"Wir lebten in einer Oase des Friedens . . ." Die Geschichte einer

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Eindrücke – Ausstellungsbesuch – 26.4.12 – Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger in München Archiv 2012 "Wir lebten in einer Oase des Friedens . ...

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Eindrücke – Ausstellungsbesuch – 26.4.12 – Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger in München

Archiv 2012

"Wir lebten in einer Oase des Friedens . . ." Die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule 1926–1938 Ein Ausstellungsprojekt unter Einbeziehung jüdischer Zeitzeuginnen

26.4.2012 – Evangelische Schülerinnen der 9. Klassen des Theresia-Gerhardinger-Gymnasiums [am Anger in München] besuchten mit Frau Bleise-Donderer die Ausstellung „Jüdische Mädchenschule“ im Gymnasium Kloster Schäftlarn, geführt und begleitet von Frau Hannelore Greiner, die bei der Entstehung der Ausstellung mitgewirkt und selber Interviews mit ehemaligen Schülerinnen durchgeführt hat.

Eindrücke ● Was mir sehr gut in Erinnerung geblieben ist, ist vor allem die Fröhlichkeit, die zum Teil auf den Bildern, besonders bei den Interviews zu sehen, zu hören und zu spüren war. Ich fand es toll, dass die Frauen sich so glücklich an die Zeit erinnert haben und beim Erzählen so voller Lebenslust gestrahlt haben. Auch fand ich toll, wie engagiert und emotional Frau Greiner war und dass man gemerkt hat, dass ihr die Ausstellung sehr am Herzen liegt. ● Ich fand es toll, wie die ganzen Frauen über ihre Zeit an der Schule sprachen. Sie haben schöne Erinnerungen an ihre Schulzeit und haben sich gegen ihre Pflichten gewehrt. Ich muss zugeben, dass ich das auch manchmal mache. Sie konnten aber auch mit ihren Lehrern scherzen. Insgesamt haben sie viel Emotion gezeigt. Natürlich kann ich auch die verstehen, die sagen, dass sie nichts mehr mit Deutschland zu tun haben wollen. ● Imponierend fand ich, dass Menschen, die als junge Frauen fliehen mussten, so reif und selbstlos über Deutschland reden konnten. Keine hat die Interviewerinnen beschuldigt. Natürlich gab es auch Frauen, die nichts mehr mit Deutschland zu tun haben wollten, jedoch konnten die meisten zwischen früher und heute unterscheiden und haben heute Kontakt zu Deutschen. ● Wie wir heute waren die meisten lustig drauf, konnten über die Zeit damals lachen und Witze reißen trotz der schrecklichen Zeitumstände und der Trauer über den Tod von Mitschülerinnen, Lehrerinnen und Familienangehörigen. ● Außerdem sagten sie, dass ihnen in der Schulzeit manche strengen Auflagen nicht lagen. Das ist so wie bei uns heute. Der Unterschied zwischen uns und den jüdischen Mädchen liegt darin, dass sie viel für die Zukunft lernen wollten und wir heute kaum Freude am Lernen haben. ● Ich war erstaunt über die strengen Schulregeln und die schweren Arbeiten im hauswirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Bereich. ● Es kam mir so vor, als ob die Frauen durch die Interviews und die Möglichkeit, erzählen und sich erinnern zu können, fröhlicher und jünger wurden. Ich glaube, sie haben jemanden gebraucht, der ihnen zuhört.

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Eindrücke – Ausstellungsbesuch – 26.4.12 – Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger in München

● Erstaunlich war, dass die Frauen erzählten, dass sie vor ihrem Aufenthalt in der jüdischen Mädchenschule nie koscher gekocht hätten und die Speisegesetze manchmal sogar für Blödsinn hielten. Besonders eigenartig fanden sie es, wenn etwas wieder koscher gemacht werden musste, weil sie etwas falsch gekocht hatten, also Milchiges von Fleischigem nicht getrennt hatten. ● Ein Bild hat mir besonders gefallen: Es waren Mädchen zu sehen, die sich mit ein paar Besen „bekämpft“ haben. Sie wirkten so jung und ausgelassen. ● Ich fand sehr gut, dass die Ausstellung so viele unterschiedliche Zitate von den Frauen enthalten hat. Sie wirkten auf mich sehr ehrlich. Das Schulleben und die Gefühle den Deutschen und Deutschland gegenüber wurden nicht schöngeredet. Diese Gefühle waren jedoch nicht nur negativ. Mir haben die Geschichten der Mädchen gezeigt, wie gut ich es habe, dass es so wichtig ist tolerant zu sein und dass man nicht die Augen verschließen darf, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Wir haben so viele Gemeinsamkeiten mit den Jüdinnen, mehr als wir vermuteten. Sie waren ganz normale Mädchen wie wir, mit ähnlichen Bedürfnissen und Wünschen. Erst in der Schule haben sie etwas vom Judentum erfahren. So geht es manchen von uns auch mit dem Christentum. Sie haben Regeln nicht verstanden und befolgen müssen. Auch das ist ähnlich. Der Unterschied zwischen uns und ihnen liegt im Rassismus, mit dem wir nicht zu kämpfen haben. ● Die Ausstellung war sehr interessant, weil ich neue Aspekte aus der NS-Zeit erfahren habe. Um ihre Karriere zu fördern, haben Menschen sofort, in vorauseilendem Gehorsam gehandelt und die Befehle Hitlers umgesetzt. Es wurde überhaupt nicht darauf geachtet, wie es den Betroffenen ging. Die Schule wurde 1938 geschlossen und die Mädchen wurden auf die Straße gesetzt und wussten nicht, wo sie hin sollten. ● Ich habe entdeckt, dass die Mädchen trotz der immer größer werdenden Angst sehr fröhlich und aufgeschlossen waren. Ich glaube, dass ich nicht so gewesen wäre, auch nicht so sorgenfrei. Ich habe großen Respekt vor den Frauen. ● Ich habe mich gefreut, dass diese älteren Damen gefunden worden sind und dass sie so stark, lustig und tapfer waren. Dafür bewundere ich sie. Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt, verbittert. ● Beeindruckt hat mich die Initiative der Frauen, die sich dafür eingesetzt haben, so viel über die jüdische Mädchenschule herauszubekommen. ● Ich habe erkannt, dass die Mädchen in dieser Schule waren, da sie auf normale Schulen nicht mehr gehen durften. ● Sehr interessant fand ich, dass die jungen jüdischen Frauen die strengen Regeln auch übertrieben fanden. Ich finde es heute auch nicht so gut, wenn man sich extrem an religiöse Regeln halten muss. ● Ich fand es sehr interessant zu erfahren, was aus den damaligen Schülerinnen geworden ist. Manche Beispiele waren sehr traurig, wie der letzte Brief einer Mutter, „sie würden verreisen“, obwohl sie und ihre Tochter deportiert wurden. Aber es gab auch positive Schicksale, wie Schülerinnen nach England oder Israel auswandern konnten und dank der Mädchenschule glücklich bis ins hohe Alter leben konnten. ● Ich fand es sehr interessant, mir das Leben in so einer Schule vorzustellen, da sich alleine der Unterricht anders gestaltete als bei uns. Trotzdem fand ich es auch traurig, dass viele der ehemaligen Schülerinnen bald nach der Schließung der Schule ermordet worden sind. Ich fand es toll, dass wir die Möglichkeit hatten das Rezeptbuch anzusehen, da es auch eine Erinnerung ist und man das Gefühl hat, dass man damit in die Zeit zurückreisen kann. ● Wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, die jungen Mädchen kennen zu lernen, hätte ich mich mit ihnen gut verstanden. –2 –

Eindrücke – Ausstellungsbesuch – 26.4.12 – Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger in München

● Für mich war völlig überraschend, dass die meisten jungen Jüdinnen, bevor sie auf die Mädchenschule kamen, nicht richtig wussten, dass sie jüdisch waren bzw. sich selber gar nicht als jüdisch ansahen. Außerdem sind mir die Fröhlichkeit trotz Todesangst und der Überlebenswille trotz Bedrohung und Verboten in der Öffentlichkeit zu sprechen aufgefallen. ● Ich fand die Ausstellung von ihrer Machart eigentlich nicht so toll, denn sie war sehr klein und man hatte trotzdem zu wenig Zeit, sich alles in Ruhe anzuschauen. Auch hat es mir nicht gefallen, dass wir während des Films so gequetscht sitzen mussten. Trotzdem war die Ausstellung sorgfältig und liebevoll gemacht. Ich habe festgestellt, dass die jüdischen Schülerinnen kritisch und relativ „freidenkerisch“ waren und Dinge in Frage gestellt haben (so wie ich es auch gerne mache). Manche von ihnen erinnerten mich an meine Oma. ● Alle Interviewten haben die Zeit in der Schule positiv empfunden. Ich glaube, dass man daraus lernen kann, dass man glücklich sein kann, egal wie schlimm oder grausam das Leben sein kann. Den Titel der Ausstellung: „eine Oase des Friedens“ fand ich sehr schön. Wäre ich damals eine Jüdin gewesen, hätte ich nicht so positiv denken und leben können. ● In der Schule lernten sie koscher zu leben. Viele schienen das vorher noch nie erlebt oder gelernt zu haben. Auch die Riten und Bräuche schienen sie vorher nicht wirklich ernst genommen zu haben. Ich nehme den Glauben auch nicht so ernst und sehe einiges mit Humor. ● Ich fand die Ausstellung sehr bewegend und auch traurig. Am meisten hat mich die Aussage einer ehemaligen Schülerin berührt, die anonym bleiben wollte. Sie hat gesagt, dass ihr heute noch übel wird, wenn sie die deutsche Sprache hört . . . ● Die alten Frauen konnten so offen über ihr früheres Leben berichten, über Fehler lachen . . . Es schien mir, dass sie sich nicht viele Gedanken gemacht haben, was später aus ihnen wird. ● Besonders gefallen haben mir die Fotos und der Film, zu sehen, wie die Mädchen früher aussahen, in welchen Zimmern sie wohnten und wie viel Spaß sie hatten. Man hat gesehen, dass sie sich wohl und sicher fühlten. Diese Mädchen waren ungefähr in unserem Alter und es hat mich sehr bewegt zu sehen, dass jede vierte von einem Gruppenfoto ermordet worden ist.

______________________________________________________________________ Diese PDF-Datei ist Bestandteil der Website www.histvereinwor.de. Bei Zitaten daraus bitte immer diese Quelle angeben. 6/2012 – avk

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