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Professionelle und Laien in der sozialen Arbeit : Kriterien für eine Grenzziehung aus sozialwissenschaftlicher Sicht Rauschenbach, Thomas

Veröffentlichungsversion / Published Version Zeitschriftenartikel / journal article

Empfohlene Zitierung / Suggested Citation: Rauschenbach, Thomas: Professionelle und Laien in der sozialen Arbeit : Kriterien für eine Grenzziehung aus sozialwissenschaftlicher Sicht. In: Sozialpädagogik 35 (1993), 5, pp. 210-221. URN: http://nbn-resolving.de/ urn:nbn:de:0168-ssoar-36212

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Thomas Rauschenbach

Professionelle und Laien in der sozialen Arbeit Kriterien für eine Grenzziehung aus sozialwissenschaftlicher Sicht'

Im Rahmen des Zivildienstes wird über Soziale Arbeit nachgedacht. Das ist keineswegs selbstverständlich. Umgekehrt kann festgestellt werden, daß der Zivildienst in der Sozialarbeit eher beiläufig thematisiert worden ist - und dann zumeist mit Blick auf die politische und ethische Seite des Engagements, weniger hingegen unter sozial- oder arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten. Man könnte vielleicht so sagen: Mit dem Zivildienst und der Sozialen Arbeit ist es wie mit zwei Personen, die - obgleich sie schon seit längerem voneinander gehört haben - sich persönlich erst so allmählich genauer kennengelernt haben, sich gewissermaßen erst spät einander nähergekommen sind, und im Zuge dessen merkten, daß sie doch weit mehr miteinander zu tun haben als sie bis dahin selbst wahrhaben wollten. Dabei hatten beide stels versucht, sich vielleicht nicht gerade gezielt aus dem Wege zu gehen, aber doch immerhin keine unnötigen BerÜhrungspunkte aufkommen zu lassen. Deshalb will ich zunächst einige Überlegungen darüber anstellen, die eine früher oder später nahezu unausweichliche Kreuzung der beiden Wegstrecken von Zivildienst und Sozialer Arbeit zumindest plausibel machen. Und ich denke, daß damit auch deutlich wird, daß die Frage nach dem Verhältnis von professioneller Arbeit und Laienarbeit oder von Zivildienst und Sozialer Arbeit sich erst als Ergebnis der gemeinsamen Betrachtung dieser beiden Stränge entwickeln läßt. Und infolgedessen - soviel sei vorweggenommen - ist dann auch keine allein technologische Lö-

sung des Problems einer eindeutigen Grenzziehung zwischen diesen beiden Formen sozialer Hilfen zu erwarten. Zunächst aber zum Zivildienst und der allmählichen Entdeckung von Berührungspunkten mit der Sozialen Arbeit.

I. Vom ,Drückeberger, zum .Lohndrücker, ?

Der Zivildienst hat immer wieder beharrlich versucht - und dies, wenn ich recht sehe, zum Teil bis heute mit unbestreitbarem Erfolg -, seine sogenannte »Arbeitsmarktneutralität.. durch die Codierung dieser Form des Dienstes als Friedensdienst in einem politisch-moralischen Gewande zu unterstreichen. So konnte er sich, gleichsam gut getarnt, lange Zeit zwar nicht so sehr in einer politisch neutralen Zone (dort war er stets Anlaß zu Kontroversen) als vielmehr in einem anscheinend arbeitsmarktpolitischen Niemandsland bewegen und ausbreiten, ohne daß sich jemand ernsthaft um seine Entwicklung gekümmert hätte, konnte also ohne große öffentliche Aufmerksamkeit und mit dem Markenzeichen eines arbeitsmarktfernen Dienstes vergleichsweise stetig und ungehindert wachsen. Vereinfacht formuliert: von 0 auf 100 in rund 20 Jahren, um dann im Zuge der Beendigung der Ost-West-Konfrontation im Jahre 1990 erstmalig selbst eine quantitative Wende miterleben zu müssen. Während nämlich die Zahl der Zivildienstplätze (ZDP) in den alten Bundesländern auch seither weiter angestiegen ist (und

1. Vortrag im Rahmen der Jahrestagung Zivildienst des Diakonischen Werkes -Die Zukunft des Zivildienstes in der Diakonie - im Spannungsfeld sinnvoller Ausgestaltung und den Zwängen sozialer Arbeit.. vom 12. bis 14. Mai 1992 im Haus Hainstein in Eisenach.

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die neuen Länder in punkto Zivildienstplät- was abgewandelt die verborgene Bedeuze bereits ein Jahr nach der Vereinigung tung dieser Form des gesellschaftlich norihren bevölkerungsmäßigen Anteil von mierten Dienstes formulieren. Und vielrund 25% erreicht hatten), ist die zahl der leicht liegt - etwas provokativ formuliert Zivildienstleistenden (ZDL) seit dem Herbst makabererweise gerade darin der eigentli1990 im Westen hingegen nachhaltig che Friedensdienst, die Friedensleistung zurückgegangen (9/90: ca. 96 500; 3/92: der Zivildienstleistenden: daß sie still und ca. 78 500). leise, unauffällig und kostengünstig sowie Im Klartext: Die Kluft zwischen der nachge- beschäftigungspolitisch hochgradig funktiofragten, also gewünschten Zahl an Zivil- nal Dienste verrichten, die andernfalls so dienstleistenden und der tatsächlich zur manchen sozialen und arbeitsmarktpolitiVerfügung stehenden Menge wird bestän- schen Sprengsatz entzünden könnten. dig größer. Konnten im Frühjahr 1990 noch Denn Zivis sind nicht nur billig, unausgebilüber 75% der genehmigten Plätze besetzt det und im Arbeitsleben zumeist unerfahwerden, waren es in diesem Frühjahr, also ren, sie sind durch die besondere Form ihzwei Jahre später, nur noch unter 60%; res Dienstes »kurz, aber intensiv.. sozusarechnet man hier einmal die neuen Länder gen der Idealtyp eines modernen »Zeithinzu - und daran müssen wir uns langsam und Leiharbeiters.. : Sie kümmern sich nicht gewöhnen -, so ergeben die neuesten zah- um die betriebliche Seite ihrer Arbeit, es len des Bundesamtes für Zivildienst eine gibt keine Probleme mit ihrer »Entsordurchschnittliche Gesamtbelegungsquote gung", da Zivis bereits nach kurzer Zeit von gar nur 54% (um keine Mißverständnis- und vor allen Dingen automatisch wieder se aufkommen zu lassen: und dies, obwohl gehen und angesichts dessen meist nicht das Verhältnis von anerkannten Zivildienst- auf die Idee kommen, sich auf konzeptioleistenden und belegten Plätzen zuletzt so- nelle, personelle oder betriebliche Verängar noch auf rund 94% angestiegen ist derungen ernsthaft einzulassen. Zivis hamithin die »Zitrone Zivildienstleistende.. ben, so gesehen, drei unbestreitbare Vornoch effektiver ausgepreßt wird). Das heißt: züge: billig, befristet, blauäugig (im Sinne Während die Nachfrage nach Zivildienstlei- von unbedarft). Auch in dieser Hinsicht stenden unaufhörlich steigt, geht das vor- sind Zivis somit eine ganz besonders athandene Angebot sogar zurück, bestehen traktive Personalvariante für die Arbeitgegewissermaßen Lieferschwierigkeiten. Ist ber: vertraglich eingebunden wie Normaldas »große Geschäft.. mit den Zivis für die Erwerbstätige einerseits und zugleich stafreien Träger also vorbei? Kommen nach lusschwach und ohne berufliche Identität den sieben fetten Jahren nunmehr die sie- wie Ehrenamtliche andererseits. ben mageren Jahre für die Zivildienststei- Diese - vielleicht einseitig anmutende len? Wird ein Zivildienstleistender vielleicht Betrachtung des Zivildienstes soll keinesdoch noch zu einem kostbaren und nur wegs den Zivildienst und schon gar nicht schwer zu erlangenden »Gut.. , zu einer be- die einzelnen Zivildienstleistenden diskregehrten Arbeitskraft zum Spartarif? ditieren; vielmehr kommt es mir hier darauf Wie dem auch sei, in jedem Fall treten in an, einmal das Verhältnis zu den Nutzern, diesem Zuge des Auseinanderbrechens ; also den Dienststellen ins Blickfeld zu von Angebot und Nachfrage die sozial- und rücken, weil erst damit die sozial- und ararbeitsmarktpolitischen Zusammenhänge beitsmarktpolitische Seite des Themas des Zivildienstes ungleich deutlicher her- sichtbar wird. Erst, wenn der Zivildienst vor. Ohne Zivildienstleistende geht in so konsequent in seinem Verhältnis zum Armancher sozialpflegerischen Einrichtung beitsmarkt einerseits und zur Sozialarbeit gar nichts mehr: »Alle Räder stehen still, andererseits betrachtet wird, kann man anwenn der Zivi dieses will .. könnte man et- gemessen über diese vernachlässigte Sei211

te des Zivildienstes reden (ich muß also diese ..Außenseite" mit im Blick haben, um bei den Unterschieden im .. Innenverhältnis", also zwischen Profis und Laien, nicht am falschen Punkt anzusetzen). Denn spätestens seit Anfang der 80er Jahre, seit immer deutlicher wurde, welches quantitative Potential an Arbeitskraft für das Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitswesen im Zivildienst steckt, hat dieser endgültig seine Unschuld als Friedensdienst jenseits von gut und böse verloren. Er ist damit ungewollt in die Nähe eines neuen Vorwurfs gerückt: ..Vom Drückeberger zum Lohndrücker" könnte man vielleicht diesen Image-Wandel charakterisieren. Wenn man bedenkt, daß in der Bilanz einer vergleichenden Studie des Bremer Kollegen Blandow, grob gesprochen und im Schnitt, in den Einrichtungen mit Zivildienstleistenden immerhin rund 10% bis 20% der Wochenarbeitszeit von diesen erbracht wird (bei manchen Anbietern sozialpflegerischer Dienste sogar weit über 50%) und wenn man zudem bedenkt, daß davon sogar rund ein Drittel wiederum - und dies ist wichtig für die hier anstehende Thematik der ..Laienarbeit" - im Umfeld qualifizierter Tätigkeiten verrichtet wird (also keineswegs nur einfachste Hilfsdienste zur Debatte stehen), dann wird deutlich, daß die Lesart des Bundesamtes für Zivildienst allenfalls als eine gründlich mißglückte sprachliche Oberflächenkosmetik bezeichnet werden kann. Heißt es doch von dort (ich zitiere): ..daß bei jeder Anerkennung eines neuen Zivildienstplatzes geprüft wird, ob es sich hierbei um einen zusätzlich zum Stellenplan der jeweiligen Einrichtung geschaffenen Platz handelt ... Für alle Zivildienstplätze kann durchgängig gesagt werden, daß eine Kollision mit dem Arbeitsmarkt nicht besteht, weil für diese Tätigkeiten eine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt

effektiv nicht vorhanden ist oder eine bestehende Nachfrage aus Kostengründen nicht befriedigt werden kann- (Zitatende)2. Ich weiß nicht, ob man diese Äußerung aus dem Jahre 1988 eher als naiv oder als zynisch bezeichnen sollte. Daß aber 1. Zusätzlichkeit angesichts eines ohnehin kontinuierlich expandierenden sozialen Sektors keinerlei Beweiskraft für die vermeintliche Arbeitsmarktneutralität besitzt, daß 2. die angebliche Nach-Frage auf dem Arbeitsmarkt (angesichts von damals über 53 000 arbeitslos gemeldeten Erwerbspersonen allein in sozialpflegerischen Berufen) zumindest die Gewerkschaften als politische Unverfrorenheit bezeichnen müßten und daß schließlich 3. die unterstellte Nicht-Bezahlbarkeit ein Argument mit anscheinend unbegrenztem Haltbarkeitsdatum - tatsächlich weniger die fehlenden Möglichkeiten als vielmehr die fehlende Bereitschaft zur Bezahlung sozialer Dienste in der knallharten Konkurrenz zu anderen öffentlichen Ausgaben zum Ausdruck bringt, dies alles kann man bei einem ernsthaften Blick hinter die Fassade unschwer erkennen. Aber vielleicht signalisiert dieses Zitat auch sehr viel eher die in dieser Hinsicht offenkundig wachsenden Legitimationsprobleme auf sSeiten der Politik. Neben diesen letztlich nicht mehr emsthaft zu widerlegenden Arbeitsmarktbezügen und dem damit offenkundig verbundenen materiellen Nutzen des Zivildienstes, ist ihm aber im Laufe der Zeit noch eine zweite wichtige Funktion zugewachsen, auf die ich ebenfalls hinweisen will, da auch sie die Verzwicktheit der aktuellen Lage für den Zivildienst deutlich macht. Ich meine die~ wie ich das nennen will, symbolische

2. Dieses Zitat von Alfred Krep. Direktor im Bundesamt für Zivildienst aus dem Jahre 1988 sowie die Daten der Blandow-Studie wurden entnommen aus der Arbeit von Jörg Beckord (1989), in der er sich eingehender mit dem Zusammenhang von Zivildienst, Arbeitsmarkt und Sozialer Arbeit beschäftigt haI.

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Bedeutung des Zivildienstes. Neben seinem ganz praktischen, ökonomischen Nutzen kommt ihm nämlich auch noch ein sozlalpsychologisches Gewicht zu. Und dies in einem doppelten Sinne: • Zum einen ist der Zivildienst ein willkommenes, oder besser: fest schon unverzichtbares Symbol der ..guten Tat-, untrügliches Indiz der nach wie vor vorhandenen Hilfsbereitschaft junger Menschen, ja sogar: junger Männer - und dies, nur nebenbei, im Angesicht des von der Frauenbewegung diagnostizierten Befundes eines nahezu durchgängig weiblichen ~Daseins für andere- als Grundmuster der Hilfsbereitschaft seitens der Frauen (weshalb dem Zivildienst in den Debatten der Frauen auch immer ein gewisser Sonderstatus eingeräumt wird). In einer Gesellschaft, in der der außerfamiIiale und außerhäusliche Hilfsbedarf, oder etwas abstrakter formuliert: in der der soziale Bedarfsausgleich jenseits von Primärgruppen zum Teil explosionsartig zunimmt und in einer Gesellschaft, in der zugleich immer mehr Lebensbereiche. immer größere Anteile der persönlichen LebensphAren, ja, in der das Leben von der Wiege bis zum Sarg immer konsequenter und geplanter über Märkte und Konsum geregelt wird, in der also die markt- und geldvermittelte Existenz zur dominaf'ten und scheinbar unumstößlichen Form der (aufgenötigten) Lebensführung für die einzelnen Menschen wird, da muß es für die Gesellschaft ein wohltuender Balsam auf die Wunden ihrer Modemisierung sein, wenn die Öffentlichkeit das Bild des modemen barmherzigen samariters in Form von tapferen, sensiblen und gemeinnützigen Zivildienstleistenden im ISB, in den Mobilen Sozialdiensten, in den Fahrdiensten von Kranken, Behinderten und Verletzten, in der Pflege und Betreuung von alten Menschen oder den vielen anderen Tätigkeiten vorgeführt und anschließend bewundert werden kann. Der Zivildienst wird so auch zu einer Berührungspille für das schlechte Gewissen der Gesellschaft (und zu einem belieb-

ten Fotomotiv für die besinnlichen Seiten der Printmedien). • Zum zweiten scheint dem Zivildienst aber auch immer stärker eine symbolische Bedeutung dahingehend zuzuwachsen und dies wurde bislang perfekt übersehen -, daß er auch zu einem Ausfallbürgen für das schwindende traditionelle Ehrenamt wird. Wenn man nämlich davon ausgeht, daß der Zivildienst in den Bereichen, in denen er eine gewisse quantitative Bedeutung erlangt hat, zumindest historisch keine vorhandenen Arbeitsplätze vernichtet hat - und dies dürfte kaum strittig sein -, dann spricht vieles dafür, daß er statt dessen zu einer attraktiveren, überlegenen Alternative gegenüber dem ehrenamtlichen Engagement geworden ist. Also: Die Zivis, die - anstelle von Angehörigen - behinderte Kinder zur Schule fahren; Zivis, die in privaten Eltem-Kind-Initiativen mittlerweile jene Dienste übemehmen, die ursprünglich die engagierten Mütter und Väter selbst erledigten; Zivildienstleistende, die etwa in der Bahnhofsmission die letzten jungen Menschen sind, weil dort fast nur noch über 60jährige ehrenamtlich aktiv sind. Dies alles sind Beispiele, die erstens deutlich machen, daß der Zivildienst auch einen Teil des sozialen Ehrenamtes ersetzt, sprich: daß Laien durch Laien ersetzt werden, die aber zweitens auch eine historische Entwicklungslinie dahingehend nahelegen, daß man später - und ich vereinfache jetzt sehr - mOglicherweise einen Weg in den gesellschaftlichen Formen der Erbringung sozialer Dienste wird nachzeichnen können - zumindest für einen Teil von (1) der Hilfe in den eigenen vier Wänden und im Gemeinwesen zum (2) ehrenamtlichen Engagement in den sozialen und lokalen Milieus (der Kirchen und den anderen Wert- und Gesinnungsgesellschaften) über (3) den Zivildienst mit Pflichtcharakter (und einer damit sichergestellten höheren Erwartbarkeit der Hilfe gegenüber dem Ehrenamt) bis schließlich (4) zu den dann letzten Endes beruflich organisierten Formen sozialer Hilfe.

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Es könnte also immerhin sein, daß dem Zivildienst eine wichtige, überhaupt erst Aufmerksamkeit schaffende Funktion im Prozeß der öffentlichen Wahrnehmung und der Bereitschaft der Bearbeitung sozialer Probleme zukommt, eine Funktion, die einerseits das Ehrenamt so nicht leisten kann und die andererseits für die berufliche Sozialarbeit in vielen Arbeitsfeldern und Aufgabenbereichen geradezu unverzichtbare Voraussetzung war, um überhaupt mit öffentlicher Akzeptanz tätig werden zu können. In diesem Sinne hat der Zivildienst also seine sozialpolitische Funktion als - allerdings zeitlich befristeter - Vorreiter, seine Rolle des Aufdeckens und Aufmerksam-Machens auf vergessene, vernachlässigte oder verdrängte sozialpflegerische Probleme, auf die Mängel im sozialen Hilfesystem. Der Zivildienst kann die Schwelle der öffentlichen Beachtung ungleich einfacher überschreiten, kann sich dort engagieren, wo ansonsten niemand hinschaut. Daß sich dann aber früher oder später fast von alleine die Frage der beruflichen, professionellen Organisation dieser Dienste stellt - zumindest hat dies die Berufsgeschichte der Sozialen Arbeit wiederholt gezeigt -, könnte für eine Art ..Unternehmensphilosophie« des Zivildienstes das Bild eines Wanderpredigers provozieren: immer da hinzugehen und zu sein, wo noch niemand war - und immer da wegzugehen und sich zurückzuziehen, wo in der eigenen Arbeit die Früchte des Erfolges stabilisierende Wirkungen nach sich gezogen haben. Dies führt mich nun zu meinem zweiten Strang, der Entwicklung der Sozialarbeit als Beruf.

/I. Von den qualitativen Folgen eines quantitativen Erfolges

Vielfach wird heute übersehen, daß wir auch in punkto beruflicher Sozialarbeit eine vergleichsweise kurze Entwicklung hinter uns haben. Vor rund 150 Jahren wurden 214

im Umfeld von Namen wie Fröbel, Fliedner und Wiehern erste Ausbildungskurse im Bereich der Kleinkindererziehung und der kirchlichen Diakonie angeboten; und erst nach der Jahrhundertwende, vor nunmehr rund SO Jahren, hat dann der Staat selbst begonnen, Ausbildungen zu organisieren bzw. private Ausbildungen staatlich offiziell anzuerkennen. Allerdings ist danach eine Dynamik und Ausweitung in einem nennenswerten Umfang erst in den 20er Jahren, also in der Weimarer Zeit eingeleitet worden. So können wir für die Mitte der 20er Jahre dann auch erstmalig eine Größenordnung von etwa 30 000 Kindergärtnerinnen und Wohlfahrtsbeamtinnen festhalten, eine Zahl, die heute in der Bundesrepublik in etwa in einem einzigen Jahr, wenn man alle Varianten sozialpflegerischer Berufsausbildungen zusammenrechnet, im Bereich der Sozialen Arbeit erfolgreich ausgebildet wird. Seit dieser Zeit ist die berufliche Sozialpädagogik und Sozialarbeit stetig gewachsen, sieht man einmal von den Verwerfungen des Dritten Reiches ab. Nichtsdestotrotz können wir eine zweite große Zäsur Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre festmachen, in der so etwas wie ein ..neues Zeitalter« für die Soziale Arbeit begann. Damals wurden nicht nur viele Ausbildungen konzeptionell reformiert, sondern mit den Fachhochschul- und Universitätsausbildungen auch erstmals die Möglichkeit einer einschlägigen Qualifikation auf Hochschulebene eröffnet. Dies war das Ende eines langen Weges in die Akademisierung der Sozialen Arbeit, und der Beginn einer zweiten, noch schnelleren ExpansionsweIle in punkto Ausbildung und Beruf. Dies hat nun seither dazu geführt, daß wir mittlerweile vor dem erstaunlichen Befund stehen, daß - erstens - die sozialen Berufe die Schwelle von 500 000 Erwerbstätigen bereits überschritten haben (zum Vergleich: rund 600 000 Lehrerinnen), daß die Quoten - zweitens -, zumindest seit regelmäßige amtliche Erwerbsstatistiken vorliegen, kontinuierlich gestiegen sind, daß dies

- drittens - in den letzten drei, vier Jahren auf der einen Seite das soziale Ehrenamt sogar mit nochmals erhöhten Zuwachsra- eine zumindest rhetorische Renaissance ten geschehen ist (und zwar ohne den Ef- erlebt hat und auf der anderen Seite die fekt der neuen Länder), und daß schließ- Selbsthilfe wieder entdeckt und mit neuem lich - viertens - von heute aus gerechnet Leben gefüllt worden ist. Lalenarbeit also zwei Drittel der inzwischen vorhandenen auf der ganzen Linie? Laien als eine eigenStellen erst nach 1970 hinzugekommen ständige gesellschaftliche Kraft und Gesind (dies zeigt noch einmal, warum die genbewegung zur Expertenherrschaft? Laivorhin erwähnten zusätzlich ausgewiese- en als Ergänzung oder als radikale Altemanen ZivildienststeIlen kein Argument für Ar- , tive zu einem sich hypertroph ausweitenbeitsmarktneutralität darstellen, da auch in den System der beruflichen, organisierten, der beruflichen Sozialarbeit in den letzten professionellen Sozialen Arbeit und Erzie20 Jahren mehr neue Stellen hinzugekom- hung? men sind als zunächst vorhanden waren). Zumindest in diesem Kontext einer neuen Wir sehen also, wenn man so will, eine lan- Verunsicherung im Prozeß der Verberuflige Zeit nicht unähnliche Entwicklung zwi- chung und der Professionalisierung mußte schen Zivildienst und Sozialer Arbeit. Bei- auch die Soziale Arbeit anfangen, sich mit de haben Anfang der 708r Jahre einen po- Ehrenamt, Selbsthilfe, Zivildienst und all sitiven Auftrieb zu verzeichnen (der sicher- den anderen Spielarten der sozialen Hilfen lich auch etwas miteinander zu tun hat), außerhalb von Beruf und Familie auseinanund beide erfahren interessanterweise in derzusetzen. Und auf diesem Hintergrund den S08r Jahren eine weitere Steigerung. stellt sich nunmehr die Frage: Was zeichNimmt man die zahl der genehmigten Zivil- net berufliche Soziale Arbeit gegenüber dienstplätze - zuletzt rund 125000 in der den anderen Formen aus? Und gibt es ehemaligen BRD -, so zeigt sich auch in demgegenüber ein eigenständiges Profil dieser Hinsicht ein weiterer Anstieg des sozialer und pädagogischer Laienarbeit? angemeldeten Bedarfs, also der Nachfra- Damit sind wir beim Kern jenes Themas angekommen, das es hier zu behandeln ge. Diese offenkundig breite und unvermindert gilt (aber nicht einfach zu klären ist). anhaltende hohe Nachfrage nach Personal jeglicher Art in pädagogischen und sozialen Diensten (trotz bereits enormer Steige- 111. Professionelle und Laien - Alternative oder Ergcjnzung? rungsraten in den letzten 20 Jahren), wird, sofern die derzeitigen Größenordnungen und Entwicklungslinien einigermaßen stabil Pädagogische Arbeit ist nicht teilbar - dies bleiben, aller Voraussict'l nach in absehba- scheint mir zunächst der zentrale Ausrer Zeit nicht mehr qualifiziert, also mit ein- gangspunkt aller weiteren Überlegungen schlägig und solide ausgebildeten Fach- zu sein. Ein Grund-Satz übrigens, der in kräften abzudecken sein: Nach dem Pfle- seinen Konsequenzen immer noch nicht genotstand zeichnet sich bereits sehr deut- genügend betrachtet wird. Was soll das heißen? lich ein Erzieherinnenmangel ab und nicht zuletzt in dessen Folge - könnte die 1. Zunächst: Wenn ich sage, daß pädagogigesamte Soziale Arbeit noch bis zum Ende dieses Jahrtausends erneut zu einem Man- sche Arbeit nicht teilbar ist, so meine ich das vor allem in dem Sinne, daß die gelberuf werden. Unterhalb dieser Entwicklung, oder viel- pädagogische Arbeit mit Behinderten weleicht auch gerade wegen dieser Entwick- der einfacher noch weniger wertvoll ist als lung, ist unterdessen in den letzten zehn mit Menschen ohne Behinderung; oder: Jahren eine Debette aufgebrochen, in der daß die Arbeit mit Kleinkindern nicht weni215

ger wichtig ist als etwa mit Schulkindern. Im Gegenteil: Nicht nur die Psychoanalyse hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß gerade die ersten Jahre unseres Lebens sehr entscheidend sein können. Die Organisation der öffentlichen pädagogischen und sozialen Dienste verhält sich dazu aber genau spiegelbildlich und bewertet beispielsweise die Erziehung im Kindergarten sehr viel geringer, bezahlt diese Arbeit schlechter oder bildet dafür weniger gründlich aus. Demgegenüber scheint es mir notwendig zu sein, erst einmal darauf zu insistieren, daß jede "pädagogische Handlung.. , an welchem Ort, in welcher Lebensphase und in welcher Lebenslage auch immer für den Betroffenen und Empfänger eine pädagogische Handlung darstellt (.man kann nicht nicht kommunizieren.). Insofern ist also eine begründete Aufteilung zwischen Professionellen und Laien innerhalb der pädagogischen Handlungsformen wohl kaum möglich. 2. Deshalb muß der Satz von der Unteilbarkeit pädagogischer Arbeit revidiert und differenziert werden. Dieser Satz gilt nämlich nur dann, wenn man davon ausgeht, daß die Arbeit in pädagogischen und sozialen Diensten ausschließlich oder nahezu ausschließlich interaktive Arbeit ist, also Kommunikation und Umgang mit den Betroffenen, Mensch-zu-Mensch-Pädagogik, "Arbeit am und mit dem Kunden.. , oder, wie die Soziologie dies nennt, direkte personenbezogene soziale Dienstleistungsarbeit. Dies ist aber, wie wir alle wissen, nicht der Fall (allenfalls in einem therapeutischen Setting, das deshalb auch ausschließlich auf professioneller Angebotsform basiert). Und deshalb könnte es zunächst einmal Sinn machen, eine Unterscheidung von Tätigkeiten danach zu versuchen, ob diese Arbeit eigenständiges, pädagogisch kompetentes Handeln voraussetzt oder nicht. Nun kann das natürlich nicht bedeuten, daß jede Arbeit, die einen persönlichen Umgang mit Betroffenen erforderlich 216

macht, bereits als eine pädagogische qualifiziert werden muß, von der Laien und Hilfsdienste möglichst fern zu halten seien. Aber dennoch scheint es mir wichtig, daß wir uns darüber klar werden, daß - trivialisiert formuliert - jede Form von Kommunikation Kommunikation ist, jeder Versuch zwischenmenschlicher Einflußnahme pädagogisches Handeln sein kann - so, wie auch jedes Fahren mit einem PKW Autofahren ist, egal, ob dies gut oder schlecht, ob mit oder ohne Führerschein oder ob dies berufsmäßig oder notgedrungen geschieht. Ich habe den Eindruck, daß die moderne Gesellschaft zwar realisiert, daß gesellschaftliche Selbstaufklärung etwa über naturwissenschaftliche, ökologische oder medizinische Sachverhalte notwendig und unvermeidlich ist, daß dies aber für soziale und pädagogische Phänomene in keiner Weise gilt. Damit drängt sich aber die Frage in den Vordergrund, was ein Handeln zu einem ausreichend kompetenten Handeln macht. Und damit sind wir inmitten eines in der Pädagogik und Sozialarbeit ungelösten gordischen Knotens gelandet. Und zu dessen Lösung kann ich, wenn überhaupt, allenfalls einige Anregungen geben. 3. Angesichts der bisherigen Überlegungen drängt sich eine Annahme auf, die vielleicht nicht zwingend von allen geteilt wird, die aber ein fatales Versäumnis deutlich macht: daß nicht jedes Handeln ein ausreichend gelungenes Handeln ist. Genau hier aber fängt das Problem der Ehrenamtlichkeit an (und ich nenne das jetzt einmal so, weil dies nicht so wertend klingt wie »laienhaftes Handeln.. , sondern lediglich darauf verweist, daß es ein nicht-berufliches Handeln ohne die zum Teil übliche und auch mögliche Ausbildung ist). Und zwar fängt aus sozialwissenschaftlicher Sicht das Problem deshalb an, weil in der Debatte um das ehrenamtliche Handeln eine qualitative Differenz zwischen dem Handeln von Laien und Experten eher negiert beziehungsweise davon ausgegangen wird, daß Laien

mögliche Nachteile auf dem einen Gebiet durch Vorteile auf anderen Gebieten mehr oder weniger vollständig kompensieren können. Also: Erfahrung und Intuition statt Wissen; Authentizität und Echtheit statt Methode; Milieunähe und Betroffenheit statt fallbezogener, routinierter Distanz. Ich will gerne gestehen, daß ich in dieser Hinsicht gewisse Probleme habe. Und dies in doppelter Hinsicht: a) Zum einen entsteht damit die Gefahr, die eben genannte »Grenze nach unten.. völlig aus dem Auge zu vertieren...Wer kann, der darf.. wird somit zu einer nicht mehr thematisierbaren Maxime ehrenamtlichen Engagements (da die Möglichkeit, freiwillig angebotene Hilfe zurückzuweisen, moralisch erschwert ist). Noch einmal am Beispiel Auto: Es mag zwar gute, mittelmäßige und schlechte Autofahrer geben, aber es gibt in jedem Fall auch Menschen, die überhaupt nicht Auto fahren können. Diese Differenz im Bewußtsein zu halten, scheint mir eine ungleich elementarere Aufgabe, die sich gerade beim Thema Laien allzu rasch in undurchsichtigem Nebel verliert. Mit anderen Worten: Es kommt darauf an, bei der Arbeit in sozialen und pädagogischen Diensten, ganz allgemein gesprochen, nicht die qualitative Maxime »wer kann, der darf.. als Leitdifferenz aufzugeben zugunsten der quantitativen Regel »wer will, der darf... b) Zum anderen scheint mir mit der unterschwelligen Polarisierung von Authentizität, Betroffenheit, Erfahrungsdichte, MiIieunähe auf der einen Seite und professioneller Distanz, Wissensabhängigkeit und Methodenfetischismus auf der anderen Seite eine Kluft aufgebaut zu werden, die mir auf beiden Seiten allenfalls zum Teil einleuchtet. Weder kann ich sehen, wieso Laien, Ehrenamtliche oder auch Zivildienstleistende grundsätzlich einen Erfahrungsvorsprung haben sollen. Erfahrung ist allein eine Differenz zwischen AnfängerInnen und »alten Hasen~ - und die gibt es bei den Profis ebenso wie bei den Laien (während implizit immer die frisch ge-

backene Erzieherin gegen die Gelassenheit und Klugheit einer 40jährigen Mutter von 3 Kindern gesetzt wird). Auch finde ich es nicht überzeugend, daß Professionalität zwangsläufig zu einer Gleichgültigkeit gegenüber den Schicksalen von Betroffenen führen muß (auch dies scheint mir eher eine Gefahr einer allzu starken Routinisierung zu sein). Ich würde also vorschlagen - und dies wäre wiederum ein Spezifikum des Zivildienstes - nicht nur zwischen Profis und Laien, sondern auch zwischen Anfängerinnen und Routiniers zu unterscheiden. Daraus ergäbe sich dann, daß die Zivildienstleistenden der Mischform ..Anfänger« und »Laien« nahekommen. 4. Aus den eben angestellten Überlegungen läßt sich nun eine weitere Annahme ableiten, die man relativ einfach benennen kann als Vermeidung von Fehlern bzw. von unerwünschten Nebenfolgen. Sie sehen also, daß ich den umgekehrten Weg gehe, und zunächst nicht die Trennung zwischen bezahlt und unbezahlt, zwischen Personen mit und ohne Ausbildung, zwischen Profis und Laien ins Blickfeld rücke, sondern diejenige Schwelle hervorhebe, in der das pädagogische Handeln nicht mehr nur nicht so erfolgreich und produktiv ist - also etwa nur noch im Sinne eines pädagogischen Placebo-Effektes schlicht wirkungslos wäre -, sondern in dem es, umgekehrt, geradezu kontraproduktiv wird. Infolgedessen wäre es vielleicht angebracht, eine Art ..Umweltverträglichkeitsnachweis«, wie er in der Ökologiedebatte zu L1asten der Produzenten gefordert wird, auch in sozialen und pädagogischen Diensten einzuführen, um zumindest gravierende Nebenwirkungen zu vermeiden (das hieße beispielsweise, daß auch pädagogische und soziale Dienste samt ihrer personellen Struktur verstärkt im vorhinein in ihrer Wirkung untersucht und bedacht werden müßten was freilich ohnehin noch kompliziert genug wäre). Erst mit Hilfe einer gelungenen Abgrenzung nach »unten« würde somit einiger217

maßen seriös das zu erreichen versucht, was in der Kontroverse um das Verhältnis von Professionellen und Laien als Unbehagen unterschwellig häufig mitschwingt: daß die pädagogische und soziale Arbeit von Laien ebenfalls gewissen Standards genügen sollte, daß soziale Dienste also nach unten nicht bodenlos, oder besser: kriterien- und kritiklos werden (Hauptsache, Personal ist vorhanden). Wenn ich richtig sehe, liegt hierin möglicherweise sogar der zentrale Schlüssel, um aus den fatalen Konsequenzen eines pauschalierenden Vergleichs zwischen der pädagogischen Qualität von Müttern gegenüber Erzieherinnen herauszukommen. Wenn man sich auf der einen Seite der Skala schlechte Erzieherinnen und auf der anderen Seite gute Mütter vorstellt, macht die Berechtigung eines Vergleichs ja noch einen gewissen Sinn. Wenn man jedoch pauschal Mütter mit Erzieherinnen vergleicht, dann rutscht die Debatte unweigerlich auf das Niveau, das der beruflichen Pädagogik und Sozialen Arbeit seit jeher so zu schaffen macht: eine Dienstleistungsarbeit zu sein, die kein eigenes Gewicht, keine eigenständige Qualität und keine unverzichtbare Kompetenz enthält. Der Mythos von der Frau und Mutter als der ..geborenen« oder vermutlich präziser: der "gewordenen Erzieherin« ohne Ausbildung kann infolgedessen auch nur deshalb tendenziell mit der formal qualifizierten Fachkraft konkurrieren.

5. Dies führt mich nun erneut auf die Frage zurück, wo sich denn nun - trotz allem mögliche Differenzen im Innenverhältnis, also zwischen Profis und Laien auftun. Und hier will ich auf zwei entscheidende Punkte hinweisen. Ich behaupte nämlich, daß sich sozial kompetentes Handeln unter anderem grundsätzlich aus zwei Ressourcen speist, um überhaupt zu einem kompetenten Handeln zu werden (und über beide Ressourcen können jedoch grundsätzlich auch Laien bis zu einem gewissen Grade verfügen): ich meine die Wissensabhängig-

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keit einerseits und Beobachtungsfähigkeit andererseits. Kurz zu diesen beiden Komponenten. a) Wir tun uns noch immer schwer mit der Annahme, daß pädagogisches und soziales Handeln wissensabhängig ist. Was für uns in anderen Bereichen des Lebens völlig selbstverständlich geworden ist, daß man ohne Wissen weder ein Auto herstellen, einen Gerichtsprozeß führen, ein Haus bauen, Bankkunden beraten oder einen Blinddarm operieren kann, ist in pädagogischen Zusammenhängen immer noch begründungsbedürltig. Nicht der ..Wissende«, sondern der .. Praktiker« ist im Zweifelsfall gefragt. Dabei gibt es vermutlich nicht sehr viele gesellschaftliche Bereiche, wo Fragen zur Entstehung von Problemen ebenso wenig eindeutig zu beantworten sind wie die von den eindeutigen Folgen, also den positiven Wirkungen einer Maßnahme. In einem Bild formuliert: Fachkräfte in pädagogischen und sozialen Diensten müssen vielfach mit Hilfe ganz weniger Anhaltspunkte und Indizien versuchen, wie Detektive Tathergänge, Entwicklungsverläufe und Ursachenzusammenhänge zu rekonstruieren, ohne daß dies alles irgendwie offen läge und sichtbar wäre. Erst das Wissen über mögliche Ursachen, über mögliche Prozesse der Verfestigung eines Problems, über die Möglichkeiten der Hilfe und Beratung sowie erst das Wissen, daß dieses Wissen seinerseits nicht immer und in jedem Fall mit der Realität übereinstimmen muß, zeichnet professionelles Handeln aus. Ein Arzt, der mir kaum zuhört und bereits zu wissen glaubt, was ich habe, bevor ich ihm alle Symptome genannt habe, ist nicht unbedingt der beste. Erst ein Reservoir an gegenstands- und problembezogenen Wissensbeständen kann ermöglichen über den Tellerrand der ohnehin schon bekannten Fakten hinauszuweisen und sicherzustellen, daß nicht ein verengter, sozusagen unterkomplexer und zu schlichter Blick Ursache, Problem und Lösung im vorhinein verengt.

(b) Dies führt unmittelbar zu dem zweiten Punkt, der Beobachtungsfiihigkeit. Ich spitze der Klarheit halber zu: Eine qualifizierte Ausbildung liegt dann vor, wenn neben der grundlegenden Wissensvermittlung und dem Aufbau einer individuellen beruflichen Identität vor allem auch eine sozialpädagogische Beobachtungsfähigkeit erworben werden konnte. Studierende lernen vielfach nichts Wichtigeres als die Welt mit neuen Augen zu sehen...Ich sehe was, was Du nicht siehst« - dieses beliebte Allwetterspiel für Kinder kennzeichnet treffend die (hoffentlich) durch die Ausbildung erworbene Kompetenz von Sozialpädagoginnen und die damit zutage tretende Differenz zu einem ..laienhaften Handeln« (Differenz zwischen einem zufällig entstandenen ..Alltagsblick« und einem systematisch geschulten ..fachlichen Blick«). Das ist wie bei einem Bild oder einem Musikstück, wo wir als Laien weder Details noch Nuancen wahrnehmen. Und es ist vermutlich eine ähnliche Fähigkeit, die einen guten Fußballtrainer gegenüber einem sehr guten Spieler auszeichnet: daß er nämlich mittels Beobachtung erkennen kann, wo die Schwächen des Gegners und die Fehler in den eigenen Reihen liegen (also auch die Selbstbeobachtung ist demnach ein ganz entscheidendes Qualitätsmerkmal). Man kann diese beiden Elemente auch analytische und reflexive Kompetenz, oder auch anders nennen. Darauf kommt es mir nicht an. Wenn aber zu diesen beiden Ressourcen, die einerseits miteinander zu tun haben und andererseits natürlich immer in allen möglichen graduellen Ausprägungen vorhanden sein können, wenn dazu noch die Fähigkeit der Darstellungs- bzw. Vermittlungskompetenz, auch ..Performanz« genannt, dazukäme (also nicht nur etwas zu sehen oder zu wissen, sondern es auch umsetzen zu können), dann scheinen wir uns in etwa dem zu nähern, was ich idealtypisch und in qualitativer Hinsicht ..Professionalität« in bezug auf pädagogische und soziale Dienste nennen würde und das

sich graduell gegenüber laienhaftem Handeln abgrenzen läßt: Denn: • alltags- und erfahrungsübersteigendes Wissen (also über die eigenen persönlichen und situativen Beispiele hinausweisendes Problembewußtsein) stellt sicher, daß ich nicht meinen eigenen Vorurteilen erliege (reduziert also meine eigenen blinden Flecken); • Beobachtungs- und Selbstbeobachtungsfähigkeit eröffnet mir die Möglichkeit, eigene Anteile mißglückter Interaktion von externen Einflüssen zu unterscheiden, Inhalts- und Beziehungsebene auseinanderzuhalten, Machbarkeit und Nicht-Machbarkeit bei der Umsetzung von Analyse in Handlungspalette erkennen und dies wiederum von überwindbaren Hindernissen unterscheiden zu können; • Darstellungsfähigkeit schützt im Alltagshandeln unter Entscheidungszwang davor, nicht nur über Wissen und Beobachtung zu verfügen, sondern dieses auch in der praktischen Arbeit anwenden zu können. Daß nun alle drei Ebenen weder einfach da sind, noch von heute auf morgen erworben werden können, ist wohl unbestreitbar. Deshalb stellt sich, so oder so, das Problem des Anfangs und des Lernens. Und so läßt sich in dieser Hinsicht eigentlich nur folgende Relation formulieren: je qualitativ besser die Kompetenzen von Wissen, Beobachtung und Darstellung erlernt worden sind, um so professioneller wird voraussichtlich auch das entsprechende Handeln; je weniger davon vorhanden ist, um so eher können wir von einem laienhaften Handeln mit dem Risiko einer hohen Fehlerquote sprechen. Mit den so weit gemachten Ausführungen versuche ich nun abschließend noch einmal zu bilanzieren, was dies programmatisch für den Zivildienst heißen kann. IV. Grenzen ohne Schranken

Ich spitze einige Punkte zu und verkürze sie thesenhaft zu einem diskutierbaren Profil.

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1. Der Zivildienst sollte sich zunächst programmatisch stärker seiner Vorreiterrolle zuwenden. Mit einer gezielten Nischenorientierung, also dem Versuch, eher neue Segmente des Unentdeckten vorläufig zu besetzen, und diese auch gegebenenfalls wieder zu verlassen, entzieht er sich einer direkten beruflichen Konkurrenz und Konfrontation (Beispiele könnten eventuell sein: Interkulturalität, Ökologie, Völkerverständigung). 2. Innerhalb des Verhältnisses von Profis und Laien gibt es, wie gezeigt, keine eindeutigen und grundsätzlich unüberwindbare Grenzen. Dennoch gibt es in der Polarisierung Unterschiede, die in Grenznähe aber unscharf werden. Deshalb kann man nur pauschal formulieren: Je weniger Qualifizierung vorhanden ist, desto eher sollte man versuchen, Tätigkeiten im pädagogischen Zentrum, also mit einer hohen Bedeutung sozialer und pädagogischer Kompetenzen zu vermeiden. Soziale Hilfsdienste sollten deshalb vorrangig unterstützende, angeleitete, mechanische, risiko- und ungewißheitsarme Aufgaben, also Tätigkeiten mit hoher Standardisierbarkeit übernehmen (das heißt: eher technische Dienste, eher erziehungsferne Tätigkeiten, eher ergänzende Aufgaben und sachgebundene Dienste). Demnach sollten also auch Tätigkeiten, die ein hohes Beobachtungs- und Kontextwissen voraussetzen, nicht von Laien gemacht werden. 3. Dennoch würde ich den Zivildienst der Zukunft nicht allein auf die Alternativlosigkeit eines reinen sozialen Hilfsdienstes im pädagogischen Vorzimmer der eher technischen Zuarbeit beschränken. Dazu ist der Zivildienst als grundlegende Station mit nachhaltiger Wirkung im Lebenslauf von jungen Männern nicht zuletzt mit Blick auf ihre eigene berufliche Zukunft viel zu wichtig. Und er ist es auch unter dem Gesichtspunkt, daß ein Großteil der ehemaligen Zivildienstleistenden das zentrale Potential

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für eine spätere soziale oder pädagogische Ausbildung darstellt (die ansonsten eindeutig von Frauen dominiert werden). Ich schlage infolgedessen versuchsweise vor, dementsprechend über eine neue Form der Zweiteilung des Zivildienstes nachzudenken. Die erste Form, die Grundform, wäre dann nach wie vor die klassische Form des eben beschriebenen sozialen Hilfsdienstes für die Zeit der Zivildienstpflicht. Die andere Form hingegen würde endlich konsequent einer Entwicklung Rechnung tragen, die auch die Attraktivität des Zivildienstes und die Glaubwürdigkeit seitens der Träger und der Gesellschaft nachhaltig steigern würde: der Zivildienst als formal geregelte Vorstufe oder gar als impliziter Bestandteil individueller Qualifizierung. Es will mir einfach nicht einleuchten, warum es nicht - ähnlich der freiwilligen Verpflichtung bei der Bundeswehr - möglich sein soll, bei einer verlängerten Zivildienstzeit mit verbesserter Bezahlung im Rahmen dieses Dienstes eine erste Ausbildung im sozialen oder sozialpflegerischen Bereich zu machen. Dieses würde nicht nur den Verdacht reduzieren, mit dem Zivildienst ..Zeit vertan zu haben., sondern auch das Bestreben der Bundesrepublik fördern, Heranwachsenden früher zu einer ersten Ausbildung zu verhelfen. Es würde aber auch den jungen Männern selbst die Möglichkeit eröffnen, ihre Bereitschaft, einen wichtigen sozialen Dienst in der Gesellschaft zu übernehmen mit der Chance einer ersten qualifizierenden Ausbildung zu verknüpfen. Man muß sich immerhin klar machen, daß im Unterschied zur Dienstzeit bei der Bundeswehr der Zivildienst vom ersten Tage an »Ernstfall. ist, während in der Bundeswehrzeit in der Regel nur geübt wird. Und dieser Ernstfall, soweit es sich zumindest um sozialpflegerische Dienste handelt, hat ebenfalls das Anrecht, qualifiZiert geleistet zu werden. Und dabei kann man auch aus anderen Bereichen lernen: So wäre es analog etwa zur betriebsinternen Ausbil-

dung bei IBM oder Daimler - durchaus denkbar, bei entsprechender formaler Zugangsberechtigung und vorhandenem Interesse die zweite Variante des Zivildienstes so zu organisieren, daß in einer Mischung aus praktischem Dienst (der in seiner Dauer in etwa der Grundform des Zivildienstes entsprechen würde) und fachlicher Ausbildung insgesamt ein duales Konzept entstünde, das in der Form beispielsweise der Ausbildung an den Berufsakademien nahe käme. Und damit wären viele Probleme auf einmal zu lösen: der drohende Glaubwürdigkeitsverlust der Dienststellen, der Attrakti-

vitätsverlust bei den Jugendlichen, der vorhandene oder drohende Mangel an interessierten und qualifizierten Männern für soziale Berufe (an denen auch der Staat Interesse haben muß) sowie die fehlende Einbindung und Rückbindung des Zivildienstes in die permanent wachsende Palette der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege. Und zuletzt hätte auch der Zivildienst selbst angesichts der drohenden ..sieben mageren Jahre. wieder eine glaubwürdige und zukunftsträchtige politische und fachliche Vision, die ihm zu neuem Auftrieb verhelfen könnte - und ihn nicht allein auf die statusschwache Rolle eines sozialen Hilfsdienstes begrenzt.

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