Weihnachten 2008 - Dompfarre St. Stephan

Weihnachten 2008 - Dompfarre St. Stephan

63. Jahrgang · Nr. 3 · Weihnachten 2008 Pfarrblatt Paulus Thema: Beiträge zum Paulusjahr Aus der Dompfarre: Segnung des restaurierten Turmkreuzes Sp...

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63. Jahrgang · Nr. 3 · Weihnachten 2008

Pfarrblatt

Paulus Thema: Beiträge zum Paulusjahr Aus der Dompfarre: Segnung des restaurierten Turmkreuzes Spirituelles: Paulusdarstellungen im Dom Literatur: Carlo Maria Martini: „Das Evangelium von Paulus“

Inhalt

Editorial

Grüß Gott! ó Editorial 2 ó Wort des Dompfarrers 3 ó Das Apostelgrab in St. Paul vor den Mauern 4 ó Paulus – Apostel für die Heiden 7 ó Paulus – eine Annäherung an seinen Charakter 10 ó Von Saulus zu Paulus 12 ó Von Paulus lernen 13 ó Die Motoren der Globalisierung des Christentums: Stephanus und Paulus 14 ó »Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark« (2 Kor 12, 10) 16 ó Paulus – ein leidender und kranker Apostel 17 ó Die Missionsreisen des Paulus 18 ó Paulus und die Frauen 20 ó Die Leiblichkeit des Menschen 22 ó Mein Paulus 24 ó Paulus in der Kunst 25 ó Unterwegs mit Paulus – ein Aufbruch von Wien nach Mariazell und darüber hinaus 26 ó Wallfahrt nach Maria Grün 27 ó Paulus: »Freut euch zu jeder Zeit!« 27 ó »Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne …!« 28 ó Frauen_Impuls 29 ó Reden ist Silber … 29 ó Unser neuer Seminarist Hannes Grabner stellt sich vor: 30 ó Doris Feldbacher 30 ó Unsere neue Caritasreferentin Anna Maria Kloss 31 ó Erstkommunion 32 ó Verduner Altar und Uhu … 34 ó Firmung 34 ó »Es ist die Liebe zu diesem Dom, die so viele bewegt« 36 ó Festmahl für den Nächsten 39 ó Aus der Pfarrchronik 40 ó Werke der Barmherzigkeit 41 ó Der hl. Paulus im Stephansdom 42 ó Aus dem Evangelium nach Paulus 44 ó »Und schaut der Steffl lächelnd auf uns nieder ...!« 45 ó Weihnachten im Dom zu St. Stephan 46 ó Aus der Schatztruhe 48 ó Impressum 48

Mit dieser Ausgabe unseres Pfarrblattes wollen wir dem Wunsch des Heiligen Vaters entsprechen, das Wirken und die Botschaft des Völkerapostels Paulus Ihnen, liebe Leser, näher zu bringen. Papst Benedikt XVI. hat zweitausend Jahre nach der Geburt des hl. Paulus – sie wird von Historikern zwischen 7 und 10 nach Christus datiert – ein besonderes „Paulusjahr“ ausgerufen. Vom 28. Juni 2008 bis 29. Juni 2009 mögen alle Christen in liturgischen Feiern, in kulturellen oder ökumenischen Veranstaltungen das Jubiläum begehen und sich auch in pastoralen Initiativen von der Spiritualität des Apostels Paulus anregen lassen. Wir wollen mit diesem Pfarrblatt sowohl Wissenswertes über Paulus bieten als auch über seine Briefe, seine Theologie und deren Wirkungsgeschichte sowie seine Persönlichkeit informieren. Das Wichtigste darf dabei nicht übersehen werden: die Briefe des hl. Paulus zu lesen, zu bedenken und zu meditieren. Vielleicht ein guter Vorsatz für das bald beginnende Jahr 2009. Im November bzw. Dezember 2008 jähren sich drei denkwürdige Ereignisse für die Dompfarre: Am 30. November 1948 hat der damalige Erzbischof Kardinal Dr. Theodor Innitzer die „Dompfarre sui juris“ gegründet und am 15. Dezember 1948 Domprediger Dr. Karl Raffael

Druckkostenbeitrag. Bitte unterstützen Sie uns auch weiterhin und überweisen Sie Ihren Druckkostenbeitrag mit dem beigelegten Zahlschein auf unser Pfarrblatt-Konto Nr. 224 569, Bankhaus Schelhammer & Schattera. Herzlichen Dank!

Dorr zum Dompfarrer ernannt. Er war der erste Pfarrer von St. Stephan seit 1365, dem Jahr der Übertragung des heutigen Domkapitels von der Wiener Burg an die Kirche St. Stephan. Der damalige – und bis 1948 letzte – Pfarrer Leopold von Sachsengang verzichtete auf sein Amt. In der Folge nahm der Propst die Agenden des Pfarrers wahr. Und das zweite Ereignis, an das wir denken: am 19. Dezember 1948 konnte das Langhaus des Domes – noch ohne Dach – feierlich eröffnet und in Folge für den liturgischen Gebrauch wieder genutzt werden. Allein diese drei wichtigen Daten wären eine eigene Jubiläumsausgabe unseres Pfarrblattes wert, doch würde dies wohl den Rahmen sprengen. So bringen wir nur die knappen Angaben aus der Pfarrchronik. Natürlich berichten wir auch wieder über Neuigkeiten aus Domkirche und Dompfarre. Ich hoffe, dass wieder Interessantes für Sie dabei ist. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Advent, gnadenreiche Tage der Weihnacht und einen guten Weg hinüber ins Neue Jahr! Mit einem sehr herzlichen Grüß Gott aus St. Stephan, Ihr

Reaktionen. Wenn Sie uns etwas mitteilen wollen, dann zögern Sie nicht: Schreiben Sie an: Dompfarre St. Stephan,„Pfarrblatt“, Stephansplatz 3, A-1010 Wien, od. per E-Mail: dompfarre-st.stephan @edw.or.at

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Reinhard H. Gruber, Domarchivar Titelbild: Detail des Peter- und Paul-Altars in der Domkirche, 1677

Wort des Dompfarrers

Liebe LeserInnen unseres Pfarrblattes!

Ich gestehe: Als das Paulusjahr vom Heiligen Vater ausgerufen wurde, konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wie wir diesen Heiligen so richtig „unter die Leute bringen“ können. Zu sperrig erscheint vielen Menschen seine Theologie. Auch einiges Anstößige verstellt die Sicht auf ihn. Seine angebliche Leibfeindlichkeit und seine Position gegenüber Frauen verhindert die Wertschätzung seines unnachahmlichen Missionseifers. Auch Marienverehrer werden bei ihm nicht allzu fündig. Für mich persönlich war es ein besonders lohnendes Unternehmen, in einigen Paulusbüchern, die sich in meinem Urlaubsgepäck befanden, ganz neue Seiten der Person von Paulus zu finden, die mich sehr bewegt haben, besonders in der Gegenüberstellung der beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus, die als sehr ungleiche Jünger Jesu doch immer in einem Atemzug genannt und gefeiert werden. Im Nachspüren ihrer gemeinsamen Geschichte entdeckt man so manche Auseinandersetzung bis hin zum offenenWider-

stand. So wie Petrus für das Bewahrende in der Kirche wie ein Fels in der Brandung steht, so ist Paulus immer der, der noch weiter eilt, um bis an die Grenzen der Erde seine Aufgabe der Christusverkündigung zu vollenden. Nichts hält ihn davon ab, die tiefe Verbundenheit mit Christus in allen Lebenslagen zu bezeugen. Allen alles werden, um nur einige für Christus zu gewinnen, das lässt ihn für Neues offener sein. Sein Sendungsauftrag und das Bewusstsein seiner so entsetzlichen Vorgeschichte als Verfolger der Christen lässt ihn mit unternehmerischem Geist vorwärts stürmen, wo andere schon lange aufgegeben hätten. Auch große Misserfolge in seiner missionarischen Arbeit schwächen nicht seinen eisernen Willen, möglichst allen von seiner Freude in Christus zu künden. Petrus scheint da ganz anders zu sein: kompromissbereiter, harmoniebedürftig, väterlich und mütterlich zugleich, um die Einheit der jungen Kirche zu bewahren. Wenn man dann mit dem Blick auf diese zwei großen Männer in sich persönlich hinein horcht, den Versuch anstellt, sich selbst zu analysieren und die Frage stellt: Wie viel habe ich persönlich vom missionarischen Mut des Paulus und wie viel von der bewahrenden Traditionskraft des Petrus?, dann wird man vielleicht schnell zu dem einen tendieren und damit den anderen ein wenig gering schätzen, je nach persönlichem Naturell und Charakter. Mich hat es fasziniert, meine eigenen missionarischen Versuche immer wieder bei Paulus bestärkt zu finden, aber gleichzeitig wahrzunehmen, dass nur das

paulinische und das petrinische Prinzip gemeinsam die ganze Wahrheit abbilden: nicht herabblicken auf den jeweilig anderen Zugang, sein Leben aus dem Glauben zu gestalten, sondern gemeinsames verschiedenartiges Bezeugen dessen, was man persönlich vom Evangelium Christi verstanden hat, und wenn es auch nur sehr wenig ist. Und wahrscheinlich wird jeder ein wenig von Paulus und von Petrus in sich tragen. Sollte die in der Tradition der Kirche oftmalige gemeinsame Namensnennung uns vielleicht dazu ermuntern, dass wir beide Seiten in unserer Brust wahrnehmen und sowohl das eine als auch das andere fördern? Ganz nach dem biblischen Motto: Du sollst das eine tun und das andere nicht lassen. Für mich habe ich festgestellt: Vom Beispiel des Paulus lasse ich mich gerne anspornen, alle missionarischen Initiativen weiter voranzutreiben, aber es ist gut, dass wir in unserer Kirche auf festen Grund gebaut sind, den keine Macht dieser Welt durcheinander bringen kann. Dass Gott Mensch geworden ist, kann ich auf vielfältigste Art und Weise bezeugen, ob ungewöhnlich und unkonventionell oder auch ganz traditionell.Wenn ich Gott nur einlasse in mein Herz und mich voll Liebe und Geduld meinen Mitmenschen öffne. Eine gesegneteWeihnachtszeit und viel Glück und Segen im neuen Jahr wünscht Ihnen aus ganzem Herzen Ihr dankbarer Dompfarrer

Toni Faber

Hinweis.

Das Paulusjahr im internet.

Wir bitten Autoren und Leser um Verständnis, dass wir aus Gründen der besseren Lesbarkeit und der Unversehrtheit der Sprache Bezeichnungen wie „Christ“,„Katholik“ etc. so wie das ebenfalls grammatikalisch maskuline Wort Mensch als inklusiv, also geschlechtsneutral verstehen und verwenden. Die Redaktion.

˘ Die Papstbasilika St. Paul vor den Mauern: www.vatican.va/various/basiliche/san_paolo ˘ Das Paulusjahr (offizielle Seite): www.annopaolino.org ˘ Informationen zum Paulusjahr finden Sie auch auf der offiziellen Homepage der katholischen Kirche in Österreich: www.katholisch.at sowie auf der Homepage der Erzdiözese Wien: www.stephanscom.at ˘ Eine ausführliche Seite hat die deutsche Bischofskonferenz zusammengestellt: www.dbk-paulusjahr.de

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Paulusjahr

Das Apostelgrab in St. Paul vor den Mauern Von P. Prior Johannes Paul Abrahamowicz OSB Das heutige Rom steht auf archäologischen Resten früherer Epochen. Manchmal handelt es sich sogar um mehrere untereinander liegende Schichten. Auch unter der Basilika Sankt Paul vor den Mauern gibt es Reste aus der Römerzeit. Zuunterst liegt eine Nekropole, ein Friedhof, wo sich laut einem Hinweis aus dem Jahr ca. 200 n. Chr. das Paulusgrab

befindet, über welches Kaiser Konstantin 320 eine Basilika bauen ließ. Nach wenigen Jahren wurde diese konstantinische Basilika durch eine zehnmal so große Kirche ersetzt, die „Dreikaiserbasilika“ (Theodosius, Arkadius und Honorius). Aber auch in dieser theodosianischen Basilika gab es nach und nach Umbauten. So wurde zum Beispiel das Niveau im

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Laufe der Jahrhunderte mehrmals erhöht, einerseits das Querschiff und der Altarbereich zum Hervorheben des darunter befindlichen ursprünglichen Standortes der Verehrung des Völkerapostels, andererseits auch das gesamte Langhaus, um den Überschwemmungen des Tibers zu entgehen. Durch verschiedene archäologische Ausgrabungen, zu-

ge Benediktinerabtei stehen auf vatikanischem Boden, jedoch geographisch vom Vatikan getrennt und einige Kilometer südlich davon. Es handelt sich um ein so genanntes extraterritoriales vatikanisches Staatsgebiet. So liegt es in der NaP. Johannes Paul tur der Sache, dass alle Mitarbeiter, vom obersten Verwalter bis zum Türwächter, Abrahamowicz OSB, Prior in St. Paul vatikanische Angestellte sind. vor den Mauern

Neue Ausgrabungen

letzt in den Jahren 2002 und 2003, stieß man auf alle Schichten dieser verschiedenen Bauphasen, bis hin zu den Grundmauern der konstantinischen Basilika und schließlich zur Nekropole. Rund um die heutige Basilika und in ihr stehen daher Ausgrabungsarbeiten an der Tagesordnung. Der Vatikan-Archäologe Dr. Filippi ist sozusagen unserer „Hausarchäologe“, der uns gern auch immer wieder seine Funde zeigt und erklärt. Er leitet ständig und in verschiedenen Bereichen Ausgrabungen, Restaurierungen und Archivarbeiten. Warum jemand vom Vatikan hier arbeitet? Die Basilika und die gleichnami-

Es gab wohl verschiedene Gründe für den Auftrag der Ausgrabungen in den Jahren 2002 und 2003. Hier die drei wichtigsten: 1. Die letzten Ausgrabungsarbeiten fanden nach dem Brand von 1823 statt, und die Dokumentation darüber ist somit rund 150 Jahre alt. Auf neue Ausgrabungsarbeiten hat man aber bis vor kurzem aus statischen Gründen verzichtet: Über dem Apostelgrab ist der Papstaltar errichtet, und darüber steht auf vier Säulen der schwere Baldachin aus dem 13. Jahrhundert, der bei Ausgrabungen einsturzgefährdet wäre. Die Arbeiten nach dem Brand waren möglich, weil man den Baldachin für Restaurierungszwecke abtrug, so konnten währenddessen Ausgrabungen gefahrlos durchgeführt werden. Doch heute vermutet man, dass die damaligen Forschungen unvollständig gewesen seien. So beschloss man die neueren technischen Möglichkeiten zu nützen, die ohne Abtragen des Baldachins ein gefahrloses Vorgehen erlauben, und eine aufschlussreichere Dokumentation zu erstellen. 2. Zudem war das allgemeine Interesse für das Paulusgrab durch die seit 1300 Jahren bestehende und kürzlich „aufgefrischte“ benediktinische Gemeinschaft von Sankt Paul vor den Mauern gewachsen. Im Jahr 2004 sind von verschiedenen Abteien aus aller Welt Benediktinerpatres für einige Jahre hierher gekommen, und so gibt es seit einiger Zeit auch wieder Nachwuchs. Die Mönche empfangen die Pilger, feiern täglich fünf gut besuchte hl. Messen und bieten den ganzen Tag lang Beichtgelegenheit. 3. Schließlich hat das Jubiläumsjahr des Paulus (geboren etwa um 8 n. Ch.), das der Heilige Vater ausgerufen hat, den

Blick auf die zentrale Stelle der Basilika gelenkt, und man entschied sich dafür, ein Stück Mauer vor dem Grab zu entfernen, sodass nun seit Juni 2007 ein seitlicher Teil des Sarkophags mit freiem Auge zu sehen ist.

Der Sarkophag Derzeit liegen keine Hinweise vor, die eine Datierung des Sarkophags ermöglichen. Die Ausgrabungsergebnisse des Dr. Filippi erlauben aber folgende Schlüsse: Es konnte bestätigt werden, dass in der theodosianischen Basilika („Dreikaiserbasilika“) der Standort des Altars mit dem des Sarkophags identisch ist (bekanntlich wurden Altäre über den Gräbern von Heiligen errichtet).Weiters, dass die neu entdeckten Grundmauern der ursprünglichen Basilika, die Konstantin um 320 errichten ließ, denselben Standort für den Altar annehmen lassen, weil trotz aller Vergrößerungen und Umbauten, zuletzt nach dem Brand von 1823, der jetzige Altar genau über dem Zentrum der Apsis der ursprünglichen konstantinischen Basilika steht. Der Sarkophag steht also heute mit Sicherheit auf der ursprünglichen Stelle der theodosianischen Basilika, d.h. seit dem Jahr 390 (Dreikaiserbasilika), sehr wahrscheinlich sogar schon seit 320 (Konstantin). Er wurde vermutlich wegen der Bodenfeuchtigkeit einmal erhöht und ein zweites Mal im Zuge der Umbauten, aber er wurde nicht versetzt. Dies wäre außerdem wegen der Verehrung äußerst unüblich gewesen. Der jetzige Altar ist ein Hohlraum. Durch ein Gitterfenster kann man den Kopf hineinstecken und die Platte mit der Inschrift „PAVLO APOSTOLOMART“ (dem Märtyrer Apostel Paulus) erkennen. Sie

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Paulusjahr

bildet den Boden dieses Hohlraums.Weiters sieht man durch die trichterförmige Öffnung den Sarkophag, der genau 1,30 m darunter liegt. Besagte Bodenplatte ist eigentlich aus mehreren Stücken zusammengesetzt. Diese Teile bildeten bis zu Leo dem Großen (440-461) die Seitenverkleidung des Sarges, auf der breiten Seite mit „PAVLO“ und auf der Längsseite mit „APOSTOLOMART“ beschriftet; ein Denkmal, das zugleich als Altar diente. Leo der Große ließ das Niveau erhöhen und zu diesem Zweck die seitlich angebrachten marmornen Inschriftplatten abnehmen, die trichterförmige Öffnung bohren und als Altarplatte zusammensetzen. Durch die weitere Erhöhung des Niveaus unter Gregor dem Großen (590604) wurde der Sarg vom Mauerwerk des Podiums schließlich völlig eingeschlossen. Die hl. Messe wurde nun auf einem darüber gebauten Altar gefeiert, während eine Krypta die gleichzeitige Verehrung des Grabes erlaubte. Die Inschriftplatte wurde nicht angetastet, und befand sich somit zwischen der Krypta und dem Altar wie eine „Zwischendecke“, durch die man weiterhin - und bis heute - den Sarkophag sehen kann. Blickt man durch diese Öffnung erkennt man den Sarkophagdeckel, auf dem ebenso eine runde Öffnung zu sehen ist. Sie war mit der oberen verbunden, und wurde zu einer bisher nicht datierbaren Zeit zugemörtelt. Solche Öffnungen hatten verschiedene Funktionen. Aus der Verehrung der Toten und insbesondere der Märtyrer kennen wir den Brauch der Libation, wobei flüssige Duftstoffe in das Grab gegossen wurden, ähnlich wie die Trankopfer im heidnischen Totenkult. In der Inschriftplatte sind auch viereckige Vertiefungen angebracht, die unter der Oberfläche miteinander verbunden sind, wohl zum Durchziehen von

Stoffstücken, die dann als Kontaktreliquien verwendet wurden. Es gibt auch die Beschreibung eines Ritus aus dem 12. Jh., wonach der Papst jährlich am Festtag des Heiligen ein Weihrauchfass aus der Vertiefung herausnahm, den Inhalt unter die Gläubigen verteilte, das Weihrauchfass mit glühenden Kohlen und Weihrauch füllte und es wieder in die Vertiefung versenkte, wo es bis zum nächsten Jahr blieb. Heute haben vor allem orthodoxe Pilger ein großes Interesse entwickelt, Andachtsgegenstände durch die trichterförmige Öffnung der Abdeckplatte mit dem Sarkophag in Berührung zu bringen. Seit Juni 2007 dürfen die Pilger in die Confessio hinuntersteigen, ein unbedecktes Untergeschoß mit Blick zum Grab (Confessor = Bekenner, Glaubenszeuge). Nachdem dort ein Stück Mauer abgetragen wurde, sieht man einen Teil der Seitenwand des Sarkophags in rosafarbenem unbehauenen Marmor.

Zur Frage der Authentizität Die Gewissheit, dass Paulus von Tarsus hier begraben ist, wäre meiner Meinung nach vor allem aus historischer Sicht sehr interessant, zumal es auch zwei andere Überlieferungen gibt: Da ist zum einen die Tradition der Überführung der Reliquien von Petrus und Paulus in die Katakomben von San Sebastiano, und zum anderen die der Aufbewahrung der Kopfreliquie des hl. Paulus in St. Johannes in Lateran. Über letztere konnte inzwischen mit Sicherheit festgestellt werden, dass sie unecht ist, während es über die Katakomben an der Via Appia seit kurzem interessante Ergebnisse gibt: In vielen Romführern steht heute noch, dass man seit dem 3. Jh. in einem der unterirdischen Räume von San Sebastiano den Ort verehrt, wo wegen der Christenverfolgung

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die Reliquien der heiligen Petrus und Paulus eine Zeit lang aufbewahrt worden seien. Die dort eingemeißelte Inschrift “domus Petri” (Haus des Petrus) sei im übertragenen Sinn als Grabstätte des Petrus zu verstehen und würde diese Vermutung bestätigen. Inzwischen konnte man aber durch Darstellungen auf Fresken in der Unterkirche des Petersdoms erkennen, dass diese Tradition erst unter Papst Damasus im 12. Jh. entstanden ist, während es bis dahin in San Sebastiano wohl seit dem 3. Jh. eine Verehrung der beiden Apostelfürsten gab, aber aus einem anderem Grund: Es sei der Wohnort des hl. Petrus - und zeitweise vielleicht auch des hl. Paulus - gewesen. Die Inschrift „domus Petri“ könnte also wörtlich verstanden werden: Haus des Petrus. Die Stelle liegt südlich von Rom, nicht weit von der Abzweigung der Via Ardeatina, wo man nach Rom gelangt, wenn man zum Beispiel - wie Paulus - aus der Hafenstadt Puteoli (Apg 28,13, heute Pozzuoli) kommt. Somit ist jene Tradition, wonach die sterblichen Überreste des hl. Paulus nach San Sebastiano überführt und dort eine Zeit lang aufbewahrt worden seien, auszuschließen. Es gibt aus historischer Sicht vorläufig nur Hinweise darauf, dass der Sarg mit Sicherheit seit 390, wahrscheinlich schon seit 320, vermutlich sogar schon von Anfang an zwar mehrmals erhöht, aber nicht woanders hingetragen wurde.

Sinn der Pilgerschaft Die Kernaussage des Paulus, die sich in seinen Briefen und in der Apostelgeschichte findet, ist, dass der gekreuzigte Jesus von Nazareth wieder lebendig geworden ist, und zwar nicht aus irgendwelchen Zauberkräften, sondern weil die Liebe des Vaters zu ihm stärker ist als der Tod. Paulus ist Zeuge dafür, weil ihm der

Linke Seite: Sarkophagdeckel mit Inschrift „Paulus, Apostel, Märtyrer“ (links), Confessio unter dem Papstaltar (Mitte), Wand des Sarkophags mit geöffnetem Gitter (rechts) Auferstandene erschien, als er selbst noch ein Gegner Jesu war und die damals kursierende “Auferstehungslegende” im Namen der Heiligen Schrift mit aller Kraft bekämpfte. Niemand hätte gedacht, dass der entschlossene Schriftgelehrte Saulus jemals an den auferstandenen Jesus glauben würde. Nun hielt er aber sogar seinen Kopf dafür hin. Aus Liebe. Und der Pilger, der weither kommt, um das traditionelle Paulusgrab zu besuchen, der diese Kirche betritt und das über 100 Meter lange Hauptschiff langsam in Richtung Grab durchschreitet, zögert vielleicht mit jedem Schritt und fragt sich, ob es wirklich das echte Paulusgrab sei, ob seine Pilgerfahrt vielleicht umsonst war (“Und wenn der gar nicht hier begraben ist, wozu der ganze Aufwand?”), wagt den Sprung zum Gebet, gelangt in ein Gespräch mit Paulus und spürt schließlich, worauf es ankommt: “Und wenn ich all den Weg hierher zu Fuß gegangen wäre, hätte aber die Liebe nicht,...“ Plötzlich werden in ihm die Buchstaben eines Briefes wieder lebendig, ebenso wie die Gebeine eines Toten (vgl. Ez 37). So kann das Grab - mit oder ohne Gewissheit über die Gebeine - Anlass zu jener Wende sein, die wir Bekehrung nennen (welch anderes Wunder sollten wir uns auch auf die Fürsprache des Paulus erwarten?). Auch diese echte Verehrung ist eine historische Tatsache, die von Pilgern ununterbrochen seit 2000 Jahren stets neu belegt wird.ó

Paulus – Apostel für die Heiden Skizzen zum Leben und Wirken des Völkerapostels Von Prälat Rudolf Schwarzenberger Da es bei Paulus keine außerbiblischen Quellen gibt, sind wir auf das angewiesen, was er uns selbst in seinen Briefen sagt und was Lukas in der Apostelgeschichte berichtet. Doch dürfen wir gerade diese Berichte nicht immer nach den strengen Grundsätzen der Historie lesen, sondern müssen wissen, dass dieser Evangelist und zeitweilige Reisebegleiter des Paulus diesen zum idealen Heidenmissionar stilisiert.

Biographische Daten In der Apostelgeschichte (21, 39) lesen wir: „Ich bin ein Jude aus Tarsus in Zilizien, Bürger einer nicht unbedeutenden Stadt.“ Und der Apostel schreibt über sich selbst der Gemeinde von Philippi: „Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.“ (Phil 3, 5f) Seine Eltern waren Diasporajuden inmitten einer hellenistischen Stadt Tarsus in der kilikischen Ebene, nur 13 km vom Meer entfernt, war eine bedeutende Handelsstadt. Das Milieu war ein urbanes. Hier erhielt Paulus seine Prägung als „Wanderer zwischen zwei Welten“, des Judentums und des Hellenismus. Das zeigt schon sein Name: Sha-ul = der Erbetene bzw. Paulus. Wann er hier geboren wurde, wissen wir nicht. Im Philemonbrief V. 9 nennt er sich einen alten Mann, nach damaliger Lebensdauer war er damals ungefähr 50. Wir dürfen also annehmen, dass er um die Zeitenwende geboren worden ist, ein paar Jahre jünger als Jesus! Also ungefähr um 8 bzw. 9 n Chr., deshalb das „Paulusjahr“ zu seinem 2000. Geburtstag. Da jeder jüdische Vater die Pflicht hatte, seinen Sohn die Tora, aber ebenso

Prälat Dr. Rudolf Schwarzenberger ein Handwerk zu lehren, wurde Paulus skenopoiós, d.h. Zelttuchweber, was aber ebenso die Anfertigung anderer Textilien aus Ziegenhaaren (kilikion) miteinschloß. Nach Apg 22,25ff war Paulus ein römischer Bürger von seiner Geburt an. Man kann davon ausgehen, dass er in der zweiten Hälfte seines zweiten Lebensjahrzehnts zum Gesetzesstudium in Jerusalem gewesen ist, um Lehrer der Tora zu werden. (vgl. Apg 22, 3)

Berufung bzw. Bekehrung Die Exegeten nennen heute das Erlebnis vor Damaskus lieber eine Berufung als eine Bekehrung. Denn Paulus selbst schreibt später, worin Bekehrung besteht: die Umkehr von den Götzen zu Gott, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen. (1 Thess 1, 9) An diesen glaubte und ihm diente er schon als gesetzestreuer Pharisäer. Diese entscheidende Wende in seinem Leben wird in der Apg dreimal erzählt (9, 1 – 19; 22, 1 – 21 u. 26, 1 – 23), teilweise verschieden, doch im Kern stimmen alle Versionen überein. Paulus selber schreibt sehr verhalten darüber im Galaterbrief: „Ich erkläre euch, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen.“ (1,11f)

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Paulusjahr Dieses für sein weiteres Leben einschneidende Ereignis dürfte im Jahre 34 gewesen sein. Ferner schreibt er: „Ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. (Gal 1, 17ff) Es ist verständlich, dass die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn und damit die Wende in seinem bisherigen Leben in der Stille und Einsamkeit der Wüste bedacht und „aufgearbeitet“ werden musste. Dann jedoch sucht er den Kontakt mit den Aposteln: „Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln habe ich keinen gesehen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn.“ (Gal 1,18f) Dennoch blieb mancher Argwohn Paulus gegenüber noch bestehen und so zog er sich in seine Heimat zurück.

Verkündigung des Evangeliums unter den Heiden Auslöser für die Mission war die Verfolgung, die nach der Steinigung des Stephanus einsetzte, die Apostelgeschichte und nur sie berichtet im 11. Kapitel darüber, sagt dazu: „doch verkündeten sie das Wort nur den Juden.“ (11, 19) Dennoch „Einige aber von ihnen, die aus Zypern und Zyrene stammten, verkündeten, als sie nach Antiochia kamen, auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn. Die Hand des Herrn war mit ihnen, und viele wurden gläubig und bekehrten sich zum Herrn. Die Nachricht davon kam der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren, und sie schickten Barnabas nach Antiochia. Barnabas aber zog nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen.“ (11, 20ff u. 25) Antiochien am Orontes war damals nach Rom und Jerusalem die drittgrößte Stadt, eine Handelsmetropole. Hier entwickelte sich sehr bald eine lebendige christliche Gemeinde. Diese Gemeinde, in der man die Anhänger Jesu zum ersten Mal Christen (Apg 11,26) nannte, prägte auch das weitere Wirken des Apostels. Und, das ist bemerkenswert, diese junge

Gemeinde war von Anfang an missionarisch ausgerichtet. Wieder berichtet Lukas: „Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie mir berufen habe. Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen.“ (Apg 13,2f) Darin erkennen wir den ersten Aussendungsgottesdienst der Kirche und den Beginn der ersten Missionsreise in das kleinasiatische Gebiet (um 48). In der Apostelgeschichte und ebenso in den Briefen des Apostels wird deutlich, dass der Weg des Evangeliums der Weg war, den Gottes Geist sie führte.

Der Apostelkonvent Alle frühen Jüngerinnen und Jünger Jesu erachteten es als selbstverständlich, ihrem eigenen Volk, den Juden, zuerst die Botschaft von Jesus als dem Messias zu verkünden. Lukas legt Wert darauf, dass es Petrus gewesen ist, der den ersten Heiden in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen hat. Er macht es deutlich an der Taufe des heidnischen Hauptmanns Cornelius. (Apg 10) Deshalb musste er sich auch vor den „Brüdern in Judäa“ rechtfertigen. ( Apg 11, 1-18) Damit waren eigentlich die Weichen zur Heidenmission gestellt, doch gleichzeitig war damit auch ein gewaltiges Konfliktpotential in die junge Kirche gekommen. Warum eigentlich? Lukas schreibt: „Es kamen einige Leute von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.“ (Apg 15,1) Er verschweigt auch nicht, dass darüber eine große Aufregung und eine heftige Auseinandersetzung in Jerusalem stattgefunden haben. Die strenggläubigen Judenchristen bestanden nach wie vor darauf, dass der Weg zum Christen nur über den Weg des Judentums mit all seiner Gesetzesobservanz möglich ist. Also entgegen der schon geübten Praxis des Petrus und ebenso des Paulus und seiner Gefährten.

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In dieser aufgeheizten Diskussion kommt es zum sogenannten Apostelkonvent zu Jerusalem (um 47/48 n. Chr.) Petrus und Jakobus, der Herrenbruder, legten der Versammlung dar: „Er machte keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen; denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt. Warum stellt ihr also jetzt Gott auf die Probe und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten? Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene.“ (Apg 15, 9ff) Jakobus zählt dann noch vier Bedingungen auf, die man aus Rücksicht gegenüber den Strenggläubigen einhalten sollte (Apg 15, 29). Schließlich kamen alle überein, dies als Leitlinien für die weitere Missionsarbeit anzuerkennen, denn: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge.“ (Apg 15,28)

Paulus contra Petrus Teilweise wissen wir aus eigenem Erleben, dass die besten kirchlichen Dokumente nichts nützen, wenn blinde Eiferer sich dagegen stellen und in den Gemeinden Unruhe stiften. Vielleicht ist es tröstlich, wenn wir aufgrund der Hl. Schrift erkennen, dass es solche Konflikte von Anfang an in der Kirche gegeben hat. Denn nach dem Apostelkonvent und dem Aposteldekret (Apg 15, 23-29), das Silas den Gemeinden in Syrien und Zilizien überbracht hatte (Apg 15, 30ff), ist es zum sogenannten Zwischenfall in Antiochien gekommen: Petrus verhielt sich, so würden wir heute sagen, unter den Heidenchristen korrekt, entsprechend dem Aposteldekret. Als jedoch „Leute aus dem Kreis um Jakobus eintrafen“ (Gal 2,12), mied Petrus die Heidenchristen und gesellte sich, vor allem bei den Mahlzeiten, wieder zu den Judenchristen. Das brachte Paulus – auf gut Wienerisch – im besten Sinn des Wortes „in Rage“. Paulus tritt offen dem Petrus entgegen, „weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte“

(Gal 2, 11). Im griechischen Urtext heißt es „er widerstand ihm ins Angesicht“ (káta prósopon). Wie viele Konflikte könnten auch heute in Gesellschaft und Kirche beigelegt werden, wenn die Verantwortlichen offen miteinander umgingen? Bald danach bricht Paulus zu seiner zweiten Missionsreise auf, die ihn zunächst wieder nach Kleinasien, dann aber nach Europa führt.

Paulus – erster Verkünder des Evangeliums in Europa Der Initiative des Apostels Paulus ist es zu verdanken, dass die frohe Botschaft Jesu aus der Enge des jüdisch-palästinensischen Raumes im hellenistisch–römischen Kulturraum Eingang gefunden hat. In der lukanischen Apostelgeschichte wird dies mit einem Traum des Apostels in Troas in Zusammenhang gebracht. „So durchwanderten sie Mysien (auf der sogenannten ersten Missionsreise von Antiochien aus) und kamen nach Troas hinab. Dort hatte Paulus in der Nacht eine Vision. Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns! Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden.“ (16, 8ff) Wieder ist es Gott, der ruft und Paulus folgt ihm sofort! Philippi, „eine erste Stadt in Mazedonien“ (Apg 16, 12), war sein Ziel. Und zur Ehre der Frauen sei in diesem Zusammenhang hingewiesen, dass es eine Frau gewesen ist, Lydia, die Paulus als Erste auf europäischem Boden aufgenommen hat (Apg 16, 14ff). Es ist beachtenswert, dass der Apostel von nun an in den bedeutenden Städten Griechenlands tätig war: Thessalonich, Athen, Korinth; später, auf der 3. Missionsreise, in Ephesus. Diese Großstädte seiner Zeit waren für ihn wichtig, denn er kannte für die Verbreitung der Frohen Botschaft die Kommunikationsstrukturen, die von den Städten aus in das übrige Land gingen.

Paulus, der erste christliche Mystiker Mystik – ein heute oft gebrauchtes und noch mehr missbrauchtes Wort! Doch wenn für den Pariser Theologen Johannes Gerson (+ 1429) Mystik in einem erfahrungshaften Erkennen Gottes besteht, dann darf man wohl Paulus aus Überzeugung einen Mystiker nennen. Seit seiner Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus lebt und wirkt er aus einer Totalidentifikation mit Christus, dem Herrn. Nicht weniger als 164-mal beansprucht er für sich, aber auch für die Getauften, dass er bzw. sie „in Christus“ sind. Und so ist für ihn „Christus das Leben, und Sterben Gewinn.“(Phil 1, 21) Aus dieser real erfahrenen Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn kommen seine Zuversicht und sein Durchhaltevermögen in noch so schweren Situationen (vgl. 2Kor 11,16 – 12,13). Karl Rahner SJ hat schon vor vielen Jahren geschrieben: Der Christ des nächsten Jahrhunderts wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein. Wenn es dabei um diese tiefe Christusbeziehung geht, die uns der Völkerapostel vorgelebt hat, dann kann gerade das Paulusjahr darin bestehen, dass der Apostel für alle Christen ein Lehrmeister werden soll, indem wir mit ihm bekennen: „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“ (Gal 2, 20) ó

Führungen und Eintritts-. gebühren in St. Stephan. DOMFÜHRUNGEN Mo. bis Sa.: 10.30 Uhr u. 15.00 Uhr Sonn- und Feiertag: 15.00 Uhr

Führungsgebühren: Erwachsene: € 4,50 Schülergruppen (15–18 Jahre): € 2,50 Kinder (bis 14 Jahre): € 1,50

KATAKOMBENFÜHRUNGEN Mo. bis Sa.:

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ÖFFNUNGSZEITEN DES DOMES: Mo. bis Sa.: 6.00–22.00 Uhr Sonn- und Feiertag: 7.00–22.00 Uhr

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Paulusjahr

Paulus – eine Annäherung an seinen Charakter Karl Josef Wallner (Teil seines Vortrags im Stephanisaal am 8. Oktober 2008) 1. Ein Heiliger mit Temperament „Immer wenn ich eine Lesung aus den Briefen des heiligen Paulus höre – wöchentlich zweimal, dreimal, ja viermal, wenn wir nämlich das Gedächtnis der Märtyrer feiern –, freue ich mich an dem Klang dieser geistlichen Posaune. Ich gerate in Begeisterung und empfinde ein heißes Verlangen. Wenn ich die liebe Stimme vernehme, meine ich fast ihn vor mir zu sehen und seine Erklärungen zu hören. Aber es bedrückt und schmerzt mich, dass nicht alle diesen Mann so kennen, wie er es verdient. Manche wissen so wenig von ihm, dass sie nicht einmal die genaue Anzahl seiner Briefe wissen. Das kommt nicht von geistiger Unfähigkeit, sondern sie versäumen, sich mit seinen Schriften unablässig zu beschäftigen. Auch ich verdanke, was ich weiß – wenn ich etwas weiß –, nicht einer besonderen Begabung und Geistesschärfe, sondern ich liebe diesen Mann und beschäftige mich dauernd mit seinen Schriften.Wer jemanden liebt, weiß mehr von ihm als alle andern, eben weil er ihm wichtig ist.“ (Johannes Chrysostomus, † 407, Argumentum Epistolae ad Romanos 7,3: PG 60,391; Vigillesung I, 1. Woche, Montag)

Sehr geehrte Damen und Herren! Dieser Text des heiligen Johannes Chrysostomus aus dem Ende des 4. Jahrhunderts soll uns der Schlüssel zu der heutigen Annäherung an Paulus sein. Gewiss: Paulus ist mit seinen Einsichten in die Bedeutung Christi, in die „Logik des Kreuzes“, in die Übermacht der Gnade, die sich im Heiligen Geist uns zusagt, der genialste Theologe des Ursprungs. Nach dem derzeit auf dem Markt befindlichen Buch des Religionsspötters Hyam Maccoby ist Paulus schlechthin „Der Mythenschmied“. Mit Genuss wärmt er den Vorwurf von Friedrich Nietzsche auf, wonach Paulus der eigentliche Erfinder

des Christentums ist. Das Körnchen Wahrheit, das in diesem Nonsens steckt, liegt natürlich darin, dass hier erstmals einer – in rabbinischer Tradition geschult – das Ganze zu denken wagt: das Sein, das Tun, das Sterben, das Auferstehen Christi, das Geistbegabt-Sein. Paulus ist nicht Erfinder des Christentums, aber er ist der erste, der die Logik zu denken versucht, die sich in Tod und Auferstehung Christi zusagt. Die Logik des Kreuzes. Aber hier hier wird es schon kompliziert und theologisch.Es ist ja zum Schmunzeln: Schon der Autor des 2. Petrusbriefes rechnet die Briefe des Paulus einerseits zu den „Schriften“ und spricht respektvoll von der „Weisheit“, mit der „unser geliebter Bruder Paulus“ geschrieben hat. Andrerseits wird er dann gleich die Bemerkung fallen lassen, dass in diesen Schriften „manches schwer zu verstehen“ ist, und dass„die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, diese Stellen verdrehen“… (2 Petr 3,15-16). Heute soll es daher nicht um die Komplexität paulinischer Theologie gehen, sondern es soll eine Sympathiewerbung dafür erfolgen, sich überhaupt mit Paulus zu beschäftigen. Und der beste Zugang dazu ist, Paulus gleichsam von Herz zu Herz kennen zu lernen, ihn soweit wie möglich als Menschen kennen zu lernen, in seinem Ringen, in seiner Persönlichkeit, in seinem Charakter, so weit dies eben nach 2000 Jahren möglich ist. Dieser Zugang ist natürlich oberflächlich, er ist natürlich spekulativ oder zumindest subjektiv interpretatorisch, aber wie gesagt: Es geht um Sympathiewerbung. Je menschlicher einem jemand begegnet, desto mehr ist man vielleicht bereit, sich auch mit seinen Glaubensüberzeugungen zu beschäftigen. Ich bin z. B. sicher, dass Augustinus nicht so einflussreich für das 1. Jahrtausend der Theologie geworden wäre, wenn er nicht in den Confessiones gleichsam sein inne-

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res Empfinden und Ringen nach außen gestülpt hätte; ich bin sicher, dass Gregor der Große nicht zum großen Motor der Seelsorge, des Apostolates und der Mission geworden wäre, wenn er nicht in seiner Pastoralregel so viele persönliche Einblicke in seine Seele gewährt hätte. Und auch die großen Genies des 20. Jahrhunderts wie etwa Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar werden einem erst dann so richtig sympathisch, wenn man ihre autobiographischen Notizen kennt. In diesem Sinne bitte ich, diesen Eröffnungsvortrag als Aperitif zu einem Zyklus zu verstehen, wo weit gelehrtere Bibelwissenschaftler und Paulusexperten sprechen werden als ich. Ein Appetizer auf mehr, eine Vorspeis eben. Ist uns der Charakter des Paulus zugänglich? Unbestritten ist, dass Paulus die best-analysierbare Person des Neuen Testamentes ist. Natürlich kann man auch ein Charakterbild von Jesus, von Petrus oder sogar vom lukanisch gemalten Marienbild machen. Doch im Unterschied zu allen anderen Gestalten des Neuen Testamentes ist uns Paulus in der besonderen Weise fassbar, dass wir ja nicht nur Schilderungen über ihn haben das auch, in der Apostelgeschichte, also aus einer sehr theologischen und eben plakativen Form, die eben jene des „Malers Lukas“ ist. Von Paulus haben wir aber vor allem seine eigenen Schriften, seine Briefe. Insgesamt behaupten 13 Briefe des Neuen Testamentes Paulus als ihren Autor; mit der Schwankungsbreite, die die exegetische Forschung hier von Jahrzehnt zu Jahrzehnt aufweist, wollen wir uns hier nicht beschäftigen. Nach derzeitiger Meinung gelten sieben Briefe als unbestritten echt: 1 Thessalonicher; 1 Korinther, Galater, Philipper, Philemon, 2 Korinther und Römer. Wir halten uns an diese Schriften von Paulus, in denen er etliche Einblicke in

seine Biographie und seine Psychologie gewährt. Man denke hier vor allem an den stark biographischen Galaterbrief, man denke an die Narrenrede am Ende des 2. Korintherbriefes. Man wird deshalb sagen dürfen: Kein biblischer Autor ist uns in seinen Emotionen so zugänglich wie Paulus. Auch schon deshalb, weil die Paulusbriefe insgesamt (einschließlich des ach-so-theologischen Römerbriefes!) Gelegenheitsschreiben sind. Also Paulus hat sich nicht entspannt hingesetzt, um aus der Distanz der theologischen Reflexion „nüchtern“ und „distanziert“ abstrakte Fachartikel zu produzieren, wie dies heute oft als Hauptbeschäftigung des Theologen gesehen wird. Nein, Paulus schreibt „aus dem Bauch heraus“. Er agiert, indem er reagiert. Als Beispiel kann man hier etwa den 1. Korintherbrief anführen: Da sind in der von Paulus gegründeten jungen und charismatisch quicklebendigen Gemeinde von Korinth so viele Fragen aufgetaucht. Wahrscheinlich hatte man Paulus sogar schriftlich angefragt durch eine Abordnung aus der Gemeinde (7,1; 16,17). Man hatte ihm von gefährlichen Spaltungen, die das Weiterbestehen der Gemeinde gefährdeten (1,12-17), und von einem schweren Fall von Blutschande berichtet (5,1-13 – „ein Christ lebt mit der Frau seines Vaters“), von Streitigkeiten der Christen vor heidnischen Richtern (6,1-11) und von sexuellen Verfehlungen (6,12-20 – Unzucht, Korinth ist eine Hafenstadt!). Und Paulus reagiert, er reagiert oft sehr heftig und lässt jedenfalls voll das Temperament durchkommen. An der Wurzel der Ausbreitung des Christentums steht dieser temperamentvolle Mann. Die anderen Wanderapostel, die in der Anonymität geblieben sind, oder vielleicht in der Peripherie der Apostelgeschichte genannt werden, werden ähnlich energisch und unternehmungslustig gewesen sein. An der Wurzel der Kirche stehen keine „Waserln“, sondern Männer der Tat, Männer mit Energie und Männer mit Temperament.Wenn wir der Lehre der Kirche vertrauen, dass die Heiligen Schriften inspiriert sind, dass sie uns deshalb überliefert sind, weil sich in

ihnen eine Göttliche Wahrheit zusagt, dann müssen wir es auch als eine Lehre des Heiligen Geistes annehmen, dass uns in Paulus ein so temperamentvoller Charakter geschildert wird. Ich merke hier an, dass mir persönlich Paulus gerade deshalb so sympathisch ist, weil ich mich in seinem Charakter wiederfinde. Johannes Paul II. wollte in seinem 26-jährigen Pontifikat das 5. Kapitel von Lumen Gentium, der dogmatischen Kirchenkonstitution, so veranschaulichen, dass er Tausende Menschen selig bzw. heilig gesprochen hat. Das 2. Vatikanum spricht nämlich „De universali vocatione ad Sanctitatem in Ecclesia“, „Über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit“. Wir brauchen heute nämlich dringend eine Korrektur unseres Verständnisses von Heiligkeit. Für die Kirche ist nämlich eine Schwester Restituta Kafka, die ihre Abteilung im Krankenhaus Mödling energisch geleitet hat und Bier und Gulasch geliebt hat, ebenso heilig wie ein Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, ebenso heilig wie der Armenarzt Fürst Ladislaus Batthyány-Strattmann – übrigens hatten beide, Jägerstätter und Batthyány, uneheliche Kinder. Es wäre echte nachkonziliare Spiritualität, wenn jeder von uns die Einladung, heilig zu werden mit dem je-eigenen Charakter, ernst nehmen würden. Ob Choleriker, ob Sanguiniker, ob Phlegmatiker oder Melancholiker: jeder auf seine Art und ohne Verleugnung seines Charakters. Wir sind oft blockiert durch die Vorstellung einer „Gipsfiguren-Heiligkeit“ aus dem 19. Jahrhundert. Pius XII. hat, so wird berichtet, manche Heiligsprechungsakte zurückgewiesen, weil es sich um jemand handelte, der geraucht hat. Da nützte dann auch das Martyrium nichts, um zur Ehre der Altäre erhoben zu werden. Das 2. Vatikanum ist gütiger; und Paulus lehrt uns durch sein PowerTemperament, dass es auch andere Kategorien von Heiligkeit gibt. Die Mitschwestern der kleinen Therese von Lisieux waren zwar überzeugt, dass ihre junge Mitschwester eine Heilige war, trotzdem hatten sie ein solch blutleeres Bild von Heiligkeit, dass sie die Schriften

Rektor P. Dr. Karl Wallner, OCist Thereses korrigierten. Falsch: Es gibt keine emotionslose, statische, klischeehafte und gleichsam anämische Heiligkeit in der Kirche. Noch ein Beispiel aus der Gegenwart: Wie dankbar müssen wir sein für die Einblicke in die Seele von Mutter Teresa, die erst in jüngster Zeit zum Vorschein gekommen sind. Diese Frau, die nur Liebe ausstrahlte, lebte in einer dunklen Nacht vermeintlicher Gottferne, in einer spirituellen Depression – und strahlte trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb. Ich durfte sie auch am 15. März 1988 als energische Ordnerin ihrer Mitschwestern erleben: eine richtige Oberin, eine „mulier fortis“. Und das ist gut so. Und auch der Blick auf Paulus hilft uns, falsche Heiligkeitsvorstellungen abzulegen. Das ist für jeden von uns wichtig, denn oft ist das Ideal so hoch erdacht wie eine Sprunglatte, die man auf 2 Meter Höhe auflegt. Ein solch falsch aufgesteigertes Ideal kann man nicht erreichen, man kann nur – frustriert – unten durchlaufen. Wenn wir den cholerischen und etwas eitlen Paulus kennen lernen, dann müssen wir dankbar sein: Wir Christen müssen keine weltabgeklärten Stoiker werden, die sich von nichts und niemanden berühren lassen. Mag das das Ideal des Buddhismus sein, unseres ist es nicht. Wir gehen in den Himmel durch unseren Herrn, der selbst zürnend den Tempel geleert hat und der am Kreuz in Gottverlassenheit die dunkelste Dunkelheit erleidet. Und schon darum, sehr geehrte Damen und Herren, brauchen wir Paulus als Vorbild, um ein „blut- und temperamentvolles“ Christentum zu lernen! ó Der vollständige Vortrag ist in der Pfarrkanzlei erhältlich.

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Paulusjahr

Von Saulus zu Paulus Gesetz, Rechtfertigung, Gerechtigkeit. Von Dompropst Ernst Pucher In einer am 25. Oktober 2006 gehaltenen Katechese zitiert Papst Benedikt XVI. Dantes „Divina Commedia“ (Hölle 2,28), wenn er Paulus im Anschluss an Apg. 9,15 als „vaso di elezione“, Gefäß der Erwählung, bezeichnet. Erwählt wofür und wodurch? Dreimal kommt die Berufung des Paulus vor Damaskus in der Apostelgeschichte zur Sprache: Apg 9,1-19; 22,5-16; 26,9-18. Paulus spricht in seinen Briefen selbst davon: Gal 1,12ff; Phil 3,4ff; 1 Kor 15,7ff. Mit seiner Berufung ist Saulus nunmehr Paulus, auch wenn er noch Zeit braucht, in sie hineinzuwachsen. Dadurch ist er ein für alle Mal „erwählt“, Christus, dessen Verfolger er war, als das Heil in Person zu verkünden. Paulus ist Jude, gebildet im Gesetz und in der Überlieferung der Väter, Schüler des berühmten Gamaliel; für das Gesetz der Väter hat er auch geeifert und war unversöhnlicher Gegner der neuen „Sekte“ der Christen. Doch nach Damaskus ist alles anders: Phil 3,7ff.: „Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen als Verlust erkannt …“. Nicht mehr sucht er die eigene Gerechtigkeit aus dem Gesetz, sondern jene Gerechtigkeit, die aus dem Glauben an Christus kommt, geschenkt von Gott. Dazu weiß er sich erwählt.

Der Mensch bliebe im Unheil, würde ihm nicht Christus verkündigt. Paulus selbst steht für diese umwerfende Wahrheit. 1 Kor 15,1-5 ist sein Grundevangelium: „Christus ist am dritten Tag auferweckt worden!“ Er, derselbe, der nach Phil 2,6f in der Gestalt Gottes war, in ewiger Präexistenz, dies aber nicht wie einen Raub betrachtete, an dem man mit den Zähnen festhalten muss, sondern sich entäußerte und den Menschen gleich wurde: Inkarnation. Nur so holt er uns Menschen in sein Heil. „Was nicht angenommen ist, ist nicht erlöst“ werden dann die griechischen Kirchenväter schreiben, und Tertullian im Westen wird das „Fleisch“ (= die menschliche Existenzweise) als die Angel des Heils bezeichnen: caro cardo salutis. Derselbe Christus wird in seiner Parusie wiederkommen, um dann alles in allen zu sein (1 Thess 4,16: 1 Kor 15,51f.).

Was heißt „gerecht werden“

Der Mensch im Heil

So redet Paulus (Röm 7,1) zu Leuten, die das Gesetz kennen. Aber was heißt „gerecht werden“ (dikaioun) in Kor 6,11? Geht es hier bloß um ein „gerecht“ gesprochen werden, einen „Freispruch“ wie in einem gerichtlichen Strafprozess – oder doch um mehr: ein echtes „Gerechtwerden“, das dann unser Sein neu prägt: „Gerechtsein“!? Die Erfahrung zeigt den Menschen zunächst im Unheil. Da gibt es Mächte und Helfer des Unheils: ˘ Die „fleischliche“ („sarkische“) Existenzweise des Menschen, durch die

Wer nun von Gott gerecht gesprochen ist, der ist auch wirklich gerecht geworden (1 Kor 6,11); nicht aus eigenem, sondern durch Glauben (Röm 3f., Gal 2). In wirksamen Bildern drückt sich dann das „Gerechtsein“, das „Heilsein“ aus: der Mensch ist versöhnt (Röm 5,9-11; 2 Kor 5,18-20), er ist zur Freiheit losgekauft (Röm 6,18-22), er hat die vollendete Freiheit in „Herrlichkeit“ (doxa, gloria) empfangen. Er ist neue Schöpfung ( 2 Kor 5,17), er ist in Gottes Gnade (Röm 5,21) von der Paulus als deren „erster Lehrer“ nicht ge-

er der Vergänglichkeit unterworfen ist (vgl. Röm 7,15!); ˘ Sünde und Tod (Röm 5,12; 6,23; 7,14-25); ˘ Die Ambivalenz des Gesetzes: Indem das Gesetz Christus verfluchte, zum Fluch machte, da es den Fluch für jeden Gehängten vorsah, erledigte es sich selbst. (Röm 3,20; Gal 2,16; Gal 3,23-25; Gal 3,10-13; Röm 7, 7-13).

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Dompropst Offizial Msgr. Dr. Ernst Pucher nug sprechen kann (Augustinus wird ihm als „doctor gratiae“ folgen). Der Mensch im Heil ist „in Christus“, „im Herrn“: über achtzigmal verwendet Paulus diese „Heilsformel“. Der Mensch im Heil hat das Geschenk des Geistes – die Gabe Gottes - erhalten: Röm 8,9-11; 1 Kor 12,2f; Röm 8,26; Gal 4,6; 1 Kor 2,14f; Gal 5,18; 2 Kor 3,17. Gerecht gesprochen – gerecht gemacht aus Glauben (Röm 5,1ff) gilt dann für uns Christen: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“(Röm 12,2) Das Wort des Heiles – Christus – wartet auf unsere Antwort: ein Leben in Gerechtigkeit und Heiligkeit! Dazu sind wir „gerechtfertigt“ durch den Glauben an Gottes „gerecht machendes“ Wort. Das allen Menschen (Juden und Griechen) zu verkünden, war Paulus fürwahr „vaso di elezione“. ó Besonderer Literaturhinweis: J. Gnilka, Paulus von Tarsus. Apostel und Zeuge (= Supplementband VI, Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament), Freiburg – Basel – Wien 1996

Von Paulus lernen Von Domkurat Bernhard Ruf 8. Oktober 1984: Erschöpft und sehr wehmütig besteige ich die KLM-Maschine, die mich von Wien nach Amsterdam bringen wird. Die letzten Wochen waren Abschied pur: von Eltern, Geschwistern, Verwandten, Freunden und den Pfarren: Altsimmering (meine Diakonatspfarre 1977–78), Hollabrunn, meine erste Kaplanspfarre (1978–82) und Neuottakring (1982–84). Bis heute wunderbare Erinnerungen.Viele Freunde. Dafür bin ich Gott, unserem Vater, sehr dankbar. 12. Oktober 1984: Guayaquil, Ecuador: Müde und sehr angespannt steige ich die Gangway hinunter. Tropisch heißes und sehr feuchtes Klima, alle Aufschriften spanisch. Ach hätte ich doch mehr Spanisch gelernt! Zu spät. Gott sei Dank empfängt mich mein ehemaliger Subregens Josef Heissenberger am Flughafen. Meine Tätigkeit als Missionspriester der Erzdiözese Wien für fünf Jahre in der Erzdiözese Guayaquil beginnt. 1984–91 bin ich Pfarrer der neugegründeten Pfarre San Francisco in Daule, 1991–97 in SantaLucia, 1997–2004 Pfarrer und Bischofsvikar in Naranjal, dann folgt ein Sabbatjahr in Österreich. 2005–2008 bin ich Pfarrer im Elendsviertel „Bastión Popular“ in Guayaquil. Nach der zweiten Beinamputation endet meine Missionstätigkeit in Ecuador. Der erste und wahrscheinlich der größte Missionar der Kirchengeschichte war Paulus. Er war begeistert von Jesus Christus und seinem Glauben an ihn. Seine Begeisterung war ansteckend. Er verkündete die „Neue Lehre“ allen Menschen ohne Unterschied von Rasse und Herkunft. In seinen Briefen finden wir Lob und Dank an Gott und auch an die Gemeinden. Er spart aber nicht an Kritik, wenn er von Fehlentwicklungen in den verschiedenen Gemeinden hört. Paulus setzt sein ganzes Leben für Jesus ein. Er nimmt alles in Kauf: Verfolgung, Entbehrungen, Leid und Schmerz und zuletzt auch sein Todesurteil. Seine Liebe zu Jesus und zu seinen Gemeinden besiegelt er mit seinem Blut.

Was können wir heute vom hl. Paulus lernen? Ich glaube sehr viel: Seine Begeisterung für Christus: Auch wir sollten begeisterter sein in und von unserem Glauben. Jesus ist für mich, für uns gestorben. Er hat mich, hat uns mit Gott versöhnt. Er hat mir, hat uns das Tor zum ewigen Leben geöffnet. Davon sollte ich, sollten wir alle begeistert sein. Und diese Begeisterung wird auch heute ansteckend sein. (Würden die „Erlösten“ nur „erlöster“ dreinschauen!) Ohne Unterschied von Rasse oder Herkunft: Jesus sendet seine Apostel zu allen Völkern. Auch wir sollen vor allen Menschen, egal welcher Rasse oder Herkunft, Zeugnis ablegen von unserem Glauben an den liebenden Vater. Es ist richtig, dass wir den Glauben anderer respektieren müssen. Aber unser Glaube muss durch uns auch von Andersgläubigen respektiert werden („seht, wie sie einander lieben“…). In großartiger Weise hat diese Mutter Theresa von Calcutta geschafft. Sie ist ein wunderbares Beispiel für Mission.

Lob und Kritik Lob und Dank und Kritik: Paulus lobt, preist und dankt Gott. Wie steht es um uns, um unser Gott-Loben und Gott-Preisen? Sind wir Gott dankbar für unseren Glauben und dafür, dass auch andere den Glauben gefunden und angenommen haben? Paulus lobt auch in seinen Briefen. Sollten nicht auch wir einander mehr loben? Ich glaube, dass es unter uns zu viel – oft negative – Kritik gibt. Unter uns allen, ob Priester oder Laien, wird zu viel kritisiert, beanstandet, heruntergemacht, oft nur das Negative gesehen. Wie wäre es, würden wir einander mehr anerkennendes Lob spenden? Das Lob ist der beste Ansporn, den anderen in seinen guten Werken zu bekräftigen. Auch wir müssen heute unsere kitische Stimme erheben, wenn es Fehlentwicklungen gibt. Aber dies soll in mitbrüderlicher Weise gesche-

Unser neuer Domkurat Mag. Bernhard Ruf hen, und vor allem unter uns. Ist es wirklich notwendig, daß wir uns via Fernsehen oder Presse gegenseitig heruntermachen, ja sogar fertigmachen? Könnte nicht unsere konstruktive Kritik unter uns bleiben? Viele meinen heute über die Christen: „Seht, wie sie einander fertigmachen!“ Paulus nimmt alles in Kauf: Verfolgung,Verleumdung, Entbehrungen, Strapazen. Die Liebe Christi drängt ihn, durchtränkt ihn. Was nehmen wir heute in Kauf, weil wir Jesus lieben? Im Vergleich mit Paulus sind wir alle, so meine ich, zu verweichlicht. Wir sollten um unseres Glaubens willen mehr ertragen, erdulden, auf uns nehmen. Auch leiden. Nicht in der Öffentlichkeit, sondern im Verborgenen. Zurück zu meiner Missionstätigkeit in Ecuador. Sie stand immer in der Spannung zwischen Verkündigung und Sozialarbeit. Das eine braucht das andere. So konnte ich in den 24 Jahren mehrere Kirchen, aber auch Schulen und „Dispensarios medicos“ (medizinische Versorgungsstellen) bauen. Viele Freunde und Pfarren haben dies verstanden und sehr großzügig unterstützt. Ihnen danke ich aus ganzem Herzen. Durch ihre Hilfe im Gebet und ihre Spenden konnte sehr viel Gutes gewirkt werden. Die Gemeinden „drüben“ sind uns auch heute noch dankbar. ó Bernhard Ruf, geb. 8.4.1954 im KH Stockerau, aufgewachsen mit sechs Geschwistern in Eggendorf am Wagram, 1972 Matura in Hollabrunn, dann Theologiestudium an der Uni Wien, Ausbildung im Wiener Priesterseminar. Der weitere Weg steht in der Einleitung. Ich danke Ihnen für die Geduld, die Sie diesen Zeilen geschenkt haben.

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Paulusjahr

Die Motoren der Globalisierung des Christentums: Stephanus und Paulus Von Domprediger Ewald Huscava „Do you speak English?“ Mit diesen Worten kann man in allen Ecken der Welt nach Personen tasten, die zumindest einige Brocken Englisch können. Unsere heutige Welt ist von der Sprache her globalisiert. Die Antike um die Zeit Christi Geburt war ebenfalls globalisiert. Griechisch war die Weltsprache, das Mittelmeer mit seiner Schifffahrt die „Autobahn“ und die griechische Lebenskultur war (wie heute die amerikanische) vor allem in den Städten allgegenwärtig. Im Hinterland hingegen sprach man die Provinzsprachen und lebte die Landeskultur. Auch Jerusalem war zur damaligen Zeit zweisprachig: Die Landessprache war Aramäisch, die Muttersprache Jesu. Die vielen jüdischen Pilger, die aus dem ganzen Mittelmeerraum zu den Festen nach Jerusalem kamen, sprachen hingegen Griechisch. Manche wurden sesshaft und waren in Synagogen sozusagen vereinsmäßig organisiert. So wundert es nicht, dass in der ersten Christengemeinde diese beiden Sprachengruppen in Form von Gemeindezirkeln gegenwärtig waren. Und das gab Anlass für Konflikte. „Stephanos“ heißt auf Griechisch der „Bekränzte“. Das ist bereits ein Hinweis, dass dieser Mann aus dem hellenistischen Kulturkreis stammte und letztlich eine Autorität in der griechischsprachigen Gemeinde war. Und dieser provozierte durch seine tempelkritische Haltung, die ihr Fundament in der Christusbotschaft hatte, einen Konflikt gerade mit den griechisch orientierten Synagogen. Das gab den Anlass für seine Steinigung, die unter tumultartigen Umständen zustande kam. Dieser Moment ist auf dem Hochaltarbild des Stephansdoms gegenwärtig gesetzt. In einer Parabel, die sich nach oben öffnet, ist unten am Scheitelpunkt Stephanus zu se-

Steinigung des hl. Stephanus, Hochaltarbild im Stephansdom, 1647 hen, dessen Antlitz durch den Widerschein des Lichts von „Oben“ besonders

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hervorgehoben wird. Er blickt in die göttliche Herrlichkeit und erkennt Christus

als neben Gott stehend. Das war das Tüpfelchen auf dem „i“ für seine damalige Hinrichtung. Im Hintergrund erkennt man Paulus auf dem hohen Ross sitzend, von dem er später auf dem Weg nach Damaskus herunterstürzen wird. Er war zweisprachig, ein ausgebildeter jüdischer Schriftgelehrter, aber gleichzeitig sehr vertraut mit der hellenistischen Kultur.

Verbreitung des Christentums Die Steinigung des Stephanus war der Hauptanlass für die internationale Verbreitung des Christentums. Der griechisch sprechende Teil der Christengemeinde in Jerusalem erlebte nach der Steinigung Repressionen und floh deshalb aus der Hauptstadt in das Umland, aber auch in das Ausland und sorgte gerade dadurch dafür, dass der „neue Weg“, der sich durch Jesus Christus eröffnet hatte, in der damaligen Welt bekannt wurde. Man kann deshalb sagen: Auf dem Hochaltarbild ist die Initialzündung der Globalisierung des Christentums gegenwärtig gesetzt. Diese Universalisierung ist weiters ohne den Apostel Paulus nicht denkbar. So ist er auch am Stephansdom an mehreren Stellen gegenwärtig (siehe den Artikel von Frau Dr. Fenzl.) Er ist der Hauptmotor der Übersetzung des Christusereignisses in die hellenistische Kultur. Und der Pfad, auf dem er diese Botschaft in die damalige Mittelmeerwelt brachte, verlief entlang der Synagogen. Diese waren keine abgeschlossenen jüdischen Zirkel, sondern viele nichtjüdische Frauen und Männer gingen zu den Synagogenveranstaltungen, die in gewisser Weise Erwachsenenbildungsvorgänge waren. In diesen wurde das Gesetz, aber auch die Propheten für die Lebenspraxis ausgelegt und damit der Gott Israels verständlich gemacht. Eines der Hauptprobleme für solche „Gottesfürchtigen“, vollständig zum Judentum überzutreten, bestand darin, dass Männer sich beschneiden lassen mussten und beide Geschlechter ab dem Übertritt nach aufwändigen jüdischen Lebensregeln zu leben hatten. Hier kam Paulus mit seiner Grunder-

Domprediger Dr. Ewald Huscava fahrung zu Hilfe, die er durch die Begegnung mit dem Auferstandenen geschenkt bekommen hatte: Das Gesetz hat seinen Eigenwert, wird aber durch Christus sozusagen überbordend aufgesprengt, sodass das Regelwerk für den Kern der Gottesbeziehung unwichtig geworden ist. Der Zugang für gottesfürchtige Frauen und Männer aus dem hellenistischen Raum war damit frei gemacht worden, den „neuen Weg“ zu beschreiten, der zur damaligen Zeit noch eine Variante des Judentums darstellt. Die Globalisierung des Christentums hatte somit ernsthaft begonnen. Und es war Paulus, der in seinen Briefen diese neue Praxis mit großer denkerischer Schärfe reflektiert hat. Er ist daher auch der „Erzvater“ der christlichen Theologie geworden. Man trifft bei ihm auf Globalisierung im Tun verbunden mit der Globalisierung im Denken. Und beides zusammen ist Frucht der interkulturellen Lebensbiographie des Völkerapostels. ó Dr. Ewald Huscava Geb. 1957, HTL-Absolvent, 1980/81 Studienjahr in Rom, Priesterweihe 1985 durch Kardinal König. Nach der Kaplanszeit zwölf Jahre Landpfarrer in Mannswörth und anschließend 6 Jahre Stadtpfarrer im Wohnpark Alterlaa. Parallel dazu: 1987-89 Assistent am Institut für Pastoraltheologie unter P.M. Zulehner. Seit 1988 Lehrbeauftragter für Homiletik an der katholischen Fakultät Wien, seit 1996 Dozent für Homiletik an der päpstlichen Hochschule Heiligenkreuz, 1997 Promotion. Ab 1. September 2007 Domprediger bei St. Stephan und Personalentwickler in der ED Wien mit Schwerpunkt pastorale Berufe.

Paulus – Damals und heute. Geistliche Vorträge zum Paulusjahr Prof. P. Norbert Baumert SJ So, 14. Dezember 2008 Die Frau schweige? Frau und Mann in der Gemeinde So, 18. Jänner 2009 Eine Selbstempfehlung? Der fremde Paulus So, 15. Februar 2009 Ausweglos? Der bedrängte Paulus So, 15. März 2009 Begreift doch! Paulus – Hirte seiner Gemeinde So, 19. April 2009 Der streitbare Paulus Ein „Brief unter Tränen“ So, 17. Mai 2009 Mit dem Rücken zur Wand Paulus – ein Narr um Christi willen So, 21. Juni 2009 Ein „Freudenbrief“ Versöhnung mit Paulus Jeweils 18.30 Uhr in der Jesuitenkirche, 1010 Wien, Dr. Ignaz Seipel-Platz

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Paulusjahr

»Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark« (2 Kor 12,10) Von Familienseelsorger P. Werner M. Kuller Ein geheimnisvolles Wort des Hl. Paulus an die Korinther. Rühmen will sich Paulus nicht wegen all seiner Erfolge, Erkenntnisse, Fähigkeiten. Ihm wurde ein „Stachel ins Fleisch“ gestoßen; wir wissen nicht, was es war. Seine Bitte um Befreiung davon ist nicht erhört worden „Meine Gnade genügt Dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“So will er sich seiner Schwachheit rühmen. Er bejaht seine Nöte, seine Ohnmacht… „denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Ein schwieriger Satz des Hl. Paulus für unsere Zeit. Es kommt doch darauf an, stark zu sein, gesund, leistungsfähig. Schwächen zu zeigen lässt einen in der harten Konkurrenz auf die Verliererstrasse geraten. Dazu haben wir oft genug erlebt oder mit verfolgt, wie Schwächen ausgenutzt wurden, Ansehen zu schädigen, Menschen ins Abseits zu manövrieren. Heute kann man es sich nicht leisten, Schwächen zu zeigen oder zuzugeben. Ist das wirklich so? Haben Sie auch schon einmal erlebt, wie erfrischend es ist, wenn jemand z. B. bei einem vornehmen Essen mit vielerlei Besteck oder bei feierlichen Gelegenheit einfach sagt: „Also ich weiß jetzt wirklich nicht, wie das geht!“ Sofort entspannt sich die Situation denn: Sicher gibt es andere, denen es genauso geht und auch solche, die es einem sehr gerne zeigen. Ist nun diese Person schwach, weil sie etwas nicht kann – oder stark, weil sie zu sich stehen kann und in großer Freiheit zugibt: „Das weiß ich nicht!“. Das Gegenteil haben sie sicher auch schon erlebt: Menschen, die mit dem, was sie haben an Fähigkeiten, Talenten, Lebenssituation nur unzufrieden sind. „Ja, wenn…“ dies oder jenes anders wäre, wenn Menschen sich mir gegenüber anders verhalten hätten, „dann könnte ich ja..“ etwas aus meinem Leben machen.

Nun ist es aber nicht so, deshalb bleiben sie in der Rolle des Opfers anderer oder ihrer Lebenssituation.

Ja zu dem, was ist Wir wollen stark sein und uns entfalten. Nur:Grundlage desWachstums ist es,Ja zu sagen, zu dem, was ist; es anzunehmen, auch wenn man sich manches anders wünschen könnte; und von da aus schrittweise auf das zuzugehen,was ich mir wünsche. Es ist ein Zeichen von Stärke, zu dem zu stehen, was ist.Von da her fällt ein Licht auf den Satz des Hl. Paulus: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ Dieses Ja zu dem zu sagen, was ist, fällt gar nicht so leicht. Vielleicht ist es leichter, zuerst einmal dieses Ja zu dem, was ist, vor Gott zu sprechen, im Gebet einzuüben, sich Gott zu zeigen, wie man ist. Ich suche einen Ort, an dem es mir leicht fällt, ihm nahe zu sein. Vor dem Kreuz, in der Anbetung z. B. in der Eligiuskapelle lasse ich mich von ihm anschauen. Unter seinem liebenden Blick beginne ich die Freude an meinen Stärken und Erfolgen auszudrücken und mit ihm auf meine Schwächen, Grenzen und Fehler zu schauen. Ich sage ihm: „Ja, so bin ich“ Das nehme ich in meinem Leben wahr. Und ich spüre, „das darf so sein“. Vor ihm muss ich mich nicht verstecken. Immer wieder komme ich so zu ihm und zeige mich ihm. Die Seele kann sich entspannen und den Druck, etwas darstellen zu sollen, mehr und mehr ablegen und das Ja zu mir wird leichter. Dann kann es allmählich auch gelingen, mich vertrauten Personen gegenüber, deren Wohlwollen ich erlebe, mehr als der zu zeigen, der ich bin, in Stärken und Schwächen.

Ja zur Bedürftigkeit In letzter Zeit bin ich als Familien – Seelsorger im Gespräch mit Ehepaaren verstärkt der Bedeutung dieses Jaworts be-

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Familienseelsorger P. Werner M. Kuller gegnet. Ein Beispiel: Ein Ehepaar hat es zurzeit schwer miteinander. Sie versuchen im Gespräch zu bleiben, geraten aber immer wieder in Blockaden.„Es geht nicht mehr“, sagen sie nach über 20 Jahren Ehe. Ich lasse mir von beiden an konkreten Situationen beschreiben, was in diesen Gesprächen passiert. Wir entdecken miteinander, dass sehr oft ihr Erzählen, was sie bewegt oder beunruhigt, von ihm als Anspruch verstanden wird, er müsse etwas verändern. Dann fühlt er sich einfach nur hilflos und verstummt. Das macht sie wiederum hilflos. „Was soll ich da noch tun?“, sie wollte ihm doch nur Anteil geben an ihren Sorgen und er will sie scheint’s nicht hören. Es war schon einmal hilfreich, das Muster zu entdecken, das in die Blockade führt. Im weiteren Gespräch wurde ihnen ein Wort wichtig:„Ich darf mich dem Ehepartner in meiner Bedürftigkeit zeigen.“ Dann kann er auf mich eingehen und es wird möglich, unser Miteinander als Kraftquelle zu erleben. Es tut mir gut, wie der andere mich schätzt und für mich da ist. Das war für beide eine Herausforderung: „mich in meiner Bedürftigkeit zeigen!“ Das haben wir nicht gelernt, wir mussten immer stark sein. Schwach sein und das vor anderen war eine Blamage. Not, Bedürftigkeit war gut versteckt. Inzwischen habe ich eine Rückmeldung von ihnen, sie üben und merken wieder, wie die Liebe fließt. „Es ist nicht

Paulus – ein leidender und kranker Apostel Gedanken von Domkustos Josef Weismayer Im Atrium vor der römischen Basilika St. Paul vor den Mauern steht zentral eine Statue des Apostels, die ihn als eine – auch körperlich – kraftvolle, imposante Persönlichkeit darstellt. Paulus war und ist zweifellos eine der eindrucksvollsten Persönlichkeiten des frühen Christentums, aber – und das ist kein Widerspruch zum eben Gesagten – er war in Wahrheit ein leidender und kranker Mann. Aber gerade in seiner Schwachheit und durch sein Leiden wusste er sich stark in der Kraft des auferstanden und erhöhten Herrn, der ihn berufen hat. „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt“, so sagt er selbst (2 Kor 12,9). Paulus ist in seinen Briefen nicht sehr auskunftsfreudig über seine persönliche Befindlichkeit; die Apostelgeschichte ist da mitteilsamer. Für den Apostel geht es um die Verkündigung Christi, demgegenüber ist seine Person zweitrangig. Er geht in diesem Dienst ganz auf.Wo Paulus von Leiden und Prüfungen spricht, geschieht das auch immer in engem Zusammenhang mit seinem Dienst der Verkündigung. Die Missionsreisen des Apostels waren durch viele Strapazen und Beschwerlichkeiten gezeichnet, durch große Anstrengungen. Auch wenn die Straßenverhältnisse in der Kaiserzeit gute Reisemöglichkeiten boten, weite Strecken musste der Apostel doch zu Fuß zurücklegen, er war Wind und Wetter ausgesetzt, aber auch Gefahren von Räubern. Paulus hat alle diese verschiedenartigen Behin-

derungen und Schwierigkeiten in einer langen Liste von „Leiden“ in 2 Kor 11,23-28 aufgeführt. Zu den äußeren Behinderungen kamen auch Verfolgungen und Attacken seitens der Synagoge, die in der Verkündigung des Paulus einen Angriff auf die Thora erblickte und dementsprechend ihm gegenüber zu Sanktionen griff, wie z. B. in Thessalonike (vgl. Apg 17,1-9). Paulus war aber auch durch ein körperliches Leiden schwer behindert. Er schreibt darüber im 2. Korintherbrief: „Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“ (2 Kor 12,7-9) Die Exegeten haben viel Scharfsinn darauf verwendet, um die Frage zu beantworten, um welches Leiden es sich bei dieser Andeutung handelt. Man vermutete Depressionen, chronische Kopfschmerzen, epileptische Anfälle; im Hinblick auf Gal 4,15 dachte man auch an ein Augenleiden. Wir wissen es nicht, aber entscheidend ist, wie Paulus dieses Leiden angenommen hat. Der ihn berufende Herr hat ihm seine Kraft zugesichert. Daher rühmt er sich vor allem seiner Schwachheit, damit die Kraft Gottes auf ihn herabkommt. Er sagt ja zu seiner Ohnmacht, zu den Misshandlungen und Nöten, Verfolgungen und Ängsten,

leicht“ sagen sie, aber auch „Es wird immer schöner“. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!“ Wir gehen auf das Weihnachtsfest zu. Gott hat seinen Sohn in diese Welt gesandt als ein schwaches, hilfloses Kind. Er

ist nicht in all seiner Macht und Herrlichkeit erschienen. Dieses Kind möchte uns erneut einladen, auch das Kleine und Schwache zu zeigen, vor ihm in der Krippe Kind zu sein, dass seine Arme ausbreitet und voll Vertrauen erwartet, dass es

Domkustos Univ. Prof. Dr. Josef Weismayer die er für Christus erträgt (vgl. 2 Kor 12,910). So wagt er das paradox scheinende Bekenntnis: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2 Kor 12,10) Paulus hat seine Berufung als Apostel nicht durch brillante Rhetorik, durch eine eindrucksvolle Erscheinung oder strahlende Gesundheit erfüllt, sondern in Schwachheit und Niedrigkeit. Er ist in diesem Sinn dem Gekreuzigten gleich geworden.Wenn der Apostel so das Sterben Jesu an seinem Leib sichtbar gemacht hat (vgl. 2 Kor 4,10f), dann ist er selbst eine Offenbarung Christi geworden. Er ist überzeugt: „Wie uns die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil.“ (2 Kor 1,5) Die Verkündigung der Christusbotschaft durch Paulus geschieht auch durch das Erleiden der Bedrängnisse. Seine Leiden kommen der Kirche, dem Leib Christi zugute (vgl. Kol 1,24). Letztlich ist Paulus überzeugt, „dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,16). ó

auf- und angenommen wird. Dann kann es uns reich beschenken mit seiner Kraft und seinem Segen und wir erfahren ganz persönlich, was das Wort des Hl. Paulus für uns bedeuten kann: „wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ ó

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Paulusjahr

Die Missionsreisen des hl. Paulus Eine Übersicht von Msgr. Franz Schlegl „Doctor gentium“ – Lehrer der Völker, „vas electionis“ – ausgewähltes Gefäß (Apg 9,15) nennt man den hl. Paulus. Durch ihn ist das Christentum nach Europa gekommen (Kleinasien – heutige Türkei, Griechenland und schließlich Rom). Irgendwie war es ihm schon in die Wiege gelegt. In Tarsos in Kilikien (Kleinasien) geboren, wuchs er mehrsprachig auf. Aramäisch, die Umgangssprache der palästinensischen Juden, Hebräisch, die heilige Sprache der jüdischen Bibel (AT) und Griechisch (koin), die Umgangssprache im Imperium Romanum bis ins 3. Jahrhundert, waren ihm geläufig. Außerdem vererbte ihm sein Vater das römische Bürgerrecht, das ihn unter anderem vor „entehrenden“ Strafen (Geißelung, Kreuzigung …) schützte und ihm die Möglichkeit gab, bei einem Strafprozess an den kaiserlichen Gerichtshof zu appellieren. Nach seiner Berufung durch die Vision des Auferstandenen (Apg 9,1-19) wahrscheinlich 33/34 n. Chr. zieht sich Paulus in die Einsamkeit der Wüste zurück (vielleicht in die Gegend der Nabatäerstadt Petra im heutigen Jordanien). Erst dann begab er sich nach Jerusalem, um die Urgemeinde und Petrus kennenzulernen.

Beauftragt zur Heidenmission Nachdem sich das Misstrauen gegen den ehemaligen Christenverfolger gelegt hat – Paulus hatte in Antiochien (Syrien) große Missionserfolge –, wird Paulus mit der „Heidenmission“ beauftrag. Eine nicht geringe Zahl der sogenannten „Gottesfürchtigen“ – das waren Heiden, die zum Glauben an den Einen Gott gekommen waren, sich aber wegen der Beschneidung und der jüdischen Zeremonialgesetze nicht dem Judentum angeschlossen hatten – war reif für die christliche Botschaft. Allerdings vergingen noch weitere vier Jahre, bis die Altapostel es riskieren konnten, Paulus auf die Missionsreise zu schicken. Zwölf Jahre nach

seiner Berufung und seiner Tätigkeit in Antiochien, wo man die Jünger zum ersten Mal Christen nannte, zieht Paulus auf seine erste Missionsreise, ca. 45 – 48 n. Chr. (Apg 13,4 – 14,28). Sie führt ihn über Msgr. Mag. Franz Seleukia nach Zypern, zunächst in die Stadt Salamis, dann nach Paphos, dem Schlegl, Geistl. AssisSitz des römischen Statthalters. Hierauf tent im erzbischöfl. nach Antiochien in Pisidien (nicht zu ver- Amt für Unterricht und Erziehung wechseln mit Antiochien in Syrien). In der nächsten Stadt, Lystra, heilt Paulus einen hat. Nach der Heilung eines Mädchens, Lahmen, worauf ihm die erregte Bevöldessen „mediale“ Fähigkeiten ihrem Arkerung mit seinem Begleiter Barnabas beitgeber finanzielle Vorteile brachten, prompt als Zeus und Hermes Opfer darwurden Paulus und Silvanus arrestiert bringen will. Die Rückreise erfolgte auf und gegeißelt, obwohl sie römische Bürdemselben Weg nach Antiochien in Syger waren. rien. Dass Reisen damals sehr strapaziös Während eines Erdbebens in der folwaren, braucht wohl nur am Rande ergenden Nacht befreit, bekommen sie wähnt zu werden. Schadenersatz für die ungerechte BestraDie Zeit hatte gezeigt, dass sie reif fung und reisen weiter nach Thessaloniwar, Heiden des griechisch-kleinasiatike (Apg 17,1), damals eine große Handelsschen Raumes ohne Umweg über das Justadt. Die Erfolge der Predigt Pauli an drei dentum (Beschneidung und RitualgeSabbaten hielten sich in Grenzen. Er reist setz!) in die christliche Kirche aufzunehweiter nach Athen (Apg 17,17) und sieht men. Das Apostelkonzil (Apg 15) im Jahre beim Durchstreifen der Stadt einen Al49 n. Chr. macht diesen Weg frei, lediglich tar, geweiht „dem unbekannten Gott“. die vier so genannten „Jakobusklauseln“ Dieses Erlebnis baut Paulus in seine bebringen eine Einschränkung: 1) Verbot des rühmte Rede auf dem Areopag ein – er erGenusses von „Götzenopferfleisch“, zählt von dem Gott, den die Athener verdurch das man am heidnischen Opfer ehren, ohne ihn zu kennen. Die Lehre von teilnahm, 2) Verbot von Blut nach Gen 9,4 Gott, die Lehre vom Menschen als Ebendem Sitz der Seele. 3) Verbot von Erstickbild Gottes und die Lehre vom Erlöser, seitem, da das Blut nicht ausgeflossen ist. 4) ner Auferstehung und dem Weltgericht „Unzucht“, gemeint wahrscheinlich Verträgt Paulus vor. Nur die „leibliche Auferwandtenehe. stehung“ war für die vom Platonismus Damit hat das Apostelkonzil nach der geprägten Athener nicht besonders er1. Missionsreise das Tor zur Weltmission, strebenswert (lediglich die Seele sollte zur Welt-Kirche aufgemacht! sich aufschwingen zum Sitz der höchsten Die 2. Missionsreise (49 – 52 n. Chr.), Ideen). Apg. 15,36 – 18,22 Die Reise geht weiter in die HafenZiel der Reise, auf der Paulus den jungen stadt Korinth, der er später zwei Briefe Markus (den Evangelisten) mitnahm, war widmet. Überall findet Paulus Mitarbeidie “Nachmission“ der vorher missionierter, die sein Werk fortführen. Der nächste ten Gebiete. Mit Apg 16,9 setzt Paulus als Zielpunkt ist Ephesus (die Stadt wird seit erster seinen Fuß auf europäischen Bodem 19. Jh. von österreichischen Archäoden, er betritt Mazedonien! Es geht weilogen systematisch freigelegt). Über Jerusalem geht die Reise weiter nach Antioter nach Philippi, in die Stadt, die der Vachien in Syrien. ter Alexanders des Großen gegründet

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3. Missionsreise (53 – 58 n. Chr.), Apg 18,13 – 21,16 Sie führt über Galatien wieder nach Ephesus, einem Handelsschnittpunkt von Ost und West (Kaiser Augustus war viermal in Ephesus!). Infolge der Missionspredigt des Paulus kommt es zum Aufstand der Silberschmiede (sie fürchteten finanzielle Einbußen beim Absatz der kleinen silbernen Artemistempelchen, die sie zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin herstellten!). Der ca. dreijährige Aufenthalt Pauli in Ephesus muss als sehr erfolgreich bezeichnet werden. Über Troas geht es weiter nach Philippi, wahrscheinlich auch nach Illyrien (= Bulgarien, Röm 15,19) und wieder nach Korinth. Sowohl das gut ausgebaute römische Straßennetz als auch die bewährte Schifffahrt in Küstennähe erleichterten die Missionsarbeit Pauli und seiner Mitarbeiter. Per Schiff reist Paulus weiter nach Cäsarea und trotz vieler Warnungen begibt er sich nach Jerusalem, wo er fälschlich beschuldigt wird, einen Heiden in den Tempel geführt zu haben, ein Delikt, auf das die Todesstrafe steht. Da er von einem Prozess in Jerusalem kein faires Verfahren erwarten kann, appelliert Paulus an den Kaiser und so beginnt seine Gefangenschaftsreise per Schiff nach Rom. Sie endet infolge eines Wintersturmes mit einem Schiffbruch vor Malta. Der hl. Clemens von Rom (der 3. Nachfolger des Petrus) berichtet von einer Reise des Paulus „bis an die Grenzen des Westens“, womit nur Spanien gemeint sein kann. Dann wäre der Prozess Pauli in Rom mit Freispruch zu Ende gegangen (61 n. Chr.). Neuere Forscher geben diese Möglichkeit wieder zu, erst nach der Spanienreise sei Paulus erneut verhaftet worden und hätte im Zuge der „neronischen Christenverfolgung“ 67/68 n. Chr. den Märtyrertod durch Enthauptung erlitten. Paulus war „Reisender“ in Sachen Jesu Christi, wir verdanken ihm den Grundstein zur Weltkirche. ó

Papst Benedikt XVI. über Paulus.

Die dritte Katechese von Papst Benedikt XVI. war der Konversion des heiligen Paulus gewidmet. Im Rahmen der Generalaudienz am Mittwoch, den 3. September 2008 im Vatikan in der Aula Paolo VI., waren auch diesmal zahlreiche Gläubige aus aller Welt vertreten. Zu dem Damaskuserlebnis des Apostels sagte der Heilige Vater: „Dreimal wird dieses prägende Ereignis in der Apostelgeschichte erzählt. Demnach war Saulus, wie Paulus ursprünglich hieß, mit dem Auftrag unterwegs, die Christen aufzuspüren, zu verhaften und nach Jerusalem zu bringen. In der Nähe von Damaskus wurde er jedoch von einem hellen Licht umstrahlt; er stürzte zur Erde und hörte die Stimme Jesu: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9, 4). Nach der Vision war Paulus erblindet, doch als der Christ Hananias ihm in Damaskus die Hände auflegte, fiel es wie Schuppen von seinen Augen und,

vom Heiligen Geist erfüllt, ließ er sich taufen. Diese ausführliche Erzählung in der Apostelgeschichte steht in einem gewissen Kontrast zu den eher nüchternen Aussagen darüber in den Paulusbriefen. Dort schildert der Völkerapostel keine Einzelheiten und deutet das Ereignis weniger als seine Bekehrung, sondern als eine persönliche Begegnung mit Christus, die ihm den Anstoß gibt, alles Vorherige als Unrat aufzugeben (Phil 3, 8) und stattdessen unermüdlich als Zeuge des Auferstandenen zu wirken. Paulus zeigt uns die zentrale Bedeutung der Person Christi für unseren Glauben: Ihm ist nicht nur der historische Jesus, sondern der lebendige Christus erschienen. Dieser Christus bestimmt unsere Identität als Christen; in ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, finden wir den tiefsten Sinn unseres Lebens. Wer das erkannt hat, kann diese Wahrheit nicht mehr für sich behalten, er muss sie weitergeben.“

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Paulusjahr

Paulus und die Frauen Ein Beitrag von P. Joop Roeland OSA Die verstorbene Malerin Lydia Roppolt erzählte mir einmal, wie sie mit Kindern aus der Diözese Linz ein großes Friedensbild gemalt hatte. Durch Vermittlung von Bischof Wagner wurde es möglich, dieses Bild Papst Johannes Paul II. in Rom anzubieten. In der freundlichen Begegnung der Malerin mit dem Papst fragte sie mit dem ihr eigenen unbeschwerten Freimut: „Heiliger Vater, darf ich Sie malen?“ Der Papst lehnte das ab und meinte:„Das geht nicht hier im Vatikan! Eine Frau, die den Papst malt!“ Jedem, der sich in der Kirche ein wenig auskennt, ist diese kirchliche Zurückhaltung Frauen gegenüber nicht unbekannt. Allerdings, vieles hat sich schon verbessert. Als ich vor fast 40 Jahren nach Wien kam, war das erzbischöfliche Ordinariat Männersache. Nun sind dort auch viele kompetente Frauen in Führungspositionen tätig (Diözesanarchiv, Schulamt, Fi-

Das Paulusjahr in Wien. Warum ein Paulusjahr? Das Paulusjahr ist eine ungewöhnliche Idee, die davon ausgeht, dass im Jahr 2008 der 2000. Geburtstag des Apostels zu feiern ist. Es sei sein Wunsch, sagte der Papst anlässlich der Ausrufung des Paulusjahres, einen Beitrag zur „Erneuerung unseres missionarischen Eifers“ und zur „Festigung unserer Beziehungen zu den Brüdern des Ostens wie auch zu anderen Christen“ zu leisten - in Anspielung auf den unermüdlichen Einsatz des Paulus für die Verbreitung der Christusbotschaft. Dauerbrenner„Paulus und die Frauen“ Das Interesse der Pfarren in der Erzdiözese Wien an Paulus ist außergewöhnlich groß, berichtet Toni Kalkbrenner vom Katholischen Bildungswerk, das für das Paulusjahr drei Angebote ausgearbeitet hat: Es sind

nanzkammer, Kategoriale Seelsorge usw.). Die Erfahrung solcher positiven Entwicklungen stimmt uns alte Priester, die so gerne raunzen, doch optimistisch. Allerdings, manchem Katholiken ist das noch zu wenig. Sie glauben in der Kirche eine gewisse Frauenfeindlichkeit zu entdecken. Mehr als sonst in der Gesellschaft? Und glauben: Paulus ist (u. a.) daran schuld!

Wie war das, Paulus und die Frauen? In den Paulusbriefen lese ich gerne die Schluss-Sätze, die abschließenden Grußworte, die letzten Mahnungen. Nach den Höhen der paulinischen Theologie hat hier alles wieder ein häusliches Maß. Man bekommt einen Einblick in den Alltag der frühen christlichen Gemeinde. Am Ende des Römerbriefes zum Beispiel nennt Paulus „unsere Schwester Phoebe. Kurzseminare, die sich über zwei, drei oder fünf Abende erstrecken. Zur Auswahl stehen: „Paulus - ein unbequemer Apostel und Missionar der Völker“, „Paulus und Petrus im Vergleich“ oder „Die Apostelgeschichte“. Toni Kalkbrenner hilft bei der Vermittlung von kompetenten Referenten:„ Ich muss gestehen, dass ich bis April ziemlich ausgebucht bin“, so Toni Kalkbrenner. Einer der Vortragenden ist der Pfarrer und Bibelreferent im Pastoralamt Roland Schwarz. Sein Anliegen ist es, auf die mystische Christusbeziehung des Paulus aufmerksam zu machen: „Paulus war überzeugt, dass Jesus ganz persönlich für ihn da ist.“ Die stärkste Nachfrage verzeichnet Roland Schwarz aber bei Vortragsthemen wie „Hatte Paulus ein gestörtes Verhältnis zu Frauen?“ oder „Die Gemeindevisionen des Paulus“. Das Pastoralamt informiert Aber nicht nur Vorträge gibt es im Paulusjahr in Wien: Das Schulamt der Erzdiözese hat eine Serie von zehn Plakaten

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Domkurat P. Drs. Joop Roeland OSA Steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; sie selbst hat vielen, darunter auch mir, geholfen.“ Oder: „die liebe Persis.“ Oder: die Mutter von Rufus,„die auch mir zur Mutter geworden ist.“ Mit anderen Frauen hat Paulus sich schwer getan. Einige Frauen in Philippi zum Beispiel. Die Gemeinde von Philippi hat der Apostel sehr geliebt. Kein anderer Brief ist so liebevoll gehalten wie der Brief an die Philipper. Dennoch gibt es am Ende des Briefes eine Ermahnung an Euodia und an Syntyche. Beide Frauen sind anscheinend nicht pflegeleicht und ziemlich zerstritten (Phil, 4,2,3). So ist es Paulus mit mit Pauluszitaten herausgegeben. Bekannte Sprüche wie „Die Liebe hört nie auf“ sollen die Schaukästen von Schulen und Pfarren mit paulinischen Gedankenimpulsen beleben. Die Plakate können über das Pastoralamt bezogen werden, wo auch ein Behelf „Gemeinsam Paulus begegnen“ erhältlich ist. Darin sind Modelle zur Gestaltung von Gottesdiensten und Vorschläge für Paulus-Bibelgruppen enthalten. Auf der Homepage des Pastoralamtes sind Informationen über die vielfältigen Initiativen im Paulusjahr in Wien zusammengefasst. Dort wird auch schon auf ein Event im Anschluss an das offizielle Paulusjahr hingewiesen: Am 19. September 2009 wird es rund um den Stephansplatz ein großes Fest geben. Im Mittelpunkt des bunten Programms steht der Besuch des Apostels Paulus in Wien, der – von einem Schauspieler vertreten – sogar ein Interview geben wird. Geschrieben hat das Theaterstück Roland Schwarz, sein Anliegen ist es, die antiken Paulustexte zu neuem Leben zu erwecken.

den Frauen wohl nicht anders gegangen als vielen Pfarrern in ihren Gemeinden. Mit vielen versteht der Pfarrer sich gut, sie sind ihm eine große Hilfe. Aber einige gehen ihm ein wenig auf die Nerven.

Lydia, zum Beispiel Lydia war eine Geschäftsfrau in Philippi. Das war in jener Zeit zwar ungewöhnlich, aber nicht total ausgefallen. In Philippi hatte sie ein Geschäft für Purpurstoffe angefangen. Heute hätte sie wohl eine Boutique in der Wiener Innenstadt eröffnet und wäre als Karrierefrau regelmäßig in den Seitenblicken aufgetaucht. Zu den Events, den Festen, den Theaterdarbietungen hatte sie einen selbstverständlichen Zugang. Ihre Kundschaft war die so genannte gehobene Gesellschaft. Purpur war ein kostbarer Stoff. Nicht jeder durfte es tragen. In Rom trug nur der Kaiser einen vollständig purpurfarbenen großen Mantel,„Paludamentum“ genannt. Das war ein kaiserliches Sonderrecht. Im Jahr 40 ließ Kaiser Caligula den König von Mauretanien hinrichten, weil Und so wird Paulus im Interview am Stephansplatz mit Originalzitaten aus den Briefen antworten - Paulus im OTon also. Da kann man nur sagen: Schaun Sie sich das an! Gemeinsam nach Rom pilgern Einer der Höhepunkte im Wiener Paulusjahr ist wohl die Diözesanwallfahrt nach Rom: Am Abend des 30. April kommenden Jahres setzt sich ein Sonderzug von Wien Richtung Rom in Bewegung: Etwa 700 bis 1.000 erwartete Teilnehmer(innen) wird die Pilgerfahrt in die Stadt des Martyriums des Heiligen Paulus bringen. Neben der Besichtigung der römischen Paulusorte, einem Gottesdienst im Petersdom und einer Fußwallfahrt auf der Via Appia steht auch eine Messe in der Basilika St. Paul vor den Mauern auf dem Programm. Dabei wird die Wiener Pilgergruppe mit einem Segen für das diözesane Projekt „Apostelgeschichte 2010“ ausgerüstet.

er sich bei einer Theatervorstellung im Purpurmantel gezeigt hatte. Also keine halben Maßnahmen! Senatoren und andere Würdenträger trugen Abstufungen, Senatoren z.B. einen breiten Purpurstreifen als Saum. Die emanzipierten Frauen jener Zeit interessierten sich für orientalische Religionen, die „Mysterienreligionen“. So gab es in Philippi ein Heiligtum der Isis und eines des Mithras. Aber Lydia geht einen eigenen, ungewöhnlichen Weg. Sie beschäftigt sich mit dem Judentum. In Philippi waren die Juden nicht zahlreich. Sie treffen sich besonders am Samstag (Sabbat), außerhalb der Stadtmauern, am kleinen Fluss Ganza, nicht weit weg vom Aquädukt. Lydia ist noch nicht Jüdin geworden, keine Proselytin, sondern eine Sympathisantin, die sich an die jüdischen Gesetze hält. Es ist Herbst im Jahre 50 n. Chr. Paulus ist nach Philippi in Mazedonien gekommen, vorher war er bei Gemeinden in Kleinasien. Die Vision eines Mazedoniers, der ihn anfleht, nach Mazedonien zu kommen, veranlasst ihn nach Europa, eben nach Mazedonien aufzubrechen. Seine Begleiter sind Silas, Lukas und der junge Timotheus. Nun in Philippi, wollen sie zuerst die jüdische Gemeinschaft finden. Sie ahnen schon, wo sie diese suchen müssen. In der Apostelgeschichte wird das so erzählt: „Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus, wo wir ein Bethaus vermuteten.Wir nahmen Platz und sprachen zu den Frauen, die sich eingefunden hatten. Eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin, hörte zu. Sie war eine Gottesfürchtige, und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie aufmerksam den Worten des Paulus lauschte“ (Apg 16, 13 – 14). Sie wird getauft und möchte, dass Paulus und seine Leute bei ihr wohnen. Paulus und seinen Leuten war es immer wichtig, ihren Lebensunterhalt selbst zu beschaffen. Ihre Unabhängigkeit, ihr Auftrag war ihnen wichtig. Sie wollen nicht eingeladen werden. Aber an Lydia kommen sie nicht herum: Im Reisebericht der Apostelgeschichte heißt es dann:„sie nötigte uns.“

Grundsätzliches Die Erfahrungen von Paulus entsprechen ganz alltäglichen Verhaltensweisen. Nun hat aber der Apostel sich auch grundsätzlich Gedanken gemacht über die Frau in der Ehe und in der Kirche. Und gerade dort wird er für uns manchmal schwer verständlich. Denn Paulus spricht dann auch als Kind seiner Zeit, als einer, der im jüdischen Patriarchat aufgewachsen ist. Besonders für feministisch orientierte Menschen sind seine Aussagen nicht leicht verdaulich. Zum Beispiel im ersten Brief an die Christen von Korinth, wo Paulus die Frauen mahnt, nicht mit unbedecktem Haupt zu beten oder prophetisch zu reden. Nebenbei erinnert er noch locker daran, dass der Mann das Haupt der Frau sei. Die Frau sei sozusagen der Abglanz des Mannes (1 Kor, 11,2-16). Und etwas weiter im selben Brief (1 Kor, 14,34.35) wird den Frauen aufgetragen, im Gotteshaus zu schweigen. Falls sie dennoch etwas wissen möchten, sollen sie zu Hause ihren Mann fragen. Man sieht, nicht jedes Pauluswort ist geeignet für einen Trauungsgottesdienst. Aber Paulus hat auch ganz andere Sätze geschrieben, Worte über die neue Freiheit und Gleichheit der Christen. „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer’ in Christus Jesus.“ (Gal. 3, 28) So schrieb Paulus und er schaute dabei in die weite Ferne der Erfahrungen seines Lebens. Von Lydia, der farbenfrohe Malerin, die den Papst malen möchte, konnte er nichts wissen. Aber es mag sein, dass er dabei schon an die farbenfrohe, kleine Purpurhändlerin aus Philippi gedacht hat. ó Quellennachweis: Die Fakten über den Purpurmantel und die Purpurmode habe ich entnommen: Maichel Clévenot, Von Jerusalem nach Rom Geschichte des Christentums im 1. Jahrhundert. Freiburg/Schweiz 1987, S. 100 ff.

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Paulusjahr

Die Leiblichkeit des Menschen Eine Analyse von Matthias Beck Kurzer Verweis auf Paulus Das Christentum ist eine leibfreundliche Religion. Selbst Paulus, dem unberechtigterweise eine gewisse Leibfeindlichkeit unterstellt wird, spricht immer wieder positiv vom Leib. „Wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist“ (1 Kor 6,19) und „verherrlicht Gott in eurem Leib“ (1 Kor 6,20). Das Christentum spricht von der leiblichen Auferstehung von den Toten – die platonische Philosophie hingegen von der Unsterblichkeit der Seele –, in der Eucharistiefeier wird vom Leib Christi gesprochen und auch die Kirche wird als Leib Christi bezeichnet. Die vermeintliche Leibfeindlichkeit des Paulus kommt in seinen Briefen zum Ausdruck, wenn er über das Verhältnis von Mann und Frau spricht, über Sexualität und Sünde oder über Ehe und Ehelosigkeit. Aber z. B. Norbert Baumert zeichnet in seinen Büchern ein anderes Paulusbild nach und hält fest, dass der „manchmal abenteuerliche Weg durch die Textanalyse … in überraschendes Neuland führt … und Paulus auch in den hier angeschnittenen Fragen als den Künder der Freiheit der Kinder Gottes“ zeigt (N. Baumert, Frau und Mann bei Paulus, Würzburg 1992, 9). Paulus weiß, dass der Leib großartig und zerbrechlich zugleich ist, dass er in dieser Welt schwach ist und versuchbar und dass er doch teilhat an der Auferstehung. Und an dieser Auferstehung hängt das ganze Christentum. Für Paulus ist der Leib nicht nur der Tempel des Geistes, sondern auch als leib-seelische Ganzheit des Menschen zu sehen. Der Begriff Leib hat bei Paulus immer etwas mit dieser Ganzheitlichkeit des Menschen zu tun im Gegensatz zur Gegenüberstellung von Seele und Leib z. B. in der platonischen Philosophie. Diese Ganzheit ist auf Gott ausgerichtet, diese Ganzheit wird auferstehen und diese Ganzheit ist existentiell in die Nachfolge Jesu gestellt. Wenn Paulus daher dem ehelosen Leben der Vorzug gibt vor der Ehe (1 Kor 7,6-9), dann nicht aus einer

Leibfeindlichkeit heraus, sondern weil er so ganz für Christus da sein kann. Leiblichkeit und Sexualität (1 Kor 12,12-27) sieht Paulus insgesamt auf Christus und seine Erlösung hingeordnet. Baumert schreibt dazu: „So ist die Sexualität des Menschen durch Christus neu integriert, in eine tiefere Ganzheit hineingenommen. Anders wäre Christus nicht Erlöser des ganzen Menschen; und Erlösung heißt nicht Unterdrückung und Verdrängung, sondern Befreiung und Sinnerfüllung“ (Baumert, 131).

Leiblichkeit allgemein Die deutsche Sprache hat neben dem Begriff des Leibes auch jenen des Körpers. Der Körper bezeichnet eher das sich verändernde materielle Element (auch die Physik spricht von Körpern) und der Leib ist das sich durchhaltende Element eines Individuums. Der Körper des Menschen verändert sich ständig, in jeder Sekunde werden Milliarden von Zellen abgebaut, umgebaut, neu gebaut, aber der Mensch lebt im selben Leib. Der Leib hat also etwas mit der Identität und Individualität des einzelnen zu tun. Diese Individualität und Einmaligkeit bleibt auch über den Tod hinaus bestehen, ja kommt geradezu dort erst zu sich selbst. Erst im Durchgang durch den Tod wird der Mensch ganz zu sich zurückkehren und sich und Gott erkennen. Dies unterscheidet das Christentum fundamental von asiatischen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus, wo das Ich sich letztlich im Durchgang durch die vielen Wiedergeburten auflöst. So hat die Frage der Leiblichkeit zentral etwas zu tun mit der Hochschätzung der Individualität des Einzelnen, mit der unveräußerlichen Würde jedes einzelnen Menschen und dem daraus resultierenden Recht auf Unversehrtheit und Leben. Schon Aristoteles hat sich die Frage gestellt, wie das eigentlich möglich ist, dass etwas dasselbe bleibt und sich doch verändert. Der Mensch ist derselbe und

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Univ. Prof. Mag. DDr. Matthias Beck trägt denselben Namen mit fünf Jahren, mit zwanzig und mit achtzig Jahren. Er blickt auf ein Bild aus der Schulzeit zurück und sagt: Das bin ich. Und doch hat er sich verändert und ist anders geworden, in gewisser Weise auch ein anderer. Also er ist derselbe und doch anders. Das ist das Phänomen des Lebens und der Veränderung. Veränderung ist nur zu denken mit den beiden Prinzipien eines sich durchhaltenden und eines sich verändernden Momentes, sonst wäre der Mensch jeden Tag ein anderer und auch Geschichte wäre nicht zu denken. Das sich durchhaltende Element hat die alte Tradition eines Aristoteles und Thomas von Aquin „Seele“ genannt und das sich verändernde Prinzip „Materie“. Die formbare Materie wird durch das formende Prinzip der Seele geformt. Genauer muss man sagen, dass die Seele die materia prima zur materia secunda formt. Alles in der Welt Vorfindliche, alles kon-kret Vorhandene (con-crescere: zusammenwachsen) ist zusammengewachsen aus den beiden Prinzipien von Form (Seele) und Materie. Die Seele formt den Körper zum Leib: anima forma corporis heißt es bei Thomas von Aquin. Die Seele ist bei Aristoteles fast mit dem Begriff des Lebendigen gleichzusetzen. Alles Lebendige ist beseelt. Thomas von Aquin unterscheidet in Anlehnung an Aristoteles die pflanzliche Seele (anima vegetativa) von der tierischen (anima sensitiva) und der menschlichen (anima intellectiva). Im Menschen kommen all drei Seelenanteile zu einer einzigen See-

le zusammen und formen den Körper zum Leib. Interessant ist, dass sich der Satz von der „anima forma corporis“ in ganz anderer Weise in der modernen Genetik im Begriff der In-forma-tion wiederfindet. Man dachte bis vor kurzem, dass die Information für den Körper und damit auch für Krankheit und Gesundheit in den Genen steckt. Seit einiger Zeit weiß man aber, dass das nicht zutrifft. Denn Gene müssen aktiviert und inaktiviert werden. Und an diesen Aktivierungen ist die Umgebung der Gene beteiligt. Man nennt diese Faktoren die epigenetischen Faktoren, die in den Bereichen zwischen den Genen zu finden sind (die man bisher für sinnloses Zeug hielt), oder beim erwachsenen Menschen im neuronalen Netzwerk bis zum Gehirn. Auch die Umgebung des Menschen sowie seine gesamte Innenwelt mit psychologischen und spirituellen Aspekten hat also Einfluss auf die genetischen Verschaltungen. Die Information sitzt im Ganzen des Organismus und nicht nur in den Genen. Diese empirischen Erkenntnisse, die von außen auf den Menschen blicken, hat Thomas von innen her schon mit dem Satz der anima forma corporis auf den Punkt gebracht. Gerade heutzutage können sich die empirischen Erkenntnisse von Biologie, Genetik und Medizin komplementär mit den philosophisch-theologischen Erkenntnissen treffen. Gerade im Bereich der Genetik und der epigenetischen Verschaltungen finden sich darüber hinaus Spuren eines dialogischen Prinzips, das seinen letzten Grund im dialogischen Prinzip des Seins hat. Dieses dialogische Prinzip des Seins sieht das Christentum als dialogisches Prinzip der Beziehung von Vater, Sohn und Geist. Paulus weiß um diese innere Ganzheit des Menschen, er weiß um die Zerbrechlichkeit und Großartigkeit des Leibes, er geht davon aus, dass im Innersten des Menschen Gott selbst wohnt und dass der Leib aus dieser inneren Mitte heraus geheiligt wird. Der Mensch hat eine Verantwortung für seinen Leib und dafür, in seinem Inneren Gott und seinen Willen zu finden. Er soll sein Innenleben von dort

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. theol. Mag. pharm. Matthias Beck, Institut für Moraltheologie Universität Wien, Forschungsschwerpunkt Medizinethik

her ordnen und insofern auch für seinen Leib Sorge tragen, da dieser von diesem Inneren durchseelt wird. Der Leib ist der Ausdruck der Seele und der durchseelte Leib des Menschen vereinigt sich in jeder Eucharistiefeier mit dem Leib Christi. ó

Ausgewählte Buchtipps zu Paulus. Das Paulusjahr bringt eine intensive Auseinandersetzung mit dem „Völkerapostel“. Das Mitarbeitermagazin der ED Wien „thema_kirche“ empfiehlt eine Auswahl an Büchern über Paulus und seine Zeit. Reinmuth, Eckart: Paulus. Gott neu denken. 260 S., 2004, Evangelische Verlagsanstalt, ISBN 3-374-02184-0, 15,30 Euro Der Autor zeigt, wie Paulus nach seiner Begegnung mit dem Auferstandenen „Gott neu denken“ musste. Umfangreich, aber gut lesbar. Interessante Hinweise auf die Wirkungsgeschichte der paulinischen Theologie Walker, Peter: Unterwegs auf den Spuren des Paulus. 214 Seiten, 2008 Katholisches Bibelwerk, ISBN 3-460-32784-7, 25,60 Euro Ein illustriertes Sachbuch zu den Reisen des Paulus. Das Buch ist ein ausführlicher Reiseführer, der die Orte der paulinischen Mission beschreibt und umfangreiche Hinweise zu den entsprechenden Bibeltexten gibt. Mit Karten, Bildern, Zeittafeln. Tomkins, Stephen: Paulus und seine Welt. 192 Seiten, 2007 Herder ISBN 3-451-29268-8, 17,40 Euro Sehr anschaulich gestaltetes Buch mit vielen Bildern. Die jüdische und griechisch-römische Umwelt des Paulus, aber auch seine revolutionäre Botschaft von der „Gerechtigkeit aus dem Glauben“ werden behandelt.

Martini, Carlo Maria: Das Evangelium von Paulus. 159 Seiten, 2008 Bennoverlag ISBN: 978-3-7462-2418-3, 13,30 Euro Kardinal Carlo Martinis Buch ist Ergebnis langjähriger spiritueller und wissenschaftlicher Beschäftigung mit Paulus. Der Kardinal zeigt, wie die Paulusbriefe als Frohbotschaft gelesen werden können. Das Buch liest sich wie eine Art Predigt, gespickt mit viel Lebensweisheit, und enthält meditative Anregungen und Fragen zur Selbstreflexion. Prinz, Alois: Der erste Christ. Die Lebensgeschichte des Apostels Paulus. 248 Seiten, 2007 Beltz&Gelberg Verlag ISBN: 978-3-407-81020-5, 18,50 Euro Ein gut recherchiertes Buch, mit vielen Anregungen zum Nachdenken, als anspruchsvolles Jugendbuch konzipiert, geeignet wohl eher für sehr interessierte Jugendliche, jedenfalls aber eine Empfehlung für Erwachsenen. Bieberstein, Sabine u.a. (Hgg): Prophetinnen – Apostelinnen – Diakoninnen. Frauen in den paulinischen Gemeinden. (WerkstattBibel Bd.5) 96 Seiten, 2003 Katholisches Bibelwerk, ISBN 3-460-08505-3, 12,20 Euro Paulus und die Frauen: Alle strittigen Stellen bei Paulus und in den nachpaulinischen Briefen werden behandelt. Vorschläge für die Textarbeit in Bibelgruppen.

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Paulusjahr

Mein Paulus Eine persönliche Betrachtung von Annemarie Fenzl Wenn man über Paulus spricht, dann kann es geschehen, dass man sich unversehens mit vielen ganz unterschiedlichen Meinungen konfrontiert sieht.Viele Christen betrachten ihn heute noch mit gemischten Gefühlen. Die einen sehen ihn – höchstwahrscheinlich zu Unrecht – als Frauenfeind, andere bringen seine Ablehnung des Gesetzes – nach seiner Bekehrung – mit der Entstehung einer „judenfeindlichen“ Kirche in Verbindung. Auf der anderen Seite ist Paulus für viele Theologen einfach der größte Geist in der Geschichte des Christentums, der Jesus besser verstanden hat als irgendjemand vor oder nach ihm. Und obwohl jene seiner Briefe, deren Urheberschaft unbestritten ist, viel unmittelbare Information über ihn bis in unsere Tage hinübergerettet haben, bleibt unser Paulusbild Flickwerk. Und doch ist es wichtig, ihn zu verstehen, denn die 2,1 Milliarden Menschen, die sich heute Christen nennen und Jesus nachfolgen, sehen seine Botschaft, wie einmal jemand gesagt hat, durch die Linse, die Paulus geschliffen hat. Er, der fast zur selben Zeit wie Jesus gelebt hat, diesem aber nie persönlich begegnet ist, hat die Weitergabe seiner Lehre am nachdrücklichsten geprägt. Nach seinem Tod hinterließ er ebenso glühende Anhänger wie Gegner. Aber seine Lehre erhielt ihren zentralen Platz neben den vier Evangelien. Für ganz „normale Christen“ aber liegt seine Bedeutung vor allem in der Tatsache, dass – wenn auch nicht alle der ihm zugeschriebenen Briefe vor der historisch-kritischen Forschung standgehalten haben – Generationen über Generationen in seinen Worten Trost und Inspiration, vor allem aber eine vertiefte Sicht auf Jesus hin gefunden haben. Saulus, wie sein jüdischer Name lautete, erfuhr etwa um 31/32 n.Chr. vor Damaskus ein Offenbarungserlebnis, das sein ganzes Leben umkehrte, gleichsam auf den Kopf stellte. Jesus selbst spricht ihn an und führt ihn auf den Weg, weist

ihn hin auf den Willen Gottes. Und aus dem wütenden Verfolger wird der von Gott voll und ganz ergriffene Apostel. Die Apostelgeschichte, als deren Verfasser der Evangelist Lukas gilt, berichtet uns dreimal von dieser Bekehrung, von dem hellen blendenden Licht, das sie alle zu Boden warf und von der Stimme, die allein Paulus verstehen konnte, weil Diözesanarchivarin die Botschaft nur für ihn bestimmt war. Dr. Annemarie Fenzl Die Berichte aber widersprechen sich: Einmal (9,7) hörten seine Begleiter die lustores, festgehalten wurde, zuerst und Stimme, sahen aber niemanden; dann vor allem ein Mensch, den ich durch alle wieder sahen sie das Licht, hörten aber Geheimnisse seiner komplexen Existenz keine Stimme (22,9); und schließlich hindurch zu verstehen versuche. Ein lei(26,14) fielen sie allesamt zu Boden, das denschaftlicher, ein sensibler, ein liebesstrahlende Licht aber blendete nur Saufähiger, ein konsequenter, ein treuer lus/Paulus. Für Lukas waren diese unterMensch, mit dem man auch über die Brüschiedlichen Wahrnehmungen offenbar cke von 2000 Jahren ins Gespräch komaber nicht wichtig. Wichtig war: die Bemen kann. Er hat das Dunkel gekannt gleiter waren die Zeugen, sie konnten die und darum hat er das helle Licht mehr Offenbarung, die nicht für sie bestimmt geschätzt als jemand, der nie im Dunkel war, nicht verstehen, für den Auserwählwar. Er hat den Bruch, der sein Leben in ten aber, für Paulus, war alles verständein dunkles „Davor“ und ein hell leuchlich und klar und grundlegend für sein tendes „Danach“ trennte, da Gott an ihm weiteres Leben. seine Macht erwiesen hatte, von da an in seinem ganzen Leben immer bewusst Ereignis der Umkehr mitgetragen und verkündet: „Wenn also In unser Gefühl übersetzt würde dies bejemand in Christus ist, dann ist er neue deuten: Es muss ein überwältigendes ErSchöpfung: das Alte ist vergangen, Neues eignis gewesen sein, das eigentlich nicht ist geworden“ (2Kor 5,17b). mit Worten zu beschreiben war. Eine Von da an ist seine Botschaft in ihren gleichsam „heilige Verwirrung“ begleiteGrundzügen für mich ungemein konsete dieses überwältigende Geschenk der quent und tröstlich. Denn: Für Christus, Gnade an Saulus/Paulus. So einfach ist für den er sich entschieden hat, hat er das, wenn die Gnade Gottes einen Menfortan viele Mühen auf sich genommen. schen ganz erfasst. Die unmittelbaren Besonders bewegt mich immer seine Begleiterscheinungen können so unter„Narrenrede“ ( Kor11,16-12,10), in der er all schiedlich wie die Menschen sein: große seine Leiden und Mühen aufzählt, die er Freude, überschäumendes Glück ebenso am Ende bejahen gelernt hat, wenn er wie großes Leid, seelische Erschütterung. sagt: „Deswegen bejahe ich meine OhnUnd die Konsequenzen daraus sind meismacht, alle Misshandlungen und Nöte, tens ganz unerwartet. Verfolgungen und Ängste, die ich für ChrisFür mich ist Paulus, dessen wichtigstus ertrage; denn wenn ich schwach bin, ter Lebens-Augenblick – sein Sturz vom dann bin ich stark.“ Pferd und seine Umkehr – im TympanonUnd seine Botschaft vom Kreuz, die feld des an der Südseite des Langhauses denen, „die verloren gehen,Torheit ist; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes gelegenen Seiteneinganges, des im Kraft“(1Kor 1,18): Die Botschaft vom Kreuz, Volksmund „Singertor“ genannten Pau-

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Paulus in der Kunst Kunsthistorische und ikonographische Betrachtungen von Raphael Beuing in der das ganze Elend der „alten Welt“ deutlich wird, als Paulus es zum Schlüsselwort für sein Begreifen des Mysteriums des Todes Jesu machte: „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen…“ Aber Paulus bleibt nicht stehen beim Kreuz, er sieht weiter: Durch unsere Taufe sind wir auf geheimnisvolle Weise mit dem Kreuz, dem Tod und der Auferstehung Jesu verbunden: „Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.“ (Röm 6,4). Kreuz, Tod und Auferstehung sind nicht unabhängig voneinander zu denken. Alljährlich in der Osternacht wird uns dieser Gedanke, der zugleich eine ernste Aufforderung zu einem neuen Leben ist, vor Augen geführt. Wir sind auf Jesu Tod hin getauft und haben als Geschenk die Gewissheit der Glaubenden, die da lautet: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? … Das alles überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.“ (Röm 8,35) Und weil das so ist, kann uns auf Erden nichts mehr geschehen – Paulus gibt uns ein wunderbares Beispiel an Vertrauen und – daraus resultierend – Lebensbewältigung, wenn er seiner Gemeinde in Philippi, die ihm besonders ans Herz gewachsen war, auf deren besorgtes Fragen aus dem Gefängnis schrieb: „…Ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden: Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“(Phil 4,11). ó

Den meisten Paulusbildern nach zu urteilen, die man sich in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen hat, besitzen wir eine ziemlich genaue Vorstellung vom Aussehen des Apostels: Nicht nur dürfte er jedem – früher wie heute – wegen Schwert und Buch, die er ständig bei sich trägt, erkennbar sein, sondern auch sein markanter länglicher Kopf mit den eindringlichen Augen, die Stirnglatze und der dunkle Bart lassen ihn unverwechselbar erscheinen. Vielfach können wir ihn in dieser Form auch im Stephansdom sehen. Künstlerisch bedeutsam sind die Szenen im Tympanon des Singertores, in denen die Bekehrung und die Taufe des Apostels geschildert werden. Anders als diese Darstellungen, die nur bei Domführungen zu sehen sind, stehen für alle sichtbar zwei Statuen an den Pfeilern im Inneren der Domkirche, im Apostelchor und im rechten Seitenschiff. Nach der Heiligen Schrift können wir uns ein so genaues Bild von Paulus allerdings nicht machen. Von einem Schwert und einem Buch ist nirgends die Rede, und auch sein Aussehen wird an keiner Stelle beschrieben. Die zahlreichen Reisen, von denen die Apostelgeschichte spricht, lassen auf eine physisch starke Natur schließen. Ebenso deutet die Stelle, in der Paulus in Lystra von der aufgebrachten Volksmenge gesteinigt wird,dies aber anscheinend unbeschadet überlebt, auf eine äußerst kräftige Statur des Apostels. In der frühen Kirche gab es zwar noch andere Vorstellungen, wie zum Beispiel der Chronist Nikephoros in seiner Kirchengeschichte Paulus als klein, gebückt und mit Glatze schildert, aber solche Ansichten konnten sich nicht durchsetzen, und im vierten Jahrhundert war das Aussehen des Apostels so gut wie festgelegt. Neben dem Christusbild folgte allein das Bild von Petrus als des anderen Apostelfürsten schon früher einem festen Typus: Dieser hat einen breiten Rundschädel, kurzes, gelocktes graues Haar, manchmal Glatze oder Tonsur und trägt einen kurzen, kräftigen grauen Bart. Das Paulus-

Dipl.-Theol. Dr. des Raphael Beuing bild wurde in der Folge als Gegentypus zum Petrusbild entwickelt und sollte von diesem deutlich unterschieden sein. Die Attribute Schwert und Buch, erscheinen ebensowenig im Neuen Testament wie eine Beschreibung seiner Gestalt. Erst in den mittelalterlichen Bildern wird das Schwert zum üblichen Gegenstand in der Hand des Apostels und verweist primär auf seinen Tod durch Enthauptung. Sein Martyrium wird erst im 2. Jahrhundert in apokryphen Schriften beschrieben. Die Enthauptung durch das Schwert galt jedenfalls als eine ehrenhaftere Art der Hinrichtung als die Kreuzigung und war den römischen Staatsbürgern vorbehalten, deren schließlich auch Paulus einer war. Schließlich gehört ein Buch oder eine Schriftrolle in der Hand des Paulus zu seinen üblichen Attributen. Weniger steht dies als Zeichen für das Evangelium Christi, das er unter den Völkern verbreitet hat, als vielmehr für seine eigenen Schriften, also die Briefe an die verschiedenen Gemeinden.Wenn sich auf diesen Büchern oder Schriftrollen eine Inschrift findet, so handelt es sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Auszug aus dem Römerbrief oder aus dem ersten Brief an die Korinther. Die Bedeutung seiner Person und ihrer Schriften für die Kirche bedingte schließlich die große Unverwechselbarkeit, die das Bild des Paulus bestimmt. Dieses Jahr kann Anlass sein, gleichsam von der Hand der Künstler geleitet durch das Einprägsame der Gestalt des Apostels auf sein theologisches Erbe zu schauen. ó

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Aus der Dompfarre

Unterwegs mit Paulus – ein Aufbruch von Wien nach Mariazell und darüber hinaus … 9. Fußwallfahrt der Dompfarre St. Stephan nach Mariazell (28.–31. August 2008) ˘ der erste gemeinsam gebetete Rosenkranz auf dem wunderschönen Wiesenweg von Mayerling nach Maria Raisenmarkt ˘ die Trockenfrüchte-Labestation nach 25 km Fußmarsch, um auch die letzten etwa 7 km noch gut überstehen zu können ˘ das frühabendliche Zusammentreffen von Begleitfahrern und Fußwanderern beim Gestüt „Rehgras“ oberhalb von Furth und das erleichternde Wissen:“Jetzt ist´s nicht mehr weit …“ ˘ die „beglückende“ Erfahrung, den Wettlauf zur Dusche gewonnen zu haben … ˘ das erste sehr gemütliche Abendessen

˘ der gemeinsam gebetete Rosenkranz im wunderschönen Tal zwischen „Kalter Kuchl“, Ochssattel, Hochreith und St. Ägyd ˘ das Picknick als Belohnung für den schweißtreibenden Aufstieg zum und den kniebelastenden Hohlweg vom Hochraith herunter ˘ das beschauliche Durchwandern einer der schönsten Landschaften der Welt, dem Hochtal zwischen St. Ägyd und Kernhof, und die wunderbare Erfahrung der Natur und der Gemeinschaft in der Gegenwart Gottes in der hl. Messe beim Fliegermarterl am „Rubesfang“ ˘ das herzliche Empfangen- und Bewirtet-Werden im Gasthof Gnedt in Kernhof

2.Tag: „Aufbruch – Begeisterung“

Aus den Erfahrungen, die uns so vertraut sind und uns die Tage vor Schulbeginn so wichtig und wertvoll machen … (aus der Perspektive der Begleitfahrerin) – diesmal in der Auseinandersetzung mit dem Leben, der Persönlichkeit und dem Wirken des Apostels Paulus:

1.Tag: „Herkunft – Zukunft“ ˘ der frühmorgendliche Abmarsch in Rodaun, auf den die ganz Pünktlichen alljährlich geduldig warten, weil die weniger Pünktlichen erst „im Anflug“ sind ˘ die Erfahrung, dass alle das erste Etappenziel Heiligenkreuz glücklich erreicht haben, und die hl. Messe in der Kreuzkirche

˘ das Glitzern der taubedeckten Wiesen in den ersten Sonnenstrahlen des nächsten Morgens, wenn wir - ans Brückengeländer gelehnt - dem Herrgott im Morgenlob für diese schöne Erfahrung danke sagen ˘ das „Abschiedsfoto“ vor der „Bergwertung“ Kieneck und Unterberg und das Wissen, bis zum frühen Abend ohne Begleitfahrzeug auskommen zu müssen und es trotzdem wie jedes Jahr tapfer anzugehen ˘ die hl. Messe rund um den Tisch im Erkerstüberl des Hotels Kaiser Franz Joseph ˘ und die uns schon so vertraute Nennung von Menschen, die wir auf diese Wallfahrt „mitgenommen“ haben

3.Tag: „Trennung – Schmerz – Solidarität“ ˘ das Morgenlob in der kleinen barocken Dorfkirche von Rohr

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4.Tag: Umdenken – Abschied ˘ die Morgenstimmung am Hubertussee und das Morgenlob in der durch die bunten Glasfenster sonnendurchfluteten Bruder-Klaus-Kapelle ˘ der letzte gemeinsam gebetete Rosenkranz entlang des „Rosenkranzweges“ von St. Sebastian nach Mariazell ˘ die erleichterte und beglückende Erfahrung, ans Ziel gekommen zu sein, beim ersten Blick auf die Basilika ˘ das Erblicken bekannter Gesichter und die herzliche Begrüßung unserer Buswallfahrer im geschäftigen Treiben vor der Kirche: Alle sind glücklich und heil angekommen ˘ die große gemeinsame Dank- und Bittmesse in der St. Michaels-Kapelle und das anschließende Mittagessen bei den „Drei Hasen“, bevor alle müde, aber gestärkt für das beginnende Arbeitsjahr ihren Rückweg nach Wien antreten … ó

Wallfahrt nach Maria Grün Die 17-Uhr-Gottesdienstgemeinde ging erstmals auf Wallfahrt. Von Sascha Albrecht Mitten im dichten Gehölz des äußeren Praters, nahe beim Lusthaus, steht die kleine Wallfahrtskirche Maria Grün, wohin die 17-Uhr-Gottesdienstgemeinde zum Ausklang des Arbeitsjahres am 26. Juni pilgerte. Kurzfristig musste man das Programm etwas ändern: Man fuhr mit UBahn und Bus direkt nach Maria Grün, nachdem der Gemeinde im Dom zu St.Stephan der„Reisesegen“ erteilt wurde.Schuld an der Änderung war das Wetter. Am Tag davor gab es heftiges Unwetter, sodass man befürchten musste, im Matsch zu versinken oder von abgebrochenen Ästen am Weg beim Wandern gehindert zu werden. So wich man auf die öffentlichen Verkehrsmittel aus. Am Ziel angekommen, kehrte die 50-köpfige Pilgergruppe, geleitet von PGR Josef Mörth und Diakon Roman Faux, zuerst einmal im Gasthaus ein, um sich zu stärken und sich auch ein wenig näher kennen zu lernen. Mit einigen Verzögerungen – man hatte auf uns vergessen und die Kirche

war verschlossen – begann die schöne, feierlich gestaltete Pilger-Andacht. Als wir aus der Kirche kamen und einen Blick zum Himmel wagten, schwante uns nichts Gutes, es war so dunkel, ein Unwetter kündigte sich an. Also hastete die Gemeinde zum nächsten Bus und

entkam diesem schrecklichen Wetter – wenn auch nicht ganz. Unabsichtlich stiegen manche Mitglieder zu früh aus, doch der Busfahrer war so gütig, auf die verlorengegangenen Schäfchen zu warten und uns zur U2 zu bringen, wo sich die Gruppe dann auflöste. ó

Paulus: »Freut euch zu jeder Zeit!« Von 12. auf 13. September ging der Pfarrgemeinderat auf Klausur nach Podersdorf. Ein Rückblick vom „Vice-President“ des PGR, Benedikt J. Michal. Wenn sich der Pfarrgemeinderat jährlich zu einer Klausur trifft, hat er Gelegenheit, sich auch mit dem zu beschäftigen, was im Alltag oft untergeht oder nebenher läuft. Unseren Blick lenkten wir im Paulusjahr auf den Philipperbrief, um ganz konkret vom Wort Gottes auszugehen und uns leiten zu lassen: „Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht!“ (Phil 1,27) Karin Domany gab uns einen historischen Überblick über das Leben und Wirken des Paulus, erklärte uns die Entstehungshintergründe des Philipperbriefes und dessen theologische Leitlinien. Ich durfte in die ignatianische Schriftbetrachtung einführen, die gleich von je-

dem eingeübt wurde – in Stille mit dem Philipperbrief ins Gebet zu kommen. Ein geselliger Abend rundete diesen Tag ab. Am nächsten Tag, begonnen mit einem Morgenlob, stellte Dompfarrer Toni Faber den Pfarrgemeinderäten die „lectio divina“ vor, eine weitere Möglichkeit, mit der Heiligen Schrift zu beten. Nach der gemeinsamen hl. Messe und dem Mittagessen wurde die Klausur mit einem aufbauenden Gespräch abgerundet, in dem wir mit dem Blick des Philipperbriefs auf unsere Gemeinde geschaut haben: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit, nochmals sage ich euch: freut euch!“ (Phil 4,4) Andere Menschen werden wir nicht durch unseren Frust für Christus und unsere Pfarre

begeistern, sondern durch unsere ansteckende Freude. Dass die Heilige Schrift so eine Quelle für unsere Freude ist, wurde uns durch den freudigen Philipperbrief aus der Gefangenschaft des Paulus neu bewusst und hat uns schon für das große diözesane Stadtmissionsprojekt „Apostelgeschichte 2010“ ermutigt. Weil es so gut passt, ein Tipp des St. Pöltner Weihbischofs Anton Leichtfried, der Österreich im Oktober bei der Weltbischofssynode über das Wort Gottes vertreten hat: Er empfiehlt, das Sonntagsevangelium schon vor der Messe durchzulesen, um noch aufmerksamer das Wort Jesu aufzunehmen, das uns durch die ganze Woche begleiten soll. ó

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Aus der Dompfarre

»Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Ster Der „Zwergerltreff für Kinder von 0–4 und ihre Eltern“ stellt sich vor. Von Barbara Ruth

Das Lied für das Laternenfest muss doch noch einige Male geprobt werden, bevor wir uns damit hinaus auf den Stephans-

platz wagen. Und bei den Laternen fehlen noch so manche wichtige Details. Doch wie klebt man mit kleinen Kindern ge-

Neue Homepage der Dommusik. Seit Oktober hat die Dommusik St. Stephan ein neues Erscheinungsbild: Ein neues Logo, ein neues Plakat-Layout, ein frischer Look für den Dommusik-Folder und eine neue Homepage: www.dommusik-wien.at Dort findet man: ˘ Den Programmkalender mit den Terminen der Dommusik ˘ Detaillierte Informationen zu den aktuellen Hochämtern ˘ Allerlei Interessantes aus der Geschichte der Musik am Dom ˘ Eine Übersicht über die Arbeit der Dommusik ˘ Fakten und Gschichterln zu den Orgeln und Glocken ˘ Die Möglichkeit, sich zum Dommusik-Newsletter anzumelden

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meinsam Seidenpapier auf, ohne dass die Pullover in Klebstoff versinken? Wie gelingt es, mit einem zappeligen Baby am Schoß einen geraden Schnitt zu machen – und das ohne gröbere Verletzungen? Muss man das Martinsbrot auch dann teilen, wenn man gerade selber sooo großen Hunger hat? Wir haben die „Herausforderung Laternenfest“ bewältigt und ziehen gemeinsam los um den Dom. Die Kinder mit ihren selbst gebastelten Laternen stolz auf ihr Werk und erfreut über das schöne Licht, mit dem sie den dunklen Stephansplatz erhellen: „…rabimmel, rabammel, rabumm!“ Was vor zwei Jahren als Kleingruppe mit sechs „Zwergerln“ begann, hat sich mittlerweile zu einer beachtlichen Runde von etwa zehn Müttern mit insgesamt 15 Kindern zwischen 0 und 4 Jahren gesteigert.Während die Kinder die Spielzeugkisten mit Bausteinen, Puppengeschirr, Autos, Bilderbüchern etc. nach Herzenslust ausräumen und immer wieder neu entdecken, haben die Mütter

Frauen_Impuls

ne …!«

Ein Abend mit frauenrelevanten Themen. Vorgestellt von Rosemarie Hofer Frauen_Impuls, was ist das? Das Wort Frau bedeutet im Ursprung sachlich: ein weiblicher erwachsener Mensch. Frauen_Impuls steht daher für Themen, die von Frauen für Frauen gestaltet werden, sie kommen aus den Bereichen Ethnologie, Kunst und Kultur, Musik, Mission, Theologie, Wirtschaft, Wissenschaft und vieles mehr. Da in Gesprächen der Ruf nach einem solchen Abend für Frauen sehr laut wurde, freuen wir uns seit Mitte Februar 2008 regelmäßig ins Curhaus einladen zu dürfen. So wurde bisher zu Inhalten wie: die Geschichte der Frau aus vergangenen Jahrhunderten, die Winzerin, die Frau in der Musik sowie Frauen in

Algerien sehr angeregt gelauscht, diskutiert und geplaudert. Haben Sie Lust bekommen, dabei zu sein? Dann kommen Sie einfach vorbei, es freuen sich: Rosemarie Hofer, DI Maria Berger-Haushofer, Mag. Barbara Ruth und Monika Wolloner. Die geistliche Betreuung hat Domkurat Timothy McDonnell über. Unsere nächsten Termine sind: 11. Dezember 2008, 22. Jänner 2009, 12. März 2009, 23. April 2009, 18. Juni 2009, jeweils um 10 Uhr im Pfarrcafé. Kontakt-Adresse: Pfarrkanzlei der Dompfarre St. Stephan ó

Reden ist Silber … Bericht und Einladung zur Männerrunde in St. Stephan von Johannes Berchtold links oben: November 2008: Martinsfest oben mitte: Juli 2008: Geburtstagspicknick im Stadtpark und Väter Gelegenheit zum gemütlichen Plaudern. Das gemeinsame Singen ist der Höhepunkt am Ende jedes Treffens, dabei wird viel gelacht und gequietscht! Einmal im Monat genießen die Kinder im Turnsaal noch mehr Bewegungsfreiheit. Neben dem Martinsfest feierten wir im vergangenen Jahr ein lustiges Faschingsfest, viele Geburtstage und natürlich den Besuch des hl. Nikolaus, der sich auch für heuer wieder angesagt hatte! Auf weitere Spielkameraden freuen sich Marie, Cordula, Maximilian, Clara, Maxi, Kathi, Amy, Sophie, Marlene, Simon, Magdalena, Sebastian, Natalie und Nora. ó Termin: Ort: Kontakt:

jeden Mittwoch, 15.00–17.00 Uhr Clemenssaal, Curhaus Pfarrkanzlei

... das denken sich wohl manche Männer, die den Stephansdom besuchen. Dabei geht es vielmehr um die richtige Zeit und den richtigen Ort, die das Schweigen oder Reden angebracht sein lassen. Wie meinte Papageno in der Zauberflöte zu Tamino: Unter uns Männern wird man wohl noch reden dürfen. Die Männerrunde in der Dompfarre St.Stephan ist ein Diskussionsforum und Ort der Männerbegegnung für Männer aller Altersgruppen, die dem Stephansdom nahestehen. Vom Burschen bis zum Senior – alle sind eingeladen, das Programm mit zu gestalten. Wir treffen uns in der Regel jeden ersten Mittwoch im Monat um 19.00 Uhr im vierten Stock des Curhauses im Dorr-Zimmer, Stephansplatz 3. Wie lief die Männerrunde bisher ab? Von 19.00 Uhr bis ca. 20.30 Uhr wurde ein von den Teilnehmern gewünschtes Thema anhand eines Textes vorgetragen und diskutiert. Auch Musikbeispiele wurden schon mittels CD-Spieler vorgeführt. Den

Abschluss der Diskussionsrunde bildet ein gemütlicher Ausklang (ohne Themenvorgabe) bei einem Glas Wein. Diese Gelegenheit zu anregenden Gesprächen bringt kreative Ideen zum Vorschein, so dass uns die Themen nie ausgehen. Als Pfarrgemeinderat der Dompfarre St. Stephan leite ich diese Männerrunde und freue mich sehr, dass Diakon Roman Faux als geistlicher Begleiter mit viel Herz dabei ist.Wir haben Themen wie „Parsifal und die Suche nach dem Mann-Sein“ oder „Feste feiern können“ diskutiert. Zuletzt wurde das Thema „Himmel und Hölle“ und ihre Bedeutung für uns „Heutige“ aufs Programm gesetzt. Die Männerrunde ist eine offene, zwanglose Zusammenkunft. Der Einstieg ist jederzeit möglich, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die nächsten Termine sind: 7. Jänner 2009, 4. März 2009, 1. April 2009, 6. Mai 2009 und 4. Juni 2009 jeweils um 19.00 Uhr im Dorr-Zimmer, Curhaus, Stephansplatz 3, 1010 Wien. ó

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Aus der Dompfarre

Doris Feldbacher Die Generalsekretärin von „Unser Stephansdom“ Vor einiger Zeit wurde ich mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, das Generalsekretariat des Vereins „Unser Stephansdom“ zu leiten. Dies ist eine große Herausforderung, über die ich mich sehr freue. Zuvor war ich zwölf Jahre lang als Generalsekretärin für das Kuratorium „Mariazell braucht Ihre Hilfe!“ tätig. Das Kuratorium hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Basilika Mariazell umfassend und nachhaltig zu restaurieren. Ein Großprojekt, bei dem ich als Bindeglied zwischen dem Vorstand des Kuratoriums, dem Superiorat der Basilika Mariazell, dem baulichen Projektleiter vor Ort, den Professionisten und den Spenderinnen und Spendern wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Recht-

zeitig zum 850-Jahr-Jubiläum der Basilika im Jahr 2007 konnten die Restaurierungen abgeschlossen werden. Die Basilika erstrahlt nun wieder in neuem Glanz. Ich freue mich gemeinsam mit meinem Team und allen, die an diesem Jahrhundertprojekt beteiligt sind, die Restaurierung des Doms zu unterstützen. Den Wienerinnen und Wienern liegt ihr „Steffl“ sehr am Herzen. Auch für mich hat der Dom – das Wahrzeichen Wiens – eine ganz besondere Bedeutung. Er ist nicht nur ein beeindruckendes architektonisches Meisterwerk, sondern auch ein Ort der Einkehr und der Ruhe, eine „Insel der Stille“ im oft so lauten und hektischen Alltag. Daher ist mir die Restaurierung dieses bedeutenden Kulturguts – ein sehr

Ein herzliches Willkommen der neuen Generalsekretärin von „Unser Stephansdom“ Doris Feldbacher zeit- und kostenintensives Vorhaben – auch ein großes persönliches Anliegen. Es ist sehr beeindruckend, wie viele Menschen die Erhaltung des Stephansdoms durch Spenden unterstützen. Und ich kann nur hoffen, dass der Stephansdom auch künftig auf so tatkräftige Unterstützung zählen darf. Denn nur so können wir den Dom auch für die nachkommenden Generationen bewahren. ó

Unser neuer Seminarist Hannes Grabner stellt sich vor: Liebe Dompfarrgemeinde! Ich freue mich sehr, dass ich Gelegenheit habe, mich Ihnen in diesem Pfarrblatt vorzustellen. Ich wurde 1982 in Wien geboren und bin im 3. Bezirk aufgewachsen und zur Schule gegangen. Als besonders prägend bleibt mir bis heute meine Schulzeit in St. Franziskus (Schulschwestern vom 3. Orden des hl. Franziskus) in Erinnerung. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt und so bereits in frühen Jahren unseren gemeinsamen Glauben kennengelernt. Nach Abschluss der Hauptschule besuchte ich die Handelsakademie mit dem Ziel, im Anschluss ein wirtschaftliches Studium zu betreiben. Leider boten sich mir aber nicht die finanziellen Möglichkeiten, dieses Studium tatsächlich anzutreten. Daher begann ich wenig später meine berufliche Tätigkeit in einer großen internationalen Spedition. Etwa zur gleichen Zeit erhielt ich von einem Freund die Einladung, einen Gottesdienst in seiner Pfarre zu besuchen.

Ich folgte dieser Einladung nach St. Elisabeth (1040 Wien) und fühlte mich dort auf Anhieb sehr wohl – kein Wunder, dass ich in den kommenden Jahren in die Pfarre „hineingewachsen“ bin und dort auch viel mitarbeiten durfte – u. a. als „großer“ Ministrant, im Weltmissionsausschuss und in der Jugendarbeit. Bald erkannte ich aber, dass sich mein Einsatz für die Pfarre und mein Beruf zeitlich nicht vereinbaren ließen – ich musste mich für eines von beiden entscheiden. Ich hätte mir einige Jahre zuvor wohl nicht erträumt, wie meine Wahl in dieser Frage aussehen würde. Stark geprägt vom damaligen Pfarrer Msgr. Dr. Hugo Unterberger – einem für mich besonders wertvollen Wegbegleiter, der Anfang 2007 seiner schweren Krankheit erlegen ist – entschloss ich mich, dem Ruf Gottes zu folgen, den ich bereits einige Zeit verspürte, aber immer wieder verdrängt hatte. So kündigte ich 2007 mein Dienstverhältnis und trat unmittelbar danach in das Wiener Priester-

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Ein herzliches Willkommen an Hannes Grabner seminar ein. Nach einem tollen Vorbereitungsjahr – dem Propädeutikum in Horn – habe ich dieses Wintersemester mein Theologiestudium begonnen. Seit Studiumsbeginn darf ich auch in Ihrer Pfarre im Bereich der Firmvorbereitung mitarbeiten, eine Aufgabe, die mir bereits sehr viel Freude bereitet. Ich möchte mich an dieser Stelle für die herzliche Aufnahme in der Pfarre bedanken und freue mich schon jetzt auf viele weitere, schöne Begegnungen mit Ihnen. ó

Unsere neue Caritasreferentin Anna Maria Kloss Liebe Dompfarrgemeinde! Mein Name ist Anna Maria Kloss, ich arbeite seit 1. Oktober 2008 als neue Beauftragte für die Caritas und Seniorenpastoral in der Dompfarre St. Stephan und möchte mich kurz vorstellen: Ich bin ausgebildete Sozialarbeiterin, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Aus beruflichen Gründen hat unsere Familie sehr lange in verschiedenen Ländern im Ausland gelebt. Unsere Kinder sind in Indien, Finnland, Deutschland, Italien und Österreich groß geworden und wir hatten das Glück, dass es überall im Ausland eine deutsche Schule gab! Zuletzt waren wir fünf Jahre in Rom, wo ich bei der römischen Diözesancaritas in der zentralen Ausländerberatungsstelle gearbeitet habe. In Rom hatte ich auch die Möglichkeit, im Vinzenz-Palotti-Institut eine Ausbildung für Spiritualität und Bibelkunde zu absolvieren. Davor war meine letzte Verwendung als Sozialarbeiterin in Österreich bei der Familienberatungsstelle der Caritas Socialis in der Pramergasse. Ich freue mich sehr, dass ich jetzt in St. Stephan – dem katholischen Herzen von Wien – arbeiten darf und bedanke mich bei meinen neuen Kollegen für die herzliche Aufnahme! Oft denke ich dabei auch an meinen verstorbenen Vater, der bis in sein hohes Alter nach Möglichkeit jeden Tag in St. Stephan die Frühmesse besucht hat. In diesen ersten Wochen habe ich die Dompfarre näher kennen gelernt und habe versucht, mich in meine vielfältigen Tätigkeiten einzuarbeiten. Ich sehe in meiner Arbeit zwei Schwerpunkte: die sozialen Beratungsgespräche in den Sprechstunden und die Betreuung und Begleitung unserer Senioren. In beiden Bereichen ist es mir besonders wichtig, über die materiellen Bedürfnisse hinaus auch die spirituellen und religiösen Anliegen bewusst einzubeziehen.

DSA Anna Maria Kloss, herzlich Willkommen in St. Stephan In den Sprechstunden habe ich erfahren, dass die Not zunimmt und das Bedürfnis an Aussprache sehr groß ist. Wir betreuen auch viele Obdachlose. Diese Menschen haben meist sehr harte Schicksale zu tragen. Ihr Humor, ihre Würde in sehr widrigen Umständen, ihre Solidarität untereinander beeindrucken mich sehr und erfüllen mich mit großem Respekt und auch Bewunderung. Die Seniorenpastoral scheint mir eine ganz essentielle Aufgabe unserer Pfarre zu sein. Ich danke dem Caritaskreis für den so treuen und wertvollen Einsatz, den sie teilweise schon seit Jahrzehnten leisten und ohne den die Seniorenbetreuung undenkbar wäre! Durch die Geburtstagsbesuche und Angebote wie Seniorenclub, Bibelrunden, Mittwochclub,„Festmahl für den Nächsten“, „Weihnacht der Einsamen“ – um nur einige zu nennen – entstehen Netzwerke, die uns zusammenbringen und wo wir auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen können. Besonders wichtig erscheint mir auch, durch diese Kontakte die älteren Menschen zu erreichen, die nicht mehr in unsere Pfarre kommen können, aber gerne Besuche hätten oder den Wunsch haben, die hl. Kommunion oder die Krankensakramente zu empfangen. Ich bin sehr dankbar, in meiner neuen Aufgabe in St. Stephan wirken zu können und freue mich, dass die Tore unserer Kirche für die Not und Bedürfnisse unserer Mitmenschen in Wien offen stehen. ó

Autoren dieser Nummer. P. Prior Johannes Paul Abrahamowicz OSB, Abbazia San Paolo fuori le Mura, Rom Sascha Albrecht, Student Univ.-Prof. Dr. med. Dr. theol. Mag. pharm. Matthias Beck, Institut für Moraltheologie, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Wien, Forschungsschwerpunkt Medizinethik Dr. Johannes Berchtold, Leiter der Abteilung für Männerpolitische Grundsatzfragen im Bundesministerium für Soziales, PGR-Mitglied; Leiter der Männerrunde St. Stephan Dipl.-Theol. Dr. des. Raphael Beuing, M.A., Schatzkammer und Museum des Deutschen Ordens, Wien Mag. Heinrich Foglar-Deinhardstein LL.M., Rechtsanwaltsanwärter, Kommunionspender Mag. Karin Domany, AHS-Lehrerin, PGR-Mitglied Kan. Mag. Anton Faber, Dompfarrer, Dechant für das Stadtdekanat Wien 1 Diakon Roman Faux, Hauptschullehrer Doris Feldbacher, Generalsekretärin „Unser Stephansdom“ Dr. Annemarie Fenzl, Leiterin des Diözesanarchivs Wien Hannes Grabner, Seminarist im Wiener Priesterseminar Reinhard H. Gruber, Domarchivar, Redaktionsleiter Rosemarie Hofer, Frauenimpuls St. Stephan Dr. Ewald Huscava, Lehrbeauftragter für Homiletik an der katholischen Fakultät Wien, Domprediger bei St. Stephan DSA Anna Maria Kloss, Caritasreferentin der Dompfarre St. Stephan Dipl. Theol. P. Werner Maria Kuller, SchönstattPater, Familienseelsorger Prof. Mag. Markus Landerer, Domkapellmeister St. Stephan MMag. Benedikt J. Michal, Religionslehrer, Doktorand, stv. Vorsitzender PGR St. Stephan Msgr. Mag. Dr. Ernst Pucher, Offizial, Dompropst von St. Stephan P. Joop Roeland OSA, Domkurat, Seelsorger für gleichgeschlechtlich Empfindende Mag. Bernhard Ruf, Domkurat Mag. Barbara Ruth, Zwergerltreff St. Stephan Msgr. GR Mag. Franz Schlegl, geistlicher Assistent im Erzbischöflichen Amt für Unterricht und Erziehung; AHS-Religionslehrer, Seelsorger in der Domkirche und der ukrainischgriechisch-katholischen Pfarre St. Barbara, Kindergartenseelsorger Apostol. Protonotar Prälat Dr. Rudolf Schwarzenberger, Rektor der Wiener Burgkapelle Mag. Birgit Staudinger, Dompfarrkanzlei St. Stephan P. Dr. Karl Josef Wallner OCist, Dekan der Päpstlichen Hochschule Benedikt XVI., Stift Heiligenkreuz emer. O. Univ.-Prof. Prälat Kan. Dr. Josef Weismayer, Domkustos, Institut für Dogmatische Theologie, Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Wien

Redaktion. Redaktionsleitung: Reinhard H. Gruber Lektorat: Verena Michalke, Birgit Staudinger, Reinhard H. Gruber Redaktionsteam: Mag. Toni Faber, Diakon Roman Faux, Mag. Heinrich Foglar-Deinhardstein, Mag. Karin Domany, Anneliese Höbart, Verena Michalke, Mag. Birgit Staudinger unter Mitarbeit von Christian D. Herrlich

Pfarrblatt Dompfarre St. Stephan · Weihnachten 2008 31

Aus der Dompfarre

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oben: Erstkommunion der Volksschule Judenplatz, Klasse 2C am 6. April 2008 unten: Erstkommunion der Volksschule Judenplatz, Klasse 2B am 13. April 2008

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32 Pfarrblatt Dompfarre St. Stephan · Weihnachten 2008

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oben: Erstkommunion der Volksschule Judenplatz, Klasse 2A am 20. April 2008. unten: Erstkommunion der Volksschule Stubenbastei und der Dompfarre am 4. Mai 2008

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Pfarrblatt Dompfarre St. Stephan · Weihnachten 2008 33

Aus der Dompfarre

Verduner Altar und Uhu … Pfarrausflug nach Klosterneuburg am 28. September 2008. Karin Domany war dabei Kaum machte man es sich nach Erfüllung der Staatsbürgerpflicht bei der Nationalratswahl im pünktlich bereitgestellten Bus am Stephansplatz gemütlich, musste/durfte man ihn auch schon wieder verlassen, weil das nahe Ziel, das Stift Klosterneuburg, erreicht war. Dort wurden wir im Namen des Propstes ganz herzlich mit einem Glas Sekt empfangen und auf Einladung des Hauses durch einen Teil der erst vor wenigen Jahren renovierten Schauräume, den „Sakralen Weg“ , geführt. Höhepunkt dieser Führung war für viele von uns sicherlich die Begegnung mit dem berühmten „Verduner Altar“. In der kurzen Zeit, die uns bis zur hl. Messe blieb, konnten wir ihn allerdings nur in seiner Gesamtheit auf uns wirken lassen … (Aber wir haben uns vorgenommen, wieder zu kommen!) Aus den dunklen Gängen des mittel-

alterlichen Stifts traten wir in die Helle der barocken Stiftskirche, in der wir das Kapitelamt mitfeierten, und danach in die noch strahlendere sonnige Wärme dieses schönen Spätsommertages hinaus! Im Stiftscafé am Vorplatz wartete pünktlich das für uns bereitgestellte Mittagessen. Gerade an einem schönen Tag wie diesem war es besonders gut, dass wir keine langen Wartezeiten hatten und bald wieder in die Sonne hinaustreten konnten. Unser nächstes Ziel, die nahe Hagenbachklamm, erreichten wir nach wenigen Minuten. Fast alle – gut oder auch weniger gut zu Fuß, manchmal gestützt auf andere – konnten die wunderschöne Wienerwaldlandschaft der Klamm genießen. Besonders stimmungsvoll war der nachmittägliche Sonneneinfall durch das dichte Laub der Bäume auf

Firmung

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Pfarrfirmung am 18. Mai 2008 34 Pfarrblatt Dompfarre St. Stephan · Weihnachten 2008

das Wasser des kleinen Bächleins. Nach einer gemütlichen „schwachen“ Gehstunde hörten wir schon das Geschrei der „Bewohner“ der Greifvogelzuchtstation. Nicht nur unsere kleine Cordula war entzückt über die vielen Uhus und anderes gefiedertes Getier, das uns vom Leiter der Zuchtstation begeistert in vielen Details vorgestellt wurde. So mancher von uns lernte viel Neues - und sei es nur die Anregung, sich so wie der Uhu, der stundenlang sein „Mittagessen“ im Schnabel hält, beim Essen Zeit zu lassen … Der gemütliche Tag mit vielen Begegnungen von Jung und Alt klang aus bei einem oder mehreren Gläsern Sturm oder Wein bei einem Heurigen in Nußdorf. Mit dieser „Unterlage“ waren wir gewappnet für das Vernehmen, Aushalten, Feiern ( je nachdem, wie man es sieht) des Wahlergebnisses ó

Am anderen Ende der Welt Vom 7. bis 30. Juli 2008 waren Jugendliche unserer Dompfarre beim 23. Weltjugendtag in Australien. Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen dafür. Ein Bericht über dieses Abenteuer von Reiseleiter Benedikt J. Michal 25 Jugendliche aus der Dompfarre und den Pfarren Stratzing und Zellerndorf wagten den großen Flug nach Australien. Wir entdeckten den Dschungel nahe Cairns und das Great Barrier Reef, ehe wir in die Diözese Lismore flogen, wo uns liebevolle Gastfamilien der Pfarre Ballina aufnahmen. Ebenfalls in der Pfarre untergebracht waren Jugendliche aus Solomon Island, Tonga, Südkorea und eine andere Wiener Gruppe mit Kardinal Schönborn, Priesterseminaristen und Jugendlichen. In unserer Gastpfarre feierten wir Eucharistie – ganz besonders hat uns hier das Panflötenspiel der Jugendlichen aus Solomon Island begeistert. Faszinierend ist, und das ist uns dort aufgegangen, dass überall auf der ganzen Welt dieselbe heilige Messe gefeiert wird. In unserer Gruppe haben wir täglich die heilige Messe gefeiert – was am Anfang für einige eine Herausforderung war, war für alle am Ende ein großes Geschenk. Nach den Gastpfarren kommen alle Gruppen für eine Woche an einen Ort zusammen: Sydney. Am Vormittag hörten wir den Schweizer Bischöfen Hinder aus Arabien und Gächter aus Basel sowie dem österreichischen Jugendbischof Lackner zu. Am Nachmittag zogen wir in die Stadt für die Eröffnungsmesse, Sightseeing, Papstbegrüßungsfeier, Österreich-Treffen, Kreuzweg – und trafen auf viele Gruppen aus anderen Ländern, die den gleichen Glauben teilen wie wir – wir sind nicht allein mit unserem Glauben. Der Höhepunkt war auf dem Randwick Racecourse, einer Pferderennbahn in Sydney, wo zu einer Vigil, einer gemeinsamen Freiluftübernachtung und der Abschlussmesse mit Papst Benedikt XVI. fast 400.000 Gläubige zusammengekommen waren. Die besinnliche und ruhige Stimmung bei der Vigil und bei der Wandlung haben uns genauso beeindruckt wie die offene und herzliche Art

der Katholiken aus aller Welt. Mit der Ermutigung des Papstes „Das Feuer der Liebe Gottes komme herab, um eure Herzen zu erfüllen, es verbinde euch immer vollkommener mit dem Herrn und seiner Kirche und sende euch aus als eine neue Generation von Aposteln, um die Welt zu Christus zu bringen!“ fuhren wir mit dem Bus von Sydney nach Melbourne, um Australien unter der geistlichen Führung von Andreas Kaiser zu entdecken. Abschluss unserer Reise von Sydney über Melbourne ins Landesinnere war eine geführte Outbacktour in das rote Herz Australiens. Wir lernten nicht nur die Gesteinsformationen Ayers Rock, die Olgas und den King’s Canyon kennen, sondern auch Kamel- und Känguru-Fleisch. Nach diesen unvergesslichen Tagen,

Um Kängurus und um unsere Gruppe hat sich „Father Andrew“ sichtlich angenommen mit tiefen Eindrücken und fasziniert vom Reichtum unseres Glaubens, kehrten wir mit dem Vorsatz zurück, berührt vom Heiligen Geist Zeugen in unserer Welt zu sein. ó

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Aus der Dompfarre

»Es ist die Liebe zu diesem Dom, die so viele bewegt« Segnung und Aufziehen des restaurierten Turmkreuzes Mit obigen Worten drückte Kardinal Dr. Christoph Schönborn bei der feierlichen Segnung des neuen Turmkreuzes für den Südturm am Donnerstag 9. Oktober 2008 seinen Dank an die „vielen großen und kleinen Spender“ aus, die die Erhaltung des Stephansdoms ermöglichen. Der Kardinal würdigte besonders das Engagement des Vereins “Unser Stephansdom“, der einen wesentlichen Teil der jährlichen Renovierungskosten für die Domkirche durch Spenden aufbringt. Der Vorstand des Vereins mit Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad an der Spitze feierte den Gottesdienst gemeinsam mit zahlreichen Gläubigen sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Kir-

chenmeisteramt, Dombauhütte und „Unser Stephansdom“ mit. Als Vertreter des Domkapitels waren Domkustos Prälat Univ. Prof. Dr. Josef Weismayer und Dompfarrer Mag. Anton Faber anwesend. Am Ende des Gottesdienstes nahm Kardinal Christoph Schönborn in der Vierung des Domes die“Neusegnung“ des renovierten Turmkreuzes und der Turmkugel vor. Die aus dem Jahr 1864 stammende Turmbekrönung ist bei der laufenden Sanierung der Turmspitze des “Steffl“ abgenommen worden, da sie durch Witterungseinflüsse schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war. In den vergangenen Monaten wurden das aus vergoldetem Kupfer hergestellte Turmkreuz

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und auch die darunter liegende Turmkugel in alle Einzelteile zerlegt, wieder zusammengesetzt und neu vergoldet. Am Montag, 13. Oktober 2008, konnte in einer wirklich waghalsigen Aktion beim zweiten Versuch die rund drei Meter hohe und 200 Kilogramm schwere Turmbekrönung von einem „Christophorus-Hubschrauber“ des ÖAMTC , auf seinen Platz in über 130 Metern Höhe gehoben werden. Das Turmkreuz ist nun wieder mit einem langen Gegengewicht frei beweglich in der Turmspitze verankert und kann so selbst schwingen. Alle alten Schwachstellen des Turmkreuzes wurden korrigiert, sodass es sich wieder ohne Probleme im Wind drehen kann. ó

Auszüge aus der von Kardinal Schönborn unterfertigten Weiheurkunde „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut!“ (Psalm 127,1)

Im Jahr des Herrn 2008, am 9. Oktober, habe ich, Christoph Kardinal Schönborn OP, durch die Gnade Gottes und das Vertrauen des Apostolischen Stuhles Erzbischof von Wien und Metropolit der Wiener Kirchenprovinz das Zeichen unseres Glaubens und unserer Hoffnung, das Kreuz unseren Herrn und Erlösers Jesus Christus, während einer feierlichen Eucharistiefeier im Hohen Dom zu St. Stephan gesegnet. […] 1997 begannen die umfassenden Restaurierungsarbeiten am Südturm, in deren Verlauf 2007 die Turmspitze eingerüstet und am 27. Mai 2008 die Turmkugel geöffnet wurde. Nach Restaurierung der Turmkugel, des Doppeladlers und des zweiarmigen erzbischöflichen Kreuzes wurden die vorgefundenen Dokumente und Gegenstände der Turmöffnung vom 20. Oktober 1842 und vom 15. August 1864 zum Teil wieder in die Kugel gelegt, ergänzt durch diese Urkunde und Gegenstände des täglichen Gebrauchs aus dem Jahr 2008. Im Jahr des Herrn 2008 leitete die Kirche Jesu Christi unser Heiliger Vater in Rom Papst Benedikt XVI., Erzbischof und Metropolit war Christoph Kardinal Schönborn OP, seine Weihbischöfe waren Franz Scharl, Stephan Turnovszky und Helmut Krätzl, Dompropst bei St. Stephan war Ernst Pucher, Domdekan war Karl Rühringer. Die Verantwortung als Domkustos trug Josef Weismayer, Dompfarrer war Anton Faber. Die Leitung der Dombauhütte und somit der Restaurierung des Südturms oblag Dombaumeister Wolfgang Zehetner und seinem Polier Thomas Weber.

Kirchenmeister an der Domkirche war Tamas Steigerwald und um ein Ave Maria bittet der Verfasser dieser Urkunde, Domarchivar Reinhard Gruber. Der Gott aller Güte wolle unseren Dom, unsere Stadt Wien, unser Heimatland Österreich und ganz Europa in seinen besonderen Schutz und Schirm nehmen und von dieser heiligen Stätte aus Frieden und Segen den gegenwärtigen und den künftigen Geschlechtern schenken. Christus, der Herr der Gemeinde, wolle diese Kirche zu einer Stätte erbauen, in der Gott bei den Menschen und die Menschen bei Gott wohnen. Der Heilige Geist wolle seine Kraft ausgießen auf unsere Söhne und Töchter, damit Gottes Wort ein Licht auf ihren Wegen bleibe.

Herr, unser Gott, segne den Bau, in Deinem Namen begonnen, zu Deiner Ehre ausgeführt; behüte unsere Gemeinde in aller Zeit zur Ewigkeit; gib Friede und Freude allen, die Dich hier anrufen und Deine Güte preisen heute und an allen Tagen, in Ewigkeit, Amen. „Ich habe dieses Haus erwählt und geheiligt, damit mein Name hier sei auf ewig.“ (2. Chr. 7,16)

+ Christoph Kardinal Schönborn Erzbischof von Wien

Wien bei St. Stephan, am 9. Oktober 2008

Pfarrblatt Dompfarre St. Stephan · Weihnachten 2008 37

Aus der Dompfarre Behälter 4 ˘ Foto: Gebäude der Dombauhütte 2008 ˘ Sammelalbum Fußballeuropameisterschaft 2008 ˘ Schadenserhebung vom Südturmhelm Juni 2007 ˘ aktuelle Nummern der Zeitschriften: „Der Dom“,„Unser Stephansdom“, „Pfarrblatt St. Stephan“ und des Flugblatts: „Die Woche in St. Stephan“

Behälter 5 ˘ Weiheurkunde Kardinal Christoph Schönborn ˘ Brief des Generalanwaltes von Raiffeisen Dr. Christian Konrad ˘ Jubiläumsbriefmarke der Firma Manner ˘ Fotos des Domkapitels, der Mitarbeiter des Dombausekretariats, der Dombauhütte und des Vereins „Unser Stephansdom“ ˘ Liste der Mitarbeiter des Dombausekretariats, der Dombauhütte und des Kirchenmeisteramtes

Behälter 6 ˘ Sonderbriefmarke 30 Jahre Spenglerei Zambelli ˘ Oberösterreichische Nachrichten vom 13. Oktober 2008

In der Turmkugel verbliebene Gegenstände aus 1842 und 1864

Folgende Gegenstände wurden in die Turmkugel eingesetzt: Behälter 1 ˘ Foto von Kardinal Christoph Schönborn, Euro-Münzen und -Banknoten. ˘ Mastercard „Stephansturm“ ˘ Bankomatkarte „Stephansturm“ Schelhammer & Schattera ˘ Kontoauszug „Stephansturm“ Schelhammer & Schattera ˘ Stephansgroschen, Gedenkmünze Stift Klosterneuburg und Jubiläumsmedaille 850 Jahre Basilika Mariazell/Papstbesuch ˘ CDs; „Wer singt, betet doppelt“ anlässlich des Papstbesuches 2007;

„Papst Benedikt XVI. im Stephansdom“; „Glocken und Musik im Stephansdom“ ˘ Filmrolle ORF-Dokumentation über den Stephansdom; CD Dom zu St. Stephan – Dompläne ˘ Mobiltelefon mit Ladegerät

Behälter 2 ˘ Domführer „Die Domkirche St. Stephan zu Wien“ von Reinhard H. Gruber; Schematismus der Erzdiözese Wien 2007/08; Maß-Stab Firma Würth

Behälter 3 ˘ Österreichische Tageszeitungen vom 14. Oktober 2008

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˘ Originalfotos der Belegschaft der Gießerei und der Dombauhütte, 1864 „Wiener Zeitung“ von 1864 ˘ Originalurkunde unterfertigt von Kaiser Franz Josef I. aus dem Jahr 1864 ˘ Schematismus von 1842 ˘ Zinnplatte „Eduard Theuring akademischer Graveur“ mit graviertem Text auf Rückseite ˘ Broschüre: „Rede von Fürsterzbischof Kardinal Rauscher 1842“ ˘ Schriftblatt „Der neue Adler auf dem Stephansturme“ ˘ Ausgabe der „Wiener Zeitung“ vom Freitag, den 27. 10. 1842 ˘ Rechnung Butterpapier Fa. Franz Theyer

500 Jahre Paramente und Vasa sacra

Festmahl für den Nächsten – 2008 Josef Mörth über das „Pfarrcaritas-Fest“ „Hinsehen und handeln!“ Getreu dem Motto der heiligen Elisabeth, der Patronin der Caritas, fand am 18. Oktober 2008 wieder das von der Pfarrcaritas St. Stephan veranstaltete „Festmahl für den Nächsten“ statt. Das Wiener Franziskanerkloster verteilte dazu die Einladungen an Frauen und Männer in Not. Vorbereitet und abgehalten wurde das Festmahl in den Räumlichkeiten des Curhauses, wo im Pfarrcafe, im Klemensund im Klarazimmer die Tische entsprechend festlich geschmückt wurden. Zum Festmahl kamen rund 165 Personen, zusätzlich konnte auch für all jene auf der Straße Wartenden, die keine Karte vorweisen konnten, noch ein Platz am gedeckten Tisch gefunden werden. Jeder Gast wurde persönlich von Dompfarrer Toni Faber begrüßt und nach dem gemeinsamen Tischgebet kamen viele helfende Hände zum Einsatz. Was wäre eine Einladung zum Festmahl ohne das Festessen? Rund 200 kg Zutaten wurden von der Familie Keglevic am Vortag besorgt. Un-

sere eifrigen Suppenköche wurden heuer von einer Dame unterstützt. Im ersten Stock wurden 60 kg Schweinsbraten delikat zubereitet. Mit feinem Erdäpfelpüree und 20 kg Jägersalat, der heuer von einem neuen Salate-Team mit köstlicher Marinade zubereitet wurde, gelangte dieses Festessen zu den Wartenden. Als krönender Abschluss wurde duftender Kaffee samt Kuchen serviert. Wer aufmerksam auf die Welt blickt, erkennt nicht nur die vielen schönen Dinge, sondern kommt in sehr enge Berührung mit den dunklen Seiten des Lebens und dem Leid der Menschen. Die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren am Ende dieses Tages, der für viele ein 12 Stunden-Tag war, müde und erschöpft. Durch ihren Einsatz für die Notleidenden sind sie selbst innerlich reicher geworden und es war ein besonderes Strahlen in ihren Augen zu erkennen. Allen, die mitgeholfen haben, ein herzliches Dankeschön! ó

Ausstellung auf der Westempore der Dom- und Metropolitankirche St. Stephan 4. November 2008 bis 30. Jänner 2009 Öffnungszeiten: Mo-Sa 9.00 – 12.00 Uhr und 13.00 – 17.00 Uhr Sonn- und Feiertag geschlossen Eintritt frei

Das Referat für kirchliche Kunst und Denkmalpflege der Erzdiözese Wien hat in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Bischofskonferenz und dem Kirchenmeisteramt der Domkirche St. Stephan anlässlich der 13. Internationalen Tagung „Kulturelles Erbe und Neue Technologien“ auf der Westempore des Stephansdomes eine Ausstellung mit dem Thema „500 Jahre Paramente und Vasa sacra“ gestaltet. Zu sehen ist eine repräsentative und äußerst kostbare Zusammenstellung von Paramenten und sakralem Gerät von der Gotik bis zur Gegenwart inklusive einer Einführung über die Anfänge in biblischen Zeiten und einem Überblick über Werkzeug und Materialien. Ein Besuch bietet die Gelegenheit, exklusive Messgewänder und textilien, Kelche, Monstranzen u.a., die man sonst nicht zu sehen bekommt, aus nächster Nähe im würdigen Ambiente des Stephansdoms betrachten zu können. 4. November 2008 bis 30. Jänner 2009 Öffnungszeiten: Mo-Sa 9.00 – 12.00 Uhr und 13.00 – 17.00 Uhr Sonn- und Feiertag geschlossen Eintritt frei

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Chronik Seit dem letzten Pfarrblatt im Sommer: Getauft wurden: Aus Datenschutzgründen nicht angezeigt

Vor 60 Jahren

Aus der Pfarrchronik von St. Stephan November 1948 30.11. Kardinal Innitzer hat mit heutigem Tag bei St. Stephan eine Dompfarre sui juris errichtet. Domkurat und Lokalprovisor Alois Illek brachte das Dekret zur Verlesung. Die neuerrichtete Dompfarre wurde heute unter den Curpriestern zur Bewerbung ausgeschrieben. Domprediger Dr. Karl Dorr reichte als einziger Bewerber um die Dompfarre ein.

Dezember 1948

Getraut wurden: Mag. Timea Szöke-Denes nicht und Mag. JakoAus Datenschutzgründen angezeigt bus van Ederen, Mag. Elisabeth Zehetner und DI Dr. Stefan Lindtner, Claudia Bauer und Andreas Deutsch, Mag. Dr. Gabriela Kühtreiber und Gerhard Sellner, Birgit Weimar und Peter Weimar-Grötz, Mag. Elisabeth Kronlachner und Christian Kaiserseder, Mag. Zlatka Chamlieva und DI Reinhard Lutz, Anna Straka und Heinrich Hammerschmid, Jana Richter und Erwin Amann, Tamara Müller und Markus Weber, Julia Heinemann und Zeno Ossko, Barbara Zick und Martin Steinbach, Mag. Malgorzata Reis und Mag. Wolfgang Reis, Tina Fürnkranz und Ludwig Seher, Mag. Kathrin Kubek und Dr. Phi-

In die Ewigkeit. gingen uns voran. Dr. Elisabeth Schmatzer, Gertrude Fröhlich-Sandner, Msgr. Heinrich Hisch, Gertraud Mucnjak, Hildegard Schumacher,

6.12. Kanzleidirektor Dr. Josef Streit und Domkurat Alois Illek wurden zu Domkapitularen ernannt. 12.12. 6. Allgemeines Wiener Oratorium in der Kirche Am Hof, zugleich Abschiedsfeier der Domgemeinde von dieser Kirche. Dr. Dorr sprach über dasThema:„Drei Kennzeichen des wahren Christen: Großmut, Diskretion und Hingabe“. Anlässlich der Abschiedsfeier hielt Kardinal Innitzer eine Dankansprache an die Patres Jesuiten. 15.12. Domprediger Dr. Karl Dorr wurde zum Dompfarrer von St. Stephan ernannt. Er wird am 17.12. investiert werden. Über Wunsch Sr. Eminenz behielt er das Amt eines Dompredigers bei. 19.12. (Auszüge) Eröffnung des Langhauses! Die Arbeiten am Dom sind inzwischen so weit vorangeschritten, daß durch Abmauerung des Albertinischen Chores der Großteil der Kirche für den Gottesdienst freigegeben werden konnte. Die Eröffnungsfeierlichkeiten wurden in alle Länder Europas und die Vereinigten Staaten und nach Kanada übertragen. Aus Platzmangel konnten nur 5.000 geladene Gäste in den Dom eingelassen werden. Für schätzungsweise 100.000 Menschen wurden die Feierlichkeiten durch Lautsprecher auf den Stephans-

Herta Moshammer, Helga Krätzl, Maria Bernhard, Wilhelm Kimmel, Leopoldine Pillich, Gisella Koesche, Erna Rirsch, Silvia Riss, Christine Himmer, Brigitte Wlacik,

40 Pfarrblatt Dompfarre St. Stephan · Weihnachten 2008

platz übertragen. Um 16.00 Uhr begab sich Kardinal Innitzer unter Vorantritt des Dombaumeisters Holey, sowie der Dombauhütte in ihrer mittelalterlichen Tracht vom Palais vor das Riesentor des Domes. Hierauf schloß Eminenz mit dem vergoldeten Schlüssel das Gitter vor dem Riesentor auf. Beim Hochaltar angekommen, hielt Eminenz – sichtlich bewegt – die Festansprache. Es war ein ganz besonderer Augenblick, als Eminenz in großer Prozession aus der Unteren Sakristei unter den Klängen des Ave verum von Mozart das Allerheiligste wieder in den Dom trug. Der Herr kehrte nach drei Jahren im Sakrament wieder in die Domkirche zurück. Wohl der Höhepunkt der Eröffnungsfeierlichkeiten. Viele Besucher warfen sich auf die Knie und vergossen Freudentränen. 20.12. Heute beginnt die Domfestwoche, die bis zum 26.12. dauern wird. Um 6.45 Uhr zelebrierte Kardinal Innitzer im Beisein des Domkapitels und der Curpriester am Wiener Neustädter Altar, der als provisorischer Hochaltar aufgestellt ist, die erste heilige Messe. In der Domfestwoche werden drei Predigtreihen gehalten. Eine um 6.45 Uhr, eine um 12.00 Uhr und eine um 17.00 Uhr. Die bekanntesten Prediger von Wien sind dazu eingeladen. Die Pontifikalämter, Messen und Andachten werden der hochwürdigste Herr Kardinal und die Herren des Domkapitels halten. 23.12. Beginn der öffentlichen Haussammlung in Wien für den Wiederaufbau des Domes. Die Sammlung wird bis 31.12. durchgeführt werden. 24.12. Die Mitternachtsmette pontifiziert Prälat Dr. Alois Wildenauer. Die Predigt hielt Dompfarrer Dr. Karl Dorr.

Erna Pendl, Franz-Johann Urban, Dr. Franz Peherstorfer, Margarete Borde, Prof. Dr. Leo Witoschinsky, Edith Stadler, Leopoldine Miklas, Altbürgermeister Dr. Helmut Zilk

Werke der Barmherzigkeit

Werke der Barmherzigkeit Sünder zurechtweisen Von Domdiakon Roman Faux Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. (Mt 18,15-17) Diese Worte Jesu finden sich im Matthäus-Evangelium, in jenem Kapitel, das auch Gemeinderegel genannt wird. Es sind Worte, die das Leben einer christlichen Gemeinde regeln sollen,die dasWohl meines Bruders, meiner Schwester im Auge haben. Es geht darum, dass wir mit dem anderen reden sollen und nicht über ihn, was wir ja doch recht gerne machen! Allzu leicht übersehen wir dabei ja, dass wir selber auch in die Situation kommen können, einen Fehler zu begehen und ins Gerede zu kommen. Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus „Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.“ Mancher hat wohl schon am eigenen Leib die Erfahrung gemacht, dass Tratschereien das Miteinander der Menschen kaputt machen können. Wo Menschen hintenherum übereinander reden, dem andern nicht ins Gesicht dasselbe sagen wie dann, wenn er den Raum verlassen hat, da kann der Leib Christi, die Kirche, nicht wachsen.Wo wir übereinander herziehen und lästern, leben wir nicht als von Gott Geheiligte, als getaufte, von Gott geliebte Kinder. Wir haben etwas gesehen oder erlebt, was uns schmerzt? Dann sollen wir unseren Bruder, unsere Schwester nicht verurteilen oder gar bloßstellen vor den anderen.Vielmehr, so lehrt uns Jesus, gilt es selber hinzugehen und die Sache im Vieraugengespräch zu klären zu versuchen.Wenn das nicht die erhofften Früchte bringt, erst dann mag man andere mit hineinziehen.

Missa sine nomine Zu einem Menschen stehen, in allen Konflikten einen Weg suchen. Keiner triumphiert, und keiner unterliegt. Sich gemeinsam der Stille anvertrauen. Zwei Menschen, die dem Grund sich nähern. Einander täglich fraglos annehmen. Mit den Alpträumen der Angst fertig werden. Einander das Wachsen erlauben, miteinander lernen, Menschen zu werden. Einander lieben, nicht nur einander achten und schätzen aufgrund von Leistung und Vermögen. Einander im Alltag lieben, das ist missa sine nomine, namenloser Gottesdienst! (Martin Gutl) Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man das, wie alles auf der Welt, wohl erst langsam und auch recht mühsam erlernen muss. Da gibt es Situationen in denen ich regelrecht erschrecke, wenn ich erkennen muss, dass es viel leichter ist, über andere zu reden und wie schwer es häufig fällt und welche Überwindung es meistens kostet, den anderen direkt auf etwas anzusprechen, nicht über, sondern mit ihm zu reden. Genau das lehrt Jesus, das will uns auch das erste geistige Werk der Barmherzigkeit aufzeigen: miteinander zu reden! Das ist es, was einen reifen Menschen auszeichnet, das ist es, was einen

Christen kennzeichnet. Dazu gehört aber auch, dass wir die Gelegenheit des Gespräches nutzen, um zuerst das Gute ins rechte Licht zu stellen, das wir am anderen schätzen, und ihm erklären, dass wir viel von ihm erwarten, damit die Zurechtweisung mehr zur Ermutigung als zur Herabsetzung wird. Dabei soll uns stets das Wort des Apostels Paulus begleiten, der in seinem Brief an die Römer schreibt: „Bleibt niemand etwas schuldig, nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.“ ó

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Heilige im Dom XXXXXXXXXX

Der hl. Paulus im Stephansdom Von Birgit Staudinger und Reinhard Gruber der braunrot marmorierte Holzaufbau mit vergoldetem Dekor. Das Altarbild zeigt die Verherrlichung der beiden Apostelfürsten: Petrus und Paulus sitzen thronend auf Wolken, über ihnen schwebt ein großer Engel, der den beiden die Märtyrerkrone aufsetzt; unterhalb ist eine Landschaft mit antiker Architektur zu erkennen, an der gearbeitet wird – ein Hinweis darauf, dass die beiden Apostelfürsten Patrone der Steinmetze sind. Das Bild wird umrahmt von zwei vergoldeten Statuen der beiden Herrscherheiligen: Rechts Kaiser Heinrich und links Markgraf Leopold. Das Aufsatzbild des Altars stellt die „Heiligen vier Gekrönten“ bei der Bearbeitung von Steinblöcken zu Füßen Mariens dar.

Der Taufstein

hl. Paulus am Taufstein

Pfeilerfigur im Langhaus

„Saulus aber war mit dem Mord [des Stephanus] einverstanden.“ (Apg 8,1)

Der Altar St. Peter und Paul

Dieser Satz trennt und verbindet zugleich diese zwei großen heiligen Männer. Im Stephansdom findet sich eine sehr ausdrucksstarke Darstellung der Steinigung des Stephanus auf dem Hochaltarbild des Künstlers Tobias Pock: Täter und Opfer auf einem Bild. Doch der Mann, der dem Tod des anderen zugestimmt hat, wird später die Arbeit des Getöteten weiter führen und in neue Dimensionen führen.Wenn man dieses Bild weiterdenkt, wirkt es umso tröstlicher: Bei Gott ist nichts unmöglich. Gott schließt niemanden vom Heil aus. Es ist nie zu spät, sich zu ändern, denn Gott kann alles zum Guten wenden.

Dem hl. Paulus ist zusammen mit dem Apostel Petrus auch ein eigener Altar im Dom geweiht, der sich beim Orgelfuß im Frauenschiff (linkes Kirchenschiff) befindet. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die diesem Altar zugrundeliegende Konzeption jener des Hochaltars gleicht. Der Altar St. Peter und Paul ist der einzige Holzaltar der Domkirche und zugleich – kurioserweise – der Zunftaltar der Steinmetze. Eine mögliche Erklärung dafür könnte laut Domarchivar Reinhard Gruber sein, dass dieser Altar ursprünglich als Modell für den Hochaltar errichtet wurde und 1677 von Tobias Pock als eine Stiftung der Maurer- und Steinmetzzunft prachtvoll ausgestaltet wurde: Über der gotischen Mensa erhebt sich

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Eine weitere besonders erwähnenswerte Darstellung des hl. Paulus findet sich am gotischen Taufstein in der Katharinenund Taufkapelle, in dem vierzehn Reliefs eingemeißelt sind: Christus als Retter der Welt, der hl. Stephanus und die zwölf Apostel, wobei Judas Iskariot durch Paulus ersetzt wurde. Alle über diesem Becken auf Christus Getauften sollen große Vorbilder im Glauben haben: die Jünger – die am Aufbau der jungen Kirche mitarbeiten, Stephanus – der erste, der die Verteidigung seines Glaubens mit seinem Blut bezahlt hat und schließlich Paulus, der nach seiner Taufe ebenfalls den Glauben in alle Welt hinaus getragen hat und dabei niemanden und nichts – auch nicht den Verlust seines Lebens – gescheut hat. Daher kann von Paulus zu Recht behauptet werden, dass er – so wie er auch im Dom mehrfach dargestellt wird – eine tragende Säule der Kirche war und bleibt. ó

Darstellungen in der.Domkirche St. Stephan. ˘ Hochaltarbild, 1647. ˘ Altar der Heiligen Peter und Paul beim Orgelfuß im linken Seitenschiff, 1677. ˘ Wiener Neustädter Altar, linker Außenflügel der Sonntagsseite (= einmal geschlossen), 1447. ˘ Sandsteinfigur in der Vorhalle (innen) des Singertores, zwischen 1359–1365 (nicht zugänglich). ˘ Sandsteinfigur am Fuß der Domkanzel, neugotisch um 1880. ˘ Figur im Bogen der Balustrade des Friedrichsgrabes, 1513 vollendet. ˘ Pfeilerfigur im rechten Seitenschiff gegenüber dem Eingang zur Unteren Sakristei, 1430–1460. ˘ Graue Sandsteinfigur in der Apsis des Apostelchores, rechts vom Friedrichsgrab, um 1400.

˘ Mosaik mit Darstellung der Apostelfürsten Petrus und Paulus im südlichen Seitenschiff (Sakristeischiff) rechts vom Dreifaltigkeitsaltar, 1888. ˘ Relief am Taufstein, 1476–1481. ˘ Bild auf dem Flügel des „Andreasaltars“, (im Dommuseum) 1420–1440. ˘ Tapisserie (im Depot der Domsakristei): Predigt des Apostel Paulus vor dem Konsul L. Sergius Paulus, der sich daraufhin zum Christentum bekehrt, 1660–1680 (Abbildung oben). ˘ Tapisserien (im Depot der Domsakristei): Paulussturz (Bekehrung des Paulus), 1660–1680. ˘ Weitere Darstellungen auf Messkleidern und Mitren und liturgischen Geräten.

Darstellungen am Äußeren der Domkirche ˘ Singertor, Szenen aus dem Leben des hl. Paulus, um 1360. ˘ im Tympanon des Riesentores, Petrus und Paulus flankieren Christus in der Mandorla. ˘ am Vorbau des Bischofstores (Hof der Dombauhütte): Paulus und Stephanus (nach 1502). ˘ Sandsteinfigur außen an der Bischofstorvorhalle (Hof der Dombauhütte), 1510–1520. ˘ Sandsteinfigur außen am Pfeiler der Vorhalle des Singertores, Kopie 1977, Original im Dom- und Diözesanmuseum (1440). ˘ am Sockelgeschoß des Nordturms: Petrus und Paulus (1915). ˘ weitere Darstellungen auf Grabsteinen.

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Buchempfehlung

Aus dem Evangelium nach Paulus Zu Kardinal Carlo Maria Martinis Buch zum Paulus-Jahr. Eine Buchbesprechung von Heinrich Foglar-Deinhardstein „Das Evangelium von Paulus“ ist ein Buch von Kardinal Carlo Maria Martini, dem AltErzbischof von Mailand, das zum Paulusjahr in deutscher Sprache erschienen ist. Martini meditiert in diesem Buch das spannungsreiche Leben des Paulus und schafft dabei so etwas wie eine geistliche Biographie der inneren Entwicklung des gewaltigen Völkerapostels in Streiflichtern. Bekannt ist, dass Paulus gerne Sprachbilder aus der Welt des Sports bezogen hat. Besonders eindrücklich ist sein berühmtes Wort: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt“ (Phil 3,13 f). Dass Paulus immer wieder Liebgewordenes zurücklassen oder neu verstehen lernen muss, um zu einer „höheren“ Stufe „tieferen“ Verstehens vorzudringen, dieser geistig-geistliche Vorgang ist für Martini wohl einer der Schlüssel zum Verständnis des Lebens und der Schriften des Paulus: Paulus, der stolze gesetzestreue Pharisäer, der von Christus berufen wird und erkennen muss und darf, dass alles, was ihm im höchsten Maß wichtig schien, durch die Erkenntnis Christi vollkommen relativiert wird – gleichzeitig, dass Christus ihm die Verkündigung des Evangeliums bei den Heiden anvertraut.

Verkünder des Kreuzes Paulus, der feurige Verkünder des Evangeliums Christi, der schrittweise entdeckt, dass das Hauptthema und der Ansatzpunkt aller Verkündigung nicht das drohende göttliche Strafgericht, aber auch nicht die Herrlichkeit Christi in seiner Auferstehung, sondern im tiefsten das Kreuz ist – die Kreuzigung des Messias und die barmherzige Liebe des Vaters. Im Gleichklang mit diesem schmerzlichen und doch beglückenden Prozess

des Reifens und ständigen Vordringens zu neuen Horizonten gewinnt Paulus seine Theologie – er liest aus seiner eigenen Biographie etwa das erlösende Werk Christi heraus: „Obwohl Christus Jesus göttlicher Natur war, hielt er nicht eifersüchtig an seiner Gottgleichheit fest wie an einem Schatz“ (Phil 2,6) – dieser auf Jesus gemünzte Satz verweist nach Martini auch auf das Leben des Paulus, der ursprünglich alle seine ihm liebgewordenen Werte und Vorzüge eifersüchtig wie einen Schatz hütete, und sich gerade deswegen gewaltsam gegen das Christentum wandte. In seiner Christusbegegnung erkennt Paulus dann freilich, dass er den Gipfel der Vollkommenheit keineswegs bereits erreicht hat, sondern zutiefst der Gnade und Hilfe Christi bedürftig ist.

Transparent auf Christus hin So wird in der Zusammenschau von Martini das ganze Leben des Paulus – seine Verkündigung, seine Erfolge, sein Reifen in der Erkenntnis, sein Scheitern, seine Rückschläge, seine Leiden – selbst zum Evangelium, nämlich zu einer intensiven Widerspiegelung, Nacherzählung und Fortschreibung der Geschichte und des Weges Christi. Weil Paulus in seinem eigenen Leben das Evangelium Christi fortschreibt, kann er mit typisch paulinischer Kühnheit sagen: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24). Mit dem Voranschreiten auf seinem Lebensweg wird Paulus zunehmend transparent auf Christus hin – Martini nennt das die „Verklärung des Paulus“. Das Evangelium des Paulus – in komprimierter Form findet es sich – von ihm selbst oder einem seiner Schüler aufgeschrieben – in einem Hymnus (2 Tim 2,11 ff), der eine überraschende Wendung nimmt: „Das Wort ist glaubwürdig: Wenn wir mit Christus gestorben sind, werden

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Martini, Carlo Maria: Das Evangelium von Paulus. 159 Seiten, 2008 Bennoverlag ISBN: 978-3-7462-2418-3 13,30 Euro wir auch mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen. Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ Dieser Text bringt das Evangelium des Paulus auf den Punkt: Die strenge Einleitung der Schriftstelle, die drastisch und leidenschaftlich die Konsequenzen der Untreue zum Weg Christi vor Augen führen will, zerbricht – sozusagen mit einem überwältigten literarischen Seufzer, einem Echo des Damaskuserlebnisses – in der befreienden Erkenntnis, dass Gottes Treue alle menschlichen Vorstellungen sprengt und übersteigt, und er uns daher auch dann die Treue hält, wenn wir jedes Anrecht darauf verspielt hätten. ó

Ein- und Ausblicke

»Und schaut der Steffl lächelnd auf uns nieder...!« Seien Sie gegrüßt! Freuen Sie sich mit mir! Zwei Drittel meiner alten Haut sind restauriert! Wenn ich dem Herrn Dombaumeister dadurch nicht einen gehörigen Schrecken einjagen würde, dann würde ich ja einen kleinen Luftsprung wagen. So aber bleibe ich brav auf meinen alten Fundamenten – sie sind übrigens nur dreieinhalb Meter tief – stehen und grinse einfach freundlich und fröhlich über die Stadt. Am 9. Oktober wurde mein restauriertes und vergoldetes Turmkreuz von Seiner Eminenz solemniter geweiht und am darauf folgenden Montag in einer wahrhaft spektakulären Aktion von einem „Christophorus-Hubschrauber“ aufgesetzt. Es war wirklich abenteuerlich. Der Wind, der ja immer am Stephansplatz geht (angeblich, weil der Teufel sich über die schöne Kirche so ärgert und seit Jahrhunderten versucht, sie per Wind zum Einsturz zu bringen), hätte das Unternehmen fast verhindert. Ich erinnere mich gut an den ängstlichen Blick des hochwürdigen Herrn Dompfarrers und wie er die Hände vors Gesicht geschlagen hat. Nun glänzt das herrliche Turmkreuz wieder frisch poliert und auch das Gerüst ist verschwunden. In der vom Kardinal unterzeichneten Weiheurkunde heißt es: „… damit auch in künftiger Zeit das Kreuz erstrahle über den Dächern von Wien.“ Heftiger Wind, mehrmalige Versuche, erschreckter Gesichtsausdruck - das erinnert mich an viele schwere Zeiten, die ich schon erlebt habe. Derzeit ist es ja auch so: Wie mir zugetragen wurde, sind die wirtschaftlichen Zeiten nicht so rosig. Es weht ein rauer Wind, viele schauen erschreckt und haben Angst, man kommt vielleicht sogar ins Trudeln. In der Kirche ist es auch nicht anders. Wirklich zimperlich wird mit ihr nicht umgegangen: viel Kritik, oft auch Hass … Und doch:Wie es auf dem Kreuz nun wieder heißt: „Viribus Unitis – Mit vereinten Kräften!“ Alle haben zusammengehol-

fen: die Mitarbeiter der Dombauhütte am Boden, die erfahrenen Piloten im Hubschrauber, die Spengler am Turm und der betende Dompfarrer vereint mit vielen Wienerinnen und Wienern am Platz, die zitternd das Geschehen mitverfolgten. Ende gut – alles gut. Schlussendlich waren alle dankbar und froh, dass das Unternehmen geglückt ist. Ein Sinnbild für die gegenwärtigen Widrigkeiten? Beten und hoffen allein ist wohl zu wenig. Anpacken, Können und Wissen, Erfahrung und Mut gehören auch dazu. Jeder kann irgendetwas besonders gut. Und wenn alle an einem Strick ziehen und zusammenhalten, dann kann man die schlimmsten Krisen meistern. In diesem Sinne: Stehen wir zueinander, helfen wir einander und verlieren wir den Blick nach oben nicht: dort strahlt das Kreuz, „das Zeichen unserer Hoffnung und unseres Glaubens“! Noch etwas fällt mir ein: Der Donauwalzer im Stephansdom und der Klang der Pummerin beim Begräbnis für den Herrn Altbürgermeister Helmut Zilk. Wien ist ja bekanntlich das einzige Bundesland, das keine eigene Landeshymne hat. Der Donauwalzer wird immer wieder als die „geheime Hymne“ bezeichnet; so war es nahe liegend, den Sarg unter den Klängen dieser weit über Österreich bekannten Strauß-Melodie aus der Hauptkirche der Stadt zu tragen. Dann hat die Pummerin dem Gründervater des Vereins „Unser Stephansdom“ meinen und unser aller Dank verkündet. Im Vorfeld konnte ich die Diskussionen mitverfolgen, ob es denn dem sakralen Charakter von St. Stephan entspräche, am Schluss der Liturgie eine profanen Walzer erklingen zu lassen – wäre ein Marienlied nicht passender? Die Bedenken wurden sehr ernst genommen, doch hat man sich schlussendlich doch dazu entschlossen. Es war dann ja wirklich berührend und wie ich gesehen habe, haben viele Wienerinnen und Wiener Tränen in den Augen gehabt.

Manchmal ist es vielleicht richtig, etwas Unpassendes passend zu machen. Nur wer Mut hat gewinnt. Und auch hier gilt: Ende gut – alles gut. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Mut und Gottvertrauen für das Neue Jahr. Seien Sie auch hin und wieder unangepasst! Ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein herzliches „Grüß Gott“,

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Gottesdienstordnung

Weihnachten im Dom zu St. Stephan Mittwoch, 24. Dezember 2008

Heiliger Abend

9.00–12.00 Uhr 15.00 Uhr 16.30 Uhr

Abholung des Friedenslichtes in der Unteren Sakristei Kinderkrippenandacht 1. Weihnachtsvesper mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn W. A. Mozart, Vesperae solemnes de Confessore; Vokalensemble St. Stephan und Domorchester 18.00 Uhr Hl. Messe beim Hauptaltar Von 19.00–23.00 Uhr bleibt der Dom geschlossen. 22.30–23.00 Uhr Turmblasen von der Balustrade über dem Riesentor 23.30 Uhr Hirten-, Krippen- und Weihnachtslieder, Chorvereinigung „Jung-Wien“ 24.00 Uhr Geläute der Pummerin, Christmette und Krippenlegungmit Dompfarrer Kan. Mag. Anton Faber und den Curpriestern. Weihnachtliche Chormusik; Chorvereinigung „Jung Wien“

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Hochfest der Geburt des Herrn

(Gottesdienstordnung wie an Sonntagen) 10.15 Uhr Pontifikalamt mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn J. Haydn, Theresienmesse; Domchor St. Stephan und Domorchester 16.30 Uhr 2. Weihnachtsvesper mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn J. B. Gänsbacher, Vesper; Vokalensemble St. Stephan und Domorchester

Freitag, 26. Dezember 2008

Hochfest des Heiligen Stephanus

Hauptpatron der Metropolitan- und Domkirche zu St. Stephan. Patrozinium (Gottesdienstordnung wie an Sonntagen) 10.15 Uhr 16.30 Uhr

Pontifikalamt mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn, Erneuerung des Weiheversprechens der Diakone. Ch. Gounod, Cäcilien-Messe; Domchor St. Stephan und Domorchester. Geläute der Pummerin Feierliche Vesper zum Patrozinium mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn, anschließend Kindersegnung

Samstag, 27. Dezember 2008 16.45 Uhr 17.00 Uhr

Alpenländische Weihnachtslieder; Vokalquartett der Dommusik Krippenandacht bei der Weihnachtskrippe mit dem Vokalquartett der Dommusik

Sonntag, 28. Dezember 2008 10.15 Uhr

Hauptgottesdienst mit Prälat Kan. Univ.-Prof. Dr. Josef Weismayer W. A. Mozart, Pastoralmesse; Vokalensemble St. Stephan und Domorchester

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Fest der Heiligen Familie

16.30 Uhr

Jahresschlussandacht mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn Festliche Musik für Chor und Orchester; Vokalensemble St. Stephan. Geläute der Pummerin Aus Sicherheitsgründen wird der Dom um 18.00 Uhr geschlossen.

Donnerstag 1. Jänner 2009 0.00 Uhr 10.15 Uhr

Hochfest der Gottesmutter Maria

Geläute der Pummerin Hauptgottesdienst mit Weihbischof DI Mag. Stephan Turnovszky W. A. Mozart, Spatzenmesse; Domchor St. Stephan und Domorchester

Samstag, 3. Jänner 2009 16.45 Uhr 17.00 Uhr

Alpenländische Weihnachtslieder; Vokalquartett der Dommusik Krippenandacht bei der Weihnachtskrippe mit dem Vokalquartett der Dommusik

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Sonntag, 4. Jänner 2009 10.15 Uhr

Hauptgottesdienst mit Weihbischof Dr. Franz Scharl A. Diabelli, Pastoralmesse; Vokalensemble St. Stephan und Domorchester

Montag, 5. Jänner 2009 17.00 Uhr

Vesper mit Segnung von Wasser, Kreide und Weihrauch

Dienstag, 6. Jänner 2009 10.15 Uhr 17.00 Uhr

Hochfest der Erscheinung des Herrn

Pontifikalamt mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn J. Haydn, Nicolai-Messe; Domchor St. Stephan und Domorchester Vesper mit Weihbischof DI Mag. Stephan Turnovszky M. Haydn: Vesper F-Dur für Frauenchor. Vokalensemble St. Stephan und Domorchester

An allen Werktagen in der Weihnachtszeit um 17.00 Uhr Krippenandacht bei der Weihnachtskrippe

Wir gratulieren:

vanni Rizzardi am 27. September 2008 in Salzburg. Unsere „Mely“, nunmehr Contessa Rizzardi, hat uns alle mit ihrer Eheschließung überrascht. Wir verlieren mit ihr eine allseits beliebte Kollegin und engagierte Sozialarbeiterin. Sie selbst ist eine direkte Nachkommin von Erzherzog Johann („Gräfin Meran“) und heiratete in ein altes römisches Adelsgeschlecht ein, das direkt mit Papst Pius XII. verwandt ist. Wir wünschen dem Brautpaar alles Gute und viel Segen für den gemeinsamen Weg und danken Gabrielle für alles!

˘ Kanonikus Msgr. DDr. Michael Landau zur Wahl zum Vorsitzenden der Rechtskommission der „Caritas internationalis“ in Rom und wünschen ihm für diesen Dienst Gottes Segen! ˘ Heinrich und Marion Foglar-Deinhardstein zur Geburt der Zwillinge Nora Barbara Maria und Natalie Maria Andrea am 2. September 2008. Gottes Schutz den Kleinen und viel Freude den Eltern! ˘ Dommesner Ernst Novotny zu seinem 50-jährigen Dienstjubiläum am 1. September 2008. Obwohl seit Juli 2004 offiziell im Ruhestand verrichtet unser Ernst an mehreren Tagen die Woche treu seinen Dienst im Dom. Zu seinem „goldenen Jubiläum“ gratuliert die gesamte Belegschaft sehr herzlich! © Josef Maier

Wir trauern:

˘ unserer Caritasreferentin Gabrielle Meran zur Hochzeit mit Conte Gio-

˘ dem stellvertretenden Vorsitzenden des Pfarrgemeinderats St. Stephan MMag. Benedikt J. Michal zur Hochzeit mit Dipl. Päd. Elisabeth Walderdorff am 16. August 2008. Dem jungen Brautpaar Gottes Schutz und Segen auf dem gemeinsamen Lebensweg.

um Altbürgermeister Dr. Helmut Zilk, der am 24. Oktober 2008 im 82. Lebensjahr nach einem erfüllten Leben verstorben ist. In einer beeindruckenden Trauerfeier am 8. November nahmen die ganze Stadt und die Domkirche St. Stephan Abschied von ihrem langjährigen „Landesvater“ und Gründungsvater des Vereins „Rettet den Stephansdom“ (heute: „Unser Stephansdom“). Auch die Wiener Symphoniker ehrten ihr Vorstandsmitglied mit dem Donauwalzer und der Dom mit dem Geläute der Pummerin. R.I.P.

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Aus der Zum Nachdenken Dompfarre

Aus der Schatztruhe der geistlichen Tradition der Kirche Der Gott aller Güte wolle unseren Dom, unsere Stadt Wien, unser Heimatland Österreich und ganz Europa in seinen besonderen Schutz und Schirm nehmen und von dieser heiligen Stätte aus Frieden und Segen den gegenwärtigen und den künftigen Geschlechtern schenken. Christus, der Herr der Gemeinde, wolle diese Kirche zu einer Stätte erbauen, in der Gott bei den Menschen und die Menschen bei Gott wohnen. Der Heilige Geist wolle seine Kraft ausgießen auf unsere Söhne und Töchter, damit Gottes Wort ein Licht auf ihren Wegen bleibe. Aus der Weiheurkunde 2008 in der restaurierten Turmkugel des Südturms.

So erreichen Sie uns: Dompfarrer Kan. Mag. Anton Faber

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Domarchiv Reinhard H. Gruber 51552-3531 Altmatrikeneinsicht Do. 13.00–15.00 Uhr (Wegen Umbauarbeiten derzeit kein Parteienverkehr) [email protected] [email protected] Domsakristei 51552-3536

Kirchenmeisteramt

Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, ein gesegnetes Fest der Weihnacht, erholsame Feiertage und ein von Gott begleitetes Jahr 2009, Ihr Dompfarrer Toni Faber und das Redaktionsteam

Führungsanmeldung 51552-3526 www.stephanskirche.at [email protected] Dombau-Sekretariat 51552-3714 Portier – Curhaus 51552-3540 Dommusik www.dommusik-wien.at [email protected] Domkapellmeister Mag. Markus Landerer 51552-3573 [email protected] Dommusikus Mag. Thomas Dolezal 0699/1500 21 31 [email protected]

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