Wolfgang Hausmann Titel - Wikimedia Commons

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Autor / Herausgeber: Wolfgang Hausmann Titel: Sonntagskind Gödekes -Jahre 1933-1953 Betrogen und -vergessen Die Geschichte des Kriegskindes Reinhard Bachner ADZ-Nummer: 020

www.archiv-der-zeitzeugen.com Der vorliegende Text darf gemäß der umseitigen Creative Commons-Lizenz unter Nennung des oben aufgeführten Namens / Titels verwendet werden. Die vollständige Lizenz finden Sie unter http://creativecommons.org/ licenses/by/3.0/de/legalcode. Dieser Text ist außerdem als gebundene Printversion erhältlich.

Sonntagskind Gödekes Jahre 1933 – 1953

Sonntagskind Gödekes Jahre 1933 – 1953 Wolfgang Hausmann

Wolfgang Hausmann »Sonntagskind - Gödekes Jahre 1933 –1953« © 2010 der vorliegenden Ausgabe: Archiv der Zeitzeugen Die Edition ADZ erscheint im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster www.archiv-der-zeitzeugen.de © 2010 Wolfgang Hausmann Alle Rechte vorbehalten Satz: Markus Behnisch Druck und Bindung: MV-Verlag ISBN 978-3-86991-076-5

Für Gaby

1.

Auch mit der Lupe ist nicht zu erkennen, was der nackte Junge in den Händen hält. Der Gegenstand sieht einem alten dicken Handy ähnlich, aber als dieses Bild (6x9cm, Chamois matt, Büttenrand) aufgenommen wurde, waren die Telefonapparate noch durchweg schwarz, schwer und keineswegs mobil. Vielleicht ist es Opas Brillenetui. Hatte Opa denn überhaupt eine Brille getragen? Das Kind, drei oder vielleicht schon vier Jahre alt, steht in sich versunken auf einem quergestreiften Läufer, aus bunten Flicken geknüpft, wie er in einfachen Haushalten seinerzeit gern als Bettvorleger im Schlafzimmer ausgelegt wurde. Dieser Läufer ist auf einer Wiese vor einem Baum mit heller glatter Rinde ausgebreitet, offenbar im Garten hinter dem Haus, worin die Großeltern wohnten. Im Hintergrund hängt weiße Wäsche zum Trocknen an einer Leine. Magdalena war 24 Jahre alt, als sie am letzten Aprilsonntag des Jahres 1933 ihren Sohn Gödeke gebar. Der zarte Knabe erblickte das Licht der Welt in der Landesfrauenklinik Hannover gegenüber dem Nordstadtkrankenhaus, wo ihn 76 Jahre später die dortige Stroke Unit eines ersten Hirnstamm-Infarktes wegen als Notfall aufnahm. Gödeke war auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise gezeugt worden, als die Not sehr groß war. Es herrschte katastrophale Arbeitslosigkeit und in den Wohnlaubengebieten am Stadtrand wurde wild gesiedelt, was die Behörden mehr oder weniger stillschweigend duldeten. Nachdem der 85jährige Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler Ende Januar zum Reichskanzler ernannt hatte und das neue Kabinett mit den Worten »Und nun, meine Herren, vorwärts mit Gott« verabschiedet hatte, wurde die »Machtergreifung« mit einem pompösen »Fackelzug des Sieges« vom Welfenplatz aus gefeiert. Nach mehreren Gegendemonstrationen hatte ein Verbot dafür 7

gesorgt, daß der sozialdemokratische Volkswille und die kommunistische Neue Arbeiter Zeitung ihr Erscheinen einstellten. Kurz darauf war das Gewerkschaftshaus am Steintor besetzt, Adolf Hitler zum Ehrenbürger ernannt und im nahen Moringen ein Konzentrationslager für den Regierungsbezirk Hannover errichtet worden. Die neue Zeit, in die Gödeke hineingeboren wurde, hatte es eilig. Ganz oben links in einem vierstöckigen Hinterhaus der hannoverschen Altstadt, zu dem eine hohe, dunkle Toreinfahrt mit einem schadhaften Gewölbe führte, wohnte Magdalena mit ihrem Kind. »Baackmeyer« stand auf dem Türschild zur Wohnung. Einst hatten hier zwischen der Burgstraße und dem Leinefluß die beiden Königlichen Marställe gestanden, der erste schon 1682 unter Herzog Ernst August erbaut, der neuere 1712. Die Hoheiten hatten hier ihre seltenen weißgeborenen Pferde und Isabellen gehalten, und bei Stallparaden soll es prunkvoll zugegangen sein mit glänzenden Equipagen, geschmückten Pferden und Bedienten in kostbarer Staatslivreé. Jetzt gab es in der Straße Am Marstall nichts Prunkendes, Glänzendes, Geschmücktes, Kostbares mehr, immerhin waren einige historische Bauwerke in der Nähe. Gleich um die Ecke ging es durch die Knochenhauerstraße zum alten Kern der Stadt mit Kreuzkirche, Marktkirche, Ballhof, Leibnizhaus, Beginenturm und der Pferdeschwemme an der gemächlich dahinziehenden, brackigen Leine. Der Fluß war an dieser Stelle seicht und eine Art Badeplatz für die müden Pferde, die nach ihrer Tagesarbeit zur Erfrischung hierhingeführt wurden. Waren keine Pferde da – allmählich stieg die Zahl der Autos ja an – dann tobten und planschten die Kinder der Altstadt im Leinewasser. Jenseits des Flusses, in der Roten Reihe, hatte zwanzig Jahre früher der Massenmörder Fritz Haarmann die ersten seiner grausigen Taten begangen. Bis zum Jahre 1924 brachte er 24 junge Menschen um, wofür er 24-mal zum Tode verurteilt wurde. Bei einem Verhör gab er zu Protokoll: »Ein Mensch – das sind nur ein paar Aktentaschen voll Fleisch.« Ein Kannibale soll er gewesen 8

sein, der Kaufmann Friedrich Haarmann, den selbst kein Grab aufnehmen sollte. Sein Leichnam verschwand, wie es heißt, auf den Sektionstischen wißbegieriger Mediziner. Sein abgetrennter Kopf soll angeblich im Rechtsmedizinischen Institut der Georgia Augusta in Göttingen aufbewahrt werden. Bis heute singt man in der Stadt »Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Hackefleisch aus dir.« Gödeke war zehn Tage alt, als Studenten der Technischen Hochschule Hannover so genannte Schmutz-und Schundschriften an der Bismarcksäule in der Aegidienmasch verbrannten. Ein »Kampfausschuss der deutschen Studentenschaft Hannover zur Bekämpfung von Schund und Schmutz« hatte Tausende von Büchern in den Bibliotheken der Stadt zusammengestohlen, um sie hier am Fuß der steinernen Säule zu vernichten. Wie die gesamte Bevölkerung war natürlich auch Magdalena durch Plakate dieses Studentenausschusses aufgefordert worden, teilzunehmen an der öffentlichen Verbrennung von »deutschen Schrifttums herabsetzenden oder Deutschtum schädigenden Schrifttums, des marxistischen Schrifttums, des auf die niedersten Instinkte gerichteten Schrifttums, des flachen ungeistigen und in der Form mangelhaften Schrifttums (Schund)«. Ein Professor für Kunstgeschichte namens Habicht hatte zuvor eine aufheizende Rede auf »deutsche Wissenschaft, deutsche Kultur, deutsche Kunst« gehalten. Nun sollte nur noch »deutscher Geist von Deutschen für Deutsche« erlaubt sein. Magdalena besaß weder marxistisches Schrifttum noch Dokumente deutschen Geistes von Deutschen für Deutsche. Und so mußte eine Lastwagenladung »undeutscher Bücher unter dem Jubel großer Zuschauermengen, in der sich auch die Professoren der Hochschulen befanden«, ohne sie den Flammen übergeben werden. Möglicherweise hatte Magdalena auch gar nichts davon mitbekommen. Sie war damit beschäftigt, einen Säugling zu versorgen. Immerhin mußte sie sich wie alle umgewöhnen: die Bahnhofstraße hieß plötzlich Adolf-Hitler-Straße, aus dem Georgsplatz wurde 9

der Rustplatz, und der Königsworther Platz am Eingang zur Herrenhäuser Allee wurde zum Horst-Wessel-Platz befördert. Aber schwerer wog für sie wohl, daß sich um den kleinen Gödeke kein Vater kümmerte. Der Kleine war unehelich geboren. Unehelich! Das war ein häßliches Wort damals. Ein Makel für Mutter und Kind. Weshalb hatte das Kind keinen Vater? Gödeke wird niemals erfahren, ob sein Erzeuger Magdalena verführt und dann verlassen hat oder ob sie ihn fortgeschickt hat. Hatten die beiden sich geliebt oder war er ein Kind des Zufalls? Es war dies ein Geheimnis, dessen Erklärung ihm nie auch nur andeutungsweise angeboten wurde. Sechseinhalb Jahrzehnte später – die Mutter war schon tot – erfuhr er den Namen seines leiblichen Vaters, als er sich auf dem Standesamt eine Geburtsurkunde für den Rentenantrag ausstellen ließ. Die Sache belustigte ihn. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals diesen Herrn Landmann aus München vermißt zu haben. Ob der überhaupt von seiner Existenz wußte? Nicht eine Sekunde lang verspürte er das Bedürfnis, mehr darüber wissen zu wollen. Wahrscheinlich war der Mann schon tot, und es spielte ja auch keine Rolle mehr. Die Wohnung Am Marstall war sehr klein, und wenn der Stadtassistent Hermann Lamm zu Besuch kam, war sie noch kleiner. Von einem engen fensterlosen Flur ging es links in eine Art Wohnküche mit Dachschräge, geradeaus ins Schlafzimmer. Die Toilette war eine halbe Treppe tiefer. Vom Küchenfenster aus konnte Gödekes junge Mutter in den Hof hinunterblicken, wo an schönen Tagen die Kinder mit Knickern und Dippsebohnen spielten. Knicker waren kleine bunte Murmeln, die man in ein Loch rollen lassen mußte, und Dippsebohnen waren die dunkelbraunen oder hübsch gemusterten »Türkischen« Bohnen, die man mit den Fingern in einen aufs Pflaster gemalten Kreidekasten dippsen mußte. Dazu legte man den rechten Zeigefinger gekrümmt an den rechten Daumen, ließ ihn dann gegen die Bohne vorschnellen. Wer die letzte Bohne in den Kasten eindippste, durfte alle kassieren, die schon im Kasten waren. Gödeke war noch zu klein dafür. Eine Treppe tiefer wohnte ein »großes Mädchen«, vielleicht acht 10

oder neun Jahre alt. Es spielte manchmal mit dem kleinen Gödeke und brachte ihm bei, Seifenblasen mit Strohhalmen zu erzeugen und aus dem Treppenhausfenster zu pusten. Es hatte blondes Haar, zu Zöpfen geflochten. Gödeke durfte nicht daran zupfen. Und als er dann ein bißchen größer geworden war, traute er sich nicht mehr. Merkwürdigerweise glaubt er sich heute zu erinnern, daß Waltraud der Name seiner frühen Freundin war. Seifenblasen… Draußen auf den Straßen der Altstadt ging es nicht immer friedlich zu. Es gab eine Gruppe gewalttätiger junger Burschen in der Gegend, die so genannte »Schlangenbande«, die sogar Krieg mit der Hitlerjugend führte. Der Name bezog sich auf ihren üblichen Treffpunkt hinter dem Schlangenhaus im Zoo – so besagt es die offizielle Stadtgeschichte. Hier in der Altstadt führte man den Namen auf die Gewohnheit der Mitglieder zurück, einzeln hintereinander herzugehen und auf diese Weise eine Schlange zu bilden, mit einem Fuß in der Gosse, mit dem anderen auf dem Gehweg, dem »Trottewahr«. Wenn dieser bedrohlich aussehende Zug sich näherte, war es ratsam, rasch die Flucht zu ergreifen. Zwar waren die kleineren Kinder ziemlich sicher vor dem rüden Gesindel, aber es kam gar nicht so selten vor, daß man ihnen Einkaufsnetze oder Taschen wegnahm. Erst Jahre später gelang es der Polizei unter Mitwirkung von Hitlerjugend und SS, diese »Clique« aufzulösen. An beiden Ufern der Leine zwischen dem Leineschloß und der Goethestraße ist an jedem Sonnabend Flohmarkt, und bis vor ein paar Jahren hatte es Gödeke Spaß gemacht, an den Ständen und Tischen der Händler vorbeizuschlendern, hin und wieder in einer Bücherkiste zu stöbern, ein paar Schellackplatten zu kaufen oder sich Preise von Dingen nennen zu lassen, die er überhaupt nicht zu erwerben beabsichtigte. Der Rückweg vom Flohmarkt führte ihn meistens über den Platz, der auch heute noch Am Marstall heißt: ein langgestreckter Parkplatz, auf dessen Nordseite Pfandleihen, Antiquitätengeschäfte, kleine ModeBoutiquen und HiFi-Shops sich etabliert haben. An der Ecke zur Burgstraße, dicht am Hohen Ufer der Leine, erinnert das Haus der 11

Heilsarmee an die Bedürftigkeit auch der früheren Generationen in dieser Gegend. Auf der gegenüberliegenden Seite leuchten abends die Lichtreklamen von Spielhallen, Sexkinos, Peepshows und was sonst noch alles zu einem Rotlichtviertel gehört. Für Unterhaltung hatte hier früher die Rote Mühle gesorgt, wo Claire Waldoff, Fred Endrikat, Ringelnatz und andere Künstler auftraten. Ob Magdalena jemals eine Vorstellung besucht hatte? Vielleicht hatte ihr Stadtangestellter Hermann sie dorthin ausgeführt. Manchmal fragt Gödeke sich vor einem bestimmten Schaufenster, ob vielleicht gerade hier, wo Hunderte von Armbanduhren aller Stilrichtungen, auch der allerscheußlichsten, feilgeboten werden, neben dem Laden mit Sexwäsche, ob hier vielleicht Magdalena und ihr Kind gewohnt hatten. Es gab damals in der näheren Umgebung Häuser mit feinen, schön verzierten Erkern, mit eleganten Giebeln und sehenswertem Fachwerk, aber Am Marstall waren die Fassaden grau, langweilig und von ärmlicher Düsternis. Von den alten Häusern steht keines mehr. Hinter den neuen liegt verborgen, was aus Schutt und Asche des Krieges hervorgegangen ist: die erste Neubausiedlung der Stadt, der Goldene Winkel.

12

2.

Aufrecht, adrett gekleidet und sorgfältig gescheitelt, sitzt das Kind auf der steinernen Umfassung eines Sandkastens, wie er damals in manchen öffentlichen Anlagen üblich war. Gödeke ist mit einem weißen Wolljäckchen bekleidet, über das sich, vorn befestigt an dicken Knöpfen, die Träger einer gestrickten kurzen Hose glatt und ordentlich ziehen. Die Füße sind angetan mit weißen Söckchen und stecken in zweifarbigen Schuhen mit weißen Senkeln. Neben ihm ein Eimerchen. In der rechten Hand hält er einen Blechnapf, ein Backförmchen, das er eben mit Hilfe eines kleinen Löffels füllt. Wiederum sehr ernst und versunken. Neben ihm ein etwa achtjähriges Mädchen mit langen Zöpfen über einem etwas schmuddelig wirkenden Kleidchen. Das Mädchen schaut nach links oben, als habe es jemand gerufen oder gestört. Der Blick ist unfreundlich. Vielleicht hat sie keine Lust, auf den kleinen Gödeke aufpassen zu müssen. Ob Magdalena das Bild aufgenommen hat? Da ist von fern die Erinnerung an einen schwarzen Fotoapparat, der zusammengeklappt in einer hellbraunen flachen Ledertasche mit einem Riemen zum umhängen aufbewahrt wurde. Ob die Mutter damit umgehen konnte? Vermutlich war es doch eher der Stadtassistent. Magdalena wurde krank und lag oft im Bett. Hermann Lamm erzählte Gödeke von einem Storch, der sie ins Bein gebissen habe. Gödeke fand das sehr interessant und wollte sehen, an welchem Bein und an welcher Stelle der Storch ins Bein der Mutter gebissen hatte. Schließlich wurde die Bettdecke angehoben und ihm das betreffende Bein vorgewiesen. Allerdings war die fragliche Stelle mit einer Mullbinde umwickelt. Mutti wurde ins Krankenhaus gebracht, und Gödeke besuchte sie an der Hand des Stadtassistenten mehrmals. Nach einiger Zeit kam Hermanns Sohn zur Welt. Gödeke lernte ihn erst später kennen; zunächst 13

wurde er zu Magdalenas Eltern in der Scheffelstraße gegeben. Auch die Stadt bekam bald darauf Zuwachs. Auf dem Gelände der Maschwiesen, das bei Hochwasser der Leine oft überflutet worden war, breitete sich nun ein künstlicher See, der bald zu einem Wahrzeichen der Stadt werden sollte. 1350 Notstandsarbeiter hatten das Seebecken für kargen Lohn ausgehoben. Oberbürgermeister Arthur Menge brachte das Projekt 1934 in das Arbeitsbeschaffun gsprogramm ein. Wie immer die Sache später politisch beurteilt wurde, sie geriet der Stadt zum Wohle. Der Maschsee, 2400 Meter lang und zwei Meter tief, ist technisch gesehen zwar gar kein See, sondern ein Weiher, aber ein sehr schöner. Zudem war bei dieser Gelegenheit die Bismarcksäule, Schauplatz der Verbrennung Bücher undeutschen Geistes, abgetragen worden. An anderer Stelle, zwischen Tiergarten und Eilenriede, entstand als grüne Verbindung der Hermann-Löns-Park. Das versumpfte hundert Hektar große Gelände mit einem Teich mittendrin hatte sich nicht als Baugrund, aber vorzüglich zur Anlage »einer naturgemäßen deutschen Landschaft« geeignet. Früher hatte hier eine Konservenfabrik gestanden, die Produkte aus eigener Obstplantage verarbeiten konnte. Der Annateich war eine voll Wasser gelaufene Tonkuhle. Das sah alles nicht sehr natürlich und schon gar nicht schön aus. Aber dann wurden mehr als dreihundert Gehölze in die feuchte Erde gebracht, und bald blühte alles so prächtig, daß die Fachleute und die Besucher ihre helle Freude an dieser norddeutschen Musterlandschaft einheimischer Bäume und Sträucher aus der Pflanzengesellschaft des feuchten Eichen-und Hainbuchenwaldes hatten. Sogar Orchideen blühten hier. Die Gestalter rühmten sich der »naturgetreuen deutschen Landschaft«, die sie geschaffen hatten. Alles Deutsche stand in jener Zeit hoch im Kurs, und das wurde auch bald rund um die Marstallstraße deutlich. »Rettet die Deutsche Altstadt« war der Wahlspruch der nationalsozialistischen Altstadtsanierung. Von der Beseitigung der »Elendsquartiere« versprach man sich »die Ausmerzung des moralisch Minderwertigen und biologisch Defekten«. Der Stadtbaurat Elkart sah das etwas 14

sachlicher. Er fand, daß im Laufe der Jahrhunderte die Altstadt »unwohnlich« geworden war und wieder »gesund« gemacht werden müsse. Das war nun wirklich nötig; für 259 Haushalte gab es nur 135 Aborte – Abees, wie die Leute hier sagten – und die, wie die offizielle Stadtgeschichte vermerkt »buchstäblich zum Himmel stanken«. Das Haus, in dem Gödeke heute wohnt, hat eine Fassade aus vorgesetzten weißen Klinkern und mattgrünen, fast schwarzen Asbestplatten. Es steht inmitten eines ehemals vornehmen und noch immer respektablen Villenquartiers an der südlichen Ausfallstraße der Stadt. Nicht wenige Häuser hier sind in die Liste der Baudenkmale aufgenommen worden. Zum Teil sind sie mit Türmchen geziert und weisen Stilelemente von Renaissance, Barock und Spätklassizismus auf. Viel Fachwerk erfreut das Auge, und von seinem Balkon aus blickt Gödeke auf eine Gruppe von Miethäusern im Jugendstil auf der anderen Straßenseite. Mächtige Kastanien und Ahornbäume, Ulmen und Rotbuchen umgeben das 30 Jahre alte Gebäude mit seinen gelbgestrichenen Balkonen. An sonnigen Sommernachmittagen blühen bunte Sonnenschirme an der Fassade; ein friedlich-freundlicher Anblick für die Vorübergehenden, die manchmal stehenbleiben und neugierig am Haus hinaufschauen. Gödeke und Helga hatten die Wohnung zwei Jahre vor ihrer Trennung gekauft. Seit Helga ihren Mann verlassen hat, wohnt er allein hier. Er liebt den Balkon und nennt ihn das schönste Zimmer der Wohnung. Mit mäßigem Erfolg bemüht er sich, den vier Meter langen Pflanztrog den Jahreszeiten entsprechend zu begrünen und mit Blühpflanzen zu schmücken. Wenn das Wetter es erlaubt, verbringt er ganze Abende auf dem Balkon. Manchmal schweben bunte Heißluftballons über das Haus. Er holt dann sein Opernglas, um ihnen nachzuschauen. Heute abend ist es zu kühl um draußen zu sitzen. Heute betrachtet er alte Fotografien. Die Alben füllen ein ganzes Regal unter dem Südfenster. Viele Bilder bewahrt er auch in Kartons auf, viele liegen lose in Schachteln herum. Die Negative sind in Klarsichthüllen abgeheftet, als Filmrollen aufbe15

wahrt oder als Sechserstreifen archiviert. Neuerdings kopiert er die Aufnahmen auf die Festplatte seines Computers und brennt sie von dort auf goldfarbene CD-R’s, die sollen bis zu 100 Jahren haltbar sein. Jahrzehnte hindurch hat er fotografiert.Als Lehrling im Fotogeschäft verdiente er sich einen Teil des Geldes für seine Schreibmaschine, eine mattgrüne Olympia, die er später im Pariser Museé Pompidou als Exponat der neueren Technikgeschichte wiedersehen sollte. Er fotografierte damals auf Box-und Turnveranstaltungen, bei Radrennen, auf Tanzvergnügen und Vereinsfesten. Die KodakRetina und den Ultrablitz-Koffer durfte er sich beim Chef ausleihen; der stellte dann einige besonders gelungene Aufnahmen als Vergrößerungen im Schaufenster aus, Belege für die Qualität der neuartigen Blitztechnik. Der Koffer war verdammt schwer. Die Schreibmaschine, die sein Journalistenleben bis zum Einzug des Computers begleitete, steht noch immer samt Filzunterlage im Schrank, seit langem von Computern verdrängt, aber in ihrer grünmetallenen Würde geehrt, geliebt und bewahrt.

16

3.

Ein Mäntelchen mit leuchtend weißen Knöpfen trägt der kleine Gödeke, der mit seiner Großmutter auf einer Bank sitzt. In der Linken hält er einen Plüsch-Hasen mit langen aufgerichteten Löffeln, die Rechte ruht auf dem bestrumpften Knie. Es ist Herbst oder Winter, die Bäume im Hintergrund sind kahl. Die Oma ist mit einer Jacke bekleidet, deren Material man Krimmer nannte, eine lockige Pelzangelegenheit. Omas Hut ist mit einem offenbar buntgestreiften Band geschmückt. Sie lächelt den Fotografen an, während Gödeke das ernste Gesicht macht, das auf all diesen alten Fotografien zu sehen ist. Im Gegensatz zu den anderen ist dieses sehr unterbelichtet, aber man erkennt, daß die Bank in der Herrenhäuser Allee steht. Die Lamms (der Stadtassistent hatte Magdalena geheiratet und Gödeke gemäß § 1706 BGB seinen Familiennamen erteilt) waren aus der Altstadt in den Norden der Stadt umgezogen, in die Scheffelstraße; schräg gegenüber wohnten Magdalenas Eltern. In dieser Gegend waren die Straßen breiter und heller. Auch dieses Wohnhaus hatte eine Toreinfahrt, die zu einem Hof mit Hinterhaus führte, aber die Lamms wohnten in der ersten Etage des Vorderhauses. Das mag als recht reputierlich gegolten haben. Die neue Wohnung war größer und hatte einen langen dunklen Korridor, der mit bräunlichem Linoleum ausgelegt war. Nach links ging die Tür zur Küche ab, in der sich das alltägliche Familienleben abspielte. Gegenüber, zur Straße hin, befand sich das elterliche Schlafzimmer, in dem auch das eiserne weißlackierte Kinderbett von Gödekes kleinem Bruder stand. Die Tür am äußersten Ende des Flures führte zu Gödekes Schlafzimmer, einem fensterlosen schmalen Raum, in welchem sich nachts die Alpträume versammelten. Viele seiner Nächte waren furchterregend und voller Ungeheuer: Löwen, Schlangen, gräß17

liche Zauberwesen. Manchmal stand er ganz plötzlich vor Angst zitternd im Schlafzimmer der Eltern, voller Hoffnung, bleiben zu dürfen oder daß doch zumindest das Licht weiter brennen dürfte. Aber er mußte immer zurück ins Grauen. Weil man sich sonst nie an die Dunkelheit gewöhnt. Weil man seine Angst überwinden muß. Hermann Lamm war inzwischen Berufssoldat geworden. Nur selten wurde die Tür zu Hermanns »Herrenzimmer« geöffnet. Manchmal, wenn die Mutter darin putzte, durfte der Junge hineinsehen. Der Raum war mit schweren dunklen Eichenmöbeln ausgestattet und in der Mitte stand ein runder Tisch auf gewaltigem Fuß, umgeben von vier lederbezogenen Stühlen mit hoher Lehne. Auf dem Schreibtisch prunkte eine marmorne Garnitur mit Federhalterablage, Tintenfaß und Briefhalter. Hinter den spiegelnden Glasscheiben des Bücherschranks reihten sich Bücher mit viel Gold auf den Rücken, Gegenstände, die in ihrer Fremdartigkeit Gödeke faszinierten. Zu den wunderbarsten Gegenständen in der neuen Wohnung gehörte ein Möbelstück namens Grammophon. Es handelte sich um einen schwarz gebeizten brusthohen Eichenschrank mit einer durch bescheidene Schnitzarbeit verschönten Flügeltür und einem aufklappbaren Deckel obenauf. Zog man die Flügeltür auf, fiel der Blick auf einen nach hinten und oben sich schwingenden und dabei verjüngenden Trichter. Daraus klangen Musik und quäkig klingende Stimmen, nachdem die Apparatur aufgezogen war. Im Bestreben, den Gesangsdarbietungen so aufmerksam wie möglich zu lauschen, steckte Gödeke eines Tages mit dem Kopf fest im Trichter, was unter mehreren zu Besuch weilenden Verwandten erhebliche Aufregung verursachte. Die erste, allerdings eher fruchtlose Hilfeleistung bestand aus einigen ärgerlichen Klapsen auf Gödekes Hinterteil. Das trieb ihn aber nur noch tiefer in den Schalltrichter hinein. Sodann setzte ein ziemlich mißliches Zerren, Rütteln und Ziehen an Armen und Schultern ein, bis es schließlich gelang, das eingeklemmte Kind zu befreien. Nun, da die Verstopfung im Trichter beseitigt war, hätte die Verwandtschaft sich wieder der Musikdarbietung erfreuen 18

können, aber Gödekes Schmerzgeheul stand dem Kunstgenuß entgegen. Viele Jahre später erfuhr Gödeke, daß nicht weit entfernt ein Mann namens Emil Berliner gelebt hatte, der Erfinder von Schallplatte und Grammophon. Als Kind hätte ihn dieser Umstand kaum erstaunt; die Welt war noch klein, und jedermann wohnte gleich um die Ecke. Aber später wunderte es ihn doch, daß eine solche Attraktion ausgerechnet in seiner Heimatstadt zuerst hergestellt wurde. Die Attraktion ist längst technisch überholt, aber rund zweihundert Belege aus gepreßtem Schellack geben dem schwarzpolierten Bücherschrank aus dem einstigen Herrenzimmer noch immer festen Halt. Gödeke liebt diesen Schrank. Jede der beiden Türen enthält sechs trapezförmig zugeschnittene und an den Kanten schräggeschliffene Glasscheiben. Er ist ein bißchen wackelig geworden, der Schrank, aber wie gesagt: die alten Schallplatten in den unteren Schrankfächern beschweren ihn ausgezeichnet. Die Wohnung der Großeltern, bei denen Gödeke nun immer wieder für eine Weile lebte, befand sich unter einem spitzgiebligen Dach. Zu ihr führte eine schmale mit rotem Kokosläufer belegte steile Stiege, die durch eine dunkle abweisende Tür vom übrigen Treppenhaus abgetrennt war. In dem Haus hatten früher »Herrschaften« gewohnt, deren Dienstboten hier oben im Dachgeschoß untergebracht waren. Im Parterre und in der ersten Etage lebte nun eine Familie, deren Mitglieder man oft in schmucken braunen Uniformen sah. In der Wohnung von Oma und Opa gab es eine »gute Stube« und eine »kleine Stube«. Die kleine Stube war eigentlich die größere, aber die gute Stube war die mit den besseren Möbeln. An der kleinen Stube gefiel Gödeke vor allem, daß sich unter ihrem einzigen Fenster das flache Dach über der ersten Etage breitete. Natürlich war es ihm streng verboten, aus dem Fenster auf das Dach zu klettern. Zwischen der kleinen Stube und dem Schlafzimmer lag, direkt hinter der Wohnungstür, eine Art Wohnküche. Ein bedeutsames Einrichtungsstück der Wohnung befand sich übrigens im Schlafzimmer, einer langgestreckten Kammer. Es hing 19

von der Decke herab und war ein Turngerät, woran die Großmutter zum Zwecke der Gesunderhaltung Leibesübungen vollführte. Im selben Zimmer befand sich auch ein braungestrichener hölzerner Eisschrank, den Gödeke nie öffnen durfte, obgleich darin das Pflaumenmus aufbewahrt wurde. Einmal in der Woche kam der Eismann und brachte eine neue vierkantige Stange Eis, die er auf einem feuchten Leder über der Schulter trug. Gödekes erstes Spielzeug war ein Dorf aus kleinen bunten Holzklötzchen, welches in einem engmaschigen grünen Netz aufbewahrt wurde. Er spielte gern im Bett damit und baute sich in den Kissen herrliche Landschaften, bevölkert von Bauern und Schafen in den Faltentälern, bestanden von Tannen und Laubbäumen auf den Gipfeln der fedrigen Berge. Später besaß er einen der beliebten Richterschen Holzbaukästen für Knaben, aus denen sich Prachthäuser mit bunten Fenstern aus Hauchpapier errichten ließen. Die Mauerteile, Säulen und Giebel mit aufgemalten Uhren und Verzierungen gehörten in einen Holzkasten mit Schiebdeckel. Nach dem Spielen mußte man sich in strenger Ordnung üben und das demontierte Gebäude in bestimmter Reihenfolge wieder einpacken, sonst ging der Deckel nicht zu. Irgendwann bekam Gödeke einen so genannten Stabilbaukasten geschenkt, was ihn in die Lage versetzte, das Schlafzimmer der Großeltern mit Schwebebahnen auszustatten. Ein bißchen fremd blieb ihm immer die auf ein schwarzes dickes Brett montierte Dampfmaschine, so hübsch sie mit ihren blanken Nickel-und Kupferteilen auch aussah. Sie war imstande, eine kleine bunte Mühle, sowie ein blechernes Schöpfwerk anzutreiben. Es dauerte jedes Mal ziemlich lange, bis die Kerze unter dem Tank ausreichend Dampf erzeugt hatte. Und wenn sich endlich etwas bewegte, war sie fast heruntergebrannt. Das Allerschönste aber war eine Eisenbahn zum Aufziehen, die Opa ihm zum vierten Geburtstag schenkte. Opa war Schlosser bei der Reichsbahn. An jenem Tag durfte Gödeke unter Opas Aufsicht ganz offiziell, was sonst nur in aller Heimlichkeit und bei Abwesenheit der Frauen möglich gewesen war: er durfte auf das 20

Flachdach vor der kleinen Stube. Gödeke kletterte an jenem Tag als Erster hinaus und ließ sich von Opa Schienen, Lokomotive, Tender und Waggons herausreichen. Dann, nachdem auch alle anderen Requisiten auf dem Dach lagen, verlegten beide die Strecke, die bedrohlich nahe am Dachrand vorbeiführte. Gödeke belud die Güterwagen mit Bauklötzen und leeren hölzernen Garnrollen, während Opa, der Eisenbahner, noch mehr Schienen zusammensteckte. Die an die Abteilfenster gemalten Reisenden mochten schon ungeduldig sein, aber es gab noch eine Verzögerung. Gödeke kletterte noch einmal in die Wohnung zurück, um ein Krokodil zu holen. Dieses Krokodil, einem von Opa erbauten Kasperletheater zugehörig, zog er über die rechte Hand und erschreckte erst einmal tüchtig den Großvater. Danach führte er das grüne Untier mit dem aufgesperrten Rachen am Zug entlang, bis es alles gesehen hatte. Während Opa das Federwerk der Lokomotive aufzog, setzte sich Gödeke die rote Mütze mit dem schwarzen Schirm auf, hängte sich die Schaffnertasche um und schwenkte die Signalkelle. Der Spaß war aber nur kurz: An der Dachkante sprang der Zug aus den Schienen, kippte um und rutschte in die etwas tiefer liegende Dachrinne. Opa hielt Gödeke, der sofort an den Ort der Katastrophe stürzen wollte, fest und übergab ihn durchs Fenster der Oma zu treuen und festen Händen. Sodann ließ er sich auf die Knie nieder und angelte mit einem Arm nach der Eisenbahn in der Dachrinne. Er hätte sie wohl auch schließlich herausgefummelt, aber Oma brach das Unternehmen ab. Laut und energisch rief sie ihm zu, er solle sofort aufhören, das sei viel zu gefährlich und er wisse wohl nicht, was er tue. Opa lachte erst, aber dann hörte er doch auf. Alle drei gingen dann in den Garten hinunter, wo Gödeke und Oma die Leiter hielten, die der Opa dann erklomm, um die Eisenbahn aus der Dachrinne zu bergen. Ungefährlicher war es auf dem Balkon, von dem aus man ein kleines Stück vom Engelbosteler Damm sehen konnte. In den Balkonkästen 21

der Großeltern protzten Petunien und Geranien mit grellfarbenen Blüten. Wollte Gödeke über die Blumenpracht einen Blick auf die Straße werfen, mußte er auf eine Fußbank steigen. Das war gefährlich und trug ihm Ohrfeigen ein, die damals Backpfeifen hießen. Auf diesem Balkon badete er manchmal in einer großen ovalen Zinkwanne, wobei er, bis zur schmächtigen Kinderbrust im Wasser sehr still sitzen mußte. Das Wasser war immer mehrere Tage lang abgestanden, weil es dann gesunder war. Auf Gesundheit mußte man achten. Regelmäßig bekam Gödeke Lebertran zu schlucken. Ein paarmal hatte er Gelegenheit, den Tran heimlich in die Blumenkästen zu schütten. Das roch noch schöner als die Petunien allein. Zwei Häuser weiter, bei »Eis-Asche«, gab es das köstliche grüne Waldmeister-Eis, kunstvoll hochgetürmt auf knisternden Waffeltüten und oft genug erlangt mit der Behauptung, Oma bezahlte »nachher«. Herr Asche, falls es Herr Asche war, der weiß und gewichtig seinen blinkenden Eislöffel in die köstlichen Tiefen der duftenden Töpfe senkte, schien derlei schüchtern vorgetragenen Versprechungen gelegentlich zu glauben. In der warmen Jahreszeit wurden Gödekes Beine mit Kniestrümpfen bekleidet. Gegen Socken hatte er sich heftig gewehrt, weil diese nach der Überzeugung seiner Altersgenossen allenfalls Mädchen zukamen. An kühlen Tagen mußte er ein so genanntes Leibchen tragen, von dessen Saum schmale Bänder zur Befestigung langer Strümpfe herabbaumelten. Lange Strümpfe waren gesund. Wer damit angetan war, konnte sich nicht erkälten. Das war medizinisch wohl damit zu erklären, daß die Schnupfen erregenden Bakterien (von Viren war noch kaum die Rede) vom Anblick langbestrumpfter Kinderbeine so eingeschüchtert wurden, daß sie von vornherein auf jede infektiöse Tätigkeit verzichteten. Leider entsetzten sich nicht nur die Keime, sondern auch Gödekes Spielkameraden. Mit einem Satz: Lange Strümpfe waren ganz schrecklich, mußten aber sein. Ebenso wie die handgestrickten Pulswärmer, ohne die man nicht hinaus durfte, wenn es draußen 22

angeblich kalt war. Und an so kurze Hosen, wie sie die trugen, die schon »zum Dienst« gingen, war gar nicht zu denken. Es gab damals noch viele Pferdefuhrwerke, und bei den Kindern waren sie ebenso beliebt wie die städtischen Sprengwagen und die Postautos. Die Pferde des Spediteurs Hapke trugen buntgestrickte Ohrenschützer und eine Unmenge klimpernden Schmucks. Einem solchen Klimperpferd ein Stück Zucker zu reichen, war allemal mit Herzklopfen verbunden, und es kursierten schreckliche Schauergeschichten über die Beißgewohnheiten speziell der Hapkeschen Haferfresser. Diese Geschichten wurden wohl vor allem von den größeren Jungen verbreitet, die sich an der Ängstlichkeit der Kleineren freuten. Hauptsächlich aber waren Pferdewagen dazu da, daß man neben ihnen herlief, den Kutschern dumme Sprüche zurief und seinen Spaß an dem Peitschengeknalle hatte. Bei den Sprengwagen, die an heißen staubigen Tagen durch die Straßen fuhren, lag der Fall ganz anders. Man lief nicht nebenher, sondern hinterher, kreischte laut im Sprühregen, und wurde man allzu naß, gab es zu Hause eine Abreibung. Und die Postautos, unverstandene Wunder damals... gelb und elektrisch nahmen sie kettenrasselnd ihren Weg, zu schnell zum Mitlaufen für die Kinder. Ahnten die Erwachsenen damals, daß die Zeit begann, sich zu beschleunigen? Merkwürdig, daß gerade diese fortschrittlichen Fahrzeuge bald darauf auf dem Weg in die Zukunft liegenblieben.

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4.

Die Oma. Sie steht unter einem Lampion im Garten. Offenbar wird ein Fest gefeiert. Durch das Laubwerk sprenkelt ihr die Sonne Kringel ins kräftig geformte Gesicht. Sie sei vom Lande, komme aus dem Oldenburgischen, hat Magdalena von ihrer Mutter gesagt. Eine Bauersfrau? Jedenfalls ein erdiger Typ. Energisch und resolut, vor allem in der Nachkriegszeit als es um Überleben ging. Sie lächelt und sieht recht freundlich aus, trotz der schmalen, zusammengepreßten Lippen. Über der hohen nur wenig faltigen Stirn eine sorgfältige Frisur. Dauerwelle. Sie trägt ein dunkles gerüschtes Kleid, über dessen weißen Spitzenkragen eine Kette aus Bernsteinperlen hängt. Das Foto ist ziemlich verblaßt. Von Gödekes Großvater gibt es keine Fotografie, so daß er nur ein sehr unklares Bild von ihm hat. Bestimmt hatte er graue Haare und einen kurzen grauen Oberlippenbart. Er war wohl kleiner als die Oma. Wenn er nicht arbeitete oder mit Gödeke spazierenging, saß er meistens in der Wohnküche auf dem Sofa und las in der Zeitung. Vielleicht von der »Heldengedenkfeier« am Tag nach der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Dieses Schauspiel wurde auf der Hindenburg-Kampfbahn, dem späteren Eilenriede-Stadion gegeben. Später sollte sich Gödeke dort vergeblich um ein Sportabzeichen bemühen. Der Opa muß das alles mitgekriegt haben: die Nachricht von der Verhaftung elf führender Mitglieder der »Sozialistischen Front«, den Bericht zur Eröffnung der ständigen »rassekundlichen« Ausstellung im städtischen Schulmuseum oder zum 15jährigen Bestehen der Ortsgruppe Hannover der NSDAP. Was hat er darüber gedacht? Hat er mit Anna, seiner Frau darüber gesprochen? Hatte die ihm zugehört? Hatte der Opa überhaupt eine politische Meinung oder gar eine Überzeugung? Der Opa könnte ein heimlicher Sozialdemokrat, möglichweise sogar Kommunist gewesen 25

sein. Mit seinem Bruder Louis, der hin und wieder zu Besuch kam und dem dann in der guten Stube ein kräftiges Abendessen mit seinen geliebten eingelegten Gurken und Bier aus dem grünen Syphon zuteil wurde, führte er jedenfalls Gespräche, denen schließlich die Oma energisch Einhalt gebot: »Jetzt hört ihr auf! Wenn die da unten das mitkriegen!« Die da unten waren PG’s. Manchmal, sonntags, nahm der Opa ihn an die Hand; dann überquerten sie den Engelbosteler Damm und marschierten zur Technischen Hochschule (heute eine Universität). Den breiten Treppenaufgang bewachten zwei Löwen, ebenfalls geduldige Reittiere, wovon denn auch die Rücken der Wüstenkönige noch heute wie blankgeputzt erscheinen. Der eine Löwe übrigens sah recht gemütlich aus, während der andere einen recht wilden Ausdruck ums Maul hatte. Opa erzählte die Anekdote, wonach der Geheimrat Kerk, einst Mechanik-Professor an der Hochschule seinen Studenten die unterschiedlichen Löwen-Physiognomien folgendermaßen erklärte: Der eine Löwe, der so wild blickt, droht »Wollt ihr wohl arbeiten!« Der andere, der mit dem müden Zug um die Nase, sagt »Ach, ihr arbeitet ja doch nicht.« Nach dem gefährlichen Ritt ging es dann einem Ziel entgegen, das sich Parkhaus nannte. Das Parkhaus war keineswegs eine Großgarage, die lohnten sich noch nicht, sondern ein Konzertsaal an der Nienburger Straße, nahe dem Großen Garten zu Herrenhausen. Aber Opa war weniger an dem Konzertsaal mit der schönen Holzdecke und den schmiedeeisernen Kronleuchtern interessiert. Der Ausschank fand in einem kleineren Raum statt, der jedoch auch sehr schön mit Geweihen an den Wänden ausgestaltet war. Eine wunderschöne mit Jagdszenen illustrierte Zapfsäule, die sich aus der Theke erhob, war das eigentliche Prunkstück. Opa bekam stets ein großes Helles, Gödeke ein kleines Malzbier. Einmal durfte er am Hellen nippen. Igitt. Aber Opa mochte er trotzdem. Gödekes erste künstlerische Bemühungen galten der Malerei. In der »guten« Stube gab es ein stattliches, dunkelbraun gebeiztes Vertiko mit halbrunden, blinkenden Glasscheiben, eine eichene Standuhr mit ernstem Zifferblatt und feierlichem Pendel, ein vio26

lettes Plüschsofa, bestickte Kissen und Deckchen, einige Vasen aus »echtem« Bleikristall und einige Ölgemälde. Vor allem eines der Bilder, ein Seestück von erheblichen Ausmaßen direkt über dem Sofa, hatte die Aufmerksamkeit des Knaben dergestalt erregt, daß er immer wieder versuchte, den ohnehin schon kühnen Schwung der darauf dargestellten Meereswellen mit Hilfe von Wagners Ölkreiden noch zu verstärken. Wie ihm jedoch mehrmals handfest bedeutet wurde, hielt niemand viel von diesen ersten künstlerischen Bestrebungen. Die Kunst hatte es überhaupt nicht leicht in jenen Tagen. Was den Machthabern nicht gefiel, galt als »entartet« und gehörte beschlagnahmt, damit niemand sich daran geistig beflecke. Aus dem Besitz von Provinz und Stadt wurden damals 240 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Aquarelle sowie viel Druckgrafik eingezogen. Auch das von Museumsdirektor Alexander Dorner errichtete Kabinett der Abstrakten wurde zerstört. Dort hingen Werke von El Lissitzky, Moholy-Nagy, Vordemberge-Gildewart. Das Kabinett der Abstrakten war weltberühmt. Nirgendwo sonst gab es ein Museum, das sich so früh eines solchen Reichtums an zeitgenössischer Kunst rühmen konnte. Bis 1937 konnte das Kabinett erstaunlicherweise offengehalten werden, dann fiel es dem Nazi-Wahnsinn der »Entarteten Kunst« zum Opfer. Alle wichtigen Werke gingen verloren. Die Volksgenossen durften sich dafür neuerdings am Nordufer des Maschsees an der hehren Fackelträger-Säule von Hermann Scheuernstuhl erbauen und am Ostufer dem bronzenen Menschenpaar von Georg Kolbe begegnen. Den Kindern allerdings gefiel die Putte auf dem Fisch viel besser. Und was die Löwen an der Bastion von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker auch immer symbolisieren sollten – es ließ sich herrlich darauf reiten. Jenseits der langen Lindenalle zwischen Königsworther Platz und dem Großen Garten liegt auch heute noch der im Stil eines englischen Landschaftsparks angelegte Georgengarten. Dort gab es neben den vielen anderen Spaziergängern auch solche, die mit Kescher und Botanisiertrommel einher spazierten, ganze Familien manch27

mal, zumeist aber einzelne fein aussehende Herren mit gelben Strohhüten. Kinder hatten es nicht leicht im Georgengarten. Sie durften weder quer über die weißleuchtenden Margeritenwiesen vor dem Wallmodenschlösschen laufen noch Steine in den Teich vor dem Tempel mit der Büste des Philosophen Leibniz werfen. Sie durften nicht die Schwäne jagen, sie durften im Rhododendron keine Wigwams einrichten, sie durften einfach gar nichts. Für die Einhaltung all dieser Verbote sorgte der Pänner, ein von der Stadt bestallter Feldhüter, der sogar eine Art Uniform trug und dadurch als Respektsperson ausgewiesen war. Eines Tages wurde der Komantsche Gödeke Lamm von feindlichen Sioux an einen zum Marterpfahl ernannten Alleebaum gebunden und dort im Verlauf recht komplizierter Kampfhandlungen vergessen. Als der Pänner erschien, ahnte Gödeke gleich, daß es verboten sein müsse, sich von Angehörigen gegnerischer Stämme an einen Baum binden zu lassen. Aber mit der Marter, die ihm nun zuteil wurde, hatte er doch nicht gerechnet. Er bekam rechts und links ein paar runtergehauen und vergaß darüber heulend seine indianische Gelassenheit. Andere Ereignisse aus dem Bereich exotischen Erlebens waren erfreulicher: etwa, wenn Mutter Magdalena (ihr Hermann war inzwischen zu den Soldaten »eingezogen«) mit Gödeke das Restaurant im Hotel Stadt Petersburg am Klagesmarkt mit seinen vornehm dreinblickenden russischen Kosaken-Kellnern besuchte. Sie liebte offenbar die Atmosphäre des Nichtalltäglichen. Sie nahm ihren Gödeke auch mit in den »Löwenhof«. Das war ein Varieté in der Luisenstraße, wo ein Zauberer auf offener Bühne einen Elefanten verschwinden ließ. Schräg gegenüber lockte das »Faun« Besucher an, und auch dort wurde Gödeke einmal mitgenommen. Aber abgesehen von den dressierten weißen Pudeln war das eigentlich nichts für Kinder. Gödekes erster Theaterbesuch mit der Mutter führte in die Schauburg, ein imposantes Theater an der Hildesheimer Straße, Man gab den König Drosselbart. Hoch zu Roß kam der König auf die Bühne geritten, die als Marktplatz hergerichtet war. Ein richtiges 28

Pferd! Es scheute vor dem Geschrei der Kinder, und unglaublich viel Geschirr, wahrscheinlich sämtliches Geschirr der Welt, ging zu Bruch. In diesem Theater hatte eine Spielzeit lang hatte das Berliner Theater des Westens, dessen Haus ausgebrannt war, gastiert. Auf diese Weise waren große Schauspieler an die Leine gekommen: Käthe Dorsch, Albert Bassermann und Max Pallenberg aus Berlin und als Gäste vom Dresdner Hoftheater Hermine Körner und Hedwig Bleibtreu. Danach wurde die Schauburg als Operettentheater weitergeführt, später war sie das Schauspielhaus der Städtischen Bühnen, bis sie 1943 den Bomben zum Opfer fiel. Eines Tages begegnete Gödeke – in einem dunklen Saal ein seltsamer Mann von fremdartigem Aussehen. Dieser Mann trug auf seinem Haupte einen weißen seidenen Turban und an der linken Hand einen Ring mit blutrotem Stein, einen Karfunkelstein. Wenn er diesen Stein mit den Fingern rieb, geschahen Wunder über Wunder: Feen umtanzten ihn, Landschaften stiegen auf und vergingen, blitzende Schwerter wurden ihm gereicht, böse Ungeheuer zu besiegen. Es war ein Held aus einer fremden Welt, einer aus dem Kino. Das Kino hatte zwei Eingänge, einen Haupteingang vom Engelbosteler Damm her (vom »Damme«) und einen Seiteneingang in der Oberstraße. Dann gab es noch den übers Klo. Dieser Eingang führte durch ein verhältnismäßig schmales, aber niedrig gelegenes Fenster, das geschickten Kletterern den Zugang zum mattrot beleuchteten Zauberreich der Leinwandabenteuer ermöglichte. Natürlich mußte man, waren die Hindernisse überwunden, ganz hinten an der Brüstung stehen bleiben, die das Parkett gegen die billigen Stehplätze abgrenzte. Aber meistens lieferte Gödeke seine Groschen für die Sonntagvormittag-Vorstellung brav ab. Es hatte ihn lange Zeit beeindruckt, wie der Süße Brei in immer mächtigeren Bergen aus dem verzauberten Topf hervorquoll und klebrig durch die rätselhafte Welt da oben quoll. Und wenn der Kleine Häwelmann mit seinem Bett durchs Fenster seines Schlafzimmers zum Mond hinauffuhr, dann war ihm das ein 29

unfaßbares Naturereignis. Auch Frau Holle liebte er, ihres Gerechtigkeitssinnes wegen, der sie die gute, fleißige Else belohnen und die böse, faule Marie bestrafen ließ. Die Goldesel-streck-dich und Knüppel-aus-dem-Sack-Geschichte dagegen langweilte ihn. Gödeke geht nur noch selten ins Kino. Statt dessen macht er am Sonntagvormittag gern einen Spaziergang auf dem Engesohder Friedhof in seiner Nachbarschaft. Auch anderswo, wenn er auf Reisen ist, besucht er die letzten Ruhestätten fremder Menschen. Das hat nichts mit seinem hohen Alter zu tun (bald wird er 80); er hat Friedhöfe nie als bedrückende Orte empfunden. Interessiert studiert er die Inschriften auf Grabmälern, solche in stolzem Gold, die leicht zu lesen sind und auch die fast verwitterten auf überwachsenen bemoosten Steinen und halbversunkenen Platten. Friedhöfe sind ihm steingewordene Geschichte, Freilichtmuseum auch für Kunst und Gartenarchitektur. Zu allen Jahreszeiten liebt er die stillen Wege zwischen den Gräberreihen: im Winter, wenn Schnee die Skulpturen und kahlen Sträucher bedeckt und leise unter den Schuhen knirscht, im Frühling, wenn sich die Bäume begrünen und Knospen sich zu duftenden Blättern entfalten und in den warmen Sommermonaten, wenn der Ruch nach Moos und Erde, nach vertrocknenden Blumen, nach Laub und Nadelgehölz durch die Alleen weht. Der Engesohder Friedhof ist für ihn die schönste aller hannoverschen Todesstätten. Er fotografiert und zeichnet dort gern die erbaulich und feierlich wirkenden Steingestalten, zumeist weibliche, geflügelt und gesenkten Hauptes; Frauen mit langen Haaren, wehenden Schleiern, kniend, kauernd, sitzend, den Kopf in die zarte Hand gestützt, oft barbusig oder den Busen mit Händen bedeckend. Aufmerksam studiert er die stolzen in Stein geschlagenen Wappen alter Familien, die marmornen Rosen und Lilien, das Alpha und Omega des griechischen Alphabets; bewundert den Reichtum der Einfälle, mit denen die Hinterbliebenen ihren Respekt, ihre Dankbarkeit, ihre Liebe ausdrücken. Hier ruhen der Oberhofbaumeister Georg Ludwig Laves, der Kunstfreund und Stifter August Kestner, der anekdotenumrankte 30

Menschenfreund Pastor Bödeker, der Architekt C.W. Hase, der Künstlerhaus und Christuskirche baute, der erste Direktor der Technischen Hochschule Karl Karmarsch, der erste Motorflieger der Welt, Karl Jatho; und auch an den 1948 in England gestorbenen und später nach Hannover übergeführten Maler und Dichter Kurt Schwitters erinnert ein Mal mit der hintersinnigen Inschrift »Man kann nie wissen«. Er liebt auch die Rätsel und Kuriositäten, die ihm auf seinen Spaziergängen begegnen. Gleich am Eingang erblickt der Besucher einen knieenden Engel am Wegesrand, der ihm einen Spendenkasten entgegenhält. Es ist einer von zwei erhaltenen gußeisernen Engeln (der andere steht auf dem Stöckener Friedhof), den der anekdotenumrankte Senior Hermann Wilhelm Bödeker, Pastor der Marktkirche, seinerzeit an den Straßenrändern aufgestellt hatte, um milde Gaben für die Armen einzusammeln. Dann ist da ein in weißen Stein gehauener Frosch am blumenumkränzten Teich, der in den Himmel zu drei fliegenden Schwänen (oder Gänsen?) hinaufschaut. Welche Idee, welchen Gedanken verschweigt er? Und der Obelisk aus schwarz-grünem Porphyr mit der weiß hineingeschnittenen Inschrift »Domino«, was will er sagen und überliefern? An der Friedhofsmauer, hinter der Motorrad- Fahrschüler das Anfahren und Wenden üben, ein niedriger Sockel mit zwei abgebrochenen Füßen, denen die übrige Gestalt abhanden gekommen ist. Keine Inschrift. Efeuumwachsen. Romantisch. Wenn auch die meist molligen Engel und die bleichen Friedhofsfrauen, züchtig bedeckt oder barbusig, der Kunst nichts Bedeutendes hinzufügen, Gödeke sind sie ein friedvoller angenehmer Anblick.

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5.

Magdalena in selbstbewußter, nahezu stolzer Haltung, die Stirn unter einem sehr gerade aufgesetzten Hut mit breitem Rand verborgen. Sie trägt ein dunkles Kostüm über einer hellen Bluse und steht, das rechte seidenbestrumpfte Bein etwas vorgestellt, auf der Mitte eines schmalen Pfades inmitten von Unterholz und Gebüsch. Vermutlich im Gesträuch hinter dem Milchhäuschen an der Ihme, gegenüber dem Maschpark, wo sie oft mit Gödeke war. Die Fotografie scheint zu duften, zu erinnern an den Geruch von Milch aus den dicken weißen Bechern, die für schmale Kinderhände viel zu schwer waren. »Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen«, soll Joseph Goebbels, der Reichspropagandaminister, gesagt haben. Frauen waren für den Ehemann, die Kinder und die Volksgemeinschaft da. Der Staat brauchte Menschen für die geplanten Eroberungen. »Mädel, mach die Beine breit, der Führer braucht Soldaten« – diesen Satz kannten selbst die Pimpfe, die den Zusammenhang mit den ausgebreiteten Beinen noch nicht so recht überblickten. Ehestandsdarlehen und Mutterkreuze sollten die »Gebärfreudigkeit« erhöhen. Es gab jetzt 18000 kinderreiche Mütter in der Stadt. Sie bekamen am »Tag der deutschen Mutter«, dem Geburtstag von Hitlers Mutter am 12.August, erstmals Ehrenkreuze der deutschen Mutter. Aber nur, wenn »die Eltern deutschblütig und erbtüchtig und die Mutter der Auszeichnung würdig sind«. Es gab eine Menge Frauen, die auf das Mutterkreuz verzichteten. Magdalena hatte keinen Anspruch auf ein Mutterkreuz gehabt und hätte wohl auch keins entgegengenommen. Gödeke denkt sich, daß ihr der ganze Sums mit dem Reichsmütterdienst und Mütterschulungen gleichgültig war. Vermutlich war sie eine fröhliche, lebenslustige Natur, wenn auch nicht immer ganz gesund. Hatte sie nicht auf Anweisung ihrer Mutter 33

Stierblut trinken müsse, »um wieder auf die Beine zu kommen«? Wenn Gödeke Gespräche hörte, die sich um dieses Thema drehten, empfand er oft beunruhigende Gefühle, die er nicht zu deuten wußte. Sie wollte bei dem geheimnisvollen Akt des Bluttrinkens allein sein und ging deshalb immer in die »gute Stube« ihrer Mutter. Magdalenas Eltern hatten noch keinen Volksempfänger, obgleich die Inserate in den Zeitungen sehr verführerisch klangen: »Ganz Deutschland hört den Führer mit dem Volksempfänger«. Schon seit 1933 wurde das Simpelradio von der »Gemeinschaftsproduktion der Deutschen Rundfunkproduktion« hergestellt. 35 Reichsmark kostete der Volksempfänger jetzt, und alle Welt wollte ihn haben. Dabei konnte man mit ihm nur die nahen lokalen Sender und keine ausländischen empfangen. Aber das war ja beabsichtigt; denn den Volksgenossen war das Abhören »feindlicher Sender« verboten. Landesverrat! Gödeke war fünf Jahre alt, als 80 000 Hannoveraner mit einem Fackelzug zum Waterlooplatz den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich feierten, als in der so genannten Reichskristallnacht 97 Geschäfte und 27 Wohnungen jüdischer Hannoveraner zerstört wurden, als Feuer in der Synagoge an der Bergstraße gelegt und die Friedhofskapelle auf dem jüdischem Friedhof in Bothfeld niedergebrannt wurde. Im November des Jahres wurden 275 der in der Schreckensnacht verhafteten Juden in das KZ Buchenwald transportiert. Alle Sinti-und Roma-Familien schob man in ein Lager im Altwarmbüchener Moor ab. Als Sechsjähriger besuchte er an Omas Hand den »Tag der Wehrmacht« auf der Vahrenwalder Heide. Er hatte sich vorgestellt, daß es da vielleicht Karussells und Türkischen Honig gäbe wie auf dem Frühlingsfest, aber es kam viel schöner. Kein Wunder, denn »diesmal verleiht die neue glänzende Tat des Führers und Oberbefehlshabers der Wehrmacht die soeben erfolgte vertrauensvolle Unterstellung Böhmens, Mährens und der Slowakei unter den Schutz von Führer und Reich diesem schon als traditionell empfundenen Tage eine besondere Weihe«. So stand es jedenfalls in der Zeitung, aus der Oma vorgelesen hatte. 34

In einem Zeltkino wurden flimmernde Filme mit Dick und Doof gezeigt, aus einer Gulasch-Kanone gab es heiße Erbsensuppe, die Kinder durften auf einen Panzerspähwagen und in das Innere einer Ju 52 klettern. Nur schade, daß die Kleinen noch nicht auf den Schießstand durften. Das war nur den Hitlerjungen erlaubt, den 14–bis 18jährigen. Gödeke war selbst vom Deutschen Jungvolk noch vier Jahre entfernt. Aber er fand die braunen Hemden und kurzen Hosen der Pimpfe ganz prima.

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6.

Wieder dieser stille, abwesend-ernste, fast schwermütige Blick. Hat Gödeke nicht wie andere Kinder auch herumgetobt und gelärmt und geschrien? Aber dies ist natürlich kein Platz zum Toben, sondern zum Stillsitzen. Er sitzt, die linke Schulter etwas herabgezogen, auf der zerkratzten Schulbank hinter einem aufgeklappten Buch. Offensichtlich hat Magdalena ihn für den Fotografen feingemacht. Er trägt einen Pullover mit kariertem Schillerkragen. An der perfekten Ausleuchtung und am neutralen Hintergrund ist unzweifelhaft zu erkennen, daß ein Fachmann die Aufnahme gemacht hat. Auf der Rückseite des Bildes ist noch heute die Bestellnummer zu lesen: 45 220. Gödeke ist ein Schüler geworden. Zwischen der Christuskirche und dem Judenfriedhof lag die Schule, ein roter Backsteinbau, dessen dunkle Klassenzimmer erfüllt waren von gräßlichem Griffelgekreisch auf Schiefer und feuchter Schwamm-Atmosphäre. Hier war noch der Rohrstock ein wichtiges pädagogisches Requisit, angewendet sowohl auf dem Hosenboden erziehungsbedürftiger Knaben als auch auf ihren Fingern und Handflächen. Diese Mißlichkeiten hatten ein Ende, als Gödeke zur Hauptschule überwechselte. So nannte man damals die spätere Mittelschule, die dann zur Realschule wurde. Die Hauptschule lag noch näher an den Wohnungen von Eltern und Großeltern, in einer Straße, deren Name Gödeke geheimnisvoll und rätselhaft erschien: In der Flage. Er wurde angehalten, gut aufzupassen und zu lernen, denn nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Auch in der Hauptschule. Bei einer tumultartigen Schlägerei vor dem Schulhaus, die so plötzlich ausbrach, daß nachher niemand mehr wußte, was sie eigentlich verursacht hatte, bekam Gödeke einen Schlag mit einem 37

Luftgewehrkolben ins Gesicht. Es war ein Gewehr, wie er selbst es sich immer gewünscht hatte. Eine Ader unter seinem rechten Auge platzte. Oft kam es jetzt zu Kämpfen mit den Banden von der Sandstraße oder vom Weidendamm. Man kämpfte unablässig miteinander, hart und ohne Rücksicht. Die vom Weidendamm waren besonders gefürchtet; denn sie hatten ein paar bösartige große Hunde. Und einige trugen Uniformen: schwarze Hose mit Runenschloß am Gürtel, braunes Hemd mit Brusttaschen, Halstuch mit Lederknoten. Kleiner Dienstanzug des Deutschen Jungvolks. Am 1.September 1939 hatte der Krieg mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen begonnen. Hitler-Deutschland wollte Weltmacht werden und brauchte »Lebensraum im Osten«. Im Übrigen schossen die Herrenmenschen lediglich auf die Untermenschen zurück. Der Blitzkrieg war nur der Anfang. Den Franzosen und Engländern wollten wir es dann schon zeigen, Dänemark, Norwegen, den Niederlanden und Belgien ebenfalls und schließlich den Russen. Aber davon hatten die wenigsten eine Vorstellung. Magdalena wußte nur, daß ihr Hermann nun ins Feld mußte. In fünfeinhalb Jahren Krieg sollten 60 Millionen Menschen ihr Leben verlieren. Bunker wurden gebaut, und es entstanden Verwaltungsstellen für die Ausgabe von Bezugsscheinen für Lebensmittel, Waschmittel, Schuhe undsoweiter. Die Lebensmittelkarten waren schon zwei Jahre zuvor in der Berliner Reichsdruckerei hergestellt und im ganzen Reich an die Behörden verteilt worden. Das hannoversche Wirtschafts-und Ernährungsamt hatte in den Schulen 24 Nebenstellen eingerichtet, wo nach dem sogenannten Hausbeauftragtensystem den Hauswirten die Lebensmittelkarten zur weiteren Verteilung an ihre Mieter ausgehändigt wurden. Es wurde Verdunkelung befohlen: Die Fenster der Wohnungen mußten mit schwarzen Rollos abgedichtet werden, und den Autoscheinwerfern wurden Schlitzmasken angelegt. In der Nacht vom 3. auf den 4. September heulten die Sirenen: Fliegeralarm. Aber es passierte nichts. Das Leben schien weiterzugehen wie immer. Im 38

Radio sangen Soldatenchöre »Wir fahren gegen Engelland«, »Panzer rollen in Afrika vor« und »Heimat, deine Sterne«, ein Lied, das Magdalena gerne hörte. Sie besaß nun einen Volksempfänger. Die noch in der Stadt lebenden Juden durften ihre Lebensmittel nur noch in wenigen Geschäften einkaufen und alle aus Bronze gegossenen Kirchenglocken mußten abgeliefert werden. In einem »Großappell der NSDAP« führte Hitlers Stellvertreter Heß als neuen Gauleiter Hartmann Lauterbach ein. Der Soldatensender Belgrad sendete zum Programmschluß zum ersten Mal Lale Andersens Lied »Lilli Marleen«. Bald fielen die ersten Bomben in der Gegend. Das war sehr interessant. Man unternahm Spaziergänge zu den bombardierten Häusern und sammelte Bombensplitter, silbrig schartige Beweise des Krieges, der ausgebrochen war, ohne daß Gödeke es bemerkt hatte. Auf dem Dachboden ihres Hauses in der Scheffelstraße wurden Wassereimer und Feuerpatschen aufgestellt, für den Fall eines Bombentreffers. Ein Mann zeigte den Hausbewohnern sechskantige Brandbomben und erklärte ihnen, wie damit im Ernstfall umzugehen sei. Eines Tages schlug es mit einem gewaltigen Lärm ganz in der Nähe ein. In der Flage gab es eine Haustür, auf deren Füllung für manche Betrachter die Umrisse eines Toten sichtbar waren. Alle Leute aus der Gegend gingen hin, um es sich anzusehen. »Eine Luftmine«, sagten sie. »Eine Mine...« Gödeke sah genau hin, aber er konnte das Abbild des Toten nicht erkennen. Trotzdem zitterte er. Es gab zwei Geschäfte in der Nähe, die Gödeke oft besuchte. Das eine war die Drogerie gegenüber, in der es weiße, gelbe, rosa und grüne eßbare Figuren zu kaufen gab, die aus einer Art Gummi bestanden und zu endloser Serie aneinander gereiht waren. Pro Stück ein Pfennig. Das andere Ladengeschäft führte Schreibfedern, Malkreiden, Schulhefte und neben dem üblichen Schul-und Bürobedarf die »Kriegsbücherei der Deutschen Jugend« und die »Kolonialbücherei der Deutschen Jugend«. Gödeke bevorzugte die Kolonialbücherei 39

mit ihren Geschichten über monströse Ungeheuer am Amazonas, ihren Buren-und Askari-Abenteuern und der unglaublich lustigen Dusseligkeit wegen, die den primitiven Menschen in den Kolonien überall nachgesagt wurde. Vor allem aber wurde in der Kolonialbücherei nicht so viel geschossen wie in der Kriegsbücherei. Er mochte keine Schießereien. Allmählich füllten sich die Zeitungen mit den Todesanzeigen der tapferen Helden, die für Führer, Volk und Vaterland gefallen waren und die Mütter, Väter und Kriegerwitwen in stolzer Trauer zurückließen. Einmal kam der Vater, ein nach Leder und Stahl riechendes Wesen ohne eigentliches Gesicht, auf Urlaub. Gewaltig hingen Gewehr und Dolch, Stahlhelm und Gasmaskenbehälter an der Flurgarderobe. Unten standen die Stiefel. Gödeke staunte über die rauhe Gewalt des Stiefelleders, über das seine kleinen Finger strichen. Die Mutter zeigte ihrem Mann die »Heimarbeit«, mit der sie unablässig zu tun hatte. Irgendetwas mit silberner Litze und bunten Kordeln, die genäht und geknüpft wurden. Das brauchte die Wehrmacht für die Uniformen der Soldaten. Aus einem Gödeke unbekannten Grund weinte seine Mutter. Der Vater sprach mit Gödeke. Seine Stimme war laut. Er blieb nicht lange zu Hause. Er fiel in Woronesch. Wieder fielen Bomben vom Himmel. Nachdem von Februar bis Mai die Stadtteile Vahrenwald, Hainholz, Ricklingen und Misburg betroffen waren und es reichlich Gelegenheit gegeben hatte, Tote zu beweinen und blanke Bombensplitter zu sammeln, begann die so genannte Kinderlandverschickung, kurz KLV.

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7.

Am neuen Ort. Kein Bild jetzt. Kein einziges. Nur die hinter Gödekes Lidern. Der Fahnenappell jeden Morgen vor dem Hotel. Angetreten, Stillgestanden, Die Augen rechts, geradeaus! Meldung an den Lagerleiter. Tagesplan, Tageslosung. Weggetreten! Geländespiel oder Steckrüben schälen. Sport oder Stricken. Stubendienst, Küchendienst. Freizeit. Freizeit? Drei, vier, ein Lied! Gleichschritt! Raustreten.! Laufen bis an den Horizont, zackzack! Du meldest dich nachher! Dreißig Kniebeugen mit dem Schlitten in Vorhalte! KLV. Die Schneelast auf den Ästen und Zweigen der Fichten. Schuhe mit Holzsohlen, sogenannte Klappern. Im Frühjahr sonnen sich Eidechsen auf den großen Feldsteinen des Wiesenabhangs hinter dem Haus, in deren Schatten noch violette Schneereste tauen. Im Sommer riskantes Klettern auf Granitfelsen. Unten im Wald zwischen zersplitterten Tannen ein Flugzeugwrack. Die verkohlte Leiche des Piloten. Auftritte als Kurier in Schills Offiziere bei einer Laienspiel-Tournee durch andere KLV-und HJ-Lager im Harz. Helme aus schwarzer Pappe mit aufgemaltem Totenkopf. Innenbilder. KLV, das war die Kinderlandverschickung, die so neu gar nicht war. Schon früher hatten soziale Verbände und Einrichtungen Kinder zur Erholung verschickt. Auch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) hatte Stadtkinder für ein paar Wochen aufs Land zu Pflegeeltern geschickt. Als im Krieg immer mehr Bomben fielen und der Luftkrieg immer mehr Opfer forderte, ordnete die »Reichsführung« die »Erweiterte Kinderlandverschickung« an. Vor allem die Kinder aus Laubenkolonien und aus Stadtteilen ohne ausreichende Luftschutzkeller sollten verschickt werden. Reichsleiter Baldur von Schirach wurde beauftragt, die Sache zu organisieren. »Kommt mit in die Kinderlandverschickung« warben Plakate mit bunten Bildern, die fröhlich aus Zugfenstern 41

winkende Pimpfe und BDM-Mädchen zeigten. Die Schulen, veranlaßt von den »örtlichen Hoheitsträgern der Partei«, leiteten den Eltern Propagandabriefe »zwecks freiwilliger Meldung der Kinder für die Landverschickung« zu. Natürlich erhielt auch Magdalena ein solches Schreiben. Auf Anordnung des Führers durfte die Presse nicht von einer Evakuierung, sondern nur von einer Landverschickung der Großstadtjugend sprechen. Kein Zweifel, daß die Verschickung vielen Kindern das Leben rettete, und in vielen der 9000 KLVLager im Reich verlebten die Kinder und Jugendlichen Zeiten, die trotz Heimweh keine seelischen Wunden hinterließen. Gödeke denkt an ein Treffen mit ehemaligen »Kameraden«, die durchaus freundliche Erinnerungen an das Lagerleben haben. Torfhaus, eine kleine Harz-Siedlung in 821 Meter Höhe über dem Meeresspiegel: zwei Hotels, ein paar Häuser, darunter auch eine verlassene Holzvilla, eine Alpenvereins-Hütte, ein Forsthaus. Bei klarer Sicht hat man eine gute Sicht auf den Brocken. Von hier aus war Goethe im Dezember 1777 zur ersten Winterbesteigung des Brockens aufgebrochen, ein Vorbote des modernen Tourismus. Der Name verrät, daß am Torfhaus einst Torf abgebaut wurde. Hier liegen viele Hochmoore. Später würden sich hier am Rande der einstigen Reichsstraße 4 die Sendemasten des Norddeutschen Rundfunks in den Himmel recken und riesige Parkplätze für die Autos der Touristen bereitstehen. Als die Kinderlandverschickten hier eintrafen, war Torfhaus eine ziemlich öde, windige Bergkuppe. Das Hotel Spengler, ein schönes Holzhaus im Harzer Stil, wurde Gödekes Heimat bis zum Ende des Krieges. Für Rudolf Hagelstange, den Dichter, war der Harz »Kindheitsland, Jugendparadies, eine Landschaft, die an die Quellen des Lebens zurückführt, in die Geborgenheit von Schatten und Traum, zu den Müttern und Großmüttern«. Gödeke und seine Schulkameraden trennte diese »Lebensstufe Landschaft« von Müttern und Großmüttern, ganz zu schweigen von den Vätern. Die »Stube«, die Gödeke mit drei anderen Kindern im Spenglerschen Hotel bewohnte, lag im ersten Stock, gleich neben der Treppe. 42

An jeder Seite des Zimmers standen zwei Etagenbetten mit Strohsäcken. Von seinem Bett oben rechts konnte Gödeke auf die abschüssige Wiese hinter dem Hotel blicken. Auf ihr standen nur wenige Bäume, und einige mächtige Granitblöcke lagen im oberen Drittel. Außen an der Tür der Stube war ein Schild mit dem Namen des Kampffliegers Udet angebracht, jeder Buchstabe einzeln mit der Laubsäge ausgesägt, die Ränder rundgeschmirgelt. Daß der populäre Jagdflieger Ernst Udet schon im November 1941 Selbstmord begangen hatte, wußten wohl nicht einmal die Führer des Lagers. Intrigen und Querelen zwischen Udet, der obersten Heeresleitung und dem Kreis um Hitler sollen der Grund dafür gewesen sein. Der Öffentlichkeit wurde gesagt, der todesmutige Held habe einen tödlichen Unfall erlitten. Bekanntlich hat Carl Zuckmayer dieses Schicksal in seinem Schauspiel »Des Teufels General« nachgestaltet Laubsägearbeiten waren sehr beliebt im Lager. Gödeke fürchtete sich davor. Wenn auf dem Dienstplan am Schwarzen Brett »Basteln« stand, bedrückten ihn schon vorher dunkle Befürchtungen. Er wußte, daß ihm Laubsägeblätter zerbrechen oder Farben verschmutzen würden. Das Schlimmste war nicht, daß ihm solche Ungeschicklichkeiten unterliefen, sondern, daß jedermann Zeuge seiner Unfähigkeit war. Es wurde viel gebastelt im Spenglerschen Harzhotel, und die jungen Leute mit den bunten Schnüren, die sich von der Brusttasche zur Schulterklappe zogen und sie als Führerpersönlichkeiten unterschiedlicher Abstufung auswiesen, sorgten dafür, daß jeweils das richtige Sujet unter die Säge oder sonstiges Werkzeug geriet. Zwar wurden auch zivile Spielzeuge wie Wackeldackel hergestellt, aber bevorzugt waren Modelle von Stukas, Schlachtschiffen, Tanks und Artilleriegeschützen. Auch in Pappe wurde die Große Zeit gern ausgeschnitten; beliebt war der Ausschneidebogen für das Jagdflugzeug Me 109. Hatte nicht Udet ein solches Flugzeug geflogen? Vor allem an die Stubenschilder hängten die Jungen ihr Herz. Die Namen der Helden vor allem aus Luftwaffe und Marine schienen Schutz und Idol zugleich zu sein. 43

Februar 1943. Die Schlacht um Stalingrad ist verloren. Im Berliner Sportpalast spricht Propagandaminister Joseph Goebbels. Spricht? »Wollt ihr den totalen Krieg?« brüllt er seine suggestive Frage, und die Menge brüllt zurück: »Jaaa…!« Sie will den totalen Krieg. Jetzt müssen auch alle Frauen vom 17. bis zum 45.Lebensjahr »Aufgaben der Reichsverteidigung« übernehmen. In den Rüstungsbetrieben wird 14 Stunden pro Tag gearbeitet und alle nicht kriegswichtigen Betriebe werden geschlossen. Zwischen der kämpfenden Truppe und der Zivilbevölkerung gibt es kaum noch einen Unterschied. Alle kämpfen für den »Endsieg«. In München verteilen die Geschwister Scholl, die sich mit anderen Studenten schon 1939 zur Widerstandsgruppe »Weiße Rose« zusammengeschlossen hatten, Flugblätter in der Universität: »Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. 33.0000 deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn-und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir!...Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat… In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht… Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das sie im Namen von Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet haben. Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet…« Vier Tage später wurden sie vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet Gödeke war nun zehn Jahre alt und trug eine Nickelbrille. Die Brille trug ihm den Spitznamen »Postleb« ein. Gödeke verstand nicht, wieso, und niemand klärte ihn auf. So verfiel er auf die Idee, dieser Namen müsse etwas besonders Schlimmes bedeuten. 44

Anfangs litt er sehr darunter, aber bald hatte er den Namen in einer Art verzweifelten Demut angenommen. Jahre später fand er heraus, daß Postleb der Name eines Optikers war, der sein Ladengeschäft in Hannover am Kröpcke betrieb. Auch Helga hat Gödeke kaum je bei seinem richtigen Namen genannt. Was mochte sie sich dabei gedacht haben, wenn sie ihm Namen wie Paulus, Aristoteles, Hannibal oder Hektor gegeben hatte? Vermutlich gar nichts. Möglicherweise hatte es ihr einfach Spaß gemacht, ihn mit den Namen der Männer zu bedenken, von denen er erzählt haben mochte. Anfangs hatte es ihn amüsiert, daß er keinen eigenen Namen zu haben schien, dann war er irritiert, weil er eine unbewußte Distanzierung darin zu erblicken glaubte. War er, Gödeke, ihr nicht genug? Schließlich aber war es ihm gleichgültig geworden. Inzwischen sind so viele ungewöhnliche Vornamen in Gebrauch gekommen, daß sich niemand mehr wunderte, riefe sie ihm auf der Straße zu: »Warte mal, Hektor.« Immerhin, denkt Gödeke belustigt, nennt sie ihn nicht den »helmumflatterten«, wie Hektor, Sohn des Priamos und Gatte der Andromache im siebten Gesang der Ilias beschrieben wird. Er hat sich das in einer Mischung aus Langeweile und Neugier mal angelesen. So gering »Postlebs« Künste im Basteln waren, so unbedeutend blieben sie auch beim Nähen, Stricken und Flicken. Einmal, im Winter, gelang es ihm zwar, ein brauchbares Stirnband aus grüner Wolle zu stricken, und irgendwie schloß er auch immer wieder die Löcher in seinen Socken, aber die Kameraden waren allemal besser. Gestrickt, genäht und gebastelt wurde im Speisesaal des Hotels, wo auch gegessen, gesungen und geboxt wurde. Manchmal auch auf der Veranda, die sonst als Klassenraum für den Schulunterricht diente. An klaren Tagen hatte man von dort einen guten Blick auf den Brocken. Aber den richtete man besser auf die Tafel oder den Lehrer, vor allem, wenn Lagerleiter Brenzler, ein Obergruppenführer der SA oder Sturmbannführer oder so ähnlich, Mathematik unterrichtete.

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Brenzlers Leidenschaft war die Uniform. Vor allem die sonntäglichen Fahnenappelle vor dem Haus dienten ihm dazu, die braune Polittracht vorzuführen. In Uniform erschien er auch gern zum Unterricht, den er in Sport und Mathe gab. Er liebte »ganze Kerle«. Wer also zu kurzsichtig war, um sich beim Boxen richtig wehren zu können, wer also erwartungsgemäß zusammengeschlagen wurde, dem gebührte selbstverständlich auch noch Hohn und Verachtung. Das war kein richtiger deutscher Junge, sondern, wer weiß, eine Judensau. Leider bot Gödekes Nase nicht selten Anlaß für derlei von Schlägen begleitete Vermutungen. Dabei galt er seiner Umgebung wohl eher lächerlich als feige. Jeder wußte ja, daß er seinen Boxgegner nicht ins Auge fassen konnte, jeder sah aber auch, daß er den Kampf aufnahm. Seine verzweifelte Wut jedoch blieb unerkannt. Er war froh, wenn die allgemeine Aufmerksamkeit sich nicht auf ihn, sondern auf anderes richtete, etwa auf die Filmvorführungen, die es gelegentlich im Speisesaal gab. »Jud Süß«, »Trenck, der Pandur«, »Stukas«, »Hitlerjunge Quex«, »Fridericus Rex« und andere Filme wurden an solchen Abenden mit Hilfe von Schmalfilmprojektoren und riesigen Lautsprechern, die dennoch einen nur quäkenden Ton bewirkten, vorgeführt und tags darauf ausführlich im Unterricht besprochen. Der Lagerleiter unterrichtete gelegentlich mit der Waffe in der Hand. Er klopfte, während er in lässiger Haltung auf eine Antwort wartete, in einem bestimmten Rhythmus mit dem Pistolenlauf auf den Tisch. Dieses Geräusch irritierte die Schüler in unterschiedlichem Maße. Die in Mathe sicheren oder zumindest begabteren hörten wohl darüber hinweg, den Unsicheren machte es arg zu schaffen und raubte ihnen den letzten Kenntnisrest. Gab ein Schüler eine falsche Antwort, stand Brenzler auf und schlug zu, entweder mit dem Pistolenknauf oder mit der Faust. Und zwar auf die Stelle mit dem höchsten pädagogischen Nutzen: auf die jeweils aktuelle Impfbeule. Geimpft wurde andauernd, und es fanden sich bei den meisten Jungen auf der Brust oder an den Oberarmen stets geeignete schmerzempfindliche Stellen. 46

Es gab noch einen Lehrer im Lager: Grethe, ein kleiner, dicker, grauer Mann, nicht unfreundlich. Er lehrte Englisch und spielte manchmal auf dem alten Klavier, das noch aus besseren Tagen auf der Veranda stand. »Gesungen« wurde nicht während der Schulstunden, sondern im Dienst unter Leitung eines richtigen Vorgesetzten. Grethe hätte auch nie zackig genug den Takt angeben können. Er war verheiratet, und seine Frau lebte mit im Lager. Sie sah irgendwie aus, keiner achtete auf sie. Grethe hatte nichts zu sagen. Wer befehlen durfte im Lager, dem fielen auch angemessene Torturen ein für alle, die den Befehlen nicht schnell genug oder ausreichend schnell folgten oder folgen konnten. Da gab es einen besonders erfindungsreichen HJ-Unterführer, dessen Strafdienste besonders gefürchtet waren. Beispielsweise ließ er seine Opfer in Turnhosen einen neben dem Hotel befindlichen Abhang hinaufrobben, wenn dieser vollbestanden mit Brennesseln war. Brenzler fand es angemessener, solange Kniebeugen mit einem Schlitten »in Vorhalte« absolvieren zu lassen, bis die Gepeinigten zusammenbrachen. Das Gebiet um Torfhaus gilt als das schneereichste im ganzen Oberharz. Die Schneemassen rund ums Lager (so wurde das Hotel genannt) waren in der Tat eindrucksvoll. Manchmal sprangen die Jungen mit viel Geschrei und Tamtam aus den Fenstern des ersten Stockwerks nach draußen in den Schnee. Es war bisweilen nicht einfach, sich wieder frei zu arbeiten. Aber Schnee war nicht immer so abenteuerlich schön. Sich morgens auf Geheiß des Fähnleinführers, nur mit einer kurzen Turnhose bekleidet, den nackten Oberkörper mit Schnee zu waschen, fiel Gödeke ziemlich schwer. Gleich hinter dem Haus lag die so genannte Idiotenwiese, ein für Ski-Anfänger idealer Abhang, der zum alten Forsthaus hin verschiedene Schwierigkeitsgrade bot. Man mußte allerdings aufpassen, daß man unten nicht in den auch zur Winterszeit sprudelnden Bacharm der Abbe stürzte, der sich am Kaiserweg hinzog. Nur wenige besaßen Schuhe aus einem Material, das solcher Nässe 47

widerstehen konnte. Hatte man jedoch diese gefährliche Grenze mit Hilfe eines korrekten Stemmbogens überwunden, dann stand einer gemächlichen Ski-Wanderung zu den Abbe-Steinen nichts im Wege. Ebenso schön war dieser Ausflug im Sommer, wenn er mit einer gefahrvollen Kletterei auf den Klippen endete. Wunderbarerweise ist nie einer aus dem Lager dabei zu Schaden gekommen. Zwischen Torfhaus und Oderbrück erstreckten sich in den Fichtenwäldern und auf den Hochmooren ausgedehnte Moosrasen, zu denen das Fähnlein häufig zur Sicherstellung des Endsiegs ausgeschickt wurden. Ihn zu erreichen, mußten vor allem die Wunden der deutschen Soldaten verbunden werden. Und zur Herstellung von Verbandmull war reichlich Moos erforderlich, wie man den Jungen erklärt hatte. Sie zupften und pflückten es stundenlang. Verschwitzt, mit zerschnittenen und zerkratzten Händen, den schmerzenden Rücken krampfhaft gestreckt, marschierten sie anschließend ins Lager zurück. »Panzer von links«, schrie zwischendurch der Fähnleinführer, und alle warfen sich nach rechts in den Straßengraben. »Drei, vier, ein Lied!« Schwarzbraun ist die Haselnuss.... Blut soll fließen knüppelhageldick... und morgen die ganze Welt. Lange litt Gödeke an einer seltsamen Erkrankung, deren Ursachen er viel später vergeblich zu ergründen trachtete. Er fand in dermatologischen Fachbüchern nicht einmal das Erscheinungsbild beschrieben. Es war eine Krankheit des Mundes, eine Umrahmung wohl seiner unterdrückten Klage: Die Lippen begannen an ihren äußeren Linien zu schwären. Sein Gesicht war entsetzlich entstellt, jedes Wort kostete ihn Schmerzen, jede Bewegung der Lippen beim Sprechen oder Essen war voller Pein. Die Verunstaltung ließ bei den anderen Jungen kaum Mitleid, eher Verachtung aufkommen. Nachts legte er sich feuchte Waschlappen auf den rötlich braun verkrusteten Mund, aber sie verschlimmerten das Leiden, wenngleich sie ein paar Stunden der Nachtruhe ermöglichten. Gödeke fühlte sich ausgestoßen, von einer unbekannten Macht gezeichnet. Tatsächlich glaubte er gelegentlich, der Führer strafe ihn 48

damit für seine Minderwertigkeit. Er hoffte oft auf einige Tage im Krankenrevier auf der anderen Seite der Straße, etwas höher am Hang unter hohen Kiefern. Manche seiner Kameraden schafften es immer wieder, dort für ein oder zwei Wochen eingewiesen zu werden. Gödeke betrat es nur zu den Impfterminen. Auch bewahrten ihn die Exantheme an den Lippen nicht vor der Teilnahme an den Geländespielen, einer Art mehrtägigem Manöver für das Jungvolk. Geländespiele wurden zu allen Jahreszeiten angesetzt. Man trug dabei bunte Fäden am Handgelenk, die der Gegner zu erbeuten hatte. Natürlich ging es dabei roh und rücksichtslos zu, was aber nicht einmal Gödeke beanstandete. Und wenn es da nicht gelang, bei einem winterlichen Geländespiel rechtzeitig vor dem Einbruch der Dunkelheit einen Iglu zu bauen, so daß die Kinder die kalte Nacht im Freien verbringen mußten, so machte das eben »hart wie Kruppstahl«. In der Dunkelheit, der strohsackknisternden Dunkelheit der Stube Udet, erzählte Gödeke seinen Zimmergenossen abends nach dem Zapfenstreich oft Geschichten. Sie hatten irgendwann bemerkt, daß er das ganz gut konnte. Also verlangten sie oft von ihm, sie zu unterhalten. Er mußte flüstern; denn Sprechen nach dem »Zapfenstreich« war streng verboten. Irgendein Wachhabender war immer auf den Korridoren unterwegs und wenn er auch nur das Geringste hörte, riß er die Tür auf, und der Schuldige wurde zum Strafdienst eingeteilt. Wenn die Tür aufgerissen wurde, meldete Roman, der Stubenälteste ungerührt, daß Lamm der Krachmacher sei. Dennoch genoß Gödeke diese gefährlichen Zeiten des Fabulierens. Es waren seltsame Geschichten, die er in das Dunkel flüsterte, fantastische und unglaubwürdige Erzählungen von Geisterwesen unter der Rinde alter Eichen und in den Felsspalten der Raabeklippen, von Bewohnern ferner Welten, von Mondwesen und Sonnenkriegern, märchenhafter Unsinn, der in seinen Zuhörern Staunen und wohl auch gelegentlich wohliges Gruseln weckte. Die Kameraden wurden dann zu Kindern. Sie lagen schweigend, fast starr in ihren hölzernen, doppelstöckigen Betten und lausch49

ten Gödekes Erzählungen. Vielleicht empfand dann sogar Roman, der besonders auf Gödeke herumhackte, in diesen Minuten einen Hauch von Zuhause. Im Allgemeinen schliefen die Stubengenossen nach einer Viertelstunde oder so darüber ein. Gödeke, versunken ins Erzählen, spann den Faden seiner Geschichten weiter, es sei denn, einer zischte schließlich: »Halt die Fresse, du Sack!« Es gab andere Nächte, in denen Gödeke vor Heimweh nicht schlafen konnte. Als seine Mutter ihn einmal (einmal!) besuchte, flehte er sie weinend an, ihn nach Hause mitzunehmen. Sie sagte, das dürfe sie nicht. Es sei Krieg, und in Hannover fielen Bomben. Aber im Lager würde er gequält und keiner hielte zu ihm, er würde gehänselt und geschlagen, der Lagerleiter sei gemein, jammerte er. Um Gotteswillen, gegen »die da« dürfe man nichts sagen, mahnte seine Mutter angstvoll und wer sich nicht an die Gesetze hielte, der käme ins Kazett. Er lief eine Weile hinter dem Autobus her, als sie abfuhr. Als er zurückkam, nannte ihn Roman »Muttersöhnchen« und »Memme«. Es war Krieg, natürlich. Das wußte Gödeke. Schließlich hatte ihnen Brenzler im Schulunterricht oft genug erklärt, wie man mit den Maschinengewehren »schnurrrrrrrrr« gegen die bolschewistischen Untermenschen kämpfte. Und daß dieser Krieg siegreich zu Ende gehen würde, wußte er auch. Schließlich war da ja noch die Wunderwaffe des Führers, die V2. Und die Panzerfaust. Alle Kinder waren überzeugt, daß das Gute schließlich über das Böse siegen würde. Der Endsieg stand kurz bevor. So war es ja auch in den Büchern, die sie in Oderbrück ausleihen konnten, vorausgesagt. Vor allem »Der Kampf um Narvik« hatte Gödeke sehr beeindruckt, und er bewunderte jene tapferen deutschen Soldaten, die da in der nordischen Eiseskälte Leib und Leben für Führer, Volk, und Vaterland einsetzten.

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8.

Aus dem Dunkel löst sich Magdalenas Gesicht, die rechte Seite im Halbschatten. Sie war eine schöne Frau, die auf diesem Bild einen ruhigen Ernst ausstrahlt. Sie muß etwa 45 Jahre alt gewesen sein, als Gödeke die Aufnahme machte. Er erinnert sich, daß sie das Porträt nicht mochte. Er hätte vielleicht einen Weichzeichner verwenden sollen und für etwas sanfteres Seitenlicht sorgen sollen. Aber eine Kleefelder Wohnküche ist kein Fotoatelier. Die Mutter sieht dennoch feierlich schön aus. Auf der hohen Stirn deuten unregelmäßige feine Runzeln die Kümmernisse vergangener Jahre an. Aber sie war eine schöne Frau. Klare Augen, eine gerade Nase und ein weicher Mund. Von allen Bildern, die Gödeke von Magdalena besitzt, mag er dieses am liebsten. Er versucht sich vorzustellen, wie sie die Jahre ohne ihn verbracht hat. Was mag sie empfunden haben, als sie ihr Kind zum Wülfeler Bahnhof brachte, wo es mit vielen anderen Jungen in den Zug stieg, der ihn in Sicherheit vor den Bomben bringen sollte? War sie froh, ihn schützen zu können? Hatte sie geweint? Als sie zurück in ihre Wohnung ging, wie war das? Schweigende Möbel um sie herum? Nein, da war noch der kleine blonde Halbbruder, Sohn des Stadtangestellten Hermann Lamm, der in der Ukraine gefallen war. Konnte sie mit ihrer Mutter Anna über ihre Einsamkeit sprechen? Die Stadt war eine Weile von schweren Luftangriffen verschont geblieben, und als am 26. Juli 1943, es war ein sonniger Sommertag, um 11.48 Uhr die Alarmsirenen heulten, sahen die Spaziergänger auf der Georgstraße kaum auf. Immerhin war es für Hannover der 364. Fliegeralarm. Möglich, daß die Kinder wieder einmal auf ein ein paar Splitter oder gar einen Zünder hofften. Die wurden gesammelt und getauscht. Sicher, es gab schon zerstörte Häuser, aber bisher hatte es mehr Papier als Feuer vom 51

Himmel geregnet: Flugblätter und Propagandaschriften. Viele Leute in der Stadt glaubten noch nicht an den bitteren Ernst des Luftkriegs. Immerhin war ja doch einer von hier mal König von England gewesen, und deshalb würden die Tommies Hannover wohl verschonen. Aber die Zerstörung der Stadt war längst auf der britisch-amerikanisch Konferenz von Casablanca beschlossen worden, vor allem die Vernichtung der Continental-Werke, Deutschlands größter Hersteller von Flugzeug- und Autoreifen. Roosevelt und Churchill wollten durch die Vernichtung von Wohnanlagen und Wohnbezirken zugleich die Rüstungsproduktion ausschalten. Vereinbart war, daß die US-Air Force bei Tage präzise Angriffe und die Royal Air Force Nachtangriffe mit Flächenbombardements fliegen sollten. Im Gegensatz zur Bevölkerung machten sich die Funktionäre der NSDAP, die Chefs der Behörden und die Kommandeure der Luftverteidigung keine Illusionen. Selbst das Dröhnen vieler Motoren am Himmel veranlaßte an diesem Tag nur wenige, einen Luftschutzkeller aufzusuchen. Man war eher neugierig. Es waren 92 viermotorige Bomber vom Typ B-17 der 8. US-Luftflotte im Anflug. Um 12.04 Uhr schlug die erste Sprengbombe ein. In den nächsten sechs Minuten fielen weitere 287 Sprengbomben, 32 Flüssigkeitsbrandbomben und 25000 Stabbrandbomben. Die Conti und andere Industriegebäude wurden schwer getroffen, aber auch Wohnhäuser vor allem in der Altstadt. Getroffen wurde auch das Leineschloß, in das die Brandbomben durch die Decken hindurch bis in die Säle fielen. Das Opernhaus brannte lichterloh, und das Wahrzeichen der Stadt, die Turmhaube der Marktkirche fiel brennend herunter. Von den Bomben getroffen wurden auch das Cafe Kröpcke, das Zeughaus am Waterlooplatz, das Wangenheimsche Palais, die Markthalle und die Klickmühle. Fast 300 Tote, mehr als 400 Schwerverletzte und 4000 Obdachlose waren die Opfer dieses Luftangriffs. Er war nur der Auftakt. Der technische Fortschritt beflügelte die Erfolge der alliierten Bomber. Neuerdings ermöglichten Radarzielgeräte auch Bombereinsätze 52

bei Nacht und bei schlechter Sicht. Nebel und dichte Bewölkung hatten bisher Probleme bereitet. Nun aber waren die Zielgeräte erheblich verbessert worden. Bei welchem der häufiger und heftiger werdenden Luftangriffe hatte Magdalena ihr Obdach in der Scheffelstraße verloren? War sie im Luftschutzkeller, als die Bombe einschlug? In einem Bunker? Allein im September wurden 25 000 Menschen »ausgebombt«. In der Nacht zum 9.Oktober 1943 glühten die »Tannenbäume« zum endgültigen Untergang der Stadt: weiße, rote und grüne Zielmarkierungen für rund 500 britische Bomberbesatzungen. Es war eine halbe Stunde nach Mitternacht, als dröhnende Sirenen die Menschen in der Stadt aufschreckten. Tausende suchten Keller und Bunker auf, viele mit dem Gefühl, es werde schon nicht so schlimm werden; denn in den zurückliegenden Wochen hatten sie sich oft »umsonst« mit ihrem Luftschutzgepäck abgeschleppt. Der Drahtfunk meldete »zwei starke feindliche Verbände«, die auf einen gemeinsamen Kurs in Richtung Hannover eingeschwenkt waren. Vielleicht würden sie ja über die Stadt hinausfliegen. Vergebliche Hoffnung. In das anschwellende grollende Donnern am Himmel mischt sich das grelle Pfeifen der Bomben. Unten heult das Feuer auf, Luftminen reißen riesige Krater auf, Phosphorkanister und Stabbrandbomben überschütten ganze Häuserblöcke mit ihrem Feuer, verzehren den Luftsauerstoff, so daß von allen Seiten Luft ins Vakuum strömte und gewaltige Feuerstürme erzeugten. Es war der letzte Tag des alten Hannover. Er endete unter 3000 Sprengbomben, 28 000 Phosphorbrandbomben und 230 000 Stabbrandbomben auf das Stadtzentrum abwarfen. In Statistiken las Gödeke später: 1245 Tote, 447 Schwerverletzte, 250 000 Obdachlose. Die Hälfte der Bewohner hatte jetzt kein Dach mehr über dem Kopf. Sechs Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten die Straßen. Das Thermometer in der Kröpcke-Uhr, ein Wahrzeichen der Stadt, zeigte das Grauen an: nach dem Angriff stieg die Temperatur im Zentrum von 10° auf 34° Celsius an. Tagelang kühlte die Feuerwehr die Trümmermassen. Es gab nur wenige Särge, die meisten Toten 53

wurden zuerst in geschlossenen Abteilungen auf drei Friedhöfen »niedergelegt«. Im November kam der Reichpropagandaminister Goebbels nach Hannover und überbrachte den Hannoveranern eine »Botschaft des Führers« und rief zum Durchhalten auf. Im September 1944 befahl der Führer den »Volkssturm«. Alle bisher nicht einberufenen Männer zwischen 16 und 60 Jahre, es waren 20 000 im Gau Südhannover-Braunschweig, wurden eingezogen. Aber die Menschen hatten den Krieg satt und sehnten sich nach Frieden. Es gab immer weniger Lebensmittel, weil die näherrückenden Fronten die Erzeugung und den Transport zusammenbrechen ließen. Auch bei den Kindern in Torfhaus rückte das Kriegsende näher. Einer aus der Stube Udet hatte heimlich einen Detektor gebastelt. Ein Antennendraht zog sich zwischen Wand und Zimmerdecke und zwischen Tür und Fenster hin. Er war kaum zu sehen, und das scharfe Knistern im Kopfhörer wurde nur zuweilen von einer menschlichen Stimme begleitet. BBC London! Gödeke durfte auch mal hören (»Aber halt die Schnauze, sonst...!«) aber er verstand kaum etwas. Immerhin war es verboten und spannend. Nun müßte ja bald der Endsieg kommen. Der zackige Lagerleiter war plötzlich verschwunden. Die Kinder begriffen: Er war mit seiner Frau und dem Motorrad getürmt. Deutsche Soldaten tauchten in Torfhaus auf. Die Kinder verließen den Ort. Einer der Väter brachte einige von ihnen, darunter Gödeke, mit einem dreirädrigen Fahrzeug hinunter nach Bad Harzburg. Dort sollte ein Zug nach Hannover auf sie warten. Aber da war kein Zug. Am 11. April, so las Gödeke ein halbes Jahrhundert später, hat das dem Spenglerschen benachbarte Wulfertsche Hotel in Torfhaus bei einem Bombenangriff einen Volltreffer bekommen. Sechs deutsche Soldaten und Volkssturmmänner kamen ums Leben. Auch in die Torfhauswiese in Richtung Forsthaus gruben sich Bomben ein. Am Abend des 14. April 1945 hatten sich die Truppen des 26. Amerikanischen Infanterie-Regiments an die Siedlung herangearbeitet, die aber noch von SS-Truppen verteidigt wurde. 54

Später begannen von den Torfhaus-Wiesen aus mehrere USBatterien den Kampf um die »Höhe 1142«, das Brocken-Massiv. Von Schierke aus erreichten die Amerikaner den Brocken. Die Festung Harz war erobert. In Hannover gingen die Luftangriffe noch weiter. Unaufhörlich heulten die Sirenen. Unaufhörlich Angst und Hunger. Hoffnungslosigkeit. Der Gauleiter verlas einen Durchhalteappell im Rundfunk: »Lieber tot als Sklav«. Er drohte:«Wer nicht mit uns ist oder feige die verräterische Hand gegen unsere gerechte Sache erheben sollte, wer weiße Fahnen hißt und sich kampflos ergibt, ist des Todes.« Er versprach: »Ich werde alles, aber auch alles tun, Euch zu betreuen und zu führen, Euch zu unterrichten und rechtzeitig zu warnen.« Sprachs und setzte sich in den Harz nach Hahnenklee ab. Vergaß auch nicht, ein paar Millionen Reemtsma-Zigaretten mitzunehmen. Die Stadt war inzwischen unregierbar geworden, es gab keine öffentliche Ordnung mehr, die Plünderungen nahmen zu. Am nebligen Morgen des 10.April 1945 marschierten die Amerikaner ein. Noch vor ihnen war Gödeke eingetroffen.

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9.

Eine Straßenecke, unzerstört. Auch das Pflaster des Bürgersteigs ist heil. Hermann-Schaper-Platz steht auf dem Emailleschild an der Hauswand. Nach Entwürfen von Hermann Schaper war 1893 die Marktkirche neu ausgemalt worden. Auf der rechten Bildseite vor dem nebelverhangenen Hintergrund die Silhouette einer Straßenlaterne ohne Glasscheiben und Glühlampen. Diese Ecke von Hermann-Schaper-Platz und Berckhusenstraße im Vorort Kleefeld ist eine der ersten Fotografien, die Gödeke selbst aufgenommen hat. An die Hauswand hat jemand in riesigen weißen Großbuchstaben gemalt: NIE WIEDER BARRAS. Er war fast am Ziel. Gödeke schleppte einen grauen Pappkoffer mit sich. Seit drei Tagen war er unterwegs. Nicht eine Minute hatte ihn die Angst losgelassen, daß ihm der Koffer gestohlen werden könnte. Nichts auf dieser Welt war sicher. Gleich am ersten Tag, als er allzu hastig beim Geheul einer Luftschutzsirene Versteck in einem Gebüsch gesucht hatte, war der Griff abgerissen. In der Nähe hatte er etwas papiernen Bindfaden gefunden, mit dem er den Griff wieder festband. Manchmal hatte er das schwere Ding eher gezogen als getragen. Er blieb stehen, setzte den Koffer ab und schob sein rechtes Knie dagegen. Nun bewachte das Knie den Koffer. Gödekes Schultern hingen herab. Er war blaß und staubbedeckt, aber sorgfältig gekämmt. Der Kamm steckte in der rechten Brusttasche seines Braunhemds. Es gab immer irgendwo Wasser, um den Kamm einzutauchen und die feuchten Zacken durch das glatte linksgescheitelte Haar ziehen zu können. Der Junge sah sich um: Die Straße war leer, die Fahrbahn von Schutt befreit, gesäumt von meterhohen Backstein-Stapeln, verrenkten Laternenpfählen, elektrischen Masten und entrindeten Straßenbäumen. Manche trieben hellgrüne Blätter aus. Es war April. 57

Vor dem Bunker an der Hildesheimer Straße stand ein verlassener Tiger-Panzer. Das Geschützrohr, ein Wegweiser zur Stadt. Wozu ein Panzer gut ist, wußte Gödeke natürlich. Man braucht ihn zum Kampf gegen die Untermenschen, die Bolschewiken, die deutsche Mädchen vergewaltigen und gegen die amerikanischen Neger, die den Frauen die Finger abschneiden, wenn ein Ring daransteckt. Unter einer Vergewaltigung kann er sich nichts rechtes vorstellen, und das mit dem Fingerabschneiden glaubt er nicht. Die Schwarzen hatten ihm Weißbrot und Schokolade geschenkt. Ein Pferdewagen rollte an ihm vorbei, langsam und laut. Auf dem Kutschbock saß ein deutscher Soldat in ziemlich lädierter Uniform, der kaum einen militärischen Eindruck machte, eher wie ein Bauer aussah. Ein paar Meter weiter hielt der Soldat den Wagen an. »Willste mit?« Er wandte kaum den Kopf. Gödeke hob seinen Koffer hinauf und kletterte auf den Bock. Auf die Frage, wohin er wolle, sagte er: »Nach Hause.« Wo das war, wußte er nicht; denn die Stadt war völlig verändert, und er hatte sie ja auch überhaupt gar nicht gekannt. Marstall, Steintor, Klagesmarkt, Scheffelstraße, und jetzt Kleefeld! »Kleefeld«, sagte er. Der Soldat war schweigsam, sprach kein Wort mit ihm, und Gödeke wußte auch nicht, worüber er mit dem Landser hätte reden können. War der vielleicht desertiert? Wieso zockelt ein deutscher Soldat mit einem Pferdewagen durch die Gegend? Überall nur Trümmer. Am Aegidientorplatz zeigte der Soldat in eine Trümmerstraße, die rechts abbog: »Da geht’s weiter. Immer geradeaus.« Gödeke stieg ab, nahm seinen Koffer. Der Pferdewagen rumpelte davon. Nach Kleefeld ist es weit, und der Weg ist anstrengend, wenn man einen solchen Koffer mitzuschleppen hat. Immer wieder mußte Gödeke über Schutthaufen, umgestürzte Bäume oder andere Hindernisse klettern. Links eine Kirche ohne Turm, rechts ein fast ganz von Bomben verschontes Krankenhaus mit hohen Rundbogenfenstern, fast alle mit Pappe oder Sperrholz zugenagelt, dann eine Eisenbahnbrücke, langgestreckte Backsteingebäude hinter hohen Mauern und Zäunen... allmählich schien die Welt 58

eine gewisse Ordnung zurückzugewinnen. Gödeke wechselte auf die andere Straßenseite, eigentlich ohne Grund. Bisher war die lange Straße fast menschenleer gewesen. Plötzlich waren viele Menschen um ihn herum, Frauen mit Kopftüchern und viele alte Männer. Sie trugen in Netzen, Körben und Tüchern etwas aus einer Art Halle heraus, in Eile, wie es schien und von einer unbestimmbaren Furcht erfüllt. Gödeke blieb stehen und versuchte herauszubekommen, was sie da aus der Halle herausholten. Es waren Konserven. Gemüse oder vielleicht sogar Fleisch. Eine halbe Stunde später stand er vor dem Kleefelder Bahnhof. Er erkannte die Stelle wieder, an der er ein Jahr zuvor auf dem Bauch gelegen hatte, als plötzlich ein Tiefflieger die Bahnlinie entlang gebraust kam und aus seinen Bordkanonen feuerte. Langsam wanderte er weiter, wunderte sich, daß hier fast alle Häuser unversehrt waren, fand die Hausnummer 67 und stieg die Treppe hinauf, ganz nach oben. Niemand öffnete auf sein Klingeln. Nach einer Weile steckte die Flurnachbarin ihren Kopf durch das kleine Fensterchen in ihrer Wohnungstür . (»Klappe« sagte man hier dazu) und gab Auskunft: »Die sind im Bunker.« Klappe zu. Gödeke wußte, welcher Bunker gemeint war. Im Jahr zuvor (er war auf »Urlaub« zu Hause gewesen) war er oft genug nachts und auch bei Tag den Weg dahin gestolpert, wenn Alarm gegeben wurde, übermüdet und manchmal nur halb bei Bewußtsein, angetrieben von Omas Geschimpfe über seine Bummelei, verwirrt vom hilflosen Weinen der Mutter. Die sind im Bunker. Er wagte nicht, den Koffer vor der Wohnungstür stehenzulassen und schleppte ihn wieder mit. Zurück zum Bahnhof, durch die Halle hindurch zur anderen Seite des Bahndamms, wo der Bunker stand. Im Eingang sagte ihm jemand, wo er seine Angehörigen finden konnte. Ohne den Augenblick des Wiedersehens besonders wahrgenommen zu haben, fand er sich plötzlich im Gespräch mit der Mutter und der Großmutter. Sein Bruder, acht Jahre alt und sehr blond, starrte ihn neugierig an. Die Frauen betasteten ihn, hantierten an seiner dürftigen Bekleidung und stellten Fragen. 59

Was in dem Koffer sei. Ach, Bücher und so. Und das Bett? Das Bett? Er habe es nicht mitgebracht, es wäre zu schwer gewesen und wahrscheinlich hätte man es wohl sowieso geklaut. Er hat das Bett nicht mitgebracht. Ob er Hunger habe. Wie er denn hergekommen sei. Das war so: Der Vater eines Lagerkameraden hatte ihn und ein paar andere von Torfhaus bis Bad Harzburg mitgenommen. Dort sollte angeblich ein Zug stehen, der für Hannover bestimmt war. Aber es war nur ein Gerücht. Oder eine Lüge. Er ist dann zu Fuß weitergegangen. In einer Toreinfahrt hatte er ein Fahrrad gefunden und versucht, seinen Koffer darauf zu transportieren, aber es ging nicht. Ein Motorradfahrer hatte ihn und den Koffer dann im Beiwagen mitgenommen bis das Benzin alle war. Dann waren da irgendwann amerikanische Panzer. Männer mit schwarzen Gesichtern und schneeweißen Zähnen darin. Die Amerikaner hatten ihm zu essen gegeben und ihn ein Stück mitgenommen, bis sie nach Osten abbiegen mußten. Für seinen Halsknoten und das schwarze Tuch gaben Sie ihm Schokolade und weißes Brot. »Sie haben dir nichts getan?« Nein. Dann hatte ihn einer der bulligen Lastwagen mit den dicken Reifen und dem großen weißen Stern auf der Tür mitgenommen. Wieder Fußmarsch, dann ein Kübelwagen der Wehrmacht, ein Pferdewagen. Drei Tage. Nun sei er hier. Und die Nächte? Die Nächte? Die Frauen weinten. Gödeke schlief ein. Als er wieder erwachte, hörte er die Leute im Bunker von der Bekanntmachung des Gauleiters sprechen, wonach die Stadt bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werde. Am Tag darauf, im Morgengrauen des 10. April, marschierten drei US-Regimenter über Ahlem, Stöcken und Vinnhorst in die Stadt ein. Es gab kaum Widerstand; in Kleefeld trottete am späten Vormittag ein Trupp deutscher Soldaten in Richtung Misburg am Haus der Lamms in der Berckhusenstraße vorbei. Aus vielen Fenstern hingen weiße Fahnen und rote, aus denen das Hakenkreuz herausgetrennt war. Lautsprecher auf den Lastkraftwagen der 9. Armee verkündeten Ausgangssperre und Tod für jeden, der dagegen verstoße. 60

Alle Waffen, so wurde verlangt, müßten bei der Präfektur des Military Governments abgeliefert werden. Gödeke holte das Luftgewehr aus dem Kleiderschrank und brachte es selbst zur Präfektur. Er wußte, daß auch Luftgewehre Waffen waren. Die kreisförmige Narbe an seinem linken Knie stammte von einer Luftgewehrkugel, und die geplatzten Blutgefäße unter seinem rechten Auge waren die Folgen eines Hiebs mit dem Kolben eines solchen Gewehrs. Beide Verletzungen stammten aus der Zeit der Straßenkämpfe in der Nordstadt, in die auch die Kleinsten immer wieder verwickelt worden waren. Die Tage waren erfüllt von Ängsten, Hoffnungen und Gerüchten. Die Berichte über die grauenhaften Zustände in dem von britischen Soldaten befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen erschütterten die Welt. Angehörige des ehemaligen SS-Wachpersonals bestatteten unter britischer Aufsicht Tausende von Leichen, die im Freien liegengelassen worden waren. Von den 60 000 Überlebenden starben trotz der Bemühungen der britischen Sanitätseinheiten weitere 13 000 Menschen. Ob der Führer von diesen Greueln gewußt oder sie angeordnet habe, war immer wieder das Thema absurder Gespräche An Gödekes 12. Geburtstag beging Adolf Hitler in seinem Berliner Führerbunker Selbstmord. Eva Braun, seine geheimgehaltene Geliebte seit 1931 und Ehefrau für einen Tag war kurz zuvor in den Tod gegangen. Die Rote Armee stand schon in der Reichshauptstadt. Einen Tag später tötete Paul Joseph Goebbels seine sechs Kinder, seine Frau und sich selbst. Am selben Tag bildete Großadmiral Karl Dönitz in Flensburg eine »geschäftsführende Reichsregierung«, die die Kapitulation einleitete und unterzeichnete. Kurz darauf wurde die Regierung Dönitz von den Alliierten verhaftet. Der Großadmiral, dessen U-Boot-Flotte den Geleitzügen im Atlantik schwer zu schaffen gemacht hatte, wurde 1947 wegen Verbrechens gegen das Kriegsrecht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Kleefeld, im Osten der Stadt gelegen, hatte den Krieg fast unzerstört überstanden. In den Villen und Gartenhäusern »hinter der 61

Bahn« hatten sich höhere Chargen der britischen Besatzungsmacht eingerichtet, und Magdalena fand Arbeit in der Küche eines Clubs am Rande der Eilenriede, aus der sie gelegentlich weißes Brot, etwas Schokolade oder sogar ein Stückchen Butter herausschmuggeln konnte. Das linderte den Hunger bei Lamms jedoch nur unwesentlich. Die Oma war nach ihrer Ausbombung zur Tochter nach Kleefeld gezogen und schlief in einem der kleinen Zimmer mit Dachschräge zur Berckhusentraße hin. Gödeke hat nie erfahren, was aus dem Opa geworden war. War er ums Leben gekommen? Hatten die Großeltern sich scheiden lassen? War so etwas zu der Zeit überhaupt möglich? Er fragte auch nie danach. Man wohnte in der Küche. Sie war klein, aber sie bot immerhin Platz für ein dreisitziges Sofa, einen Küchenschrank in hellgelbem Schleiflack und einen Eßtisch mit zwei herausziehbaren Spülbecken. Wie in allen Wohnungen der Baugenossenschaft verfügte die Küche über einen Kohleherd mit einer angebauten zweiflammigen Gas-Kochstelle. Für den Kohleherd, neben dem anspruchsvoll ein so genannter Ascheneimer stand, fehlte es an Heizmaterial. Und im Übrigen war da ja kaum etwas, was man hätte kochen können. Gas gab es nur zu bestimmten Tageszeiten, und auch elektrischer Strom war knapp. In den ersten Tagen nach dem Einmarsch der Amerikaner gab es gar keinen, dann stundenweise, und es war pro Raum nur eine Glühlampe erlaubt. Ende April gab es elektrischen Strom nur für ein Viertel der Einwohnerschaft, immerhin waren die wesentlichsten Schäden der Versorgungsleitungen bis August behoben. Eigentlich eine unglaubliche Leistung; denn fast alle Schadstellen waren durch meterhohe Trümmerberge blockiert. Aber bis 1948 gab es Probleme mit Strom und Gas. Rationierung war unumgänglich. Erst 1949 gab es wieder beleuchtete Schaufenster in der Stadt. Zwischen dem Herd und der Tür zur Speisekammer war an der mit hellgrüner Ölfarbe halbhoch gestrichenen Wand ein Spülbecken angebracht, ein Gossenstein, wie man damals sagte. Das hatte 62

nichts mit der Gosse auf der Straße zu tun, sondern mit gießen, groß, gegossen. Vermutlich war der Ausguß früher tatsächlich steinern, ein Gossenstein. Neben dem Gossenstein befand sich die Speisekammer. Es war zwar kaum etwas darin, aber immerhin: so etwas gibt es heute kaum noch. Man lebte hauptsächlich von einer lichtblauen Flüssigkeit, euphemistisch Magermilch genannt, in die man trockenes Brot »einplockte«, von eklig schmeckender Molke und weichem gelben widerlichem Maisbrot. Zwar hatte es anfangs in den Lagerhäusern der Wehrmacht am Nordhafen Tausende von Tonnen ungemahlenen Korns gegeben, das mit Pferde-und Lastwagen in die Calenberger Mühle gebracht wurde, wo es zu Mehl verarbeitet und an die Bäckereien verteilt wurde. Aber zum einen fehlte es an elektrischem Strom für die Mühle und an Kohle für die Bäckereien und zum anderen wurde angeordnet, mit Zusätzen zu arbeiten, um die Getreidemengen zu verlängern. Das Backen von Weißbrot oder Kuchen war streng verboten, und als die Versorgung ganz zu versagen drohte, wurde importierter Mais verbacken. Um ein solches Brot zu erlangen, stellte Gödeke sich frühmorgens um fünf Uhr beim Bäcker in einer Schlange an. Der Bäcker öffnete dann sein Geschäft gegen sieben oder acht, manchmal, um mitzuteilen, daß er kein Brot habe. Dann gab es »Nummern«, die am nächsten Morgen zum Kauf von Brot berechtigten. Vorausgesetzt, man hatte überhaupt noch Lebensmittelmarken. War dann tatsächlich Brot im Haus, stellte sich die Frage, ob und wie man eine Scheibe davon belegen konnte. Dünn mit Zucker bestreut (solange der Plündervorrat reichte) schmeckte sie immerhin etwas besser als bestrichen mit der so genannten Vierfruchtmarmelade, einem seltsamen Süßprodukt, das aussah wie rotgefärbter Kartoffelbrei. Ein Produkt jener Tage war das künstliche Gänseschmalz. Man kochte dazu Grieß, Salz und wenn greifbar – ein Lorbeerblatt in Wasser; untergerührt wurde eine Zwiebel, die vorher in wenig Fett gebräunt worden war. Das schmeckte gar nicht so übel. 63

Als Brotaufstrich diente darüber hinaus alles, was streichfähig und »organisierbar« war. Zu den wertvollsten Beutestücken beim »Organisieren« gehörten die Zuckerrüben vom Kronsberg. Dieses leicht hügelige Gelände – später Schauplatz der Weltausstellung Expo 2000erlebte Gödeke als eine neblig-trübe Dämmerlandschaft, in welcher gebückte Schatten im feuchten Kraut hockten und mit schmerzenden Fingern Rüben ausbuddelten. Man sprach nur flüsternd miteinander; es konnte ja ein Bauer, ein Wächter oder Polizist auftauchen. Auf dem dunkelrot gestrichenen eisernen Bollerwagen zogen Oma und Gödeke die Beute nach Hause. Es war ein langer Weg. Schon der Hinweg hatte den Jungen erschöpft. Die zerkleinerten Rüben wurden in der Waschküche verarbeitet. Vermutlich haben alle Hausbewohner Rübenraubzüge im Morgengrauen unternommen; es schien Gödeke, als habe es einen Plan für die Benutzung der Waschküche gegeben. Keinesfalls konnte die Sirup-Produktion geheim vonstatten gehen. Der Geruch durchströmte die Kellerräume und alle drei Etagen des Hauses. Die einzelnen Arbeitsgänge bei der Verarbeitung der Rüben zu richtigem Brotaufstrich bekam Gödeke nicht mit. Seine Mitwirkung wurde erst erforderlich, wenn der große Waschkessel angeheizt war und die Rüben mit einer schweren, langen Holzstange gerührt werden mußten. Dies geschah, soweit es Gödeke betraf, oft unter Tränen. Es war für einen halbverhungerten Jungen eine harte Arbeit, und die Ablösung kam immer viel zu spät. Trinkwasser mußte in den Tagen nach Kriegsende zu bestimmten Zeiten vom Hydranten auf dem Schaperplatz geholt werden. Das Wasserleitungsnetz der Stadt war an rund 2000 Stellen durch Bomben zerstört worden. Mit einem Eimer, dessen Emaillierung nur noch in Ansätzen vorhanden war, stellte sich Gödeke in die Schlange der Wasserholer. Vollständig erhalten war allerdings das Fassungsvermögen des Gefäßes, wie beim Heimtragen und Erklettern der Treppe deutlich zu spüren war. Militärmäntel und Uniformteile mußten umgefärbt werden. Zivile Kleidung gab es noch nicht wieder zu kaufen. Die Mädchen 64

mußten sich mit umgearbeiteten Kleidern der Mütter und Großmütter begnügen. Die Jungen trugen feldgraue oder luftwaffenblaue Jacken und Hosen, Skimützen, Schnürstiefel, und wer einen dicken Uniformmantel besaß, kam gut durch den Winter. Die Wehrmachtsuniform war für viele entlassene Kriegsgefangene und ehemalige Soldaten die einzige Bekleidung. Der Britische Stadtkommandant konnte dies zwar nicht verbieten, aber er ordnete an, daß alle Uniformen bis zum 1. Dezember schwarz oder blau eingefärbt werden mußten. Magdalena verstieß gegen die von der Militärregierung erlassene Verordnung, wonach sich niemand mehr als 30 Kilometer von seinem Heimatort entfernen durfte. Sie hatte einen guten Grund dafür: Gödekes erbärmlichen Gesundheitszustand. In Hameln hatte sie eine Freundin, die Gödeke Tante Käthe zu nennen gewohnt war. Tante Käthe hatte »Beziehungen«, die dazu führten, daß Gödekes durch die Hungerjahre desolater Konstitution mit Hilfe von amerikanischem Weißbrot, süßem sahnereichen Tee, Schokolade und anderen unglaublichen Köstlichkeiten aufgeholfen werden konnte. Auf Tante Käthes Sofa mit dem floralen Bezug lag Gödeke eines Tages mit heftigen Leibschmerzen. Ein Mann, möglicherweise ein Arzt, kam und drückte an ihm herum, urteilte schließlich, Gödeke müsse sofort ins Krankenhaus. Das aber schien in der Rattenfängerstadt Hameln nicht möglich zu sein. Entweder weil es dort kein freies Bett für einen halbverhungerten Bengel mit Appendizitis gab, oder weil herausgekommen wäre, daß gegen den erlaubten Bewegungsradius der Militärregierung verstoßen worden war. So machten sich Magdalena und Gödeke mit Fahrrädern – wie immer sie auch beschafft worden sein mochten – auf den Weg nach Hannover. Ein paarmal mußten sie die Landstraße verlassen und sich über Feldwege und durch Waldstücke um militärische Posten herummogeln. Nachmittags erreichten sie das teilweise zerstörte Henriettenstift in Hannover. Gödeke versuchte, vom Rad abzusteigen. Es mißlang; er stürzte und verlor die Besinnung. 65

Als er wieder zu sich kam, lag er ausgestreckt auf einem Operationstisch und hörte Leute etwas über Äther und eine Apotheke sagen. Möglicherweise wurde jemand in eine Apotheke geschickt, um dort Äther zu besorgen, weil es im Krankenhaus keines mehr gab. Als der Äther eingetroffen war, dachte Gödeke, es ginge nun ans Sterben. »Zählen, zählen…« rief man ihm zu, und er zählte und zählte, und das Zählen schien kein Ende zu nehmen. Er kam wohl bis 96 oder so. Später lernte er, daß das Wort Äther aus dem Griechischen kommt und soviel bedeutet wie »Himmelsluft«. Er hätte es wohl eher als »Höllenpest« eingestuft. Das Zeug (Diäthyläther) ist glücklicherweise außer Gebrauch gekommen. Sowie Gödeke die scheußlichen Nachwirkungen einigermaßen überstanden hatte, wurde er in einem Krankenwagen in ein Kinderkrankenhaus in Nienstedt am, Deister gefahren. Die Straßen waren durch die Kriegseinwirkungen in sehr schlechtem Zustand, entsprechend schmerzhaft war der Transport. Vermutlich hat er geweint. Doch ein paar Tage später mußten ihn die Schwestern, denen er entwischt war, schon von der Turnstange im Klinikgarten pflücken. Man zupfte erschrocken an seinem Verband und steckte ihn wieder ins Bett.

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10.

Ein Zug mit offenen Waggons, beladen mit Kohle. Auf einem der Waggons mehrere Kinder in kurzen Hosen und mit Kniestrümpfen. Einer der Jungen, er trägt ein verschlissenes Braunhemd, ist barfuß. Ihre Gesichter, soweit sie dem unbekannten Pressefotografen zugewandt sind, drücken Anspannung und Angst zugleich aus. Sie haben Tüten und Beutel bei sich, in die sie die Kohlen einsammeln. Wenn der Zug langsam genug fährt, werden sie an den Waggons hinabturnen und abspringen. In jenen Tagen waren sie alle Bettler, wilde, kleine, unterernährte und rücksichtslose Bettler. Ihr Revier war ein staubiger Fußweg, der zwischen der Ebellstraße und dem Nackenberg verlief, ein im Sommer von gleichgültiger Sonne und erbarmungslosem Wind traktierter Sandstreifen zwischen dem Bahnkörper und dem Ebellschen Maisfeld. Dort standen sie winkend, wenn ein »Ami-Zug« vorbeikam. Manchmal regnete es Sandwichpäckchen und Tüten mit Pulver, aus denen man Milch oder Eierspeisen bereiten konnte. Die Züge waren in harten Prügeleien unter die Kinderbanden aufgeteilt worden. Die Bande, der Gödeke angehörte, hatte Anspruch auf den Mittagszug. Leider kam er nicht an jedem Tag. Die Bahnlinie trennte Kleefeld in zwei Teile. Auf der einen Seite lebten die Leute in hübschen Häusern und ansehnlichen Villen, auf der anderen in den Wohnblöcken der Baugenossenschaft. Gödeke und seine Familie gehörten zur Genossenschaftsseite. Dort herrschte eine absurde Feindseligkeit unter den Kindern. Die jungen Leute gehörten verschiedenen Banden an, die sich untereinander heftig befehdeten, ganz so, als müsse der Krieg auf den Straßen und in den Anlagen der Vorstadt fortgesetzt werden. Die stärkste Streitmacht bildeten die Widemänner, welcher Name sich von der Widemannstraße herleitete. Dies war die Straße der 67

Kinderreichsten. Sie wimmelte von Menschen zwischen acht und achtzehn Jahren. In einer Wohnung von vielleicht sechzig Quadratmeter Größe lebten Familien mit bis zu sechs Kindern, und manche hatten auch noch Untermieter. »Komm bloß keinem Widemann in die Quere«, hieß es in den benachbarten Straßen. Es gingen Gerüchte um, daß die Widemänner diesen oder jenen schrecklich zugerichtet hätten, aber es betraf eher die Älteren. Die kleinen Pökse wurden höchstens mit Kastanien beworfen, was aber auch ganz schön weh tat, wurde man am Kopf getroffen. Die Streitigkeiten, deren Ursache Gödeke nie begriff, zogen sich zwei oder drei Jahre hin, bis sie allmählich nachließen. In einigen Häusern am Dohmeyers Weg in Kleefeld waren schwarze GI’s untergebracht, denen Gödeke und andere Kinder Sprit (aus Plünderungen in Anderten) im Tausch gegen Weißbrot, Schokolade oder Zigaretten brachten. Oft verlangten die Soldaten, daß die Kinder einen Probeschluck nahmen, um sie von der Ungiftigkeit des Getränks zu überzeugen. Wie andere Mütter stellten auch Magdalena und Oma den Schnaps in der Weise her, daß sie den Sprit in einen Kochtopf gaben, ein brennendes Streichholz hineinwarfen und sofort einen Deckel darauflegten. Lebensgefährliche Herstellung, lebensgefährlicher Vertrieb und Genuß. Im Allgemeinen waren die Soldaten freundlich zu den Kindern. Gödeke bekam manchmal ein Sandwich oder ein Kaugummi geschenkt. Aus Kaugummi machte er sich nicht viel, er tauschte es weiter gegen Liebesmarken, von denen erstaunlicherweise eine Menge in Umlauf war. Magdalena verbot ihm bald, »zu den Negern« zu gehen. Im Nachbarhaus hatte ein schwarzer Soldat eine Frau geschlagen und vergewaltigt. Nachbarn hatten durch das geöffnete Fenster ihre Hilfeschreie gehört und die Militärpolizei gerufen. Zwei bullige MP’s mit weißen Helmen holten den Soldaten aus der Wohnung und warfen ihn in einen Jeep. Den Kindern in Kleefeld ging es insofern gut, daß sie nicht auf Trümmerbergen spielen mußten. Hier waren nur wenige Häuser 68

zerstört. Aber die Grenzen zwischen Spiel und lebensgefährlichem Abenteuer verwischten sich ohnehin. Sie unternahmen Expeditionen in zerstörte Gegenden der Stadt, suchten in Kellern, demolierten Hallen und ausgebrannten Gebäuden nach nützlichen Gütern und Gegenständen, nach Holz, Buntmetallen oder Lebensmitteln. An vielen Stellen lagen noch Waffen, Handgranaten und Sprengstoff herum. Manchmal endete das Spiel unter einstürzenden Ruinen oder Explosionen. Viele Kinder und Jugendliche verwahrlosten. Die Militärregierung wies die Stadtverwaltung an, daß die Jugend sinnvoll beschäftigt werden sollte. Der britische Stadtkommandant befahl dem Städtischen Schulamt, alle Kinder über 10 Jahre zum Arbeitseinsatz zu verpflichten, »mit dem Ziel, die Kinder von der Straße in die Schulgemeinschaft zurückzuführen und sie wieder an eine geregelte Tätigkeit im Dienst der Allgemeinheit zu gewöhnen«. Nachdem Gödeke ein paar Wochen lang Heilkräuter am Mittellandkanal gesammelt hatte, wurde er zu Aufräumungsarbeiten auf dem Dach eines Hauses in der Dragonerstraße eingeteilt. Wie die anderen Jungen warf er die Dachpfannen auf die Straße und freute sich an dem Scheppern. Beim Herumstöbern auf dem ausgebrannten Dachstuhl fand er ein seltsam geformtes Stück von nahezu durchscheinender, grünglasiger Beschaffenheit, eine in der Brandhitze geschmolzene Flasche. Der Anblick war sehr sonderbar. Während dieses Einsatzes betrat Gödeke zum ersten Mal in seinem Leben eine Kirche. Sie war ganz in der Nähe und diente dem Deutschen Roten Kreuz als eine Sammelstelle. Hier bekamen Ausgebombte Brot und Suppe. Gödeke und ein paar Kameraden stellten sich mit an und bekamen auch zu essen. In dem hohen leeren Gebäude standen Rotkreuzschwestern hinter langen Holztischen, auf denen große Töpfe silbrigmatt schimmerten. Sie tauchten eine Kelle hinein und gaben die Suppe auf hingehaltene Blechteller. Es erinnerte Gödeke etwas an die Essensausgabe im Lager Torfhaus, aber er staunte doch über die sonderbare Atmosphäre in dem Gebäude, die entfernt an eine Szene aus dem 69

Film »Wunschkonzert« erinnerte, der in Torfhaus vorgeführt worden war. Nächster Einsatzort: die Herrenhäuser Königsgärten. Jetzt von Fliegerbomben zerwühlt, waren sie der Stolz der Stadt gewesen. Sie hatte 1936 den Großen Garten und den gegenüberliegenden Berggarten als Eigentum erworben und aus seinem damaligen Verfall erlöst. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg hatte er sehr unter Vernachlässigung und stilwidriger Veränderung gelitten. Die häßlichen Lücken in den Heckenwänden waren geschlossen worden, die Steinfiguren ausgebessert. In den Sondergärten war wieder die Gartenkunst verschiedener Epochen und Stile zu betrachten, die Fontänen sprühten und abends glommen Hecken und Schloß, Galerie und Kaskade, die berühmte Grotte und die Wasser von Teichen und Graft im Glanz verborgen angebrachter Lichtquellen. Mit dem Krieg kam die Verdunkelung. Und 2364 Bomben hatten Krater in die Herrenhäuser Königsgärten gerissen. Die Schulkinder ohne Schule halfen, die Trichter wieder zuzuschütten. Die großen Schaufeln waren schwer. In den Wasserlachen am Grunde der Trichter hockten Hunderte von Fröschen. Sie erstickten einer nach dem anderen unter dem Bombardement. Manchmal rauchten die Jungen aus Pfeifen, die sie aus Kastanien und Holunderröhren bereiteten. Dazu verzogen sie sich in die Heimlichkeit der einstigen Sondergärten hinter den barocken Hecken. Manche waren ganz, andere teilweise zerstört worden. Vernichtet auch das Schloß, ein Fachwerkbau, der Brandbomben zum Opfer fiel. Der kleine Gödeke hatte an Opas Hand bestimmt öfters vor dem Bauwerk gestanden, aber zu jener Zeit war ihm der berühmte Garten absolut fremd. Ihn zu erkennen, fiel auch später noch den Erwachsenen schwer. Wo waren die bunten Beete im Luststück geblieben, die blühenden Ornamente und Buchsbaum-Arabesken, die kiesigen Schnörkel und überhaupt der Geist des barocken Ortes? Gödeke hat ihn später oft besucht, diesen Garten, der mit seinen zwanzig Kilometer langen Hecken, die sich in unbeirrbarer Geradlinigkeit durch ihn 70

hindurch ziehen, mit seinen ornamentreichen Parterrestücken aus Buchsbaum und Taxus, den phantasievollen Wasserspielen und barocken Beetgestaltungen einer der großen Festsäle Europas war. Hier versammelte die Kurfürstin Sophie die gelehrtesten Männer ihrer Zeit um sich. Sie schuf ein geistiges Universum europäischer Kunst und Kultur, in welchem als hellster Stern Gottfried Wilhem Leibniz glänzte. Kartoffeln wachsen nun im Luststück; Zeiten des Hungers. Und die großartige Linden-Allee, die zum Großen Garten hinführte, bietet nicht mehr die Gelegenheit zu Indianerspielen. Mit Stacheldraht eingezäunt, wird sie als Parkplatz für die ausrangierten Ami-Fahrzeuge verwendet. Das Ölgetropfe aus 18 000 Militärfahrzeugen hat die Allee denn auch gründlich ruiniert. Alle 2000 Linden mußten später gefällt werden, unheilbarer Ölkrankheit wegen. Ein anhaltender Strom von Menschen fließt in die zerstörte Stadt: Vertriebene, Flüchtlinge, Evakuierte und Ausgebombte. Die Stadt liegt im Schnittpunkt der Eisenbahnverbindungen in alle Himmelsrichtungen. So laufen fast alle Flüchtlingstransporte über Hannover. Die über die Durchgangslager Friedland, Helmstedt, Vorsfelde und Uelzen kommen, reisen weiter in das Rheinland und nach Süddeutschland. Natürlich gibt es keine funktionierenden Fahrpläne. Oft fallen Züge aus, unpünktlich und überfüllt sind sie immer. Die Menschen kämpfen um jeden Platz, klettern auf die Dächer der Waggons und hängen in Trauben an Abteiltüren. Tödliche Unfälle durch Abgleiten von den Trittbrettern sind häufig. Der Hauptbahnhof, dessen Ruine mit Holzbaracken und Nissenhütten angefüllt ist, wird zur Kulisse des Elends, der Bahnhofsvorplatz zum Zentrum des Schwarzhandels. »Dem Landesvater sein treues Volk« steht auf dem Sockel des Reiterstandbildes zu Ehren des Königs Ernst-August. Das »treue Volk« zu seinen Füßen handelt mit allem Denk-und Nutzbaren, mit Lebensmitteln, Zigaretten und Kaffee mit allen nur denkbaren Gütern und Gegenständen. Immer wieder lösen Menschengruppen sich auf, stieben auseinander: Razzia. 71

Ein erwachsener »Normalverbraucher« erhält jetzt monatlich 200 Gramm Butter (wenn sie aufzutreiben war) und anderthalb Kilo Gemüse (wenn in den Läden vorhanden). Und 100 Gramm Fleisch die Woche müssen reichen. Ein halbes Pfund Butter kostet 250 Reichsmark. Da bleiben für Lamms und die Oma, die keine »Beziehungen zum Lande« hat, nur Tauschgeschäfte, die aus dem allgemein mageren Ergebnis von Plünderungen resultierten. Zucker zum Beispiel läßt sich gegen Butter tauschen. Manchmal bringt Gödeke Kartoffeln, Kohl oder Steckrüben nach Hause, die er und andere Kinder aus Güterzügen gestohlen haben. Nicht nur hungrige Hannoveraner plünderten, auch viele Ausländer, ehemalige Zwangsarbeiter, Polen vor allem, plünderten. Oft schlossen sie sich zu größeren Gruppen zusammen. Die deutschen Hilfspolizisten waren im Grunde machtlos. Statt Uniform trugen sie weiße Armbinden und als Waffen dienten Holzknüppel, die wenig beeindruckten. So mancher Polizist, der für Recht und Ordnung einschreiten wollte, wurde einfach verprügelt. Erst als die britische Militärregierung bewaffnete Patrouillen aus befreiten Kriegsgefangenen aufstellte, besserte sich zumindest tagsüber die Lage. Die Städtische Müllabfuhr besaß bei Kriegsende nur noch vier Müllwagen, ein paar offene Lastkraftwagen und etwa 20 Pferdegespanne im Lohndienst. Damit war die zerstörte Stadt nicht zu versorgen. Also wurde die Bevölkerung aufgerufen, in Selbsthilfe Schutt und Hausmüll in Bombentrichter zu schaffen. Die Trümmer bedeckten meterhoch den Boden, bald bewachsen von Huflattich, Farn, purpurnen Weidenröschen und vielen anderen Pflanzen, deren Namen die Kinder, die dazwischen spielten, nicht kannten. Fachleute sagten voraus, daß man beim Einsatz von täglich 3000 Arbeitskräften acht Jahre brauchen würde, um die rund sechs Millionen Kubikmeter Schutt wegzuräumen. Es dauerte tatsächlich so lange, wenn es auch nicht möglich war, soviel Arbeitskräfte zu finden. Und als nach der Währungsreform genügend Arbeitskräfte vorhanden waren, fehlte es am Geld. Immerhin waren bis Ende des Jahres 1945 alle Hauptstraßen und die wichtigsten Nebenstraßen frei. 72

Die Entnazifizierung kam in Gang, und im Neuen Hannoverschen Kurier war zu lesen: »Es ist der Wille der Militärregierung, den großen Bereinigungsprozeß in die Hände wohlmeinender Deutscher zu legen...Gerechtigkeit sollen sie üben, nicht Vergeltung«. Dieser Bereinigungsprozeß sollte der gesamten Bevölkerung einen Fragebogen mit mehr als 100 Fragen bescheren, um herauszufinden, welche ehemaligen Nationalsozialisten noch aus etwaigen Führungspositionen zu entfernen seien: »Waren Sie jemals Mitglied der NSDAP? Haben Sie jemals eine der folgenden Stellen in der NSDAP bekleidet? Welcher politischen Partei haben Sie vor 1933 angehört? Waren Sie Mitglied irgendeiner verbotenen Oppositionspartei oder –gruppe seit 1933? Waren Sie jemals Mitglied einer Gewerkschaft, Berufs-, Gewerblichen oder Handelsorganisation, die nach dem Jahre 1933 aufgelöste und verboten wurde? Wurden Sie jemals aus dem öffentlichen Dienste, einer Lehrtätigkeit oder einem kirchlichen Amte entlassen, weil Sie in irgendeiner Form den Nationalsozialisten Widerstand leisteten oder gegen dessen Lehren und Theorien auftraten? Wurden Sie jemals aus rassischen oder religiösen Gründen, oder weil Sie aktiv oder passiv den Nationalsozialisten Widerstand leisteten, in Haft genommen oder in Ihrer Freizügkeit oder sonstwie in Ihrer gewerblichen oder beruflichen Freiheit beschränkt?« Ein Riesenaufwand, der wenig brachte. Schließlich stuften speziell eingerichtete deutsche Spruchkammern die Betroffenen in verschiedene Kategorien ein: in Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Magdalena bekam davon wohl kaum etwas mit. Sie und ihre Mutter hatten andere Sorgen. Im ersten Winter nach dem Kriegsende besuchte Magdalena mit Gödeke eine Ausstellung, die »Der bunte Baum« betitelt war. Sie sollte den Kindern so etwas wie vorweihnachtliche Gefühle vermitteln. Diese Ausstellung fand in der Liststadt in einem Hochbunker statt, und es war ein weiter Fußweg durch die winterliche Eilenriede dorthin. Wer in den Städten und Dörfern des damaligen Regierungsbezirks wohnte, hatte den Vorzug, mit britischen Militärfahrzeugen zu dem Bunker gebracht zu werden. Alle aber 73

hatten ihre Freude an der dort aufgebauten großen SpielzeugEisenbahn und an den Späßen der Marionettenspieler. Ein paar Süßigkeiten gab es auch, mehrere Weihnachtsmänner und lange Gesichter, wenn sich die Ausstellungsstücke als unverkäuflich oder als zu teuer erwiesen. »Der bunte Baum« – ein schwacher Lichtblick, aber immerhin. Die Kälte kam. Man braucht fünf Zentner Holz, um den Brennwert eines Zentners Kohle zu erreichen. Es fehlte an Kohle, und die Nachkriegswinter waren jämmerlich kalt. In vielen Häusern verheizten die Bewohner die Treppengeländer oder ihre Möbel. In der »Vorzugsdringlichkeitsliste« der Stadt standen die Haushalte bei der Kohleverteilung erst an 29. Stelle. Das Kohleklauen gehörte zum Überleben. Als Gödeke es mit zwei Gleichaltrigen auf dem Südbahnhof versuchten, wurden sie mit Schüssen vertrieben. Auch die Beute aus den vorüberfahrenden Kohlezügen war unergiebig. Nachbarn hatten von irgendwoher Eierkohle, sogar Briketts, den Lamms blieb nur der Holzdiebstahl im Stadtwald. Ein rostiges Sägeblatt, mit altem Fettpapier immer wieder abgerieben, zerrte Gödekes müde Muskeln durch die jungen Stämme. Die Beute wurde auf den eisernen, zweirädrigen Bollerwagen mit ausgeschlagener Achse geladen, festgezurrt und nach Hause gekarrt. Feinde waren der Förster, andere Holzsammler und Militärpersonen. Gödeke empfand Haß auf das Holz, den Wald, den Wagen. Haß auch auf die Oma, die mit ihm zum »Holzholen« zog. Wenn er auf dem schmalen Hof des Hauses in der Berckhusenstraße mit ihr die Stämme und Äste auf dem Bock zersägte, zog er die große, viel zu schwere Säge mit dem Metallbügel nicht nur durch Holz. Zu Hunger und Kälte kam im Februar 1946 ein außergewöhnliches Hochwasser. Tagelang war heftiger Regen auf den gefrorenen Boden heruntergeprasselt und hatte keinen Abfluß gefunden. Weite Stadtbezirke standen unter Wasser, zum Teil 1,65 Meter hoch. In der Leine trieben Tausende Benzinkanister, die die Militärregierung auf dem Schützenplatz gelagert hatten. Die Aufbauarbeiten auf allen Gebieten kamen zum Erliegen.

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11.

Wie ist das möglich? Die Menschen liegen, sitzen, stehen sogar auf den Dächern des Eisenbahnwaggons mit der Code-Nummer 2460 Tre25. Sie tragen Taschen und Rucksäcke. Neuankömmlingen wird hinaufgeholfen, weil auf den Trittbrettern schon alles überfüllt ist. Dem allgemeinen Eindruck nach, obgleich das Bild sehr kontrastreich ist und als Zeitungsfoto im Druckraster wenig Einzelheiten vermittelt, scheint die Sonne. Möglicherweise wird der Zug sich gleich in Bewegung setzen. Da ist niemand, der sagt: das geht nicht, das ist verboten, das ist gefährlich. Immer wieder fallen Menschen bei ihren »Hamsterfahrten« von den Zügen, verletzen sich schwer oder sterben beim Versuch, Lebensmittel zu »organisieren«. Die Gesichter der Menschen auf diesem Bild sind glücklich: man hat einen Platz ergattert. Schmuck, Teppiche und Antiquitäten wurden den Bauern angeboten für »Naturalien«: Fleisch, Schinken, Speck, Eier und andere Köstlichkeiten. Wer solche Beziehungen hatte, dem ging es nicht allzu schlecht. Der mußte nicht auf bereits abgeernteten Feldern »stoppeln« gehen, liegengebliebene Kartoffeln oder Ähren lesen. Von Care-Paketen hat Magdalena erst viel später gehört. Den »Reichsnährstand« gab es noch immer, weil auch die Besatzungsmacht dessen Organisationsstruktur zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln brauchte. Die lokalen Verwaltungsstellen versuchten, Gemeinschaftsküchen für die Massenverpflegung einzurichten und verpflichteten dazu Großschlachtereien wie Ahrberg und Weißhäupl. Die aber hatten große Probleme mit der Beschaffung von ausreichend großen Kesseln und Thermen, so daß schließlich nur eine einzige Großküche im Neuen Rathaus betrieben werden konnten. Nur selten konnte die mehr als 3000 Portionen ausgeben. Leute von der Militärregierung bezeichneten 75

die Suppen ohnehin als »gefärbtes Wasser«. Die Lamms bekamen und wußten nichts davon. Im März des ersten Nachkriegsjahres war dann im Neuen Hannoverschen Kurier« ein Aufruf zu lesen: »Greift zum Spaten!« Wer einen hatte, der sollte ein Stück Brachland umgraben, um Kartoffeln, Gemüse und Obst anzubauen. Die Stadtverwaltung rief auf: »Werde Selbstversorger, baue Gemüse!« Das Hannoversche Nachrichtenblatt« ermunterte seine Leser mit einem gereimten Appell: »Noch mehr ernten heißt es heute;/ überleg drum jedermann,/ wie er das erreichen kann./ Ausgenutzt sei jedes Fleckchen/ Und dann muß das kleinste Eckchen/ frei von läst’gem Unkraut sein./ Alles kann dann besser sprießen./ Denkst Du fleißig auch ans Gießen, /stellt Erfolg sich recht bald ein.« Alles verfügbare Brachland und auch öffentliche Grünanlagen sollte in Gartenland umgewandelt werden. Im Parterre des Großen Gartens wurde jetzt Gemüse für die städtischen Wohlfahrtseinrichtungen angebaut. Viele Freiflächen im Stadtgebiet wurden für den Anbau vergeben. Die Oma hatte neben dem Kleefelder Sportplatz, am Fußweg zur Eilenriede, eine »Parzelle« besorgt. Eine Parzelle, das war so ein Stückchen Erde, auf dem die Menschen versuchten, etwas wachsen zu lassen: Kohl, Kartoffeln, Rüben, Tomaten vor allem. Der Boden von Omas Parzelle bestand aus einer aufgeschütteten Böschung von Sand, Steinen und Ziegelscherben, worüber hartes Wildkraut gewachsen war. Bevor irgendetwas gesät oder gepflanzt werden konnte, mußte das Unkraut ausgezogen werden. Dann wurden Trümmergrundstücke nach geeigneten Holzresten, Eisenteilen, Draht und dergleichen abgesucht, nach Material also, aus dem sich eine Art Zaun machen ließ. Oma gelang sogar die Konstruktion einer Tür, die mit Kette und Schloß gesichert war. Allerdings war es keine besondere Kunst, durch den weitmaschigen Drahtzaun hindurchzukriechen oder über ihn hinwegzusteigen. Was dann später den Fruchträubern auch immer wieder gelang. Gödeke litt am meisten unter dem unaufhörlichen Aufsammeln von Steinen und Engerlingen. Es ekelte ihn vor den weißen Larven, die Oma, eine Frau vom Lande, ungerührt zwischen ihren Fingern zerquetschte. 76

Als am 19.Juli 1946 zum erstenmal die Hannoversche Presse (hp) – Die Zeitung aller Schaffenden erschien, las man: »Die hannoversche Bevölkerung ist kategorisch unterernährt«, und auf der Titelseite der ersten hp-Ausgabe unter der Überschrift »Die Hungerration der 91. Periode«: Tagesration für den Normalverbraucher: 285 g Kartoffeln, 16 g Fleisch 1/10 l Milch, 250 g Brot, 7 g Fett, 35,5 g Nährmittel, 18 g Zucker, 4,6 g Kaffee-Ersatz. »Muckefuck« wurde dieser Kaffee-Ersatz genannt. Die hp stellt auch das Modell eines neuen Cafe Kröpcke aus Leichtmetall vor. Sie teilte mit, daß Schüler zum Sammeln von Kartoffelkäfern eingesetzt werden. Holzeinschlag und Torfstechen wird zur Aufgabe der Oberschüler. Zeitungen und Wochenschau berichteten in diesen Tagen über das Ende des Hauptprozesses gegen 22 Kriegsverbrecher mit 12 Todesurteilen, die am 15. Oktober vollstreckt werden. Hermann Göring begeht Selbstmord. Es wird 12 Nachfolgeprozesse gegen 177 weitere NS-Funktionsträger geben, und von den 24 Todesurteilen wird die Hälfte vollstreckt. Britische Soldaten dürfen nun deutsche Frauen heiraten, und die Razzien gegen den Schwarzhandel am Hauptbahnhof werden verstärkt. Im Oktober wird das Ausgehverbot endgültig aufgehoben. Die Aufrufe zur freiwilligen Beteiligung an der Trümmerräumung sind ziemlich erfolglos geblieben, wie zu lesen ist. Der Stadtrat beabsichtigt eine zwangsweise Heranziehung, aber der Vorschlag wird von der Militärregierung als Nazimethode verworfen. Die Architekten des Häuserblocks, der zur Wohnungsbaugenosse nschaft Kleefeld gehörte, hatten es gut gemeint. Jedem Haus war ein eigener Hof zugeordnet, auf dem man Wäsche zum Trocknen aufhängen und Teppiche klopfen konnte. Vom Hof aus gelangte man durch eine kleine Tür in eine ehemals gartenähnliche Anlage, die sich rund um einen Kinderspielplatz mit einem Sandkasten erstreckte. Nach Bedingungen, die Gödeke nicht verstand und nicht kannte, und die zu ergründen er auch nicht versuchte, war die Anlage ebenfalls in Parzellen aufgeteilt. Sie hatten den Vorzug, nicht ohne weiteres öffentlich zugänglich zu sein und von den 77

zum Block-Inneren hin gelegenen Fenstern kontrolliert werden zu können. Jeder, der hier über ein Stückchen Boden verfügte, umgab sein Areal mit niedrigen Drähten, die an kleine Holzpfosten genagelt waren oder umlegte es mit schräg in den Boden gesteckten rötlichen Backsteinen. Solche von Trümmergrundstücken aufgesammelte Steine bildeten das etwas wackelige Fundament für Gödekes Kaninchenstall in der Nähe des einstigen Spielplatzes. Sein Besitzverhältnis an diesem Stall, der aus zwei Boxen ungefähr in Augenhöhe bestand, erklärte sich ausschließlich aus der Tatsache, daß er verantwortlich war für das Beschaffen von Futter, das Füttern und das Reinigen der Anlage. Natürlich wurde auch hier gestohlen; denn immer wieder gelang es Fremden, durch offenstehende Kellertüren in den Hof zu gelangen. Lamms Kaninchen wurden nicht gestohlen, aber einige von ihnen starben anfangs, nachdem sich ihre Bäuche mächtig aufgebläht hatten. Gödeke lernte, daß der Klee oder das am Annateich gestohlene Heu nicht feucht sein durfte. Eins seiner Kaninchen, eine schneeweiße Schönheit, nannte er Mucki, und er liebte das Tier so sehr, daß er keinen Bissen davon anrührte, als es auf den Tisch kam. Er hatte zugesehen, wie Paul Z., der im selben Haus wohnte, eine Etage tiefer, Mucki getötet hatte. Paul war auf dem Schlachthof beschäftigt, also ein Fachmann. Er hatte Mucki bei den Hinterläufen gepackt und mit dem Kopf gegen die Teppichstange geschlagen. Dann hatte er ihm ein Messer in den Hals gestoßen. Gödeke besitzt heute Bücher, in denen es um das «Design des gedeckten Tisches in der Bundesrepublik Deutschland« geht, um »Anthropologische Perspektiven einer Kultursoziologie des Essens und Trinkens« oder um »Progelomena zu einer Kulturpsychologie des Geschmacks«. Im gleichen Regal stehen Franz Herres »Der vollkommene Feinschmecker oder die Kunst des Genießens« und A.W. Logues »Psychologie des Essens und Trinkens«. Und natürlich viele Kochbücher. Als Helga ihn vor Jahren verließ, hat er lernen müssen, zu kochen, und nun macht es ihm viel Spaß. In seiner 78

Küche findet sich neben dem üblichen technischen Standard alles, was man angeblich noch so braucht: Küchenmaschine, Mikrowelle, Mini-Backofen, elektrischer Dampfgarer, Handmixer, Entsafter und backofenfestes Ton-und Glasgeschirr. Die Existenz und den Nutzen solcher Gerätschaften hätte sich Magdalena nicht einmal vorstellen können. Von Kühlschrank und Geschirrspüler gar nicht zu reden. Was hätte sie auch mit speziellen Messern für Brötchen und Käse, mit Designer-Spaghetti-Bestecken oder Tranchiergabeln aus rostfreiem Edelstahl anfangen sollen? Die dafür geeigneten Lebensmittel standen nicht auf der Lebensmittelkarte. Ernährung wurde nach »Rationen« bemessen, und es waren ausschließlich Hungerrationen. Die Behörden der »Ernährungsverwaltung« bemühten sich zwar nach dem Ende des Krieges, den Mangel zu bekämpfen, aber ohne viel Erfolg. Die Kultivierung von Ödland, der Kampf gegen die Schwarzschlachtung und gegen den Schwarzmarkt bewirkten nicht viel. Die Schwer-und Schwerstarbeiter, die werdenden und stillenden Mütter erhielten zwar Zulagen, aber in Familien wie den Lamms war der Hunger an der Tagesordnung. Als im Frühjahr 1948 die Brotration für Niedersachsen auf 6500 Gramm pro Zuteilungsperiode herabgesetzt wurde, marschierten in Hannover protestierende Arbeiter, an der Spitze Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf, zum Chef der Militärregierung. Sie erreichten zwar, daß die Kürzung bald zurückgenommen wurde, aber es ging nur langsam voran. Erst im Jahr 1951 war die Hungerzeit vorbei.

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12.

In vier Reihen hintereinander stehen 28 Schüler auf der Außentreppe zur Knabenmittelschule I in der Südstadt. Die Hälfte von ihnen, darunter Gödeke, trägt die schwarze wollene Winterbluse des Jungvolks. Andere haben enge kurze Mäntel an, aus denen sie längst herausgewachsen sind. Gödeke trägt eine bauschige hellgraue Hose, die Magdalena aus einer Wolldecke genäht hat. In den beiden hinteren Reihen, ganz links, Herr Kämpfer, Deutsch, und Fräulein Mangelsdorf, Englisch. Gödeke betrachtet die Gesichter mit einer Lupe. Manche kommen ihm fremd vor. Von den fünf Schulkameraden aus dem KLV-Lager Torfhaus, die neben ihm in der ersten Reihe stehen, ist einer inzwischen tot. Er war ein erfolgreicher Getränkegroßhändler. Ein anderer reist heute als Geschäftsmann kreuz und quer durch Europa und hat wohl auch erheblichen Grundbesitz. Überhaupt haben es einige seiner Klassenkameraden zu ansehnlichen Berufserfolgen gebracht. Auf dem Gruppenbild finden sich ein Sparkassen-Filialleiter, ein Sozialamtsleiter, der Geschäftsführer eines Zeitungs verlegerverbandes, ein hochspezialisierter Möbelspediteur, ein Bürgermeister und mehrfacher Vereinspräsident und wer weiß, was aus den anderen mit den fernen Gesichtern wurde. Sie blicken ernst, etwas skeptisch, lächeln, grinsen oder langweilen sich. Alle schauen den Fotografen an, offensichtlich auf Geheiß. Gödeke hat das Bild in seinen Computer gescannt und Ausdrucke davon beim letzten Klassentreffen verteilt. Um jeden schädlichen Einfluß durch deutsche Lehrer zu unterbinden, hatte die britische Militärverwaltung zunächst alle Schulen – soweit überhaupt noch welche unzerstört oder benutzbar waren – schließen lassen. 1939 hatte es 87 Schulgebäude in der Stadt gegeben, bei Kriegsende waren 39 zerstört und 44 mehr oder weniger stark beschädigt. Und seit dem Herbst 1943, seit den schweren 81

Luftangriffen, hatte es sowieso keinen geregelten Schulunterricht mehr gegeben. Nur allmählich begann jetzt der Schulbetrieb wieder. Im Übrigen hatten in der Schule nicht die Lehrer das Sagen, sondern die Militärregierung. Zur Politik der Besatzung gehörte die ReEducation, die Umerziehung der Bevölkerung. Schließlich sollte nun Schluß sein mit nationalsozialistischer Ideologie und deutscher Aggression. Demokratisierung sollte sein. Natürlich auch und vor allem in der Schule. Die Vergangenheit der Lehrer und des übrigen Schulpersonals wurde gründlich überprüft, und die neu eingesetzte deutsche Verwaltung entfernte alles Undemokratische aus Lehrplänen und Schulbüchern. Lehrer, die sich für unbelastet hielten, konnten sich registrieren lassen und an einem »politischpädagogischen Schulungskurs« teilnehmen. Gödeke mußte zum Schulbesuch Tag für Tag zu Fuß von Kleefeld bis Döhren und zurück, was jeweils eine gute Stunde dauerte. Da war einer, der Gödeke möglicherweise ein Freund war. Sein Familienname war Klimmek. Es war noch nicht üblich, sich beim Vornamen zu nennen. Den Vornamen gab es nur für Familienangehörige, für enge Freunde, Freundinnen. Selbst Lehrer donnerten: Lamm! So bleibt aus der Erinnerung nur: Klimmek. Ein sanfter, junger Mensch, den Gödeke allmorgendlich in der Sallstraße aufpickte, um mit ihm den langen Weg zur Schule zu teilen. Sie lag am Ende der Abelmannstraße in Döhren. Einmal bogen sie in die Bandelstraße ein, um sich ihren Mut zu beweisen. In einem der von Bomben zerstörten Häuser gab es im zweiten Stockwerk einen eisernen T-Träger, der zwei einstige Zimmer miteinander verbunden hatte. Die beiden stellten ihre Taschen und Kochgeschirre ab und balancierten auf dem T-Träger, tanzten über dem Abgrund. Natürlich war das lebensgefährlich, aber wußten sie das? Alle Schulkinder zwischen 6 und 18 Jahren bekamen jetzt täglich eine warme Gemüse-oder Milchsuppe mit einem von der Militärregierung angeordneten Energiewert von 300 Kalorien, die Schulspeisung. Am beliebtesten waren die Pudding-und 82

Schokoladensuppen; der »Drahtverhau«, eine Mahlzeit aus getrocknetem Kohlgemüse stillte zwar auch den ärgsten Hunger, machte aber lange Gesichter. Das Essen kam aus verschiedenen Quellen. Die Briten lieferten Fett, Milchpulver, Trockengemüse, Haferflocken, andere Lebensmittel stammten aus Wehrmachtsbeständen oder wurden von Beamten des Ernährungsamtes organisiert. Es wurde sehr darauf geachtet, daß diese Vorräte nur den Kindern zugute kamen. Der Handel war bei dieser Versorgung nicht beteiligt, und die Stadt selbst übernahm die Lagerung in großen Hallen am Nordhafen. Die Lehrer durften die Suppe anfangs nur austeilen; erst im nächsten Winter war es ihnen erlaubt, sich einen »Schlag« zu entnehmen. Ein Schlag war ein Dreiviertelliter Suppe, die Eltern mußten dafür 25 Reichspfennig bezahlen. Konnten die Eltern das Geld nicht zahlen, bekam das Kind eine Freistelle. Wie Gödeke zum Beispiel. Magdalenas offizieller Ehrentag war wie der aller Mütter alljährlich am zweiten Sonntag im Mai. Dafür hat bekanntlich eine amerikanische Methodistin gesorgt, die schon vier Jahre vor Magdalenas Geburt für einen nationalen Ehrentag der Mütter eintrat. In Deutschland wurde seit 1939 mit entsprechendem nationalsozialistischem Gepränge der »Tag der Deutschen Mutter« gefeiert. Höhepunkt war seither die Verleihung des Ehrenkreuzes der Deutschen Mütter. Ohne diesen politischen Schnickschnack feierten seit den vierziger Jahren aber viele Länder den Muttertag. Magdalena war 37 Jahre alt, als sie von ihrem Sohn zum erstenmal Blumen zum Muttertag bekam. Gödeke hatte zu diesem Zweck mit einigen anderen Kindern im Philosophenviertel am Rand der Eilenriede, wo die Straßen nach Schopenhauer, Hegel, Schleiermacher undsoweiter benannt waren, einen Fliederstrauß erheblichen Ausmaßes aus den Vorgärten geklaut. Das war üblich, und die Bewohner schienen nicht allzuviel Gegenwehr zu leisten. Zu Magdalenas Erstaunen beließ Gödeke es nicht bei dem Fliederstrauß, sondern überreichte ihr auch noch eine Pappschachtel, wie sie zur Unterkunft von damals häufiger vorkommenden Maikäfern 83

gebraucht wurde. Man stach ein paar Löcher hinein, damit die Käfer Luft bekamen und sich auf ihrem Bett aus grünen Blättern wohlfühlten. Diese Schachtel enthielt jedoch keine Maikäfer, sondern eine hübsche Halskette mit farbigen Holzperlen. Gödeke wußte offenbar, was er seiner gutaussehenden Mutter schuldig war. Die fühlte sich denn auch – wenn auch recht überrascht – außerordentlich geehrt. Am darauffolgenden Tag trug sie die Kette am Hals, als sie im Treppenhaus Frau Scholtz aus der ersten Etage begegnete. Wie immer grüßten die Damen sich freundlich, blieben diesmal jedoch wie erstarrt beieinander stehen. Frau Scholtz guckte verblüfft auf Magdalenas Halsschmuck. Magdalenas Blick heftete sich auf die hübsche versilberte Brosche am Kragen der Nachbarin. Sie stellte einen sprungbereiten Frosch dar, die Brosche. Wie sich schnell herausstellte, hatten Gödeke und Marlies Scholtz, die ansonsten Hauchbilder und Liebesmarken tauschten, diesmal Preziosen ihrer Mütter ausgetauscht, weil sie ihnen doch eine Muttertagsfreude machen wollten. Die Beschenkten beließen es bei dem Tausch, weil es sich ersten um billigen Nachkriegs-Tand ohne Gefühlswert und zweitens um ihre lieben Kinder handelte. Die aber bekamen bald heraus, daß sie aufgeflogen waren. Im Herbst 1947 verkürzte sich der Schulweg für Gödeke. Die Klassenräume der ehemaligen Bürgerschule 34 am Altenbekener Damm wurden nun auch für Schüler des Ratsgymnasiums, der Tellkampfschule und für die Knabenmittelschule I (die Gödeke besuchte) genutzt. Hier wurden insgesamt 2500 Kinder und Jugendliche im Schichtbetrieb von morgens 8 Uhr bis abends 20.15 Uhr unterrichtet. Es fehlte an Glühlampen, Kohle, Unterrichtsmaterialien, Schreibheften; Schulbücher gab es kaum. Auf Anordnung der Militärregierung mußten die meisten alten Schulbücher abgegeben werden, weil sie im Sinne des Reeducation ungeeignet waren. Gödeke besaß ohnehin keine. Man schrieb von Vorlagen ab oder benutzte Vervielfältigungen. Auch Lehrer fehlten. Das Lehrpersonal – wenn nicht im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft ,war so gründlich entnazifiziert 84

worden, daß nur wenige übriggeblieben waren, und das waren nicht eben die jüngsten. Den Unterricht in Französisch erteilte ein Zeichenlehrer; vielleicht, weil er als Student seine Sprachkenntnisse am Montmartre auf den Stufen zur Sacre Coeur erworben hatte? Jedenfalls erzählte er gern und ausführlich Anekdoten aus seiner Pariser Zeit. Einige davon waren möglicherweise etwas frivol, aber die meisten Schüler hätten dies nicht näher erklären können. Sie lachten gern, wen der Monsieur ihnen gestisch und mimisch das Zeichen zum Lachen gab. Gödeke hat den Namen dieses liebenswürdigen Menschen mit rotblondem Haar vergessen. Ein eher düsterer, weniger freundlicher Typ war der Mathematiklehrer. Er trug eine hölzerne Prothese für den rechten Arm, die ihm wohl der Krieg eingebracht hatte, oder ein Unfall. Er hat nie darüber gesprochen. Jedenfalls wurde sein Name von den Schülern mitleidlos verdreht zu Schanni-Holz. Seine Ausführungen über die Hypotenuse und dazugehörige Quadrate, sein LogarithmenFetischismus waren für die meisten eine Qual. Schanni-Holz bestand auf sturer Paukerei und Auswendiglernen. Wahrscheinlich war er ein sehr unglücklicher Mensch. Kämpfer, das war ein Lehrer, den Gödeke mochte. Kämpfer unterrichtete Deutsch, und er schrieb, wie man sagte, sogar an einem Buch. Ein Buch... allein dieses Wort hatte für Gödeke einen großartigen Klang, auf den Inhalt kam es zunächst gar nicht an. Die Bedeutsamkeit eines Buches war jedem in der Klasse klar; denn Schulbücher gab es ja nicht. Die alten waren alle verbrannt oder vom Military Government konfisziert. Man schrieb ab, was an der Tafel stand, in einigen Fächern verfügte man über hektographierte Blätter oder handschriftliche Kopien. Und plötzlich gab es etwas ganz anderes. Der Deutschlehrer machte seine Schüler mit Rowohlts Rotations-Romanen bekannt. Sie waren eine Sensation, Vorläufer der ab 1950 erscheinenden rororo-Taschenbücher. Auf billigem Zeitungspapier gedruckt, kostete ein Roman nur 50 Pfennig. Kämpfer kaufte, las und besprach mit der Klasse Hemingway und Steinbeck. 85

Die einzigen Reichtümer, die Gödeke zeit seines Lebens angehäuft hat, waren Bücher. Die meisten hat er jetzt verkauft oder verschenkt, aber er hat noch immer viele Bücher. Darunter sind auch noch ein paar aus dem Besitz des Stadtassistenten Hermann Lamm. Ob der Lills Deutsche Plastik, Freytags Die Ahnen, Mörickes Maler Nolten, Hauffs Liechtenstein wohl wirklich gelesen hatte? Haben ihm die Lieder und Romanzen des August Graf von Platen etwas bedeutet oder waren die vornehm grün-goldenen Leinenbände aus der Cotta’schen Bibliothek der Weltliteratur ebenso wie die weinrot eingebundenen Gesammelten Werke von Schiller und die zwölfbändige Gesamtausgabe von Felix Dahn vor allem von dekorativer Bedeutung? Manches mag vom Zeitstrom in Hermann Lamms schönen Bücherschrank getrieben sein, aber ein Buch aus der Hinterlassenschaft vor allem hat Gödeke früh gefesselt: Ein in hellgrünes Leinen gebundener Band von Carl Ludwig Schleich mit »Phantasien über den Sinn des Lebens«. Es hatte den Titel Es läuten die Glocken. Schleich, dessen Memoiren Besonnte Vergangenheit noch immer viel gelesen werden, war Arzt, Forscher, Dichter und Philosoph zugleich. Gewiß gelten die Glocken heute als altmodisch, aber ihr Läuten hat damals in Gödeke jene Schwingung bewirkt, die sich viel später als konkretes Interesse an den Naturwissenschaften und an der Mathematik ausdrückte. Zuerst aber schrieb er Gedichte, empfindsame Verse, in denen Sonne, Mond und Sterne, Wind, Regen und Schnee ausgiebig gefeiert wurden. Als er die Blätter später dann zerrissen hatte (bis auf ganz wenige), freute er sich an Roman-Anfängen, an ihren ersten Sätzen: He was an old man who fished alone in a skiff in the Gulf stream and he hat gone eighty-four days now without taking a fish. Und lange rührte ihn: Zu Damme in Flandern, als der Maimond dem Weißdorn die Blüten auftat, da ward Ulenspiegel geboren, der Sohn des Claes. Gödeke freut sich bis heute noch immer an ersten Sätzen: Der Kellner des Gasthofes »Zum Elephanten« in Weimar, Mager, ein gebildeter Mann, hatte an einem fast noch sommerlichen 86

Tage, ziemlich tief im September des Jahres 1816, ein bewegendes, freudig verwirrendes Erlebnis. Und er amüsiert sich über Skurriles: Die vorliegende Textsammlung enthält die wichtigsten allgemein interessierenden Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften, die unter ordnungsrechtlichen Gesichtspunkten die Benutzung öffentlicher Wege und Plätze, d.h. die Teilnahme am Straßenverkehr sowie die etwaigen Folgen eines Fehlverhaltens bei der Teilnahme am Straßenverkehr regeln. Dieser Satz war ihm im Alter von 68 Jahren unter die Augen gekommen, als er Unterricht im Autofahren nahm. Er war auf ziemlich kuriose Weise zu einem Auto gekommen. Früher hatte Helga das familiäre Transportwesen besorgt. Gödeke besaß in seinen ersten Berufsjahren als Reporter einen Motorroller, den er so lange fuhr, bis der Maschine jegliche Kompression und ihm nach mehreren Stürzen die Lust ausging. Damals hatte er den Führerschein »für ein Kraftfahrzeug der Klasse 4« erworben. Das bedeutete die Fahrerlaubnis mit Motoren bis zu einem Hubraum von 250 Kubikzentimeter. Es gab damals eine Menge Kleinwagen dieser Kategorie, aber Gödeke hatte nicht mitbekommen, daß die Gültigkeit später ausgedehnt wurde, als wieder größere Autos gebaut und gekauft wurden. Als der Rentner Gödeke einen neuen Personalausweis benötigte, fragte er den Beamten auf dem Bürgeramt, ob er mit dem alten Führerschein im Urlaub einen Motorroller fahren dürfe. Der sah sich das Datum an, schlug in einer Liste nach und erklärte, die Fahrerlaubnis sei gültig auch für Personenkraftwagen mit Anhänger bis zu 3,5 Tonnen. Allerdings würde er ihm raten, ihn aufs neue Europaformat umschreiben zu lassen. Das koste 36,50 Mark. Gödeke verfuhr, wie ihm geraten und suchte einen Fahrlehrer auf, den er bat, ihm das Autofahren beizubringen, einen Führerschein habe er schon. Ungläubiger hat wohl nie ein Fahrlehrer seinen Schüler angeschaut. Gödeke ließ sich einen ganzen Winter über theoretisch und praktisch unterweisen, bestellte seinen Wagen und ist seither Autofahrer. Ein paar Wochen verbrachte Gödeke in einem Kinderkurheim auf der Nordseeinsel Langeoog. Solche Kuren wurden nach dem Krieg 87

gesundheitlich besonders gefährdeten Kindern nach einer entsprechenden Untersuchung gewährt. Schon vor der Jahrhundertwende hatte es auf den ostfriesischen Inseln Kindererholungsheime gegeben, und auf Langeoog war nach Kriegsende ein ganzes Kinderdorf entstanden. Die freundlichen Heimschwestern (oder waren es Kindergärtnerinnen?) erzählten von Sturmfluten und Sandverwehungen, welche die Insel durch Jahrhunderte hindurch bedroht und verändert hatten. Alte Sagen und Geschichten von Strand- und Seeräubern faszinierten Gödeke wie die seltsam aufregenden Bilder aus alten Inselzeiten an der Wand. Sie schilderten den Kampf der Schiffer mit den Elementen und den Untergang einer benachbarten Insel. Dies beschäftigte Gödeke sehr. Das Erstaunlichste aber waren die Gezeiten. Das Meer schien sich immer wieder in Land zu verwandeln; das Wasser floß davon und kehrte zurück. So ganz verstand der Junge wohl nicht, was ihnen da von den Anziehungskräften des Mondes und der Sonne in Verbindung mit der Erdumdrehung erklärt wurde. Und dann das vorsichtige Waten mit staksigen Beinen im Watt und das Erstaunen über die vielen verschiedenen Lebewesen im Schlamm: Köderwürmer kräuseln den Schlamm zu kleinen Knäueln, Bänke von Miesmuscheln und Bänder von Seegras wollten erkundet, Einsiedlerkrebse in Tümpeln und Rinnsalen beobachtet und untersucht sein. Dazu die Rufe von Möwen, Seeschwalben, Strandläufern und Austernfischern. Schließlich das angenehme Gruseln, wenn die Kinder vor der Gefährlichkeit der Priele gewarnt wurden. Es kann geschehen, daß man plötzlich von reißenden Bächen umgeben ist, wo eben noch harmlose Priele waren. Auch am Strand konnte man bei aufkommender Flut leicht vom Wasser eingeschlossen werden. Richtig bedrohlich wurde es für Gödeke einmal, als er sich verbotenerweise zu weit in die Vogelkolonie hineingewagt hatte, wo Tausende von Seevögeln in den Flinthorndünen brüteten. Meine Güte, was haben Möwen für gewaltige Schwingen und Schnäbel, wenn sie ihr Gelege verteidigen und auf einen Eindringling zu88

stürzen. Und das Geschrei erst! Bei solchen Gelegenheiten lernt man laufen. In der Veranda der Heimvilla wurde manchmal eine Tischtennisplatte aufgestellt, an der »Inselmeisterschaften« ausgetragen wurden. Auch Gödeke wurde einmal stolzer »Inselmeister«. Außer dieser stolzen Mitteilung brachte er schließlich eine dicke Beule an der Stirn mit nach Hause, und das kam so: In Gödekes Heim waren nur Jungen untergebracht; die Mädchen wohnten in einem anderen Gebäude, das durch eine Art Wirtschaftshof getrennt war. Einige Jungen, unter ihnen Gödeke, waren spät abends ein paarmal aus dem Fenster ihres Schlafraums auf ein flaches Dach davor gestiegen, von dem man leicht auf den Hof hinabklettern konnte. Das Ziel ihrer Ausflüge war das gegenüberliegende Heim der Mädchen, die man »ärgern« wollte, wie man sich versicherte. Immerhin brachten die Jungen den Mädchen, die leise kichernd am offenen Fenster warteten, auch mal schöne Muscheln oder einen getrockneten Seestern mit. An dem Abend vor Kurende, der ihm die Beule eintrug, hatte Gödeke dem Mädchen, das er am liebsten ärgerte, einer gewissen Ilse aus Empelde – ein paar Heckenrosen mitgebracht. Es war natürlich verboten, sie abzupflücken, aber das soll mal einer einem Dreizehnjährigen klarmachen, der sein Mädchen ärgern will. Kurz und gut: gerade als er auf ein Sims trat, um die Blumen hinaufzureichen, rief das Schicksal aus dem Dunkel hinter ihm: »Was macht ihr denn da? Es geht euch wohl nicht gut.« Ilse ergriff die Blumen, die Fenster schlossen sich eilig, und Gödeke raste mit seinen Mittätern zurück zum Jungenheim. Und da stand ihm nun eine Teppichstange im Wege, die ihn über das Ungehörige seiner Straftat belehrte. Das Schicksal in der weißen Schürze brachte ihn in die Küche, kühlte seine Stirn mit einem Brotmesser und sagte: »Na ja, wenigstens ist deine Brille heilgeblieben.« Später im Bett kam er sich ein bißchen wie ein Held vor. Ilse aus Empelde hat er nie wiedergesehen, ihm blieb aber fürs ganze Leben die Liebe zu den Nordseeinseln.

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Sozusagen ein massives Gesicht: der Alte. Er hängt an einer rohen mit dem Farbroller geschmückten Wand, ein von starkem Seitenlicht geprägtes Porträt, von Gödeke aufgenommen, entwikkelt, vergrößert, fixiert und in der Badewanne gewässert. Achtzehnmalvierundzwanzig. Ein Gesicht, das den Krieg gesehen hat, vielleicht viele Tote. Ein Zurückgekommener für Magdalena. Ein Gesicht wie ein zerklüfteter Berg im abendlichen Schatten. Sehr dunkle Augen. Der Alte, so nennt Magdalena ihn, wenn sie zu Gödeke von ihm spricht. Seitdem er häufig zu Besuch kommt, ist die Oma in die Kapellenstraße umgezogen. Gödeke durfte nun in das Zimmer ziehen, das sie bisher bewohnte. Das Zimmer ist drei mal vier Meter groß, zur Straße hin in der Breite halbiert: links ein Fenster, rechts die Dachschräge über dem Kopfende von Gödekes Bett. Das Fenster ist Gödeke ein bißchen unheimlich. Jemand, er weiß nicht wer, hat angedeutet, aus diesem Fenster in der vierten Etage habe sich einer hinausgestürzt, in voller Absicht zu Tode gestürzt. Er wagt nicht, seine Mutter danach zu fragen. Der Mann, ein Jugoslawe möglicherweise – ein Fremdarbeiter? – soll hier gewohnt haben. Gibt es das, daß Fremdarbeiter in privaten Wohnungen leben? In diesen Zeiten geschehen seltsame Dinge, das weiß Gödeke, und manche sind überhaupt nicht zu verstehen. Er weiß auch nicht, was es mit dem Alten auf sich hat, woher der Mann kommt und wie seine Mutter ihn kennengelernt hat. Gödeke ist glücklich mit seinem Zimmer, obgleich er sich nie unzufrieden darüber gefühlt hatte, bisher neben der Mutter im Doppelbett geschlafen zu haben. Allein im eigenen Zimmer, das gab ihm die Möglichkeit, abends länger zu lesen. Seine Lektüre bezog er vor allem aus einem Ladengeschäft in der Nähe. Dem Kleefelder Bahnhof schräg gegenüber befand sich ein barackenartiges graues 91

Gebäude mit einem schmalen Schaufenster, in welchem einige Bücher mit bunten Umschlägen ausgebreitet waren. Zwischen diesen Büchern war ein Schild mit der Aufschrift »Leihbücherei« aufgestellt. Hinter einem recht einfach gezimmerten Tresen im Innern beaufsichtigte ein Mann, den Gödeke für ziemlich alt hielt, die gegenüberliegende Regalwand von vielleicht vier Meter Länge. Etwa die Hälfte dieser Bücher waren so genannte Frauenromane oder Liebesromane, was vermutlich dasselbe war. Man erkannte sie schon an ihren buntglänzenden Buchrücken. Einer sah von außen aus wie der andere. Und von innen vermutlich auch. Dann gab es eine Abteilung mit Western-Romanen, für die Gödeke sich jedoch nur gelegentlich interessierte. Eigentlich faszinierten ihn dabei eher die exotischen Namen der Autoren wie Zane Grey zum Beispiel. Mehr Interesse hatte er für die Weltraumbücher aus dem Rauch-Verlag. Im übrigen las er wahllos, was ihm die beiden Regale an der Stirnwand zu bieten hatten: Bromfields Der Gläserne Regen, Salomons Fragebogen, er las Ganghofer und Marlitt, Greens Alle Herrlichkeit auf Erden, die Dienstanweisung für einen Unterteufel von C.S.Lewis, .. Gödeke war berauscht vom Lesen. Der freundliche Alte, der die Leihbücherei führte, überließ ihm hin und wieder ein Buch ohne Gebühr. Aber natürlich wurde die Ausleihnummer in jedem Fall sorgsam notiert. Im zweiten Jahr nach Kriegsende war der Hunger das größte Problem. Die Lebensmittelration betrug nun durchschnittlich 868 Kalorien täglich. Die Militärregierungen der vereinigten Westzonen genehmigten eine Sonderzuteilung an Tabakwaren. Männer über 18 Jahre sollten 20 Zigaretten erhalten, Frauen über 25 Jahre 10 Zigaretten: »Die Abgabe erfolgt auf das Feld M oder F des Stammabschnitts der Raucherkarte Nr.4. Außerdem erhalten alle Kriegsversehrten der Versehrtenstufe III und IV zusätzlich weitere 10 Zigaretten. Eine Sonderzuteilung von 250 Gramm Süßwaren soll an alle Jugendlichen von 1 bis 20 Jahre ausgegeben werden.«

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Man sprach viel von der Tuberkulose, die immer mehr um sich griff. 60 000 Fälle wurden in Niedersachsen gezählt. Die Zeitungsmeldungen, auf dem kostbaren Papier so klein wie möglich gedruckt, spiegelten die Not wider: »Deutsche Ärzte appellieren an das Weltgewissen, den bereits weit fortgeschrittenen körperlichen Verfall des deutschen Volkes nicht weiter zuzulassen. Die deutsche Ärzteschaft legte in einer Resolution dar, daß sie überzeugt sei, daß dem deutschen Volk der Anspruch auf Leben als primitives Menschenrecht anerkannt werden müsse.« Sir Gordon McReady, Britischer Militärgouverneur, eröffnete den ersten freigewählten Landtag in Hannover mit dem Hinweis darauf, daß die Briten nicht mehr Lebensmittel als vorgesehen für die britische Zone ankaufen können. Der britische Steuerzahler sei bereits so belastet, daß ihm keine weiteren Lasten zugunsten der Deutschen zugemutet werden könnten. Man tauschte. Herrenarmbanduhr gegen Babykorb, Anzug gegen Halbschuhe, Nähmaschine gegen Motorrad, Fahrradschlauch gegen Zigaretten, Kochhexe gegen Weißbrot. Der Schwarzmarkt blüht trotz aller Razzien der Kriminalpolizei. Verbitterte Schlagzeilen in der Zeitung: »Versprechungen unerfüllbar«, »KohlenIllusion ohne Heizwert«, »Holland vernichtet täglich 40 000 Kilo Gemüse«, »Wenig Hoffnung auf Konserven«. Die Lebensmittel mußten zum großen Teil unter Polizeischutz transportiert werden. Dr. Kurt Schumacher sagte auf dem Parteitag seiner Partei in Nürnberg, das Ziel jeder Diskussion in Deutschland müsse Europa sein. Europa? Den Bäckern fehlten Eimer. Die Zeitungen veröffentlichten die offizielle Demontageliste. Danach sollten 496 Werke in der Britischen Besatzungszone geschlossen werden, 115 im Land Niedersachen. Staatsminister Alfred Kubel ließ in einem Zeitungsartikel die Briten wissen: »Hochöfen an sich haben noch niemals den Frieden bedroht. Sie wurden gelegentlich von privaten Monopolkapitalisten mißbraucht. Man muß dann eben endlich solche wirtschaftlichen Schlüsselpositionen der Verfügungsgewalt privater Unternehmensklüngel entziehen und sie der Obhut der gesamten Nation unterstellen.« 93

Politiker und Statistiker rechneten den Besatzungsmächten vor, welchen Schaden Europas Entwicklung durch die Demontage erleiden würde. Und sie rechneten auch aus, daß es in Deutschland 400 Millionen Kubikmeter Trümmermasse gäbe. Auf einen Einwohner der Stadt Hannover kamen 15 Kubikmeter. Es gab aber auch schon wieder Anzeigen in den Zeitungen: »Neue Kraftwagen wird es vorläufig nicht geben. Jeder Kraftfahrer ist daher bemüht, den Wert seines Fahrzeugs zu erhalten. Auto-Öle in Vorkriegsqualität schützen die Motorteile gegen vorzeitige Abnutzung und Schäden.« Wer war schon Kraftfahrer? Andere Inserate stießen auf mehr Interesse: »Manchmal weiß man sich nicht mehr zu helfen und für jedes neue Sparrezept ist man dankbar. Wissen Sie auch welche? Dann schreiben Sie gleich unserem Rezeptdienst.« Die Zeitungen bemühten sich, auf engstem Raum alles Wichtige für die Bevölkerung abzudrucken, und vom ersten Erscheinungstag an setzten sie sich auch für den kulturellen Wiederaufbau ein. Feuilletons, Gedichte, Konzert-und Kunstberichte fanden sich in Nachbarschaft der trostlosen Nachrichten. Und in einem Leitartikel hieß es traurig: »Die Zahl der Deutschen, die regelmäßig eine Zeitung erhalten, ist erheblich geringer als die große Masse der anderen, die sich vergeblich um ein Abonnement bemühen und von Glück sagen können, wenn ihnen zufällig einmal eine Zeitung zu Gesicht kommt. Wie unwürdig dieser Zustand für ein Kulturvolk ist, daran denken wir kaum noch. Wir können daran nichts ändern, denn nicht wir Deutsche haben über Papierproduktion und ihre Verteilung, über Auflagenhöhen und was damit zusammenhängt, zu bestimmen; das alles wird von der Besatzungsmacht geregelt.« Der Winter wurde bitter kalt. Die Zeitung berichtete von sechs Todesfällen durch Erfrieren. Es gab in den Krankenhäusern kaum noch Heizmaterial. Weil es an elektrischem Strom fehlt, fuhren nach 19 Uhr keine Straßenbahnen mehr. Der Rat der Stadt hielt seine Sitzungen bei knapp 5 Grad Celsius ab. Er beklagte den Baustoffmangel, den Papierkrieg und die unzureichen94

den Lebensmittelzuteilungen. Die Besatzungsmacht möge den Georgengarten und die Herrenhäuser Allee räumen, wurde beantragt. Man brauche das Gelände als Grabeland für den Anbau von Gemüse und Kartoffeln. Der Oberbürgermeister schrieb in seinem Lagebericht für Februar: »Eine tiefe Hoffnungslosigkeit hat sich aller Schichten bemächtigt, da niemand einen Ausweg aus der verzweifelten Lage sieht.« Und Colonel Petterson, Wirtschaftsoffizier der Provinzial-Militärregierung sprach in einem Vortrag vor der wieder zugelassenen Wirtschaftkammer von einer »Winterschlacht, die für Hunderte und sehr wahrscheinlich auch für Tausende tragisch sein wird.« Richtig schlimm wurde es dann im Frühling, als die Lebensmittelrationen gekürzt und der Energieverbrauch weiter eingeschränkt werden mußte. Colonel Petterson hatte schon vor der Aufhebung der »NonFraternisation«-Bestimmungen private Kontakte mit Leuten aus der Wirtschaft gehabt, und bei einem dieser Gespräche kam die Idee auf, in den Laatzener Hallen der Vereinigten Leichtmetallwerke eine Messe zu veranstalten, auf der alle exportfähigen deutschen Produkte gezeigt werden sollten. Wenngleich die Briten sich damit eine Konkurrenz eröffneten: die deutsche Industrie brauchte Deviseneinnahmen, die Bevölkerung konnte nur mit Hilfe britischer Steuermittel oder Kredite existieren. Petterson trug den Gedanken seinem Vorgesetzten vor und der holte die Zustimmung des Militärgouverneurs ein. Und so fragte denn im April 1947 General MacReady Oberstadtdirektor Bratke, ob er mit einer solchen Messe interessierten Ausländern ein Bild über die deutsche Exportindustrie bieten könne. Das Land Niedersachsen und die Landeshauptstadt Hannover taten sich zu einer Aktiengesellschaft zusammen, und so gab der Oberbefehlshaber in der Britischen Besatzungszone, General Sir Brian H. Robertson, bekannt, daß auf dem Gelände der Leichtmetallwerke in Laatzen bei Hannover eine Messe stattfinden wird, die ein »Fenster zur Welt« öffnen soll. Ihr Ziel sei es, die Wirtschaft wiederzubeleben und den Export aus der vereinigten anglo-amerikanischen Zone zu fördern. 95

Nach nur 123 Tagen Vorbereitung wird am 18. August die »Export-Messe« eröffnet. Nicht nur das Ausland zeigt Interesse, auch die Hannoveraner strömen in Scharen nach Laatzen. Den ausländischen Besuchern gehören natürlich die wenigen noch vorhandenen Taxis und auch einige Busse. Schließlich geht es um ihre Exportaufträge und Dollars. Die deutschen Besucher kommen mit überfüllten Straßenbahnen und auf Lkw-Ladeflächen zum Messegelände. »Trittbrettfahrer! Du fährst in den Tod!« stand warnend zwischen zwei Totenschädeln an den Seitenfronten der Straßenbahn. In der Tat kam es immer wieder zu schweren Unfällen. Die Briten stellen hilfreich ihre Transporter zur Verfügung und pendeln zwischen dem Straßenbahn-Endpunkt »Am Mittelfelde« und dem Ausstellungsgelände. Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf sagt zur Eröffnung, das verarmte Europa dürfe ein arbeitswilliges Deutschland nicht ausschalten. Am ersten Tag der Messe genehmigt Mr. Katz, Leiter der Exportbörse Hannover das erste deutsche Exportgeschäft nach dem Krieg. Die Objekte: 200 Nähmaschinen und 100 Registrierkassen. Zwei englische Bildreporter fotografierten den feierlichen Vorgang der ersten Exportgenehmigung. Auf dem Freigelände und in sechs Hallen stellen 1337 Firmen Industrieerzeugnisse und Gebrauchsgüter aus. Die Aussteller können 1929 Exportaufträge im Wert von 31 237 693 US-Dollar verbuchen. Unter den rund 750 000 Besuchern waren 4000 Kaufinteressenten aus 53 Ländern. Man hatte mit etwa 15000 Besuchern gerechnet, und es wurden vorsorglich 3500 Schlafstellen in Schulen eingerichtet. Das war nicht einfach; denn es mangelte an Matratzen. Also konnte auch hier nur Tauschhandel weiterhelfen. Den Drell, aus dem Matratzensäcke genäht werden konnten, borgte ein britisches Lager in Bielefeld aus. Nun galt es, die Säcke zu füllen. Das war umständlich. Zunächst wurden mit Hilfe von Eisenscheinen der Wirtschaftsbehörde Sensen und Sicheln gekauft, die dann nach Bayern geschafft wurden. Im Austausch dafür lieferten die Bayern langfaseriges Alpengras, mit dem die Säcke gefüllt werden konnten. Doch nicht einmal das verlief ohne 96

Komplikationen. »Der Abtransport der 10000 »Matratzen« hätte fast zum Sturz des bayerischen Wirtschaftsministerium geführt, so heftig protestierten diejenigen, die keine Betten hatten«. So steht’s in einer Dokumentationsschrift der Messe. Für die meisten Besucher aus Hannover und Umgebung gab es als Hauptattraktion die markenfreie Abgabe von Fischbrötchen. Eine runde Million Brötchen wurde mit etwa 60 Tonnen Fisch belegt und das Ereignis ging als »Fischbrötchen-Messe« in die Lokalgeschichte ein. Und der Schwarzmarkt blühte vor und auf dem Messegelände. Natürlich sollten die Messegäste auch unterhalten werden, und so wurde zu Messebeginn als Knüller ein recht kurioses Theater eröffnet, der »ALU-Palast« am Aegidientorplatz – ein transportables Ganzmetalltheater aus Aluminium, 60 Meter lang, 30 Meter breit. Das Bauwerk, in drei Monaten vorwiegend aus Flugzeugschrott hergestellt, faßte 1400 Personen. Den Künstlern, Angestellten und Arbeiten standen 65 Wohn-und Garderobenräume zur Verfügung, und noch in neueren Berichten wurden dem fliegenden Theater »einmalige hygienische Einrichtungen« nachgesagt. Am 17. August 1947 öffnete sich im ersten Leichtmetalltheater der Welt der Vorhang für den »Liebesexpress« mit Willy Fritsch, Walter Jankuhn, Gitta Lind und anderen Größen der Zeit. Aber die Kritik in den Hannoverschen Neuesten Nachrichten bemängelte, »daß der Revue der nötige Schwung fehlte und die verbindenden Texte noch flacher waren, als es selbst für eine Revue tragbar ist«. Und das für einen Eintrittspreis von 18 Reichsmark. Natürlich war der »Liebesexpress« nichts für Kinder, aber Gödeke verschaffte sich Einlaß mit einem Brikett, das er – in Papier eingewickelt – der Platzanweiserin in die Hand drückte. Das Brikett allein hätte es wohl nicht getan, aber sein Freund Pitjus (später Chef der Dachdecker-Innung) überzeugte die junge Dame mit einem halben Weizenbrot. Sie blieben hinten an der Wand stehen. Sie staunten über die fußballspielenden Hunde auf der von 50 000 Watt strahlend hell erleuchteten Bühne, die übrigens größer war als die des ehemaligen Opernhauses und neideten ihnen das 97

Pferdefleisch, mit dem die Dompteuse sie belohnte. Sie kicherten beim Anblick scheinbar nackter Tänzerinnen in hautfarbenen Kostümen, bewunderten schicke steppende Herren im Frack, das Größte aber war die Künstlerin mit der singenden Säge. Zwei Jahre lang begeisterte der ALU-Palast die Hannoveraner und ihre Messegäste, dann brach das »fliegende Theater« zu einer Tournee durch die Tri-Zone auf. Aber der Flug endete nach der ersten Landung am Hamburger Hauptbahnhof. Dort gab es noch eine Eisrevue und eine Zauberschau mit Kalanag; dann mußte das überschuldete Unternehmen seine Aluminiumplatten einpacken. Es mehrten sich jetzt die Gerüchte über eine bevorstehende Währungsreform. Zwar gab es eine strenge Nachrichtensperre aber die Hannoverschen Neuesten Nachrichten spekulierten Anfang Juni, daß der Tag X zwischen dem 15. und 26. Juni kommen werde. Am 18. Juni 1948 verkündeten dann die Militär-Gouverneure der Westzonen das »Gesetz zur Neuordnung des deutschen Währungswesens«. Es war unter strengster Geheimhaltung von alliierten und deutschen Finanzfachleuten entwickelt worden. Zwei Tage später begann in 40 hannoverschen Schulen und einigen Sonderstellen die Ausgabe des »Kopfbetrags« von 40 »Deutschen Mark«. An die Stelle von 118 Milliarden Reichsmark traten 11 Milliarden Deutsche Mark. Sofort dekorierten die Geschäftsleute ihre Auslagen mit Waren, die sie vorher bewußt zurückgehalten hatten und nun überteuert anboten. Das weckte Wut. Immerhin, es gab wieder fast alles, sogar Fahrraddecken für 6,50 DM Im August wurden noch einmal 20 DM ausgezahlt. Wer altes Geld besaß, mußte es innerhalb einer Woche bei Sparkassen oder Banken deponieren. Danach war keine Umwandlung mehr möglich. Diese Umwandlung sollte 10:1 betragen, das tatsächliche Verhältnis betrug aber nur 100:6,5. Alte Schulden mußten zu einem Zehntel des Betrags in der neuen Währung bezahlt werden. Angeblich hatten nun alle Westzonen-Bewohner die gleichen Chancen für einen Neubeginn, aber vor allem waren die Besitzer von Sachwerten fein raus und die Aktien wurden ohnehin 1:1 umgestellt. 98

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Ein leuchtend gelbes Straßenkreuz. Gelb auch die Seitenflächen der Straßenbahn, die in das Bild hineinfährt, halbrechts der Georgstraße folgend – neben dem Cafe Kröpcke wird sie anhalten. Ein fröhliches Stadtzentrum, von oben gesehen, so daß auch das Dach des Opernhauses und der Turm der Deutschen Bank am Georgsplatz im Blickfeld ist. Darüber ein sommerblauer Himmel, in dem zarte rosa Wölkchen wie ein Versprechen auf Kommendes schweben. Noch sind alle Häuser und Gebäude bleistiftgrau, aber das Neue deutet sich in den bunten Figuren der Fußgänger an. Sie werden es schon schaffen. Erste Autos werfen Schatten auf die Fahrbahnen. Gödeke hat gelernt, seine Fotos am Computer graphisch zu verfremden. Mit dem neuen Geld waren der UKW-Rundfunk und der Cool Jazz gekommen. Übrigens auch – nach englischem Vorbild die doppelte Sommerzeit. Die Uhren wurden gleich zwei Stunden vorgestellt. Das sparte Strom und ermöglichte täglich zwei Arbeitsschichten bei Tageslicht. Heller wurde auch das graue Alltagsbild: seit Kriegsende sind 6800 Wohnungen instandgesetzt. Es war das Jahr, in dem Hoffnung gedieh. Gödeke war nun 15 Jahre alt. Schuhe mußten jetzt dicke Kreppsohlen haben, am besten schneeweiße. An die Füße gehörten Ringelsocken, was vielfarbig gestreift bedeutete. Die Hose hatte einen weiten Schlag, und als modische Jacke ging nur durch, was eine so genannte Golffalte hatte oder ohne Revers daherkam. So ging man beispielsweise auf die beliebten Laubenfeste, zum Blumenkorso, zum Stadthallenfest der Bundesgartenschau und wo immer es Musik und Tanz gab. Der Rundfunk sendete Kriminalhörspiele und sonnabends Bunte Abende mit Peter Frankenfeld. Gödeke liebte die Sendung Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank und die wunderbaren 99

Berichte des Peltz von Felinau aus den großen Opernhäusern der Welt. Das cremefarbene Philetta-Radio auf dem kleinen Eckregal über dem Sofa in der Küche war das Kulturzentrum der Lamms. Ansonsten hatte die Lammsche Küche nicht viel zu bieten. Immerhin brachte Magdalena hin und wieder Pferdegulasch von der »Freibank« im Dohmeyers Weg auf den Tisch. Es schmeckte den Kindern gut. Und der Schlachter an der Ecke schöpfte manchmal Brühe in die Töpfe derer, die es offensichtlich nötig hatten. Die Lamms, die keine »Beziehungen« hatten, gehörten dazu. Die so genannte Ernährungslage war noch immer katastrophal. Der »Kartoffelkrieg in Niedersachsen« war das Thema in der ersten Sendung aus dem in Hannover stationierten Ü-Wagen des NWDR für das Echo des Tages. Es ging um eine Auseinandersetzung zwischen Landesregierung und dem bizonalen Ernährungsamt um die Kartoffelzuteilung. Im Radio gab es aber auch Schöneres zu hören, zum Beispiel Rudi Schurickes Lied von den Caprifischern, die aufs Meer hinausfahren, wenn die rote Sonne im Meer versinkt. Das Fernweh wird wohl auch Magdalena erfaßt haben. Sie übte mit Gödeke die wiegenden Schritte zur Samba mit der Maria aus Bahia. Die Tanzschule Helga Mesecke lud in Zeitungsanzeigen in ihre »Schule für gesellschaftliche Erziehung und Tanz« ein. Im Gloria-Palast an der Hildesheimer Straße wurde im Juni Helmut Käutners Film In jenen Tagen erstaufgeführt. Als das Kino in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 von Bomben zerstört worden war, hatten die Flammen das große Plakat über dem Eingang unversehrt gelassen: Der dunkle Tag – ein Film mit Marte Harell, Willy Birgel und Ewald Balser. Nun wird In jenen Tagen anhand der Geschichte eines Autos das deutsche Schicksal von 1933 bis 1945 erzählt. Das Jahr brachte auch bedeutsame Theateraufführungen. Im Januar gab man im Ballhof Des Teufels General von Carl Zuckmayer. Ein großer Erfolg. Vier Wochen später wurde Wolfgang Borcherts Stück (das keiner spielen wollte) Draußen vor der Tür aufgeführt, das wohl bedeutendste Drama der sogenannten Trümmerliteratur. 100

Inzwischen war das Palast-Theater in der Bahnhofstraße wiedereröffnet worden. Es gab den Film ohne Titel, Debüt des hannoverschen Jung-Regisseurs Rudolf Jugert. »Wir wollen überwinden helfen«, sagte Jugert, «nicht durch frivoles Lachen, ein Lächeln sollte es sein, das erneut an die Menschen heranzutragen, zu wekken ist. Darum in ernster Zeit eine Komödie.« Im Juli des Jahres 1948 hatte Hannover wieder mehr als 400 000 Einwohner, und Im September gastierte der umjubelte Rudi Schuricke im Beethovensaal der Stadthalle: Unter den Zugaben die Caprifischer, die er zum 1 798. Male sang, jedoch »mit gleicher Inbrunst und Hingabe«, wie die Zeitung mitteilt. Zwangsferien für die Schulkinder gab es bis Mitte Oktober, weil Fälle von Spinaler Kinderlähmung aufgetreten waren. Im Nordstadtkrankenhaus wurde die erste Eiserne Lunge zum Einsatz bei schweren Fällen von Kinderlähmung aufgestellt. Rudolf Hillebrecht wurde Stadtbaurat, und der Architekt Dieter Oesterlen errichtete das neue Café Kröpcke in Leichtbauweise. Dieses Cafe hatte in der Stadt seit langem eine besondere Rolle gespielt. Ein Konditor namens Robby kaufte einst den spitzen Winkel zwischen Georgstraße und Theaterplatz und ließ sich auf diesem Grundstück 1869 ein Caféhaus aus viel Gußeisen und Glas im orientalischen Stil erbauen. Es heißt, das Vorbild für diesen Pavillon habe auf der zweiten Pariser Weltausstellung gestanden. Ein knappes Jahrzehnt später entstand an dieser Stelle durch Straßenneubauten ein großer Platz, der bald zum Mittelpunkt des Verkehrs in der wachsenden Stadt wurde. Einen Namen hatte der Platz zunächst nicht; die Hannoveraner nannten ihn einfach Kröpcke nach Robbys Oberkellner Wilhelm Kröpcke, der das Lokal inzwischen übernommen hatte. Das gemütliche Cafe mit seinem Garten und der Platz wurden zum Treffpunkt, zum Herzen der Stadt. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts war das Café Kröpcke auch der künstlerische Mittelpunkt der Stadt, vergleichbar wohl dem »Romanischen Café« in Berlin. Hier trafen sich Journalisten, Literaten und Maler, und alle Welt nannte sie die »Kröpcke101

Indianer« kein Mensch scheint mehr zu wissen, warum. Zu dieser Indianer-Runde gehörten der Philosoph und Feuilletonist Theodor Lessing, der Maler Friedrich Vordemberge-Gildewart, der Schriftstellert Hans-Jürgen Weidlich und gelegentlich erschien auch der hochangesehene Literatur-und Theaterkritiker Johann Frerking. Der nahm dann den einen oder anderen mit in seine großartige Privatbibliothek, allwo er bei einem guten Glase Wein prüfte, ob die Eleven des Wortes wohl beim Vorlesen (unter Verheimlichung des Dichternamens) Stifter von Lessing, Thomas Mann von Goethe, Heinrich Mann von Heinrich Heine unterscheiden konnten. Frerking kannte seine Hannoveraner: »Um die Häuser weht immer noch der alte »Noblessenwind«, der schon vor hundert Jahren den Poeten an die Nerven griff...« Und mit Blick auf das königliche Reiterstandbild vor dem Hauptbahnhof: »Dem (An)Kömmling zum Gruße zeigt ein gewesener Landesvater seine und seines Pferdes wuchtige Kehrseite. Lat meck tofreden! Kein Klima für Neuerer.« Doch ein paar Neuerer gab es schon. Zu den Kröpcke-Indianern gehörten beispielsweise Alexander Dorner, der das Kabinett moderner Kunst im damaligen Provinzialmuseum einrichtete, die Maler Ernst Thoms, Carl Buchheister und natürlich Kurt Schwitters, der sich im Kröpcke aus Aschenbechern und Abfalleimern die Zutaten zu seinen Collagen herausangelte. Der »Lumpensammler von Hannover«, wie man ihn damals nannte, ist als Maler wie als Literat gleichermaßen weltberühmt geworden. Erich Maria Remarque, ein junger Mann aus der Werbeabteilung von ContiGummi, war auch im Kröpcke anzutreffen, zumeist monokelgeschmückt und recht elegant. In der Wochenschrift Störtebecker (sie wollte »allem Krummen, Kleinen, Kaffrigen feind sein«) schrieb er einen Leitfaden der Decadence. Im heißen Juli 1943 war das Cafe Kröpcke in Flammen aufgegangen, obgleich der Bombenangriff eigentlich der Conti, dem wichtigsten Reifenhersteller des Dritten Reiches gegolten hatte. Als dann knapp vier Jahre später die erste hannoversche Exportmesse begann, wurde auf den planierten Trümmern zunächst ein provisorisches 102

Zeltcafe errichtet, das stolz den Namen »Kröpcke« trug. Nach 18 Uhr war der Eintritt nur gegen Vorlage des Messeausweises und Entrichtung von 2 Reichsmark möglich. Damals kam das Wort von den Messepreisen auf. Bald wurden auch die Außenanlagen so gut es ging hergerichtet, und das flache Gebäude bekam ein ansehnliches Dach aus Leichtmetall. Küche und Konditorei entstanden, und das »Nordwestdeutsche Unterhaltungsorchester« bemühte sich »den Charakter des früheren Cafe Kröpcke wieder entstehen zu lassen«, wie es in der Hannoverschen Presse hieß. Auch Gödeke begann das Cafe zu lieben, als später er und seine Freundin Helga zu den Klängen der Musik drinnen (1 Pianist, 1 Stehgeiger) oder draußen im Garten unter den hohen Bäumen vor der Musikmuschel ein Eis, einen Wermut oder eine damals als äußerst fein geltende Speise namens Königinpastete genossen. Heute, nach der Verwandlung des Hauses in ein Kettenrestaurant, steht eine Uhr für die Tradition. Die alte Uhr vor dem Cafe Robby war mehr als eine Uhr, nämlich eigentlich eine Wettersäule. Uhren gab es ja in der Stadt schon genug, aber Wettervorhersagen wurden noch nicht von Radio, Fernsehen, Videotext und Internet verbreitet. So enthielt das teure Uhrgehäuse (2800 Goldmark spendeten Bürger und Vereine dafür) sieben meteorologische Meß-und Registriergeräte und drei Aushänge mit Wettervorhersagen. Den Krieg überstand sie schadlos, aber 1954 mußte sie abgebrochen werden, weil Rostschäden ihre Standfestigkeit stark beeinträchtigt hatten. Die neue Kröpcke-Uhr wurde nach alten Fotos rekonstruiert und in einer Kunstgießerei in Hirzenhain in Hessen gegossen. Sie wiegt immerhin sieben Tonnen und ist ebenfalls aus Bürgerspenden finanziert. Diesmal kostete sie rund 183 000 DM. Die Zeitungen beschrieben den Fortschritt: Die ersten Konzessionen für Taxen und Taxenhalteplätzen werden erteilt. Im Neubau Warmbüchenstraße wird die Kestner-Gesellschaft mit einer Nolde-Ausstellung wiedereröffnet. Im Oktober findet der erste Presseball statt. Im November ist der Erzbischof von Canterbury 103

zu Gast in Hannover, und über dem Dach der Marktkirche hängt eine Richtkrone. Im Dezember gibt es eine Großrazzia gegen Schwarzhandel im Bahnhofsbereich und am Kröpcke. Im Dezember 1948 nimmt Karl Berbuer mit seinem Orchester einen Schlager auf, der nicht nur den darauffolgenden Karneval beherrschte, sondern in der »Trizone« (French, American, British Zone) noch lange gesungen und gepfiffen wurde: »Mein lieber Freund, mein lieber Freund, die alten Zeiten sind vorbei. Ob man da lacht, ob man da weint, die Welt geht weiter eins, zwei, drei. Ein kleines Häufchen Diplomaten Macht heut‘ die große Politik. Sie schaffen Zonen, ändern Staaten Und was ist hier mit uns im Augenblick? Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien Heidi tschibela, tschibela, tschibela, tschibela Bumm.« Nun war Karneval in Hannover noch nicht üblich. Die lustigen Hannoveraner haben sich ihm lange und hartnäckig widersetzt. Hier hieß so etwas Maskenball (auf gesellschaftlicher Ebene) oder (etwa auf Vereinsebene) Kappenfest. Zu ersterem ging man in Schwarz und im langen Kleid, zu letzterem in Bunt mit Papierhut oder, ganz verwegen, mit Pappnase. Eine der Örtlichkeiten, an denen damals solche Festlichkeiten verübt wurden, war das »Stirling House«, das ehemalige Generalkommando am Misburger Damm (heute Hans-Böckler-Allee), das gleich nach dem Einmarsch 1945 von Major Stirling beschlagnahmt und nach dem Einzug der Provisorischen Militärregierung nach ihm benannt worden war. Es wurde 1958 an die Bundeswehr übergeben und zum Wehrbereichskommando II für die Länder Niedersachsen und Bremen. Es war (und ist) ein kolossales rotes Backsteingebäude, das den Betrachter mit seiner architektonischen Autorität sozusagen in die Knie zwingt, aber es hat einen niedri104

gen richtig zivil wirkenden Anbau, in dem an den Wochenenden Bebop gespielt, mächtig getanzt und gefeiert wurde. Der GOP (Georgspalast) wurde jetzt völlig umgestaltet wiedereröffnet. Der Volontär Gödeke wird dort später ein häufiger Gast sein, wenn die Lokalredaktion der hp ihn zu den Premierenabenden schickt, damit der junge Mann sein weises Urteil über das jeweilige Programm und die Artisten abgebe. Nach dem Programm haben die Pressevertreter eine Treppe tiefer in der Nachtbar »Gondel« bei gedämpfter Combomusik Gelegenheit, Gespräche mit dem jeweiligen Programmstar zu führen, zum Beispiel mit dem charmanten Vico Torriani und dem liebenswürdigen Bruce Low, die beide ihre Karriere am GOP starteten, mit Peter Kreuder, dem etwas Unnahbaren, mit der großartigen Zarah Leander, dem freundlichen Heinz Erhardt, der zu später Stunde noch’n Gedicht vortrug... Das hat ihm schon Spaß gemacht, dem Gödeke und seiner junge Ehefrau Helga, die immer mitkommen durfte. Von den delikaten Schnittchen und dem Sekt, mit denen sie bewirtet wurden, gar nicht zu reden. Schließlich verdiente ein Zeitungsvolontär nicht mal 100 Mark im Monat. Eine Anekdote, die er später gern erzählte, ging so: Zwei Kollegen, einer vom Fernsehen, einer von der Zeitung, pflegten nach stattgehabter Verrichtung die Toilettenfrau der »Gondel« auf ungewöhnliche Weise zu entlohnen: Der Fernsehkollege, erster TVReporter-Star im Lande Niedersachsen, ersetzte den üblichen Obolus durch das Vorweisen seines Presseausweises und einen freundlichen Handschlag. Der Zeitungsmann, ein monokeltragender Herr im ledernen Offiziersmantel entledigte sich seiner Verpflichtung durch die formvollendete Applizierung eines Handkusses. Die Dame trug’s mit Fassung.

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Ein Bild aus der Weihnachtszeit. Mutter und Tochter neben einem mit drei bunten Kugeln und etwas Lametta geschmückten Tannenbaum am Wohnzimmerfenster. Nicht zu sehen sind der schöne grüne Kachelofen in der gegenüberliegenden Zimmerecke, das goldgerahmte fotografische Porträt der Urgroßmutter und das Degas nachempfundene Ölbild einer Tänzerin, das Hermann Lamm einst aus Paris mitgebracht hatte. Später mußte Gödeke es ins Leihhaus bringen. Er hat es nicht wieder auslösen können, was Magdalena sehr bekümmerte. Es ist dunkel draußen, und das grellweiße Netz der kümmerlichen und viel zu kurzen Gardine vor dem Fensterkreuz gibt den Hintergrund. Auf dem Tisch, der den kleinen Baum trägt, liegt etwas Eingewickeltes, ein Geschenk. Mit einem kargen Lächeln blicken Mutter und Tochter in die Kamera, noch in Erwartung des Blitzlichts. Oma im hochgeschlossenen Kleid mit einem weißen Spitzenkragen. Magdalena ist ähnlich gekleidet; statt Kragen ziert eine Schleife ihren Hals. Sie trägt eine Armbanduhr mit Gliederkettchen. Es geschah allmählich, daß Gödeke gläubig wurde. Zuhause hatte es nie Gespräche über Religiöses oder die Kirche gegeben, und was sein Wesen und Verhalten unbewußt steuerte, waren wohl im Wesentlichen seine Vorstellungen von Pflicht, Treue, Kameradschaft. Aber nun gab es ja kein Jungvolk mehr. Dafür wurden Wanderfreizeiten und Zeltlager angeboten von verschiedenen Veranstaltern, von Pfadfindern, Sportvereinen bis zu Heimvolkshochschulen. Gödeke geriet an eine christliche Gruppe: die »Entschiedenen Christen«(EC). Er steckte sich das bekennende Silberzeichen ans Revers: eine Erdkugel mit einem Kreuz obendrauf. Er lernte fromme Lieder, sprach Tischgebete und las Traktate der Heukelbach-Mission. Und natürlich die Tageslosungen der Hermannsburger. Und mit Andacht das auf 107

gutem glatten Papier gedruckte Monatsmagazin des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) mit den hübschen Fotografien. Diese Bilder sprachen ihn sehr an. Er neigte dazu, in den Wolken des Abendhimmels göttliche Manifestationen zu erblicken und führte ein Tagebuch, in welches er fleißig seine Einsichten und Erkenntnisse eintrug. In seinem Neuen Testament unterstrich er mit verschiedenfarbigen Stiften Textpassagen, die ihn besonders beeindruckten. Sein Konfirmationsspruch hing im Schlafzimmer über dem Waschtisch. Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Im Keller des Gemeindehauses spielte, sang und betete er mit Schulanfängern, und oben im Saal erfreute er zu Pfingsten die Gemeinde als Paulus in dem Laienspiel »Paulus in Ephesos«. Er hatte seine Ansprache recht gut auswendig gelernt und das Publikum war begeistert. Da nach Ansicht des Regieführenden Superintendenten der Apostel Paulus nicht kurzsichtig war, hatte Gödeke für den Auftritt seine Brille abgelegt, was dazu führte, daß er sein »Volk« nicht erkannte und nach links predigte, während die drei jungen Herren, die das Volk von Ephesos repräsentierten, auf der rechten Bühnenseite standen. So predigte er zu Rührung und Vergnügen des Publikums ins Leere, was zu dem erwähnten Erfolg und zu Szenenapplaus führte. Gödeke verbeugte sich artig. Nach vorn, das Volk an seiner Rechten. Zuhause hatte er sich eine Art Altar auf dem Waschtisch im Schlafzimmer errichtet. Der Tisch besaß eine erhöhte Ablage über der marmornen Platte. Auf dieser hatte neben dem Neuen Testament ein dickes Notizbuch seinen Platz, in welches er seine schwärmerischen Gedanken eintrug. Gödeke wünschte sehr, ein guter Christ zu sein. Magdalena, die wohl nicht besonders fromm war (sie hatte Gödeke nie vom lieben Gott erzählt und nicht ein einziges Abendgebet gelehrt), ließ ihren Sohn gewähren, spürte wohl, daß er auf der Suche war. Und was sollte schon schlimm am Glauben sein? Woran glaubte sie denn? Gödeke machte sich jetzt erste Gedanken über seine Zukunft. Es waren noch sehr vage Überlegungen. Seine Oma fand, er müsse 108

Beamter »auf dem Versorgungsamt« werden. Er selbst schwankte zwischen Förster und Autoingenieur. Aber auch die glänzenden Titelseiten der neuen Autozeitschriften faszinierten ihn. Überhaupt Autos! Davon gab es jetzt immer mehr, wenn sie auch nicht so sensationell schick waren wie die Modelle in den Zeitschriften. Schon die Namen dieser Blech-Schönheiten waren aufregend: Studebaker, Buick, Chevrolet...Sein Freund Pitjus machte ihn darauf aufmerksam, daß er sicherlich erst ein paar Jahre als ölverschmierter Autoschlosser arbeiten müßte, bevor ihm eine Ingenieurskarriere möglich wäre. Gödeke, obgleich er schon ein paar neuartige Motortypen und schicke Karosserien in seinem Zeichenblock entworfen hatte, begriff. Aber was konnte er sonst werden? »Reporter« sagte Pitjus, »du wirst Reporter. So wie du rumquasselst, mußt du Reporter werden. Dann schreibst du so Geschichten, die alle lesen. Für Autoschlosser bist du viel zu empfindlich.« Was ein Reporter war, davon hatte Gödeke nur unklare Vorstellungen, und er war sich darüber auch im Klaren. Also begann er, Zeitungen und Illustrierte zu studieren, wo immer sie ihm erreichbar waren. Ganz besonders aufregend fand er Kristall. Ja, ein Reporter wollte er werden. Hatte er nicht schon vor dem denkwürdigen Gespräch mit Pitjus geschrieben? Der schwarze Vogel und die Prinzessin war sein erster Roman betitelt, den er in drei Schulhefte geschrieben hatte. Er nahm diesen Roman und begab sich zum Verlagshaus der Hannoverschen Presse in der Georgstraße. Dem Pförtner erklärte er sein Begehren: er wünschte mit dem Chefredakteur zu sprechen wegen einer Bewerbung als Volontär. Wundersamerweise wurde er nach kurzer telefonischer Rückfrage vorgelassen. »Dritter Stock, rechts den Flur lang, vorletzte Tür links.« Chefredakteur Wilhelm Korspeter, ein ernster weißhaariger Mann, von dessen schwerem Schicksal in der Nazizeit Gödeke nichts ahnte und der Chef vom Dienst, ein rundlicher fröhlich wirkender Typ mit glänzender Stirn, Herr von Hackewitz, sahen aus, als hätten sie auf ihn gewartet. Gödeke trug seinen Wunsch 109

vor, versprach fleißig zu sein und überreichte zum Zeichen seiner Begabung die drei Schulhefte mit dem Roman, der übrigens biographischer Natur war und die Zeit seines Lagerlebens in Torfhaus beschrieb. Die Herren nahmen das Werk freundlich entgegen, versprachen es zu lesen und ihm Nachricht zu geben. In der Tat bekam er acht Tage später einen Brief, der seine Hefte und einen Brief des Chefredakteurs enthielt. Man teilte ihm mit, daß man seinen Berufswunsch verstünde, aber bezweifelte, daß in seinem doch recht jugendlichen Alter ein Volontariat sinnvoll sei. Vielleicht solle er sich doch erst einen anderen Beruf erwählen, am besten einen, der ihm später als Journalist nützlich wäre. Es sei ihm alles Gute gewünscht, und später möge er sich ruhig wieder melden. Was könnte denn für einen Journalisten nützlich sein? Gödeke hatte immer gern die amerikanischen Filme gesehen, in denen die Reporter mit ihren Speed Graphics sensationelle Fotos schossen. Natürlich. Fotografieren zu können, das war nützlich. Nur durch einen Häuserblock von der Altstadt getrennt, in der er seine ersten Lebensjahre verbracht hatte, in der Goethestraße, begann für den auf Grund seiner Jugend zunächst verhinderten Journalisten Gödeke die Lehrzeit als Fotokaufmann. Natürlich gab es noch andere Fotogeschäfte in der Stadt, aber keines, das neben der Eingangstür einen gläsernen Schaukasten mit aktuellen Fotos der Deutschen Presse-Agentur aufzuweisen hatte. Das nahm der Junge als ein Zeichen. Er betrachtete die Auslagen im Schaufenster, einige auf Pappe gezogene Vergrößerungen aus dem winterlichen Oberstdorf (schwarzweiß natürlich, Farbe gab’s noch nicht für Amateure), vor denen auf unterschiedlich hohen mit weinrotem Tuch bedeckten Stellagen Fotoapparate und Zubehör wie Belichtungsmesser, Stative oder Fotoalben dekoriert waren. »Ich möchte bei Ihnen Lehrling werden«, sagte er der Dame, die ihn nach seinen Wünschen fragte, eine freundliche Frau vom mütterlichen Typ mit dunkelblondem glatt zurückgekämmtem Haar. Frau Brunner konnte ihm als Verkäuferin keine Zusage machen, riet ihm aber, in einer Stunde wiederzukommen, wenn 110

die Chefin da sei. Er kam wieder, gefiel der Chefin, die ihn an den Chef, ihren Mann, weiterreichte, welcher den Geschäftsführer veranlaßte, einen Lehrvertrag mit Gödeke und seiner Mutter zu machen. Gödeke war nun ein Lehrling. Die Chefin leitete ihn an, Waren zu bestellen sowie Rechnungen und Mahnungen zu schreiben. Mit der Schreibmaschine im engen Hinterzimmer-Büro hatte er sich schnell angefreundet. Nebenan im Geschäftsraum nahm er Film-und Fotoarbeiten an, half beim Dekorieren der beiden Schaufenster und wechselte wöchentlich die dpa-Fotos im Schaukasten aus. Er spulte in der engen Dunkelkammer so genannte Meterware in die speziellen Leica-Filmkassetten der Kunden und verstand sich rasch auf den Umgang mit Fotoapparaten verschiedener Systeme: Balgenkameras, Rolleiflex, Ikoflex, Robot, Akarex oder Minox. Mit einer ausgeliehenen Voigländer Vito-Kamera, später mit einer Kodak Retina machte er an Wochenenden seine ersten Kleinbildaufnahmen. Er liebte später die Plaubel Makina, mit der er vom Dach des Amerikahauses Aufnahmen vom nächtlich beleuchteten Opernhaus machte und mit der er Bilder von den Deutschen Motorradmeisterschaften, dem Eilenriederennen schoß. Das Internationale Eilenriederennen für Motorradfahrer wurde auf einem fünf Kilometer langen Dreieckskurs zwischen dem Lister Turm, der Waldwirtschaft Steuerndieb und dem Zoologischen Garten gefahren. Das dröhnende Spektakel hatte zeitweilig bis zu 100 000 Zuschauer. Gödeke, ganz Fachmann, zog seine Makina, eine Mittelformatkamera mit Schlitzverschluß, mit den dahin donnernden Maschinen mit, um sie scharf vor dem verwischten Waldhintergrund abzubilden. Und natürlich fotografierte er auch die jungen Leute, die sich private Tribünenplätze in den Baumkronen verschafft hatten, vorzugsweise in den »Todeskurven«. Tatsächlich war es in der Geschichte des Rennens nicht selten zu tödlichen Stürzen gekommen. Später wurden die Aufnahmen vergrößert im Schaufenster des neuen Hauptgeschäfts in der Georgstraße ausgestellt. Er war stolz darauf; denn sonst wurden dort zumeist Großfotos des Chefs 111

gezeigt: Winterbilder aus dem Kleinwalsertal zum Beispiel mit langweilig-grauem Himmel. Die Möglichkeiten von Farbfiltern in der Schwarzweißfotografie hatte der Chef nie entdeckt, er war mehr Kaufmann als Künstler. Das galt auch für den Kinokönig B. (ein einträglicher Kunde), der mit teuerster Kamera-Ausrüstung nach Kenia reiste und pfundweise fotografischen Ausschuß mit nach Hause brachte. Ein origineller Kunde, den der Chef oder zumindest der Geschäftsführer stets selbst bedienten, war ein Berufsfotograf, der für FKKMagazine arbeitete. Er hatte unter anderem ein weibliches Modell mit scheinbar drei Brustwarzen, deren eine – die in der Mitte – sorgfältiger Retusche bedurfte. Gödeke war schon nach wenigen Wochen in das elegante Hauptgeschäft in der Georgstraße versetzt worden. Der erste Verkäufer dort, ein schwarzhaariger wendiger Typ, beeindruckte ihn mit seinem häufigen »Bäckpahrn« (Beg your pardon) im Gespräch mit englischen oder kanadischen Kunden. Es schien ihm, als sei er, der Lehrling, neben dem Chef der einzige mit Interesse am Fotografieren. Gödeke fotografierte jede neue Schaufensterdekoration, machte Firmenaufnahmen für Zeitungsinserate und drehte 16mm-Filme für Firmen. Er durfte sich Kameras ausleihen, und an Wochenenden fotografierte er Helga. Helga lernte in einer Rechtsanwaltskanzlei. Oft holte sie ihn abends ab. Manchmal gingen die beiden dann, nachdem sie ihr Bargeld gezählt hatten, ins Cafe Kröpcke, um dort einen Martini zu trinken. Einen für jeden.

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Er trägt einen viel zu großen Anzug, und an der Hose fehlt ein Gürtel. Dafür aber weht stolz eine gestreifte Krawatte über dem weißen Hemd. Für einen Waldspaziergang ist er damit eigentlich zu fein angezogen. Vermutlich wollte er damit Helga imponieren, um deren Schulter er seinen linken Arm gelegt hat. Helga trägt ein weites geblümtes Kleid mit einem tief angesetzten Ausschnitt. Der Fotograf (wer kann es gewesen sein?) hat beiden die Füße abgeschnitten. Dafür ragt über ihren Köpfen ein mächtiger Eichenstamm aus dem Unterholz. Die beiden haben die Gesichter einander zugewandt und lächeln. Welche Veränderung. Der niedliche Lockenkopf der ersten Kinderjahre, der schüchterne Schüler mit dem linksseitig exakt gezogenen Scheitel, und jetzt der schmächtige Junge im offenbar geschenkten oder ertauschten Anzug mit der halbherzigen Bebop-Frisur – alles Gödeke? Die Zeit rauscht dahin. An seinem 17. Geburtstag im Jahr 1950 wurden die Lebensmittelkarten endgültig abgeschafft. Die »Bewirtschaftung von Lebensmitteln« hatte zehn Jahre, acht Monate und vier Tage gedauert. Ganz allmählich begann der wirtschaftliche Wiederaufbau. »Es geht aufwärts« verkündet ein Plakat zur Marshallplanhilfe, und tatsächlich: Es gab wieder (fast) alles. Und in einem Karnevalsschlager dieses Jahres hieß es: »Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt? Wer hat so viel Pinke-Pinke, wer hat so viel Geld?« Gödeke, der bisher abends für 50 Pfennig die Stunde Kegel aufgestellt hatte, verdiente jetzt etwas mehr Geld. Mit einer KodakRetina und Ultrablitzkoffer fotografierte er bei Boxveranstaltungen in der Turnhalle am Schweriner Platz und auf »Vergnügen« im Stirling House, wo er die Gäste an den Tischen und beim Tanzen knipste. Das Koffer-Blitzgerät, das an seiner schmalen Schulter hing, war groß und schwerdas modernste am Markt. Die Filme 113

entwickelte er zu Hause in einer schwarzen Jobo-Dose mit Kleinbild-Aufwickelspirale, und die Vergrößerungen wurden in der Badewanne gewässert. Dann trug er die Fotos an die notierten Adressen aus. Wenn sie gefielen, kassierte er. Sie gefielen immerhin so oft, daß er sich bald – mit Magdalenas massiver Unterstützung eine Schreibmaschine kaufen konnte. Die grüne Olympia, die er heute noch besitzt. Zu dieser Zeit »ging« er mit Lore. Er hatte das dunkelhaarige Mädchen mit den scheinbar schwermütigen Augen – ihre Lider hingen herab – in einer Gruppe christlicher junger Menschen kennengelernt, die sich regelmäßig traf, um Andachten zu halten, zu beten und Lieder zu singen. Wenn er mit Lore abends durch die stillen Wege der Kleingartenkolonie am Rande der Eilenriede ging, hielten sie sich oft an den Händen. Einmal legte er einen Arm um ihre Taille, aber nach ein paar Schritten wandte sie ihm ihr etwas breites Gesicht mit den verhangenen dunklen Augen zu, und er ließ sie etwas verwirrt wieder los. So gingen sie dahin zwischen Ligusterhecken, Stangenbohnen und Stachelbeersträuchern, vorbei an hölzernen kleinen Windmühlen und Gartenzwergen. Und Gödeke erzählte von seinen Bibelstunden, die er mit den Kleinen im Keller des Gemeindehauses abhielt. Lore hat dann später einen Optiker geheiratet. Gödekes Freund hieß Fred, wurde aber aus irgendeinem Grund stets Pitjus genannt. Vielleicht war das auch keine richtige Freundschaft, eher ein Beraterverhältnis. Der etwas ältere Pitjus, später Chef der Dachdecker-Innung, war sehr viel praktischer veranlagt. Im Handel mit Fahrradlenkern oder Reifen etwa war er recht geschickt. Da es sonst wenig Möglichkeiten der Selbstrepräsentation gab, war der Chic eines Lenkers am Fahrrad sehr wichtig. Ein »umgekehrter« Lenker war schon fast Luxusklasse. Pitjus wohnte schräg gegenüber im Parterre links. Abends stand man dort oft in der Haustür, sprach halblaut über die Mädchen aus der Nachbarschaft, verbarg die Zigarettenkippe in der hohlen Hand, wenn ein Hausbewohner hinaus-oder hineinging, grüßte höflich und zitterte ein bißchen, wenn es kalt war. In diesem Haus wohnte Ruth. 114

Ruth war ein Mädchen, das Gödeke außerordentlich schön aber auch etwas beängstigend fand. Es hatte dunkelrote Haare und sehr helle Sommersprossen. Ruth war wohl ein Jahr älter als Gödeke, der sie kaum anzusprechen wagte, wenn sie abends auch mal in der Tür stand. Pitjus behandelte sie eher gleichgültig, vielleicht weil sie schon immer zusammen in dem Haus gelebt hatten. Es gab da noch eine Monika, die beim Versteckspielen über zwei Häuserblöcke oft in Gödekes Nähe war, was ihn sehr verwirrte. Wieso verbarg sie sich immer gerade in der Waschküche, in dem Keller oder dem Hausflur, den sich auch Gödeke ausgesucht hatte? Es waren ziemlich alberne Spiele für dieses Alter, aber es ging ja auch weniger ums Finden als ums Verstecken. Monika kam ihm manchmal ziemlich nahe. Ruth zog ihn ein paarmal damit auf. Er wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Einmal versteckte sich Ruth mit ihm auf dem Dachboden ihres Wohnhauses. Es war abends. Durch die Luke über ihnen drang kaum Licht. Sie hockten nebeneinander auf einer Kiste oder einem Koffer oder etwas ähnlichem. Beide atmeten etwas tiefer nach dem Erklimmen der steilen Dachbodentreppe. Sie wolle Sekretärin werden, erzählte sie ihm, und deshalb besuche sie schon jetzt einen Stenografie-Kursus im Gemeindehaus. Da schrieb man mit Kürzeln, weil das viel schneller ging, flüsterte Ruth. Natürlich flüsterten beide auf dem Dachboden. Schließlich hätten Hausbewohner sie hören können. Sekretärin! Gödeke fühlte sich sehr zu ihr hingezogen. Stenografie! Das war Kurzschrift. Zum ersten Mal in seinem Leben überlegte Gödeke, was er einem Mädchen an seiner Seite Außergewöhnliches sagen könnte, irgend etwas, das nichts mit Versteckspielen und so zu tun hatte, sondern mit...mit, ja, mit Gefühlen. Aber nach einem längeren Schweigen, in dessen Verlauf es gut zu einer verlegenen Berührung, vielleicht sogar einem Kuß hätte kommen können, stand Ruth auf. »Komm«, sagte sie. »Wir suchen die anderen.« Eine Woche später, nach Verhandlungen mit Magdalena über die Kursusgebühren, war Gödeke Teilnehmer am Grundkursus 115

Deutsche Einheitskurzschrift, die sich durch mancherlei Vorzüge gegenüber der veralteten Methode Stolze-Schrey auszeichnete, wie er dort erfuhr. »Die Neger fegen die Becken rein«, lernte er zu schreiben, einen Standardübungssatz, den er zeitlebens nicht vergessen konnte. Ebensowenig wie das Kürzel für »Ich stehe auf dem Standpunkt«. Seine Fertigkeiten in Steno blieben allerdings begrenzt. Und seine Versuche, Ruth näher zu kommen, stellte er ein, als Helga, eine ziemlich vorlaute Kursusteilnehmerin beschloß, ihn für sich zu gewinnen. Die Szenen ihrer ersten Annäherung im Stenokursus sind undeutlich in Gödekes Erinnerung. Immerhin: Drei Pultreihen gab es in der Klasse des Schulhauses gegenüber dem Kleefelder Gemeindehaus, wo ein Herr Bär oder Bähr oder Beer den Unterricht erteilte und sich gewiß nicht eben freute über das vorlaute Geschwätz des dunkelhaarigen Mädchens in der mittleren Reihe. Wem wollte sie mit ihren kessen Zwischenrufen imponieren? Später gab sie unbefangen zu, daß sie damit Gödekes Aufmerksamkeit erregen wollte. Es muß ihr gelungen sein; denn bald darauf tauschte er seinen Platz neben der sanften Ruth mit dem neben ihr.

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Eine Rollschuhläuferin. Weißes Trikot, weiße Schuhe, vom Zufall hübsch ins Bild gesetzt. Ein Schnappschuß, der eine Art Drehung auf dem rechten Fuß festhält, dem der linke hinterherschwebt; die Arme ungekünstelt in rudernder Balance. Der Schwung weht den kurzen Rock hoch. Der Blick der Läuferin ist rückwärts gewandt in die Richtung aus der sie kommt. Ein konzentrierter und träumerischer Blick zugleich, der eine vage Hoffnung auf Erfolg, auf Karriere zu verraten scheint. Den hohen rechteckigen Halsausschnitt schmückt ein dunkles Samtband mit einem blinkenden Anhänger. Im Hintergrund am Rand der Rollschuhbahn sehr undeutlich ein offenbar älteres Paar, das dem Training zuschaut. Die Rollschuhbahn am Zoo gibt es schon lange nicht mehr. Gödeke begleitete Helga häufig dorthin. Der Weg führte durch die Eilenriede, den mehr als 600 Jahre alten Stadtwald. Er hat ihr Pflanzen am Wegrand gezeigt und benannt: Hirtentäschel, Farne und so… Viel verstand er nicht von diesen Dingen, aber was er wußte, trug er mit einem gewissen Ernst vor. Helga erzählte ihm von Sigrid Knake und Günter Koch, den Stars in ihrem Verein und fragte ihn, ob er nicht auch Rollschuhlaufen lernen wolle. Nein, lieber nicht. Er sagt ihr, daß er gern und viel liest. Helga weiß nicht viel von Büchern und staunt. Gödeke erzählt ihr vom Aufbau des Erdballs, von den Weiten des Weltraums und den beiden Gehirnhälften des Menschen. Er spricht zu ihr von Roten Riesen und Weißen Zwergen im Kosmos. Helga ist fasziniert. Noch kein Junge hat ihr so etwas erzählt. Sie wolle später Astronomin werden und Lichtjahre weit ins Universum hinausschauen, sagte sie. Scheue Küsse. »Nicht, laß das…« Gödeke schaut mit ihr in den sternklaren Himmel über Kleefeld und phantasiert über Zeitreisen. Das Universum, sagt er, habe 117

nicht nur die Dimensionen Länge, Höhe und Breite, die vierte Dimension sei die Zeit. Das gelte übrigens auch für die Bank, auf der sie sitzen. Ohne die Zeitdimension würden beide auf den Hintern fallen. Was Gödeke alles weiß! Na ja, er liest eben viel. Er liest Graham Greene, Aldous Huxley, Antoine de Saint-Exupéry. Er liest Ernst Wiechert, Charles de Coster, später Erich Maria Remarque, Brecht, Benn, und vor allem Tucholsky. Natürlich liest er auch Kriminalromane, sehr viele sogar. Er verschlingt Science Fiction, Asimov, H.G.Wells und Lem. Gödeke liest Die Zukunft hat schon begonnen von Robert Jungk. Manchmal trägt er Helga Balladen von Schiller vor. Daß an den Kiosken das erste Mickymaus-Heft mit deutschen Sprechblasen an den Kiosken angeboten wurde, bemerkt er nicht. Er wird sich auch später nicht für Comics interessieren. Aber beide lieben das Kino. Immer auf den billigsten Plätzen ganz vorn in den ersten Reihen sitzen sie, ganz dicht bei Clark Gable, Gloria Swanson, William Holden, Kirk Douglas, Hildegard Knef, Wolf Albach-Retty, Errol Flynn, Orson Welles und natürlich Jean Marais. Sie lieben die exquisite Bildmagie des Jean Cocteau. Immer wieder zieht es sie zu Orphée, diesem poetischen Todesmärchen in die Hochhaus-Lichtspiele zu Julius Dau, der seine Besucher vor jeder Vorstellung über Lautsprecher persönlich mit freundlichen Worten begrüßte. Immer wieder verfallen sie diesem Meisterwerk, bis sie glauben, es wenigstens zum Teil verstanden zu haben. Nach dem Krieg waren im britischen Besatzungsgebiet alle Kinos, soweit sie überhaupt noch standen, sofort geschlossen worden. Kein Wunder; der deutsche Film war ja bis dahin wichtiges Propaganda-Instrument der Nationalsozialisten. Aber schon einen Monat später wurden nach der Nachrichtenkontrollvorschrift Nr. 1 die ersten Genehmigungen für »kulturelle Tätigkeiten« erteilt. Produktion, Verleih, Vertrieb und Vorführung von Filmen waren wieder erlaubt. Die Briten hatten entschieden, daß, so wörtlich aus einem Gespräch des damaligen Oberpräsidenten mit der Militärregierung» ... das Volk Vergnügen haben muß, um nicht an die schwere Lage zu denken.« 118

So waren am 24. Juli 1945 in Hannover zunächst fünf Kinos zur Ablenkung des Volkes wiedereröffnet worden. Es gab Filme wie Die schwedische Nachtigall, Die Frau meiner Träume, Sophienlund, Bal Paré oder Zirkus Renz. Für 80 Pfennig konnte nun jeder die Kinotraumwelten inmitten der Trümmerlandschaften der Städte betreten, ein billiges Vergnügen, wenn man den Preis einer Lucky Strike bedenkt, die damals 5 Reichsmark pro Stück kostete. Für ein Stück Butter konnte man 250mal ins Kino gehen. Bald war man auch nicht mehr nur auf alte deutsche Filme angewiesen, ausländische Filme mit deutschen Untertiteln kamen in die Kinos: Rembrandt von Alexander Korda zum Beispiel, und ein Jahr später David Leans Film Brief Encounter unter dem deutschen Titel Begegnung. Diesem Film stand das deutsche Publikum ziemlich verständnislos gegenüber. Die Zeitschrift British Zone Review zitierte ein Zuschauer-Urteil.- »Gut genug für England. Nazi-Filme sind besser!« Filme wie Eugen Yorks Morituri, in dem die Geschichte einer Gruppe von KZ-Häftlingen erzählt wird oder Wolfgang Staudtes DEFA-Produktion Die Mörder sind unter uns kamen nicht an; oft liefen die Zuschauer aus dem Kino. Sie wollten keinen Spiegel der Vergangenheit sondern eine rosarote Brille für die triste Gegenwart. Unterhaltung war gefragt! Das Kino als Fluchtort aus der Trümmer-Realität. Helmut Käutner drehte damals In jenen Tagen, der Hannoveraner Rudolf Jugert die Komödie Film ohne Titel, und Gustav Fröhlich Wege im Zwielicht. Die wenigen funktionierenden Kinos reichten natürlich nicht für alle, und so etablierten sich zahlreiche Wanderkinos, die über Land reisten und Schmalfilmkopien zeigten. in den Städten nahmen die jungen Leute lange Fußmärsche in entfernte Stadtteile auf sich, um die ersten amerikanischen Musikfilme zu sehen. Gödeke und Helga trabten bis nach Misburg für die »Broadway Melody«. Von 1949 an wurde Hannover allmählich die Stadt der Premieren. Hier testeten die Verleiher den Publikumsgeschmack. Inzwischen wurden neue Kinos gebaut. In Hannover gab es bald 119

49 Lichtspielhäuser. Es ist heute im Fernsehzeitalterschwer zu vermitteln, was das Kino damals war: Gödeke erinnert sich an die dämmerige geheimnisvolle Stille in den Zuschauersälen, in denen nur leise geflüstert wurde, an das Weinrot oder Samtblau des plüschbezogenen Gestühls, an den volltönenden, feierlichen Gong zum Vorstellungsbeginn und an das vornehme Gold der Vorhänge in den einstigen Lichtburgen. Man warf noch nicht mit Erdnußhülsen, und das Knistern mit Bonbonpapier war absolut ungehörig. Der Popcorn-Eimer war noch unbekannt. Das Fernsehen veränderte das Kino bekanntlich, brachte es erst auf stikkige Schachtelgröße, später dann auf Multiplex-Dimensionen. Und dann war da noch das »aki«, das »Aktualitätenkino« im Hauptbahnhof. Der Eintritt kostete 50 Pfennig, und dafür konnte man sich stundenlang immer wieder Wochenschauen und Dokumentarfilme anschauen. Gödeke bestaunte hier zum Beispiel eine gewisse Elisabeth Alexandra Maria, die 1947 ihren Cousin 4. Grades, den zum Herzog von Edinburgh erhobenen Philip Mountbatten geheiratet hatte und später Königin von Großbritannien und Nordirland wurde. Das waren natürlich schönere Bilder als die aus dem Koreakrieg oder vom Mau-Mau-Aufstand in Kenia. Der große Sportstar jener Jahre war der tschechische Leichtathlet Emil Zatopek, der 1948 in London die OlympiaGoldmedaille im 10 000-Meter-Lauf gewann und von da an als »Lokomotive von Prag« viele weitere Rekorde aufstellte und in aller Welt bejubelt wurde. Irgendwann schien der Aktualitätendurst des »aki«-Publikums gestillt zu sein; jedenfalls wandelte es sich allmählich zum ersten Schmuddelkino der Stadt. Manche flotte Besucherin bekümmerte sich nun weniger um das erotische Geschehen auf der Leinwand als um die speziellen Bedürfnisse des Herrn im Kinosessel neben sich. Da hatte sie das Eintrittsgeld schnell wieder raus. Zu den eindrucksvollen Höhepunkten im Alltag jener Tage gehörte die Erste Bundesgartenschau im Stadthallengarten, die mit einem Blumenkorso eröffnet wurde. Die Vorbereitungen waren 120

nicht einfach gewesen. Das Gelände war von fast 100 schweren Bombentreffern zerwühlt, der Kuppelsaal der Stadthalle, die Niedersachsenhalle und die anschließende Ausstellungshalle ausgebrannt. Bis zum 31. Oktober 1951 kamen mehr als 1,5 Millionen Besucher, darunter Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, der in einer Rede die Bedeutung des Gartens in schwerer Zeit hervorhob und die Gärtner der Republik aufrief: »Seien Sie alle Helfer des deutschen Volkes, damit das deutsche Volk durch den Gartenbau seelische Erholung und Kraft erhält!« Der seelischen Erholung galt womöglich auch schon der »Erste Deutsche Schützentag«, verbunden mit dem Schützenausmarsch vom Rathaus aus. Die 49 hannoverschen Vereine hatten 4500 Mitglieder. Der Grundstein zum größten »Schützenfest der Welt« war gelegt. Gödeke sah den Grünen mit ihren klimpernden Schützenketten und blinkenden Auszeichnungen bei ihrem Ausmarsch zwar zu, aber ohne großes Interesse. Gödeke geht in die Oper. Ihn begeistert die Uraufführung der Oper Boulevard Solitude des 26jährigen Hans Werner Henze. Johannes Schüler dirigiert. Hannoversche Kritiker nennen Henzes lyrisches Drama eine »Zivilisationskrankheit«. Musik mit zwölf Tönen, wie abscheulich. Vibraphon und Jazztrompeten, igitt! Gödeke schwärmt jahrelang von diesem Erlebnis. Aber Boogie-Woogie mag er auch, obwohl ihn die zahlreichen Tanzmeisterschaften und Dauer-Preis-Tanzereien bis zum Umfallen nicht interessieren Nicht selten, daß Tanzpaare vor Erschöpfung umfallen und ins Krankenhaus gebracht werden müssen. In den Zoo-Gaststätten ging es konventioneller zu. Als es Gödeke und Helga einmal dorthin verschlug, erlebten sie Kurioses. Es schien ein von den Erwachsenen erlassenes Gesetz zu sein, daß man sich beim Tanzen nahe zu sein hatte. Ausgerechnet ein katholischer Priester nahm an diesem Abend Anstoß daran, daß Gödeke und Helga beim Boogie-Woogie auseinander tanzten und sich dabei drehten. Er verwies sie empört des Saales. Stolz auf ihr revolutionäres Verhalten zogen sie ab.

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Sie trägt einen quergestreiften Wollrock. Auf dem Foto ist er natürlich schwarzweiß. Merkwürdigerweise erinnert er Gödeke an den Flickenteppich, auf dem der Kleine im Garten hinter dem Haus der Großeltern fotografiert worden war. Es ist ein sonniger Tag. Helga posiert auf dem Fahrrad, einen Fuß auf der Straße, den anderen auf dem Pedal, lächelt fröhlich in die Kamera. War es windig? Oder trug man das Haar damals so zauselig? Der Blick über die Schulter etwas kokett. Mein Gott, wie jung sie ist. Mit Fahrrädern sind sie ins Calenberger Land gefahren. Zwei schöne Tage mit einer Übernachtung in einem kleinen Ort, der aus einem Gasthof und ein paar alten Bauernhäusern besteht. War nicht neben dem Gasthof ein kleiner Friedhof? Sie seien Geschwister, erzählen sie dem Wirt. Es ist Gödekes Abschiedsjahr von der Jugend, und es verläuft dramatisch. Im März 1953 stirbt Generalissimus Josef Stalin nach einem Schlaganfall. Im Juni stellt das Ostberliner SED-Politbüro zwar einen liberaleren Wirtschaftskurs in Aussicht, hält aber die im Mai um zehn Prozent erhöhten Arbeitsnormen aufrecht. Erboste Bauarbeiter legen daraufhin in der Stalinallee die Arbeit nieder und ziehen zum Regierungssitz. Am Tag darauf stoßen mehr als 10000 Beschäftigte der Stahl-und Walzwerke Henningsdorf zu ihnen. Die westlichen Radiosender verbreiten die Nachrichten, und der Aufstand erfaßt viele Städte und schließlich die ganze DDR. Parteibüros werden gestürmt, man fordert den Rücktritt der Regierung, entwaffnet Volkspolizisten und befreit politische Gefangene. Für ein paar Stunden weht auf dem Brandenburger Tor die schwarzrotgoldene Fahne. Dann schlagen noch am gleichen Tage die Volkspolizei und sowjetische Panzer den Aufstand nieder. Sowjetische Standgerichte verurteilen 21 Menschen zum Tode 123

und richten sie sofort hin. Später folgen weitere Todesurteile durch Gerichte der Deutschen Demokratischen Republik. Rund 1400 Aufständische erhalten Freiheitsstrafen. In der Bundesrepublik wird Konrad Adenauer für weitere vier Jahre zum Bundeskanzler gewählt. Berlins erster Regierender Bürgermeister Ernst Reuter stirbt. Die Europäische Verteidigu ngsgemeinschaft beschließt Deutschlands Wiederbewaffnung. »Ohne mich« heißt die Parole bei den zahlreichen Gegnern der Remilitarisierung. Der 500 000. Volkswagen rollt in Wolfsburg vom Band. In England wird die 27jährige Elisabeth II. gekrönt und Feldmarschall Dwight D. Eisenhower wird Präsident der Vereinigten Staaten. Albert Schweitzer bekommt den Friedensnobelpreis. Gödeke erfährt das alles aus der Zeitung und aus den Wochenschauen. Er ist jetzt 20 Jahre alt und Redaktionsvolontär bei der Hannoverschen Presse. Sein Journalistenleben beginnt. Der Mai-Ausflug mit dem Fahrrad ins Calenbergische hatte zur Folge, daß sich Helga und Gödeke bald darauf über ihre Zukunft unterhalten mußten. Sie bekäme ein Kind, sagte Helga. Das Wort »schwanger« war noch tabu und gehörte zur Weihnachtsgeschichte der Evangelien. Ein Kind! Beider Gesichter waren blaß. »Wir werden heiraten«, sagte Gödeke. »Sie werden dagegen sein«, zweifelte Helga. Sie, die Eltern. »Wir werden heiraten«. Sie, die Eltern, waren dagegen. Sie, die Kinder, heirateten im November 1953. Er versprach, Helga zu lieben und zu ehren in guten wie in schlechten Tagen. Gödeke war noch, so wollte es das vom Jugendamt vertretene Gesetz, ein Jahr lang Vormund seiner 19 Jahre alten Ehefrau. Hannover war nun eine Halbmillionenstadt und für Gödeke die Jugend zu Ende.

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