Zeitpolitisches Magazin - Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik

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Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik Zeitpolitisches Magazin DGfZP JULI 2016, JAHRGANG 13, AUSGABE 28 Mit Zeit jonglieren oder: Atmende Lebensläu...

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Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik

Zeitpolitisches Magazin

DGfZP JULI 2016, JAHRGANG 13, AUSGABE 28

Mit Zeit jonglieren oder:

Atmende Lebensläufe

Warum atmende Lebensläufe? Ziehungsrechte für Care Konzept eines Wahlarbeitszeitgesetzes Modell Lebenslaufkredit Rechtliche Aspekte Arbeitszeitoptionen im Lebenslauf Selbstbestimmte Erwerbsbiographie Partnerschaftlichkeit der Familienarbeit

Foto: m.o.ruehle / photocase.de

Utopie und zeitpolitische Baustelle:

Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik

Zeitpolitisches Magazin

DGfZP JULI 2016, JAHRGANG 13, AUSGABE 28

Liebe Leserin, lieber Leser,

In dieser Ausgabe

Zeit zum Geld verdienen, Zeit zum Sorgen für Kinder und/oder Pflegebedürftige, Zeit für ehrenamtliches Engagement und dabei weder das Sorgen für sich selbst noch für die Part-

Thema: Atmende Lebensläufe

nerbeziehung vernachlässigen – das alles und noch mehr im Alltag zeitlich auf die Reihe zu

Einführung

1

Die Politisierung der Lebenszeit

2

bringen, erfordert oft ein Jonglieren von Zeitbedarfen, das viele Menschen überfordert. Wie das Verhältnis von Erwerbsarbeitszeit und Sorgearbeitszeit in unserer Gesellschaft geordnet ist, passt nicht zu den heutigen Lebensrealitäten; Neuordnung ist unabdingbar. An alltagsbezogenen familienpolitischen Korrekturen wird seit Jahren gearbeitet. In jüngster Zeit wird

Lebenslaufpolitik im Kontext von „Zeiten der Stadt“

6

Zeit zum Leben für alle Geschlechter

10

zudem bewusst, dass tiefgreifende Veränderungen auch den wechselnden Zeitbelastungen im Lebensverlauf entsprechen müssen. Von mehreren Seiten werden Modelle dafür vorgelegt. Die DGfZP-Jahrestagung 2015 war solchen Modellen und deren noch mehr oder weniger utopischen Realisierungsmöglichkeiten gewidmet. In diesem ZpM stellen die beiden DGfZP-Vor-

Konzeption eines Wahlarbeitszeitgesetzes

13

Arbeitszeitoptionen im Lebensverlauf

17

standsmitglieder Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger die dort diskutierten Konzepte noch einmal schriftlich vor. Darunter – last but not least – ihr eigenes Modell für Carezeit-Budgets,

Die Familienarbeitszeit – Anreiz und Unterstützung für mehr Partnerschaftlichkeit 19 Lebenschancenkredit

21

Warum „atmende“ Lebensläufe?

23

Ziehungsrechte für Care in der Arbeit

27

„Atmende Lebensläufe“. Zeitpolitische Korrekturen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene müssen mit entsprechenden Zeitkompetenzen auf individueller Ebene einhergehen. Daher ergänzt die bevorstehende Jahrestagung 2016 die vorige. Möglichkeiten und Grenzen professioneller Unterstützung zeitlich überforderter Menschen durch Verbesserung ihrer Zeitjonglier-Kompetenzen stehen dann zur Diskussion. Das Programm finden Sie in diesem ZpM. Sie sind herzlich eingeladen! Wir wünschen Ihnen entspannte sommerliche Zeit! Helga Zeiher

Aus der DGfZP Die Jahrestagung 2016

32

Nachruf Eckart Hildebrandt

34

Mitteilungen aus der DGfZP

35

Who is who?

36

Thema: Atmende Lebensläufe KARIN JURCZYK

Veranstaltungen und Projekte

37

Neue Literatur

38

Antrag auf Mitgliedschaft

UND

ULRICH MÜCKENBERGER

Einführung: Atmende Lebensläufe – Utopie und zeitpolitische Baustelle „Atmende Lebensläufe“ sollen den Menschen eine selbstbestimmte Erwerbsbiographie er-

39

möglichen, sie sollen auch Care-Bedarfen (in der Familie, der Nachbarschaft, dem Freundeskreis) Zeit, Raum und Ressourcen geben. Stellen wir uns vor, Erwerbstätige hätten ein „Care-

Impressum

48

zeit-Budget“, aus dem sie Zeiten für je nach Lebenslage wichtige Tätigkeiten „ziehen“ können. Könnte sich dann vielleicht unser soziales Leitbild weiterentwickeln: das Bild des Einzelnen vom „adult worker“ zum „earner-carer“, das Bild der Gesellschaft von der „totalen Markt-

ATMENDE LEBENSLÄUFE

und Wettbewerbsgesellschaft“ zur „sorgenden Gemeinschaft“

stellt seinen Vorschlag eines „Wahlarbeitszeitgesetzes“ vor,

weiterentwickeln? Klar: Dazu müssen rechtliche und sozial-

der individuelle Arbeitszeitwünsche aufwerten und mit Hil-

politische Rahmenbedingungen bereitstehen: Diese müssten

fe kollektivrechtlicher Regelungen auf betrieblicher Ebene

den Wandel der Geschlechter-, Familien-, Generationen- und

zum Ausgleich mit Arbeitgeberinteressen bringen möchte.

Arbeitsbeziehungen sowie der Lebensverläufe achtsam unter-

Christina Klenner geht der Frage nach, welche betrieblichen

stützen, statt ihn dem gnadenlosen Wettbewerbsdruck ausge-

Faktoren die Nutzung vorhandener Arbeitszeitmodelle be-

setzt zu lassen.

einflussen. Christina Schildmann skizziert das Konzept der

„Atmende Lebensläufe – zeitpolitische Gestaltungsoptionen“

„Familienarbeitszeit“ des Bundesfamilienministeriums und

war das Thema der Jahrestagung der DGfZP im Oktober

der Friedrich-Ebert-Stiftung. Aus der Feder von Steffen Mau

2015. 1 Die Jahrestagung wurde in Kooperation mit dem

stammt das Konzept des „Lebenschancenkredits“ 2 .

Deutschen Jugendinstitut in München ausgerichtet. Die Bei-

Die Unterschiedlichkeit all dieser aktuellen Vorschläge macht

träge loteten gesellschaftspolitische Herausforderungen für

deutlich, dass derzeit viele Akteure eine gleichartige Problem-

„atmende Lebensläufe“ aus und diskutierten aktuelle Ansätze

diagnose zum Ausgangspunkt von Modellentwicklungen ma-

und Modelle einer aktiven Lebenslaufpolitik. Die Tagung ließ

chen und eine breite Suchbewegung im Gange ist. Mit dem

den Eindruck zurück, dass mit atmenden Lebensläufen ein

Modell zu Carezeit-Budgets im Lebenslauf skizzieren Karin

hochbrisantes und aktuelles Thema aufgeworfen ist, das „den

Jurczyk und Ulrich Mückenberger einen eigenen weiter rei-

Schweiß der Edlen“ wert ist.

chenden Modellvorschlag, der darauf abzielt, die zu beobach-

Wir können heute noch kein fertiges Modell dafür vorstellen.

tenden Flexibilisierungstendenzen im Lebenslauf mit dem

Dafür, dass es zahlreiche Ansätze und Facetten eines solchen

Instrument der Ziehungsrechte zu regulieren. Ziehungsrechte

Modells bereits gibt, legte die Tagung Zeugnis ab. Deshalb

sind Teil eines Gesamtmodells, mit dem die herrschende Do-

entschloss sich der Vorstand der DGfZP, die Vorträge der ver-

minanz der Erwerbsorientierung aufgelöst werden soll. Mit

gangenen Jahrestagung in einem Themenheft des ZpM wie-

diesem Instrument sollen Zeiten, die heute in Erwerbsarbeit

derzugeben. Es handelt sich um Papiere, die Denkanstöße

gebunden sind, teilweise anderen Lebenszielen und Zeitver-

zum Thema geben sollen. Nicht alle sind voll ausgearbeitet,

wendungszwecken verfügbar gemacht werden. Care für An-

manche wurden auch bereits in anderem Zusammenhang

dere und sich selbst, Kindererziehung und Pflege, Bildung,

veröffentlicht. Uns ging es in erster Linie darum, die zahl-

zivilgesellschaftliches Engagement und Auszeiten zur per-

reichen vorliegenden Modelle und Ideen im Zusammenhang

sönlichen Weiterentwicklung sollen aufgrund ihrer hohen

vorzustellen und der zeitpolitischen Diskussion zugänglich zu

gesellschaftlichen Relevanz für den sozialen Zusammenhalt

machen.

gleichwertige oder zumindest ähnliche Legitimität und gesell-

Christel Eckart begründet die Notwendigkeit einer Politisierung von Lebenszeit, um Zeit für fürsorgliche Praxis in Beziehungen zu ermöglichen. Der Beitrag von Jean-Yves Boulin öffnet die Care-Problematik zu den Horizonten lokaler Zeitpolitik in verschiedenen Ländern Europas. Eva Kocher stellt einen Vorschlag vor, wie Erwerbsbiographien selbstbestimmt ausgestaltet werden könnten. Der Deutsche Juristinnenbund

schaftliche Anerkennung wie der Erwerbsarbeit zuteil werden. Das Konzept des Carezeit-Budgets mit Ziehungsrechten wird so mit dem sozialen Leitbild einer „sorgenden Gemeinschaft“ verknüpft. 1 Siehe den Tagungsbericht von Martina Heitkötter in ZpM 27, aus dem hier stellenweise zitiert wird. 2 Im Literaturteil dieser Ausgabe rezensiert Jürgen Rinderspacher das Buch von Steffen Mau.

CHRISTEL ECKART

Die Politisierung der Lebenszeit Erfahrung mit Fürsorge und der Anspruch auf eigene Zeit Das Bild von atmenden Lebensläufen animiert zu körper-

wurde für eine zeitpolitische Zielsetzung konkretisiert in der

lichen Vorstellungen und Erfahrungen vom Luft holen, von

Anerkennung von Fürsorge und Selbstsorge als elementare

Atempausen, Durchatmen, von fließenden Rhythmen – Ge-

Notwendigkeit menschlichen Lebens. Die sozialen Bedin-

genbilder zu durchregulierten, kontrollierten Maßstäben der

gungen, unter denen Fürsorge erlebt, erfahren und prak-

Lebensführung. Die körpernahe Metapher vom frischen Atem

tiziert werden kann, ist Gegenstand politischer Gestaltung

2

ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

alltäglicher Lebensverhältnisse und damit Gegenstand der

Die Diskussionen um die Haus- und Familienarbeit in der

Auseinandersetzung um Interessen und Prioritäten im poli-

Frauenbewegung und Frauenforschung in den 70er Jahren

tischen Diskurs.

wurden unter gesellschaftlichen Bedingungen angestoßen,

Von der Politisierung der Lebenszeit ist hier die Rede, weil im-

in denen die bürgerlich-industrielle Geschlechterordnung

mer mehr Erfahrungen aus dem individuell Privaten öffentlich

mit ihrer Polarisierung der Geschlechtscharaktere und der

zur Sprache gebracht werden müssen, um Vorstellungen von

Bindung der Frauen an die Familie ihre Legitimität verlor.

einem guten Zusammenleben zu entfalten und im politischen

Feministische Sozialwissenschaftlerinnen analysierten und

Streit zu behaupten. Im sozialen Leitbild für eine effektive

prognostizierten schon in den 80er Jahren eine „Reproduk-

Lebensführung dominieren die Maßstäbe der Arbeitsmarkt-

tionskrise“ als Ergebnis der gesellschaftlich und politisch

Individualisierung, der Selbstoptimierung und der ungebun-

vernachlässigten unbezahlten Haus- und Familienarbeit

denen Arbeitsmonade. In diesem Konstrukt sind die mensch-

der Frauen (u. a. Claudia von Werlhoff). Sie wurde in einem

lichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten von Fürsorge und

gesellschaftlich empfindlichen Bereich endlich als „Pflege-

fürsorglichen Beziehungen ausgeblendet. Sie werden als ein

notstand“ wahrgenommen, als die Familie als der „größ-

persönlich individuelles, gleichsam naturwüchsiges Problem

te Pflegedienst der Nation“ zu versagen und Frauen als das

der Selbsterhaltung betrachtet und ins unpolitische „Reich der

„weibliche Pflegepersonal“ auszufallen drohten. Denn durch

Notwendigkeit“ leiblicher Bedürftigkeit verwiesen.

ihre eigene veränderte Lebensführung mit zunehmender

Gegen diese Verdrängung und die unrealistische Reduktion von Motiven der individuellen Lebensführung auf Strategien der Vorausberechnung müssen Anliegen und Forderungen aus dem scheinbar Privaten öffentlich zur Geltung gebracht werden und durch „aktives In-Erscheinung-Treten“ (Hannah Arendt) als Angelegenheiten von allgemeinem Interesse im politischen Handeln erstritten werden. Alle „Tätigkeiten, die in der Tatsache der existenziellen Angewiesenheit jedes ein-

Berufseinbindung brachten die Frauen die scheinbar selbstverständliche geschlechtliche Arbeitsteilung, in der sie für die Fürsorge zuständig sind, ins Wanken. Scheinbar naturwüchsige Fürsorgeverhältnisse wurden unübersehbar zum gesellschaftlichen Problem und damit zum Gegenstand öffentlicher Erörterungen von Verteilung, von Recht und Gerechtigkeit und von Streit um die Kriterien für die gesellschaftliche Organisation von Arbeit jeder Art – auch durch Zeitpolitik.

zelnen Menschen auf konkrete und unmittelbare Fürsorge be-

Die weitreichenden feministischen Analysen zur Krise des So-

gründet sind, (sind) in ihrer fundamentalpolitischen Bedeu-

zialstaats in den 90er Jahren galten der individuellen und ge-

tung für die Gestaltung des Gemeinwesens anzuerkennen.“

sellschaftlichen Bedeutung von Sorge, Fürsorge, Selbstsorge,

So formuliert Eva Senghaas-Knobloch (2001, S. 290) ein Ziel

Care als Arbeit und als fürsorgliche Beziehung. Sie sind zu-

des feministischen politischen Projekts mit der langen Tradi-

gleich eine Kritik am dominanten Lohnarbeitsdiskurs, in dem

tion seit der Alten Frauenbewegung.

(bezahlte) Arbeit als die wichtigste Grundlage gesellschaft-

Die Kritik und die politischen Forderungen von Einzelnen und Gruppen entstehen aus konkreten Erfahrungen der Diskrepanz von Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen, den Spannungen von entstehenden Möglichkeiten der eigenen Lebensgestaltung und überkommenen Regelungen und Normierungen – hier insbesondere der Geschlechterverhältnisse – die zu unzulässigen, nicht mehr akzeptieren Verhinderungen werden und ihre Legitimität verlieren.

lichen Zusammenhalts und persönlicher Identitätsstiftung überhöht wird, verbunden und abgeleitet von einem männlichen Modell von Individualisierung und ökonomischer Selbständigkeit – aus den vergangenen Zeiten der Polarisierung der Geschlechtscharaktere. Diese Analysen hat Joan Tronto zu einer Theorie von „Demokratie als fürsorglicher Praxis“ ausformuliert, die von der Erfahrung wechselseitiger fürsorglicher Praxis und fürsorglicher Beziehungen als einer Grundlage ausgeht, aus der Vorstellungen für demokratisches

Frauen haben die Bedingungen von persönlichen Bezie-

Zusammenleben entstehen können oder, mit Hannah Arendt

hungen, die Gefährdung von gelebter Zuwendung und Für-

gesprochen, die „Sorge für die gemeinsame Welt“. Der Fokus

sorglichkeit in politischen Bewegungen immer wieder öf-

richtet sich auf den komplexen Prozess des Werdens demo-

fentlich zur Sprache gebracht, weil sie die Konflikte und

kratischer Bürger/innen, der Entwicklung der Fähigkeit, Auf-

Unvereinbarkeiten zwischen Beruf und Familie in ihrem All-

gaben zu übernehmen, die mit dem Demokratischsein ver-

tag und in ihrer Lebensführung hautnah erfahren. Sie arti-

bunden sind:

kulieren die Probleme und Gefahren früher, als „die Politik“ sie als „Angelegenheiten von allgemeinem Interesse“ erkennt, nämlich meist erst dann, wenn bisherige gesellschaftliche Institutionen nicht mehr funktionieren und endlich die als soziale Krisen spürbaren Probleme nicht mehr als Besonderheit einer weiblichen Lebenswelt abgetan werden können.

ZPM NR. 28, JULI 2016

„Welche Art Menschen müssen demokratische Staatsbürger sein, damit sie am demokratischen Leben partizipieren und sich voneinander unterscheiden können? (d. h. politische Gleichheit in der Differenz anerkennen, C. E.) (…) Solche demokratischen Staatsbürger müssen mit Formen fürsorglicher

3

ATMENDE LEBENSLÄUFE

Praxis vertraut sein und sich dabei wohlfühlen. Durch ihr En-

Deutschland die Ausrichtung am Modell des Familienernäh-

gagement in fürsorglichen Tätigkeiten werden sie sich mora-

rers ablöst. Das A-W-Modell besagt, dass jede/r Erwachsene

lische Fertigkeiten wie Aufmerksamkeit, Verantwortlichkeit,

für ihre/seine ökonomische Existenzsicherung selbst zu sor-

Kompetenz und Entgegenkommen erworben haben. Sie wer-

gen hat. Wenn sich sowohl die Lebensführung von Männern

den gelernt haben, selbstreflexiv zu sein, ohne selbstreferen-

wie auch die von Frauen am Arbeitsmarkt orientieren soll,

tiell zu sein. Sie werden verstanden haben, dass Individuen

dann erodieren kulturelle Institutionen von fürsorglichen

und Gesellschaft nur durch die Zeit und in der Zeit existieren

Beziehungen, wie auch die Legitimation für die traditionelle

– eine Kategorie, die politische Theoretiker viel zu oft überse-

geschlechtliche Arbeitsteilung. Die Individualisierung von

hen – und dass die politische Ordnung in jedem Augenblick

Frauen und Männern als Marktsubjekte im Modell des A-W

Menschen in allen Lebensstadien gerecht werden muss und

setzt jetzt für beide die erwachsene Person als handlungsfä-

dass jeder von uns sich im Laufe seines Lebens verändert.

hige schon voraus, ohne sich theoretisch und realpolitisch um

Und sie werden gelernt haben, mit Konflikten zu leben, ohne

die Bedingungen und Voraussetzungen für ihr Heranwachsen

zu fürchten, dass sie das Ende von Beziehungen oder in letz-

und ihre alltägliche Reproduktion zu kümmern. Die poli-

ter Instanz Zerstörung bedeuten.“ (Tronto 2000, S. 37f.)

tische Rhetorik und Programmatik kreist mit dem aus- und

Feministische Sozialwissenschaftlerinnen brachten durch die

übergreifenden, aber inhaltlich beschränkten Vokabular des

Analyse der Bedeutung von Fürsorge und fürsorglichen Bezie-

Arbeitsdiskurses um das Ziel, alle Menschen in den Arbeits-

hungen die praktischen Erfahrungen von Frauen in deren Bio-

markt zu integrieren und für Frauen die „Hindernisse“ für

grafien und im Alltag zur Sprache und zeigten, dass die Anlie-

diese Integration zu beseitigen, sich dafür fit zu machen und

gen und Forderungen, die daraus für die Anerkennung in der

zu halten.

Gesellschaft und in der Politik zu ziehen sind, keineswegs al-

Die sehr naheliegende Frage: Who cares? Wer kümmert

lein die Frauen betreffen. Sie sind vielmehr „Angelegenheiten

sich um die Fürsorge, für die in der bürgerlich-industriellen

von allgemeinem Interesse“. Als empirisch fundierte Kritik an

Geschlechterordnung und im Familienernährermodell die

dem sozialen Leitbild vom Normalarbeiter nach männlichem

Frauen zuständig waren und eine Sprache, eine moralische

Muster liefern sie Leitlinien für ein mögliches soziales Mo-

Orientierung an Fürsorge und Beziehungen entwickelt hat-

dell von „atmenden Lebensläufen“, an dem sich Frauen wie

ten? Die gewichtige Frage „who cares“ bleibt im neoliberalen

Männer ohne Diskriminierung orientieren könnten. Formen

Diskurs der Arbeitspolitik ungestellt und unbeantwortet. Sie

der Existenzsicherung, wie sie bisher hauptsächlich Frauen in

wird individualisiert oder kommodifiziert. Jede/r Einzelne,

ihren Biografien kombiniert haben, könnten als allgemeines

jedes Paar und jede Lebensgemeinschaft hat darauf individu-

Leitbild an die Stelle des patriarchalen „Ernährermodells“

ell Antworten zu finden und neue, bisher ungeübte Formen

treten: aktive Zeiten in der Erwerbsarbeit und Pausen davon

von fürsorglicher Praxis und verlässlichen emotionalen Be-

und wechselseitige Versorgungsregelungen in selbstgewähl-

ziehungen zu erproben und mit anderen „auszuhandeln“.

ten Solidargemeinschaften. So skizzierte Ilona Ostner Mitte

Die Aufmerksamkeit, die Fürsorge unter dem englischen

der 90er Jahre den Vorschlag „Von der Status- zur Passagen-

Begriff „Care“ in den letzten Jahren in den politischen Pro-

sicherung“ (1995). Die sozialstaatliche Sicherung solcher

grammen, z. B. in den Familienberichten, den Regelungen zur

Wechselprozesse im Interesse der Einzelnen hätte den Vor-

Kinderversorgung und Pflege, gewonnen hat, ist gewiss ein Er-

rang gegenüber der Sicherung eines kontinuierlichen Status

folg. Erfolgreich waren jedoch überwiegend die Strategien im

als Lohnarbeitnehmer/in. Das hieße schließlich: nicht die Su-

Kampf um Anerkennung, die Fürsorge in den Arbeitsdiskurs

che nach der „Zukunft der Arbeit“ wäre der Wegweiser für die

überführt haben, die von Care-Arbeit oder Fürsorge-Arbeit

soziale Phantasie davon, wofür wir Zeit brauchen und wollen,

sprechen. Das ist die Sprache, die in der Arbeitsgesellschaft

sondern Erfahrungen und Vorstellungen einer vielfältigen

verstanden wird, in der Arbeit zur Lebensform und Arbeits-

Kultur der Beziehungen und Formen des Zusammenlebens. –

fähigkeit zum vorrangigen Kriterium sozialer Akzeptanz sti-

Das bedeutete auch eine gründliche Veränderung des Selbst-

lisiert wurden. Doch es ist ein zweifelhafter Erfolg um den

bildes und des sozialen Rollenbildes von Frauen und beson-

Preis einer Sprachzerstörung (im Sinne von Alfred Lorenzer),

ders von Männern.

durch die Wünsche, Bedürfnisse, Erfahrungen und Orien-

Eine einflussreiche Veränderung im Diskurs, im öffentlichen

tierungen an fürsorglichen, verlässlichen emotionalen Be-

Reden über Fürsorge hat die allmähliche Durchsetzung des

ziehungen aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt werden.

Adult-Worker-Modells in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik

Die Ausdrucksfähigkeit und Ausdrucksmöglichkeit für diese

mit sich gebracht, des Modells der erwachsenen Erwerbs-

individuellen, subjektiven Bedürfnisse werden unter der Do-

tätigen, das seit gut 15 Jahren auch in der Sozialpolitik in

minanz des Arbeitsdiskurses erdrückt.

4

ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

Es lässt sich darüber streiten, ob und in welcher Art von Ar-

Beobachtungen unter der sog. Generation Y der 25–35 jäh-

beitsgesellschaft wir leben und darüber, welche und wie viel

rigen (vgl. dazu ZPM 21, 2014) und aus der 17. Shell Jugend-

Arbeit zu einem menschlichen Leben gehört. Unbestreitbar

studie (2015) unter 15–24 jährigen deuten darauf hin, dass

ist, dass Fürsorge im menschlichen Leben wesentlich ist, dass

das persönliche Ziel vom „atmenden Lebenslauf“ durchaus

Beziehungen des Sorgens unabdingbarer Teil der conditio hu-

verbreitet ist: Eine große Mehrheit der Befragten stellt laut

mana sind. Arbeit und Fürsorge sind beide lebensnotwendig.

der Shell Studie die berufliche Karriere hinter die Vereinbar-

Sie sind beide nicht nicht zu wählen. Fürsorgliche Bezie-

keit von Arbeit und Privatleben zurück; 90 % sagen, dass Fa-

hungen sind selbst ein eigenes Kriterium für die Gestaltung

milie und Kinder gegenüber der Arbeit nicht zu kurz kommen

des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie sind damit auch

dürften; 75 % befürworten Teilzeitarbeit, wenn sie Kinder ha-

ein Maßstab für die gesellschaftliche Organisation der Arbeit,

ben. Diese Einstellungen, deren Durchsetzung in der Praxis

ein Kriterium für die Kritik an den Formen, Anforderungen

für die jungen Leute noch aussteht, sind in einer Generation

und Zumutungen der Organisation von Berufsarbeit und ein

entstanden, die überwiegend mit berufstätigen Müttern auf-

Maßstab für Zeitpolitik, der in den Begriffen der Fürsorge als

gewachsen ist. Sie hat die Erfahrung des Heranwachsens mit

Ziel ausformuliert werden muss, also nicht etwa im Vokabu-

Müttern gemacht, die Berufstätigkeit und Fürsorge verbinden

lar der „Erhaltung und Wiederherstellung der Arbeitskraft“

und deren Alltagspraxis als Bezugsrahmen eigener Lebens-

sich erschöpft.

vorstellungen kennengelernt (vgl. Flaake 2014). Für junge

Zeitpolitik für „atmende Lebensläufe“ muss Ansprüche und

Männer ist es noch immer schwer, diese von ihnen wertge-

Anforderungen zur Sprache bringen für eine eigene persön-

schätzte Erfahrung in Worten von Ansprüchen nach eigener

liche Lebensgestaltung, in der Fürsorge – die Sorge für an-

fürsorglicher Praxis und aktiver Gestaltung fürsorglicher

dere und für sich selbst – eine leitende Orientierung bildet;

Beziehung öffentlich zum Ausdruck zu bringen und im (be-

Ansprüche und Zielvorstellungen für Zeitregelungen, die die

rufs-)politischen Konflikt offensiv zu vertreten. (Als Beispiel

sozialen und politischen Bedingungen gewährleisten, in ver-

für die gern beschriebenen Schwierigkeiten vgl. DIE ZEIT

lässlichen Beziehungen leben zu können, fürsorglich handeln,

23. 7. 2015)

Verantwortung übernehmen und sozial engagiert sein zu

Zeitpolitik für atmende Lebensläufe bedeutet, diesen Anlie-

können. „Geschlechtergerechte Zeitpolitik“ beginnt mit der

gen gemeinsam öffentlichen Ausdruck zu verschaffen und die

Kritik an der einseitigen Verteilung und Zuschreibung von

Konfliktfähigkeit und den langen Atem derjenigen, die damit

Sorgetätigkeiten an die Frauen. Doch sie ist nicht darauf zu

aktiv in Erscheinung treten, zu stärken.

reduzieren. Vielmehr muss der Anspruch aller, Frauen wie Männer, öffentliche Ausdrucksformen finden, dass sie aktive Erfahrungen mit fürsorglicher Praxis machen und ein Leben in wechselseitigen fürsorglichen Beziehungen führen wollen. Die Fähigkeit zur Sorge um sich, zur Selbstsorge, (das zeigt die Sozialisationsforschung) entwickelt sich durch die konkrete Erfahrung in sorgenden intersubjektiven Beziehungen. In diesen Erfahrungen liegt ein Potenzial von Widerstand und der Fähigkeit zur Abgrenzung gegenüber der Vereinnahmung und Überforderung der Einzelnen durch die Programme von Selbstoptimierung und Selbstvermarktung. Diese auf ständige Perfektionierung ausgerichtete Selbstbeobachtung lasse nicht das gewünschte Sicherheitsgefühl entstehen, sondern bringe vielmehr Unsicherheit und einen Mangel an Vertrauen hervor, berichtete Eva Illouz auf der Tagung „Lost in Perfection“ an der Hamburger Universität 2015. Die individuelle Selbstoptimierung hat keinen Boden intersubjektiver Erfahrung mehr,

Literatur DIE ZEIT, No. 30, 23. Juli 2015: Die Lüge von der Vereinbarkeit. „Wir sind noch zu feige“. Alle reden über moderne Väter. Und was wollen die Männer selbst? Flaake, Karin (2014): Neue Mütter – neue Väter. Eine empirische Studie zu veränderten Geschlechterbeziehungen in Familien. Gießen: Psychosozial-Verlag. Senghaas-Knobloch, Eva (2001: Postfordistische Grenzverwischung der Arbeitswelt und das feministische politische Projekt. In: H. Kahlert/C. Lenz (Hg.): Die Neubestimmung des Politischen. Denkbewegungen im Dialog mit Hannah Arendt. Königstein/Ts, 264-298 Tronto, Joan (2000): Demokratie als fürsorgliche Praxis. In: Feministische Studien, Extra 2000, 25-42. Ostner, Ilona (1905): Wandel der Familienformen und soziale Sicherung der Frau oder: von der Status- zur Passagensicherung. In: Dieter Döring/Richard Hauser (Hg.): Soziale Sicherheit in Gefahr. Frankfurt , 80-117. Prof. Dr. Christel Eckart lehrte an der Unversität Kassel.

keine geteilte Gewissheit von Bindung und Zugehörigkeit.

ZPM NR. 28, JULI 2016

5

ATMENDE LEBENSLÄUFE

J E A N -Y V E S B O U L I N

Lebenslaufpolitik im Kontext von „Zeiten der Stadt“ 1. Arbeit und Nicht-Arbeit als Einheit denken Die meisten zeitpolitischen Maßnahmen streben eine bessere

Die lokale Zeitpolitik, wie sie von den Zeitbüros in Italien,

Vereinbarkeit von Beruf und Familie / Privatleben an. Ziel-

Deutschland und Frankreich auf den Weg gebracht wurde,

gruppen sind vor allem Erwerbstätige, Haushalte mit zwei

stellt die Zeit ins Zentrum der Aktivitäten zur Neugestaltung

berufstätigen Partnern, Einelternfamilien oder Personen, die

der Lebens- und Arbeitsweisen in einem Raum, zur Verbes-

gern einer Beschäftigung nachgehen würden, aber durch die

serung der Lebensqualität in diesem Raum und zur Verbes-

vielfältigen häuslichen Aufgaben und / oder eine unpassende

serung der Qualität des Raums selbst. Sie nimmt die Zeit in

Organisation der sozialen Zeit daran gehindert werden. Das

den Fokus der sozialen Verhandlungen. Zeit wird dabei in

liegt an einer Gesellschaft, in der, wie Hartmut Rosa (Rosa

ihrer sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Dimension

2005) hervorhebt, jedes Individuum, das ein vollwertiger

gesehen. Einerseits wird sie dabei als Element der Strukturie-

Bürger sein will, gezwungen ist, praktisch gleichzeitig (zu-

rung des gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen

mindest auf Tages- und Wochenebene) sehr unterschied-

Zusammenlebens begriffen, andererseits als Element der

liche Aufgaben wahrzunehmen (Elternschaft, Berufstätig-

Entstehung kollektiver und individueller Identitäten. Es geht

keit, gesellschaftliche Verpflichtungen und Familienleben,

also um die gelebte Zeit, ob es sich nun um Arbeitszeit, Fami-

Freizeitaktivitäten, Pflege von Geist und Körper, Teilnahme

lienzeit, soziale Zeit, bürgerschaftliche Zeit, Freizeit oder Zeit

am politischen Leben usw.). Es muss Wartezeiten, durch

für sich selbst handelt. Es geht aber auch um das Ergebnis

Desynchronisation bedingte Hindernisse oder im Gegenteil

der Verschränkung dieser verschiedenen Zeitlichkeiten, um

durch zu starke soziale Synchronisationen verursachte Staus

die soziale Organisation der Zeit, also die zeitliche Struktu-

(auf den Straßen) oder andere unerträgliche Unbequemlich-

rierung, die einen gegebenen Raum unterteilt und ihm seine

keiten (in öffentlichen Verkehrsmitteln) akzeptieren, was zu

Zeitfarbe verleiht.

Ungleichheit führt und die Schichten, die nicht wenigstens

Im zeitpolitischen Kontext wird Zeit als kausale und substan-

einen Teil dieser – insbesondere häuslichen – Aufgaben an-

tielle Variable analysiert, für die Regulierungsmodalitäten

deren übertragen können, sozial ausgrenzt.

gefunden werden müssen. Für die Sozialpartner ergibt sich

Die zeitpolitischen Maßnahmen zielen daher auf die Auslage-

als wichtigste Lehre aus dem sozialen Dialog, dass die Ver-

rung bestimmter Aufgaben. Diese ergeben sich aus den neuen

handlung der Regulierung nicht mehr jede Zeit für sich (Ar-

Formen der Arbeitsorganisation (beispielsweise aus der Fle-

beitszeit, Elternzeit, Freizeit, bürgerschaftliches Engagement

xibilisierung von Arbeit, die den Einzelnen vom sozialen und

usw.) zum Ausgangspunkt nehmen darf, sondern vor allem

familiären Rhythmus entfernt) oder im Gegenteil aus starren

auf die Vereinbarkeit der sozialen Zeiten gerichtet sein muss.

Strukturen (Öffnungszeiten, die vor langer Zeit nach einer

Für die Gewerkschaften bedeutet das, auch andere Zeitlich-

bestimmten Norm ausgehandelt wurden und sich trotz der

keiten als die Arbeitszeit in den Blick zu nehmen (freilich

veränderten Lebensweisen hartnäckig halten). Und sie be-

ohne jene aus den Augen zu verlieren). Es zwingt sie, über

einflussen den Alltag der Bewohner und Nutzer eines Raums,

Fragen der Arbeitsorganisation unter Einbeziehung einer

und zwar besonders derjenigen, die aufgrund ihrer Erwerbs-

Arbeitsumgebung nachzudenken, die weit über die Mauern

tätigkeit starken Zwängen ausgesetzt sind. Sie betreffen aber

der Fabriken oder die Türen der Büros hinausreicht (s. a. Mü-

auch den Raum außerhalb der Arbeit (den Weg dorthin und

ckenberger 2012).

wieder zurück, das Bringen und Holen der Kinder, die Erle-

Dies ist ein paradigmatischer Bruch mit der bisherigen Ge-

digung von Behördengängen und Einkäufen usw.). Dieser be-

werkschaftspraxis – Erbe einer fordistischen Konzeption, die

stimmt häufig die Arbeit selbst – die Möglichkeiten und die

auf der Trennung zwischen Arbeits- und Privatraum basiert.

Qualität einer Erwerbstätigkeit – und gesellt sich zu den üb-

Bezeichnend ist, dass das Engagement der Gewerkschaften im

rigen Zwängen der Arbeit, die vor allem in den letzten zwan-

Kontext der Zeitpolitik – zumindest anfangs – im Vergleich

zig Jahren aufgetreten sind: Intensivierung und Verdichtung

zu den anderen Ländern in Italien am stärksten ausgeprägt

der Arbeit, Individualisierung der Arbeitsbeziehungen usw.

war. Zum Beispiel haben die Gewerkschaften in Bozen, wo

Aus diesem Grund verstärken die Bedingungen für Berufs-

die Diskussionsforen („viereckige Tische“) oder „Gesprächs-

tätigkeit und für sonstige Aktivitäten (die Voraussetzungen

plattformen zur Ko-Projektierung“ ihren Ausgang nahmen,

staatsbürgerlichen Tuns sein können) die psychosozialen Ri-

gemeinsam mit den Handwerksmeistern, aber auch mit den

siken durch mit der Arbeit verbundene Stressphänomene.

Einwohnern und den Vertretern der Gebietskörperschaft die

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

Öffnungszeiten für Friseursalons ausgehandelt (Bonfiglioli,

Roma, Bozen oder Cremona entstanden. Jedoch gingen diese

Mareggi 1997). Außerdem haben sie, wie zuvor in Modena,

Initiativen praktisch nie von ihnen selbst aus und die Gewerk-

an der Ausarbeitung des Mobilitätspakts im Süden von Bozen

schaften traten bei diesem Prozess immer mehr in den Hinter-

mitgewirkt. In beiden Fällen ging es für die Gewerkschaften

grund. Obwohl viele dieser Initiativen und Orientierungsansät-

darum, Zeitplanänderungen auszuhandeln, die nicht die Ar-

ze mit Fragen der Arbeit und den Bedingungen ihrer Ausübung

beit selbst betrafen – also die Arbeitsbedingungen für die Be-

zu tun haben, und sei es indirekt, bleiben die Gründe für diese

schäftigten – sondern erstens einer latenten Nachfrage der

Zurückhaltung unklar. Wenn man sich die oben aufgeführten

Kunden von Friseursalons zu entsprechen und zweitens die

Fälle ansieht, stellt man fest, dass viele der von den Zeitbüros

Verkehrsprobleme an der südlichen Stadtzufahrt lösen sollten.

auf den Weg gebrachten Initiativen einen unmittelbaren Bezug

Die Tatsache, dass diese Mitgestaltung zeitpolitischer Maß-

zum Thema Arbeit haben – ob es sich um Transporte zwischen

nahmen im Vergleich zum bisherigen gewerkschaftlichen En-

Unternehmen, Maßnahmen zur Begrenzung arbeitsbedingter

gagement auf eine wichtige Änderung hindeutet, die in Ita-

Mobilität wie „Third Places“ oder andere „Telezentren“ han-

lien stattfindet, ist wenig überraschend. Im Keim war diese

delt oder ob es ganz konkret darum geht, die Arbeitszeiten des

Entwicklung nämlich schon in Bruno Trentins Überlegungen

Reinigungspersonals zu modifizieren. Im letzteren Fall sind

enthalten, der in seinem Werk CITÉ DU TRAVAIL (1997,

die Gewerkschaften selbstverständlich präsent, wie übrigens

2012) über eine solche Verlagerung gewerkschaftlichen Han-

auch bei vielen Aktionen, die darauf abzielen, Alternativen zu

delns auf Aspekte, die außerhalb des Arbeitsorts liegen, nach-

erzwungener Mobilität zu finden. Doch treiben sie die Umset-

dachte, um zu einer arbeitsimmanenten Freiheit zu gelangen:

zung nicht voran, oft bremsen sie diese sogar. Im Fall der Rei-

„Die Frage der Lebensarbeitszeit, der täglich/wöchentlich/

nigungskräfte der Stadt Rennes 2 sollte die Säuberung der Räu-

monatlich zu leistenden Arbeitsstunden und des Lebens jen-

me der Stadtverwaltung tagsüber so organisiert werden, dass

seits der Arbeit von der Frage der Arbeitsinhalte zu trennen

auf befristete Verträge und atypische bzw. gesplittete Arbeits-

(…), ist nicht nur eine unter den gegenwärtigen Bedingungen

zeiten (frühmorgens und spätabends) verzichtet werden konn-

zum Scheitern verdammte Sisyphusarbeit, auch im Bewusst-

te. Hier wirkte sich die Veränderung rundum positiv auf die

sein vieler Arbeiter löst dieses altbekannte Rezept angesichts

Arbeitsbedingungen, den Alltag und den Beschäftigungsstatus

der sich abzeichnenden bedrohlichen neuen Situation keine

der betroffenen Reinigungskräfte aus, da bei den meisten von

Solidaritätsgefühle aus“ (op.cit. S. 420). Für Trentin geht es

ihnen (auf Wunsch) Teilzeitverträge in Vollzeitverträge um-

darum, zu akzeptieren, dass die Arbeitsbedingungen auch

gewandelt und die Arbeitszeiten kontinuierlich über den Tag

von der Struktur der arbeitsfremden Sphäre abhängen: „Als

verteilt wurden. Die Ergebnisse waren in dreifacher Hinsicht

hätten all die Untersuchungen, Überlegungen und Kämpfe

positiv: Der Arbeitgeber (die Stadt) konnte eine Verringerung

der idealistischen Beobachter der Situation der Arbeiter und

der Fehlzeiten und eine Erhöhung der Produktivität feststel-

der vielen Mitstreiter im Hinblick auf die Notwendigkeit, in

len; die Beschäftigten profitierten von verbesserten Arbeitsbe-

der Arbeit den Sinn und Zweck einer befreiten Zeit zu finden,

dingungen und konnten Beruf und Privatleben problemloser

die für viele erst noch zur „Freizeit“ werden muss, keinerlei

vereinbaren; und in gesellschaftlicher Hinsicht wurde erhöhte

Spuren hinterlassen“ (op.cit., S. 421).

Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit erzielt, insbesonde-

Trentin war am Brainstorming in der linken Gewerkschafts-

re im Hinblick auf Arbeitswege.

bewegung in Italien während der 1969/70er Jahre beteiligt,

Die Thematik der „Third Places“ oder „Telezentren“, die im

das zur Schaffung der Bezirksräte und zu den Kämpfen für

Zuge der Partnerschaft zwischen den Gebietskörperschaften,

die eigenmächtige Reduzierung der Preise für öffentliche

Unternehmen, Transportfirmen und Betreibern dieser neu-

Verkehrsmittel und Energie geführt hatte. Diese damals nicht

en Arbeitsräume entstehen, bedarf auch der Mitwirkung der

immer von den drei Gewerkschaftsbünden (CGIL, CISL, UIL)

Gewerkschaften, da es um die Arbeitsbedingungen – und

gebilligten lokalen Bewegungen, insbesondere der Metall-

darüber hinaus um die Emanzipation von untergeordneter,

waren vom Willen der Arbeiter gekennzeich-

„fremdbestimmter“ Arbeit – geht. Diese „Third Places“ sind

net, sich nicht in den Rahmen der Fabrik pressen zu lassen

nicht bloß gemeinschaftlich genutzte Arbeitsräume („Co-

und ihre Forderungen nicht allein auf die Arbeitsbedingungen

Working-Zentren“), denn sie beinhalten auch arbeitsfremde

zu beschränken, sondern sie auch in den Alltag zu tragen. So

Aktivitäten (Fortbildung in der Nutzung der neuen Technolo-

erfüllten sie den Satz „Vom Werk aus kann man die Stadt/

gien oder Dienstleistungen wie Kinderbetreuung, Hausmei-

das Leben sehen“ mit Sinn (Duclos 1981).

sterdienste usw.) und bilden eine Schnittstelle zwischen Ar-

arbeiter

(FLM) 1

Die gewerkschaftlichen Organisationen nahmen zwar an den runden bzw. „viereckigen“ Tischen teil, die im Zuge der ersten zeitpolitischen Initiativen in Städten wie Mailand, Genua,

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beitsrelevantem und Bürgerschaftlichem. Ein solcher Ansatz ermöglicht die Einbeziehung von Arbeitsverhältnissen in die Sphäre der Polis und zeigt die Umrisse dessen auf, was zu einer „neuen Arbeitsordnung“ werden könnte.

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

2. Von der Stadt der Arbeit zur Stadt des Lebens? Bei Zeitpolitik geht es um die Vereinbarkeit von Gesellschaftspolitik (Verbesserung der Lebensqualität, Stärkung des sozialen Zusammenhalts, Förderung der Gleichstellung der Geschlechter, aber auch der verschiedenen Altersgruppen und sozialen Schichten) und Stadtpolitik (Stadtplanung, Revitalisierung / Regeneration bestimmter Viertel, Plätze, Straßen usw.). Angestrebt wird eine Verbesserung der Lebensqualität und der Qualität von städtischen Räumen. In einem Vortrag, den sie 2010 in Rennes hielt, zog Livia Turco die Bilanz aus zwei Jahrzehnten Zeitpolitik in Italien, wobei sie betonte,

schaften kann dies eine Möglichkeit sein, die Dimensionen Arbeit und Freizeit / Nicht-Arbeit neu zusammenzusetzen. Indem sie in eine solche Dynamik eintreten, zeigen die Gewerkschaften, dass sich die Arbeitsorte gegenüber Demokratie und Staatsbürgerschaft öffnen müssen, dass das, was jenseits der Fabriktore, der Bürotüren und auch der Supermarktkassen liegt, unverzichtbares Element des sozialen Dialogs und des gemeinschaftlichen Handelns sein muss. Die italienische Gewerkschaftsbewegung der 1960/70er Jahre hat das schon vorgemacht, als sie sich um die Transportbedingungen der Beschäftigten und ihre Wohn- und Lebenssituation kümmerte. Inzwischen versucht die Zeitpolitik, den Grundsatz „vom Werk

eine neue Phase der Zeitpolitik solle unter das Motto „für ein

aus kann man die Stadt/das Leben sehen“ mit dessen Umkehr

lebenslanges Leben“ gestellt werden.

zu vereinbaren: „Von der Stadt/dem Leben aus kann man das

Nicht nur die Gewerkschaften sind daran gewöhnt sind, soziale Fragen zu behandeln, die einen Bezug zur Arbeit haben, sondern in gleichem Maße auch die Stadtpolitik. Die in Europa betriebene Zeitpolitik lässt neben der Vielfalt der Ansatzpunkte auch einen eminent sozialen Charakter erkennen. Viele Initiativen zielen auf eine verbesserte Vereinbarkeit der unterschiedlichen sozialen Zeiten ab, vor allem von Berufsausübung und Familien- oder Sozialleben. Für die Gewerkschaften und ebenso für die Arbeitgeberverbände, die Gebietskörperschaften und sämtliche einschlägige Organisationen ergibt sich dieses Ziel aus einem Paradigmenwechsel, der durch Zeitpolitik in Gang gesetzt worden ist und darin besteht, dass die Regulierung der Zeit nicht auf eine einzige soziale Zeitlichkeit (wie etwa die Arbeitszeit) beschränkt bleiben darf, sondern mit den übrigen Ansätzen zeitlicher Regulierungsversuche in Einklang gebracht werden muss. Ein gleitender Übergang von einer Gesellschaft, in der die Zeitlichkeiten (Arbeit, Schule, Geschäfte usw.) getrennt geregelt werden, zu einer Gesellschaft, deren Ansatzpunkt für eine Regulierung die Vereinbarkeit der sozialen Zeiten ist, findest

Werk, den Arbeitsplatz, sehen“. Angestrebt wird ein Prozess, der politische und soziale Demokratie geschickt miteinander verknüpft, und ein territorialer und gesellschaftlicher Dialog als ein geeigneter Weg zu einer besseren Vereinbarkeit der Arbeitszeitsysteme und zu erweiterten Mitsprachemöglichkeiten der Beschäftigten wie auch aller Bürger/innen im Hinblick auf die Vereinbarkeit ihrer Lebenszeiten. Zeitpolitik zeigt sich so als einer der von Bruno Trentin (2012) vorgezeichneten Wege zur Emanzipation von untergeordneter Arbeit, indem Freiheit in der Arbeit hergestellt wird. Sie löst sich von der privaten (also außerhalb der Stadt konzipierten) Natur des Arbeitsverhältnisses. Trentins Empfehlungen haben die Arbeit wieder in die Sphäre der Polis versetzt, haben Staatsbürgertum und Arbeit durch Beseitigung des Widerspruchs zwischen den dem Bürger formal zuerkannten Rechten und dem Grundsatz der Unterordnung, der dem Arbeitsvertrag inhärenten ist, vereint. Trentin wünschte sich eine linke Strategie, die es möglich machen würde, die Mitbestimmungsrechte der Lohnabhängigen im Hinblick auf Umfang und Ziele des Arbeitsvertrags als Bürgerrechte anzuerkennen.

statt, der schließlich zu einem Bruch wird 3. Dieser Bruch

Indem sie sich – im Rahmen der Zeitpolitik – am Schnitt-

erfordert nicht nur den „sozialen Dialog“ allein der Sozial-

punkt arbeits- und staatsbürgerlicher Fragen einbringt, er-

partner, sondern einen weitergehenden „gesellschaftlichen

möglicht die Gewerkschaftsbewegung den Beschäftigten, als

Dialog“, der es den verschiedenen Zeitlichkeitsakteuren er-

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an der Stadtpolitik

laubt, zur Dynamik eines auf Rückbezüglichkeit/Gegenseitig-

und als Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung der Arbeit

keit basierenden Dialogs zurückzukehren.

mitzuwirken. Nach meinem Eindruck kann dieser rechtlich

Für die Gewerkschaften geht es im Hinblick auf die Gestaltung einer neuen Arbeitsorganisation um Grundsätzliches: Die lokale Zeitpolitik darf nicht allein auf die funktionelle Dimension reduziert werden, zeiträumliche Dysfunktionen zu beheben, wie es bei der Raumordnungspolitik Ende der Siebziger Jahre der Fall war, die Zeit mit dem Ziel der Verflüssigung des Raums instrumentalisiert hatte. Lokale Zeitpolitik ist in Wirk-

hergeleitete Ansatz dem Thema Vereinbarkeit von Arbeit und Leben (Work-Life-Balance) Konsistenz verleihen, während der beschwichtigende Begriff des Ausgleichs heute lediglich zu Übereifer der Beschäftigten am Arbeitsplatz führt und sie (nur sehr bedingt) von den Aufgaben des Alltags befreit, ohne am Unterordnungsverhältnis selbst etwas zu verändern, sondern dieses sogar noch verstärkt.

lichkeit Ausdruck der Gestaltung „zeitbewusster“ Räume, die

Eine intensive Mitwirkung der Gewerkschaften an der Zeitpo-

eine tiefgreifende kulturelle Veränderung der Wahrnehmung

litik ist daher, wie gesagt, von erheblicher Bedeutung, weil sie

von gelebten Zeiten und Räumen vermittelt. Für die Gewerk-

die Blaupause für neue Rechte – wie das Recht auf eigene Zeit

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ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

(Mückenberger 2004; 2012) – und eine neue Arbeitsordnung sein kann, in der die Stadt der Arbeit nicht länger von der Stadt des Lebens getrennt wäre. 1 Die FLM war ein Einheitsverband, in dem sich ab 1972 die Metallarbeiter und -angestellten (FIOM) der CGIL, der Italienische Metallarbeiterverband (FIM) der CISL und die Italienische Union der Metallarbeiter (UILM) der UIL zusammenschlossen. 2 Diese Initiative des Zeitbüros der Stadt Rennes diente in der Folge als Modell für weitere Gebietskörperschaften, insbesondere Paris, aber für auch den Ballungsraum Nantes sowie für mehrere Départements und Regionen. Diese lokalen Aktionen wurden von der Regierung gefördert und als wichtiges Instrument zur Verbesserung der Arbeitsqualität eingesetzt. 3 Dies entbindet die Sozialpartner und/oder Regierungen jedoch keineswegs davon, die Arbeits- oder Öffnungszeiten der verschiedenen Einrichtungen zu regeln, sondern hebt den Umstand hervor, dass die Regelung der einzelnen sozialen Zeiten nicht unabhängig von den Änderungen in den übrigen Bereichen vorgenommen werden kann.

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ZPM NR. 28, JULI 2016

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

EVA KOCHER

Zeit zum Leben für alle Geschlechter Leben ist Arbeit. In der Arbeit erleben Menschen ihre Selbst-

Sozial- und familienpolitisch formuliert: Die vermeintlichen

wirksamkeit, die Arbeit prägt Identitäten und Selbstverständ-

Sicherheiten in der Erwerbsarbeit beruhen auf dem familien-

nisse. Das gesellschaftliche Leben ist auf die Erträge jeglicher

politischen Leitbild des „Familienernährers“, auf der Entgren-

Arbeit angewiesen, es beruht auf der Produktion von Autos,

zung, Entwertung und Unsichtbarkeit der Sorgearbeit. Diese

Reinigungsdienstleistungen, der Erfindung und Herstellung

Organisation der Erwerbsarbeit kann nur funktionieren, so-

von Lebensmitteln, der Pflege von Menschen, der Konfliktlö-

weit die Sorge- und Reproduktionsarbeit in unbezahlter Ar-

sung, der Welterklärung durch Wissenschaft und Kunst, der

beit erledigt wird. Das nostalgisch erinnerte Vollzeitarbeits-

Zubereitung von Mahlzeiten. Das gesellschaftliche Leben ist

verhältnis funktioniert nur, wenn auf Kinder verzichtet wird

auf Güter und Dienstleistungen, auf produktive und reproduk-

oder wenn die jeweiligen Partner/innen im Schnitt über 10 h

tive Arbeit in ganz unterschiedlichen Formen angewiesen.

pro Werktag Kinderbetreuung leisten. 8

Und doch scheinen Leben und Arbeit zunehmend als ver-

Neue Zeiten! Das Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbsbiographie

schiedene Dinge wahrgenommen zu werden, wie das allseitige Basteln an der „Work-Life-Balance“ belegt. Hintergrund ist die zunehmende Entgrenzung der Erwerbsarbeit, verschärft durch die Möglichkeiten der digitalen Technik. Arbeit heißt zunehmend, jederzeit flexibel und präsent zu sein und auf Anfragen und Anforderungen reagieren zu können – ohne zeitliche Grenzen, ohne örtliche Grenzen, weltweit auf dem Weg zum Burnout. 1 Diese Entwicklung führt nicht nur die deutsche Gesellschaft langsam aber sicher in eine „Reproduktionskrise“: Menschen wird es zunehmend unmöglich, den Selbst- und Fremderwartungen gerecht zu werden und die eigene Arbeits- und Lebenskraft zu bewahren. 2

Für die Probleme der Work-Life-Balance und die Reproduktionskrisen sind deshalb nicht nur Flexibilität und Entgrenzung und wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen verantwortlich zu machen. Die Veränderungen der Geschlechterverhältnisse und die gewachsenen Ansprüche von Frauen auf Gleichberechtigung und partnerschaftliche Teilhabe an allen gesellschaftlichen Gütern sind mitverantwortlich, denn sie machen den Rückzug auf die nostalgische Lösung unmöglich. Und nicht zu vergessen: Auch viele Männer haben erkannt, dass ein Wandel der Zeitregime ihnen mehr und bessere Verhaltensalternativen zur Verfügung stellen könnte. Es schwin-

Verständliche Nostalgie?

det nicht nur das Verständnis dafür, dass ein/e Partner/in

In dieser Situation haben nostalgische Erinnerungen an

nach einer Trennung noch lange Zeit auf Zahlungen Dritter

Vollzeitarbeitsverhältnisse von 40h/Wochen Konjunktur. 3

angewiesen bleibt, weil während der Partnerschaft weder

Vergessen wird dabei, dass diese Vollzeitbeschäftigten da-

Karriere noch eigenständige soziale Sicherheit aufgebaut

rauf angewiesen sind, dass andere (meist Frauen) ihnen den

wurden. Es akzeptieren auch immer weniger Väter, dass ihr

Rücken frei halten. Dementsprechend zeigt die Verteilung

Kind die ersten Schritte ohne sie macht, dass sie als Familien-

des Arbeitszeitvolumens zwischen den Geschlechtern ein

ernährermaschine funktionieren müssen, oder dass sie ihre

Gerechtigkeitsproblem auf (Gender Time

Gap). 4

In den mei-

sten europäischen Ländern haben Frauen im Schnitt kürzeMänner; 5

eigenen Eltern im Alter nicht begleiten können. 9 Die Work-Life-Balance ist deshalb vor allem eine Frage der Ar-

für Deutschland heißt

beits- und Zeitverteilung zwischen den Geschlechtern. Denn

das konkret, dass 29 % der Frauen weniger als 21 Stunden

die Gesellschaft schätzt eben nur einen Teil der gesellschaft-

in der Woche arbeiten, 45 % der Männer aber 40 Stunden in

lich notwendigen Arbeit wert – und das ganz unabhängig

der Woche; über 14 % der Männer arbeiten sogar mehr als

von den gesellschaftlichen Werten, die geschaffen oder erhal-

re Erwerbsarbeitszeiten als

Woche. 6

Das heißt: Natürlich arbeiten

ten werden. Die Sorge für andere und die Sorge für sich selbst,

Frauen nicht weniger als Männer, im Gegenteil: Frauen ar-

das ist notwendige gesellschaftliche Arbeit, die in den gesell-

beiten im Durchschnitt mehr als Männer – allerdings wird ein

schaftlichen Geschlechterverhältnissen entwertet und auf

Drittel ihrer Arbeitszeit nicht bezahlt. 7 Wer Betreuungs- und

weibliche Personen verlagert sind. Weil zunehmend weniger

Sorgearbeit leistet, ist wirtschaftlich nur dann ausreichend

akzeptiert wird, dass damit Abwertung, Diskriminierung, Al-

abgesichert, wenn er oder sie einen gut verdienenden Partner

tersarmut, Gewalt, gläserne Decken und Wände verbunden

44 Stunden in der

in Ehe oder eingetragener Partnerschaft hat – vorausgesetzt

sind, entstehen Vereinbarkeitskonflikte, die in ihrer Summe

diese Ehe oder eingetragene Partnerschaft hält das ganze wei-

„Leben“ und „Arbeiten“ aus dem Gleichgewicht bringen. Es

tere Leben über, was keineswegs die Regel ist.

fehlt an der Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, von Sorge

10

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

und Erwerbsarbeit, von Pflege und Beruf. Der Druck lastet

mer. 17 Darüber hinaus gewährleisten die Grundrechte auf

verstärkt auf Menschen, die aufgrund körperlicher oder psy-

Privat- und Familienleben eine angemessene Abstimmung

chischer Einschränkungen ohnehin gesellschaftlich behindert

der Erwerbsarbeit mit „privaten“ Anliegen. Die Beschäftigten

werden. Der Druck lastet verstärkt auch auf Menschen, deren

müssen in der Erwerbsarbeit selbst mit darüber entscheiden

Einkommenssituation den Rückgriff auf das „modernisierte

können, wie persönliche und organisatorische Konflikte ge-

Familienernährermodell“ nicht erlaubt, weil die Finanzierung

löst werden, anstatt ohne Not Normalitätsvorstellungen und

ihres Haushalts auf zwei Vollzeiteinkommen angewiesen ist.

Normalisierungszwängen unterworfen zu werden.

Er lastet besonders auf Alleinerziehenden. Und der Druck

Um dies effektiv machen und umsetzen zu können, ist ein

lastet in besonderer Weise auf selbstständig Erwerbstätigen,

ganzes Bündel unterschiedlicher Ansprüche erforderlich: Es

denen kaum minimale Rechte zur Begrenzung ihrer Risiken

braucht Rechte auf betriebliche Rahmenbedingungen („Wahl-

zur Verfügung stehen. 10

arbeitszeit“). Es bedarf einer geeigneten Infrastruktur (z. B.

Viele Frauen und Männer sind deshalb aus unterschiedlichen

Kinderbetreuung, Pflege, kommunale Dienstleistungen). Die

Gründen mit ihrer Erwerbsarbeitszeit unzufrieden. 11 Teilzeit-

Kosten des Übergangs, insbesondere das Einkommensrisiko,

beschäftigte Frauen formulieren den Wunsch, länger bezahlt

muss in denjenigen Fällen abgesichert sein, in denen aus sozi-

arbeiten zu wollen. Viele Männer wünschen sich eine Verkür-

al- und familienpolitischen Erwägungen heraus eine Kosten-

zung der Erwerbsarbeitszeit. 12 Hierfür existiert bereits eine

übernahme durch die Allgemeinheit erforderlich scheint.

ganze Reihe von Rechten. Als Sammelbegriff für die mit der Forderung nach neuen Zeiten verbundenen Perspektiven ist

Zeitsouveränität und Familienarbeitszeit

z. T. bereits der Begriff der Ziehungsrechte („social drawing

Zeitsouveränität für eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie

rights“) verwendet worden. 13 Im Rahmen des von Supiot ent-

Einige der wichtigsten Antworten auf die Herausforderungen

wickelten Konzepts sollen solche Rechte einen Beitrag dazu

lassen sich mit den Stichworten „lebensphasenorientierte Ge-

leisten, über Unterbrechungen und Übergänge hinweg den

staltung der Arbeitszeit“ und „Zeitsouveränität“ zusammen-

Umgang mit wachsender Unsicherheit zu ermöglichen und

fassen. Für den DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann braucht

Mobilität bzw. Flexibilität und Sicherheit für die Beschäf-

die Arbeit der Zukunft „mehr Verfügungsgewalt über Zeit ent-

tigten miteinander zu

versöhnen. 14

lang der Erwerbsbiografie – für ganz unterschiedliche indivi-

Der Begriff der Ziehungsrechte benennt implizit zwei wichtige

duelle Zwecke: etwa für Eigenarbeit, Care-Zeiten, politische

Aspekte: 15 Zum einen betont er die individuelle subjektive

Teilhabe oder Sabbaticals. […] Die Entscheidung für Familie

Freiheit in der Wahrnehmung von Zeiten. Zum zweiten will er

oder persönliche Entwicklung und gegen Vollzeiterwerbs-

Klarheit hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Ressour-

tätigkeit darf nicht länger bestraft werden. Unterbrechungen

cen ermöglichen: Jeder und jede Beschäftigte soll danach aus

und Brüche im Lebensverlauf dürfen Arbeitnehmerinnen und

einer individuell garantierten Reserve schöpfen können. Pro-

Arbeitnehmer nicht mehr zu Beschäftigten zweiter Klasse ab-

blematisch ist allerdings dieser letzte Aspekt, soweit er sich

stempeln. Wenn wir die individuelle Lebenssituation stärker

auf Finanzierungsfragen und die Zurverfügungstellung von

berücksichtigen, werden wir auch Fürsorgetätigkeiten end-

materiellen Ressourcen bezieht. Denn bei der Verteilung von

lich besser anerkennen und können die klassische Trennung

gesellschaftlichen, staatlichen und sozialversicherungsrecht-

von Erwerbsarbeit und Familienarbeit aufweichen. Die Ar-

lichen Ressourcen sind Verteilungsfragen zu berücksichtigen

beitswelt muss sich stärker auf das Leben ausrichten.“ 18

und zu politisieren. Eine Begrenzung von Leistungen durch

Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind auf den ersten

Sachkriterien erscheint deshalb vorzugswürdig gegenüber ei-

Blick gar nicht schlecht: Das Arbeitsrecht kennt bereits an

ner bedingungslosen „Ziehung“.

vielen Stellen Ansprüche auf Anpassung von Arbeitsverhält-

Diese Begrenzung bei gleichzeitiger Autonomie können

nissen. Aber diese Regeln formulieren heute immer noch vor-

Rechtsansprüche leisten. Das Ziel der Selbstbestimmung in

wiegend Ausnahmen und Einzelfälle. Bei der Elternzeit gibt

sozialer Einbindung, das mit solchen Ansprüchen verfolgt

es bspw. eine „Einbahnstraßenperspektive“, so dass die Rech-

werden sollte, lässt sich für die deutsche Rechtsordnung

te, die eine Rückkehr ins Erwerbsleben ermöglichen, unzu-

im verfassungsrechtlichen Rahmen eines „Rechts auf eine

reichend sind. Jeder Beschäftigte kann zwar Teilzeit arbeiten

ausformulieren. 16

– allerdings hat er nur in Betrieben mit mehr als 15 Mit-

Ein solches Recht ergibt sich im Grundsatz bereits aus dem

arbeitern Anspruch darauf. Die Verringerung der Arbeitszeit

Grundgesetz. Die Berufsfreiheit (Art. 12 GG) enthält Rechte

kann zudem nur für unbestimmte Zeit verlangt werden, und

auf berufliche Entwicklung und Weiterentwicklung auch für

es fehlt ein ausreichender Anspruch auf Aufstockung. Vielen

abhängig beschäftigte Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh-

Eltern ist so der Weg zurück ins Normalarbeitsverhältnis –

selbstbestimmte

Erwerbsbiographie“

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und damit in eine auskömmliche Rente – versperrt. 19

11

ATMENDE LEBENSLÄUFE

Bisher haben die bestehenden Rechtsansprüche auch nichts daran ändern können, dass eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie oft schlicht daran scheitert, dass solche Anpassungen an die Interessen von Beschäftigten im betrieblichen Ablauf nicht mitgedacht und deshalb schwer zu organisieren sind. 20 Deshalb sind Arbeitszeiten und ihre gerechte Verteilung auch innerhalb der Belegschaften ein Konfliktthema, dessen Bearbeitung eines geeigneten rechtlichen Rahmens bedarf. 21 Dafür muss der Blick auf unterschiedliche Arbeitszeitanliegen anders gelenkt werden. Die aktuelle Rechtslage legt es nahe, Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit „lebensphasenorientiert“ oder anders anpassen möchten, in der betrieblichen Wirklichkeit als „Außenseiter/in“ oder „Störfall“ anzusehen. Ein

allgemeiner

arbeitsrechtlicher

Anpassungsanspruch

könnte dagegen das Leitbild eines für die Vielfalt des Lebens zukunftsoffenen Arbeitsverhältnisses verankern. Familienarbeitszeit als Leitbild für solidarische Regelungsmodelle „Lebensphasenorientierung“ bedeutet aber noch mehr, nämlich Schritte zu einer gleichberechtigten Wertschätzung von Sorgearbeit und Erwerbsarbeit. Hier geht es nicht nur um Zeitsouveränitäten und individuelle Wünsche. Hier geht es auch um gesellschaftliche Normen und politische Einflussnahme. Eine faire Aufteilung der häuslichen Sorge- und Reproduktionsarbeit scheitert eben noch oft daran, dass staatliche Normen Anreize falsch setzen und Paare in „Traditionalisierungsfallen“ führen. 22 Zeitkonflikte stehen immer in einem engen und komplexen Zusammenhang mit dem gesetzlichen, politischen, regionalen und außerbetrieblichen Umfeld. 23 Um die „klassische Trennung von Erwerbsarbeit und Familienarbeit“ aufzuweichen, bedarf es der erforderlichen Infrastrukturen für die Organisation und Finanzierung von Sorge- und Reproduktionsarbeit. Dazu gehört der Ausbau einer öffentlich finanzierten Care-Ökonomie und ganztägiger Schulen genauso wie der Verzicht auf Ehegattensplitting und MinijobSubventionierung. Dazu gehört aber auch die Unterstützung derjenigen, die betreuen und pflegen – durch Entgeltersatzansprüche für pflegende Familienangehörige, aber auch durch Aufwertung der entsprechenden Dienstleistungsberufe und -tätigkeiten. Das neu eingeführte Pflegeunterstützungsgeld ist hierfür nur der allererste Schritt. Es bedarf dringend einer Entgeltersatzleistung für längere Zeiträume, die auf die Eigenfinanzierung über Arbeitszeitkonten verzichtet. Als Leitbild für solche Umsteuerungen zu einer partnerschaftlichen Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit kann die „kurze Vollzeit für alle“ dienen – oder, die Zielsetzung klarer benennend, die „Familienarbeitszeit“, einem Leit-

Ausblick auf neue Leitbilder Zeit zum Leben für alle Geschlechter kann nur erreicht werden, wenn die Ursachen der allgemeinen Zeitnot benannt werden: Flexibilitätsanforderungen der Wirtschaft und Entgrenzung führen zum Burnout, wenn es nicht gelingt, Reproduktionsarbeit so zu organisieren, dass Grenzen wirksam gesetzt werden können. Hierfür bedarf es neuer komplementärer Leitbilder: Das Leitbild der Zeitsouveränität kann mit Hilfe des allgemeinen arbeitsrechtlichen Anpassungsanspruchs eine partnerschaftliche Arbeits(zeit)verteilung nur wirksam fördern, wenn es von einem Leitbild der Familienarbeitszeit für alle gerahmt wird – dies muss zum Maßstab für die Finanzierung und Organisation sozialer Leistungen und öffentlicher Infrastruktur werden. 1 Siehe auch die Forderungen nach Deregulierung im Arbeitszeitrecht, wie sie die BdA zur Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeitswelt aufgestellt hat (BdA-Positionspapier Mai 2015). 2 Jürgens, K.: Deutschland in der Reproduktionskrise, Leviathan 38 (2010), S. 559 ff. 3 Siehe dazu die Ausführungen der Autorin in AuR 2016, Heft 8/9 (erscheint demnächst). 4 Zum Begriff des Gender Time Gap siehe Absenger u.a.: Arbeitszeiten in Deutschland. WSI Report 19, November 2014, S. 42 ff. 5 Vargas, L. u. a.: „Europäische Perspektive auf Arbeitsbedingungen und Relevanz der Geschlechter-perspektive“ in: Weg/Stolz-Willig (Hrsg.) „Agenda Gute Arbeit: geschlechtergerecht“, S. 68/69. 6 Daten des Statistischen Bundesamtes für 2013. Fn. 5, S. 42: Im Schnitt 40h/Woche für Männer, 31h/Woche für Frauen. 7 Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom Mai 2015. Siehe auch die Angaben im WSI-report (Fn. 5), S. 46 zu den Kinderbetreuungszeiten Ost/West. 8 Berechnung von Gerlach u.a. in: Die Bedeutung atypischer Beschäftigung für zentrale Lebensbereiche, 2015, S. 7. 9 Friebel, H.: Von der hegemonialen Männlichkeit zu Parallelkulturen von Männlichkeiten (http://momentum-quarterly.us10.list-manage.com/track/click?u=a68224dc50a2812dd31010fa2&id=f8e890 0630&e=0361b7c09e). 10 Siehe auch die deutlichen Forderungen nach Beibehaltung dieser Rechtlosigkeit in BdA-Positionspapier zur Digitalisierung (Mai 2015). 11 DGB-Index Gute Arbeit. Der Report 2014 – Wie die Beschäftigten die Arbeitsbedingungen in Deutschland beurteilen. 12 Arbeitszeiten in Deutschland, Entwicklungstendenzen und Herausforderungen für eine moderne Arbeitswelt. WSI Report 19, November 2014, S. 12. 13 Supiot, A. 2001, S. 56 f. 14 Mückenberger, U., WSI-Mitt. 2007, 195, S. 199; Castel 2011, S. 146. 15 Supiot, A. 2001, S. 56. 16 So auch der Titel des Buchs mit den Ergebnissen des Projekts SozRA (Kocher, E. u. a. 2013). 17 BVerfG 11. 6. 1958, BVerfGE 7, 377, 397; BVerfG 15. 12. 1987, BVerfGE 77, 308, Rz 98 (Weiterbildungsgesetze); BVerfG 25. 1. 2011, BVerfGE 128, 157 ff; Bryde, NJW 1984, 2177; Schneider, VVdStRL 1985, 7. 18 Hoffmann, R.: Gestaltungsanforderungen für die Arbeit der Zukunft: Elf Thesen, in: Hoffmann, R./Bogedan, C. (Hrsg.), Arbeit der Zukunft: Möglichkeiten nutzen – Grenzen setzen, 2015, S. 11 ff.

bild, dem bereits das Elterngeld plus seit Juli 2015 folgt. 24

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ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

19 Zum Ganzen ausführlich: Kocher, E. u. a.: Das Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2013. 20 Siehe z. B. die neue Untersuchung von Pfahl, S. u. a., die als Haupthindernisse für die Elternzeit von Vätern Unsicherheiten des Arbeitsplatzes und fehlendes Verständnis von Seiten der Arbeitgeber und Vorgesetzten nennt (neben fehlenden beruflichen Entwicklungsperspektiven der Mutter). 21 Ausführlich Wenckebach: Individuelle Arbeitszeitgestaltung und kollektive Interessen, KJ 2014, S. 405-413. 22 Prognos. Endbericht über die Gesamtevaluation familienpolitischer Leistungen, 2014, S. 129 ff. ; Rüling: Jenseits der Traditionalisierungsfallen. 2007.

23 Siehe z. B. Mückenberger, U.: Lebensqualität durch Zeitpolitik. Wie Zeitkonflikte gelöst werden können., 2012, zur möglichen Abstimmung zwischen Beschäftigten- und Nutzer/innen-Interessen bei Dienstleistungsunternehmen. 24 Müller/Neumann/Wrohlich, DIW/FES, S. 2013.

Erweiterte Fassung eines Textes, der erschienen ist in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 9/2015, S. 37–40. Prof. Dr. Eva Kocher lehrt an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

DEUTSCHER JURISTINNENBUND

Konzeption eines Wahlarbeitszeitgesetzes (Kurzfassung 1) Will der Gesetzgeber Optionen für eine lebensphasenorien-

festzumachen. Das aber ist ein viel zu grobes und fehlleitendes

tierte Arbeitszeitgestaltung bereitstellen, so gelingt das nicht,

Raster. Zwar können große Betriebe erhebliche Spielräume

wenn er sich auf den Ausbau individueller Rechte von Arbeit-

nutzen. Bei Klein- und Mittelbetrieben Wahlarbeitszeiten

nehmer/innen beschränkt. Diese sind zwar unverzichtbar,

grundsätzlich für unmöglich zu erklären, entspricht aber

aber grundsätzlich müssen Regelungen der Arbeitszeit im-

nicht der Realität. In bestimmten Tätigkeitsbereichen kann

mer auch kollektivrechtlich gesehen und umgesetzt werden.

eine befristete Reduzierung der Arbeitszeit schwer lösbare

Nur dann, wenn durch eine kollektivrechtlich abgesicherte

organisatorische Probleme aufwerfen, die in anderen Tätig-

betriebliche Arbeitszeitkultur Zeitsouveränität selbstver-

keitsbereichen, zum Beispiel in der IT-Branche, selbst in

ständlich wird, werden Arbeitnehmer/innen, die von ihren

Klein- und Mittelbetrieben gar nicht auftreten.

Rechten auf Wahlarbeitszeit Gebrauch machen, in der be-

Ein Wahlarbeitszeitgesetz muss daher alle Betriebe aller Bran-

trieblichen Wirklichkeit nicht mehr als „Störfälle“ angesehen;

chen und aller Größen mit der Vielfalt der Tätigkeitsfelder und

nur dann werden auch diejenigen (überwiegend Männer), die

betrieblichen Ebenen erfassen, dabei aber überall differen-

bisher ihre Karrieren verfolgen oder aus einer traditionellen

zierte Lösungen zulassen, die weder die Betriebe überfordern

Rollenzuschreibung heraus keine Sorgearbeit leisten, durch

noch das Bedürfnis der Arbeitnehmer/innen nach Arbeits-

Angebote der Wahlarbeitszeit angesprochen werden können.

zeitsouveränität leerlaufen lassen. Differenzierte Lösungen

Ein Wahlarbeitszeitgesetz, das die betriebliche Wirklichkeit

kann der Gesetzgeber aber im Einzelnen nicht vorformulie-

ändern will, muss die Betriebe verpflichten, Wahlarbeits-

ren und vorschreiben. Bloße Aufforderungen des Gesetzge-

zeitkonzepte zu entwickeln, die auch gleichstellungspolitisch

bers oder Generalklauseln hingegen geben keine Rechtssi-

wirksam werden können. Individuelle Wahlarbeitszeiten in

cherheit und könnten schon deshalb zur Realisierung einer

Betrieben erfordern durchaus organisatorischen Aufwand

Wahlarbeitszeit in der betrieblichen Praxis wenig beitragen.

und stoßen auf Grenzen. Die Bedingungen der Betriebe sind

Ein Wahlarbeitszeitgesetz, das praktische Veränderungen

hinsichtlich ihrer gestalterischen Möglichkeiten ganz unter-

gewährleisten will, muss flexible Lösungen ermöglichen,

schiedlich. Das geltende Recht neigt dazu, die Geltung ar-

die gleichzeitig vorhersehbar, planbar, verlässlich und rechts-

beitsrechtlicher Gesetze an unterschiedlichen Betriebsgrößen

sicher sein müssen.

ZPM NR. 28, JULI 2016

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

Ein Gesetz, das dem vor allem aus der Politik- und Verwal-

sichts der Vielfalt von Branchen, Betrieben und Tätigkeits-

tungswissenschaft bekannten Konzept einer regulierten

bereichen nicht praktikabel. Das Gesetz gibt Formen und

Selbstregulierung folgt, kann dies auch leisten. Regulierte

Fristen, Verfahren und Beteiligungsrechte vor und zählt The-

Selbstregulierung bedeutet, dass die Betroffenen und diejeni-

menkomplexe auf, die für ein betriebliches Wahlarbeitszeit-

gen, die die betriebliche Wirklichkeit gestalten, innerhalb eines

konzept geprüft werden müssen. Dazu gehört auch eine Ant-

gesetzlichen Rahmens selbst entscheiden und aushandeln, also

wort auf die Frage, wie bei Geltendmachung von Ansprüchen

selbst regulieren, was im konkreten Fall bei der Festlegung der

auf Reduzierung und/oder Veränderung der Lage und Vertei-

Arbeitszeit unter Ausgleich der Interessen möglich ist.

lung der Arbeitszeit entstehende Lücken und Bedarfe im Be-

Das Konzept der Selbstregulierung kann aber nicht nur auf

trieb ersetzt werden sollen. Denn die Erfahrung zeigt, dass das

Hoffnung und Vertrauen setzen, dass sich die Arbeitsver-

Arbeitsvolumen oft bei einer Arbeitszeitverkürzung nicht in

tragspartner/innen und/oder Tarif- oder Betriebsparteien

gleichem Maße reduziert wird bzw. keine Ersatzeinstellungen

schon in adäquater Weise einigen werden. Denn beim Arbeits-

vorgenommen werden, so dass es zur Überlastung der betrof-

vertragsverhältnis sind beide Seiten strukturell nicht glei-

fenen Arbeitnehmer/innen oder auch bei ihren ihrer Kolleg/

chermaßen sozial durchsetzungsstark. Auch bei kollektiven

innen zu Arbeitsverdichtung und Überstunden kommt.

Verhandlungen werden nicht alle Interessen gleichermaßen

Als einen ersten Schritt der Selbstregulierung sollen die Be-

Gehör finden – vor allem die Interessen an einer partner-

triebe einen „Arbeitszeit-Check“ ihrer betrieblichen Rege-

schaftlichen Aufteilung der Sorgearbeit sind im wirtschaft-

lungen und anzuwendenden Tarifverträge durchführen, um

lichen Kontext systematisch durchsetzungsschwach. Es

zu überprüfen, ob und inwieweit sie den arbeitszeitbezogenen

bedarf daher einer gesetzlichen Regulierung, die durch die

Bedürfnissen der Arbeitnehmer/innen entsprechen, und ob

Ausgestaltung der Ansprüche und der Verfahren dafür sorgt,

diese geschlechtergerecht sind. Auch soll durch eine Mitar-

dass es zu einer angemessenen Selbstregulierung mit dem

beiter/innenbefragung ermittelt werden, welche arbeitszeit-

Ziel der Wahlarbeitszeit kommt.

bezogenen Bedarfe der Arbeitnehmer/innen bestehen oder

In einem solchen Ansatz spielen die Tarifvertragsparteien wie

entstehen können. Auf der Basis des Arbeitszeit-Checks und

auch die Betriebsparteien eine bedeutsame Rolle, mehr noch:

der Zielsetzungen des Wahlarbeitsgesetzes wären dann eigen-

Ohne sie geht es nicht. Bereits heute sind Fragen der Arbeits-

ständig konkrete Maßnahmen und Modelle für den jeweiligen

zeit in vielen Branchen und Betrieben nicht allein durch die

Betrieb zu entwickeln.

unmittelbaren Arbeitgeber/innen gestaltet, sondern in Tarif-

Das Gesetz zählt Maßnahmen auf, die Bestandteil eines be-

verträgen und in Betriebsvereinbarungen detailliert geregelt.

trieblichen Wahlarbeitszeitkonzepts sein können, aber nicht

Das zwingende betriebliche Mitbestimmungsrecht besteht

in jedem Einzelfall sein müssen. Den gesetzlichen Vorgaben

bei Arbeitszeitfragen bisher allerdings nur in kollektiven An-

entspricht ein Wahlarbeitszeitkonzept dann, wenn die Be-

gelegenheiten. Bei individuellen Arbeitszeitwünschen von

triebsparteien bzw. die für die Erarbeitung eines Wahlar-

Arbeitnehmer/innen sind Betriebsräte nur eingeschränkt re-

beitszeitkonzepts zuständigen Akteur/innen zumindest die

aktiv beteiligt.

im Gesetz genannten Maßnahmen durchgeführt und evalu-

In einem Wahlarbeitszeitgesetz bedarf es deshalb geregelter

iert haben und dabei sämtliche im Betrieb ermittelten Be-

Beteiligungs- und Mitbestimmungsverfahren, die sowohl

lange berücksichtigt, zumindest jedenfalls erörtert wurden.

eine Erarbeitung kollektiver Arbeitszeitkonzepte als auch die

Selbstverständlich muss sich ein Wahlarbeitszeitkonzept

Durchsetzung individueller Wahlarbeitszeitansprüche der Ar-

im Rahmen geltenden Arbeitsrechts und insbesondere des

beitnehmer/innen ermöglichen. Tarifvertragsparteien kön-

Arbeitszeitrechts bewegen. Sollte ein betriebliches Wahlar-

nen durch ihre spezifischen Kenntnisse und ihre Verankerung

beitszeitkonzept von tariflichen Arbeitszeitregelungen ab-

in den Betrieben wie bei den Arbeitnehmer/innen Arbeits-

weichen wollen, müssten die Betriebsparteien die Zustim-

zeitkonzepte erarbeiten, die maßgerechte Rahmenlösungen

mung der Tarifvertragsparteien zu einer solchen betrieblich

bereitstellen. Mitbestimmte kollektive Lösungen im Sinne

begründeten Abweichung vom Tarifvertrag einholen. Die

eines ausgehandelten betrieblichen Wahlarbeitszeitkon-

Tarifautonomie wird durch ein Wahlarbeitszeitgesetz nicht

zeptes schaffen Rechtssicherheit, noch bevor ein individuelles

eingeschränkt.

Bedürfnis nach Arbeitszeitänderung auftritt. Sie sollen be-

Die Konzeption des Wahlarbeitszeitgesetzes muss in Rech-

triebliche Interessen mit denen der Arbeitnehmer/innen und

nung stellen, dass es viele Betriebe gibt, die weder tarif-

von diesen untereinander angemessen ausgleichen.

gebunden sind noch Betriebsräte aufweisen. Deshalb muss

Ein Wahlarbeitszeitgesetz nennt Zielsetzungen und Rahmen-

das Gesetz Regelungen vorsehen, damit auch in diesen Be-

bedingungen, enthält aber keine detaillierten Vorgaben für

trieben durch ausformulierte Anspruchsgrundlagen Arbeit-

konkrete betriebliche Arbeitszeitkonzepte; dies wäre ange-

nehmer/innen ihre Rechte durchsetzen können. Vergleichbar

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ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

mit dem individuellen Rechtsanspruch, wie ihn das Teilzeit-

gegebenenfalls über die Anrufung einer Einigungsstelle. Fehlt

und Befristungsgesetz im Ansatz bereits kennt, könnte der

es an einem Betriebsrat, so kann der oder die Arbeitgeber/in

oder die Arbeitnehmer/in ihren Veränderungswunsch durch-

das Konzept selbstständig entwickeln, auf Wunsch durch In-

setzen. Daneben sollte das Gesetz aber auch hier Regelungen

anspruchnahme außerbetrieblicher Beratung. Daneben kann

für die Entwicklung eigenständiger Wahlarbeitszeitkonzepte

sich der oder die Arbeitgeber/in bei voller Kostenübernahme

im skizzierten Sinne enthalten.

an das Arbeitsgericht wenden mit dem Antrag, die gesetzliche

Das in einem Wahlarbeitszeitgesetz zu normierende individu-

Rechtsfolge außer Kraft zu setzen, weil ihr dringende betrieb-

elle Recht von Arbeitnehmer/innen gegenüber dem/der Ar-

liche Gründe entgegenstehen.

beitgeber/in kann sich auf die Änderung der jeweiligen vertrag-

Das Wahlarbeitszeitgesetz sieht eine andere Rechtsfolge vor,

lichen Arbeitszeit richten – und zwar in Bezug auf Dauer und

wenn in dem Betrieb bereits ein Wahlarbeitszeitkonzept exi-

Lage, aber auch auf den Arbeitsort. Bei der Geltendmachung

stiert. Dadurch soll die frühzeitige Erarbeitung eines Wahlar-

dieses Anspruchs müssen genauere Angaben über die Gründe,

beitszeitkonzeptes belohnt und ein Anreiz für Betriebe gesetzt

weshalb das Recht geltend gemacht wird, nicht genannt wer-

werden, gemeinsam mit den Interessenvertretungen der Ar-

den, es sei denn, dass die im Gesetz zu nennenden Kategorien

beitnehmer/innen flexible und bedarfsorientierte betriebliche

einer Sorge für Dritte, einer notwendigen oder erwünschten

Konzeptionen zu entwickeln. In der Verhandlung über das

Eigensorge in betrieblichen Wahlarbeitszeitkonzept mit unter-

individuelle Verlangen einer Arbeitszeitänderung kann dann

schiedlichen Rechtsfolgen verbunden sind. Der Anspruch sollte

der oder die Arbeitgeber/in den Einwand geltend machen,

keineswegs nur auf Reduzierung der ursprünglich vertraglich

dass das bestehende betriebliche Wahlarbeitszeitkonzept die

vereinbarten Arbeitszeit beschränkt sein dürfen, sondern auch

Verwirklichung gerade dieses konkreten Arbeitszeitwunsches

(sofern ein freies Arbeitszeitvolumen vorhanden ist) auf Erhö-

nicht vorsieht und ihm daher dringende betriebliche Gründe

hung der Arbeitszeit gerichtet sein können, und zwar auch für

entgegenstehen. Voraussetzung ist, dass dieses Wahlarbeits-

Arbeitnehmer/innen, die von Beginn an teilzeitbeschäftigt wa-

zeitkonzept den gesetzlichen Vorgaben entspricht und in Ab-

ren. Teilzeitbeschäftigte können nicht nur verlangen, bei der

ständen von längstens 24 Monaten innerbetrieblich überprüft

Besetzung eines ihrer Qualifikation entsprechenden Vollzeit-

und gegebenenfalls aktualisiert worden ist. In diesem Fall

arbeitsplatzes berücksichtigt zu werden, sondern auch bei der

liegt die gerichtlichen Rechtsdurchsetzung bei den anspruch-

Besetzung von freiem Arbeitsvolumen.

stellenden Arbeitnehmer/innen.

Dem geltend gemachten Rechtsanspruch des oder der Ar-

Wenn ein Anspruch auf Wahlarbeitszeit geltend gemacht

beitnehmer/in kann der oder die Arbeitgeber/in dringende

wird und aufgrund fehlender Reaktion des Arbeitgebers

betriebliche Gründe entgegenhalten. Für deren Anerken-

oder der Arbeitgeberin auch Arbeitsvertragsbestandteil wird,

nung kommt es darauf an, ob es bei Anspruchserhebung

kann es in der Praxis vorkommen, dass diejenigen, die dem

bereits ein betriebliches Wahlarbeitszeitkonzept gibt, das

neuen Vertragsinhalt entsprechend der Arbeit ferngeblieben

den gesetzlichen Vorgaben entspricht oder nicht. Fehlt es an

sind oder längere Arbeitszeit gearbeitet haben, mit Abmah-

einem betrieblichen Wahlarbeitszeitkonzept, so wird gesetz-

nungen, Lohnausfall oder gar Kündigung konfrontiert müs-

lich vermutet, dass keine dringenden betrieblichen Einwän-

sen. In einem solchen Fall wären die Arbeitnehmer/innen auf

de gegen die Arbeitszeitänderung vorliegen. Die gewünschte

individualrechtliche Rechtsdurchsetzung vor dem Arbeits-

Änderung wird dann Bestandteil des Arbeitsvertrages. Da

gericht angewiesen. Dies ist nur der markanteste Fall, der

das Wahlarbeitszeitgesetz erreichen will, dass die Betriebe

deutlich macht, dass es nur dann gelingt, die Betriebe auf die

Wahlarbeitszeitkonzepte einführen und umsetzen, wird das

Ermöglichung einer selbstbestimmten Erwerbsbiographie

Risiko der Rechtsdurchsetzung wie der Kostentragung auf

einzustimmen, wenn die Anspruchsberechtigten Unterstüt-

die Betriebe verlagert, wenn sie ein solches Konzept nicht

zung erfahren. Besonders bedeutsam ist das in den vielen

eingeführt haben. Diese Regelung trägt dem Umstand Rech-

Betrieben ohne Betriebsrat. Das Wahlarbeitszeitgesetz sollte

nung, dass für die Arbeitnehmer/innen erhebliche Hürden

deshalb weitere, auch außerbetriebliche Akteur/innen in die

bestehen, wenn sie ihre vertraglichen Rechte durchsetzen

Durchsetzung sowohl des Individualanspruches als auch der

wollen, wie vielfältige Untersuchungen bestätigen. Will also

Verpflichtung zur Entwicklung eines Wahlarbeitszeitkon-

der oder die Arbeitgeber/in nicht hinnehmen, dass die Ände-

zeptes einbeziehen, allerdings ohne Konkurrenzstrukturen

rungswünsche zur Arbeitszeit und zum Arbeitsort aufgrund

zum Betriebsrat einzuführen. Dazu kann der oder die Arbeit-

der gesetzlichen Fiktion Inhalt des einzelnen Arbeitsvertrages

nehmer/in diese Akteur/innen mit der Geltendmachung des

werden, muss er oder sie innerhalb bestimmter Fristen selbst

Anspruchs beauftragen.

die Initiative ergreifen. Gibt es einen Betriebsrat, so ist mit

Sowohl das AGG wie auch das Betriebsverfassungsgesetz

ihm gemeinsam ein Wahlarbeitszeitkonzept zu erarbeiten,

geben in betriebsratsfähigen Betrieben einer im Betrieb ver-

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

tretenen Gewerkschaft das Recht, bei groben Verstößen das Arbeitsgericht anzurufen, um ein Handeln oder Unterlassen des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin zu erzwingen. Entsprechend soll im Wahlarbeitszeitgesetz klargestellt werden, dass das Fehlen eines Wahlarbeitszeitkonzeptes als grober Verstoß gegen die Verpflichtung des oder der Arbeitgeber/ in zu werten ist. Dieser erlaubt es der im Betrieb vertretenen Gewerkschaft tätig zu werden – jedenfalls dann, wenn es zur Ablehnung eines geäußerten Anspruchs gekommen ist. Der

Fazit Leitgedanken der hier vorgestellten Konzeption für ein Wahlarbeitszeitgesetz sind: • Das Gesetz setzt auf regulierte Selbstregulierung. Betriebliche Arbeitszeitkonzepte werden unter Einbeziehung von Betriebsräten und Gewerkschaften auf kollektivrechtlicher Ebene erarbeitet; sie stellen garantierte Optionen für die Ausgestaltung von Wahlarbeitszeit im jeweils konkreten Betrieben her.

oder die Arbeitgeber/in würde dann gerichtlich unter Andro-

• Daneben erhalten Arbeitnehmer/innen einen rechtlichen,

hung eines Zwangsgeldes verpflichtet, ein Wahlarbeitszeit-

individuell durchsetzbaren Anspruch auf Änderung ihrer

konzept zu entwickeln und auf dessen Basis den Wunsch der

Arbeitszeit (sowohl hinsichtlich der Lage und Dauer als

Anspruchsteller/innen zu bescheiden.

auch Ort).

Ein Wahlarbeitszeitgesetz muss durch (insbesondere sozial-

• Das Gesetz vermeidet Formalismus und Bürokratie und

versicherungsrechtliche) Regelungen begleitet werden, die

schreibt den Betrieben nicht im Einzelnen vor, welche und

Finanzierung von Ausfall- bzw. Arbeitszeitreduzierungszeiten

wie viel Zeitsouveränität sie ermöglichen müssen. Das ent-

absichern. Denn es darf nicht nur eine Option für diejenigen

scheiden diejenigen, die bereits nach geltendem Recht die

sein, die sich eine Verminderung ihres Erwerbseinkommens

betrieblichen Regeln bestimmen.

durch die Reduzierung der Arbeitszeit leisten können (sei es

• Das Gesetz gilt für alle Betriebe aller Größen und aller Bran-

durch ein ausreichendes Erwerbseinkommen auch bei redu-

chen; die Besonderheiten kleiner Betriebe und bestimmter

zierter Arbeitszeit, sei es durch Alimentierung innerhalb einer

Tätigkeitsbereiche können in den betrieblich angepassten

Partnerschaft). Jedenfalls in bestimmten Zeiten von Sorgear-

Arbeitszeitkonzepten berücksichtigt werden.

beit müssen Einkommensausfälle, die mit Erwerbsunterbrechungen oder -einschränkungen verbunden sind, finanziell abgesichert werden. Möglichkeiten für individuelles Ansparen von Geld und Zeit in Langzeitarbeitskonten oder den Ausgleich in einer nachfolgenden Phase der Erwerbstätigkeit

• Das Gesetz bestimmt Ziele, Beteiligte und Verfahren bei der Entwicklung von Wahlarbeitszeitkonzepten. • Das Gesetz ergänzt die bestehenden Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats.

sowie steuerliche Vergünstigungen für gesellschaftlich er-

• Das Gesetz erweitert die bestehenden individuellen Rech-

wünschte Erwerbseinschränkungen können zwar hilfreich

te zur Veränderung der Arbeitszeit in Bezug auf Erhöhung,

sein, wirken aber selektiv, da nicht alle in der Lage sind, da-

Verteilung und Lage der Arbeitszeit und des Arbeitsortes.

von Gebrauch zu machen. Zudem: Die hierin liegenden finan-

Die Einwände des Arbeitgebers oder der Arbeitgeberin kön-

ziellen Belastungen/Risiken allein an die Betroffenen bzw.

nen sich auf dringende betriebliche Gründe stützen. Gilt im

deren Familien zu delegieren, ist dann ungenügend, wenn Ar-

Betrieb ein Wahlarbeitszeitkonzept, gilt die Unvereinbar-

beitszeit reduziert wird, um gesellschaftlich notwendige oder

keit des geltend gemachten Anspruches mit diesem Konzept

unterstützenswerte Aufgaben wahrzunehmen. Menschen

als dringender betrieblicher Grund.

haben zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Bedürf-

• Wird im Betrieb kein Wahlarbeitszeitkonzept erarbeitet

nisse nach erwerbsfreier oder erwerbsgeminderter Zeit. Bei

und ein Wunsch nach Arbeitszeitänderung nicht erfüllt,

einigen häufen sich z. B. Sorgearbeiten, während sie bei an-

liegt die Durchsetzungs- und Beweislast wie auch die voll-

deren keine Bedeutung entfalten. Die ungleiche Betroffenheit

ständige Kostentragung bei dem oder der Arbeitgeber/in.

der Geschlechter ist evident und vor allem anhand von Ren-

Darüber hinaus bestehen dann für eine im Betrieb vertre-

tendaten empirisch nachweisbar. Ein sozialer Ausgleich ist

tene Gewerkschaft die Rechte aus § 23 Abs. 3 BetrVG.

unverzichtbar. Eine lebenslauforientierte Sozialpolitik muss über kollektive Systeme für eine ausreichend intertemporale und interpersonell verteilte finanzielle Abfederung sorgen.

• Arbeitnehmer/innen in betriebsratslosen Betrieben können sich für Unterstützung an außerbetriebliche Akteur/innen wenden. 1 Eine ausführliche Fassung der Konzeption dieses Wahlarbeitszeitgesetzes findet man online http://www.djb.de

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ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

CHRISTINA KLENNER

Arbeitszeitoptionen im Lebensverlauf Viele Menschen erwarten heute, dass sie ihre Arbeitszeiten

Und das ist ein ungelöstes Problem. Und ich weiß gar nicht, ob

im Laufe des Lebens an ihre Bedürfnisse anpassen können.

das individuell lösbar ist, aber strukturell gibt es da aus meiner

Die Familienphase ist eine Phase im Leben, die zu Bedarfen

Sicht viel zu wenige Ansätze.“ Erwartungen und Wünsche nach

der Zeitgestaltung führt, aber auch die Alterung der Beleg-

mehr Optionalität der Arbeitszeit gibt es auf allen betrieblichen

schaften, zunehmende Bedeutung häuslicher Pflege sowie die

Hierarchieebenen: Teilzeitwünsche von Ärztinnen, Interesse

Notwendigkeit des lebenslangen Lernens lassen eine lebens-

an kurzer Vollzeit bei Produktionsfachkräften, Arbeitszeitauf-

phasenorientierte Arbeitszeitpolitik immer wichtiger werden.

stockungswünsche bei teilzeitbeschäftigten Reinigungskräften.

Auch für die Gleichstellung der Geschlechter hat das Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie große Bedeutung (BMFSFJ 2006, BMFSFJ 2011, Kocher u. a. 2013). Wenn

Die Nutzung von Arbeitszeitoptionen in den Untersuchungsbetrieben

heute neue Möglichkeiten lebensphasenspezifischer Arbeits-

Von allen Arbeitszeitoptionen sind Reduzierung der Arbeits-

zeitgestaltung erwogen werden, sollten die betrieblichen Be-

zeit und Elternzeit in den sechs Betrieben die am häufigsten

dingungen und Barrieren der Nutzung bestehender Optionen

genutzten Optionen. Die Teilzeitoption wird fast ausschließ-

beachtet werden.

lich durch Frauen genutzt. Doch Interesse an kürzeren Ar-

Vor diesem Hintergrund hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) 2014-2016 das Forschungsprojekt „Arbeitszeitoptionen im Lebensverlauf“ 1 durchgeführt. Es

beitszeiten wird von nicht wenigen Männern geäußert. Der Realisierung ihres Wunsches steht auch mangelnde Akzeptanz reduzierter Arbeitszeiten an ihren Arbeitsplätzen entgegen.

wurden Interviews mit 95 Beschäftigten und 26 Expert/innen

Elternzeit von Vätern hat sich normalisiert, sofern sie nur die

in zwei Krankenhäusern, zwei Polizeibehörden und zwei In-

Partnermonate beanspruchen, allerdings wird teilweise er-

dustriebetrieben in Deutschland geführt, die allesamt durch

wartet, dass sich die Väter bezüglich der Lage der Elternzeit

Betriebs- oder Personalräte mitbestimmt sind.

nach betrieblichen Belangen richten. Barrieren der Eltern-

Mit der Studie wurde die Akzeptanz von Arbeitszeitoptionen für verschiedene Beschäftigtengruppen untersucht. Arbeits-

zeitnutzung gibt es vor allem hochqualifizierten Bereich, hier mitunter auch bei Müttern.

zeitoptionen sind eine Möglichkeit, Arbeitszeiten an verän-

In Bezug auf Weiterbildung sind die Hochqualifizierten am

derte Zeitbedarfe im Lebensverlauf anzupassen. Es gibt in

besten gestellt. Ihnen werden zukunftsorientierte Weiter-

Deutschland eine Reihe von gesetzlich oder tariflich verbrief-

bildungen angeboten. Den weniger Qualifizierten, darunter

ten Arbeitszeitoptionen. Mit dem Teilzeit- und Befristungs-

Frauen in Teilzeit, wird Weiterbildung, die nicht unmittelbar

gesetz sowie mit gesetzlichen Regelungen zu Elternzeit,

am Arbeitsplatz gebraucht wird, verwehrt oder durch man-

Elterngeld und Pflegezeit sind Rechte von Arbeitnehmer/

gelndes Entgegenkommen bei der Arbeitszeit erschwert.

innen geschaffen worden, die für die Arbeitszeitgestaltung

Die Nutzung einer Teilfreistellung für Ehrenämter wie Be-

genutzt werden können. Freistellungen aus persönlichen An-

triebsrat oder Feuerwehr stößt mitunter auf betriebliche Bar-

lässen sind in Tarifverträgen geregelt. Freistellungen für Eh-

rieren. Teilweise verzichten die Berechtigten auf ihre Frei-

renämter sowie Bildungsurlaub sind gesetzliche Ansprüche 2.

stellungsrechte und arbeiten die versäumte Arbeitszeit nach.

Wir haben untersucht: Wovon hängt die Akzeptanz der Nut-

Andere reduzieren ihr ehrenamtliches Engagement.

zung von Arbeitszeitoptionen im Betrieb ab? Wo bestehen be-

Seltener gelingt eine Wiederaufstockung der Arbeitszeit, vor

triebliche Barrieren der Inanspruchnahme?

allem dann, wenn Bedarf an Arbeitskräften dieser Beschäf-

Ausgangspunkt: Veränderte Beschäftigtenansprüche

tigtengruppe besteht oder wenn die Teilzeitarbeit an diesem

Viele Beschäftigte erwarten, dass ihre Ansprüche nach Vereinbarkeit beruflicher und außerberuflicher Verpflichtungen akzeptiert werden: „Das muss einfach akzeptiert sein, dass es eben

Arbeitsplatz nur widerstrebend gewährt wurde. Andere Optionen wurden entweder gar nicht genutzt (Pflegezeit) oder ihre Nutzung erfolgt selten und problemlos (Bildungsurlaub, Altersfreizeiten).

beide Welten gibt.“, so eine Ökonomin mit Führungsposition.

Einflussfaktoren auf der betrieblichen Ebene

Ein Chefarzt hält es für „ein großes Problem, dass man da wenig

Im Betrieb entscheidet sich, ob die Nutzung von Arbeits-

Möglichkeiten findet, eine vernünftige Führungsposition mit

zeitoptionen akzeptiert und unterstützt wird, oder ob die In-

einer vernünftigen Work-Life-Balance […] hinzubekommen.

anspruchnahme verwehrt oder behindert wird. Zentral für die

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

Nutzung von Arbeitszeitoptionen ist, dass die Interessierten

Ist die Personalausstattung so berechnet, dass Ausfälle ein-

sich tatsächlich zur Inanspruchnahme berechtigt fühlen, an-

kalkuliert und Reserven eingeplant sind, fällt die arbeitsor-

dernfalls verzichten sie auf ihre Rechte. Für eine Akzeptanz-

ganisatorische Umsetzung leichter, als wenn Personalmangel

kultur sind unterstützende, nicht abwertende Reaktionen

herrscht, der zu Überlastung und Entsolidarisierung zwi-

von Kolleg/innen sowie von Vorgesetzten wichtig. Welches

schen den Beschäftigten führt. In dieser Situation zeigen sich

sind die wichtigsten Faktoren, die die Akzeptanz beeinflus-

mangelnde Akzeptanz von Arbeitszeitoptionen sowie Abwer-

sen? Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation, Personalaus-

tung von Frauen („Teilzeitschlampen“).

stattung, Ausrichtung der Personalpolitik (hinter der auch

Die Personalengpässe bei der Polizei und in der Kranken-

ökonomische Faktoren stehen), Diskurse im Betrieb sowie

pflege behindern die Nutzung von Arbeitszeitoptionen in

das Handeln der Führungskräfte, der betrieblichen Interes-

starkem Maße. Die angespannte Personalsituation führt dazu,

senvertretungen und einzelner Pioniere leisten jeweils einen

dass die Nutzung von Arbeitszeitoptionen nicht als gleichran-

Erklärungsbeitrag dafür, warum die Nutzung von Arbeitszeit-

gige Ansprüche wie Urlaub, Fehlen wegen Krankheit oder

optionen mehr oder weniger akzeptiert wird. Auf drei Fak-

Zeitausgleich für Überstunden behandelt werden. Vor allem

toren wird im Folgenden beispielhaft eingegangen.

die stärker von Frauen genutzten familienbezogenen Arbeits-

Arbeitsteilung

zeitoptionen werden als Gefährdung für die Bedarfe anderer

Die Arbeit im Betrieb ist zwischen verschiedenen Tätigkeiten

Kollegen wahrgenommen.

geteilt, die jeweils unterschiedlichen Arbeitsplätzen zugewie-

Betriebliche Akteure

sen werden. Diese Arbeitsplätze werden mit unterschiedlichen

Führungskräfte unterstützen die Nutzung von Arbeitszeit-

„arbeitszeitlichen Zuschnitten“ versehen, die sich je nach der

optionen in völlig unterschiedlichem Maße. Die Akzeptanz

hierarchischen Position, dem Beruf und der geschlechtlichen

durch die Führungskräfte ist aus der Sicht einzelner Beschäf-

Konnotation der Tätigkeit unterscheiden. Arbeitsplätze wer-

tigter „Glückssache“.

den als solche mit Teilzeit, Vollzeit oder überlanger Arbeitszeit konstruiert. Für viele mittlere Positionen ist der tariflich vereinbarte Standard der Normalarbeitszeit bestimmend. Auf hohen Positionen bedingt dagegen die Zuweisung von Aufgaben und Verantwortung oft überlange Arbeitszeiten. Am anderen Ende der Hierarchie sind kurze Arbeitszeiten betriebswirtschaftlich erstrebenswert, wo Leerzeiten vermieden und die betriebliche Flexibilität erhöht werden sollen. Wollen Beschäftigte auf hohen oder niedrigen hierarchischen Stellen ihre Arbeitszeit reduzieren oder aufstocken, stoßen sie an die Barrieren positionsspezifischer arbeitszeitlicher Stellenzuschnitte. Die gegenwärtige Zuweisung von Aufgaben an Frauen und Männer ist stark von Geschlechternormen geprägt. Weiblich dominierte Arbeitsplätze werden, wenn betriebswirtschaftlich sinnvoll, mit kurzen Arbeitszeiten verknüpft und die Stellen werden auf beispielsweise 22 Stunden zugeschnitten, ohne den Bedarf der Frauen abzufragen. Männlich dominierte Arbeitsplätze werden dagegen auch auf unterer hierarchischen Stufe mit Vollzeit verknüpft und Teilzeit wird für sachlich nicht möglich angesehen. Je stärker männlich

Vertretungen für Teilzeitarbeitende oder Beschäftigte in Eltern- zeit zu organisieren ist eine Aufgabe von Führungskräften, die sich dieser Aufgabe stellen müssten: „Das schmeißt halt die Dienstplanung komplett durcheinander, weil man die Kolleginnen oder Kollegen nicht komplett einplanen kann, sondern man muss eben diese Lücken planen. Das ist dann für den Planer ein Mehraufwand. Aber das ist so. Also das muss man in Kauf nehmen. Und ich fände es völlig falsch, wenn man da ein anderes Bild verkaufen würde. Mir ist klar, das reißt Lücken oder schafft Arbeit. Aber der Aufwand ist nicht so groß, als dass man es nicht stemmen könnte.“ (Franzler, Polizei Stadt). Führungskräfte, die zu den Wegbereitern einer neuen, lebensphasenorientierten Praxis gehören, bereiten arbeitsorganisatorische Lösungen zur Vertretung vorausschauend vor. Sie nehmen die Verantwortung sowohl für die Nutzenden von Optionen wahr als auch für alle anderen unterstellten Mitarbeiter/innen, damit diese nicht übermäßig belastet werden. Ein Balancieren von Aufgaben und Ressourcen kennzeichnet das Handeln von unterstützenden Führungskräften.

dominiert ein Tätigkeitsbereich (z. B. Arzt) und je höher eine

Auch Betriebs- und Personalräte beeinflussen die Akzeptanz

betriebliche Position ist, desto stärker behindern die betrieb-

von Arbeitszeitoptionen. In den Betrieben mit einer durch-

lichen arbeitszeitlichen Stellenzuschnitte die Optionalität der

setzungsstarken Interessenvertretung wird das Rechts-

Arbeitszeit.

bewusstsein gestärkt. Management und Belegschaft haben

Personalausstattung

dann ein klares Bewusstsein davon, dass Gesetze einzuhalten und Beschäftigtenansprüche zu respektieren sind. Betriebs-

Von der Personalausstattung hängt ab, ob personelle Lücken

und Personalräte tragen zum Abbau von Nutzungsbarrieren

wegen der Nutzung von Arbeitszeitoptionen auch ohne ge-

bei, wenn sie Gleichstellung der Geschlechter und familien-

sondertes Vertretungspersonal aufgefangen werden kann.

freundliche Arbeitsbedingungen thematisieren. Aktive be-

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ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

triebliche Interessenvertretungen erhöhen durch Initiieren von Betriebsvereinbarungen die Akzeptanz von Arbeitszeitbedarfen von Beschäftigten. 1 Dieses Projekt wurde gemeinsam mit Yvonne Lott sowie in Kooperation mit Svenja Pfahl und Sonja Weeber, SowiTra Berlin, durchgeführt. 2 Als Arbeitszeitoptionen sind darüber hinaus die Aufstockung der Arbeitszeitdauer, Sabbaticals, Freistellung für Weiterbildung, Arbeitszeitkonten und sowie ein flexibler Übergang in den Ruhestand anzusehen (Anxo u.a. 2006: 87).

Literatur Anxo, Dominique u. a. (2006): Working time options over the life course: New work pattern and company strategies (European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions), Luxemburg.

BMFSFJ = Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2006): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit – Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. 7. Familienbericht, Berlin. BMFSFJ (2011): Neue Wege – gleiche Chancen. Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf. Erster Gleichstellungsbericht, Berlin. Kocher, Eva, u. a. (2013): Das Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie. Arbeits- und sozialrechtliche Regulierungen für Übergänge im Lebenslauf: Ein Beitrag zu einem Sozialen Recht der Arbeit, Baden-Baden. Dr. Christina Klenner arbeitet im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf

CHRISTINA SCHILDMANN

Die Familienarbeitszeit – Anreiz und Unterstützung für mehr Partnerschaftlichkeit Familien brauchen Zeit, um als Familie zusammenzuleben.

spaltet sich immer stärker in (meist männliche) „Megajobs“

Viele Jahrzehnte garantierte die unbezahlte Arbeit der Frauen

und (meist weibliche) Minijobs. Männer, die versuchen, ak-

den reibungslosen Arbeitseinsatz ihrer Männer. Dieses Mo-

tive Väter zu sein, befinden sich in einem ständigen Spagat

dell ist heute brüchig, doch es ist noch nicht gänzlich obso-

zwischen den Anforderungen der Familie und den Anforde-

let. Die berühmte „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“

rungen eines Arbeitsmarktes, der „den ganzen Mann“ und

bedeutet für viele Frauen heute schlicht die Verdopplung

„die ganze Frau“ fordert. Die Logik der permanenten Selbst-

von Aufgaben. Zwar lautet ein erklärtes politisches Ziel (si-

optimierung, der beruflichen Totalverausgabung, des „immer

ehe z. B. Lissabon-Strategie der EU), den Anteil der Frauen

im Dienst seins“ und des „höher, schneller, weiter“ kollidiert

auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Gleichzeitig fördert der

unvermeidlich mit den Anforderungen der Familie. Der Ver-

deutsche Staat die klassische Arbeitsteilung in der Familie

such, sich Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich zu

durch Ehegattensplitting, betragsfreie Mitversicherung der

teilen, bedeutet für Paare einen täglichen Jonglier-Akt. Die

Ehefrau in der Krankenversicherung und die Privilegierung

rund 900.000 Paare mit Kindern, die beide Vollzeit arbeiten,

von Minijobs. Die Finanzexpertin Heide Härtel-Herrmann

leiden unter chronischem Zeitmangel, wie der 8. Familienbe-

hat ausgerechnet, dass die Hausfrauenehe den Staat so viel

richt (2012) eindrucksvoll zeigt 2. Die anderen Paare landen

kostet wie ein Eigenheim: Wenn der Mann 5000 € im Monat

zumeist in klassischen Rollenmustern, auch wenn sie sich

verdient, spart er für diese Zeit durch das Ehegattensplitting

das bei der Familiengründung anders vorgenommen haben.

fast 500 € Steuern. In 30 Ehejahren sind das über 170.000 €.

60 % der Eltern mit Kindern zwischen einem und drei Jah-

Dafür, dass eine Hausfrau in der Krankenkasse ihres Gatten

ren wünschen sich, dass beide Partner im gleichen Umfang

kostenlos mitversichert ist, spart die Familie in 30-jähriger

erwerbstätig sind und sich gemeinsam um Haushalt und Fa-

Ehe 46.000

€ 1.

milie kümmern.Aber nur 14 % realisieren dieses Modell zur-

Zwar hat sich die Zahl der erwerbstätigen Frauen in den

zeit 3. Diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist ein

vergangenen Jahren bis auf über 70 % erhöht, doch die Ge-

permanenter Stresstest für Familien und ein Indikator für die

samtstundenzahl ist gleich geblieben, die Frauen haben das

Zahl der geplatzten Lebensträume.

Arbeitsvolumen einfach anders unter sich verteilt. Der Anteil

Die Forschung zeigt eines eindeutig: Wenn Eltern es sich aus-

der Frauen in Vollbeschäftigung ist sogar gesunken, gestie-

suchen könnten, lägen ihre Arbeitszeiten viel näher beiein-

gen ist hingegen der Anteil der sogenannten „kleinen Teil-

ander, als sie es de facto tun: Mütter wollen zumeist länger

zeit“ (weniger als 15 Stunden pro Woche). Der Arbeitsmarkt

arbeiten, Väter zumeist kürzer 4. Insbesondere bei den Vätern

ZPM NR. 28, JULI 2016

19

ATMENDE LEBENSLÄUFE

galt die Vollzeitnorm lange als unverrückbar, doch gerade

riert Sorgearbeit, ohne die „Sorgenden“ in biografische Fallen

hier ist in den vergangenen Jahren viel in Bewegung geraten;

zu locken, wie es erwiesenermaßen die Minijob-Privilegierung

der Wochenend-Vati ist nicht mehr das Ideal: 60 % der Vä-

in Kombination mit dem Ehegattensplitting tut (vgl. Wipper-

ter würden gerne zugunsten der Familie ihre Arbeitszeit re-

mann 2012) 7. Sie schließt nahtlos an das kürzlich eingeführte

duzieren (53 % auf 36-40 Stunden und 19 % auf vollzeitnahe

„Elterngeld Plus“ an und ist ein deutlicher finanzieller Anreiz

Teilzeit 5.

für Väter, kürzer zu arbeiten, was wiederum die Vorausset-

Wie könnte der Staat den Wunsch nach partnerschaftlicher

zung dafür ist, dass Mütter ihre Erwerbsarbeitszeit erhöhen

Arbeitsteilung bei Eltern (über den Kitaausbau hinaus) besser

können. Mittelfristig bedeutet das: mehr weibliche Karrie-

unterstützen? Mit dieser Frage befasste sich eine Runde von

ren, mehr Frauen in Führungspositionen, weniger Frauen

Expertinnen und Experten auf Einladung der Friedrich-Ebert-

in Altersarmut, weniger Frauen im ALG II-Bezug etc. Die

Stiftung und der Hans-Böckler-Stiftung im Jahr 2012. Das Er-

„Familienarbeitszeit“ist darüber hinaus ein deutliches Signal

gebnis war die „Familienarbeitszeit“. Die Idee: Wenn ein Paar

in Richtung einer neuen Arbeitszeitnorm, der auch Menschen

sich nach der Elternzeit darauf verständigt, dass beide Partner

mit Sorgeverantwortung entsprechen können – ohne Nerven-

32 Stunden pro Woche arbeiten, gibt es drei Jahre lang eine

zusammenbruch oder Burnout.

Förderung vom Staat dafür (gleiches gilt für Alleinerziehende,

Menschen brauchen nicht nur Zeit, um für ihre Kinder zu

die 32 Wochenstunden arbeiten). Im Auftrag der Friedrich-

sorgen, sondern auch für die Pflege betagter Eltern, für Wei-

Ebert-Stiftung hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsfor-

terbildung oder das Ehrenamt. Für all diese unterschied-

schung (DIW Berlin) das Modell der „Familienarbeitszeit“

lichen – gesellschaftlich erwünschten – Anlässe sollte es Zeit-

ausgearbeitet und berechnet. Das DIW kam 2013 zu dem

Ziehungsrechte geben (vgl. Mückenberger 2007) 8. Die „Fa-

Schluss: „Die Kosten der Lohnersatzleistung wären mit bis zu

milienarbeitszeit“ ist nicht als Lösung aller Zeitfragen im All-

140 Millionen € pro Jahr zu Beginn relativ moderat. Wenn

tag gedacht, sondern als ein Stein im Mosaik einer progres-

sich die sozialen Normen langfristig ändern und mehr Fami-

siven Arbeits- und Familienpolitik.

lien das Modell nutzen, würden die Kosten zwar steigen, dann wäre aber auch viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erreicht.“ 6 Auf Spiegel-Online schrieb die stellvertretende Wirtschaftsressortleiterin Yasmin El-Sharif am 13. 11. 2013: „Die DIW-Forscher beziehen in ihrer Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung klar Stellung für die Familienarbeitszeit. Sie hat den Fachleuten zufolge das Potential, die traditionelle Rollenverteilung in Familien aufzubrechen.“ Die Familienministerin Manuela Schwesig macht sich seit ihrem Amtsantritt für eine „Familienarbeitszeit“ stark und lässt ihr Haus an einem entsprechenden Modell arbeiten. Für die „Familienarbeitszeit“ sprechen mehrere Aspekte: Sie würde endlich eine Schieflage beheben, nämlich die einseitige Förderung des sogenannten 1,5-Verdiener bzw. 1,25-Verdiener-Modell. Das System der familienpolitischen Leistungen käme dem – von der Union proklamierten – Ideal der „Wahlfreiheit“ deutlich näher. Die geförderte „reduzierte Vollzeit“ ist ein Ausweg aus der „Traditionalisierungsfalle“: sie hono-

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1 Zitiert nach: Simone Schmollack im Deutschlandradio Kultur: „Eine Hausfrauenehe ist so teuer wie ein Eigenheim“, ausgestrahlt am 19.1.2012. 2 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Zeit für Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik, Achter Familienbericht, 2012. 3 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familienreport 2014. 4 Vgl. z. B. Elke Holst/Hartmut Seifert: Arbeitszeitpolitische Kontroversen im Spiegel der Arbeitszeitwünsche, in: WSI Mitteilungen 2/2012. 5 Institut für Demoskopie Allensbach: Monitor Familienleben 2012. 6 DIW-Wochenbericht 46/2013. 7 Carsten Wippermann: Frauen im Minijob. Motive und (Fehl-) Anreize für die Aufnahme geringfügiger Beschäftigung im Lebensverlauf, herausgegeben vom Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2012. 8 Ulrich Mückenberger: Ziehungsrechte – ein zeitpolitischer Weg zur „Freiheit in der Arbeit“, in WSI-Mitteilungen 4/2007.

Dr. Christina Schildmann ist Mitglied der Expertenkommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans -Böcler-Stiftung, Berlin/ Düsseldorf.

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

STEFFEN MAU

Der Lebenschancenkredit Ein Modell der Ziehungsrechte für Bildung, Zeitsouveränität und die Absicherung sozialer Risiken Ziehungsrechte als neue Anrechtsform Sozialpolitik hat nicht nur die Funktion, Wandlungsprozesse

licher Wohlstand erwachsen. Sinnvoll wäre die Fokussierung

nachzuvollziehen und im Rahmen der finanziellen Spielräu-

auf die drei genannten Bereiche Bildung, Zeit und soziale Ri-

me in die eigene Programmatik einzubeziehen, sie ist auch

siken, aber es wären auch andere Kombinationen denkbar.

immer Treiber des sozialen Wandels. Auf diese Funktion

Die Themen lebenslanges Lernen und Weiterbildung stehen

zielt die hier vorgestellte Idee eines Lebenschancenkredits in

schon seit Längerem weit oben auf der politischen Agenda

Form eines universellen und flexibel einsetzbaren Anrechts-

und der Lebenschancenkredit könnte hier zusätzliche An-

guthabens. Das Konzept bezieht sich auf Überlegungen zur

reize und finanzielle Unterfütterung bieten. Natürlich soll

Schaffung von Ziehungsrechten („social drawing rights“),

eine Erstausbildung zur staatlichen angebotenen Grundaus-

die unter anderem vom französischen Rechtswissenschaftler

stattung gehören, aber ein Chancenkredit könnte Menschen

Alain Supiot (1999) entwickelt wurden. Bei Supiot handelt

in die Lage versetzen, Bildungsgüter nachzufragen, mit denen

sich vor allem um Freistellungsrechte, etwa für Weiterbil-

sich Defizite ausgleichen bzw. zusätzliche Kompetenzen an-

dungsurlaub, Erziehungs- oder Pflegezeiten und freiwilliges

eignen lassen.

Engagement. Eine andere konzeptionelle Quelle des Lebens-

Der zweite große Bereich, in dem der Lebenschancenkredit

chancenkredits ist die Diskussion um die Stakeholder-

neue Türen öffnen könnte, lässt sich unter dem Begriff der

Gesellschaft (Ackermann/Alstoff 2001) bzw. die Teilhabege-

Zeitsouveränität fassen. Viele Menschen befinden sich heute

sellschaft (Grötzinger/Maschke 2006), in welcher Menschen

in einer Situation, in der sie starre Arbeitszeiten bzw. hohe

als Anteilseigner/innen des gesellschaftlichen Wohlstands

Arbeitsanforderungen und private Aufgaben permanent aus-

gesehen werden. Kern ist hier die Zurverfügungstellung eines

balancieren müssen. Das gilt vor allem in der sogenannten

so genannten „Sozialerbes“ – konkret: einer bestimmten mo-

Rushhour des Lebens, der Phase, wo Berufseinstieg und Fa-

netären Summe – für alle volljährig werdenden Staatsbürger/

milienpflichten zusammenfallen. Noch schwieriger wird es,

innen, wobei die Empfänger/innen über das Geld völlig frei

wenn Eltern gepflegt oder anderweitig betreut werden müssen.

verfügen könnten.

Der Chancenkredit würde es vielen erlauben, befristete Aus-

Der Lebenschancenkredit, den ich vorschlage, stellt eine

zeiten zu nehmen, diese auch finanzieren zu können, und somit

Form eines Anrechtsguthabens dar, soll aber – anders als

Arbeit und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Dabei

das Sozialerbe – nicht in den individuellen Konsum fließen

sollte der Lebenschancenkredit keinesfalls in Konkurrenz zu

können, sondern ausschließlich für Bildung, Zeitsouveränität

anderen wünschenswerten gesetzlichen Regelungen treten.

und die Kompensation besonderer sozialer Risiken eingesetzt

Als dritter Bereich kommen neue soziale Risiken ins Spiel.

werden. Er soll für alle Bürger/innen gleich hoch sein, unab-

Die Entstandardisierung von Erwerbsmustern hat dazu ge-

hängig von aktuellen Bedarfen oder sonstigen Erwägungen.

führt, dass die am Normalarbeitsverhältnis ausgerichteten

Denkbar wäre eine Größenordnung zwischen 20.000 und

Sozialversicherungen oft keinen wirksamen Schutz mehr

60.000 €. Da Menschen oft am besten wissen, wann und

bieten. Die Versorgungslücken, die sich beispielsweise

wofür sie Unterstützung brauchen, wird ihnen mit einem

schon heute bei der Alterssicherung auftun, haben viel mit

Anrechtskredit deutlich mehr Entscheidungsspielraum ein-

atypischen Berufsbiografien und der Verbreitung prekärer

geräumt als bei konventionellen Transferprogrammen. Der

Beschäftigungsformen zu tun. Hier ist zunächst einmal der

Kredit ist universell, macht also keine Unterschiede zwischen

Gesetzgeber gefragt, bessere Möglichkeiten der Absicherung

sozialen Gruppen und individuellen Lebenslagen.

anzubieten. Darüber hinaus gibt es atypische Risiken, für die

Bildungschancen, Zeitsouveränität, neue soziale Risiken

bislang kaum institutionelle Formen der Kompensation und

Die Bindung an enger definierte Zwecke erhöht nicht nur die Akzeptanz, sie stellt auch sicher, dass aus der Nutzung des Anrechtsguthabens tatsächlich Lebenschancen und gesellschaft-

ZPM NR. 28, JULI 2016

Risikoabsicherung etabliert worden sind. Beispielsweise ließen sich die Mittel aus dem Lebenschancenkredit für die erheblichen und oft nur unzureichend gedeckten persönlichen Mehraufwendungen in Folge von Krankheiten, Unfällen oder Behinderungen einsetzen.

21

ATMENDE LEBENSLÄUFE

Kosten und Finanzierung des Chancenkredits

Gestaltung von Verfügungsrechten

Wie steht es nun um die Finanzierung eines solchen Modells?

Bei dem hier vorgeschlagenen Modell ist es natürlich von

Im Detail hängt diese natürlich davon ab, für welches Modell

elementarer Bedeutung, dass die Menschen ihr Chancen-

man sich konkret entscheidet und wie hoch das Guthaben sein

guthaben nicht bereits früh ausgeben. Ermöglicht man eine

soll. Ein Vorteil der Idee ist aber, dass man kleinformatig, also

Auszahlung oder Kostenerstattung ausschließlich für die be-

mit bescheidenen Summen, anfangen oder sich auf bestimmte

schriebenen Zwecke, kann man Fehlanreize oder Mitnahme-

Teilbereiche konzentrieren kann. Dennoch ein kleines Re-

effekte verringern. Die fortlaufende Verzinsung des Gutha-

chenexempel zur Plausibilisierung: Zwischen 1991 und 2010

benkontos sollte die Ansparneigung verstärken, zumal viele

wurden in Deutschland 14 Millionen Kinder geboren. Nehmen

noch nicht wissen, welche Lebensrisiken ihnen einmal begeg-

wir einmal an, der Staat hätte seit 1991 für jeden/jede dieser

nen werden. Zudem ist auch ein Stück Kontrolle nötig, welche

jungen Bürger/innen ab Geburt jährlich 1.000 € auf ein Gut-

die Zweckbindung prüft und die Mittel freigibt, ähnlich wie

habenkonto eingezahlt, hätte dies im Jahr 2010 insgesamt 14

dies ja auch bei anderen Anrechtskonten, z. B. Zeitkonten,

Milliarden € gekostet. Ein 1991 geborenes Kind hätte dann bis

praktiziert wird. Dabei wird immer auch darauf zu achten

zum Zeitpunkt seines 20. Geburtstags einzelne 20 Sparraten

sein, dass der Entscheidungsspielraum der Menschen erhal-

erhalten. Rechnet man – bei allen Unsicherheiten der lang-

ten bleibt, der ja den Anrechtscharakter des Lebenschancen-

fristigen Verzinsung bei einem Einsatz des Kapitals – einen

kredits ausmacht. Nur so kann die Vielzahl unterschiedlicher

dreiprozentigen Zins und Zinseszins mit, stünden dann fast

Lebenskontexte und -situationen zur Geltung kommen. Wie

28.000 € auf dem Guthabenkonto. Ab dem 20. Lebensjahr

kann dabei eine „sanfte“ Kontrolle aussehen? Institutionali-

bliebe diese Summe auf dem Guthabenkonto stehen, ohne

sieren könnte man das in Form eines Ombudsgremiums, das,

weitere staatliche Überweisungen. Mit großer Sicherheit wür-

jenseits aller Standardfälle, schnell und unbürokratisch über

den die wenigsten Empfänger/innen das Geld dann auf einen

die Freigabe von Mitteln aus dem Chancenkredit entscheidet.

Schlag ausgeben, da es ja an bestimmte Zwecke gebunden ist

Was den Kreis der Rechteinhaber/innen angeht, sollte das

und nicht direkt ausgezahlt werden kann, so dass ein weiteres

Modell so inklusiv wie möglich sein, allerdings müssen auch

Wachstum des Guthabens zu erwarten wäre (bis zum 45. Ge-

Zugangs- und Anspruchsregeln definiert werden. Natürlich

burtstag wären es dann knapp 58.000 € usw.).

sollten alle Deutschen und Ausländer/innen anspruchs-

Ein konkreter Ansatzpunkt zur Finanzierung könnte in die-

berechtigt sein, die von Kindesbeinen an im Land leben. An-

sem Zusammenhang die Erbschaftssteuer sein. Gewiss, in der

dere Regelungen könnte und müsste man für neu hinzuzie-

Öffentlichkeit gibt es Vorbehalte gegen die Erbschaftssteuer

hende Migrantinnen und Migranten treffen. Hier müsste die

(oder gar ihre Erhöhung), weil der Staat hier in innerfamiliäre

Daumenregel gelten: Je länger die Aufenthaltsdauer, desto

Transfers eingreift. Aber schon eine moderate Erhöhung und

größer der Anspruch auf den Lebenschancenkredit. Ähnlich

ein leichtes Absenken der Freibeträge würden die Einnahmen

wie beim Staatsbürgerschaftsrecht sollte ein mehrjähriger

aus der Erbschaftssteuer deutlich vergrößern. In Deutsch-

Aufenthalt einen Anspruch begründen.

land werden bereits heute jährlich Vermögen im Wert von etwa 250 Milliarden € vererbt, eine Summe, die bis 2025 um weitere 100 Milliarden steigen könnte. Abgeschöpft wurden davon im Jahr 2014 etwa 5,4 Milliarden €, also knapp über zwei Prozent der Erbmasse, was im internationalen Vergleich recht wenig ist. Würde man den effektiven Steuersatz auf zehn Prozent erhöhen (was die wenigsten Erben in Bedrängnis bringen oder arm machen würde), käme der Fiskus auf Einnahmen von 25 Milliarden, also deutlich mehr, als man für die Finanzierung des Lebenschancenkredits bräuchte. Gerade indem man eine Veränderung der Erbschaftssteuer explizit mit dem Lebenschancenkredit verknüpft, könnte man möglicherweise mehr Akzeptanz für eine Besteuerung von Erbschaften schaffen. Immerhin käme durch den univer-

Literatur Ackerman, Bruce Arnold/Alstoff, Anne (2001): Die StakeholderGesellschaft. Ein Modell für mehr Chancengleichheit. Frankfurt am Main/New York: Campus. Grözinger, Gerd/Maschke, Michael et al. (2006): Die Teilhabegesellschaft. Modell eines neuen Wohlfahrtsstaates. Frankfurt am Main/New York: Campus. Supiot, Alain (1999): Au delà de l’emploi. Paris. Englische Übersetzung (2001): Beyond Employment. Changes in Work and the Future of Labour Law in Europe. Oxford: Oxford University Press. Gekürzte Fassung von: Mau, Steffen (2015): Der Lebenschancenkredit. Ein Modell der Ziehungsrechte für Bildung, Zeitsouveränität und die Absicherung sozialer Risiken. WISO direkt, Oktober 2013, Friedrich Ebert Stiftung.

sellen Anspruch auf der Habenseite für jeden ja etwas hinzu:

Prof. Dr Steffen Mau lehrt Politische Soziologie und verglei-

Ein nennenswertes Guthaben, das man zu einem Zeitpunkt

chende Analyse von Gegenwartsgesellschaften an der Uni-

abrufen könnte, zu dem man es wirklich braucht (was bei der

versität Bremen.

Erbschaft oft nicht der Fall ist).

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ZPM NR. 28, JULI 2016

ATMENDE LEBENSLÄUFE

KARIN JURCZYK

Warum „atmende“ Lebensläufe? Die Carekrise als Herausforderung Private wie erwerbsförmige Sorgearbeit (Care) sind in einer

fung und Überlastung führen. An Zeit für Regeneration, für

Krise und bedürfen einer neuen politischen Gestaltung. So

den/die Partner/in sowie für das Ehrenamt (StBa 2015) wird

lautet die Kurzbeschreibung des hier zu behandelnden gesell-

am ehesten gespart. Das gilt vor allem für Frauen, zunehmend

schaftlichen Problems.

aber auch für Männer. Junge Eltern möchten raus aus den al-

Die aktuelle Krise von Care hat mehrere Gründe: Sie ist eng

ten Zwangsjacken der langen Arbeitszeiten. So wünscht sich

verbunden mit dem doppelten demografischen Wandel, d. h.

der Großteil der Väter eine vollzeitnahe Arbeitszeit von 35 bis

mit steigender Lebenserwartung und niedrigen Geburten-

40 Wochenstunden, Mütter wünschen sich mehr Arbeitszeit,

raten sowie mit veränderten Geschlechterverhältnissen und

als in Minijobs bezahlt wird. Und 60 % der Paare mit Kindern

Verschiebungen im Lebenslauf durch späteren Berufseintritt

unter 3 Jahren wünschen sich eine egalitäre Arbeitsteilung,

und spätere erste Elternschaft, angesichts fortschreitender

was aber nur den wenigsten gelingt (Müller et al. 2013).

Flexibilisierung und Verdichtung der Erwerbsarbeit zur so-

Die Sorgekrise unserer Gesellschaft betrifft nicht nur junge

genannten Rush-Hour des Lebens und zu zunehmend vielfäl-

Eltern und schlägt sich nicht nur in niedrigen Geburtenraten

tigen und dynamischen Lebensformen führen. All das stellt in

nieder; es geht auch um die andere Seite des demografischen

Frage, ob Care verlässlich und in guter Qualität erbracht wird.

Wandels. Die steigende Lebenserwartung führt in Verbin-

Dies ist deshalb von fundamentaler Bedeutung, weil die Ar-

dung mit niedrigen Geburtenraten zu einer drastischen Ver-

beit der Sorge in unterschiedlichsten Tätigkeiten für andere

schiebung der Alterszusammensetzung der Bevölkerung. Die

besteht, in Betreuen, Pflegen, Erziehen, Versorgen und Zu-

Nachfrage nach Pflege im Alter erhöht sich und gleichzeitig

wenden ebenso wie Für-sich-selbst-Sorgen, also Arbeiten, die

sinkt das Angebot an Pflegenden im mittleren Alter, sei es

den Sockel jeder Gesellschaften ausmachen. Nicht nur sind

für private oder für berufliche Sorgearbeiten. Heute leben in

alle Menschen (mal mehr, mal weniger) auf Zuwendung an-

Deutschland bereits mehr pflegebedürftige Alte als unter drei-

gewiesen, auch Gesellschaften kommen ohne diesen Zusam-

jährige Kinder (2 Mio.), die Tendenz ist steigend (BMFSFJ

menhalt nicht aus, denn die generative und soziale Reproduk-

2015). Allerdings gibt es auch die „gewonnenen Jahre“, denn

tion einer jeden Gesellschaft hängt von Carearbeit ab.

zunehmend mehr Menschen sind nach ihrem Renteneintritt

Schon seit der Durchsetzung industrieller Arbeit leidet das Erbringen der Sorgearbeit darunter, dass Sorgearbeit im Gegensatz zu industrieller Arbeit als unproduktiv und deshalb als wertlos

noch viele Jahre aktiv und gesund. Viele von ihnen entlasten die Jüngeren durch Einsatz von Zeit für private Pflege von Kindern, Kranken und Alten sowie für ehrenamtliche Arbeit.

gilt. Bislang war Sorgearbeit wesentlich Aufgabe von Frauen, sie

Angesichts der negativen Folgen, die die zeitliche Verdichtung

hielten ihren Männern den Rücken frei für die Erwerbsarbeit

in den jungen und mittleren Lebensjahren hat, und angesichts

(auch dann, wenn sie selbst erwerbstätig waren). Auch wenn

der Veränderungen im Alter, wo auf der einen Seite die Dauer

diese Anforderung an Frauen nicht verschwunden ist, sind doch

aktiver Lebenszeit wächst und auf der anderen Seite der Pfle-

heute die Verhältnisse von bezahlter Arbeit und privater Sor-

gebedarf, ist es um so erstaunlicher, dass diese Gesellschaft an

ge durcheinander geraten – und zwar sowohl im Alltag wie im

einer Normierung des Lebenslaufs nach dem alten Dreiphasen-

Lebenslauf. Das geschlechtshierarchisch und fordistisch orga-

Schema festhält. Dieses Schema wurde in der industriellen Ge-

nisierte wohlfahrtsstaatliche Sorgeregime ist grundsätzlich ins

sellschaft für den typisch männlichen Lebenslauf konstruiert,

Wanken geraten, aber es ist kein neues an seine Stelle getreten.

in dem kontinuierliche vollzeitige Erwerbsarbeit dominiert.

Zeitnot gilt als der größte Alltagsstressor insbesondere in der zeitlich verdichteten Rush-Hour des Lebens, wenn zentrale Lebensereignisse wie Berufseintritt, Partnerschaft, Familiengründung und berufliche Etablierung simultan zu bewältigen sind. Kumulierte Belastungen der „überforderten Generation“ (Bertram/Deuflhard 2015) tragen auch zu den Gründen für die niedrige Kinderzahl in Deutschland bei. Empirisch belegt sind Zusammenhänge zwischen Zeitlücken in der Sorge für andere und der Selbstsorge, die zur Erschöp-

ZPM NR. 28, JULI 2016

Das heute noch immer vorherrschende Sozialmodell stellt auf die traditionelle Arbeitsteilung zwischen männlicher Erwerbsarbeit und weiblicher Sorgearbeit ab und ignoriert, dass die Geschlechter-, Erwerbs- und Familienverhältnisse sich derart verändert haben, dass sie in diesem Sozialmodell nicht mehr zusammenpassen. Die gegenwärtige generationenübergreifende „Reproduktionskrise“ (Jürgens 2010) macht es notwendig, Erwerbsarbeit und Erwerbsverläufe im Rahmen eines neuen Care-Regimes neu mit Fürsorglichkeit in Beziehung zu setzen, und zwar unabhängig von traditionellen Geschlechterbildern.

23

ATMENDE LEBENSLÄUFE

Zeit für Care muss auf neue Weise gesellschaftlich ermöglicht

Den Erwerbs- und Lebensverlauf auf eine breite Weise neu zu

werden. Dabei geht es nicht nur um das Vorhandensein

konzipieren, die mehr als Care-Tätigkeiten systematisch ein-

schierer Zeitmengen, sondern vor allem auch darum, allen

schließt, hat mehrere Gründe: Die Durchsetzung dieser neuen

Beteiligten gleiche Verwirklichungs- und Teilhabechancen zu

Norm atmender Lebensläufe hat mehr Chancen auf Erfolg,

geben; sie müssen zum „richtigen Zeitpunkt“ über Zeit verfü-

wenn sie möglichst viele gesellschaftlich sinnvolle Zwecke

gen können. Careprobleme können nicht im Privaten gelöst

und individuelle Bedarfe berücksichtigt. Zudem kann eher

werden, auch nicht durch eine partnerschaftlichere Arbeits-

vermieden werden, dass wiederum vorwiegend Frauen ihre

teilung allein. Vielmehr braucht es einen welfare-mix mit

Erwerbsverläufe flexibilisieren, selbst wenn damit noch nicht

einer gemeinsamen Verantwortung von Staat, Markt, Fami-

garantiert ist, dass Frauen und Männer zu gleichen Anteilen

lie und Zivilgesellschaft für gute Care-Strukturen. Diese vier

Careaufgaben übernehmen werden. Immerhin hätten aber

Bereiche bilden das Geländer für eine Neukonstruktion von

Männer, die Sorgearbeit leisten wollen, nicht mehr das Stig-

geschlechtergerechten „atmenden Lebensläufen“.

ma des Abweichlers vom Normalstandard. Auf diese Weise

Carezeitbudgets als Antwort 1

könnten sowohl das Zuverdienermodell (das Frauen private

Inzwischen finden sich in der aktuellen Diskussion vielfältige

(das für beide Geschlechter von Careaufgaben abstrahiert)

Ansatzpunkte, um das Ziel, eine selbstbestimmte Erwerbs-

zum „(Zwei)Verdiener-(Zwei)Versorger-Modell“ weiterent-

biographie durch eine lebenslaufbezogene Neuorganisierung

wickelt werden (BMFSFJ 2006, BMFSFJ 2011). Aber auch

von Zeit für Care zu erreichen (siehe die Beiträge in diesem

für Alleinlebende und erst recht für Alleinerziehende müssen

Heft). Diese unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Reichweite.

Care und Erwerb im Erwerbsverlauf integrierbar sein.

Jeder Ansatz stellt einen wichtigen Baustein dar: zum einen Vorschläge für die weitere Optimierung bestehender familien- und arbeitspolitischer Maßnahmen und zum anderen Vorschläge für einen neuen Standard der Wochenarbeitszeit für Eltern. Ein weiterer, betrieblich orientierter Vorschlag, das sogenannte Wahlarbeitszeitgesetz, zielt mit der Benennung von Verfahren, Fristen und Beteiligungsrechten darauf ab, individuelle Arbeitszeitwünsche aufzuwerten mit Hilfe kollektivrechtlicher Regelungen auf betrieblicher Ebene im Zusammenspiel mit Arbeitgeberinteressen sowie den Interessen anderer Beschäftigter (djb-Kommission für Arbeits-, Gleichstellungs- und Wirtschaftsrecht 2015). Ulrich Mückenberger und ich verfolgen einen umfassenderen Ansatz, der über die bisher dargestellten Lösungsansätze hinausgeht und Sorgetätigkeiten im gesamten Lebensverlauf in besonderer Weise berücksichtigt. Ziel ist es, zu ermöglichen, dass Erwerbs- und Lebensverläufe flexibel und sozial abgesichert selbstbestimmt gestaltet werden können. Abgelöst von den bisherigen Leitbildern von Normalbiografien, soll mit diesem Ansatz eine neue Normalität entstehen können, in der beide Geschlechter ihren Erwerbsverlauf gemäß den individuellen Care-Bedarfen (und den Zeitbedarfen für andere gesellschaftlich relevante Aktivitäten) unterbrechen können oder aber ihre Arbeitszeit für einen bestimmten Zeitraum reduzieren können. Sowohl Frauen als auch Männer sollen in ihrem Erwerbsverlauf Zeitanteile für familiale und gesellschaftliche Sorgeaufgaben,

Careaufgaben zuweist) als auch das „adult-worker-model“

Hierfür bedarf es, damit es nicht zu einem Modell für Gutverdienende wird, auch der monetären Anerkennung von Care als gesellschaftlich notwendiger Arbeit sowie der Vorschläge dafür, aus welcher Quelle der Entgeltersatz für die unterschiedlichen Tätigkeiten gespeist werden soll. Die neue Normativität besteht also nicht in der Festlegung einer „richtigen“ Zeit für Sorgetätigkeiten, sondern in der Berücksichtigung des Anspruches auf deren praktische Ermöglichung sowie darin, dass diese nicht wie bislang vor allem sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich auf Kosten der Frauen geht. Sie hat somit auch eine starke gleichstellungspolitische Komponente. Um ein konsistentes Gesamtkonzept selbstbestimmter Arbeitszeitgestaltung im Lebensverlauf zu entwickeln, das den Anforderungen einer modernen Erwerbs- und Zivilgesellschaft und partnerschaftlichen Geschlechterverhältnissen gerecht wird, bedarf es mehrerer, wissenschaftlich gründlich fundierter Schritte. Nötig sind hierfür voraussichtlich erst längerfristig realisierbare Gesetzesänderungen, die ermöglichen, dass Erwerbs- und damit Lebensverläufe flexibel, sozial abgesichert und selbstbestimmt gestaltet werden können. Hierfür sollten zunächst Szenarien entwickelt werden, die zu folgenden Dimensionen nähere Aussagen treffen: • den Umfang des Gesamtbudgets (zum Beispiel fünf bis acht Jahre);

Weiterbildung und Selbstsorge aus einem garantierten Zeitbud-

• die flexible Nutzung von Zeitanteilen im Rahmen des Ge-

get entnehmen und dies mit einer prinzipiell eigenständigen

samtbudgets für die Unterbrechung oder für die befristete

Existenzsicherung verknüpfen können. Anschaulich darstellen

Reduktion von Erwerbsarbeit;

lässt sich dies in einem Drei-Ringe-Modell, in dem auch deutlich

• die Zusammensetzung des Gesamtbudgets aus Zeiten für

wird, dass die Quellen des Entgeltersatzes je nach Tätigkeitsbe-

familiale Sorge (als Sockel), ehrenamtliche gesellschaftliche

reich unterschiedliche sind (siehe die Abbildung auf S.26).

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

Sorgetätigkeit, berufliche Weiterbildung sowie für Eigen-

auszugehen ist, dass entzerrte Lebensläufe auch nicht mehr

zeit. Dabei sollte sich das Gesamtbudget beispielsweise mit

zwingend einen Ausstieg aus dem Erwerbsleben zu einem

der Anzahl weiterer Kinder erhöhen;

festgelegten, allgemeingültigen Zeitpunkt erfordern.

• entsprechend differenzierte Vorschläge für Finanzierungsmodi und die soziale Absicherung der Zeitbudgets; • Anreize für eine geschlechtergerechte Aufteilung von Sorgezeit (für Väter und männliche Sorgepersonen); • sowie Schnittstellen zu tarifvertraglichen Regelungen.

Gleichwohl stellt sich eine Vielzahl von Herausforderungen. So ist zu klären, wie sich eine notwendigerweise auf Durchschnittsrechnungen beruhende Budgetlösung zu Abweichungen vom Durchschnitt verhält. Was geschieht etwa bei mehr als zwei Kindern, was bei längerer Pflegedauer? Wie lassen sich unvermeidbare Limitierungen von Zeit und/oder

Noch vor der präzisen Ausarbeitung dieser Dimensionen lässt

Geld argumentieren? Welcher bürokratische Aufwand ist

sich die Idee atmender Lebensläufe immerhin in einigen Eck-

beim Modell der Ziehungsrechte zu erwarten? Setzen sie be-

punkten konturieren.

reits erworbene Zeit„guthaben“ voraus, oder können sie auch

So soll ein bestimmter, näher festzulegender Anteil an der

in „Krediten“ auf zu erwerbende Zeitguthaben bestehen, wie

Lebensarbeitszeit (entweder anteilig zum gesamten Erwerbs-

sehen hier Sicherungsvorkehrungen aus?

verlauf, z. B. 1/6 bis 1/3, oder durch Festlegung von Jahren

Trotz all dieser Fragen und nötigen Klärungsschritte lässt

bezogen auf den Erwerbsverlauf) für die unterschiedlichen

sich festhalten, dass die Zeit reif ist für Modelle atmender

gesellschaftlich relevanten Tätigkeiten zur Verfügung gestellt

Lebensläufe anstelle eines starren Drei-Phasen-Modells mit

werden. Diese Zeitanteile machen das Care- bzw. Options-

weiblicher „Abweichung“. Hierfür gibt es viele Push- und

zeitbudget aus. Die Entnahmen von Zeitanteilen im Lebens-

Gunstfaktoren. Auch wenn selten allein von einem Vorschlag

verlauf sollen über das System der „Ziehungsrechte“ geregelt

wesentliche Änderungen zu erreichen sind, kann unser Vor-

werden (vgl. den folgenden Beitrag von Ulrich Mückenber-

schlag doch ein wichtiger Baustein sein, um Care entlang

ger). Der Gewinn eines solchen Modells des atmenden Le-

den Bedürfnissen der Sorgegebenden wie der Sorgeempfan-

benslaufs besteht darin, dass es ein Gesamtkonzept für eine

genden besser in den Erwerbsverlauf zu integrieren. Gute

flexiblere Lebenslaufgestaltung bietet anstatt Einzeloptionen

und gerechte Care-Strukturen sind die Grundlage eines gu-

zu eröffnen, die jeweils der Einzelregelungen für unterschied-

ten Lebens. Angesichts der konstatierten Care-Krise kann

liche Zwecke bedürfen.

in mittelfristiger Perspektive und im Kontext der gegebenen

Dem besonderen Anliegen, Carearbeit im Lebenslauf abzu-

Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung kein anderer Weg ge-

sichern, wird dadurch entsprochen, dass es als festen Kern im

gangen werden, als Care verstärkt ideell, monetär und qua-

Gesamtbudget zeitlich gebundene Anteile für Care geben soll

lifikatorisch als unverzichtbare Lebenstätigkeit anzuerken-

sowie nicht-gebundene Anteile für andere Tätigkeiten. Nicht

nen, geschlechtergerecht zu organisieren und politisch und

für Care genutzte Zeiten können dann nicht für andere Zwe-

gesellschaftlich neu zu justieren. Die Ermöglichung von Zeit

cke genutzt werden. Eine solche Zweckbindung hat mehrere

für Care durch die Gestaltung atmender Lebensverläufe ist

Vorteile: sie erhöht die gesellschaftliche Akzeptanz, sie öffnet

hierfür unverzichtbar.

Lebens- bzw. Teilhabechancen für unterschiedliche Gruppen und sie beugt durch die Verallgemeinerung der Norm „atmender Lebensläufe“ einer einseitigen Nutzung durch Frauen vor. Die zeitlich gebundenen Anteile für Care sind sozial und monetär abgesichert. Die Realisierung der Zeit-Entnahmen kann sowohl über Unterbrechungen als auch über befristete Verkürzungen der Erwerbsarbeit geschehen. Es gibt eine anteilige Verlängerung des Anspruchszeitraums, wenn die Arbeitszeit reduziert und nicht unterbrochen wird. Zeiten (u. a. für Care) können dann in Anspruch genommen werden, wenn sie gebraucht werden. Dies bedarf allerdings der Entwicklung von Instrumenten zur Abstimmung mit dem Arbeitgeber. Entnahmezeitpunkte unterliegen keiner erneuten Altersnor-

1 Hierzu genauer Jurczyk 2015

Literatur Bertram, H./Deuflhard, C. (2015): Die überforderte Generation. Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft. Berlin: Barbara Budrich. Brückner, M. (2011): Zwischenmenschliche Interdependenz – Sich Sorgen als familiale, soziale und staatliche Aufgabe. In: K. Böllert/C. Heite (Hrsg.): Sozialpolitik als Geschlechterpolitik (S. 105-123). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. BMFSFJ (2006): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2011): Neue Wege – Gleiche Chancen. Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf. Erster Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Berlin.

mierung. Dies gilt auch für den Renteneintritt, wenn davon

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2015): Familie und Arbeitswelt – Die NEUE Vereinbarkeit. Monitor Familienforschung, Sonderausgabe. Verfügbar unter: www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/ Pdf-Anlagen/Monitor-Familienforschung-Ausgabe-35-sonderausgabe-2015,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=tr ue.pdf (26. 10. 2015). Jurczyk, K. (2015): Zeit für Care: Fürsorgliche Praxis in „atmenden Lebensläufen“. In: Hoffman, R., Bodegan, C. (Hrsg.): Arbeit der Zukunft. Möglichkeiten nutzen, Grenzen setzen (S. 260-288). Frankfurt am Main/New York: Campus. Jürgens, K. (2010): Deutschland in der Reproduktionskrise. In: Leviathan 38, Heft 4, S. 559-587.

Mückenberger, U. (2012): Lebensqualität durch Zeitpolitik. Wie Zeitkonflikte gelöst werden können. Forschung aus der HansBöckler-Stiftung, Band 142, Berlin. Müller, K.-U./Neumann, M./Wrohlich, K. (DIW) (2013): Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch eine neue Lohnersatzleistung bei Familienarbeitszeit. In: DIW Wochenbericht Nr. 46 „Arbeitsteilung in der Familie“. Berlin. Statistisches Bundesamt (2015). Wie die Zeit vergeht. Ergebnisse zur Zeitverwendung in Deutschland 2012/2013. Wiesbaden. Dr. Karin Jurczyk, Soziologin, leitet die Abteilung „Familie und Familienpolitik“ des Deutschen Jugendinstituts München.

„Atmende Lebensläufe“ – 3-Ringe-Modell zum Entgeltersatz für Carezeit-Budgets

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

ULRICH MÜCKENBERGER

Ziehungsrechte für Care in der Arbeit Freiheit in der Arbeit Optionsrechte als Freiheiten in der Arbeit wurden Anfang der

Hierarchisierung einander entfremdeten Rollen des „Arbei-

1980er Jahre erstmals in die Diskussion gebracht. Damals stan-

tens“ und „Lebens“ in wechselseitigen Austausch zu brin-

den sie in einem strategischen Konflikt zur gewerkschaftlichen

gen und zum Gegenstand wechselseitiger Anforderungen zu

Strategie der linearen Arbeitszeitverkürzung 1 (vgl. den Arbeits-

machen. In dieser theoretischen und strategischen Tradition

zeitgesetz-Entwurf 1984 der Grünen). Lineare – oder „äußere“

steht die Debatte um Ziehungsrechte.

– Verkürzung der Arbeitszeit verkürzt das je verfügbare Zeitvolumen – es dient der Freiheit von Arbeit. Dem wurde „innere“

Ziehungsrechte in einer sorgenden Gemeinschaft

Arbeitszeitverkürzung gegenübergestellt (Mückenberger 1985).

Ziehungsrechte sind zeitbezogene Optionsrechte Beschäf-

Diese besteht darin, dass innerhalb eines gegebenen „äußeren“

tigter mit Blick auf die für Lebenslagen und biografische Ver-

Arbeitszeitvolumens eines Arbeitsverhältnisses Teile dieses

läufe spezifischen Zeitbedarfe. Der Begriff „Ziehungsrecht“

Zeitvolumens inhaltlich für andere gesellschaftliche Zwecke

kommt aus der währungspolitischen Diskussion. Ziehungs-

umwidbar gestaltet wurden. Das rechtliche Mittel zu dieser Um-

rechte – „drawing rights“, „droits de tirage“ – sind Rechte der

widmung waren Optionsrechte Beschäftigter. Innere Arbeits-

Mitglieder des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Be-

zeitverkürzung steht der Vorstellung einer Freiheit in der Arbeit

schaffung („Ziehung“) von Devisen, um Ungleichgewichte der

näher als äußere. Beide schließen sich logisch nicht aus, stehen

Zahlungsbilanz auszugleichen. Der Begriff ist in die Arbeits-

aber in einem trade-off-Verhältnis zueinander. Wenn Arbeits-

zeit- und Arbeitsmarktdiskussion gebracht worden (Rehn

zeit linear scharf verkürzt wird, dann konzentrieren sich auf das

1973; Hinrichs 1992; Supiot 1999; Offe 2005), um lebenslauf-

verbleibende Zeitvolumen so hohe Anforderungen, dass für eine

und lebenslagenentsprechende Zeitgestaltungsoptionen für

weitere – innere – Arbeitszeitverkürzung praktisch kaum Raum

Beschäftigte zu schaffen.

bleibt. Extrem gesprochen – und viel praktische Erfahrung mit

Unter dem Begriff der Ziehungsrechte werden ein Konzept

linearer Arbeitzeitverkürzung legt davon bitteres Zeugnis ab –

und eine Strategie verallgemeinert für etwas, das in einzelnen

gräbt die Freiheit von Arbeit der Freiheit in der Arbeit das Was-

Rechtsansprüchen bereits vorliegt, das aber als solches immer

ser ab. Dieser Trade-off war zu Beginn der Auseinandersetzung

„die Ausnahme von der Regel“ darstellt (dazu grundlegend Ko-

2

– er ist in Verges-

cher 2013; ferner Kocher in diesem ZpM). Mit Ziehungsrechten

senheit geraten und bedarf dringend der erfahrungsgeleiteten

soll eine neue „Regel“ in das Verhältnis zwischen Arbeitszeit

Reflexion.

und sonstiger Lebensführung (insbesondere Care) gebracht

Innere Arbeitszeitverkürzung verfolgt qualitative Ziele, die

werden. Gewiss: Es gibt bereits heute Ansprüche auf Bildungs-

allerdings quantitative einschließen können. Sie kann die

urlaub, auf Elternzeit, auf Pflegezeiten oder auf Freistellung für

Arbeitswelt (z. B. Erholungs-, Kommunikations- oder Qua-

staatsbürgerliche Pflichten. Diese sind abhängig von der Exi-

lifizierungszeiten) und die außerbetriebliche Lebenswelt der

stenz entsprechender Gesetze, stets an bestimmte Bedingungen

Beschäftigten zum Gegenstand haben (z. B. Pflege-, Eltern-,

geknüpft und in Inhalt und Dauer bestimmten gesellschaftlich

Kultur-, Gesundheits-, Bildungs-, Ehrenamts-, Nachbar-

als unterstützenswert eingestuften Tätigkeiten zugeordnet. Di-

schaftshilfe- oder Sabbatzeiten). Sie thematisiert die „ganze

ese Freistellungsansprüche weisen aber zahlreiche Mängel auf.

Arbeit“ (also Erwerbsarbeit im Kontext des Geschlechter- und

Entweder sind sie von der politischen Couleur abhängig – wie

Generationenverhältnisses) (vgl. Andruschow 2001; DGfZP

der Bildungsurlaub – oder sie sind zu kurz (wie im Falle pflege-

2005) – also das Struktur- und Sinngefüge von beruflichem

bedürftiger Angehöriger) oder sie sind als Option nicht recht-

und außerberuflichem Leben als zusammenhängendes und ge-

lich durchsetzbar (wie in den meisten Fällen ehrenamtlicher

staltbares. Sie kann dabei die Brücke zur Beschäftigungssiche-

Betätigung oder beim Langzeiturlaub) oder es fehlen die fak-

rung schlagen, weil zeitbezogene Optionsrechte in ihrer Sum-

tischen Mittel zu ihrer Geltendmachung (wie wiederum beim

me einen das Arbeitszeitangebot verkürzenden Effekt haben.

Bildungsurlaub) oder, in Zeichen von Arbeitsplatzbedrohung,

um die 35-Stunden-Woche noch präsent

Die innere Arbeitszeitverkürzung ist unter zeitpolitischen

selbst der krankheitsbedingten Arbeitsbefreiung. 3

Aspekten utopiefähig (DGfZP 2005). Die darin in Bezug ge-

Ziehungsrechte als neue „Regel“ sollen über die Erwerbs-

nommene Freiheit in der Arbeit hat Aussicht, Arbeits- und

biografie hinweg ein bestimmtes Zeitkontingent – dessen

Lebenswelt der Beschäftigten gleichermaßen zum Gestal-

Höhe noch weithin unklar ist – verfügbar machen. Dieses

tungsgegenstand zu machen, die zwei durch Trennung und

Kontingent soll teilweise konditioniert, teilweise unkonditio-

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

niert sein. Ferner soll damit ein differenziertes System eines

in den Arbeitsmarkt bei sich wandelnden ökonomisch-sek-

etwaigen Lohnersatzes bzw. anderer Einkommensquellen für

toralen Bedingungen zu verbessern (S. 317, 320). Der Beitrag

die Freistellungsperiode verknüpft sein, das nach dem Zweck

entfaltet den Blick der 1970er Jahre auf die Dimension der

der Freistellung differenziert ist.

Flexibilisierung von Arbeit (S. 333), der sehr zu der heutigen

Eine solche neue „Regel“ verfolgt ein doppeltes Ziel. Arbei-

Flexibilisierung kontrastiert.

tenden Menschen soll in der Arbeit die Chance gegeben bzw.

Der Beitrag reflektiert zwar nicht die Care-Problematik (z. B.

erweitert werden, nicht mit dem unmittelbaren Arbeitsvoll-

S. 317), erwähnt sie auch gar nicht. Entsprechend ist auch

zug verbundenen Care-Tätigkeiten, also gesellschaftlich

Arbeit ganz konventionell als Erwerbsarbeit begriffen. Inter-

sinnvollen, sogar notwendigen Tätigkeiten unter fairen Be-

essant sind aber die gesellschaftliche Betrachtungsweise von

dingungen und in gesicherter Form nachgehen zu können.

Arbeitszeit (S. 319) und die problemorientierten Fragen beim

Zugleich soll die Erwerbssphäre konfrontiert werden mit der

Vorschlag des Modells: S. 320, 329. An alldem lässt sich ak-

Koexistenz einer gesellschaftlichen Arbeit, von der sie selbst

tuell gut anknüpfen.

wie die Fortexistenz der Gesellschaft überhaupt abhängt.

Prominenz hat das Konzept der Ziehungsrechte erneut durch

Dem heterogenen Ensemble der bestehenden Vorschriften

das von dem französischen Arbeitsrechtler Alain Supiot koor-

fehlt ein kohärenter Rahmen. Auf Erfordernisse einer sor-

dinierte Werk „Au delà de l’emploi“ (1999) erlangt. Ausgangs-

genden Gemeinschaft sind diese nicht abgestellt. Nach Klie

punkt dieses Werks zur Zukunft des Arbeitsrechts in Europa

(2014) ist die sorgende Gemeinschaft charakterisiert „durch

ist die Absicht, das Arbeitsverhältnis aus einem Beschäfti-

eine Konzeption und Praxis, die das aufeinander bezogene

gungsverhältnis in einen professionellen Status umzuwan-

Tätig-werden von Profis und Familienangehörigen, staatli-

deln. Unterschieden werden dabei drei Begriffe: Beschäftigung

chen Instanzen und Familie synergetisch und koproduktiv zu

(„emploi“), Arbeit („travail“) und Tätigkeit („activité“). Bereits

gestalten sucht. Geteilte Verantwortung und Hilfemix heißt

1960 hatte Hannah Arendt bei ihrer Unterscheidung zwischen

nicht, der Mix bilde eine Gemeinschaft. Er braucht aber Ge-

„Arbeit“ und „Werk“ das Herstellen als spezifisch menschliche

meinschaft. Geteilte Verantwortung baut auf einem intelli-

Eigenart in den Mittelpunkt gestellt (1960, S. 76 ff.). Vorläu-

genten Zusammenwirken von einer Kultur der Verständigung

fer sind etwa Freistellungsrechte für Mandatsträger, Spezi-

und Aushandlung und ökonomischer Effizienz des Arrange-

alurlaube und Befreiungen für bestimmte Lebenslagen. Im

ments. Gemeinschaft bedeutet mehr als wohlfahrtsplurali-

Zentrum solcher sozialen Rechte stehen Bildung, Zeitbörsen,

stische Arrangements. Gemeinschaften sind geprägt durch

Existenzgründerhilfen wie auch Bildungschecks. Dies ist ein

Zugehörigkeit, durch gemeinsame Werte.“

Typ sozialer Rechte, die an Arbeit im weiteren Sinne, also auch

Ziehungsrechte als Freiheit der Arbeit – ein rechtstheoretischer Zugang Bereits Anfang der 1970er Jahre entwickelte Gösta Rehn (ein schwedischer Gewerkschaftsökonom, der mit Meitner zu-

Care-Arbeit, anknüpfen – nämlich familiärer, Bildungs-, ehrenamtlicher Tätigkeit, Arbeit im öffentlichen Interesse. Systematisch gesehen sind „soziale Ziehungsrechte“ durch die drei Merkmale dieses Doppelbegriffs zu erklären:

sammen das schwedische Sozialstaatsmodell entwickelt hatte

• Es handelt sich um „soziale“ Rechte, da sowohl die Herkunft

und dann bei der OECD arbeitete) ein System von Ziehungs-

des Zeitvorrats als auch die Ziele seiner Verwendung (ge-

rechten in der Erwerbsbiographie.

sellschaftliche Nützlichkeit) dem Bereich von Arbeit zuzu-

Das System setzt sich zusammen aus Ziehungsrechten für

schreiben sind;

Nicht-Erwerbsarbeit sowie verschiedene (Beitragssenkungs-

• Es handelt sich um „Ziehungs“rechte, da ein Zeitbudget

sowie Subventionierungs-) Formen von Anreizen, diese tat-

sozusagen einen „Zeitvorrat“ schafft, über dessen Verwen-

sächlich gemäß gesellschaftlichen Zielvorstellungen zu neh-

dung dem Inhaber die freie Entscheidung überlassen bleibt;

men. An die Stelle schematischer Lebensarbeitszeit-Verkür-

• Es handelt sich um wirkliche „Rechte“, die allerdings mit

zungen sollen situative treten können. Zumindest rechnerisch

einer sozial determinierten Zielsetzung ausgestattet ist, die

gedacht ist an ein Fünftel der Erwerbsbiographie (S. 321), an

daher auch nicht beliebig verfügbar (z. B. abtretbar) sind.

anderer Stelle ist von 1/6 bis 1/3 der LAZ die Rede.

Die soziale Nützlichkeit der damit verbundenen Care-Tätig-

Der Ausgangs- und Zielpunkt des Modells ist arbeitsmarkt-

keit rechtfertigt die Inanspruchnahme des Zeitvorrats von

politisch (S. 333-39). Zeiten sollen für Ausbildung, Studium

der Gemeinschaft wie auch von den Unternehmen.

etc. gezogen werden können. Damit wird als individueller

Zuweilen wird die Zeit der Nutzung von Ziehungsrechten

und gesellschaftlicher Zweck (S. 319) verfolgt, zugleich den

der Arbeitszeit gleichgestellt (wir kennen das etwa vom Bil-

Arbeitsmarkt zu entlasten und die Wiedereintrittschancen

dungsurlaub) oder – z. B. im Recht der sozialen Sicherung

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

– der Arbeitszeit assimiliert (bei uns bekannt unter dem Be-

• Ein System der Ziehungsrechte muss von einem Anspar-

griff der „Babyjahre“, vgl. § 56 SGB VI). Oft sind vorhandene

zwang entkoppelt sein – entgegen den Annahmen des

Ziehungsrechte mit Finanzierungsregelungen (Lohn-, Lohn-

Supiot-Berichts. Zeitliche Berechtigungen müssen in den

ersatzzahlung etc.) verbunden. Dem Staat wird diese Finan-

Lebensphasen zur Verfügung stehen, wo spezifische Care-

zierung obliegen, wenn es sich um Wahrnehmung öffent-

zeitbedarfe bestehen – und dies wird oft vor der Zeit großer

licher Interessen handelt, den Sozialversicherungsträgern,

angesparter Zeitguthaben liegen (vgl. etwa die Überlegungen

wenn es um Pflegetätigkeiten geht, den Unternehmen, wenn

zur „rush hour of life“, s. DGfZP 2005 und Bundesregierung

es sich um Bildungsurlaub oder auf Zeitguthaben beruhende

2006). Genau wie umgekehrt bei Zeitguthaben oder -kon-

Rechte handelt. Wo allein die Belange von Arbeitnehmern im

ten von Arbeitnehmern stellt sich dabei natürlich die Frage

Vordergrund stehen, wird der Gebrauch der Ziehungsrechte

nach Sicherheiten und Ausgleichen für in fremdes Arbeits-

mit Verzicht auf Lohn, Ausschöpfung von Zeitkonten oder der

vermögen durch Arbeitgeber investierte Zeit.

Entnahme des normalen Urlaubs einhergehen.

Ziehungsrechte – Bedingungen der Zukunftsfähigkeit Care-Aktivitäts- und Zeitgestaltung soll nach eigenen (individuellen und kollektiven) Lebenslagen und Optionen ermöglicht werden. „Optionalität“ nimmt auf Lebenslagen und Lebensläufe Beschäftigter Bezug – nicht lediglich auf Rationalisierungsinteressen betriebswirtschaftlicher Art. Optionalität besteht nie grenzenlos. Sie bedarf der Koordination sowohl mit den legitimen Flexibilitätsinteressen der Betriebe als auch mit den Optionalitätsinteressen anderer Beschäftigter, der Berücksichtigung der Geschlechter- und Generationenbeziehungen und der Nachhaltigkeit im ökologischen Sinne (Matthies et al. 1994). Unter Bedingungen asymmetrischer Machtverteilung und von Misstrauensbeziehungen zwischen der Lebenswelt der Beschäftigten einerseits, Staat und Kapital andererseits müssen solche Optionen, um wirksam werden zu können, mit „Recht“ ausgestattet werden. Recht muss dabei nicht konkrete Funktionen vorschreiben, wohl aber als Hintergrundbedingung wirken, um auch stärkere Akteure zu diskursiven Aushandlungsprozessen bereit zu machen („bargaining in the shadow of the law“) und eine Garantiefunktion für die Effektivität solcher Optionen übernehmen. Ziehungsrechte können ein solches rechtliches Gestaltungsmittel sein. In den deutschen Rechtsnormen, die das Arbeitsverhältnis regeln, gibt es zahlreiche Freistellungsrechte – etwa für Bildung, ehrenamtliche Tätigkeit, politische Tätigkeit, Wehrdienst usw. In Europa gibt es in zahlreichen Ländern Freistellungsrechte für Bildung und Kindererziehung, aber auch

• Ein System sozialer Ziehungsrechte müsste auch als strategischer Bezugspunkt von Arbeitsmarktpolitik verstanden und durchdacht werden – so ist es bei Rehn (1973) konzipiert worden. Claus Offe (2005) etwa hat vorgeschlagen, das Quantum von Ziehungsrechten (den Umfang der für Freistellung zur Verfügung stehenden Zeit) nach der Arbeitsmarktlage zu differenzieren: Je dringlicher es sei, Arbeitslosigkeit zu senken, umso besser prämiiert müsse der Zugriff auf Ziehungsrechte sein. Auch solle sich mit der Dauer der Entnahme von Ziehungsrechten das Anrecht auf die Rückgewinnung eines mit Bezahlung verbundenen Arbeitsplatzes erhöhen. Es ist noch völlig unklar, wie ein solcher Mechanismus in Recht und Praxis funktionieren könnte. Aber mit einem rechtlich gesicherten System der Ziehungsrechte müsste eine solche Perspektive verbunden sein. • Das System der Ziehungsrechte müsste der Tatsache Rechnung tragen, dass kontinuierliche Beschäftigung vielfach nicht begründet bzw. durch berufliche Statuswechsel in Frage gestellt wird – dazu sogleich mehr. Das System muss von den Statuspassagen einer flexiblen Erwerbsbiografie her gedacht und gestaltet werden – sonst führt es zu Exklusion bzw. Segmentation in den Arbeitsmärkten. • Das System der Ziehungsrechte muss verteilungsgerecht ausgestaltet sein. Die Freiheiten, die durch eine Zunahme von Optionalitäten in den Arbeitsverhältnissen eingeräumt werden, müssen dagegen abgesichert werden, durch Macht und Senioritätsregeln „besetzt“ und dominiert zu werden. Wir haben im früheren Zusammenhang (Matthies et al. 1994) ein solches System der Verteilungsgerechtigkeit von Optionsrechten angedeutet.

solche ohne spezifische Rechtfertigung zur Entlastung des Ar-

Im Kern würden so ausgestaltete Ziehungsrechte Biografien

beitsmarktes und zum „career break“ 4. Wir sprechen also von

und Lebensläufe zum Bezugspunkt von Arbeits-, Sozial-, Steu-

einer verbreiteten und zunehmenden Erscheinung, nicht von

er- und Gesellschaftsrecht machen. Konträr dazu geht das

einem Wunschbild. Ein System der Ziehungsrechte könnte vor

derzeitige Regime des Arbeits- und Sozialrechts gerade von

dem Hintergrund solcher schon existierender Berechtigungen

der Kontinuität der Arbeitsbeziehungen und komplementär

in einem systematischen und verallgemeinernden Sinne auf-

mit Kontinuität steigender Rechtssicherheit aus. Gerade in

gebaut werden. Dabei müssten wenigstens folgende Vorkeh-

Deutschland sind soziale Rechte oft an ein genau abgegrenztes

rungen genau durchdacht und systematisiert werden:

Zeitmaß vorheriger Arbeitsleistung gekoppelt. Das System

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

der Ziehungsrechte würde aber gerade erfordern, Rechte un-

kommt (vgl. Abb. „r-Ringe-Modell“). Dem Staat bzw. öffent-

abhängiger zu machen von den Zeitverläufen der Arbeitsver-

lichen Instanzen obliegt die Finanzierung eines Lohnersatzes

hältnisse

5.

Ein Beispiel dafür ist eine im französischen Ren-

bei der Wahrnehmung öffentlicher Interessen – dabei ist in

tenversicherungsrecht für lange Zeit bestehende Regelung:

Deutschland etwa an das 2007 eingeführte Elternschaftsgeld

Für die Rentenhöhenberechnung waren nicht (wie in § 64 SGB

zu denken (innerer Ring). In Deutschland ist wenig ausge-

VI) der gesamte Biografieverlauf und dessen jeweilige Entloh-

baut, dass Sozialversicherungsträger bei Pflegetätigkeiten

nungs- und Beitragsseite, sondern die fünf besten Versiche-

Adressat von Ansprüchen werden. Unternehmen sind durch

rungsjahre maßgeblich – damit trat eine zeitliche Sockelung

Entgeltfortzahlung in Anspruch zu nehmen, wenn berufliche

des erwerbsabhängigen Sozialschutzes ein. Flankiert wer-

Qualifikationen oder andere dem Unternehmensziel förder-

den kann diese Sockelung davon, dass weitere Zeiten, die für

liche Nutzungen von Ziehungsrechten in Rede stehen (mittle-

nichterwerbliche gesellschaftlich nützliche Tätigkeit vergeben

rer Ring). Wo es allein um Belange von Arbeitnehmern geht,

werden (Pflege, Erziehung, Bildung, Ehrenamt, Kultur) für

geht der Gebrauch der Ziehungsrechte zu Lasten der Beschäf-

anrechnungsfähig im Sinne des Sozialschutzes erklärt werden.

tigten, muss als durch Ersparnisse und Kreditaufnahmen

Ein notwendiges Sicherungsmodell

finanziert werden (äußerer Ring). Dieses Resultat kollidiert freilich mit zwei Gesichtspunkten: 1. Tätigkeiten von gesell-

Es bestehen zwei zentrale Wirkungsdefizite für die gegenwär-

schaftlichem Nutzen sind zuweilen schwer abgrenzbar (ist

tig schon existenten Urlaubs- und Freistellungsansprüche.

z. B. kulturelle Tätigkeit fremd- oder eigennützig – und finan-

Das sind einmal die machtbedingten Voraussetzungen, von

ziell entsprechend zu bewerten?). 2. Zumindest in einer Situ-

solchen Rechten, selbst wo sie förmlich garantiert sind, tat-

ation mit hoher Arbeitslosigkeit ist schon der Gebrauch von

sächlich Gebrauch zu machen (das ist etwa bei der tatsäch-

Ziehungsrechten als solcher (also auch ohne einen legitimie-

lichen Inanspruchnahme von Bildungsurlaubsrechten der

renden gesellschaftlichen Zweck) arbeitsmarktpolitisch wün-

Fall, aber selbst bei der konjunkturabhängigen Inanspruch-

schenswert, somit mit guten Gründen zu prämiieren. Deshalb

nahme von berechtigten Krankheitsfreistellungen). Und es

scheint mir ein Grundeinkommen für alle Menschen eine

sind die mit Nicht-Erwerbsarbeit im Allgemeinen verbun-

Bedingung des Funktionierens des Systems der Ziehungs-

denen Einkommensverluste oder -einbußen. Das erstgenann-

rechte zu sein. Ein Grundeinkommen führt dazu, dass es eine

te Defizit provoziert u. a. kollektive Sicherungen, auf die ich

Zeitspanne gibt 7, in der den Menschen Ziehungsrechte ohne

hier nicht eingehen kann. Ich möchte Anhaltspunkte zum

spezifischen gesellschaftlichen Zweck zustehen und bei deren

zweitgenannten Defizit aufführen.

Inanspruchnahme sie gleichwohl eine finanzielle Entschädi-

Die Orientierung an Freiheit in der Arbeit kommt ohne die

gung – in Gestalt eines Grundeinkommens 8 – erhalten.

gleichzeitige Orientierung an einem Grundeinkommen bzw.

Zugegeben: Viele der angestellten Überlegungen sind wenig

einem erwerbsunabhängigen Mindesteinkommen nicht aus 6.

realistisch, wenn man an die gegenwärtigen Entwicklungsten-

Der Grund ist zweifach: erstens werden Ziehungsrechte zu

denzen in unserer Gesellschaft denkt. Man kann sich mit sol-

einem großen Teil um gesellschaftlich wünschenswerter

chen Zweifeln allerdings nicht begnügen. Die gegenwärtigen ar-

Ziele willen eingeräumt; zweitens funktioniert das System

beits- und sozialpolitischen Tendenzen werfen so gravierende

der Ziehungsrechte ohne erwerbsunabhängige Einkom-

Folgeprobleme demografischer, ökologischer und sozialer Art

menssicherung dann nicht, wenn es systematisch weniger

auf, sind so wenig „nachhaltig“, dass von ihrer Kontinuität

verdienende Bevölkerungsteile ausschließt. Die Notwendig-

nicht ausgegangen werden kann. Es sind Modelle notwendig,

keit gesellschaftlicher nicht-erwerblicher Versorgungs- und

die Alternativen zu diesen beobachtbaren Tendenzen bieten.

Betreuungstätigkeit verlangt nach weitergehender und qua-

Solche Alternativen müssen auf Funktionsfähigkeit durchge-

litativ andersartiger Entkoppelung von Einkommen und Er-

dacht und durchmodelliert werden. Bei dem hier angedachten

werbsarbeit, als sie gegenwärtig besteht.

System der Ziehungsrechte ist z. B. noch weithin ungewiss, wie

Parallel mit der Systematisierung von Ziehungsrechten

seine Verträglichkeit mit betriebswirtschaftlichen Kriterien er-

müsste daher – dies griff der Supiot-Bericht (1999) aus be-

reicht werden kann, wie das Free-rider-Problem bewältigt und

reits früher diskutierten Überlegungen auf – die Entwick-

wie paradoxe und selbstdestruktive Lebensplanungen damit in

lung eines Systems von Mischtypen der Finanzierung (Lohn-,

Übereinstimmung gebracht werden können – um nur einige

Lohnersatzzahlung etc.) verbunden sein. Danach werden der

Beispiele zu nennen. Gleichwohl könnte – dies sollte der vor-

Wegfall oder die Minderung des Erwerbseinkommens, die

liegende Beitrag plausibel machen – das Modell der Ziehungs-

durch den Gebrauch von Ziehungsrechten entstehen, entspre-

rechte als Instrument und Element einer Freiheit in der Arbeit

chend nur bei den Personen kompensiert (oder auch nicht

Zukunft haben. Den damit aufgeworfenen Gestaltungsfragen

kompensiert), denen die Nutzung der Ziehungsrechte zugute

nachzugehen, dürfte sich lohnen.

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ATMENDE LEBENSLÄUFE

1 Bei der der folgenden Gegenüberstellung von äußerer „linearer“ und innerer „qualitativer“ Arbeitszeitverkürzung wird auf die Tages-/Wochen- und Jahresarbeitszeit abgehoben. Quantitative Verkürzungen der Lebensarbeitszeit haben beide Formen der Arbeitszeitverkürzung. 2 Zu Beginn der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde innerhalb der IG Metall eine Debatte geführt, ob eine lineare Verkürzung der Arbeitszeit sinnvoll ist, wenn nicht vorher eine Begrenzung und Kontrolle der Arbeitsbedingungen durch Beschäftigte und deren Vertreter/innen durchgesetzt worden ist. Dahinter stand die Befürchtung, dass eine etwaige Arbeitszeitverkürzung durch einfache Arbeitsintensivierung aufgesogen werden könne – und damit weder eine Humanisierung der Arbeit noch ein Arbeitsmarkteffekt einträten. Bekanntlich haben sich diese Bedenken nicht durchgesetzt – allerdings sind in der Zwischenzeit die Effekte fehlender Begrenzung und Kontrolle der Arbeitsbedingungen mehr als spürbar geworden. 3 Krankheitsbedingte Arbeitsbefreiung den Optionsrechten gleichzustellen, klingt zynisch. Die Zynik ist aber in der Realität begründet, in der kranke Menschen vor der „Wahl“ stehen, sich krank zu melden und damit bestimmte Risiken einzugehen oder auf die gerechtfertigte Krankmeldung zu verzichten, um zumindest diese kurzfristigen Risiken zu vermeiden. 4 Beispiele bei Henssler/Braun 2003; Rürup/Guescu 2005; Hildebrandt/Wothsak 2006 5 Damit ist eine Ausweitung dessen gemeint, was im Supiot-Bericht als äußerer Ring „universeller sozialer Rechte“ bezeichnet wird. 6 Auch dies ist ein langjährig diskutiertes Desiderat: vgl. etwa Mückenberger/Offe/Ostner 1989; www.basicincome.org; Vobruba 2000; Opielka 2004. 7 Über deren Dauer ist zu streiten, sie kann u. U. entsprechend der Arbeitsmarktsituation variabel sein. 8 Auf die Frage nach der Höhe und der Ausgestaltung desselben – ob Subvention oder negative Einkommenssteuer (s. Mückenberger et al., 1989) – und die dafür ausschlaggebenden Kriterien kann hier nicht eingegangen werden.

Literatur Andruschow, A. (Hg.) (2001): Ganze Arbeit. Berlin. Arendt, H. (1960): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper. Bertram, H./Krüger, H.-C/Spieß, K. (Hg.) (2006): Wem gehört die Familie der Zukunft? Expertisen zum 7. Familienbericht der Bundesregierung. Opladen. Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik (2005): Zeit ist Leben. Manifest der DGfZP. Berlin.

Henssler, M./Braun, A. (Hg.) (2003): Arbeitsrecht in Europa. Köln. Hinrichs, W. (1992): Zur Zukunft der Arbeitszeitflexibilisierung, in: Soziale Welt, Nr. 3, S. 313–330. Klie, Th. (2014): Caring Community – leitbildfähiger Begriff für eine generationenübergreifende Sorgekultur? In: ISS (Hg.), Sorgende Gemeinschaften – Vom Leitbild zu Handlungsansätzen. Frankfurt, ISS 2014, S. 10-23. Kocher, E., et al. (2013): Das Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie. Baden-Baden: Nomos. Matthies, H./Mückenberger, U./Offe, C./Peter, E./Raasch, S. (1994): Arbeit 2000. Anforderungen an eine Neugestaltung der Arbeitswelt. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Hamburg. Mückenberger, U. (1985): Die Krise des Normalarbeitsverhältnisses. In: Zeitschrift Für Sozialreform, S. 415 ff., 457 ff. Mückenberger, U./Offe, C./Ostner, I. (1989): Das staatlich garantierte Grundeinkommen – ein sozialpolitisches Gebot der Stunde. In: Krämer, H. L./Leggewie, C. (Hg.), Wege ins Reich der Freiheit. Gorz-Festschrift. Berlin, S. 247 ff. Offe, C.: Zum Beispiel: Ziehungsrechte. In: Zeit ist Leben. Manifest der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. S. 14. Opielka, M. (2004): Grundeinkommen statt Hartz IV. Zur politischen Soziologie der Sozialreformen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 9. 2004, S. 1081–90. Rehn, G. (1973): Die Gesellschaft der freien Wahl. In: B. Külp/ W. Stützel (Hg.): Beiträge zu einer Theorie der Sozialpolitik. Festschrift für Elisabeth Liefmann-Keil zum 65. Geburtstag. Berlin: Duncker & Humblot, S. 317-351. Rürup, B./Gruescu, S. (2005): Familienorientierte Arbeitszeitmuster – Neue Wege zu Wachstum und Beschäftigung. Gutachten im Auftrag des BMFSFJ, Berlin. Supiot, A. (1999): Au delà de l’emploi. Transformation du travail et devenir du droit du travail en Europe. Paris. Vobruba, G., (2000): Alternativen zur Vollbeschäftigung. Die Transformation von Arbeit und Einkommen. Frankfurt/M. Kurzfassung mit leichtem up-date des 2007 erschienenen Textes des Autors: Ziehungsrechte – Ein zeitpolitischer Weg zur „Freiheit in der Arbeit”. In: WSI-Mitteilungen, 60. Jg., S. 195–201. Prof. Dr. Ulrich Mückenburger, Arbeitsrechtler, ist Vorsitzender der DGfZP.

DGfZP bei twitter Seit Dezember 2015 kann man der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik auch bei Twitter folgen: www.twitter.com/Zeitpolitik. Getwittert werden Anregungen zu den Themen Zeit und Zeitpolitik sowie Hinweise unserer Mitglieder auf Veranstaltungen oder Veröffentlichungen. Der Account wird derzeit von unserem Vorstandsmitglied Etta Dannemann betreut. Kommentare, Anregungen und Material bitte senden an [email protected]

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AUS DER DGfZP

Aus der DGfZP

Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik

Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik Freitag 28. und Samstag 29. Oktober 2016, Technische Universität Berlin

Zeitkompetenz und Zeitmanagement – Konzepte zum besseren Umgang mit der Zeit auf dem zeitpolitischen Prüfstand In den vergangenen Dekaden sind zahlreiche Ansätze entstanden, die das Ziel verfolgen, den Umgang mit „der Zeit“ in Beruf, Familie und Freizeit und in ihrem Verhältnis zueinander zu optimieren. In diesem Kontext ist auch die Zahl der Menschen erheblich angestiegen, die ein Coaching in Anspruch nehmen, um die komplexen zeitbezogenen Belastungs- und Synchronisationsanforderungen besser bewältigen zu können. Inwieweit das gelingt, wird auch angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen mit der Diagnose „Burnout“ in die Früh- oder Erwerbsminderungsrente eintreten, zu diskutieren sein. Coaches arbeiten mit ihren Klienten in der Regel an einer Stärkung und Erweiterung des individuellen Kompetenz- und Handlungsspielraums eigener Zeitgestaltung. Diese Fokussierung auf die individuelle Gestaltungskompetenz vermittelt dabei eine Reihe von Hilfestellungen, die durch Selbstreflexion, Einübung alternativer Handlungsmuster und Beseitigung von individuellen Belastungsfaktoren wirksam sind. Häufig aber besteht der Beratungsspielraum nur innerhalb der Grenzen kollektiver Zeitregelungsmuster und betrieblicher Leistungsanforderungen. Die betrieblichen Faktoren der Arbeits(zeit)organisation, die infrastrukturellen, institutionellen und politischen Bedingungen der gesellschaftlichen Zeitregelungen bilden daher den engen Rahmen, innerhalb dessen sich Beratung und Coaching vollziehen. So ist beispielsweise die viel diskutierte Frage der „life-work-care-balance“ nicht nur durch individuelle Kompetenzstärkung zu beantworten, sondern sie tangiert politisch auch die Notwendigkeit einer entlastenden Ausgestaltung des Pflegesystems. Diese Strukturfragen sind Gegenstand zeitpolitischer Forderungen. Die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik will mit der Tagung entlang dieser Problemanzeige unter anderem folgenden Fragen nachgehen: Inwieweit gelingt die individuelle Stärkung der Zeitkompetenz aus der Perspektive des Coaching und wo stoßen die Beratungsansätze an ihre Grenzen? Wo sind Einzelne mit der zu leistenden Anpassung überfordert? Wo wird individuelles Scheitern erlebt, obwohl es strukturelle Gründe sind, die das „gute Leben“ verhindern? Welche zeitpolitische Gestaltung und Veränderung gesellschaftlicher Strukturen sind gefragt? Diese Tagung will daher den Dialog zwischen den Vertreterinnen und Vertretern des zeitpolitischen Engagements und den in der Beratungspraxis agierenden Coaches fördern. Darüber hinaus wollen wir auch der Frage nachgehen, welche neuen zeitpolitischen Desiderate und Themenstellungen sich aus dieser Begegnung ergeben. Es wird auch zu fragen sein, ob etwa das Konzept von „Zeitkompetenz“ Strategien der individuellen Kompetenzstärkung und zeitpolitische Neujustierungen sinnvoll miteinander verbinden kann.

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Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik

Programm der Jahrestagung 2016 der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik (DGfZP)

Zeitkompetenz und Zeitmanagement – Konzepte zum besseren Umgang mit der Zeit auf dem zeitpolitischen Prüfstand 28. – 29. Oktober 2016, Technische Universität Berlin

Freitag, 28. Oktober 2016 14.00 Uhr

Begrüßung Prof. Dr. Ulrich Mückenberger (Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik)

14.10 Uhr

Einführung: Den Zeitstress bekämpfen – aber wie? Dr. Jürgen P. Rinderspacher (Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik)

Teil 1: Impulse 14.30 Uhr

Zeitsouveränität im Coaching – Potentiale und Grenzen Olaf Georg Klein (Personal Coaching Berlin)

15.15 Uhr

Pause

Samstag, 29. Oktober 2016 Teil 3: Befragung 9.30 Uhr

Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit. Anmerkungen zur Dynamik betrieblicher Arbeits(zeit)organisation Prof. Dr. G. Günter Voß (TU Chemnitz)

10.15 Uhr

Zeitkompetenz als Ressource gelingenden Lebens? Dr. Annett Herrmann (Diakonie Deutschland)

11.00 Uhr

Pause 11.15 Uhr

Fishbowl: Zeitpolitischer Prüfstand Moderation: Björn Gernig (BIGSSS Bremen)

12.00 Uhr

Zeitdominanz im Coaching. Sonnen-, Sand- und Atomuhr. Was ist wichtig, wenn die Zeit vergeht?

Zwischen individueller Bewältigungsstrategie und strukturellen Veränderungserfordernissen: Was leistet das Konzept Zeitkompetenz?

Hans-Joachim Spreng (Spreng. Partners for excellence Frankfurt)

Dr. Elmar Hatzelmann (Institut für Zeitkompetenz, Tutzing)

15.30 Uhr

16.15 Uhr

Der kompetente Umgang mit der Zeit als Erziehungsziel Manfred Molicki (Rektor i. R. / Coach Königsfeld)

12.45 Uhr

Bilanz – Resümee (Moderation: Prof. Dr. Christel Eckart, Frankfurt)

13.30 Uhr

Mittagessen und Ende der Tagung

17.00 Uhr

Pause

Teil 2: Vertiefung 17.15 Uhr

14.30 Uhr

Mitgliederversammlung der DGfZP

Arbeitsgruppen 18.00 Uhr

Pause 18.15 Uhr

Praktische Informationen zur Tagung und Anmeldeformular: www.zeitpolitik.de/veranstaltungen

Fishbowl: Zeitkompetenz durch Coaching? – Gelingendes, Grenzen, Überforderungen Moderation: Prof. Dr. Uwe Becker (Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum)

19.15 Uhr

Abendessen – Zeit für uns

Stand: Juli 2016

AUS DER DGfZP

Eckart Hildebrandt ist tot Am 24. Juli ist unser langjähriges Mitglied Eckart Hil-

rene Diplom-Wirtschaftsingenieur erwarb den Doktor

debrandt verstorben. Viele haben ihn gekannt, diesen

der Politischen Wissenschaften an der FU Berlin, wo er

Menschen, der zuhörbereit, gefühlsstark

sich 1990 auch habilitierte. Seit 1977 war er

und immer eingriffsbereit war. Viele haben

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissen-

ihn gekannt, diesen Streiter und Denker für

schaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Arbeit, die nachhaltig ist und für eine nach-

mit dem Schwerpunkt betriebliche Rationa-

haltige Gesellschaft sorgt, für „ganze Ar-

lisierung und industrielle Beziehungen. Sei-

beit“, die nicht auf Erwerbsarbeit reduziert

ne Themenschwerpunkte Arbeit und Ökolo-

ist, und eben für Zeit und Zeitpolitik, also

gie verschoben sich um 1989: Es entstanden

für eine Neugestaltung von Arbeit mit dem

verschiedene Projekte zur Ökologisierung

Ziel, den Lebenslauf, damit das Geschlech-

von Unternehmenspolitik und Beteiligung,

ter- und Generationsverhältnis zeitachtsam

zu Umwelt und Beschäftigung, zu neuen

zu ordnen. Eckart ist an den Folgen eines

Arbeitsformen, Arbeitszeiten und Formen

Schlaganfalls und einer hinzugetretenen Krebserkran-

der Lebensführung – und damit zur Zeitpolitik. Letzterer

kung gestorben.

galten verschiedene seiner nationalen und internationa-

Als Mitglied der DGfZP ist Eckart Hildebrandt vor allem

len Projekte und Buchveröffentlichungen über Zukunft

durch seine Mitarbeit am zeitpolitischen Manifest „Zeit

der Arbeit und Nachhaltigkeit, über flexible Arbeit und

ist Leben“ hervorgetreten. Er hat sich für die lebenslauf-

alltägliche Lebensführung sowie über Langzeitkonten und

gestaltenden Passagen des Manifests stark gemacht und

Lebensführung.

hat dafür gestritten. Er sorgte dafür, dass wir das Manifest

Mir geht nahe, dass mit Eckart Hildebrandt bereits der

im Wissenschaftszentrum Berlin, seinem Arbeitsplatz,

dritte der fünf Autor/innen des zeitpolitischen Manifests

mit prominenten Referent/innen einem breiten Publikum

von uns gegangen ist. Helga Krüger, die brillante Verfech-

vorstellen konnten (s. unsere Dokumentation in ZpM Nr.

terin von Optionsrechten in der Lebenslaufgestaltung,

8/2006). An vielen Orten haben wir in der Folge für eine

starb 2008, Helmut Spitzley, der glühende Befürworter

optionsgerechte zeitpolitische Befreiung des Lebenslaufs

der kurzen Vollzeit für alle, starb 2009. Wie könnte es

geworben. Es entbehrt nicht einer beklemmenden Koin-

auch anders sein: Die Zeitlichkeit des Lebenslaufs drückt

zidenz, dass mein Nachruf auf Eckart Hildebrandt in ei-

sich ebenso in unser aller Zeitlichkeit aus. Gibt das Bei-

ner Ausgabe des ZpM erscheint, die wir – Karin Jurczyk

spiel dieser Verstorbenen nicht auch zu der Zuversicht

und ich – den „atmenden Lebensläufen“ und ihrer zeit-

Anlass, dass Ideen und Initiativen uns überleben?

politischen Gestaltung widmen. Zeigt dies doch, wie lebendig, „nachhaltig“, die Impulse, die Eckart unterstützt

Wir trauern um Eckart Hildebrandt. Sein Sachverstand,

hat, sind und zu bleiben versprechen.

seine Lebensfreude und Energie, seine Neugier, seine

Eckdaten des Lebenslaufs von Eckart Hildebrandt fin-

Wärme werden (auch) im zeitpolitischen Diskurs fehlen.

den sich gleichfalls im ZpM Nr. 8/2006. Der 1943 gebo-

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Ulrich Mückenberger

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AUS DER DGfZP

Mitteilungen aus der DGfZP Enquêtekommission „Zukunft der Familienpolitik in Nordrhein-Westfalen“ Ulrich Mückenberger wurde Ende 2015 von der Präsidentin des nordrhein-westfälischen Landtags mit der Erstellung eines zeitpolitischen Gutachtens beauftragt, das Anfang Mai vorgelegt wurde: Ulrich Mückenberger: (Familiale) Zeitpolitik und familienunterstützende Leistungen auf kommunaler Ebene in NordrheinWestfalen“, Bremen: Zentrum für europäische Rechtspolitik, 96 Seiten. Das Gutachten wurde der Enquêtekommission im Landtag in Düsseldorf am 3. Juni 2016 vorgestellt und abgenommen. Die Kommission wird ausführliche Auszüge aus dem Gutachten in ihren Ergebnisbericht aufnehmen.

Zeitpolitik-Boom in den Medien Im Juni 2016 war Zeitpolitik (u.a. mit Bezügen zur DGfZP) im SPIEGEL und in DIE ZEIT Gegenstand eines Sonderhefts: DER SPIEGEL Wissen, Nr. 3/2016 „Endlich Zeit!“ eröffnet

DIE ZEIT – ZEIT SPEZIAL hat das Sonderheft Nr. 2/2016

das Thema auf S. 13-17 mit „Politik in unserer Arbeitszeit

„Arbeit. Liebe. Geld“ der Zeit gewidmet. Im Beitrag „Gebt uns

und Freizeit verloren?“ Der Grünen-Politiker Robert Habeck

Zeit! In der Rushhour des Lebens sind Männer und Frauen

(stellvertretender Ministerpräsidenten Schleswig-Holstein)

oft überfordert. Wie man das herauskommt – und wie sich

Robert Habeck und der Arbeitsrechtler Ulrich Mückenber-

die Arbeitswelt verändern muss“ finden sich Bezüge auf Karin

ger im Streitgespräch. Im Beitrag „Freiheit von der Knute“

Jurczyks Konzept der „atmenden Lebensverläufe“, auf Ulrich

wird aus Untersuchungen von Dietrich Henckel und von Fritz

Mückenbergers zeitpolitisches Vereinbarkeitskonzept und

Reheis berichtet.

auf Ulrike Hellerts Arbeitszeitmodelle der Zukunft.

Kooperation mit der Körber-Stiftung Die Körber-Stiftung hat als eines ihrer Themenschwerpunkte für dieses und das kommende Jahr die aktuellen Konzepte zur Lebensarbeitszeit ausgewählt. In diesem Zusammenhang besteht seit der DGfZP-Jahrestagung 2015 eine Kooperation, aus der das Thema des „Politischen Mittag“ im Hauptstadtbüro der Körber-Stiftung in Berlin, am 6. Juli 2016 zustandekam. Dort referierten Karin Jurczyk über das Konzept „Atmende Lebensläufe“ und Ulrich Mückenberger über das Konzept des Carezeit-Budgets und diskutierten darüber mit Vertretern von Politik, Publizistik und zivilgesellschaftlichen Vereinigungen.

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AUS DER DGfZP

Who Is Who? Mitglieder der DGfZP stellen sich vor Das Zeitpolitische Magazin möchte dazu beitragen, die persönliche Vernetzung und die inhaltliche Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern der DGfZP zu stärken. An dieser Stelle bieten wir daher die Gelegenheit für Personen und Institutionen, die Mitglied in der DGfZP sind, sich in Form von Kurzportraits den Leserinnen und Lesern vorzustellen.

Jana Teske

und Beruf als eine bedeutende, aber aus meiner Sicht noch zu

geb. 1972. Studium der Rechtswis-

wenig berücksichtigte Perspektive dar. Im Rahmen meiner Tä-

senschaften,

Erziehungswissen-

tigkeit im Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e. V. habe ich es

schaften und Psychologie sowie

mit vielfältigen Konkretisierungen dieses Problembereichs zu

des Sozialmanagements (M.A.).

tun. Im Hinblick auf die Entwicklung familienpolitischer Kon-

Seit 2010 bin ich als Referentin

zepte und Maßnahmen sind dies so unterschiedliche Themen

beim Arbeiterwohlfahrt Bundes-

wie Zeit und Zeitsouveränität für Familien, die Gestaltung von

verband e.V. tätig, wo mich seit

Kinderbetreuungszeiten und Zeit für Fürsorge.

einigen Jahren auch zeitpolitische

Persönlich blicke ich als Mutter auf fröhliche und turbulente

Themen bewegen und zwar insbesondere im Zusammenhang

Zeiten zurück und wünsche mir manchmal mehr Zeit für mei-

mit den mich beschäftigenden familienpolitischen Fragen. Zeit

ne Familie, für Regeneration und Müßiggang.

stellt sich bei Problemen der Vereinbarkeit von Familie, Pflege

[email protected]

Tilman Wahne

die zeitlichen Zwänge und Nöte in der Kindertagesbetreuung

Derzeit bin ich als wissenschaft-

durch meine Aktivitäten als Fortbildner direkt wiedergespie-

licher Mitarbeiter an der EH für

gelt bekomme. Wenn man sich vor Augen führt, dass Zeit-

Soziale Arbeit und Diakonie Ham-

tendenzen wie Flexibilität, Mobilität und Beschleunigung in

burg tätig. Die Lust am Zeitthe-

unser Gesellschaft zunehmend an Deutungshoheit gewinnen,

ma bildete sich bei mir während

geht damit auch die Gefahr einher, dass die menschliche

meines Studiums „Lehramt an

Biographie ihre innere Geschlossenheit verliert. Damit Kin-

Berufsbildenden Schulen – Fach-

der trotz dieser zeitlichen Unwägbarkeiten die Befähigung

richtung Sozialpädagogik“ her-

erlangen können, eine selbstbestimmte und gelingende Le-

aus. In meiner Masterarbeit habe

bensführung realisieren zu können, ist es aus meiner Per-

ich die Alltagszeiten in einer Kindertagesstätte ethnografisch

spektive notwendig, Zeitgestaltung als ein Qualitätskriterium

untersucht. Eine Erkenntnis besteht darin, dass der KiTa-All-

für die pädagogische Arbeit in Bildungs-, Erziehungs- und

tag häufig durch ein enges Zeitkorsett gerahmt ist, in dem die

Betreuungseinrichtungen aufzufassen. In der Praxis selbst

Zeitbedürfnisse von Kindern und Fachkräften nur wenig Be-

wird Zeit allzu häufig als etwas empfunden, an dem man im

rücksichtigung finden. Dieser Missstand wirkt sich zulasten

Alltag hauptsächlich leidet, die Disziplin Soziale Arbeit wie-

der Qualität der pädagogischen Arbeit aus und beeinträchti-

derum nimmt Zeit als relevante Forschungskategorie bisher

gt die Persönlichkeitsentfaltung der Kinder. Anknüpfend an

nur wenig zur Kenntnis. Professionelle Zeitgestaltung als Pa-

diese Befunde, erforsche ich aktuell in meiner Dissertation,

rameter für eine qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit

wie sich kindliche Zeitpraxen in Kinderinstitutionen aus-

zu begreifen und als eine Chance für mehr Zeitgerechtigkeit

prägen und welche bildungsbedeutsamen Zeitgestaltungen

und Zeitwohlstand zu denken, ist also bisher eher eine Leit-

durch Pädagog/innen hierin ermöglicht werden könnten.

idee als ein konkretes Programm; jedoch eine Idee, die es

Mittlerweile ist das Thema für mich zu einer echten Herzens-

lohnt, weiter voranzutreiben.

angelegenheit geworden. Vermutlich auch deshalb, weil ich

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[email protected]

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VERANSTALTUNGEN UND PROJEKTE

Veranstaltungen und Projekte stadtnachacht Stadtnacht-Konferenz in Berlin 24.-26. Nov. 2016 „Stadtnachacht beschäftigt sich als Think Tank, Blog und On-

Wissenschaftsdisziplinen wie Wirtschafts-, Rechts- und Kul-

line-Quellensammlung mit raumrelevanten Fragestellungen

turwissenschaften und Ethnologie.

im Themenkomplex Stadt und Nachtleben mit besonderem

Stadtnacht.de ist innerhalb des Kongresses für den Bereich

Fokus auf die urbane Nachtökonomie, deren zeiträumlichen

Nacht-Stadtentwicklung inhaltlich und planerisch zuständig“

Nutzungsstrukturen sowie deren Einfluss auf den Stadtraum. Primäre disziplinäre Zugänge sind die Stadt- und Regionalplanung, Stadtgeographie sowie der Städtebau unter Einbe-

Dietrich Henckel wird referieren. http://stadt-nach-acht.de

zug relevanter Erkenntnisse aus anderen Professionen und

ALAN 2016 4th International conference on artificial light at night and final conference of the cost action ES1204 LONNE September 26-28, 2016, Cluj-Napoca, Romania Dietrich Henckel wird referieren. www.artificiallightatnight.org

EchtZEIT. Die Kunst der Langsamkeit Ausstellung im Kunstmuseum Bonn 09. 06. - 04. 09.2016 „Mit der Ausstellung HEIMsuchung – Unsichere Räume in

petition, Stillstand oder Dehnung der Zeit, also Aspekte, die

der Kunst der Gegenwart (2013) führte das Kunstmuseum

im gesellschaftlichen Kontext eher als problematisch, bezie-

Bonn vor, wie die Kunst den Raum als existenzielle Koordi-

hungsweise negativ bewertet werden, eine produktive Kraft

nate unseres Daseins interpretiert. Diese substanzielle und

entfalten können. In einer Welt, die zunehmend von einer

existenzbildende Bedeutung weist das Museum nun in der

umfassenden Beschleunigung der technischen und sozialen

Ausstellung EchtZEIT auch für die Erfahrung der Zeit nach,

Systeme geprägt ist, sucht die Ausstellung nach Entwürfen

mit Werken von mehr als 30 internationalen Künstlern und

der Langsamkeit, und liefert mit seinen ästhetischen Manife-

Künstlerinnen.

stationen, in denen Zeit zerlegt, seziert, wiederholt und zum

EchtZEIT geht aus von der paradoxen Spannung zwischen

Stillstand gebracht wird, Gegenentwürfe zu einer scheinbar

Zeit und Zeitlichkeit, zwischen normativem Anspruch der

nur noch von Atemlosigkeit bestimmten Gegenwart des Zeit-

Zeit und ihrem davon divergierenden menschlichen Erle-

lichen.“

ben. Dabei rückt die Ausstellung eine ästhetische Lesart der

www.kunstmuseum-bonn.de/nocache/ausstellungen/aktu-

Zeit in den Mittelpunkt, die deutlich macht, wie gerade Re-

ell/info/ex/echtzeit-2853/ (Zugriff 12. 6. 2016)

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NEUE LITERATUR

und Transition Theater

Zeitwohlstand – Theaterwerkstatt zu mentalen Infrastrukturen der Beschleunigung Gollwitz (Brandenburg a.d. Havel), 15.-19. August 2016 „Mit theoretischen, praktischen und spielerischen Zugän-

Ein besonderer Schwerpunkt der Theaterwerkstatt liegt auf

gen wollen wir die mentalen Infrastrukturen erkunden, die

dem solidarischen Austausch zwischen den Generationen, denn

uns zu Beschleunigung, aber auch zu Selbstoptimierung und

die Lebenswelten der Menschen unterschiedlichen Alter fallen

Naturbeherrschung treiben. Wir verwenden partizipative

in der Beschleunigungsgesellschaft zunehmend auseinander.

Theatermethoden aus dem „Theater der Unterdrückten“ und

Wer unter Zeitnot leidet, wird zudem weniger Energie und Auf-

„Theater zum Leben“. Diese Erweiterung kognitiver Wis-

merksamkeit für Menschen außerhalb der eigenen Bezugsgrup-

sensvermittlung durch eine sinnliche Auseinandersetzung

pe übrig haben. Generationengerechtigkeit ist ein wesentliches

soll die konkrete Erprobung alternativer Denk-, Fühl- und

Kriterium umfassender Nachhaltigkeitsdefinitionen, daher

Handlungsmuster ermöglichen. Die wunderschöne Lage des

wollen wir die Beziehungen zwischen den Generationen knüp-

Veranstaltungsorts mit See und Park bietet dafür einen geeig-

fen und mit denen anfangen, die jetzt und hier leben.“

neten Rahmen.

www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org/theaterwerkstattzeitwohlstand

Neue Literatur Bitte senden Sie Informationen über Ihre Veröffentlichungen an [email protected]

Neue Buchveröffentlichungen von Mitgliedern

Albert Mayr finestra. window 2016 Die Schachtel finestra. window ist ein Multiple mit 38 Kärtchen: Verbal-Partituren, in italienischer und englischer Sprache, mit Anleitungen zu einer zeitbezogenen Umweltbetrachtung, in der graphischen Gestaltung von Giovanni Antognozzi sowie 9 Kärtchen mit Fotos und Texten von Laura Monaldi und Albert Mayr. www.antsrecords.com/BX02_FINESTRA.html

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NEUE LITERATUR

Beiträge von DGfZP-Mitgliedern in Sammelbänden und Zeitschriften Dietrich Henckel, Susanne Thomaier (2016): Temporal Efficiency, Temporal Justice and Urban Mobility. In: Paola Pucci, Matteo Colleoni (eds.): Understanding Mobilities for Designing Contemporary Cities. Cham et al. (Springer) S. 151-170. Dietrich Henckel (2016): Raumzeitpolitik: Zeitliche Dimensionen der Verkehrspolitik In: Oliver Schwedes, Weert Canzler, Andreas Knie: Handbuch der Verkehrspolitik. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 521-542. Karin Jurczyk, Günter G. Voß, Margit Weihrich (2016): Alltägliche Lebensführung – theoretische und zeitdiagnostische Potenziale eines subjektorientierten Konzepts. In: E. Alleweldt, A. Röcke, J. Steinbicker (Hrsg.): Lebensführung heute. Klasse, Bildung, Individualität. Weinheim/Basel: Beltz & Juventa, S. 53-87. Karin Jurczyk, Günter G. Voß, Margit Weihrich (2016): Conduct of Everyday Life in Subject-Oriented Sociology. Concept and Empirical Research. In: E. Schraube, Ch. Højholt (Hrsg.): Psychology and the Conduct of Everyday Life. London/New York: Routledge: S. 34-64. Jürgen P. Rinderspacher (2016): Arbeitszeitpolitik und die Nullwachstumsgesellschaft. Möglichkeiten und Grenzen. In: H. Diefenbacher, B. Held, D. Bodenhäuser (Hrsg.): Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende? Arbeiten in einer Postwachstumsgesellschaft. Jahrbuch Die Wirtschaft der Gesellschaft 3, Marburg: Metropolis-Verlag.

Neue Veröffentlichungen im Internet Karin Jurczyk, Maria S. Rerrich (2015): Die Arbeit des Alltags 2015. Entgrenzungsprozesse und Impulse für die Neuorganisation von Care. In: Christian Papsdorf (Hrsg.): Gastbeiträge zur Public Sociology. http://ggv-webinfo.de/wp-content/uploads/2015/09/Public-Sociology-Karin-Jurczyk-Maria-S-Rerrich.pdf Ein Interview mit Ulrich Mückenberger und Bezüge zu mehreren Mitgliedern der DGfZP finden sich in: „Endlich Zeit! Die Kunst, im richtigen Tempo zu leben“. Themenheft, SPIEGEL Wissen 3/2016. www.spiegel.de/spiegel/spiegelwissen/index-2016-3.html Jürgen P. Rinderspacher 2016 : Vortrag zum Thema „Zeitdruck in der Arbeit“ auf dem Großen Podium 100. des Deutschen Katholikentags 2016 in Leipzig: „Im Mittelpunkt der Wirtschaft: Der Mensch! Auf dem Weg zu einer Wirtschaft, die nicht tötet“. Der Autor kritisiert die Zunahmen zeitlicher Belastungen und macht zwei Vorschläge, wie dieser Trend durch zeitpolitische Interventionen eingedämmt werden könnte. Download: www.zeitpolitik.de Elke Großer (2016): Zeitwohlstand 4.0. Blog Postwachstum. www.postwachstum.de/zeitwohlstand-4-0-20160325 Albert Mayer (2016): Blog www.timedesignbureau.it, (IT & EN) Der Autor möchte damit zu einem spielerischen Umgang mit der Zeit anregen.

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NEUE LITERATUR

Empfehlenswerte neue Veröffentlichungen anderer Autoren Steffen Mau

Ziehungsrechte stellt jedem Bürger ein bestimmtes Kontin-

Lebenschancen

gent an Zeit zur Verfügung, und zwar für Phasen des Lebens,

Wohin driftet die Mittelschicht?

in denen er mehr Zeit benötigt, als er normalerweise als Er-

2012 Berlin: Suhrkamp

werbstätiger hat. Konkret meint dies temporäre Suspendierung vom Erwerbszwang. Zu diesem Zweck solle vorzugsweise ein betriebliches Zeitkonto mit einem Zeit-Guthaben angelegt werden, von dem dann die entsprechenden Beträge bei Bedarf abgebucht werden können. Zeitliche Ziehungsrechte sind ein großes Thema beispielsweise im 7. Familienbericht

Erweiterte Rezension: Ein Konzept vorzuschlagen, das

der Bundesregierung (BMFSFJ 2006), und auch die Deutsche

darauf beruht, jeder/m BundesbürgerIn einen Betrag von

Gesellschaft für Zeitpolitik hat in ihrem „Zeitpolitischen Ma-

30- bis 60-Tausend Euro zu schenken, gewissermaßen als

nifest“ (DGfZP 2005) schon einige Zeit zuvor dieses Konzept

Grundausstattung für ein erfolgreiches und gelingendes Le-

propagiert, wenn auch nicht ohne Widerspruch in den eige-

ben, mutet zwar auf den ersten Blick weltfremd an. Doch mag

nen Reihen.

der von Steffen Mau vorgeschlagene „Lebenschancenkredit“

Insofern darf man also den Vorschlag von Steffen Mau als in

in einer unübersichtlichen und immer schwerer planbaren Welt, in der Biographien viel heterogener verlaufen als früher, ein Baustein für eine neue Form von sozialer Sicherheit sein. Er soll einerseits die Logik des alten Sozialstaates, der nur in Kategorien des Leistungs- bzw. Beitragsprinzips oder des Bedürftigkeitsprinzip denken konnte, überwinden, andererseits soll er den erheblich gestiegen Bedürfnissen der Menschen nach mehr individueller Entscheidungsfreiheit Rechnung tragen. Dazu führt der Autor ein drittes Prinzip sozialer Sicherheit, das Anrechtsprinzip, ein, das ja aus der Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen bekannt ist. Der Begriff Lebenschancenkredit ist hier allerdings irreführend, weil man einen Kredit normalerweise zurückzahlen muss, was hier nicht der Fall ist. Man kann den Begriff „Kredit“ im Sinne seines lateinischen Ursprungs (glauben, vertrauen) aber auch so verstehen, dass der Kreditnehmer dem Kreditgeber, der ihm vertraut, in Zukunft wenn nicht Geld, so doch etwas anderes schuldet – in diesem Fall die eigenen Lebenschancen besser genutzt zu haben. Der Kredit ist zweckgebunden und soll Phasen der Ausbildung, des Aufbaus der Familie dienen oder Lebensphasen mit Pflegeaufgaben monetär unterstützen. Der Kreditgeber müsse – selbstredend mit mehr Einfühlsamkeit als wir dies von der herrschenden Sozialbürokratie kennen – den Zweck kontrollieren. Hiermit verfolgt der Autor drei Globalziele: Erstens die Bildungschancen der Menschen zu verbessern, zweitens deren Zeitsouveränität zu vergrößern und drittens erwartbare oder plötzlich eintretende Lebens-Risiken besser gestalten zu helfen.

der materiellen Dimension komplementär zu den zeitlichen Ziehungsrechten verstehen, wobei beide Konzepte sich von gleichen Grundüberzeugungen leiten lassen. Maus Vorschlag ist ein Versuch, Sozialstaat und Freiheit zu verbinden; der Freiheitsbegriff hat für ihn eine zentrale Rolle (vgl. S. 249). Mau folgt hier dem verbreiteten Vorwurf an den Sozialstaat, dieser habe bis zur Reform durch die Agenda 2010 und auch später hilfebedürftige Bürger weder genug gefördert noch gefordert, sondern lediglich stumpf verwaltet und mit paternalistischer Attitüde lediglich materiell ruhiggestellt. Solcher Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger demotivierenden sozialstaatlichen Bevormundung stellt Mau die freiheitlichen Elemente des Lebenschancenkredits gegenüber: Nicht der Staat, sondern jeder selbst solle entscheiden, wie er mit den monetären und zeitlichen Ressourcen umgehen will, die ihm die Gesellschaft zur Verfügung stellt. Während der traditionelle Sozialstaat dem Bedarfsprinzip folgend im Grundsatz unlimitiert Leistungen zuteilt, soweit und solange Bedürftigkeit nachgewiesen werden kann, ist beim Lebenschancenkredit die staatliche Leistung begrenzt, hier auf 30-60 Tsd Euro. Dabei soll der Lebenschancenkredit keinesfalls andere Sozialleistungen und die staatliche Unterstützung für Bildung und Qualifikation ersetzen. Obwohl das vom Autor nicht so vorgesehen ist, lässt sich dies realpolitisch jedoch wahrscheinlich kaum vermeiden. Wie immer: Mit dem Lebenschancenkredit soll nach Maus Vorstellung erst einmal jedem ein gleiches Kreditkontingent zugeteilt werden. Was allerdings schon nach der Währungsreform von 1948 kritisiert wurde, gilt

Die Globalziele – Bildungschancen, Zeitsouveränität und in-

auch hier: Wer als Arzt diesen Betrag in der Geldbörse hatte,

dividuelles Risikomanagement – passen zu den Konzepten,

hatte bessere Voraussetzungen, daraus etwas zu machen, als

die seit mehr als einer Dekade als „Ziehungsrechte“ im Le-

der Arbeiter. Bekanntlich haben auch im hoch entwickelten

bensverlauf und oder als „atmende Lebensläufe“ diskutiert

Sozialstaat Bildung und soziales und kulturelles Kapital einen

werden. Das u. a. auf A. Supiot zurückgehende Konzept der

weitaus größeren Einfluss auf die Bildungschancen und damit

40

ZPM NR. 28, JULI 2016

NEUE LITERATUR

den sozialen Status als verfügbares Geld. Chancengleichheit

Rinderspacher 2016). Allein mit Blick auf die spätere Rente

herzustellen könnte, folgt man diesem Gedanken, dann be-

muss man es sich schon leisten können, seine Arbeitszeit zu

deuten, nicht Kopfprämien zu verteilen, sondern das Krite-

reduzieren oder die Erwerbsarbeit phasenweise einzuschrän-

rium der individuellen Förderungsbedürftigkeit zu beachten

ken oder gar völlig ruhen zu lassen. Ein einfacher Verweis auf

– auch wenn das wieder nach der alten, biederen Sozialstaats-

das bedingungslose Grundeinkommen, das es dann richten

logik klingt, die manch einer gerne auf dem Müllhaufen der

werde, kann hier nicht befriedigen, zumal es bekanntlich gut

Sozialgeschichte sähe. Ohne genügend individuell verfüg-

begründete Einwände gegen ein bedingungsloses Grundein-

bares Geld für eine gute Ausbildung läuft bekanntlich nichts.

kommen gibt, sowohl was dessen Grundidee als auch seine

Mau möchte den Menschen diesbezüglich „etwas zutrauen“,

Realisationschancen betrifft. Insofern war die Ergänzung

nämlich dass sie mit den Pfunden des Lebenschancenkredits

der zeitlichen Dimension eines Konzepts der Ziehungsrechte

sinnvoll wuchern, sprich: den Kredit investiv zur Verbesse-

durch die geldliche Dimension lange überfällig (vgl. Ehm/

rung ihrer eigenen Lebenschancen verwenden. Dem mag

Rinderspacher 2013, zur Kritik an Familienpflegezeitgesetz).

man im Grundsatz nicht widersprechen. Wie viele anspruchs-

Wenn der Lebenschancenkredit ein Vorschlag für die Praxis

berechtigte Bürgerinnen und Bürger das viele Geld dann tat-

sein soll, dann müssen über die Beurteilung der Idee hinaus

sächlich in die Verbesserung der eigenen Lebenschancen in-

aber auch realpolitische Maßstäbe angelegt werden. Die Frage

vestieren oder um für ihre hilfebedürftigen Eltern da zu sein,

drängt sich auf, woher das Geld für einen Lebenschancenkre-

ist eine andere Frage. Es sei denn, eine Sozialbürokratie wür-

dit kommen soll. Wie realistisch es ist, die notwendigen Mittel

de dies nach strengen Kriterien kontrollieren…

dafür aus Steuererhöhungen (S. 242 ff.) zu gewinnen, vor allem

Aber es geht Mau nicht nur um Investitionen zur Ermögli-

aus einer Erhöhung bzw. Neustrukturierung der Erbschafts-

chung konkreter Lebensziele oder um eine finanzielle Hilfe

steuer und der Streichung des Ehegattensplittings, mag jeder

zur Bewältigung schwieriger Lebenslagen, sondern in einem

selbst beurteilen. Denn irgendwann ist vielleicht die Epoche

viel allgemeineren Sinne darum, die Chancen der Indivi-

der großen Erbschaften vorbei – aber nicht die der Zahlungs-

duen für ein gelingendes Leben zu vergrößern: Dazu gehört

verpflichtungen des Staates an die Bürgerinnen und Bürger,

dann wesentlich auch die Ermöglichung von mehr Freiheit

wenn der Lebenschancenkredit erst einmal in der Welt ist.

– Freiheit als Selbstzweck, die sich darin konkretisiert, an

Und nur, wenn er auf sichere Füße gestellt, das heißt auf Jahr-

wichtigen Schnittstellen über sein Leben selbst entscheiden

zehnte politisch und ökonomisch gesichert ist, kann er den

zu können. Das bedeutet nicht zuletzt auch, Freiheit in Be-

notwendigen Vertrauensschutz für die Menschen bieten, die

zug auf die Verwendung der eigenen Zeit bzw. Lebenszeit

ihn irgendwann in ihrem (langen und immer längeren) Leben

realisieren, zeitsouverän entscheiden zu können. Soweit sehr

einmal in Anspruch nehmen möchten. Wem, welcher Institu-

gut. Das erinnert an das seit langem vor allem von Ulrich

tion aber könnte man in diesen turbulenten Zeiten zutrauen,

Mückenberger propagierte „Recht auf eigene Zeit“ (vgl. Mü-

ein solches Versprechen tatsächlich einzuhalten?

ckenberger 2015). Eine gehobene Lebensqualität, so lässt

Mau schlägt den allmählichen Aufbau eines Kapitalstocks vor.

sich bei Mau durchhören, ist tatsächlich mehr als materiel-

Ob dieser wirklich das leistet, was er soll, hängt aber von ver-

ler Reichtum, lässt sich aber nur bedingt verwirklichen, falls

schiedenen Faktoren ab, darunter auch vom politischen Willen

die materiellen Grundlagen für freie Entscheidungen fehlen.

der einschlägigen Akteure. Auch die Frage, aus welcher Sub-

Auf dieser Abstraktionsebene eines interessanten Modells, ist

stanz der Kapitalstock gebildet und wie er sich – nicht zuletzt

dem allen erst einmal voll zuzustimmen – auch wenn mir das

angesichts niedriger Zinsen – vergrößern sollte, ist nicht ge-

Freiheitspathos in Verbindung mit Staatsphobie und Bevor-

klärt. In jedem Jahr müssten 15 Milliarden Euro entnommen

mundungsthese übertrieben scheint und eher eine Thematik

werden, die nicht wieder zurückfließen, da es sich eben nicht

des alternativ-intellektuellen Milieus, nicht aber unbedingt

um einen Kredit, sondern um eine Schenkung handelt. Ob zum

das Problem der breiten Mittelschichten ist, um die es in die-

Beispiel indirekte Rückflüsse an die Staatskasse, etwa durch

sem Band ja gehen soll.

ein stärkeres wirtschaftliches Wachstum hier eine Entlastung

Die Diskussionen über zeitliche Ziehungsrechte oder andere

bringen würden – der Lebenschancenkredit wirkt ja rein öko-

Lebenszeitmodelle krankte nach meiner Beobachtung von

nomisch wie ein (permanentes) Konjunkturprogramm, ist

Beginn an einem gewissen Modellplantonismus, der den mo-

kaum vorherzusagen. Außerdem: Einen solchen Fonds konti-

netären Aspekt nicht wirklich ernst genommen hat. Denn

nuierlich aufrecht zu erhalten, kann nur gelingen, wenn aus-

zeitliche Ziehungsrechte können besonders in Zeiten stei-

reichend politische Plausibilität dafür besteht, dass durch den

gender finanzieller Belastungen und sinkender Realeinkom-

Lebenschancenkredit tatsächlich zusätzliche Lebensqualität

men nicht in Anspruch genommen werden, wenn sie nicht

im Sinne der drei Globalziele Bildungschancen, Zeitsouverä-

von geldlichen Maßnahmen flankiert werden (hierzu auch

nität und individualisiertes Risikomanagement generiert wird.

ZPM NR. 28, JULI 2016

41

NEUE LITERATUR

Im Verlauf mehrerer Jahrzehnte könnten diese Ziele von wech-

den, sondern auch im Interesse des Erhalts des sozialen Frie-

selnden politischen Mehrheiten in Frage gestellt und am Ende

dens wie auch der Stabilisierung der für eine demokratische

nicht mehr als förderungswürdig erachtet werden.

Ordnung so wichtigen Mittelschichten, auf die Mau seine Vor-

Realpolitisch muss man größte Befürchtungen haben, dass die

schläge ja bezieht – der Schwerpunkt einer proaktiven Chan-

Kosten des Lebenschancenkredits zu massiven Kürzungen in

cenpolitik eher auf den Ausbau der kollektiven, strukturellen

den einschlägigen Politikbereichen führen würden. So lässt

Voraussetzungen für bessere Entwicklungsmöglichkeiten der

sich leicht argumentieren, mit dem Kredit habe ja jeder Be-

Individuen zu setzen. Also darauf, statt mit der Gießkanne Le-

zieher sein Kontingent an gesellschaftlicher Unterstützung

benschancen zu verteilen, investive Mittel für qualitativ bessere

bereits erhalten, etwa um Care-Aufgaben erfüllen zu können.

Kitas und Schulen und für öffentliche Schwimmbäder zu ver-

Statt der bisherigen Sozialleistungen könne man nun den Le-

wenden, in denen sich Jugendliche in einer kommerzialisierten

benschancenkredit in Anspruch nehmen. Und jeder wäre dann

Lebenswelt treffen und wohlfühlen können.

scheinbar ausschließlich selbst verantwortlich für den sozialen

Ebenso wäre es geraten, beispielsweise umschulungswilligen

Status, den er erreicht oder nicht; dies könnte die Politik da-

und -fähigen Arbeitnehmerinnen, deren Unternehmen gera-

von entlasten, sich für Randgruppen mehr als über die Vergabe

de Konkurs angemeldet hat – wie seinerzeit im Fall Schlecker

eines Lebenschancenkredits hinaus verantwortlich zu fühlen.

– die volle vierjährige Ausbildung zur Erzieherin zu finanzie-

Weiterhin nicht mit bedacht ist, dass für einen erheblichen

ren, zusätzlich zu einer Unterstützung für die bessere Verein-

Personenkreis im Lebensverlauf für Bildung, Familie und

barkeit von Familie und Beruf. Analoges gilt für Pflegefälle:

Pflege Finanzmittel bereitstehen müssen, die insgesamt den

Eine Familienpflegezeit zu nehmen, ist für die meisten Ar-

Betrag von 60Tsd., geschweige denn 30Tsd. Euro je Person

beitnehmerinnen und Arbeitnehmer nur möglich, wenn diese

weit überschreiten. Außerdem müsste der Einzelne im Voraus

durch Lohnersatzleistungen für die Pflegeperson staatlich un-

wissen, welche Lebensereignisse er im Verlauf seines Lebens

terstützt wird (ähnlich wie Altersteilzeit; vgl. Ehm/Rinders-

erwartet, um die verfügbaren Mittel sachgerecht und zeitlich

pacher 2013). Dies eröffnet pflegenden Angehörigen nicht

richtig über den Lebenszyklus verteilen zu können. Durch

zuletzt größere Chancen, auch in dieser schwierigen Lebens-

die Gleichbehandlung aller Bürgerinnen und Bürger vor dem

lage innerhalb gewisser Grenzen zeitsouverän zu handeln und

Lebenschancenkredit wird der Gedanke des Risikoausgleichs

neben Erwerbsarbeit und Pflegearbeit auch am gesellschaft-

durch eine Solidargemeinschaft nach dem Versicherungs-

lichen Leben teilhaben zu können. Hierzu könnte man sich

prinzip unterminiert und damit die erreichten Standards der

etwa eine öffentlich subventionierte „Pflegevollzeit“, das heißt

geltenden – im Vergleich zu den meisten anderen real exi-

eine reduzierte Arbeitszeit mit Lohnersatzleistung vorstellen,

stierenden Systeme immer noch recht effizienten – sozialen

wie sie etwa von Reuyß und anderen (2012) vorgeschlagen

Sicherung ausgehöhlt. Nach dem Gerechtigkeitsverständnis

wird. Auch was die berühmte Rushhour des Lebens angeht,

des klassischen Sozialstaats würden, je nach Bedürftigkeit

liegen strukturähnliche Vorschläge vor, etwa die „Familien-

und sozialer Lage, die einen völlig zu Recht hunderttausende

zeit“, die in einer Studie des DIW und der Friedrich-Ebert-

von Euro von der Solidargemeinschaft beanspruchen dürfen,

Stiftung propagiert wird (Müller u.a. 2013).

während die anderen, die über mehr Ressourcen verfügen

Solche Ansätze sind zwar bildungs- und sozialpolitisch wie

und deren Leben durch weniger kritische Life-Events be-

auch sozialwissenschaftlich langweiliger, weil traditioneller

stimmt ist, nur geringere Ansprüche stellen können.

gedacht als ein Lebenschancenkredit – aber es geht ja bei all

In der Tat werden mit dem Vorschlag eines Lebenschancen-

dem nicht um die Vermeidung von Langeweile.

kredits wieder alle Fragen aufgeworfen, die seit Gründung der Bundesrepublik die sozialpolitischen Debatten wesentlich mit geprägt haben. Der klassische Grundsatz, demzufolge sozial Ungleiches ungleich, nämlich positiv diskriminierend behandeln muss, um Gleichheit herzustellen, scheint mit dem Lebenschancenansatz, wie er von Mau vorgetragen wird, weithin zu erodieren. Angesichts zunehmender Verknappung monetärer Ressourcen durch die Erhöhung der Staatsausgaben für Soziales und für Investitionen, die in Zukunft zu erwarten sind – Stichwörter sind hier Rente, Pflege und Gesundheit, Migration, Bildung – dürfte der möglichst zielführende Einsatz dieser knappen Ressourcen in Zukunft eher noch an Bedeutung zu gewinnen. Dann aber wäre – nicht nur aus altruistischen Grün-

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Literatur BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) (2006): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht. Berlin. DGfZP (Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik) (2005): Zeit ist Leben. Manifest der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, Berlin www.zeitpolitik.de. Ehm, S./Rinderspacher, Jürgen P. (2013): Ein Jahr Familienpflegezeitgesetz – Welche Erfahrungen gibt es und wie kann es weitergehen? In: feministische Studien. Sorgeverhältnisse, Heft 2/2013, S. 315-323. Mückenberger, Ulrich (2015): Wann kommt das Recht auf eigene Zeit? In: Sehnsucht nach Zeit – was Zeitpolitik tun kann. In: Böll. Thema, Nr. 2/2015.

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NEUE LITERATUR

Müller, Kai-Uwe/Neumann, Michael/Wrohlich, Katharina (2013): Familienarbeitszeit – Wirkungen und Kosten einer Lohnersatzleistung bei reduzierter Vollzeitbeschäftigung, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)/ Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Berlin. Reuyß, Stefan/Pfahl, Svenja/Rinderspacher, Jürgen P./Menke, Katrin (2012): Pflegesensible Arbeitszeiten: Perspektiven der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Berlin: Sigma.

Rinderspacher, Jürgen P. (2016): Arbeitszeitpolitik und die Nullwachstumsgesellschaft. Möglichkeiten und Grenzen. In: Diefenbacher, Hans/Held, Benjamin/Rodenhäuser, Dorothee (Hrsg.) (2016): Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende? Arbeiten in einer Postwachstumsgesellschaft, Jahrbuch Die Wirtschaft der Gesellschaft 3, Marburg: Metropolis-Verlag. Jürgen P. Rinderspacher

valent für Kairos („die einmalig günstige

bentagewoche, die Namen der Wochen-

Gelegenheit“) sei heute das Sonderange-

tage und der Monate sowie die meisten

bot im Supermarkt (S. 56 f.). Die beson-

Feiertage lassen sich in hohem Maße auf

deren Konstruktionsanforderungen an

das Altertum zurückführen.

die Sonnenuhren werden verdeutlicht

Hervorgehoben sei hier das letzte Kapi-

an dem geschichtlich belegten Raub ei-

tel „Geplante Erinnerungen“. Hier be-

ner sizilianischen Sonnenuhr durch den

schreibt Demandt anhand zahlreicher

römischen Konsul Manius Valerius Mes-

Quellen aus der griechischen und rö-

salla (263 v. Chr.). Sie war berechnet auf

mischen Antike, wie unterschiedlich

die Polhöhe der Stadt Catania und ging

Herrscher und Gelehrte mit dem Erin-

daher auf der geographischen Breite

nern umgingen. Die ältesten und dauer-

Roms, wo der Konsul sie auf dem Forum

haftesten Erinnerungsträger sind natur-

Zeit. Eine Kulturgeschichte.

aufstellen ließ, falsch (vgl. S. 104).

gemäß Steindenkmäler und Bauwerke.

2015

Systematisch teilt Demandt seine um-

Um die eigenen Ruhmestaten auch noch

Berlin: Propyläen Verlag

fassenden kulturgeschichtlichen Zeit-

nachfolgenden Generationen vor Augen

betrachtungen in 14 Kapitel ein, deren

zu führen, sind dagegen Beschreibstoffe

Rezension: „Zeit ist ein zeitloses The-

Kurztitel einen ersten inhaltlichen Über-

wie Ton-, Holz- oder Wachstafeln sowie

ma“ (S. 9). Daher wird ein Historiker

blick bieten: Zeitbegriffe und Zeitmeta-

Papyrus weniger geeignet. Offensichtlich

immer Fakten, Deutungen und Anek-

phern; Zeitsymbole und Zeitgötter; Tag

planten die Römer das Erinnern sehr

doten zum Thema Zeit in der Geschich-

und Stunden in der Antike; Stunden und

viel gezielter als die Griechen: Z. B. sei

te finden. Und wenn ein Althistoriker,

Uhren in christlicher Zeit; Die Woche;

nicht bekannt, wo die demokratischen

wie Alexander Demandt (geb. 1937),

Monat und Jahr in der Antike; Die vier

Staatsmänner Solon, Kleistenes und

eine Kulturgeschichte der Zeit verfasst,

Jahreszeiten; Antike Ären; Die christ-

Perikles begraben wurden. Die grie-

ist es wenig überraschend, dass er sich

liche Jahreszählung; Feste, Feier- und

chische Regel, wonach Siegesmale nur

schwerpunktmäßig mit der Antike, vor

Gedenktage; Lebenszeit und Altersstu-

aus vergänglichem Holz, nicht aber aus

allem der griechischen und römischen,

fen; Epochen und Perioden; Geplante

Erz und Stein bestehen durften, um die

beschäftigt, um die Wurzeln unserer

Erinnerung.

Feindschaft nicht zu verewigen, ist, so

heutigen Zeitregulierung aufzuzeigen.

Im ersten Kapitel stellt der Autor zu-

Demand, auch für die Gegenwart erwä-

Da der Autor hierbei auf geradezu enzy-

nächst etymologische und vor allem phi-

genswert.

klopädische Kenntnisse über historische

losophische Betrachtungen zum Thema

Zeitsoziologische Literatur zieht De-

Ereignisse, Verläufe, Quellen und „Ge-

an, es folgen Überlegungen zu vertrauten

mand nicht heran. Doch anhand seines

schichten“ zurückgreifen kann, werden

Aspekten wie Zeit und Bewegung; Zu-

umfassenden und profunden Fachwis-

die Leserinnen und Leser sowohl viel

kunft, Gegenwart und Vergangenheit;

sens entfaltet er eine beeindruckende

Neues erfahren als auch gut unterhal-

zyklische und lineare Zeitvorstellung

Fülle an Facetten des Umgangs mit Zeit,

ten, wenngleich manche Detailbeschrei-

sowie zu subjektiven Zeitempfindungen

deren Kenntnis Vieles beitragen kann,

bungen zuweilen die Geduld des Lesers

(„Für einen Zwanzigjährigen ist ein

das für aktuelle Fragestellungen in der

voraussetzen.

Jahr ein Zwanzigstel seines Lebens, für

zeitpolitischen Diskussion relevant sein

Dass der Unterhaltungswert auch immer

einen Achtzigjährigen nur ein Achtzig-

kann. Demandt selbst verfolgt das Ziel,

gekoppelt sein kann mit Nachdenk-

stel“ (S. 37). In den weiteren Kapiteln

die Kulturgeschichte der Zeit so darzu-

lichkeit und Information, soll exempla-

weist Demant u. a. auf Arbeiten zur Ar-

stellen, „dass es sich lohnt, ihr Interesse

risch an zwei Textstellen belegt werden:

chäologie des Kalenders hin, aus denen

entgegenzubringen. Nichts anderes be-

Die Ausführungen zum Begriff Kairos

deutlich werde, wie lang die Geschichte

zweckt mein Buch“ (S. 10).

schließt Demandt mit dem veranschauli-

unserer heutigen Zeitregulierung ist;

chendem Hinweis ab, das moderne Äqui-

unsere heutige Stundenzählung, die Sie-

Alexander Demandt

ZPM NR. 28, JULI 2016

Ludwig Heuwinkel

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NEUE LITERATUR

Lucian Hölscher Die Entdeckung der Zukunft. 2016 Göttingen: Wallstein Verlag

„Lucian Hölscher verfolgt die Geschichte der Zukunft in Eu-

seines 1999 erschienen Standardwerkes verfolgt Lucian Höl-

ropa von ihrer Entdeckung in der frühen Neuzeit bis in die

scher die Geschichte der Zukunft in Europa von ihrer Entde-

Gegenwart.

ckung in der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Er zeigt,

Auch die Zukunft hat ihre Geschichte: Gewandelt haben sich im

wie der vorausschauende Blick der Menschen seit mehr als

Laufe der Zeit nicht nur die konkreten Zukunftsvorstellungen

300 Jahren in zyklischen Konjunkturen immer weitere Zu-

vergangener Gesellschaften, sondern auch die Zukunft als Di-

kunftsräume erobert und damit unser Leben in der Gegen-

mension gesellschaftlicher Selbstorganisation überhaupt.

wart grundlegend auf die Zukunft hin ausgerichtet hat.“ (Ver-

In einer aktualisierten und deutlich erweiterten Neuauflage

lagstext)

Peter Payer Die synchronisierte Stadt. Öffentliche Uhren und Zeitwahrnehmung, Wien 1850 bis heute 2015 Wien: Holzhausen Verlag

„Ab Mitte des 19. Jahrhunderts sind in Wien immer häufiger

dynamischen Ständeruhren über elektrisch betriebene Wür-

öffentliche Uhren anzutreffen. Sie fungieren als Repräsen-

feluhren und die berühmte „Ankeruhr“ bis hin zu Springzif-

tationen geistlicher wie weltlicher Machtträger und helfen

fernuhren und den modernen Reklameuhren unserer Tage.

mit, den Alltag der Bevölkerung zu synchronisieren und die

Das Werk von Peter Payer beleuchtet das vielschichtige

vielfältigen Aktivitäten in der rasch wachsenden Großstadt

Wechselverhältnis von Stadt und Zeit. Ursachen und Auswir-

aufeinander abzustimmen. Wobei Uhrentypen mit unter-

kungen der „Chronometrisierung“ des öffentlichen Raumes

schiedlichsten Antriebsmechanismen entwickelt werden:

werden erstmals umfassend am Beispiel einer mitteleuropä-

von mechanischen Turmuhren, pneumatischen und auto-

ischen Metropole dargestellt. (Verlagstext)

Torsten Lietzmann Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit im Bereich prekärer Einkommen 2016 Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag. Reihe IAB-Bibliothek. Band 357

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ZPM NR. 28, JULI 2016

NEUE LITERATUR

Christoph Handrich, Carolyn Koch-Falkenberg, G. Günter Voß Professioneller Umgang mit Zeit- und Leistungsdruck. 2016 Baden-Baden: Nomos

„Mehr als die Hälfte der Beschäftigten geben in Befragungen

Vielfalt an Formen des Zeit- und Leistungsdrucks, die mit un-

an, dass sie bei der Arbeit oft oder immer unter Zeit- und Lei-

terschiedlichen Ursachenbündeln korrespondieren und eine

stungsdruck stehen. Vielfach wird angenommen, dass hiervon

breite Palette wahrgenommener Folgen bei den Beschäftigten

vor allem Mitarbeiter/innen auf niedriger Hierarchiestufe be-

auslösen. Die Autoren dieses Buchs analysieren und systema-

troffen seien, die direkter Anweisung und Kontrolle ausgesetzt

tisieren die Auslöser und Auswirkungen und fragen nach den

sind – doch das trifft nicht zu, wie diese Studie unterstreicht.

Umgangs-, Anpassungs- und Bewältigungsstrategien. Sie for-

Sie fasst mit qualitativen Methoden hochqualifizierte Dienst-

mulieren Vorschläge, Empfehlungen und Leitprinzipien für

leister ins Auge: Ärzte eines Krankenhauses, Fach- und Füh-

einen professionellen Umgang mit dem Druck – auf individu-

rungskräfte in einem Serviceunternehmen sowie Lehrkräfte

eller Ebene, aber auch auf Ebene der betrieblichen Organisa-

eines großen Bildungsanbieters. Dabei zeigt sich eine große

tion. (Verlagstext)

Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V (Hrsg.) Schwerpunkt: Familie und Zeit. TUP – Theorie und Praxis der sozialen Arbeit. Ausgabe 4/2015. Weinheim/Basel: Beltz/Juventa

Metzing Maria, Richter David (2015): Macht Wochenendarbeit unzufrieden? Berlin: DIW WOCHENBERICHT NR. 50/2015 www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.522128.de/15-50-1.pdf

„Mehr als 40 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland

Leben insgesamt unzufriedener sind als Personen, die sams-

arbeiten nicht nur von Montag bis Freitag, sondern auch an

tags und/oder sonntags nicht arbeiten. Ausschlaggebend da-

Samstagen, ein Viertel geht sogar sonntags regelmäßig zur Ar-

für ist aber nicht die Wochenendarbeit als solche. Betrachtet

beit. Zwischen 1996 und 2014 ist der Anteil derjenigen, die am

man Personen, die zunächst nicht am Wochenende arbeiten

Wochenende arbeiten, leicht gestiegen. Wie sich das Arbeiten

und dann zur Wochenendarbeit wechseln, zeigt sich, dass sich

am Wochenende auf die Schlaf- und Lebenszufriedenheit

ihre Zufriedenheit in den meisten Bereichen nicht ändert; le-

der Betroffenen auswirkt, ist indes wenig bekannt. Die vor-

diglich die Arbeitszufriedenheit sinkt bei einem Wechsel zur

liegenden Analysen zeigen, dass Personen, die am Wochen-

Sonntagsarbeit leicht.“

ende arbeiten, im Durchschnitt eine geringere Gesundheits-,

(www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_01.c.522137.de)

Familien- und Schlafzufriedenheit haben und auch mit ihrem

ZPM NR. 28, JULI 2016

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NEUE LITERATUR

Claudio Caviezel und Christoph Revermann, unter Mitarbeit von Simon Rabaa Bilanz der Sommerzeit. Endbericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, Arbeitsbericht Nr. 165. 2016 Download unter: www.tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/berichte/TAB-Arbeitsbericht-ab165.pdf

„Insgesamt kann festgehalten werden, dass die vorhandene

energetische, wirtschaftliche oder gesundheitliche Effekte

Studien- und Erfahrungslage zu möglichen Auswirkungen

nach sich ziehen würde. Insofern bleibt die Frage, ob die der-

der Sommerzeit auf den Energieverbrauch, die Wirtschaft

zeit gültige Sommerzeitregelung beibehalten, geändert oder

oder die Gesundheit limitiert, unvollständig und teils wider-

abgeschafft werden soll, auf absehbare Zeit Gegenstand poli-

sprüchlich ist. Der bis dato vorliegende Erkenntnisstand lie-

tischer und öffentlicher Debatten, die nur in geringem Maße

fert jedoch keine belastbaren Hinweise darauf, dass die An-

auf wissenschaftliche Fakten abstellen können“ (S. 163).

wendung der Sommerzeit ernsthafte positive oder negative

Institut füt Ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW), Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW) (Hrsg.) Vom Leben zwischen Effizienz und Entschleunigung. Zeitschrift: Ökologisches Wirtschaften 4/2015: Schwerpunkt Zeitwohlstand.

„ ...wird die Rolle von Zeit für eine sozialökologische Lebens-

Wohlstand wird Zeitwohlstand jedoch zunehmend wichtiger.

weise beleuchtet. Wer kann sich Zeitwohlstand eigentlich

Gerade die Debatten um das Gute Leben und Degrowth, aber

leisten? Welche Herausforderungen stellen sich für eine Um-

auch innerhalb der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohl-

setzung von Zeitwohlstand? Die zeitbezogene Krise unserer

stand, Lebensqualität“ greifen Zeit als einen wesentlichen As-

Gesellschaft wird im Rahmen der sozial-ökologischen Trans-

pekt von Wohlstand auf. (Verlagstext: www.oekologisches-

formation bisher noch wenig berücksichtigt. Im Diskurs um

wirtschaften.de/index.php/oew)

www.zeitpolitik.de – Die Webseite der DGfZP

Schauen Sie doch mal herein! Sie finden dort unter anderem: alle Ausgaben des Zeitpolitischen Magazins, die Termine der nächsten Veranstaltungen, Zeitpolitische Impulse, Informationen über die bisherigen Jahrestagungen, Texte zur Zeitpolitik zum Download… 46

ZPM NR. 28, JULI 2016

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Impressum Das Zeitpolitische Magazin (ZpM) für die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik e.V. und für Interessierte im Umfeld erscheint mehrmals im Jahr. Es wird von der DGfZP herausgegeben. Es ist kostenfrei und wird als PDF-Datei per eMail verschickt. Bestellung und Abbestellung bitte formlos an die Redaktion. ISSN 2196-0356 Verantwortlich für Inhalt (V.i.S.d.P. und gemäß § 10 Absatz 3 MDStV): Helga Zeiher. Redaktion: Dr. Helga Zeiher (Koordination) - [email protected] Etta Dannemann, Dipl-Ing. (Arch.) - [email protected] Elke Großer, M. A. - [email protected] Dr. Martina Heitkötter - [email protected] Prof. Albert Mayr - [email protected] Prof. Dr. Yolanda Koller-Tejeiro - [email protected] Satz: Anna von Garnier - [email protected] Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Das ZpM ist als Gesamtwerk urheberrechtlich geschützt. Das Copyright liegt bei der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik e.V., das Urheberrecht namentlich gekennzeichneter Artikel liegt bei deren Verfasser/innen. Das Zitieren aus dem ZpM sowie die Übernahme namentlich nicht gekennzeichneter Artikel ist gestattet, solange solche Inhalte keiner kommerziellen Nutzung dienen und die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik e.V. als Quelle genannt wird. Die Redaktion bittet um Zusendung eines Belegexemplars. Das ZpM wird mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt; Links auf Webseiten von Dritten werden auf Funktionalität geprüft. Mit Urteil vom 12. Mai 1998, Aktenzeichen 312 0 85/98 „Haftung für Links“, hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Anbringung eines Links die Inhalte der verlinkten Webseite ggf. mit zu verantworten hat. Dementsprechend distanziert sich das ZpM ausdrücklich von allen Inhalten der Webseiten von Drittanbietern, auf die ein Link gelegt wird. Wir machen uns deren Inhalte nicht zu eigen. Verletzungen von Urheberrechten, Markenrechten, Persönlichkeitsrechten oder Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht auf fremden Webseiten waren nicht augenscheinlich und sind der Redaktion eben so wenig bekannt wie eine dortige Erfüllung von Straftatbeständen.