ZF SP II 03408

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Einführung in die Sozilapsychologie II: Intergruppale und intragruppela Prozesse 1 Gruppenpsychologie: Grundbegriffe Im Folgenden werden wir zunächst ...

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Einführung in die Sozilapsychologie II: Intergruppale und intragruppela Prozesse 1 Gruppenpsychologie: Grundbegriffe Im Folgenden werden wir zunächst einige grundlegende Begriffe der sozialpsychologischen Forschung zu Gruppenprozessen erläutern. In den folgenden Kapiteln werden wir uns dann zunächst dem Verhalten innerhalb von Gruppen zuwenden. Anschließend steht das Verhalten zwischen Gruppen im Blickpunk. Was ist eine Gruppe? Die meisten Sozialpsychologen stimmen aber darin überein, dass es für das Verständnis von Gruppenprozessen entscheidend ist, inwieweit sich Personen selbst als Gruppe definieren Definition Soziale Gruppe: Eine Menge von Individuen, die sich selbst als Mitglieder derselben sozialen Kategorie wahrnehmen und ein gewisses Maß emotionaler Bindung bezüglich dieser gemeinsamen Selbstdefinition teilen. Dieser Gruppenbegriff lässt sich sowohl auf Kleingruppen, in denen potenziell die Möglichkeit direkter („face-to-face“) Interaktionen zwischen allen Gruppenmitgliedern besteht (Arbeitsgruppen, Teams etc.) als auch soziale Kategorien anwenden, bei denen diese Möglichkeit nicht besteht (Männer, Psychologen, Deutsche etc.). Definition Entitativität: bezieht sich darauf, in wie weit eine Ansammlung von Personen vom sozialen Beobachter als kohärente soziale Einheit wahrgenommen wird (bzw. seinem „prototypischen“ Bild einer Gruppe entspricht). Im Allgemeinen werden Gruppen, bei denen ein hohes Maß an Interaktionen zwischen Gruppenmitgliedern besteht, als besonders entitativ angesehen (z.B. Familien, Teams) Der Begriff Gruppenkohäsion bezieht sich auf den inneren Zusammenhalt einer Gruppe (das „WirGefühl“), der u.a. durch die Intensität und emotionale Qualität der Beziehungen der Gruppenmitglieder zueinander zum Ausdruck kommt Gruppenkohäsion ist eine variable Eigenschaft einer Gruppe Definiton: Der Begriff der sozialen (oder auch kollektiven) Identifikation bezieht sich auf die psychologische Beziehung zwischen Selbst und Gruppe. Gruppenbildung Welche sozialpsychologischen Prozesse liegen der Gruppenbildung zugrunde? Evolutionspsychologische Ansätze betonen den adaptiven Wert der Gruppenbildung: Im Zuge der Evolution des Menschen brachte das Zusammenleben in Gruppen Menschen (wie auch anderen Spezies) Überlebensvorteile, was - über das Evolutionsprinzip der natürlichen Selektion vermittelt - dazu geführt hat, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit entwickelt haben. Für diese Annahme spricht, dass Menschen aller Kulturen und Gesellschaften Gruppen bilden. Austausch- oder Interdependenztheorien heben die Instrumentalität der Gruppe für das Individuum hervor (z.B. Thibaut & Kelley, 1959). Menschen sind im Hinblick auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse voneinander abhängig (interdependent). Die Bildung von relativ zeitstabilen Gruppen erleichtert ihnen den wechselseitigen Austausch von Ressourcen und die Erreichung gemeinsamer Ziele. Mit anderen Worten: Menschen bilden Gruppen, weil sie der individuellen Bedürfnisbefriedigung dienen. Der soziale Identitätsansatz betont demgegenüber die kognitiven Grundlagen der Gruppenbildung. Diesem Ansatz zufolge ist Interdependenz zwar eine hinreichende, nicht aber eine notwendige Bedingung dafür, dass Menschen Gruppen bilden. Notwendig ist vielmehr, dass Personen sich selbst und andere Personen als gleiche (identische, austauschbare) Elemente einer sozialen Kategorie wahrnehmen. Diese Selbstkategorie liefert dann die Grundlage für die Definition einer sozialen Identität, die die Gruppenbildung und das Gruppenverhalten reguliert

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Definition Selbstkategorisierung: Der Prozess der kognitiven Gruppierung des Selbst und anderer Personen als gleiche (identische, austauschbare) Mitglieder einer sozialen Kategorie in Abgrenzung zu Mitgliedern anderer sozialer Kategorien. Eine wichtige empirische Grundlage für die Entwicklung der im Rahmen des sozialen Identitätsansatzes entwickelten Position lieferten Experimente von Tajfel und Kollegen (z.B. Tajfel, Billig, Bundy, & Flament, 1971) die zeigten, dass die bloße Kategorisierung von Menschen auf der Grundlage eines trivialen Merkmals bereits hinreichend sein kann, um bestimmte Formen des Gruppenverhaltens zu erzeugen Normen und Rollen Das individuelle Verhalten der Gruppenmitglieder wird durch soziale Normen koordiniert. Soziale Normen lassen sich anhand der folgenden 4 Aspekte charakterisieren: 1. Soziale Normen sind von den Gruppenmitgliedern konsensual geteilte Erwartungen; 2. sie beziehen sich darauf, wie man sich als Gruppenmitglied in bestimmten sozialen Situationen verhalten sollte (und wie nicht), bzw. welche Einstellungen, Meinungen und Gefühle sozial (un)angemessen sind; 3. das Befolgen dieser Erwartungen wird in vorhersehbarer Weise positiv, die Abweichung negativ sozial sanktioniert; 4. Normen sind sozial (gesellschaftlich oder kulturell) bedingt und variieren daher zwischen Gruppen (Gesellschaften oder Kulturen). Soziale Normen können sich sowohl auf das Verhalten der Mitglieder innerhalb der Gruppe beziehen als auch darauf, wie sich Mitglieder der jeweiligen Gruppe gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen verhalten sollen Soziale Normen dienen u.a. den folgenden Funktionen (Cartwright & Zander, 1968): • Gruppenlokomotion. Normen gewährleisten die Übereinstimmung der Gruppenmitglieder im Hinblick auf die Gruppenziele und die Zielerreichung, • Aufrechterhaltung der Gruppe. Normen führen zu einer Stabilisierung von Verhaltenserwartungen – eine wichtige Voraussetzung für befriedigende Interaktionen zwischen Gruppenmitgliedern, • Interpretation der sozialen Wirklichkeit. Normen kreieren und erhalten einen gemeinschaftlich geteilten Bezugs- und Interpretationsrahmen für die Bewertung von Ereignissen und Verhaltensweisen, • Definition der Beziehungen zur sozialen Umwelt. Normen dienen der Gruppe dazu, sich von anderen Gruppen abzugrenzen oder zu unterscheiden. Sie definieren die „Identität“ der Gruppe. Es ist sinnvoll, zwischen zwei Typen von Normen zu unterscheiden: Definition injunktive Norm: der Begriff bezieht sich auf die Wahrnehmung, welches Verhalten von anderen gebilligt wird und welches nicht („Man soll seinen Abfall nicht einfach herumliegen lassen.“). Normen dieses Typs motivieren Verhalten durch die Antizipation von Belohungen (oder Bestrafungen) für normatives (oder nicht-normatives) Verhalten. Definition deskriptive Norm: der Begriff bezieht sich auf die Wahrnehmung der Gruppenmitglieder, wie sich die meisten für gewöhnlich in einer Situation Verhalten („Im Kino lassen die meisten ihren Abfall liegen.“). Normen dieses Typs motivieren Verhalten dadurch, dass sie darüber informieren, was offenbar angemessen oder sinnvoll ist („Wenn alle es tun, wird es seine Richtigkeit haben.“). Je nach sozialer Situation können diese Normen gegensätzliche Verhaltensweisen stimulieren (Kallgren, Reno, & Cialdini, 2000) An welcher Norm (injunktiv vs. deskriptiv) sich Menschen in einer konkreten sozialen Situation verhalten, hängt von der situativen Salienz der Norm ab Während soziale Normen definieren, wie sich Gruppenmitglieder im Allgemeinen zu verhalten haben, definieren soziale Rollen, wie Menschen sich verhalten sollen, die eine bestimmte Position innerhalb einer Gruppe inne haben (z.B. Berufsrollen, Geschlechtsrollen). Definition Soziale Rollen: Innerhalb einer Gruppe geteilte Erwartungen, die definieren, wie sich Personen, die bestimmte Positionen innerhalb der Gruppe einnehmen, verhalten sollen. Susanna Lopez

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Ebenso wie Gruppennormen erleichtern soziale Rollen das koordinierte Handeln innerhalb von Gruppen, da sie Handlungsroutinen und Skripte für soziale Interaktionen bereitstellen und soziale Interaktionen durch Standardisierung vorhersehbar machen Gruppensozialisation Richard Moreland und John Levine (1982) haben ein Modell vorgestellt, das den Gruppensozialisationsprozess beschreibt und erklärt. Es wird angenommen, dass sich die Beziehung zwischen Individuum und Gruppe über die Zeit hinweg systematisch verändert, und dass sowohl Individuum als auch Gruppen als Agenten zu dieser Veränderung beitragen Das Modell ist für die Analyse von Prozessen innerhalb von Gruppen konzipiert worden, die über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen, deren Mitglieder wechselseitig voneinander abhängig sind, und die direkt miteinander interagieren, z.B. Arbeits- oder Projektgruppen, Sportmannschaften In dem Modell werden fünf Phasen der Gruppenmitgliedschaft unterschieden: Erkundung, Sozialisation, Aufrechterhaltung, Resozialisierung und Erinnerung Aus Sicht des Individuums ist der Übertritt von einer Phase in die nächste durch einen Rollenübergang gekennzeichnet Durch den Eintritt in die Gruppe wird aus einem potentiellen künftigen Mitglied (Erkundung) ein neues Mitglied (Sozialisation), durch die wechselseitige Akzeptanz wird aus dem neuen Mitglied ein Vollmitglied, durch Divergenzen wird aus dem Vollmitglied ein randständiges Mitglied und durch den Austritt aus einem randständigen Mitglied ein ehemaliges Mitglied 1. Erkundung: In dieser Phase suchen sich Gruppen Individuen, die einen Beitrag zu Erreichung der Gruppenziele leisten können. Individuen (als potentielle zukünftige Gruppenmitglieder) suchen wiederum nach Gruppen, die ihre Bedürfnisse befriedigen können. Legen sich beide Parteien darauf fest, eine Beziehung einzugehen, kommt es zum Eintritt in eine Gruppe (der Initiation). Dieser Eintritt ist häufig von einem Ritus, einer Zeremonie oder einer formalen Geste gekennzeichnet, die signalisiert, dass sich die Beziehung zwischen Individuum und Gruppe verändert hat. Die Initiation markiert das Ende der Erkundungsphase und den Übergang zur Sozialisationsphase. 2. Sozialisation: Gruppe und Individuum versuchen einander in wechselseitigen sozialen Einflussprozessen so zu verändern, dass ihre Beziehung für beide Seiten gewinnbringend ist. Die Einflussprozesse der Gruppe zielen darauf ab, den Beitrag des Individuums zum Erreichen der Gruppenziele zu fördern Vermittlung der Gruppennormen und -regeln und sie werden dazu angehalten diese zu befolgen; zudem lernen sie ihre Position und ihre Rolle in der Gruppe kennen (Assimilationsprozess). Der Einfluss des Individuums ist hingegen darauf gerichtet, die Gruppe so zu verändern, dass sie seine Bedürfnisse optimal befriedigt. Neue Mitglieder können beispielsweise versuchen, bestehende Normen und Regeln gemäß ihren persönlichen Zielen zu verändern (Akkommodationsprozess). Wenn beide Parteien (Gruppe und Individuum) sich infolge der Sozialisationserfahrungen weiterhin auf die Beziehung festlegen, kommt es zur wechselseitigen Akzeptanz und das Individuum wird ein Vollmitglied der Gruppe. 3. Aufrechterhaltung: Nach der Akzeptanz beginnt die Phase der Aufrechterhaltung der Gruppenzugehörigkeit. Gruppe und Individuum verhandeln über Veränderung der Position des Individuums innerhalb der Gruppe oder der Übernahme neuer Rollen (z.B. Führungsrollen), die sowohl dem Erreichen der Gruppenziele als auch der individuellen Bedürfnisbefriedigung dient. Dem Modell zufolge ist die gruppale bzw. individuelle Festlegung (bzw. das Commitment) umso höher, je erfolgreicher und gewinnbringender dieser Aushandlungsprozess ist. 4. Resozialisierung: Wenn ein Mitglied es nicht schafft, die Erwartungen der Gruppe zu erfüllen, kann die Festlegung der Gruppe auf das Mitglied nachlassen. Umgekehrt kann das Interesse eines Mitglieds an der Gruppe nachlassen, weil es mit seiner Rolle innerhalb der Gruppe unzufrieden ist, oder weil es andere Gruppen gibt, die ihm im Hinblick auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse gewinnbringender erscheinen. Beide Prozesse können dazu führen, dass das Gruppenmitglied seine Rolle innerhalb der Gruppe verliert und von einem Vollmitglied zu einem randständigen Mitglied wird. Wenn Randständigkeit innerhalb der Gruppe als Abweichung von zentralen Gruppennormen oder Werten interpretiert wird, können Abweichler erheblichem Druck ausgesetzt sein, der entweder darauf abzielt, sich wieder der Gruppe anzupassen (Resozialisierung) oder aber die Gruppe zu verlassen.

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Menschen reagieren auf den Ausschluss aus Gruppen i.d.R. äußerst sensibel (Williams, 2007). Wie neuropsychologische Untersuchungen zeigen, sind in Situationen, in denen sich Menschen sozial ausgeschlossen fühlen, offenbar dieselben Hirnareale aktiviert wie bei der Empfindung körperlichen Schmerzes (Eisenberger, Lieberman, & Williams, 2003). Wenn die Zugehörigkeit zur Gruppe einen hohen Stellenwert für das Individuum hat, kann die Angst davor, ausgeschlossen zu werden, dazu führen, dass es sich den Normen anpasst, auch wenn es diese eigentlich nicht akzeptiert. Andernfalls kommt es infolge der nachlassenden Festlegung zum Austritt aus der Gruppe. 5. Erinnerung: Nach dem Austritt aus der Gruppe bewerten das Exmitglied und die Gruppe rückblickend ihre Beziehung. Beide halten in gewissem Rahmen an der Beziehung fest, falls sie die Beziehung als positiv und gewinnbringend beurteilen. Kapitelzusammenfassung Das Sozialverhalten des Menschen ist dadurch charakterisiert, dass er Gruppen bildet. Gruppen werden dann erlebens- und verhaltensrelevant, wenn sich Individuen als Mitglieder einer sozialen Kategorie wahrnehmen und ein gewisses Maß emotionaler Bindung bezüglich dieser gemeinsamen Selbstdefinition teilen. Das Verhalten der Mitglieder innerhalb von Gruppen (und ihr Verhalten zu Mitgliedern anderer Gruppen) wird durch Gruppenormen koordiniert. Rollen innerhalb von Gruppen definieren, wie sich Personen, die eine bestimmte Funktion innerhalb der Gruppe innehaben, verhalten sollen. Im Rahmen ihrer Gruppensozialisation durchlaufen Gruppenmitglieder unterschiedliche Phasen der Gruppenmitgliedschaft. Ein zentraler Unterschied im Hinblick auf diese Phasen besteht darin, inwieweit sich Gruppe und Individuum aufeinander festlegen. 2 Sozialer Einfluss Majoritätseinfluss Ein Schwerpunkt der sozialpsychologischen Forschung zum sozialen Einfluss liegt auf der Frage, warum Menschen sich konform verhalten. Definition Konformität: Unter Konformität wird die Veränderung individueller Verhaltensweisen, Überzeugungen, Einstellungen etc. infolge sozialer Beeinflussung durch eine numerische Majorität (Mehrheit) der Gruppenmitglieder verstanden. Die individuellen Positionen werden infolge des Einflusses an die Majoritätsposition angepasst.

Informationaler Einfluss Informationaler Einfluss beruht auf dem Bedürfnis, ein möglichst akkurates Bild der sozialen Realität zu erhalten. In Situationen, in denen sich Menschen selbst unsicher bzgl. der Einschätzung eines Sachverhalts sind, orientieren sie sich daher an den Urteilen und Verhaltensweisen anderer Personen bzw. der Majorität. Definition Informationaler Einfluss: Sozialer Einfluss, der darauf beruht, dass man die von der Majorität der Gruppenmitglieder vertretenen Überzeugungen, Einstellungen etc. als angemessene Interpretationen der Realität akzeptiert. Experimente von Sherif (1936) zur Formierung sozialer Normen gelegt. Für seine Untersuchung machte sich Sherif eine optische Täuschung zu Nutze – den sog. autokinetischen Effekt. Dieser Effekt tritt auf, wenn man in einem dunklen Raum unter Abwesenheit objektiver Referenzpunkte einen Lichtpunkt fixiert. In Sherifs Untersuchung sollten die Vpn, die das autokinetische Phänomen nicht kannten, in einer Serie von Durchgängen mündlich angeben, wie weit sich der jeweils präsentierte Lichtpunkt ihrer Einschätzung nach bewegte. Gaben die Vpn ihre Urteile alleine ab, entwickelte sich im Verlauf der Durchgänge eine persönliche Norm (d.h. die Einschätzungen variierten immer dichter um einen bestimmten Schätzwert; dieser Wert war von Vp zu Vp unterschiedlich). Schon nach wenigen Durchgängen in einer Gruppe konvergierten die Einschätzungen der Vpn allerdings auf eine gemeinsame mittlere Position (die Gruppennorm), an der sich die Vpn auch dann noch orientierten, wenn sie später wieder alleine urteilten. Letzterer Befund ist besonders relevant, da er nahe legt, dass die Vpn ihre ursprüngliche (persönliche) Norm aufgegeben hatten, weil sie davon überzeugt waren, die Schätzung der Gruppe sei tatsächlich korrekter als ihre individuelle Schätzung ⇒ private Akzeptanz

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Normativer Einfluss Der normativer Einfluss lässt sich durch Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung erklären. Definition Normativer Einfluss: Normativer Einfluss beruht darauf, dass man die Erwartungen anderer Gruppenmitglieder erfüllen und negative Sanktionen bei normabweichendem Verhalten vermeiden möchte. Studie Asch In einer Serie paradigmatischer Experimente zeigte Asch (1956), dass Menschen sich auch dann der Position einer Majorität anpassen, wenn diese einen Sachverhalt ganz offensichtlich falsch beurteilt. Im Standardexperiment dieser Serie sollten die Vpn in einer Folge von 18 Durchgängen jeweils entscheiden, welche von drei Vergleichslinien die gleiche Länge wie eine Referenzlinie aufwies. Diese Aufgabe war so einfach, dass in einer Kontrollbedingung, in der die Vpn allein anwesend waren, 95% der Vpn keinen einzigen Fehler machten. Anders verhielt es sich hingegen in der Experimentalgruppe, in der die Vpn ihr Urteil abgab, nachdem zuvor mehrere andere Personen (tatsächlich Assistenten der Versuchsleitung) einstimmig und öffentlich ein falsches Urteil abgegeben hatten. Die Ergebnisse zeigten, dass unter dieser Bedingung fast 37% der von den Vpn insgesamt abgegebenen Urteile falsch waren und dem Urteil der Majorität entsprachen (bzw. deren Position reflektierten). Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jede Vp gleich viele Fehleinschätzungen abgab – tatsächlich zeigte sich eine deutliche interindividuelle Varianz. Nichtsdestotrotz bleibt bemerkenswert, dass über eine Serie von drei Experimenten hinweg nur 24% der Vpn der Experimentalgruppe sich in keinem der Durchgänge vom Majoritätsurteil beeinflussen ließ und immer die korrekte Antwort gab.

Wenn Menschen sich in öffentlichen Situationen normenkonform verhalten, ohne dass sie die entsprechende Norm privat akzeptieren, wird dies als Compliance bezeichnet 4 Situationen begünstigen Konformität 1. Interdependenz: Sind die Gruppenmitglieder im Hinblick auf die Erreichung eines Zieles voneinander abhängig, erhöht sich typischerweise die Tendenz zur Konformität. Morton Deutsch und Harold Gerard (1955) erhöhten die Abhängigkeit der Gruppenmitglieder in einer Variation des Asch-Paradigmas, indem sie den 5 Gruppen ihrer Experimentalserie, die die wenigsten Fehler machten, eine Belohnung (Tickets für ein Broadway-Stück) versprachen. Durch die wechselseitige Abhängigkeit der Gruppenmitglieder im Hinblick auf das Erreichen dieses Ziels wurde eine doppelt so hohe Konformitätsrate erzeugt wie in einer Kontrollbedingung.

2. Größe der Majorität: Bei Untersuchungen mit dem Asch-Paradigma ist der Effekt des normativen Einflusses bereits zu beobachten, wenn eine Person mit zwei Personen konfrontiert ist, die einstimmig eine andere Meinung vertreten. Zusätzliche Personen führen zu vergleichsweise geringeren Effektsteigerungen. Mit anderen Worten: Es bedarf nicht unbedingt einer zahlenmäßig extrem überlegenen Majorität, um Konformität auf der Basis von normativem Einfluss zu erzeugen. 3. Unabhängigkeit der Quellen: Ein Faktor, von dem abhängt, ob die Konformität weiter zunimmt, wenn die Person mit mehr als zwei Personen konfrontiert ist, die eine abweichende Meinung vertreten, besteht darin, ob diese anderen Personen als unabhängige Urteiler oder als „Stimmvieh“ angesehen werden. Wie David Wilder (1977) zeigte, üben zwei unabhängige Gruppen à zwei Personen einen größeren Einfluss aus als vier Personen, die ihr Urteil als Gruppenurteil abgeben. Ebenso üben drei Gruppen à zwei Personen mehr Einfluss aus als eine Gruppe à sechs Personen. Mehrere unabhängige Informationsquellen werden also als verlässlicher angesehen als ein Gruppenurteil.

4. Einstimmigkeit der Majorität: In einer Variation seines experimentellen Paradigmas manipulierte Asch (1951) die Einstimmigkeit dadurch, dass der Assistent des Versuchleiters, der unmittelbar vor der Vp antwortete, ein korrektes Urteil abgab. Das Ausmaß der Tendenz zur Konformität verringerte sich dadurch drastisch – auf 5,5%. Um herauszufinden, ob die Abnahme der Konformität durch das Aufbrechen der Einstimmigkeit der Majoritätsmeinung bedingt war, oder dadurch, dass die Vp nun soziale Unterstützung für ihre eigene Meinung hatte, kreierte Asch eine weitere Bedingung. Der Assistent gab nun ebenfalls ein von der Majorität abweichendes Urteil ab, dieses war allerdings ebenfalls falsch. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Abweichung im Hinblick auf die Reduktion von Konformität ebenso wirksam war wie ein korrektes Urteil. Dieser Befund unterstreicht, wie wichtig „Abweichler“ als Rollenmodelle für Widerstand gegen Konformitätsdruck sind – eine Schlussfolgerung, die durch eine Reihe ähnlicher Untersuchungen zum Widerstand gegen Einflussversuche von Majorität untermauert wird (Allen, 1975) ⇒ Widerstand

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Die Rolle von Selbstkategorisierungsprozessen John Turner (1991) , Selbstkategorisierungstheorie: seiner Analyse zufolge sollte es insbesondere dann zu sozialem Einfluss kommen, wenn • die Einflussquelle(n) als Mitglied(er) der Eigengruppe wahrgenommen werden (Einflussversuche von Fremdgruppenmitgliedern sollten hingegen zurückgewiesen werden) und • die Position der Quelle(n) relativ prototypisch für die Eigengruppe ist (d.h. sie ist typisch für die Eigengruppe, aber wenig typisch für die Fremdgruppe) Für diese Position finden sich empirische Belege. Nichtsdestotrotz: Obwohl sich Menschen im Einklang mit der Selbstkategorisierungstheorie typischerweise eher von (prototypischen) Mitgliedern ihrer eigenen Gruppe beeinflussen lassen, kann unter bestimmten Bedingungen auch Einfluss von Fremdgruppenmitgliedern ausgeübt werden

Gehorsam gegenüber Autoritäten Bislang haben wir uns damit befasst, weshalb sich Personen durch Gruppenmitglieder beeinflussen lassen, die den gleichen Status haben wie sie selbst. Ein anderer Fall liegt vor, wenn Einfluss von einer Autorität innerhalb der Gruppe ausgeübt wird Autoritäten haben eine höhere Statusposition, und sie verfügen über Möglichkeiten der Sanktionierung von Ungehorsam. Warum gehorchen Menschen? Informationaler Einfluss: Autoritäten werden besondere Kompetenzen und Kenntnisse zugeschrieben; sie sind legitimiert, Gehorsam einzufordern; ihre Entscheidungen werden daher als richtig und angemessen akzeptiert Zum anderen gehorchen Personen Autoritäten, da sie Furcht vor der Sanktionierung von Ungehorsam haben (normativer Einfluss). In hierarchisch strukturierten Gruppen, Organisationen oder Institutionen (Familien, Sportmannschaften, Schulen, Betrieben, militärischen Organisationen etc.) schreiben Normen den Gehorsam gegenüber Autoritäten vor, und die Akzeptanz dieser Normen spielt eine wichtige Rolle für die Funktionsfähigkeit dieser sozialen Systeme Sozial problematisch wird Gehorsam dann, wenn Personen Anweisungen von Autoritäten Folge leisten, obwohl das von ihnen geforderte Verhalten in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen oder allgemein akzeptierten moralischen Prinzipien steht (Stichwort: Kriegsverbrechen) Das Milgram-Experiment (1974) In einer als Lernexperiment getarnten Untersuchung wurden psychisch unauffällige erwachsene Vpn unterschiedlicher sozialer Herkunft der Rolle eines „Lehrers“ zugeteilt, dessen Aufgabe es war, falsche Antworten eines Schülers durch die Applikation von Elektroschocks zu bestrafen (angeblich um herauszufinden, wie sich Bestrafung auf das Lernen auswirkt). Bei dem Schüler handelte es sich vermeintlich um eine andere Vp, tatsächlich war der Schüler aber ein Assistent des Vl. Der Schüler wurde im angrenzenden Raum an einen Stuhl geschnallt und an seinem Arm wurden Elektroden befestigt. Der Vl wies die Vp in der Lehrerrolle an, beim ersten Fehler des Schülers über einen Schockgenerator einen Schock von 15 Volt zu applizieren und die Dosis mit jedem weiteren Fehler um 15 Volt bis 450 Volt zu erhöhen. Um dem „Lehrer“ einen Eindruck von der Dosis zu vermitteln, verabreichte der Vl ihm zur Probe einen Schock von 45 Volt, der bereits recht schmerzhaft ist. Der Schüler gab bei den ersten Durchgängen zunächst die richtigen Antworten, machte dann jedoch wiederholt Fehler.

Hauptergebnisse: In einer Serie von Experimenten beobachtete Milgram, dass ein hoher Prozentsatz der Vpn dem Schüler als Bestrafung für falsche Antworten intensive elektrische Schocks verabreichte, - und dies, obwohl sie glaubten, die Schocks wären sehr schmerzhaft und sogar lebensbedrohlich für die andere Person Beginnend mit der Applikation von 75 Volt konnten die Vpn hören, wie der Schüler schmerzhafte Schreie ausstieß, ab einer Dosis von 150 Volt bat der Schüler den Vl darum, das Experiment abzubrechen Nichtsdestotrotz folgte ein Großteil der Vpn den Aufforderungen des Vl, das Experiment fortzusetzen; über 60% waren sogar bereit, die Maximaldosis von 450 Volt zu applizieren Als Milgram seine Experimente durchführte, herrschte in der Wissenschaft (und der weiteren Gesellschaft) die Auffassung vor, nur Personen, die einen besonders obrigkeitshörigen Charakter hätten, wären zu destruktivem Gehorsam bereit Milgrams Experimente legen hingegen nahe, dass auch der „Durchschnittsmensch“ dazu gebracht werden kann, einer Autorität folge zu leisten, selbst wenn das Verhalten gegen eigene Werte und Überzeugungen verstößt Susanna Lopez

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Erklärungen: Normativer Einfluss: In den Experimenten von Milgram machte es der normative Druck den Vpn schwer, die Vergabe von Schocks für fehlerhafte Antworten des Schülers zu verweigern. Der Vl versuchte, die Vpn gezielt durch autoritäres Auftreten und strenge Instruktionen dazu zu bringen, Gehorsam zu leisten. Diese Instruktionen waren streng standardisiert. Falls eine Vp keine Schocks verabreichen wollte, folgte eine erste Instruktion „Bitte machen Sie weiter!“, war diese Instruktion nicht erfolgreich, folgte eine zweite Instruktion „Das Experiment verlangt es, dass sie weitermachen!“, danach eine dritte „Es ist absolut essentiell, dass sie weitermachen!“ und schließlich eine vierte „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen.“ Wenn eine Autoritätsperson so darauf besteht, dass man gehorcht, ist es für viele Menschen i.d.R. schwierig, sich zu widersetzen Informationaler Einfluss: Der Vl war zwar autoritär und fordernd, nichtsdestotrotz – die Vpn wurden in keiner Weise bedroht; es war ihnen freigestellt, aufzustehen und zu gehen. Warum taten viele von ihnen dies also nicht? Hier kommt die Macht informationalen Einflusses ins Spiel. Wie wir bereits erläutert haben, ist informationaler Einfluss insbesondere in mehrdeutigen, unklaren oder neuen Situationen wirksam, für die die Menschen keine Verhaltensroutinen haben. In diesen Situationen orientieren sich Menschen an anderen Personen. Für die Vp war es in der Experimentalsituation naheliegend, sich auf die Einschätzungen des Vl zu verlassen. Der Schüler schrie zwar vor Schmerz, der Vl erklärte aber, dass die Schocks keinen dauerhaften Schaden anrichten würden, auch wenn sie schmerzhaft seien. Die Vpn befanden sich in einer Dilemmasituation – einerseits wollten sie niemanden verletzen, andererseits hatten sie eingewilligt, an einer wissenschaftlichen Untersuchung teilzunehmen. Diese Dilemmasituation begünstigte, dass sich die Vpn am Vl (einem Experten) orientierten, um eine Entscheidung zu treffen. Die Annahme, dass informationaler Einfluss eine wichtige Rolle spielte, wird insbesondere durch folgende Variation des Paradigmas unterstützt: In einer Bedingung gaben zwei Vl der Vp die Instruktionen. Als der Schüler das erste Mal aufschrie, fingen die beiden Vl an, darüber zu diskutieren, ob sie das Experiment fortsetzen sollten. In dieser Situation hörten 100 Prozent der Vpn in der Lehrerrolle auf, den nachfolgenden Instruktionen Folge zuleisten. Wichtig ist auch hier: Nicht die Schreie des Schülers haben die Vp dazu gebracht, nicht mehr zu gehorchen. Vielmehr wurde der Expertenstatus der Vl durch ihre Uneinigkeit in Frage gestellt – sie dienten also nicht mehr als vertrauenswürdige Quellen im Hinblick auf die Einschätzung, was das angemessene Verhalten in der Situation war Selbstrechtfertigung: Schließlich ist ein weiterer psychologisch relevanter Aspekt des Experiments erwähnenswert. Der Vl wies die Vpn an, die Schocks graduell zu erhöhen. Die Vpn standen jeweils der Entscheidung gegenüber, die Dosis um weitere 15 Volt zu erhöhen. Da sie dieser Dosis schon zu Beginn der Untersuchung zugestimmt hatten, wurde es mit jeder nachfolgenden Entscheidung für sie schwieriger zu entscheiden, an welchem Punkt sie nicht weitermachen würden – es waren ja immer nur 15 Volt Erhöhung. Anders hätte es sich verhalten, wenn die Vp einmal eingewilligt hätte, einen Schock von 15 Volt zu applizieren und anschließend aufgefordert worden wäre, die Dosis um 200 Volt zu erhöhen – dies wäre eine neue Entscheidungssituation gewesen Durch experimentelle Variationen seines Paradigmas erbrachte Milgram auch aufschlussreiche Hinweise dafür, in welchen Situationen die Bereitschaft zu Gehorsam abnimmt: Dies war u.a. der Fall, wenn • die Distanz zum „Opfer“ verringert wurde, • wenn die Legitimität der Autoritätsperson in Frage stand, oder • wenn andere Teilnehmer (Assistenten des Vl) sich weigerten, zu gehorchen. Letzterer Befund unterstreicht erneut die Bedeutung von Abweichlern als Rollenmodelle für Widerstand Das experimentelle Vorgehen Milgrams löste heftige Kontroversen über die ethischen Grenzen psychologischer Forschung aus. Milgram brachte seine Vpn in eine psychisch hochgradig belastende Situation. Viele der Vpn, die der Autorität Folge geleistet hatten, litten im Nachhinein unter Schuldgefühlen. Ein Ergebnis dieser Kontroverse sind die heute geltenden Ethikrichtlinien für psychologische Forschung, nach denen Experimente, wie jene zu Gehorsamsverhalten von Milgram, nicht zulässig sind Susanna Lopez

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Minoritätseinfluss Die bisherige Darstellung mag den Eindruck erwecken, dass sozialer Einfluss unidirektional verläuft – die Majorität (oder eine legitimierte Autorität) übt Einfluss auf eine Minorität aus Allerdings existieren zahlreiche historische Beispiele dafür, dass Erneuerung und Fortschritt in Wissenschaft, Kunst oder Politik dadurch ausgelöst wurden, dass Majoritäten Positionen übernommen haben, die ursprünglich nur von Einzelpersonen oder Minoritäten innerhalb der Gruppe (oder Gesellschaft) vertreten wurden Sozialpsychologen Serge Moscovici (1976), Theorie des Minoritätseinflusses Dieser Theorie zufolge ist der Minoritätseinfluss eine entscheidende Triebkraft für Innovation und sozialen Wandel innerhalb von Gruppen und Gesellschaften (Majoritäten sorgen hingegen eher für Stabilität und Traditionalismus) Die Wirksamkeit von Minoritätseinfluss hängt Moscovicis Theorie zufolge entscheidend vom Verhaltensstil der Minorität ab: Eine Minorität wird insbesondere dann erfolgreich (informationalen) sozialen Einfluss ausüben, wenn sie ihren abweichenden Standpunkt konsistent vertritt d.h., wenn sie ihre Position einstimmig und über die Zeit hinweg aufrechterhält. Experiment zum Minoritätseinfluss: um ihre Hypothesen zum Minoritätseinfluss zu testen, verwendeten Moscovici, Lage und Naffrechoux (1969) ein „Spiegelbild“ des Paradigmas von Asch. In Sechsergruppen (vier tatsächliche Vpn und zwei als Vpn „getarnte“ Assistenten der Vl) sollte die Farbe einer Serie von Dias beurteilt werden (alle Dias waren blau, variierten aber hinsichtlich der Helligkeit). Wenn die beiden Assistenten der Versuchsleitung in allen Durchgängen darauf bestanden, dass die Dias grün (statt blau) waren, schloss sich tatsächlich ein kleiner aber statistisch bedeutsamer Teil der Vpn in mindestens einem Durchgang dieser Einschätzung an. Wenn sie sich allerdings inkonsistent verhielten, war kein Einfluss auf die Einschätzungen der Mehrheit nachzuweisen

Diese Befunde sind repräsentativ für weitere Forschungsergebnisse, die den Einfluss konsistent auftretender Minoritäten auf die Majorität belegen Annahmen Moscovici’s Minoritätseinfluss ⇒ sozialer Validierung (bzw. systematischer Verarbeitung) ⇒ führt eher zu privater Akzeptanz Mehrheitseinfluss ⇒ sozialen Vergleichen (bzw. relativ oberflächlicher Verarbeitung) ⇒ führt eher zu Compliance Die empirische Befundlage ist diesbezüglich allerdings nicht einheitlich Kapitelzusammenfassung Warum sich Menschen den innerhalb einer Gruppe vorherrschenden Normen anpassen, lässt sich durch zwei unterschiedliche soziale Einflussprozesse erklären: informationaler und normativer Einfluss. Während informationaler Einfluss auf das Bedürfnis zurückgeführt werden kann, ein möglichst akkurates Bild der sozialen Realität zu erhalten, lässt sich normativer Einfluss durch Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung erklären. Informationaler und normativer Einfluss spielen auch für die Erklärung von Gehorsam gegenüber Autoritäten eine wichtige Rolle. Autoritäten werden besondere Kompetenzen und Kenntnisse zugeschrieben; sie sind legitimiert, Gehorsam einzufordern; ihre Entscheidungen werden daher als richtig und angemessen akzeptiert. Zum anderen gehorchen Personen Autoritäten, da sie Furcht vor der Sanktionierung von Ungehorsam haben (normativer Einfluss). Sozial problematisch wird Gehorsam dann, wenn Personen Anweisungen von Autoritäten Folge leisten, obwohl das von ihnen geforderte Verhalten in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen oder allgemein akzeptierten moralischen Prinzipien steht. Sozialer Einfluss ist keine „Einbahnstraße“ – von der Gruppe oder der Majorität auf das Individuum. Minoritäten können eine Gruppenmehrheit ebenfalls beeinflussen, und zwar dann, wenn sie ihren abweichenden Standpunkt geschlossen, konsequent und zeitstabil vertreten.

3 Entscheiden und Arbeiten in Gruppen Effekte der bloßen Anwesenheit anderer Personen Führt die bloße Anwesenheit anderer Personen zu einer Leistungssteigerung oder zu Leistungsminderung im Vergleich zu Situationen, in denen die Person die Aufgabe allein bearbeitet? Susanna Lopez

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einer

Robert Zajonc (1965) zufolge hängt dies maßgeblich von der Art der Aufgabe ab, die eine Person in Anwesenheit anderer bearbeitet: Bei der Bearbeitung leichter oder hoch überlernter Aufgaben sollte die bloße Anwesenheit anderer zu einer Leistungssteigerung führen (soziale Erleichterung) Bei Aufgaben, die komplex oder neu sind oder deren Bewältigung noch nicht gut erlernt wurde, sollte sich die Anwesenheit anderer hingegen negativ auf die Leistung auswirken (soziale Hemmung). Definition Soziale Erleichterung vs. soziale Hemmung: Individuelle Leistungssteigerung(-minderung) aufgrund der bloßen Anwesenheit anderer Personen bei der Bearbeitung einfacher (schwerer) oder hoch überlernter (unzureichend gelernter) Aufgaben infolge eines gesteigerten Erregungsniveaus. Annahme: die Anwesenheit anderer führt zu einer gesteigerten körperlichen Erregung führt. Diese wiederum verstärkt die Wahrscheinlichkeit der Ausübung dominanter Reaktionen (z.B. Verhaltensweisen, für die aufgrund häufiger Ausübung Routinen vorliegen) Bei einfachen oder hoch überlernten Aufgaben ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die dominante Reaktion die angemessene Reaktion ist – es kommt daher zur Leistungssteigerung Bei komplexen, neuen oder unzureichend erlernten Aufgaben ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die dominante Reaktion nicht zur Lösung führt – es kommt daher zur Leistungsminderung Als Ursachen für die Zunahme von Erregung durch die Anwesenheit werden u.a. folgende drei Faktoren diskutiert (Bond & Titus, 1983): 1) Biologische Faktoren: Biologische Untersuchungen zeigen, dass die körperliche Anwesenheit von Mitgliedern derselben Spezies zu einer angeborenen Zunahme der Erregung führt 2) Bewertungsangst: Die Sorge, von anderen aufgrund der eigenen Leistung bewertet zu werden, führt zu einer Zunahme körperlicher Erregung 3) Ablenkung: Aufgrund der Anwesenheit anderer kommt es zu einem Aufmerksamkeitskonflikt durch Ablenkung, der zu einer Erregungssteigerung führt.

Studie: Meta-Analyse von Bond und Titus (1983), in der 241 Studien zusammenfassend ausgewertet wurden, kommt zu demSchluss, dass soziale Erleichterung oder soziale Hemmung im Allgemeinen einen eher geringen Einfluss auf die individuelle Leistung hat – negative Effekte sind allerdings um so stärker, je komplexer die Aufgabe ist. Weitere Studien weisen zudem auf interindividuelle Unterschiede hin: Personen mit geringem Selbstwertgefühl reagieren in Leistungssituationen in Anwesenheit anderer häufig mit einem ungewöhnlich hohen Erregungsniveau, was sich bei komplexen Aufgaben hemmend auswirkt (Uziel, 2007).

Entscheidungsprozesse in Gruppen Die Zusammenarbeit in Gruppen erfordert in vielen Fällen gemeinsames Entscheiden. In den folgenden Abschnitten werden wir uns daher näher mit Entscheidungsprozessen in Gruppen befassen.

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Gruppenpolarisation Definition Gruppenpolarisation: Die Tendenz von Gruppen im Anschluss an Gruppendiskussionen Positionen zu vertreten, die extremer sind als der Durchschnitt der ursprünglich von den Gruppenmitgliedern vertretenen Positionen. Erklärungen für dieses Phänomen: Numerische Majoritäten haben gegenüber Minoritäten in Gruppendiskussionen über eine Reihe von „strategischen“ Vorteilen im Hinblick auf die Überzeugung unentschlossener oder anders positionierter Gruppenmitglieder verfügen. 1) Bei oberflächlicher Verfolgung der Diskussion Orientierung an einfachen Heuristiken (Die Mehrheit hat recht) 2) Aber auch bei systematischer Informationsverarbeitung ist die Majorität im Vorteil: • Majoritätsargumente sind zahlreicher: Je mehr Mitglieder einer Gruppe eine bestimmte Position vertreten, desto mehr unterschiedliche Argumente für diese Position liegen aller Wahrscheinlichkeit vor. Wenn Gruppenmitglieder überzeugende Argumente hören, die sie vorher nicht berücksichtigt haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich diesen Argumenten anschließen (Hinsz & Davis, 1984). • Majoritätsargumente werden häufiger diskutiert: Informationen über die mehrere Mitglieder verfügen (sozial geteilte Informationen), werden typischerweise häufiger diskutiert, als Informationen,über die nur ein Mitglied verfügt – möglicherweise werden entscheidungsrelevante Informationen systematisch vernachlässigt werden (z.B. Stasser & Stewart, 1992). Durch die überproportionale Diskussion der sozial geteilten Argumente erfährt die Mehrheitsposition weitere Bestätigung. • Majoritätsargumente werden von mehr unabhängigen Quellen vertreten: Es wirkt überzeugender, wenn dasselbe Argument von drei unterschiedlichen Personen vertreten wird, als wenn eine Person das identische Argument dreimal wiederholt. Solange die Personen als unabhängig voneinander wahrgenommen werden, wirkt die Wiederholung durch andere Personen als Bestätigung für die Gültigkeit bzw. Korrektheit des Arguments. • Majoritätsargumente werden überzeugender präsentiert: Von einer Majorität abzuweichen, wird häufig als unangenehm und verunsichernd erlebt. Dies schlägt sich auch im Argumentationsstil nieder. Gruppenmitglieder hören also nicht nur mehr Argumente, die die Majoritätsposition unterstützen, sondern diese werden häufig auch überzeugender präsentiert und mit größerer Sicherheit vorgetragen

Gruppendenken Gruppenpolarisation kann – muss aber nicht zu Fehlentscheidungen führen Unter bestimmten Umständen entwickeln sich in Gruppen allerdings Prozesse, die systematisch zu schlechten oder realitätsfernen Entscheidungen führen. Definition Gruppendenken: Ein defizitärer Entscheidungsprozess in hoch-kohäsiven Gruppen, bei dem das Streben nach einer konsensual geteilten Entscheidung derart im Vordergrund steht, dass relevante Fakten und mögliche Handlungsalternativen nicht berücksichtigt werden (Janis, 1972) Nach Janis wird Gruppendenken durch folgende Bedingungen gefördert: • Extrem hohe Gruppenkohäsion • Abschottung der Gruppe von externen Informationsquellen • Mangel an verbindlichen Prozeduren oder Normen, die eine systematische Berücksichtigung relevanter Fakten fördern. • Direktive Führung, die den Druck zur Konformität erhöht. (Mitglieder, die eine andere Meinung vertreten, passen sich aus Angst vor Sanktionierung der vorherrschenden Meinung an.) • Hoher Stress (z.B. Zeitdruck, äußere Bedrohung) Der unter solchen Bedingungen erzielte Konsens ist eine Illusion: Er reflektiert weder die Konvergenz unterschiedlicher Standpunkte noch gibt er die privaten Überzeugungen der Gruppenmitglieder wider Die Befundlage ist allerdings gemischt

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Übereinstimmung besteht allerdings bei der Einschätzung, dass ein Hauptgrund für Fehlentscheidungen in der Vernachlässigung (oder Unterdrückung) von abweichenden Meinungen besteht, obwohl diese korrekt sind Wie lässt sich Gruppendenken entgegenwirken? • die Führungsperson sollte bei der Entscheidungsfindung keine direktive Rolle einnehmen, • sie sollte die Diskussion so strukturieren, dass alle relevanten Informationen, die einzelnen Mitgliedern vorliegen, mit der Gruppe geteilt werden, • sie sollte zur Diskussion von abweichenden Positionen ermutigen, • sie sollte die Meinung externer Experten zum Thema einholen und • Abstimmungen über die endgültige Entscheidung sollten geheim, statt öffentlich stattfinden.

Gruppenleistung Gruppenarbeit wird häufig eingesetzt, weil man sich davon eine Leistungssteigerung erhofft. Ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung der Effizienz von Gruppenarbeit resultiert aus dem Vergleich des Gruppenpotenzials mit der tatsächlichen Gruppenleistung. Definition Gruppenpotenzial: Die Leistung, die aufgetreten wäre, wenn die Gruppenmitglieder unabhängig voneinander und nicht als Gruppe an der Aufgabe gearbeitet hätten. Für die Bestimmung des Gruppenpotenzials ist der Typ der Gruppenaufgabe entscheidend (zur Klassifikation von Gruppenaufgaben s. Steiner, 1972). Bei additiven Aufgaben (z.B. Schneeschaufeln) ergibt sich das Gruppenpotenzial aus der Summe der Leistungen der individuellen Mitglieder, wenn sie nicht in einer Gruppe zusammenarbeiten. Bei disjunktiven Aufgaben muss sich eine Gruppe für genau eines von mehreren Urteilen entscheiden (z.B. Problemlösen). Das Gruppenpotenzial wird hier durch die beste individuelle Leistung eines Mitglieds definiert. Bei konjunktiven Aufgaben hingegen ist es erforderlich, dass alle Gruppenmitglieder die Aufgabe erfolgreich abschließen (z.B. Staffellauf). Das Gruppenpotenzial ist durch die individuelle Leistung des schwächsten Mitglieds definiert. Wenn die tatsächliche Gruppenleistung unterhalb des Gruppenpotenzials liegt, ist es wahrscheinlich, dass Prozessverluste aufgetreten sind; liegt sie oberhalb des Gruppenpotenzials, sind offenbar Prozessgewinne aufgetreten Formel von Hackman und Morris (1975) Tatsächliche Gruppenleistung = Gruppenpotenzial – Prozessverluste +Prozessgewinne. Es werden zwei Arten von Prozessverlusten unterschieden: Koordinationsverluste und Motivationsverluste. Koordinationsverluste Zu Koordinationsverlusten kommt es, wenn eine Gruppe nicht in der Lage ist, die individuellen Beiträge ihrer Mitglieder zur Zielerreichung optimal zu koordinieren • Die Aufgabenverteilung innerhalb einer Gruppe ist unklar, • die individuellen Stärken und Schwächen individueller Mitglieder wurden bei der Zuweisung von Aufgaben und Positionen nicht angemessen berücksichtigt, • die Kommunikationsstrukturen und Arbeitsabläufe innerhalb der Gruppe sind ineffektiv Koordinationsverluste am Beispiel Brainstorming: Anders als man vielleicht intuitiv annehmen würde, zeigen Forschungsarbeiten, dass Brainstorming in einer Gruppe typischerweise dazu führt, dass insgesamt weniger (und auch weniger unterschiedliche) Ideen generiert werden, als dies der Fall wäre, wenn die gleiche Anzahl an Personen ihre Ideen alleine generiert hätten (Mullen, Johnson, & Salas, 1991). Ein Grund hierfür besteht in der Produktionsblockierung: Beim Brainstorming rufen die Gruppenmitglieder ihre spontanen Ideen laut in den Raum. Während eine Person dies tut, ist diese Möglichkeit für die anderen blockiert, was dazu führen kann, dass sie die Idee wieder vergessen, oder aus anderen Gründen davon absehen, sie zu äußern.

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Motivationsverluste Drei unterschiedliche Prozesse die zu Motivationsverlusten führen: • Soziales Faulenzen: Sind die individuellen Beiträge der einzelnen Gruppenmitglieder zur Zielerreichung nicht identifizier- bzw. bewertbar, kann es dazu kommen, dass die einzelnen Gruppenmitglieder sich weniger anstrengen. • Soziales Trittbrettfahren: Wenn Gruppenmitglieder wahrnehmen, dass sich schon genügend Personen für das gemeinsame Ziel engagieren, können sie darauf spekulieren, dass das Ziel auch ohne ihr eigenes Zutun erreicht wird. Dies kann zu einer Reduktion der eigenen Anstrengung bis hin zur völligen Passivität führen. • Trotteleffekt: Wenn Gruppenmitglieder annehmen, dass sich andere Mitglieder der Gruppe nur wenig engagieren, kann dies dazu führen, dass sie ihre eigene Anstrengung ebenfalls reduzieren, weil sie vermeiden möchten, ausgenutzt zu werden und als „Trottel“ dazustehen (Kerr, 1983). Ausmaß und Art der auftretenden Prozesse hängen vom Aufgabentyp und der Gruppengröße ab additiven Aufgaben: in großen Gruppen können potenziell alle drei Prozesse zur Leistungsminderung führen. Disjunktiven und konjunktiven Aufgaben: ist das soziale Faulenzen typischerweise weniger wahrscheinlich, da die individuellen Beträge identifizierbar sind. Dafür kann je nach spezifischer Aufgabe ein erhöhtes Risiko für Trittbrettfahren und Trotteleffekte bestehen.

Motivationsgewinne Zusammenarbeit auch zu Motivationsgewinnen führen, so dass die tatsächliche Leistung über dem Gruppenpotenzial liegt (s. Baron & Kerr, 2003). • Sozialer Wettbewerb: Sind die individuellen Leistungen der Gruppenmitglieder identifizierbar, bzw. besteht die Möglichkeit sozialer Vergleiche innerhalb der Gruppe, sind die Mitglieder einer Gruppe möglicherweise motiviert, besser abzuschneiden als andere Gruppenmitglieder. Dies kann dazu führen, dass sie sich innerhalb der Gruppe mehr anstrengen (z.B. Stroebe, Diehl, & Abakoumkin, 1996). • Soziale Kompensation: Insbesondere in hoch kohäsiven Gruppen oder in Fällen, in denen das Erreichen des Gruppenziels hoch relevant für die einzelnen Mitglieder ist, ist zu beobachten, dass die leistungsstärkeren Mitglieder der Gruppe sich mehr anstrengen, als sie dies unter individuellen Bedingungen täten, um die Leistungsdefizite schwächerer Gruppenmitglieder auszugleichen (z.B. Williams & Karau, 1991). • Köhler-Effekt: Sind die individuellen Beiträge zum Erreichen des Gruppenziels identifizierbar, kann auch beobachtet werden, dass schwächere Mitglieder der Gruppe mehr arbeiten, als sie dies unter individuellen Bedingungen täten, um zu vermeiden, für eine schlechte Gruppenleistung verantwortlich gemacht zu werden. Dies ist insbesondere dann zu erwarten, wenn ihnen die Zugehörigkeit zur Gruppe sehr wichtig ist, und sie aufgrund einer schlechten Leistung den Ausschluss aus der Gruppe antizipieren (Hertel, Kerr, & Messé, 2000).

Wie lässt sich die Gruppenleistung verbessern? Die Steigerung von Prozessgewinnen (und die Reduktion von Prozessverlusten) lassen sich einerseits durch effektive Führung von Gruppen durch die Führungspersonen realisieren. Ein weiterer Weg besteht in der Steigerung der Identifikation mit der Gruppe durch einen respektvollen Umgang miteinander. Führung Definition Führung: Ein Prozess der sozialen Einflussnahme, durch den ein oder mehrere Mitglieder einer Gruppe andere Gruppenmitglieder motivieren und befähigen, etwas zur Erreichung der Gruppenziele beizutragen. Führerorientierte Ansätze Die meisten der frühen Ansätze zu Führungsverhalten, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurden, konzentrierten sich auf die Untersuchung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften, Fertigkeiten und Verhaltensweisen von Führungspersonen

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Eine gemeinsame Grundannahme dieser Perspektive besteht darin, dass die Eigenschaften, die Führungspersonen für ihre Rolle qualifizieren, angeboren sind und man daher für Führungspositionen „geboren sein muss“ Empirisch ermittelte Zusammenhänge zwischen den vermuteten relevanten Merkmalen von Führungskräften (z.B. Intelligenz) sind i.d.R. allerdings relativ gering Neuere Untersuchungen berichten beispielsweise positive Korrelationen zwischen Extraversion, Offenheit für Erfahrungen und Gewissenhaftigkeit und Indikatoren effektiver Führung, die zwischen .20 und .30 variieren (z.B. Judge, Bono, Ilies, & Gerhard, 2002).

Kontingenzansätze Kontingenzansätze gehen davon aus, dass die Effektivität von Führung aus einem Zusammenspiel von Merkmalen der Führungsperson und Merkmalen der Führungssituation resultiert Fiedler(1971) unterscheidet in seinem Ansatz zwischen zwei Führungsstilen: 1. Aufgabenorientierte Führung – sie dient dazu, Gruppen- und Kommunikationsstrukturen zu schaffen und Ressourcen bereitzustellen die der Zielerreichung dienen und 2. beziehungsorientierte Führung – sie dient dazu, den Zusammenhalt der Gruppe zu stärken und die Qualität der Beziehungen der Gruppenmitglieder untereinander zu verbessern. Die zentrale Annahme des Ansatzes besteht darin, dass keiner der beiden Führungsstile grundsätzlich effektiver ist als der andere, sondern, dass die Effektivität einer eher aufgabenoder eher beziehungsorientierten Führung von den Merkmalen der Führungssituation abhängt Relevant sind insbesondere folgende Situationsmerkmale: • Merkmale der Gruppenaufgabe (ist sie eher komplex oder relativ einfach strukturiert?), • Merkmale der Beziehung zwischen der Führungsperson und den Geführten (Vertrauen und mögen die Geführten die Führungsperson oder nicht?) und • die Macht, die mit der Führungsposition einhergeht (Verfügt die Führungsperson über Sanktionierungsmacht oder nicht?). Führung ist dann effektiv, wenn die Führungsperson: • die relevanten Charakteristika von Situationen, die Führung erfordern, erkennt und • darauf mit der richtigen Balance zwischen aufgabenorientierter und beziehungsorientierter Führung reagiert (z.B. Yukl, 2005).

Intragruppaler Respekt: Effektive Führung ist allerdings nur ein Weg, die Gruppenarbeit erfolgreich zu gestalten. Ein anderer Weg geht von den Mitgliedern der Gruppe selbst aus Neuere Forschung weist zur Kooperation in Gruppen insbesondere auf die Rolle eines respektvollen Umgangs der Gruppenmitglieder untereinander (z.B. Ellemers & Boezeman, 2009; Simon & Stürmer, 2003) hin Die Forschung wurde durch die soziale Gerechtigkeitsforschung beeinflusst Definition Respek: bezieht sich in diesem Forschungszusammenhang auf eine faire und prinzipiell wohlwollende Behandlung durch andere Gruppenmitglieder, die dem Empfänger signalisiert, ein gleichberechtigtes Mitglied der Gruppe zu sein (z.B. Tyler & Blader, 2000; Tyler & Smith, 1999). Mittlerweile liegt eine Vielzahl von empirischen Befunden vor, die zeigen, dass die Wahrnehmungen von anderen Gruppenmitgliedern respektiert zu werden (d.h. als gleichberechtigt anerkannt zu sein), dazu führt, dass sich die Gruppenmitglieder stärker für die Gruppe und ihre Ziele engagieren (z.B. Stürmer, Simon, & Loewy, 2008) Stärkere Identifikation mit ihrer Gruppe (eigene Selbstdefinition wird gestärkt) Die gesteigerte Identifikation führt wiederum zu einer Internalisierung der Gruppenziele – so das sich die Mitglieder der Gruppe diesen Zielen gegenüber innerlich verpflichtet fühlen und sich entsprechend verhalten

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Studie (Simon & Stürmer, 2003; Simon, Lücken, & Stürmer, 2006; Stürmer et al., 2008). In einem Laborexperiment dieser Untersuchungsreihe wurden die Vpn Glauben gemacht, sie arbeiteten mit anderen Vpn in einer virtuellen Arbeitsgruppe mit vier anderen Mitgliedern an einer gemeinsamen Gruppenaufgabe. Über fingierte E-Mails, die angeblich von den anderen Mitgliedern ihrer Arbeitsgruppe gesendet wurden, erhielten die Vpn entweder respektvolle oder disrespektvolle Rückmeldungen bezüglich einer Reihe von Vorschlägen, die sie im Rahmen der Zusammenarbeit als Diskussionsgrundlage an die Gruppenmitglieder geschickt hatten. Unter der Bedingung respektvoller Behandlung erhielten sie per E-Mail (fingierte) positive Rückmeldung eines anderen Gruppenmitglieds. Unter der Bedingung disrespektvoller Behandlung erhielten die Vpn per E-Mail negative Kommentare. Zudem beinhaltete das Experiment auch eine Manipulation expliziter positiver oder negativer Bewertung der Vorschläge in Form von Schulnoten. Wie erwartet, führte die respektvolle Behandlung im Vergleich zur disrespektvollen Behandlung zu einer Steigerung der sozialen Identifikation mit der Gruppe und zu einer gesteigerten Kooperationsbereitschaft. Dieser Effekt war unabhängig von der expliziten Bewertung. Tatsächlich förderte eine respektvolle Behandlung die soziale Identifikation und die Kooperationsbereitschaft auch unter der Bedingung, dass die Vorschläge von den Anderen negativ bewertet worden waren. Für die Vpn war also die Art und Weise der Behandlung innerhalb der Gruppe (respektvoll vs. disrespektvoll) wichtiger als das konkrete Ergebnis (eine positive oder negative Bewertung). Mediationsanalysen bestätigten zudem, dass der Effekt wahrgenommenen Respekts auf die Kooperationsbereitschaft über die Stärkung der Identifikation mit der Gruppe vermittelt wurde.

Kapitelzusammenfassung Schon die bloße Anwesenheit von einer oder mehreren Personen kann einen Einfluss auf die individuelle Leistung ausüben, und dies selbst dann, wenn die anwesenden Personen sich passiv verhalten und keinen Versuch unternehmen, die Leistung zu beeinflussen. Entscheidungsprozesse in Gruppen können durch eine Reihe von Faktoren beeinträchtigt werden. Ein Hauptgrund, wie es zu kollektiven Fehlentscheidungen kommt, besteht darin, dass abweichende Positionen, welche der Findung eines angestrebten Konsenses entgegenstehen, ignoriert oder gezielt unterdrückt werden. Bei der Zusammenarbeit in Gruppen kann es sowohl zu Prozessverlusten als auch zu Prozessgewinnen kommen. Durch effektive Führung werden Gruppenmitglieder motiviert und befähigt, etwas zur Erreichung der Gruppenziele beizutragen. Effektive Führung resultiert aus einem situationsangemessenen Einsatz unterschiedlicher Führungsstile. Ein respektvoller Umgang der Gruppenmitglieder untereinander steigert ihre soziale Identifikation und ihre Bereitschaft, sich zugunsten der Gruppe zu engagieren.

4 Vorurteile und Konflikte zwischen Gruppen Sozialpsychologen sprechen von Intergruppenverhalten, wenn das Verhalten zwischen zwei oder mehreren Individuen weitgehend oder sogar vollständig durch ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gruppen determiniert wird. Während interpersonales Verhalten durch interindividuelle Variabilität charakterisiert ist, zeichnet sich Intergruppenverhalten durch relative Gleichförmigkeit (Uniformität) der Einstellungen, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Gruppenmitglieder aus. Begriffsbestimmung: In Intergruppensituationen beruht die Wahrnehmung anderer Personen auf den Stereotypen über die Gruppe: Gruppenmitglieder werden nicht als einzigartige Individuen, sondern als relativ austauschbare Gruppenmitglieder wahrgenommen, die sich in Bezug auf stereotypische Merkmale der Gruppe ähneln („Im Vergleich zu den Türken sind die Deutschen…“). Definition Stereotype: Die sozial geteilten Überzeugungen bezüglich der Attribute, Eigenschaften, Verhaltensweisen etc., hinsichtlich derer die Mitglieder einer Gruppe einander ähneln. Hervorzuheben ist, dass es sich bei Stereotypen nicht um individuelle, sondern um sozial geteilte Überzeugungen handelt - Stereotype sind also soziale und keine individuellen (oder idiosynkratischen) Konstruktionen. Heterostereotype: Stereotype über Fremdgruppen (d.h. Gruppen, zu denen man selbst nicht gehört) Autostereotype: Stereotype über die Eigengruppe (d.h. die Gruppe, zu der man gehört) Selbststereotypisierung: Definition des eigenen Selbst im Sinne der stereotypischen Merkmale, Eigenschaften von Eigengruppenmitgliedern.

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Selbststereotypisierung folgt aus dem Prozess der Selbstkategorisierung und liefert die Grundlage für die Selbstdefinition im Sinne einer sozialen (kollektiven) Identität Während es sich bei Stereotypen um kognitive Repräsentationen einer Gruppe handelt, handelt es sich bei Vorurteilen um gruppenbezogene Bewertungen Definition Vorurteil: Die positive oder negative Bewertung einer sozialen Gruppe und ihrer Mitglieder aufgrund der ihr zugeschriebenen Merkmale, der mit der Gruppe assoziierten Affekte und verhaltensbezogener Informationen. Vorurteile lassen sich damit auch als Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen auffassen Vorurteile können sowohl negativ wie auch positive sein Negative Vorurteile manifestieren sich in unterschiedlichen Formen der sozialen Diskriminierung Definition Soziale Diskriminierung: Die Ablehnung oder Benachteiligung von Personen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit. Soziale Diskriminierung kann auftreten ⇒ als isolierter Verhaltensakt (z.B. die Ablehnung einer Bewerberin aufgrund ihrer sexuellen Orientierung), ⇒ als Verhalten zwischen Gruppen (z.B. Gewalt gegen Immigranten durch rechtsradikale Gruppen) ⇒ in institutionalisierter Form (z.B. Gesetze, die bestimmten Gruppen die gesellschaftliche Teilhabe verwehren) Ein mit dem Phänomen der sozialen Diskriminierung eng verbundener Prozess ist der Prozess der Stigmatisierung Definition Stigma: Unter einem Stigma wird ein negativ bewertetes Attribut verstanden, durch welches der Träger von normativen Erwartungen abweicht und welches ihn in den Augen anderer derartig diskreditiert, dass er seinen Anspruch auf gesellschaftliche Gleichberechtigung verliert.

Die Verwendung des Begriffs Stigma (altgriechisch für „Stich“, „Punkt“ oder „Brandmal“) geht auf die antike griechische Rechtspraxis zurück, Personen zur Bestrafung Zeichen in den Körper zu schneiden oder zu brennen, um öffentlich sichtbar zu machen, dass es sich beim Träger des Zeichens (einem untreuen Sklaven, einem Verbrecher oder Verräter) um eine unerwünschte, rituell für unrein erklärte Person handelte, die gemieden werden sollte (Goffman, 1963) Seine diskreditierende Wirkung entfaltet ein Stigma dadurch, dass es dem Betrachter als ein Indikator für vermeintlich weitere, aber nicht direkt beobachtbare, negative Charaktereigenschaften oder Persönlichkeitsmerkmale des Merkmalsträgers dient Die diskreditierenden Reaktionen auf ein Stigma lassen sich also in der Regel nicht allein durch das spezifische Attribut erklären (z.B. Serostatus „HIV-positiv“), sondern sie resultieren aus den mit dem Stigma assoziierten Stereotypen und Vorurteilen bezüglich der Identität oder des Charakters der Merkmalsträger (z.B. unmoralisch, charakterschwach, verantwortungslos). Ursachen von Stereotypen und Vorurteilen: Historische Ansätze: Die autoritäre Persönlichkeit Einer der ersten systematischen Forschungsansätze zu den Ursachen von Stereotypen und Vorurteilen wurde in den 1930er- und 1940er-Jahren unter dem Eindruck des deutschen Faschismus und des Holocaust von einer Gruppe deutscher und U.S.-amerikanischer Wissenschaftler entwickelt Vorurteile sind demnach Ausdruck einer erziehungs- und sozialisationsbedingten abnormen Persönlichkeitsstruktur seien, der sog. autoritären Persönlichkeit (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson, & Sanford, 1950). Infolge dieser Erziehung verhielten sich Personen Autoritäten gegenüber einerseits übermäßig unterwürfig; anderseits verschöben sie Aggressionen, die gegenüber den Autoritäten auftreten, auf alternative Ziele (z.B. Mitglieder devianter oder status-niedriger Gruppen) Dieser Ansatz liefert seinen Beitrag, kann aber nicht alle Fragen beantworten Die sozialpsychologische Forschung geht davon aus, dass die Entstehung und Verwendung von Stereotypen und Vorurteilen aus einem Zusammenspiel von allgemeinen kognitiven Prozessen mit sozialen Einflussprozessen resultiert.

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Kategoriale Differenzierung: Henri Tajfel legte mit seinen paradigmatischen Forschungsarbeiten zum Prozess der Kategorisierung einen zentralen Grundstein für die sozialkognitive Perspektive (z.B. Tajfel & Wilkes, 1963) Seine Arbeiten deckten auf, dass Kategorisierung i.d.R. zu einer perzeptuellen Akzentuierung der wahrgenommenen Ähnlichkeiten und Unterschiede führt: Assimilation: Unterschiede der Stimuli innerhalb einer Kategoriewerden unterschätzt (d.h. Objekte, Personen, Ereignisse innerhalb einer Kategorie werden als ähnlicher wahrgenommen, als sie tatsächlich sind) Kontrastierung: Unterschiede zwischen Stimuli unterschiedlicher Kategorien überschätzt (d.h. Objekte oder Ereignisse unterschiedlicher Kategorien werden als unähnlicher wahrgenommen, als sie tatsächlich sind Das Akzentuierungsprinzip stellt die Grundlage für die wahrgenommene Homogenität von Fremdgruppen dar („Die sind alle gleich!“) Experimente mit dem „Who said what?“-Paradigma demonstrieren, wie spontan aktivierte soziale Kategorien Wahrnehmung und Erinnerung im Sinne von Assimilation und Kontrastierung beeinflussen Stereotype, Vorurteile und Stigmata als soziale Konstruktionen: Die meisten Sozialpsychologen vertreten die Auffassung, dass soziale Kategorien (und die mit diesen Kategorien assoziierten Stereotype, Vorurteile und Stigmata) soziale Konstruktionen sind Über Sozialisations- und soziale Einflussprozesse werden diese Konstruktionen innerhalb einer Gruppe verbreitet und zum Konsens, was die Uniformität der Wahrnehmung von Gruppenmitgliedern erklärt In seiner Analyse thematisiert Tajfel (1981a) folgende soziale (oder kollektive) Funktionen von Stereotypen: •Positive Differenzierung: Stereotype dienen dazu, die Eigengruppe von anderen Gruppen positiv abzugrenzen. Man spricht diesbezüglich auch von der Herstellung positiver Distinktheit. Stereotype kristallisieren sich daher insbesondere um Merkmalsdimensionen, auf denen die Eigengruppe der Fremdgruppe überlegen ist. •Kausale Erklärung: Stereotype sind Elemente komplexerer sozialer und ideologischer Begriffssysteme, aus denen kausale Erklärungen für soziale Phänomene und Ereignisse abgeleitet werden (Beispiel: Das Stereotyp des „reichen Juden“ als Teil eines Antisemitismus, der behauptet, Juden kontrollierten die Weltwirtschaft). •Soziale Rechtfertigung: Im Rahmen dieser Begriffssysteme oder Ideologien dienen Stereotype auch der sozialen Rechtfertigung der Behandlungen von Mitgliedern anderer Gruppen (Beispiel: Das Stereotyp des „unzivilisierten Wilden“ als Teil einer ideologischen Rechtfertigung des europäischen Kolonialismus). Die politischen und ideologischen Funktionen von Stereotypen sind auch ein zentrales Thema neuerer Theorien zur Erklärung der Akzeptanz sozialer Ungleichheit (z.B. der „System-JustificationTheory“ von Jost, Banaji, & Nosek, 2004 Ungleiche Statusbeziehungen zwischen Gruppenwerden durch sog. legitimierende Mythen unterstützt, die von den Mitgliedern statushoher und statusniedriger Gruppen gleichermaßen akzeptiert werden (z.B. sog. paternalistische Mythen, denen zufolge die Vorherrschaft bestimmter Gruppen vermeintlich der Stabilität des gesellschaftlichen Systems dient, von der angeblich auch statusniedrige Gruppen profitierten) Definition Legitimierender Mythos: Innerhalb einer Gesellschaft weitgehend geteilte Überzeugungssysteme, die dazu dienen, bestehende Status- und Machtunterschiede zwischen Gruppen zu rechtfertigen.

Krankheit als Stigma – der Einfluss sozialer Repräsentationen: Ein Kontext, in dem die soziale Konstruktion von Stereotypen, Vorurteilen und Stigmata besonders gut erforscht wurde, ist die soziale und politische Konstruktion von Stigmata, die bestimmten Erkrankungen anhaften (z.B. das HIV/AIDS-Stigma)

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Wie diese Untersuchungen zeigen, hängen krankheitsbezogene Stigmata unmittelbar mit der sozialen Repräsentation der Krankheit zusammen (Herek, Capitanio, & Widaman, 2003; Rosenberg, 1987; siehe auch Moscovici, 1981) Definition Soziale Repräsentationen: Sozial geteilte Meinungen und Vorstellungen über bestimmte Sachverhalte innerhalb einer Gesellschaft (Krankheiten, politische Systeme, wissenschaftliche Disziplinen etc.), die in sozialen Diskursen innerhalb und zwischen Gruppen konstruiert werden. Soziale Repräsentationen von Krankheiten sind eine „Komposition“ aus dem vorherrschenden medizinischen Expertenwissen sowie Alltagsvorstellungen und kulturellen oder religiösen Überzeugungen (Symptome,Verläufe, Prävention, Behandlung etc) Zudem beinhalten sie Definitionen der Betroffenengruppe(n), die eine Unterscheidung zwischen „uns“ und „denen“ mit sich bringt (Devine, Plant, & Harrison, 1999) Schließlich enthält die soziale Repräsentation auch eine Zuschreibung von Verantwortlichkeit für die Erkrankung, eine moralische Komponente, die direkte Implikationen für den Umgang mit den Betroffenen hat: Opfer? Mitleid Selber Schuld? moralische Entrüstung, Hilfe Verwehrung, Meidung Soziale Repräsentationen von Krankheiten dienen (wie soziale Repräsentationen im Allgemeinen) einer Reihe von sozialen Funktionen: • Erklärungs- und Kommunikationsfunktion. Zum einen ermöglichen sie den individuellen Mitgliedern einer Gesellschaft Orientierung und Kommunikation bezüglich eines potentiell bedrohlichen Ereignisses, auch wenn keine individuellen Erfahrungen im Umgang mit dem Ereignis bestehen • Koordinationsfunktion. Zum Zweiten bilden die kollektiv geteilten Deutungen und Erklärungen die Grundlage für eine gesellschaftlich koordinierte Reaktion auf die Krankheit • Legitimationsfunktion. Schließlich liefert die soziale Repräsentation auch die moralische Grundlage für das gesundheitspolitische Handeln und den Umgang mit den Betroffenengruppen. Welche sozialen Erklärungs- oder Interpretationsmuster sich innerhalb der weiteren Gesellschaft (oder in Teilpopulationen) verbreiten, hängt entscheidend von der Fähigkeit einzelner sozialer Akteure ab, Unbeteiligte oder Unentschlossene von der Richtigkeit der eigenen Position zu überzeugen Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt hierbei der Zugang zu Massenmedien, der für eine effiziente Verbreitung der kollektiven Deutungen essentiell ist Für die soziale Akzeptanz der Deutungen und Interpretationen sind zwei Prozesse besonders relevant: 1. Verankerung, worunter die Integration der neuen Vorstellungen in bereits bestehende Vorstellungssysteme (bzw. das kulturelle Wissen, sozial geteilte Erfahrungen) zu verstehen ist. 2. Vergegenständlichung, was die Umwandlung eines abstrakten medizinischen Konzepts in konkrete und verständliche Bilder oder Metaphern beinhaltet. Ein gutes Beispiel für diese Prozesse ist die Krankheit HIV/AIDS

Inhalte von Stereotypen: Das Stereotype-Content-Model von Fiske, Cuddy, Glick und Xu (2002) macht spezifische Vorhersagen darüber, welche Merkmale Fremdgruppenmitgliedern in Abhängigkeit von spezifischen Charakteristika der Intergruppenbeziehung zugeschrieben werden Fiske et al. konzentrieren sich dabei auf zwei inhaltliche Dimensionen: Wärme und Kompetenz Die Zuschreibung entsprechender Eigenschaften hängt dem Modell zufolge von zwei Charakteristika der Intergruppenbeziehung ab: 1. Intergruppaler Wettbewerb. Fremdgruppen, mit denen die Eigengruppe konkurriert, sollten als wenig warm (kalt, berechnend etc.) wahrgenommen werden. Ist die Beziehung hingegen durch Kooperation, statt durch Konkurrenz geprägt, sollten die Mitglieder der Fremdgruppe als relativ warm wahrgenommen werden (liebenswert, herzlich etc.). 2. Statusverhältnis zwischen Eigen- und Fremdgruppe. Während Mitglieder statusniedriger Gruppen als inkompetent wahrgenommen werden sollten (dumm, unfähig etc.), sollten Mitglieder statushoher Fremdgruppen als relativ kompetent angesehen werden (intelligent, effektiv etc.).

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Diese Kombinationen führen zur Unterscheidung von vier inhaltlich distinkten Typen von Stereotypen

Eine wichtige Implikation des Stereotype-Content-Modells ist, dass Stereotype oft einen ambivalenten Charakter annehmen

Der Einfluss von Stereotypen und Vorurteilen auf das Handeln und die Auswirkungen auf die Zielpersonen: Automatische und kontrollierte Prozesse Das Modell von Devine (1989) postuliert beispielsweise, dass die Aktivierung von Stereotypen zunächst automatisch erfolgt und zwar immer dann, wenn ein relevanter Auslösereiz anwesend ist (z.B. ein Gruppenmitglied oder ein Symbol, das mit der Gruppe assoziiert wird) Diese Aktivierung liegt außerhalb der bewussten Kontrolle einer Person; sie resultiert als Funktion der kognitiven Zugänglichkeit des Stereotyps im Gedächtnis Ob und in welcher Art sich ein automatisch aktiviertes Stereotyp auf das Urteilen und Handeln einer Person auswirkt, hängt allerdings von einem zeitlich nachfolgendem kontrollierten Verarbeitungsprozess ab Im Zuge dieses Prozesses können automatisch aktivierte Stereotype bewusst modifiziert bzw. die mit dem Stereotyp assoziierten Verhaltensimpulse unterdrückt oder adjustiert werden Einsatz und Effektivität kontrollierter Prozesse werden von zwei Faktoren beeinflusst: Stärke der Motivation, den Einfluss von Stereotypen und Vorurteilen auf Urteilen und Handeln zu kontrollieren: Hohe Motivation: diese Personen versuchen automatisch ausgelöste negative Reaktionen (z.B. Vermeidungstendenzen), wenn sie ihnen bewusst werden, durch kontrollierte Prozesse gezielt zu korrigieren Niedriger Motivation: hier ist diese Korrekturreaktion entsprechend schwächer oder bleibt ganz aus Verfügbarkeit kognitiver Ressourcen: Die Kontrolle des Einflusses von Stereotypen und Vorurteilen setzt die Verfügbarkeit notwendiger kognitiver Ressourcen voraus. Daher wird der Einfluss automatisch aktivierter Stereotype und Vorurteile auf das Urteilen und Handeln einer Person umso wahrscheinlicher, je stärker ihre Aufmerksamkeit und Konzentration durch andere Prozesse gebunden oder beeinträchtigt ist. Dass automatisch aktivierte Stereotype Urteile und Handeln von Personen ohne deren Wissen beeinflussen können, ist mittlerweile in einer Vielzahl von Kontexten dokumentiert worden Allein das zufällige Anhören eines rassistischen Kommentars kann beispielsweise zur automatischen Aktivierung entsprechender Stereotype beim Zuhörer führen, die dann wiederum nachfolgende Urteile und Handlungen beeinflussen (z.B. Greenberg & Pyszczynski, 1985) Der Einfluss von Stereotypen und Vorurteilen entzieht sich der bewussten Kontrolle weitaus häufiger als Menschen gemeinhin erkennen.

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Auswirkungen auf die Zielpersonen: Negative Stereotype, Vorurteile und Stigmatisierung bilden die Grundlage vielfältiger Formen sozialer Diskriminierung, die von der Vorenthaltung wichtiger Ressourcen, über soziale Ausgrenzung bis hin zu Hassverbrechen reichen können Negative Konsequenzen: Mitglieder sozial benachteiligter Gruppen werden häufiger Opfer verbaler und körperlicher Gewalt, haben seltener Zugang zu guten Bildungseinrichtungen, werden medizinisch schlechter versorgt oder verdienen weniger Geld bei gleicher Leistung als andere Mitglieder der Gesellschaft. Außerdem können die Folgen schwerer sozialpsychologische Folgen haben Zwei potentielle sozialpsychologische Konsequenzen für die Betroffenen können sein: Selbstwertgefühl und Gesundheit: • Tajfels (1981) Analyse legt nahe, dass das, was als die Identität einer statusniedrigen Gruppe konstruiert wird, in weiten Teilen die Stereotype und Vorurteile der status-höheren Gruppe reflektiert • Anders ausgedrückt: Die Stereotypisierung bzw. Stigmatisierung der statusniedrigen Gruppe durch die statushöhere Gruppe beeinflusst auch das Selbstverständnis der Mitglieder der statusniedrigen Gruppe bis hin zur Konstruktion ihrer sozialen Identität (Internalisierung negativer Eigenschaften) • Kurt Lewin (1941) hat für diesen Prozess den Begriff „Selbsthass“ geprägt, der aus der Übernahme des „Fremdhasses“ resultiert • Einige Untersuchungen zeigen, dass Mitglieder stigmatisierter Gruppen im Vergleich zu Mitgliedern nicht-stigmatisierter Gruppen ein höheres Risiko aufweisen, an Selbstwertminderung, Depressionen oder Herz-Kreislaufkrankheiten zu erkranken (z.B. Jackson, Brown, Williams, Torres, Sellers, & Brown, 1996) • Die Forschung zeigte , dass dies nicht immer zwangsläufig der Fall ist, sondern von dern Bewältigungsstrategien der Betroffenen abhängt • Forschungsarbeiten zum Ablehnungs- Identifikationsmodell von Nyla Branscombe und Kollegen legen beispielsweise nahe, dass der negative Effekt wahrgenommener Diskriminierung auf das Selbstwertgefühl durch eine starke Identifikation mit der Eigengruppe abgepuffert oder kompensiert werden kann (z.B. Branscombe, Schmitt, & Harvey, 1999) • Ein Grund hierfür besteht darin, dass Eigengruppenmitglieder eine wichtige Ressource für emotionale, soziale oder materielle Unterstützung im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen darstellen • Hoch identifizierte Gruppenmitglieder sind besser in die Gruppe eingebunden • Von Selbstwertminderung bedroht sind daher insbesondere Personen, die sich nur gering mit ihrer Gruppe identifizieren (und dementsprechend schlecht in die Gruppe integriert sind) Leistung und Berufswahl: • Der „Stereotype-Threat“ Theorie zufolge löst die Befürchtung, auf der Grundlage von Stereotypen beurteilt zu werden, bei Mitgliedern sozial abgewerteter Gruppen ein Gefühl der Bedrohung aus (z.B. Steele & Aronson, 1995) • Die damit einhergehende gesteigerte Nervosität können dazu führen, dass Mitglieder sozial abgewerteter Gruppen in Prüfungs- oder Testsituationen Leistungen zeigen, die unterhalb ihres Leistungspotenzials liegen • Die Befürchtung, mit Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert zu werden, hat auch einen Einfluss auf die Berufswahl. So entscheiden sich Mitglieder sozial abgewerteter Gruppen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit gegen die Wahl von Berufen oder Positionen, in denen sie die Konfrontation mit negativen Stereotypen befürchten müssen • Diese Selbstselektionsmechanismen sind aus gesellschaftspolitischer Sicht hochrelevant, da sie im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zur Aufrechterhaltung von Statusunterschieden zwischen Gruppen beitragen.

Ursachen von Intergruppenkonflikten: Der Theorie des realistischen Gruppenkonflikts von Muzafer Sherif und Kollegen zufolge (z.B. Sherif, 1966) stehen Einstellungen und Verhaltensweisen von Gruppenmitgliedern gegenüber anderen Gruppen in einem funktionalen Verhältnis zu Gruppeninteressen und Zielen

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Negative Interdependenz: die Ziele von Eigengruppe und Fremdgruppe sind unvereinbar, es resultieren negative Vorurteile sowie feindselige und aggressive Verhaltensweisen gegenüber der Fremdgruppe (z.B. wenn beide Gruppen im Wettbewerb um knappe oder begrenzte Ressourcen stehen) Positive Interdependent: die Gruppen sind im Hinblick auf das Erreichen ihrer Ziele aufeinander angewiesen, es resultieren positive Einstellungen gegenüber der Fremdgruppe und kooperative Verhaltensweisen, da diese im Hinblick auf die Gruppenziele funktional sind Sherif et al. testeten ihre theoretischen Überlegungen in einer Reihe von Feldstudien mit (klinisch unauffälligen) durchschnittlich etwa 12-jährigen Jungen, die an einem Sommerferienlager teilnahmen (Sherif, Harvey, White, Hood, & Sherif, 1961). Relative Deprivation: Obwohl Wettbewerb um knappe Ressourcen eine hinreichende Bedingung für Feindseligkeiten darstellt, ist diese Bedingung nicht notwendig Theorien der relativen Deprivation nehmen daher an, dass neben einem objektiven Mangel an Ressourcen bzw. dem Grad objektiver Deprivation, die subjektive wahrgenommene relative Deprivation eine zentrale Bedeutung für die Entstehung von Konflikten besitzt (z.B. Walker & Smith, 2002) Definition Relative Deprivation: Die Wahrnehmung, weniger zu haben als einem zusteht, die mit einem Gefühl der Unzufriedenheit einhergeht. Eine wichtige Quelle relativer Deprivation ist der soziale Vergleich. Egoistische relative Deprivation resultiert aus interpersonalen Vergleichen (eine Person nimmt wahr, dass sie - ungerechterweise - weniger besitzt als eine andere Person). Fraternale relative Deprivation resultiert hingegen aus intergruppalen Vergleichen (d.h. dem Vergleich der Eigengruppe mit einer relevanten Fremdgruppe). Für die Erklärung von Intergruppenkonflikten spielt insbesondere die fraternale relative Deprivation eine wichtige Rolle. Beispielsweise beteiligen sich Menschen auch dann an Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen, wenn sie sich persönlich nicht benachteiligt fühlen, aber wahrnehmen, dass ihre Gruppe gegenüber der anderen Gruppe benachteiligt ist. Negative soziale Identität: Die Theorie der sozialen Identität von Tajfel und Turner (1986) liefert eine weitere Erklärung für das Auftreten von Konflikten zwischen Gruppen Studie In einem paradigmatischen Experiment von Tajfel et al. (1971, Exp. 2) wurden die Vpn (14–15-jährige Schuljungen) auf der Basis ihrer angeblichen Präferenzen für einen von zwei abstrakten Malern (Klee oder Kandinsky) in zwei Gruppen eingeteilt – tatsächlich erfolgte die Einteilung nach dem Zufallsprinzip. Die Gruppen werden als minimal bezeichnet, da zentrale Bedingungen, die üblicherweise in Gruppensituationen vorherrschen, durch das experimentelle Paradigma gezielt ausgeschlossen wurden. So bestand • keine Face-to-Face Interaktion zwischen Gruppenmitgliedern (weder innerhalb noch zwischen den Gruppen), • die Vpn wussten nicht, wer in der Eigen- und wer in der Fremdgruppe war, es bestanden • keine rationale oder instrumentelle Verbindung zwischen der Gruppeneinteilung und der Art der Aufgabe • die Zuteilung brachte keinen persönlichen Vorteil. Gruppenstiftend war einzig und allein die Kategorisierungsinformation. Überraschenderweise war schon unter diesen minimalen Bedingungen eine systematische Tendenz zur Bevorzugung der Mitglieder der Eigengruppe gegenüber Mitgliedern der Fremdgruppe zu beobachten. Noch erstaunlicher war, dass die Vpn das Geld häufig nicht so aufteilten, dass die Mitglieder der eigenen Gruppe den größtmöglichen Vorteil daraus zogen (maximaler Eigengruppengewinn), sondern so, dass der Unterschied zwischen den Beträgen maximal war (maximale Eigen-Fremdgruppendifferenzierung).

Ein Herzstück der Erklärung für die in den Minimalgruppenexperimenten beobachteten Effekte ist das Konzept der sozialen Identität Menschen streben im Allgemeinen nach einem positiven Selbstbild. Dementsprechend streben sie auch nach einer positiven sozialen Identität Die Theorie der sozialen Identität postuliert, dass die Bewertung der sozialen Identität (ganz ähnlich wie die Bewertung der individuellen Identität) im Wesentlichen relativer Natur ist: Menschen ermitteln den Wert oder das Prestige ihrer Eigengruppe (und der damit verbundenen sozialen Identität) durch soziale Vergleiche mit anderen Gruppen Susanna Lopez

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Negative soziale Identität als Ursache von Konflikten: Wenn soziale Vergleichsprozesse zwischen Eigen- und Fremdgruppe auf relevanten Dimensionen zu negativen Resultaten für die Eigengruppe führen, ist das Bedürfnis nach positiver sozialer Identität verletzt Der Theorie der sozialen Identität zufolge stehen Menschen eine Reihe von Strategien offen diesen Zustand zu ändern, die von individuellen Strategien sozialer Mobilität bis zu kollektiven Strategien sozialen Wandels reichen könne Für welche Strategien sich die Mitglieder einer Gruppe entscheiden, hängt zum einen von ihrer Wahrnehmung bestimmter soziostruktureller Charakteristika der Intergruppenbeziehung ab. Zum anderen spielt die Stärke der Identifikation einer Person mit der Eigengruppe eine wichtige Rolle: Individuelle Strategie • Soziale Mobilität: Individuen können versuchen, eine negative soziale Identität „abzulegen“, indem sie die statusniedrige Eigengruppe verlassen und in die statushöhere Gruppe aufsteigen • Voraussetzung: Durchlässigkeit der Grenzen zw. den Gruppen • Für Personen, die sich stark mit ihrer Gruppe identifizieren, ist diese Strategie zudem keine Option • Bei der sozialen Mobilität handelt es sich um den Prototyp einer individuellen Strategie, da durch sie der Status der Gruppe insgesamt unverändert bleibt • Möglichkeiten: die Gruppe aktive verlassen, die Mitgliedschaft aktiv zu verbergen oder aber auch auf einer rein psychologischen Ebene, nämlich in dem Fall, wenn sich Mitglieder status-niedriger Gruppen „des-identifizieren“ und die persönliche Verbindung zur Gruppe minimieren Kollektive Strategien • Soziale Kreativität: Um eine positive soziale Identität herzustellen, können Angehörige einer statusniedrigeren Gruppe: o a) eine neue Vergleichsdimension heranziehen, auf der die Eigengruppe besser abschneidet; o b) eine Re-interpretation des Vergleichsergebnisses vornehmen, so dass ein ursprünglich ungünstiges Vergleichsergebnis als besonders positiv erscheint; o c) die Vergleichsgruppe wechseln • Diese Strategien beinhalten eine Umdefinition der Vergleichssituation mit der status-höheren Gruppe, Möglichkeiten: 1) alternative Vergleichsdimension betonen oder „kreieren“, auf der ihre Gruppe besser abschneidet eine Uminterpretation der ursprünglichen Vergleichsdimension vorzunehmen. Beispielsweise kann ein schlechter Umgang mit der deutschen Sprache als „cooler Slang“ uminterpretiert werden oder ein ursprünglich abwertender Begriff für die Eigengruppe wird übernommen und positiv definiert 2) die Vergleichsgruppe zuwechseln • Strategien der sozialen Kreativität sollten insbesondere dann gewählt werden, wenn die Mitglieder der Gruppen annehmen, dass der Status quo zwischen Eigen- und Fremdgruppe auf der ursprünglichen (und gesellschaftlich relevanten) Vergleichsdimension zwar ungerechtfertigt, aber nicht zu verändern ist • Soziale Kreativitätsstrategien tragen zwar zu einer Änderung der innerhalb einer Gruppe geteilten Definition der sozialen Identität bei (und insofern handelt es sich um kollektive Strategien), an der objektiven Position der Gruppe in der Statushierarchie ändert sich allerdings nicht notwendigerweise etwas • Sozialer Wettbewerb: Schließlich können die Mitglieder statusniedriger Gruppen den überlegenen Status der Fremdgruppe auf der relevanten Dimension kollektiv herausfordern, indem sie in sozialen Wettbewerb mit der anderen Gruppe treten, mit dem Ziel, einen sozialen Wandel zu bewirken (Wettstreit, kollektiver Protest, Revolutionen etc.) • Charakteristischerweise beinhaltet der soziale Wettbewerb das Potential für offene Intergruppenkonflikte bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen • Um sich für kollektive Strategien des sozialen Wettbewerbs zu entscheiden, müssen Gruppenmitglieder davon überzeugt sein, der bestehende Status quo sei ungerechtfertigt und die entsprechende Strategie sei ein effektives Mittel, um die angestrebte soziale Veränderung zu erreichen • Zudem müssen sie sich stark mit ihrer Gruppe identifizieren

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• Offener Konflikt zwischen Gruppen ist dann wahrscheinlich, wenn die soziale Identität als negativ wahrgenommen wird, die Gruppengrenzen undurchlässig sind, und die Statusdifferenz zwischen der Eigen- und einer relevanten Fremdgruppe als illegitim und instabil angesehen werden

Kapitelzusammenfassung Wenn Mitglieder unterschiedlicher Gruppen miteinander interagieren, nehmen sie einander nicht als Individuen, sondern als austauschbare Gruppenmitglieder wahr, die sich im Hinblick auf stereotypische Merkmale ähneln. Die wahrgenommene Homogenität der Mitglieder sozialer Gruppenresultiert aus dem Prozess der sozialen Kategorisierung und der damit verbundenen Akzentuierung von intragruppalen Ähnlichkeiten. Stereotype und Vorurteile sind soziale Konstruktionen, die in größere ideologische Systeme oder legitimierende Mythen eingebettet sind und der Erklärung und Rechtfertigung von Statusunterschieden zwischen Gruppen dienen. Die Inhalte von Stereotypen variieren mit Merkmalen derIntergruppenbeziehung. Der Einfluss von Stereotypen und Vorurteilen aufUrteilen und Handeln wird sowohl über automatische als auch kontrollierteProzesse vermittelt. Stereotype werden durch entsprechende Hinweisreize automatisch aktiviert. Zwar kann ihr Einfluss durch bewusste Kontrolle modifiziert oder geschmälert werden, dies setzt allerdings eine entsprechende Motivation und entsprechende kognitive Ressourcen voraus. Die Konfrontation mit negativen Vorurteilen und Stereotypen kann negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl der Zielpersonen haben, dies ist allerdings nicht zwangsläufig. Die Befürchtung, auf der Grundlage von Stereotypen beurteilt zu werden, kann bei Mitgliedern sozial abgewerteter Gruppen zudem ein Gefühl der Bedrohung auslösen, das die individuelle Leistung beinträchtigen kann. Negative Interdependenz, fraternale relative Deprivation und eine negative soziale Identität stellen sozialpsychologische Ursachen für Konflikte zwischen sozialen Gruppen dar.

5 Verringerung von Vorurteilen und Feindseligkeiten zwischen Gruppen durch Kontakt Mit der Formulierung der Hypothese des Intergruppenkontakts legte der US-amerikanische Psychologe Gordon Allport (1897–1967) einen Grundstein für eine wissenschaftlich-fundierte Antwort: „Vorurteile können (wenn sie nicht tief in der Persönlichkeit des Einzelnen verwurzelt sind) durch gleichberechtigten Kontakt zwischen Majorität und Minorität beim Verfolgen gemeinsamer Ziele verringert werden. Die Wirksamkeit ist sehr viel größer, wenn der Kontakt durch institutionelle Unterstützung sanktioniert wird (z.B. durch Gesetz, Sitten und die örtliche Atmosphäre) und so beschaffen ist, dass er zur Entdeckung gemeinsamer Interessen und der gemeinsamen Menschlichkeit beider Gruppen führt.“ (Allport, 1954, S. 281, eigene Übersetzung).

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Historische Entwicklung der Kontakthypothese Die Entwicklung der Kontakthypothese war eng mit einem der seinerzeit drängendsten Probleme der US-amerikanischen Gesellschaft verbunden: der Überwindung der Rassentrennung Andererseits lagen auch Befunde vor, die auf eine Intensivierung von Vorurteilen infolge von Kontakt hinwiesen (z.B. Watson, 1950) Allports Spezifizierung notwendiger Kontaktbedingungen half, diese Widersprüche aufzulösen Die wohl umfangreichste theoretische Weiterentwicklung wurde von Pettigrew (1998), einem Schüler Allports, vorgelegt. Strukturierter Intergruppenkontakt Allports: Kontakt zwischen Gruppen führt unter folgenden Bedingungen zu einer Reduktion von Vorurteilen : gemeinsame Ziele, intergruppale Kooperation, gleicher Status zwischen den Gruppen, Unterstützung durch Autoritäten, Normen oder Gesetze Pettigrew (1998) betont zudem, dass der Kontakt die Möglichkeit bieten sollte, Freundschaften über Gruppengrenzen hinweg zu entwickeln • Gemeinsame übergeordnete Ziele: Übergeordnete Ziele sind solche, die von beiden Gruppen angestrebt und geschätzt werden, aber nicht von einer Gruppe allein, sondern nur durch gemeinsame Anstrengungen erreicht werden können. Diese Erfahrung macht eine Neuorientierung im Umgang mit Mitgliedern der Fremdgruppe erforderlich und bereitet den Nährboden für Kooperation und Solidarität • Kooperation: Das Erreichen übergeordneter Ziele sollte an Kooperation zwischen den Gruppen gebunden sein, und den Wettbewerb zwischen den Gruppen ausschließen („Sommerlager“ Feldstudien von Sherif). Eine prominente und überaus erfolgreiche Interventionsmaßnahme, die die Initiierung intergruppaler Kooperation zur Reduktion von interkultureller Spannung im Klassenzimmer einsetzt, ist die von Aronson und Mitarbeitern entwickelte „Jigsaw-Methode“ (z.B. Aronson & Patnoe, 1997). Kernelement dieser Methode ist, dass Schülerinnen und Schüler in ethnisch und leistungsmäßig heterogenen Kleingruppen zusammenarbeiten, wobei jede Kleingruppe eine Teilaufgabe eines übergeordneten Projekts bearbeitet. Die Mitglieder einer Kleingruppe erhalten unterschiedliche Informationen, so dass die Kleingruppen ihre Aufgabe nur durch Kooperation lösen können • Gleicher Status: Der kooperative Kontakt zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen soll zu einem Verlernen bzw. der Korrektur vorgefertigter negativer Annahmen führen. Ist die Beziehung innerhalb der Kontaktsituation allerdings durch die gleichen Statusunterschiede gekennzeichnet, die auch die Beziehungen der Gruppen außerhalb der Kontaktsituation charakterisieren, besteht die Gefahr, dass die Interaktionen stereotypischen Mustern folgen. Eine Reihe von Studien zeigt, dass die von den Gruppenmitgliedern wahrgenommene Statusgleichheit ihrer Gruppe in der Kontaktsituation eine wichtige Rolle für den Erfolg von Kontaktmaßnahmen spielt (z.B. Schofield, Eurich, & Fulcer, 2001) • Autoritäten, Normen und Gesetze: Autoritäten und Institutionen können Normen und Regeln etablieren, die einen gleichberechtigten Umgang zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen fördern, und damit den Abbau von Vorurteilen durch Kontakt forcieren (z.B. Morrison & Herlihy, 1992) z.B. die Garantie von Bürgerechten oder Anti-Diskriminierungsgesetze. Gesetzliche Maßnahmen unterstützen den sozialen und ökonomischen Status von unterprivilegierten Gruppen und können so einem gleichberechtigten Kontakt mit anderen Gruppen den Weg bereiten. Zudem kann die Schaffung gesetzlicher Regelungen die Entwicklung von Verhaltensstandards im alltäglichen Umgang fördern, die sich gegen den offenen Ausdruck von Vorurteilen richten (z.B. in Form von rassistischen Kommentaren oder Witzen). Dies wiederum erweitert die Möglichkeiten für die Entstehung positiver Intergruppenkontakte • Freundschaftspotential: Freundschaften bestehen üblicherweise über einen längeren Zeitraum und ermöglichen damit die wiederholte Erfahrung positiver Interaktionen mit Fremdgruppenmitgliedern. Zudem ist es wahrscheinlich, dass in Freundschaftsbeziehungen alle von Allport spezifizierten Kontaktbedingungen vorliegen. Darüber hinaus fördern Freundschaften auch den langfristigen Aufbau affektiver Bindungen – ein, wie in Kürze näher erläutert wird, besonders relevanter Prozess im Zusammenhang mit der Überwindung von Vorurteilen. Weitere Studien zeigen überdies, dass es unter gewissen Umständen nicht einmal unbedingt notwendig ist, dass man selbst mit einem Fremdgruppenmitglied befreundet ist. Schon das Wissen darum, dass enge Freunde intergruppale Freundschaften pflegen, kann eine Verbesserung eigener Einstellungen gegenüber der Fremdgruppe bewirken – ein Befund, der

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als „erweiterter Kontakteffekt“ in die Literatur eingegangen ist (Wright, Aron, McLaughlinVolpe, & Ropp, 1997) Vermittelnde psychologische Prozesse Pettigrew (1998) schlägt vier Prozesse vor, die unter „optimalen“ Kontaktbedingungen zur Veränderung der Einstellung gegenüber Fremdgruppenmitgliedern beitragen: 1. Wissenserwerb: Über den direkten Kontakt besteht die Möglichkeit, neue und den eigenen Vorurteilen widersprechende Informationen über die Fremdgruppe zu sammeln. Im Idealfall führt dies dazu, dass Menschen ihre Vorurteile revidieren. 2. Verhaltensänderung: Intergruppenkontakt unter den von der Kontakthypothese formulierten Bedingungen erfordert neue und den ursprünglichen Vorurteilen und Vorbehalten widersprechende Verhaltensweisen, was kognitive Dissonanz erzeugt.Eine Möglichkeit, die Dissonanz zwischen den im Zuge der Kontaktsituation gezeigten neuen Verhaltensweisen und den ursprünglichen Vorurteilen aufzulösen, besteht darin, die eigenen Vorurteile und negativen Einstellungen zu revidieren (Aronson & Patnoe, 1997). 3. Aufbau affektiver Bindungen Vertrautheit: Wie die Intergruppenforschung zeigt, kann selbst scheinbar trivialer Kontakt mit Fremdgruppenmitgliedern durch Unsicherheit, Angst oder Nervosität belastet sein, was die Entstehung bzw. Aufrechterhaltung von Vorurteilen unterstützt. Wiederholter Kontakt zwischen Gruppen unter förderlichen Kontaktbedingungen führt typischerweise dazu, die Auftretenswahrscheinlichkeit solcher, auch als „Intergruppenangst“ bezeichneter emotionaler Reaktionen, zu reduzieren. Freundschaftliche Kontakte fördern darüber hinaus auch genuin positive Reaktionen, wie Empathie oder Vertrauen, die für den Abbau von Vorurteilen ebenfalls von Bedeutung sind (z.B. Kenworthy, Turner, Hewstone, & Voci, 2005). 4. Neubewertung der Eigengruppe Deprovenzialisierung: Intergruppenkontakt liefert nicht nur neue Ansichten über die Fremd-, sondern auch über die Eigengruppe. Der Kontakt mit Mitgliedern anderer Gruppen ermöglicht es Menschen, ihren Horizont zu erweitern, und die in ihrer Gruppe vorherrschenden Werte, Normen und Sitten nicht länger als die einzig mögliche, sondern eine mögliche Art zu betrachten, das Leben zu gestalten. Diese neue Perspektive kann der unkritischen Bevorzugung der Eigengruppe entgegenwirken und zu einer offeneren, respektvolleren Haltung gegenüber Fremdgruppen im Allgemeinen führen – ein Prozess, den Pettigrew als „Deprovinzialisierung“ bezeichnet (Pettigrew, 1998, S. 72).

Das Problem der Generalisierung Eine besondere Herausforderung von Interventionsmaßen auf der Basis der Kontakthypothese betrifft die Generalisierung, d.h. der Übertragung von positiven Kontakterfahrungen mit individuellen Mitgliedern einer Fremdgruppe in einer spezifischen Situation auf die Fremdgruppe insgesamt bzw. andere Situationen. Wie die sozialpsychologische Stereotypenforschung zeigt, gibt es eine Reihe von Prozessen, die der Generalisierung entgegenstehen: • Wegerklären: Wenn Menschen feststellen, dass die Eigenschaften und Verhaltensweisen eines Fremdgruppenmitglieds nicht ihren Stereotypen entsprechen, tendieren sie häufig dazu, diese Diskrepanz durch spezielle Umstände wegzuerklären. Mit anderen Worten: Ein positives und den Stereotypen widersprechendes Verhalten wird „wegerklärt“ oder „uminterpretiert“ und führte daher nicht zu einer Veränderung der Stereotype gegenüber der Gesamtgruppe, sondern sogar zu ihrer Bestätigung • Substereotypisierung: Selbst wenn eine Person mit zahlreichen Angehörigen einer Fremdgruppe konfrontiert ist, die ihren Stereotypen nicht entsprechen, kann sie ihre Stereotype aufrechterhalten. Dies erfolgt dadurch, dass die stereotyp-inkonsistenten Personen einem bestimmten Subtyp zugeordnet werden. Subtypisierung bezeichnet den Prozess, durch den Gruppenmitglieder, deren Eigenschaften und Verhaltensweisen dem Stereotyp nicht entsprechen, mental in einer Unterkategorie der sozialen Kategorie zusammengefasst werden (Maurer, Park, & Rothbart, 1995) Frau – Karrierefrau • Kontrastierung: Ein weiterer Prozess, der der Aufrechterhaltung von Stereotypen dient, besteht in der übermäßigen Akzentuierung der Unterschiede zwischen den Personen, die nicht den Stereotypen entsprechen, und den restlichen Mitgliedern der Fremdgruppe. Die vom Stereotyp abweichende Person wird infolge dieses Prozesses als die „berühmte Ausnahme“ von der Regel und als ein ganz und gar untypischer Einzelfall wahrgenommen (z.B. Rasinski, Crocker, & Hastie, 1985). Dieser Prozess wird als Kontrastierung bezeichnet

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Schritte zur Generalisierung Aufbauend auf Annahmen des sozialen Identitätsansatzes (Tajfel & Turner, 1986; Turner et al., 1987) wurden verschiedene Modelle entwickelt, die sich dieser Thematik widmen: Das Modell der Dekategorisierung (Brewer & Miller, 1984), das Modell der wechselseitigen Differenzierung (Hewstone & Brown, 1986) und das Modell der Rekategorisierungim Sinne einer gemeinsamen Gruppenidentität (z.B. Gaertner & Dovidio, 2000) In seiner Reformulierung der Kontakthypothese hat Pettigrew (1998) diese Modelle in eleganter Art und Weise kombiniert. Er argumentiert, dass jeder, der von diesen Modellen postulierten Prozesse für den Erfolg von Kontakt (bzw. die Generalisierung von Kontakteffekten) eine wichtige Rolle spielt, allerdings in unterschiedlichen zeitlichen Phasen des Kontakts. Sein Modell sieht folgende (idealtypische) zeitliche Sequenz für eine optimale Wirkung von Kontakt vor: • Initialer Kontakt: Die Förderung der Bereitschaft von Prozesse der Dekategorisierung bzw. Personalisierung sollte unterstützt werden. Ziel der Dekategorisierung ist es, dass sich die Beteiligten nicht länger als Repräsentanten spezifischer Gruppen, sondern als einzigartige Individuen wahrnehmen. Im optimalen Fall sollte dies dazu führen, dass sich innerhalb der Teams/ Gruppe auf derGrundlage ähnlicher individueller Interessen freundschaftliche Beziehungen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen entwickeln,was wiederum zu einer Reduktion negativer Emotionen (Unsicherheiten,Berührungsängste, Antipathien) und stereotypischer Wahrnehmungen beiträgt, die den Kontakt hemmen • Etablierter Kontakt: Damit Personen positive Kontakterfahrungen mit einzelnen Fremdgruppenmitgliedern auf die Fremdgruppe insgesamt übertragen, muss sichergestellt sein, dass sie diese als typische Vertreter der Fremdgruppe wahrnehmen und nicht als atypische Ausnahmen oder als Mitglieder einer bestimmten Subkategorie. In der zweiten Phase des Kontakts die Gruppenzugehörigkeit wieder in den Fokus rücken. Im Einklang mit Miles Hewstones und Rupert Browns (1986) Modell der wechselseitigen Differenzierung sollten die Gruppen in eine positive Interdependenzsituation gebracht werden (Stichwort: Kooperation), in der distinkte, aber zugleich komplementäre Rollen übernommen werden. Dieser Kontakt sollte den Erwerb von Wissen über Unterschiede in Gebräuchen, Sitten und Verhaltensweisen der beiden Gruppen ermöglichen und die Respektierung dieser Unterschiede im gegenseitigen Umgang fördern. Dieses Wissen sollte im Rahmen der Kooperation gezielt angewendet. Im Idealfall führt dies dazu, dass Vorurteile abgebaut und die positiven Eindrücke aus der Kontaktsituation auf die Fremdgruppe insgesamt übertragen werden • Gemeinsame Gruppe: Dies kann auf lange Sicht dazu führen, dass zunehmend Gemeinsamkeiten zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe wahrgenommen werden, was letztlich im Sinne von Samuel Gaertners und John Dovidios „Common-Ingroup Identity Model“ (2000) zur Rekategorisierung als gemeinsame Gruppe führen kann. Hierbei wird nicht versucht, die kategorialeWahrnehmung und die Bedeutsamkeit der Gruppenmitgliedschaft zu schwächen. Vielmehr geht es darum, die wahrgenommene Inklusivität der entsprechenden Kategorien so zu verändern, dass die vorherige Eigengruppe als Teil einer neuen, sozial inklusiveren gemeinsamen Eigengruppe aufgefasst wird, die sowohl die ursprüngliche Eigengruppe, als auch die ursprüngliche Fremdgruppe umfasst. Durch die Selbstdefinition auf einer höheren Ebene sozialer Inklusivität werden Mitglieder, die ursprünglich einer Fremdgruppe angehörten („Die Polen!“), dann kognitiver Bestandteil der Selbstdefinition („Wir Europäer!“). Idealerweise führt dies zu einer maximalen Reduktion von Vorurteilen und Feindseligkeiten.

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Empirische Befundlage und politische Implikationen Eine stringente Prüfung des von Pettygrew vorgeschlagenen integrativen Kontaktmodells (inklusive der von ihm postulierten idealtypischen zeitlichen Abfolge von Kategorisierungsprozessen) steht bislang allerdings noch aus. Empirische Befundlage: Durchführung einer Metaanlyse (Pettigrew und Tropp) mit der Frage: ist die von Allport (1954) formulierten Bedingungen notwendig dafür sind, dass Kontakt zu einer Reduktion von Vorurteilen führt, oder ob sie das Auftreten dieses Effekts lediglich erleichtern Erfasst wurden Primärstudien von 1940 bis 2000 und die den Effekt von direktem (face-to-face) Kontakt auf Vorurteile gegenüber Fremdgruppenmitgliedern untersuchten. Zusätzlich wurde „graue“ Literatur berücksichtigt Insgesamt gingen 515 Primärstudien in die Analyse ein, die in toto 713 unabhängige Stichproben mit insgesamt 250.089 Untersuchungsteilnehmer/innen aus 38 Nationen umfassten Wie in Abbildung 5.2 zu sehen ist, ist der mittlere negative Effekt von Kontakt auf Vorurteile, wie von der Kontakthypothese postuliert, unter „optimalen“ Kontaktbedingungen signifikant stärker als in Stichproben, in denen diese Bedingungen nicht gezielt realisiert wurden.

Dies war unabhängig davon, ob der Kontakt zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen oder Mitgliedern anderweitig definierter Gruppen stattfand Allerdings zeigen diese Daten auch, dass die von Allport spezifizierten Bedingungen nicht unbedingt notwendig dafür sind, dass Kontakt eine Veränderung bewirkt. Selbst in Stichproben, in denen Kontakt nicht gezielt strukturiert wurde, war ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen Kontakt und Vorurteilen zu beobachten Auf der Grundlage dieser Befunde schlagen die Autoren vor, die von Allport spezifizierten Kontaktbedingungen eher als förderliche, denn als notwendige Bedingungen zu betrachten Politische Implikationen Eine grundlegende theoretische Kritik richtet sich gegen die individualistische Logik, der die Kontakthypothese (bzw. die Theorie des Intergruppenkontakts) folgt (z.B. Dixon, Durrheim, & Tredoux, 2005) Der Kontakthypothese zufolge besteht ein Schlüssel für harmonische Intergruppenbeziehungen in der Reduktion individueller Vorurteile. Die weiter oben dargestellten Theorien (die Theorie des realistischen Gruppenkonfliktes, die Theorie der sozialen Identität) legen allerdings nahe, dass Vorurteile häufig eher eine Konsequenz, denn die Primärursache von Konflikten zwischen Gruppen sind Interventionsmaßnahmen, die die kollektiven oder strukturellen Ursachen von Intergruppenkonflikten vernachlässigen (z.B. Ressourcen- oder Statusungleichheiten), führen daher bestenfalls zu eingeschränkten sozialen Veränderungen. Schlimmstenfalls zu einer Scheintoleranz. Mitglieder von Minoritäten stehen Kontaktinterventionen daher häufig auch skeptischer gegenüber als Mitglieder der Majorität (z.B. Hopkins & Kahani-Hopkins, 2006) Führen positive Kontakterfahrungen nämlich dazu, dass sich Mitglieder statushoher Gruppen mit der statusniedrigen Gruppe solidarisieren und gemeinsam mit dieser aktiv für den Abbau sozialer und institutioneller Diskriminierung eintreten, dann haben Kontaktmaßnahmen durchaus das Potential, weitreichende und nachhaltige politische Veränderungen zu bewirken.

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Zusammenfassung Strukturierter Intergruppenkontakt ist eine wirkungsvolle Interventionsmethode, um Vorurteile und Feindseligkeiten zwischen Gruppen zu reduzieren. In der Kontaktsituation sollten die folgenden förderlichen Bedingungen realisiert sein: gemeinsame Ziele, intergruppale Kooperation, gleicher Status zwischen den Gruppen und Unterstützung durch Autoritäten, Normen oder Gesetze. Pettigrew (1998) betont zudem, dass der Kontakt die Möglichkeit bieten sollte, Freundschaften über Gruppengrenzen hinweg zu entwickeln. Die positiven Effekte werden durch eine Reihe von psychologischen Prozessen vermittelt. Dazu gehören: (1) Wissenserwerb, (2) Verhaltensänderung, (3) Bindungsaufbau und (4) die Neubewertung der Eigengruppe. Damit es zur Generalisierung von Kontakterfahrungen kommt, sollte der Kontakt so strukturiert sein, dass Prozesse der Dekategorisierung, der wechselseitigen Differenzierung und Rekategorisierung in der Kontaktsituation gefördert werden.

6 Soziale Bewegungsbeteiligung Die Geschichte hat eine Vielzahl von einflussreichen sozialen Bewegungen hervorgebracht, die zur Überwindung gesellschaftlicher Probleme und, damit verbunden, zu gesellschaftlichem Fortschritt beigetragen haben - Arbeiterbewegung Ende der 60ziger - Freidensbewegung - Anit-Atomkraft-Bewegung Spezifisches Dilemma kollektiven Handelns: typischerweise beteiligen sich nur ein geringer Prozentsatz der Sympathisanten tatsächlich an konkreten Zielen Begriffsbestimmung Soziale Bewegung als „effort[s] by a large number of people, who define themselves, and are also often so defined by others, as a group, to solve collectively a problem they feel they have in common, and which is perceived to arise from their relations with other groups” (Tajfel, 1981b, S. 244). Definition Soziale Bewegung: Eine große Anzahl von Personen, die sich selbst als Gruppe definieren und von anderen so definiert werden. Ziel sozialer Bewegungen ist es, ein gemeinsames soziales oder politisches Problem zu lösen. Dabei setzen sie unterschiedliche Formen des politischen Protests ein. Die Träger/Anhänger einer sozialen Bewegung handeln demnach nicht als Individuen, sondern als Mitglieder einer Gruppe/Kollektivs Soziale Bewegungsbeteiligung stellt daher eine Form (inter)gruppalen Verhaltens dar Soziale Bewegungen setzen unterschiedliche Strategien ein (Klandermans, 1997, S. 89ff.) - nach innen gerichtete Aktivitäten der Bewegung richtet sich an die eigenen Mitglieder/Sympathisanten - nach außen gerichtete Aktivitäten richtet sich darauf ab, einen sozialen Wandel im Sinne der Ziele der Bewegung herbeizuführen (oder einen Wandel entgegen der Ziele zu verhindern) Nach außen gerichtete Strategien lassen sich wiederum danach klassifizieren,vob sie eher moderat (Flugblätter) oder militant (Sitzblockanden) sind bzw. ob sie sich innerhalb oder außerhalb eines gesellschaftlichvdefinierten normativen Rahmens bewegen Die aktive Teilnahme an einer sozialen Bewegung (die Partizipation) lässt sich anhand der Dimensionen Aufwand und Zeitdauer klassifizieren (Klandermans,v1997). Es kann • ein einmaliger Verhaltensakt sein, der wenig Aufwand oder Kostenvbeinhaltet (z.B. eine Petition unterschrieben) • ein einmaliger Verhaltensakt sein, der jedoch sehr kostspielig und risikoreich ist (z.B. die Teilnahme an einer Sitzblockade oder eine unerlaubten Demonstration) • zeitlich unbegrenzt sein und wenig Kosten und Aufwand verursachen (z.B. Mitgliedsbeitrag an eine formale Organisation) • lang andauernd und aufwändig sein (z.B. dauerhafte und zeitintensive ehrenamtliche Mitarbeit in der Bewegung) Verschiedene Analyseebenen, warum sich Menschen an sozialen Bewegungen beteiligen: Makroebene sozio-strukturelle, politische und organisatorische Antezedenzien sozialer Bewegungen durch Analyse struktureller Spannungen bzw. Verwerfungen im gesellschaftlichen Gefüge Analyse von Mobilisierungsstrukturen (z.B. Netzwerkanalysen) und gesellschaftlichen Gelegenheitsstrukturen (z.B. die Rolle moderner Kommunikationsmedien) Susanna Lopez

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Die sozialpsychologische Analyse hat ihren Schwerpunkt an der Schnittstelle der Mikroebene Analyse der Motive der Beteiligung oder Nichtbeteiligung) Mesoebene: Analyse der Generierung sozial geteilter Deutungen und Interpretationen

Das Vier-Stufen Modell sozialer Bewegungsbeteiligung Das Vier-Stufen Modell von Bert Klandermans und Mitarbeitern (Klandermans, 1997; Klandermans & Oegema, 1987) Ein potentieller Bewegungsteilnehmer bis zur Teilnahme an Aktionen einer sozialen Bewegung die folgenden vier Stufen überwinden: Er muss: - Teil des Mobilisierungspotentials der sozialen Bewegung werden - Ziel werden von Mobilisierungsversuchen - Teilnahmemotivation entwickeln - und schließlich Teilnahmebarrieren überwinden Mobilisierungspotential Eine Person wird als Teil des Mobilisierungspotentials betrachtet, wenn sie mit der entsprechenden sozialen Bewegung sympathisiert oder präziser, wenn sie mit deren Anhängern einen Collective Action Frame teilt. Definition Collective Action Frame: ist ein System sozial geteilter Meinungen und Überzeugungen, die zur Interpretation der sozialen Problemsituation herangezogen werden und aus denen sich angemessene kollektive (Re-)Aktionen ableiten lassen (Gamson, 1992a). Gamson unterscheidet drei Komponenten des Collective Action Frame: 1. Eine Ungerechtigkeitskomponente, mittels derer persönliche Notlagen oder soziale Missstände als Ungerechtigkeit interpretiert werden können, 2. eine Identitätskomponente, welche die Kategorisierung und die Unterscheidung„wir“ vs. „die“ beinhaltet und 3. eine Handlungskomponente, die nahelegt, dass sozialer Wandel möglich ist, mit welchen Mitteln er erreicht werden kann und dass die soziale Bewegung die Fähigkeit besitzt, diese Mittel erfolgreich anzuwenden Ungerechtigkeitskomponente Soziale Diskriminierung, Benachteiligung oder Unterdrückung reflektieren Machtdifferenzen zwischen Gruppen Damit sich Angehörige einer statusniedrigen Gruppe einer sozialen Bewegung anschließen, müssen sie die bestehenden Machtdifferenzen und die darausresultierenden sozialen und materiellen Ungleichheiten als illegitim ansehen Wie Theorien zur relativen Deprivation nahelegen, führt die Wahrnehmung, dass die eigene Gruppe weniger bekommt als das, worauf sie rechtmäßig Anspruch hat, zu Gefühlen fraternaler relativer Deprivation wie gruppenbasiertem Ärger, Wut oder Empörung Diese Gefühle können auch aus der Art und Weise resultieren, wie gesellschaftliche Autoritäten (z.B. die Regierung, die Justiz) mit sozialen Problemen umgehen Ärger, Wut und Empörung resultieren daraus, dass Fremdgruppen und deren Repräsentanten für die Situation der Eigengruppe verantwortlich gemacht werden Zuschreibungen eigener Verantwortlichkeit („Self-Blame“) führen hingegen zur Akzeptanz der bestehenden Verhältnisse und gehen eher mit Selbstwertminderung und Resignation einher (Crocker & Blanton, 1999) Identitätskomponente Aus sozialpsychologischer Sicht stellt eine sozial geteilte Identität eine entscheidende Voraussetzung für kollektiven Protest dar (Kelly, 1993; Simon, 1998; Reicher & Hopkins, 1996; Tajfel & Turner, 1986) Die Identitätskomponente des Collective Actions Frame bezieht sich auf die kollektive Definition dieses wir, die typischerweise in Abgrenzung zu einem die, nämlich dem politischen Gegner, erfolgt (Gamson, 1995) Eine Frage, die insbesondere in jüngerer Zeit in den Blickpunkt der Forschung gerückt ist, bezieht sich darauf, wann und durch welche Prozesse sozial geteilte Identitätskonstruktionen mit politischer Bedeutung versehen werden

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Bernd Simon und Bert Klandermans (2001) haben vorgeschlagen, dass der Politisierung sozial geteilter Identität drei Prozesse vorausgehen: (1) Wahrnehmung sozial geteilter Missstände: Die Gruppenmitglieder teilen die Auffassung, dass es sich bei der Benachteiligung nicht um individuelle, sondern um Formen kollektiver Benachteiligung handelt, die viele Mitglieder der Eigengruppe betreffen (2) Ursachenzuschreibung auf einen Gegner: Die Gruppenmitglieder identifizieren einen politischen Gegner oder Feind, das für die Missstände verantwortlich ist (3) Triangulation der weiteren Gesellschaft: Die Gruppe weitet die Konfrontation mit dem Gegner in einen umfassenderen Machtkampf aus, der die Gesellschaft insgesamt (oder gesellschaftliche Repräsentanten) dazu zwingt, Partei zu ergreifen. Infolge dieser Prozesse gewinnt die soziale Identität zunehmend politische Bedeutung Eine Frau, ein Arbeiter, ein Moslem oder ein Schwuler zu sein, hat für die Person, die sich im Sinne dieser Gruppenzugehörigkeit definiert, unmittelbare politische Bedeutung. Sie impliziert, sich selbstbewusst in einem Machtkampf für die Interessen der eigenen Gruppe zu engagieren Handlungskomponente Die Handlungskomponente des Collective Action Frames bezieht sich auf die Einschätzung der Möglichkeiten, kollektive Ziele durchzusetzen (1) Erstens müssen Mitglieder sozial benachteiligter Gruppen an die Veränderbarkeit der bestehenden Strukturen glauben, damit sie sich an kollektiven Protestaktionen beteiligen (Tajfel & Turner, 1986) (2) Zweitens müssen sie von der Wirksamkeit kollektiven Handelns als Mittel sozialen Wandels überzeugt sein und der Ansicht sein, dass die soziale Bewegung die notwendigen Ressourcen besitzt, dieses Mittel erfolgreich anzuwenden (Klandermans, 1989) Analog zur Selbstwirksamkeitserwartung auf der Ebene individuellen Verhaltens müssen Gruppen kollektive Wirksamkeitserwartungen ausbilden, um den Machtkampf mit den status-höheren Gruppen aufzunehmen (Zaccaro, Blair, Peterson, & Zazanis, 1995) Dafür sind empirische Evidenzen notwendig: potentielle Bewegungsteilnehmer müssen durch eigenes Handeln oder das Handeln anderer Personen erfahren, dass kollektives Handeln (z.B. kollektive Protestaktionen) eine erfolgversprechende Strategie ist, um Einfluss auf die bestehenden Verhältnisse auszuüben Empowerment Der Empowermentprozess kann sich teilweise über viele Jahre erstrecken Hirsch (1990) zeigt auf, wie sich Erfolgserwartungen während einer Episode kollektiven Protests entwickeln: Am Ort des Geschehens sehen alle Befragte, wie viele andere Personen zum Protest bereit sind. Je mehr Menschen teilnehmen, desto erfolgversprechender erscheint die Protestaktion. Die Ausstrahlung kollektiver Stärke wiederum ermutigt Personen, die bislang weniger von den Erfolgsaussichten überzeugt waren, zur Teilnahme Mobilisierungsversuche Sympathie mit der sozialen Bewegung bzw. die Übernahme eines Collective Action Frame sind notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen dafür, dass sich Menschen tatsächlich an Aktionen einer sozialen Bewegung beteiligen Das Mobilisierungspotential bzw. der potentielle Teilnehmer muss im Hinblick auf konkrete Aktionen (z.B. Demonstrationen, Kundgebungen) aktiviert werden Massenmedien sind wenig effektiv Netzwerke, basierend auf persönlichen Kontakten im Rahmen von Freundschaftsbeziehungen oder auch Organisationen, spielen eine weitaus wichtigere Rolle Das Rekrutierungsnetzwerk einer sozialen Bewegung bestimmt die Reichweite der Mobilisierungsversuche (Snow, Zurcher, & Ekland-Olson, 1980). Rekrutierungsnetzwerke erleichtern insbesondere die en-blocRekrutierung Je breiter das Netzwerk und je enger die Verbindungen zu anderen Organisationen und Netzwerken, desto größer ist die Anzahl der Personen, die Ziel von Mobilisierungsversuchen werden können (McAdam & Paulsen, 1993)

Teilnahmemotivation Das von Klandermans (1984, 1997) für diese Stufe entwickelte Motivationsmodell beruht auf einer Kombination der Erwartungs-Wert-Theorie (Feather, 1982) mit der Collective Action Theory (Olson, 1968) Die Motivation oder Bereitschaft zur Teilnahme an Aktionen einer sozialen Bewegung wird in diesem Modell als eine Funktion der erwarteten Kosten und Nutzen der Teilnahme aufgefasst

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Zentral ist die Unterscheidung zwischen kollektiven und selektiven Anreizen Kollektive Anreize beziehen sich auf das Ziel einer sozialen Bewegung (z.B. gleiche Rechte, Löhne etc.) das Ziel stellt ein kollektives Gut dar (alle haben was davon) Daraus folgt, dass der kollektive Nutzen als motivationaler Anreiz unzureichend ist, da TrittbrettFahrer nicht auszuschließen sind Potentielle Trittbrett-Fahrer benötigen daher zusätzlich selektive Anreize, welche in soziale bzw. nicht-soziale Kosten und Nutzen unterteilt werden können Klandermans (1984,1997) zufolge lassen sich daher drei unterschiedliche Motive sozialer Bewegungsbeteiligung unterscheiden, von denen sich jedes auf unterschiedliche Typen erwarteter Kosten und Nutzen bezieht: 1)Das kollektive Motiv: Dieses Motiv bezieht sich auf die kollektiven Ziele der sozialen Bewegung. Im Einklang mit Erwartungs-Wert-Ansätzen wird das kollektive Motiv konzipiert als die multiplikative Funktion des Wertes, den der potentielle Teilnehmer dem kollektiven Ziel beimisst, und der subjektiven Wahrscheinlichkeit, dass das Ziel durch die kollektiven Aktionen der Bewegung erreicht werden kann. Die subjektive Wahrscheinlichkeit beruht auf drei unterschiedlichen Erwartungen: - zum Ersten der Erwartung, dass genügend andere Personen an der Aktion teilnehmen - zum Zweiten der Erwartung, dass die Ziele erreicht werden können, wenn viele Personen an der Aktion teilnehmen - und drittens die Erwartung, dass die eigene Teilnahme die Erfolgsaussichten verbessert. 2)Das soziale bzw. normative Motiv: Dieses Motiv bezieht sich auf die erwarteten Reaktionen signifikanter Anderer auf die eigene Teilnahme an kollektiven Aktionen (z.B. Anerkennung von oder Ablehnung durch Freunde oder die Familie). Es ist konzipiert als die multiplikative Funktion der wahrgenommenen (positiven oder negativen) Qualität der erwarteten Reaktionen und der persönlichen Bedeutung dieser Reaktionen 3)Das Belohnungsmotiv: Dieses Motiv bezieht sich schließlich auf die selektiven Anreize im Sinne von eher materiellen Kosten und Nutzen (z.B. finanzielle Ausgaben oder Streikgeld). Wie im Falle des kollektiven und des sozialen Motivs ist das Belohungsmotiv als die multiplikative Funktion des Wertes, den der potentielle Befragte diesen Kosten und Nutzen beimisst und der subjektiven Wahrscheinlichkeit, dass diese Kosten und Nutzen tatsächlich aus der Teilnahme resultieren, konzipiert In Begriffen der Theorie des überlegten Handelns von Ajzen und Fishbein (1980) ausgedrückt, determinieren das kollektive Motiv und das Belohnungsmotiv gemeinsam die Einstellung gegenüber dem Verhalten während das normative Motiv der Komponente der subjektiven Norm innerhalb dieser Theorie entspricht Einstellung und subjektive Norm bestimmen dann gemeinsam die Intention oder Bereitschaft zur Teilnahme an kollektiven Protestaktionen.

Teilnahmebarrieren Die Motivation oder Bereitschaft, an kollektiven Aktionen teilzunehmen, ist allerdings immer noch keine hinreichende Bedingung für die tatsächliche Teilnahme Wie Ajzen und Madden (1986) in der Theorie des geplanten Verhaltens hervorgehoben haben, hat die Verhaltensbereitschaft allerdings nur dann einen Einfluss auf die tatsächliche Ausübung des Verhaltens, wenn dieses unter willentlicher Kontrolle steht Kontrolle die jenseits der Möglichkeit des potenziellen Teilnehmers liegen: Krankheit, mangelnde Transportmöglichkeiten Ob ein potentieller Teilnehmer also tatsächlich an einer kollektiven Protestaktion der Bewegung teilnimmt, hängt davon ab, wie er auf derartige Barrieren reagiert bzw. ob er annimmt, er verfüge über die erforderlichen Fähigkeiten und Ressourcen, um die Barrieren überwinden zu können (Verhaltenskontrolle)

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Kritik des Kosten-Nutzen Modells der Teilnahmemotivation Richtet sich vor allem gegen die Konzeption des potentiellen Teilnehmers als individuellen KostenNutzen-Analytiker, wobei insbesondere die Vernachlässigung der Einflüsse von Gruppenprozessen auf die Entscheidungsprozesse kritisiert wird Hierzu gehört beispielsweise, dass Mitglieder sozialer Bewegungen unter bestimmten Umständen ihr soziales Engagement zu Gunsten der Gruppenziele auch dann aufrechterhalten, wenn sie selbst mit steigenden persönlichen Kosten konfrontiert sind und der persönliche Nutzen, den sie aus dieser Verhaltensweise ziehen, nur marginal ist (z.B. Hirsch, 1990) Mitglieder von Gruppen engagieren sich überdies auch dann für kollektive Ziele, wenn sie persönlich nicht von ihrer Durchsetzung profitieren, sei es, weil sie selbst nicht direkt von den Missständen betroffen sind, oder weil absehbar ist, dass ihr Engagement erst nachfolgenden Generationen zu Gute kommen wird (z.B. Kelly & Breinlinger, 1996) Das Engagement „transzendiert“ somit die individuelle Existenz

Der soziale Identitätsansatz zur sozialen Bewegungsbeteiligung Menschliches Sozialverhalten hängt diesem Ansatz zufolge in entscheidendem Maße davon ab, ob sich Personen in einem bestimmten sozialen Kontext im Sinne ihrer personalen Identität („Ich“) definieren, oder im Sinne einer kollektiven Identität („Wir“) Ein entscheidender Unterschied zwischen diesen beiden (idealtypischen) Varianten der Selbstdefinition liegt in ihrem sozialen Inklusivitätsgrad Während die individuelle Identität eine Selbstdefinition auf der Basis individueller Eigenschaften und Interessen widerspiegelt, beruht die kollektive Identität einer Person auf ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe Das Erleben und Verhalten einer Person wird in dem Maße im Sinne einer bestimmten Gruppenmitgliedschaft beeinflusst, in dem die soziale Identität relativ zur personalen Identität phänomenal in den Vordergrund tritt Determinanten der Selbstdefinition im Sinne sozialer Identität Wahrnehmungen eines gemeinsamen Gruppenschicksals und eines gemeinsamen Gegners tragen zu einer Akzentuierung der Differenzierung zwischen „uns“ und „denen“ bei und stärken dadurch das Bewusstsein der Gruppenangehörigen, wer sie sind und zu wem sie gehören Eine andere Klasse von Faktoren bezieht sich auf die wahrgenommenen sozio-strukturellen Charakteristika, die die Intergruppenbeziehung definieren Die Theorie der sozialen Identität postuliert, dass die Selbstdefinition im Sinne einer sozialen Identität gestärkt wird, wenn die Gruppengrenzen undurchlässig sind und der niedrigere Status der Eigengruppe als illegitim und instabil wahrgenommen wird

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Die Wahrnehmung fördert auch die Überzeugung, die einzige Möglichkeit, den eigenen negativen Status zu verändern, bestehe darin, mit anderen Gruppenmitgliedern gemeinsam zu handeln, was wiederum die Beteiligung an kollektiven Protestaktionen fördert. Soziale Identität als Determinante der Teilnahmemotivation Verschiedene Autoren haben argumentiert, dass soziale Identitätsprozesse auf allen Stufen des Modells von Klandermans (1997) von Bedeutung sind Da Personen, die sich stark mit ihrer Gruppe identifizieren, eher bereit sind, sich von Mitgliedern ihrer Eigengruppe überzeugen zu lassen, sollte eine starke kollektive Identität auch die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs von Mobilisierungsversuchen seitens der Initiatoren einer sozialen Bewegung erhöhen Überdies ist anzunehmen, dass Personen, die sich stark kollektiv identifizieren, selbst eine aktive Rolle in der Mobilisierung übernehmen, beispielsweise indem sie ihre Freundschaftsnetzwerke aktivieren Warum wirkt sich die Selbstdefinition im Sinne sozialer Identität auf die Motivation zur Teilnahme aus? Die neuere Forschungsliteratur verweist u.a. auf die folgenden beiden Prozesse: 1. Beeinflussung von Kalkulationsprozessen: Selbstdefinition im Sinne sozialer Identität beeinflusst die oben diskutierten Kosten-Nutzen-Kalkulationsprozesse Forschungsarbeiten, die zeigen, dass Personen, die sich stark mit ihrer Gruppe identifizieren, eher bereit sind, auf eigene Vorteile zu Gunsten des Wohlergehens der Gruppe zu verzichten (z.B. Van Vugt & De Cremer, 1999), liefern für diese Annahme deutliche Unterstützung 2. Internalisierung von Gruppenzielen: Selbstdefinition im Sinne sozialer Identität kann auch eigenständige Motivationsprozesse in Gang setzen, die dann wiederum unabhängig von Kosten-Nutzen-Kalkulationen operieren In diesem Zusammenhang sind zwei unterschiedliche Prozesse von Bedeutung 1. Der soziale Identitätsansatz legt nahe, dass die Übernahme einer sozialen Identität mit der Internalisierung von Normen, Werten und Zielen der Gruppe einhergeht (Haslam, 2004; Turner et al., 1987). 2. Gruppenspezifische Normen, Werte und Ziele werden in die eigene Identitätsdefinition aufgenommen und werden dadurch für das eigene Verhalten verbindlich; dies wiederum führt dazu, dass sich Gruppenmitglieder im Sinne der Gruppe verhalten und sich aktiv für deren Ziel engagieren (Stürmer, Simon, Loewy, & Jörger, 2003). Empirische Befundlage: Feldstudien: die britische Arbeiterbewegung (Kelly & Kelly, 1994), die britische Frauenbewegung, die niederländische Bauern-Protest Bewegung (De Weerd & Klandermans, 1999), sowie die deutsche Seniorenbewegung und die U.S.-amerikanische Schwulenbewegung (Simon et al., 1998) • In allen diesen Studien erwies sich die Stärke der sozialen Identifikation als ein signifikanter Prädiktor der Bereitschaft, sich aktiv an Aktionen der entsprechenden Bewegung zu beteiligen und für die Realisierung der Ziele der Bewegung zu kämpfen • Wann geht soziale Identifikation in aktive Teilnahme über? • In weiteren Feldstudien (zum Überblick s. Stürmer & Simon, 2004) wurde erfasst: die Stärke ihrer Identifikation mit der Gruppe, aus der die Bewegung typischerweise ihre Teilnehmer rekrutierte und die Identifikation mit dersozialen Bewegung bzw. einer entsprechenden formalen Bewegungsorganisation • Die Ergebnisse der Studien zeigen übereinstimmend, dass Identifikation mit der Bewegung typischerweise ein zuverlässigerer Prädiktor der Bereitschaft zur Teilnahme (bzw. der tatsächlichen Teilnahme) ist, als die Identifikation mit der breiten sozialen Gruppe, für die die Bewegung sich einsetzt.

Das Zwei-Wege Modell sozialer Bewegungsbeteiligung Um den Kosten-Nutzen-Ansatz zur Teilnahmenmotivation von Klandermans und den sozialen Identitätsansatz systematisch zusammenzuführen, erhoben Simon, Stürmer und Kollegen in ihren Feldstudien auch die Ausprägung der Motive sozialer Bewegungsbeteiligung nach Klandermans unter den Sympathisanten der Bewegung (das kollektive, das normative und das Belohnungsmotiv)

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Die Feldstudien lieferten sie übereinstimmende Befunde: Sowohl die Indikatoren des Kalkulationsprozesses à la Klandermans als auch Indikatoren der sozialen Identitätsprozesse (Identifikation mit der Bewegung) trugen unabhängig voneinander zur Vorhersage der Teilnahmebereitschaft bzw. der tatsächlichen Teilnahme bei Will man dieses Ergebnis in einem Satz zusammenfassen, könnte man sagen: „Wenn ich weiß, wer ich bin, weiß ich auch, was ich zu tun habe, unabhängig von den unmittelbaren Kosten und Nutzen.“ Zudem lieferten die Studien auch empirische Belege dafür, dass der Effekt sozialer Identifikation mit der Bewegung auf die Teilnahmemotivation auf einer Internalisierung der Gruppenziele bzw. einer daraus resultierenden inneren Verpflichtung zur aktiven Partizipation beruht Die Autoren haben ein Modell vorgeschlagen, das zwei Wege zur Teilnahmemotivation spezifiziert, zum einen die Kalkulation von Kosten und Nutzen, zum anderen Identifikation mit einer politisierten Gruppe. (bzw. Übernahme einer entsprechenden Aktivistenidentität) • Während der Kalkulationsweg im Sinne einer instrumentellen Motivation auf der Grundlage extrinsischer Anreize interpretiert werden kann, reflektiert der Identifikationsweg intrinsische Motivation auf der Grundlage einer inneren Verpflichtung, sich für die Ziele der sozialen Bewegung einzusetzen und dadurch die eigene soziale Identität zu verifizieren (Stürmer et al., 2003; Stürmer & Simon, 2004). Zusammenfassung Eine soziale Bewegung umfasst eine große Anzahl von Personen, die sich selbst als Gruppe definieren und von anderen so definiert werden. Ziel sozialer Bewegungen ist es, ein gemeinsames soziales oder politisches Problem zu lösen. Dabei setzen sie unterschiedliche Formen des politischen Protests ein. Die aktive Teilnahme an Aktionen einer sozialen Bewegung setzt voraus, dass ein potentieller Teilnehmer vier Stufen überwindet: Er muss Teil des Mobilisierungspotentials der sozialen Bewegung werden, Ziel werden von Mobilisierungsversuchen, Teilnahmemotivation entwickeln und schließlich Teilnahmebarrieren überwinden. Auf jeder dieser Stufen scheidet ein bestimmter Teil der Sympathisanten aus, so dass häufig nur ein geringer Prozentsatz an den Aktionen teilnimmt. Die Motivation zur Teilnahme wird durch KostenNutzen-Kalkulationsprozesse („extrinsische Motivation“) und Identifikationsprozesse („intrinsische Motivation) beeinflusst.

8 Prosoziales Verhalten zwischen Gruppen Unbestrittenermaßen stellen Intergruppenkonflikteund soziale Diskriminierung schwerwiegende soziale Probleme dar Allerdings gibt es auch beeindruckende Beispiele von prosozialem und solidarischem Verhalten über Gruppengrenzen hinweg - Hilfe und Unterstützung für Angehörige stigmatisierter Gruppen Wie verbreitet ist Fremdgruppendiskriminierung im Hilfeverhalten? Man könnte annehmen, dass Menschen Fremdgruppenmitgliedern weniger helfenals Mitgliedern ihrer eigenen Gruppe, wenn sich diese in einer Notlage befinden Die Ergebnisse systematischer empirischer Forschungsarbeiten zeigten allerdings schnell, dass die Beziehung zwischen sozialen Kategorisierungsprozessen und Hilfeverhalten oft komplexer ist, als es diese Analyse nahe legt Es gibt Belege für Fremdgruppendiskriminierung im spontanen Hilfeverhalten wie auch keine Verbindung zwischen dem Eigen- bzw. Fremdgruppenstatus der hilfsbedürftigen Person und der Hilfsbereitschaft Weitere Studien ergaben schließlich, dass Fremdgruppenmitgliedern mitunter sogar mehr geholfen wird als Eigengruppenmitgliedern – ein Phänomen, dass auch als umgekehrte Diskriminierung im Hilfeverhalten bezeichnet wird (z.B. Dovidio & Gaertner, 1981; Dutton & Lake, 1973) Eine zusammenfassende Metaanalyse (Saucier, Miller, & Doucet, 2005) erbrachte keinen Beleg dafür, dass weiße U.S.-Amerikaner einem schwarzen U.S.-Amerikaner i.d.R. weniger helfen als einem anderen Weißen in einer vergleichbaren Situation Eine Überlegung ist, dass der Ausdruckvon Diskriminierung gegen Fremdgruppenmitglieder aufgrund egalitärer Normen und moralischer Vorstellungen in modernen Gesellschaften grundsätzlich subtiler geworden ist Offene Diskriminierung gegen Fremdgruppenmitglieder im Hilfeverhalten sollte daher dann besonders wahrscheinlich sein, wenn • das individuelle Verhalten nicht als Diskriminierung interpretiert werden kann, oder • die Situation mehrdeutig genug ist, um das Verhalten durch alternative Erklärungen zu rechtfertigen (Dovidio & Gaertner, 2004; Gaertner & Dovidio, 1986; auch Saucier et al., 2005). Susanna Lopez

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Obwohl es für diese Überlegung einige empirische Unterstützung gibt, hat diese Erklärung ihre Grenzen Es scheint eher so, dass Menschen zumindest unter bestimmten Umständen Angehörigen anderer Gruppen nicht nur helfen, um die normativen oder moralischen Kosten zu vermeiden, die mit offener Diskriminierung bzw. dem Nichthelfen einhergehen. Stattdessen suchen sie die Gelegenheit mitunter aktiv auf, Angehörige von Fremdgruppen zu unterstützen Motivationale Unterschiede Ein wesentlicher Unterschied im Hinblick auf die motivationalen Prozesse, die Eigen- und Fremdgruppenhelfen zugrunde liegen, besteht in der Rolle von Empathie - einer auf eine hilfsbedürftige Zielperson gerichtete emotionale Reaktion, die Gefühle wie Mitgefühl, Mitleid und Anteilnahme beinhaltet Empathie wird daher als Quelle für altruistische Motivation angesehen (Batson, 1991) Studien, welche die Rolle von Empathie im Intergruppenkontext untersuchen, zeigen nun, dass die Kategorisierung der hilfsbedürftigen Person als Mitglied einer gemeinsamen Gruppe den motivierenden Einfluss von Empathie verstärkt Handelt es sich bei der hilfsbedürftigen Person hingegen um ein Fremdgruppenmitglied, spielt Empathie offenbar eine untergeordnete Rolle für das Hilfeverhalten In ihrer sozial-kognitiven Analyse der Motivationsprozesse für Helfen im Intergruppenkontext argumentieren Stürmer und Snyder (2009), dass die differentielle Rolle von Empathie auf die veränderte Ähnlichkeitswahrnehmung zwischen dem Selbst und anderen Personen infolge der sozialen Kategorisierung bedingt wird Tritt eine gemeinsame Gruppenzugehörigkeit in den Vordergrund, werden das Selbst und die hilfsbedürftige Person auf der Grundlage der gruppendefinierenden Gemeinsamkeiten als relativähnlich zueinander wahrgenommen Ähnlichkeit wichtige Vorbedingung für empathiemotiviertes Helfen Im Intergruppenkontext fördert die wahrgenommene Ähnlichkeit offenbar besonders, die Notlage der Person zu lindern Bei der Kategorisierung der hilfsbedürftigen Person als Fremdgruppenmitglied rücken hingegen die Unähnlichkeiten zwischen dem Selbst und der anderen Person in den Vordergrund. Dies macht nicht nur das Auftreten von Empathie unwahrscheinlicher Die wahrgenommenen Unähnlichkeiten fungieren offenbar auch als eine Art Warnsignal (z.B. für Stigma oder Devianz), das in Zusammenhang mit dem Auftreten negativer Intergruppenemotionen (Unsicherheit, Angst) systematische und kontrollierte Entscheidungsprozesse auslöst (s. z.B. Pryor et al., 2004) führt zu Zurückhaltung Stattdessen basiert die Entscheidung zu Helfen eher auf einem systematischen Prozess der Informationsverarbeitung Kosten und Nutzen der Hilfeleistung systematisch geprüft werden Menschen helfen Fremdgruppenmitgliedern also insbesondere dann, wenn sie sich von diesem Verhalten individuelle Vorteile bzw. die Vermeidung von Nachteilen erwarten Insgesamt verweisen die Befunde zu den motivationalen Unterschieden zu Eigen- und Fremdgruppenhelfen darauf, dass sich Eigengruppenhelfen in vielen Fällen als eine Form empathie-basierten Altruismus interpretieren lässt Fremdgruppenhelfen beruht demgegenüber eher auf Kosten-Nutzen-Kalkulationsprozessen im Sinne sozialen Austauschs Empirisches Beispiel: Stürmer, Snyder und Kollegen haben eine Serie empirischer Studien durchgeführt, um den Einfluss von sozialen Kategorisierungsprozessen auf die Motivation zu helfen systematisch zu untersuchen (zusammenfassend Stürmer & Snyder, 2009). Eingebettet in eine cover story der Untersuchung waren Maße, mit denen die emotionalen Reaktionen der Vpn auf die Notlage des Chatpartners erfasst wurden (z.B. Maße für Empathie). Zudem wurde die Bereitschaft der Vpn erfasst, den Chatpartner dabei zu unterstützen, eine neue Wohnung zu suchen. Die Ergebnisse zeigten im Einklang mit den Erwartungen, dass Empathie nur dann ein signifikanter Prädiktor der Hilfsbereitschaft war, wenn die Vpn den Chat-Partner auf der Grundlage des kulturellen Hintergrunds (deutschstämmig vs. muslimisch) als Eigengruppenmitglied kategorisierten. Nahmen die Vpn die hilfsbedürftige Person hingegen als Fremdgruppenmitglied wahr, war Empathie als Motivationsquelle erwartungsgemäß „deaktiviert“. Dies galt sowohl für die deutschen als auch für die muslimischen Vpn (siehe Abb. 7.1).

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Individuelle und soziale Funktionen von Fremdgruppenhelfen Ein prominenter Ansatz in der Forschung zu Hilfeverhalten, speziell langfristigem Helfen in Form von ehrenamtlichem Engagement, ist der funktionale Ansatz von Gil Clary, Allen Omoto, Mark Snyder und Kollegen Dieser Ansatz weist der individuellen Nutzenerwartung einen zentralen Stellenwert in der Erklärung ehrenamtlichen Engagements zu. Dieser Perspektive zufolge besteht der Nutzen ehrenamtlichen Engagements in der Befriedigung bestimmter individueller Motive oder Bedürfnisse (es ist in diesem Sinne daher psychologisch funktional) Hinter dem Engagement eines „Ehrenamtlers“ können jeweils ganz unterschiedliche individuelle Motive (oder Motivkonfigurationen) stehen: • Ausdruck zentraler humanitärer Werte • Erwerb von Wissen • persönliches Wachstum und Selbstwertsteigerung • Soziale Integration • Steigerung der Berufschancen • Ablenkung von eigenen Problemen (Clary et al., 1998) Dem funktionalen Ansatz zufolge hängt die Aufrechterhaltung der Motivation, sich zu engagieren, in entscheidendem Maße davon ab, ob die ursprünglichen Motive tatsächlich durch die Erfahrungen im Rahmen des Engagements befriedigt werden Diese individuelle Zufriedenheit sind kritische Faktoren für die Vorhersage der individuellen Dauer des Ehrenamts Studien (AIDS-Hilfe-Bewegung) weisen beispielsweise insbesondere darauf hin, dass das Engagement den ehrenamtlichen Mitarbeitern die Möglichkeit bietet, ihren humanitären Werten Ausdruck zu verleihen (Penner & Finkelstein, 1998; Simon et al., 2000) Andere Untersuchungen zeigen in dem AIDS Kontext darüber hinaus, das für heterosexuelle ehrenamtliche Helfer die einen homosexuellen Mann mit HIV/AIDS individuell betreuen, die individuellen Charakteristika des homosexuellen Klienten (bzw. die wahrgenommene Attraktivität) für die Intensität des Hilfeverhaltens der heterosexuellen Helfer eine wichtige Rolle spielten (bei den homosexuellen Helfern war dies hingegen nicht der Fall, in diesem Fall hing das Hilfeverhalten primär von der Empathie für den Klienten ab)

Soziale Funktionen In der jüngeren Forschungsliteratur werden u.a. die folgenden sozialen oder kollektiven Funktionen unterstrichen: • Aufrechterhaltung von Macht- und Statusdifferenzen. Wie Nadler und Halabi (2006) in seinem Modell zu intergruppalem Helfen darlegt, kann die Unterstützung einer statusniedrigen

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Gruppe dem eigenen Machterhalt dienen. Entscheidend ist dabei die Form der Unterstützung, die die statushohe Gruppe der statusniedrigen Gruppe anbietet: - Autonomieorientierte Unterstützung dient dazu, der anderen Gruppe langfristig eine selbständige Lösung ihrer Probleme zu ermöglichen (z.B. durch Hilfe-zurSelbsthilfe-Angebote). - Abhängigkeitsorientierten Unterstützung zementieren hingegen die bereits bestehende Statusdifferenz zwischen den Gruppen, indem der Fremdgruppe für ihr Problem eine vollständige Lösung bzw. alle zur Lösung notwenigen Ressourcen bereitgestellt werden. Dadurch wird verhindert, dass die Gruppe selbst Kompetenzen zur Lösung des Problems entwickelt und dadurch langfristig von der statushohen Gruppe unabhängig wird Dient intergruppales Helfen dem Macht- oder Statuserhalt, bietet die statushohe Gruppe i.d.R. abhängigkeitsorientierte Unterstützung an. • Aufrechterhaltung positiver sozialer Identität: Eine weitere kollektive Funktion intergruppalen Helfens kann darin bestehen, die Eigengruppe durch den Akt der Hilfeleistung vor Dritten in einem positiven Licht erscheinen zu lassen (z.B. van Leeuwen, 2007), oder einem möglicherweise negativen Stereotyp über die Eigengruppe. Im engeren Sinne dient diese Form des strategischen Helfens also dazu, eine positive soziale Identität aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Studie Van Leeuwen (2007) hat die Funktion intergruppalen Helfens als Strategie zur Wiederherstellung positiver sozialer Identität in zwei experimentellen Studien demonstriert, die sich auf internationale Hilfe für die Opfer des Tsunami 2004 bezogen. Die zentrale Hypothese war, dass eine experimentell induzierte Bedrohung der nationalen niederländischen Identität zu einer größeren Bereitschaft der Vpn führen würde, Opfern des Tsunami zu helfen (u.a. Küstenschutz und Wassermanagement). Im Einklang mit den Hypothesen zeigte sich, dass unter der Bedingung der Bedrohung der nationalen Identität eine größere Bereitschaft bestand, die betroffenen Länder zu unterstützen - allerdings nur, wenn die Maßnahmen geeignet waren, die positive Distinktheit der niederländische Identität herauszustellen.

Mobilisierung gruppenübergreifender Solidarität Wie lassen sich Menschen zu gruppenübergreifendem Hilfeverhalten und Solidarität mit Fremdgruppen mobilisieren? Reicher, Cassidy, Wolpert, Hopkins, & Levine (2006) argumentieren, dass politische Akteure andere Gruppenmitglieder mobilisieren können, indem sie Konsens über drei unterschiedliche Aspekte der sozialen Identitätskonstruktion erzielen, die gruppenübergreifende Solidarität begünstigen: • Instrumentelle Interessen: Politische Akteure können versuchen, andere Gruppenmitglieder davon zu überzeugen, dass prosoziales oder solidarisches Verhalten einer Fremdgruppe gegenüber mit Vorteilen für die Eigengruppe verbunden ist • Normen und Werte: Definiert sich eine Gruppe in Abgrenzung zu anderen Gruppen über ihr Bekenntnis zu humanitären Werten/sozialen Normen (z.B. soziale Verantwortung), würde mangelnde Solidarität gegenüber einer Fremdgruppe in Not diese Identitätsdefinition in Frage stellen. Politische Akteure können daher auch argumentieren, dass gruppenübergreifendes solidarisches Verhalten notwendig ist, um die eigene positive Identität der Gruppe im Vergleich zu anderen Gruppen aufrechtzuerhalten, auszudrücken oder zu betonen • (Re)Definition der Gruppengrenzen: Gruppenübergreifende Solidarität kann auch durch eine Redefinition der Gruppengrenzen im Sinne der Rekategorisierung gefördert werden. Politische Akteure können versuchen, die Konstruktion der sozialen Identität so zuverändern, dass die vorherige Eigengruppe als Teil einer neuen, sozial inklusiveren gemeinsamen Gruppe aufgefasst wird, die sowohl die ursprüngliche Eigengruppe als auch die ursprüngliche Fremdgruppe umfasst. Durch die Selbstdefinition auf einer höheren Ebene sozialer Inklusivität werden Mitglieder, die ursprünglich einer Fremdgruppe angehörten, dann kognitiver Bestandteil der Selbstdefinition. Wie wir weiter oben bereits erläutert haben, fördert die Kategorisierung der Opfer einer Notlage als Eigengruppenmitglieder Hilfeverhalten und Solidarität auf der Grundlage von Empathie (s. Stürmer & Snyder, 2009) Während die beiden zuvor genannten Strategien eher instrumenteller Natur sind, ist zu erwarten, dass die Strategie der Redefinition der Gruppengrenzen, so sie erfolgreich ist, eher altruistisch motiviertes Helfen der Gruppenmitglieder fördert Susanna Lopez

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Zusammengenommen tragen die Forschungsbefunde zum prosozialen Verhalten zwischen Gruppen zu einer differenzierten Sichtweise menschlichen Sozialverhaltens in Gruppen bei: • Intergruppenkonflikte und soziale Diskriminierung sind demnach keine zwangsläufige Konsequenz sozialer Kategorisierung • Ob Menschen sich feindselig und diskriminierend oder kooperativ und hilfsbereit gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen verhalten, ist von den Zielen, Interessen und Normen der Eigengruppe abhängig bzw. der Art und Weise, wie die Beziehung zwischen den Gruppen definiert wird

Zusammenfassung Die neuere Forschung legt nahe, dass Menschen Fremdgruppenmitgliedern nicht notwendigerweise weniger helfen als Mitgliedern ihrer Eigengruppe. Allerdings sind die motivationalen Prozesse, die zu Eigengruppen und Fremdgruppenhelfen führen, häufig fundamental unterschiedlicher Natur: Während sich Eigengruppenhelfen als eine Form Empathiebasierten Altruismus interpretieren lässt, beruht Fremdgruppenhelfen eher auf Kosten-Nutzen-Kalkulationsprozessen im Sinne sozialen Austauschs. Fremdgruppenhelfen kann zum einen der Befriedigung individueller Bedürfnisse im Sinne des funktionalen Ansatzes dienen (z.B. kann es dazu dienen, humanitäre Werte auszudrücken). Zudem kann es auch kollektive Funktionen erfüllen, die der Eigengruppe insgesamt zugute kommen (z.B. dem Erhalt von Statusund Machtdifferenzen zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe). Im Kontext der Mobilisierung gruppenübergreifender Unterstützung und Solidarität spielt die Konstruktion der sozialen Identität im politischen Diskurs und die mit der Identität assoziierten Interessen, Normen, Werte eine wichtige Rolle.

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