WACHStUM = WOHLStAND - Wachstum im Wandel

WACHStUM = WOHLStAND - Wachstum im Wandel

16 17 OrientierungsRahmen von Morgen schwendung und Luxus das Bürgerrecht erhalten. Bei allen Prognosen für die Welt von morgen ist davon auszuge...

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OrientierungsRahmen von Morgen

schwendung und Luxus das Bürgerrecht erhalten. Bei allen Prognosen für die Welt von morgen ist davon auszugehen, dass die Menschen in den reichen Nationen ihren Wohlstand für Eroberungen halten, die sie nicht mehr aus der Hand geben. Sie werden überzeugt bleiben, es sei die Aufgabe der Evolution, durch stetiges Wachstum den materiellen Wohlstand und die expressiven Privilegien zu globalisieren, die sie selbst genießen. Hiergegen wenden die Verfechter der neuen Bescheidenheit ein, den Wohlhabenden von heute werde bald nichts anderes übrig bleiben, als sich den Tatsachen zu beugen. Hier kommt das Axiom ins Spiel, auf dem alle Grenzen-des-Wachtums-Argumente beruhen: Die Erde ist nur in einem einzigen Exemplar vorhanden – und doch leben die reichen Nationen heute bereits so, als ob sie anderthalb Erden ausbeuten dürften. Sollte ihr Lebensstil auf alle Mitbewohner des Planeten ausgeweitet werden, müssten der Menschheit nicht weniger als vier Erden zur Verfügung stehen. Da aber die Erde eine einzige Monade darstellt, müssen wir den Vorrang der Grenze vor dem Impuls zur Überschreitung akzeptieren. Fürs Erste scheint dieses Argument unwiderlegbar. Solange man die Erde als eine unvermehrbare Singularität auffasst, muss das ausbeuterische Verhalten der modernen Komfortzivilisation als unverzeihliche Irrationalität erscheinen. Der Umgang der Menschen mit ihrem Planeten gleicht dann einem Katastrophenfilm, in dem rivalisierende Mafiagruppen sich an Bord eines Flugzeugs in 12 000 Meter Höhe ein Feuergefecht mit großkalibrigen Waffen liefern. Gleichwohl ist es legitim, die Frage aufzuwerfen, ob wir aus der monadologischen Deutung der Erde die angemessenen Konsequenzen ziehen. Verstehen wir denn unsere Lage richtig, wenn wir den Planeten und seine Biosphäre als ein unüberschreitbares Fixum auffassen? Wir sollten bedenken: Wir haben es nicht mehr allein mit dem kosmologischen Urdatum Erde und dem evolutionären Urphänomen Leben zu tun. Zu diesen Basisgrößen ist im Lauf der sozialen Evolution die Technosphäre hinzugetreten, die ihrerseits von einer Noosphäre 2 animiert und moderiert wird. Im Blick auf diese beiden Zuwachs-Dimensionen sind wir berechtigt, den Satz Spinozas: Bisher habe noch niemand bestimmt, was der Körper vermag – der sich auf den menschlichen Körper bezieht –, auf die Erde zu übertragen: Bisher hat noch niemand bestimmt, was der Erdkörper vermag. Wir wissen noch nicht, welche Entwicklungen möglich werden, wenn Geosphäre und Biosphäre durch eine intelligente Technosphäre und Noosphäre weiterentwickelt werden. Es ist nicht a priori ausgeschlossen, dass hierdurch Effekte auftreten, die einer Multiplikation der Erde gleichkommen.

Die Technik hat ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. Vor einiger Zeit wurde der Vorschlag gemacht, zwischen Heterotechnik und Homöotechnik zu unterscheiden – wobei die erste auf Prozeduren der Naturvergewaltigung und Überlistung beruht, die zweite auf Naturnachahmung und der Fortführung natürlicher Produktionsprinzipien auf artifizieller Ebene. Durch die Umrüstung der Technosphäre auf homöotechnische und biomimetische Standards würde mit der Zeit ein völlig anderes Bild vom Zusammenspiel zwischen Umwelt und Technik entstehen. Wir würden erfahren, was der Erdkörper kann, sobald die Menschen im Umgang mit ihm von Ausbeutung auf Koproduktion umstellen. Auf dem Weg der bloßen Ausbeutung bleibt die Erde für alle Zeit die begrenzte Monade. Auf dem Weg der Koproduktion zwischen Natur und Technik könnte sie ein Hybridplanet werden, auf dem mehr möglich sein wird. Analoge Ideen haben die kreativeren Köpfe der Öko-Bewegung Welt hervorgebracht. Sie haben uns vorgerechnet, wie man bei einer Halbierung des Ressourcenverbrauchs eine Verdoppelung des Wohlstands erzielt. In die gleiche Richtung zielt eine erratische Bemerkung Buckminster Fullers, die eine Brücke schlägt zwischen der wunderbaren Vermehrung der Brote im Neuen Testament und der metaphysisch gedeuteten Geschichte der Technik: « Durch die Anwendung der Hebelgesetze … ist es buchstäblich möglich ..., mehr mit weniger zu erreichen. Vielleicht war es diese intellektuelle Bereicherung … die Christus in der Bergpredigt lehren wollte, jener dunklen Geschichte von den Broten und den Fischen. » Der Schluss seiner Betriebsanleitung gehört folgerichtig einem Appell an das Ethos der Kreativität: « Planer, Architekten und Ingenieure, ergreift die Initiative. Arbeitet zusammen und versucht nicht, auf Kosten der anderen zu gewinnen. Jeder Erfolg dieser Art wird von kurzer Dauer sein. Das sind die synergetischen Gesetze, nach denen die Evolution verfährt und die sie uns klarzumachen versucht. Das sind keine vom Menschen gemachten Gesetze. Das sind die unendlich großzügigen Gesetze der intellektuellen Integrität, die das Universum regieren. » Man muss sich davor hüten, diese Aussagen auf die Naivität zu reduzieren, die sie enthalten. Sollte die große Autodidaktik so weit kommen, die Emissionen der Ignoranz in Grenzen zu halten: Es könnte dies nur geschehen dank der intellektuellen Integrität all derer, die heute die Verantwortung für ihr positives Wissen und ihre dunklen Prognosen übernehmen. 

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Wir veröffentlichen den gekürzten Text Wie groß ist ‹groß›?  mit der freundlichen Genehmigung des Autors. Der gesamte Text ist unter www.petersloterdijk.net einzusehen.

OrientierungsRahmen von Morgen

Wachstum = Wohlstand

Gefangen im Wachstumszwang?

Die Suche nach einem neuen Navigationssystem: Der Deutsche Bundestag hat eine EnqueteKommission zum Thema Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität eingerichtet

Von Kerst in Andreae und Hermann Ott

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2  Für den Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan ist die Noosphäre eine Art « kosmische Membran, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer verschiedenen Sinne rund um den Globus gelegt hat », also « ein technisches Gehirn für die Welt ».

ine grüne Idee! Ein Jahr lang haben wir Klinken geputzt und für unsere Idee geworben – mit Erfolg. Seit Anfang des Jahres hat der Deutsche Bundestag eine neue Enquete-Kommission « Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft ». Die Enquete-Kommission soll die gesellschaftliche Debatte darüber vorantreiben, wie globaler Wohlstand und soziale Gerechtigkeit mit den Grenzen eines endlichen Planeten vereinbar gemacht werden können. Es eilt! Die Menschheit lebt auf Kosten des Naturkapitals. Klimawandel, schwindende Artenvielfalt, rasante Flächenverluste und die Verknappung wichtiger Rohstoffe mindern die Lebenschancen künftiger Generationen. Und gleichzeitig muss es darum gehen, die Lebenschancen weltweit gerechter zu verteilen. Unsere Erde hat begrenzte Ressourcen, mit denen im Jahr 2050 mehr als 9 Milliarden Menschen mit Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Mobilität versorgt werden wollen.

Global betrachtet, treibt jedes Prozent mehr Wachstum die ökologische Zerstörung voran, jedes Prozent weniger Wachstum verringert die Chance für Millionen Menschen, der Armutsfalle zu entkommen. Die Enquete-Kommission soll Wege aus diesem Dilemma ausloten. Unsere hochentwickelte Industriegesellschaft muss hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Wie wir unser Wirtschaften, Arbeiten und Leben nachhaltig gestalten können – diese Frage muss aus der Nische, in der sie bislang diskutiert wird, herausgeführt und in der Mitte der Gesellschaft beantwortet werden. Deshalb ist es eine große Chance, dass in dieser Legislaturperiode 17 Bundestagsabgeordnete aus allen Fraktionen und 17 Sachverständige diskutieren werden, wie der Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft verändert werden kann und welche Handlungsempfehlungen sich daraus ergeben. Die Sitzungen der Kommission sind öffentlich, damit alle, die möchten, sich an der Diskussion beteiligen können. Die grüne Fraktion hat vier ordentliche Mitglieder, neben uns beiden auch Martin Jänicke, Gründungsdirektor des Forschungszentrums für Umweltpolitik an der FU Berlin, und Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts. Außerdem sind die grünen Nachhaltigkeitsexpertin Valerie Wilms und der Finanzexperte Thomas Gambke, beteiligt. Innerhalb der Kommission werden zeitversetzt fünf Projektgruppen arbeiten. Wir starten mit der Diskussion über den Stellenwert des Wachstums, über einen neuen Fortschrittsindikator und über die Möglich-

keiten der Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch. Nach einem Jahr folgen Projektgruppen zu Ordnungspolitik und Arbeitswelt, Konsumverhalten und Lebensstilen, die auch von Grüner Seite begleitet werden. Das BIP misst Wachstum, nicht Wohlstand!

Die Gleichung Wachstum gleich Wohlstand geht nicht mehr auf. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt, wenn eine Ölplattform brennt und die Aufräumarbeiten Milliarden kosten. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass Fischer ihre Arbeit verlieren und Natur zerstört wurde. Fehlerhafte Indikatoren lenken politisches Handeln in eine falsche Richtung. So jüngst geschehen bei den Konjunkturpaketen, wo Milliardensummen ohne ökologische Lenkungswirkung verbrannt wurden. Die Kommission soll einen neuen Fortschritts­indikator entwickeln, der auch ökologische und soziale Kriterien berücksichtigt. Herauskommen soll ein neues « Navigationssystem » für Politik und Gesellschaft, das – bildhaft gesprochen – nicht nur die Geschwindigkeit unseres Wachstums misst, sondern auch Drehzahl und Verbrauch. Der Green New Deal ist ein Teil der Lösung

Im Zentrum unserer Überlegungen steht die ökologische Modernisierung. Deshalb ist Hermann Ott der Vorsitzende der Projektgruppe 3, die sich mit Effizienzfragen und den Möglichkeiten der Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch

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OrientierungsRahmen von Morgen

Vom BIP bis zum Happy Planet Index Bislang wurde der Erfolg einer Gesellschaft über das BIP ( Bruttoinlandsprodukt ) gemessen. Jetzt sollen auch ökologische und soziale Kriterien berücksichtig werden. Neue Indikatoren kommen ins Gespräch, Ulrike Müller hat sie zusammengestellt.

HPI

NWI

Happy Planet Index

Nationaler Wohlfahrtsindex

Kombination von ökologischem Fußabdruck, Lebenserwartung und persönlichem Wohlbefinden. Erklärtes Ziel ist es aufzuzeigen, wie effizient die einzelnen Staaten die natürlichen Ressourcen für ein langes und glückliches Leben ihrer Bürger nutzen.

Wohlfahrtsindex für Deutschland, entwickelt im Auftrag des Umwelt­ bundesamtes. Beruht u. a. auf ISEW, enthält aber noch zusätzliche Variablen. Insgesamt sind es 21, u. a. Einkommensverteilung, privater Konsum, ökologische Kosten, Kosten für Gesundheit, Kriminalität oder Veränderungen der Kapitalbilanz.



beschäftigt. Wir wollen die Effizienzrevolution in der Wirtschaft beschleunigen und Wege für ein ressourcenleichtes Wirtschaften aufzeigen. Ob wir aber trotz Effizienzrevolution an ökologische Grenzen stoßen, wird die Analyse von « Rebound-Effekten »* und durch sie verursachte Systemverschiebungen zeigen. Sollte eine absolute technologische Entkopplung zwischen unserer Form des Wirtschaftens und des Naturverbrauchs nicht gelingen, müssen politische und gesellschaftliche Maßnahmen entwickelt werden, die den Ressourcenverbrauch verringern bei gleichzeitiger Bewahrung von Lebensqualität und sozialer Gerechtigkeit. Am Ende sollen Vorschläge für eine grüne Lebensweise stehen

HDI

Human Development Index Integrierter, nicht monetärer Indikator der UNO. Sein Wert liegt zwischen null ( g eringer Wohlstand ) und eins ( hoher Wohlstand ). Teil­ indikatoren, aus deren Durchschnitt der HDI berechnet wird, sind Lebensdauer, Bildungsstand und materieller Lebensstandard.

ISP

Indikatoren der EU-Nachhaltigkeitsstrategie Set von ökonomischen, ökologischen und sozialen Indikatoren, mit denen der Fortschritt im Hinblick auf die Ziele der EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung gemessen wird. Alle zwei Jahre veröffentlicht das Statistische Amt der EU die Ergebnisse in den sog. Fortschrittsberichten.

Index of Social Progress Integrierter, nicht monetärer Indikator, der insgesamt mehr als 40 Einzelindikatoren aus den Bereichen Bildung, Gesundheit, Status von Frauen, Militärausgaben, Wirtschaft und Einkommensverteilung, Bevölkerung, Umwelt, sozialer Zusammenhalt, kulturelle Vielfalt und Wohlfahrtsaufwendungen berücksichtigt.

Bruttonationalglück Bhutan Bhutan hat das « Bruttonationalglück » 2008 als Staatsziel in der Verfassung verankert. Es errechnet sich aus Indikatoren zu subjektivem Wohlbefinden, Bildung, Kultur, Gemeinschaftsleben, Ökologie, Gesundheit und Lebensstandard sowie dem Vertrauen in die Regierung und die Grundrechte.

Wir Grüne wollen in der Kommission konkrete Ergebnisse aushandeln und uns nicht allgemeine, erbauliche Vorträge anhören. Wir brauchen am Ende handfeste Vorschläge. Es geht um einen In­stru­men­ten­ kasten für den nachhaltigen Umbau unserer Gesellschaft, um neue Wege für nachhaltige Arbeits-, Lebens- und Konsumstile und damit um einen Orientierungsrahmen für eine neue Form des Wirtschaftens. 

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Indikatoren der StiglitzKommission Der Schlussbericht der von Sarkozy eingesetzten Kommission empfiehlt ein Set von sozialen und ökologischen Schlüsselindikatoren, um den immateriellen Wohlstand zu berechnen. Dabei soll auch die subjektive Bewertung der Lebensqualität erfasst werden. Als Ergänzung zum BIP sollen Zahlen zur Einkommensentwicklung, -verteilung und zur Haushaltsproduktion erhoben werden.

Kerstin Andreae  1999 – 2002 Gemeinderätin in Freiburg. Seit 2002 Bundestagsabgeordnete, wirtschaftspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion und Obfrau im Wirtschaftsausschuss   

Hermann E. Ott  Seit 2001 Direktor der Abteilung Klimapolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Seit 2009 Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90 / Die Grünen und Sprecher des Ausschusses Klimapolitik   

ISEW

Index of Sustainable Economic Welfare Ökologischer Fußabdruck Nachhaltigkeitsindikator, der den Aufwand für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, wozu auch die Entsorgung von Müll oder das Binden von CO2 zählt, in Hektar umrechnet.

Integrierter monetärer Indikator, der, wie das BIP, in Geldeinheiten berechnet wird. Hinzu kommen ökologische und soziale Variablen. So wirken z. B. der Wert von Hausarbeit und öffentliche Ausgaben für Gesundheit und Bildung wohlstandssteigernd, während der Abbau von Ressourcen als wohlstandsmindernd abgezogen wird.

 Rebound-Effekt bedeutet, dass Effizienzsteigerungen nicht zur Einsparung führen, sondern zu Mehrverbrauch. Ein Beispiel: die Energiesparlampen, die nun auch den vormals dunklen Garten beleuchten.

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OrientierungsRahmen von Morgen

Staatsziel:

das Gute Leben

Im Konzept des Buen Vivir, das in Ecuador und Bolivien in die Verfassung aufgenommen wurde, kommt dem Verhältnis zur Natur ein zentraler Stellenwert zu

Von Thomas Fatheuer

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o Armut herrscht, sind Umweltbelange zweitrangig – so die herrschende Vorstellung. Umso bemerkenswerter ist es, wenn im Süden, in den sogenannten Entwicklungsländern, die Suche nach Alternativen zum traditionellen Wachstumsmodell beginnt. So haben Ecuador und Bolivien in ihre neuen Verfassungen das Prinzip des Buen Vivir, des Guten Lebens, eingeführt. Dies steht in einem spezifischen sozialen Kontext – der Suche der « progressiven » Länder Südamerikas nach einer neuen politischen Agenda. Während Venezuelas Chavez einen dubiosen Sozialismus des 21. Jahrhunderts beschwört und Brasilien auf den bewährten Mix von Wachstum und Umverteilung setzt, betreten Bolivien und Ecuador mit der Suche nach dem Guten Leben als Verfassungsgrundsatz Neuland. In beiden Ländern hat eine lebhafte und kontroverse Debatte um das neue Konzept stattgefunden. In den Andenstaaten berufen sich die politischen Kräfte, die die Verfassungen gestaltet haben, auf die indigenen Traditionen der Region. Sumak Kawasay lautet das Quechua-Wort, das mit Buen Vivir ins Spanische übersetzt worden ist. Das Konzept zielt auf einen Gleichgewichtszustand, auf eine Harmonie mit

der Natur. Es stellt damit eine Abkehr dar von der Idee eines endlosen Wachstums, von der Vorstellung von Entwicklung als « Immer mehr ». Für einen der wichtigsten Theoretiker des Buen Vivir, den ehemaligen Bergbauminister und Vorsitzenden der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors, Alberto Acosta, hat das Konzept seine Wurzeln zwar in der indigenen andinen Tradition, es verbindet sich aber mühelos mit den Ideen von Aristoteles und der ökologischen Wachstumskritik. « Nach der Philosophie des Buen Vivir ist es notwendig, traditionelle Entwicklungskonzepte zu hinterfragen. Aus dieser Perspektive sollte man die gefeierte ‹  nachhaltige Entwicklung › als Etappe des Übergangs hin zu einem neuen Paradigma akzeptieren, das Dimensionen der Gleichheit, der Freiheit und Gleichberechtigung (…) mit einschließt. » Die Verfassung Ecuadors widmet dem Recht auf Gutes Leben einen großen Abschnitt. Die aus diesem Grundprinzip abgeleiteten Rechte erinnern stark an die wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte, auch bekannt als Menschenrechte der Dritten Generation. Bemerkenswert ist aber, dass im Konzept des Guten Lebens, anders als in der klassischen Menschenrechtsdebatte, dem Verhältnis zur Natur ein zentraler Stellenwert zukommt. Die Ablehnung des traditionellen Wachstumsmodells, das auf der forcierten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen beruht, ist eine der Grundlagen des Buen Vivir, das eine Anerkennung der Rechte der Natur einschließt. Die Aufnahme solcher Ideen in die Verfassungen von Ecuador (2008) und von Bolivien (2009) ist umso bemerkenswerter, als beide Länder stark von der Ausbeutung ihrer Bodenschätze (Öl, Gas) leben. Es liegt daher nahe, Buen Vivir als reine Verfas-

sungslyrik oder Populismus abzutun. Aber vielleicht ist es doch etwas komplexer. Die Verfassungen Lateinamerikas stehen in der Tradition « transitiver Verfassung », sie sind ausführlich und wollen nicht nur Rechte festschreiben, sondern auch einen Weg in die Zukunft weisen. Sie sind eine Art road map gesellschaftlicher Umgestaltung – und als solche sollten sie gelesen werden. Legitim ist aber die Frage, ob die neuen Verfassungselemente dem Guten Leben und damit einem neuen Entwicklungsmodell den Weg bereiten können. Aber es ist wohl zu früh, diese Frage zu beantworten. In Ecuador hat nach der Verabschiedung der Verfassung ein Gesetz zur Regulierung des Bergbaus zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Umweltschützer und indigene Gruppen sahen darin den Versuch, die Vergabe von Konzessionen an Bergbaugesellschaften auf Kosten der Rechte indigener Völker zu erleichtern. Sie konnten sich in ihrem Widerstand nun auf die Verfassung berufen – allerdings das Gesetz nicht verhindern. Alberto Acosta bleibt dennoch optimistisch. Für ihn beinhaltet das Konzept des Buen Vivir eine Revolution des Südens gegen überholte Entwicklungsmodelle, die auf Wachstum und Nachahmung der industrialisierten Länder bauen. Und dass dieses Konzept es immerhin in zwei Verfassungen geschafft hat, ist ein guter Anfang. 

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Thomas Fatheuer  Von 2003 bis Juli 2010 Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Zurzeit Autor und Berater in Berlin