber trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit in die Vororte und kargen Gebirge abgedrängt wurden, wuchsen die Spannungen. (Vgl. Delumeau, 85:403f) Im Osten Europas wurde die Angst vor Überfällen und Eroberungen der Türken immer größer.2 Die Wichtigkeit dieses Themas in Europa zeigt, daß allein in Frankreich zwischen 1480 und 1609 zweimal mehr Bücher über die Türken und die Türkei als über die eben entdeckten Gebiete in Nord und Südamerika gedruckt wurden. (Vgl. ebda: 397; GöllnerII, 76:20) Parallel zu den Eroberungen des Osmanischen Reiches (Rhodos, Mohacs, Ofen, Malta, Sizilien, Lepanto, Wien...) erschienen im 16. Jahrhundert die sogenannten "Türkendrucke", eine Art Zeitung, die den Menschen das Neueste von den Kämpfen, Belagerungen, begangenen Greueltaten, doch auch von Sitten und Gebräuchen der Türken berichtete. Von 2460 im 16. Jahrhundert erschienenen Türkendrucken wurden allein 1000 in deutscher Sprache in Deutschland herausgegeben. (Vgl. GöllnerIII, 73:18) Das Thema "Türken", darüber waren sich Adel, Klerus, Händler und Bauernschaft einig, war sozusagen "brandaktuell". In seiner Beurteilung klafften die Meinungen jedoch auseinander. Kaiser, Fürsten und Klerus, Vertreter der sozialen Ordnung, sahen in den Türken mehr als nur einen Feind, der auf Er-

1

Zum Christentum (zwangs)bekehrte AraberInnen. (Vgl. Delumeau, 85:403)

2

Diese Angst war seit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Türken ständig gewachsen.

20 oberungen aus war. Trotz aller Greueltaten, die man den Türken zuschrieb, so zeigte ein Kupferstich Erhard Schöns (1530) einen türkischen Markt, auf dem nackte christliche Sklavinnen und zweigeteilte Kinder zum Verkauf angeboten wurden (vgl. Delumeau, 85:403), übte das Osmanische Reich eine große Anziehungskraft auf Bauern, Handwerker und Soldaten aus. Die hoffnungslose Situation der Bauern, ihre harte Besteuerung in den Feudalgesellschaften, führte um 1520 zu Bauernaufständen und im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts dazu, daß viele Bauern ins Osmanische Reich abwanderten. (Vgl. ebda: 399) Dort mußten sie keine Fronarbeit leisten, die Steuern waren klar definiert, die Ernte wurde nicht durch durchziehende Armeen zerstört und, was schwerer wog, sozialer Aufstieg war möglich. (Vgl. Pfeffermann, 46:12) Wie mußte es wohl in den Ohren eines deutschen Bauern jener Zeit geklungen haben, wenn ihm ein Pascha erzählte: "Mein Vater wahr ein Sauhirt, ein Paur ein Taglöhner ein Vihirt oder dergleichen. Meine Tugent, Tapferkeit, Redlichkeit, Fleis, Verstandt hat mich zu solchen Ehren und Emptern bracht. (...)" (GöllnerIII, 76:275) Zwischen 1453 und 1623 waren von 48 Großvesiren des Osmanischen Reiches mindestens 33 Reneganten, zum Islam übergetretene Christen. "Die Christen, die als Gefangene oder Deserteure ihrem Glauben abschworen und zum Islam übertraten, zählten 'Nach Tausenden'." (Vgl. Delumeau, 85:399) Geschichten wie die des kalabrischen Fischers Occhiali, der als Euldj Ali König von Algier wurde, machten die Runde. Regelrechte "FahnenfluchtEpidemien" bereiteten den Befehlshabern große Sorgen. (Vgl. ebda) 1456 sollte eine Flotte, von Papst Kalixt III nach Chios, Lesbos und Imbros gesandt, den Bewohnern/innen unverlangt Hilfe gegen die Türken bringen die Inselbewohner/innen dachten nicht daran, sich gegen die Türken zu erheben. Die Bewohner/innen von Lemnos gar, erhoben sich gegen ihren christlichen Herrn und unterwarfen sich freiwillig dem Sultan, dem sie auch noch bei der Vernichtung der päpstlichen Garnison halfen. (Vgl. Pfeffermann, 46:13f) 1481 liefen 1500 neapolitanische Soldaten zu den Türken über. Schließlich waren christliche Techniker schon im 16. Jahrhundert an der Teilmodernisierung der Armee des Osmanischen Reiches beteiligt. (Vgl. Delumeau, 85:400)

21 Die soziale Anziehungskraft des Osmanischen Reiches gefährdete demzufolge nicht nur europäisches Territorium, sondern stellte vielmehr eine Bedrohung der sozialen Feudalordnung dar. Martin LUTHER war einer derjenigen, denen diese Gefahr bewußt war: "Dazu, wie unser deutsches Volk ein wüstes, wildes Volk ist, ja schier halb Teufel, halb Menschen sind, begehren etliche der Türken Zukunft und Regiment." "Weiter höre ich sagen, daß man findet in deutschen Landen, so des Türken und seines Regiments Zukunft begehren, als lieber unter dem Türken, denn unter dem Kaiser und Fürsten sein wollen. Mit solchen Leuten sollt` böse streiten sein wider den Türken." (Luther zit. n. Pfeffermann, 46:14) In dieser Situation, in der sich Adel, Kaiser und Klerus durch das Osmanische Reich in ihrer Existenz bedroht sahen, ergriff die römische Kirche die Initiative und begann die öffentliche Meinung zu beeinflussen und zu manipulieren. "Die öffentliche Meinung bestimmt das gedankliche Verhältnis des Einzelnen zu Ereignissen und zu Zuständen des öffentlichen Lebens (...)" (Pfeiler, 56:7) Der Kirche lag viel daran, dieses gedankliche Verhältnis zu steuern. In einem ersten Schritt wird deshalb die Propaganda der römischen Kirche untersucht und analysiert werden. Daran anschließend steht das Verhältnis der Reformation gegenüber der "Türkenfrage" im Mittelpunkt. Schließlich wird in einem letzten Schritt auf ein fast vergessenes Kapitel der deutsch-türkischen Geschichte eingegangen werden, in dem wiederum die Kirche eine große Rolle spielte. 1.2

Die Propaganda der Römischen Kirche

Ohne eine exakte Analyse der Situation der römischen Kirche im 15. und 16. Jahrhundert leisten zu können, soll kurz ein Überblick in die allgemeine Lage gegeben werden: Das Papsttum hatte die Macht als geistliche und weltliche Instanz gleichzeitig zu wirken, weitgehend verloren. Mit dem Wirken Martin LUTHERS war die Kirche zudem in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Dem Papsttum lag viel daran, diese Spaltung, die einen zusätzlichen Autoritätsverlust bedeutete, rückgängig zu machen. Das Bestreben der Kurie war es, die päpstliche Stellung gegenüber den europäischen Nationen wieder

22 aufzuwerten. (Vgl. GöllnerIII, 73:22) Der dabei einzuschlagende Weg sah wie folgt aus: "Den Differenzierungsprozeß des Abendlandes zu ignorieren, die Fiktion einer gemeinsamen christlichen Außenpolitik gegenüber den "Ungläubigen" aufrechtzuerhalten, sich der so dringenden Türkenfrage anzunehmen, die Führung des Kampfes an sich zu reißen, in der Anknüpfung an die Kreuzzugstradition den Gedanken des Glaubenskrieges zu popularisieren, ihn durch die Kirche bis ins letzte Dorf zu tragen, jede erfolgreiche Aktion gegen die Türken maßlos zu übertreiben und propagandistisch ebenso auszuwerten wie die Niederlagen, die zu größeren Leistungen anspornen sollten." (Pfeffermann, 46:33) Vor diesem Hintergrund ist die Propaganda der römischen Kirche bezüglich der Türken zu sehen. Sie lief auf verschiedenen Ebenen. Um ihr ganz spezielles Türkenbild der Bevölkerung näherzubringen, bediente sie sich unterschiedlicher Mittel: 1.2.1

Manipulation durch fingierte Briefe

Das erste nachgewiesene Propagandaflugblatt der Kirche erschien anläßlich der Niederlage HUNYADIS bei Kosovo 1448. Es trug noch märchenhafte Züge: "do logen die toten cristen uf Iren rocken (Rücken) und hattin rot Blut, und die toten Heiden logen uf Iren buchen (Bäuchen) und hattin swarz Blut." (Carmer Meister zit. n. Pfeiler, 56:15) Hier wurde deutlich, es kämpften Christen gegen Heiden. Beide waren noch im Tode durch ihre Lage und die Farbe ihres Blutes voneinander zu unterscheiden. Nach 1453, dem Fall Konstantinopels, verstärkte sich die Propaganda. 1454 erschien erstmals ein fingierter Brief des Sultans an den Papst. Dieser Brief wurde von den Kanzeln in Verbindung mit einem anderen Brief gelesen: Kardinal ISIDOR hatte an der Verteidigung Konstantinopels teilgenommen, jedoch aus der eroberten Stadt fliehen können und berichtete in seinem Brief von den Greueltaten der Osmanen an den überlebenden Christen. Dieser Brief wurde nun zuerst vorgelesen, anschließend das gefälschte Schriftstück des Sultans. Der Sultan, der sich darin als Nachkomme Trojas auswies, sah in der Zerstörung von Byzans die späte Rache für die Zerstörung von Troja. Sollte der Papst noch weitere feindliche Propaganda (Kreuzzug) betreiben, drohte er die Zerstörung der Christenheit an. (Vgl. ebda:21f) Ein Jahr später war ein zweiter fingierter Brief in Umlauf. Auch in diesem sah sich der Sul-

23 tan als Nachfahre Trojas. Dem folgten eine Reihe von Titeln, die wohl türkisch klingen sollten: "des himels und der hell beschirmer" "aller Haiden vater" "herr aller herren". (Vgl. ebda) Auch dieser Brief, der 1479 erneut in Umlauf gebracht wurde, endete mit der Androhung, die Christenheit zu zerstören. Die Wirkung dieser sogenannten "Absagebriefe", in denen angebliche Kriegserklärungen der Osmanen verkündet wurden, mußte groß gewesen sein. Hatte die Gemeinde doch den Brief eines wirklichen Sultans vernommen. All dies in der Kirche von Respektspersonen vorgetragen, verlieh dem Ganzen den nötigen Anschein von Seriösität und Authentizität. Welches Türkenbild wurde durch diese Absagebriefe den Gläubigen vermittelt? Das wichtigste Stilmittel war das Herausstellen der türkischen Grausamkeit, das "Brennen, Rauben und Morden", dem vor allem die Kinder schutzlos ausgeliefert waren. Die Briefe waren dementsprechend illustriert: "Ein türkischer Reiter durchbohrt ein Kind mit der Lanze, ein zweiter Türke schlägt ein Neugeborenes, das er an den Beinen hält, mit dem Schwert in der Mitte auseinander, und auf einem mit spitzen Pfählen versehenen Holzzaun im Hintergrund sind aufgespießte Säuglinge zu sehen." (GöllnerIII, 73:23) Für die Gemeinde drängte sich der Vergleich zum Kindermord in Bethlehem auf. 1.2.2

Manipulation durch Eingriffe im kirchlichen Bereich

Diese Eingriffe waren sehr vielfältig: 1.2.2.1 Türkenpredigten Seit Mitte des 15. Jahrhunderts wurden "missa contra Turcas" zelebriert. Die Predigt ergänzte nun erstmalig Liturgie und Gebet und schuf "systematisch das Bild eines verruchten Heiden und Erzfeindes" (GöllnerIII, 76:22) Der allgemeine Tenor der Türkenpredigten des 16. Jahrhunderts war, daß der Sieg über die Türken nur mit Gottes Hilfe nötig sei. Die (Über)mächtigkeit der Türken, deren Expansionsgelüste, Machtgier... wurde deutlich vor Augen geführt, aber gleichzeitig die Hoffnung erweckt, daß Christen ge-

24 meinsam den Feind besiegen könnten. Das verwendete Stilmittel war wieder einmal die Betonung der Grausamkeit: "Es gibt unter dem Himmel keine schimpflichere, grausamere und frechere Bösewichter als die Türken, welche kein Alter und Geschlecht schonen und ohne Barmherzigkeit Jünglinge und Greise niedermetzeln und die aus dem Schoß der Mütter noch unreife Frucht herausreißen" (Fabri zit. n. Knappe, 49:22) Welche Wirkung dies aus dem Mund Bischofs FABRI (1536-41) von Wien wohl auf die gläubige Gemeinde hatte? Die Türkenpredigten dienten auch dazu, Mißstände im eigenen Land anzuprangern, die den Türken einen Sieg erleichtern konnten. Ein besonderes Problem, das in allen Schriften angesprochen wurde, stellte der Alkohol innerhalb des christlichen Lagers dar. Wieder war es der eben erwähnte Bischof, der die Gemeinde fragte: "Wie will einer, der sich im Rausch kaum mehr auf den Füßen halten kann, gegen den nüchternen Türken kämpfen?" (ebda) Der Bischof konnte nur hoffen, daß durch "Unmäßigkeit, Völlerei und Trunkenheit nicht mehr als durch die Säbel der Türken zugrunde gehen." (ebda:24) Durch den Eintritt der Türken, quasi durch die Prediger, in die Kirchen, wurde das bewußt grausam gestaltete Türkenbild auch in die kleinsten Gemeinden getragen, zumal sich Wanderprediger im gesamten Deutschen Reich aufhielten und das "Kreuz predigten". Auf diese spezielle Tätigkeit wird im weiteren Verlauf dieses Kapitels eingegangen werden. Die Türkenpredigten blieben jedoch nicht das einzige Mittel der Anti-Türkenpropaganda. Mindestens genauso stark ins Bewußtsein der Bevölkerung drangen auch die "Türkenglocken" ein: 1.2.2.2 Türkenglocken Papst CALIXT III erließ am 29. Juni 1456 aus Anlaß des Verlustes von Morea an die Türken und zur Erinnerung an die Bedrohung Österreichs den Erlaß, in allen Kirchen mittags eine oder mehrere Glocken gegen die Türken zu läuten. Dabei sollten alle Gläubigen drei Vater Unser und drei Ave Maria beten. (Vgl. Schreiber, 38:30; 53:69) Vereinzelt regional begrenzt gab es dieses Glockenläuten auch schon früher. Erzbischof WOLFRAM von Prag hatte schon 1399 verordnet, jeden Freitag solle um neun, der Todesstunde Christi,

25 alle Glocken geläutet werden, um dem schmerzlichen Sieg der Türken über die Christen zu gedenken. Auch hier hatten die Menschen in ihren Tätigkeiten innezuhalten und mit gebeugtem Knie fünfmal das Gebet des Herrn zu sprechen. (Vgl. Schreiber, 38:31) Wie tief sich dieses Läuten ins Bewußtsein der Menschen, auch über einen längeren Zeitraum hinweg, eingegraben hat, zeigt eine Predigt des Abtes Cölestin KÖNIGSHOFER des Klosters Heiliges Kreuz, die dieser 1797 hielt. (Siehe Anhang I) Der Abt berichtete, daß das Glockengeläut zunächst als Anruf um göttliche Hilfe in der Türkengefahr eingeführt wurde und später als Dankesgeläut zur Errettung aus der Türkengefahr beibehalten wurde. Über mehrere Jahrhunderte hindurch verbanden die Gläubigen mit dem Glockengeläute die Türkengefahr. Die Kirche, und zwar sowohl die evangelische als auch die katholische, erreichten mit der täglichen Kombination von Glockengeläut und Gebet, daß jedes Mitglied der Gemeinde Tag für Tag an die Türkengefahr erinnert wurde. Doch nicht nur in Verbindung mit dem Glockengeläute wurde der Türken gedacht: 1.2.2.3 Türkengebete Bei Protestanten und Katholiken herrschte Konsens darüber, daß Buße getan werden müsse, um die Türken zu besiegen. Die Lage der Christenheit war düster: "Der Ungar mordet, der Spanier stiehlt, der Teutsche frißt und säuft, der Behm schläft, der Pol faulenzt, der Franzos singt, der Wahl (Welsche) hurt, der Engländer spielt, der Schott helviert und schlemmt." (Georgievics zit. n. Cosack, 1870:182) Das Mittel im sittlichen Umbruch wurde im Beten gesehen. Am 29.6.1456 erließ Papst CALIXT III eine Bulle zur Mahnung zu Gebet, Fasten und Buße. Er verlangte "am 1. Sonntag eines jeden Monats soll eine feierliche Bittprozession gehalten (...), sowie die Messe gegen die Heiden gelesen und eine entsprechende Predigt an das versammelte Volk vorgenommen werden mit der Erweckung des Glaubens und des Bußgeistes und mit der Schilderung der Türkennot. Dazu wurde allen Priestern auferlegt, in der Messe eine Oratio einzulegen." (Schreiber, 38:33) 1571 ordnete auch PIUS IV Gebete wider die Türken an. (Vgl. Delumeau, 85:407) Wie eine solche Oratio aussah, zeigt SCHREIBER mit einem Beispiel aus dem Jahre 1571 (Schlacht bei Lepanto): (Siehe Anhang II) Das Gebet ist

26 ein Eingeständnis der eigenen Sünden, der eigenen Unzulänglichkeiten. Die Christenheit trägt selbst Schuld daran, daß die Türken sie bedrohen. Durch ihre sündige Lebensweise, ihre Vernachlässigung des Betens hat sie den Zorn Gottes heraufbeschworen. Nur die Erflehung seiner Güte und Hilfe könne die gläubigen Christen noch vor den Türken retten. Ganz im Gegensatz zum christlichen Schuldbekenntnis stand ein "Gebet der Türken", das den Leser/innen in der 1664 erschienenen Ausgabe der OYGLERSCHEN Türkengebete vorgeführt wurde. Dieses Gebet, so wurde den Christen/innen versichert, beteten die Türken mehrmals pro Tag. (Siehe Anhang II) Anders als das christliche Bittgebet fällt das fingierte Gebet der Türken durch das Fehlen jeglicher demütiger Gebetshaltung auf. Gott wird beschworen, die Christen zu vernichten, sie zu zermalmen, ihr Blut zu trinken und sie gar aufzuessen. Dem Bild des grausamen türkischen Kriegers entsprechen seine grausamen Gebete. Die Moslems erweisen sich als Verderber der Christenheit und all ihrer Heiligtümer. Ihr Gott entpuppt sich als ein Wesen mit kanibalistischen Zügen. Das Ziel dieses gefälschten Gebetes lag darin, den Christen die Grausamkeit der Türken zu zeigen. Nicht einmal in ihren Gebeten waren sie demütig. Von solchen Menschen konnte nur Zerstörerisches kommen. Nur die geeinte Christenheit konnte dem Einhalt gebieten. Die Beschwörung der "politisch-konfessionell-sozialen Einheit" (Schulze, 78:66) zog sich wie ein roter Faden durch die Predigten, Gebete, Aufrufe... des 16. Jahrhunderts. Die Herausstellung der äußeren (Türken) Gefahr sollte als integrierendes Element, vor allem der Handwerker, Bauern und Bürger in die ständische Gesellschaft dienen. Das überall verbreitete Türkenbild zeigte seine Wirkung: Mit dergestalt grausamen Individuen konfrontiert, nahmen auch die Gebete der Christen/Innen an Intensität zu: "Siehe der grausame Erb- und Erzfeind deines allerheiligen Namens, der Türk hat in den benachbarten Grenzen einen schrecklichen Einbruch gethan, deiner Christen Blut wie Wasser vergossen mit Säbeln, Raub, Mord und Brand gewütet, und viel arme Christen sonderlich kleine Kinder, mit sich gefangen hinweggeführt unter das grausame Joch seiner Mahometischen Dienstbarkeit, willens ihme durch diesen Einfall einen Paß in unser liebes Vaterland deutscher Nation zu machen, und dein Erbtheil zu verschlingen." (Cosack, 1871:195f)

27 Auch hier wird deutlich, wovor die Gläubigen Angst haben (sollen): Vor dem grausamen Erb- und Erzfeind, der Christen mordet, Land verwüstet, Christensklaven eintreibt und kurz vor Deutschland steht. Wie zahlreich und wie weit verbreitet die Türkengebete waren, zeigt die 1686 aufgenommene Gebetssammlung, u.a. von Türkengebeten, des Theologen Johann SCHMIDT von Nörtlingen. Er stieß auf 117 verschiedene Türkengebete in 89 deutschen Städten. (Vgl. ebda: 236) Mittels dieser Gebete hatte die Kurie ein weiteres Mittel in der Hand, ihre Meinung zu verbreiten. Türkengebete allein, oder in der Kirche gemeinsam gesprochen, beschworen die Angst vor dem übermächtigen Feind, den nur Gott, bzw. seine Stellvertreter auf Erden besiegen konnte. 1.2.3

Die Rolle Marias im Türkenkampf

Als die Türken im Mai 1480 Rhodos, eine Johanniterfestung stürmen wollten, spielte die Marienverehrung eine entscheidende Rolle: Als die Lage schon fast aussichtslos erschien, wendete sich das Kriegsglück zu Gunsten der Verteidiger. "Eine mit glänzendem Schild und Lanze bewaffnete Jungfrau gefolgt von den "Himmlischen" habe die Türken in die Flucht geschlagen." (GöllnerIII, 73:54) Auch zur Zeit der ersten Wienbelagerung "wurde in Österreich der Madonnenkult auf die Türkennot bezogen. Maria wurde mit dem Halbmond dargestellt. Damit sollte die Wunderkraft Marias symbolisiert werden, den türkischen Halbmond zu brechen." (ebda: 94) Auch die Schlacht von Lepanto 1571 war ein wichtiges Datum in der Marienverehrung bezüglich der Türken. Als die Siegesnachricht verkündet wurde, rief PIUS V das Fest "Beatae Mariae Virginis de Victoria", Unserer Heiligen Frau der Siege aus, das "an jedem ersten Sonntag im Oktober in allen Kirchen mit einem Rosenkranzaltar gefeiert werden sollte." (Delumeau, 85:407) Nach der zweiten Wienbelagerung, die 30 Tage nach Mariä Himmelfahrt für die Christen entschieden worden war, ordnete Papst INNOCENS für die ganze Kirche das Gnadenfest Mariä Namen an, das jährlich in Gedenken an Wien begannen werden sollte. (Vgl. ebda) Parallel zu diesen Kirchenfesten erfuhr

28 auch die bildliche Darstellung Marias einen Wandel. Die über die Türken triumphierende Jungfrau wurde zur "Türkenmadonna". (Vgl. Hoefs, 89:55) "Die besterhaltene hängt in der Kirche von Kirchsahr: die Madonna steht auf dem Halbmond, die von ihr ausgehenden Strahlen münden in die Kugeln eines Rosenkranzes, in der Rechten hält sie emporgezückt das Schwert, auf der Linken sitzt ihr der Jesusknabe, der mit seiner Linken den abgeschlagenen Kopf eines Türken an seiner Skalplocke hält." (ebda) Auch mit dieser Umdeutung Marias als "Türkenmadonna" gelang es der Kirche, den Gläubigen die Angst vor den Türken allgegenwärtig erscheinen zu lassen und den Anschein zu erwecken, die Vernichtung der Türken sei von Gott gewollt. Daß diese "Türkenmadonnen" auch heute noch eine Rolle spielen, zeigt der Streit einiger Passauer Professoren gegen das Siegel der Passauer Universität. Das Emblem stellt "Maria vom Siege" dar. Es zeigt "eine Madonna, die mit ihren Füßen einen Drachen niederhält. Ihm stößt ein sichtlich motiviertes Jesuskind aus ihrem Arm herab mit hoher Energie das zu einer Lanze umfunktionierte Kreuz in den Rücken" (die Zeit v. 21.12.90) (Abb., S. 29). Ähnlich wie der Halbmond symbolisierte auch der Drachen zu Marias Füßen die besiegten Türken. Die Universität hat die kriegerische Madonna erst 1950 zu ihrem Symbol gewählt. Die Initiative der beiden Lehrenden MINTZEL und HAFFKE, die zunächst auf die wahre Bedeutung des Symbols hingewiesen haben und dann mit dem Argument, nicht bei jedem offiziellen Anlaß mit dem Briefkopf der Universität "Propaganda für Gegenreformation, Türkentod und Ketzerverfolgung " machen zu wollen, die Abschaffung des Siegels forderten, stießen auf Unwille, sowohl der Passauer Bevölkerung als auch anderer Lehrender. (Vgl. ebda) Die Wirkung derartiger Symbole sollte nicht unterschätzt werden. Eine Sensibilisierung für diesen und für ähnliche Fälle ist anzustreben.

29

Symbol für Türkentod und Ketzerverfolgung: "Maria zum Siege" mit Jesus, der dem Drachen die Lanze in den Rücken stößt 1.2.4

Manipulation durch Kreuzzugspropaganda

Mit Papst BONIFAZ III (1295-1303) hatte das Papsttum die führende Rolle in Staat und Politik verloren. Die nachfolgenden Päpste waren teilweise von den französischen Königen abhängig. Auch das Schisma (1378-1417) hatte die starke Stellung des Papsttums geschwächt. Wenn die römische Kurie in dieser Situation die Initiative zu den Kreuzzügen3 gegen die Türken übernahm, tat sie dies, um ihre Position zu festigen. (Vgl. Pfeffermann, 46:32f) Da die Türken nicht nur die "Teutsch Nation", sondern die ganze Christenheit anzugreifen schienen, wurde daraus ein europäisches Problem. Nur die "Republika Christiana", die allen Christen gemeinsame Ordnung, konnte den

3

Hiermit sind nicht die Kreuzzüge zur Befreiung des Heiligen Landes im 11. und 12. Jahrhunderts gemeint, vielmehr geht es um die Bestrebung der Kirche "neue Kreuzzüge" gegen die Türken zu führen.

30 Türken noch Einhalt gebieten. (Vgl. Ehrenfried, 68:33) Wer war besser als der Papst dazu legitimiert, im Namen aller Christen zu sprechen? Sollte die Kreuzzugsidee erfolgreich sein, so die Kurie, mußten zunächst innerchristliche und innereuropäische Zwistigkeiten beigelegt werden. Der Papst versuchte mit der Kreuzzugsidee als Vorwand die politische Macht in Europa wieder zu übernehmen. "Die Kreuzzugspolitik sollte diese Einmischung legitimisieren und zur Erhöhung des päpstlichen Prestiges beitragen." (Pfeffermann: ebda) Daß es dem Papst in erster Linie um den Erhalt und Ausbau seiner Macht ging, zeigt stellvertretend für viele, das folgende Beispiel: Papst ALEXANDER X versuchte nicht nur mit allen Mitteln einen geplanten Kreuzzug des französischen Königs zu verhindern, vielmehr rief er gegen den christlichen Franzosen die Türken zu Hilfe! KARL VIII, der sich gegen die vom Papst unterstützte Wahl Alfonsos zum König von Neapel gewandt hatte, drohte dem Papst mit militärischen Schritten, als dieser der Wahl dennoch zustimmte. Außer auf Alfonso konnte der Papst auf keine Verbündeten zählen und wandte sich an den türkischen Sultan Bajazid II. Hier tritt das politische Kalkül deutlich zu Tage. Religiöse Motive spielen keine Rolle. ALEXANDER konnte sich dabei auf die fast schon traditionell guten Beziehungen zwischen Papsttum und der Hohen Pforte stützen. Hatte doch sein Vorgänger, Papst INNOZENT VII den Bruder des Sultans, Dschem, in Gewahrsam genommen und Bajazit II damit das Machtmonopol gesichert. Bajazid wäre der Tod seines Bruders zwar angenehmer gewesen, aber Kurie und Hohe Pforte einigten sich auf eine jährliche Pension von 40.000 Dukaten, was 60% der Jahreseinnahmen des Kirchenstaates entsprach. (Vgl. Pfeffermann, 46:82ff) An diesem Punkt knüpfte ALEXANDER in seinem Hilferuf an den Sultan an. Die Instruktionen des päpstlichen Gesandten (siehe Anhang IV) spielten denn auch auf die "gegenseitige Freundschaft" und die Verpflichtung des Sultans gegenüber dem Papst (Gefangennahme des Bruders des Sultans durch den Papst) an. Der moslemische Sultan, geeint mit dem Papst gegen einen christlichen König - dieses Szenario fand nur deswegen nicht statt, weil der Sultan nicht direkt militärisch eingreifen wollte.

31 Doch nicht nur der Papst, auch katholische Fürsten und Könige riefen, wenn es die militärische oder wirtschaftliche Lage verlangte, die Türken zu Hilfe, bzw. gingen Bündnisse mit ihnen ein. Die geistlichen und weltlichen Herrscher des 15. und 16. Jahrhunderts sahen in den Türken vor allem eine militärische, ökonomische und politische Großmacht, die in das eigene Kalkül miteinzuziehen war. (Vgl. ebda:99) Die Kreuzzüge dieser Zeit hatten demzufolge keine religiösen, sondern vorrangig politische Ursachen. Anders als Papst und Fürsten, die die Türken als politische und militärische Großmacht sahen und sie in ihre jeweilige Politik miteinbezogen, oder sie bekämpften, wurde dem Volk durch gezielte Propaganda ein anderer Eindruck vermittelt und die Idee des Heiligen Kreuzzuges aufrechterhalten. Durch die ständige Betonung der äußeren Gefahr, hofften Adel und Klerus, innenpolitische Spannungen zu überdecken. 1.2.4.1 Christensklaven im Dienst des Kreuzes "Das haßverzerrte Bild der Türken konturierte vor allem die von kirchlicher Seite verbreiteten tendenziösen Berichte über das Los der Christensklaven in der Türkei." (GöllnerIII, 76:23) Dabei wurde nicht differenziert zwischen den Leiden der christlichen Grenzvölker, die den Angriffen meist schutzlos ausgeliefert waren und aus deren Mitte Tausende in die Sklaverei geführt wurden, und der Lage der christlichen Untertanen des Osmanischen Reiches. Sie alle litten, so die Propaganda, unsägliche Qualen und mußten befreit werden. (Vgl. Ehrenfried, 61:44) Das traurige Los der Christensklaven, das von den Kanzeln aus in erschütternder Weise beschworen wurde, bewegte die Herzen der Gläubigen, und die "Türkenalmosen" flossen reichlich. Das Rhedener Bruderschaftsbuch, eine "Türkenbruderschaft", deren Ziel im Freikauf der bedauernswerten Sklaven lag, vermerkte: "daß die einverleibte Brüder und Schwestern ihren gefangenen und bedrangten Neben Menschen durch ihr Gebet, und christlicher Beysteur die Gefungnüß zu eroffnen und selbige aus harten Schlaverey zu erlösen sich befleißen und beeifern sollten." (Scherer, 53:74) Auch in diesem Fall stand die reale Situation der christlichen Sklaven/innen im Osmanischen Reich in keinem Verhältnis zu der kirchlichen Propaganda. Je mehr Angst geschürt wurde, je grausamer das Leben der Christen/innen

32 im Osmanischen Reich geschildert wurde, desto weniger mußte die weltliche und geistliche Obrigkeit mit der Abwanderung der Bevölkerung rechnen. Geeint im Wissen um eine äußere Bedrohung, konnten auch innenpolitische und innerreligiöse Spannungen abgeschwächt werden. Noch deutlicher tritt die propagandistische Funktion einer anderen Gruppe hervor: 1.2.4.2 Prediger im Dienst des Kreuzes Im Mai 1455 rief Papst KALIXT III zum Kreuzzug wider die Türken auf. Um die nötige finanzielle und/oder personelle Beteiligung aller Stände zu erreichen, entfaltete die Kirche eine rege Propagandatätigkeit. Diese Aufgabe übernahmen Prediger, die von Stadt zu Stadt zogen. In Deutschland übernahm dies der Dominikaner Heinrich KALTEISEN, Bischof von Drontheim. Er überzeugte viele Gläubige mit einer alten Prophezeiung. Um diese glaubwürdiger zu gestalten, gab er ihre Quelle an: Er hatte die Prophezeiung von einem orientalischen Kollegen bekommen, den er ein Jahr zuvor in Wien kennengelernt hatte. Dieser wiederum hatte sie aus heidnischen Büchern einer eroberten Stadt. In diesen stand geschrieben, die Christenheit solle: 1456 zum Kreuzzug aufbrechen, den türkischen Kaiser vor den Toren Konstantinopels erschlagen und das türkische Volk so gründlich ausrotten, "daz man nummer mer von keinem sagete und daz die Christen in dem blut wütten bis an die kny". (Pfeiler, 56:26) Danach werde Jerusalem und der ganze Orient erobert werden. Diese Rede beeinflußte viele Zuhörer/innen, sich den Kreuzfahrern anzuschließen. Das bewährte Schema, Aussagen durch vermeintliche Quellenangaben abzusichern und durch eine Respektsperson, in diesem Fall durch einen Bischof, zu verbreiten, verfehlte nicht seine Wirkung. Der anfangs erwähnte Kreuzzug führte das Kreuzfahrerheer am 27.7.1456 zum Sieg über Mehmet II in Belgrad. Im Klerus herrschte Jubel, weniger beim Volk, das Adelige im Heer vermißt hatte und dessen Freude durch den Ausbruch einer Pestepidemie überlagert wurde. (Vgl. Göllner, 76:45) Und wieder begann die Propaganda der Kirche: Mehr und mehr wurde der Franziskaner Giovanni CAPISTRANO, auch er ein Kreuzzugsprediger, in den Mittelpunkt der Schlacht bei Belgrad gerückt. (Vgl. Pfeiler, 56:28) War es doch einzig und allein Bruder HANS, wie sein volkstümlicher Name lautete, zu verdanken, daß 10.000 Kreuzfahrer nicht vor 150.000 Türken reißaus genommen hatten. Mit seinem "andamo, andamo, jam victoria est nostra" und

33 dem Kreuz in der Hand, hatte er sich den Türken entgegengestellt und die Seinen zum Kampf angefeuert. (Vgl. Pfeffermann, 46:57) Danach verfolgte er die fliehenden Feinde vier Meilen weit und verbrannte als echter Christ die erbetene Kriegsbeute, um keinen Hader im Kreuzfahrerheer aufkommen zu lassen. (Vgl. Pfeiler, 56:20f) Das Bild des heldenhaften, ja beinahe heiligen CAPISTRANO war bald in ganz Deutschland verbreitet und fand Eingang in die Chroniken. (Vgl. ebda) Doch auch die Verbreitung solcher "Volksheiliger" konnte die Begeisterung der Deutschen für einen Kreuzzug nicht mehr auf Dauer entfachen. Mit den zurückkehrenden Kreuzfahrern waren den Menschen auch Berichte über Hungersnöte, Pest und Plünderungen durch das christliche Heer zu Ohren gekommen. Das nächste Kreuzzugsunternehmen endete 1459 in Italien mit dem Tod des Papstes PIUS II, der sich selbst an die Spitze des Heeres hatte setzen wollen. (Vgl. GöllnerIII, 76:47) 1.2.5

Prophezeiungen im Dienst von Kirche und Kaiser

Bischof KALTEISEN nahm, wie bereits erwähnt, in eine Prophezeiung Zuflucht, um der Christenheit den nahen Sieg über die Türken in Aussicht zu stellen. Diese Zuflucht in "mittelalterliche Prophezeiungen und apokalyptische Visionen" (ebda: 335) wurde umso mehr genommen, je deutlicher sich das eigene Unvermögen im Kampf gegen die Türken abzuzeichnen begann. Nach GÖLLNER vermuten die Historiker DENY und BATAILLON, daß ein großer Teil dieser Geschichten von den kaiserlichen "Propagandisten" verbreitet wurde, um die Siegeszuversicht im Kampf gegen die Türken zu beleben. (Vgl. ebda) Prophezeiungen, Weissagungen, Interpretationen der Bibel... standen in engem Zusammenhang mit politischen und religiösen Ereignissen und verdienen somit eine nähere Betrachtung. Es lassen sich verschiedene Kategorien bilden: 1. Prophezeiungen, die in Bezug zu unmittelbar bevorstehenden kriegerischen Ereignissen standen Zu dieser Kategorie zählt die Prophezeiung KALTEISENS über den unmittelbar bevorstehenden Untergang des Osmanischen Reiches. 2. Prophezeiungen aus der Bibel Vertreter dieser Gattung waren vor allem unter evangelischen Theologen, wie LUTHER, JONAS oder MELANCHTHON zu suchen. LUTHER, der

34 die Meinung vertrat, alles Wichtige müsse in der Bibel vermerkt sein, suchte nach biblischen Hinweisen auf die Türken und glaubte, sie bei Daniel gefunden zu haben. Daniel (Prophet) spricht von 10 Hörnern, die aus der Stirn des letzten Untiers hervorwachsen. Die 10 Hörner sind Symbole der 10 Reiche, die aus den Trümmern des römischen Reiches hervorwachsen. Unter dem 10. Horn wächst ein kleines Horn, das drei große Hörner abstößt. Hier glaubte LUTHER die Türken zu erkennen, die drei Länder (Afrika, Asien, Griechenland) unterworfen haben. Da die Bibel nur von drei abgestoßenen Hörnern berichtete, sah LUTHER für Deutschland keine Gefahr von den Türken drohen. (Vgl. Ebermann, 1904:65) Eine andere Bibelstelle eignete sich ebenfalls dazu, den Vergleich mit den Türken geradezu heraufzubeschwören: Sowohl bei Ezechiel (Cap. 38,39) als auch in der Johannes Apokalypse (Cap. 20 Vers 8) wurde auf GOG und MAGOG hingewiesen. Nach Ezechiel ist Gog König des Landes Magog, das von barbarischen Bewohnern bewohnt wird. In der Endzeit erheben sich diese gegen Israel, werden jedoch geschlagen. Bei Johannes sind Gog und Magog zwei mythische Völker, "die von den Enden der Erde zum blutigen Kampf gezogen kommen." (GöllnerIII, 76:337) Bibel und Sagenstoff wurden bei einer anderen Interpretation vermischt, nach der ALEXANDER DER GROSSE Gog und Magog mittels einer eisernen Wand hinter dem Kaukassus eingeschlossen hatte. Wurden im Mittelalter mit Gog und Magog noch die Hunnen gemeint, identifizierten die Menschen des 16. Jahrhunderts damit die Türken. (Vgl. ebda) Die Tendenz Gog und Magog, das apokalyptische Volk aus der Bibel, mit den Türken gleichzusetzen, zeugte von der tiefen Depression und Hoffnungslosigkeit vieler Christen. Die jahrhundertelange Propaganda zeigte ihre Wirkung. Mit den Türken wurde das Weltenende assoziiert. Der Stich von DÜRER zeigt die apokalyptischen Reiter. Im Hintergrund sind die Türken zu erkennen, die Verderben und Tod bringen:

35

(Göllner III,76) 3. Prophezeiungen aus astrologischer Sicht Den kämpfenden Parteien (Türken-Christen) wurden Sterne zugeordnet, aus deren Verlauf die zukünftigen Kampfhandlungen ersichtlich wurden. So galten Mars und Saturn als den kriegerischen Türken, und Jupiter als den Christen wohlgesonnene Gestirne. Diese wurden dabei meist günstig für die Christen gedeutet: "In der himmlischen Figur des 21. iars war Saturns der sterkkest und orientalisch bedeut der christenheit einen neydigen und behenden

36 krieg vom Orient, wo dan keyn ander wirt vorstanden, dann der Türgk, welchen wiryetzundt mit gemeiner und wissenschaftlicher sag und schrifften vornehmen (...), die Son neygt sich zu Saturno in der revoluion des selben iars (...) o dann wird der Großherr betrübet und in großem Kummer sich von hynnen wenden." (Carion zit. n. Göllner:ebda) 4. Himmelserscheinungen Himmelserscheinungen mannigfaltiger Art fanden Einlaß in die Türkendrucke. Beliebte Motive waren: - Kämpfe von Heeren in der Luft So berichtet eine NEWEN ZEYTUNG von 1543, daß ein genuesischer Edelmann drei Stunden lang Zeuge eines imaginären Luftkampfes zwischen einem christlichen und einem türkischen Heer gewesen war. Viele Fahnen waren dabei zerfetzt vom Himmel gefallen, und der ganze Boden war in Blut getränkt gewesen. (Vgl. ebda: 347) - Unwetter, Hagel, Blitz, Feuer... Eine Flugschrift berichtete 1542, daß sich in Konstantinopel unglaubliche Wunderdinge zutrügen: Erdbeben, feuerspeiende Drachen, Hagelschlag mit 10.000 Toten, unsichtbare Armeen, Wolfsrudel in der Stadt... stürzten die Menschen in Panik. Daraufhin habe der Sultan nach Deutern geschickt, die ihm seinen nahen Tod verkündeten. Voll Wut habe er sie daraufhin auf den Scheiterhaufen bringen lassen. Plötzlich sei ein Nebel vom Himmel gefallen und die zu Jesus betenden Deuter, denn sie waren Christen, den Blicken entzogen. Als sich der Nebel wieder verzogen hatte, sei das Feuer aus, und die Astrologen unverletzt gewesen. Voller Furcht sei der Sultan daraufhin geflohen und tausende von Moslems seien zum Christentum übergetreten. (Vgl. Ebermann, 1904:6) - 1514 erschien in Frankreich die "vision miraculeuse veue par le Grand Turch", die im gleichen Jahr auch in Deutschland erschien: "Ain grosz Wunderzaichen das do geschehen ist durch das Creutz, das des Cardinal hat ausgeben inn dem gantzen Hungerischen Land nid` die Türken." Die folgende Illustration zeigt das Titelblatt einer Newen Zeytung, die diese Wunderdinge verbreitete.

37

(Vgl.: Göllner III,76) Erzählt wird in symbolischer Sprache vom Kampf des Sultans mit dem Kaiser. Am Ende gewinnt der Christ nicht nur, vielmehr hat er den Moslem zum gläubigen Christen bekehrt. (Siehe Anhang V) So unterschiedlich all diese Prophezeiungen, Himmelserscheinungen, Mythen, Wunder... auch sein mögen; ob sie, wie die Erzählung des Kentaurenkampfes weit verbreitet waren, oder ob sie, wie die Prophezeiung, daß die Türken in Köln am Rhein von einer alten Frau besiegt würden, quasi als Rache auf die Vielweiberei und die den Frauen dadurch entstandene Schmach (vgl. Scholtze, 1880:6), nur belächelt wurden, hatten sie doch einiges gemeinsam: Alle wollten den Kampfeswillen und den Kreuzfahrergeist in der Bevölkerung wachhalten, anregen und betonen, daß ein Kampf gegen die Türken nur gemeinsam zu einem guten Ende geführt werden könne. Alle Zeichen standen gut für die Christen, nur mußten diese allen Hader untereinander und vor allem ihren christlichen, weltlichen und geistlichen Herren ge-

38 genüber begraben. Die Angst vor den Türken wurde sowohl vom Staat als auch von der Kirche geschürt, um dadurch ein Druckmittel zum innerstaatlichen Frieden zu erhalten. 5. Prophezeiungen, die sich um DEN erlösenden König drehen Wahlweise waren damit LUDWIG XI, KARL VIII, FRANZ I oder KARL V gemeint. Eine Geschichte, die in Deutschland weit verbreitet war, lautete: In Rom gibt es 1482 keinen Papst mehr. Ein halbes Jahr später folgt eine Hungersnot und die Ermordung des Klerus. 1458 stehen die Türken in Rom. Als Retter in der Not erweist sich der französische König, der die Türken nicht nur in Italien schlägt, sondern sie bis nach Ägypten verfolgt und danach auch Jerusalem erobert. Dort zelebriert der vom König eingesetzte (!) Papst eine Messe und bringt dadurch einen dürren Baum, unter dem er predigt, zum Erblühen, was als Zeichen für den Siegeszug des Christentums gilt. 1487 wird die Ostkirche wieder in den Schoß der römischen Kirche zurückgefunden haben. Nachdem dies vollbracht ist, kann der französische König beruhigt die Augen schließen. (GöllnerIII, 76:339) Solche Beschreibungen waren riskant, wenn bei den angegebenen Jahreszahlen nicht die angekündigten Ereignisse eintrafen. In solchen Fällen behalfen sich die Buchdrucker damit, in der nächsten Ausgabe das Datum entsprechend zu verschieben. Prophezeiungen dieser Art sollten die Christen zur Einheit aufrufen. Der einzige Feind, die einzige Bedrohung waren die Türken. Innenpolitische Zwistigkeiten wurden negiert, die Einheit von Bevölkerung und König beschworen. 1.3

Reformation und Türkenfrage

Zur Zeit LUTHERS machte es keinen großen Unterschied, ob Katholiken oder Protestanten über die Türken schrieben. Die alten, noch aus dem Mittelalter stammenden Vorurteile über den Islam waren noch zu stark bei Mitgliedern beider Konfessionen vertreten. Die jeweilige Glaubensauffassung war oft nur an den eingestreuten Anti-Papst-Polemiken zu erkennen. (Vgl. Ehrenfried, 61:11) Trotzdem gab es erkennbare Unterschiede: Unternahm die Kurie alle Anstrengungen, einen Kreuzzug gegen die Türken zu führen, lehnte Martin LUTHER die Idee eines Kreuzzuges ab: "(...) wenn ich ein Kriegsmann wäre und sähe ein Pfaffen- oder Kreuzpanier, wenns gleich ein Kruzifix selbst wäre, so wollt ich

39 davon laufen, als jagte mich der Teufel (...)" (Luther zit. n. Pfeffermann, 46,163) Bei einem etwaigen Krieg, der nie ein Kreuzzug, sondern nur ein Verteidigungskrieg sein durfte, mußte, nach LUTHER, weltliche und geistliche Macht unbedingt getrennt werden. Doch bevor ein Krieg gegen die Türken auch nur geplant werden konnte, waren ganz andere Voraussetzungen zu schaffen: LUTHER sah in den Türken keinen "normalen " Feind. Sie waren vielmehr von Gott geschickt, "denn der Türke ist der Mann, der dich lernen wird, was di izt für gute Zeit hast und wie jämerlich undankbarkich, böslich du si wider Gott, seine Diener und deine Nächsten zugebracht, versäumet und missebrauchet hast." (Luther zit. n. Lind, 40:57) Gott verband, so der Theologe, mit den Türken eine bestimmte Absicht: "daß er solle Gotes Rute und Peitsche sein, daß sein Eigentum, die ihn nicht annehmen wollen, durch ihn aufgeweckt und ermuntert werden." (ebda) Theodor BIBLIANDER, ein protestantischer Theologe aus Zürich, drückte dies noch deutlicher aus: Der Türke "ist die Peitsche, mit welcher der heilige und gerechte Herr schlägt; er ist das Scherenmesser, mit dem er nach seinem Entschluß (das Verdorrte) bis auf das Lebendige zurückschneidet; er ist das Schwert, durch das die Übertreter des göttlichen Gesetzes vernichtet werden; er ist das furchtbare Werkzeug, mit dem er entweder gebessert oder überhaupt vernichtet wird" (Bibliander zit. n: Pfister, 56:350) Die Türken sind demzufolge ein Werkzeug in der Hand Gottes, das die Christenheit für ihre begangenen Sünden straft. Daher hatte es überhaupt keinen Sinn gegen die Türken zu kämpfen, ja man versündigte sich sogar gegen Gott. Erst mußte Buße getan werden, um Gott damit die Strafrute aus den Händen zu nehmen. Dieser Bußbegriff unterschied sich in hohem Maße von dem der römischen Kirche, die, so LUTHER, das Bußwesen geradezu pervertiert hatte. Für die Reformatoren ging es nicht darum, einzelne Sünden zu büßen und sich gar, Dank des Ablaßwesens, von begangenen und sogar noch zu begehenden freikaufen zu können. Vielmehr sollte ein tiefer Wandel im Verhalten des/der Bußwilligen angestrebt werden, der dessen/deren ganzes späteres Verhalten beeinflussen sollte. (Vgl. ebda) Da LUTHER überzeugt war, ohne Buße wäre jede militärische Aktion gegen die Türken sinnlos,

40 wurden seine Aussagen bald als generelle Weigerung zum Türkenkrieg ausgelegt, was er jedoch heftig bestritt. War diese Buße nämlich getan, hatte z.B. das Gesinde wieder Gehorsam geübt, sollte in einem zweiten Schritt der Türke, der dann ohne göttlichen Auftrag ein ganz "normaler" Feind war, militärisch besiegt werden - allerdings nicht unter der päpstlichen, sondern unter der kaiserlichen Flagge. Dann allerdings mußte das Heer mit Gottes Hilfe unbedingt siegen, da sonst, wie ein Zeitgenosse Luthers darlegte, die Heiden falsche Schlüsse ziehen würden: "Eintweder hat ihr Gott jhnen nicht helffen können, oder hat nicht wöllen helffen. Hat er jhnen nicht wöllen helffen, so ist er nicht jhr Gott. Er ist aber laut jrer eigenen Bekantnuss jhr Gott: folget, er hat jhnen nicht können helffen, und ist also kein wahrer Gott nicht, sondern unsere Götter seynd wahrhafftig, unser Gesetz ist das aller best, unser Machomet ist gebenedeyet." (Zit. n. Ehrenfried, 61:51) LUTHER hatte jedoch wenig Hoffnung auf Einsicht. Er tendierte mehr und mehr dazu, in den Türken apokalyptische Gestalten zu sehen, die das nahe Weltenende ankündigten. Das Titelblatt eines Türkendruckes verdeutlicht dies: "Einem Türken, die eine Hand am Säbel, in der anderen eine Rute, treten Luther und die Apostel Johannes und Elias entgegen. In den Wolken trohnt Christus als Weltrichter, ein Engel stößt in die Posaune als Zeichen für den Beginn des jüngsten Gerichts" (Cosack zit. n. GöllnerIII, 76:212). Für LUTHER bildeten Papst, Türken und Antichrist eine Einheit, die auf die Endzeit hindeuteten. Diese Sichtweise sah er durch die Bibel bestätigt (siehe Anhang VI). Auch für die Reformatoren waren die Türken die Zerstörer der göttlichen Ordnung, sogar die Vorboten des Ende der Welts. Gerade LUTHER sah zwar durchaus das Osmanische Reich differenzierter, so fand er lobende Worte für die türkische Frömmigkeit, den Gehorsam und die Disziplin des Heeres, die Sittsamkeit türkischer Frauen, doch hielt er all dies für Blendwerk des Satans mit dem einzigen Zweck, arme Christen/innen ins Verderben zu stürzen. Frei nach dem Motto, daß nicht sein darf, was nicht sein kann - Moslems konnte keine bessere Organisierung ihres gesellschaftlichen und privaten Lebens zugestanden werden als Christen, wurde vor der "verführerischen Vorbildlichkeit der Türken" (vgl. Klockow. 89:43) gewarnt. Eine Vorbildlichkeit, die die Ordnung in Deutschland ernsthaft zu gefährden drohte. (Fluchtbewegung

41 in die Türkei) MELANCHTHONS Aussagen über das Osmanische Reich spiegeln diesen Widerspruch wider: "Deshalben ist das gantz königreich nicht anders/dann ein großer hauffe mörder vnd bluthunde/ ob sie wol in der Türckei vnter sich etwas erbar leben/ stelen vnd mörden sich verbieten/ Dann es muß yhe auch unter mördern und strassenräubern ein fride sein/ sie wurden es sonst nicht lange treyben." (Melanchthon zit. n. Kähler, 38:73) Obwohl LUTHER und den übrigen Reformatoren ein differenzierteres Bild über das Osmanische Reich vorlag, blieben sie in ihrer Denkweise einem Schwarz-Weiß-Schema verhaftet. Schwarz, gleich böse, waren die Türken und der Papst, die beide gleichermaßen den Antichristen symbolisierten, die natürliche Ordnung bedrohten und das Weltenende einzuläuten schienen. Weiß und gut waren die Lutheraner, die wahre Buße taten und sich als die Einzigen begriffen, die vor dem unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Gericht bestehen konnten. Ende des 17. Jahrhunderts begann sich die offizielle Politik der Kirche gegenüber den Türken/innen zu wandeln. Da die zweite Wienbelagerung für die Christenheit siegreich geendet hatte, konnte die Kirche ihre Macht nicht mehr in einer militärischen und politischen Vorreiterrolle sehen. Sie war bestrebt, ihr Ansehen nun durch "Türken/innentaufen" zu stärken. 1.4

Türken/innentaufen in Deutschland oder wie aus Yussuf Christian Joseph Borg wurde

Als die Nationalsozialisten von allen Deutschen ein Stammbuch verlangten, stellte so manche Familie Weißenburger, Grünbaum, Auerbacher, Benedict... plötzlich fest, daß ein/e Urgroßvater/mutter Türke/in gewesen war. Dieses Phänomen, das man sich zunächst nicht erklären konnte, beschäftigte ziemlich schnell die Sippenforschung. Schriften, wie "Beimischung türkischen Blutes in deutsche Familien" (1938), oder "Stammesfremde Splitter im mainfränkischen Volkskörper" (1937) erschienen, und lenkten die Aufmerksamkeit auf ein längst vergessenen Kapitel deutsch-türkischer Geschichte

42

Türken in Franken 16.-18. Jahrhundert Entwurf: H. Heller (Heller, 87:265) Mit den Siegen deutscher über türkische Heere wurden Männer, Frauen und Kinder von den Schlachtfeldern nach Deutschland verschleppt. Ob dabei, wie Dr. MITTERWIESER annimmt, "junges türkisches Volk" freiwillig mit den Soldaten zog, entspricht wohl nicht der Realität. (Vgl. Mitterwieser, 29:33) Konkrete Angaben über die Anzahl der Betroffenen gibt es noch nicht, da diesbezügliche Forschungen noch in den Anfängen stecken. Hartmut HELLER hat eine Liste von 400 Türken/innen zusammengestellt, die bereits vor 1700 nach Deutschland kamen. (Vgl. Heller, 87:264) Unter den Türken/innen, die er in Franken festgestellt hat, waren 17% Männer, 15% Frauen und mindestens 50% Kinder. (Der Rest ist noch unklar) (vgl. ebda) M.S. ABDULLAH spricht von einer in die Tausende gehenden Zahl von Gefangenen, die vor allem nach Bayern, Franken, Sachsen und Niederdeutschland geschickt wurden. (Vgl. Abdullah, 81:18)

43 Die weitverbreitete Annahme, daß Moslems erst mit Beginn der Arbeitsemigration Anfang der 60er Jahre in die Bundesrepublik kamen, ist somit widerlegt. Der typische Lebensweg eines solchen "Beutetürken" läßt sich einer Grabinschrift entnehmen: "Hier ruht in Gott, Carl Osman, wart geb. in Constantinopel 1655, vor Belgrad gefangen 1688, zu Rügland getauft 1724, im Dienste gestanden 47 Jahr, starb 1735, alt 80 Jahr." (Heller, 87:255) Die gefangenen Türken/innen waren entweder Soldaten oder mitziehende Frauen und Kinder derselben. In den 80er Jahren des 17. Jahrhunderts waren "Beutetürken" als "exotisch schmückendes Beiwerk eine echte barocke Curiosite" (ebda: 265; Abdullah, 81:19; Mitterwieser, 29:37) Durch das "Verehren" eines/er Beutetürken/ wuchs das Ansehen bei Freunden und Vorgesetzen. Was mochte es wohl für die 22jährige Fatma bedeutet haben, zunächst dem Markgrafen Herrmann von Baden zum "Besitzer" zu haben, dann an dessen Neffen Ludwig, den "Türkenlouis" "verehrt" zu werden, und von diesem wiederum an den Reitergeneral Friedrich Magnus von Castell-Remlingen weitergegeben zu werden? Über den Seelenzustand der gefangenen Männer, Kinder und speziell der Frauen, deren "Verehrung" an neue Besitzer sicherlich auch mit sexueller Ausbeutung verbunden war, schweigen die Quellen. In Deutschland angekommen wurden viele der Gefangenen an die Fürstenund Königshöfe "verehrt", wo sie als Lakaien arbeiteten. (Vgl. Mitterwieser, 29:33) An den Höfen unter herzoglicher oder fürstlicher Aufsicht begann alsdann der Taufunterricht. In der Regel lag zwischen der Gefangennahme und der Taufe der Beutetürken/innen zwei bis drei Jahre. (Vgl. Heller, 87:265) Nach dieser Zeit hatten die Türken/innen "herzlich die Taufe begehret" wie 1688 in Altdorf, oder "ein großes Verlangen eine Christin zu werden vielfältig bezeuget", wie 1690 in Kraftshof. Auch kleine Kinder, wie der sechsjährige Bery hatten "innigliche freude" gezeigt, der "christlichen Kirchen als ein Glied derselben einverleibt zu werden." (Altdorf 1690) (vgl. Heller, 87:266) An den Aussagen, die Kinder im Alter von sechs Jahren mitnichten getroffen haben können, läßt sich erkennen, daß die Türkentaufen ein gesteuertes Ereignis waren.

44 Waren die Moslems zur Taufe bereit, wurde ein feierlicher Gottesdienst ausgerichtet und meist von hohen kirchlichen Würdenträgern zelebriert. Türken/innentaufen gestalteten sich oft zum Volksspektakel. (Vgl. Schreiber, 53:78; Heller: ebda) (Anhang VI) Nach der Predigt und der anschließenden Prüfung wurde der Täufling in den Schoß der Kirche aufgenommen. Die Wichtigkeit derartig großangekündigter Türken/innentaufen wird auch an den Taufpaten/innen, "Adelsgenossen der Türkenbesitzer, Amtleute, Bürgermeister, Ratsherren, Pfarrer, Offiziere, Gräfinnen und andere Damen von Stande" ersichtlich. (Heller: ebda)4 Die Namensgebung lehnte sich meist an die Namen der Taufpaten/innen an. (Anhang VIII) Nachnamen wurden selten vergeben, allerdings entwickelte sich der letzte Vorname mit der Zeit zum Nachnamen. Wurden dennoch Nachnamen vergeben, übernahm man den Ort der Gefangenschaft, z.B. "Weißenburg" oder den jetzigen Wohnort, wie "Würzburger". (Vgl. ebda; Abdullah, 81:18) Durch den Empfang der Taufsakramente wurden die Türken/innen, laut HELLER, als normale Untertanen akzeptiert und aufgenommen. (Vgl. ebda: 267) Sie wurden Pfarrer, wobei die Taufpaten die ganze Ausbildung zahlten, Offiziere, Jäger oder arbeiteten als Bäcker und fanden Einlaß in die Zünfte. (Siehe Anhang VIII) Mit den christlich-deutschen Namen und oft auch einem/er ebensolchem/er Mann/Frau wurden diese Beutetürken/innen schon in der ersten Generation völlig assimiliert. Mit der Aufgabe der eigenen Kultur und dem Taufbekenntnis, das 1689 in Rückersdorf darin bestanden hatte zuzugeben, "ein Türk und verdammter Mensch" gewesen zu sein, schien der Türke, der Erbfeind, seinen Schrecken verloren zu haben. Anerkennung des Fremden, Angsteinflößenden also erst, wenn dieser/e sich selbst verleugnet? Die Assimilation von Türken/innen vor 300 Jahren kann somit keine Vorbildfunktion für das Miteinander von Christen und Moslems in unserer Zeit haben. Wir müssen lernen, die fremde Kultur und Religion als gleichberechtigt anzuerkennen und von den ethnischen und religiösen Minderheiten nicht ein Aufgehen in der deutschen Kultur zu verlangen.

4

Im Anhang ist die das Titelblatt der "Druckschrift zur Taufe eines Janitscharenhauptmannes" einzusehen.

45 Nichts weiter bekannt ist mir leider über den nach ABDULLAH großen Teil der Türken/innen, die ihrem Glauben treu geblieben waren. Auch in diesem Fall soll eine Grabinschrift den Lebenslauf darstellen: "Nachdem die große türkische Macht Anno 1683 nach Wien gezogen und dieselbe durch die Deutschen wieder vorausgetrieben, die Türken aber sich wieder bei Berkan in Oberungarn mit 12.000 Mann gesetztet, bei welcher Aktion, so bei dem genannten Berkan geschehen, sich mit unter den Türken befunden, der bei dieser Stelle begrabene Türke Hammet, allwo er von einem Kapitän gefangen worden, welcher denselben Ihrer Durchlaucht, der Herzogin gegeben, welcher dann auch derselben gedienet bei 8 Jahr, darauf gestorben und allhier begraben worden 1691. Der darunter liegende Türk ist in seinem Aberglauben dahingefahren, und ihm dies Grabmal von seinen Glaubensgenossen, dern viele aus Morea und Ungarn nach Hannover gekommen, gesetzt worden." (Abdullah, 81:19f) Es wäre interessant zu untersuchen, welche (getaufte, ungetaufte) Türken/innen von der im Friedensvertrag von Karlowitz (1699) festgelegten Möglichkeit sich freizukaufen, Gebrauch gemacht haben. Leider war darauf in den Quellen kein Hinweis zu finden. Ebenfalls untersuchenswert erscheint mir die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die nichtgetauften Moslems/innen im Vergleich zu den getauften. Doch auch in diesem Fall ist mir kein Quellenmaterial bekannt. 1.5

Zusammenfassung

Die ständische Sozialordnung des 16. Jahrhunderts war durch zahlreiche innere Schwierigkeiten (Bauernaufstände, Reformation, Rivalitäten einzelner Fürste...) bedroht. Viele Menschen flüchteten vor diesen Schwierigkeiten ins Osmanische Reich, das zu dieser Zeit eine nicht geringe Anziehungskraft auf Bauern, Handwerker und Soldaten ausübte. Sie hofften dort auf ein freieres (religiöse Toleranz, Steuerfreiheit, keine Fronarbeit) Leben. Adel und Klerus erkannten die Gefahr für die Ständegesellschaft und begannen Schritt für Schritt das Bild des türkischen Erb- und Erzfeindes aufzubauen. Vor allem die römische Kirche war maßgeblich an der Entstehung eines negativen, verzerrten Türkenbildes beteiligt. Die Kirche hatte eigene Interessen zu wahren: Dabei spielten der politische Machtverlust des Papsttums und die Spaltung der Kirche eine große Rolle. Die Kurie hoffte, diesem doppelten Machtverlust durch die Einigung der Gläubigen im Kampf gegen die Türken entgegenzuwirken. Aus diesem machtpolitischen Kalkül heraus, begann sie eine rege Propagandatätigkeit in der christlichen Öffentlichkeit, die auf alle Ge-

46 biete des öffentlichen Lebens ausstrahlte. (Vgl. Pfeiler, 56:107) All diesen propagandistischen Maßnahmen der Kirche war eins gemeinsam: Das Türkenbild, das den verängstigten Menschen immer wieder in jedem Gottesdienst eingehämmert wurde, war ein Grausames und Bedrohliches. Die Türken erschienen als die Zerstörer aller göttlichen Ordnung und als Feinde aller Christen/innen. Die Gläubigen mußten schließlich glauben, "daß ehender soll ein Stein/als ein Türckisch Hertz gegen den Christen erweicht werden." (Wagner zit. n. Brenner, 68:223) Auch die Reformatoren waren an der Verbreitung des angsteinflößenden Türken interessiert, wenngleich weniger aus machtpolitischen, denn religiösen Gründen. LUTHER sah in den Türken die von Gott gegebene Chance zur religiösen Umkehr. Je schwärzer, je grausamer die Osmanen erschienen, umso mehr Gläubige fanden in der Buße zum wahren Gott zurück. Beide, protestantische und katholische Geistlichkeit, waren aus unterschiedlichen Gründen daran interessiert, ihre Anhäger/innen in Angst und Schrecken vor den Türken zu versetzen. Wie tief sich das dergestalt vermittelte Bild ins Bewußtsein der Menschen eingegraben hat, läßt GÖLLNER in Anlehnung an KISSLING deutlich werden. Er spricht vom "seelischen Trauma der Türkenfurcht, das durch zweckgefärbte Kommentare gesteigert wurde." (GöllnerIII, 76:24) Das Bild des grausamen, barbarischen Türken wurde bewußt konstruiert, um eine alle Stände umgreifende Einheit und die führende Rolle der katholischen Kirche wieder herzustellen. Durch die künstliche Konzentration auf den äußeren Feind, traten innere religiöse und politische Spannungen zeitweise in den Hintergrund. Die Türken wurden zur Bedrohung der gesamten Menschheit hochstilisiert (Apokalyptische Bedeutung). Das religiös geprägte Türkenbild war und blieb lange Zeit statisch: "In der christlichen Vorstellung behauptete sich ein Bild von den Türken, innerhalb dessen die Einzelheiten möglichst beibehalten wurden (...) und dessen Grundzüge nie abgeändert wurden. Es gab unterschiedliche Schattierungen, aber immer im gleichen gewohnten Rahmen. Alle Berichtigungen, die im Geiste zunehmender Genauigkeit vorgenommen wurden, stellten nur eine Verteidigung dessen dar, was sich neuerdings als anfechtbar erwies, eine Stütze für ein baufällig gewordenes Gerüst." (Daniel zit. n. GöllnerIII, 76:27)

47 Die Propaganda wandelte sich erst mit der zweiten Wienbelagerung, als die Türken den Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit verloren hatten. Dadurch eigneten sie sich nicht mehr zur "Panikmache." Das Bild der grausamen Osmanen war jedoch im Bewußtsein der Menschen verankert.

2

Das musikalisch geprägte Türkenbild Aus dem Bericht des Theologen Enuntius (16. Jahrhundert): Der Türke: "(...) spiesset auff die Zaunstecken/ schindet/ bret/ siedet/ hencket/ trencket/ nur wie es ihm gefällt/ die Heiligen Gottes" (Enuntius zit. n. Brenner, 68:160)

Aus der "Entführung aus dem Serail" von W. A. Mozart 1782 (Text: Bretzner): Osmins Meinung über die Christen: "Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen dann verbrannt, dann gebunden, dann getaucht, zuletzt geschunden."

2.1

Türkische Musik in Europa

Im 17. Jahrhundert wurde in Europa erstmalig der Versuch unternommen, orientalische Musik zu erfassen und zu analysieren. 1619 schrieb Michael PRAETORIUS das Standardwerk: "Syntagma musicum". Ein Buch, in dem zum ersten Mal Musikinstrumente aus vielen Ländern der Erde vorgestellt wurden. Sein Urteil über die türkische Musik war nicht sehr schmeichelhaft: "Lumpen Music". Schuld an dem Übel war seiner Meinung nach (und da erwies er sich ganz als Kind seiner Zeit) Mohamed: "Denn es hat Mahomet alles was zur fröhlichkeit dienlich/ alß Wein und Saytenspiel in seinem ganzen Lande verbotten/ unnd an deren stadt eine Teuffels Glocke unnd Rumpelfaß mit einer schnarrenden und kikakenden Schalmeyen verordnet/ welche so wol auf Hochzeiten unnd Freudenfesten/ alß im Kriege gebraucht werden." (Ausstellungskatalog, 87:271) Was PRAETORIUS in seinem Buch mit der "Teuffels Glocke", dem "Rumpelfaß" und den "Schalmeyen" beschrieb, waren die Musikinstrumente der Janitscharen.

50

Janitscharen-Kapelle zur Zeit Mozarts Bis ins 19. Jahrhundert sollten die Europäer/innen unter türkischer Musik Janitscharenmusik verstehen. Die türkische Folklore, die Musik der Völker der Türkei, hielt keinen Einzug nach Europa. (Vgl. Pahlen, 80:171) Ob die räumliche Entfernung dabei eine große Rolle gespielt hat, mag dahingestellt bleiben. Dafür war die direkte Konfrontation mit der Musik der türkischen Elitetruppen, eben der Janitscharen, umso schmerzlicher: Die Türken pflegten nämlich mit der Mehterhane, der Militärkapelle, in den Kampf zu ziehen. Diese Musik wurde als so ungeheuerlich geschildert, daß "Himmel und Erde erbebten" (Ausstkat, 85:182) Ihre Funktion bestand darin, "die Feinde zu schocken und zu entnerven" und gleichzeitig die eigenen Krieger anzustacheln. "Denn der Charakter der Musik (war) so kriegerisch, daß er auch feigen Seelen den Busen hebt" (ebda: 162) Mit dem Sieg der Europäer 1683 vor Wien, wurde eine ganze Janitscharenkapelle gefangengenommen.1 Die Wiener/innen waren der Meinung, daß

1

Die Wiener/innen bezeichneten diese Gruppe als Bande oder Banda, ein wenig schmeichelhaftes Wort, aus dem sich die "Band" des 20. Jahrhunderts entwickelt, z.B. Jazzband, Bigband...(vgl. Pahlen,80:172)

51 diese Musik "lustig" klänge und zum Marschieren besser geeignet war, als die bis dahin bekannte Marschmusik. So wurde die Kriegsmusik der Türken zum Vorbild "neuartiger Militärmusikewn." (Vgl. Pahlen, 80: 170f) Baron VON TRENCK stellte 1741 eine Kapelle nach dem Vorbild der Janitscharen zusammen. Als Musiker verpflichtete er Sinti und Roma, die in bunten Phantasieuniformen zum Ergötzen der Zuhörer/innen musizierten. (Vgl. ebda: 173) Auch in Frankreich konnte eine echte Janitscharenkapelle bestaunt werden, die als Begleitung einer Gesandtschaft im 17. Jahrhundert am Hof verweilte. Der Eindruck, den die Musik hinterließ, war so stark, daß Jean Baptiste LULLY, der den Stoff MOLIERES, "le bourgois gentilhomme", als Ballett bearbeitete, die Türkenszene mit Janitscharenmusik untermalte, und die Darsteller/innen in einem erfundenen Pseudo-Türkisch reden ließ. (Vgl. Ausstkat, 87:272) Im folgenden, 18. Jahrhundert wurde das Sujet der Türkenoper immer beliebter, erlebte geradezu einen Boom.2 Als türkische Instrumente galten "Becken, Tamburen, Triangel, Schellen, Glöckchen, kleine und große Trommel, Pauken, Trompeten, Piccoloflöten Hackbrett und der Schellenbaum". (Ausstkat, 87: 273) Erst das 19. Jahrhundert änderte die Gleichung: Türkische Musik = Janitscharenmusik das Interesse an der Folklore nahm von nun an, bis in unser Jahrhundert, ständig zu. Gleichzeitig mit der Musik, durch Opern, weltliche und geistliche Türkenlieder, wurde ein bestimmtes Bild der Türken und der Türkinnen vermittelt. Deswegen erfolgt nach einem kurzen Überblick über türkische Musik in Deutschland die genaue Analyse von Türkenopern, und in einem zweiten Schritt die der weltlichen und geistlichen Türkenlieder.

2

Warum dies ausgerechnet im 18. Jahrhundert geschah, wird in der mir bekannten Literatur nicht näher erläutert. Als eine mögliche Erklärung gibt Becker an, daß in dieser Zeit immer mehr Übersetzungen orientalischer Literatur bekanntwurden, daß Reiseberichte Hochkonjunktur hatten und Erzählungen im orientalischen Milieu immer beliebter wurden, (vgl. Becker,76) Meiner Meinung nach handelt es sich dabei jedoch eher um Wirkungen, denn um Ursachen. Eine Analyse der Ursachen kann in dieser Arbeit nicht geleistet werden.

52 2.2

Türkische Musik in Deutschland

Musik bildet einen wesentlichen Bestandteil des Lebens jeder Gesellschaft. Sie vermittelt Einblick in die Stimmungen einer bestimmten Zeit. Daher ist es sehr aufschlußreich Volkslieder, Kirchenlieder, Opern... auf das darin enthaltene Türkenbild zu untersuchen. Türkenlieder in mannigfaltiger Form haben sich rasch verbreitet und werden teilweise noch heute gesungen. Wer kennt nicht das "C.a.f.f.e.e"., das vor einem überhöhten Kaffeegenuß warnt, und das Bild des bleichen nervenschwachen Muselmannes in aller Eindringlichkeit vor Augen führt? Betrachtet man die musikalische Palette der Türkenstoffe, so ist es möglich, zwei große Gruppen zu bilden. Zum einen die Türkenopern und zum anderen die weltlichen und geistlichen Türkenlieder. 2.3

Türkenopern

Die ersten Stoffe türkisch-orientalischer Herkunft kamen mit den Kreuzzügen und später durch die Handelsbeziehungen mit Italien im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts nach Deutschland. (Vgl. Preibisch, 44:451; Dontschewa, 44:56) Allerdings war nicht alles türkisch, was als solches bezeichnet wurde. Zu dieser Zeit unterschied man nicht zwischen Persern, Türken, Nordafrikanern und Hunnen. (Vgl. Preibisch, 44:432; Pahlen, 80:12) Im 18. Jahrhundert erfreute sich das Sujet der Türkenoper, wie bereits erwähnt, großer Beliebtheit. Um dies zu verdeutlichen, habe ich zwei Graphiken erstellt, die die Anzahl der zur Uraufführung gekommenen Türkenopern in den Jahren 1590 bis 1850 zeigen.3

3

Eine namentliche Auflistung der Türkenopern mit Jahr und Ort ihrer Uraufführung kann im Anhang eingesehen werden.

53 Anzahl der zur Uraufführung gekommenen Türkenopern in den Jahren 1590 bis 1850

54

Die Graphiken wurden aus der ausführlichen Liste im Anhang (IX) zusammengestellt. Sie können keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, zeigen aber die steigende Tendenz, der Beliebtheit der Türkenopern seit Beginn des 18. Jahrhunderts. In der untersuchten Literatur gibt es für dieses Phänomen keine Erklärung. CSAMPAI stützt sich auf TERENZ, um eine Erklärung für die Beliebtheit der Türkenstoffe zu bekommen. Der römische Lustspieldichter TERENZ (190159 v. Ch.) führte den Erfolg jedes beliebigen Stückes auf die vollkommene Einheit von RES, der Handlung, USUS, den Charakteren und AETAS dem Geist des Zeitalters zurück. (Vgl. Csampai, 83:167) Was den "Geist des Zeitalters" betraf, war das 18. Jahrhundert eine Epoche, in der seit knapp 100 Jahren keine Nachrichten über türkische Soldaten die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Jahrhundertelang war der Name "Türke" gleichbedeutend mit Angst und Furcht gewesen. Diesen Soldaten hatte man alles zugetraut, was als "unchristlich" galt. (Vgl. Pahlen, 80:170) Nun endlich schien die Türkengefahr gebannt. Die zweite Belagerung der Stadt Wien lag über 100 Jahre zurück. In Europa hatte mit der Aufklärung ein neuer Wind zu wehen begonnen:

55 Das Jahrhundert der Aufklärung hatte begonnen. Mit ihm war es plötzlich möglich, daß auch Moslems gute Menschen - im ROUSSEAUSCHEN Sinne "edel" sein konnten "Das Bild des blutrünstigen Tyrannen wurde vom weisen Harun-alRaschid verdrängt". (ebda) Zumindest was den Sultan betraf, denn die übrigen Türken waren und blieben allesamt Lüstlinge, Sklavenhändler und Haremswächter. Um einen Eindruck von der Vielzahl der Türkenopern des 16. bis 20. Jahrhunderts zu geben, habe ich eine Liste der Opern aufgestellt, die in den Jahren 1594 bis 1916 in Deutschland und Europa uraufgeführt wurden. (Liste siehe Anhang IX) Betrachtet man die RES, die Handlung genauer, stößt man auf drei Grundmotive. (Vgl. Auflistung der Opern): 1. Der Bajazid-Tamerlan Stoff Der Kampf des Tamerlan, oder Timurläng, mit Bajazid durchzog alle Türkenhistorien des 15. und 16. Jahrhunderts. (Vgl. Ehrenfried, 68:215) Der christliche griechische Fürst TAMERLAN besiegte in einer großen Schlacht den moslemischen Türken BAJAZID. Die Demütigung des unterlegenen Türkenherrschers durch Tamerlan wurde in aller Ausführlichkeit genüßlich geschildert: "(..) hat er jn gefangen, und mit guldin Kettin gepunden, inn ein Keffich unnd gatter wie ein wild thier eingeschlossen, und zuo einem schawaspil inn allem Asia herumb geführt. So Tamerlan ass, hat er den Bajazid wie ein hund under seinem tisch heissen essen unnd so er wolt auff sitzen auff sein pferd, sich sein als eins schemels gebraucht." (Vives zit. n. Ehrenfried, 68:215) Die Deutschen, die gerade zu dieser Zeit vor möglichen türkischen Angriffen zitterten, sahen die Niederlage des Moslems Bajazid durch den Christen Tamerlan als göttliche gerechte Strafe für die türkischen Schandtaten. (Vgl. ebda: 217) Es ist äußerst interessant und aufschlußreich zu sehen, wie eine tatsächliche Begebenheit (die Schlacht zwischen Bajazid und Timurläng 1402 vor Ankara) so gewendet und gedreht wurde, bis sie mehr den Wünschen der Menschen als den historischen Tatsachen entsprach. Timurläng, oder mit seinem europäischen Namen Tamerlan, war keineswegs Grieche und schon gar kein Christ. Vielmehr war er Moslem und gehörte einem der vielen Turkstämme an. Sultan Yilderim BAJAZID (13891402) traf im Juli 1402 vor Ankara auf das Heer des Herausforderes Ti-

56 murläng. Bajazid unterlag und geriet in Timurlängs Gefangenschaft - in diesem Punkt stimmt die Überlieferung. Was danach geschah, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Fest steht, daß Bajazid Timurläng als Gefangenen begleiten mußte. Ob das jedoch auf eine erniedrigende Art und Weise geschah (ob er z.B. in einer Frauensänfte folgen mußte (vgl. Matutz, 85:46), oder ob Timurläng seinen Gefangenen mit dem gebührenden Respekt behandelte, wie es in türkischen Schulen gelehrt wird, kann ich nicht beurteilen. Bajazid starb 1404 in Gefangenschaft. Soweit die Geschichte. Die Oper hat die alten Überlieferungen und die historischen Tatsachen wieder anders bearbeitet: Im Mittelpunkt steht hier die dramatische Liebesgeschichte zwischen ASTERIA, der Tochter des Bajazid und dem griechischen Prinzen ANDRONICO, einem Gefolgsmann des Mongolenkahns Tamerlan. Die Verwicklungen, die dadurch entstehen, daß Tamerlan Asteria ebenfalls liebt, führen, je nach Liberettist, zum Freitod Bajazids (um die Freiheit seiner Tochter zu ermöglichen), zum Freitod Asterias (um zu verhindern, daß der geliebte Vater sich ihretwegen demütigen lassen muß) oder zum Happy End für Andronico und Asteria. (Vgl. Schreiber, 88:226) 2. Der Soliman-Stoff Nicht minder beliebt war das Soliman-Motiv. In der Bearbeitung von HASSE, dessen Solimanoper 1753 in Dresden Premiere hatte, war Soliman ein türkischer Sultan, dessen Sohn Selim die Tochter seines persischen Feindes liebte. Selim hatte den Vater seiner Geliebten schon in seiner Gewalt, ihn aber wieder freigelassen. Der Sohn sollte aufgrund dieses Verrates einer Hofintrige zum Opfer fallen. Der Großvesir fälschte mit Unterstützung Selims` Stiefmutter einen Schuldbeweiß. Woraufhin Soliman die Tötung seines Sohnes befahl. Die Ausführung des Befehls wurde aber durch das Heer verhindert, das sich zu Selims Gunsten erhob. Soliman, der dadurch von dem Betrug erfuhr, begnadigte seinen Sohn und zum allgemeinen Erstaunen auch den Großvesir. (Was mit der Stiefmutter geschah - darüber schweigt die Literatur.) (vgl. Preibisch, 44:52ff) In diesem Stoff erscheinen zwei Charaktere, die in den meisten Türkenopern wiederkehren: Es sind dies der großmütige Sultan und der Großvesir, dessen Hinterlist und Grausamkeit später von der Figur des Haremswächters übernommen wird.

57 3. Der Entführungsstoff Der Inhalt der Entführungsopern ist kurz und knapp folgender: Europäische Frauen werden von Seeräubern geraubt, an einen Harem verkauft und von ihren (europäischen) Geliebten befreit. Das Türkenbild in Mozarts "Entführung aus dem Serail", die 1782 in Wien uraufgeführt wurde, soll nun näher untersucht werden: Die "Entführung" war ein äußerst erfolgreiches Stück. Sie war der Gipfel der musikdramatischen Türkenmode. (Vgl. Schreiber, 88:442) Bis zu Mozarts Tod wurde sie in 30 Städten gespielt und in fünf Sprachen (Englisch, Russisch, Polnisch, Dänisch und Tscheschich) übersetzt. (Vgl. Pahlen, 80:225) "(...) kein Operntheater der Welt, stünde es in London, Kapstadt, Leningrad oder in Buenos Aires, das die (Entführung) nicht gespielt hat oder sie fürder entbehren könnte!" (Vgl. Csampai, 83:166) Das Bild der Türken wurde durch diese Oper in alle Welt verbreitet. Zunächst zum Inhalt: Constanze (Herrin), Blondchen (Dienerin), Pedrillo (Diener) und Belmonte (Herr) geraten in türkische Gefangenschaft. Belmonte kann sich befreien, die Frauen und Pedrillo werden von einem reichen Türken (Bassa Selim) den Sklavenhändlern abgekauft und kommen in den Harem. Der Bassa verliebt sich in Konstanze; Osmin, der Haremswächter, in Blondchen. Beide Frauen bleiben jedoch ihren Geliebten treu. Belmonte schleicht sich, als Baumeister getarnt, an den Hof des Sultans, wo er den Verdacht Osmins erregt. Die geplante Entführung scheitert dann auch an dessen Wachsamkeit. Alle Beteiligten rechnen nun mit dem Tode, zumal sich herausstellt, daß Belmonte der Sohn des ärgsten Feindes des Bassa Selims ist. Schließlich überrascht und beschämt der Bassa die Flüchtenden, indem er zu Belmonte sagt: "Nimm deine Freiheit, nimm Constanze, segle in dein Vaterland, sage deinem Vater, daß du in meiner Gewalt warst, dass ich dich freigelassen, um ihm sagen zu können, es wäre ein weit größeres Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Laster zu tilgen." (3. Aufzug, letzter Auftritt) Der Text, den Mozart vertonte, war sehr alt. CSAMPAI führt die Grundidee auf ein mittelalterliches Märchen, "Blume und Weißblume," zurück, das Eingang ins` Decamarone fand. BRETZNER, von dem die Textvorlage zur "Entführung" stammt, scheint dieses Märchen gekannt zu haben. Klar erkennbare Vorbilder waren auch die Schiava liberata (Text: Martinelli; Musik: Joseph Schuster), die 1777 in Dresden aufgeführt wurde, und die Rencontre Imprevu von Gluck, die 1780 in Wien gezeigt

58 wurde. (Vgl. Csampai, 83:80f) Beide Opern hatten den beliebten Entführungsstoff zum Thema. MOZART schrieb die "Entführung" im Auftrag Kaiser Joseph II. Sie stellte den Höhepunkt einer ganzen Serie von Türkenopern dar, die anläßlich des 100jährigen Jahrestages der Belagerung Wiens auf die Bühnen kamen. (Vgl. Schreiber, 88:441) Doch noch ein anderes Ereignis hatte Joseph II dazu bewogen, Mozart eine Türkenoper in Auftrag zu geben: Der Kaiser erwartete den Besuch des russischen Großfürsten Paul, zu dessen Ehre die Premiere stattfinden sollte. Joseph wollte mit russischer Hilfe die Osmanen über den Bosporus zurückschlagen. (Vgl. ebda) Die Oper stand also in einem aktuell-politischen Zusammenhang. Daher ist das gezeigte Türkenbild hier besonders interessant. Als Repräsentanten der Türken treten Bassa SELIM, der Besitzer des Serails und sein Diener, der Haremswächter OSMIN auf. Der Bassa, der in der Aufführung eine Sprechrolle hat, wird zunächst als ein gebildeter Mann geschildert, "Bauen und Gärtnerei sind seine Steckenpferde" (1. Aufz. 5. Auft.), der romantischen Gefühlen nicht abgeneigt ist. Konstanzes Gefühle für sich versucht er durch einen Appell an ihre Empfindsamkeit zu wecken: "Sieh, dieser schöne Abend, diese reizende Gegend, diese bezaubernde Musik, meine zärtliche Liebe für dich." (1. Aufz 7. Auft.) Konstanze, deren Liebe einzig und allein Belmonte gehört, sieht zwar Selims Großmut (1. Aufz. 8. Auft.), sein Mitleid (ebda) und seine Liebe zu ihr, kann aber seine Gefühle nicht erwidern. Der verschmähte Bassa droht ihr daraufhin "Martern aller Arten" an (2. Auft. 4. Aufz.), was dem Bild DES Türken schon eher entspricht. Pedrillo spricht es dann auch deutlich aus, was ein Türke ist, auch wenn dies nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. "Die verzweifelten Türken verstehen nicht den mindesten Spaß, und ob der Bassa gleich ein Renegant4 ist, so ist er, wenns aufs Kopfab ankommt, doch ein völliger Türke." (3. Auft. 1. Aufz.) Daher sind auch alle davon überzeugt sterben zu müssen, als die Flucht entdeckt wird. Doch der Bassa erweist sich als ein edler Mensch, der den Sohn seines ärgsten Feindes nebst Geliebter freiläßt.

4

Als Reneganten bezeichnete man zum Islam übergetretene Christen.

59 Das Bild des türkischen Herrschers ist also ein positiv geprägtes Bild mit einem Schönheitsfehler... Bassa Selim ist kein Türke! Dies ist zumindest zu vermuten, da er im Laufe der Handlung des öfteren als "Renegant" bezeichnet wird, der die Heimat (Spanien?) verlassen mußte, da ihm Belmontes Vater Ehre und Geliebte nahm. Bleibt OSMIN als einziger "wahrer" und echter Vertreter der Türken. Voranstellen möchte ich einige Textaussagen aus wissenschaftlichen Arbeiten, die die "Entführung" untersuchten und eine Kurzcharakterisierung der Figuren gaben.5 DONTSCHEWA 1944: Osmin symbolisiert für sie eine Figur aus 1001 Nacht. Er ist grausam und hochmütig. Für ihn ist das Leben der anderen ohne Bedeutung. Nur Moslems sollten frei leben dürfen, da Christensklaven niederträchtig seien. "Mit genialem Humor hat Mozart in Osmin Grimm und Blutdurst und zugleich eine Knechtseele zum Ausdruck gebracht und voller Laune und derber Ursprünglichkeit auf der Bühne wirken lassen." (Dontschewa, 44:72) Noch deutlicher charakterisiert Walter PREIBISCH den Haremswächter: "Man gab dem wild-fanatischen Orientalen zu seiner Grausamkeit und Hinterlist noch Züge, die ihn zur komischen Figur abstempeln, und hat so einen Vertreter des Großtürken herausgestaltet, der bald Gripon, Oman, Albumazan, meistens aber Osmin genannt wird." (Preibisch, 1908: 437) Osmin vertritt die "fanatische Grausamkeit der Türken" (ebda: 461). Abschließend bemerkt er, daß die "Charakteristika der einzelnen Personen und der türkischen Verhältnisse trefflich gelungen (sei)" (ebda: 447) Um auch ein neues Werk (PAHLEN 1980) heranzuziehen: Osmin ist der "urkomische - obwohl im Grunde gar nicht komische oder lächerliche, sondern grausame, fremdenhasserische Gewalttäter, der nur nicht dazu kommt, seine niederen Instinkte auszutoben." (Pahlen, 80: 223) Am Ende des Stückes zeigt er sich

5

Es wäre das Thema einer eigenen Arbeit, die zitierten Werke auf das darin enthaltene (negative) Türkenbild zu untersuchen. Dies kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden.

60 "von seiner grausamsten Seite und entspricht damit dem Bild, das frühere Jahrhunderte sich von den in Europa einfallenden Türken gemacht haben." (ebda: 208) Ist es wirklich nicht möglich, zu einer anderen oder differenzierteren Deutung zu gelangen? Betrachtet man die Textvorlage, die MOZART verwandt hat, so lautet die Antwort eindeutig nein. Immer wenn OSMIN redet, führt er Schimpfwörter, Drohungen und Anschuldigungen im Mund. Er möchte die Fremden aufspießen (1. Aufz. 2. Auft.), ihnen den Strick um den Hals legen (ebda), sie vergiften (ebda) ...Der Bassa ist ihm zu weich. Wenn es nach Osmin ginge, wären die Fremden längst gespießt (1. Aufz. 10. Auft.), oder hätten zumindest die Bastonade schon erlebt. (ebda) Sein beliebtestes Schimpfwort ist "Gift und Dolch". Fremden gegenüber zeigt er sich äußerst mißtrauisch, da er vermutet, alle Europäer seien nur hinter "seinen" Frauen her. (1. Aufz. 3. Auft.) Fremde sind allesamt abgefeimte Betrüger, die aufgespießt gehören. (1. Aufz. 10. Auft.) Osmin ist nicht bestechlich, denn was bedeutet schon Gold gegen die Wonnen einer Marter? (3. Aufz. 5. Auft.) Schließlich glaubt er sich am Ziel all seiner Wünsche, als er die Flucht der Europäer/innen entdeckt. Voller Vorfreude malt er sich aus, was er mit den Flüchtenden alles anstellen wird: "Erst geköpft, dann gehangen dann verbrannt, dann gebunden, dann getaucht zulezt geschunden." (3. Aufz. letzter Auft.) Das hier gezeigte Türkenbild entspricht bis in Details, so in der Wahl der Verben, den Eigenschaften, die schon 200 Jahre früher den Türken zugeordnet worden waren. Dieses negative und brutale Bild der Türken wird von den beiden Europäern Pedrillo und Belmonte untermauert. Die Türkei ist ein gesetzloses Land: "Hier fragen sie den Henker danach, obs einen Kopf mehr oder weniger in der Welt gibt. Bastonade und Strick um den Hals sind wie ein Morgenbrot." (1. Aufz. 9. Auft.) Ganz nebenbei erfahren die Zuschauer/innen einiges über das Leben der türkischen Frauen - aus der Sicht der gefangenen Europäerinnen. Nebenbei deshalb, da während des gesamten Stückes, außer den Europäerinnen, keine weitere Frau auftritt. In den Zwiegesprächen Osmins mit Blondchen wird ein Bild der unterjochten und nur zum Vergnügen der Männer lebenden Frauen gezeichnet. Osmin ist von der prinzipiellen Treulosigkeit aller Frauen überzeugt. (1. Aufz. 2. Auft.) Zu Sorgen, daß es dazu nicht kommt, ist seine Aufgabe. Die türkischen Frauen gehorchen widerspruchslos den Befehlen ihres Mannes.

61 "Ich dein Herr, du meine Sklavin, ich befehle, du mußt gehorchen." (2. Aufz. 1. Auft.) Dies nimmt Blondchen zum Anlaß, alle Türkinnen als Närrinnen zu bezeichnen, die vor dem Befehl ihres Herrschers zittern und sich von ihm unterjochen lassen. (2. Aufz. 1. Auft.) Ihrer Meinung nach machen sich diese Frauen keine Gedanken über ihre Männer - eine Geisteshaltung, die für Blondchen typisch "muselmännisch" ist. (2. Aufz. 6. Auft.) Die Ergebenheit der Moslems in ihr Schicksal - ein Vorurteil, das sich bis in unsere Tage hartnäckig gehalten hat. (Vgl. Drittes Kapitel) Der Orient verkörpert/e für den Zuschauer sexuelle Freizügigkeit (für die Männer zumindest) als scheinbares Element der Kultur. Die Sklavinnen, Frauen und Odalisken, von denen man annahm, daß jeder Türke sie gleich zu Hunderten besäße, "erregten eben grundsätzlich die Einbildungskraft des Spießers". (Ausstkat, 89:108) Zusammenfassung: Das Bild der Türken, das durch diese Opern vermittelt wird, ist ambivalent. Es stehen sich der edle, weise, wenngleich jähzornige Herrscher und der grausame, hinterlistige "Bedienstete" gegenüber. Die Weisheit des aufgeklärten Sultans, seine Mildtätigkeit gegenüber seinen Untergebenen sollte ein Gegenpol zu den despotischen Fürsten in Deutschland sein, diesen quasi einen Spiegel vorhalten. So bleibt denn auch der Herrscher die einzige positive Gestalt. Alle anderen türkischen Agitatoren (Haremswächter, Vesire...) entsprachen der Vorstellung des grausamen, hinterlistigen Türken, die seit Jahrhunderten gleich geblieben war. Nach der Untersuchung der Inhalte der Türkenopern und des darin enthaltenen Türkenbildes, soll nun analysiert werden, was denn eine Oper "türkisch" wirken ließ: Zunächst muß die Handlung außerhalb der heimischen Gefilde spielen. Es müssen Menschen mit anderen Namen, anderer Kleidung, anderer Musik und anderen Handlungsweisen agieren. Kurz, die COULEUR LOCALE muß geändert werde. "Unter dem Ausdruck: die Localfarbe (...) versteht man daß die örtliche Lage, die Gebäude, die Religion, die Gewohnheiten, die Kleidungsart eines Landes, in welchem die Handlung (...) vor sich geht, beobachtet und nachgeahmt (werden kann)" (Rejcha zit. n. Becker, 76:23)

62 Victor HUGO war der Meinung, durch die Couleur Locale solle der/die Zuhörer/in unmerklich "seiner (ihrer) eigenen Welt entrückt werden, und sich imstande fühlen, die historischen Darstellungen auf der Bühne als eine Art imaginärer Zeitgenosse zu erleben." (Becker, 76:24) In den Türkenopern wurde die Couleur Locale durch den (orientalischen) Schauplatz der Handlung, die türkische Kleidung, bzw. was man für solche hielt, die Bühnenbilder und vor allem aber durch den Gebrauch türkischer Musik hergestellt. Wie bereits ausgeführt, verstand man unter türkischer Musik nicht die Volksmusik der türkischen Völker, sondern die Militärmusik der Janitscharen, an deren Klang man anzuknüpfen suchte. Als Instrumente standen Piccolo, Geigen, große Trommel, Becken und Triangel im Vordergrund, allerdings blieben die Melodie und die Harmonie der "türkischen Musik" völlig europäisch. (Vgl. Pahlen, 80:42) Kenner der Janitscharenmusik urteilten über diese Melodien niederschmetternd. So bemerkte Christian Friedrich Daniel SCHUBERT: "(...) wer aber das Glück gehabt hat, die Janitscharen selber musicieren zu hören, (...) der muß mitleidig über die Nachäffungen lächeln, womit man unter uns meist die türkische Musik verunstaltet." (Ausstkat, 85:162) So bestand die "orientalische Musik", das Hauptstilmittel der Couleur Locale, keineswegs aus original türkischen Klängen. Türkische Instrumente, die in europäisch geläufige Melodien gepreßt wurden, sollten die Vorstellung des Exotischen nur insoweit produzieren, wie die Musik europäischen Ohren noch melodiös klang. Zusammenfassung: Als die "Türkengefahr" im 18. Jahrhundert endgültig gebannt schien, begann im 18. Jahrhundert an den Bühnen und Opernhäusern in ganz Europa eine wahre "Türkenmode". Die Inhalte entsprangen teils der Phantasie (Soliman, Entführung), teils historischen Halbwahrheiten (Timurläng und Bajazid) Das in den Opern unterschwellig mitgeteilte Türkenbild war ambivalent. Im 18. Jahrhundert zeigte sich der Sultan oder Pascha meist als ein edler aufgeklärter Mensch, dessen Weltanschauung manchem deutschen Despoten wohl zur Zierde gereicht hätte. Anders jedoch der einfache Türke. Er war hinterlistig, grausam, wild-fanatisch; war Sklavenhändler und Haremswächter

63 Diese Opern waren in ganz Europa außerordentlich beliebt und sind bis heute weit verbreitet. (Vgl. Anhang IX) Eine kritische Auseinandersetzung mit dem durch sie verbreiteten Bild der Türken/innen fand meines Wissens nach noch nicht statt. 2.4

Die weltlichen und geistlichen Türkenlieder

Im Gegensatz zu den Türkenopern handelt es sich in diesem Fall um eine Musikgattung, die auf die Herstellung der Couleur Locale vollständig verzichtet. Nach BUCHMANN bietet der Volksgesang "dem heutigen Betrachter ein unverfälschtes Zeugnis damaliger Gefühle und Meinungen und ein Stimmungsbild, in dem nichts verharmlost und nur wenig übertrieben wird." (Buchmann, 83:18) Davon ausgehend müßten Volkslieder, die die Türken zum Thema haben, einen guten Einblick in die Stimmungslage vergangener Jahrhunderte geben. Die Türkenlieder fanden vor allem zu Zeiten kriegerischer Begegnungen rege Verbreitung. In Deutschland waren diese Lieder vom Ende des 14. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vorzufinden. Ihre Blütezeit lag im 17. Jahrhundert. (Vgl. Özyurt, 72:15) 1543 begann Augsburg, 1575 Prag und 1583 Wien mit der Veröffentlichung von Türkenliedern. (Vgl. GöllnerI, 76:17) Im 19. Jahrhundert ging die Ära der Türkenlieder langsam zu Ende. Die letzten, auf die Osmanen bezogenen Türkenlieder, entstanden anläßlich des Krimkrieges. (Vgl. Buchmann, 83:117) Die Inhalte der Türkenlieder wurden durch mehrere Faktoren beeinflußt: Im Volk herrschte eine höchst negative Meinung über die Türken vor.6 Worte wie "Bluthund", "blutdürstiger Hund", "türkischer Hund", "Erbfeind", "türkische Heiden"... kamen immer wieder in den Liedern vor und vererbten sich von Generation zu Generation. (Vgl. Özyurt, 72:21) Die Obrigkeit sorgte dafür, daß diese Meinung im Volk kräftig geschürt wurde. Sie hämmerte den Menschen die Gefahren, die von den Türken auszugehen schienen, in oft übertriebener Form ein, um so die Opferbereitschaft, als persönliches Opfer in einem eventuellen Krieg, oder, und das war meistens der Fall, in Form von Geld oder Sachgaben zu fördern.

6

Vgl. Erstes Kapitel

64 Die allgegenwärtige Türkengefahr hielt so in mannigfaltiger Weise Einzug in das alltägliche Leben und die Alltagssprache der Menschen, wurde quasi zu einem Bestandteil ihres Lebens. Die Kirche sorgte durch Türkenprozessionen, Türkenglocken, Türkensteuern, Türkenalmosen, Türkenpredigten Und Türkenbruderschaften dafür, daß die scheinbare Gefahr durch die Türken allgegenwärtig war. (Vgl. Erstes Kapitel) Geht man nun mit BUCHMANN davon aus, daß Volkslieder ein "unverfälschtes Zeugnis damaliger Gefühle und Meinungen" geben, darf man auf das Türkenbild dieser Türkenlieder gespannt sein: 2.4.1

Die weltlichen Türkenlieder

Nach ÖZYURT erschienen und verbreiteten sich die weltlichen Türkenlieder gleichzeitig mit realgeschichtlichen Ereignisse. Je nach Inhalt der Lieder können mehrere Gruppen gebildet werden: 1. Kampflieder In ihnen wurden die Kämpfe besungen, die eigenen Verluste schmerzlich hervorgehoben und die Grausamkeit des Gegners angeprangert. "In den meisten Liedern bemüht man sich, durch ausführliche Angaben der Ereignisse, den Hörer vom wahrheitsgemäßen Bericht zu überzeugen." (ebda: 86) Oft wurde religiöse Symbolik verwandt - so daß Gott selbst als Hauptmann ins Feld zog. Die Deutschen wurden als die Löwen oder die Adler bezeichnet, die Türken mit der Symbolik des Halbmondes versehen. So schrieb Balthasar MANDELREISS zur Eroberung Konstantinopels 1453 den Türkenschrei: "der Türk hat das für sich genomen, er well zu uns gar nehent komen er well gein Rom wol in die stat, ach edlen herren, werst zu rat, ob wir ims mochten erweren!" (zit. ebda: 49) 2. Belagerungslieder Sie erzählten von der Belagerung einer Stadt durch die Türken. Häufiges Thema ist deren Grausamkeit. Das Verhältnis zwischen Belagerten und Belagern wird in die Sphäre - Kampf zwischen Göttern und Riesen hineingehoben:

65 "o römischer Adler, wie groß ist dein`Macht! Du stürzest die Riesen, so sich unbedacht." (Anläßlich der Belagerung Belgrads 1717) (ebda: 91) 3. Loblieder und Heldenlieder Den Anführern der Heere, manchmal auch einfachen Soldaten und adeligen Würdenträgern, wurde hier musikalisch ein Denkmal gesetzt. Das bekannteste Lied dieser Art, ist des Lied vom Prinzen EUGEN: "(...) Bei Zenta war die große Schlacht, darin hat er gesieget, Und auch den Feind zunicht gemacht Daß er ganz unterlieget. Was auch begunnt Der Türkenhund, Er schlug ihn dannoch auf den Grund Victori, Brüder, Schreit Zu dieser Siegesfreud (...)" (Buchmann, 83:110) 4. Soldatenlieder Sie wurden beim Einzug ins Feld gesungen und sollten aufmunternde Wirkung haben. Ein Lied aus dem 17. Jahrhundert soll hier als Beispiel dienen: "Frisch auf, frisch auf, Soldaten, der Turk, der ruckt ins Feld daher, zu Martis (Krieggott: Mars) Tanz zu laden, Mit seiner Armade schwer! schlagt die Trummen, schlagt die Trummen; Groß Allarma durch die Welt; Weil der Erbfeind itzo kummen schlagt die Trummen Daß sein Trutz in Stücke fällt!" (ebda: 41) 5. Spottlieder Sie wurden vornehmlich nach den Siegen des christlichen Heeres gesungen. a) Spottlieder mit religiösen Motiven: Diese Spottlieder waren gegen den türkischen Glauben gerichtet. "Mit Vorliebe wurden Mundart und Dialogform benutzt. Durch Redewendungen Schimpfwörter, Fremd- und Sprichwörter wollte man den Spott verstärken, und den Gegner ins Lächerliche ziehen." (Özyurt, 72:98) Dies hörte sich dann wie folgt an: "Der Türk ist geschlagen, man hat`s ihm gepfiffen (...) Hast beten wöll'n in`s Kloster gehen,

66 Bist aber zu`n Beten gewest zu faul So trischet man dir ganz unversehen Dein sündisch türkisch hündisch Maul Jzt singst ohn Spott: Erbarm dich Gott! Ist aber zu späte Du bist labethe kommst auf`n Hund und nit auf`n gaul" (ebda: 99) b) Spottlieder mit Krankheitsmotiven: Der dahinsiechende kranke Sultan symbolisierte den Zustand des Osmanischen Reiches..7 Der Sultan bat die europäischen Ärzte um Rat, die Krankheitssymptome diagnostizieren, die den eroberten Gebieten entsprachen. Ein Beispiel: Der Medicus aus Spanien riet: "Ich halte es für gut/daß er soll wacker schwitzen/ Dieweil der Ofen ihn nun nicht mehr kann erhitzen/ Von neuerfundnem Feuer/ ich hab was mitgebracht/ Das braucht man/ dann es hat schon manche warm gemacht" Der Medicus aus Venedig riet: "Ich wil besehn den Harn/ was sich darinnen findet/ Derselb ist durch und durch aufs hitzigste entzündet/ Der Candianisch wein/ den er mit Überfluß mißbrauchet/ dieser macht/ daß er jitzt büssen muß." (Buchmann,83:94) Mit Ofen ist hier die Eroberung Ofens am 2.9.1686 und mit dem Candianischen Wein Kreta gemeint. 6. Aufrufe Sie sollten in der Bevölkerung Stimmung zum Kämpfen und Opfern herstellen. "(...)Was ermord`t nicht ist und todt, Schleppen sie hinweg in Ketten Schonen nicht das letzte Gut, Davor kann sie nichts erretten. Diese Räuber schänden Weiber, schneiden ihnen auf die Leiber, Schlachten Greis und Kinder hin, Mit boshaftem Teufelssinn."

7

Es wäre möglich, daß der im 19. Jahrhundert viel zitierte "Kranke Mann am Bosporus" seinen Ursprung in solchen Liedern findet.

67 Daran anschließend erfolgte der Aufruf zum Kampf: "O ihr deutsche Helden wert, Könnet ihr das Elend schauen? Eilet, eilet, nehmt das Schwert, Auf den Bluthund einzuhauen! (...)" (ebda: 37) Auch hier wird die Grausamkeit der Türken beschrieben, um die Deutschen wachzurütteln. Zusammenfassung: In diesen Liedern überwiegt das Bild des grausamen Kriegers, des Zerstörers aller Ordnung, vor dem man sich in Acht nehmen muß. Alle Lieder verfolgen einen bestimmten Zweck. Entweder sollen sie zum Kampf aufrufen, zur Tapferkeit ermahnen, oder sie sollen das Leid vor Augen führen, das die Bewohner z.B. belagerter Städte erdulden mußten. Die Grausamkeit wird als Hauptschreckmittel herausgearbeitet. Dies ändert sich erst nach der zweiten Wienbelagerung 1683. Von da an überwiegen Spottlieder, die den ehemaligen Feind ins Lächerliche ziehen und die eigene Überlegenheit hervorheben. Die Verbreitung der weltlichen Türkenlieder: BUCHMANNS Forschungen ergaben, daß Türkenlieder, außer in der Schweiz, im gesamten deutschsprachigen Raum vertreten waren. Gehäuft dort, wo Osmanen und Deutsche wirklich in (meist kriegerischen) Kontakt miteinander standen. (Vgl. Buchmann, 83:12) Vor allem die zweite Wienbelagerung ließ eine Fülle an Materialien entstehen "und dies nicht nur im deutschen Kulturraum, sondern in ganz Europa, wo bisher Druckschriften in mehr als zwanzig Sprachen und über hundert Druckorten festgestellt werden konnten" (ebda: 30) Da die Lieder in erster Linie eine Funktion als Nachrichtenträger erfüllten, gerieten sie, rasch in Vergessenheit sobald diese Aufgabe erfüllt war. (Vgl. Özyurt, 72:112) Da über mehrere Jahrhunderte hindurch jedoch ständig neue Lieder verbreitet wurden, gruben sich die Inhalte in das Gedächtnis der Menschen ein. 2.4.2

Die geistlichen Türkenlieder

Die kirchliche Variante der Türkenlieder gab Einblick in die religiöse Sichtweise der Kämpfe der Christen wider die Türken. Die ganze Christenheit wurde zur Einheit angehalten; Maria, Gott und die Heiligen um Hilfe aus der

68 drohenden Gefahr angefleht. Je nachdem, ob ein solches Lied von protestantischen oder katholischen Geistlichen verfaßt wurde, stellte man den Türken mit dem Papst oder den Protestanten auf eine Stufe. So ließ Martin LUTHER vernehmen: "Erhalt vns Herr, bei deinem Wort vnd steur das Bapsts vnd Türcken Mord. Die Jhesum Christum deinen son wollten wollten stürtzen von deinem Thron" (Özyurt, 72:121) In der Regel wurden die Türken als sittenlose Menschen (Vielweiberei) und als Gottesgeißel bezeichnet. Kurz, die Türken stellten eine Gefahr für den Glauben dar. Daher wurde göttliche Hilfe zur Errettung aus der Not und zur Wiederherstellung der Einheit der Kirche erfleht. Die Uneinigkeit der Christenheit wurde als Hauptmotiv für das Vorrücken der Osmanen gesehen. (Vgl. ebda: 26) "Nun sehen wir unsern Zank, ob er nicht dem Türken ein Geschank und ain groß gelechtet bringen soll, daß wir Christen so grob und toll an ainander selbst verderbe (...)" (ebda: 128) Ein beliebtes Stilmittel der kirchlichen Türkenlieder lag darin, auf die Melodie eines bekannten und beliebten weltlichen Liedes einen neuen Text zu dichten. Damit erhoffte man sich eine weite Verbreitung des geistlichen Liedes. In den geistlichen Liedern wurden die weltlichen Motive umgedichtet, d.h. "die Motive des Liebesliedes, wie Liebesdank, Liebesbotschaft und Liebesfeind (wurden) zu Gottesdank, Gottesdienst, Himmelsbotschaft, Gottesfeind oder Glaubensfeind umgearbeitet." (Vgl. Özyurt, 72:134) So sicherte man sich von Beginn an ein offenes Ohr der Gemeinde. Die Verbreitung der geistlichen Türkenlieder Hier stütze ich mich auf die Arbeit ÖZYURTS, der für die geistlichen Türkenlieder eine stärkere Verbreitung als für die weltlichen Türkenlieder annimmt. Denn diese Lieder hielten Einzug in die Gesangsbücher der Kirche und verfügten somit über eine längere Lebensdauer, als Lieder, die zu jeweils aktuellen Anlässen gedichtet wurden.

69 Neben den weltlichen und geistlichen Türkenliedern gab es noch eine Gattung, die das Bild der Türken im übertragenen Sinne gebrauchte: In "ain gedicht vom ungehorsame der Venediger", von 1509 diente das Bild der Türken als ein Mittel, den Venezianern Furcht einzuflößen: "(...) Daß Türken, haiden und die Christen sich umb die mystat zamen rüsten, due Du am römisch König hast gegengen (...)" (Liliencron, 66:34) 1512 wurde die Einnahme der Raubritterburg Hohenkrähen, dessen Besitzer die Bevölkerung jahrelang drangsaliert hatte, begeistert gefeiert. Dem Sieger zu Ehren wurde ein Lied gedichtet, das dessen Tapferkeit lobend hervorhob. Um den Grad seines Heldentums zu messen, wurde gesagt, er sei so tapfer, er hätte sogar die Türken schlagen können: "(...) daß du der bösen Türken strafest iren großen nyd und auch die Christenheite bringts auf den rechten weg (...)" (ebda: 72) "Ain newes lied vom Künig Karolus" beschreibt im Jahre 1519 (zur Wahl Karl V) was die Christenheit unter einer glücklichen Regierung versteht: "(...) der dem römischen reiche stetig behilflich wer, uns Christen alle gleiche zu nutz und auch zu eer, daß uns nie genummen von Türken manische Land (...)" (ebda: 232) Glücklich regiert also der König, der den Untertanen die Türken vom Leibe hält. In diesen Beispielen hat sich das Bild des Türken verselbstständigt. Die Menschen mußten bereits eine ganz bestimmte Vorstellung der Türken haben. So war es denn möglich, daß kleine Anspielungen genügten, um eine bestimmte vorhersehbare Reaktion auszulösen. 2.5

Zusammenfassung

Die weltlichen und geistlichen Türkenlieder haben ein ähnlich negatives Bild der Türken, wie die Türkenopern. Allerdings fehlt das komische Element fast vollständig. Die Volkslieder reagierten meist auf aktuelle politische Er-

70 eignisse und erreichten damit auch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht die Lebensdauer einer Oper. Opern und Türkenlieder hatten ein unterschiedliches Publikum. Das Bildungsbürgertum, das die Opernhäuser besuchte, bekam ein, zumindest in Ansätzen, ambivalentes Türkenbild. Dem großmütigen, edlen Sultan stand der hinterlistige, grausame Haremswächter gegenüber. Allerdings diente die positive orientalische Herrschergestalt in erster Linie der Herausstellung des Despotismus der europäischen Regenten. Anders die einfache Bevölkerung, die mit einem durchgehend negativen Türkenbild konfrontiert wurde. Einen Wandel in den Inhalten der Türkenlieder stellte das Jahr 1683 dar. Mit der erfolglosen Wienbelagerung der Türken hielten zahlreiche Spottlieder Einzug in das Liedgut. Am Bild des grausamen, brutalen Türken, das in der Bevölkerung vorherrschte, änderte dies zwar nichts, doch die Christenheit fühlte keine Furcht mehr vor diesen Barbaren. Vielmehr begann sie die eigene Überlegenheit zu spüren. Ein Überlegenheitsgefühl, das bis in unsere Tage anhält. Wie in diesem Kapitel herausgearbeitet, stand die Verbreitung der Türkenopern und Türkenlieder meist in Bezug zu politischen Ereignissen. Opern und Volkslieder dienten dazu, eine bestimmte Stimmung in der Bevölkerung herzustellen. Sie bereiteten quasi den Boden für anstehende politische Maßnahmen (Kriegszüge, Steuern...).

3

Das Türken/Innenbild in der Reiseliteratur

3.1

Zum Begriff Reisebeschreibung

Der Begriff "Reisebeschreibung" erweckt bestimmte Assoziationen, wie "besser reisen", "anders reisen", "preiswert reisen". Unter Reisebeschreibungen werden meist Reiseführer verstanden, die eine Hilfestellung im Urlaubsland geben sollen. In dieser Arbeit sind "Reisebeschreibungen" anders zu verstehen. Zunächst zum Begriff "reisen": Darunter ist nicht jener alljährliche Urlaub zu verstehen, der die Menschen zu Hunderttausenden vor allem an die Strände des Mittelmeeres führt, vielmehr verstehe ich darunter den freiwilligen oder auch unfreiwilligen Kontakt zu Menschen einer anderen Kultur in einem fremden, oder auch im eigenen Land. Europäische Reisebeschreibungen waren lange Zeit eine vernachlässigte Literaturgattung, der man keine Aussagekraft zugestand. (Vgl. Wuthenow, 80:11) Erst in neuester Zeit gewann diese Literatur im Zusammenhang mit der Fremdheitsforschung an Bedeutung. (Vgl. Magill, 89:4) In Texten zum Thema "reisen" erfolgt die Problematisierung des Verhältnisses der Eigenzur Fremdkultur. Die Wahrnehmung einer fremden Kultur wird bestimmt durch "Vorerfahrungen, Vermutungen, Vormeinungen anderer, kollektiver Vorurteile, Verallgemeinerungen, vielfach historisch vermittelter Erwartungen (...)." (Willy, 85:157) Reisende verschiedener Epochen, die ihren Weg ins Osmanische Reich, bzw. in die Türkei antraten, waren somit von den Vorstellungen ihrer Zeit über das fremde Land geprägt. In diesem Kapitel soll analysiert werden, in wieweit sich die Schreiber/innen von der herrschenden Meinung ihrer Zeit und von ihren "psychohistorischen Voraussetzungen" (ebda) lösen, und in wieweit sie sich auf eine ihnen fremde kulturelle und soziale Gesellschaftsformation einlassen konnten. Untersuchungsgegenstand sind auch die Mittel, die dem/der Reisenden die ihnen fremde Kultur erschlossen, und die Frage, ob über einen großen zeitlichen Rahmen hinweg, ähnliche Muster in der Bewältigung der Fremdkultur erkennbar sind.

72 Dies soll anhand der folgenden vier Bücher analysiert werden: 1. 1526 geriet BARTOLOMEUS GEORGIEVICS in türkische Gefangenschaft und verbrachte dreizehn Jahre seines Lebens in der Türkei. Nach mehreren Versuchen gelang ihm schließlich die Flucht. Nach seiner Rückkehr nach Europa begann er ein umfangreiches Schriftwerk, in dem er immer wieder die türkische Gefahr beschwor und die Christen zur Einheit aufrief. Seine Bücher waren weit verbreitet und beeinflußten nachhaltig die Meinung seiner Zeit über die Türken. 2. Von einer großen Sehnsucht getrieben, Neues zu entdecken, schloß sich SALOMON SCHWEIGGER 1578 als Prediger einer Gesandtschaft nach Istanbul an. Seine Erlebnisse und Beobachtungen schrieb er in seinem Tagebuch nieder, das als erster Reisebericht über die Türkei gilt. Auch hier zeigen zahlreiche Wiederauflagen, Teilveröffentlichungen... wie beliebt diese Lektüre bei den Leser/innen seiner Zeit war. 3. Zu einer für eine Frau ihres Standes und ihrer Epoche ungewöhnlichen Reise brach 1716 LADY MARY WORTLEY MONTAGU auf. Sie begleitete ihren Mann, einen englischen Gesandten, an den Hof des Sultans. Als Frau hatte sie Zutritt zu den Harems, der Welt der osmanischen Frauen. Ihre Erlebnisse, Schlußfolgerungen und Erkenntnisse gewähren Einblicke in das soziale, politische und religiöse Leben der Bewohner/innen des Osmanischen Reiches. 4. Mit dem Ziel, das Leben der türkischen Frauen in ländlichen Gebieten zu untersuchen, reisten BAUMGARTNER-KARABAK/ LANDESBERGER 1978 in die Türkei. Ihr Buch wurde zu einem Standardwerk. (Vgl. Lutz, 89:33) Bei der Auswahl dieser Bücher spielten mehrere Faktoren eine Rolle: Jedes Buch war zu seiner Zeit in Deutschland weit verbreitet und stand in gedruckter Form einem breiten Publikum zur Verfügung. Alle Bücher wurden mehrmals neuaufgelegt und wurden von späteren Autoren/innen als Primärquelle benutzt. Jedes der Bücher beeinflußte die herrschende Meinung seiner Zeit bezüglich des Osmanischen Reiches, bzw. der Türkei. Zwei Bücher wurden von Frauen und zwei von Männern geschrieben. Die Arbeiten der Autorinnen erlauben Einblicke in das Leben der Bewohnerinnen des Osmanischen Reiches und der Türkei.

73 Um einen eventuellen Wandel in den Vorstellungen der Schreibenden über die Türken/innen festzustellen und zu analysieren, wurden Reisebeschreibungen aus vier Jahrhunderten herangezogen. In einem ersten Schritt werden die Autoren/innen der Reisebeschreibungen und die Motive ihrer Reisen vorgestellt werden. Im zweiten Schritt wird anhand der Verbreitung, der Auflagenhöhe und der Neuauflagenstärke der Einfluß des Buches auf die öffentliche Meinung seiner Zeit nachgewiesen. Die Analyse der Inhalte der Reisebeschreibungen erfolgt im dritten Schritt. Es wird untersucht werden, was im Mittelpunkt des Geschriebenen steht und welche Schlüsse die Autoren/innen daraus ziehen. Ein besonderes Interesse gilt auch den Aussagen zum Leben der türkischen Frauen. Im Kontakt unterschiedlicher Kulturen sind folgende drei Muster denkbar: 1. Die positive Wertung der eigenen Kultur zieht die negative Bewertung der Fremdkultur mit sich. 2. Die negative Sichtweise der eigenen Kultur führt zu einer positiven Bewertung der Fremdkultur. 3. Differenzen und Affinitäten der Eigen- und Fremdkultur werden dargestellt und führen zur Auseinandersetzung mit beiden Kulturen. (Vgl. Magill, 89:12) Im folgenden Kapitel wird die Darstellung der Fremdkultur im Mittelpunkt stehen. Ein weiterer Untersuchungsgegenstand ist die Frage, inwieweit sich der/die Reisende durch konkrete Erfahrungen in der Fremdkultur von der in der Eigenkultur herrschenden Meinung über die Fremdkultur befreien konnte.

74 3.2 3.2.1

Analyse der Reisebeschreibungen Bartholomeus Georgievics

"Türckenbüchlin"

75 3.2.1.1 Über den Autor Der Verfasser, Bartholomeus GEORGIEVICS, ein polnischer Edelmann und Theologe war 15 Jahre alt, als die Türken ihn, zusammen mit seinem Lehrer, dem polnischen Kirchenfürsten Ladislaus SZALHADI, in der Schlacht von Mohacs 1526 gefangennahmen und als Sklaven ins Osmanische Reich verschleppten. Dort brachte er 13 Jahre zu. Er wurde sechsmal auf Sklavenmärkten verkauft und arbeitete u. a. als Wasserverkäufer, Schafhirt, Ackerund Pferdeknecht. (Vgl. Georgievics, 1558: Vorrede) Mehrere Fluchtversuche scheiterten. Schließlich gelang ihm nach 13 Jahren die Flucht über Jerusalem nach Hause. (Vgl. GöllnerIII, 76:320) Nach seiner Rückkehr verfaßte der Theologe mehrere Streitschriften gegen den Islam, in denen er immer wieder die drohende Türkengefahr beschwor. 3.2.1.2 Über das Buch Das Original erschien 1555 in Neapel. 1558 wurde das "Türckenbüchlin" aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt. Diese Ausgabe, in Straßburg gedruckt, liegt der Analyse zugrunde. Zu der Zeit, als die Erinnerungen GEORGIEVICS` in Druck gingen, stießen solche "Memoiren" auf steigendes Interesse in Deutschland. (Vgl. Göllner: ebda:12f) Ein Zitat aus GÖLLNERS dreibändiger Tvrcica unterstreicht die große Wirkung des Buches. Es beschreibt GEORGIEVICS als einen theologischen Streiter "(...) dessen Hauptziel es war, die Möglichkeiten einer Überwindung der Türkengefahr zu erläutern. Die Schriften dieses leidenschaftlichen Glaubensverfechters mit ihren Schmähungen gegen den Islam haben offensichtlich die bestehenden Vorurteile gegen den Islam noch vertieft. Ihr meinungsgebender Einfluß war nachhaltig, da sie von 15441 bis 1600 in 43 Ausgaben in verschiedenen Sprachen erschienen." (Vgl. ebda: 27) Das Buch hatte eine hohe Auflagenstärke und war weit verbreitet. 3.2.1.3 Über den Inhalt GEORGIEVICS` Anliegen lag darin, die Christenheit aufzurütteln und ihr die Gefahren, die ihr von den Türken drohten vor Augen zu führen. In den er-

1

Wahrscheinlich ein Druckfehler, da die Erstausgabe erst 1555 erschien.

76 sten drei Kapiteln berichtet er von den "Kirchen oder Tempeln der Türcken", der "Türcken Herrschaft und ihrem Krieg" und dem Alltagsleben der Türken. Er beschreibt emotionslos und nüchtern die Sitten und Bräuchen der Türken/innen. Manchmal meint man so etwas wie Bewunderung für die türkische Sauberkeit und Disziplin herauszuhören. So berichtet er von der großen Disziplin, die die Türken auf ihren Feldzügen bewießen. Offiziere achteten streng darauf, daß die Soldaten nicht plünderten. Das Eigentumsrecht der Bauern zu Kriegszeiten wird sehr hoch geschätzt: "Sie beschirmen auch die gärten das nie ein apffel verruckt würt/ und die beschirmer dörffen ohn willen des hausvatters selbst keinen abbrechen/ oder es würt ihm der kopff abgeschlagen." (Georgievics, 1558:16) Auch die Sauberkeit erwähnt er lobend. (Vgl. ebda: 18ff) Die Objektivität und teilweise offene Bewunderung endet jedoch im vierten Kapitel, das im Mittelpunkt des Buches steht, und in dem er die Leser/innen "von der pein unnd marter der gefangenen Christen" unterrichtet. (ebda: 22) Am allermeisten entsetzte ihn das Los der gefangenen Mädchen und Jungen, deren Leidensweg noch am Ort der Gefangennahme begann. Als er die Vergewaltigungen an den Kindern schildert, deren "Ohrenzeuge" er wurde, drückt die Sprache Abscheu und Ekel aus: "Wann nun die nacht kompt/ so werden sie in beschlossene gemach gethan/ oder sunsten umb unnd umb wol verwaret/ da hebt ihr jammer an noth an/ von wegen der unmenschlichen unkeuschheit/ der menschen verkeuffer. Da würt ein jammerlich geschrey bey nacht gehört/ beide von junge knaben un meitlin/ welche grossen nothzwang leiden müssen/ dann es würt der sechs und syben järigen mit verschont/ Also ist das schandlich gottlos tyrannisch volck mit unmenschlicher begirden befleckt/ unnd wütet wider die Natur." (ebda: 24f) An dieser Stelle zeigt GEORGIEVICS zum ersten Mal Gefühle und Emotionen. Hier verläßt er die Ebene des neutralen Beobachters. Die Türken erscheinen als wahre Meister der Qualen und Folter. Als Slavenhalter/innen tritt die ganze niedere Kultur und Grausamkeit der Türken/innen zutage. (Vgl. ebda: 4. Kapitel) Diese Grausamkeit läßt sich, so GEORGIEVICS, schon an ihrer

77 Sprache2 beweisen, die ihm so recht zu einem barbarischen Volk zu passen schien: "(...) grob/ rauch/ thyrannisch/unlieplich lautten/ob sie gleich etwas guts reden/ also ist auch jr art/ gemüt/ und herz/ sie reden auch so freundlich mit einander/ als wolten sie nach jedem wort einander ins angesicht schlahe." (ebda: 50) Die Auseinandersetzung mit der Fremdkultur erfolgt über deren "Barbarisierung". (Vgl. Magill, 89:41) Eine Kommunikation und ein Austausch beider Kulturen zieht GEORGIEVICS nicht in Erwägung. Der moslemische, brutale, barbarische Türke muß vernichtet werden. Die christlichen Völker sollen nicht warten, bis sie die Türken in ihren eigenen Ländern zurückschlagen müssen, vielmehr ist ein zu Präventivkrieg führen; die Türken aus Europa zu vertreiben und sich so für alle Zeiten Ruhe und Frieden sichern. Auf den Straßen, auf denen schon die Römer nach Kleinasien gezogen waren, sollen "(...) auch die Christen fleissig begern zu wandeln/ wann sie anders die Türcken aus Europa vertreiben/ unnd ein ewigen Frieden haben wöllen." (ebda: 44) Um den Gegner besser einschätzen zu können, gibt er eine genaue Beschreibung des Alltags, der Sitten und Bräuche, der Religion, der Sprache und des Militärs. GEORGIEVICS` Stärke liegt in der emotionslosen Beschreibung all dieser Sachverhalte, die sich von den sonst üblichen Polemiken dieser Zeit unterschieden. Erst als der Autor beginnt, über die Lage der christlichen Sklaven/innen, die der Titel des Buches in den Vordergrund stellt, zu berichten, verliert er seine Objektivität und schreibt mit der ganzen Betroffenheit eines Menschen, der sein eigenes Schicksal wiedergibt. Die Grausamkeit der Türken in der Türkei war weit weg, aber Jeder/e konnte bei Kriegen Opfer der Menschenhändler werden. Dies erhöhte die Betroffenheit und stärkte die Bereitschaft, dieser drohenden Gefahr entgegenzuwirken. Die positiven Züge des Osmanischen Reiches, die Disziplin des Heeres, der Gehorsam der Soldaten... dienten lediglich dazu, die Gefahr, in der die Christenheit schwebte, zu verdeutlichen.

2

GEORGIEVICS hatte Türkisch während seiner Gefangenschaft gelernt. Er beschließt sein Buch mit sprachlichen Studien, u. a. auch dem "Vater unser" in seiner türkischen Übersetzung.

78 Zusammenfassung: GEORGIEVICS` Kontakt mit einer ihm fremden Kultur war kein freiwilliger. Er wurde gewaltsam verschleppt und versuchte immer wieder erfolglos zu fliehen. Der Aufstieg des jungen Adeligen war mit seinem sechzehnten Lebensjahr jäh unterbrochen worden. Die Träger der fremden Kultur hatten sein Leben zerstört. Er hatte gegen die Türken gekämpft und fühlte sich während seines Zwangsaufenthaltes im Osmanischen Reich in seiner Meinung bestätigt, daß dieser Kampf weitergeführt werden müsse, sollte nicht die eigene Kultur untergehen. GEORGIEVICS kannte nur das Überleben der eigenen Kultur, oder das Aufgehen in der fremden Kultur, die ihm als barbarisch und minderwertig erschien. Die herrschende Meinung seiner Zeit, die die Türken als Kriegsgegner, Glaubensfeinde und Zerstörer sah, fand er im Osmanischen Reich bestätigt. Das Fremde hatte ihn seiner Familie entrissen, seinen Stand als Edelmann mißachtet und ihn als Sklaven erniedrigt. Das Fremde erwies sich für ihn als schlechter als die eigene Kultur und führte zur Zustimmung gegenüber der herrschenden Meinung und zur Projektion von Ängsten auf die fremde Kultur. (Vgl. Krüsche, 85:135)

79 3.2.2

SALOMON SCHWEIGER ;

"ein newe Reyßbeschreibung"

80 3.2.2.1 Über den Autor Salomon SCHWEIGGER wurde 1551 in der Nähe von Tübingen geboren. 1572 schrieb er sich in Theologie und klassischer Philologie an der Universität Tübingen ein. Die Universität war zu jener Zeit streng lutherisch ausgerichtet. Er wurde als Student dieser Lehranstalt mit der Meinung Martin LUTHERS konfrontiert, der in den Türken die Geißel und das Werkzeug Gottes sah. SCHWEIGGER brachte zunächst seine Studien jedoch nicht zu Ende, da er "ein sondere Begierd getragen, ferne Land zu sehen und etwas zu erfahren." (Schweigger, 1608: 1. Buch, I Kapitel) Zunächst fuhr er nach Regensburg, in der Hoffnung, auf dem dortigen Reichstag "edle Herren" zu treffen, die ihn als Erzieher ihrer Kinder mit nach Italien oder Frankreich nehmen sollten. Da ihm aber die notwendigen Beziehungen fehlten, ergab er sich zunächst in sein Schicksal und arbeitete, nach abgelegtem Predigerexamen, sieben Monate in der Steiermark. Bei einem Besuch in Wien suchte er wiederum Kontakte, die ihm einen Auslandsaufenthalt ermöglichen konnten. Ihm kam der Zufall zu Hilfe: Der österreichische Gesandte Joachim VON SINTZENDORFF und GOGITSCH ZU FEURECK wollte 1578 nach Istanbul aufbrechen und benötigte noch einen Prediger. SCHWEIGGER, der "groß Verlangen gehabt, an diese Orte zu kommen und etwas zu erfahren", hatte sein Ziel endlich erreicht. (Vgl. ebda) Reisen bedeutete für SCHWEIGGER sich zu bilden, eine "Weltschule" zu besuchen, seinen Horizont zu erweitern. Seine Beobachtungen sollten den zu Hause Gebliebenen einen Eindruck von den "innewohnenten Völcker Art/ Sitten/ Gebreuch/ Trachten/ Religion und Gottesienst" des Osmanischen Reiches geben. (Vgl. Titelblatt der Reisebeschreibung) Ähnlich wie GEORGIEVICS erhob auch SCHWEIGGER mahnend den Zeigefinger, führte seinen Landsleuten die (militärische) Größe des Osmanischen Reiches vor Augen und verlangte eine Neuordnung bzw. Umorientierung der christlichen Staaten. Nach seiner Rückkehr arbeitete er von 1582 bis 1589 als Pfarrer in verschiedenen Gemeinden Württembergs und Frankens. 1589 erhielt er die Berufung

81 an die Frauenkirche der Stadt Nürnberg. Dort starb er, 72jährig, am 21. Juni 1622. (Vgl. Stein, 86:212) 3.2.2.2 Über das Buch Die mir vorliegende Ausgabe erschien 1986 in der Bearbeitung von Heidi STEIN. Von ursprünglich drei Teilen sind hier zwei Teile im Original abgedruckt. Der dritte Teil, in dem SCHWEIGGER über seine Heimreise berichtet (über Jerusalem, Ägypten und Italien), die letzten vier Kapitel des zweiten Teils (griechische und armenische Bevölkerung Istanbuls), sowie ein Kapitel über den Gottesdienst im Hause des Legaten wurden in dieser Ausgabe weggelassen. SCHWEIGGERS Reisebericht, der 1608 erstmalig erschien, war "(...) zu seiner Zeit der erste größere Türkeibericht des deutschsprachigen Raums, den man als Reisebeschreibung im engen Sinne bezeichnen kann." (Stein, 86:219) In rascher Folge erschienen 1609, 1613, 1639, 1644, 1644 Neuauflagen und 1660, 1661 und 1665 auszugsweise Veröffentlichungen. Seine Beschreibung wurde zu einer Art Standardwerk, auf das sich später schreibende Autoren/innen beriefen, bzw. es sogar passagenweise übernahmen. (Vgl. ebda: 219) 3.2.2.3 Über den Inhalt Im Mittelpunkt der Schriften SCHWEIGGERS stehen die Beschäftigung mit dem Islam und der Struktur des Osmanischen Reiches. Als Theologe lag ihm die Auseinandersetzung mit der Religion der Türken/innen sehr am Herzen. SCHWEIGGER versuchte möglichst viel davon zu verstehen, indem er sich als aufmerksamer Beobachter in der Moschee, beim Fasten, bei der Beschneidung... erwies. Der Islam blieb ihm jedoch fremd. Es war für ihn unbegreiflich, wie erwachsene Menschen den Koran für bare Münze nehmen konnten. Er verglich das Buch mit den Geschichten Till Eulenspiegels, in dem er noch mehr Wahrheit sah, als im Koran. (Vgl. 16. Kap:83) Auch dem Fasten stand er verständnislos gegenüber. Was konnte das für ein Fasten sein, bei dem sich die Gläubigen während des Tages aller Nahrung enthielten und dann

82 "(...) prassen und schwelgen sie die ganze Nacht über und leben nimmer herrlicher dann in der Fasten, deren Fasttag ein jeder gemeine Mann für ein Freudentag nehme." (53. Kap: 192) Während dieser Fastenzeit wurden Werke der Barmherzigkeit an Hunden, Katzen und Vögeln getan, während die Türken zur gleichen Zeit "(...) halfen arme, unschuldige Christen töten, mit Gefängnus und Dienstbarkeit beschweren, ihnen ihr Hab und Gut nehmen oder doch Rat und Hülf darzu tun (...) Wehe ihr Heuchler und heillosen Leut, die ihr Mücken säuget und Kamel verschlingt!" (53. Kap: 193) Eine solche Religion konnte weder rechtens, noch nicht von Gott gewollt sein. Besonders in religiösen Fragen reagierte der Prediger SCHWEIGGER mit großer Empfindlichkeit. Mit Verwunderung und Heiterkeit betrachtete er die Moslems, die ihr Gebet nicht in einem Gotteshaus, sondern unter freiem Himmel verrichteten. "Ich sah auch ihrem Gottesdienst und Gebet zu, das sie unter freiem Himmel in ihrem Lager verrichteten, darüber wir uns allezumal verwunderten und nicht ohn Lachen den schimpflichen Gebärden zuschaueten." (5. Kap: 30) Was genau er beobachtete, beschrieb er bei einer späteren Gelegenheit: "Unter dem Gebet fiengen sie dann plötzlich an zu schreien, daß das Feld erhallet: Alla, Alla, Alla-a-a-a-a-a und dann gleich darauf: Hu hu, hu-u-u-u! Jenes heißt: "o Gott", das ander heißt: "Der ist`s" - Es ist ein ungestümer Geist und Andacht." (10. Kap: 39) Der deutsche Theologe stand der Religion und den Sitten der fremden Kultur verständnislos gegenüber. Der Islam hatte in seinen Augen keine Daseinsberechtigung, da er jeglicher Logik entbehrte. Seine Auseinandersetzung mit dem Islam und dessen Lächerlichmachung zielte darauf ab, den Lesern/innen die Geschichte und (Irr)lehre der Religion und ihre Auswirkungen auf das alltägliche Leben den Gläubigen zu erläutern und somit zu zeigen, welchem Irrglauben die Türken/innen verhaftet waren. Neben der Auseinandersetzung mit dem Islam bestand das Hauptanliegen SCHWEIGGERS darin, zu beweisen, daß die türkische Armee nicht unbesiegbar sei. Zu diesem Zweck widmete er sich "des türckischen Reichs Nutz, Tyrannei und Ursach desselben langen Bestands (...)" (46. Kap: 141)

83 Aus seinen Ausführungen lassen sich sechs Gründe erkennen, die nach seiner Meinung, den türkischen Sieg über die Christen begünstigten: 1. Die Türken haben Gott auf ihrer Seite, da er sie als Werkzeug gegen die vom Wege abgekommene Christenheit ins Felde führt. 2. Die Türken kämpfen mit großem Eifer im Namen ihrer Religion. Tapferkeit im Feld wird materiell belohnt. 3. Seit seiner Entstehung lag das Osmanische Reich im Kampf mit seinen Nachbarn, also sind die Krieger kampferprobt. 4. Die Fähigsten befehligen das Heer und nicht die Mitglieder des Geburtsadels. 5. Die Osmanen besitzen quasi ein stehendes Heer, das seinen Sold auch in Friedenszeiten ausgezahlt bekommt. (Vgl. 48. Kap: 159ff) Die Absicht SCHWEIGGERS bestand darin, konkrete Gründe für die Siege der Osmanen anzugeben; Gründe, die unmittelbar einleuchtend waren, und die das Märchen der Unbesiegbarkeit des türkischen Heeres auf einer realistischen Ebene widerlegten. Dies wird deutlich, wenn er die Vorzüge des christlichen Heeres herausstellt: ein geeintes Heer, allein die Armeen Deutschlands, Böhmens und der Niederlande würden genügen, wäre den Türken weit überlegen. Den Türken ständen keine vergleichbaren Möglichkeiten zur Verfügung. Die Osmanen könnten sich nicht von Burgen und Schlössern verteidigen, da sie laut Gesetz nur in Zelten wohnen dürften. Schließlich hätten die Osmanen den vielfältigen Waffen der Christen nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Summa Sumarum: "Darumb ist die Macht der Türcken nit so gross wie man sie macht" (48. Kap: 163) SCHWEIGGER kannte die lähmende Furcht, die in Deutschland vor den Türken herrschte. Sie galten als unbesiegbar. Seine Beobachtungen und Analysen verduchten, das Unbekannte, Angsteinflößende zu erklären, offen darzulegen. Er entlarvte die vermeintliche Unbesiegbarkeit der Osmanen als logisches Ergebnis besserer militärischer und finanzieller Organisation. Der Nimbus des Unbesiegbaren war somit zerstört. Eine nun folgende militärische Aktion würde den Sieg bringen. Der Schwerpunkt in der Berichterstattung des Theologen lag zwar im religiösen und militärischen Bereich, doch erwies er sich als ein Mensch, der

84 mit offenen Augen das Land bereiste und das Gesehene beschrieb. Ein großer Teil der Reisebeschreibung war der Architektur, der Bauweise von Gärten, Palästen, Stadtteilen, Karawansereien, Moscheen... gewidmet. Auch türkische Sitten, Kleidung und Lebensweise wurden mehr oder weniger ausführlich geschildert. Doch obwohl SCHWEIGGER die Schönheit und die Pracht der ihn umgebenden öffentlichen Gebäude sah, und mit Akribie beschrieb, ließ seine negative Beurteilung der Türken es nicht zu, anzunehmen, diese könnten etwas derartig Prachtvolles geschaffen haben. Er schrieb das Bauen solcher Herrlichkeiten italienischen Sklaven und somit Christen zu. Der Prediger war allerdings nicht blind gegenüber den positiven Seiten des Osmanischen Reiches. Bewundernd betrachtete er die Disziplin der Janitscharen. 3000 Männer vollbrachten das Kunststück, so still beieinander zu stehen, daß man kein Wort vernehmen konnte. (Vgl. 6. Kap: 68) Mit Bedauern verglich SCHWEIGGER dies mit den Zustände im eigenen Reich. Einer genaueren Untersuchung unterzog er auch die "Kinderschulen" und kam zu dem verblüffenden Ergebnis, daß die türkische Art zu lehren effektiver sei: "Die Kinder werden nicht in solcher harten Zucht und großer Forcht gehalten wie die Teutschen, die mit Pochen, Poltern, Schlagen und Stoßen den Kindern alle Lust zum Lernen nehmen. Sie strafen zwar die Kinder auch, aber mit Bescheidenheit, und können mit ihnen Geduld haben, welches dann die fürnehmste Tugend an einem Lehrmeister ist." (31. Kap: 115) Schließlich bewunderte SCHWEIGGER noch die Gläubigkeit der Moslems, die doch bei den Vertretern/innen des christlichen Glaubens sehr zu wünschen übrig ließ. (Vgl. 54. Kap: 183ff) Die positiven Seiten stellten für ihn jedochs keinen Wert an sich dar, sondern dienten der Kritik an der eigenen Kultur: Wenn schon die Türken diszipliniert, gläubig, pädagogisch geschickt sind, umso mehr müßten dies dann auch die Christen sein. Das Bild der türkischen Frau trägt ebenfalls ambivalente Züge. Rühmt er auf der einen Seite ihre Sittlichkeit und Schamhaftigkeit (vgl. 32. Kap: 119), glaubt er auf der anderen Seite in ihnen die eigentlichen "Herren" der Türkei entdeckt zu haben. Seine Beobachtungen widersprechen so sehr dem heutigen Bild der türkischen Frau, daß ich eine längere Textpassage zitiere: "(...) eben also ist es mit den Türcken, daß alle Welt vor ihrem Gewalt erschrickt, aber wiederumb förchten sie sich vor ihren Weibern. Ei-

85 gentlich davon zu reden, sein die Türcken ihrer Weiber Trippelknecht, die da müssen die Haushaltung versorgen mit Brot, Fleisch, Kuchenspeis und ihnen allerlei Nahrung zutragen" (60. Kap: 200) Während die Männer also den ganzen Tag für ihre Frauen unterwegs waren, vergnügten diese sich mit ihren Freundinnen beim gemütlichen Plausch, oder beim Besuch im Hammam. (Vgl. ebda) Wagte es der Herr Gemahl gar, beim Einkauf etwas zu vergessen, "(...) da erhebt sich alsdann ein Donnern und Blitzen, daß es dem armen Haustrippel in weiter Haut zu eng ist." (ebda) Diese "Gnadfrauen", die kein Interesse an "weiblicher Arbeit", wie Spinnen, Nähen... zeigten, rührten selbst keinen Finger und ließen sich von der Dienerschaft versorgen. Das Geld das der "arme Haustrippel" herbeischaffte, wurde für Kleidung ausgegeben, "(...) die über alle Maßen stattlich und prächtig" war. (Vgl. 65. Kap: 201) Das Bild der türkischen Frau entsprach, falls überhaupt, nur einem kleinen Prozentsatz der Bewohnerinnen des Osmanischen Reiches. Die Lebensbedingungen der Frauen in Anatolien, in der Ost- und Südtürkei kannte SCHWEIGGER nicht und hätte bei einem etwaigen Besuch dieser Regionen auch dort nur in gesellschaftlichen Kreisen verkehrt, die eher die Situation der Istanbuler "High Society" widerspiegelten. Rätselhaft bleibt, woher er überhaupt die Informationen über das Leben der Türkinnen bekommen hatte, da ihm als Mann die Welt der Frauen verschlossen blieb. Es ist davon auszugehen, daß er vereinzelte Beabachtungen verallgemeinerte. Die für ihn ungewohnte Tatsache, daß die Männer alle Arbeiten übernahmen, die außerhalb des Hauses anfielen. Wie z.B. Einkaufen, betrachtete er mit den Augen des Europäers. Die Einteilung in Haremlik, der den Frauen vorbehaltene Wohn-, Arbeits- und Lebensraum, und Selamlik, der den Männern vorbehaltene Wohn-, Arbeits- und Lebensraum, sah er zwar, führte die Trennung weiblicher und männlicher Welt jedoch auf Vorsichtsmaßnahmen zur Verhütung von "Unzucht" zurück. Die gefürchteten Türken als "Hausdeppen" ihrer Frauen. Der Osmanische Expansionsdrang als Ergebnis einer zänkischen Ehefrau, die ihren unglücklichen Mann in die Fremde trieb. Welcher Grund war da noch vorhanden, diese Männer zu fürchten? SCHWEIGGER gab die Osmanen der Lächerlich-

86 keit preis und nahm seinen Landsleuten erneut die Angst vor den "Unbesiegbaren". Zusammenfassung: In der Beurteilung der Türken konnte sich SCHWEIGGER nicht von der landläufigen Meinung seiner Zeit lösen. Das Bild war von der religiösen Bestimmung der Türken als Geißel, Peitsche und Rute Gottes vorbelastet und verzerrt. "Die Türken aber seien Causa instrumentalis, ein Mittel und Rut, damit Gott die Christenheit züchtigt und stäupet." (53. Kap: 157) "(....) Gott braucht den Türken als ein Ruten, Geißel, Stecken oder Axt und als ein Besen des Verderben, damit er die Sünd auskehrt." (68. Kap: 158) Nach SCHWEIGGER waren die Türken gar nicht im Besitz eines rechtmäßigen Reiches, da jeder Sultan seine Herrschaft mit Brudermord begann. Somit waren die Türken Tyrannen und Zerstörer von Reich und Regiment. (Vgl. 46. Kap: 142) Obwohl er die Vorteile des Osmanischen Reiches sah, war SCHWEIGGER nicht in der Lage, diese positiven Erkenntnisse auch auf seine Bewohner/innen zu übertragen. Für ihn bedeutete der Name "Türke": "ein Zerstörer oder vielmehr eigentlich wild, viehisch und grausam." An anderer Stelle: "Das ist, es steht ihrer Gewalt nichts vor und muß alles ihrer Macht und Grausamkeit weichen - seien also rechte Zerstörer:" (46. Kap: 142) Zwar ist SCHWEIGGERS Gesamtbild des Osmanischen Reiches durchaus differenziert und trägt sogar positive Züge, doch gelingt es ihm nicht, sich von den fast formelhaft wiederkehrenden Aussagen seiner Zeit über DIE Türken zu lösen. 3.2.3

Lady Mary Wortley Montagu "Briefe aus der Türkei"

Lady Mary Wortley Montagu: Briefe der Lady Marie Wortley Montague während ihrer Reisen in Europa, Asia und Afrika an Personen vom Stand, Gelehrte in verschiedenen Theilen Europas geschrieben welche außer andern Merkwürdigkeiten von der Staatsverfassung und den Sitten der Türken ent-

87 halten; aus Quellen geschöpft, die für andere Reisende unzugänglich gewesen. Leipzig 1763 3 3.2.3.1 Über die Autorin Mary Wortley MONTAGU wurde 1689 als Tochter des Herzogs von Kingston und seiner Frau, Lady Mary Fielding geboren. Das Bildungsangebot, das zu dieser Zeit jungen Frauen zur Verfügung stand, genügte ihr nicht. Schon früh lernte sie Sprachen, wie Griechisch, Latein, Französisch und Italienisch. (Vgl. Dronsart, 1893:137) Später kam noch Türkisch hinzu. 1712 heiratete sie Mister Edward Wortley Montagu. Dieser wurde 1716 als königlicher Gesandter an den Hof nach Istanbul befohlen. Gegen den Willen ihrer Familie begleitete sie ihren Mann auf seiner Mission. Als Adelige und als Ehefrau eines königlichen Gesandten verkehrte sie in den höchsten Kreisen. Als Frau hatte sie Zutritt zu der Welt der türkischen Frauen. Auf dieser Reise entstanden 52 Briefe, die in diesem Kapitel näher untersucht werden. In der Türkei lernte sie die bis dato in Europa unbekannte Pockenschutzimpfung kennen, die sie nach ihrer Rückkehr in England einführte. (Vgl. ebda: 152) Die letzten 20 Jahre ihres Lebens verbrachte sie ohne ihren Mann in verschiedenen Städten Frankreichs und Italiens. Auch von dort aus blieb sie in reger Korrespondenz (über 900 Briefe) mit ihrem Mann, ihrer Schwester, ihrer Tochter und ihren Freunden. (Vgl. Anderson, 66:50) Nach dem Tode ihres Mannes 1761 reiste sie nach England, um den Nachlaß zu regeln. Sie starb sechs Monate nach ihrer Ankunft am 21.8.1762. Ein Jahr nach ihrem Tod wurden ihre Briefe aus der Türkei erstmalig veröffentlicht. 3.2.3.2 Über das Buch Lady MONTAGU hatte verfügt, daß ihre Briefe erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden sollten. Die mir vorliegende Ausgabe datiert aus dem Jahre 1763. Zu Grunde lagen dieser deutschen Übersetzung die handschriftlichen Briefe der Lady.

3

Leider war es nicht möglich, das Originaltitelblatt einzufügen, da das Buch, aufgrund seines hohen Alters, nicht mehr photokopiert werden durfte.

88 Schon die Tatsache, daß die Briefe bereits ein Jahr nach ihrem Tod auch in Deutschland erschienen, läßt auf ihre große Beliebtheit schließen. 3.2.3.2 Über den Inhalt In den 52 Briefen, die Lady MONTAGU während ihrer zweijährigen Abwesenheit aus England an ihre Schwester, Freunde/innen und Bekannte schrieb, gewährte sie Einblicke in das politische, religiöse und soziale Leben des Osmanischen Reiches. Sie erwies sich als eine vielseitig interessierte Frau, die sachkundig über den Islam, die Politik, die türkische Architektur, die medizinische Versorgung und das alltägliche Leben der Oberschicht berichtete. Immer wieder bemühte sie sich, Vorurteile und Fehleinschätzungen der Reiseschriftsteller vor ihr zu korrigieren. Im Mittelpunkt ihrer Briefe stand jedoch eindeutig das Leben der Frauen des Osmanischen Reiches. Im Gegensatz zu allen Reiseschriftstellern vor ihr, öffneten sich ihr, der Frau, die Türen der geheimnisvollen Harems. Doch das Leben der Türkinnen, das sie in so vielen Briefen schilderte, traf nur auf einen kleinen Teil der weiblichen Bevölkerung des riesigen Landes zu. Den ersten "hautnahen" Kontakt zu den Frauen erlebte sie im Hamam, dem türkischen Dampfbad, in Sophia. Bekleidet mit ihrem Reisekostüm traf sie dort auf etwa 200 nackte Frauen, die ihr mit einer Höflichkeit und einem Anstand begegneten, den sie Engländerinnen in der gleichen Situation nicht zugetraut hätte. Keine verlor ein Wort über ihre, dem Ort unangemessene, Kleidung. Schließlich bedrängten sie die Frauen, doch auch ihre Kleider abzulegen, denn sie konnten es sich nicht vorstellen, in der Hitze vollständig bekleidet zu bleiben. Eine Bitte, der die Lady nur zögerlich nachkam. Schließlich hatte sie alle Kleider, bis auf ihr Korsett, abgelegt. Als die Türkinnen dies sahen, brachen sie in Wehklagen aus und bedauerten sie, weil sie glaubten, ihr Mann hätte das Korsett erfunden, aus dem sie sich augenscheinlich nicht ohne fremde Hilfe befreien konnte: "(...) sie glaubten, ich wäre in diese Maschine eingeschloßen und nicht im Stande sie zu öffnen, welches Verfahren sie meinem Gemahle zuschrieben." (26. Brief) Das Hamam lernte Lady MARY als einen Kommunikationsort kennen, der den Frauen, ähnlich wie den Männern das Teehaus, die Möglichkeit gab, sich auszuruhen, neue Kräfte zu tanken und sich über den neuesten Klatsch zu unterhalten. (Vgl. ebda) Spätestens mit ihrem ersten Besuch im Harem

89 wurde Mrs. MONTAGU deutlich, daß die vielen, von Männern abgefaßten Reiseberichte über das Osmanische Reich dann den Boden der Tatsachen verließen, wenn sie über die Lage der türkischen Frauen berichteten. Allen Männern, außer dem Ehemann, blieb die Welt des Harems verschlossen und nur einer Frau konnten diese geheimnisumwitterten Türen geöffnet werden. Lady MARY nutzte diese Chance und blickte mit staunenden Augen auf den Prunk, der die Haremsfrauen umgab. (vgl. 33.; 39.; 43. Brief) Sie schrieb an ihre Schwester: "Aber, was würden sie sagen? Wenn ich ihnen erzählete, daß ich in einem Haram gewesen bin, wo das Wintergemach mit ausgelegter Arbeit von Perlmutten, Elfenbein von verschiedenen Farben, und Olivenhoz (...) getäfelt ist; und in denen Sommerzimmern die Wände alle mit japanischen Porcellane beleget, die Decken vergoldet, und die Boden mit den feinsten persischen Tapeten bedeckt sind?" (34. Brief) Noch bemerkenswerter als die prächtige Ausstattung erschienen ihr jedoch seine Bewohnerinnen. Nie zuvor hatte sie so schöne, anmutige, elegant gekleidete und zufriedene Frauen gesehen. Schließlich kam sie zu einem Schluß, der ihre Briefpartner/innen wohl sehr überrascht haben mußte: Sie widerlegte nicht nur die herrschende Meinung, daß die armen Türkinnen ein elendes Leben in Gefangenschaft führen müßten, vielmehr folgerte sie, die Türkinnen seien die freiesten Frauen Europas! (Vgl. 29. Brief) Der Schleier, der in Europa als Symbol der Unterdrückung galt, bekam in ihren Augen einen ganz anderen Stellenwert. Er ließ alle Frauen gleich aussehen und nicht einmal der Ehemann war in der Lage, auf der Straße seine verschleierte Frau zu erkennen. Deshalb war die Türkin frei, dorthin zu gehen, wo immer sie wollte. Hinzu kam, daß Frauen auf der Straße mit dem allergrößten Respekt begegnet wurde, und sie keine Belästigungen zu fürchten hatten. (Vgl. 29. Brief) Das Leben brachte für die türkische Frau nur Annehmlichkeiten mit sich - der Mann verdiente das Geld, das die Frau mit vollen Händen ausgab. Wurde es ihr im Harem zu langweilig, verabredete sie sich mit Freundinnen im Hamam. Viel Zeit konnte sie auch auf ihre Kleidung verwenden, die außerordentlich kostbar war. (Vgl. 39. Brief) Lady MONTAGU lernte auf ihren Besuchen im Harem Frauen der türkischen Oberschicht kennen. Aufgrund derer Lebensverhältnisse schloß sie auf die Lebenssituation "der türkischen Frau". Daß diese Türkinnen von Hunderten anderer Frauen bedient wurden, und daß erst deren Arbeit ein sorgloses, ar-

90 beitsfreies Leben ermöglichte, erwähnte sie nicht. Sie beschrieb Ihresgleichen das Leben Ihresgleichen. Zum Leben einer Sklavin, einer Bäuerin oder einer Dienerin hatte sie keinen Bezug. Sie stand der fremden Kultur, der unbekannten Lebensweise aufgeschlossen gegenüber und stellte sogar ihre eigene Kultur in Frage. Die Lebensweise türkischer Oberschichtsfrauen wurde geradezu idealisiert. Zwar nicht im Mittelpunkt ihrer Beschreibung, doch stets präsent war ihr Bestreben, sich aus der Masse der Reiseschriftsteller herauszuheben, die nachweislich mehr erlogen hatten, als richtige Beobachtungen niederzuschreiben. Lady MONTAGU wehrte sich gleich zu Anfang ihrer Reise dagegen, daß man von ihr zu Hause, in England, die gleiche Fabulierkunst erwartete. So schrieb sie von Wien aus an Lady-, die von ihr Wunderdinge hören wollte: "Auf mein Wort Madam, es ist meine Achtung für die Wahrheit, und nicht Faulheit, daß ich sie nicht mit so manchen Wundern unterhalte, die andere Reiseschreiber ihre Leser zu belustigen, ins Spiel bringen." (20. Brief) Wo immer sie in Reisebeschreibungen die Unwahrheit bemerkte, so in dem von Männern beschriebenen Haremsleben; beim angeblichen Zauberbalsam aus Mekka, der ihr außer einem dreitägigen Hautausschlag keine Dienste getan hatte (vgl. 37. Brief); bei schweißtriefenden Säulen in der Hagia Sophia (vgl. 41. Brief) u.s.w. war es ihr ein großes Anliegen, dies richtig zu stellen. Die Lady sah zwar auch die negativen Seiten des Osmanischen Reiches, so ließ sie die Willkürherrschaft der Janitscharen gegenüber der Bevölkerung ein Loblied auf die englische Demokratie anstimmen (vgl. 25. Brief), doch übertrug sie negative Erlebnisse mit bestimmten Menschen oder Gruppen nie auf die Gesamtheit der Bewohner/innen des Osmanischen Reiches. Als Quintessenz ihrer Briefe gilt: Die Türkei, die Türken/innen sind anders, als es die Reiseschriftsteller vor ihr beschrieben haben. Die Türken sind nicht grausamer als Andere. So beschreibt Lady MONTAGU, daß der katholische Fürst in Raab (Ungarn) seine Untertanen viel grausamer behandelt hatte, als der türkische Sultan nach der Eroberung des Gebietes. (Vgl. 23. Brief) Die Türken/innen sind vielmehr ein kultiviertes Volk, das großen Wert auf Literatur (vgl. 24. Brief) und Architektur legt (vgl. 43. Brief). Auch medizinisch waren sie weiter als in Europa. Die Pocken, an denen Jahr für Jahr viele Menschen in England starben, gab es in der Türkei, dank einer Impfung,

91 nicht. (Vgl. 31. Brief) Jede Frau behandelten die vermeintlichen Barbaren mit großer Achtung. (Vgl. 29. Brief) Das Leben der türkischen Frauen war weit entfernt von dem, was im Westen darüber verbreitet wurde. Sie hatten ein sorgenfreies Leben im Luxus, taten wozu sie Lust hatten und waren, so Lady MONTAGU, freier als ihre Geschlechtsgenossinnen in Europa: "Es ist ebenfalls sehr lustig zu bemerken, wie zärtlich er (Herr Hill) und alle seine reiseschreibende Bruderschaft die elende Einsperrung der türkischen Damen bejammert, welche doch vielleicht freyer als alle übrigen Frauenzimmer auf dem Erdboden, und die einzigen Weiber der Welt sind, die ein Leben von ununterbrochenen sorgenlosen Vergnügen führen, und ihre ganze Zeit mit Besuch geben, baden, oder der anmutigen Beschäftigung, Geld zu verthun, neue Moden zu ersinnen, zubringen." (42. Brief) Alles in allem: Lady MARY ist der Ansicht, "(...) daß das Volk von Natur nicht grausam ist. Mir deucht auch, sie verdienen den barbarischen Charakter, den man ihnen beyleget, in manchem besonderen Falle, eben so wenig." (ebda) An anderer Stelle: "Sie sehen also mein Herr, daß diese Leute so ungeschliffen nicht sind, wie wir derselben vorstellen. (...) Ich bin beynahe der Meinung, daß sie den rechten Begriff vom Leben haben." (43. Brief) Lady MONTAGU kannte das negative Türkenbild, konnte sich aber, auf ihre eigenen Erfahrungen vertrauend, davon lösen. Zusammenfassung: In ihren Briefen aus der Türkei zeichnete Lady Mary Wortley MONTAGU ein sehr positives Bild des Osmanischen Reiches und seiner Bewohner/innen. Während ihrer Reise blieb sie nie ein Fremdkörper in dem besuchten Land. Sie lernte Türkisch, um mit den Türkinnen direkt kommunizieren zu können und kleidete sich in landesüblicher Tracht. (Vgl. 29. Brief) Auf ihr positives Gesamtbild wirkte sich auch aus, daß sie sich von den negativen Berichten früherer Reisender nicht beeinflussen ließ, sondern ihrem gesunden Menschenverstand vertrauend, eigene Beobachtungen und Schlußfolgerungen zuließ. Lady MARY zeigte sich offen für Neues, Unbekanntes - so hatte sie keine Angst sich selbst und ihre Kinder gegen Pocken impfen zu lassen. (Vgl. 31. Brief) Ihre Reiseberichte, ihre Briefe, ihre Art Dinge zu sehen und

92 zu beschreiben waren so neu, daß das "Frauenzimmer", das 1763 die Vorrede zur deutschen Ausgabe schrieb, erklärte: "Ich bin, ich bekenne es, boshaft genug, zu wünschen, daß die Welt sehen möge, mit wie viel besseren Absichten die Damen reisen, als die Herren; daß, da sie mit Mannsreisen überladen wird, die alle in dem gleichen Ton gestimmet, mit den gleichen Kleinigkeiten vollgepfropft sind, und einen abgenutzten Gegenstande durch die Mannichfaltigkeit neuer und mit Geschmack gewählten Nachrichten frische Reize zu geben (...)" (Vorrede von einem Frauenzimmer,1763:3) Bevor Lady MONTAGU ihre Reise ins Osmanische Reich antrat, hatte sie sich durch die Lektüre zahlreicher Reisebeschreibungen über das Land umfassend informiert. Die Aussagen, die in diesen Lektüren über das Osmanische Reich getroffen worden waren, hielten der Konfrontation mit den tatsächlichen Gegebenheiten meist nicht stand. Im Gegensatz zu den meisten anderen Reiseschriftstellern, die vor Ort die Wahrheit zwar sahen, dennoch aber die Wunderdinge berichteten, von denen sie glaubten, daß die Daheimgebliebenen sie hören wollten, sah sich die Lady der Wahrheit verpflichtet. Die Engländerin vermochte es, sich von dem herrschenden Türkenbild ihrer Zeit zu lösen. Die Auseinandersetzung mit der Fremdkultur erfolgte stellenweise über deren Idealisierung. 3.2.4

Andrea Baumgartner-Karabak/Gisela Landesberger "Die verkauften Bräute"

3.2.4.1 Über die Autorinnen Andrea BAUMGARTNER-KARABAK, geb. 1946 und Gisela LANDESBERGER, geb. 1949 arbeiten als Pädagoginnen in Berlin Kreuzberg schwerpunktmäßig mit türkischen Frauen und Mädchen. Beide Autorinnen haben u.a. eine abgeschlossenes Sozialpädagogikstudium. In ihrer Arbeit mit türkischen Frauen und Mädchen in Berlin waren die Autorinnen auf Grenzen gestoßen. Die Lebenssituation von Türkinnen in Deutschland konnte ihrer Meinung nach nicht losgelöst von deren Situation in der Türkei betrachtet werden. Um selbst einen Eindruck von den Verhältnissen, unter denen Frauen in der ländlichen Türkei leben, zu bekommen, verbrachten beide Sozialpädagoginnen einen Monat in einem Dorf in Mittel-

93 anatolien. Kontakte zu diesem Dorf waren schon in Berlin entstanden, da die Autorinnen ehemaligen Bewohnerinnen dieses Dorfes betreuten. Mit ihrem Buch wollten sie "Aufmerksamkeit" erwecken, "Diskriminierungen der Türkinnen in der Bundesrepublik Deutschland sichtbar machen - mit dem Ziel, sie zu verändern." (Vorwort: 8) Das Buch sollte eine Hilfe für Deutsche sein, die mit türkischen Frauen und Mädchen arbeiten wollten: "Wer ihnen helfen will, muß zunächst ihre Situation verstehen (...)." (ebda) Angesprochen werden sollten somit Sozialpädagogen/innen, Sozialarbeiter/innen, und alle, die mit türkischen Arbeitsmigrantinnen arbeiteten. 3.2.4.2 Über das Buch Das Buch erschien in der Serie rororo Frauen aktuell. Im März 1978 wurde es veröffentlicht. Diese Originalausgabe wird im Folgenden analysiert. Bis September 1988 wurden 37-38000 Bücher verkauft. Das Buch gilt auch heute noch als Standardwerk für alle, die mit türkischen Migrantinnen arbeiten. (Vgl. Lutz, 89:33) 3.2.4.3 Über den Inhalt Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert. Teil eins beobachtet und analysiert die Situation der Frauen in der ländlichen Türkei. Teil zwei untersucht auf diesem Hintergrund die Lebens- und Arbeitsbedingungen türkischer Frauen und Mädchen in Deutschland, bzw. in Berlin. Um die heutige Lage als Ergebnis eines historischen Prozesses verstehen zu können, beschreiben BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER zunächst die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Türkei in einem (sehr oberflächlichen) Schnelldurchgang vom 16. Jahrhundert bis heute. Eine Schlüsselfunktion kommt ihrer Meinung nach dem Islam zu, dessen Auswirkung auf das alltägliche Leben sie in Anlehnung an HOLTBRÜGGE folgendermaßen charakterisieren: "(...) eine fast fatalistische Ergebung des Moslems in das Schicksal, dessen Ablauf bestimmt wird durch die Fügung Allahs und sich ohne Möglichkeit menschlicher Einflußnahme vollzieht.(...)." (Baumgartner-Karabak/Landesberger, 78:18) Die Autorinnen schließen.

94 "daraus läßt sich auch die starke Autoritätshörigkeit der gläubigen Moslems ableiten." (ebda) Schon an dieser Stelle zeichnet sich ab, was in den späteren Ausführungen immer deutlicher wird: Alle Moslems, und somit auch die Türken/innen, sind passive Menschen, die an ihrem Schicksal nichts ändern, sich nicht dagegen auflehnen. Nach BAUMGARTNER-KARABAK/ LANDESBERGER muß jemand anderes sie aus dieser Lethargie reißen. Diese Aufgabe kommt, so die Autorinnen, in erster Linie den deutschen Sozialarbeiterinnen und Pädagoginnen zu. Um sich selbst eine Vorstellung von der Lebenssituation türkischer Frauen und Mädchen bilden zu können, brachen die Pädagoginnen zu einer einmonatigen Reise in die Türkei auf. Die Fremde und die fremde Kultur, in die sie sich begaben, war den Autorinnen nicht unbekannt. Sie hatten jahrelang mit türkischen Frauen und Mädchen in Berlin gearbeitet und durch diese Arbeit Kontakte zu dem Dorf hergestellt, das sie nun besuchten. Sie hatten somit eine Vorstellung von dem, was sie dort erwarten würde. Aus Berlin, aus einer Großstadt kommend, war jedoch der Wechsel in ein kleines anatolisches Bergdorf deutlich spürbar. Die Autorinnen erlebten das Fremde als bedrückend und bedrohlich: 30 Personen in einem winzigen Raum führten zu platzangstähnlichen Gefühlen. (Vgl. ebda: 21) Die Sitte, Kinder schon im jugendlichen Alter zu verloben, lehnten sie ab, und es erschien ihnen unvorstellbar, daß auch türkische Kinder, die in Berlin aufgewachsen waren, mit 10 Jahren verlobt wurden. (Vgl. ebda: 49f) Auch im Hamam stießen sie auf Unannehmlichkeiten. In aller Selbstverständlichkeit hatte eine der Autorinnen ihr Shampoo einer älteren Frau, die von ihr in distanzloser Art und Weise als "Oma" bezeichnet wurde, gegeben und erwartete, diese werde ihr die Haare waschen, wie sie es von zu Hause gewohnt war. Als dies nicht geschah, als die Türkin vielmehr mit dem Waschen nach der ihr vertrauten Art begann, war die Deutsche entsetzt, verließ fluchtartig den Raum und verstand das Unverständnis der alten Frau nicht: "(...) die Oma sitzt völlig erstaunt da, als ich wieder hereinkomme, und kann nicht verstehen, was los war." (ebda: 58) BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER erwarteten in der Türkei, nach ihnen bekannten Mustern behandelt zu werden und ließen sich nicht auf ihnen Unbekanntes ein. Im Gegenteil erschien das Fremde gleich bedrohlich

95 und feindlich. Ihre Sprache besteht aus Wörtern, die bei den Lesern/innen bestimmte negative Assoziationen hervorrufen, z.B. wiederum im Hamam: "Manche der älteren Frauen mit bleichen Leibern kriechen mehr als daß sie gehen.(...)." (ebda:58) Die Türkinnen, erschienen als Frauen, die Opfer ihrer Normen und ihres Moralkodexes sind: - Als Frauen werden sie durch ihre Männer unterdrückt. Die Autorinnen glauben dies an der Verhaltensweise der Frauen erkannt zu haben: "Die Frauen tanzen nur, wenn keine Männer da sind. Beim geringsten Geräusch im Hof oder am Hoftor hören sie schlagartig auf, sehen nach, ob jemand kommt und machen dann weiter." (ebda:44f) - Als Frauen werden sie durch den Koran unterdrückt und durch ihn als minderwertig definiert. Als Beleg ziehen die Autorinnen einige Koranzitate hinzu: "Männer sollen vor Frauen bevorzugt werden, weil Allah auch die einen vor den anderen mit Vorzügen begabte und weil jene diese erhalten." Und ein weiteres Zitat: "Rechtschaffene Frauen sollen gehorsam, treu und verschwiegen sein, damit auch Allah sie beschütze. Denjenigen Frauen aber, von denen ihr fürchtet, daß sie euch durch ihr Betragen erzürnen, gebt Verweise, enthaltet euch ihrer, sperrt sie in ihre Gemächer und züchtigt sie (...)." (ebda: 43) Dabei werden die Zitate ausgewählt, die der Meinung der Sozialarbeiterinnen am nächsten kommen. Daß es im Koran auch andere Stellen gibt, in denen die Würde der Frau beschrieben wird, und daß es auch in der Bibel Stellen gibt, die die Frau dem Manne untertan machen, wird nicht als erwähnenswert gefunden. - Als Frauen erscheinen sie als Opfer der Ehre und des Ehrbegriffes: "Die Ehre bildet den obersten Wert in den türkischen Dörfern, und darin gibt es keine Toleranz. Der Verlust der Ehre ist gleichbedeutend mit dem öffentlichen Verlust des Gesichtes (...)" " (der Mann) muß die Ehre seiner Frau rein von Geschwätz halten, "wenn erforderlich, indem er die ins Gerede geratene Frau oder den Verleumder tötet." (Ebda: 48) (vgl. Lutz, 89:33ff) Gerade in und durch die Emigration wird diese "Opferhaltung", so BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER, fortgesetzt. Auf Betreiben ihrer Männer werden die türkischen Frauen gegen ihren Willen, quasi als "verkaufte Bräute" nach Deutschland geschickt, um dort zu arbeiten. So werden

96 sie auch hier Opfer ihrer Männer und die Opfer eines Kulturschocks bei der Ankunft im modernen Industriestaat. Kinder und Frauen sind die Leidtragenden. Ganz besonders schlimm ist das Los alleinstehender Frauen. In den türkischen Dörfern gibt es kaum unverheiratete Frauen, und so können es diese auch nicht gelernt haben, auf sich selber aufzupassen. "Aus diesem Grund ist sie offen für jeden Rat, jede Hilfe, den man ihr anbietet". Die Frauen werden häufig "(...) Freiwild für türkische Männer" (Baumgartner-Karabak/ Landesberger, 78:101) "Die Frauen sind sehr vereinsamt, sind gutgläubig, fallen leicht auf einen Mann herein, weil sie es nicht gelernt haben, selbstverantwortlich zu handeln. Sie kommen eher als Deutsche in die Lage, ein uneheliches Kind zu bekommen." (ebda) Die in Deutschland wohnende türkische Arbeitsmigrantin erscheint als ein völlig hilfloses Wesen, das auf die Hilfe und den Schutz der deutschen Sozialarbeiterin angewiesen ist. Die Türkin wird als eine Frau dargestellt, die schon aufgrund ihres Türkischsein als unterdrückt gilt. Beide Autorinnen haben ein feststehendes Bild DER Türkin. Dieses Bild übertragen sie ohne Unterschied auf Türkinnen in Deutschland und in der Türkei. In verallgemeinernder Weise reden sie von DEN Türkinnen in DEM ländlichen Bereich, obwohl sie nur vier Wochen lang ein einziges Dorf in Mittelanatolien besucht haben. Die einzige Unterscheidung, die sie treffen ist, Frauen aus ländlichen Gebieten mit Frauen aus städtischen Gebieten zu vergleichen. Das große Spektrum der türkischen Gesellschaft, die unterschiedlichen Lebens-, Arbeits- und Migrationsformen bleiben unberücksichtigt. Nach ihrem Verständnis gibt es nur DIE städtisch befreite Frau und DIE moslemisch unterdrückte Frau aus dem ländlichen Bereich. Zusammenfassung: "Da sie türkischen Frauen aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen, kann es nicht darum gehen, ihnen unser von westlicher Kultur geprägtes Verständnis von Frauenemanzipation aufzuzwingen." (ebda: 112) "Deutsche Frauen müssen sehr darauf achten, nicht in eine dominante Rolle zu geraten, die sich daraus ergeben kann, daß die türkischen Frauen, besonders die aus ländlichen Gebieten, sie auf Grund der besseren Schulbildung als ihnen überlegen betrachten." (ebda: 113)

97 Zwei Zitate, die das Dilemma des Buches deutlich machen. Obwohl die Autorinnen explizit nicht wollen, daß türkischen Frauen das deutsche Emanzipationsverständnis aufgedrängt wird (1. Zitat), gehen sie doch von der Annahme aus, daß türkische Frauen die deutschen Frauen als überlegen betrachten und diesen alles glauben. (2. Zitat) Der Blickwinkel, unter dem die "verkauften Bräute" entstand, ist ein eindeutig eurozentistischer. Dies wird schon in der Einleitung, geschrieben von Susanne VON PACZENSKY, deutlich: Das Buch soll eine Anleitung für diejenigen (Deutschen) geben, die den Türkinnen "helfen" wollen. Zwar sei die türkische Gesellschaft im Begriff "(...) sich vom vorindustriellen Agrarstaat in Richtung auf einen Industriestaat (...)" zu bewegen, doch stamme die "Mehrheit der Gastarbeiter (aus) weniger entwickelten Landgebieten." (Vorwort: 8) Dabei wird "Industriestaat" mit modern, fortschrittlich, für Frauen gleichberechtigt, und mit "weniger entwickelten Gebieten" Rückständigkeit und Frauenunterdrückung gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung: modern = emanzipiert wird auch an vielen anderen Stellen deutlich: Als Symbol des Modernen gilt immer wieder die Kleidung. Wiederum aus dem Vorwort: "Als unverdauliche Fremdkörper leben sie (die Türkinnen) nun in unseren Städten. Kein Wunder, daß sie Vorurteile auslösen: sie stehen vermummt beieinander, sprechen eine unverständliche Sprache, kochen unbekannte Speisen" (Vorwort:7) Die türkische "Vermummung" erweckt Angst und Vorurteile in der deutschen Bevölkerung. Hier drängt sich die Frage auf, inwiefern auch die Autorinnen von dieser Angst befallen sind. Wie kann man Menschen als "unverdauliche Fremdkörper" bezeichnen? Die Vokabel, aus dem Verdauungsvorgang entlehnt, erscheint mir als gänzlich unpassend. Was verdaut ist, ist weg, nicht mehr zu sehen und zu erkennen - assimiliert. Ist es das, was die Autorinnen bezwecken? Werden die Deutschen erst dann toleranter mit Fremden umgehen, wenn diese nicht mehr zu erkennen sind? Die Kleidung ist das äußere Zeichen der Rückständigkeit der türkischen "nur Hausfrauen" in der Bundesrepublik: "sie (...) kleiden sich wie zu Hause im Dorf mit Pluderhose und Kopftuch:" (ebda: 96)

98 Das Kopftuch wird hier zum Symbol der weiblichen Unterdrückung. Das Kleidungsstück wird als islamisch definiert und ist somit Teil einer Religion, die die Frauen unterdrückt. (Vgl. Lutz, 89:33) Die Autorinnen gehen von deutschen Kleidungsgepflogenheiten aus und sprechen Türkinnen in ihrer traditionellen Kleidung jedes Emanzipationsverständnis ab. Das Buch entstand Ende der 70er Jahre, als Sozialarbeit mit Ausländern/innen mit "Helfen" gleichgesetzt wurde. Das "Helfersyndrom" tritt an mehreren Stellen deutlich zu Tage: Wie BAUMGATNER-KARABAK/LANDESBERGER im erstem Teil ihres Buches gezeigt haben, entwickeln Moslems/innen wenig Neigung, ihr Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen. (Vgl. ebda: 18f) Diese passive Haltung muß mit Hilfe der Pädagoginnen durchbrochen werden. Auch hier sind die Türken/ innen Opfer ihrer Religion, und benötigen die helfenden Hände von Nicht-Moslems. Auch die Frauen benötigen diese Unterstützung. Müssen sie, von ihren Männern gezwungen, nach Deutschland, in ein "entwickeltes" Land emigrieren, erweisen sich viele auch hier als hilflose Wesen, die mit dem Leben und der Eigenverantwortung nicht zurechtkommen und letztlich irgendwann auf dem Strich landen. "Aus diesem Grund ist sie offen für jeden Rat, jede Hilfe, die man ihr anbietet." (ebda: 101) Aus der Überwachung des patriarchalischen Ehemannes in die offenen Arme der deutschen grossen Schwester, deren wohlmeinende Bevormundung wohl nicht weniger erdrückend sein kann.! Obwohl die Autorinnen mahnend darauf hinweisen, daß es nicht darum gehen kann, türkischen Frauen und Mädchen ein westliches Emanzipationsmodell aufzuzwingen, wird den Emigrantinnen gar kein Raum gelassen, ein eigenes Konzept ihrer persönlichen Befreiung zu entwickeln. Wer wie BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER den eigenen "modernen" Staat so kritiklos annimmt; wer mit keinem Wort erwähnt, daß es auch in "entwickelten Industriestaaten" Frauenunterdrückung gibt, vielleicht subtiler als in einem türkischen Dorf, wird es nicht für möglich halten, daß türkische Frauen ihre Befreiung und Emanzipation selbst verwirklichen können. Die Aussage des Buches ist überspitzt auf einen Nenner gebracht: "Ihr Frauen entwickelter = moderner = emanzipierter Staaten, helft euren Schwestern aus den unterentwickelten = unmodernen = unemanzipierten Staaten nach eurer Facon selig zu werden!

99 Es steht außer Frage, daß die Situation türkischer Frauen in der Türkei und in Deutschland durch patriarchalische Strukturen geprägt ist; daß Frauen hier wie da unterdrückt werden, ihnen Ausbildung und selbständige Arbeit vorenthalten werden. Doch ist es keine Lösung in schwarz - weiß Manier die bösen türkischen Männer anzuprangern, kein Wort über patriarchalische Strukturen auch in Industriestaaten zu verlieren; sich zu beklagen, daß Türkinnen dies alles hinzunehmen scheinen, bzw. keinen öffentlichen Protest zeigen und deshalb der Meinung zu sein, die deutsche Sozialarbeiterin könne die türkische Frau befreien. Das Buch ist ein Beispiel für den schleichenden Rassismus in der Linken. Auch das Berufen auf Marx und Rosa Luxemburg ändert nichts daran, daß die Autorinnen den türkischen Frauen die Fähigkeit zur Eigenverantwortlichkeit absprechen. Die Autorinnen waren mit vorgefertigten Bildern in die Türkei gefahren und zeigten keine Bereitschaft, sich auf eine ihnen unverständlich erscheinende Kultur einzulassen. Im Gegenteil wurde die eigene Kultur, die Kultur eines westlichen, entwickelten, humanistischen, rationalen und zivilisierten Landes idealisiert und die türkische und somit orientalische Kultur als unterentwickelt, inhuman und barbarisch dargestellt. (Vgl. Lutz, 89:34) Die Autorinnen haben die Positionen übernommen, die nach Edward SAID bei einigen Wissenschaftlern/innen als die "statische Ungleichheit" von Osten und Westen gelten. Ein Austausch der bekannten mit der unbekannten Kultur kann unter diesen Voraussetzungen nicht stattfinden. BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER blieben ihrem, schon vor der Reise bestehendem Bild DER Türken/innen verhaftete. 3.3

Zusammenfassung

Die untersuchten Reiseberichte umfassen einen Zeitraum von 420 Jahren. Jeder/e dieser Reisenden erlebte das Osmanische Reich in einem anderen politischen Zusammenhang: GEORGIEVICS schrieb sein "Türckenbüchlin" als die Osmanen in Ungarn Krieg mit den Habsburgern führten. (Vgl. Matuz, 85:125f)

100 SCHWEIGGERS Reise ins Osmanische Reich geschah zu einem Zeitpunkt, zu dem die Osmanen zwar noch militärische Siege erzielten, der Niedergang des Reiches sich jedoch schon abzeichnete. Lady MONTAGU begleitete ihren Mann zu einer Zeit, als die Osmanen im Krieg mit den Habsburgern standen. BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER bereisten die Türkei als schon 2 Millionen Türken/innen in Deutschland lebten und arbeiteten. Vier Berichte aus vier unterschiedlichen Epochen, mit unterschiedlicher Motivation geschrieben. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Für alle Autoren/innen stand fest, daß die Reise in das Osmanische Reich, bzw. in die Türkei zeitlich begrenzt sein würde. GEORGIEVICS hätte, wäre er zum Islam übergetreten, sofort die Freiheit erlangt, damit aber auch das Recht verloren, wieder nach Hause zu kommen. Beim sechsten Mal gelang ihm die Flucht. SCHWEIGGER und MONTAGU begleiteten eine Gesandtschaft. Die genaue Dauer der Mission war nicht abzusehen, schlechte Verkehrsverhältnisse, politisch Unvorhergesehenes konnte den Zeitpunkt hinauszögern, aber die Rückkehr in die Heimat stand für beide fest. Den genauesten Zeitplan hatten BAUMGARTNER-KARABAK/ LANDESBERGER. Ihre Untersuchung dauerte einen Monat, dann konnten sie wieder die Rückreise antreten. Der Kontakt mit der Türkei und ihren Menschen war ein zeitlich begrenzter. Keiner/e der Autoren/innen dachte daran, sich für immer in dem Land niederzulassen, so daß immer aus einer Distanz heraus geschrieben wurde. Gemeinsam war den Autoren/innen auch, daß sie für Andere, die Leserschaft zu Hause schrieben. Die Schlußfolgerungen, die aus dem Erlebten gezogen wurden, unterschieden sich jedoch erheblich voneinander. GEORGIEVICS und SCHWEIGGER waren daran interessiert, Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Beschreibung der Sitten und Bräuche der Türken/ innen, die Disziplin des türkischen Heeres sollten dem besseren Verständnis eines potentiellen Gegners dienen. Die Schilderung des Leidens christlicher Sklaven/innen bezweckte, den Daheimgebliebenen die Einsicht zu vermitteln, daß ein Präventivkrieg gegen die Türken notwendig sei, sollte nicht die ganze Christenheit unterjocht werden. SCHWEIGGERS Schlußfolgerung zielte in die gleiche Richtung: die Türken sind nicht unbesiegbar!

101 Obwohl bei Lady MONTAGU der Schwerpunkt verlagert wurde, sie kaum etwas über das Militär, aber umso mehr über türkische Frauen schrieb, war auch ihr das Bild des barbarischen, grausamen, unzivilisierten Türken wohlbekannt. Die Zeit der großen militärischen Bedrohung Europas durch die Türken war zwar vorbei, doch lebte die Vorstellung des kriegerischen, grausamen Volkes weiter fort. In den Reiseberichten, die sie zur Vorbereitung auf ihre Reise gelesen hatte, war sie immer wieder mit diesem Türkenbild konfrontiert worden. Diese Bilder fand sie in der Türkei nicht bestätigt, und immer wieder wies sie in ihren Briefen ihre Freunde/innen darauf hin, die Türken seien in Wahrheit nicht so (kulturlos, grausam, barbarisch), wie man es in England immer wieder behauptete. Auch bei BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER, die vornehmlich über das Leben türkischer Frauen im ländlichen Bereich berichteten, erschien der türkische Mann als ein seinen Frauen angsteinflößender Mensch. Die Vorstellung des türkischen Mannes blieb während dieser 420 Jahre mit wenigen Abweichungen statisch im Bewußtsein der Leser/innen. Die Sprache änderte sich vom "grausamen Tyrannen", über die "Geißel und Zuchtrute Gottes" hin zum "Patriarchen", dem die weiblichen Familienmitglieder unterstehen. Interessant auch die Vorstellung der türkischen Frau. GEORGIEVICS erwähnte sie noch nicht weiter. SCHWEIGGER betrachtete mit Entrüstung, die "Gnadfrauen", die keinen Finger rührten und sich bedienen ließen. Er, der Mann, bemerkte abschätzend, daß sie keine weiblichen Arbeiten, wie Nähen oder Stricken verrichteten. Abgesehen davon, daß ihm als Mann der Zutritt zu den Harems, der Frauenwelt, verschlossen war, beschrieb er die Frauen der türkischen Oberschicht, zu denen 153 Jahr später auch Lady MONTAGU Kontakt haben sollte. Sie empfand das Leben dieser Frauen als außerordentlich angenehm und erholsam. Der in Europa verpönte Schleier war für sie ein Instrument, mit dessen Hilfe die Frauen ungehindert und unerkannt ihrer Wege gehen konnten. Über 200 Jahre später läßt die Analyse von BAUMGARTNERKARABAK/LANDESBERGER nicht vermuten, daß es sich in ihrem Bericht ebenfalls um Türkinnen handelt. Im Gegensatz zu der türkischen Oberschicht, beschrieben sie zum ersten Mal das Leben der Bäuerinnen in der Türkei und in Deutschland. Die Türkinnen erscheinen als ausgebeutete, unterdrückte und hilflose Menschen.

102 In der Beschreibung des Frauenbildes ist also ein Wandel zu erkennen. Von der luxuriösen Haremsdame zur unterdrückten Dienstmagd. Reiseberichte sind nur in ihrem historischen und gesellschaftlichen Kontext zu verstehen. Sie zeigen Momentaufnahmen einer ganz persönlichen Sichtweise. Jeder/e Autor/in hatte schon vor der Reise Vorstellungen von dem Reiseziel: GEORGIEVICS hatte gegen die Türken gekämpft, war von den Feinden gefangen und als Sklave verkauft worden. Alles Bedrohliche, Beängstigende und Gewaltsame, das er über dieses Volk gehört hatte, fand er bestätigt. Einzelne positive Erlebnisse, änderten nichts an dem negativen Gesamtbild. SCHWEIGGER, der aus freiwilligen Stücken ins Osmanische Reich gereist war, zeigte sich für dessen positive Seiten empfänglicher. Doch obwohl er lobende Worte für die türkische Disziplin, die Organisation des Heerwesens und für das Bildungssystem fand, blieb auch er dem negativen Bild seiner Zeit verhaftet. Lady MONTAGU war die einzige der Reisenden, die sich von dem herrschenden Türkenbild ihrer Zeit lösen konnte, und das Osmanische Reich frei von Vorurteilen bewertete. BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER hatten vor ihrer Abfahrt ein klares Bild von den Türkinnen. In Berlin waren sie ihnen als stille, zurückhaltende und unterdrückte Menschen begegnet. In der Türkei wollten sie die Ursachen für dieses Verhalten herausfinden - gingen also davon aus, auch dort den gleichen "Typ Frau" wiederzufinden, was sie auch als bestätigt ansahen. Die Rolle der Reiseberichte ist nicht zu unterschätzen. Lange Zeit basierte das westliche Wissen um die muslemische Gesellschaft ausschließlich auf Reise- und Forschungsberichten männlicher Europäer. Diese gehörten der Oberschicht an und beschrieben das Alltagsleben aus ihrer, d.h. aus männlicher Sicht. Die Frauen wurden von ihnen, da verschleiert, als geheimnisvolle Geschöpfe beschrieben, die hinter den Mauern ein tristes Dasein fristen mußten. Die Grundlage für die "Opfer-These" türkischer Frauen war damit geschaffen. (Vgl. Mihciyazgan, 91:33) Über welche räumliche und zeitliche Ausdehnung hinweg diese Bilder erhalten blieben, wird noch in der Arbeit BAUMGARTNER-KARABAK/ LANDES-

103 BERGERS` deutlich. Die Analyse der vier Reisebeschreibungen zeigt, in welch starkem Maße Reisende den Bildern ihrer Zeit verhaftet blieben. (Ausnahme:Lady MONTAGU) Bilder, deren Grundcharakter auch durch gegenteilige Erfahrungen (siehe SCHWEIGGER) nicht verändert und nicht in Frage gestellt wurden.

4

Das Türkenbild im Unterricht "Da Kriege in den Köpfen der Menschen beginnen, muß in den Köpfen der Menschen Vorsorge für den Frieden getroffen werden. (UNESCO Präambel)

4.1

Perspektivwechsel

Anfangs der 60er Jahre benötigte die westeuropäische Industrie wieder verstärkt ausländische Arbeitskräfte. Wurde zunächst davon ausgegangen, die angeworbenen Arbeiter/innen blieben nur 1-2 Jahre (Rotationsprinzip), um danach durch Nachkommende ersetzt zu werden, erwies sich in der Folge dieses Verfahren als wirtschaftlich unrentabel. Beide, Arbeiter/innen und Staat bereiteten sich auf einen längeren, wenngleich befristeten Aufenthalt vor. 1973 sollte der Anwerbestopp dem Zuzug weiterer Arbeitskräfte entgegenwirken. Er führte jedoch dazu, daß nun in verstärktem Maße Familienangehörige nach Deutschland einwanderten. (Vgl. Wilms, 84:11) Die deutschen Schulen reagierten sehr spät. Noch 1976 ignorierte der Strukturplan für das Bildungswesen die spezielle Situation ausländischer Kinder. (Vgl. Arbeitsgruppe Bildungsbericht, 90:194) Später rückte das "Problem mit den ausländischen Kindern" ins Zentrum der Debatte. Im Mittelpunkt der Diskussion standen die mangelnden Sprachkenntnisse vieler Kinder und ihre starken Anpassungsschwierigkeiten in die deutsche Gesellschaft. Die ausländischen Kinder hatten Probleme mit dem deutschen Schulsystem, und nicht das Schulsystem mit den Kindern. In diesem Kapitel soll die Beziehung Schule - Ausländer/innen aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Nicht das Problem ausländischer Kinder mit der deutschen Schule steht im Mittelpunkt, sondern die Problematik

106 des in deutschen Schulen durch den Geschichtsunterricht vermittelten Ausländer/innenbildes. Der Geschichtsunterricht, und nicht der Sozialkunde- oder Religionsunterricht, wurde deshalb ausgewählt, weil er nach Meinung zahlreicher Geschichtsdidaktiker eng mit der Herausbildung der eigenen, bzw. der nationalen Identität verknüpft ist. (Vgl. Handbuch der Geschichtsdidaktik: 85) Deshalb wird zunächst im ersten Teil des Kapitels der Zusammenhang zwischen der Konzeption des Faches Geschichte und der nationalen Identität deutlich werden. In einem zweiten Schritt werden Geschichtsbücher auf das durch sie vermittelte Türkenbild untersucht. Daran unmittelbar anschließend erfolgt die Darstellung der Auswirkungen des Türkenbildes auf deutsche Schüler/innen. Im letzten Abschnitt werden zwei Leitideen für einen anderen Geschichtsunterricht vorgestellt. 4.2

Geschichtsunterricht und Identität

Im Handbuch für Geschichtsdidaktik von 1985 äußern sich mehrere Autoren/innen zu den Aufgaben des Geschichtsunterrichtes: So schreibt BERGMANN, Geschichtsunterricht stelle "eine Instanz dar, die die identitätsfördernden Fähigkeiten vermittelt und eine eigenständig - kritische Aufarbeitung der Ich-Identität und der historischen Identität ermöglichen soll und kann." (Bergmann, 85:35) Durch den Geschichtsunterricht solle ein Geschichtsbewußtsein, die Art "in der Vergangenheit in Vorstellung und Erkenntnis gegenwärtig ist", gebildet werden. (Vgl. Jeismann, 85:40) Dieses Bewußtsein unterscheidet sich von Gruppe zu Gruppe. Die Menschen verstehen sich als Angehörige einer Gruppe, die sich von den anderen Gruppen unterscheidet. Geschichtsunterricht hat die Aufgabe, Schüler/innen durch die Vermittlung gegenwärtiger Traditionsvorstellungen in die Gesellschaft zu integrieren. Schließlich soll durch Geschichtsunterricht die historische Identität der Schüler/innen angestrebt werden. Darunter "ist das Bewußtsein der Zugehörigkeit oder die unbewußte Zugehörigkeit zum historischen Selbstverständ-

107 nis und zu den erarbeiteten Wertorientierungen von Bezugsgruppen" zu verstehen. (Becker zit. n. Bergmann, 85:32) Geschichtsunterricht zeigt den Schüler/Innen "wer sie sind, zu welchen Gruppen sie warum "wir" sagen, wer die anderen sind und warum sie (...) die anderen sind." (ebda: 33) Aus diesen Beispielen wird deutlich, daß der Geschichtsunterricht an deutschen Schulen primär der Identitätsbildung gilt. Im Mittelpunkt steht daher deutsche Geschichte und wieder verstärkt regionale Heimatgeschichte. (Vgl. Lehrpläne Baden-Württembergs, Schleswig-Holsteins und Bayerns zit. n. Schneider, 85:537) Die daraus logische Schlußfolgerung ist, daß andere Staaten und Kontinente nur dann Gegenstand des Unterrichts werden, wenn die eigene (deutsche) Nation unmittelbar mit ihnen konfrontiert wird. (Kreuzzüge, Kriege, Kulturelle Beeinflussung o.a.) (Vgl. Schörken, 78:319) Der/die deutsche Schüler/In erlebt Geschichte als eine Geschichte des permanenten Fortschrittes, "wobei der bisherige Höhepunkt die erfahrenen Gegenwart darstellt." (Göpfert, 85:13) Er/Sie lernt stolz auf die eigene Geschichte, die Geschichte der eigenen Gruppe, des eigenen Volkes zu werden. Der Geschichtsunterricht ist somit an der Bildung der nationalen Identität beteiligt. Dies wird in zahlreichen Aufsätzen zur Geschichtsdidaktik vertreten. (Vgl. Handbuch der Geschichtsdidaktik, 85; Göpfert, 85; de Joong, 81) Auch wenn diese Aussage sicher einer Differenzierung bedarf, soll sie Grundlage des Analyse des folgenden Kapitels sein. In einer Gesellschaft, die sich zwar offiziell weigert ein Einwanderungsland zu sein, faktisch ein solches ist, geht ein dergestalt "germanozentrisch, ethnozentrisch" (Vgl. de Joong, 81:76) vermitteltes Geschichtsbewußtsein nicht nur an der bestehenden gesellschaftlichen Realität vorbei, vielmehr wird die Brisanz eines dergestalt vermittelten Inhaltes unterschätzt. Stolz auf die eigene Geschichte, Identitätsentwicklung mit Hilfe deutscher Geschichte grenzt diejenigen aus, die an dieser Geschichte keinen Anteil zu haben scheinen. Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind die Kinder ausländischer Arbeitnehmer/innen, über deren Geschichte im Unterricht nichts direkt vermittelt wird. Indirekt werden deutsche Schulkinder sehr wohl mit den Türken und Moslems konfrontiert; allerdings nicht durch eine eigenständige Unterrichtsein-

108 heit, sondern im Rahmen der Kreuzzüge und der Entstehung und Verbreitung des Islam. Der einzige Bezugspunkt zwischen deutscher und türkischer Geschichte liegt demnach in kriegerischen Ereignissen. Im Folgenden soll das in den Geschichtsbüchern vermittelte Türkenbild anhand dieser Beispiele (Islam, Kreuzzüge) näher untersucht werden. 4.3

Das Türkenbild in sechs ausgewählten Geschichtsbüchern

Ein Thema "Türken", oder "Arbeitsmigration" ist in keinem Lehrplan vorgesehen. Im Gegensatz zu den Griechen und Römern wird den Türken, da sie nicht in direktem Zusammenhang mit dem Werden der europäischen, bzw. der deutschen Kultur gesehen werden, kein Platz eingeräumt. Trotzdem erfahren auch deutsche Schulkinder etwas über sie - und zwar eingebettet in eine Geschichte der Kriege, Eroberungen und Konfrontationen mit Europa. Ich habe Geschichtsbücher aus mehreren Jahren (1963-1986) ausgewählt, um zu untersuchen, ob das Wissen über die Türken, auch über einen längeren Zeitraum hinweg, nach gleichen oder ähnlichen Mustern vermittelt wurde. Alle Lehrwerke sind für den Anfangsunterricht in Geschichte (5. und 6. Klasse) konzipiert. Lediglich bei einem der sechs Lehrwerke war ersichtlich, an welchem Schultyp das Buch eingesetzt werden soll.1 Bei den übrigen Lehrwerken waren weder im Buch selbst, noch in den Lehrerhandbüchern diesbezügliche Hinweise zu finden, Folgende Geschichtsbücher habe ich untersucht: -

Grundzüge der Geschichte Wir erleben die Geschichte Geschichtliche Weltkunde Fragen an die Geschichte Unsere Geschichte Bsv Geschichte 1N

Band1/2 1963 (A) Band1 1976 (B) Band1 1979 (C) Band1/2 1983 (D) Band1 1984 (E) Band1/2 1986 (F)2

In den Themenbereichen "Islam" und "Kreuzzüge" erfolgt die einzige Auseinandersetzung im Fach Geschichte der Sek. I mit den Türken.3

1

Wir erleben die Geschichte ist für den Unterricht an Hauptschulen konzipiert.

2

Im laufenden Text werden die Geschichtsbücher mit ihrem Kennbuchstaben (A, B, C, D, E, F) bezeichnet.

109 Deshalb habe ich unter Anwendung der Analyseverfahren MARIENFELDS zunächst untersucht, welchen Raum diese beiden Themenbereiche einnehmen:

Tabelle angelehnt an: Marienfeld, 79:132 Im Geschichtsbuch A, das schon 1963 in der 9. Auflage herausgegeben wurde, werden den beiden Themen nur 2,5 Seiten zugestanden. In dem Buch C stehen 14 Seiten zur Verfügung. Schon an diesen beiden Vergleichszahlen wird deutlich, in welch unterschiedlicher Weise die Wichtigkeit dieser Themen eingeschätzt wird. Dabei sind Islam und Kreuzzüge Bereiche, die bis heute aktuell sind; sei es aufgrund von Reislamisierungstendenzen, oder sei es durch die Weiterführung der Kreuzzüge in unterschiedlicher Form (z.B. Kreuzzug gegen den Kommunismus, gegen die Armut...). (Vgl. Marienfeld, 79:146)

3

Deutsche Schüler/innen verbinden mit dem Begriff "Islam", aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, in erster Linie Türken/innen. (Vgl. Göpfert, 85:19)

110 1. Den Themen Islam und Kreuzzüge kommt nicht der Stellenwert zu, den sie aufgrund ihrer historischen Dimension einnehmen müßten. Nur in einem Lehrbuch (E) wird bei der Bearbeitung des Themas "Islam" auf die türkisch- moslemische Wohnbevölkerung eingegangen. Doch steht der Arbeitsauftrag, in dem diese Querverbindung erfolgt, in einem negativen Zusammenhang. Der Aufgabe voran steht die Aussage "eines islamischen Theologen" (welcher Theologe, welcher islamischen Glaubensrichtung, dies zu welchem Anlaß in welchem Jahr gesagt haben soll, wird nicht erwähnt) über die Frau: "(...) die Frau soll im Innern des Hauses bleiben (...) mit den Nachbarn soll sie nicht reden (...) sie soll stets nur ihren Mann im Sinn haben (...) in allen Dingen ihm Freude zu machen suchen (...)" (Unsere Geschichte,Band1,84:131) Die nun folgende Arbeitsanweisung lautet: "Informiert euch über die Stellung von Frauen und Mädchen in türkischen Gastarbeiterfamilien: Wie leben sie? Worin sind sie gegenüber ihren Männern benachteiligt?" (ebda) Zunächst wird in diesem Fall der direkte Vergleich des Islam in seiner Entstehungszeit zu heute gezogen, und davon ausgegangen, daß türkische Frauen und Mädchen von vorneherein benachteiligt werden. Die Schüler/innen haben mit diesen Vorgaben keine Möglichkeit zu einem anderen als zu einem negativen Bild des Islam zu kommen, der für diese Benachteiligung verantwortlich zu sein scheint. Platz für eine kontroverse Analyse, beispielsweise was Islam und Christentum gemeinsam haben, was beide zur Stellung der Frau sagen, ist nicht vorhanden. Die Schüler/innen erfahren oberflächlich etwas über die Entstehung des Islam, seine Ausbreitung ("Wie ein Sturmwind" ebda:129), seine fünf Glaubenspfeiler und vor allem über den Heiligen Krieg. 2. Die religiöse Situation der Arbeitsmigranten/innen wird nur marginal gestreift. Die Chance einer Auseinandersetzung zwischen Islam und Christentum, sowohl in der historischen als auch in der gegenwärtigen Situation, wird vertan: Kapitelüberschriften sollen den Schülern/innen ein kurzes, knappes Bild dessen vermitteln, worauf es in dem neuen Abschnitt ankommt. Um Schwer-

111 punkte in der Beurteilung des behandelten Themas zu erkennen, ist deren Untersuchung aufschlußreich. (Vgl. Marienfeld, 79: 146f) Überschriften aus den untersuchten Lehrwerken: 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7.

"Der Islam - Weltreligion und politische Großmacht" (C: 127) "Kreuz und Halbmond" (B: 89) "Der Islam wird eine Weltmacht" (ebda: 98) "Karl Martell wehrt die Araber ab" (ebda) "Der Angriff auf das Abendland" (F: 98) "Die Welt des Islam" (ebda:1 66) "Friedliches Zusammenleben verschiedener Rassen und Religionen am Beispiel Spanien" (ebda: 176)

Einige Überschriften (Nr.2, 4, 5) gehen direkt von einer militärischen Bedrohung Europas durch den Islam aus. Andere (Nr.7) ziehen auch das friedliche Miteinander beider Religionen in Betracht. Einzig Überschrift Nr.1 und Nr.6 stellen den Islam ohne direkten Bezug zum christlichen Abendland vor. 3. Textüberschriften stellen meist die militärische und/oder religiöse Bedrohung des Westens durch den Osten in den Vordergrund. Die beiderseitige Geschichte erscheint als eine von Krieg und Konfrontation Gezeichnete. Im folgenden Punkt der Analyse werden Materialien (Textquellen, Karten, Bilder, Arbeitsaufträge) untersucht, die die Schüler/innen anleiten sollen, sich eine Meinung über die vermittelten Lerninhalte zu bilden.

112

113 Quellen spielen bei dem Prozeß der Meinungsbildung eine wichtige Rolle. Sie sind parteiisch aus der "Perspektive ihrer subjektiven Bedürfnisse" (Pandel, 85:476) und sollen den/die Schüler/in zu eigenständigen Fragen anregen, woher der Autor dieser Quellen dieses oder jenes weiß. (Vgl. ebda: 471) Im Idealfall würde somit eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik, auch ohne lenkendes Eingreifen durch den/die Lehrer/in stattfinden. Aus Tabelle Nr. 2 wird ersichtlich, daß der zahlenmäßige Einsatz dieses Materials zwischen 0 (A) und 21 (D) schwankt. In der Mehrzahl wird mit christlichen Quellen gearbeitet, die die Kreuzzüge aus der Sicht der Kreuzfahrer darstellen. Quellen zum Blutbad in Jerusalem durch christliche Ritter oder der Judenverfolgung in Deutschland, als "Begleiterscheinung" der Kreuzzüge, fehlen oft gänzlich, so in Buch F, C und B. 4. Quellentexte vermitteln oft ein einseitig eurozentrisches Bild der dargestellten Vorgänge und verhindern damit eine Meinungsbildung anhand kontroversen Materials. Bilder und Karten dienen der Veranschaulichung von Tatbeständen und können zu selbständigem Denken anregen. Dabei geht MARIENFELD davon aus, daß farbige Darstellungen auf mehr Resonanz stoßen als schwarz-weiß Darstellungen. Auch die verwendeten Bilder stellen die Kreuzzüge aus christlicher Sicht dar und lassen, wie im Buch E, die Moslems als hinterlistige Verräter erscheinen. Im weiteren Verlauf des Textes wird die "Hinterlist" der "Ungläubigen" nicht hinterfragt. Die Bildunterschrift bleibt so stehen. Ganz wichtig zur Verfestigung und Reflexion des Gelernten erweisen sich Arbeitsaufträge. (Siehe Tabelle Nr.2) Zu beachten ist in diesem Zusammenhang vor allem, ob die gestellten Aufgaben reproduktiv (ledigliches Nachsagen von bereits Gehörtem) oder produktiv (Förderung eigenständigen Denkens, Transferleistungen) sind. (Vgl. Marienfeld, 79:146) So stellen die Arbeitsaufträge (auch hier verblüfft die zahlenmäßige Diskrepanz zwischen den untersuchten Büchern) eine Chance dar, den Bezug des Islam und der Kreuzzüge aus ihrer historischen Dimension heraus in die Gegenwart zu übertragen. Doch auch hier beschränkt sich die Mehrzahl der Aufgaben auf das reproduzieren von Fakten. Beispielsweise: "Zeige anhand

114 der Karte den Weg der Pilger; Schildere aufgrund des Berichtes einige Strapazen der Kreuzfahrer." (E: 202f)

In den neueren Geschichtsbüchern (E, C, D, F) werden die Arbeitsaufträge zwar auch ansatzweise der möglichen Sichtweise der Kreuzzüge durch die Moslems gerecht, doch findet in keinem Unterrichtswerk ein Transfer zum Thema Zusammenleben von Christen und Moslems heute statt. Buch D berichtet unter dem Kapitel "die europäischen Einwanderer" (ebda: 68) über das Leben der "Westlichen", die nun "Orientalen" geworden sind, wie sich Kreuzritter dazu entschlossen haben, im "Heiligen Land" zu leben und zu arbeiten. Hier hätte sich ein Kapitel "Moslems in Deutschland" angeboten. Aber nicht einmal ein Arbeitsauftrag deutet auf die Ost-West-Wanderung hin.

115 5. Ein Vergleich, eine Analyse oder ein Ausblick auf das Zusammenleben von Christen und Moslems damals und heute findet nicht statt: Zusammenfassung: Schülern/innen wird im Anfangsunterricht Geschichte ein wenig differenziertes Wissen über die Themenbereiche Islam und Kreuzzüge vermittelt. Text, Quellen, Arbeitsaufträge und Bildmaterial werden einem mehrdimensionalem Geschichtsunterricht nicht gerecht. Das Leben, die Geschichte und die Kultur der Araber/innen und der Türken/innen stellen keinen Unterrichtsgegenstand dar Beide Volksgruppen erscheinen, für die Schüler/innen quasi aus dem Nichts kommend, im Umfeld eines Krieges. Sie gelten als Träger/innen einer Religion, die als Bedrohung Europas und Deutschlands interpretiert wird. Dieses Bild der Bedrohung wird durch den späteren Verlauf des Unterrichts nicht relativiert. Speziell die Türken erscheinen in Geschichtsbüchern, der 8. und 9. Klasse wiederum im Umfeld von Kriegen. (Türken vor Wien).4 Die langfristige Wirkung dieser Unterrichtseinheiten ist nicht zu unterschätzen. Der Geschichtsunterricht spielt beim Erwerb und bei der Tradierung von Vorurteilen und Feindbildern eine große Rolle. (Vgl. Schmid, 85:289) Er könnte auch vorurteilsabbauend wirken, doch spielt dies in der geschichtsdidaktischen Curriculumsforschung nur eine geringe Rolle. (ebda: 209) Zwar gab es in den 50er und 60er Jahren Bestrebungen des Braunschweiger Schulbuchinstitutes, vorurteilsvolle Darstellungen im deutschfranzösischen, bzw. im deutsch-polnischen Verhältnis aufzuspüren und abzuändern (vgl. Becker, 85:369), doch gibt es kaum (Ausnahme: Göpfert de Joong) diesbezügliche Ansätze, entsprechendes für das Verhältnis TürkenDeutsche zu tun. Die Analyse der untersuchten Schulbücher zeigt, daß gerade die Themen Islam und Kreuzzüge dem Aufbau von Vorurteilen Vorschub leisten. Dabei spielt die Wahl der suggestiven Sprache eine große Rolle. In Arbeitsaufträgen, Kapitelüberschriften und Bildunterschriften werden Gefühle der Schul4

Da Bücher dieser Jahrgangsstufe nicht Thema einer eigenen Untersuchung waren, kann darauf nicht intensiver eingegangen werden.

116 kinder angesprochen und dadurch einseitige Wertungen provoziert, die die Kinder daran hindern, eine eigenständige Meinung zu bilden. Durch "personifizierte Kollektiva", wie "die hinterlistigen Ungläubigen" werden nationale Stereotypen tradiert, die später automatisch mit diesem Namen assoziiert werden. (Vgl. Schmid, 85:357f) Durch unzulässige Personalisierung historischer Ereignisse ("Karl Martell schlägt die Araber") reduziert sich "das vielfältige, verschlungene Geflecht von Motiven und Ursachen von Ereignissen auf Charaktereigenschaften übermächtiger Subjekte, oder den Entscheidungshandelnden, Kategorien, die nicht mehr hinterfragt werden müssen." (ebda: 2) Der Geschichtsunterricht ist eurozentristisch aufgebaut. Aspekte der Mehrdimensionalität, die Wirkung eines historischen Gegensatzes in der Vergangenheit und der Zukunft, und der Multuperspektivität, die Tatsache, daß ein Sachverhalt von verschiedenen Seiten beleuchtet wird, werden vernachlässigt. Der Unterricht geht oft an den Schüler/inneninteressen vorbei - die zwar einzelne Aspekte über das Leben von Christen und Moslems von vor 1000 Jahren lernen, deren gegenwärtige Situation des Zusammenlebens mit ihren türkisch-moslemischen Mitschülern/innen jedoch nicht erwähnt wird. Ein derartiger Geschichtsunterricht bleibt nicht ohne Wirkung auf das eigene Geschichtsverständnis, die eigene Identität und auf den Umgang mit Menschen, die in dieses Geschichtsbild nicht zu passen scheinen. Die Auswirkungen dieses Unterrichtes werden im folgenden Abschnitt untersucht: 4.4

Die Auswirkungen des im Geschichtsunterrichts vermittelten Türken/innenbildes auf deutsche Schulkinder

Zeiten, in denen nachstehendes Gedicht von den Schülern/innen im Zusammenhang mit den Kreuzzügen aufgesagt werden mußte, sind zwar vorbei, doch zeigte eine lose Befragung älterer Menschen (Eltern, Verwandte), daß sich viele noch an dieses Gedicht erinnern konnten: "Als Kaiser Rotbart Lobesam zum Heilgen Land gezoge kam da mußt er mit dem frommen Heer durch ein Gebirge wüst und leer (...) Da faßt er erst sein Schwert mit Macht, Er schwingt es auf des Reiters Kopf Haut durch bis auf des Sattels Kopf

117 Haut auch den Sattel noch zu Stücken und tief noch in des Pferdes Rücken Zur Rechten sieht man, wie zur Linken Einen halben Türken heruntersinken (...) (Uhland) Welche Wirkung einmal Gelerntes auf das Verständnis anderer Kulturen, Länder und Menschen hat, war schon 1916 Paul MENGE, einem Gymnasiallehrer bewußt. In seinem Artikel "die Türkenfrage bei Dürer, Sachs und Luther im Deutschunterricht der Prima" wies er auf die Gefahr hin, der der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft drohe, wenn Schüler ein negatives Türkenbild vermittelt bekämen. (Vgl. Menge, 1916:198ff) Lernten sie die Türken nur als "blutrünstig" und als "wilde Horden" kennen, wäre es nicht möglich, den Schülern ein positives Gefühl für die Türken zu vermitteln, was aber für ein gemeinsames "Kämpfen Schulter an Schulter" von größter Bedeutung wäre. (Vgl. ebda: 199) Aus diesen taktischen Überlegungen heraus plädierte er für eine stärkere Betonung der Gemeinsamkeiten, statt der Heraushebung von Unterschieden. 1991, - 75 Jahre nach dem Erscheinen dieses Aufsatzes, sind die im Unterricht vermittelten Informationen über die Türken nicht wesentlich differenzierter. Im Gegensatz zu 1916, als militärpolitisches Kalkül den Ausschlag für den Artikel gab, ist heute keine politische Lobby an der Verbreitung eines differenzierteren Türkenbildes interessiert. GÖPFERT (1985) hat die Wirkung des Türkenbildes im Unterricht auf deutsche und ausländische Kinder am ausführlichsten untersucht. In den folgenden Ausführungen stütze ich mich auf sein Buch: "Ausländerfeindlichkeit durch Unterricht" (1985) Auch im deutschen Geschichtsunterricht treten andere Völker in durchaus positiver Weise auf. Wohlwollend wird über die Griechen und Römer berichtet, die als "Stammväter" der deutschen Zivilisation gelten. Das heißt, die Erben der alten Kulturen sind nicht die Griechen von heute und auch nicht die Italiener, sondern vielmehr die Deutschen. (Göpfert, 85:88) Die alten Kulturen sind an irgendwelchen Unzulänglichkeiten zugrunde gegangen. Die Deutschen, ihre Erben, haben aus diesen Unzulänglichkeiten gelernt und die positiven Seiten bis heute perfektioniert. (Siehe Anhang IX) In einer solchen Sichtweise bleibt kein Platz für andere Kulturen. Die Schulkinder wissen zwar, daß ihre griechischen und italienischen Schulfreunde/in-

118 nen einmal eine hohe Kultur und erzählenswerte Geschichte hatten, doch ist dies alles vor langer Zeit untergegangen. Da weder Griechen/innen, noch Italiener/inner, geschweige denn Türken/innen im weiteren Unterricht behandelt werden, werden diese Länder als geschichtslos, quasi als minderwertig empfunden. (Vgl. ebda:131) Besonders negativ wirkt sich dieses Bild auf das Verständnis gegenüber den türkischen Kindern aus. Die Geschichte ihres Landes erscheint zunächst gar nicht im Unterricht. Später werden, aus deutscher Sicht, negative Seitenaspekte der türkischen Geschichte ins Zentrum gerückt, z.B. durch die Ausbreitung des Islam, die Kreuzzüge, die Türken vor Wien, der Niedergang des Osmanischen Reiches und schließlich der kranke Mann am Bosporus. Die Türken erscheinen entweder als Bedrohung Europas oder als hilflose Wesen. Im Lehrplan sind keine Stunden vorgesehen die sich mit der Kultur und der türkischen Geschichte befassen. Die Folge: Die türkischen Arbeitsmigranten/innen und ihre Kinder scheinen weder das eine noch das andere zu besitzen. (Vgl. ebda: 132) GÖPFERT geht noch einen Schritt weiter. Er glaubt, daß dadurch deutsche Schüler/innen angeregt werden zu glauben: "Wenn (Arbeitsmigranten/innen) etwas zuwege bringen wollen, müssen sie nach Deutschland als Gastarbeiter kommen." (ebda: 85) Hier wird ihnen Kultur beigebracht! Das nationale Selbstverständnis ihrer ausländischen Mitschüler/innen bleibt ihnen unbekannt. Die deutschen Kinder werden sich in ihrer nationalen Identität bestärkt sehen, auf die ausländischen Kinder herabsehen und sie nicht als gleichwertig akzeptieren. In einer Gesellschaft, die sich in zunehmendem Maße öffnen will (Europa) und in der schon heute ethnische Minderheiten seit mehreren Generationen leben, ist die Einsicht in die Gefährlichkeit einer Vorurteilsbildung und Verstärkung durch eine national orientierte Geschichtsvermittlung unabdingbar und fordert die Suche nach Alternativen heraus.5

5

Auch auf ausländische Kinder wirkt sich diese Art von Geschichtsvermittlung fatal aus. Da es in diesem Kapitel primär um das Türkenbild der Deutschen geht, muß auf die Ausführung dieses Sachverhaltes verzichtet werden.

119 4.5

Leitlinien für den Geschichtsunterricht

Wenn durch Geschichtsunterricht die "möglichst übergreifende und allgemein zustimmungsfähige Identität einer Gesellschaft" (Bergmann, 85:13) gebildet werden soll, ist es nicht ratsam, große Teile dieser Gesellschaft (ethnische Minderheiten) auszuklammern, lückenhafte und einseitige Informationen über sie zu verbreiten. Die kulturelle Verschiedenheit unserer Gesellschaft muß in die Lehrpläne einfließen. Die Lebenswelt der Schüler/innen muß berücksichtigt werden. Der Unterricht geht an der Realität vorbei, wenn in Schulklassen mit mehr als 60% ausländischen Kindern (wie in 15 Grund- und 4 Hauptschulen in Berlin) nur deutsche Geschichte gelehrt wird. (Vgl. Laurien, 83:43) Ein Geschichtsunterricht im Geiste der Friedenserziehung und der Völkerverständigung muß die "Objekte der Geschichte" (Göpfert, 85:43), also Menschen und Völker, die nur dann behandelt werden, wenn sie in einem direkten Bezug zur eigenen nationalen Geschichte stehen, zu eigenständigen "individuellen und gleichwertigen Partnern machen." (ebda) Die Lehrpläne müssen das Behandeln kriegerischer Konfrontationen gegenüber der Vermittlung anderer Kulturen und Menschen in den Hintergrund stellen. Die Schüler/innen sollen lernen, daß nicht nur sie alleine eine Geschichte mit Tief-, und Höhepunkten erlebt haben, sondern auch andere Völker. Eine dergestalt emanzipatorische, interkulturelle Erziehung bleibt nicht auf den Geschichtsunterricht beschränkt, sondern wird die Struktur der gesamten Schule verändern. (Vgl. Kiper, 90:51) Die Begriffe "emanzipatorisch" und "interkulturell" bedürfen einer Erklärung:

120 Emanzipatorische Erziehung "meint die individuelle und kollektive Befreiung von gesellschaftlichen und Herrschaftsverhältnissen, von gesellschaftlich festgeschriebenen Rollen und von gesellschaftlich bedingten Bewußtseinssperren, die Menschen in historisch überflüssiger Abhängigkeit und unter einem denkmöglichen und real möglichen Niveau halten." (Bergmann,85: 236) Unter interkulturellem Lernen "wird das gemeinsame Lernen von Menschen unterschiedlicher nationaler bzw. ethnischer Herkunft verstanden; es nimmt Bezug auf die jeweiligen, auch kulturell geformten Erfahrungen, es orientiert auf Gemeinsamkeiten auf der Basis der Akzeptanz von Unterschieden, orientiert auf gleichberechtigten Beziehungsformen und sucht zur Gestaltung neuer Lern- und Lebensmöglichkeiten beizutragen." (Kiper, 90:50) Ein Unterricht, der sich diesen beiden Prinzipien verpflichtet sieht, wird der politischen und rechtlichen Gleichstellung unterschiedlicher Gruppen Vorschub leisten, im Dienst der Völkerverständigung stehen und dem Abbau von Vorurteilen dienen. Dies hätte auch Konsequenzen für die Strukturierung des Geschichtsunterrichtes: Der Geschichte anderer Völker müßte größere Beachtung geschenkt werden, auch wenn die behandelten Ereignisse nicht in direktem Zusammenhang mit der deutschen Geschichte stehen. Ägypter, Griechen und Italiener dürfen nicht nur dann Unterrichtsgegenstand sein, wenn von ihnen als Wurzeln unserer Zivilisation die Rede ist. Den Schülern/innen muß deutlich werden, daß die Menschen dieser Länder auch heute noch leben, - daß aus Römern Italiener geworden sind, - daß die heutigen Probleme Ägyptens eng mit der europäischen Geschichte (Kolonisation) verbunden sind. Geschichtsbücher müssen darauf hinarbeiten, daß Kinder die Gleichwertigkeit aller Kulturen erkennen. 4.6

Zusammenfassung

"Türken/innen", "türkische Geschichte" stellen keine eigene Lerneinheit im deutschen Geschichtsunterricht dar. Trotzdem wird den Schulkindern ein Türkenbild vermittelt. In den Themenbereichen Islam und Kreuzzüge stehen sich Christen und Ungläubige, bzw. Ritter und wilde Horden gegenüber. Die

121 Kinder lernen, daß die Türken und ihre Religion das Abendland, und damit ihre Heimat bedrohten, und sie sich dagegen zur Wehr setzen mußten. Dieses einseitig negativ vermittelt Bild über die Türken, dem keine Gegenpole in Form eines Lerngegenstandes türkische Geschichte und Kultur gegenüberstehen, beeinflußt die Schüler/innen negativ. Das eurozentristische Geschichtsbild läßt keinen Platz für Menschen, die nicht die gleiche Geschichte hatten. Insofern wirkt der Unterricht ausgrenzend und diskriminierend. Es ist an der Zeit, einen Unterricht zu gestalten, der der gesellschaftlichen Realität angemessen ist, und der im Dienst der Friedenserziehung und der Völkerverständigung steht.

Exkurs Die Türken/innen und was von ihnen in der Deutschen Sprache blieb Band Als in Wien eine Janitscharenkapelle gefangen wurde, bezeichneten die Wiener/innen diese Gruppe wenig schmeichelhaft als Banda oder Bande, aus der sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts die "Band" entwickelte, z.B. Jazzband, Bigband... (Vgl. Pahlen, 80:172) Einen Türken bauen 1895 bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm Kanals gab der Kaiser ein Galadiner für die Marine aller seefahrenden Nationen. Bei dem Passieren des türkischen Schiffes bemerkten die Musiker der Marinekapelle, daß sie keine Noten der türkischen Nationalhymne hatten. Kurzentschlossen spielten sie: "Guter Mond, du gehst so stille". Einen Türken bauen heißt demnach, etwas Improvisiertes als lang Einstudiertes erscheinen lassen. (Vgl. Küpper, 68:417) Hurra Bei kriegerischen Angriffen spornten sich die türkischen Soldaten mit dem Rufe: "Vurha" an. Im Türkischen heißt dies "Schlag! Los!" Die Deutschen, die kein Türkisch konnten, verstanden "Hurra", was auch heute noch als Siegesruf oder Freudengeschrei gilt. (Vgl. Güzel, 85:30 1. Fußnote) Hekmek Türkische Kriegsgefangene in Deutschland verlangten nach "Ekmek", nach Brot. Die deutschen Aufseher machten daraus "macht kein Hekmek!" (nicht gesichert, mündliche Quelle) Gugelhupf Zuckergebäck in Form eines türkischen Turbans. (Nachgewiesen 1396) (Vgl. Grimm, 52:1857)

124 Kümmeltürke Bezeichnung für Studenten aus der Gegend um Halle. Dort wurde viel Kümmel angebaut und den Studierenden als "burschikoses" Nahrungsmittel mit ins Studium gegeben. (Nachgewiesen 1810) (Vgl. ebda) Türk oder Sultan Hundenamen für besonders gefährliche und bissige Hofhunde. (Nachgewiesen: 1802) (Vgl. ebda: 1802) türken "Gefechtsübung gegen einen angenommenen Feind; eingedrilltes, parademäßiges vorexerzieren bei militärischen Besichtigungen." Jemanden also etwas vormachen. (Nachgewiesen: 1900) (Vgl. ebda: 1853) Türkenblut Ein dunkelroter Rotwein, den "man im Kasino aus unbekannten Gründen Türkenblut nannte." (Nachgewiesen: 1716) (Vgl. ebda: 1716) Türkenbund Eine Lilienart in Form eines türkischen Turbans. (Nachgewiesen: 1817) (Vgl. ebda: 1857) türkenmäßig Ein hartes Gefecht kämpfen. (Nachgewiesen: 1684) (Vgl. ebda: 1860) Türkenstecher Jemand der andere mit Mord und Totschlag bedroht. (Nachgewiesen: 1663) (Vgl. ebda: 1861) Sicher ist diese Liste unvollständig, doch sie zeigt, daß die meisten Begriffe aus dem militärischen Bereich stammen.

Literatur

ABDULLAH, M. S. Geschichte des Islams in Deutschland, Graz, Wien, Köln 1981. (= Reihe Islam und westliche Welt. Hrg: Fitzgerald, Micheal u. a. Band 5). ACKERL, Isabella: Von Türken belagert - von Christen entsetzt. Das belagerte Wien 1683. Wien 1983. ANDERSON, Howard u. a.: The Familiar Letter in the Eighteenth Century. Lawrence 1966. ARBEITSGRUPPE BILDUNGSBERICHT am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Überblick für Eltern, Lehrer Schüler. Hamburg 1990. AUERNHEIMER, Georg: Einführung in die interkulturelle Erziehung. Darmstadt 1990. AUS ÖSTERREICHS WISSENSCHAFT: Die Türken - und was von ihnen blieb. The Turks - and what they left to us. Wien 1978. AUSLÄNDERKINDER. Forum für Schule und Sozialpädagogik: Kulturkonflikt und soziales Lernen. Freiburg, 7 (1981). BAKER, James: Türken in Europa. Mit einer Einleitung: Die orientalische Frage als Kulturfrage, von Dambern. 2. Aufl. Stuttgart 1879. BATAILLON, Marcel: Mythe et connaissance de la Turquie en Occident au Milieu du XVIe siecle. In: Venezia E L`Oriente Hrsg.: Pertusi Agostino Venezia 1966. S. 451-470. BAUER, H.: Der Türkenschreck in Europa. Breslau 1877. (= Gemeinfaßliche Vorträge zum Vorlesen in Vereinen. Heft 4). BAUER, Wilhelm: Die öffentliche Meinung in der Weltgeschichte. Potsdam 1930. BAUMGARTNER-KARABAK, Andrea/LANDESBERGER, Gisela: Die verkauften Bräute. Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien. Reinbek bei Hamburg 1978. BECKER, Heinz: Die Couleur locale in der Oper des 19. Jahrhunderts. Regensburg 1976. BECKER, Nicklas u. a.: Vorurteile und stereotype Muster in Schulbüchern. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann u.a.

126 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 351. 374. BERGMANN, Klaus (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Auf. Düsseldorf 1985. BERGMANN, Klaus: Emanzipation. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann u. a. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 236-239. BERGMANN, Klaus: Identität. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann u. a. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 29-35. BERGMANN, Klaus: Multiperspektivität. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann u. a. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. BERTELE, Antonio u. a.: Oper. Eine illustrierte Darstellung der Oper von 1597 bis zur Gegenwart. Wiesbaden 1981. BOOS-NÜNNING, Ursula: Lernprobleme und Schulerfolg. In: Unterricht mit ausländischen Kindern. Hrsg.: M. Hohmann Düsseldorf 1978. S. 5789 (= Publikation ALFA). BRENNER, Hartmut: Protestantische Orthodoxie und Islam. Die Herausforderung der türkischen Religion im Spiegel evangelischer Theologen des ausgehenden 16. und 17. Jahrhunderts. Heidelberg, Universität, Theol. Fak., Diss. 1968. BUCHMANN, B. M.: Türkenlieder. Zu den Türkenkriegen und besonders zur zweiten Wiener Türkenbelagerung. Wien, Köln, Graz 1983. BURHANEDDIN, Kamil: Die Türken in der deutschen Literatur bis zum Barock und die Sultansgestalten in den Türkendramen Lohensteins. Kiel, Universität, Philos. Fak., Diss. 1935. COSACK, Carl Johannes: Zur Literatur der Türkengebete im 16. und 17. Jahrhundert. In: Zur Geschichte der evangelischen ascetischen Literatur in Deutschland. Ein Beitrag zur Geschichte des christlichen Lebens wie zur Cultur- und Literaturgeschichte. Hrsg.: C.J. Cosack. Basel, Ludwigsburg 1871. S. 163-243. CSAMPAI, Attila; HOLLAND, Dietmar (Hrsg.): Wolfgang Amadeus Mozart. Die Entführung aus dem Serail. Texte, Materialien, Kommentare. Reinbek bei Hamburg 1983. DALHAUS, Carl (Hrsg.): Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Oper, Operette, Musical, Balett. Band 1-3. München 1989.

127 DELUMEAU, Jean: Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts. Band 2. Reinbek bei Hamburg 1985. DEUTSCH LERNEN: 15. Jahrgang 1990 (= Zeitschrift für den Sprachunterricht mit ausländischen Arbeitnehmern. DEUTSCH LERNEN: 9. Jahrgang 1984 Heft 4 (= Zeitschrift für den Sprachunterricht mit ausländischen Arbeitnehmern.). DOKUMENTATION: Folgen der Arbeitsmigration für Bildung und Erziehung. In: Deutsch lernen. Zeitschrift für den Sprachunterricht mit ausländischen Arbeitnehmern. Baltmannseiler, 15 (1990) S. 69-88. DONTSCHEWA, Bistra: Der Türke im Spiegelbild des Deutschen Theaters im 18. Jahrhundert. München, Universität, Philos. Fak., Diss. 1944. DRONSART, Marie: Lady Mary Wortley Montagu. In: Les Grandes Voyageuses. Hrsg.: M. Dronsart. Paris 1893. S. 135-153. DURBAN, Willy Michel: Modelle der Fremdwahrnehmung und Projektion im literarischen Reisebericht und im Roman bei Koeppen, E. Jünger, Nizon, Muschg, Handtke und Grass. In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache, 11 (1986) S. 157-179. EBERMANN, Richard: Die Türkenfurcht. Ein Beitrag zur Geschichte der öffentlichen Meinung in Deutschland während der Reformationszeit. Halle a. d. Saale, Universität, Theol. Fak., Diss. 1904. EBERSOLDT, Jean: Orient et Occident. Recherches sur les influences Byzantines et Orientales en France avant et pendant les croisades. 2e edition Paris 1954. EHRENFRIED, Herrmann: Türke und Osmanenreich in der Vorstellung des Zeitgenossen Luthers. Ein Beitrag zur Untersuchung des deutschen Türkenschriftentums. Freiburg im Breisgau, Universität, Theol. Fak., Diss. 1961. ESSER, Hartmut (Hrsg.): Die fremden Mitbürger. Düsseldorf 1983. FERMIS, Haverkamp: Grundzüge der Geschichte. Band 1-3. Berlin 1963. GEORGIEVICS, Bartholomeus: Türcken Büchlin. Ganz warhaftige unnd aber erbärmliche beschreibung/ von der pein/ marter/ schmerzen unnd tyranney/ so die Türcken/ den gefangenen Christen/ kend mann und weib/ knaben und magelin/ und sonderlich den (?) / Regierenden Törckischen Tyrannen/ ihnen anlegen/ auch von ihren Ceremonien/ Policien/ Kriegen/ (?)/ Gebzeuchen/ kurzlich durch ein Edelmann aus Polen/ welcher vierzehn jar in Türckey gefangen gewesen/ in Latin beschriben/ und neuzund ins Teutsch gebracht worden. Straßburg 1558.

128 GLASNECK, Johannes: Methoden der Deutsch-Faschistischen Propagandatätigkeit in der Türkei vor und während des Zweiten Weltkrieges. Halle a. d. Saale 1966. GLOGAUER, Werner u.a.. GÖLLNER, Carl (Hrsg.): Chronica unnd Beschreibung der Türckey mit eyner Vorrhed D. Martini Luheri. Nürnberg 1533 und Köln, Wien 1983. GÖLLNER, Carl: TVRCICA. Die europäischen Türkendrucke des XVI. Jahrhunderts. Band I MDI-MDL. Bukarest und Berlin 1961. GÖLLNER, Carl: TVRCICA. Die Türkenfrage in der öffentlichen Meinung Europas im 16. Jahrhundert. Band II und III. Bukarest, Baden-Baden 1973. GREGOR, Joseph: Kulturgeschichte der Oper ihre Verbindung mit dem Leben, den Werken des Geistes und der Politik. Zürich 1941. GRIMM, Jacob; GRIMM, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Elfter Band. I. Abteilung. II. Teil. Bearbeitet von der Arbeitsstelle des Deutschen Wörterbuches zu Berlin. Leipzig 1952. GROSSKLAUS, Götz (Hrsg.): Geistesgeschichtliche Perspektiven. Rückblick Augenblick - Ausblick. Festgabe für Rudolf Fahrner zu seinem 65. Geburtstag. Bonn 1969. GÜZEL, Deniz: Haclilarim Türklerle ilk Karsilasmasi. (Die erste Begegnung von Kreuzfahrern und Türken.) In: Tarih ve Toplum. (Zeitschrift für Geschichte und Gesellschaft.) 18 (1985) S. 28-30. HAEFS, Hanswilhelm: Handbuch des nutzlosen Wissens. dtv. München 1989. HALSBAND,

Robert: Lady Mary Wortley Montagu as Letter - Writer. In: A. Howard u. a.: The Familian Letter in the Eightennth Century. Lawrence 1966.

HELLER, Hartmut: Türkentaufen um 1700 - ein vergessenes Kapitel der fränkischen Bevölkerungsgeschichte. In: Glaubensflüchtlinge und Glaubensfremde in Franken. 26. Seminar des Frankenbundes vom 10. 12. Oktober 1986. S. 255-271. HOHMANN, Manfred (Hrsg.): Unterricht mit ausländischen Kindern. Düsseldorf 1978. (= Publikation ALFA). HUG, Wolfgang u. a.: Geschichtliche Weltkinde. Band 1. München 1979. HUG, Wolfgang: Unsere Geschichte. Band 1. München 1984. INFORMATIONSDIENST ZUR AUSLÄNDERARBEIT: Heft 3 (1990). INFORMATIONSDIENST ZUR AUSLÄNDERARBEIT: Migrantinnen und Kultur. 4 (1990).

129 INSTITUT FÜR AUSLANDSBEZIEHUNGEN (Hrsg.) Exotische Welten - Europäische Phantasien. Ausstellungskatalog. Stuttgart 1987. JÄSCHIKE, Gotthard: Die Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 und ihre Bedeutung für die Gegenwart. In: Die Welt als Geschichte. Eine Zeitschrift für Universalgeschichte. 13 (1953) 4, S. 210-220. JEISMANN, Karl-Ernst: Geschichtsbewußtsein. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. K. Bergmann. Düsseldorf 1985. S. 40-43. JONG DE, Jutta; STROHMEIER, Martin: Geschichte und Integration. Ein Vergleich der in türkischen, griechischen und deutschen Schulbüchern vermittelten Geschichtsbilder und ihre Auswirkungen auf die Integrationsbemühungen. In: Ausländerkinder, (1981) 7, S. 67-79. KIESEL, Doron u. a.: Fremdheit und Angst. Beiträge zum Verhältnis von Christentum und Islam. Frankfurt/ Main 1988. (= Arnoldsheimer Texte Band 53). KIPER, Hanna: Chancen und Grenzen interkultureller Erziehung in der Schule. In: Informationen zur Ausländerarbeit. (1990) 3, S. 49-56. KLOCKOW, Reinhard: Georg von Ungarn und die verführerische Vorbildlichkeit der Türken. In: Lesebuch zur Ausstellung: Europa und der Orient. Hrsg.: G. Sievernich Berlin 1989. S. 43-47. KNAPPE, Emil: Die Geschichte der Türkenpredigt in Wien. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte einer Stadt während der Türkenzeit. Wien, Universität, Philos. Fak., Diss. 1949. KNIPP, Christopher: Types of Orientalism in Eighteen - Century England. California, Berkeley 1974. KÖHLER, Manfred: Melanchthon und der Islam. Ein Beitrag zur Klärung des Verhältnisses zwischen Christentum und Fremdreligion in der Reformationszeit. Leipzig 1938. KÖHLER, Otto: Mit Maria im kämpferischen Bunde. Die Zeit. 52 vom 21. 12. 1990. S. 12. KRUSCHE, Dietrich: Utopie und Allotopie. Zur Geschichte des Motivs der außereuropäischen Fremde in der Literatur. In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache, (1986) 11, S. 131-157. KÜPPER Dr., Heinz: Handliches Wörterbuch der deutschen Alltagssprache. Hamburg 1. Aufl. 1968. LAURIEN, Hanna-Renate: Möglichkeiten und Grenzen kultureller Integration. Erfahrungen und Perspektiven aus kulturpolitischer Sicht. In: Die fremden Mitbürger. Hrsg.: H. Esser. Düsseldorf 1983. S. 39-52.

130 LILIENCRON VON, Rochus: Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert. Band 1-3 Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1867 Hildesheim 1966. LIND, Richard: Luthers Stellung zum Kreuz- und Türkenkrieg. Gießen 1940. LOIDL, Franz: Abraham a Sancta Clara als Vorkämpfer für deutsche Art wider Türken und Fremdländerei. In: Unsere Heimat. Organ des Vereins für Landeskunde von Niederdonau und Wien. Wien 1941. 14 (1941) 1/2; 3/4, S. 2-16; S. 45-55. LUTZ, Helma: Orientalische Weiblichkeit. Das Bild der Türkin in der Literatur konfrontiert mit Selbstbildern. In: Informationsdienst zur Ausländerarbeit (1989) 4, S. 33-38. MACZAK, Antoni; TEUTEBERG, Jürgen: Reiseberichte als Quellen europäischer Kulturgeschichte. Aufgaben und Möglichkeiten der historischen Reiseforschung. Wolfenbüttel 1982. (= Wolfenbütteler Forschungen. Band 21). MAGILL, Daniela: Literarische Reise in die Fremde. Topoi der Darstellung von Eigen- und Fremdkultur. Frankfurt 1989. MATUZ, Josef: Das osmanische Reich. Grundlinien seiner Entwicklung. Darmstadt 1985. MAYER, Hans-Eberhard: Ursachen und Wirkungen der Kreuzzüge. In: Islam und Abendland. Geschichte und Gegenwart. Hrsg.: A. Mercier. Bern und Frankfurt 1976. S. 87-110. MAYR, L.: Der Türk im Allgäu. In: Das schöne Allgäu. o. O., (1941) 2, S. 911. MENGE, Paul: Die Türkenfrage bei Dürer, Sachs und Luther im Deutschunterricht der Prima. In: "Socrates" (1916) 70, S. 198-208. MERCIER, Andre (Hrsg.): Islam und das Abendland. Geschichte und Gegenwart. Bern und Frankfurt 1976. (= Universität Bern. Kulturhistorische Vorlesungen.) MIHCIYAZGAN, Ursula: Die muslemische Frau und ihre Rolle in der Familie. In: Via Magazin, (1991). MITTERWIESER, A.: Türkentaufen in Bayern. Literarische Beilage zum Klerusblatt. Eichstätt, 5 (1929). MONTAGU, Mary Wortley: Briefe der Lady Marie Worthley Montagu während ihrer Reisen in Europa, Asia und Afrika an Personen vom Stande, Gelehrte und in verschiedenen Theilen von Europa geschrieben welche außer andern Merkwürdigkeiten Nachrichten von der Staatsverfassung und den Sitten der Türken enthalten; aus Quellen ge-

131 schöpft, die für andere Reisende unzugänglich gewesen. Leipzig 1763. ÖNEN, Yasar: Das Bild der Türkei in Deutschen Reisebeschreibungen des 16. Jahrhunderts. In: Geistesgeschichtliche Perspektiven. Rückblick Augenblick - Ausblick. Festgabe für Rudolf Fahrner zu seinem 65. Geburtstag. Hrsg.: G. Grossklaus. Bonn 1969. S. 129-147. ÖZYURT, Senol: Die Türkenlieder und das Türkenbild in der deutschen Volksüberlieferung vom 16. - bis zum 20. Jahrhundert. München 1972. PAHLEN, Kurt (Hrsg.): Wolfgang Amadeus Mozart. Die Entführung aus dem Serail. München 1980. PANDEL, Hans-Jürgen: Geschichte im Unterricht. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 407-4415. PANDEL, Hans-Jürgen: Quellenarbeit und Quelleninterpretation. In: K. Bergmann. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 475-480. PERTUSI, Agostino (Hrsg.): Venezia E L`Orienta. Fra Tardo Mediovo E Rinascimento. Venezia 1966. PFEFFERMANN, Hans: Die Zusammenarbeit der Rennaissancepäpste mit den Türken. Mondial Verlag AG. Winterthur 1946. PFEILER, Hasso: Das Türkenbild in den deutschen Chroniken des 15. Jahrhunderts. Frankfurt am Main, Universität, Philos. Fak., Diss. 1956. PFISTER, Rudolf: Das Türkenbüchlein Biblianders. In: Theologische Zeitschrift. Basel 1953. S. 438-454. PFISTER, Rudolf: Reformation, Türken und Islam. In: ZWINGLIANA. Beiträge zur Geschichte Zwinglis/ der Reformation und des Protestantismus in der Schweiz. Zürich Band X. (1952) 6, S. 345-375. PIRENNE, Henri: Geschichte Europas. Von der Völkerwanderung bis zur Reformation. Neubearbeitete ungekürzte Ausgabe. Frankfurt 1983. PREIBISCH, Walter: Quellenstudien zu Mozarts "Entführung aus dem Serail". Ein Beitrag zur Geschichte der Türkenoper. In: Sammelbänder der internationalen Musikgesellschaft, o. O. (1908-1909) 10, S. 430-476. REICH, Hans H.: Europäische Modellversuche mit Migrantenkindern. Ergebnisse einer vergleichenden Evaluation. In: Deutsch lernen. Zeitschrift für den Sprachunterricht mit ausländischen Arbeitnehmern. Baltmannsweiler, 15 (1990) 1, S. 3-25.

132 REICH, Hans H.: Zum Unterricht in Deutsch als Fremdsprache. In: Unterricht mit ausländische Kindern. Hrsg.: M. Hohmann. Düsseldorf 1978. S. 149-185. REICHEL, Friedrich: Die Türkenmode in der sächsischen Kunst. In: Beiträge der staatlichen Kunstsammlung. Dresden 1972-1975. S. 143-155. RODINSON, Maxime: Das Bild im Westen und westliche Islamstudien. In: Das Vermächtnis des Islam. Hrsg.: J. Schacht; C. E. Bosworth. München: dtv 1983 Band 1. S. 23-83. ROLOFF, Gustav: Die Entscheidung im Kampfe zwischen Orient und Occident. In: Die Welt als Geschichte. Eine Zeitschrift für Universalgeschichte. Stuttgart, 5 (1939). S. 320-330. ROUILLARD, Clarence Dana: The Turk in French History, Thougt and Literature (1520-1660). Paris 1938. (= Etudes de Litterature Etrangere et comparee). SCHACHT, Joseph; BOSWORTH, C. E. (Hrsg.): Das Vermächtnis des Islam. Band 1 und Band 2. München: dtv 1983. SCHAEDER, H. H.: Die Orientforschung und das abendländische Geschichtsbild. In: Welt als Geschichte. o. O., 2 (1936) S. 377-396. SCHEINHARDT, Saliha: Zur Vermittlung nationaler Identität durch die türkischen Sozialkundebücher. In: Ausländerkinder, Baltmannsweiler, 7 (1981). S. 80-90). SCHMID, Hans Dieter: Vorurteile und Feindbilder. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S, 287-291. SCHMID, Hans-Dieter: Historisches Lernen in der Grundschule. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 545-551. SCHMID, Heinz Dieter u. a.: Fragen an die Geschichte. Band 1 und Band 2. Frankfurt 1983. SCHNEIDER, Gerhard: Geschichtsunterricht als Institution. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann. 3. völlig überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 529-537. SCHOLTZE, A.: Die orientalische Frage in der öffentlichen Meinung des 16. Jahrhunderts. Beilage zum Osterprogramm der Realschule Frankenberg/ Sa. 1880. SCHÖRKEN, Rolf: Geschichtsunterricht in einer kleiner werdenden Welt. In: Handbuch der Geschichtsdidaktik. Hrsg.: K. Bergmann. 3. völlig

133 überarbeitete und bedeutend erweiterte Aufl. Düsseldorf 1985. S. 315-335. SCHREIBER, Georg: Das Türkenmotiv und das deutsche Volkstum. In: Volk und Volkstum. Jahrbuch für Volkskunde in Verbindung mit der Görres-Gesellschaft. München, 3 (1938). S. 9-54. SCHREIBER, Georg: Deutsche Türkennot in Westfalen. In: Westfälische Forschungen. Mitteilungen des Provinzialinstitutes für Westfälische Landes- und Volkskunde. Münster, Köln, 7 (1953-54). S. 62-80. SCHREIBER, Ulrich: Opernführer für Fortgeschrittene. Eine Geschichte des Musiktheaters von den Anfängen bis zur französischen Revolution. Kassel 1988. SCHULZE, Winfried: Reich und Türkengefahr im späten 16. Jahrhundert. Studien zu den politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen einer äußeren Bedrohung. München 1978. SCHWARZ, Klaus: Die Türken als Hoffnung der deutschen Protestanten zur Zeit des Interims. In: Europa und der Orient. o. O. o. J. S. 51-55. SCHWARZ, Klaus: Zu den früheren Beziehungen Brandenburg-Preußens zu Türken und Tartaren. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Berlin, 24 (1988). S. 151-173. SCHWEIGGER, Salomon: Zum Hofe des türkischen Sultans. Bearbeitet und herausgegeben von H. Stein: Leipzig 1986. STEIN, Heidi: Zum deutschen Orientbild im 16. Jahrhundert. In: Mitteilungen aus dem Museum für Völkerkunde. Leipzig, 50 (1985). S. 20-26. TÜRKISCHE KUNST UND KULTUR AUS OSMANISCHER ZEIT Ausstellungskatalog. Recklinghausen 1985. TÜRKISCHE KUNST UND KULTUR AUS OSMANISCHER ZEIT: Ausstellungskatalog. Recklinghausen 1985. VAUDOYER, Jean-Louis: L`Orientalisme en Europe au 18e siecle. In: Gazette des Beaux Arts. o. O. Periode 4, 6 (1911) S. 89-102. VIELAU, Helmut-Wolfhardt: Luther und der Türke. Göttingen, Universität, Diss. 1936. WIERLACHER, Alois u. a. (Hrsg.): Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache. München, 11 (1986). WILMS, Heinz: Deutsch als Zweitsprache - Grenzen des Sprachunterrichts. In: Deutsch lernen. Mainz, 4 (1984). S. 10-26. WIR ERLEBEN DIE GESCHICHTE. Band 1. München 1976.

134 WOHLWILL, Adolf: Deutschland, der Islam und die Türkei. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte. Leipzig, Wien, 22 (1918) 1, S. 121. WOHLWILL, Adolf: Deutschland, der Islam und die Türkei. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte. Leipzig, Wien, 22 (1918), 2, S. 225-263. WOLFF, Hellmuth Christian: Oper. Szene und Darstellung von 1600 bis 1900. Leipzig o. J. WOLFF, Helmut Christian: Geschichte der komischen Oper von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wilhelmshaven, Locarno, Amsterdam 1981. WOLKAM, R.: Zu den Türkenliedern des XVI. Jahrhunderts. In: Festschrift zum VII. allgemeinen deutschen Neuphilologentag in Wien. Wien, Leipzig 1898. WUTHENOW, Ralph-Rainer: Die erfahrene Welt. Europäische Reiseliteratur im Zeitalter der Aufklärung. Frankfurt 1980. ZUBER, Karl-Heinz (Hrsg.): bsv Geschichte 1N Band 1-2. o. O. 1986.

Anhang

I Predigt des Abtes Cölestin "Bekanntlich schreibt sich das dreymalige Gebetläuten, wie wir es nennen, von jenen traurigen Zeiten des 15. Jahrhunderts her, in denen die ganze Christenheit von den feindlichen Anfällen der Türkischen Macht alles zu fürchten hatte. Man war eben damals in den gefährlichsten Krieg mit den Mohametanern verwickelt, und weil man bereits an aller Rettung durch Menschen verzweifelte, so war keine andere Hoffnung zum Siege mehr, als die Zuflucht und das Vertrauen zum Gebethe. Daher befahl im Jahre 1456 der ehemalige Papst Calixtus der dritte dieses Namens, täglich um Mittagszeit in allen Kirchen mit der Glocke ein Zeichen zu geben, wobey alle Christen auf den Knien liegend, die göttliche Hülfe um Glück für die christliche Armee durch die Fürbitte der Himmelskönigin anzuflehen hatten. Nachdem nun bald darauf in Belgrad bei Ungarn einer der herrlichsten und entscheidensten Siege, und zwar mit der größten Niederlage der Türken erfochten wurde, gieng man theils aus Dankbarkeit für diese außerordentliche Wohltat, theils aus frommen Absichten so weit, nicht nur um Mittagszeit, sondern auch in der Frühe und Abends jenes Glockenzeichen zur Anbethung des englischen Grußes allgemein einzuführen." (Vgl. Schreiber, 38:31)

II Lied und Gebet anläßlich der Schlacht von Lepanto "Ir Christen schawt die grosse not/ Wie straffet vnser Herre Gott. Wil vns reitzen zur Busse nun/ Das wir vns sollen bessern thun. Mit vnserm Nachbauren tragen leid/ Aber es geht vns dise zeit. Wenn man vns lang saget durch auß/ Zu eim Ohr ein/ zum andern auß. So rochloß wir Christen jetzt sein/

136 Ein ander achten wie hund vnd schwein. Wie vil tausent in Wassersnot/ Wie vil durch Erdbidem sein Todt. Wie vil Tausent der Türck bringt vmb/ Auch fürt er weg ein grosse Summ. Noch sein wir schier on all sorgen/ Ich glaub wenn man wüst das morgen Der Türck kem warhafftig rein/ Noch müsten wir gutter ding sein, Kurtzweilen/ spilen/ sauffen vnd fressen. Vnsers Nechsten gar vergessen. Darbey Sacramenten und schelten/ Ja solt der Metzen drey Taler gelten. So gar gering setzen wirs hinein/ Vnd wöllen danoch gute Christen sein." (Schreiber, 38:33f) Allmechtiger Barmhertiger Vatter/ Wir klagen dir von Hertzen/ all vnser anligen/ Laibs vnd Seelen halb/ Nemlich/ daß wir auß vnglauben/ vil vnd schwerlich gesündigt haben/ darzu aber alle andere laster/ vnd boßheit/ dein Heiliges Wort/ daß du vns zur Ertzney/ vnd besserung/ so gnedigklich zugeschickt hast/ auß grosser vndanckbarkeit mutwilliglich versaumpt/ veracht vnd verlestert haben/ darumb wir denn deinen zorn vnd straff/ vilfeltigklich/ vber vns verdienet haben/ wie du diser zeit/ etlicher maß hast sehen lassen/ vnd noch vor augen ist. Dieweil du aber nit wilt den Tod deß Sünders/ sondern das er sich bekere/ vnd Selig werde/ so hastu dein Eingebornen Son/ vnsern Herrn Jhesum Christum vndter vns Predigen lassen/ ja auch mitten im leiden/ vnd in allen Sünden/ lest vns nicht stecken/ sondern für vnd für/ wirdt vns diser Christus/ als vnser einiger Nothelffer/ vn Heilandt/ erlöser vn erretter/ thewlich fürgetrage/ das er vus denn zorn abtrag/ vnser Sünd hinlege (...)" (ebda)

III Fingiertes Gebet der Türken "Du Gott über alle Dinge und aller Grenzen und du göttlicher Prophet Mahomet! Wiewol wir uns vor den Christen, die an ihren toten Gott glauben, und daher sich unter sich selbsten wie die Hunde beißen, gar nicht zu fürchten haben, wir auch über dieses durch deinen Willen und durch deine vorigen Thaten an Stärke und Mächten ihnen weit überlegen seyn, so bitten wir dich doch, du wollest deinen unüberwindlichen Arm zu uns ausstrecken und deine Feinde ganz schnell umbringen und ihre Waffen zubrechen. O laß das törichte Volk wie die tollen Hunde werden, daß sie bald hinfallen; gib sie in unsere Hände, welches wir lang gewünscht haben, so können wir dein unver-

137 gängliches Reich ausbreiten, deine uns verliehene Crone köstlicher machen, und deine Kirche zu Mecka mit Darbringung vieler Christen Köpfe, als einem dir angenehmen Opfer zieren und schmücken. O blase uns wie der Wind in ihr Land, und lasse sie vor uns wie kleine Stäublein sein, wirf Feuer unter sie, daß sie verbrennen, blase Staub in ihre Gesichter, daß sie blind werden, friß sie ganz auf in deinem Zorn, zerknirsche mit deinen Zähnen ihre Gebeine, trinke ihr Blut und koste ihr Fleisch auf deiner Erden. Dann sie verachten das Opfer deiner Beschneidung, hängen sich an ein Creutz, und lassen sich wie tolle Leute mit Wasser begießen zu ihrem Namen. Sie haben Götter, die sie alle selbst nicht kennen, und schreiben Gott ein Sohn ohn eine Mutter zu. Derowegen lasse doch ihren Untergang bald erfolgen, und dulde ihre Unsinnigkeit nicht läger auf Erden, damit du nicht mehr Spott von ihnen halben dörfest." (Cosack, 1871: 195f)

IV Instruktionen des päpstlichen Gesandten "Da Wir nun Widerstand leisten werden und Uns gegen die Übermacht des Königs von Frankreich verteidigen müssen, wollen Wir nichts unversucht lassen und Uns gut Vorbereiten. Da Wir das bereits getan haben und es notwendig ist, sehr große Ausgaben zu machen, sind Wir gezwungen, Uns um Hilfe an den obengenannten Sultan Bajazet zu wenden, voll Vertrauen auf Unsere gegenseitige Freundschaft, damit Er Uns in einer solchen Notlage helfe. Du (der Legate) sollst ihn bitten, Ihn in Unserem Namen ermahnen und Ihm mit aller Dringlichkeit zureden, Uns so schnell wie mölich 40.000 venezianische Golddukaten für die Rüstungen des gegenwärtigen Jahres senden zu wollen, welches am letzten Tag des kommenden Monats November enden wird (das Vertragsjahr), auf daß Wir Unsere Kosten rechtzeitig bestreiten können. Dann wird Uns Seine Majestät einen großen Gefallen erweisen, wenngleich Wir ihm auch im gegenwärtigen Moment keine Last auferlegen wollten. Und so werden Wir Ihn über Unsere Kräfte und Anstrengungen für den Widerstand informieren, die darauf ausgehen, daß besagter König von Frankreich über Uns und gegen Bruder Seiner Majestät keinen Sieg davontrage. Derselbe König von Frankreich aber ist Uns zu Wasser und zu Lande weit überlegen, und wir entbehren die Hilfe der Venezianer, die sich weigern, Uns zu Hilfe zu kommen, dagegen in engster Verbindung mit Unseren Feinden stehen, Und Wir vermuten, daß sie Uns feindlich gesinnt sind, was für Uns von großem Schaden wäre. Und so haben Wir keinen anderen Weg gefunden, sie auf Unsere Seite zu ziehen, als durch die Vermittlung desselben Türken, dem Du wie oben gesagt, davon Mitteilung machen wirst. Daß ferner wenn die Franzo-

138 sen siegreich wären, für Seine Majestät Großes auf dem Spiel stehen würde, einerseits wegen der Entführung seines Bruders Dschen, andererseits, weil sie den Feldzug mit weit größerer Energie gegen Seine Hoheit weiterführen würden. Und sie könnten auf Hilfe von den Spaniern, den Engländern, Maximilian und Ungarn, Polen und Böhmen rechnen, deren Herrscher alle sehr mächtige Fürsten sind - die zu informieren Wir aufgrund gegenseitiger wahrer und guter Freundschaft Wert legen und auch, damit sie keinen Schaden erleide - veranlassen und auffordern, sofort einen Gesandten der Signorioa der Venezianer zu schicken mit der Mitteilung, daß der König von Frankreich sich anschickt, nach Rom zu kommen, um seinen Bruder Sultan Dschem gefangen zu nehmen, gegen das Königreich Neapel und endlich zu Wasser und zu Lande gegen Ihn selbst vorzugehen(...)" (Pfeffermann, 46:101ff)

V Kentaurenkampf Während sich zwei Kentauren, gemeint sind zwei türkische Vasallen, einen blutigen Kampf liefern, erscheint ein brennender Komet am Himmel, dessen Schweif gespalten ist, Sinnbild des Kaisers über Ost und West, und eine Schar von Vögeln, worunter die christliche Armee zu verstehen war, die den Kentauren vernichten. Nach Beendigung des Kampfes taucht vor dem Sultan ein Drache auf, der ihm zwar die Füße leckt, dann aber kommen Vipern (Barbarossa und seine Schiffe) aus dessen Nase. Die Vipern verjagen die Schlangen aus einer Höhle, was den Triumph über den König von Tunis symbolisiert. Die letzten Schlangen werden von Löwen, christlichen Kriegern, die aus einer Quelle, dem Sinnbild der christlichen Taufe, auftauchen geschlagen. Der Sultan will zwar dem Kentauren helfen, wird aber von einem Adler, dem Kaiser, gepackt und in ein Boot, Symbol des christlichen Glaubens verfrachtet, wo er die Taufe erhält. Als die beiden am Ufer ankommen, führen sieben weißgekleidete Frauen, die sieben Tugenden, einen Schimmel, der das Neue Testament symbolisiert. Der Sultan besteigt das Pferd und trabt davon, während der Priester und die Frauen Hymnen singen und Blumen streuen. (Rouillard, 38:407ff)

139 VI Bibelzitat Luthers "(...) die Schrifft weissagt uns von zweyen grausamen Tyrannen, welche sollen für dem jüngsten Tage die Christenheit verwüsten und zerstören, Einer geistlich mit listen odder falschem Gottes dienst und lere widder den rechten Christlichen glauben und Euangelion... Das ist der Babst mit seinem babstum... Der ander mit dem schwerd leiblich und eußerlich auffs grewlichst... das ist der Türcke. (...) Luther gibt folgende Bibelstellen als Beleg an: Daniel 11, 36g. und 2. Thess. 2,3; Daniel 7, 25 und Matth. 24, 21. (Vgl. Luther, zit. n. Pfister, 56: 362)

140 VII Titelblatt der Taufeintragung eines Janitscharenhauptmannes

Druckschrift zur Taufe des Janitscharenhauptmanns Hussin in Rückersdorf 1.5.1694 (Titelblatt) Quelle: Stadtbibl. Nürnberg Will II.1230

141

142

143

144

145

146

147

148

IX

Liste der Türkenopern

Auflistung der Türkenopern im Jahr der Uraufführung Name

Ort

Jahr

Mahomet (Henslowes` company)

England

1594

The Turk (John Mason)

England

1610

Il Solimani (Bonarelli)

Florenz

1619

The Turkish Mahomet and Hiren the Faire Greek (G. Peele)

England

1627

Bourgois gentilhomme (Moliere)

Frankreich

1670

Kara Mustapha (?)

?

1689

Bajazed (Ziani)

Venedig

1689

Il gran Tamerlano (Scarlatti)

Pratolini

1706

Tamerlano, Tragedia per Musica (Gasparini)

Venedig Udine Massa Venedig

1710 1716 1717 1719 u. 1723

149 Bajazetto Tamerlano (Leo)

?

1722

Tamerlan (Händel)

London

1724

Adelheid von Veltheim (?)

Paris

1726

Selim gran signor dei Turchi (Lucchini)

Venedig

1730

Tamerlan (Porpora)

Dresden

1730

The Christian Hero (Lillo)

?

1735

Tamerlan (Vivaldi)

Verona

1735

Tamerlan (Bernasconi)

Venedig

1742

La Finta Schiava (Silvani)

Venedig

1744

Türkische Lustbarkeit (?)

Hamburg

1749

Soliman (Hasse)

Venedig

1753

Bajazet (Jomelli)

Turin

1753

Bajazette (Cocchi)

San Samuelo

1754

Der großmütige Türke (Hilverding)

Wien

1758

Le Cadi dupe (Lemonier)

?

1761

150 Soliman (Schwanberger)

Braunschweig

1762

Bajazette (Sarti)

Kopenhagen

1764

La rencontre imrevu ou les pelerins de Mecque (Des Dancourt)

Wien

1764

Bajazette (Guglielmi)

San Salvatore

1765

Soliman (Sciroli)

Venedig

1766

Soliman (Perez)

?

1768

Schiava Liberata (Martinelle)

?

1768

The captive

London

1769

Soliman II (Sarti)

Kopenhagen

1779

Der Kaufmann von Smyrna (Vogler)

Mannheim

1771

Soliman (Naumann)

Venedig

1773

Der Kaufmann von Smyrna (Stegmann)

?

1773

Impressario di Smirna (Goldoni)

?

1775

Der Eremit von Formentera (Wolf)

Weimar

1775

Der Bassa von Tunis oder Julie (Henisch)

?

1775

151 Der Kaufmann von Smyrna (Holly)

?

1775

Das Grab des Mufti (Halbe)

?

1777

Schiava liberata (Schuster)

?

1777

Das tartarische Gesetz (Andre)

Berlin Mannheim

1779 1814 vier*

Hamburg Hanau Weimar

1780, 1781 1781 1786

Zaide (Mozart)

kam nicht zur Aufführung

geschr. 1779

Eine unverhoffte Begegnung oder die Pilger von Mekka (?)

Wien

1781

Die Entführung (Bretzner)

?

1781

Die Entführung aus dem Serail (Mozart)

Wien

1782

Der betrogene Cadi (Andre)

Berlin

1783

Soliman II oder die drei Sultaninnen (Kraus)

Stockholm1

1789

Abu Hassan (C.M. von Weber)

München

1811

Der Türke in Italien (Rossini)

Mailand

1814

Die Tochter des Pascha (Heisse)

Kopenhagen

1869

1

Die Oper wurde bis 1817 31 Mal gespielt und 1986 neuaufgenommen.

152 Die Rose von Stambul2 (Brammer u. Grünwald)

Wien

1916

Zusammengestellt aus: BERTELE, Antonio u.a.: Oper: eine illustrierte Darstellung der Oper von 1597 bis zur Gegenwart.Wiesbaden 1881. PREIBISCH, Walter: Quellenstudien zu Mozarts Entführung aus dem Serail.o.O.1908. DONTSCHEWA, Bistra: Der Türke im Spiegelbild der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. München 1944. GREGOR, Joseph: Kulturgeschichte der Oper ihre Verbindung mit dem Leben den Werken des Geistes und der Politik. Zürich 1941. SCHREIBER, Ulrich: Opernführer für Fortgeschrittene eine Geschichte des Musiktheaters von den Anfängen bis zur französischen Revolution. Kassel 1988. WOLFF, Hellmuth Christian: Geschichte der komischen Oper von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wilhelmshaven, Locarno, Amsterdam 1981.

X Das Bild anderer Völker im Unterricht GÖPFERT stützt seine Behauptung auf seine Untersuchung von Geschichtsbüchern, in denen regelmäßig über die Kulturen des Zweistromlandes, die Griechen, die Römer hin zu den Deutschen geführt wird. "Römer, Ägypter und Griechen" stellen im weiteren Verlauf des Unterrichtes keine eigen Lerneinheit mehr dar. (Vgl. Göllner, 85)

2

Dieses Stück vermerkte drei Jahre lang die höchsten Besucher/innen zahlen.

Schlußfolgerung

Die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Türken/innen begann weder mit der Arbeitsmigration 1961, noch mit der deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft des Ersten Weltkrieges. Auch der Bau der Bagdadbahn im 19. Jahrhundert und die unter preußischer Leitung durchgeführten Heeresreformen der türkischen Armee stellen nicht den Beginn der beiderseitigen Beziehungen dar. Eine über 500jährige Geschichte beider Völker hat ihre Spuren hinterlassen. Damals wurde ein Türken/innenbild geprägt, das bis in unsere Zeit hineinreicht. Ziel dieser Arbeit war es, mittels dreier Fragen, dieses Bild näher zu untersuchen. 1. Wer war an der Entstehung einer bestimmten Vorstellung über die Türken/innen interessiert? Die Arbeit versuchte zu zeigen, daß die Verbreitung eines negativen Türken/innenbildes im 15.-17. Jahrhundert ein von Adel und Klerus gesteuerter Prozeß war. Die Bevölkerung, die vor der "Anti-Türken-Propaganda" ein in manchem Bereich positives Bild des Osmanischen Reiches hatte (keine Fronarbeit, Religionsfreiheit), übernahm die negativen Türken/innenbilder der staatlichen und religiösen Propaganda. Bemerkenswert ist, daß die Verbreiter dieser Bilder mit dem "Todfeind" paktierten und Allianzen eingingen - in ihm also nicht den "Unhold" sahen, vor dem sie so lautstark warnten. 2. Wer war der Nutznießer dieser Bilder; welchen Zweck verfolgten sie? Durch die Hervorhebung eines äußeren Feindes konnten innenpolitische und religiöse Zwistigkeiten überdeckt werden. Im Gegensatz zu feindlichen Nachbarn des Deutschen Reiches (bsp. die Franzosen) konnten die muslemischen Türken auch als Glaubensfeinde hochstilisiert werden. Eine Bevölkerung, zusammengeschweißt durch Angst vor einer äußeren Bedrohung, war leichter kontrollierund lenkbar.

Das Bild der Türken/innen als militärische und religiöse Bedrohung wurde im gesamten Deutschen Reich verbreitet und grub sich tief in das Unterbewußtsein der Menschen ein. Dies führt unmittelbar zur letzten Frage: 3. Warum ändern sich die Bilder? Sie ändern sich nicht! Bei einem oberflächlichen Blick in die Literatur zum Thema Türken/innen des 18.-20. Jahrhunderts entsteht leicht der Eindruck, das negativ geprägte Türkenbild des 15.-17. Jahrhunderts wäre durch positive Bilder (man denke an die "Turquerien" in der Malerei - türkische Mode an den europäischen Königshöfen - türkische Folklore und Küche) ersetzt worden. Doch sind dies Äußerlichkeiten, die an dem Kern der negativ besetzten Bilder nichts änderten! Das Thema "Das musikalisch geprägte Türkenbild" verdeutlicht dies. Im 18. Jahrhundert erlebten die Türkenopern einen großen Aufschwung. Zahlreiche Werke erschienen immer wieder auf den Spielplänen. Die Vorliebe für das "türkische Sujet" änderte jedoch nichts an den negativen Bildern der Türken/innen, die in diesen Musikwerken vermittelt wurden. Hatte im 15.-17. Jahrhundert die Angst vor den grausamen Barbaren lähmend gewirkt, amüsierte man sich nun über die (immer noch) grausamen Barbaren. Das Ende der militärischen Bedrohung Europas durch die Türken 1683 hatte zwar dazu geführt, daß die Angst der Deutschen nachließ, doch begann sich nun ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den "Barbaren" einzustellen. Diese waren zwar nach wie vor brutal und grausam, ihnen wurden jedoch durch die (militärische) Überlegenheit Europas Schranken gesetzt. In den Türkenliedern ist erkennbar, wie sich der Name "Türke" mit der Zeit verselbständigt und als Synonym für Brutalität und Grausamkeit benutzt wird. "Grausam wie der Türke", "hausen wie die Türken" werden zu feststehenden Ausdrücken. Der Türke als Symbol der Bedrohung - bis ins 20. Jahrhundert blieb diese Symbolik erhalten: 938 entwarf Hans ANDRE im Auftrag der deutsch-faschistischen Regierung ein Bronzerelief zu dem Thema: "Kampf des Deutschtums gegen den Osten". Dieses Relief sollte auf dem Kahlenberg bei Wien

(Niederlage der Türken 1683) aufgestellt werden. Die Spitze der türkischen (!) Fahne trug einen Davidstern.Türken und Juden als Bedrohung der Deutschen wurden somit gleichgesetzt! (vgl. Ausstkat., 87:123) Wenn in Europa der Feind symbolisiert werden sollte, dann wählte man zur Versinnbildlichung der Gefahr den Türken. Auch die holländische Resistance bediente sich der Türken, diesmal jedoch, um die faschistische Gefahr zu symbolisieren. 1941 erschien der "Zweite Türkenkalender"* in Groningen, in dem unter dem Deckmantel der Türkengefahr vor den deutschen Faschisten gewarnt wurde. (vgl. ebda) Faschisten/innen und Widerstandskämpfer/innen zweier Länder, Angehörige unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, verwendeten unabhängig voneinander das gleiche Symbol - den Türken zur Versinnbildlichung von Gefahr und Bedrohung! Für Resistance und Faschismus war das Sinnbild der Türken gleichbedeutend mit einer real existierenden bzw. zu Propagandazwecken erfundenen Gefahr! (vgl. ebda) Türken/innen, das waren und sind aber auch Exoten/innen. Der Orient verkörperte ab dem späten 19. Jahrhundert auch ein Paradies für den Spießbürger (Haremsphantasien). Schon sehr früh (Ende des 19. Jahrhunderts) wurde die Werbung darauf aufmerksam. Die Vermarktung der Türken/innen als folkloristische Bereicherung von Stadtteilfesten, IG-Metallveranstaltungen; türkische Küche als exotischer Tupfer in der deutschen Alltagskost, setzt sich bis heute fort. Leider war es mir im Rahmen einer Diplomarbeit nicht möglich, eine Analyse der Türkenbilder in allen Bereichen durchzuführen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Was muß z.B. getan werden, um solchen kollektiven, unterbewußten Vorurteilen entgegenzuwirken? Ich bin der Meinung, daß die vergessene 500jährige Geschichte von Deutschen und Türken/innen wieder ins Bewußtsein beider Völker gerückt und verarbeitet werden muß. Diese Arbeit sollte einen ersten Beitrag dazu leisten.

*

Der "Erste Türkenkalender" war 1454 von Johannes Gutemberg als Warnung vor den Türken herausgegeben worden. (vgl.: Ausstkat., 87:123)