Wohnraum sichern! - Bauwelt

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Bauwelt 31 | 2009

Das Deutsche Architektur Zentrum (DAZ) heißt zwar so, ist aber in Wirklichkeit eine Berliner Etagenfabrik, in der Architekten und Artverwandte ihre Büros und Ateliers haben. Es liegt zwischen dem Deutsche-Hauptstadt-Fluss Spree und der Köpenicker Straße, einer traditionsreichen Gewerbemeile. Dass von dort nur eine rumpelige Betonplatten-Zufahrt vorbei an einem Gebrauchtwagenhändler und Gestrüpp zum DAZ führt, haben schon viele kritisiert. Wer noch weiter ins ehemalige Grenzgebiet vorstößt, trifft am Ende des Weges auf eine backsteinerne Fabrikruine, und man kann sich denken, was in Berlin passiert, wenn Architekten zu lange auf eine vakante Liegenschaft blicken müssen: Es entsteht eine Baugruppe.

Wohnraum sichern! Text: Nils Ballhausen Foto: Stefan Müller

„Militante Szene nimmt Baugruppen ins Visier“, titelte der Tagesspiegel aus Berlin. Drohungen und Farbbeutel von links gegen Baugemeinschaften, die sich selbst zu den „Guten“ zählen? Politisch motivierte Aktionen gegen Wohnungsbauten hat es lange nicht mehr gegeben, daher lohnt sich der Blick in eine Berliner Nische.

Die „Spree-Etagen Mitte“ waren zwei Jahre in der Planung, doch das Projekt, das 5500 Quadratmeter Alt- und Neubaufläche hätte umfassen sollen, kam am Ende nicht zustande; dreizehn Gesellschafter waren der Planungsgemeinschaft beigetreten, sie hätten zusammen etwa ein Drittel der Fläche gefüllt. Nun soll es einen neuen Anlauf geben, und zwar auf dem Nachbargrundstück, direkt am Ufer hinter dem DAZ: Auf der 7500 Quadratmeter großen Brache hat sich allerdings vor einigen Sommern die Strandbar „Kiki Blofeld“ etabliert, die in ihrer strauchigen Unübersichtlichkeit noch zu den angenehmeren dieser Art zählt. Die übergewechselte Baugruppe bildet inzwischen den Grundstock eines neuen Genossenschaftsprojekts namens „Spreefeldberlin“. Hier sollen in fünf Abschnitten bis zu 10.000 Quadratmeter Wohn- und Gewerbefläche für maximal achtzig Parteien entstehen. Die Initiatoren verfügen über eine befristete Kaufoption für das Gelände. Der Strand soll weitgehend erhalten bleiben. Blofeld wie Spreefeld sind möglich, weil das Investoren-Großprojekt namens „Spreeport“ auf Eis liegt. Es ist Bestandteil von „Mediaspree“, einem Verbund von Grundstückseigentümern und Investoren, die unter diesem Label beide Uferbereiche, insgesamt eine Fläche von 180 Hektar, zu einem Büroquartier ausbauen wollten – eine Goldgräber-Idee aus den 1990er Jahren. In einem Bürgerentscheid haben sich die Einwohner des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg vor einem Jahr mehrheitlich gegen diese Pläne ausgesprochen. Die Bürgerinitiative „Mediaspree versenken!“ hatte stattdessen einen fünfzig Meter breiten, öffentlich zugänglichen Uferstreifen gefordert sowie den Verzicht auf neue Autobrücken und Hochhäuser. Seither werden in einem Sonderausschuss des Bezirks die einzelnen Mediaspree-Projekte auf diese Wünsche hin planungsrechtlich begutachtet. Vermutlich solange, bis der Druckverlust im Immobilienmarkt behoben ist. Zurück in den DAZ-Vorgarten, der im Bezirk Mitte liegt und von solchen Nachverhandlungen nicht betroffen ist. Dort versuchen die Spreefeld-Initiatoren, die Fehler der anderen zu vermeiden. In einem Wochenend-Workshop haben sie kürzlich ihre Idee des Genossenschaftsmodells auf Erbpachtbasis

dargelegt und mit Vertretern des Stadtplanungsamts und benachbarter Institutionen, mit Architekten, Fachplanern, Juristen, aber auch mit den Mediaspree-Versenkern diskutiert. Stadtplanung im Kleinformat, privat vorfinanziert, irgendwo zwischen Vernetzung und halböffentlicher Kungelei. Der Architekt Christian Schöningh tritt dabei mit seinem Büro „Die Zusammenarbeiter“ als Projektsteuerer auf. Er hat in den vergangenen Jahren bereits für diverse Baugruppen gearbeitet (Heft 39–40.08). Sein jüngstes partizipatives Baugruppen-Projekt „KarLoh“ (benannt nach der Adresse Karl-Kunger-/Ecke Lohmühlenstraße) ist vor wenigen Wochen zum Ziel der militanten Linken geworden. Es wurden wiederholt Bauschilder beschädigt und Drohungen ausgesprochen. Schöningh vermutet, dass es sich dabei um versprengte „fundamentalistische“ Mediaspree-Gegner handelt, die zwischen Rendite-Bau und Baugruppen keinen Unterschied sehen wollen. Er hält die Vorwürfe, Baugruppen würden ihre Nachbarschaft aufwerten, die Mieten in die Höhe treiben und Alteingesessene vertreiben für nicht gerechtfertigt. Die KarLoh-Leute jedenfalls seien in der Gegend verwurzelt, viele von ihnen engagierten sich in sozialen Projekten. Die Vertreterin der Baugemeinschaft spricht von „fünf bis sieben Personen“, die mit ihren Attacken die soziale und wirtschaftliche Fortentwicklung der Gegend blockieren wollten. Im Spreefeld-Projekt haben sie dennoch beschlossen, zwanzig Prozent der Wohnungen „Hartz IV-kompatibel“ zu gestalten, was Größe und Mietkosten angeht. Andere Architekten, die für Baugruppen arbeiten, berichten von ähnlichen Dingen auf ihren Baustellen. Mal fliegen Farbbeutel, mal Steine, mal brennt eine Palette. Hier geht es allerdings nicht gegen die oft recht konventionelle Architektur, sondern gegen eine Einkommensschicht, die potent genug ist, sich ein krisenfestes Eigenheim in der Stadt zu leisten. Und wer parkende Luxus-Autos in Brand setzt, weil er seinen Lebensstil gefährdet sieht, mag sich angesichts der zugebauten Brache nebenan in der Pflicht fühlen. Fast zweihundert Autos sind seit Jahresbeginn in Berlin abgebrannt, der Staatsschutz ermittelt. Eine bessere Unterstützung ihres Marketings kann sich die Firma „CarLoft GmbH“ kaum wünschen, die seit drei Jahren das Feindbild Nummer Eins ist. „Im CarLoft® parken Sie auf Ihrer Etage. Ihr Parkplatz, die CarLoggia, ist in Ihr Loft integriert und nur Sie haben den Zugangscode. Sie und Ihr Fahrzeug sind optimal geschützt. Diebstahl und Vandalismus Ihres Young- und Oldtimers sind ausgeschlossen. Er parkt sicher und geschützt in der CarLoggia, neben ihrer Wohnung. Bedrohliche Situationen in dunklen Seitenstraßen, schlecht beleuchtete Tiefgaragen, Angst vor Übergriffen sind für Sie Vergangenheit.“ Das unspektakuläre Gebäude in der Reichenberger Straße in Kreuzberg hat alle Attacken überstanden und ist bezugsfertig. Ende des Monats stellt der Geschäftsführer ein Muster-Loft mit CarLift vor. Mal sehen, wer kommt.

In der Kreutziger Straße prallen die unterschiedlichen Vorstellungen vom Wohnen in Friedrichshain aufeinander: links das Haus der Baugruppe „K 20“ mit Farbbeutelbewurf (Architekten: Roedig Schop), rechts das ehemals besetzte Nachbarhaus.

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