Wie „Onkel Fritz“ ein Gesicht bekam - Architektur Raum Burgenland

Wie „Onkel Fritz“ ein Gesicht bekam - Architektur Raum Burgenland

II SPECTRUM Fortsetzung von Seite I „Erweiterte Kompetenzen“ in Mathematicis eingetragen hat. Wer kraft eines dekretierten Benotungsschemas den Grundk...

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II SPECTRUM Fortsetzung von Seite I „Erweiterte Kompetenzen“ in Mathematicis eingetragen hat. Wer kraft eines dekretierten Benotungsschemas den Grundkompetenzen gegenüber den erweiterten unbedingten Vorrang einräumt, sollte sich nicht wundern, wenn primär diese und nicht mehr jene Gegenstand der Unterrichtung sind (und im Dienste des ersehnten Maturaerfolgs der Schüler auch sein müssen). Nivellierung nach unten? Wer sagt denn so etwas! Charmant auch die Idee, den Direktoren mit dem aktuellen „Schulautonomiepaket“ endlich Freiheit in der Auswahl ihres Lehrpersonals zuzugestehen – gerade jetzt, wo sie in etlichen Bereichen froh sein müssen, wenn sich überhaupt irgendjemand für einen frei gewordenen Posten findet. Auf allen Bildungsebenen geht das Schreckgespenst des Lehrermangels um. Doch ist es kein Gespenst, es ist längst Wirklichkeit. Einer von mehreren Gründen: die Massenflucht von Lehrern in die Frühpension. Motto: Rette sich, wer schon ruhestandeln kann! Nicht weiter erstaunlich, hat hiesige Bildungspolitik doch über Jahrzehnte alles dazu getan, den Ruf eines Berufs zu ruinieren, in dessen vorwiegender Verantwortung ein gutes Stück weit Wohl und Wehe unserer Gesellschaft ruht. Allerdings: Den politisch handelnden Bildungspersonen ein systematisches Herunterwirtschaften des Lehrberufs nachzusagen, das freilich wäre wahrhaft übertrieben: Von System kann hier wie in den meisten anderen bildungspolitischen Fällen wirklich nicht die Rede sein. Es hat sich halt irgendwie so ergeben, wie sich halt hierzulande bald einmal etwas irgendwie so ergibt. Österreich – die Republik der Kollateralschäden. Dass sich Lehrinhalte, nebstbei gesagt, mehr und mehr an einem eher einfältigen Nützlichkeitsdenken zu orientieren scheinen, als sei das dumpfe „Wos brauch i des?“ vergangener Schülertage plötzlich zum bestimmenden Kriterium idealer Allgemeinbildung avanciert, fällt da genauso wenig auf wie jene Lehrerstandesdünkel, die akademischer Graduierung noch immer den unbedingten Vorrang gegenüber pädagogischer Qualifikation erhalten wollen. Ganz zu schweigen von der Selbstverständlichkeit, mit der fallweise aufkeimende Debatten rund um Ferienordnung respektive schulfreie Tage nicht zuletzt von der heimischen Fremdenverkehrswirtschaft bestimmt werden. Das Kindeswohl? Ach was, wen interessiert denn das! Und dennoch: Sie, liebe Maturantinnen und Maturanten, werden Ihren Weg suchen, und Sie werden ihn – jedenfalls weit mehrheitlich – finden, wie auch unsereiner ihn einst, weit mehrheitlich zumindest, gesucht und letztlich gefunden hat. Sie, verehrte Professorinnen und Professoren, und, Sie, hochlöbliches Direktorium, werden weiterhin genötigt sein, das Beste draus zu machen. Was sollten Sie schon anderes tun? Sie haben eben, zur Warnung aller, die womöglich ihrem Lehrerschicksal folgen wollen könnten, nichts anderes gelernt. Und selbst wenn dieses Beste nicht immer gut genug sein wird und manchmal gar nicht gut genug sein kann, so werden Sie sich dennoch damit trösten dürfen, sich immerhin – weit mehrheitlich – ernsthaft bemüht zu haben. Wie viele Proponenten hiesiger Bildungspolitik dürfen Ähnliches von sich sagen? War’s das? Schwamm drüber? Schwamm drüber und wieder einmal warten, bis die Gnade einer euphemistisch gestimmten Erinnerung auch diese acht AHS-Jahre wie einst jene, die wir Eltern selbst durchlitten, ins Rosigrote tönt? Ist es das, was wir von dieser Schule für das Leben lernen sollen: dass man eh nichts ändern kann? Nur allzu gut ist mir die Warnung meiner Physiklehrerin stets in Erinnerung geblieben: „Wenn euch einer erzählt, die Schule sei die schönste Zeit eures Lebens, glaubt ihm nicht. Er lügt.“ Sie hatte damals recht. Sie hat recht bis heute. Ein Menschenleben ist zu kurz, acht Jahre vorzüglich in der Hoffnung zu verbringen, sie mögen möglichst schnell vorübergehen. Es müssen ja nicht unbedingt die schönsten Jahre gewesen sein. Wären sie auch nur schön zu nennen, Q wären sie schon schön genug.

ZEICHEN DER ZEIT

I

ch bin in Eisenstadt oft an diesem Haus aus den 1920er-Jahren vorbeigegangen – es war einer der ersten Wohnbauten hier – und habe mich als Architekt natürlich auch für seinen Planer interessiert. So bin ich auf den Namen Fritz Reichl gestoßen“, erzählt der Eisenstädter Klaus-Jürgen Bauer, Architekt und Lektor an der Technischen Universität Wien. „Das Haus liegt an der Ecke zur Reichl-Gasse, und da dachte ich: Der muss bekannt gewesen sein, wenn sie sogar eine Gasse nach ihm benennen.“ Dass der Namensgeber der Gasse ein anderer Reichl war, nämlich der Mundartdichter Joseph Reichl, sollte Klaus-Jürgen Bauer erst später erfahren. Dennoch war das Interesse des Architekten an Reichl geweckt, und er wollte mehr wissen. Was jedoch nicht so einfach war. „Den Startschuss dazu gab dann die Ausstellung ,Visionäre und Vertriebene‘, die 1995 in der Kunsthalle Wien stattfand. Die Informationen dort über Reichl waren jedoch spärlich, es gab nicht einmal ein Bild.“ So beschloss Bauer gemeinsam mit seinem Kollegen Peter Ferschin am Institut für Architekturwissenschaften, Abteilung Digitale Architektur, der TU Wien, ein Seminar über Reichl anzubieten. Eine Monografie über den Architekten aus dem Jahr 1932, die Bauer im Zuge der Vorbereitung des Seminars in die Hände fiel, befeuerte sein Interesse: „Darin haben wir gesehen, was für geniale Entwürfe Reichl gezeichnet und auch realisiert hat.“ Ausgehend davon formierten sich schließlich im Zuge des Seminars verschiedene Gruppen, die sich mit dem Leben, dem Werk, den Mitakteuren und auch Fritz Reichls Beziehung zu Eisenstadt auseinandersetzten. Und über all den Themenbereichen stand die Frage: „Wer war Fritz Reichl?“ Fritz Reichl wurde am 3. Februar 1890 in Wien als zweiter Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Sein Leben sollte zwei große Brüche erfahren. Nach Kursen an der Wiener Kunstgewerbeschule, dem Vorläuferinstitut der heutigen Universität für angewandte Kunst, bei namhaften Lehrern wie Berthold Löffler und Michael Powolny studierte er an der Technischen Hochschule Wien Architektur. 1913 heiratete er Ella Gartenberg; als der Erste Weltkrieg ausbrach, musste er einrücken. Während Fritz Reichl als Bauingenieur in Serbien, Bosnien und Italien tätig war, kämpften seine zwei Brüder an der Front – und verloren dort ihr Leben. Der Krieg riss jedoch nicht nur diese Lücke in die Familie. Letztlich verlor auch der Vater, der als Versorgungsoffizier tätig war, nach Kriegsende seine Arbeit – laut Bauer führte all das zum ersten Bruch in Reichls Leben. In dieser veränderten Lebenssituation verdiente Fritz Reichl sein Geld vorerst in einer Metallfabrik als Arbeiter. Erst 1925

SAMSTAG, 1. JULI 2017

1890 in Wien geboren, Ausbildung in seiner Heimatstadt, in den frühen 1930ern ein anerkannter Architekt. Und dann? Wer war Fritz Reichl: eine Spurensuche. Von Brigitte Krizsanits

Wie „Onkel Fritz“ ein Gesicht bekam konnte er wieder seinem Beruf nachgehen: Er eröffnete ein Büro im Wiener Palais Salm. „Seine Auftraggeber waren wohlhabende, liberale Bürger, wohl alle aus seinem persönlichen Umfeld. Reichl hatte es geschafft, in einer Zeit der Krise dennoch ein gutes Auslangen zu finden. Er baute auf der Höhe der Zeit – nicht ultraprogressiv, aber man könnte sagen, er war ein Neoexpressionist“, so Bauer. Der mittlerweile anerkannte Architekt nahm an zahlreichen Wettbewerben teil, unter anderem an der Ausschreibung zum Neubau der Landesregierung in Eisenstadt, wo sein gemeinsam mit Alexius Wolf eingebrachter Entwurf als Dritter gereiht wurde. Und er gewann den wohl prestigeträchtigsten Wettbewerb seiner Zeit: jenen zur Wiedererrichtung des Justizpalastes. Dennoch wurde dieser Entwurf nicht realisiert. In Eisenstadt entstand indes ein von ihm und Wolf entworfener Wohnbau – ebenjener, der Bauer eigentlich auf die Fährte Fritz Reichls gebracht hat. Darüber

hinaus wurde das Duo mit der Ausarbeitung eines Stadtentwicklungsplanes für die neue Landeshauptstadt beauftragt. Vieles davon wurde, zumindest teilweise, umgesetzt. Kein schillernder Adabei, aber in den führenden Gesellschaften und Vereinen vertreten, so kann Reichl zum Höhepunkt seines architektonischen Schaffens um 1930 bezeichnet werden. Er war Mitglied in der Zentralvereinigung der Architekten wie auch des Künstlerhauses, er war im Österreichischen Jagdklub und auch sonst gesellschaftlich gut eingebunden. 1932 erschien eine Publikation in der Reihe „Wiener Architekten“, die eine Auswahl seiner Arbeiten und Entwürfen zeigt. Das Vorwort dazu schrieb Max Eisler. Zu jener Zeit entstanden zahlreiche Wohnbauten wie auch Einfamilienhäuser in Wien, aber auch in Böhmen. Zudem entwarf Reichl Interieurs, sie finden sich teilweise in dem Buch dokumentiert. Reichls Wirken nach der Publikation liegt weitgehend im Dunkeln. „Über die Zeit des Ständestaats wissen wir wenig. Auch die Auftragslage kennen wir nicht“, sagt KlausJürgen Bauer. „Reichl hatte wahrscheinlich das Pech, dass seine Klientel, die großbürgerliche Schicht, in jener Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand.“ 1938 dann der zweite Bruch in Reichls Leben: Hals über Kopf verlässt er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit seiner Frau Wien. Er gelangt zunächst nach Istanbul, wo er Büroleiter bei Clemens Holzmeister wird. Zahlreiche Prunkbauten für Kemal Atatürk entstanden unter Holzmeisters Planung. Den Namen Reichl trägt davon jedoch kein einziger Entwurf. Fritz Reichls Sohn Erich war indes nach New York ausgewandert, wo er sich mehr schlecht als recht über Wasser hielt. 1946 gelang auch Fritz Reichl und seiner Frau Ella die Reise mit dem Schiff über den Ozean. Der Aufbau eines Architekturbüros in New York scheiterte, schließlich bot Richard Neutra, der einstige Studienkollege und ebenfalls Emigrant, Reichl eine Stelle an. Dennoch gelang es Reichl nicht mehr, an seinen einstigen Erfolg anzuschließen. Außer dem Appartementhaus Leonhard Martin in Beverly Hills (1949) und dem Wohnhaus Erich Reichl in Pittsburg (1955) sind in Amerika bislang keine weiteren Bauten bekannt, die unter Reichls Federführung entstanden sind. Das gemeinsam mit Maxwell Starkman gegründete Architekturbüro brachte zwar einen Katalog heraus, ob davon jedoch je etwas umgesetzt wurde, ist fraglich. Fritz Reichl starb am 23. Jänner 1959 an einem Herzinfarkt, über seinen Zeichentisch gebeugt. All diese Fakten – und natürlich noch einiges mehr – trugen die Studenten von Klaus-Jürgen Bauer und Peter Ferschin im Rahmen des Seminars zusammen. Der Grazer Filmemacher Heimo Müller drehte ein „Making Of“ und führte damit die einzelnen Arbeiten filmisch zusammen. Letztlich wurde daraus eine kleine, aber durchaus feine Ausstellung für den Architekturraum Burgenland gestaltet. Dabei ist es auch gelungen, ein von Fritz Reichl entworfenes Möbelstück aufzutreiben. Ob es wohl noch möglich wäre, dass weitere Bauten in den Vereinigten Staaten bekannt würden und Reichl posthum den Ruf eines Rudolf Schindler einbrächten? Klaus-Jürgen Bauer hält dies für eher unwahrscheinlich. Dennoch betont er die Bedeutung Reichls, dessen Werk Villa Kral in Prachatitz, Tschechien, eine ähnliche architektonische Qualität wie der Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe zugeschrieben werde – wenngleich sie nicht dieselbe Bekanntheit genießt. Mit der Spurensuche nach Fritz Reichl sei es jedoch gelungen, dem Architekten Anerkennung zu zollen und ihm letztlich ein Bild zu geben. Bei Nichten von Fritz Reichl in Amerika wurden Studenten fündig: Die beiden Damen erinnerten sich, in einer Schublade noch über „Bilder von Onkel Fritz“ zu verfügen. Das – so Bauer – sei dann endlich auch der Moment gewesen, „in dem Fritz Reichl ein Gesicht bekam“. Q

FRITZ REICHL: AUSSTELLUNG

1959 Herzinfarkt, über den Zeichentisch gebeugt: Fritz Reichl mit seiner Frau Ella.

[ Foto: Vera Lux]

Noch bis 4. August zeigt der Architekturraum Burgenland in der Eisenstädter Pfarrgasse 16/1 die Ausstellung „Wer war Fritz Reichl. Eine Spurensuche“. Geöffnet ist die Schau Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr. Brigitte Krizsanits, Jahrgang 1975, geboren in Eisenstadt, studierte Deutsche Philologie und Geschichte in Wien. Mag. phil. Arbeitet als Trainerin für Deutsch als Fremdsprache sowie als freie Journalistin. Ihr Beitrag erscheint dieser Tage in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „NU“.