Wer regiert die Welt? - Die Onleihe

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Einleitung  15 Abbildung 0.1: Die echte Qiying Londoner rudern 1848 in Scharen hinaus, um das Schiff zu bestaunen, im Bild festgehalten von einem Ze...

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Einleitung  15

Abbildung 0.1: Die echte Qiying Londoner rudern 1848 in Scharen hinaus, um das Schiff zu bestaunen, im Bild festgehalten von einem Zeichner der Illustrated London News.

partout keine Güter aus britischen Manufakturen importieren. Sie war an nichts anderem interessiert als an Silber, und die Ostindiengesellschaft hatte Schwierigkeiten, genug davon aufzutreiben, um die Handelsgeschäfte in Schwung zu halten. So war die Freude bei den britischen Händlern groß, als sie feststellten, dass zwischen dem, was der Kaiser wollte, und dem, was seine Untertanen wollten, ein himmelweiter Unterschied war. Das Volk wollte nur eines: Opium. Und das beste Opium kam aus Indien, einem Land, das ebenfalls zum Herrschaftsbereich des Unternehmens gehörte. In Guangzhou – dem einzigen chinesischen Hafen, der ausländischen Händlern offen stand – tauschten Geschäftsleute Opium gegen Silber und benutzten das Silber als Zahlungsmittel für den Tee, den sie dann in London mit noch größerem Gewinn verkauften. Doch wie so oft im Geschäftsleben zog auch hier die Lösung des einen Problems auf direktem Wege das nächste nach sich. Inder pflegten das Opium zu essen, Engländer tranken es in Flüssigkeit aufgelöst und brachten es so auf einen jährlichen Konsum von 20 Tonnen (von denen einige als Beruhigungsmittel für Säuglinge und Kleinkinder Verwendung fanden). Gegessen wie getrunken hatte das Opium eine leicht berauschende Wirkung, gerade genug, um den einen oder anderen Poeten zu beflügeln und ein paar adelige Wüstlinge zu neuen Taten zu inspirieren, aber nichts, worum man sich Sorgen hätte machen müssen. Die Chinesen allerdings pflegten das Opium zu rauchen. Die Wirkung ist ungleich

16  Wer regiert die Welt? stärker; es ist, als würde man Crackrauchen mit dem Kauen von Cocablättern vergleichen. Die britischen Dealer sahen großzügig über diesen Unterschied hinweg, aber nicht so Kaiser Daoguang. 1839 erklärte er dem Drogenhandel den Krieg. Es war ein eigenartiger Krieg, der bald in eine Privatfehde zwischen Dao­g uangs Sonderkommissar Lin Zexu und dem britischen Handelsinspektor Kapitän Charles Elliot ausartete. Als Elliot merkte, dass ihm die Felle davonschwammen, überredete er die Händler, Lins Forderung Folge zu leisten und ihm 22 000 Kisten Opium mit einem Gesamtgewicht von rund 1500 Tonnen auszuhändigen. Die Händler willigten ein, als Elliot ihnen eine großzügige Entschädigung durch den britischen Staat zusagte, auch wenn sie nicht wussten, ob der Handelsinspektor dazu überhaupt befugt war. Lin bekam sein Opium, das er dann verbrennen und ins Meer spülen ließ, Elliot wahrte sein Gesicht, der Teehandel konnte fortgeführt werden, und die Kaufleute erhielten ein schönes Sümmchen (plus Zinsen und Frachtkosten) als Entschädigung für die verlorenen Drogen. Alle hatten gewonnen. Das heißt, alle außer Lord Melbourne, dem Premierminister des Vereinigten Königreichs. Er, der nun Entschädigungssummen in Höhe von zwei Millionen Pfund an die Drogenhändler aufbringen sollte, war nicht unter den Gewinnern. Normalerweise hätte ein einfacher Marinekapitän wahnsinnig sein müssen, einen Premierminister in eine solche Zwangslage zu bringen, aber Elliot kannte den Einfluss der Kaufleute auf das britische Parlament und wusste, dass es ihnen gelingen würde, dessen Zustimmung zu den Entschädigungszahlungen zu erzwingen. Und so kam es, dass sich das Gespinst aus persönlichen, politischen und finanziellen Interessen immer enger um Lord Melbourne zusammenzog, bis ihm nichts anderes mehr übrig blieb, als zu bezahlen und anschließend einen Flottenverband zu entsenden, der dafür sorgen sollte, dass die chinesische Regierung den durch die Beschlagnahme des Opiums entstandenen Schaden wiedergutmachte. Es war kein rühmlicher Tag für das Vereinigte Königreich. Vergleiche mit zeitgenössischen Ereignissen müssen zwangsläufig hinken, aber es war ungefähr so, als würde das Drogenkartell von Tijuana die mexikanische Regierung dazu bringen, als Vergeltung für einen Schlag der US-Behörde zur Drogenbekämpfung eine schwer bewaffnete, um sich schießende Truppe nach San Diego zu schicken und vom Weißen Haus zu verlangen, dass es den Drogenbaronen den Verkaufswert des beschlagnahmten Kokains (plus Zinsen und Transportkosten) ersetzt und überdies die Kosten der Militäraktion übernimmt. Und man stelle sich außerdem vor, ein mexikanischer Flottenverband würde, weil er schon einmal vor Ort ist, die Insel Santa Catalina vor der Küste Kaliforniens als Basis für künftige Operationen annektieren und Washington eine Blockade androhen, sofern dem Tijuana-Kartell kein Handelsmonopol für den Verkauf seiner Ware in Los Angeles, Chicago und New York gewährt wird. Der Unterschied ist natürlich, dass Mexiko nicht in der Lage wäre, San Diego zu bombardieren, während Großbritannien 1839 tun und lassen konnte, was immer

Einleitung  17

Abbildung 0.2: Kein rühmlicher Tag 1842 zerstören britische Schiffe Kriegsdschunken auf dem Jangtse. Rechts im Bild die Nemesis, das erste ganz aus Eisen gebaute Panzerschiff der Welt, das hier seinem Namen alle Ehre macht.

es wollte. Die britischen Kriegsschiffe überwanden Chinas Verteidigungslinien mühelos, und Qiying unterzeichnete drei Jahre später einen demütigenden Vertrag, der ausländischen Händlern und Missionaren in China Tür und Tor öffnete. Daoguangs Ehefrauen wurden nicht nach London verschleppt wie Albert in der fiktiven Geschichte am Anfang dieses Buches nach Beijing, doch der »Opiumkrieg« brach dem Kaiser das Genick. Er hatte 300 Millionen Untertanen enttäuscht und eine zweitausendjährige Tradition gebrochen. Und er fühlte sich zu Recht als Versager. Das Chinesische Reich zerfiel, Opiumsucht und Sittenverfall griffen um sich, der Staat verlor seine Macht. In diese aus den Fugen geratene Welt trat ein glückloser Beamtenanwärter namens Hong Xiuquan, der in der Nähe von Guangzhou aufgewachsen war. Viermal war er in die Stadt gereist, um die schweren Beamtenprüfungen abzulegen, und viermal war er durchgefallen. 1843 dann, nach dem vierten gescheiterten Anlauf, erlitt er einen Nervenzusammenbruch und musste in sein Dorf zurückgetragen werden. In seinen Fieberträumen erschienen ihm Engel, die mit ihm in den Himmel entschwebten. Hier begegnete er einem Mann, der ihm als sein älterer Bruder vorgestellt wurde und mit dem er nun Seite an Seite unter den Augen ihres rauschebärtigen Vaters gegen Teufel und Dämonen kämpfte. Kein Nachbar im Dorf konnte Hongs Traum deuten, und so dachte er jahrelang nicht mehr daran, bis er eines Tages ein Büchlein aufschlug, das ihm jemand

18  Wer regiert die Welt? in Guangzhou auf dem Weg zum Prüfungsort in die Hand gedrückt hatte. Es enthielt eine Zusammenfassung der biblischen Geschichte – und war, wie Hong feststellte, der Schlüssel zu seinem Traum. Bei dem Bruder, der ihm in seinem Traum erschienen war, handelte es sich ganz offensichtlich um Jesus, und damit stand fest, dass er, Hong, Gottes chinesischer Sohn war. Gemeinsam mit Jesus hatte er die Teufel und Dämonen aus dem Himmel verjagt, und nun fühlte er sich in Gottes Auftrag berufen, auch die Erde von ihnen zu befreien. Auf der Grundlage einer Weltsicht, in der sich christlich-protestantisches und konfuzianisches Gedankengut mischten, rief er ein »Himmlisches Reich des höchsten Friedens« aus, unter dessen Banner sich unzufriedene Kleinbauern und Rebellen aller Art scharten. Diesem bunten Haufen gelang es 1850, die gegen sie anrückenden kaiserlichen Truppen zurückzuschlagen, woraufhin Hong, Gottes Willen folgend, radikale gesellschaftliche Reformen einführte. Er begann, den Landbesitz umzuverteilen, stellte Frauen den Männern rechtlich gleich und schaffte sogar die Praxis des Füßebindens ab. Während sich Anfang der 1860er Jahre die Nordamerikaner im ersten modernen Krieg der Weltgeschichte gegenseitig mit schweren Geschützen und Repetiergewehren niedermetzelten, gingen die Chinesen im letzten traditionellen Krieg der Weltgeschichte mit Säbeln und Spießen aufeinander los und taten es ihnen gleich. Und die traditionelle Kriegführung erwies sich, was die blutigen Gräuel betrifft, als der modernen eindeutig überlegen. Zwanzig Millionen Menschen fanden, vor allem durch Hunger und Krankheiten, den Tod, westliche Diplomaten und Generäle machten sich die Kriegswirren zunutze und dehnten ihren Einflussbereich in Asien weiter nach Osten aus. Auf der Suche nach neuen Anlaufplätzen zum Nachladen von Kohle für die Schiffsroute zwischen China und Kalifornien erzwang der US-amerikanische Flottillenadmiral Matthew Perry 1854 die Öffnung japanischer Häfen. 1858 sah sich Kaiser Xianfeng, der Sohn Daoguangs, zu weitreichenden Handelskonzessionen gegenüber Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten gezwungen. Verständlicherweise erbost über die ausländischen Teufel, die seinen Vater vernichtet hatten und nun seinen Krieg gegen Hongs Truppen zu ihrem Vorteil nutzten, versuchte Xianfeng, diese neuen Verträge mit allerlei Ränken zu umgehen, doch als die Briten und Franzosen merkten, dass der Kaiser Zicken machte, brachten sie ihn mit überzeugenden Argumenten zur Räson: Sie marschierten in einer anglofranzösischen Strafexpedition in Beijing ein, legten den prachtvollen kaiserlichen Sommerpalast in Schutt und Asche und ließen Xianfeng, der einen unrühmlichen Rückzug in eine seiner ländlichen Ferienresidenzen angetreten hatte, wissen, dass sie es mit der Verbotenen Stadt genauso machen könnten, wenn ihnen der Sinn danach stünde. Xianfeng gab sich geschlagen. Noch gründlicher am Boden zerstört, als es sein Vater je gewesen war, weigerte er sich fürderhin standhaft, sein Refugium zu verlassen oder je wieder mit einem Staatsbeamten zu reden. Er nahm Zuflucht zu Drogen und sexuellen Ausschweifungen und starb nur ein Jahr später.

Einleitung  19

Wenige Monate nach Xianfeng segnete auch Prinz Albert das Zeitliche. Er, der jahrelang gepredigt und die britische Regierung zu überzeugen versucht hatte, dass durch die offenen Abwassergräben Seuchen und Krankheiten in London verbreitet wurden, starb aller Wahrscheinlichkeit nach an einer Typhuserkrankung, die er sich infolge der katastrophalen sanitären Verhältnisse im Schloss Windsor zugezogen hatte. Und was die Sache noch trauriger machte: Just in dem Augenblick, als Albert sein Leben aushauchte, weilte Victoria, von den neuesten Errungenschaften der Klempnerei ebenso begeistert wie ihr königlicher Gemahl, auf dem stillen Örtchen. Der großen Liebe ihres Lebens beraubt, versank Victoria in tiefer Schwermut. Doch ihre Einsamkeit war nicht vollkommen. Sie teilte sie mit einer der kuriosesten Raritäten, die britische Offiziere bei der Plünderung des kaiserlichen Sommerpalastes in Beijing erbeutet hatten: einem Pekinesen-Hündchen, das Victoria in Anspielung auf seine Herkunft Looty nannte, was auf Deutsch soviel wie »Kriegsbeute« heißt.

Alles ist längst festgeschrieben Warum schlug die Geschichte den Weg ein, auf dem Looty nach Balmoral gelangte, wo er an Victorias Seite ergraute, und nicht jenen anderen, der Albert zum Studium der konfuzianischen Schriften nach Beijing führte? Wie kam es, dass britische Schiffe sich 1842 den Weg über den Jangtse freischießen konnten und nicht chinesische Dschunken den über die Themse? Kurz gesagt: Warum regiert der Westen die Welt? »Regieren« mag leicht übertrieben klingen angesichts der Tatsache, dass »der Westen«, wie immer wir diesen definieren (eine Frage, auf die wir später zurückkommen), seit damals nicht eben eine Weltregierung anführt und darüber hinaus mit schöner Regelmäßigkeit scheitert, wenn er seinen Willen durchsetzen will. Viele von uns werden alt genug sein, um sich an den unrühmlichen Abzug der US-Truppen aus Saigon zu erinnern, das heute Ho-Chi-Minh-Stadt heißt, oder daran, wie japanische Fabrikate in den 1980er Jahren die westliche Konkurrenz vom Markt verdrängten. Und fast jeder von uns hat das Gefühl, dass alles, was wir heute kaufen, »Made in China« ist. Aber ebenso unbestritten ist auch, dass in den letzten hundert Jahren westliche Truppenverbände nach Asien geschickt wurden und nicht umgekehrt. Ostasiatische Regierungen haben sich mit kapitalistischen und kommunistischen Ideologien auseinandergesetzt, aber keine westliche Staatsführung hat sich je an konfuzianischen oder daoistischen Prinzipien orientiert. Im Osten findet die Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg nicht selten in englischer Sprache statt; Europäer werden kaum Mandarin oder Japanisch sprechen, um sich miteinander zu verständigen. Wie ein malaysischer Anwalt dem britischen Journalisten Martin Jacques einmal rundheraus gesagt hat: