XII. Antisemitismus vor und nach Hitlers - Clemens Fritz

XII. Antisemitismus vor und nach Hitlers - Clemens Fritz

XII. Antisemitismus vor und nach Hitlers Machtergreifung am Beispiel Rosenheim 1. Einleitung 2. Genaue Betrachtung des Antisemitismus 2.1 Klärung des ...

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XII. Antisemitismus vor und nach Hitlers Machtergreifung am Beispiel Rosenheim 1. Einleitung 2. Genaue Betrachtung des Antisemitismus 2.1 Klärung des Begriffs Antisemitismus 2.2 Antisemitismus vor dem Nationalsozialismus 2.3 Antisemitismus unter dem Nationalsozialismus 3. Juden in Rosenheim 3.1 Beispiel der Familie Familie Fichtmann 4. Heute aus dem Antisemitismus lernen 5. Quellen

1.Einleitung Die Machtergreifung Hitlers am 30.1.1933 jährt sich dieses Jahr zum 70. mal. Sie hatte große Auswirkungen auf Deutschland und das Weltgeschehen. Eines der schlimmsten Verbrechen der Nationalsozialisten war der Holocaust. Die Juden wurden systematisch ausgerottet. Insgesamt wurden fast 6 Millionen Juden ermordet.

2. Genaue Betrachtung des Antisemitismus 2.1 Begriffsklärung: Was ist Antisemitismus? Vor Betrachtung der Geschichte der Juden muss der Begriff Antisemitismus erklärt werden. Das Wort Antisemitismus bedeutet Feindschaft gegen das Volk der Juden. Der Begriff wurde erstmals 1879 verwendet. Er bezieht sich ausschließlich auf Juden. Für andere Semiten wird er nicht verwendet. Semiten sind eine Völkergruppe, die laut der Bibel, auf Sem einen der drei Söhne Noahs zurückzuführen ist.

2.2 Antisemitismus vor dem Nationalsozialismus Das Verhältnis zwischen Juden und Christen war schon immer belastet. Besonders im Mittelalter mussten Juden unter Vorwürfen und Gerüchten leiden. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie Schuld am Tod von Jesus sind. Auch der Ausbruch der Pest wurde ihnen angelastet. Die Juden wurden schon immer dazu gezwungen, getrennt von Christen zu leben. Sie pflegten ihre eigenen Riten und Bräuche. Über ihre Lebensart war wenig bekannt, da sich auch kaum ein Außenstehender dafür interessierte. Gerüchte über Ritualmorde, Brunnenvergiftungen und Hostienschändungen gingen um. Besonders groß war jedoch der Neid auf den wirtschaftlichen Erfolg den einige Juden hatten. Viele Berufe waren für sie verboten, daher mussten sie sich auf

andere spezialisieren. Dies alles führte dazu, dass die Juden immer mehr vom normalen Leben isoliert wurden. Gettobildung, Kleidervorschriften, Vertreibung und sogar Mord waren die Folge davon. Im 19. Jahrhundert emanzipierten sich die Juden immer mehr. Der wirtschaftliche Einfluss von einigen Juden wurde immer größer. Durch Fleiß, Wissen und durch Strebsamkeit drängten immer mehr Juden auch in gehobene Positionen. Sie gründeten Firmen, eröffneten Geschäfte und Banken. Mit ihrem Erfolg wuchs jedoch auch der Neid unter den anderen Bevölkerungsschichten. Die religiösen Gründe für den Antisemitismus wichen nun den rein wirtschaftlichen. In Russland, Frankreich, Österreich und Deutschland kam es zu offenen Hassausbrüchen.

2.3 Antisemitismus unter dem Nationalsozialismus In der Geschichte wurden die Juden als Minderheit schon immer als Sündenböcke missbraucht. Probleme und Missstände wurden ihnen gerne angelastet. Zur größten Verfolgung der Juden kam es im Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten begründeten ihre extreme Abneigung mit der Rassenlehre. Im19. Jahrhundert übertrug man Darwins Evolutionstheorie auf Menschen. Darwins Theorie besagt, dass im Tierreich nur die Stärksten überleben können. Man machte daraus den Sozialdarwinismus. Auch Hitler war davon überzeugt, dass Mensch nicht gleich Mensch sei. Hitler stufte von „höherwertigen“, „weniger wertvollen“, „minderwertigen“ bis „wertlosen Rassen“ ab. Die Arier, ein erfundenes Volk, deren Kern die germanischen Völker, vor allem die Deutschen gewesen sein sollen und welche die besten körperlichen und charakterlichen Eigenschaften haben sollen, bildeten die höchste Rasse. Die niedrigste, wertloseste Rasse waren die Juden. In seinem Buch „Mein Kampf“ schreibt er 1925: „Den gewaltigsten Gegensatz zum Arier bildet der Jude. Er ist und bleibt der typische Parasit. Wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.“1 Die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus begann schleichend. Ihre Rechte wurden immer mehr beschnitten. Die Diskriminierung wurde immer stärker. Im April 1933 wurden die Bürger zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen und alle jüdische Beamte wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Ab dem 15. November 1938 durften jüdische Kinder nicht mehr in normale Schulen gehen sondern nur noch in Jüdische. Knapp 3 Jahre später, Anfang

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Erinnern und Urteilen S.115.

September 1941 mussten sich alle Juden mit einem Judenstern kennzeichnen. Ein Beispiel für die Verfolgung ist die sogenannte Reichskristallnacht vom 09.11.1938. 1942 wurde die Wannsee-Konferenz einberufen. Ziel der Konferenz war ein Beschluss über die Endlösung der Judenfrage. Die Juden wurden nach diesem Beschluss in fabrikmäßigen Vernichtungslagern ermordet, z.B. in Auschwitz.

3. Juden in Rosenheim Als nächstes wollen wir speziell den Antisemitismus im Raum Rosenheim betrachten. Simon Kohn siedelte 1879 als erster jüdischer Kaufmann nach Rosenheim. Um 1900 lebten ca. 13 jüdische Familien in Rosenheim. Diese gründeten den israelischen Kulturverein Rosenheim. Anfang 1920 gab es in Deutschland erstmals scharfe antisemitische Propaganda, die in Rosenheim auf sehr fruchtbaren Boden fiel. Der damalige Oberbürgermeister Gmelch wurde sogar mehrmals von „oben“ also von hohen Parteifunktionären wegen seines allzu großen Eifers bei der Vertreibung von Juden verwarnt. Der Innenminister Wagner schrieb an Gmelch, dass der Terror der SA gegen jüdische Geschäfte wohl nur in Rosenheim auf diese Weise ausgeübt werde.

(Foto von Gmelch)2

Durch die Gründung der NSDAP und des deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes wurden 1920 die Anfeindungen und die Gewalt gegenüber Juden immer größer. Ein Beispiel dafür ist die Stürmung einer jüdischen Villa in Rosenheim. Eine Gruppe von Lehrern und Gymnasiasten, die schon mehrmals gewaltsam gegen Juden vorgegangen waren, stürmte im September 1923 die Villa eines Rosenheimer Juden. Das Haus wurde stark beschädigt. Trotz der massiven Gewaltausübung durch diese Gruppe wurde sie nur gering bestraft. Am 1. April 1933 fand die „jüdische Greuelhetze“ statt.3 An diesem Tag riefen Hitler, Goebbels zum Boykott von jüdischen Händlern und Freiberuflern auf. Uniformierte Abteilungen der Rosenheimer SA marschierten vor allen jüdischen Geschäften auf. Sie postierten Schilder mit der Aufschrift: „Deutsche kauft nur bei Deutschen! Kauft nicht bei Juden! Der Jude hetzt gegen Deutschland!“4 Aus Angst vor Ausschreitungen hielten die meisten Juden ihre Geschäfte geschlossen. (Bild aus Rosenheim)5 2

Aus CD-ROM Rosenheim 2000. Miesbeck S. 305. 4 Rosenheim im dritten Reich S.38. 5 Aus CD-ROM Rosenheim 2000. 3

Sechs Tage später wurde das Gesetz „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen. Dabei wurden alle nichtarischen Beamte, Arbeiter und Angestellte aus dem Staatsdienst entlassen. Am 14. Juli 1933 wurde durch das Gesetz der „Wiederrufung von Einbürgerungen“ den Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Die Juden wurden durch diese Gesetze mehr und mehr zu rechtlosen Bürgern. Viele versuchten aus Angst vor den Nationalsozialisten ins Ausland zu fliehen, doch nur wenigen gelang die Flucht. Ab Sommer 1935 wurden in Rosenheim Plakate ausgehängt, dort waren alle jüdischen Geschäfte aufgelistet. Jeder Bürger der trotzdem in einem jüdischen Geschäft einkaufte wurde als Volksverräter beschimpft.6

1937 löste Hitler eine neue antisemitische Aktionswelle aus, indem er an einem öffentlichen Parteitag der NSDAP die Juden beschimpfte. In der sogenannten Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 wurden die in Rosenheim verbliebenen Geschäfte zerstört, es mussten alle Geschäfte schließen. Einige wenige jüdische Geschäftsinhaber hatten ihr Geschäft versichert. Göring veranlasste jedoch, dass die Versicherungsleistungen nach der Reichskristallnacht nicht den geschädigten Juden zugute kam, vielmehr mussten die Juden die Schäden alle selbst bezahlen. Einige Deutsche äußerten öffentliche Kritik am Antisemitismus. So sagte z. B. der Berliner Dompropst Lichtenberg nach der Reichskristallnacht: „Was gestern war, wissen wir. Was morgen ist, wissen wir nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt. Draußen brennt die Synagoge. Das ist auch ein Gotteshaus“.7 Weil Lichtenberg auch später immer wieder öffentlich für die Juden eintrat und betete wurde auch er in ein Konzentrationslager verschleppt, wo er 1943 ermordet wurde.

Bis April 1939 hatten die meisten Juden, die bis zur „Reichskristallnacht“ noch in Rosenheim lebten, die Stadt verlassen. Nur zwei Familien, nämlich die Familie Fichtmann und die Familie Obernbreit blieben in Rosenheim. Ende April 1939 wurden die Vorbereitungen der Gettoisierung der noch in Deutschland lebenden Juden getroffen. Dies geschah durch das „Gesetz über Mietverhältnisse der Juden“. Es wurden Judenhäuser errichtet. Anschließend begann die organisierte Deportation der Juden in Gettos und Konzentrationslager.

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Miesbeck S. 312. Vgl. http://www.kath.de/bistum/mainz/impuls/impulsg7.htm.

3.1 Familie Fichtmann8 Der Schneider Moses Wolf Fichtmann kam 1896 mit seiner Frau aus Galizien, einem heute polnischen Landstrich im Osten des Österreich-Ungarischen Reichs, nach Rosenheim. Er arbeitete sich vom mittellosen Verkäufer zum Besitzer zweier Konfektionsgeschäfte empor. Das erste Geschäft war in der Riederstraße 1. 1931 kaufte er sich das Haus am Max –Josefs-Platz 17 dazu, das jetzige Haus des Bekleidungsgeschäfts Adelmaier. Dort richtete er sich sein Hauptgeschäft ein. Schließlich wurde die Einbürgerung der Familie wiederrufen. Kunden der Fichtmanns wurden von SA-Posten am Einkauf gehindert. Am 16. März 1934 wurde die Fichtmanns von den Mitbürgern gedemütigt und schikaniert. Doch die Familie hielt diesen Strapazen stand. Der Bürgermeister Gmelch setzte alles daran, dass die Familie zum Auswandern gezwungen wird. Er schrieb an die Behörden. „Moses Fichtmann ist ein charakterlich schmutziger, typischer Ostjude, dessen Gebaren bei allen Anständigen Volksgenossen Ärgernis erregt. Sein und seiner Familie Verschwinden aus Deutschland muss soviel wie möglich begünstigt werden“9 1938 musste Moses Wolf Fichtmann schließlich wegen einer Ausweisung aus dem Deutschen Reich sein Haus verkaufen und das Geschäft auflösen. Er verkaufte sein Bekleidungsgeschäft am Max-Josefs-Platz notgedrungen unter dem tatsächlichem Kaufpreis an die Familie Adelmaier , die es bis jetzt betreibt.

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Miesbeck S. 315-319; S. 499-500 und Rosenheim im dritten Reich S. 41-42. Miesbeck S. 316.

Kurz nach Fichtmanns Geschäftsaufgabe feierten die SA Posten ihren grauenhaften Erfolg in einem Flugblatt: „Eine sehr fröhliche Trauernachricht! Wir von der Judenfressenden Garde geben allen `Freunden` des Davidssterns und Knoblauchgeruchs kund zu wissen dass nun Moses Moritz Fichtmann auf eiligen Plattfüßen in ein gelobtes Land gezogen ist. Wer den dahingeschiedenen kannte, musste ihn ob seines koscheren Wesens an seiner laitseligen Gesinnung so sehr lieben wie wir. Das Andenken an den Dahingeschiedenen wird am Kirchweihsonntag im Flö-lö (Flötzinger –Löchl) gefeiert. Rosenheim, im September 1938. Des Moses anhängliche Freund: August, Gustl, Theo, Hermann, Hans, Peter und Toni NB! Das Dahinscheiden fand am 1.September 1938 in aller Stille statt. Wer uns kennt und weiss, wie viele Stunden wir für `Krankenbesuche `opferten, kann uns die ehrliche Freude über diese Erlösung nachfühlen.“10 Ein Jahr später versuchten die Fichtmanns nach Amerika auszuwandern, wo bereits die Söhne Otto und Siegfried seit neun Jahren lebten, doch es gelang nur den Söhnen Eduard und Franz. Adolf emigrierte schon 1934 nach Argentinien.

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Die Eltern und Tochter Klara mussten 1941 in das „Gemeinschaftshaus der Jüdischen Kultusgemeinde“ in München ziehen, nachdem sie 45 Jahre in Rosenheim gelebt hatten. Nach sechs Wochen Aufenthalt in München, erlag Moses Wolf Fichtmann im Alter von 68 Jahren einem Herzinfarkt. Taube und Klara Fichtmann wurden am 3. April 1942 nach Piaski bei Lublin(Polen) ‚evakuiert’, einem Verteilungspunkt für Vernichtungslager im Osten. Seither fehlt von ihnen jede Spur. Doch wahrscheinlich fanden sie ihren Tod in einem Vernichtungslager durch Vergasung.

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Miesbeck S. 318- 319. Bilder aus CD-ROM Rosenheim 2000.

4. Heute aus dem Antisemitismus lernen Die systematische Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden ist der schrecklichste Teil in der Geschichte von Deutschland. Leider lässt sich das Geschehene nicht mehr rückgängig machen. Unsere Pflicht ist es daher diese Gräueltaten nicht zu vergessen, sondern daraus für die Zukunft zu lernen. Deshalb gilt es, Vorurteile gegen Juden und Menschen aus anderen Ländern oder gegen Menschen anderer Hautfarbe zu erkennen und abzubauen. Die Achtung der Menschenrechte aller Rassen muss für uns alle oberste Priorität haben.

Andrea Antretter, Teresa Nertinger

5. Quellen Bernlochner, Ludwig, 1997, Erinnern und Urteilen 9, Stuttgart: Klett Verlag. Kulturamt der Stadt Rosenheim, 1989, Rosenheim in Dritten Reich - Beiträge zur Stadtgeschichte, Rosenheim: OVB. Lichtenberg, http://www.kath.de/bistum/mainz/impuls/impulsg7.htm. Miesbeck, Peter, 1996, Bürgertum und Nationalsozialismus in Rosenheim, Rosenheim: Historischer Verein Rosenheim e.V. Otten, Edgar, Thürmann, Eike, 1999, Spotlight on History, Volume 2, Berlin: Cornelsen Verlag. Stadtarchiv Rosenheim, 2000, Rosenheim – eine Stadt im 20. Jahrhundert, CD-ROM. Wiater, Werner, 1996, Kennzeichen C. Leben - Glauben – Lernen, Unterrichtswerk für den kath. Religionsunterricht am Gymnasium 9. Jahrgangsstufe. Donauwörth: AUER-Verlag.