Zuger Neujahrsblatt 1950 - Zug

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ZUGE NEUJAHRSBLATT

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ZUGER NEUJAHRS BLATT HERAUSGEGEBEN VON DER

GEMEINNÜTZIGEN

GESELLSCHAFT

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DRUCK UND VERLAG G R A P H I S C H E W E R K S T Ä T T E E B E R H A R D KALT-ZEHNDER • ZUG

DAS URKUNDENBUCH VON STADT UND

AMT

ZUG

VonDr.E.Zumbach

edeutung und Umfang dieser wissenB schaftlichen Festgabe auf die Zentenarfeier des Eintritts Zugs in den Bund rechtfertigen eine kurze vorausgehende Rechenschaft an die Öffentlichkeit. Dabei gehen wir vom Begriff der Urkunde im weitesten Sinne aus, die uns Kunde gibt vom geistbegabten Menschen von den ersten Zeiten seiner nachweisbaren Anwesenheit bis zur Gegenwart. Hier gibt sich sofort ein grundlegender Unterschied zu erkennen zwischen jenen Urkunden, die sich in irgendeiner Form der Schrift, als der Wiedergabe von Worten und Sätzen mit Zeichen bedienen, und den ihnen zeitlieh vorausgehenden Zeugen menschlicher Tätigkeit ohne diesen Gedankeninhalt. Damit haben wir gleichzeitig die Grenze zwischen der Geschichte im engern Sinne und der Urgeschichte gewonnen, die vor den beschrifteten Denkmälern, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, Halt macht. Wir werden hier nur von der geschriebenen Urkunde sprechen. Daß wir uns keine Art von Geschichtsforschung und Geschichtskenntnis ohne Urkunden denken können, setzen wir als bekannt voraus. Die Urkunde ist nun einmal neben der Chronik, der fortlaufenden Darstellung geschichtlicher Ereignisse, namentlich für das Mittelalter die vornehmste und wichtigste Geschichtsquelle. Wir sprechen hier von der Urkunde im engsten Sinne, die dem Rechtsund Geschäftsverkehr dient, als schriftliche Aufzeichnung von Rechtsgeschäften. Mit der schon dem Mittelalter bekannten Unterscheidung sprechen wir von Urkunden des öffentlichen und des privaten Rechts; dem öffentlichen Recht gehören die Gesetze und Friedensverträge, Bündnisse und kaiserlichen und

königlichen Privilegien an, dem privaten die Kauf- und Schuldbriefe, Empfangsbescheinigungen, Gerichtsurteile, Testamente, um nur die wichtigsten zu nennen. Die privatrechtliche Urkunde, aber auch die öffentlich-rechtliche wurden, wie übrigens teilweise heute noch, nach bestimmten Formeln abgefaßt, die sich aus dem vorhandenen Bestand deutlich ablesen lassen, auch wenn uns aus der Innerschweiz z. B. keine der sonst zahlreichen Sammlungen erhalten geblieben ist. Über die Schreiber läßt sich vorderhand nur soviel sagen,daß ihre Zahl natürlich sehr beschränkt war, abgesehen davon, daß eben die Schreibkunst ein Vorrecht weniger Personen war, die hauptsächlich dem Klerus angehörten. Den Bundesbrief von 1291 hat mit aller Bestimmtheit ein Kleriker geschrieben, wenn wir auch seinen Namen nicht kennen. Von einer Kanzlei im heutigen Sinne können wir, was den Kanton Zug betrifft, erst im spätem Mittelalter sprechen; zuerst besaß die Stadt eine, ihr folgten nach einigen Kämpfen der Kanton, die Gemeinden des äußern Amtes erst viel später. Alle diese, für die Forschung übrigens sehr wichtigen Zusammenhänge, werden erst einmal richtig beurteilt weren können, wenn das Urkundenbuch vorliegt. Größere, namentlich kirchliche Verwaltungen legten schon früher solche Sammlungen an, vor allem aus praktischen Rücksichten, um die Originale zu schonen und die Akten bei der täglichen Verwaltungsarbeit bequemer zur Hand zu haben. Natürlich waren das schriftliche Sammelwerke, gedruckte kamen erst lange nach der Erfindung der Buchdruckerkunst in Gebrauch. Daß diese nun in erster Linie für den Geschichsforscher be-

stimmt waren, ist klar. Die Klöster Einsiedeln und St. Gallen besaßen schon im 17. Jahrhundert solche Sammlungen von Abschriften ihrer Archivbestände, freilich nicht vollständige. Auch die Herrscherhäuser der umgebenden Staaten taten ein gleiches, während man in der Schweiz selbst kaum über einige Anfänge hinaus gelangte. Der Chronist Ägidius Tschudi ist der erste, der ihre Notwendigkeit erkannte, und seine Chronik enthält, neben etlichen Phantasiegebilden, auch zahlreiche im ganzen zuverlässige Texte wichtiger, heute verlorener Urkunden zur schweizerischen Geschichte. Die erste und heute noch wichtigste umfassende Quellenpublikation in der Schweiz sind die eidgenössischen Abschiede, die nicht nur die Notizen über die eidgenössischen Tagsatzungen, die sogenannten Abschiede, sondern auch zahlreiche Urkundentexte enthalten. Wenn sich auch heute die ersten Bände als lückenhaft erweisen und mit der Zeit neu bearbeitet werden müssen, so ist es doch ein im Ganzen mustergültiges Werk, das, wie etwa die Dufourkarte, bei seinem Erscheinen in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts, internationale Anerkennung fand. Die einzelnen Kantone folgten, aus begreiflichen Gründen, nur langsam; wir erwähnen als Vorbilder das große zürcherische Urkundenbuch, bis 1336 reichend, und die Fontes Rerum Bernensium für den deutschen Teil des Kantons Bern, sowie das baselstädtische Urkundenbuch. Gegenwärtig arbeitet man an einem solothurnischen und thurgauischen, und als neuestes, an einem graubündnerischen Urkundenbuch. Die Appenzeller sind die ersten, die ein nach heute geltenden Grundsätzen bearbeitetes, bis in die Neuzeit (Landestrennung 1597) reichendes Urkundenbuch besitzen. Die Innerschweiz war mit solchen Quellenpublikationen bis vor wenigen Jahren nur sehr dürftig ausgestattet. Abgesehen vom erwähnten Einsiedlerwerk, das übrigens nur in kleiner Auflage erschien und daher sehr selten ist, besitzen noch die Stifte Engelberg und

Beromünster, sowie der Kanton Uri gedruckte Sammlungen, denen, mit Vorbehalten, die Bezeichnung Urkundenbuch zukommt. Sie sind im »Geschichtsfreund« erschienen, der auch sonst, namentlich in den ersten Jahrzehnten, zahlreiche Urkunden abdruckte, auch über den Kanton Zug, ohne daß freilich ein bestimmtes System befolgt wurde. Bezeichnenderweise besitzen wiederum die Gotteshäuser Kappel und Frauental die ersten Veröffentlichungen solcher Art, freilich nur in Form von Regesten, d. h. kurzen, den sachlichen Inhalt wiedergebenden Auszügen. Daneben hat der ebenso unermüdliche wie kritische Forscher Bonifaz Staub eine handschriftliche Abschriftensammlung angelegt, die auch erstmals eine Beschreibung der Urkunden und der Siegel aufweist. Vor ihm hatte einzig General Zurlauben seiner Materialsammlung Urkundenabschriften einverleibt und dabei mitunter auch Originale mitlaufen lassen, während z. B. Stadiin bei der Bearbeitung seiner Topographie wohl zahlreiche Urkunden benützte, aber meistens sehr ungenau und flüchtig. Aber was eben unserer zugerischen Quellenforschung abgeht, das ist ein nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtetes System; das hatte zur notwendigen Folge, daß auch die Darstellung nicht immer auf einer seriösen Grundlage beruht oder, was noch bedenklicher ist, jenen Gestalten und Ereignissen, denen nur mit eingehendem Urkundenstudium beizukommen ist, bisher lieber ausgewichen ist. Daher kommt es, daß die Erforschung der Anfänge und ersten Entwicklung unseres Staatswesens eigentlich noch in den Anfängen steckt und in den letzten Jahrzehnten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine nennenswerte Förderung erfahren hat. Angesichts der zugestandenermaßen großen Schwierigkeiten auf diesem Gebiet wären weder der Kanton Zug noch die V Orte dieser wichtigen und für die Forschung unumgänglichen Aufgabe Herr geworden, wenn nicht

von außen Hilfe und Unterstützung gekommen wäre. Bekanntlich hat in den 20er Jahren in der wissenschaftlichen Welt eine neue Diskussion über die Entstehung der Eidgenossenschaft eingesetzt, angefacht durch die Forschungen Karl Meyers. Als Reaktion auf die von Eutych Kopp begründete, ausschließlich auf die Urkunden abstellende Erfassung des Stoffes, wurde der chronikalischen und legendären Überlieferung wieder mehr Gewicht beigelegt, aber gerade bei diesem Unterfangen zeigte es sich, daß das primäre Material, eben die Urkunden, keineswegs in der den heutigen Anforderungen entsprechenden, umfassenden Art bekannt waren. Weder die Abschiede noch das Regestenwerk von Öchsli, anläßlich der Bundesfeier 1891 im Auftrag des Bundesrates bearbeitet, genügten den Ansprüchen. So kam die Allgemeine Geschichtforschende Gesellschaft der Schweiz zum Entschluß, in einem großen Quellenwerk dem Mangel abzuhelfen. Selbstverständlich mußten vor allem die Urkunden vollständig erfaßt werden, daneben aber auch die Chroniken, Jahrzeitbücher, Offnungen, Hofrechte. Damit wollte man zwar in erster Linie dem Fachmann dienen, und zwar, was auch für die zugerische und überhaupt jede Lokalforschung von Bedeutung ist, dem auswärtigen Fachmann, dem eine Benützung der einheimischen Archive ohnehin nicht möglich ist, der aber für die außerordentlich wichtige vergleichende Betrachtungsweise auf solche Veröffentlichungen angewiesen ist. Aber nebenbei hatte man selbstverständlich auch den einheimischen Geschichtsfreund im Auge, der sich an Hand der primären Quellen selber ein Urteil zu bilden wünscht, wie ja überhaupt die Beschäftigung weiterer Kreise, nicht nur der zünftigen Forschung, mit der Landesgeschichte ein kostbares und für unsere politische und kulturelle Selbständigkeit unentbehrliches Mittel staatsbürgerlicher Erziehung darstellt. Diese weitgespannten Ziele bedingten auch, daß es sich nicht nur etwa um

eine mehr oder weniger große Auswahl handeln konnte, sondern daß nur eine vollständige Erfassung des zeitgenössischen Materials den Anforderungen genügen würde. Bei der innigen Verflechtung des politischen mit dem kirchlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Leben wäre jede Beschränkung zum Mißerfolg verurteilt gewesen. Und was in sachlicher Hinsicht nicht tragbar war, das war es auch nicht in örtlicher Beziehung. Das Kräftefeld war schon damals nicht an die engsten politischen Grenzen gebunden, sondern hatte mindestens den ganzen innerschweizerischen Raum umfaßt, also die ganze Umgebung des Vierländersees und die nach Zürich führende Pforte, das Zugerland. Dem Weitblick der Vertreter der Innerschweiz im Gesellschaftsrat der Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft, Dr. Robert Durrer und P. X. Weber, verdanken wir es, daß diese Einsicht in die Tat umgesetzt und das Quellenwerk zum fünförtigen Urkundenbuch ausgestattet wurde, in das nun auch der Kanton Zug miteinbezogen ist. Der erste bis 1291 reichende Band erschien 1933 unter der Leitung von Dr. Traugott Schieß in St. Gallen, eines erfahrenen und gründlichen Urkundenkenners, dem auch der Kanton Appenzell sein großes Urkundenbuch verdankt. Der zweite Band erschien 1937 und reicht bis 1332, dem Eintritt Luzerns in den Bund; die Bearbeitung wurde, nach dem Tode von Dr. Schieß, von Dr. Bruno Meyer, Staatsarchivar in Frauenfeld, übernommen. Gegenwärtig wird am 3. Band gearbeitet, der bis 1353 reichen soll, dem Eintritt Berns in den Bund, womit der Kreis der acht alten Orte geschlossen ist. Ursprünglich war beabsichtigt, bis zur förmlichen staatsrechtlichen Ablösung vom Hause Habsburg durch die Eroberung des Aargaus im Jahre 1415 zu gehen. Doch hat die Fülle des Materials und die Erhöhung der Druckkosten davon abgehalten. Das Quellenwerk ist freilich kein eigentliches Urkundenbuch mehr, das etwa wie das

zürcherische, alle Urkunden im vollständigen Wortlaut wiedergibt. Es ist klar, daß dieser Verzicht nur aus schwerwiegenden technischen und finanziellen Gründen erfolgte; das Werk wäre eben für Herausgeber und Käufer unerschwinglich und außerdem zu umfangreich und unhandlich geworden. Die Bände sind auch so noch groß und schwer genug. Wer einmal, und das wird eben oft genug vorkommen, alle drei nebeneinander benützt, wird sich der Notwendigkeit einer Beschränkung sofort bewußt. Es wurde übrigens strenge darauf geachtet, daß nichts wesentliches weggelassen wurde; so sind keine Namen von Personen oder Örtlichkeiten weggeblieben, und bei der Abfassung der Regesten wurde große Sorgfalt auf die vollständige Erfassung des Inhalts gelegt, sodaß der Familienforscher, der Sprachkundige und Reclitshistoriker auf seine Rechnung kommt: keine Kostbarkeit wird ihm vorenthalten. Besonders wichtige Stücke, nicht etwa nur die Bundesbriefe und was damit zusammenhängt, sind im vollen Wortlaut wiedergegeben, ebenso alle Urkunden von einiger Bedeutung, die noch nirgends gedruckt sind, während bei den ändern der Ort, wo der vollständige Text zu finden ist, angegeben wird. So ist praktisch an Hand des sorgfältigen Personen-, Orts- und Sachregisters der gesamte Urkundenbestand seinem wesentlichen Inhalt nach erfaßt und der Forschung zugänglich gemacht worden. Die wissenschaftliche Kritik hat zwar beim Erscheinen der Bände nicht zurückgehalten [Harald Steinacker in ZSG 15 (1935) 386 und 18 (1938) 233]; sie hatte eine vermehrte Berücksichtigung der vom deutschen Urkundenforscher Sickel aufgestellten Anforderungen an neue Urkundenbücher gewünscht, lautend auf eindringende Schrift- und Stilvergleichung, um damit insbesondere die Frage der Echtheit der einzelnen Urkunde besser abzuklären. Diesen Forderungen ließe sich aber doch wohl nur durch eingehende Untersuchungen über ein größeres Gebiet, z. B.

die ganze deutsche Schweiz, sodann aber nur durch zahlreiche Schriftproben und möglichst weitgehenden Vollabdruck aller Texte gerecht werden. Aber abgesehen von unsern schweizerischen Forschungsmethoden und Möglichkeiten, die nun einmal lokal begrenzt sind, hätte die Berücksichtigung mindestens die Verdoppelung der Druckkosten zur Folge. Bei nüchterner Betrachtungsweise, die uns Schweizern etwa zum Vorwurf gemacht wird, heißt das ganz einfach, daß solche Veröffentlichungen gar nicht zustande kommen würden. Mit ändern Worten: Wollen wir den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Übrigens steht es, auch wenn nun das Quellenwerk mehr ein bloßes Regesten- denn ein Urkundenbuch darstellt, nicht so schlimm mit seinen Qualitäten: die Schriftvergleichung ist heute durch Photokopieren der Originale wesentlich erleichtert; auf demselben Wege und durch sorgfältigen Nachweis der Drucke kann man dem Fachmann den vollständigen Text im Falle des Bedarfes ohne Schwierigkeiten beschaffen. Und schließlich spielt bei uns wenigstens im späten Mittelalter und beim Überwiegen der Privaturkunden in unsern Beständen, die Echtheitsfrage glücklicherweise gar nicht die gleiche Rolle wie etwa bei den Papst-, Kaiser- und Königsdiplomen des frühern und hohen Mittelalters. Vor allem aber, und das kann nicht genug betont werden, handelt es sich doch in erster Linie darum, unsere Urkundenbestände der Forschung erst einmal zu erschließen. Damit leisten wir ihr für einmal einen grundlegenden wesentlichen Dienst, den sie zu schätzen wissen wird; das weitere dürfen wir künftigen Geschlechtern, mit ihren weitergespannten Möglichkeiten, z. B. auf dem Gebiete der Mikrophotographie, getrost überlassen. Diese Erwägungen waren für uns maßgebend, wenn wir im Abbrechen des Quellenwerkes beim Jahre 1353 die Aufforderung an die Kantone erblickten, das Werk weiter und einem organischen Abschluß entgegenzufüh-

ren, nämlich dort, wo zufolge der vom Humanismus verursachten Vermehrung und Ausgestaltung des Schrifttums die Erfaßbarkeit desselben mit den Mitteln des Urkundenoder Regestenwerkes aufhört, nämlich beim Ausgang des Mittelalters. Wir durften noch weitergehen und die Forderung aufstellen, daß sich die Fortsetzung mit Vorteil an den vorgezeichneten Rahmen des Quellenwerkes halten soll. Und da zeitlich der Eintritt Zugs in den Bund mit diesem Abschluß zusammenfällt, ergab sich für uns mit fast elementarer Gewalt der Plan, als dauernde Frucht des Zentenariums unsere Urkundenbestände bis zum Ausgang des Mittelalters als erster innerschweizerischer Kanton der Wissenschaft in möglichst weitem Umfang zu erschließen. Am 19. März 1943, nachdem das Wappenbuch abgeschlossen war, richtete der Vorstand des Zuger Vereins für Heimatgeschichte an den Regierungsrat das Begehren, aus dem Anteil am Lotterieertrag die hiefür erforderlichen Mittel zu bewilligen, was dann mit Beschluß vom 14. Juli 1944 geschah. Heute stehen wir nun mitten in der Verwirklichung dieser für unsere Kräfte allerdings großen Aufgabe. Bereits sind sämtliche zugerischen Archive durchgearbeitet und die Texte ohne Ausnahme vollständig photographiert und abgeschrieben; von den auswärtigen liegen Zürich, mit seinen für Zug sehr wichtigen Beständen des Klosters Kappel, sowie Einsiedeln und Schwyz vor; dann kommen noch Luzern und Aarau an die Reihe, sowie das Stadtarchiv Zürich und die Urkunden in privaten Händen. An sämtliche größern Archive der Schweiz ist eine Aufforderung zur Mitteilung von Stücken zugerischen Inhalts ergangen, und es ist bei der guten Zusammenarbeit der Archivare, die alljährlich zu einer besondern Fachkonferenz zusammentreten (1940 in Zug), zu hoffen, daß dem Begehren entsprochen wird. Und wenn auch die Nachforschung in vielen Fällen ein negatives Ergebnis zeitigt, so ist dies eben auch

etwas. Auf ausländische Archive zu greifen, glaubten wir verzichten zu können: die Bestände des österreichischen Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien, die wegen der Beziehungen mit den Habsburgern in Frage kämen, sind für die in Frage kommende Zeit durch ein Regestenwerk bereits zugänglich, ebenso die Bestände von Freiburg i. B. und Karlsruhe aus dem ehemaligen Konstanzischen Bischofsarchiv bis tief ins 15. Jahrhundert hinein. Es ist also in dieser Hinsicht alles getan, was billigen Anforderungen entspricht. Daß heute noch verschiedene Fragen abzuklären sind, ist bei einem solchen Werk nicht verwunderlich. Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken. Während die Bestände des Stadtarchivs und des Klosterarchivs Frauental schon früher photographiert wurden, ist diese Arbeit für die Gemeinde- und die auswärtigen Archive in vollem Gange. Sie wird von der Kantonspolizei in einer Weise besorgt, die allen heutigen Anforderungen entspricht. Selbstverständlich werden die Kopien im Kantonsarchiv aufbewahrt und stehen dort der Forschung auch nach Erscheinen des Urkundenbuches /ur Verfügung. Die Urkunden werden, mit ganz wenigen Ausnahmen, ihrem vollen Umfange nach mit der Maschine abgeschrieben ; auch diese Abschriften verbleiben im Kantonsarchiv, sodaß also der Forschung Schriftbild und Text für Spezialarbeiten zur Verfügung stehen. Die Abschriften besorgt Prof. Dr. E. Gruber; es ist die mühe- und verantwortungsvollste Arbeit. H. H. Pfarrer A. Iten, der gewiegte Kenner unseres zugerischen Flurnamengutes, ist für den sog. Apparat, die erklärenden Anmerkungen besorgt, Dr. E. Zumbach für die Stückbeschreibung, die auch eine sorgfältige Erforschung der Siegel umfaßt. Was nun die wissenschaftliche Ausbeute betrifft, so läßt sich jedenfalls heute schon so viel feststellen, daß zwar keine umwälzenden neuen Tatsachen ans Tageslicht gekom-

men sind, daß aber das Bild der Entwicklung unserer zugerischen Heimat im ausgehenden Mittelalter in jeder, namentlich aber in politischer Hinsicht wesentlich bereichert wird. Als die Stadt Zug und das äußere Amt im Jahre 1352 mit den Eidgenossen den Bund schlössen, waren sie nichts weniger als ein fertiges Staatswesen, sondern ein buntes Konglomerat von geistlichen und weltlichen Herrschaften, mit einer habsburgischen Stadt und drei freien, sehr selbständigen Bauerngemeinden als Kern. Den Zusammenschluß nun dieser Bestandteile zu einem wenn auch kleinen, so doch ausgewachsenen und selbstbewußten Staat und vollberechtigten Glied der Eidgenossenschaft wird das zu schaffende Werk an Hand der grundlegenden staatsrechtlichen Urkunden mit greifbarer Deutlichkeit zeigen. Daß dabei auch für die Schule

aller Stufen ein reiches geschichtliches Anschauungsmaterial entsteht, ist selbstverständlich. Aber auch die Kirchen-, Kulturund Rechtsgeschichte, die Wirtschafts-, Sprach- und namentlich auch die Familiengeschichte wird erheblichen Gewinn daraus ziehen. Ein Blick in das Zuger Wappenbuch zeigt, daß schon die beiden vorliegenden Bände des Quellenwerkes wesentliche Dienste leisteten; die Folgezeit mit ihrem anwachsenden Material, wie das nun im Zuger Urkundenbuch zugänglich gemacht werden soll, wird das noch in höherem Maße tun. Zusammenfassend dürfen wir der Überzeugung Ausdruck geben, daß sich die erheblichen Anstrengungen in jeder Hinsicht lohnen werden und das Werk die Erinnerung an die Zentenarfeier in würdiger Form festhalten wird, wenn ihre Fahnen längst eingezogen sind.

B D H G E H K U N I G L O U I S PHILIPP V O N K U A N K M E I C l l OiuUMi- \ ( i n V. \.Winli-rliolli-r (IH06—1873)

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(Hesitz: l.niiit llnxmnl. l'mnl, Zug)

B Ü R G E R K Ö N I G L O U I S PHILIPP UND

ZUG

Von Dr. Hans Koch

J_jouis Philipp wurde am 6. Oktober 1773 in Paris geboren als Sohn des Herzogs Louis Philipp Joseph von Chartres, des spätem Herzogs von Orleans, welcher als Louis Egalite eine unrühmliche Rolle spielte in den französischen Revolutionszeiten und ein ebenso unrühmliches Ende auf dem Schafott fand. Als ältester Sohn erhielt Louis Philipp den Titel eines Herzogs von Chartres. Seine Erzieherin war Madame de Genlis, die ihn und die jüngere Schwester Adelaide nach den Grundsätzen Rousseaus erzog und besonders auf die Erlernung verschiedener Sprachen großes Gewicht legte. Louis Philipp schloß sich der revolutionären Bewegung an, indem er seinem Vater nachahmte, trat in die Nationalgarde ein, um später Mitglied des Jakobinerklubs zu werden. Im Jahre 1791 kam er zum französischen Heer und kämpfte bei Valmy, Jemappes und Neerwinden als »General Egalite« unter Dumouriez, der ihn in seine Katastrophe verwickelte. Dumouriez trat zu den Österreichern über, und Louis Philipp konnte nur der Verhaftung entgehen, indem er den gleichen Schritt tat. Es begann nun eine eigentliche Irrfahrt für den jungen Herzog, und auf dieser Fahrt kam Louis Philipp auch nach Zug. Im heutigen Blumenhof (Tschuopis) wohnte er einige Zeit zusammen mit seiner Schwester Adelaide und der frühern Erzieherin Madame de Genlis. Über den Zuger Aufenthalt sind wir durch die Aufzeichnungen der Madame de Genlis sehr gut unterrichtet. Im Tschuopis haben wir keine Erinnerungszeichen mehr, aber Herr Louis Bossard, Privatier, Neugasse, hat aus dem Hotel Ochsen ein hübsches Andenken an Louis Philipp.

Während des Zuger Aufenthaltes war Louis Philipp sehr oft Gast im Hotel Ochsen oder bezog vielfach das Essen von dieser alten Gaststätte und in der spätem Glückszeit erinnerte sich der Bürgerkönig des gastfreundlichen Wirtes. Damals war Jakob Beat Sidler Wirt zum Ochsen. Daß aber Alois Damian Bossard vom Bürgerkönig beschenkt wurde, war wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß sich der ehemalige Flüchtling nur noch an die Gaststätte, aber nicht mehr an den Namen des damaligen Wirtes erinnern konnte. So durfte ein späterer Besitzer den Lohn der früher Tätigen einheimsen. Das Geschenk war königlich, bestand es doch in einem englischen Tafel-Service und in einem feinen KaffeeService aus der königlichen Porzellan-Manuf acture von Sevres. Diese Geschenke sind mit den von der Königskrone überragten Initialen L. Ph. und der Bezeichnung Chateaux de Tuillerie 1844 signiert. Das historische Museum Zug birgt noch ein zweites Erinnerungsstück an Louis Philipp und zwar eine ursprünglich mit Diamanten geschmückte goldene Tabakdose samt Bildnis des Bürgerkönigs. Diese Tabakdose war ein Geschenk an den zugerischen Pannerherr Franz Josef Müller, im Roost, der als Landschreiber der Freien Ämter dem französischen Flüchtling in Bremgarten große Dienste erwiesen hatte. Aus dem Schwarzwald waren die französischen Gäste nach Zug gekommen. Madame de Genlis beschreibt diese Reise und den Aufenthalt in Zug mit folgenden Sätzen: »Am 26. April (1793) kamen wir über Schaffhausen in die Schweiz. Meine Freude war unbeschreiblich in einem neutralen Land zu sein. Weil Mademoiselle von Orleans

(die Schwester Louis Philipps) sehr der Ruhe bedurfte, blieben wir in Schaffhausen, wo uns inzwischen auch der Herzog von Chartres eingeholt hatte. Erst am 6. Mai reisten wir ab und gingen nach Zürich, wo wir gedachten uns niederzulassen. Als wir aber der Regierung unsere Namen angeben mußten, vernichteten die unglücklichen Namen von Mademoiselle von Orleans und des Herzogs unsern Plan. Zudem wurden wir von mehreren Emigranten erkannt, die uns viel Böses zufügten. Als wir eines Abends auf einem Platze von Zürich spazierten, ging ein Emigrant voll böser Manieren ganz hart an Mademoiselle vorüber und faßte mit seinem Sporn einen großen Teil des Gazerockes der Prinzessin. Von Herrn Ott, dem vornehmen Wirt zum Schwert, woselbst wir einquartiert waren, erhielten wir viele Beweise der Anteilnahme. Wir mußten aber trotzdem weiterziehen. Am 14. Mai begaben wir uns nach Zug und bezogen ein kleines, einsam stehendes Haus am Seeufer, unweit der Stadt. Wir hatten alle Maßnahmen getroffen, um ruhig leben zu können und damit man uns nicht erkenne. Der Regierung waren unsere Namen unbekannt. Man hielt uns für eine Familie aus Irland. In Zug verlebten wir einen Monat in der vollkommensten Ruhe. Wir genügten uns selbst, geordnete Beschäftigungen füllten unsere Zeit angenehm aus. Wir empfingen keine Besuche und verließen das Haus nur zu Spaziergängen oder zumKirchenbesuch. Die Bauern liebten uns sehr und besonders die Armen, da der Herzog und Mademoiselle, welche die Verteilung der kleinen möglichen Unterstützungen selbst besorgten, sie immer mit zartester Menschenfreundlichkeit empfingen. Das war unsere Lage, als Emigranten durch Zug reisten, die wir nicht persönlich kannten, welche aber den Herzog von Chartres früher einmal in Versailles gesehen hatten. Sie erkannten ihn wieder und am gleichen Tag wußte es das ganze Städtchen Zug, wer wir

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waren. Die Regierungsmitglieder zeigten größtes Entgegenkommen, und äußerten den Wunsch, in ihrem Kantone gern Leute zu beherbergen, welche einen so erbaulichen Lebenswandel führten. Aber nach einigen Tagen las man in deutschen Zeitungen, daß wir in Zug weilten. Diese Publizität mißfiel aber dann doch den Behörden in Zug. Bald darauf erhielten sie ein Schreiben von Bern, worin man ihnen den Vorwurf machte, daß sie der Mademoiselle von Orleans und ihrem Bruder den Aufenthalt gestatten. Der erste Magistrat von Zug (es handelt sich hier um Ammann Franz Joseph Andermatt von Baar) wurde unruhig und bat endlich meine unglücklichen Zöglinge, sich einen ändern Aufenthaltsort zu suchen; diese Bitte aber tat er auf die zarteste Weise; er begnügte sich uns seine Verlegenheit und Unruhe mitzuteilen. Diese Sprache verstanden wir, und erklärten, daß wir innerhalb vierzehn Tagen abreisen werden. Hiebei war jedoch keineswegs von mir die Rede; vielmehr wurde mir die Bewilligung zu fernerem Aufenthalt in Zug angeboten; ich war aber an Mademoiselle von Orleans gefesselt. Inzwischen berieten wir uns nun, was wir in diesen mißlichen Umständen zu tun hätten. Ich machte die Vorstellung, daß, bevor wir einen Entschluß fassen, wir uns zur Trennung vom Herzog von Chartres verstehen müssen, weil man uns sonst überall erkennen würde, was ich schon in Zürich gesagt und vorgeschlagen hatte. Der Herzog wollte durchaus bei uns bleiben; ich hatte die unvermeidliche Folge nur zu gut vorhergesehen. Jetzt aber lehrte ihn die Erfahrung, daß ich Recht hatte, und es ward entschieden, daß wir nicht mehr beisammen bleiben wollen. Aber wohin nun, ohne Empfehlungen, ohne Freunde, da wir in den zwei duldsamsten Kantonen der Schweiz nicht bleiben durften? Wir machten tausend schwärmerische Pläne und trotz ihrer Ungereimtheit, hätten wir etwas Ähnliches unternehmen müssen, wenn nicht der Zufall einen einfachen Gedanken geweckt hätte, der

auch gelang. Mittlerweise besuchte uns Herr von Montjoye, der sich mit seiner Familie in Basel angesiedelt hatte. Er erzählte uns, daß er durch Bremgarten gekommen sei, und dort den Herrn von Montesquieu gesehen hätte, der durch seine Dienste gegenüber der Stadt Genf große Achtung und recht viel Kredit in der Schweiz genoß. Sogleich kam ich auf den Gedanken, Herrn von Montesquieu zu schreiben.« Herr von Montesquiou war erster Stallmeister im Hofstaat des Grafen von Provence gewesen und wurde 1789 vom Adel zum Abgeordneten bei den Generalstaaten gewählt. Er war Anhänger einer konstitutionellen Reform, wie es Ludwig XVIII. auch als Graf von Provence war, nur konnte er natürlich nicht da stellen bleiben, wo der Prinz glaubte, daß man anhalten müsse. Montesquiou war unter den vierzig Edelleuten, die zuerst zum dritten Stande übertraten. Er brach nachher ganz mit dem Hofe, obwohl er immer ein Mann von gemäßigten und konstitutionellen Gesinnungen blieb. Im Jahre 1792 befehligte er die Südarmee, und stand in der Provence und Dauphine, wo er bald zum Angriff überging, und in Savoyen eindrang. Seine Geburt und früheren Hofverhältnisse, sowie seine konstitutionellen Ansichten mußten ihn dem Jacobinismus verdächtig machen. Man schleuderte eine Vorladung vor die Schranken des Convents gegen ihn, und wie alle, die nicht ihren Kopf unter die Guillotine tragen wollten, konnte er sich nur durch Flucht retten. Am 9. November 1792 entfloh er nach Genf, wo er sehr geachtet war, weil er der Republik wichtige Dienste geleistet hatte. Von da ging er nach Bremgarten. Da er keinen Teil genommen hatte an der bewaffneten Emigration, wurde er 1795 aus der Emigrantenliste gestrichen, und starb 1798 in Paris. (Birch, Christian. Ludwig Philipp der Erste. Stuttgart 1891. 1. Bd., S. 188.) Der Plan zu einer Übersiedlung nach Bremgarten wurde Wirklichkeit, indem im dortigen

Klarissinnenkloster für die beiden Frauen eine Unterkunft gefunden wurde. Der Herzog machte sich zu einer Trennung bereit und kam nach einer längern Irrfahrt nach Reichenau, wo er unter dem Namen Monsieur Chabos aus Languedoc eine .Hauslehrerstelle im dortigen Schlosse annahm. Während des Aufenthaltes in Reichenau wurde sein Vater Louis Egalite aufs Blutgerüst geschleppt und hingerichtet. Die Abreise der beiden fürstlichen Gäste aus dem Städtchen Zug ging nicht geräuschlos vor sich. Die ehemalige Erzieherin, Madame de Genlis fährt in ihren Aufzeichnungen fort und berichtet: »Als, im Augenblick unserer Abreise von Zug, meine Zöglinge alle die kleinen Rechnungen bezahlen sollten, reichte ihr Geld nicht hin. Zum Glück hatte ich noch so viel, um auszuhelfen, und ein Jahr lang das Kostgeld für Mademoiselle von Orleans, mich und meine Nichte zu bezahlen, was ich auch tat, aber nur während sechs Monaten. Nach Ablauf dieser Zeit erhielt Mademoiselle von Orleans etwas Geld aus Italien, von ihrem Oheim, dem Herzog von Modena, Am Abend vor unserer Abreise von Zug verursachte mir eine wahrhaft gräßliche Bosheit den größten Schrecken, den ich je in meinem Leben empfunden habe. Unser kleines Haus lag mitten in einer großen Wiese, unterhalb welcher die Landstraße sich durchzog; jenseits dieser war der See. Alle unsere Fenster gingen gegen diese Wiese und hatten keine Fensterladen. Mademoiselle von Orleans blieb alle Abende im Saale zu ebener Erde bis gegen Dreiviertel nach zehn Uhr. Sie saß beim Fenster und war während des Gesprächs mit kleinen Arbeiten beschäftigt. Da sie, seit sie die Masern hatte, ein wenig an den Augen litt, behielt sie stets den Hut auf dem Kopfe, um sich gegen das Licht zu schirmen. Am 26. Juni, Vorabend unserer Abreise, war ich um ein Viertel nach zehn Uhr abends auf meinem Zimmer, welches gerade über dem Saal sich befand. Der Herzog von Chartres 11

war gemäß seiner Gewohnheit bereits schlafen gegangen, wie auch der einzige Bediente, der im Hause war. Mademoiselle von Orleans halt glücklicherweise mir etwas zu sagen; sie stand auf, ließ ihr Licht auf dem Tische, nahm ihren Hut ab, hing ihn an ihren Stuhl, und kam mit meiner Nichte zu mir herauf. Ich schrieb an einem Tische, der ebenfalls am Fenster stand. Als ich Mademoiselle von Orleans eintreten sah, verließ ich meinen Platz, setzte mich zwischen zwei Fenster, und nahm sie auf die Knie. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, als wir ein sehr starkes Geräusch hörten, welches ein ungeheurer, in das Fenster des Saales geworfener Stein verursachte. Eine halbe Minute nachher wurden mehrere andere Steine in das Zimmer geworfen, welches ich soeben verließ, und sie zerschmetterten die Fensterscheiben mit solchem Geprassel, daß der Herzog von Chartres darüber erwachte, aus dem Bette sprang, den Stock, eine in seiner Hand sehr tüchtige Waffe, ergriff und nach der Haustüre eilte, indem er dem Bedienten rief, der ebenfalls aufstand. Beide gingen vor das Haus und schrieen den Mördern nach, die sich eilig davon machten. Aus dem Geräusche ihres Getrapps schloß der Herzog von Chartres, daß sie zwei, höchstens drei seien. Wir gingen in den Saal hinab und sahen, daß der erste Steinwurf gerade gegen den Platz ging, wo Mademoiselle von Orleans gewöhnlich saß, und auf ihren Hut, den sie, wie oben bemerkt war, an die Stuhllehne gehängt hatte. Die Räuber hatten sicher diesen Hut für ihren Kopf angesehen, und sehr richtig gezielt, denn das Fenster, dem Hute gegenüber, war zerbrochen, der Hut zu Boden geworfen und der Stein, von der Größe einer Faust, in gerader Richtung fortlaufend, hatte eine Ofenplatte zuhinterst im Saale zerschmettert. Ich bewahrte diesen Stein sorgfältig auf, ließ ihn glätten und in Medaillonform zuschneiden, worauf die zwei Worte eingehauen wurden »Innocence — Providence«. —

Die nämliche Nacht stahl man uns nichts, man zerschnitt aber zwei Pferdegeschirre, die dem Herzog von Chartres gehörten, in kleine Stücke. Wir machten den Behörden Anzeige von diesen Tatsachen, über die ich mir keine Vermutungen erlauben werde, ich sage nur, daß wir in Zug sehr geliebt wurden, daß wir bei unsern täglichen Ausgängen aufs Feld und in die Kirche, oft die Stadt zu Fuß durchwandernd, nicht nur niemals auch nur im geringsten beleidigt wurden, sondern daß das Volk stets uns persönlich ungemein viel Wohlwollen bewies. Am folgenden Tage verreisten wir um zehn Uhr des Morgens; wir durchzogen die Stadt, und erblickten aligemein auf allen Gesichtern den Ausdruck der Teilnahme und des Bedauerns über unsere Abreise. Herr von Montesquiou führte uns ins Kloster der Klarissinnen, befahl uns aber sorgfältig zu verschweigen, wer wir seien, da er dies niemandem als zwei Magistratspersonen von Zürich und Bremgarten, die seine Freunde seien, geoffenbart habe.« In Bremgarten fanden die Frauen eine stille Ruhestätte. Der Herzog aber suchte ein neues Asyl. Auf seinem Wege kam er auch über den St. Gotthard, wo er ein dürftiges Nachtlager fand. Damals war man gegen französische Emigranten in den Gebirgsgegenden sehr mißtrauisch, was folgende Episode hübsch illustriert: »Die Wirtin eines kleinen Gasthofes wollte sich durchaus nicht dazu verstehen, den armen Wanderer aufzunehmen. Es war ein schreckliches Wetter und die Nacht war eingebrochen. Dennoch mußte der Herzog lange und dringend bitten, bis das Mitleid der zänkischen Frau so weit rege wurde, daß sie ihm und seinem Begleiter ein Strohlager in einer Scheune einräumte. Louis Philipp aber hatte eine von diesen Alpen Wanderungen im schlechten Wetter zurückgelegt, welche auch die rüstigste Kraft erschöpft, und er schlief auf dem Strohlager in der Bündner Scheune

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so sanft und gut, wie nur immer unter einer Damastdecke in Versailles oder Palais-Royal. Mit Tagesanbruch erwachte Louis Philipp an einem einförmigen Geräusch, wie wenn immer jemand auf und ab geht, und als er die Augen öffnete, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen einen jungen Bauernburschen mit einer Flinte, der den Dienst einer Schildwache bei ihm versah. Auf Befragen sagte dieser, seine Muhme, die Wirthin, die geizig und mißtrauisch sey, habe ihm diesen Ehrendienst aufgetragen mit dem Befehl, den Herzog sogleich niederzuschießen, wenn er etwa in der Nacht aufstehen und sie bestellten wolle«. (Birch, 1. Bd., S. 193.) In Reichenau fand Louis Philipp Unterkunft im Schlosse, wo er unter dem Namen Chabos einige Monate als Lehrer wirkte. Politische Ereignisse trieben ihn aber bald wieder aus dem Bündnerland. Vielleicht spielten auch noch andere Motive mit, die den jugendlichen Herzog gerne von Reichenau scheiden ließen. Es ist durch die Arbeit von Raymond Recouly, Louis Philipp, roi des Frangais, Paris 1930, bekannt, daß sich noch eine längere Korrespondenz zwischen Reichenau und Bremgarten, dem neuen Aufenthaltsorte Louis Philipps ergab. Unter Tränen schrieb die Reichenauer Schloßköchin Marianne Banzori ihrem »viellieben Chabosli« und der herzogliche Liebhaber beteuerte seine Liebe: »Ton Chabosli t'embrasse et t'aime de tout coeur, autent qu'on peut aimer.« Doch dieses Liebesidyll war bald vergessen. Im Mailänder Spital wurde im folgenden Dezember 1794 ein Knabe geboren, der unter dem Namen Louis Chabos in das Heim der Findlingskinder kam. In Bremgarten hielt sich der französische Flüchtling unter dem Namen Corby auf und galt als ehemaliger Flügeladjudant des General Montesquiou. Adelaide hatte Bremgarten bereits früher verlassen. »Die Ausgewanderten, von denen so viele nichts besseres zu tun fanden, als dem Un-

glücke die Erbärmlichkeit hinzuzufügen, hatten es endlich herausgebracht, daß die beiden fremden Kostgängerinnen im Ciarenkloster die Prinzessin von Orleans und Frau von Genlis seyen. Es gelang ihnen auch die Ortsbehörden so lange zu ängstigen und zu bearbeiten, bis Montesquiou sich überzeugte, daß die Prinzessin nicht länger in Bremgarten bleiben könne. Es war daher an ihre Tante, die Prinzessin von Conti, die in Freiburg lebte, geschrieben worden, deren Bruder, der Herzog von Modena, der Prinzessin von Orleans Aufnahme in seine Staaten verweigert, ihr dagegen 180 Louisd'or gesendet hatte. Die Prinzessin von Conti willigte darein, ihrer Nichte Schutz zu gewähren, so weit es von ihr abhing. Sie wagte jedoch nicht sogleich sie bei sich aufzunehmen, sondern sandte ihre Ehrendame, die Gräfin Pons-Saint-Maurice, nach Bremgarten. Am 11. Mai 1794 hatte Mademoiselle Adelaide von ihrer geliebten Erzieherin Abschied genommen, die sie zwanzig Jahre später, im Jahre 1814, wieder sah.« (Memoiren der Madame de Genlis.) Louis Philipp blieb bei General Montesquiou bis zum Ende des Jahres 1794. Es hatte natürlich nicht lange gedauert, bis man dahinter gekommen war, wer der ehemalige Adjudant Corby eigentlich war, und die Ränke begannen aufs Neue, um ihn zu vertreiben. Der General jedoch wies alle Versuche zurück, die ihn dahin bringen sollten, seinen Adjudanten aufzugeben. Louis Philipp glaubte aber nicht länger von einer Gastfreundschaft Gebrauch machen zu dürfen, die seinen edlen Freund bloßstellen könnte. Gerührt nahm er Abschied von ihm. Vor seiner Abreise kam Louis Philipp nochmals indirekt mit Zug in Berührung. Der damalige Landschreiber der Freien Ämter und spätere Zuger Bannerherr Franz Josef Müller kam mit dem französischen Flüchtling in Bremgarten viel zusammen. Er bekam bald Gelegenheit dem Herzog einen bedeutenden Dienst zu erweisen. Landammann Konrad

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Bossard schreibt darüber in seinen Memoiren: »Von Reichenau kommend hielt sich Louis Philipp unter drückenden Verhältnissen bei dem General Montesquieu unter dem Namen eines Monsieur Corby in Bremgarten auf, dort nicht mehr vor Verfolgungen sicher, stellte ihm der Landschreiber einen Paß unter seinem eigenen Namen Franz Josef Müller nach Hamburg zu Händen, womit Louis Philipp glücklich an die gewünschte Bestimmung ankam. Der nachmalige König, in Erinnerung dieses Freundschaftsdienstes, übermittelte 1836 auf ehrenvolle Weise dem Pannherr das Ehrenlegionskreuz und eine mit Diamanten verzierte goldene Dose mit seinem Bildnis. Aufrecht aber war es von Müller, daß er die Zumuthung des französischen Gesandten, diese Geschenke in Bern selbst abzuholen, von sich wies. Der Gesandte sah sich daher bemüßiget, seinen Legationsrath nach Zug zu senden, um die Gabe seines Herrn dem Beschenkten persönlich zu überreichen.«

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Leider sind die Unterlagen der Korrespondenz zwischen dem Zuger Bannerherr Franz Josef Müller nicht erreichbar, aber eine spätere Zeit vermag vielleicht noch einige kleine Einzelheiten der Beziehungen aufzudecken, die zwischen dem französischen Emigranten und spätem Bürgerkönig Louis Philipp und dem kleinen Städtchen Zug bestanden.

Literatur: Birch, Christian. Ludwig Philipp der Erste, König der Franzosen. Darstellung seines Lebens und Wirkeng. 1. Bd., S. 207. Stuttgart 1841. Genlis de. Memoires ineditcs de Madame la comtesse de Genlis sur le dix-huitieme siecle et la revolution franc.uise depuis 1756 jusqu'ä nos jours. Tome quntriemc. Paris 1825. Helvetia. Denkwürdigkeiten für die XXII Freistätten der Schweizerischen Eidgenossenschaft. 6. Band. Aarau 1830. Recouly, Raymond. Louis Philippe, roi des Fransais. Le chemin vers le tröne. Paris 1930. Sprecher, J. Andr. v. Geschichte der Republik der drei Bünde im achtzehnten Jahrhundert. 2. Band. Cullurgcschichte. Chur 1875. Zschokke Heinrich. Überlieferungen zur Geschichte unserer Zeit. Jahrgang 1817. Aarau o. J.

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KÜNSTLER-JUBILAREN Von Dr. Theodor

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Hafner

Zugerboden betätigt sich heute ein Kreis von Künstlern mit starkem Eigenwuchs. Sie treten jetzt in ihre Vollkraft ein und setzen zu gültigen Leistungen an. Daneben sind aber auch noch die Altmeister zum Teil in Zug selbst, zumTeil als Zuger in anderen Kantonen oder im Ausland tätig, führen immer noch unentwegt Pinsel, Griffel und Meißel und helfen mit, das geistige Antlitz Zugs zu prägen. Der Maler und Bildhauer .lollilllll BoSSüld (siehe über ihn das Neujahrsblatt 1935) erfüllte am 16. Dezember 1949 sein 75. Jahr. Zu diesem Anlaß sei ihm aus seiner zugerischen Heimat herzlicher Glückwunsch entboten. Bossard lebt als pensionierter Professor der Kunstschule von Hamburg in größter Einfachheit in seinem Hause auf der Lüneburger Heide neben dem eigenartigen Tempel, den er sich in den Jahren seiner Hochbegeisterung für die nordische Sagenwelt als Weiheraum gebaut und dessen Wände er mit seinen kosmischen Visionen ausgeschmückt hat. Der Meister zahlt zwar dem Alter etwelchen körperlichen Tribut, doch ist sein Geist hell geblieben. Die Bilder seiner Seele, die «wie Erzengelgestalten einherziehen» (cf.sein Zyklus «Das Jahr»), hält er fest in graphischen Blättern und Köpfen und Gemälden von starkem symbolischem Gehalt. Oft meint man aus ihnen die in allen Tiefen des Menschlichen wühlende Musik Wagners zu hören, wie sie denn auch in der Farbgebung an den musikalischen Kontrapunkt und an eine breite Orchestrierung gemahnen. Die Eindrücke der letzten schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre hat Bossard gesammelt in dem 140 Blätter umfassenden Zyklus «Tragikomisches Labyrinth». Eine weitere Folge von 28 Blättern ist betitelt «Lob sei den Schaffenden, den

Hochgestalten in des Jahres ewigem Kreisen», sie faßt seine Gedanken über die Geschichte der Menschheit zusammen. Die beigegebene Tafel mit Darstellungen aus dem «Tragikomischen Labyrinth» enthüllen uns ihren Gegenwartswert, wenn wir sie mit einer moderneu Situation in Beziehung setzen. Denken wir z. B. an die Angst, von welcher die Völker beim Gedanken an einen Krieg mit Atombomben und V-Waffen gepackt wurden und dann wieder an den Rückfall in alte Gewohnheiten und alte Gleichgültigkeit, sobald die Gefahr nur ein wenig in den Hintergrund tritt. «Panik» zeigt uns die nahenden Ungeheuer, das sind die am Weltenhimmel aufsteigenden Bedrohungen. Die Menschen, von denen in der Angst jeder Flitter abgefallen ist, rasen herdenmäßig in nackter Flucht davon — irgendwohin. Ein Affe aber hockt oben im Ausguckloch, hält an einer Schnur das Fallgitter des Käfigs. Er wird im letzten Augenblick, wenn er sich an der kopflos davonhastenden Menschheit genügend geweidet hat, das Gitter herunterrasseln lassen, um die Bestien nochmals im Käfig zurückzuhalten. Der Affe, der die standlos rennende Menschheit so gleichmütig betrachtet aus einem Wissen, das viel älter als das der Menschen ist, bedeutet er das Schicksal? Oder symbolisiert er einfach Bossards Verachtung für den Menschen, die sich doch wohl ermannen, wehren könnten? Aber Widerstand setzt ja Stand voraus und Stand einen Punkt, auf dem man fest Fuß gefaßt hat. Die Masse hat jedoch weder Stand noch festen Fußpunkt, sondern gleitet dahin wie Wasser aus einem Spühlrohr. Benimmt sie sich intelligenter als eine Herde fliehender Affen? Darum doch kann der Affe sie so gelassen betrachten!

«Im Käfig» zeigt die Ungetüme wieder eingesperrt. Doch können des Käfigs schwache, leichte Gitterstäbe jeden Augenblick den Prankenschlägen weichen — sollte man wenigstens meinen. Aber die Menschen vor dem Käfig meinen es nicht, sie wähnen sich gesichert. Statt sich vorzusehen, fallen sie in ihr altes läppisches Spiel zurück, reizen die Tiere gar, fröhnen in äffischem, triebhaftverächtlichem Tun allen Lüsten und allem Unsinn, und jeder benimmt sich wie irgend ein Vieh: das ist die Masse, die aus der kaum überstandenen Not und Angst, aus dem kaum bewältigten Unglück nichts gelernt hat. Aus beiden Darstellungen spricht der Pessimismus Bossards, der im Kampfe zwischen Chaos und Licht doch immer wieder das Chaos siegen sieht. Diese schwermütige Grundstimmung zog ihn schon früher zu den ringenden Gestalten der nordischen Edda hin. Bossard ist in Zug nur mit den Reproduktionen seiner Frühzyklen «Das Jahr» und «Der Held» und zwei von ihm geschenkten Kleinplastiken vertreten; dem Publikum sind sie zugänglich in der Gewerbe- und in der Stadtbibliothek.

Ein zweiter Jubilar, der jetzt in Zürich lebende Baarer (Jel)lliinl UÜDger (cf. über ihn das Neujahrsblatt 1946) feierte am 4. April seinen siebzigsten Geburtstag. Er ist so rüstig wie je. Vom hochw. Bischof von Schweden bekam er den Auftrag, die katholische Kirche in Göteborg auszumalen. Er hat ihn in den Sommern 1947/48 in Form großer Fresken ausgeführt und in ihnen seine ganze Farbenekstastik spielen lassen. Vom tiefen Kobaltblau der Engel am Chorbogen über das dunkle Rot, in dem der Gekreuzigte ausgespannt ist, bis zum feierlichen Altgold der Apsis, in dem der Christkönig in gesteigerter Feierlichkeit thront, herrscht ein Farbenjubel zum Preise des Höchsten. Aus den über 30

lebensgroßen Figuren fällt die Gestalt des namenlosen Heiligen auf. Mit ihr hat Utinger das uralte Menschheitsproblem aufgegriffen, das im Buche Job der hl. Schrift einen so gültigen literarischen Ausdruck gefunden hat. Es betrifft den Menschen aller Zeiten und aller Völker, der durch unbegreifliche Fügung aus seinem Wohlstand gerissen und ins größte Elend gestoßen, aus hochachtbarem bürgerlichen Rang ins Proletariat hinabgeschleudert wird. Aber der also Erniedrigte läßt auch jetzt nicht von seinem Gott, dem er in guten Tagen angehangen hat, sondern räumt ihm in Demut und Ergebung das Recht ein, wieder zu nehmen, was er ihm gegeben hatte. In den Jahren auf den Weltkrieg zu, in diesem selbst und dann in der bitteren Nachkriegszeit steckte dieser ewige Job in den Konzentrationslagern oder wanderte ausgebombt und ausgewiesen, über Grenzen hinund hergehetzt, halbnackt auf allen Straßen Europas und Asiens. Nirgendwo hatte er mehr ein Heim, er lebte in Kellern und verborgensten Schlupflöchern, war niemandes Bürger und Geschöpf mehr als nur noch Gottes. (Was der Rückwanderer Utinger mit eigenen Augen diesbezüglich in Schlesien sah und was er selber erlebte, hat er auch noch in ändern Bildern ergreifend dargestellt.) Unter den Millionen dieser Verzweifelnden und Verzweifelten, Abgestumpften und Irregewordenen schritten aber viele dahin und hielten Unmenschliches aus mit dem Blick auf Gott und wurden wie Job trotz aller Qualen an ihm dennoch nicht irre. Sie reiften gerade in diesen Wirbeln des Elendes zur Vollhöhe des geistigen Menschen: sie wurden die namenlosen, unbekannten Heiligen. Heute leben und dulden sie weiter in den Oststaaten und in den Ländern, die durch den Zugriff der Russen zu Oststaaten werden. Durch diese Gestalt allein schon bekennt sich Professor Gebhard Utinger zu einem unverwüstlichen christlichen Optimismus.

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CASALS

Der dritte in der Reihe der Siebziger, Andreas Kögler (cf. die Neujahrsblätter 1929, 1939,1942), immer noch an der Bleichestr. 6 in Zug wie seit 25 Jahren, trat sein 8. Jahrzehnt am 3. April 1948 an. Unverdrossen begibt er sich jeden Morgen in sein Atelier, modelliert mit liebevoller Sorgfalt Köpfe, schaff t mit innerer Freude ausdrucksvolle Tierplastiken, gibt dem Leid über Hingeschiedene in Grabmälern ergreifenden Ausdruck. Reich und vielfältig ist sein Werk. Seine Großplastiken und Reliefs sind der Schmuck unserer Friedhöfe; in Cham, Menzingen und Ägeri plaudern seine Brunnen, in Ratsälen und schönen Bürgerstuben erinnern seine Köpfe an Männer der Öffentlichkeit und an teure Glieder der eigenen Familie, oder es erhöhen seine reizvollen Kleinplastiken den Charme der Räume. Seine Werke sind wirklich ins Zugervolk gedrungen. Hin und wieder gönnt sich Kögler die Beschäftigung mit seinen ureigensten Problemen. Eines stellte sich ihm von der Musik her, die ihm immer eine Quelle großer Anregung und steten Trostes war: nämlich der Verbundenheit des Musikers mit seinem Instrument plastischen Ausdruck zu geben. Wie z. B. des Cellisten formender Wille in sein Cello hinüberfließt und von diesem das Echo der Töne dem Lauschenden antwortet, wie dieser Hin- und Herstrom von Seele und Ton die beiden innig eint, das ist Kögler beim Cello-Fürsten Pablo Casals zum besonders eindringlichen Erlebnis geworden. Aus einem intimen Zusammensein mit diesem Musiker ist als köstliche Frucht ein Relief entstanden, das unsere Tafel zeigt. Das Wesenhafte, das Kögler seit Jahren mit immer größerer Intensität anstrebte, ist hier mit starkem Ausdruck und hohem Können erreicht: die ganze Darstellung ist gesammelt auf das ins Werk versunkene, königliche Haupt des schöpferischen Menschen, die feinnervige, töneentlockende Hand, das geliebte, willige Instrument und den beherrsch-

ten Strich. Der Vergeistigung und Verklärung des künstlerischen Menschen ist von Kögler mit diesem Werke ein edles Denkmal geschaffen worden. * * * Der Menzinger »ans Zürcher (Luzern) wird die Schwelle der siebzig erst am 14. März 1950 überschreiten. Sein Werk sei noch in seiner ganzen Fülle und Breite sichtbar und bedürfe darum der Worte nicht, schrieb er vor einiger Zeit dem Redaktor des Neujahrsblattes. Die Worte sind Zeugnis für ein Gefühl lebendiger Kraft, die sich noch weiter im Werke verströmen will. Seine Kunst sei hier immerhin mit der farbigen Widergabe einer seiner Berglandschaften belegt, die seinerzeit von der Zuger Regierung angekauft worden ist (siehe Titelblatt). Sie beweist auch, mit welchen Mitteln Hans Zürcher arbeitet. Dazu sei verraten, daß das Schweizerische Künstlerlexikon ihm nachrühmt, er habe nach seinen Studien an der Münchner Adademie «mit viel Phantasie, Witz und geschichtlichem und stilistischem Gefühl» eine fruchtbare Tätigkeit in schweizerischer Kleinkunst entwickelt und sich als sicheren und prägnanten Zeichner erwiesen. So wirkte er denn zu Recht bis zu seiner Altersgrenze als Lehrer für Zeichnen an der Kunstgewerbeschule in Luzern. Er pflegte auch die historische Komposition in Fresken z. B. im Innern des Rathauses von Schwyz, am internationalen Friedensmuseum in Luzern und in vielen privaten Stuben. Das Gasthaus zum Frieden auf dem Ochsenplatz in Zug trägt an seiner Giebelwand eine anmutige Schäferszene von der Hand Zürchers. Die Ausstellung seiner Werke, die er letztes Jahr in Zug veranstaltete, erwies ihn als liebevollen Gestalter von lauschigen Winkeln aus Walliser Dörfern. Hans Zürcher weiß das zügige Motiv aufzufinden und bewährt sich dann in der Wiedergabe vor allem wieder als der gewandte sichere Zeichner. Mögen ihm diese Gaben die Jahre seines Ruhestandes noch reich und gefüllt machen.

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DAS ZUGERÄLPLI Am Fuß des Roßberg liegt's verträumt, ganz in der Einsamkeit, von würz'gern Tannenduft umsäumt und Blumen überschneit. Herdglockenspiel umkost die Ruh' und schlängelt sich ums Ried, ein Habicht ob der steilen Fluh langsam im Kreise zieht. Die Sage um den stillen Ort ihr mystisch Netze spannt, es klingt die Mär im Tale fort, wie dort verflucht, gebannt ein Frevler sitzt seit Jahr und Tag im öden Felsenhorst, wehmütig tönt des Armen Klag' des Nachts im Tannenforst. Alljährlich flieht auf schwarzem Roß er jäh vom Berg hinab, sucht sich mit seinem schaur'gen Troß im See ein tiefes Grab. Es zischt die Flut, bäumt sich voll Graus ob dieser Höllenbrut, speit Mann und Rosse wieder aus in ungezähmter Wut. Dann zieht der Spuk in toller Hast zurück, die Kreuz und Quer, Bannhölzler findet nirgends Rast, geht um wie Ahasver. Frieda Mcycr

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DIE ZUGERISCHE GESETZGEBUNG 1939-1942 IM BLICKFELD DES ZEITVon Dr.iur.Hans Hür.limann Föns Icgum et iuris inveniri polest. Zum Verständnis der Gesetze und des Rechts muß man deren Ursprung kennen. Cicero de legibus, I, 5.

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J ede Rechtssetzung ist wesensnotwendig Ausdruck der besondern Volksindividualität. Das in irgend einer Form der Gesetzgebung verdichtete Recht bleibt immer unauslöschliche Spur aller Aufgaben, die einem Staat erwachsen sind, und erhält sich als stummes Zeugnis aller Verhältnisse und Geschehnisse, in denen ein Volk gewollt oder ungewollt sein Gemeinschaftsleben entfaltet, oder wie Friedrich Hegel in seiner Logik ausführt: »Das Reich der Gesetze ist das ruhige Abbild der existierenden oder erscheinenden Welt.« Die zugerische Gesetzgebung ist demzufolge rechtslogisch ein sicherer Niederschlag der Reaktionen des zugerischen Souveräns auf das Geschehen in der Welt, im Bund und im eigenen Territorium. Diesen Grundsatz von Ursache und Wirkung im Rechtsleben an Hand der zugerischen Gesetzgebung der Jahre 1939—1942 aufzuzeigen, das ist der Grundgedanke, das Leitmotiv, das wir diesen Darlegungen zugrunde legen. Die Art, wie das Weltgeschehen, die vom Bund den Kantonen gestellten Aufgaben und die eigenen Verhältnisse die Gesetzgebung beeinflußt haben, stellen gleichzeitig ein Kriterium für den Charakter, das staatspolitische Denken und das eigenstaatliche Bewußtsein dar. Es ist ja heute unbestritten, so führt schon der große Rechtsgelehrte Rudolph von Ihering in sei-

nem Werk »Geist des römischen Rechts« aus, »daß das Recht nicht, wie man es früher betrachtete, ein äußerliches Aggregat willkürlicher Bestimmungen ist, welches der Reflexion der Gesetzgeber seinen Ursprung verdankt, sondern gleich der Sprache eines Volkes ein innerlich abgeschlossenes Produkt der Geschichte ist. Menschliche Absicht und Berechnung hat freilich ihren Anteil an der Bildung desselben, aber sie findet mehr als daß sie schafft, denn die Verhältnisse, in denen sich das Gattungsleben der Menschheit bewegt, warten nicht erst auf sie, daß sie dieselben aufrichte und gestalte. Der Drang des Lebens hat das Recht mit seinen Anstalten hervorgetrieben und unterhält dasselbe in unausgesetzter äußerer Wirklichkeit.« Der rechtsphilosophischen Tatsache, daß die Bildungsgeschichte des Rechtes in steter Abhängigkeit von den Schicksalen eines Volkes verläuft, nachzugehen, drängt sich für diese Arbeit geradezu als Betrachtungswarte auf, da der Gesetzesband, dem diese Würdigung gilt, die Zeit umfaßt, während der sich zwei deutliche Geschichtsepochen ablösen: Das Ende der Vorkriegszeit und der Anfang des unseligen zweiten Weltkrieges. Dieser besondern Eigenart des vierzehnten Gesetzesbandes mag man es deshalb zu gute halten, wenn wir die materiell-rechtlichen und be19

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sonders auch formalen Probleme, die jede Gesetzgebung aufwirft, nicht in allen Aspekten aufleuchten lassen. Das Recht, insbesondere in der Gestalt von abstrakten Maximen und Regeln, gilt sehr oft als eine leblose und frostige Welt. Wird aber die Gesetzgebung — auch die eines Kantons — in den Hintergrund des weitern und engern Geschehens hineingestellt, so geht auch von einem Gesetzesband mit seinen vielen Rechtsvorschriften ein Odem und lebendiger Hauch aus, da diese scheinbar farblosen Bestimmungen in ihren Ursachen historisch oder staatspolitisch bedeutsame Ereignisse widerspiegeln. II Die weltpolitischen Ereignisse, welche in einem kausalen Verhältnis zur zugerischen Gesetzgebung der Jahre 1939 bis 1942 erscheinen, liegen bereits weit zurück. Im historischen Sinne sind sie aber noch nicht Vergangenheit, weil die Folgen dieser bedeutsamen Geschehnisse der Weltpolitik und Weltwirtschaft heute noch nicht abschließend erfaßt und in allen Zusammenhängen gewürdigt werden können. Das Weltgeschehen, soweit es in einer Beziehung zur kantonalen Rechtsgestaltung steht, ist uns aber in bleibender Erinnerung, da wir die Zwischenkriegszeit und die zweite Weltkatastrophe unmittelbar erlebt, ertragen und mit unsern Empfindungen stets begleitet haben. Als internationaler Wirkungskreis, welcher die Gesetzgebung zu Beginn des Jahres 1939 beeinflußt hat, erscheint eindeutig die wirtschaftliche Krisis der Zwischenkriegszeit. Das wirtschaftliche Chaos, das dem ersten Weltkrieg als eine naturnotwendige Wirkung der Verarmung, des zerstörten Gleichgewichtes zwischen übermäßiger Produktion und beschränkten Verbrauchsmöglichkeiten sowie des internationalen Schuldendienstes folgte, hat die Schweiz in den Dreißiger Jahren erreicht. Diese für die gesamte Wirtschaftslage

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nachteiligen Auswirkungen, welche zufolge unserer engen Abhängigkeit vom Ausland unvermeidlich waren, stellten deshalb in diesen Zeiten wirtschaftlicher und währungspolitischer Wirrnisse den eidgenössischen und kantonalen Gesetzgeber vor neue, durch das weltwirtschaftliche Gesamtgeschehen bedingte Aufgaben. Der erste Erlaß des vierzehnten Gesetzesbandes ist eine unmittelbare Folge dieser wirtschaftlichen Krise. In Nachachtung des Bundesbeschlusses über die Krisenbekämpfung und Arbeitsbeschaffung vom 23. Dezember 1936 gewährte danach der Kantonsrat am 12. Januar 1939 dem Regieruiigsrat einen Kredit von Fr. 15 000.— zum Zwecke der Förderung von Umbau-, Reparatur- und Renovationsarbeiten an privaten Gebäuden. Im Zusammenhang mit dieser — nach heutigen Begriffen bescheidenen — Ausgabe stellte die Staatswirtschaftskommission fest, daß dieser Betrag der öffentlichen Hand ein beträchtliches Bauvolumen auszulösen, die Wirtschaft zu beleben und die Krise im Gewerbestand sowie die Arbeitslosigkeit der Bauarbeiterschaft zu mildern vermöge. An diesen Kanttonsratsbeschluß reihen sich als weitere Wirkungen der weltwirtschaftlichen Gesamtsituation die Vollziehungsverordnung zum Bundesratsbeschluß betreffend die eidgenössische Krisenabgabe, welche der Regierungsrat am 18. Februar 1939 erlassen hat, sowie der Kantonsratsbeschluß vom 19. Juni 1939, der die Verteilung — ein parlamentarisch stets sehr heikles Problem — des Anteils vornimmt, welcher dem Kanton aus der Krisenabgabe 1939 bis 1941 zufallen sollte. Die Wirtschaftskrise, die sozialen Verlagerungen, die Arbeitslosigkeit und die Außenpolitik autoritärer Staaten, die — wie insbesondere das nationalsozialistische Deutschland — mit ihrem fanatischen und hemmungslosen Machthunger nicht nur zu einem Gegenschlag gegen die Friedensverträge von 1919 ausholen, sondern mit Gewalt zu einer

politischen Übermacht aufsteigen wollten, diese untereinander verbundenen Faktoren entfesselten in den ersten Septembertagen 1939 die unheilvolle Furie des zweiten großen Krieges, der erst im Jahre 1945, als das Maß der Leiden und des Unglücks ganzer Völker schon übervoll war, sein Ende nahm. Dieser Großkampf und dieses Völkerringen in der Gestalt des totalitären Krieges forderten auch von unserem Lande große Opfer, die sich in der retrospektiven Betrachtung als voll gerechtfertigt erwiesen haben. Das wehrhafte Volk der Schweiz trat, Familie und Beruf verlassend, entschlossen an, um unsere Unabhängigkeit gegen jeden kriegerischen Angriff zu verteidigen. Ein äußerst sinnvoller Zufall ist es nun, daß der erste Erlaß, der auf den Kriegsausbruch zurückzuführen ist, dem Schutz der Wehrmänner und deren Hinterlassenen gewidmet ist. Schon sehr kurze Zeit nach der erfolgten Mobilisation der Schweizerarmee, am 16. September 1939, faßte nämlich der Regierungsrat einen Beschluß über den zugerischen Winkelriedfonds, der aus verschiedenen Quellen geäufnet wird und die Unterstützung von Wehrmännern und deren notleidenden Familien zum ausschließlichen Zweck hat. Wie zielbewußt und entschlossen der kantonale Gesetzgeber dem unter die Waffen gerufenen Wehrmann und seiner Familie bis zum Erlaß einer eidgenössischen Regelung beizustehen gewillt war, zeigt auch der Kantonsratsbeschluß vom 16. Oktober 1939, wonach der Regierungsrat »zur vorläufigen Verbesserung ungenügender Wehrmannsunterstützung und für allfällige Mietzinsbeiträge« einen Kredit von Fr. 50 000.— erhielt. Aufgabe verantwortungsbewußter Behörden sei es, so entnehmen wir heute mit Interesse dem regierungsrätlichen Bericht zu dieser Vorlage, für eine gesunde Volkswirtschaft zu sorgen und die Wehrmannsfamilien vor Entbehrung und Elend zu schützen, da dies gleichzeitig eine Voraussetzung für eine schlagkräftige Armee sei.

Die Sorge für eine gesunde Volkswirtschaft stellte dann auch Behörden und Volk im Verlaufe der ersten Kriegsjahre tatsächlich mannigfache Probleme, da schon bald nach Ausbruch des Krieges die Lebensmittel knapper und zugleich auch teurer wurden. Unter Berufung auf das nicht ausdrücklich in der Verfassung verankerte Notverordnungsrecht des Regierungsrates wurden am 14. Oktober 1939 das kantonale und die gemeindlichen Kriegswirtschaftsämter geschaffen, denen im Dienste der Landesversorgung eine Arbeit zufallen sollte, von der man sich damals kaum eine Vorstellung machen konnte. Mit welcher Dynamik das Wirtschaftsleben schon während der ersten Kriegsjahre die kantonale Rechtssetzung antrieb, beweist die Tatsache, daß schon nach gut einem Jahr mit einer neuen Verordnung vom 31. Dezember 1940 der erwähnte Erlaß vom Oktober 1939 aufgehoben und das kantonale Kriegswirtschaftsamt unter eine von drei Regierungsratsmitgliedern gebildete Kommission gestellt wurde, eine Maßnahme, die den Grundsätzen wahrer Verwaltungsgerichtsbarkeit in keiner Weise Rechnung trug, da die Mitglieder der Kriegswirtschaftskommission auch bei der Rekursinstanz, im Regierungsrat, mitberaten und stimmen konnten. Wie deutlich sich übrigens die Kompetenzen zu Gunsten der Exekutive gerade in dieser Zeit — ähnlich wie beim Bund — auf dem Gebiet der Rechtssetzung verlagerten, zeigen die während der Jahre 1939 bis 1942 erlassenen fünfundzwanzigRegierungsratsbeschlüssc kriegswirtschaftlicher Natur, die in der amtlichen Gesetzessammlung nicht enthalten sind, aber teilweise doch sehr eingreifende Maßnahmen darstellten. Das kriegswirtschaftliche Verordnungsrecht enthielt sehr oft Vorschriften von großer Tragweite, wie das beispielsweise die Vollziehungsverordnung über Maßnahmen gegen die Wohnungsnot vom 4. Februar 1942 aufzeigt, ein Erlaß, auf den sich die Einwohnergemeinden in dieser

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so schwierigen und arbeitsreichen Verwaltungstätigkeit bis auf den heutigen Tag berufen. Wie sich in dieser Zeit die Lebenskosten verteuerten, vermittelt die Art, wie das kantonale Parlament die Teuerungszulage regelte, ein eindrückliches Bild. Eine erste Zulage für das Jahr 1940 gewährte der Kantonsrat in seiner Sitzung vom 26. Oktober des gleichen Jahres an die hauptamtlich beschäftigten Beamten und Angestellten. In welchem Maße die Entwicklung der gesamten Wirtschaftslage in den folgenden beiden Jahren der Rechtssetzung vorauseilte, wird mit der Tatsache deutlich, daß das Teuerungszulagengesetz vom 6. März 1941 durch ein neues, auf den 1. Januar 1942 rückwirkend in Kraft erklärtes Gesetz vom 8. Oktober 1942 wieder aufgehoben wurde. Der Gesetzgeber rang förmlich mit dieser Materie. Der stets wechselnde Modus der Zulagenberechnung, die Art der formalen Redaktion und der Umstand, daß der Regierungsrat dem Kantonsrat schon nach einem halben Jahr die Aufhebung des am 1. Mai 1941 in Kraft gesetzten Gesetzes beantragte, vermitteln einen Eindruck von diesem komplexen und ungewohnten Problem. Die wirtschaftliche Entwicklung trieb — ganz abgesehen von der finanziellen Belastung — auf dem Gebiet der Rechtssetzung während dieser Zeit, vom formalen Gesichtspunkt aus gesehen, teilweise unerfreuliche Früchte. Die ständige Ausweitung des Kriegsraumes, die Vermehrung der Kriegsschauplätze, der Eintritt Italiens in den Krieg am 10. Juni 1940 und die Drosselung der Zufuhren aus den Überseestaaten schnitten in das Mark unserer wirtschaftlichen Existenz, sodaß die Eigenversorgung des Landes mit Lebensmitteln und Rohstoffen zu einer eigentlichen Lebensfrage wurde. Welch gewaltigen Eindruck, aber auch welch festen Willen bei Volk und Behörden diese ernste Erkenntnis hervorgerufen hat, zeigen die Kantonsratsbeschlüsse

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vom 23. Oktober und 6. November 1941, welche zur Überführung von Ried- und Streueböden in Kulturland ein Programm im Gesamtbetrag von über vier Millionen Franken in Aussicht genommen haben. Die verschiedenen Projekte wurden mit beträchtlichen Subventionsgeldern durch private Genossenschaften ausgeführt, denen das Verfahren durch eine umfangreiche Verordnung vom 30. Januar 1942 vorgezeigt war. Inzwischen ist durch diese Maßnahmen sehr bedeutendes Kulturland gewonnen worden, aber die Nachwehen, die diesen Meliorationen zum Teil folgten, sind leider noch nicht abgeklungen, denn auf diesem neuen Boden sind nicht nur Hafer und Gras, sondern auch Rechtsstreitigkeiten verschiedener Natur ins Kraut geschossen! Charakteristisch für das durch die schwere Zeit bedingte Bestreben, jede nur denkbare Gabe unserem Heimatboden abzuringen, ist eine Konzession, die der Kantonsrat am 23. Oktober 1941 unter Berufung auf das Bergregal einer luzernischen Firma erteilte. Im Gebiet der Hohen Rone wurde schon vor hundert Jahren in der untern Süßwassermolasse ein Braunkohlenflöz abgebaut, und auf Grund der geologischen Untersuchungen und Schürfungen rechneten die Gesuchsteller mit einem heute noch abbaubaren Kohlenquantum von ca. 60 000 Tonnen, eine Hoffnung, die dann allerdings nie Wirklichkeit geworden ist. Die große Wirtschaftskrisis, der zweite Weltkrieg, die Teuerung, der Mangel an Lebensrnitteln und Brennstoffen umschließen die große Tragik, die in den Jahren 1939 bis 1942 über die Welt und mit schweren Folgen auch auf unsere Heimat hereinbrach. Die Gesetzgebung dieser Jahre, der vierzehnte Band unserer amtlichen Gesetzessammlung, bleibt ein stummes Zeugnis dieser unglücklichen und schweren Zeit. Viele Erlasse, die damals in aller Eile die Ratssäle und Amtsstuben verließen, konnten inzwischen wieder aufgeho-

ben werden. Vieles hat aber die Kriegsjahre überdauert und bleibt — wie beispielsweise die neue Organisation des Winkelriedfonds — ein bescheidenes, aber eindrückliches Denkmal für den wehrhaften und hilfsbereiten Geist, der das Volk in so schweren Stunden beseelte. III Als zweite Komponente im Kräftefeld der zugerischen Gesetzgebung erscheint das mit Rücksicht auf Raum und Ursprung schweizerische Zeitgeschehen. Bei der Betrachtung dieser Kausalreihen wird zunächst augenscheinlich, daß viele internationale Ereignisse eng mit dem Geschehen in unserem Land verbunden sind. Eine Reihe wirtschaftlicher oder kriegspolitischer Geschehnisse des Auslandes sind zusammen mit den Verhältnissen in unserem eigenen Land zur gemeinsamen Ursache verschiedener Gesetzeserlasse geworden. So ist beispielsweise die kriegswirtschaftliche Rechtssetzung nicht allein eine Wirkung der Maßnahmen kriegführender Mächte, sondern gleichzeitig eine Folge der Tatsache, daß unser Land sich nicht selbst versorgen kann. Das Wirtschaftsleben mit seinen vielfältigen Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen beschränkt sich nicht auf das Territorium eines Staates, sondern ist besonders in einer Zeit, auf die sich diese Betrachtung bezieht, unüberschaubar wie ein unermeßliches Netz auf die ganze Welt ausgeworfen, so daß sich diese rechtgestaltenden Kräfte in vielen Fällen nicht in internationale und schweizerische Elemente ausscheiden lassen. Die gleiche Erscheinung wird in einer Zeit, da sich ein ursprünglicher Grenzkonflikt zum Weltbrand ausweitet, auch im politischen Bereich offenbar. Das militärische und politische Handeln im eigenen Land war während der Jahre 1939—1942 fast ausschließlich durch die Entwicklung im Ausland und insbesondere in den Nachbarstaaten bedingt. Wenn sich deshalb gewisse Gesetze zwar eindeutig auf bestimmte Ereignisse zu-

rückführen lassen, so steht auf der ändern Seite doch fest, daß die Verkettung internationaler Geschehnisse und schweizerischer Gegebenheiten vielen Erlassen, insbesondere auch dem im Kanton Zug umfangreichen kriegsbedingten Verordnungsrecht zu Gevatter stand. Die Betrachtung der kantonalen Rechtssetzung unter dem Gesichtspunkt des schweizerischen Zeitgeschehens vermittelt im weitern einen Einblick in das Problem der bundesstaatlichen Gesetzgebung. Abgesehen von der Komplikation, die mit der Verteilung der zentral- und gliedstaatlichen Kompetenzen auf dem Gebiet der Gesetzgebung gegeben ist, wird unter diesem Aspekt besonders deutlich, daß der Kanton gerade auf dem Gebiet der Rechtssetzung als Vollzugsorgan des Bundes erscheint. Paul Reichlin legt im Jubiläumsheft des Schweizerischen Zentralblattes für Staats- und Gemeindeverwaltung in einer reich dokumentierten Abhandlung dar, in welch großem Umfang die Kantone dazu berufen sind, auf Grund des Bundesrechts zu legiferieren. »Der Bundesgesetzgeber pflegt«, so führt Reichlin aus, »seine Kompetenzen, auch die totalitären, nur selten bis zur letzten Konsequenz auszunützen. Was er innerhalb seines Kompetenzbereichs als unbequem oder unwichtig verschmäht oder einer einheitlichen Regelung unzugänglich oder nicht bedürftig erachtet, das weist er durch Delegationsnormen den Kantonen zu.« In diesem durch die bundesstaatliche Organisation bedingten »Aktionsbereich« ist in den Jahren 1939 bis 1942 durch kantonale Instanzen eine unproportional große Reihe solcher Vollzugserlasse entstanden. Die rechtgestaltenden Geschehnisse im schweizerischen Territorium greifen in solchen Fällen nur mehr mittelbar in das Werk der kantonalen Rechtssetzung ein. Als entscheidende Triebfeder wirkt das Bundesrecht, das die Kantone, wie Giacometti im überarbeiteten Bundesstaatsrecht von Fleiner aufzeigt, zum Er-

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laß von generellen Weisungen, von Organisations-, Verfahrens- und Verwaltungsnormen ermächtigt. Über vierzig gesetzgeberische Erlasse des vierzehnten Gesetzesbandes, zahlenmäßig annähernd die Hälfte aller Gesetze, Verordnungen und Beschlüsse, sind in irgend einer Form kausal mit Bundesrecht verflochten. So hatte der Regierungsrat in den Jahren 1939 bis 1942 ein ganzes Dutzend Vollziehungsverordnungen zu eidgenössischen Erlassen auszuarbeiten, eine unverhältnismäßig große Zahl, wenn wir bedenken, daß heute im Kanton Zug, nach dem hundertjährigen Bestehen des Bundesstaates, nur vierundvierzig Vollziehungsverordnungen in Kraft sind. Das ungeheure, zeitbedingte Anwachsen des eidgenössischen Rechts rief rechtsnotwendig einem bedrohlichen Übermaß kantonaler Verwaltungsnormen, welche zusammen mit dem materiellen Recht in die verschiedensten Sphären des privaten und öffentlichen Lebens hineingriffen. Das Mindestalter der Arbeitnehmer, Bodenspekulation, Pächterschutz, Heimarbeit, die Unterbrechung der Schwangerschaft, Gesamtarbeitsverträge, die Bürgschaft, eidgenössische Steuern, die Kriegswirtschaft, Tierseuchen, Arbeitslosenkassen während der Kriegskrisenzeit usw. wurden auf Grund bundesstaatlicher Delegation Gegenstand kantonaler Vollziehungsvorschriften. Diese ungesunde, unserem Staatswesen zuwiderlaufende und für das bundesstaatliche Fundament überdimensionierte Entwicklung geriet als babylonischer Turm naturnotwendig ins Wanken und rief einer Rückbildung des Rechts, die, wie das im Ringen um die Bundesf inanzreform gegenwärtig augenscheinlich wird, nicht ohne staatspolitische Friktionen ablaufen wird. Als bedeutsamster Erlaß, dem einerseits Verhältnisse in der Schweiz und anderseits ein Bundesgesetz gerufen haben, erscheint in diesem Zusammenhang das Gesetz über das Lehrlingswesen vom 19. Juni 1939. Diesen Vorschriften im Dienste der beruflichen Aus-

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bildung liegt das Bundesgesetz vom 26. Juni 1930 zugrunde, das seinerseits in Art. 34ter der Bundesverfassung verankert ist. Dabei ist aber, wie das im Bericht des Regierungsrates vom 16. März 1938 sehr interessant zum Ausdruck kommt, die für dieses Gesetz gestaltende Kraft schweizerischer und kantonaler Verhältnisse unverkennbar. Die technischen Fortschritte und die Entwicklung in Handwerk und Gewerbe hatten den kantonalen Gesetzgeber schon um die Jahrhundertwende zum Erlaß eines Gesetzes über das Lehrlingswesen vom 5. Mai 1904 veranlaßt. Die durch diese Vorschriften bedingte Entwicklung im Kanton, die damaligen gewerbepolitischen Strömungen in der Schweiz und die den Kantonen durch das erwähnte Bundesgesetz auferlegten Pflichten, insbesondere die Führung einer kantonalen Gewerbeschule, haben diesem Erlaß ein typisches und eigenstaatliches Gepräge verliehen. Im Gegensatz zur kriegsbedingten Rechtssetzung, die dem jagenden Tagesgeschehen fast nachzurennen scheint, ist der Gesetzeserlaß über das Lehrlingswesen, wozu auch die Reglemente über die Lehrabschlußprüfungen und die Ausrichtung von Staatsbeiträgen zur Förderung der Berufsbildung vom 12. Juli 1940 gehören, ein an Umfang kleines, aber reifes Werk, das als Beispiel kantonaler, durch Bundesrecht bedingter Gesetzgebung gelten darf. IV Nicht nur internationales und schweizerisches Zeitgeschehen steht im Hintergrund des Rechts, wie es der vierzehnte Gesetzesband enthält. Als dritte Kraft greifen schließlich ausgesprochen zugerische Verhältnisse, Tendenzen und Strömungen gestaltend in die Entwicklung der kantonalen Gesetzgebung ein. In diesem letzten Wirkungsbereich, in dem sich der Kreis der Ursachen mit dem der räumlichen Geltung des kantonalen Rechts deckt, wird die Gesetzgebung gleichzeitig zum Kri-

terium eigenstaatlicher Lebensenergie, weil die Gesetzgebung in untrüglicher Weise aufzeigt, ob das Staatswesen die Kraft hat, die ihm durch kantonseigene Verhältnisse gestellten Aufgaben zu lösen. Obwohl sich mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges die unitaristischen und zentralistischen Strömungen auch auf dem Gebiete der Rechtssetzung übermäßig mehrten, und der Kanton, wie bereits dargelegt, allzuviel nur Vollziehungsfunktionen des Bundes erfüllen mußte, enthält der vierzehnte Gesetzesband Erlasse, die überzeugend dokumentieren, wie gerade während dieser Jahre der Gesetzgeber schwerste, durch kantonale Verhältnisse bedingte Aufgaben zum Abschluß brachte. Die weitaus wichtigste und für Jahrzehnte ohne Zweifel bedeutsamste Tat der kantonalen Rechtssetzung in den Jahren 1939 bis 1942 verkörpert die neue Justizgesetzgebuhg vom Jahre 1940, die in ihrem Ursprung auf ganz bestimmte kantonale Umstände und Ereignisse zurückgeht. Es kann sich in diesem Rahmen nie darum handeln, diese Gesetzeserlasse in ihrer Bedeutung und Tragweite voll zu würdigen, da der Betrachtungspunkt, der dieser Arbeit zugrunde liegt, notwendige Beschränkungen auferlegt. Nur den Wurzeln und Ursachen der zugerischen Justizreform wollen wir — dem Thema entsprechend — kurz nachgehen, womit auch indirekt deutlich wird, welch große und reife Ernte nach jahrzehntelanger Arbeit in den Monaten des Spätherbstes 1940 in die Tenne der zugerischen Gesetzgebung eingebracht werden konnte. Die Rechtspflege gehört zu den wesentlichen Aufgaben des Staates, weil der Schutz, die Sicherung und die Verwirklichung des gesetzten Rechtes für die staatliche Gemeinschaft und den Bürger gleichermaßen wichtig sind. Durch Art. 64 und 64 bis der Bundesverfassung ist den Kantonen mit der Organisation der Zivil- und Strafgerichte und mit der Betreuung der Rechtssprechung ein weiter und wichtiger Bereich staatlicher Selb-

ständigkeit erhalten geblieben. Dieser Kompetenz hat sich der Kanton Zug mit der Justizreform vom Jahre 1940 in einem relativ sehr späten Zeitpunkt würdig erwiesen, denn das zugerische Prozeßrecht entsprach seit langer Zeit nicht mehr den Verhältnissen und Tendenzen im eigenen Kanton und konnte auch den durch die Vereinheitlichung des materiellen Rechts stark erhöhten Anforderungen seit langem nicht mehr genügen. Die Reformbestrebungen beschränken sich in den für die Justizreform entscheidenden Jahren 1934 bis 1936 zunächst nur auf die Zivilrechtspflege. Seit dem 1. Januar 1864 war eine Zivilprozeßordnung in Kraft, die, an heutigen Maßstäben gemessen, überhaupt als erste zugerische Prozeßordnung bezeichnet werden muß. Diese Prozeßordnung, die, wie es im Bericht der Redaktionskommission von 1862 heißt, gerichtliche Praxis und bisherige Übung »soweit sie sich als volkstümlich, naturwüchsig und gesund« erwiesen, in sich barg, wird aber schon im Rechenschaftsbericht des Obergerichtes vom Jahre 1866 kritisiert. Die Klagen über dieses Prozeßrecht verstummten in der Folge nicht mehr, sodaß im Jahre 1900 eine Kommission mit der Revision beauftragt wurde, die aber diesem Postulat das gleiche Schicksal bereitet hat, das ähnliche Forderungen sonst in der berühmten Schublade zu ereilen pflegt. In der Kantonsratssitzung vom 11. Januar 1912 hatte das Parlament den im Jahre 1900 erteilten Auftrag selbst vergessen und erklärte eine an und für sich nicht mehr notwendige Motion, die Zivilprozeßordnung sei in Revision zu erklären, erheblich. Im Jahre 1923 legte darauf der damalige Staatsanwalt Dr. Müller einen Entwurf für eine Zivilprozeßordnung mit 524 Paragraphen vor, der nun offenbar nicht den Gegebenheiten, Verhältnissen und Anschauungen in unserem Kanton entsprach und das Verfahren vor dem zugerischen Forum sicher zu schwerfällig und minutiös gestaltet hätte. Erst der Vorstoß der Justizkommission im

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Jahre 1934 war erfolgreich und bewirkte, daß der Regierungsrat im Jahre 1936 dem Kantonsrat einen Entwurf für ein abgeändertes Gerichtsorganisationsgesetz und eine Vorlage für eine neue, der Feder des damaligen Gerichtsschreibers Dr. Birchmeier entstammende Zivilprozeßordnung einreichte. In diesem Zeitpunkt werden nun die Verhältnisse auf dem gesamten Gebiet der kantonalen Rechtspflege derart veraltet und prekär empfunden, daß sie geradezu dramatisch den Gesetzgeber zu einer umfassenden und durchgreifenden Tat der Rechtssetzung aufzurufen vermögen. Das begründete Bestreben, diese ausgesprochen kantonseigene Aufgabe auf der ganzen Linie abschließend zu gestalten, bewirkte eine Änderung der Kantonsverfassung — die zweite seit der Totalrevision von 1894 — welche am 22. September 1940 mit 3096 Ja gegen 877 Nein vom Volk beschlossen wurde und der am 26. März 1941 die Bundesversammlung die eidgenössische Gewährleistung aussprach. Bevor aber der Kantonsrat dem Volk diese Verfassungsänderung vorlegte, gelangte am 21. Mai 1940 mit einem ausführlichen Bericht des Kommissionspräsidenten, Dr. Alphons Iten, ein Entwurf für eine neue Strafprozeßordnung auf die Geschäftsliste des zugerischen Parlamentes. Die Geschichte des geltenden Strafprozeßrechtes reicht in ihrem Ursprung noch weiter in die Vergangenheit zurück als die Zivilprozeßordnung. Schon seit dem Jahre 1874, als das alte zugerische Strafrecht durchberaten wurde, war die Notwendigkeit einer neuen Strafprozeßordnung unbestritten, da das gesamte Strafverfahren ohne Übersicht in verschiedenen Erlassen untergebracht war und überdies auf den überholten Grundsätzen der Inquisition aufbaute. In den Jahren 1874, 1889 und 1905 wurden dann dem Kantonsrat Entwürfe vorgelegt, die zwar zum Teil sehr eingehend durchberaten aber nie zum Gesetz erhoben wurden, weil der Kantonsrat vor den Mehrausgaben zurückschreckte, die mit dem

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neuen Verfahren unvermeidlich waren und die um die Jahrhundertwende jährlich auf Fr. 1000.— geschätzt wurden. Wie in diesem Fall, so hat gerade die Furcht vor neuen Ausgaben manches berechtigte Postulat unverwirklicht gelassen, eine Mentalität, die gerade im Zusammenhang mit dem Prozeßrecht, das doch immaterielle Rechtsgüter zu schützen hat, nicht angebracht war, die sich aber heute leider nicht einmal mehr dort immer zum Wort meldet, wo die Verhältnisse und Gegebenheiten den Sparwillen in der Rechtssetzung fordern. Das neue Zivil- und Strafprozeßrecht ist — wie jede Gesetzgebung — nicht ohne Fehler. Mit Rücksicht auf die lange Zeit, während der umsonst der Erlaß eines neuen Prozeßrechtes erwartet wurde und während der viele prozessuale Vorschriften in Gewohnheitsrecht Gestalt angenommen hatten, stellen das Gesetz über die Organisation der Gerichtsbehörden und die Zivil- und Strafprozeßordnungen für den Kanton Zug vom 3. Oktober 1940 klare und systematische Erlasse dar, die dem Richter auch eine gewisse, vielleicht nur zu große Selbständigkeit in der Leitung des Verfahrens ausdrücklich einräumen. Mit dem Polizeistrafgesetz vom 7. November 1940 fügte der Kantonsrat den letzten Quader in das große Werk der zugerischen Justizreform. Mit diesem Gesetz, das in der vorliegenden Form auf Prof. von Overbeck zurückgeht, werden die sogenannten Polizeiübertretungen in einer Art geahndet, wie dies unsern »Anschauungen von Ordnung und Rechtssicherheit« entspricht. Wenn auch das kantonale Polizeistrafgesetz materiell zum Teil durch das neue schweizerische Strafgesetzbuch beeinflußt wurde, so ist das Bestreben, ein zugerisches Polizeistrafgesetz zu schaffen, doch auch von patriarchalischem Alter und reicht ebenfalls ins Jahr 1874 zurück. Zur unmittelbaren Ursache für das Werden des neuen Polizeistrafgesetzes, das sich durch eine klare und systematische Glie-

derung auszeichnet, wurde aber ohne Zweifel das dynamische Bestreben, die gesamte Justizgesetzgebung zu reformieren. Die Verhältnisse und die Stellungnahme zu neuen Anschauungen im Prozeß- und Strafrecht haben demnach im Kanton Zug eine gesetzgeberisch hoch bedeutsame Wirkung ausgelöst, indem nach einer langen Zeit der Vorbereitungen die Reform der zugerischen Justizgesetzgebung ein Jahr nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges ohne parlamentarische Komplikationen Gestalt annahm. Das Geschehen im eigenen Kanton wurde in dieser Zeit auch zum Ausgangspunkt von Erlassen, die staatsrechtlich in der Tatsache verankert sind, daß den Kantonen auch in der Sphäre des Privatrechtes mit Rücksicht auf Ortsgebrauch und besondere Verhältnisse gesetzgeberische Kompetenzen eingeräumt blieben. In diesen Zusammenhang gehört das komplexe Problem der Servitutenbereinigung, das seit dem Erlaß des alten zugerischen Privatrechtes im Jahre 1873 den Gesetzgeber und die Exekutive ständig beschäftigt hat, ohne daß sie der Aufgabe je Herr werden konnten. Mit der fortschreitenden Grundbuchvermessung im Kanton Zug konnte aber die Bereinigung der Dienstbarkeiten und Grundlasten nicht mehr länger vertagt werden, da der Zustand des zugerischen Grundbuches schon längst nicht mehr den Anforderungen des modernen Grundstückverkehrs entsprach. Diese typisch kantonalen Verhältnisse bewirkten die Änderung des kantonalen Einführungsgesetzes vom 7. März 1940, die ihrerseits die Änderung vom 8. Dezember 1942 nach sich zog, da mit der durch die erwähnte Novelle möglich gewordenen Grundbuchbereinigung auch die Grundstückbelastungsgrenze beseitigt werden mußte. Von welcher Kraft für die Rechtssetzung gerade diese Zustände auf dem Gebiete des Hypothekarwesens sein mußten, geht aus dem Umstand hervor, daß das Einführungsgesetz zum Zivilgesetzbuch vom Jahre 1911 erstmals nun

durch diese Verhältnisse im Jahre 1940 und dann nochmals zweieinhalb Jahre später zusammen mit bedeutsamen aber weniger dringlichen Vorschriften über das Vormundschaftswesen und das Bergwerkregal geändert worden ist. Als Ausfluß der in unserer Verfassung normierten Aufsichtspflicht des Kantons über die Gemeinden ist in diesem Wirkungskreis das Gesetz über denHaushalt und das Rechnungswesen der Einwohner-, Bürger- und Kirchgemeinden vom 28. November 1940 zu verstehen. Da sich die öffentlichen Bedürfnisse der Gemeinden im Verlaufe der Jahre vervielfacht hatten, konnte im Kanton Zug keine einzige politische Gemeinde mehr alle öffentlichen Aufgaben aus dem Ertrag der Gemeindegüter bestreiten, wie das nach alter Regelung vorgesehen war. Eine einheitliche Ordnung des Gemeindevermögens, der Gemeindeschulden und des Gemeindehaushaltes, wie sie dieses Gesetz getroffen hat, brachte deshalb im Bereich der kantonalen und gemeindlichen Beziehungen größere Rechtssicherheit, stellte aber gleichzeitig hinsichtlich des Finanzgebarens Vorschriften auf, denen beispielsweise in der Zeit der Gegenwart, da die Gemeinden übermäßig durch alle möglichen Aufgaben beansprucht sind, nicht auf der ganzen Linie nachgelebt werden kann. Wenn in dieser Untersuchung lange nicht alle Erlasse der Jahre 1939 bis 1942 unter dem Gesichtspunkt des kantonalen Zeitgeschehens gewürdigt werden können, so verdient, um dieses Bild in den wesentlichsten Stücken fertig zu skizzieren, die Gesetzgebung im Dienste der Schule Erwähnung. Die Erziehung und Bildung der Kinder gehören ohne Zweifel zu den vornehmsten Aufgaben des Gemeinwesens. Die Betreuung des Schulwesens ist ausschließlich dem kantonalen Kompetenzenkreis vorbehalten, weshalb es wiederum primär Erfahrungen, Erscheinungen und Geschehnisse im eigenen Kanton waren, welche die Schulgesetzgebung in dieser

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Zeit entscheidend beeinflußten. Der 14. Gesetzesband ist außerordentlich reich an Erlassen, die sich auf das Schulwesen beziehen und bald die Primär-, bald die Hauswirtschafts-, die Kantons- oder Gewerbeschule betreffen. Diese Gesetzgebung ist nicht nur eine Dokumentation für den Ablauf des Prinzips von Ursache und Wirkung im Recht, sie ist gleichzeitig ein Beweis dafür, daß sich der Kanton in einer schweren Zeit seiner kantonalen Schulhoheit würdig erwiesen hat.

Die zugerische Gesetzgebung der Kriegsjahre 1939 bis 1942 ist — dies war mit dieser Arbeit aufzuzeigen — eng mit dem weltgeschichtlichen und heimatgebundenen Zeitgeschehen verkettet. Der Blick durch die vielen Gesetze, Verordnungen, Beschlüsse und Reglemente fiel oft auf einen düstern und dräuenden Hintergrund: Gefahren, die von außen der Schweiz drohten und Aufgaben, die trotz der Unbill der Zeit in der eigenen Heimat gebieterisch die notwendigen Lösungen forderten. Diese Verhältnisse wurden deshalb für den kantonalen Gesetzgeber ein ernstes Aufgebot zur geistigen und materiellen Landesverteidigung, da, wie Professor Kägi in der Festgabe »Die Freiheit des Bürgers im schweizerischen Recht« aufzeigt, persönliche Freiheit, Demokratie und Föderalismus »die Garantie ihres Bestandes und ihrer Entwicklung in der wechselseitigen Verstrebung«, im festen Grund des Rechtes verankert haben. Mit dem Bestreben, die geistigen und materiellen Rechtsgüter vor jeder nur möglichen Gefahr zu schützen, rief, wie wir darlegten, im Bund und Kanton einer übermäßigen und für unsere staatsrechtliche Struktur unproportionalen Ausweitung der öffentlichen Aufgaben, die wiederum den Er-

laß vieler und zum Teil eingreifender Vorschriften notwendig machte. Der vierzehnte Gesetzesband ist ein Kind dieser Zeit, und man ist unter diesem Gesichtspunkt versucht, sich des weisen Wortes von Cornelius Tacitus zu erinnern, der in den Annalen sagt: Perditissima republica plurimae leges: zuviele Gesetze sind das Zeichen eines kranken Staates. Diese Feststellung trifft nun für die zugerische Gesetzgebung trotzdem nicht zu, denn mit dem vierzehnten Gesetzesband wird erstmals ein von Landschreiber Dr. Zumbach redigiertes, für die Praxis unentbehrliches und systematisches Materienregister der am 1. Januar 1939 geltenden kantonalen Erlasse veröffentlicht, womit offenbar wird, daß der Kanton Zug ein relativ knapp gefaßtes Recht sein eigen nennt. Wenn unser Land von der Katastrophe des Krieges, der gerade während der Jahre 1939 bis 1942 so nah an unsern Grenzen vorbeiging, verschont blieb, so wissen wir, daß wir diese Gnade neben dem menschlichen Tun der Vorsehung Gottes zu danken haben, da der Allmächtige das gesamte Geschehen in seinen weisen Händen hält und führt. So erscheint zum Schlüsse das Walten Gottes in der unübersehbaren Reihe rechtsgestaltender Kräfte und bestätigt unter diesem Gesichtspunkt die Tatsache, daß Recht, Moral und Religion nicht zu trennen sind. «La loi n'est rien», so schreibt Alphonse de Lamartine, «si eile n'est que l'expression de la volonte humaine; il faut, pour la rendre sainte, qu'elle soit l'expression de la volonte divine.» Im zugerischen Kantonsratssaal wird dieser Gedanke durch ein Kruzifix verkörpert, um stets die heute so aktuelle und notwendige Erkenntnis zu erhärten, daß eine lebensbeständige Gesetzgebung der Bindekraft des christlichen Geistes nicht entraten kann.

Literatur Andermatt Josef, Zur Justizreforra im Kanton Zug, Zug 1936 Giacometti Z., Das Staatsrecht der schweizerischen Kantone, Zürich 1941 Giacometti Z., Das Vollmachtenregime der Eidgenossenschaft, Zürich 1945 Giacometti Z., Schweizerisches Bundesstaatsrecht, Zürich 1949 Iten II,-r/a, Studien zum zugerischen Strafprozeß und seiner Reform, Zug 1939 Jhering, von, Rudolf, Leipzig 1924

Der Geist des römischen Rechts,

Kägi Werner, Persönliche Freiheit, Demokratie und Föderalismus in Festgabe der jur. Fakultäten, Zürich 1948 Meyer Gerald, Die zugerische Gesetzgebung 1931—38, Zuger Neujahrsblatt 1946

Musy J. M., Die Schweiz in der gegenwärtigen Krise, Ölten 1932 Näf Werner, Die Epochen der neueren Geschichte, Aarau 1945 Näf Werner, Geschichtliche Betrachtungen zum Verständnis der Gegenwart, Aarau 1941 Regierungsrat des Kantons Zug, Berichte und Anträge an den Kantonsrat Schumacher Edgar, Geschichte des zweiten Weltkrieges, Zürich 1946 Zentralblatt für Staats- und Gemeindeverwaltung, Jubiläumsbeft, Probleme der Rechlssetzung, Zürich 1949 Zumbach Ernst, Verfassungsgeschichtlicher Überblick (über die Verfassung des Kantons Zug) in Wappen, Siegel und Verfassung der schweizerischen Eidgenossenschaft und der Kantone, Bern 1948

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GRUSS AN DEN ZUGERSEE Nein, ich hob' dich nicht vergessen, Kamerad der Jugendzeit; ach, wie fröhlich klingt dein Lachen und schon frühe beim Erwachen hat mich dein Gesang erfreut. Traulich ist's an deinem Ufer — hob' dir alles anvertraut, spritzten oftmals Wasserschäume über meine Märchenträume, wurden sie neu aufgebaut. / , . - i . - l i i i n r i ! ' \\Vrnrr A i x l r - r i m i l t

Zärtlich ist sonst dein Geplauder, stolz — wenn sich im Licht des Föhn rings die Berge näher schmiegen, ob sie Gotteshände trügen an den See, so klar und schön. Fern des lieblichen Gestades grüßt hier Wald und Mattengrün, auch sie haben ihre Lieder, und wie damals sing ich wieder, lerne ihrer Sprache Sinn.

Wasser

die Woge fiel

dir in den Schoß zurück und all dein Drängen

Dämmert bald ein letztes Rasten — lockt von drüben milder Schein heimatwärts den Erdenmüden See, dein Bild im Abendfrieden möchte dort auch bei mir sein. Frieda Meyer

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wurde still. Es schweigt dein Angesicht, darin das reine Licht sich schauen w i l l .

DER ZUGERSEE SEINE GEOLOGISCHEN, HYDROLOGISCHEN UND KLIMATISCHEN VERHÄLTNISSE Fön Dipl. Ing. Max Bütler

Topographische Verhältnisse

ü berblickt man den Zugersee auf der topographischen Karte, so erkennen wir seine interessante dreiteilige Gestalt. Die südliche und mittlere Partie sind von ungleich hohen Bergen, der gefalteten subalpinen Molasse, die nördliche Zone von der flachen Molasse umrandet. Die Gestalt ist wie jene des Vierwaldstättersees abnormal und gleicht nicht der einheitlich gestreckten Form der meisten alpinen Randseen, z. B. Sempachersee, Hallwilersee, Zürichsee, Walensee etc. Das westliche

Ufer ist buchtenreich, das östliche ungegliedert. Dieser Umstand ist äußerst auffallend und fällt ins Gewicht bei der morphologischen Deutung des Zugersees. Zwei resistente Nagelfluhsporne, die Difluenzsporne des Kiemen und der Sporn bei Buonas, teilen den See in den Ober-, Mittel- und Untersee auf. Im Stromstrich des Tales beginnt das Längsprofil mit der breiten Nagelfluhbank bei OberArth. Es folgen dann die tiefe Talstufe des Oberseebeckens, dann der schmale Felsriegel beim Kiemenegg, schließlich die Talsohle des Mittel- und Untersees. Zwischen Kemmatten und Duggeli ist der Untersee durch die anstehende Molasse abgeschlossen, d. h. auf ca. ein Drittel der Talbreite. Die östlichen zwei Drittel der Uferzone sind sehr wahrscheinlich nur tiefer abgeschürft in Form einer Felsüberlaufschwelle. Der Zugersee ist demnach ein dreiteiliges Felsbecken, ein zusammengekuppelter Felstrog, denn die Gestaltung ist weitgehend als glaziale Schürfform deutbar, wie später eingehender untersucht wird. Das Querprofil des Tales erscheint durchwegs U-förmig mit steilen, doch nur selten lotrechten Lehnen am Obersee, mit flacheren Lehnen am Mittelsee und mit flachen bis sehr flachen Uferzonen am Untersee.

Geologie: Tektonik und Stratigraphie Die Regina Montium tront über dem schönsten Erdensee, dem Vierwaldstättersee, dem romantisch-idyllischen Zugersee und dem düstern Lowerzersee. Das Relief des Rigi mit seinen Seen. und den Vierwaldstätterseealpen ist das Prunkstück urschweizerischer Landschaft, dank geologischem Aufbau, Vielgestaltigkeit nach Lage und Höhe, Zugänglichkeit, Alpwirtschaft, Vegetation, Aussicht und malerischer Pracht.

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Erst recht wird das geologische Geschehen dieser Landschaft zum Erlehnis, wenri der Wanderer versteht vom Rigi aus die Berg- und Talgeschichte geologisch zu lesen und lehendig zu erfassen. Mit der Deutung der geologischen Verhältnisse des Rigi-Roßberges und des Vierwaldstättersees erfassen wir zugleich den ZugerseeIn der jüngeren Tertiärzeit, drängten von S bis SE her die Deckfaltcn der helvetischen Alpen heran. In der Folge drückten dieee das Vorland der Marschfront, d.h. den Südrau-d des Molassemeerbeckens ein.

Interessant ist die Erscheinung, daß die Hauptaufschiebung der Molasse eine Aufdrehung, sogar eine Überkippung der Faltenschenkel des Vorlandes, z. B. Buoiias-Mennebach bei Zug, nach N bewirkt hat, dank dem viel größeren alpinen Druck daselbst im Vergleich zu jenem des flachen Reliefs bei Luzern.3) Im gleichen Zusammenhang ist, im Grundriß gesehen, die gefaltete Molasse vor der mächtigsten Druckstelle des Rigi-Roßberg nach N ausgebogen, sodaß die beiden Flügel der Wellenberge zurückblieben. Mit der langsamen Hebung der Falten-

DER ZUGERSEE ZUR SPÄTEISZEIT Unser Bild vermittelt das ungefähre Aussehen der Zugerseelandschaft /ur Spätcis/.eit (Magdalcnien) vor etwa 12 ooo—15 ooo Jahren. Wir stehen in Gedanken auf der «Schluocht», einem Aussichtspunkt bei Chain und überblicken gegen S den vergletscherten Zugersce. Den Hintergrund begrenzen von links nach rechts die Hügelketten Zugerberg, Kiemen und Rooterberg. Dahinter erheben sich die Winclgüllen, das Rigimassiv, rechts von ihm die Engelberger- und Berneralpen. Den Abschluß rechts bildet der Pilatus. freofoo, Fro/r '

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Damit entstand vermehrter Widerstand vor der Marschfront der helvetischen Decken. Die Südzone der bisher fast wagrechten Molassetafel wurde gleich einem Wellblech in Falten gelegt. Doch ließ der anhaltende Druck die kauin entstandenen zwei Wellenberge deformieren, indem die Scheitel und Mulden zerknittert, die Scheitel überhaupt abgetragen wurden, sodaß das heutige Querprofil nur mehr fächerhaft, sogar isoklinal aussieht. ) Über den südlichen Fächer ist aledann der Molasseklotz der Rigi-Roßberg hinauf geschüttelt, als Hauptaufschiebung der Molasse. Wir erkennen heute, gemäß der Auffassung von Dr. Buxtorf und Dr. Kopp, eine Hauptantiklinale im Zuge Greppen—Ober-l mme nseeSt. Adrian, die Allmendlisynklinale, von Küßnacht nach Walchwil streichend, und die Würzenbach, antiklinale im Zuge Würzenbach — Ober-Risch — Trubikon. Nördlich der Linie Jlotkreuz—Zug hat die Molassetafel keine wesentliche Störung erfahren oder nur lokal einige Orad Südfallen, wie bei Binzmühle sichtbar ist.2) Pagegen wurde die zwischen dem Jura und der» auffaltenden Alpen eingespannte Molasse um ca. 400 m gehoben, so daß sich das Meer nacb W entleeren konnte — Entstehung des Molasselandes.

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Nach der Auffaltung des Rigimassives und der übrigen Voralpen setzte eine 4- bis 5-fache Vergletschen. /7ß, y./f

scheite! begann die Verwitterung und Talbildung senkrecht zum Streichen der Falten. Die Talbildung ging umso leichter von statten, als das Gebirge durch viele Qucrbrüche gelockert und zerknittert war. Die Brüche wurden richtungsweisend für die jungen Talrinnen im statu nascendi. Aus der topographischen Karte entnehmen wir zwei Systeme von Querbrüchen, z. B. Badweid bei Immensee bis Breiten — Brüglen bei Meierskappel mit ca. 360° Azimuth und Tieftal — Risch mit ca. 350°Azimuth. Ferner scheinen sich Querbrüche nördlich von Arth und beim Engpaß des Kiemenegg, sowie bei Klausenegg—St. Adrian abzuzeichnen. Alle genannten Brüche sind nahezu S-N orientiert und sind parallel gerichtet den Brüchen westlich von Küßnacht a/R. Die genannten Bruchgruppen dürften zeitlich verschiedenen Schuhen angehören. Ich möchte sie in Zusammenhang bringen mit dem letzten Vorstoß der Rigi-Hochfluhdecke und der Bürgenstockdecke, weil die betreffenden Deckenfronten zu den zugeordneten Querbrüchen normal stehen oder die Schubrichtungen den Querbrüchen parallel sind. Stratigraphisch liegt nach den neuesten Untersuchungen von Dr. Buxtorf und Dr. Kopp der süd-

rn ng mit Zwischeneiszeiten ein. Bei der größten Vergletscherung war der Reußgletschcr rund 1000 m mächtig, reichte sogar über den Zugerberg und den Seeboden a/R. Beim letzten Gletscherschwund zog er sich endgültig in die Alpen zurück. In unserem Bilde liegt die Gletscheroberfläche nur noch etwa 20 m über dem heutigen Spiegel des Zugersecs. Bei diesem Stand reichte der Gletscher bis auf die Linie Lindcn-Cham, Bibersee, Steinhausen, Haar. Die sieben Moränenwälle, die ehedem im Reußtal und dessen Seitentälern Rand- und Zwischenmoränen waren, verfrachten das Stur/und Schürfmaterial der Berglehnen in Form von Blöcken, Geröll, Sand und Lehm. Die Schuttmassen stammen also vorwiegend aus dem obern Reußtal und dessen Seitentälern. Die Quer- und Längsspalten der Gletscheroberfläche rühren von der ungleichen Gletscherbewegung, dessen Grund und Widerständen vor der Gletscherstirnc her. Die auffallend gerundeten Kuppen vom Rooterberg und Kiemen sind das Resultat des Glctscherschurfes. Derselben Schurfarbeit und Policrarbeit sind die prachtvollen Gletscherschliffc am Kiemcnegg und bei Baumgarten zuzuschreiben. Das ganze Bild atmet noch die Kälte und Öde der Eiszeit. Nur der Vordergrund deutet den Gletschcrschwund an und die damit beginnende spärliche Vegetation von Flechten (Tundra). Schon dringt auch, verkörpert durch die beiden Mammuts, die Tierwelt vor. Sie sind in unserer Gegend durch Knochenfunde aus Moränenkiesen im Schönbühlwald und von Wildentalweiden bezeugt.

M. B.

liehe Teil des Obersees, nämlich die aufgeschobene Molasse im Mittel-Stampien. Es folgen dann nördlich der Hauptaufschiebung aquitane Nagelfluhschichten und Sandsteine bis zur Linie Risch —- Zugerberg. Nördlich dieser Linie verläuft eine schmale Zone des Burdigaliens, die wieder nördlich der Linie Dierikon — Zug/Kaminstall das Helvetien berührt. Schließlich stößt das Helvetien im Zuge Rootsee — Rotkreuz — Zug an das Tortonien der flachen Molasse.

den Wassers folgte der Eisschurf der Gletscher, unterstützt durch ihre Schmelzwasser. Wir werden sehen, daß der Eisschurf nach der Tiefe und Fläche sich kennzeichnete. Das praeglaziale Erosionsrelief wurde unterhalb des Gletscherniveaus weitgehend verschürft und modelliert. An dessen Stelle trat das Glazialrelief des Felsgrundes, gekennzeichnet in sanften, flachen Lehnen, Mulden und Kuppen, Schliffkehlen, großen und kleinen Rundhöckern. Versuchen wir dieses Glazialrelief morphologisch zu deuten, indem wir uns alle diluvialen und rezenPraeglaziale Tal- und Seebildung ten Ablagerungen der Reliefs entfernt denken. Erosionsrelief Schon das auf tiefes Niveau abgetragene GeGemäß Prof. Dr. Alb. Heim floß die Ur-Reuß biet zwischen Zugersee, Küßnachtersee und Reuß, der Molassezeit über Brunnen — Zugerseetal — die breiten Buchten am Westufer, das Fehlen vorBrugg auf einem viel höher gelegenen Niveau als springender Felsnasen am üstufer, das seltene heute. Jenes Rinnsal ist nicht mehr erkennbar, Vorkommen lotrechter Felswände, das plötzliche denn alle Spuren sind verwischt. Im Laufe der Mo- Abdrehen der Zugerberglehne bei Aiola um ca. lassefaltung wurde die Ur-Reuß in die Streich- 50° gegen E, verraten die Glazialerosion einerrichtung des mittleren Vierwaldstättersees abge- seits, den Flankendruck von SW auf den im lenkt. In der Folge setzte an den auftreibenden Stammtal fließenden Reußgletscherarm anderMolassefalten des Rigi-Roßberges die junge Tal- seits. Wir beginnen unsere Detailuntersuchung am bildung ein, vornehmlich im Talstrich des Zuger- oberen Seeabschluß bei Ober-Arth. sees und des Ägerisees. Weder Flußerosion, noch der Eisschurf verAm Abtragswerk waren natürlich auch seit- mochten die resistenten Nagelfluhbänke zwischen liche Wildbäche tätig, sowohl parallel dem Stamm- Rigi und Roßberg auf die Sohle des oberen Zugerfluß als im Streichen der Falten z. B. Würzenbach. sees abzubauen. Es muß an Zeit gefehlt haben, inIm Verlaufe der Jahrhunderttausende verwan- dem die Ur-Reuß rückläufige Gefalle erhielt. delte sich die erst tektonisch angelegte Landschaft Umso kontrastvoller springt die Talausweitung zum Erosionsrelief. So erkennen wir heute die in die Augen, speziell südlich und nördlich des obersten Bachläufe am Rigi-Roßberg und Zuger- Felsriegels, dort im weichen Flysch von Lowerz, berg als praeglaziale Wildbäche oder mindestens hier in den roten Molassemergeln des oberen Zudoch interglaziale Wildbachrinnen, z. B. über See- gersees. Die Höhe der Talstufe beträgt daselbst boden einige Bachoberläufe. über 300 m. Die anstehende Felsschwelle liegt bei Die Eintiefung auf der Linie Cham — Zimbel Ober-Arth auf Kote 513 m, die rezente Sohle des hatte mit der südlichen Tieffaltung oder dem spä- Obersee auf Kote 219 m. Dazu darf man etwa 50 m teren Eisschurf nicht Schritt gehalten. Dieser Um- Seealluvium rechnen. stand führte zur Einstauung des Ur-Zugersee, mögDie Gesimse und schiefen Flächen an den Lehlicherweise auf Kosten rückläufigen Gefälles in nen des Rigi-Roßberges zeigen wenig Erosionsforseinem Felsbecken. Bestimmt läßt sich der Zuger- men. Sie sind relativ zur Gebirgsmasse klein. Gesee dann als glazialer Moränenstausee nachweisen. gensätzlich sind die Glazialformen des Reliefs Das hier angedeutete Felserosionsrelief, das wir groß angelegt und aufdringlich. Es dominiert zwiuns schulgerecht mit engem Tal und vielen seitli- schen Rigi-Roßberg die U-Prof ilf orm, besser Parachen Bächen vorstellen müssen, erfuhr in der fol- belform.*) genden Diluvialzeit nach Höhe und Grundriß eine Wie erwähnt schürfte der Reußgletscher zwigänzliche Umgestaltung. schen Arth und Kiemen in der weichen roten Molasse. Es sind gegen N ansteigende Mergel und Das Glazialrelief des Zugerseetales Sandsteine. Damit erklärt sich teilweise die DreiZur Diluvialzeit schob der Reußgletscher seit- ecksform des Obersees, indem bei Arth Nagelfluh, lich des Rigi seine Eiszungen ins Tal des Zuger- im Zuge Immensee — Walchwil weiche Sandsteine sees vor. Der reinen Wasserabtragsarbeit fließen- und Mergel und am Kiemen wieder harte Nagel-

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fluh und resistente Sandsteine anstehen. An der Stoßseite des Kiemen besitzt demnach der Obersee die größte Breite. Die Lehnengestaltung bei Tschuopis stand bereits unter der Flankendruckwirkung des westlichen Gletscherarmes aus dem Becken des Küßnachtersees. Für diese Auffassung sprechen die auf der topographischen Karte ausbuchtenden. Niveaulinien 420 m bis 540 m im Waldrayon westlich Tieftal. Der markante Felsuferbruch bei Tieftal über dein Niveau 400 m um ca. 250 m nach N ist ebenfalls dem kombinierten Gletscheraugriff zuzuschreiben. Der Flankendruck aus SW ist ferner erkennbar in der Reduktion des Kiemens gegen Lothenbach im Grundriß und im Aufriß. Auch gegenüber Kie-

Streichen der Molasse. Die Talverschiebung W-E oder umgekehrt läßt sich dann aus dem wechselnden Flankendruck erklären, der auf den Stammgletscher im Stromstrich des Zugersees einwirkte. Warum ist der Kiemen keine Erosionsform, keine Kuppe oder Grat eines ertrunkenen Gebirges? Der Grat ist nirgends scharf oder verwittert, vielmehr gerundet. Nur Hohlkehlen in der Mergelzone der Streichrichtung täuschen eventuell Kinnen vor. Jene sind hingegen aus der SW-Richtung glazial verschürft. Prachtvoll geschrammte Gletscherschliffe am Kiemenegg, diese subaquarisch fortsetzend, ferner auf etwa 200m Länge die Stoßseite westlich Tief tal, die glatt geschliffene Gipfelkalotte P 605 m, die

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menegg bei Lothenbach scheint die Berglehne Anzeichen der Nischenbildung zu haben. Daselbst sind die sublacustrcn Felsufer zum Teil lotrecht und glazial verschürft. Einige Rundhöcker sind unter der dünnen Moränedecke geschützt geblieben. Die Böschung des Talquerprofils beträgt am Kiemenegg ca. 23 Grad, bei Lothenbach im Mittel 30 Grad. Das ganze westliche Felsufer nördlich des Kiemens weist flachere Böschung auf als die Ostlehne. Am Kiemenriegel haben die Glazialerosionen vier kleine Talrinnen in SN Richtung geschaffen. Einen westlichen breitem Talweg benützt jetzt die SBB-Linie Immensee—Rotkreuz. Ein zweiter Talweg ist erhalten im Zuge Tieftal — Risch. Der dritte Talweg, als Fortsetzung des östlichen Einschnittes des Kiemens, dürfte östlich vom Buonassporii gelegen haben. Der vierte und tiefste Haupttalweg liegt im Stromstrich des Zugersees. Wie wir oben schon, gesehen haben, waren tektonische Querbrüche veranlassend und richtungweisend für die genannten vier Quertälchen senkrecht zum

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monotone Stoßseite bei Seematt, Kiemen, Lehenweid, die Hohlkehlen von Tschuopis und Fischermatt belegen die Glazialerosion im Besondern. Südlich Böschenroth, parallel der Streichrichtuiig der Kiemenschichten bei Zeig, konstatiert man leicht die ausgeräumte Mulde, welche jenseits des Sees südlich dem Nagclfluhriff der Insel Aiola fortsetzt. Der einstige Zusammenhang jener Mulde bzw. der Nagelfluhbank ist rekonstruierbar beim Niederblick vom Aiolawald bei günstigem Lichteinfall. In der Kiemengegend fällt allenthalben der gewaltige Defekt an Masse in nächster Nähe des Rigi und des Zugerberges auf. Der Rigi-Kulm überragt um volle 1200 m. Das Niveau des Zugerberges mußte auch im Kiemengebiet nach der Schlußfaltung der Alpen im Pliozaen vorherrschen. Den Kiemen kann man sich aber nicht als Kulissengebirge vorstellen, weil das nötige Einzugsgebiet fehlte. Man findet nur eine Erklärung, die wurzelt in der weitgehenden Umgestaltung durch die Glazialerosion, im Eisschurf.

Das in flache Wannen, gerundete Gräte, Kehlen, Kuppen und Rundhöcker aufgelöste Gebiet zwischen Rigi und Rooterberg war gleichsam die Drehscheibe, auf welcher die eiszeitlichen Gletscher in wirrem Kräftespiel schürften. Als ausgeprägte kleinere Glazialformen seien erwähnt P. 542 westlich Gadmen bei Küßnacht, P. 447 und P. 448 bei Muriweiden Eichholz, sowie die rechte Talseite des Gießenbaches bei Küßnacht. Größere typische Kalotten sind am Rooterberg P. 685 westlich Meierskappel und der Kirchberg bei Risch. Fast analog dem Kiemen ist der Difluenzsporn von Buonas gestaltet, zwar geringer an Ausdehnung, weil die Nagelfluhen dort mehr zurücktreten. Die Axen der beiden Sporne Kiemen und Buonas divergieren nach NE. Diese Divergenz lenkt uns wieder auf die Glazialerosion im Zusammenhang mit der Glazialdynamik und der subalpinen Streichrichtung. Wandert man am Nordufer des Sees von Cham nach Zug, so fällt die merkwürdige Kongruenz auf, falls man die sich stets relativ verschiebenden Bergrücken Kiemen und Rooterberg ins Auge faßt. Jene stilverwandten, modellierten buckeligen Rücken fallen sachte mit ihren Gratlinien zum See ab. Auf der topographischen Karte l : 25 000 sind im Bild der Niveaulinien die Nischenlehnen des Mittelsees deutlich erkennbar. Das westliche Felsufer des Mittelsees, nämlich von Ober-Risch bis zum Schloß Buonas, ist auf 2 km Länge genau parallel dem rechten Seeufer bei Aiola — Steinibach wieder im Zusammenhang mit dem glazialen Flankendruck aus SW. Betrachten wir jetzt den Zugerberg als östliches Ufer des Reußgletscherarmes, so fällt doch der relativ wenig gegliederte Rumpf des Berges auf, d. h. unter dem Niveau von 500 bis 600 m ist nur eine einheitliche Muldenlehne zu konstatieren. Die Unterläufe der interglazialen Rinnsäler, wie Mühlebach und Trubikonerbach, sind abgeschürft. Die schiefen Felswalmen stechen schon aus der Ferne gesehen aus der Landschaft heraus und sind recht typisch. Das Volumen des abgetragenen Gebirges in den Schluchten genannter Bäche steht zum Hauptvolumen in einem argen Mißverhältnis. Wir finden keinen Kiemen und keinen Buonassporn, auch nicht subaquarisch trotz der wechselnden Gesteinsbeschaffenheit. Der mittlere Böschungswinkel der Berglehne beträgt ca. 30 °. Viel flacher ist die westliche Böschung des Ufers vom Untersee bei Buonas, Zweiern, Kemmatten, Eni-

kon abgetragen, indem das Talliniengefälle oft nur wenige Grade aufweist. Gegen N, also in der flachen Molasse, nimmt die Breite des Zugersees zu. Diese Erscheinung ist streng genommen ein Gegenbeweis zur Auslegung des alpeneinwärts eingesunkenen Tallaufes, weil dort die größere Talbreite zu suchen wäre. Gerade am Obersee mit der Spitze bei Arth, ist der Fall umgekehrt. Es scheint demnach, daß die Rückläufigkeit des Gefälles im Zugerseebecken mehr auf das Konto der Glazialerosion, denn auf jenes der Heim'schen Alpenrückensenkung zu buchen ist. Die glazialen Formen, die flachen Tröge etc. sprechen aber speziell zu Gunsten der Glazialerosion. Auf der Zone Kemmatten bis Duggeli östlich Chain, d. h. auf 1,5 km Breite ist die flache Molasse anstehend. Das ist ein Teil des feststellbaren Trograndes, der ca. 250 m über der Sohle des Obersees liegt. Weil die Wallmoränen nirgends Gegengefälle aufweisen, so dürfen wir das tiefe Loch des Obersees wie auch die anderen Seebecken und Nischen dem jungen Eisschurf zumuten. Die östliche Fortsetzung des Trograndes liegt zwischen Duggeli und Baar verborgen. Eine tiefe Erosionsrinne im genannten Gebiet ist aus morphologischen Erwägungen heraus nicht denkbar. Erst recht müßte eine Rinne von 250 m Tiefe selbst im Moränenbild wieder zum Ausdruck kommen. Die Molassetafel zwischen Buonas, Rotkreuz, Cham, Hünenberg, Rumentikon, Oberwil ist flach gewellt mit vielen Wannen, Kehlen und flachen Kalotten erfüllt. Weite Flächen haben oft nur 20 bis 100 cm Moränenüberdeckung. Morphologisch kann dieses Gebiet nur durch Glazialerosion erklärt werden, namentlich, weil die Kehlen und Mulden einander parallel sind und gegen SE weisen. Ferner ist die flache Molasse nur durch wenige Bäche, in knapp 2 bis 5 m tiefen Rinnen fließend, zerschnitten. Alles Anzeichen junger glazialer Felsformung.6) Als besonderes Denkmal am Trogrand des Untersees sei erwähnt der dort einzige Molasse-Rundhöcker P 451 beim Gehöft Oberwil, welcher die flache Gegend um ca. 20 m überragt. Zusammenfassend können wir sagen, daß die Haupttalrinnen seitlich des Rigi zum Teil an die Tektonik und an das jungtertiäre Erosionswerk der Bäche und glazialen Schmelzwasser gebunden sind. Das Erosionsrelief ist dann weitgehend im Diluvium umgestaltet worden, ja größtenteils ver-

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schwunden. In den Talrinnen haben die beiden Gletscherarme seitlich des Rigi Mulden und Bekken ausgeweitet, Tröge geschaffen, Kehlen ausgeschliffen, Gräte zu Kuppenfolgen modelliert. In der harten Nagelfluhlandschaft ist die modellierte Kleinform häufiger, im Mergel und Sandsteingebiet überwiegen die Großformen des Glazialreliefs. Das Glazialrelief der Zugerseelandschaft, nicht mit dem Moränenbild zu verwechseln, ist natürlich das Werk des 4- bis 5-fach repetierten Eisschurfes, entsprechender Gletschervorstöße. Auch die interglazialen Wildbäche werden am Felsrelief, namentlich der höheren Zonen abgebaut haben.

Glaziale Ablagerungen — Schotter und Moränen Das Morünengewand des Zugerseetales ist das Resultat des 4- bis 5-fachen Vorstoßes der Reußgletscherzungen, welche den Rigi seitlich umflossen. Vereinzelte Sernifitfindlinge lassen erkennen, daß auch der Sihlgletscher fast in den Talschlauch des Zugersees vordrang, indem er in der Nähe von Margel und Inwil Leitfindlinge absetzte. Infolge der komplizierten Form des Zugersees, demnach im Anschluß an das wechselvolle Spiel angreifender erodierender und schürfender Kräfte auf das Felsrelief, ist das vorliegende Bild der Moränen, das glaziale Antlitz, nicht so typisch wie bei den gestreckten Seen, z. B. beim Zürichsee, Hallwilersee, Sempachersee etc. Nebst den Grundmoränen, sind die Randmoränen am Walchwiler- und Zugerberg, sowie die Endmoränen, im Rayon Cham — Baar — Hausen — Maschwanden, ziemlich mächtig entwickelt. Die höchstliegende Randmoräne »Hochivachtstadium« auf 1000 bis 1020m, wohl die Mittel-Moräne des Reuß-Sihlgletschers, ist infolge Unstetigkeit der Eismassen beider Gletscher verworren gestaltet. Sie verläuft im Zuge Kleinstollen—Fiddersluden — Brandwald — Hönggigütsch — Hochwacht -— Brunegg. Südwärts beginnt diese Moräne als dreifacher Wall, dessen Einzelwälle nach N auslauf en. Westlich davon und etwas tiefer gelegen, läßt sich eine andere Randmoräne verfolgen. Sie verläuft auf ca. 1000 bis 950 m von Hasenguetnacht 1005 nach Staffel 999 — Frühbühl 990 — Ehwegstaffel 993 — Felsenegg 954—Schindellegi—BrunBeim Schäfboden ist ein Teil dieser Moräne in das Tal de» Mühlebach abgerutscht oder ver-

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schwemmt worden. Man geht kaum fehl, wenn das breite Seitental des Mühlebaches ursprünglich einen Bergschlipf beim letzten Schwund des Reußgletschers zugeschrieben wird, denn nördlich und südlich ist die Berglehne über Kote 800 m nur unwesentlich durch Bachläufe zerschnitten und das Moränenbild ist beim Mühlebach am meisten gestört. Bei Neuweid — Hintergeißboden sind die genannten Wallmoränen durch einen mächtigen Quermall verbunden. Dieser dürfte als vorübergehende linke Seitenmoräne des Sihlgletschers aufzufassen sein, bei einem Versuch, über den südlichen Zugerberg dem Reußgletscher in die Flanke zu fallen. Südlich von diesem Querwall kamen die Torfmoore Frühbühl und Eigenried zur Entwicklung und nördlich davon die Moore des Schäfboden und des Vordergeißboden. Bekanntlich sind diese Torfmoore im Weltkrieg 1914/18 auf Torf, wenigstens teilweise, ausgebeutet worden. Eine mehr schulgerechte Randmoräne verläuft auf ca. 970 bis 930 m von Turndli 970 über Katzenberg 964 — Bahlis •— Oberschwendi—Sattel — Horbach bis Felsenegg und Schönfels. Das Sürenmoos und der Lotenbach sind hinter der Moräne abgeschlossen. Noch etwas tiefer, auf ca. 940 bis 920 m, verläuft eine weniger instruktive Wallmoräne von Turndli über Unter-Suren 930 — Schwendi — Horbach — Felsenegg — Schönfels. Im Bereich des Mühlebach lobels fehlt auch hier ein großes Moränenstück auf einige 100 m Länge. Die genannten 3 Wallmoränen nennen wir »Schönfelsstadium«.6) Am Hang des Rigi sollten die entsprechenden Randmoränen auf ungefähr derselben Höhe zu suchen sein. Jene hatten, vereint mit der westlichen Seebodenmoräne damals den Seebodensee eingestaut. Sehr frühzeitig rutschte die Wallmoräne über dem Zugersee ab, der Seebodensee blieb ein Torfmoor. Noch tiefer liegende Wallmoränen sind erst am Zugerberg ausgeprägter entwickelt und erhalten, am steileren Walchwilerberg sind sie verschwemmt worden. Wir nennen auf ca. 800 m das RollerenStadium, im Zuge Juchenegg 810 — Klosterhof, Im Berg, Rolleren. Die klassische, schulgerechte Wallmoräne vom Steeren repräsentiert das »Steerenstadium« auf ca. 700 m. Sie reicht vom Steeren über Egg, biegt dort um, und verläuft bis zur Tobelbrücke östlich der Wildenburg. Die Umwallung des ebenen Talbodens vom Grüt durch die Steerenmoräne und die

nördliche Wallmoräne des Lorzentobels ist recht instruktiv. Keine Schule sollte versäumen dem Grüt und Steeren einen Besuch zu machen, verbunden mit Natur- und Heimatkunde. Tiefer gehend, kommen wir zum Randmoränenzug des »Bohlstadiums« auf ca. 508 m im Zuge Hasenbühl — Guggital — Bohlgutsch -— Aarbach. Auf ca. 470 m scheint sich das »Lorettostadium« abzuzeichnen, doch sehr schematisch, auf der Linie Fuchsloch bei Oberwil — Meisenberg — St Michael — Loretto — Inwil. Als tiefstliegende Randmoränen in unserem Schema kennen wir das »Lauriedstadium« auf ca. 434 m, reichend vom Rost bis Lauried. Möglich wäre, daß die Lauriedmoräne schon der ausgekämmten Endmoräne angehört — Drumlin. Die zusammengesackte, merkwürdige Moränengruppe bei Rötelberg, Inselberg, St. Verena, läßt sich nicht in unser Schema einordnen. Eine große Zahl von Argumenten spricht dafür, daß im Rayon Kaminstall, ein postglazialer Bergrutsch stattgefunden hat. Die genannte Moränengruppe ist die abgerutschte und verstellte Moränenmasse, welche einst in Form von Wallmoränen über dem Kaminstall existierte und die wir heute dort vermissen. Unter Umständen könnte man den Lorettowall als auftreibenden Wulst des Kaminstallbergsturzes auffassen. Es gibt immerhin Gründe dafür und dagegen. Am westlichen Seeufer sind die entsprechenden Randmoränen viel weniger typisch und verworren gestaltet. Dem Bohlstadium entsprechen die Randmoränen von Lippertswil — Meierskappel — Ibikon — Kiemen und Kirchberg bei Risch. Dem Lorettostadium entsprächen Hellmühle 469 — Moos 468 — Risch 463 — Unter-Rüti 462 — Siental 467 — Rotkreuz 445. Bei Rotkreuz ist der Kontakt mit dem westlichen Reußgletscher nachweisbar, daher sind dort die Moränen tief verschürft. Dem Lauriedstadium dürften endlich entsprechen der Moränenzug Eichholz 448 — Ober-Risch 451 — Zweiernholz — Dersbach 438. Die Randmoränen westlich und östlich vom Zugersee sollten durch bogenförmige Endmoränen nördlich vom See zusammeuschließbar sein. Ihre Rekonstruktion ist recht schwierig und nicht befriedigend. Wir konstatieren eine von SE gegen NW streichende parallele Schar von Hügelketten, die vom Sihl- und Reußgletscher abwechselnd überschürft wurden.

Es lassen sich im Räume Cham, Baar, Rifferswil, Maschwanden sieben parallele Moränenketten - Drumlins - rekonstruieren. Einerseits wäre man versucht, die Drumlins als angelagerte östliche Randmoränen des Reußgletschers aufzufassen, andererseits möchte man die Drumlins als die Reste der durchpflügten Grund- und Endmoränen des Reußgletschers erkennen. Mir scheint, es liegen beide Formen der Moränen vor. Durch eine recht rätselhafte, wirklich selten eintreffende Gestalt ist das Buchtobel östlich Knonau gekennzeichnet. Chronologisch gehören die genannten Moränen um den Zugersee der letzten Vergletscherung an, deren Rückzug vor etwa 15 000 Jahren stattgefunden haben soll. Nur am linken Ausgange vom Lorzentobel sind Moränen und Schotter der vorletzten maximalen Vergletscherung erkennbar. Die Schotterböden der Interglazialzciten sind durch die wieder vorstoßenden Gletscher neuerdings ausgeräumt und verfrachtet worden. Als einzige ältere Schotterlager der Interglazialzeiten sind zu nennen Baarburg/Josefsgütsch und Blikkenstorf/Bachtalen/Rebmatt. Gemäß den Untersuchungen von Dr. Roman Frei gehört die Schotterkuppe der Baarburg der drittletzten Vergletscherung an, nach Prof. Dr.Alb. Heim sind jene Schotter noch älter. Bekanntlich liegt am östlichen Abhang der Baarburg in einem Riß des Schotters das Herdmannliloch, das wegen seiner tiefen Lage vorgeschichtlich keine große Rolle spielen konnte. Dennoch ist ein Besuch der kleinen Höhle empfehlenswert.

Postglaziale Ablagerungen Der 4- bis 5-fache Wechsel zwischen Gletschervorstoß und Gletscherschwund in unseren Alpen besorgte analog im Vorstoßstadium, die Talausräumung mit Ausweitung und Vertiefung, in den Interglazialzeiten die Talbodenbildung. Nach dem letzten endgültigen Schwund des Reußgletschers, d. h. vor angeblich etwa 15 000 Jahren, als der jetzige Zugersee als Moränensee hinter der Endmoräne gestaut wurde, setzte die jüngste Talbodenbildung ein. Innerhalb der Randund Endmoränen hatte der Reußgletscher zunächst die Grund- und Obermoränen abgesetzt. Jene sind heute vorwiegend im Zugersee und im Lorzedelta der Sicht entzogen. Ähnlich ging es dem Glazialton, der aus dem trüben Eissee auf den Seegrund ausschied. Am noch frischen Moränenrelief begann die Verwitterung das Zerstörungswerk. So verstehen

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wir leicht an den steilen Halden des Rigi-Roßberg und am Walchwiler-Zugerberg die tiefen Runsen, quer die Randmoränen und selbst die harten Nagelfluhen zersägend. Neben etwa 12 kleineren, doch sehr steilen Wildbächen am Rigi frachteten Rigiaa, Rufibach, Seckibach, Dorfbach, Sagenbach, Lothenbach, Trubikonerbach, Mühlebach, Brunnenbühlbach, Löffelbach, Menebach, Bohlbach, Talackertobelbach und speziell die Lorze viel Moräneiunaterial in das Zugerseebekken. Das Delta der Rigiaa, das Lorzedelta und das Delta des Würzenbaches — Fenndelta, haben den Zugersee weithin verlandet. Mit dem Rückzug der Eismassen in die Alpen verloren die Randmoränen der Berglehnen ihren Gegendruck, ihren Halt. Manche Moränenpartie kam dank der steilen Unterlage, die ohnehin mit Lehm oder Ton überlagert waren, ins langsame Gleiten oder andere rutschten als Schlipfe plötzlich zu Tal. Aus prähistorischer Zeit und zwar aus der jüngsten Postglazialzeit, nennen wir den Bergsturz von Goldau I, dann den großen Bergschlipf vom Ka-> minstall mit etwa 15 000 000 m8 Volumen. Mir scheint nach neueren Begehungen, daß alle größeren Nischen am Zugerberg, wie jene ob Gimmenen, in den Bächen, oben schon erwähnt Mühlebach, ursprünglich auf Bergschlipfe zurückzuführen sind, weil ihre Abriß- und Ablagerungszonen und andere lokale Verhältnisse dafür sprechen. Auch die Uferschlipfe sind an die postglazialen Sedimente auf schiefer Unterlage, wie Schliehsand, Lehm und Seekreide gebunden. Aus historischer Zeit sind bekannt die Uferschlipfe von Zug am 4. März 1435, als die AltstadtUntergasse mit 60 Menschen und 26 Häusern im See versank. Kleinere Schlipfe fanden statt, bei Seelikon am 7. März 1594, bei Rebmatt oberhalb Oberwil am 31. Juli 1874. Aus neuerer Zeit datiert der Ufereinbruch der Vorstadt von Zug am 5. Juli 1887, als 11 Menschen und 35 Häuser im See verschwanden. Es ist merkwürdig, daß von Arth keine historischen Uferschlipfe bekannt sind, obschon der geologische Aufbau des Deltas der Rigiaa jenem der Lorze gleicht. Als jüngsten großen Bergsturz nennt jedes Schulbuch den Bergsturz von Goldau II, der am 2. September 1806 vom Gnippen zu Tal ging und mit seinen etwa 20 Millionen m3 Felsmassen vier Dörfer mit etwa 500 Menschen vernichtete.

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Alle Bergschlipfe und Uferschlipfe sind bei uns primär, auf zu steiler Böschung, welche mit lehmigen Gleitschichten überlagert waren, zu Tal gefahren. Ausgelöst wurden die Schlipfe häufig durch Erdbeben. In neueren Studienarbeiten habe ich anhand der Bergsturzstatistik den Beweis erbracht, daß weit über 50% der Felsstürze, darunter auch Bergund Uferschlipfe um Vollmond und Neumond herum niedergehen. Ein ähnlicher Zusammenhang besteht zu den Erdbeben. Die labilen Felsstürze müssen daher wie die Gezeiten des Meeres den Gezeiten der Lithosphäre zugeordnet sein und finden ihre Erklärung logischerweise in der Verbiegung und Überspannung bestimmter Zonen der Erdrinne. Ausgerechnet am Vollmondtag, am 5. Juli 1887, ist der Uferschlipf von Zug eingetreten. Vergleichsweise fanden die Felsstürze, am Axen 2. Januar 1942, in St. Maurice 3. März 1942, in Mühlehorn am 11. November 1924 und in Airolo am 28.Dezember 1898, ebenso am Vollmondtag statt.7) Doch kehren wir wieder zu den Alluvionen zurück. Interessanterweise fließt die Lorze von Baar statt gegen NW sozusagen taleinwärts in den Zugersee, um diesen aber, nur in l km Distanz bei Cham, wieder zu verlassen. Vor wenigen Jahrtausenden floß die Lorze über das Gehöft Lorzen in den See und baute ein mächtiges Delta in den Zugersee vor, das zur Zeit weit über l km nach Süden vorstößt. Dort müssten mächtige Kies- und Sandmassen vorhanden sein, viel mehr als beim Runseggen. Bis zur Stunde sedimentieren die Zuflüsse des Sees auf Kosten der Seetiefe und Seefläche. Schotter, Kiese, Sand, Lehm hervorgegangen aus dem Auswaschprozeß der Moränen und dem Sortiervermögen der Bäche. Der gemittelte Wert der Sedimentierung ist gering, vielleicht nur 5 bis 10 mm per Jahr. Der königliche Rigi wird sein Haupt noch nach Jahrtausenden in den klaren Fluten des Zugersees spiegeln. Kaum merklich ändert das Antlitz der Erde.

Strandlinien -Verschiebungen Seit der Bildung des Moränen-Stausees am Ende der letzten Vergletscherung hat die Strandlinie des Zugersees vielfache Wandlungen erfahren. Gemäß der Auffassung von Prof. Dr. Alb. Heim reichte der Moränensee bis gegen Maschwanden mil Niveau ca. 480 m.

Postgiaziale Afctolilist/ic Ntolilnilic llronzezcitlirttc Haüttatt und La Tene Römittht

Siedlung •

432 a. H. 42tS 420 414 ca. 411 bii 418 kleiner 411 M. II'. 4I6.7S

Slreufuud X X Ilaumilrunk (lublakutlfr) Glazialer Ablauf vom Zugenee •— >

Die reichen Schmelzwasser des Gletscherschwundes, wohl noch mehr das Schurfvermögen intermittierender Vorstöße, vertieften die Überlaufschwelle gegen das Reußtal. Der Spiegel des Moränensees sank. Die maximale, jungglaziale Überlauf schwelle bei Plegi und Bibersee liegt auf ca. 432 m. Unterhalb dieser Kote fand der ganze Abfluß des Sees über das Lorzetal bei Cham statt. Die Existenz der Wasserstände kleiner als 432 m ist durch Seekreideablagerungen der Städtlerallmend und durch die Moorböden bei Cham-Löbern belegt. Mit wohl intermittierenden Kälterückschlägen nähern wir uns einer postglazialen Wärmezeit. Das Seeuiveau sank weiterhin. Wir sind an der Schwelle des Neolitikums und der Bronzezeit. Abstellend auf mesolitische Fundplätze bei Hinterberg-Steinhausen läßt sich um ca. 6000 v. Chr. der maximale Wasserspiegel des Sees auf ca. 421,5 m angeben. Im Neolitikurn der Pfahlbauer liegen die Kulturschichten und Seekreiden zwischen ca. 420 und 417 m.

Sublacustre Baumstrünke, z. B. die Weißtanne beim Seebad Cham und beim Inseli die Rottanne, verraten einen tieferliegenden Seestand auf ca. 414 m, vielleicht zeitweiligen Binnensee. Der Tiefstand dürfte in die Früh- bis Vollbronze fallen. In der Folge ist das Seeniveau wieder intermittierend angestiegen. Das Diagramm der prähistorischen Wasserstände muß man sich mit endlosen Schwankungen auf und ab vorstellen. In der Hallstatt- und La Tcnezeit kann der Seestand die Kote 417 bis 418 m erreicht haben. Aus der Römerzeit deuten Anhaltspunkte auf Wasserstände unter 417 m. Laut Chronik von Dr. Stadiin lag das Seeniveau im Mittelalter höher als heute, etwa auf 418 m bis 418,5 m. Die Versumpfung der Ufer rief den wiederholten Tieferlegungen des Seeabflusses der Lorze, so 1442, 1591, 1592, 1615, 1673. Seit 1866 wird das Seeniveau künstlich nach Programm reguliert. Heute liegt das theoretische Mittelwasser auf 416,75 m a. H.

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Das Uferbild des urzeitlichen Zugersees war der Gestaltung von heute überlegen. Die Wellen schlugen an die grünen Hänge von Steinhausen und die runden Kuppen bei Eichholz. Rigiblick, Grindel guckten als Inselchen aus dem Wasser hervor. Der Drumlin St. Andreas — Städtlerwald glich einem 2 km langen schmalen Rücken. Sollte dort nicht oft der urzeitliche Jäger das Wild in jene Sackgasse getrieben haben, um es zur Strecke zu bringen? Es war im Spät-Magdalenien. An den ändern Seen, wie Bodensee, Zürichsee, Vierwaldstättersee, lassen sich ähnliche Spiegelschwankungen nachweisen. Am Luzernersee gelang es eine Schwankung seit Neolitikum von 8 bis 9 m bis zum historischen Maximalstand zu belegen.8)

Hydrologie Vom Zugersee der Rezentzeit sind folgende Daten wissenswert: Max. Hochwasser H.H.W, am 21.9.1897 = Mittel-Wasser M.W = Min. Niederwasser N.N.W, am 27. 7.1870 = Max. Amplitude = Nullpunkt des Lorzenpegels in Cham . = Volumen der obersten Wasserschicht v. l cm entspr. einem Mehrzufluß bzw. Mehrabfluß Max. Seetiefe im Obersee . . . . = Max. Seetiefe im Untersee . — Sceumfang des Mittelwassers . . . = Einzugsgebiet fe = Seefläche fs = fe Regimeziffer R = 7= Seevolumen

=

417.59 m a. H. 416.75m a. H. 416.19m a. H. 1.40m 415.90m a. H. = 382.500m3 v. 4,44 m'/sec. 198 m 67 m 39 km 246.25 km2 38.25 km"

6.65 3.21 km3

Vergleichsweise ist die Regimeziffer des Vierwaldstätter- und Bodensees ca. 20, d. h. das Regime der letzteren Seen ist viel schroffer als jenes des Zugersees, die Gefahr der Überflutung viel größer als bei uns. Durch den Ägerisee wird günstigerweise im Wasserhaushalt des Zugersees ein weiterer Rückhalt, die sog. Retention vollzogen. Die Hochwasser sind einigermaßen typisch für die Monate Januar, April, Mai, Juni, August und September. Auffallend gesetzmäßig verliefen die drei Hochwasser 1919, da die drei Hochwasserspitzen mit Intervallen von 31/2 Monaten nur um 4 cm maximal voneinander abwichen. Als maximales Hochwasser punkto Geschwindigkeit der Anschwellung gilt bis heute das Hochwasser vom 14./15. Juni 1910. Der Aufstau betrug in 24 Stunden total 38 cm, entsprechend einer Wassermenge von 14,5 Millionen m3. Beim genannten Hochwasser betrug der Mehrzufluß im Ver40

gleich zum Abfluß ca. 167 m3/sec. per 24 Std., entsprechend etwa der zehnfachen Abflußmenge der Lorze bei normalem Hochwasser. Verständlich jetzt die Überflutungsgefahr. Normale Hochwasser bedingen selten über 20 cm Stauhöhe in 24 Stunden. Die maximale Abflußmenge der Lorze beträgt ca. 20,3 m3/sec., entsprechend 4,5 cm Seespiegelschwankung per 24 Stunden. Die minimale Abflußmenge der Lorze betrug im März 1921 = 1,7 ma/sec., ein extrem geringer Abfluß. Bemerkenswert sind die extremen Tiefstände der Trockenjahre 1920/21, die 17 Monate lang andauerten und nur einmal in 23 Monaten das Mittelwasser erreichten. In den See münden 65 Bäche, nebst den Grundwasserströmen aus den Dellen der Rigiaa, der Lorze und des Fenn bei Böschenrot. Dazu gesellen sich viele Quellen aus den Moränengebieten des Rigi und Zugerberges. Hauptzufluß ist, wie bekannt, die Lorze, ein Flüßchen im eigenen Aufschwemmland vagabundierend. Unser See hat keinen eigentlichen Durchfluß mehr, er ist ein Taltorso. Zufolge der abdichtenden Grundmoränen, den Glazial- und Seetonen, den Lehmschichten und Seekreidelagen, ist das Seebecken mehrfach abgedichtet. Ein unterirdischer Abfluß besteht nicht. Dieserhalb wurden seinerzeit vor ca. 25 Jahren Kontrollen der Pegel und Berechnungen der Wasserbilanz vom Verfasser durchgeführt. Bezüglich Verdunstung am Strand fand ich am 23. Juni 1937 ca. 4mm durch direkte Messungen. Interessant ist die Erscheinung der »Seic/ies«, das sind Seespiegelschwankungen des »ruhenden« Wasserspiegels ohne Wellenbildung. Die Fischer nennen die Erscheinung »Rinnen« des Sees. Obschön die Schwingungen des Wasserspiegels gering sind, ist das Phänomen doch merkwürdig. Das Diagramm der Seiches gleicht einer Wellenlinie mit bestimmten Störungen. Es scheint, daß die Seiches mehr im Winter auftreten. Nachfolgend einige Seiches, die vom Verfasser beobachtet wurden: Beim Lorzenpegel Cham am 22.12.1929 max. Ampl. 140 mm in 65 Sek. am 5. 1.1930 max. Ampl. 110 mm in 7 Min. am 25. 1.1934 max. Ampl. 40 mm in 9l/2 Min. am 16. 4.1944 max. Ampl. 70 mm in 5 Min. in Küßnacht a. R. am 21.11.1922 max. Ampl. 43 mm in 91/2 Min.

Die Seiches erklären sich z. B. auf Grund lokaler barometrischer Überdrücke, indem eine große Wassermasse langsam in eine flache Bucht oder in einen Seetrichter verdrängt wird. Am Ende des Trichters wird das Wasser gestaut und hält dem atmosphärischen Überdruck das Gleichgewicht, bis jenes nachläßt und der hydraulische Überdruck vorherrscht. Die Wassermasse gerät in ein periodisches Hin- und Herschaukeln wie in einer Badewanne, bis die Kräfte sich erschöpfen. Schon als sechsjährige Knaben hatten wir die Seiches entdeckt. Am Sandstrand die kleinen Fischweiher bauend, sind dieselben trotz glatten Seespiegels uns trocken gelaufen und wenige Minuten später waren sie überschwemmt. Das Phänomen blieb uns je und je rätselhaft. Wenden wir uns jetzt zu den Seegefrörnen, denn der Seeanwohner ist mit seinem See das ganze Jahr verwachsen und findet an ihm immer neue Ablenkung. Das Zufrieren des Zugersees findet meist im Februar nach etwa 280 bis 420 summierten, täglichen maximalen Kältegraden statt. Die neueren Daten der Seegefrörnen am Zugersee lauten: 1830, 1871, 1880, 1891, 1895, 1929, 1940, 1941, 1942 und 1947. Die strengen Winter und mit ihnen zwangsläufig die Seegefrörnen sind an den elfjährigen Sonnenfleckenzyklus gebunden bzw. auch an Teilwerte und Vielfache des Zyklus.0) Die Aufstellung der Wärmebilanz für den Zugersee im Winter 1941/42 ergab folgendes Resultat : Zufrieren des Sees am 23. Februar 1942, nach 55 Frosttagen: Mittlere Lufttemperatur — 7,5° C Mittlere Wassertemperatur + 3,1° C Wärmeübergangszahl Was.:Luft 8kg Cal.qm/h°C Seefläche 38 km2 Zahl der Froststunden 1320 Std. Total der summ. Kältegrade 411° C Totale Wärmeableitung des See an die Luft: W = 38X1000X1000X8X10,6X1320 = 4250 Milliarden kg/Cal. Vergleichsweise betrug die Wärmeableitung damals am Zürichsee 5300 Milliarden kg/Cal. (nach Privatdozent Hottinger). Die obige Wärmemenge stellt umgerechnet den Heizwert einer Steinkohlenmenge von 607000 Tonnen zu 7000 kg/Cal. dar. Dieser Tonnage entsprechen 1214 Kohlenziige je 50 Wagen, je 10 Tonnen. Ja, unser See ist ein mächtiger Ofen im Winter und Frühling, im Sommer und Herbst dafür ein Kühler.

Zufolge Verdunstung, Ausstrahlung und Niederschlage wird die gesamte Wärmeabfuhr des Sees noch um einen gewissen Betrag größer ausfallen. Oft innerhalb, weniger Tage oder Wochen schwankt das Temperaturdiagramm der Luft erheblich um 10 bis 15 Grad im Winter bei Föhn. Das thermische Diagramm des Seewassers bleibt aber träge. Der See wird dann bisweilen für kurze Zeit Wärmeempfänger und kurz darauf Wärmeausstrahler. Für das Jahr 1908 sind die thermischen Verhältnisse des Zugersees von Dr. Brutschy untersucht worden und sind sehr instruktiv. Aus seinen vielen Messungen nur einige Zahlen: Max. Temperatur Min. Temperatur Max. Temperatur Min. Temperatur Max. Temperatur Min. Temperatur Max. Temperatur Min. Temperatur Max. Temperatur Min. Temperatur

am Wasserspiegel im Sommer 19,5° C am Wasserspiegel im Winter 4,2° C in 10 m Tiefe 18,5° C in 10m Tiefe 4,1° C in 50 m Tiefe 6,6° C in 50 in Tiefe 4,2° C in 150 m Tiefe 4,4° C in 150 m Tiefe 4,2° C in 198 m Tiefe Seesohle v. Obersee 4,8° C in US m Tiefe Seesohle v. Obersee 4,2° C

Am Seegrund wurden statt theoretisch 4,4 Grad sogar 4,8 Grad Celius gemessen. Es ist naheliegend in den 4,8 Grad den Einfluß der Erdwärme zu erkennen, wie es auch am Gletschergrund der Fall ist. Der Einfluß der Wärmezufuhr durch mineralische Sinkstoffe ist weniger glaubwürdig.9«) Als speziell interessantes Resultat der Messungen von Dr. Brutschy folgt, daß der Hochsommer des Sees bis in den Oktober hineinreicht, wenn also die umgebende Natur bald den Vorwinter antritt. Interessant ist dann die Erscheinung der Sprungschicht, deren Lage vom Mai bis November mehr und mehr zur Tiefe wandert und im November bei ca. 30 m Tiefe ansteht. Das ungleiche spezifische Gewicht der Wasserschichten wird die Ursache der thermischen Sprungschicht sein. Die mittlere Jahrestemperatur des Sees in 150 m Tiefe beträgt 4,3 Grad Celsius. Bezüglich dem optischen Verhalten mag interessieren, daß die Transparenz des Wassers von 3 bis 16 m schwanken soll. Beim liochwasser vom 9./10. September 1934 war der ganze See ein hellbraunes Gemisch, versetzt mit viel Gras und Schwebestoffen, Laub, Zweige, wie man es in 50 Jahren nie konstatierte. Die Transparenz des Wassers sank auf den Wert 0!

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Klimatische Verhältnisse Im Durchschnitt ist das Klima am Zugersee jenem von Luzern und Zürich kaum abweichend. Lokal variiert es allerdings, wie im Hinblick auf die Gestaltung und Lage der drei Seebecken zu erwarten ist. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 8,8 Grad Celsius. Die Regenhöhe von Walchwil betrug anno 1908 etwa 1120 mm, in Cham anno 1910 sogar 1677 mm, anno 1920 nur 759 mm und 1921 nur 807 mm. In das wenig geschützte Becken des Untersees blasen oft tagelang kalte Nord- und Ostwinde und bestimmen um Neujahr herum beißende Wintertage. Im April halten sie den voreiligen Frühling zurück oder bringen die Frostsorgen, wenn das Blütenmeer in die Regenzeit fällt. Im Juni-Juli schließlich halten die kalten Winde das Sommerwetter angenehmer und konstant. Im mittleren Seebecken, noch mehr am Obersee, empfindet man die geschützte Lage gegen N und E. Die minimale Temperatur in Baumgarten am Kiemen, betrug am 24. Februar 1929 —24 Grad Celsius, in Cham dagegen —27 Grad (Luzern —24 Grad). Willkommen sind die wärmeren Westwinde und der Föhn im Winter und Frühjahr, wenn letzterer nicht zu toll hereinfällt und nicht zu ungelegener Zeit Besuch abstattet. Die maxi-' male Sommertemperatur betrug 1911 ca. 36,5 Grad Celsius im Schatten. Als barornetr. Extreme habe ich in Cham 430 m ü. M. 695 mm und 743 mm (am 4.1. 1919) gemessen. Die maximale Schneehöhe wurde vor einigen Jahren zu 70 cm gemessen. Im Trockenjahr 1921 wurden in Cham nur drei Schneefälle mit total 14 mm Schneehöhe registriert. Als spezielle meteorologische Erscheinungen sind bekannt unheimliche Sommergewitter, Hagelschläge, Föhnstürme. Der Wolkenbruch vom 9./10. September 1934 mit seinem gewaltigen Hochwasser am Rigi/Roßberg10) mit 205 mm Niederschlag in 24 Stunden, der furchtbare Hagelschlag von Rotkreuz/Risch am 2. August 1927, der immense Föhnsturm am 4./5. Januar 1919 und die berühmte gigantische Trombe vom 19. Juni 1905 um 16 Uhr, sind in der Chronik des Zugersees längst eingegraben. Wind und Wetter, Wolken und Beleuchtung, stimmen das Landschaftsbild ab. Der tiefliegende Horizont, mangels einer westlichen größeren Bergumwallung, prädestinieren den Sonnenuntergang am Zugersee, von Zug aus gesehen, zu einem selten schönen Phänomen, wie es höchstens am

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Thunersee und am Golf von Neapel ähnliche geben kann. Es wäre interessant den Einfluß der Seetemperatur auf das Klima der Umgebung und die Reichweite, senkrecht zum Seeufer gedacht, in Form eines thermischen Diagrammes zu kennen. Solche Versuche wären jedoch zeitraubend und scheitern ganz zur Zeit unstabiler Wetterlagen. Anmerkungen: a

) Deutliche Aufschlüsse steiler Schichtung findet man am Ruutcrberg zwischen Michaelskreuz und Buehliswil, mit ca. 70 Grad Südfallen, im Steintobel mit 85 Grad, beim Schloß Buonus mit 67 Grad Nordfallen. Am östlichen Seeufer sind von Arth bis Zug sehr viele isoklinale Aufschlüsse sichtbar, ebenso am Kiemenegg und bei Tieftal/ Baumgarten. 2

) Weitere Aufschlüsse der flachen Molasseschichten sind bei folgenden Lokalitäten anstehend: Unter-Freudenherg, Burg Hünenberg, Totenhaldc, Seidelbach, Teuflibach, Rehholz, Obcrwil/Cham, Baarburg. 3

) Die Aufrichtung der Molasseschichten nimmt von W nach E wie folgt zu: Michuelskreuz 70 Grad S, Steintobel 85 Grad S, Brüglen 81 Grad N, Schloß Buonas 67 Grad N, Menebach ob Zug ca. 60 Grad N. 4 ) Genauer bezeichnet ist es ein Parabelprofil.

) Schon aus rein theoretischen Überlegungen heraus muß das schiebende, mit Schleifmitteln versetzte Gletschereis unter hohem Druck eine weiche Felsoberfläche verschürfen und reduzieren können. Bei der Maximalvergletscherung lag über dem Niveau des Zugersees eine 1000m mächtige Eismasse. Jener Auflast entsprach eine spezifische Bodenpressung von ca. 90 kg/qcm. Das ist ein recht erheblicher Betrag für Sedimentgesteine, die nur mechanisch gebunden sind und teilweise im Wasser dem Druck ausgesetzt waren. Auch der Gletscher baut das Gebirge längs den Klüften ab. Solche waren vorhanden am Rigi, Walchwilerberg, Kiemen/Tieftal, besonders auffallend am Felsriegel von Ober-Arth. Die lokalen Verhältnisse des Glazialrelicfs waren an genannten Orten vielen Forschern oft unverständlich. Und doch erklären sich die Felsformen wie genannt unschwer. Direkte Meßversuche punkto Felsabschliff im Kalkgebirge einiger Alpengletscher, vorgenommen von der Schweizerischen Gletscherkommission, haben im Jahresmittel ca. 3% mm Gesteinshöhe ergeben. Im weicheren Molassefcls müßte analog der Betrag größer sein, d. h. in 10 000 Jahren resultiert theoretisch eine Abschlcifhöhe von minimal 35 m. Die 4 bis 5-fachen Gletechervorstöße konnten das Felsrelief also ganz bedeutend lokal umformen, reduzieren. In einer Sonderstudie hat der Verfasser anno 1930 die Glazialerosion noch nach verschiedenen ändern praktischen und theoretischen Gesichtspunkten untersucht 6 ) Unsere Einteilung in Stadien bezieht sich nur der Ordnung halber auf die vorliegende Arbeit 7 ) In gleicher Weise haben Felsstürze, auch Gletscherbrüchc am Neumondtag oder doch in nächster Nähe desselben stattgefunden, weit entfernt Zufall zu sein, wie die Statistik beweist. Zum Beispiel: Felssturz Chironico 20. 4.1909 Neumond am 20. 4.09 Eisbruch Randa 4. 9.1937 Neumond am 4. 9.37 Felssturz Gspaltenberg 23. 7.1941 Neumond am 24. 7.41 Felssturz Visp/Zcnnatt 16.11.1941 Neumond am 18.11.41 Felssturz Charmey 15. 4.1942 Neumond am 15. 4. 42 8 ) Der praktische Wert der Kenntnis von StrandlinienVerschiebungen ist für den Tiefbau von größter Bedeutung, wie die Praxis zur Genüge zeigt. Unsere Uferstädte wie Zürich, Rapperswil, Zug, Luzern, Thun, Genf, belegen, nebst vielen Dörfern teilweise verlandete Ufcrflächen, deren Untergrund aus Seekreide und Lehmlagcn auf schiefer Unterlage bestellen. Die Eisenbahnen umfahren zum Teil auf den alten Strandböden die Ufer unserer Seen. So versteht man die nicht gewünschten Scherriese an Bauten, Brückenwiderlagern, Senkungen, Kippbewegungen, Uferschlipfe. Belege dazu: Quaibauten in Zürich, Rapperswil, Zug, Küßnacht a. R., Arth, Vevey, Kunstbaus Luzern, Verwaltungsgebäude Zug, Kirchen von Unterägeri und Hauptsee, SBB-Brücken bei Zug, Cham, Unterführung des Fenn, sowie am Würzenbach bei Seeburg. B ) Der viel zitierte 100jährige Kalender beruht doch auf Wahrheit, auf Tradition, auf Praxis. Nur ist das Zeitmaß nicht genau 100, sondern schwankend zwischen den Werten 99,9 und 101,7, je nach dem man den Sonnenfleckenzyklus mit der Einheit 11,1 nach Flammarion oder mit 11,3 nach Wolfer einsetzt. Der neunfache Wert der Einheit gibt also den ungefähren 100jährigen Kalender. Koppen und von Myrbach haben übrigens verschiedene meteorologische Rhythmen bezüglich kalten Winters und

heißen Sommers, fußend auf dem Sonnenfleckenzyklus auf über 1000 Jahre zurück, nachgewiesen. Im selben Zusammenhang ist ja die nach E. Brückner berechnete Klimaperiode von ca. 34 Jahren übereinstimmend mit dem Zyklus der Sonnenflecken. Nach Flammarion soll übrigens der Zyklus 11,1 innert 200-Jahren zwischen 9 und 12 schwanken. Auch in Zukunft wird der Zyklus genau so schwanken wie der künstlich gcmittelte Pegelstand des Meeres. Im Weltall ist alles in Bewegung, es gibt keine Ruhe! °°) Zur Erdwärme noch eine wichtige Beobachtung. Im Schilfgürtel eines Sees gefriert das seichte Wasser leicht bei nur wenigen Kältegraden der Luft. Doch ist das Eis zunächst nicht zuverlässig, da es nicht kompakt, dünn und blasendurchsetzt ist Merkwürdigerweise friert das Wasser am Kontakt eines Schilfschaftes oder am Umfang eines Pfahles erst bei tiefen Kältegraden zu. Warum? Bisweilen entsteigen dem Seegrund Gasquellen CH4 neben der Pflanze oder dem Pfahl empor. Aber vielmehr verhindert der aufsteigende WärmeStrom aus dem Seegrund durch die Pflanze oder den porenvollen Pfahl das Zufrieren des umgebenden Wassers. Obige Beobachtung ist darum wertvoll, weil damit das Durchdringen der Schneedecke durch zarte Pflanzen der alpinen Flora (crocus, soldanella etc.) und weitgehend die Entstehung der Schneebretter (Wärmeanstieg in der Pflanzendecke unter Schnee, Eigenwärme, Erdwärme, Kavernen, Kriechen, Gleitschicht) erklärt werden kann. Dieser bisher kaum genannte Einfluß ist viel plausibler als die Deutung mit der schwingenden Platte des Schneebrettes, besonders wenn die Neigung der Unterlage nicht berücksichtigt wird, wie es ein Schneeforscher getan hat. Erst recht ist die Erdwärme schuld, wenn das Wasser am Ufersaum, an der Strandlinie, nicht oder nur teilweise zufriert. So ein See oder ein Teich ist ein vielseitiges Laboratorium im Sommer wie im Winter. Als der Verfasser eine tief verschneite und vielleicht zugefrorene dichte Teichfläche durchschlug, pfiff die gespannte Unterluft der Schneedecke plötzlich hervor. Die Schneedecke sackte ab (wagrechtes Schneebrett reitend auf Luft und Grubengas CH4). Der Verfasser gründete auf die obige Beobachtung eine seiner Theorien über die pneumatische Auslösung und Fernauslösung der Schneebretter. 10 ) Diesem gewaltigsten Katastrophen-Hochwasser, das seit über 100 Jahren niederging, hatte als Vorläufer eine Trockenzeit von über einem Jahr Dauer. Ohne besondere Anzeichen sammelten sich an jenem 9. September um RigiRoßberg, abends gegen 6 Uhr, kaminschwarze Wolken, welche dann Ströme von Wasser über die herbstliche Landschaft ausgossen, wie nie gesehen.

Literatur: 1. Geologie der Schweiz von Prof. Dr. Alb. Heim. 2. Über das Unter-Stampien der Rigi und über Querbrüchc in der Molasse, zwischen Vierwaldstättersec und Zugersee, von Dr. A. Buxtorf und Dr. J. Kopp. 3. Geologische Karte l : 25 000 des Lorzetobcl- und Sihlsprunggebietes, von Roman Frei. 4. Viele Spezialarbeitcn über den Zugersee von M. Bütler. 5. Jahrbücher der Schweizer Gesellschaft für Urgeschichte.

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DREI ZUGER BRUDER-KLAUSEN BILDNISSE Von Georges Klausener

E in Holzschnitzwerk, eine Silberstatue und ein

ABENDRUH

Weither trägt der Wind den Glockenton, daß er Korn und Halm und Früchte segne, und mir ist, als ob ich Gott begegne nach des Tages mitleidloser Fron. Haus und Garten ruh'n im Abendfrieden, letztes Leuchten kommt zum Fensterlein, hüllt auch mich in die Verklärung ein, stilles Freuen ist auch mir beschieden. Ziehe weiter, du beseeltes Licht, um die dunkle, leiddurchfurchte Erde, Menschen mit verzweifelter Gebärde harren, ob dein Strahl durch Wolken bricht. Zieh' als Hoffnung ein in Mütterherzen, schweb' als Lächeln in die Kinderzimmer, leg' als Traum erlösend deinen Schimmer über Augen, die vom Weinen schmerzen.

Kupferstich sind in Zug entstanden und stehen zueinander in enger Beziehung. Wie jedes aus eigenem Werkmaterial geschaffen ist, so hat auch jedes seinen eigenen Meister. Freunde der Zugergeschichte werden vom Werden und Schicksal dieser Bildnisse gerne einiges vernehmen. Weil die feierliche Erhebung der Gebeine des seligen Nikolaus von Flüe1) auf die Altäre mächtigen Ansporn gegeben hat für die Verehrung und Darstellung seiner hervorragenden Persönlichkeit, so sei vorerst dieser Begebenheit gedacht. Die Doppelfeier

1. In Sächseln waren am 23. Mai 1732 die Überreste des allbekannten «Bruder Klaus» aus dem damaligen Grabe in der Pfarrkirche feierlich enthoben worden.2) Der Nuntius in Luzem, Johann Baptist de Barnis, hatte dabei als päpstlicher Legat die Aufsicht geführt. 3 ) Nun galt es, den zur Aufnahme der Reliquien vorgesehenen neuen Altar aufzubauen. Dieser kam wieder an die gleiche Stelle vor den Hochaltar zwischen Chor und Schiff, wie der bisherige, wo des Seligen Leib seit 1679 unter dem Altartisch des Mittelaltares geruht hatte.4) Unterdessen hatte der Kapuzinerpater Johann Bonaventura Rauft 5 ) den Auftrag übernommen,

zusammen mit dem Luzerner Goldschmied Beat Joseph Schumacher6) die kostbare Einfassung der ehrwürdigen Gebeine vorzunehmen. Dabei wurde mit Gold, Silber und Edelsteinen, vielfach durch private Schenkungen beigesteuert, nicht gespart. 2. Die feierlicheübertragung der verehrten Überreste auf den Altar in der Pfarrkirche zu Sächseln erfolgte am 28. September 1732. Diesmal präsidierte Fürstabt Ambrosius Müller von Pfäfers. 7 ) Selbst aus den fernsten Gegenden der katholischen Schweiz strömte das Volk herbei. Abordnungen aller katholischen Stände waren erschienen. Die Festfeier dauerte eine ganze Woche. Täglich sprachen berühmte Kanzelredner zu den Volksscharen.8) Unter den 12 Ehrenpredigern war auch der amtierende Kapuzinerprovinzial, Pater Martinianus Reiser von Zug 9 ), der in der 2. Dienstagspredigt den Psalmvers: «Laß frohlocken die Gebeine, die Du gedemütigt hast» (Ps. 50.10) im Sinne der Feier auslegte. Das knieende Skelett in der glasgeschützten Baldachinnische über dem Altartisch, angetan mit habitartigem Einsiedlerkleid, blieb von da an während 200 Jahren das Ziel ungezählter Pilger. •— 1934 ist an gleicher Stelle ein dunkler Marmoraltar errichtet worden. Darauf ruhen jetzt die Reliquien Bruder Klausens, geborgen in einer liegenden Figur aus getriebenem Silber, umschlossen

Frieda Meyer M 1417—1487; Einsiedler seit 1467. (Durrer l, 27.) 2

) Küchler 53; Hing 2, 411 und 419 ff. 3 ) Nuntius in Luzern 1731—1739. (Duft 29.) 4 5

) Küchler 53; Hing 2, 128/9; 411; 429.

) 1676—1733; zur Zeit des Ehrenauf träges stationiert: anfangs auf Rigi Klösterli (1730/32), nachher in Zug (1732/ 1733). (P. Beda). Die Einfassungsarbeit ist im Kapuzinerkloster Samen ausgeführt worden. Ein diesbezüglicher Vertrag war mit ihm schon am 10. Januar 1732 abgeschlossen worden; ein Ratsbeschluß vom 27. Juni verordnet, ihm Kenntnis zu geben von der geistlichen Bannandrohung für widerrechtliche Entwendung von Reliquienteilen (Küchler 53; Ming 2, 150; 429/30). P. Joh. Bonaventura hatte diesen Auftrag wohl deswegen erhalten, weil die Rauft sich wie andere alte Luzerner Familien für Nachfahren des Bruder Klaus hielten. Darauf wird es wohl auch zurückzuführen sein, daß Beat Joseph Schumacher die Einfassungsarbeit übertragen erhielt, weil seine Gemahlin ebenfalls eine Rauft

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(Maria Caecilia) war (Rittmeyer b 52). Das Genealogische Institut Zwicky in Zürich beantwortete meine Anfrage so: «Soviel ist jedoch durch die Studie des Unterzeichneten über die Bruder-Klausen-Nachfahren sicher, daß die bisher angenommene Abstammung alter Luzerner Familien über die Deszendenz Scheuber und Meyer nicht stimmt» (7. Juni 1949). e ) 1695—1738 (Rittmeyer a) 368; vgl.Küchler 53/4, wo auch der Umfang der Leistungen Schumachers, wie auch die Beisteuern von Privatpersonen ersichtlich sind.

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) Abt von 1725—1738 (HBLS 5, 415).

8

) Vom Samstag, 27. September nachmittags bis Freitag, 3. Oktober vormittags. Die Predigten wurden jeweils während dem Hochamt und nach der feierlichen Vesper gehalten (Ming 2, 432/3). ») 1671—1739; Provinzial 1718/20; 1723/7; 1731/4 (P. Bcda).

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von imposantem Sarkophag aus Kristallglas, ein Kunstwerk des Obwaldner Goldschmiedes Meinrad Burch in Zürich.

Nach der Feier Die Obwaldner Regierung beschloß nun am 30. Oktober des gleichen Jahres allen katholischen Ständen und Stiften, die an der Übertragungsfeier vertreten waren oder einen Ehrenprediger gestellt hatten, eine bedeutende Reliquie von den Gebeinen des großen Eidgenossen zu verehren. «Es war dann eine Ehrenpflicht der Empfänger, für eine würdige Fassung des erlangten Schatzes zu sorgen.»10)

Das Chorherrenstift Beromünster war ebenfalls in den Besitz einer kleinen Reliquie gelangt. Um sie würdig aufzubewahren, schenkte Chorherr Johann Ulrich Christoph Dürler 11 ), der spätere Stiftspropst, am 23. Dezember 1735 dafür ein kleines, silbernes Standbild des Bruder Klaus.12) Man kann es heute noch im Stiftsschatz sehen. Das Reliquiar ist in der Brust der Figur eingebaut; die zugehörige Urkunde (Authentik), datiert vom 17. Dezember 1735 und von der Nuntiatur gesiegelt, findet sich im schwarzgebeizten Holzsockel.13) Bei feierlichen Prozessionen pflegte man diese Statuette ebenso wie ihr Gegenstück, das den heiligen Johannes Nepomuk darstellt, vom jeweiligen Subdiakon bzw. Diakon umtragen zu lassen.14) Für 10

) Wyniann 132.

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) 1700—1782; Chorherr seit 1728; Propst seit 1746 (HBLS 2, 756). 12 ) StfAB: Bd. 686, 7, Nr. 20; mit Postament 90 Lot. — Bd. 1233, 22, Nr. 22: 116 Lot — Offizielle Schätzung 1940, S. 34, Nr. 111: 2,3 kg; mit Sockel: 28,8 cm hoch; 10 cm hreit; Wert Fr. 600.—; Beschaumarke: Schaffhausen; Familien-Donatoren-Wappen : Dürler. 13 ) Wymann 133. ") Riedweg 365. 15 ) 1705—1777; alt Speicherherr und Spendherr (Mitteilung des Stifts-Subkustos; vgl. Riedweg 519). 10

) Vgl. unten S. 48, 49 und 52. — StfAB: Bd. 686, 15, Nr. 84. — Ebenda findet sich eine Aufstellung detaillierter Gewichtsangaben für die Statue, «Beyde Kindelein», und den Silberzierat am Postament, zusammen 22 Pfund 14 Lot; dazu vergoldetes Kupfer daselbst 15 Pfund 26 Lot (= 718 bzw. 1224 Lot oder [ä 14,69 gr] 10,5 bzw. 17,9 kg). Wie man auch immer die Teile zusammenstellt, es will nicht gelingen, die von Estermann (S. 411) angegebenen 980 Lot 10 Quinlal herauszubekommen. Der Wert des Silberbildes ist bei Estermann mit 1472 gl. 5 B vermerkt (411).

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eine gebührende Ehrung des vorbildlichen Landesvaters war sie aber zu unscheinbar. Deswegen wohl gab der betagte Chorherr Johann Ludwig Studer1") seiner Verehrung für den Seligen vom Ranft besondern Ausdruck, indem er eine präsenlablere Figur anschaffte. Aus eigenen Mitteln besorgte er sich bei Meister Fidel Brandenberg in Zug eine neue Silberstatue von größerem Ausmaß. Nachdem sie eingetroffen war, vergabte er «das schön bild» am 16. Juni 1772 dem Stifte, dem er angehörte. Im Verzeichnis des Kirchenschatzes von 1775 wird eigens hervorgehoben: «Einer aus den Englen haltet in der Hand ein hl. Reliquiarium Von dem seel' Bruder Claus».1") Bevor aber das Kunstwerk nach Beromünster abgeliefert worden war, hatte der junge Jakob Joseph Clausner in Zug ein Abbild davon in Kupfer gestochen, das uns Statue und Postament in der ursprünglichen Gestalt überliefert.

Das Holzbild Dem Meister «Fidel» hat zum Modell der aus Lindenholz würdig geschnitzte knieende Beter gedient, der heute im Historisch-Antiquarischen Museum in Zug verwahrt wird.17) Man schreibt ihn dem Zuger Steinbildhauer und Holzschnitzer Georg Karl Felix Blunschin zu 18 ), von dem noch andere Holzschnitzwerke erhalten sind. Er war ein weitgereister Mann. Seit 1768 arbeitete er aber wie* der in der Heimat, wo er sich auch am politischen Leben seiner Vaterstadt beteiligte, sogar ihr Pannerherr wurde. 1T

) Er hatte gelegentlich einen schokoladebraunen Anstrich erhalten, der beim Brand vom 12. November 1946 größtenteils angeschmolzen und bei der Reinigung der Figur vollends entfernt worden ist. Die Brandstellen, an der rechten Stirnwölbung bis zum Haar, an der rechten Nasenflanke, am Gewand vorn in halber Höhe rechts der Mitte und seitlich links über Knie und Oberschenkel, waren schon lange vor diesem Brande vorhanden. Sie rühren nicht etwa von der Arbeit des Silberschmiedes her, sondern von gelegentlich um die Statue aufgestellten brennenden Kerzen; so hat Herr Kunstschreiner 0. Heer vom Landcsmuseum in Zürich beim Reinigen dieses Schnitzwerkes festgestellt an den Spuren von ins Holz der Fußplatte eingedrungenem flüssigem Wachs oder Stearin. Die Fußplatte ist jungen Datums und mißt 22/51, 5/3 cm. 1S ) 1720—1802; Sohn des Hutmachcrs und Wirtes Karl Franz Blunschin, sowie der Katharina Hcß. Holzschnitzereien von ihm in St. Oswald, Zug (vgl. Birchler, 2, 141). Er arbeitete in Pruntrut, Frciburg i/Ue., in Bayern und an die 22 Jahre in Ungarn (Pest, Kremnitz, Neusol; Jallua in der k.-k. Geldkammer). (Bürgcrregistcr Zug, 1. Bd., S. 37 Nr. 35, S. 39 Nr. 47; Zuger Neujahrsblatt 1947, 29/30; HBLS 2, 280.)

A b l i . 1. l l o l / l > i l ( l im Historisch-Antiquarischen M u s e u m /u«:, zu^csrlinclirn dem l lol/srliiiit/.rr K. l1'. Blutisdiin von Xujr. ('iv\i s.-ift'47)

Mit großer Sorgfalt schnitt er die feinsten Einzelheiten aus dem gefügigen Holz. Die sehnigen Hände, die Falten der Stirne, die geschwellten Adern geben der Figur gleichsam Leben. Der Oberkörper mit dem kurzbärtigen, langhaarigen Haupt ist ehrfürchtig vorgeneigt. Das scharfgeschnittene Antlitz mit den hohlen Wangen und den vorstehenden Backenknochen zeugt vom langen Fasten. Der Blick ist ins Innere versenkt. Eben scheint sich der Gottesmann dem Allerhöchsten vorbehaltlos zum Opfer anzubieten. Die rechte Hand vor der linken Brustseite will gleichsam auch noch das liebeglühende Herz weggeben: «Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir!» Von den drei hier zu besprechenden Bildnissen ist die Holzstatue das ergreifendste. Das knieende Ganzbild weist keinerlei symbolische Beigaben auf, an denen die dargestellte Person eindeutig zu erkennen wäre. Doch paßt der fein herausgebildete Aszet ausgezeichnet zum hageren Beter vom Ranft. Die Holzfigur ist 64,5 cm hoch und kniet auf niedriger Fußplatte. Hitze und Kälte haben mit der Zeit Risse verursacht. Unvorsichtige Behandlung hat das Kunstwerk an den obern Gliedmaßen beschädigt, sodaß es von sachkundiger Hand wieder restauriert werden mußte, nachdem es gelungen war, einige Bruchstücke wieder herbeizubringen. «Der linke Arm mit Ausnahme der Hand, der rechte Oberarm, Daumen und ein Stück vom Zeigefinger der linken Hand sind Ergänzungen von Konservator Oetiker in Zürich.»10) 10

) Birchler 2,535; Frei XXII. — Nachträglich hat mir Herr Bürgerschrciber L. Brandcnberg folgende interessante Notiz nur Kenntnis gegeben, die sich auf der Rückseite des Gutscheines Nr. 338 des Historisch-Antiquarischen Museums Zug, datiert vom 21. Mai 1924, findet und lautet: «Eine hölzerne Hand zum Modell für das silberne Standbild des Bruder Nicolaus von der Flüe. — Die 14 cm lange Hand mit Handgelenk ist wie das ganze hölzerne Modell sehr sorgfältig ausgearbeitet, leider fehlt der Daumen. •— Über diese linke Hand wurde von Herrn Kunstschrciner Josef Schwerzmanii (1855/1926) folgendes berichtet: Das Modell gehörte dem Zuckerbäcker und Sakristan bei U. L. Frauen Kapelle (Franz Johann) Brandenberg sei. (1821/1899), GrabenStraße, Zug und wurde von demselben dem Museum Zug auf dem alten Kathause geschenkt. Die linke Hand, welche damals nicht gefunden werden konnte, wurde später bei einer seiner bekannten Umschauen auf dem Dachboden des Hauses obgenannten Herrn Brandenberg gefunden aber nicht abgegeben. Der Finder Dachdecker Franz Stadier (1857/1932), Altstadt (zur Sonne) soll dann nach Jahren diese Hand an Herrn (Peter) Streich (1880/1935) abgetreten haben und kam dann durch gütige Zutat von Herrn Bildhauer Schwerzmann in den Besitz des Museums Zug.»

Die Silberstatue entstammt der Künstlerwerkstatt des berühmten Zuger Goldschmiedes Johann Franz Anton Fidel Brandenberg.20) Vater und Bruder waren vom gleichen Handwerk. «Fidel» erweist sich als äußerst rühriger Meister. Zahlreiche Kelche und Meßgarnituren, die Monstranz von Baar u. a. aus seiner Werkstatt am Fischmarkt sind noch erhalten. Die Bestellung zu diesem Kunstgebilde empfing er vom bereits genannten Beromünsterer Chorherrn Ludwig Studer. Ob die Lindenholzstatue bereits vorhanden war, oder ob sie von Felix Blunschin wohl eher eigens dafür geschnitzt wurde, damit sie für diesen Auftrag als Modell diene, weiß man nicht sicher.21) Trotz der großen. Ähnlichkeit drückt die Silberstatue mehr innere Bewegtheit aus im Vergleich zur beschaulichen Ruhe bei der Holzfigur, was namentlich durch die leicht gehobenen Anne und die angeschwollenen Adern zum Ausdruck kommt. Reich gefaltet ist das lange Büßergewand, an dem punzierte Punkte die Gewebestruktur andeuten. Unter dem linken Unterschenkel trägt der Rocksaum die Zuger Beschaumarke neben der Meistermarke, dem Brandenbergbaum zwischen F und B.22) Damit man sein Werk als das erkenne, was es darstellen soll, stattete es der Künstler sinngemäß aus mit den dem «Buder Klaus» eigenen, sinnbildlichen Merkmalen (Attributen). Der lange, oben fast rechtwinklig abgebogene Pilgerslab, aus einer 2u) 1729—1808; jüngster Sohn des Goldschmiedes Franz Michael Brandenberg (1684'—1760) in Zug und der Anna Maria Keiscr. Seit 1761 war er verheiratet mit Anna Maria Bengg; auch sein älterer Bruder Michael Martin (1725— 1763) arbeitete als Goldschmied (Bürgerregister Zug 1. Bd., S. 144, Nr. 134; S. 154, Nr. 177. — Kaiser 101; 119; 119/25). 21 ) Silber ist leicht dehnbar und zählt deswegen neben Gold, Kupfer, Eisen u. a. zu den hämmerbaren Metallen. Darum eignet es sich vorzüglich dafür, erhabene Figuren aus dem Blech herauszuhämmern (treiben). Der Kunsthandwerker verwendet dazu Punzen (Meißel) aus fein poliertem Stahl und kleine Hämmerchcn. Er kann dem Blech zuerst über einem Treibstock oder einem Holzmodell die Grundform geben, oder aber das Material frei plastisch gestalten. Zum weitern Ausarbeiten verwendet der Künstler als Unterlage mit Kreide oder Kalk vermischtes Pech (Treibpcch). Mit den vielgestaltigen Punzen hämmert er dem Werkstoff die feinsten Einzelheiten ein, indem er die Figuren abwechselnd von der Rückseite vortreibt und von vorne zurücktreibt, bis die Gestalt nach Wunsch geformt ist. (Nach Mcyer's K.-Lex. 7, 771 u.a.) 22 ) Zuger Goldschmiede Beschau- und Erkennungsmarken vgl. Kaiser 149, Nr. 24; Rittmeyer a) 288, 11. 12.

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vergoldeten Silberröhre verfertigt, in die linke Armbeuge gelehnt, erinnert an die Wanderschaft des Gottesmannes, die ihn bis gegen das basellandschaftliche Liestal führte. Ein grobkörniger Rosenkranz von nur etwa vier Zehnern umschlingt die Hände und hängt auf das Postament herab; er besteht «aus silbergefaßten, länglichen Hornperlen..., deren ausgeschliffenes Innere abwechselnd unter erhöhten (Bergkristall-) Gläschen Reliquien und farbige Bildchen zeigt. Ein silbervergoldeter, krapfenförmiger Anhänger (Kreuzmedaille) enthält weitere zehn Reliquien».23) An ihm erkennt man den Marienverehrer und Dauerbeter. Auf ein überdurchschnittliches Maß an Goltverbundenlieit weist der unschöne Strahlennimbus hin.2'1) Ein unverkennbares Symbol ist das Visionsrad, das eine Putte dem Beschauer entgegenhält. Es besteht aus 2 konzentrischen Messingkreisen, verbunden durch zweimal 3 metallene Lichtradien. Der innere Kreis bedeutet nach der Erklärung des Bruder Klaus, die Einheit Gottes, als Zentrum alles Bestehenden. Er umschließt das getriebene, silberne Gotteshaupt mit Messingkroiie; die rückwärtige Hohlseite hat ein silbernes bzw. messingenes Flachblech aufgeschraubt bekommen, auf denen Gesicht und Krone eingraviert sind. Vom Haupt strahlen 3 Lichtradien nach dem äußern Kreis, der das Weltall andeutet; sie sinnbilden die Auswirkung der dreipersönlichen Tätigkeit Gottes in Erschaffung, Erlösung und Heiligling. Drei weitere Radien streben nach dem innern Kreis und lassen sich als notwendigstes Menschenwerk in der Richtung auf Gott auslegen: Glaube, Hoffnung und Liebe.25) Die zweite Putte bietet uns in ihrer Rechten das bereits bekannte, strahlen gezierte Reliquiengefäß dar, auf dessen Rückseite eingraviert zu lesen steht: «Reliquiae Bea: Nicolai de Flue» 23

) Am Anhänger ist eine Reliquie ausgefallen, andere beschädigt. — StfAL: Inventar der Hofkirche 1944, 6. — Der heutige Rosenkranz ist nicht mehr der ursprüngliche, wie er im Kirchenschatzverzeichnis von Beromünster beschrieben ist: «sambt einem Von filgran arbeit uerguldcn Rosenkrantz und Creütz» (StfAB: Bd. 686, 15, Nr. 84). 24 ) Nimbusdurchmesser: 15 cm; Visionsrad: 17 cm; Puttenhöhe: ca. 33 cm. 25 ) Nach Ming l, 247/256. — Vgl. Durrer l, 363/4. 2 «) Vgl. oben S. 46; unten S. 49 und 52. — StfAL: Inventar der Hofkirche 1944, 6. — Durrer l, 550. 27 ) Vgl. auch oben S. 46 und 49; unten S. 52. 2B ) Bürgerarchiv Zug: A. 39. 26. 32, 334/5. 10 mo. Bemerkung: Vorliegende Arbeit stand bereits vor der endgültigen Ablieferung, als mir eine weitere Veröffentli-

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(= Überreste des seeligen Nikolaus von Flüe). — In seiner Linken trägt er die messingene Friedensfahne, der eine mächtige, silberne Bärentatze aufgesetzt ist, als Sinnbild der besiegten niedcrn Gewalten.20) Ähnlich dem Holzmodell mißt die Silberstatue 65 cm in der Höhe, mit dem Nimbus 69 cm; weil die Ellbogen seitlich etwas gehoben sind, erreicht sie eine größte Breite von etwa 37 cm. Heute kniet der brandenberg'sche Bruder Klaus auf einem Piedestal, das nicht vom gleichen Meister stammt, sondern gut 35 Jahre älter ist. Das oben erwähnte Reliquienbehältchen, die Attribute und die Putten sind aber kaum gewechselt worden. 27 ) Wie das kam, soll weiter unten dargestellt werden. Der «silberne Bruder Claus» gilt mit Recht als das Hauptwerk dieses bedeutenden Meisters und ist so sehr bestaunt worden, daß der Zuger Stadirat sich denselben am 4. April 1772 auf dem Rathause vorzeigen ließ. Vor «Meinen Gnädigen Herren» fand das Kunstwerk volle Anerkennung, denn im Protokoll heißt es: «Hrn goldtschmidt bberg, So einen Silberneren bruder Claus künstlich Verfertiget Mgghhn Vorgestellt, Solle dem Hrn ein Cronen Thallr dem gesell ein Halber Thallr durch Hrn Seckhllmstr gegeben werden.»28)

Der Kupferstich Die Gestalt des ursprünglichen Sockels aus der Werkstatt Fidel Brandenbergs erkennt man auf der Radierung vom bereits erwähnten Feldmesser und Kupferstecher Jakob Joseph Clausner in Zug. 20 ) Mangelnde Standsicherheit wie auch abgefallene oder entfernte Beschläge mögen später Grund geboten haben dieses Rokoko-Postament durch das Lang'sche zu ersetzen. chung der außerordentlich fleißigen und kunstverständigen Frl. Dr. h. c. D. F. Rittmeycr, betitelt: «Vom Kirchenschntz der Stiftskirche St. Leodegar im Hof zu Luzern» (im Innerschw. Jahrbuch für Heimatkunde, IV. und V., Luzern, 1939, S. 46/7) gemeldet wurde, was mir bisher entgangen war. Ihre in meinem Literaturverzeichnis aufgeführten und andere Publikationen hatten den Ahnungslosen zur Quellenforschung angeregt. Für beide Autoren erfreulich ist das unabhängige, wesentlich gleiche Ergebnis. Wegen des drängenden Redaktionsschlusses darf ich es wagen, beim gewählten Thema wie bei der Form zu verbleiben, also den dort in Luzernerperspektive gebotenen Stoff in anderer Umrahmung um interessante Ergänzungen und Sicherstcllungen vermehrt, hier in Zugerschau vorzulegen. Der Verfasser. 20) 1744—1797; vgl. Zuger Neujahrsblatt 1948, 10/30.

AM). '2. Der « silberne Bruder K l a n s » Im Stiflschatu der l l o f k i i r h r /n Luzern. \
'Icicii •Staftia' arg eutex Ü.Niculaiu^juiv in Ex-clesia Cu fhcdr«h Berou», j ',u'(a f.>i'r,h\i. tiiiL'ii'iii i (^niiiiiitilvroJuitii j - - 2

Abb..'!. Niirlibilil der S i l l x - r s t a t m - ( A b i ) . 2 . i im l listorisdi-Antiquanschcn Museum /ng; Radiurung von J..I. ( K l a u s n e r vmi Xu". (Text S. III W)

Die Graphik hat offenkundig nicht das Holzmodel] sondern die Silberstatue zum Vorbild. Von den beiden ändern unterscheidet sich hier die knieende Figur durch steife Haltung, mehr aufgerichtet, den Blick eher kummervoll, oder ängstlich hilfesuchend, auf den Beschauer gerichtet. Das ungepflegte Haar umgibt ein schwacher Strahlenkranz. Die innere Liebesglut halten zu zierliche Hände zurück, für den Bauern vom Flüeli fast zu fein. Von den Attributen erscheint der Pilgerstab natürlicher als der silberne. Der Rosenkranz aus einfachen Körnern, lückenlos aneinandergereiht, mag etwa zwei Drittel des Psalters lang sein, wenn man sich die Strecke der leeren Schnur mit den fehlenden Körnern besetzt denkt. Von der in Anmerkung 23) erwähnten Filigranarbeit am Rosenkranz ist hier nichts wahrzunehmen; solche Zartheiten wären bei so kleinem Format mit der Radiernadel schwer ausführbar gewesen. Vielleicht war das abgebildete «Noster» nur ein Provisorium, das dann in Beromünster alsbald durch das kostbarere ersetzt wurde. Die Putten sitzen lustig auf dem Postament zu Füßen des frommen Mannes. Heute noch wie schon damals, halten sie Visionsrad, Reliquiar und Fahne.30) Mit dem linken Arm klemmt die eine Putte neckisch des Beters Rosenkranz fest. Unter dem Bild liest man: «Idea Statuae argenleae B: Nicolai de Flüe in Ecclesia Cathedrali Beronae — Facta per fra: Fidelem Brandenberg Tugy. 1772.» (zu deutsch: Abbild der Silberstatue des Seligen Nikolaus von Flüe in der Cathedralkirche von Beromimster — geschaffen durch Franz Fidel Brandenberg in Zug. 1772.) Von diesem Stich ist im Historisch-Antiquarischen Museum in z-ug ein Exemplar unter Glas aufgehängt. Es war, weil schadhaft, der Linien8l

>) Vgl. oben S. 46 und 48, unten S. 52. ) Vgl. Zuger Ncujahrsblatt 1948, 27, 55 *. 82 ) Vgl. oben Anmerkung G ). — Ferner: Rittmeyer b) 47/50. 33 ) StAL. SAB. 19: «1735. d 7. t (Jener) h Beat Joseph weg d reis auf solotburn weg silbernen brust-bild dcß seelig Brud Claußen für Jhne und bedienten, für zehrung, taglöhn, mühe, arbeit, Und Uersaumniß weg dem riß zu machen zusammen bezahlt 34 gl 4 ß». •— Vgl. Kittmeyer b) 46. 3 <) StAL RP. XCVII: S.August 1736. Während drei ändern SilberBchmieden abgestufte Geldbußen auferlegt worden sind, weil ihr Silber nicht ganz 13-lötig erfunden wurde [vgl. Rittmeyer b) 44], erfuhr Schumacher ein milderes Gericht: «den h Beat Joseph Schumacher aber ohne Vorstellung, jedoch auch mit zugesprochen in gnaden Entlassen» (S. 284). S1

Umrahmung entlang beschnitten und auf eine stärkere Unterlage aufgeklebt worden. Durch den Beschnitt ist die Signatur des Kupferstechers weggefallen. Gelegentlich kam aber eine, jetzt gereinigte, Dublette zum Vorschein, auf der unten rechts zu lesen ist: «Clausner Sculp». Der Stich hat das Format: 15,7/9,7 cm; Platte: 17,2/12,8 cm.31) Das Chorlierrenstift St. Leodegar im Hof zu Luzern hatte damals auch ein silbernes Reliquiar herstellen lassen und zwar in Augsburg. Man wundert sich darob, weil für diesen Ehrenauftrag einheimisches Kunstschaffen hintangestellt wurde. Um jene Zeit waren ja in Luzern nennenswerte Erzeugnisse von ansäßigen Goldschmiedefamilien bekannt, auch der Schumacher, namentlich des Beat Joseph. 32 ) Dieser hatte sich zwar darum bemüht, hatte dazu einen Riß geliefert und war in dieser Angelegenheit um Neujahr 1735 herum eigens nach Solothurn gereist.33) Allein gegen den bestehenden Widerstand vermochte er nicht aufzukommen. Vielleicht hatte die ihm 1732 zuteil gewordene Bevorzugung zur Reliquienfassung für Sächseln einigen Neid erregt 5 ); vielleicht bestand die mehr oder weniger begründete Befürchtung, er könnte am Auftrag ungebührlich verdienen.3'1) Jedenfalls vermittelte der in Augsburg als Domprediger wirkende Jesuit Franz Xaver Pfyffer aus Luzern3'"') den Auftrag an den dortigen berühmten Goldschmied Franz Thaddäus Lang 3ü ), der Luzern wiederholt beliefert hat. Nach gepflogenen Verhandlungen ließ der Rat am 18. Mai 1735 dem Meister Lang über P. F. X. Pfyffer zunächst einen Vorschuß von 656 gl 10 ß durch den Zürcher Feuerspritzenerfinder Haus Jakob Wirz3' überweisen. äs) 1680—1750. — StAL: SAB. 19: 4. Sept. 1735. «Jt R. P. Francisco Xaverio Pfyffer weg bemühung in Verfertigung dißeß bildtß Eine honoranz 2 Lovis d'or — 18 gl 30 ß». — [Vgl. Huwiler 219; Rittmeyer b) 46; a) 389]. so ) Aus dem Tirol stammender, in Augsburg tätiger Goldschmied. 1719 Meister, 1727/8 Zunftvorgeher, 1732/5 und 1748/51 Geschaumeister; t 1773 in Augsburg. Aus seiner Werkstatt lieferte er von Tirol bis Trier, von der Schweiz bis Polen. «Die Qualitätsunterschiede sind dem Umfang der Produktion entsprechend groß» (Thieme-Bekker, 22, 314). — Von ihm stammen mehrere Kelche u. a. in den großen Kirchen Luzerns [Rittmeyer a) 394]. ") 1705—1764 (HBLS 7, 750, 24). — StAL. SAB. 19: «1735 do. (— 18. Meyen) h Hanß Jacob Wirtz Uon Zürich zu band P. Xauerij Pfyffer auf Augßpurg weg d bildnuß

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Die Restzahlung von 1064 gl 16 ß 4 a, wiederum durch Wirz getätigt und unter dem 4. September gleichen Jahres eingetragen, wird vermutlich der Ablieferung gefolgt sein.38) Das «zierliche Brustbild» hatte Franz Thaddäus Lang «von gutem lauteren silber verarbeithet». Einzelheiten seines Aussehens sind nicht bekannt. Wohl aber zählt das Inventar des Stiftsschatzes von 1766 eine Reihe von Kostbarkeiten auf, wie silberne, goldene, edelsteinbesetzte Kleinode, Kreuzlein, Kettchen, Armspangen usw., die mit der Zeit, teilweise vielleicht schon zur «feierlichen Eiubegleitung» des Bildes in die Hofkirche, dafür verehrt worden waren.30) Schon vor dieser Feier ereilte die Silberbüste ein bedauerliches Mißgeschick; sie wurde bedeutend beschädigt, — vielleicht auf dem Transport von Augsburg her; vielleicht beim Ausladen der Kiste, weil der Sockel gar so schwer war. Eben dieser 38 cm hohe Sockel aus vergoldetem Kupferblech von barocker Gliederung, die vier Ecken zu kräftigen Voluten geformt, mit reichem, silbernem, teils vergoldetem Rocaillenzierat, beansprucht eine Standfläche von 64/56 cm. Das Merkzeichen «FjT» im Herzschild, davor das Augsburger Beschauzeichen, eingeprägt einem Schnekkenornament der Rückseite, zeugt eindeutig für den Hersteller. Die Frontseite birgt hinter rechteckiger, reicbumrahmter Vitrine von 4/12,5 cm Lichtweite die verehrten Überreste des heiligen Mannes. Sie bestehen aus einem Teilstück einer Rippe und sind durch den älteren Bruder Beat Josephs, durch den Goldarbeiter Johann Caspar Schumacher 40 ) kostbar eingefaßt. Im blauemail-

lierten Oval der edelsteinbesetzten Goldspange bekunden Goldlettern: «DE COSTA B NICOLAI DE FLUE» (= von einer Rippe des Seligen Nikolaus von Flüe).41) Die zugehörige Autenthik, datiert 10. März 1733, vom Nuntius de Barnis gesiegelt, liegt im Staatsarchiv Luzern. Dem seinerzeit beiseite geschobenen Beat Joseph Schumacher ward schließlich der Trost zuteil, für dieses Bruderklausenbild doch auch noch etwas leisten zu dürfen. Er erhielt vom Rat den Auftrag, «das ruinierte Bild» wieder instand zu stellen und ein neues, leichteres Postament dafür anzufertigen, was eine kostspielige Angelegenheit wurde.42) Nach allen diesen Vorbereitungen, nach Vereinbarung zwischen Stadtrat und Stiftskapitel, feierte die Bevölkerung Luzerns am 30. September 1736 das prunkvolle Hochfest der Übertragung der Reliquienbüste mit feierlicher Prozession von der St. Peterskapelle via Kapellengasse-HirschenplatzWeggisgasse nach der Hofkirche. Wiederum nahm der päpstliche Nuntius J.B. de Barnis persönlich daran teil. Alle Stadtglocken läuteten, Kanonen wurden abgefeuert, Musik und Gesang wechselten ab; Predigt des Stadtpfarrers; levitiertes Hochamt des Süftspropstes; feierliche Vesper; alles stand im Zeichen der freudigen Verehrung des großen Eidgenossen und noch größeren Gottesfreundes.43)

dcß ßee Nicolai de Rupe für d ßilber arbeiten 70 Louis d'or vieux avancirL = 656 gl 10 ß» [vgl. Rittmeyer b) 46]. 88) StAL: SAB. 19: «1735. (d 4. t 7bris) Hr Hanß Wirtß auf die d 18. t Meyen übergebcne 70 Lovis d'or weg silbernen brust-bild dcß see Bruder Claußen unrioch bezahlt 78 dublen, 2 dugatcn, und 36 ß 4 a an Müntz macht Unßerer Währung 1064 gl 16 ß 4 a». — «Jt für die gesellen und Lehr Jung deß goldarbeitcrß in augßpurg Ein Lovig d'or zu trinkhgeldt = 9 gl 15 ß» [vgl. Rittmeyer b) 46 und 51, löj. — Ohne Trinkgeld und ohne «honoranz» (Anm. 35) belauft sich die Zahlung des Rates an den Künstler auf 1720 gl 26 ß 4 a. Demgegenüber meldet StfAL: Inventar von 1766 (Bd. 180, 91): «Für dieseres Brustbild haben ugghhh sambt dem Postament bezahlet 1729 gl 16 ß 4 a» (vgl. Wymann 134). Wer hat recht? 38 ) StfAL: Inventar von 1766. Bd. 180, 91/4; RP. Bd. 231, 155/7. — vgl. Wymami 134/5; 138/141. 40 ) 1690—1748; er war auch Wardein (= Kontrollbeamter für Edelmetalle) von Luzern [Rittmeyer b) 44/5]. ") StAL: SAB. 19: «1736 do. (= 15 t 7bris) h Wardin

Joh. Caßper Schumacher daß heilthumb dcß see Bruder Claußen mit gold Und Edelgcstcin zu faßcn, wigt an gold 16 Cronen wenig V10 a 4 gl 10 ß = 65 gl 29 ß 3 a. — Obigem für 3 hiazint, 6 Crysolit, 4 popaß, 2 granaten, Ein orientalischer Amatist, und Einige perlein 27 gl. — do. Jhme für die faßung zahlt 45 gl» (zusammen 137 gl 29 ß 3 a), [vgl. Rittmeyer b) 51, 19; a) 367]. Die Authcntik ist im vollen Wortlaut abgedruckt bei Stückelberg XXVI und liegt im StAL, war aber nicht zu finden. Standort unbekannt. «) StAL. SAB. 19: «1736. do. ( — 15. t 7bris) II Bat Joseph Schumacher für daß Postament Von 13 Löthigem silber. und Vergulden zu dem brust-bild deß ßee brud Claußen, d pfenig Und steckhen früsch zu Vergulden, Und daß ruinirte bild zu repariren, auch abtrug weg niinderhältigem eilber über die Jhme Eingehändigte 432 Loth Ein quinlli annoch laut zedel bezahlt 622 gl 36 £ 3 a» [vgl. Rittmeyer b) 51, 17]. 13 ) StfAL. RP. 231. Acta Capituli ä Die 25 Augusti und 27 Septembris (1736), 153/7. (vgl. Wyniann 135/141.)

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Die Kriegskontribution von 1798 Die Auswirkungen der Französischen Revolution (1789/95) brachten der Schweiz eine schlimme Zeit. Das Land wurde 1798 von den «Franken»

militärisch besetzt, die Staatskassen geleert, schamlos geplündert unter dem Deckmantel der Erhebung einer Steuer zur Deckung der Kriegskosten dieser französischen «Befreiung». Auch die Luzerner geistlichen Stifte mußten dazu das Ihrige leisten.44) Das Stift Beromünster hatte die aus seinem Silberschatz ausgewählten Stücke in 10 Kisten an die provisorische Regierung nach Luzern auszuliefern. «Der selige Bruder Claus Von flüe» war neben ändern Kostbarkeiten in der 6, Kiste eingepackt.45) Beide großen Glocken von Beromünster riefen es an jenem 4. März nachts 10 Uhr in die Landschaft hinaus, daß das Raubgut für immer scheide. Und doch blieb der silberne Bruder Klaus erhalten. Wieso? War es Kunstsinn? War es Geschäftstüchtigkeit? War es lässiges Geschehenlassen seitens der Behörden? Jedenfalls vermochte man manches wertvolle Kunstwerk durch geschickten Tausch vor den Luzerner Schmelztiegelii zu retten. Den alten Regentenfamilien gestattete die Helvetische Republik ihre ehemaligen Vergabungen für den städtischen Silberschatz, die sie aus den französischen Pensionsgeldern gestiftet hatten, als Privateigentum zurückzuziehen bzw. zurückzukaufen. 40 ) Auch für die Sakristeien einiger Kirchen gelang es bessere Stücke gegen eigene minderbewertete auszutauschen. Auf diese Weise kam z. B. die Jesuitenkirche in Luzern zu vier großen Altarleuchtern und zwei Kelchen, die vorher Stiftseigentum von Beromünster gewesen wa«) Vgl. StAL. Schachtel 1502a: Die Geistlichkeit von Luzern traf es zusammen mit den Klöstern St. Urban und Einsiedeln l Million fränkische Livres, wovon die Hälfte zu Lasten der Luzerner. Die Kantone Bern, Freiburg, Solothurn, Zürich und Luzern sollten zusammen 15 Millionen aufbringen. Davon gelang es mit Not in drei Monaten statt in fünf Tagen den ersten Fünftel zusammenzutragen. Der Rest ist ob der Unmöglichkeit nicht mehr erhoben worden. Über diese offizielle Kriegskontribution hinaus wurden ungeheure Werte jeder Art geraubt (vgl. Oechsli 451/52; Dommann 184/5; Pfyffer 2, 48/9). 46 ) Das Stift Beromünster hatte an die dem Kanton Luzern auferlegten 2 Millionen Livree beizusteuern; es war an edelmetalligen Kunstgegenständen um Fr. 534 300.— geschröpft worden (StfAB. Parzielle Schätzung 1940: Bd. 1233, 201, 203 Nr. 6, 204). «) Scgcsser III. 13. Buch, 122. — Rittmeyer b) 47. 4T ) StAL: Inventarium der Xaverianischcn Kirchen... 1794. «An Silber und vergoldten Kelch». Nr. 27 und 28. «Silberne Leuchter». Nr. 26/7 und 28/9. — (Vgl. Estermann 292, Nr. 4; 411 Nr. 5 und 9.) *8) Nach Rittmeyer a) 394 besitzt die Hofkirche je eine Augsburgerbüste des hl. Leodegar und des hl. Joh. Nepo-

ren.47) Die Hofkirche ertauschte sich aus gleicher Quelle, neben einer großen silbernen Kirchenlampe (Ampel), den Brandenberg'schen Bruder Klaus gegen den Lang'schen. Augsburger Plastiken gab es dort noch mehr; 48 ) das Zuger Meisterwerk war einzig. Jene war jetzt verurteilt, statt dieser, mitzuhelfen den Ägyptenfeldzug General Napoleon Bonapartea zu finanzieren.40) Und noch einmal: Wieso? — Ein merkwürdiger Mann scheint hier begünstigend im Spiele gewesen zu sein: Melchior Mohr, Minister der Künste und Wissenschaften in der Helvetischen Regierung.50) Vor dem Umsturz war er Chorherr zu St. Leodegar gewesen, hatte sich dann der neuen Bewegung zur Verfügung gestellt und war rasch zu hohen Ämtern emporgestiegen. Seinem Einfluß wird man es zuschreiben dürfen, wenn der Beromünsterer Bruder Klaus zu Luzern im Hof eine neue Heimat fand. Späteres Schicksal Nachdem um 1822 der Schumacher'sche, und wohl auch der Brandenberg'sche Sockel zum Altsilber geworfen worden waren, hat man unter Stiftskustos Joseph Leodegar Göldlin von Tiefenau51) den Kirchenschatz im Hof aus Auftrag der Kantonsregierung am 4. und 11. Dezember 1826 neu inventarisiert. Bei diesem Anlaß wird es gewesen sein, daß das Silberbild des Bruder Klaus dem etwas zu massigen Lang'schen Postament aufmontiert wurde 62 ), mit dem es zusammen jetzt muk, beide von Joseph Ignaz Saler (Salier) von Augsburg (t 1764). (Thieme-Becker 29, 341; vgl. Estermann 403/4; 288; 411, Nr. 3 und 22.) <8) Ägyptenfeldzug 1798/9. — (Vgl. Oechsli 450, Anm. 1.) — Nutznießer der Kontribution waren auch: Zahlmeister der Armee 4,8 Mill.(ionen); Engl. Armee 3 Mill.; Rheinarmee 3,3 Mill.; Geheime Ausgaben an die Generale (d. Besetzungsarmee in der Schweiz) 0,8 Mill., u.a. (StAL: Schachtel 1502a). °°) 1762—1846: Offizier im Ausland; Chorherr zu Luzern 1792; Beamter im Helvetischen Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten 1798, Staatssekretär, Bureauchef und Vorsteher des Ministeriums der Künste und Wissenschaften 1800, Präsident der Notabeinversammlung 1801, Senator 1802; Rückkehr ins Chorherrenstift und politischer Gesinnungswandel 1803, Pfarrer von Adligenswil 1804. (HBLS 5, 128, Nr. 9; Pfyffer 2, 77, 88, 96/7, 147, 166.) «) 1764—1839. (Mitteilung von Stiftspropst Msgr. Dr. A. Herzog.) 62 ) StfAL: Verzeichnis des Kirchenschatzes ... 1832, 2. — S. 6: «Bruder Klaus mit Stab, Jerusalemer Rosenkranz, zwei Engeln, Gesicht, Fahne und einer Reliquie vom sei. Bruder Klaus. Er ruht auf einem kupfernen und vcrgol-

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103 cm in der Höhe, ca. 70 cm in der äußersten Breite mißt und 42,5 kg wiegt. Die massiven silbernen Engelsköpfchen, welche einst das Augsburgerpostament geziert hatten53), sind damals durch die getriebenen, drolligen Putten Brandenbergs ersetzt worden. Noch kann man an der fehlenden Vergoldung des Kupfersockels erkennen, wie weit ehemals die Standfläche von der nun eingeschmolzenen Büste beansprucht war.

detcn Postament, mit Silber geziert; in dessen Mitte ist eine große Reliquie, woran ein großer Ametist, zwei Chrysoliten, nebst ändern unbedeutenden Steinen». Gewicht: «661 Loth 2 quint». [— 9,7 kg; bezielit sich auf das Statuenge-

Heute ist diese Silberstatue des hl. Nikolaus von Flüe, die so manchem Schicksal ausgesetzt war, zu sehen im Kirchenschatz zu St. Leodegar im Hof zu Luzern. An Allerheiligen ist sie zugleich mit den übrigen Silberstatuen aus der Schatzkammer ausgestellt beim Hochaltar. Am neuen Ehrentag Bruder Klausens aber, am 25. September, sieht man sie jeweils auf dem St. Leodegar-Altar, vorne im rechten Seitenschiff der Hofkirche ausgestellt. wicht ohne Postament. — Bd. 248, 2. und Einlageblätter. — Vgl. Rittmeyer a) 62/3.] 5! >) StfAL: Inventar von 1766. Bd. 180, 94. — (Vgl. Wymann 135; ferner: oben S. 46, 48 und 49.)

STADT DER JUGEND Im Traume jüngst sank ich zurück, Empfand noch einmal Jugendglück — Wie gaben durch die Gassen all Die Schritte mir vertrauten Schall, Die Fenster spiegelten das Licht Der Abendsonne ins Gesicht, Und um die alten Türme kroch, Was nach Geschieht und Sage roch . . .

Benutzte Literatur und Quellen: 1. P. Beda O. Cap., Provinzarchivar, Luzern. Mitteilungen. 2. Dr. L. Birchler: «Die Kunstdcnkmäler des Zug», Basel, 1935, 2. Bd.

Kantons

3. BAZg. = Bürgerarchiv Zug; RP. = Ratsprotokolle. 4. Dr. H. Dommann: «Vinzenz Rüttimann, ein Luzerner Staatsmann (1769—1844)», in Gfd. 77, Stans, 1922. 5. Dr. J.Duft: «Die Nuntiatur in der Schweiz», St Gallen, 1939. 6. Dr. R. Durrer: «Bruder Klaus», die ältesten Quellen über den seligen Nikolaus von Flüe, sein Leben und seinen Einfluß. 2 Bde. Samen, 1917/21. 7. M. Estermann: «Die Stiftskirche von Beromünster, ihre Umbauten, ihre Kult- und Kunstschätze einst und jetzt», in: «Katholische Schweizerblätter», Luzern, 1898. 8. K. Frei: «Historisch-Antiquarische Sammlung in Zug», Heft 8 von «Die Historischen Museen der Schweiz», Basel, 1931. 9. Gfd. =«Der Geschichtsfreund», Mitteilungen des historischen Vereins der V Orte. 10. HBLS. — «Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz», Neuenburg, 1921/34. 11. S. Huwiler: «Das Professorenvcrzeichnis des Jesuitenkollegiums in Luzern (1573—1773)», in Gfd. 90, Stans, 1934. 12. J.Kaiser: «Die Zuger Goldschmiedekunst bis 1830», Dissertation, Zug, 1927. 13. A. Küchler:: «Geschichte von Sachsein», in Gfd. 55, Stans, 1900. 14. J. Ming: «Der gelige Bruder Nikolaus von Flüe, sein Leben und Wirken», aus den Quellen bearbeitet. 2 Bde., Luzern, 1861/3.

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15. W. Oechsli: «Quellenbuch zur Schweizergeschichte», kl. Ausgabe, Zürich, 1918. 16. Dr. K. Pfyffer: «Geschichte der Stadt und des Kantons Luzern», Von der Staatsumwälzung im Jahre 1798 bis zur neuen Bundesverfassung im Jahre 1848. 2. Bd., Luzern, 1861. 17. M. Riedweg- «Geschichte des Kollegiatsstiftcs Beromünster», Luzern, 1880/1. 18. Dr. D. F. Rittmeyer: a) «Geschichte der Luzerncr Silber- und Goldschmiedekunst von den Anfängen bis zur Gegenwart», Luzern, 1941. b) «Eine wenig bekannte Luzerner Goldschmiede-Dynastie», die Vorfahren des General Felix von Schumacher, in: «Innerschweizerisches Jahrbuch für Heimatkunde», herausgegeben von Dr. J. Schmid, Luzern, 1938. 19. A. Ph. von Segesser: «Rechtsgeschichte der Stadt und Republik Luzern». Bd. III,, 2. Teil, Luzern, 1856. 20. StAL. = Staatsarchiv Luzern; RP.= Ratsprotokolle; SAB. = Seckelamtsbuch. 21. StfAB. = Stiftsarchiv Beromünster. 22. StfAL. — Stiftsarchiv St. Leodegar im Hof zu Luzern.

Da wußt ichs wieder: Hier ists gut! Hier strömt dein eigen suchend Blut, Dein stürmisch Herz, dein scharfer Sinn, Hier sprossen sie von Anbeginn! Da stieg ich auf von Platz zu Platz, Warf ab den dumpfen Schattenschatz, Und frei, ja frei durchbrach der Tag Das bange Ahnen Schlag auf Schlag, Und hell wards rings, des Brunnens Quell Rann plaudernd über Guß und Schwell, Es regte sich der Glockenstrang: Da wars der alte, traute Klang! So manch Gesicht in Gang und Tor Hob grüßend seinen Blick empor, Und alle könnt ich insgeheim Da fühlt ich: Hier bist du daheim . . . Rolf Dolder

23. E. A. Slückelberg: «Geschichte der Reliquien in der Schweiz», Zürich, 1902. 24. Thieme-Becker: «Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart», Leipzig, 22. Bd. 1928; 29. Bd. 1935. 25. Dr. E. Wyniann: «Das silberne Bild des seligen Nikolaus von Flüe in der Stiftskirche zu Luzern», in Gfd. 72, Stans, 1917. 26. Zg. Njbl. = «Zuger Neujahrsblatt» 1947 und 1948.

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DIE EISENFUNDE AUS DER BURGRUINE HUNENRERG

Von Dr. Hugo Schneider

DER ZUGERFRIEDHOF Symbolisch steigen in Stufen die Blumenbeete bergan, wie Pilgerscharen, berufen, lichtwärts zu zieh'n — himmelan. Der Föhn trägt vom nahen Walde der Tannen uralten Gesang, hält Rast an der Friedhofhalde und streut ihn den Gräbern entlang. Und Glockentöne wiegen sich sanft in das Rauschen hinein, den Schläfern, die friedlich hier liegen, ein stetes Gebet zu sein. Der See grüßt so treu von Ferne, zollt auch seinen Freundestribut, die rulin hier, hatten ihn gerne, die meisten kannte er gut. Das Kreuz — über allem erhaben — umsegnet das weite Feld, teilt jedem von seinen Gaben — hält Wache über der Welt. Frieda Meyer

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zvls Ergänzung zum bereits von K. Heid erschienenen Bericht über die Keramik der besagten Burgstelle seien hier die Eisenfunde speziell bearbeitet. Diese zwei vorläufigen Arbeiten sollen als Grundlage dienen für eine spätere Untersuchung der gesamten Baugeschichte der Burg. Die genaue Burgenforschung auf archäologischer Basis steckt auf dein Gebiete der Schweiz noch stark in den Anfängen. Wohl ist eine ganze Reihe von Burgen «ausgegraben» worden. Die Schlüsse, welche bei sorgfältiger Sichtung des Materials hätten getroffen werden können, liegen in den meisten Fällen heute nicht vor. So. vernachlässigte mau fast regelmäßig die Kleinfunde in Keramik und Eisen, oder man konnte sie, wenn sie beachtet wurden, noch nicht genügend ausnützen und ließ sie als weniger wertvoll auf der Seite. Dafür widmete man sich entsprechend mehr den noch vorhandenen und wieder entdeckten Mauerresten. Das eine wie das andere scheint mir miteinander unzertrennbar verbunden. Kein Element kann vernachlässigt werden, will man zu einem endgültigen und vor allem stichhaltigen Resultat gelangen. Wohl ist auf dem Gebiet der Keramik schon wesentliche Vorarbeit geleistet worden, die Eisenfunde hingegen erfuhren, eher eine stiefmütterliche Behandlung. Der Grund hiezu findet sich leicht, denn Eisen ist der Vernichtung sehr stark ausgesetzt. Die Konservierung bietet daher bedeutend größere Schwierigkeiten als dies z. B. bei solcher von Keramik der Fall ist. Die Eunde, welche also an Metall, insbesondere an Eisen gemacht werden, sind immer relativ gering. So heißt es denn, diese wenigen Stücke nach bester Möglichkeit auszuwerten. Die erste Frage, die sich eröffnet, geht fast immer auf den Erhaltungszustand des Gegenstandes. Dies ist nicht unbedingt richtig. Wohl muß eine Auslese getroffen werden, doch darf diese Säuberung erst im letzten Moment, nachdem jedes Objekt einzeln und im Rahmen des Ganzen gesehen, geprüft worden ist, geschehen. Dies mußte auch mit den Funden aus der Ruine Hünenberg geschehen. Obwohl die Zahl der gehobenen Gegen-

stände verhältnismäßig groß ist, so ergab sich bei genauer Sichtung, daß verschiedene Teile an und für sich wertlos waren, andere wieder einen so großen Stand des Zerfalles erreicht hatten, daß eine noch so sorgfältige Reinigung und Konservierung nichts Besonderes gezeigt hätte. Immerhin ergeben einige wenige Stücke doch sehr interessante Aufschlüsse und gewähren dem gesamten Fundkomplex entscheidende Bedeutung. Von all den ausgegrabenen Objekten aus Eisen besitzen Waffen und Waffenzubehör einen ganz speziellen Wert. Die Waffe war aus begreiflichen Gründen einer steten, einer fließenden Entwicklung unterworfen. Die Inhaber einer Burg waren ja im Mittelalter nicht nur Verwaltungsbeamte, sondern in ebenso starkem Maße auch Soldaten. Sie waren verpflichtet, ihrem Lehensherru Heerfolge zu leisten. Ihr Interesse an einer stets modernen militärischen Ausrüstung war recht groß. Wenn darum bei Ausgrabung einer Burgruine Waffenteile zum Vorschein kommen, sind sie als Elemente der Datierung besonders zuverlässig. Das schönste Waffenstück aus Hünenberg bildet ein Haibarteneisen (Tafel II). Es ist ein schlankes, messerähnliches Stück, welches in eine scharfe Stoßkliiige ausmündet. Die Schneide ist in der ganzen Länge bis zur Spitze angestählt, und zwar hat die Untersuchung gezeigt, daß sie rittlings auf der Klinge aufgesetzt sein muß. Dies ist nicht selbstverständlich, denn bei modernen Äxten ist die gestählte Schneide in eine aufgespaltene Rille eingesetzt. An die Rückseite der Halbarte, welche ebenfalls scharf geschliffen ist, sind zwei Tüllen angeschmiedet. Sie dienten zur Aufnahme des Schaftes. Auf der einen Blattseite der Klinge schlug der Schmied seine Marke ein. Es ist ein erhabener halber Ring mit einem Punkt in der Mitte. Vergleiche mit ändern erhaltenen Stücken ergaben, daß die Waffe, welche sich in sehr gutem Zustand befindet, entwicklungsmäßig in die erste Hälfte des 14. J ahrhunderts zu setzen ist. Die Halbarte ist bereits für den Hieb voll ausgebildet. Für den Gebrauch als Stichwaffe trifft dies noch nicht in dem Maße zu, denn immer noch ist die

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Stoßstange zur Spitze verschoben, was z. B. bei den Exemplaren des endenden 14. Jahrhunderts nicht mehr der Fall ist. Man kann sich wohl fragen, wie dieses Stück, welches doch heute als typisch eidgenössische Waffe erkannt ist, in die Feudalburg von Hünenberg gekommen sei. Diese Burg stand an der Grenze zwischen österreichischem und eidgenössischem Gebiet. Ihre Bewohner trieben eine Politik der Vermittlung und des Abwägens. Einerseits mußten sie zu Österreich halten, anderseits durften sie sich mit den Eidgenossen, wollten sie ihre Habe nicht aufs Spiel setzen, nicht überwerfen. Daß daher auch Erzeugnisse eidgenössischer Herkunft auf der Burg Eingang fanden, steht außer Zweifel, umso eher als sich die Hünenberger gerne von den benachbarten Städten ins Bürgerrecht aufnehmen ließen. Fußvolk gehörte zur Besatzung einer Burg und zum Gefolge eines Ritters. Daß die schweizerische Spezialwaffe von diesen Gefolgsleuten getragen wurde, seitdem sie bei Morgarten sich bewährt hatte, ist anzunehmen. — Obwohl wir auf dem Gebiete der alten Eidgenossenschaft keine Waffenschmiede großen Umfanges kennen und die kostbareren Stücke, wie Schwertklingen und Harnische nicht hergestellt werden konnten, waren die meisten Dorfschmiede und jene der Städte, wie Zürich, Bern, Luzern und Zug mit der Fabrikation einfacherer Kampfmittel beschäftigt. Halbarteneisen, Spieß- und Bolzenspitzen waren inländisches Fabrikat. Erst im endenden 15. Jahrhundert ging man dazu über, auch diese Teile, allerdings auf Grund genauer eigener Vorlagen, aus Süddeutschland zu beziehen. So können wir also annehmen, daß dieses Haibarteneisen aus einer innerschweizerischen Werkstatt stammt; der Name des Schmiedes bleibt uns allerdings vorläufig verborgen. Als zweites gutes Stück aus dem Gebiete der Trutzwaffe möchten wir das Fragment einer Schwertklinge erwähnen (Tafel I). Die Klinge besitzt, ohne die Angel, also den Griffteil, eine Länge von 47 cm. Die größte Breite, unmittelbar unter der Angel, beträgt 3,9 cm. Der Querschnitt ist überall flachdachförmig. Beidseitig findet sich im oberen Teil auf eine Länge von 16 cm eine Verzierung. Es ist ein Liniendekor, begleitet von einer gezahnten Bordüre, zwischen denen eine Kette von erhabenen Ovalen liegt. Die Klinge ist ungefähr bis auf die Hälfte verkürzt. Eine Meistermarke läßt sich nicht erkennen. Die Angel, vierkantig und verhältnismäßig schmal, ist so lang,

daß das Schwert mit beiden Händen geführt werden konnte. Auch hier findet sich keine Marke. Klingenfonn, Dekor und Grifflänge lassen die Waffe in die Mitte des 15. Jahrhunderts datieren. Diese Schwertklinge, obwohl sie keine Marke besitzt, läßt doch die Vermutung aufkommen, daß es sich um ein Importfabrikat handelt. Dem noch sichtbaren Dekor entsprechend ist eine südliche Werkstatt nicht ausgeschlossen. Tatsache ist, daß in der Eidgenossenschaft Schwertklingen aus Oberitalien, aus Genua, Brescia, Mailand und Verona schon sehr früh aufgekauft wurden. Die Stahlbearbeitung war in der Schweiz nicht entwickelt, und bevor Passau und Solingen den Weltmarkt mit ihren Produkten belieferten, waren die oberitalienischen und auch die spanischen Städte die Hauptlieferanten von Schwertklingen. Rund 100 Bolzen- und Pfeilspitzen sind erhalten. Allerdings ist ihre Zerroslung sehr weit vorgeschritten und die Konservierungsarbeiten sind schwierig. Immerhin läßt sich heute erkennen, daß es sich bei den meisten Stücken um den gewöhnlichen Typus handelt, mit dem rhombischen Querschnitt. Die Eleganz der Eisen und die Feinheit der Tülle lassen auf frühe Armbrustbolzeneiseii schließen. Holzresten konnten keine festgestellt werden. Gefunden wurden die Eisen fast in allen Teilen der Burg. Analoge Bolzeneisen liegen unter den Funden aus Visby auf der schwedischen Insel Gotland, ebenso im Material aus den Ruinen Lägern, Dübelstein, Bischofstein bei Sissach und Bubikon. Sie gehören alle dem 14., vereinzelte Exemplare vielleicht bereits dem 13. Jahrhundert an. Demi die frühen Formen, denen die Tülle noch fehlt und die nur mit einem Dorn versehen sind, gehören ebenfalls vereinzelt zu dem Fundkomplex. Ein Pfeileisen ist noch besonders zu erwähnen (Tafel I). Es ist harpunenförmig gebaut. Flachgedrückt mit leichtem Mittelgrat, weist es neben einer scharfen Spitze noch zwei lange, rückwärtsgebogene Dorne auf. Es steckte an einem dünnen Schaft, dem Hin, aus Eschenholz, von dem noch ein Restchen erhalten ist. Die Dünne dieses Hins läßt darauf schließen, daß es sich um ein Pfeileisen handelt. Den Pfeil verschoß man mit dem Flitzbogen, im Gegensatz zum Bolzen, welcher von der Armbrust weggeschnellt wurde. Vielleicht haben wir es mit einem Fischpfeil zu tun. Besonders die Karpfen schoß man eher mit dem Bogen, als daß man sie mit der Angel fing. Ein verwandtes Stück glaube ich bereits im Fundmaterial der Lägern entdeckt zu

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''• Bohrer, Sporn, Steigbügel, Pfeilt-isen, Srhwcrtklinfse und K i r n h i i l i c r l 1 . ' ) ;m> Ki.-ni, H>\U<- y.\\ci ;ms lirin geschnitzte l ' i f i i i r c n ( f ü r Sdiarhvpiel ?)

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haben. Nicht sehr zahlreich, aber dafür sehr interessant sind die Belegstücke für die Schutzwaffen. Zuerst sind davon die Resten von Panzerhemden zu berücksichtigen. Es sind dies zusammengeballte, stark versinterte und vom Rost zerfressene Teile von Kettengeflecht. Die einzelnen Ringe sind alle genietet. Die Kleinheit und Dünne der Ringe überrascht, denn dort, wo die Niete sitzt, mußte der Ring, welcher runden Querschnitt hat, erst breit gehämmert werden, um Raum für das Nietloch zu schaffen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Panzerhemden im Gebiet der Eidgenossenschaft hergestellt wurden. Die Panzermacher hießen Sarwürker und sind uns aus den in Frage kommenden Städten für das 14., 15. und 16. Jahrhundert teilweise bekannt. Das Kettenhemd war die gute Schutzbewaffnung des 13., 14. und beginnenden 15. Jahrhunderts. Panzerärmel wurden zum Teil in Zürich noch 1580 hergestellt. Mit Kettengeflecht waren nicht nur der Oberkörper, der Kopf und die Arme umhüllt, sondern auch die Beine steckten in Panzerhosen. Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entwickelte sich der Harnisch, indem zuerst Brust, Rücken und Schultern mit einem Gcschübe von Plättchen bedeckt waren. Sie griffen ziegeiförmig übereinander und waren allesamt mit einer Jacke aus Leder, selten aus Gewebe zusammengehalten und vernietet. Diese Lederjacke, hentner genannt, war auf der Außenseite des Plättchenharnisches montiert. Er hielt die einzelnen Eisenstücke, welche untereinander nicht verbunden waren, zusammen. Auf diese Weise blieb der Harnisch geschmeidig und glich sich den Bewegungen des Körpers an. Von solchen Plättchen haben sich zwei Stücke erhalten (Tafel III). Sie besitzen rechteckige Form, sind der Körperlinie entsprechend leicht gewölbt. Die Nieten, welche das Leder mit den Plättchen verbanden, sind noch deutlich erkennbar. Beim einen Stück sind die Nieten sechsblättrig, rosettenartig geschnitten und graviert, während sie beim ändern runde, flache Scheibenform mit gebrochener Kante aufweisen. Größe der Platten und Form der Nieten deuten darauf hin, daß wir es mit Teilen von zwei Harnischen zu tun haben. Das Stück mit den flachen einfachen Nieten scheint des öftern neu vernietet gewesen, denn ihre Lage ist zu unregelmäßig. Die teilweise aufgestülpten Kanten weisen auf Randpartien hin. Harnische mit entsprechender Konstruktion befinden sich im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich und wurden bei Grabungen

auf der Geßlerburg bei Küßnacht am Rigi entdeckt. Fragmente stammen aus dem Wohnturm Bibikon am oberen Zürichsee. Die schönsten und vollständigsten Exemplare hingegen treffen wir im Fundmaterial von Visby auf der schwedischen Insel Gotland. Sämtliche Stücke gehören in die Mitte und zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die aus einem einzigen Stück getriebene Harnischbrust findet erst nach 1400 allgemein Eingang. Schließlich ist auch noch der geschobene Plattenharnisch des 15. Jahrhunderts vertreten. Es handelt sich dabei nicht um eine vollständige Rüstung, sondern lediglich um die unterste Folge einer Beintasche. Seit ungefähr 1460 sind an die Bauchreifen übereinandergelegte und durch Lederbänder beweglich gehaltene Platten als Oberschenkelschutz angehängt. Beim vorliegenden Stück ist der untere Rand zu einer Wulst umgeschmiedet. Es gehört zu einer linken Beintasche und besitzt am oberen Rand noch vier rosettenarlig ausgeschnittene Nietköpfe. Nicht als eigentliche Waffe, aber als Waffenzubehör sind Steigbügel und Sporen anzusehen, gehören sie doch zur ritterlichen Kampfausrüstung. Drei Steigbügel befinden sich unter unserem Material. Vor allem ein Stück ist sehr gut erhalten und besitzt noch einen Teil der Beriemung (Tafel II). Die Sporenarme sind stark durchgebogen. Ihr Querschnitt ergibt innen eine gerade Wandung, während die Außenseite gewölbt ist. Der linke Arm endet vorne in einer ovalen Öse, der rechte ist durch einen Ring abgeschlossen. Hinten schließen sie sich in einer scharfen Spitze, an welche der abwärts gerichtete Radträger sich anfügt. Ein achtzackiges Rad von 4,5 cm Durchmesser läuft um eine Achse. Die Außenseite der Arme zeigt reichen Eisenschnitt. Ein gerautetes Muster ist von einem sechsfachen Wulst abgeschlossen. Auch der Radträger zeigt den fünffachen Wulst, während die halbkugeligen Achsennieten strahlenförmigen Kerbschnitt aufweisen. Der ganze Sporn trägt noch deutliche Spuren ehemaliger Verzinnung. Die Form weist das Stück ins 14. Jahrhundert. Ähnliche Stücke, allerdings nicht so reich verziert, wurden in Visby gefunden. Die beiden ändern Sporen sind nur noch als Fragmente vorhanden (Tafel I). Sie sind ebenfalls Radsporen und gehören mit dem oben beschriebenen Stück ins 14. Jahrhundert. Beide sind etwas zierlicher. Der Armquerschnitt besitzt beim einen hochrechteckige Form. An den vorderen En-

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II den sind runde Doppelösen, am Zusammenschluß der Arme, hinten, bilden sich eicheiförmige Fortsätze. Das Rädchen ist fünfzackig. Steigbügel gehören im allgemeinen zu den seltenen Burgenfunden. In Hünenberg fand man zwei Stücke verschiedener Konstruktion. Der eine ist sehr gut erhalten und besitzt im Grunde noch die hochmittelalterliche Dreiecksform, zeigt aber gegenüber den frühern Stücken bereits eine starke Entwicklung (Taf. II). Die Sohlenplatte ist gleichmäßig breit. Die seitlichen Spangen, innen glatt, weisen auf der Außenseite eine deutliche Krete auf. Sie buchten sich über der Platte aus, um der Form des Schuhes besser folgen zu können. Außerdem greifen sie über die Sohlenplatte hinunter. Für den Riemen ist eine rechteckige Öse ausgespart, wobei die obere Querstange eingeschmiedet ist. Die gesamte Bügelhöhe beträgt 19,3 cm, die größte Breite 12,8 cm. Eine Schmiedemarke oder geschnittener Dekor fehlen. Zeitlich gehört er in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. — Der zweite Bügel ist nur noch ein Fragment (Tafel I). Immerhin ist der obere Abschluß und ein Arm erhalten, so daß die ganze Form rekonstruiert werden kann. Der Arm besitzt runden Querschnitt und ist fast halbkreisförmig ausgebuchtet. Die Sohlenplatte war an den Enden schmal und verbreiterte sich gegen die Mitte hin. Für den Riemen ist eine querrechteckige Tülle von dünnem Eisenblech eingepaßt. Die eine Breitseite ist doppelt so hoch und besitzt einen Schlitz. Diese Bügelart, wohl etwas jünger als das oben erwähnte Exemplar, war in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Gebrauch. Die Höhe beträgt 13,5 cm. Ein besonderes Kapitel bilden die Hufeisen. Eine Datierung auf Grund dieser Eisen bewerkstelligen zu wollen ist ganz unmöglich. Aus den sechs Fragmenten läßt sich höchstens erkennen, daß man es mit zwei verschiedenartigen Typen zu tun hat, mit einem breitschultrigen und einem schlanken und schmal gerichteten Eisen. Bei keinem ist eine Marke zu erkennen und ebenso fehlen ihnen die umgebogenen Stollen auf der rückwärtigen Seite. Beim schmalen Typus liegen die sechs länglichen Löcher in einer vertieften Rille. Die Eleganz und die Schmäle läßt das Eisen eines Maultieres vermuten. Ein Unikum bildet ein ganz kleines Hufeisen von 6,1 cm Breite und 6,5 cm Höhe (Tafel II). Die größte Bandbreite beträgt nur 1,1 cm. Die fünf Nagellöcher sind in eine Rille geschlagen. Das Stück ist so zierlich, daß es nicht von einem Pferd stammen kann. Es kämen

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also nur Esel, Maultier oder Maulesel in Frage. Da eine Datierung auf Grund des genauen Fundumstandes nicht möglich ist, kann eine nähere zeitliche Bestimmung kaum gemacht werden. An Werkzeug fand man zwei Hämmer, einen Bohrer und eine Schere. Der eine Hammer ist nur noch als Fragment erhalten. Der effektive Hammerteil ist bei der Tülle, weil dort das Eisen am schwächsten war, ausgebrochen. So sehen wir heute nur noch den rückwärtigen Teil, der, leicht nach unten gebogen, sich spaltet und zum Ausziehen von Nägeln diente. Diese Form hat sich jahrhundertelang nicht geändert, so daß, weil kein Dekor vorhanden ist, sich eine zeitliche Einordnung nicht bewerkstelligen läßt. Der eine Arm des Hammers besitzt ein rechteckiges kleines Loch, welches anscheinend zum Graden der Nägel benützt wurde. Der zweite Hammer ist noch erhalten, und sogar ein Stück des Stiels steckt in der Tülle (Tafel I). Der Hammerteil zeigt vierseitigen Querschnitt mit abgeschrägten Kanten. Am Tüllenort ist er stark verdickt und der rückwärtige Teil ist aufgespalten zum Ausreißen von Nägeln. Für den Stiel verwendete man Eschenholz. Eine zeitliche Präzisierung ist nicht möglich. Der Bohrer, 18,6 cm lang, ist für die Bearbeitung von Holz berechnet (Tafel I). Der Bohrkopf ist mit einer vollkommenen Umdrehung versehen; der Schaft weist ovale, abgekantete Form auf und ist hinten für den Griff, der anscheinend auswechselbar war, breitgehämmerl. Ein kleines Scherchen von 8,9 cm Breite bereichert die. Gruppe (Tafel II). Es ist nach dem System der Klemmscheren konstruiert, wie ähnliche Stücke auf der Burg Lägern gefunden wurden. Der Bügel oben ist aus breitem Bandeisen. Die Klingenanne von ovalem Querschnitt zeigen auf der Außenseite einfachen Rillenkerbschnitt, der sich auch am Rand des Bügels wiederholt. Stücke mit analogem Dekor aus der Ruine Lägern konnten ins 14. Jahrhundert verwiesen werden. Daß die Schnallen, handelt es sich um solche, welche zur menschlichen Bekleidung oder zu Pferdegeschirren gehören, eine formale Entwicklung durchlaufen haben, versuchte ich bereits im Aufsatz über die Funde aus der Burgruine Lägern klarzustellen. Demnach wären also die vorliegenden Exemplare in zwei charakteristische Klassen einzureihen, in jene der halbkreisförmigen des 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts und eine zweite mit bereits weiter entwickelten rechtecki-

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gen des 14. Jahrhunderts. Während die älteren, halbkreisförmigen noch aus zwei Stücken bestehen, nämlich aus der eigentlichen Schnalle und dem beweglichen Dorn, sind die jüngeren rechteckigen aus drei Stücken zusammengesetzt, aus dem Bügel, dem Dorn und der Dornstütze. Dekor konnte ich nur bei zwei Schnallen von der halbkreisförmigen Gruppe feststellen. Es handelt sich dort, wie bei analogen Exemplaren der bereits erwähnten Ruinen, um den charakteristischen Kerbschnitt. Neben den Eisenfunden spielen die Gegenstände aus Bein eine gewisse Rolle. Auf jeder Burgstelle lassen sich Tierknochen auffinden, und zwar meistens von Schweinen, Rindern oder Rotwild herrührend. Oft sind es einfache Speiseresten und Küchenabfälle. Manchmal findet man aber auch künstlich bearbeitete Einzelstücke. Einige gute Beispiele gehören zu den Fundkomplexen der Lägern und des Bischof Steins. Die Grabungen auf dem Hügel der Hünenberg förderten ebenfalls verschiedene Stücke bearbeiteter Knochen zutage. Zwei davon sind besonders erwähnenswert.. Das eine ist zur Walze geschnitzt und poliert (Tafel I). Die Höhe beträgt 3,9 cm. Die Walzendurchmesser sind an beiden Enden verschieden, 3,5 und 3,7 cm. Auf einem Drittel der Höhe ist eine HalbkreisScheibe herausgeschnitten. Ein Knopf bildet den oberen Abschluß. Das andere Stück baut sich auf rechteckiger Basis auf und bildet einen Sockel, der sich nach oben verjüngt (Tafel I). Er ladet auf den Schmalseiten zu einem kleinen Gesims aus. Daraus klaffen zwei blattartige, nach außen geneigte Lappen mit beidseitig je drei Einkerbungen. Die Höhe mißt 3,3 cm, die Breite 3,7 cm. Ob es sich bei diesen beiden Exemplaren um Spielfiguren handelt, wobei wir vorzüglich an ein Schachspiel denken möchten, ist nicht ausgeschlossen. Für die Datierung zeigen sich etwelche Schwierigkeiten, doch wäre wohl das 14. Jahrhundert nicht von der Hand zu weisen. Zur Bewaffnung sind auf jeden Fall noch die kleinen Steiukugeln zu zählen. Sie sind alle in der Ausdehnung ungefähr gleich. Sie gehörten sicher zur Munition der Bliden, zu den Wurf- und Torsionsgeschützen, welche die Vorgänger der Pulverwaffen waren. Die Kugeln sind dementsprechend noch ins 14. Jahrhundert zu datieren. Pulvergeschütze sind quellenmäßig erst in der zweiten Hälfte des 14. J ahrhunderts in Basel und Zürich usw., also in den finanzkräftigen Städten belegt. Sie befanden sich zu jener Zeit auch noch

im Anfangsstadium ihrer Entwicklung. Es ist wohl anzunehmen, daß auf der Hünenberg damals noch nicht die teuersten Ferngeschütze standen. Gleichzeitig sei daraufhingewiesen, daß die Steine wohl bebauen sind, daß sie aber nur nach dem Gewicht abgestimmt sind, nicht aber nach einem genauen Kaliber. Die Munition der Pulvergeschütze verlangte aber letzteres, wollte man einen möglichst geringen Gasverlust haben. Die oben dargelegten Ausführungen geben die Möglichkeit, einige wesentliche Schlußfolgerungen für die Geschichte der Burg zu ziehen. Ich bin mir wohl bewußt, daß ich wirklich nur die ausgiebigsten Stücke zur Untersuchung beigezogen habe und daß vielleicht das eine und das andere Objekt ebenfalls einer näheren Beschreibung würdig gewesen wäre, vor allem wegen seines noch guten Zustandes. Für die Forschung hätten aber die auf der Seite belassenen Stücke, weil ohne spezifische Merkmale, nichts beigetragen. Immerhin gelange ich anhand des untersuchten Materials zu folgendem Resultat. Ein großer Teil der Eisenfunde stammt aus dem 14. Jahrhundert. Ein Teil reicht noch bis ins 13. Jahrhundert zurück. Andererseits finden sich aber bereits Stücke aus dem 15. Jahrhundert, wie z.B. die Schwertklinge und die Steigbügel. Es ist sogar möglich, daß ein einzelnes Stück, die unterste Folge der Beintasche, erst nach 1500 hergestellt worden ist. — Bei der Keramik indessen scheint dies, wie sie K. Heid in seiner Arbeit im letztjährigen Neujahrsblatt datiert, nicht zuzutreffen. Meiner Meinung nach scheint aber die Feststellung von W. J. Meyer nicht stichhaltig. Er schreibt im Historisch-Biographischen Lexikon der Schweiz, Bd. IV, S. 308: «Von den Hünenbergern kämpften einige in der Schlacht bei Sempach (1386) in den Reihen der Österreicher. Die Eidgenossen zerstörten ihre Stammburg in Hünenberg nach der Schlacht.» Einmal steht in keiner Weise fest, ob die Hünenberger tatsächlich auf der österreichischen Seite mitgestritten haben. Auf alle Fälle hatten die Hünenberger keinen Grund, wie ich dies bereits oben erwähnt habe, die Eidgenossen sich zum Gegner zu machen. Archäologisch betrachtet, ist die Zerstörung der Burg abzulehnen. Eine Brandschicht, welche eindeutig auf gewaltsame Vernichtung der Burg im 14. Jahrhundert schließen lassen würde, gibt es nicht. Überdies weisen die geborgenen Funde keineswegs Brandspuren auf. Auch alle Bolzeneisen, welche heute noch vorliegen, besitzen keine vom Anprall an die Mauer abgebro-

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ebenen oder umgebogenen Spitzen, wie dies sonst in entsprechenden Fällen zutrifft. Daß die Burg also nocli im 15. Jahrhundert bewohnt war, ist anzunehmen. Allerdings ist denkbar, die Bewohner hätten sich in Friedenszeiten auf der Vorburg aufgehalten, um sich bei Kriegsgefahr auf den alten Wehrbau zurückzuziehen. Eine weitere Sondierung der Vorburg würde diese heute noch offenstehende Frage beantworten.

So glaube ich denn, mit den wenigen Funden doch für die Geschichte der Burg einen Beitrag geleistet zu haben. Eleonore M. Staub schreibt in ihrer Doktorarbeit «Die Herren von Hünenberg» wohl treffend: «Wie die Ruinen ihrer Burgen nicht die Spuren eines kühnen Ansturmes zeigen, durch den sie erobert werden mußten, sondern langsam zerfielen und zerbröckelten, so versikkerte auch die Kunde über deren Bewohner.»

Literatur H. Erb, Bericht über die Ausgrabung Tierstein, 1934, Argovia, Bd. 47. E. A. Geßler, Der Plättchenharnisch von Bibiton, Separatabdruck aus dem 53. Jahresbericht 1944 des Schweiz. Landesmuseums in Zürich. J. Grüninger, Bibiton, Ausgrabungsbericht, Heimatkunde vom Linthgebiet Beilage zum «St. Galler Volksblatt». Uznach 1940. K. Heid, Die Keramik der Burg Hünenberg. Zuger Neujahrsblatt 1948. K. Heid, Burg und Städtchen Glanzenberg a. d. Limmat. Sonderabdruck aus der «Zeitschrift für Schweizerische Geschichte». Jahrgang 23, 1. Heft.

R. Prihoda, Zur Typologie und Chronologie mittelalterlicher Pfeilspitzen und Armbrustbolzeneisen. Sudeta, Zeitschrift für Vor- und Frühgeschichte. 8. Jahrgang, 3. Heft. Reichenberg 1932. K. Schib, Chronik der Ausgrabungen und Geschichte der Herren von Radegg. Schaffhauser Beiträge zur vaterländischen Geschichte. 15. Heft. Thayngen 1938. H. Schneider, Beiträge zur Geschichte der Zürchcrischen Bewaffnung im 16. Jahrhundert. Zürich 1942. H. Schneider und K. Heid, Das Fundmaterial aus der Burgruine Lägern. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte. 8. Bd., I.Heft. 1946.

K. Heid, Die Burg Schönenwerd bei Dietikon.

E. M. Staub, Die Herren von Hünenberg. Zeitschrift für Schweizerische Geschichte. 1. Heft Zürich 1943.

J. Horand, Die Ausgrabung der mittelalterlichen Burgruine Bischofstein bei Sissach. Separatubdi uck aus «Baselbieter Heimatbuch». I. Bd. 1942.

B. Thordeman, Annour from the battle of Wisby 1361. Lund II. Bd. Uppsala 1939 und 1940.

N.Lithberg, Schloß Hallwil. I. u. III. Bd. Die Fundgegenstände. Stockholm 1932.

A. Weber, Hünenberg und Wildenburg. Zuger Kalender 1919.

DIE ZUGER LÖBERNWALSTATT ODER FRIEDHOF? Ein archäologischer Beitrag zur Frühgeschichte der Stadt Zug

I n unserem Wissen um die Frühgeschichte

der Stadt Zug klaffen nach wie vor empfindliche Lücken. Während z. B. Chain durch das Schenkungsdiplom LUDWIG DES DEUTSCHEN schon 858 n. Chr. ins Licht der Geschichte eintritt, beginnt sich das historische Dunkel um Zug erst dreieinhalb Jahrhunderte später aufzuhellen. Um 1190 wird Zug in einem U r b a r des K l o s t e r s E n g e l b e r g erstmals genannt.1) Gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts erscheint der Name Zug wiederum in den Urkunden, nun aber mit Attributen («oppidum» 1242, «castrum» 1255), die einwandfrei ein mauer- und turmbewehrtes Städtchen erkennen lassen. Wann Zug mit dem Stadtrecht 0egabt wurde und wem es diese Gunst zu verdanken hat, darüber schweigen sich die vorhandenen Urkunden aus. Doch deutet manches darauf hin, daß Zug eine G r ü n d u n g s s t a d t der K y b u r g e r an bedeutsamer Verkehrslage (seit der Eröffnung des Gotthardpasses um die Wende des 12. zum 13. Jahrhundert) ist (HOPPELER 1910, SCHMID 1915, ZUMBACH 1932, BIRCHLER 1935, MÜLLER 1936, 1937, 1942). Etwas weniger mit Nachrichten über die Frühzeit der Stadt kargen die z u g e r i s c h e n C h r o n i s t e n . Was den Ursprung der Stadt angeht, fußen sie alle auf jener verschollenen Urschrift, die der in Zug wohnhafte Schulmeister KASPAR SUTER um 1549 niederschrieb (VON LIEBENAU 1885). SUTER, der sich seinerseits ausdrücklich auf eine heute verlorene Chronik des KONRAD GESSLER von Meienberg 2) beruft, daneben aber wohl auch aus mündlicher Tradition schöpft, weiß nun glaubhaft über Anfang und Werdegang der Stadt zu berichten. Nach ihm wäre Zug von

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1 ) Darnach besaß das Kloster Engelberg zu «Zuge» einen mansus (= Bauerngut von bestimmter Größe). Vgl. SCHNELLER 1861. 2 ) Die GESSLER-Chronik dürfte ein Werk des 15. Jahrhunderts sein. VON LIEBENAU (1865) und DURRER (1916) sind übereinstimmend der Ansicht, daß ihre Niederschrift nicht im 13. Jahrhundert erfolgt sein kann.

«Köm» aus als Umschlageplatz am See gegründet worden. Dank der günstigeren Verkehrslage hätte es den Gütertransport allmählich völlig an sich gezogen und so sei das (ältere!) «Städtli» Cham zu einem Schattendasein herabgesunken, eine Darstellung, die mit den geschichtlichen Gegebenheiten 3) ganz gut im Einklang steht. Weiter erzählt SUTER, daß die aufblühende, selbstbewußte Kleinstadt in Streit mit dem umliegenden Adel geriet, da dessen Machtstellung durch das mit allerlei Vorrechten begabte städtische Gemeinwesen ernstlich gefährdet wurde. Es kam zur entscheidenden Kraftprobe. In einem nächtlichen Überfall wollte man die wehrhafte Bürgerschaft der verhaßten Stadt niederringen. Als « M o r d n a c h t auf der L ö b e r n » (9. September 1275) ist das blutige Ereignis in die zugerische Heimatgeschichte eingegangen und von gelehrten und ungelehrten Lokalhistorikern grundsätzlich anerkannt worden. Nun ist der SUTERschen Chronik, als einer stark der mündlichen Tradition verpflichteten Zeitgeschichte, naturgemäß nicht der Wahrheitsgehalt einer Urkunde beizumessen. Doch schienen gerade in der Frage der «Zuger Mordnacht» menschliche Gebeine, die je und je im engeren Umkreis des Löbernhofes zum Vorschein kamen, eine eindringliche und eindeutige Sprache zu sprechen. Diese stummen U r k u n d e n des Bodens seien in den M i t t e l p u n k t unserer A u s f ü h r u n g e n gerückt. Um unsere Schlußfolgerungen auf eine solide Basis zu stellen, mag es gestattet sein, zunächst eine möglichst lückenlose Zusammenstellung dieser für Zug bedeutsamen Bodenfunde zu geben. In die nachfolgende Fundliste sind außer den Angaben im einschlägigen Schrifttum die Ergebnisse per8 ) Aufnahme des Saumverkehrs über den Gotthard dank des Baues der «stiebenden Brücke» im frühen 13. Jahrhundert; in der Folge gewaltiger Aufschwung des Durchgangsverkehrs vom Zürichsee über Borgen, Sihlbrugg nach dem Zuger- und Vierwaldstättersee.

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sönlicher Rücksprachen und Erhebungen an Ort und Stelle aufgenommen worden.4) Sodann wurde versucht, die einzelnen Fundstellen in einem Lageplan einzuzeichnen, soweit dies auf Grund der oft recht dürftigen und ungenauen Ortsangaben möglich war (Taf. I).

a) Chronologische Übersicht über die Bodenfunde auf der Löbern (vgl. zu den einzelnen Fundortsbeschreibungen stets Taf. I)

Die ersten Nachrichten über Bodenfunde auf der Löbern reichen genau vier Jahrhunderte zurück. Schon zu Lebzeiten des Chronisten KASPAR SUTER weiß man um Skelettreste, die auf der Walstatt der Mordnacht ans Tageslicht gefördert wurden. SUTER läßt sich denn auch diesen Beweis nicht entgehen und fügt der angeblich aus GESSLERs Chronik übernommenen Darstellung der Mordnacht folgenden Nachsatz bei: r ') «Jttem dis geschieht der vorbeschribnen Mordnacht bezeugent noch der selbenn erschlagnen Thotten Bein, Houptschüdelen, so noch bis har in kurtzem fundenn vnd vs graben sind, vf der Lewartt, in Raben ß) vnnd Gräbenn, ouch als des Ammen STOCKERs Hus 7) vff der Lewart statt, wie er ein Käller graben vnd buwt, da gruob der Meister Mürzer noch vil Thotten Bein, Houptschüdelen harfür, witter anno 1526 alls die Herren vnd Burger Zug den Zit thurn 8) vnd grabenn vff der Lewart graben vnnd buwenn band ouch vill mentschen Gebein funden, so zuo diser Zitt der vorgeschribnen Mordnacht dasälbs vmb vff der Walstatt vergrabenn vnd on Zvviffel nüt bestattet in das gewicht ärterich als Fründ vnd guot Göner, sunder alls die vntrüwen übellthätter vnnd Jhr Find begraben lasenn.» 4 ) Für wertvolle Auskunft bin ich folgenden Personen zu Dank verpflichtet: Frau Wwe. FRIDLIN-GATTIKER, sowie den Herren a. Spitalverwalter J. BOSSARD-STOCKLIN, F. ZÜRCHER, J. C. FRIDLIN, Dr. med. dent. KURT WEISS, H. NADLER, Wasserwerke Zug. 6 ) Abschrift aus der SUTER-Chronik in der Stiftsbibliothck Einsiedeln, Mscr. 434. Dank der Liebenswürdigkeit von Pater R. HENGGELER, Stiftsarchivar, bin ich imstande, den genauen Wortlaut der betr. Stelle wiederzugeben. Die KOLIN-Kopie in der Bibliothek ZURLAUBEN in Aarau stimmt, abgesehen von der Orthographie, genau damit überein (gütige Mitteilung von Hrn. Prof. Dr. R. HESS). °) Am sonnigen Abhang oberhalb der heutigen Post bis hinauf zur Löbern ging bis ins letzte Jahrhundert ausgedehnter Weinbau um (vgl. den LANDTWINGschen Stadtplan von 1770 und den bezeichnenden Namen Weingartenhof für einen Vorläufer des jetzigen Postgebäudes). 7 ) Gemeint ist das « L ö b e r n - H o c h h a u s » , heute im Besitz von J. BOSSARD-STOCKLIN. Ammann KASPAR STOCKER (t 1571) war verheiratet mit ELISABETH BACHMANN, an deren Familie das Hochhaus erbsweise überging. In der (jüngeren) Chronik des JAKOB BERNHARD BRANDENBERG (1727, vgl. AL. MÜLLER 1934,

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Um 1700 ließ HEINRICH LUDWIG MUOS das L ö b e r n - L a n g h a u s (heute im Besitz der Familie FRIDLIN) erbauen. Höchstwahrscheinlich stieß man auch bei diesem Anlaß auf menschliche Überreste, doch ist uns darüber nichts überliefert. Als aber im frühen 19. Jahrhundert der damalige Inhaber des Langhauses, THADDAE BUCHER-FRIDLIN (1787-1860), das Gebäude teilweise unterkellern ließ, kamen mehrere Skelette zum Vorschein (vgl. Taf. I). 8 ) Im Frühjahr 1893 taucht in der Zuger Tagespresse 10) eine Notiz auf, wonach «auf der Löbern vor dem Hause der Geschwister BUCHER beim Legen einer Gasleitung ein ziemlich gut erhaltener menschlicher Schädel» ausgegraben worden sei, «der jedenfalls von der Mordnacht auf der Löbern, 9. September 1291 ") herrührt». Um jene Zeit wurde die Gasleitung von der Löbern zum Haus KAMER gelegt. Der Fundort muß also, wie der Bericht andeutet, vor dem Langhaus im Trasse der alten Baarerstraße liegen. Mit dem Jahre 1896 geht das Langhaus durch Kauf an JAKOB CARL FRIDLIN über, der verschiedene bauliche Veränderungen vornimmt. So läßt er den von THADDAE BUCHER erbauten Keller tiefer legen. Die Grabarbeiten fördern wiederum vereinzelte Skelettreste zu Tage, vor allem in der Nähe der Weslfassade12). Gleichzeitig wird das Gebäude an die städtische Gasversorgung angeschlossen. Einmal mehr stößt der Spaten der Arbeiter auf (mindestens zwei!) geostete Skelette.13) Diesmal liegt der Fundort zwischen den beiden Löbernhäusern drin. Außer «einigen Hufnägeln und Pferdezähnen» sollen keine Beigaben beobachtet worden sein. S. 18) ist von «des JAKOB BACHMANNs Haus» die Rede (um 1600 tatsächlich I n h a l i e r des Hochhauses). Die Jahreszahl 1605 mit dem Doppelwappen über dem heutigen Kellereingang kann nicht das Baujahr des Kellers bezeichnen, der, wie erwähnt, in seiner ersten Anlage Ammann STOKKER zugeschrieben wird. 8 ) Geht heute unter dem Namen Kapuzinerturm. KASPAR SUTER hat den Bau der Ringmauer für die «Neustadt» in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Zeitgenosse miterlebt (vgl. die städtebaulichen Ausführungen bei BIRCHLER II, 1935). 8 ) Freundlicher Hinweis von Herrn FRIEDRICH ZÜRCHER, Obmoos, der diese Angaben der Tochter des THADDAE BUCHER, Fräulein JOSEFA BUCHER (t 1894), verdankt. 10 ) «Zuger Nachrichten», Nr. 22, 18. März 1893. u ) Diese zeitliche Ansetzung der Mordnacht geht auf B. STAUB (1869) zurück, der diesem Datum gegenüber jenem von 1275 den Vorzug geben möchte. 12 ) Laut liebenswürdiger Mitteilung von Frau Wwe. FRIDLIN-GATTIKER. 13 ) «Zuger Nachrichten», Nr. 84, 17. Oktober 1896; «Zuger Volksblatt», Nr. 122, 17. Oktober 1896.

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Legende : w/tt/Ä

Fundangaben in der Surer- Chrom lf 15&9

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TuFFsfeingrab leer TuFFsreingrab mirSkc/efr, Orientierung unbekanntMenschliches Skelerf, Orientierung unbekannt

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Skelett, gesicherte (ungesicherre)0rientierurtg •+•

einzelne Knochen Skramasax

AlenmmuHcheH Grüberfeld belegten Bodenfunde.

/ u g - L ö b e r n . Lag.-ski/./r der durch schriftlich,, oder mündlich,- /eufmis.se

Eine wesentliche Ergänzung zu diesen lückenhaften Zeitungsangaben bilden die Aussagen des noch lebenden Augenzeugen, Frau Wwe. FRIDLIN-GATTIKER. Nach ihrer Darstellung fanden sich damals vier Skelette, wovon zwei von behauenen Platten aus Tuffstein eingefaßt waren (ähnlich Taf. II, Abb. 1). In einem dieser Tuffsteingräber lag als Beigabe neben dem Skelett ein « S c h w e r t». Ein «Professor» aus Zürich habe damals die Gräber eingesehen und begutachtet.14) Umbauten am L ö b e r n - H o c h h a u s , die im Anschluß an die käufliche Übernahme (1917) durch a. Spitalverwalter J. BOSSARD-STOCKLIN zur Ausführung gelangen, führen zu weiteren Entdeckungen. Dicht vor dem Eingang zum stichbogig gewölbten Keller15) werden zwei Skelette in angeblich «sitzender» Stellung16) freigelegt (BIRCHLER 1935, S. 496). Beim Bau der Kläranlage unmittelbar neben dem Hauptportal (ca. 1919) finden sich im Aushub stark verrostete Waffen (« J a g d s p i e ß e» bei BIRCHLER 1935, S. 496). Beim Auswechseln der Gasleitung fm Trasse der alten Baarerstraße (um 1928) beobachtete Herr FRIDLIN vor dem Langhaus vereinzelte Knochen. Aus der unmittelbaren Nachbarschaft stammen wahrscheinlich jene menschlichen Gebeine, die zur oben erwähnten Fundmeldung von 1893 Anlaß gegeben haben. Im Jahre 1937 macht die Löbern erneut von sich reden.17) Anläßlich von Kanalisationsarbeiten kommt bei der nördlichen Ecke des Langhauses eine Grabeinfassung aus bearbeiteten Tuffsteinplatten zum Vorschein (Taf. II, Abb. 1), offenbar ganz von der Art jener zwei gemauerten Gräber aus dem Jahre 1896. Das Tuffsteingrab ist so gut wie leer, enthält weder Skelett noch Beigaben, nur einige unbestimmbare KnÖchelchen. Man hat es vermutlich bereits früher einmal aufgedeckt und ausgeräumt. Wie das Steingrab sind auch die übrigen drei in freier Erde bestatteten Leichen nicht mehr völlig unberührt. Zwei von ihnen sind geostet, auch das Tuffsteingrab zeigt annähernd Westost-Orientierung. Das Fehlen von Beigaben läßt eine einigermaßen gesicherte Altersaussage nicht zu. Dies ist übrigens die erste Fundmeldung, die, wenn auch verspätet, den Organen des kantonalen Museums für Urgeschichte zugeht. 14 ) Es ist vorläufig nicht auszumachen, ob darunter der berühmte Geologe Prof. ALBERT HEIM oder der Altmeister schweizer. Urgeschichtsforschung Dr. J. HEIEKLI zu verstehen ist. 10 ) Jenes nämlichen Kellerg, der schon bei seinem Bau im 16. Jalirli. menschliche Gebeine hergegeben bat, vgl. S. 62. 10 ) Diese Beobachtung beruht, wie auch Herr BOSSARD anzunehmen geneigt ist, offenbar auf einem Irrtum.

b) Datierung der Löbern-Skelette mit Hilfe zeitleitender Beigaben Die aufgezählten Bodenfunde, die sich nachweisbar über einen Zeitraum von mindestens vier Jahrhunderten erstrecken, schienen für die Glaubwürdigkeit der SUTERschen Ausführungen zu sprechen. Zuger Historiker von Rang werteten denn auch die ganze Fundgruppe als Beweis z u g u n s t e n einer Mordnacht auf der Löbern aus. Auch die zugerische Urgeschichtsforschung konnte zunächst von dieser Auffassung nicht ganz freikommen. Noch Pater EMMANUEL SCHERER, der scharfsinnige Deuter der Früh- und Urgeschichte des Kantons Zug, erwähnt in seiner Fundstatistik (1920—23) die Löbern-Skelette mit keinem Wort, wohl deshalb, weil er geneigt war, die populäre Auslegung dieser menschlichen Überreste anzuerkennen und sie ins hohe Mittelalter (und damit außerhalb des Zeitraumes, den die Urgeschichte umfaßt) einzustufen. Erst der neuesten Bodenforschung blieb es vorbehalten, ernste Bedenken gegen eine ursächliche Verknüpfung von Skeletten und Zuger Mordnacht vorzubringen.18) Um nur eines zu nennen: War es noch einigermaßen verständlich, daß man gefallene Feinde nicht auf dem Kirchhof in geweihter Erde begrub, sondern auf der Walstatt verscharrte, so schienen doch gerade die aus Tuffstein sorgsam gefügten Plattengräber eine Pietät und Ehrfurcht zu bekunden, die mit einer solchen Deutung schlechthin nicht in Einklang steht. Zudem finden sich abbauwürdige Kalktuffvorkommen rund um Zug nirgends vor. Erst das damals sicher nicht leicht zugängliche untere Lorzentobel («Höllgrotlen») könnte hierfür in Frage kommen. Völliges Fehlen von datierenden Grabbeigaben und die zu wenig gesicherten Lagebeobachtungen ließen diesen an sich ausbaufähigen Gedanken vorerst nicht Wurzel fassen. Vorarbeiten zu einer Neuauflage von SCHERERs Nachschlagewerk über «Ur- und frühgeschichtliche Altertümer des Kantons Zug» führten mich dazu, die Löbernfunde erneut auf ihre zeitliche Zugehörigkeit zu prüfen. Der Verdacht, daß 17 ) «Neue Zürcher Nachrichten», Nr. 149, 30. Juni 1937; «Zuger Volksblatt», Nr. 77, 30. Juni 1937; «Zuger Nachrichten», Nr. 77, 30. Juni 1937; alle mit Foto der Fundstelle und der Gedenktafel für die Mordnacht auf der Löbern. ">) Briefliche Fundanzeige von Dir. M. SPECK an Prof. Dr. TATARINOFF, Solothurn. Vgl. auch SGU 29, 1937, 104. Auch LINUS BIRCHLER (1935, S. 6) bat unter dem Eindruck der damals neu entdeckten römischen Urnengräbcr die Möglichkeit vorgeschichtlichen Altere der Löbernskelctte zur Diskussion gestellt.

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hier eine für die Frühgeschichte der Stadt aufschlußreiche Frage der Lösung harre, verdichtete sich dabei mehr und mehr. Beim Durchgehen des schriftlichen Nachlasses von J.HEIERLI19) kam ein entscheidendes Aktenstück zum Vorschein, nämlich d i e U m r i ß z e i c h n u n g eines 20 S k r a m a s a x e s ) (Taf. II, Abb. 2, a) mit der knappen Fundortsangabe «Löbern», nebst einem Hinweis auf die bereits erwähnte Notiz im «Zuger Volksblatt» vom 17. Oktober 1896. Möglicherweise handelt es sich bei diesem Skramasax um jene Waffe, die Frau FRIDLINGATTIKER bei einem der beiden von Tuffsteinplatten eingefaßten Skelette liegen sah. Wie die Bemerkung «Kantonsschule Zug» dartut, muß das Kurzschwert zu HEIERLIs Zeilen noch in der Sammlung der Kantousschule verwahrt worden sein. Als diese Sammlung den Fundbeständen des neugegründeten kantonalen Museums für Urgeschichte angegliedert wurde, fand sich tatsächlich ein Skramasax, dem aber infolge Fehlens näherer Fundortsangaben keine Bedeutung beigemessen werden konnte. Auch SCHERER (1920—23) hat den wissenschaftlich wertlosen Fund nicht in seine «Statistik» aufgenommen. Die Abklärung der Frage, inwieweit die beiden Skramasaxe als identisch anzusehen sind (was sich dank der Umrißzeichnung HEIERLIs einwandfrei überprüfen läßt), mußte umständehalber zurückgestellt werden.180) Es galt nun, weiteren Beigaben auf die Spur zu kommen, um die sich aufdrängenden Schlüsse zu überprüfen und zu sichern. Einem besonderen Glücksfall verdanken wir, daß noch ein Belegstück jener im Aushub der Kläranlage des LöbernHochhauses aufgefundenen Waffen (vgl. S. 63) beigebracht werden konnte. Es befand sich im Besitz von Herrn J. BOSSARD-STOCKLIN, der das wichtige Beweisstück in zuvorkommender Weise dem kantonalen Museum für Urgeschichte überließ, wofür ihm auch an dieser Stelle gedankt sei. Die (leider vom Rost stark zerfressene) Waffe entpuppte sich als ein typisches a l e m a n n i s c h e s K u r z s c h w e r t (Taf. II, Abb. 2 b). Weiterhin war die Möglichkeit gegeben, daß Schwerter der gleichen Art in früherer Zeit unerkannt ins historisch-antiquarische Museum gewandert und dort ohne besseres Wissen der Waffenie

) Erster Sekretär der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte (SGU), der mit Bienenfleiß alles irgendwie erreichbare Material üher schweizerische Urgcschichtsfunde sammelte. Für die Ausleihe der einschlägigen Akten hin ich dem Sekretär der SGU, Herrn KARL KELLER-TARNUZZER, zu Dank verpflichtet. 1D °) Anm. während des Druckes: Inzwischen ist es gelungen, den sicheren Beweis für die vermutete Identität zu erbringen.

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T A F E L II

Sammlung einverleibt worden waren. Auch in dieser Richtung wurden Nachforschungen angestellt. Sie zeitigten tatsächlich Erfolg. Im Katalog der kantonalen Zeughaussammlung (STADLIN-IMBACH 1892) ist klar die Rede von einem Skramasax, der ebenfalls von der Löbern stammt. Die betreffende Stelle mag hier im Wortlaut wiedergegeben werden: «Kurze, breite Schwertklinge, Scramasax der Alemaiien aus dem 6. Jahrhundert . . . auf der Löbern bei Zug ausgegraben. Geschenk von Dr. med. F. C. STADLIN».21) Noch zehn Jahre früher las man im alten Katalog (BOSSARD 1881): «Schwertklinge auf der sogen. Löwern bei Zug ausgegraben, wahrscheinlich aus der Mordnacht 1275 herstammend.» Ob dieser Fund (den wir bestimmt vor 1829 anzusetzen haben) im Aushub des Kellers der FRIDLINLöbern gemacht wurde? Da die Sammlungsbestände des historischantiquarischen Museums infolge des Museumsbrandes noch verlagert sind, konnte das Kurzschwert bisher nicht eingesehen werden.

c) der historische Kern der MordnachtLegende: ein alemannisches Gräberfeld? Das Vorkommen alemannischer Kurzschwerter in engem Fundzusammenhang mit Skelettgräbern läßt nun die Mordnacht auf der Löbern in ganz neuem Licht erscheinen. Einmal entfällt damit zum vornherein die Möglichkeit, die Skelette als Kronzeugen für die Existenz der Mordnacht anzurufen, wie es seit SUTERs Zeiten bis in die Gegenwart hinein immer wieder versucht wurde. Was uns auf der Löbern entgegentritt, ist nicht eine Walstatt mit Gebeinen erschlagener Feinde, sondern ein alemannisches Gräb e r f e l d . Dessen Zeitstellung läßt sich heute noch nicht genauer umreißen. Es dürfte etwa dem 6. und V.Jahrhundert angehören. Aus dem beigegebenen Situationsplan ist ersichtlich, wohin der Schwerpunkt des ziemlich ausgedehnten Friedhofes ungefähr zu liegen kommt.

Abb. 1. Tuflstcüngrak, ans hearbeiteteii Tiiffstein|>latteii sorgsam gefügt, ohne I n h a l t und Deckplatt.- aufgefunden. / u g - Lobci-n, Haus FK1DL1N, Sommer 1937, Fundlage vgl. Taf. I, | J

Bücken "

. Hantonsschu/e

„Schnerdp "

iebern "

„ Pftvas abgebrochen

Damit ist zugegebenermaßen in der Frage, ob die Mordnacht auf der Löbern tatsächlich stattgefunden hat oder nicht, noch keine Entscheidung gefallen. Wir legen vorläufig nur Wert auf die Feststellung, daß die erwähnten Bodenfunde in diesem Zusammenhang keinerlei Beweiskraft besitzen. Möglicherweise schimmern in der zählebi20 ) Alemannisches Kurzschwert, Hauptwaffe des freien Mannes und belieble Grabbeigabe. 21 ) Der durch seine vierbändige «Topographie des Kantons Zug» rühmlich bekannte Zuger Arzt und Geschichtsforscher (1777—1829).

Abb. 2. AlemuimiHche Kurzschwcrter, aufgefunden auf d.-r \\alslall d.-r « M o r d n a r b t auf d.-r Liihcm». - a) Fund uns dem Jahre 18%. Nach einer imlu-kaimtcn llitiriß/.cicliiiiing im schriftlichen Nachlaß von J. 1 I K I K K L I . <;„. i / mit. Gr. - l)) Skramasax aus dem Aushub der Kläranlage heim Löb.-rn-l loehhaus, ca. 1919. Leg. J ÜOSSAUD STOCKL1N, Kam. Mus. f. 11,-g. /„g. l'h.u. Luiid.-smiis.-iim, ca. ' nal. Gr.

gen Legende von der Mordnacht auf der Löbern tatsächlich historische Ereignisse durch. Es ist nun Aufgabe des Historikers, die einschlägigen Abschnitte der SUTER-Chronik auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und den historischen Kern der zweifellos mit sagenhaften Zügen verbrämten Erzählung von der Mordnacht herauszuschälen. Dabei muß m. E. auch ernsthaft die Möglichkeit erwogen werden, ob der Schauplatz des nächtlichen Gefechtes vielleicht nicht ganz anderswo zu suchen ist.22) Die begreiflicherweise mißverstandenen Skelettfunde auf dem Löberngut, dicht vor den neuen Stadtmauern, hätten dann Anlaß zur genauen örtlichen Fixierung einer schon im 15./16. Jahrhundert vagen und verdunkelten Tradition geführt. Logischerweise wird man aber nicht darum herumkommen, auch eine letzte Denkmöglichkeit in Betracht zu ziehen. Man weiß, wie lebhaft sich die Phantasie des einfachen Volkes je und je mit Funden menschlicher Schädel und Gebeine beschäftigt hat. Die bei Feld- und Bauarbeiten im Bereiche der Löbern zutage tretenden Skelette (und Waffen!) verlangten nach einer Deutung. Was lag beim damaligen Wissensstande näher, als die Erklärung in Richtung einer «Zuger Mordnacht» zu suchen? Dabei mögen bei der schriftlichen Fixierung der «Legende» (spätestens 1549) sagenhafte Züge, die in ganz verschiedenen Zeiten wurzeln (dunkles Wissen um die uralte alemannische Begräbnisstätte einerseits, um blutige Fehden zwischen Stadt und umliegendem Adel anderseits), mitverarbeitet und zu Unrecht miteinander vermengt worden sein. Vom Standpunkt des Bodenforschers aus ist diese Deutung verlockend, kann er doch da auf Dutzende von «Präzedenzfällen» zurückgreifen, wo sich um Gräberfelder der Völkerwanderungszeit allmählich Sagen von Mord und Totschlag zu ranken begannen, die mit unglaublich zähem Beharrungsvermögen im Volksmund bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben sind.

d) Zur sprachkundlichen Deutung des Flurnamens «Löbern» Unsere These von der Existenz eines alemannischen Gräberfeldes auf der Löbern erhält auch von seilen der O r t s - und F l u r n a m e n 22 ) Merkwürdig berührt ja auch die Orteangabe KASPAR SUTERg, wonach die Feinde « a u f der L e b e ren die Stattmuren in zwei Orten mit Sturmböcken anlaufen» wollten. Auch wenn wir der Mordnacht Glauben schenken, darf diese Schilderung natürlich nicht wörtlich genommen werden, denn der Überfall von 1275 konnte ja nur der A l t s t a d t gelten. Es kommt einem Anachronismus gleich, wenn in neueren bildlichen Darstellungen der Mordnacht (die zum Teil in die Schulbücher übergegangen sind) Löberntor und Kapuzinerturm erscheinen. 28 ) Wir anerkennen dankbar, daß gerade von diesen Studien wegweisende Impulse zur Um- und Neudeutung der Löbernfrage ausgegangen sind.

f o r s c h u n g eine nicht zu unterschätzende Stütze und Bestätigung. In eindringlichen Artikeln hat G. SALADIN (1932, 1943, S. 11; dazu verdankenswerte briefliche Mitteilungen vom 29. Oktober 1949)23) den inhaltschweren Namen «Löbern» der besonderen Aufmerksamkeit der zugerischen Bodenforscher anempfohlen. Nach ihm läßt sich der Flurname «Löbern» (für Zug sind auch die älteren Fassungen «Leberen», «Leweren», «Lewart» belegt) auf das althochdeutsche hleo, Dat. hlewe, Dat. Plur. hlewirun > neuhochdeutsch Leweren, Leberen zurückführen. Dieses Wort heißt soviel wie kleiner Hügel, G r a b h ü g e l . Der Name «Lebern» ist in der Schweiz und Süddeutschland verbreitet und findet sich auffallenderweise sehr oft in unmittelbarer Nähe oder gar im eigentlichen (heutigen!) Siedlungsbereich größerer Ortschaften.24) In einer ganzen Anzahl von Fällen läßt sich zudem der überzeugende Nachweis führen, daß die Flurbezeichnung «Löbern» an alemannischen Gräberfeldern haftet (z. B. in Güttingen, Opfikon, Ölten, Marthalen, Kirchberg bei Zürich, um nur einige Beispiele zu nennen). Ein analoger Zusammenhang hat sich nun auch bei der Zuger Löbern erneut bestätigt. Der Mahnruf SALADINs hat damit, wenn auch späte, Früchte getragen.

e) Neuer Ausblick auf die Siedlungsgeschichte der Stadt Zug Die alemannischen Gräber auf der Löbern sind nun imstande, eine empfindliche Lücke in der nachrömischen Siedlungsgeschichte der Stadt zu schließen. Wohl ist von rechtskundlicher Seite aus (RÜTTIMANN 1904) ausführlich dargelegt worden, daß die heutigen zugerischen Allmendgenossenschaften und Korporationen letzten Endes auf die a l e m a n n i s c h e L a n d n a h m e zurückgehen. Wohl hat die Ortsnamenforschung die auch auf Zugergebiet gut faßbare Gruppe der -ikon-Namen (mundartlich -iken: Ibiken, Rumoltiken, Trubiken, Seliken) bis in die alemannische Frühzeit zurückverlegt.25) Archäologische Zeugin) Es sei nur an die Löbern b. Städtli Chain erinnert ) Vgl. auch den Namen Chain, der den letzten Akt der hochdeutschen Lautverschiebung (etwas vor 700 n. Chr.) miterlebt hat, wobei das anlautende c in ch verschoben wurde. Dieee sprachliche Eigentümlichkeit beweist, daß Chain von den einrückenden Alemannen (spätestens!) zu einer Zeit in Besitz genommen wurde, da die althochdeutsche Lautverschiebung noch nicht völlig zu Ende war. Das Wort Cham dürfte auf ein keltisches «cama» zurückgehen (BRUCKNER 1945, S. 116). 25

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iiisse zugunsten dieser Ansichten lagen aber bisher nur von dem recht peripher gelegenen frühgermanischen Gräberfeld von M a r i a c h e n vor (SCHERER 1923, S. l). Diese spärliche archäologische Hinterlassenschaft wird nun durch die Löbern in umso wertvollerer Weise ergänzt, als dieses Gräberfeld eine alemannische Siedlung innerhalb des engern Stadtgebietes geradezu zur Voraussetzung hat. Weitere reizvolle Zusammenhänge zeichnen sich ab. Ist es bloßer Zufall, daß das außerhalb der Mauern der Altstadt liegende «Dorf» im Volksmund als der älteste Siedlungstcil von Zug gilt, eine Tradition, der auch die Wissenschaft beizupflichten geneigt ist (BIRCHLER 1935 S. 12) ? Wo sonst, wenn nicht in der geschützten Senke beim heutigen Dorfplatz, hätten wir die Wohnstätten jener Leute zu suchen, die ihre Toten auf der Löbern zur letzten Ruhe gebettet haben? Daß es sich dabei um eine h e i d n i s c h e Begräbnisstätte handelt, schließen wir einmal aus dem Vorhandensein von Grabbeigaben (Skramasaxe!). Frühchristliche Gräber müßten zudem in nächster Nähe des ersten Gotteshauses liegen, das für Zug in ganz anderer Richtung zu suchen ist (alte St. Michaelskirche!). Mit der Deutung als alemannischer Friedhof stehen auch die aufgedeckten Tuffgräber nicht im Widerspruch. Die Bestattungsweise in (Tuff-) Steinsärgen ist aus frühgermanischen Reihengräberfeldern einwandfrei zu belegen (TATARINOFF 1934, S. 35, MOOG 1939, S. 116 f.). Wenn auch chronologisch näher verwertbare Beigaben noch fehlen, wird man das zeitliche Schwergewicht des Gräberfeldes etwa im 6. bis 7. Jahrhundert suchen dürfen. In dem Maße, als das Christentum in unserer Gegend Fuß faßte, wurde das Gräberfeld auf der Löbern immer spärlicher belegt, um schließlich ganz einzugehen. Seine Funktion übernahm ein christlicher Friedhof, den man sich unmittelbar neben dem ersten Gotteshaus vorzustellen hat, also oben am aussichtsreichen Berghang von St. M i c h a e l . Für ein hohes Alter der (alten) St. Michaelskirche sprechen ja tatsächlich gewichtige Gründe. die

Einmal teilt sie mit dem «Dorf» und der Burg seit jeher merkwürdig anmutende Lage

a u ß e r h a l b d e r M a u e r n d e r alten Stadt, welch letztere ja ihrerseits mindestens bis an die Schwelle des 13. Jahrhunderts zurückreichen muß. Dann aber weist auch der Kirchenpatron St. Michael in frühchristliche Zeit zurück (R. HENGGELER 1932, S. 90). Dem streitbaren Held und Heiligen, welcher dem Wesen des germanischen Wotan am nächsten kam, waren in alemannischen Landen viele Bergheiligtümer geweiht, die vielfach über ehemaligen heidnischen Kultstätten entstanden sind. Das Auftreten römischer Spuren in nächster Nähe der abgebrochenen St. Michaelskirche erscheint, unter diesem Gesichtspunkt gesehen, in eigenartigem Dämmerlicht. An dieser Stelle mag auch noch an die vor rund zwei Jahrzehnten entdeckten r ö m i s c h e n U r n e n g r ä b e r i n d e r L o r e t o erinnert werden, die, nach Ausweis der Beigaben, ins 2. Jahrhundert n. Chr. fallen. Sie geben Zeugnis v o n einer r ö m i s c h e n S i e d l u n g , d i e schon vor der a l e m a n n i s c h e n Landn a h m e in n ä c h s t e r N ä h e des heutig e n S t a d t g e b i e t e s b e s t a n d e n hat. Welcher Art diese Siedlung war (ob Dorf, Weiler oder einzelner Gutshof) und wo sie zu suchen ist, sind Fragen, deren Lösung wir von den Hütern zugerischer Bodenforschung zuversichtlich erwarten dürfen.28)

Wir feiern in Bälde das 600jährige Jubiläum der Aufnahme Zugs in den Bund der Eidgenossen (1352). Wäre es nicht auch eine würdige Begehung dieser Jubelfeier, wenn die Stadt die Gelegenheit wahrnehmen würde, um sich einmal auf ihre Anfänge zu besinnen und mit T a t e n zu beweisen, daß ihr ob den mannigfaltigen Aufgaben der Gegenwart Sinn und Verständnis für die eigene Vergangenheit nicht abhanden gekommen ist. A u f L ö b e r n , L o r e t o u n d S t . M i ch a e l harren bedeutsame Kapitel frühester Stadtgeschichte ihrer Aufklärung.

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der aber nicht mehr miterlebt hat Nur der Eingeweihte kann ermessen, wieviel unentwegte und undankbare und selbst in gebildeten Kreisen oft genug mitleidig belächelte Kleinarbeit notwendig ist, um Resultate von dieser Tragweite heranreifen zu lassen.

Geschichtliche Hauptereiguisse

Daten aus der Siedlungegeschichte der Stadt Zug

Auswandenuigsversuch der Helvetier. Sieg CÄSARs bei Bibracte. Brandgräber in der Loreto. Zeugnis für Besiedlung des Stadtgebietes zur Römerzcit. Zugehörige Siedlung? — Römische Spuren in der Nähe der alten St. Michaelekirche. Alemanneneinfälle in Helvetien. Die Alemannen dringen über den Rhein. Beginn der Landnahme. Die Alemannen in der Schweiz geraten unter fränkische Herrschaft COLUMBAN und GALLUS predigen am Zürich- und am Bodensee. Beginn der Christianisierung der Alemannen. 6.—7. Jahrb.

800

Eine alemannische Hundertschaft läßt sich in der Talschaft von Zug nieder (Allmenden, Ortsnamen!).

Alemannisches Gräberfeld auf der Löbern. Zugehörige Siedlung (ein «Untcrwil» oder «Niederwil»?) vermutlich beim Dorf, möglicherweise auf römischem Substrat entstanden.

751-

Zum Schluß soll der Versuch gewagt werden, unser heutiges Wissen um die Siedlungsgeschichte des Stadtgebietes stichwortartig in einer Z e i t t a f e l zusammenzufassen. Unter Ausschluß der prähistorischen Zeit (neolithischer Pfahlbau Vorstadt, spätbronzezeitliche Siedlung Schmiedgasse) vermögen Archäologe und Historiker in das Dunkel der frühen Stadtgeschichte folgende Lichter zu setzen (siehe folgende Seite):

20

) Daß sich innerhalb von knapp 20 Jahren das Dunkel über Zugs Frühgeschichte in zwei wesentlichen Punkten gelichtet hat (römische und alemannische Besiedlung!), ist unbestritten das Verdienst von Dir. M. SPECK und seinem getreuen Mitarbeiter ALB. WEISS. Ihnen ist der große Wurf gelungen, den Pater SCHERER wohl prophezeit, lei-

Chronolog. Fixpunkte

Kaiserkrönung KARLS DES GROSSEN.

858

Erste urkundliche Erwähnung zugerischen Gebietes: LUDWIG DER DEUTSCHE schenkt den Königshof Chain (samt «Kirchen»!) der Fraumünsterabtei Zürich.

8.—9. Jahrb.

Älteste St. Michaelskirche? Bau der Burg als Sitz eines fränkischen Zentgrafen? Blüte geistlicher und weltlicher Herrschaften: Lenzburger (t 1173), Kyburger (t 1263), Habsburger.

911-

um 1200

1255-

1242 1255

1273-

1273 1275 1291

Gründung des Städtchens Zug durch die Kyburger als Umschlageplatz an der Gotthardroute. Burg, Dorf und Pfarrkirche St Michael werden nicht in die Ringmauern miteinbezogen. Die „Stadt" Zug urkundlich belegbar

RUDOLF L, Graf von Habsburg, deutscher Kaiser. Tod RUDOLF L, Bund der drei Länder Uri, Schwyz und Unterwaiden.

Zug geht durch Kauf von den letzten Kyburgern an die Habsburger über. «Mordnacht» auf der Löbern?

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Literatur BIRCHLER, L.: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, L—II. Basel (Birkhäuscr) 1934—35. (BOSSARD, G.): Verzeichnis der Glasgemälde und antiken Waffen im Zeughaus in Zug. Zug (Keller) 1881. BRUCKNER, W.: Schweizerische Ortsnamenkunde. Eine Einführung. Volkstum der Schweiz, VI. Basel 1945. DURRER, R.: Neue Beiträge zur Aue- und Fortbildung der Befreiungssage, VI. Die Chronik des Kaspar Suter von 1549. Anzeiger für schweizerische Geschichte, 47, N. F. 14, 5—19. Bern 1916. HENGGELER, R.: Die Patrozinien im Gebiete des Kantons Zug. Sonderdruck aus der Heimatklänge, Zug (Zürcher) 1932. HOPPELER, R.: Die Anfänge der Stadt Zug. Anzeiger für schweizerische Geschichte, N. F. 11, 21—24. Bern 1910. LIEBENAU, Th. v.: Zur Geßler-Chronik. Anzeiger für schweizerische Geschichte und Altertumskunde, 11, Nr. 2, 21—26. 1865. Caspar Suter von Borgen, Lehrer in Zug. Zuger Neujahrsblatt 1885, 3—9. Zug 1885. MOOG, F.: Der Alemannenfriedhof von Wyhlen (Amt Lörrach). Badische Fundberichte, 15, 108—125, Abb. l—4. 1939. MÜLLER, AI.: Die Chronik von Jakob Bernhard Brandenberg von Zug. Zugcr Kalender 79, 14-40. Zug 1934. Zur ältesten Geschichte des Zugerlandes. Die fränkische Zeit. Zuger Kalender 81, 14—38, Abb. l—4. Zug 1936. II. Die Zeit der territorialen Herrschaften des Lehensoder des Feudalwesens. Zuger Kalender 82, 14—31, Abb. 1—9. Zug 1937.

Die Anfänge der Stadt Zug, 1242—1942. Zuger Kalender 87, 28—34, Abb. 2. Zug 1942. RÜTTIMANN, K.: Die zugeriechen Allmendkorporationen. Diss. Univ. Bern. Abhandlung zum schweizerischen Recht, H. 2. Bern 1904. SALADIN, G.: Namen für vorgeschichtliche Grabhügel. Heimatklänge Nr. 3, S. 10—12 (Sonntagsbeilage zu den «Zuger Nachrichten». Zug 1932. Ein Gang durch die zugerischen Ortsnamen. Zugcr Neujahreblatt 1943, 3—15. Zug 1943. SCHERER, E.: Die urgcschichtlichen und frühgeschichtlichen Altertümer des Kantons Zug. Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, 22—25. Zürich 1920 bis 1923. SCHMID, R.: Stadt und Amt Zug bis 1798. Beitrag zut Kenntnis des älteren Staatsrerhtes des Kantons Zug. Geschichtsfreund 70, 1—156. 1915. SCHNELLER, J.: Ältester Urbar des Benediktinerstifts Engelberg aus dem 12. Jahrhundert, samt einem Zinsrodel des 14. Säculums, Geschichtefreund 17, 244—250. 1861. STADLIN-IMBACH, L.: Illustrierter zugerischer Zeughauekatalog. Ein Führer durch die Sammlung alter Waffen und Glaegemälde. Zug (J.Zürcher) 1892. STAUB, B.: Der Kanton Zug. Historische, geographische und statistische Notizen. 2. Aufl. Zug (Eisener) 1869. TATARINOFF, E.: Die Kultur derVölkerwanderungezeit im Kanton Solothurn. 152 S. SA aus Jahrbuch für eolotliurnische Geschichte, 7. 1934. ZUMBACH, E.: Die zugerischen Ammänner und Landammänner. — Geschichtsfreuiid 85—86, Stans 1931—1932.

CHRONIK DES KANTONS ZUG FÜR DAS J A H R 1948 JANUAR 4. Die Kirchgemeinde-Versammlung Zug wählte als Nachfolger des vielverdienten, vom hochw. Episkopat zum Direktor der Inländischen Mission bestimmten Domherrn, Franz Xaver Schnyder zum neuen Pfarrer von St. Michael H. H. Hans Stäuble von Laufenburg (Aargau), Pfarrhelfer in Baden. 5. Durch die starken Schneefälle wurden die in der letzten Zeit in der Innerschweiz gesichteten Wildschweinrudel in das Zugerland getrieben und fielen als Beute den Zuger Jägern anheim. 26. Die kantonale Volksabstimmung über die Besoldung der Lehrerschaft brachte 2370 JaStimmen und 1571 Nein an die Urne. Der 24. Zuger Bauerntag vereinigte unsere Bauern in Zug. Das Hauptreferat hielt Prof. Dr. Howald, Brugg über «Preis und Lohn in der Landwirtschaft». 31. Der überaus milde Winter brachte hohe Wärmetemperaturen, wurden doch bis 17 Grad gemessen.

FEBRUAR 1. Die Einwohnergemeinde-Versammlung von Menzingen beschloß den Neubau eines Schulhauses in Finstersee, und die Chamer Gemeindeversammlung verkaufte den Hof Schluecht an den Kanton, damit dort die landwirtschaftliche Schule samt Musterbetrieb eingerichtet werden kann. 22. Der hochwürdigste Bischof von Basel-Lugano, Dr. Franziskus von Streng, installiert den neuen Stadtpfarrer H. H. Hans Stäuble in sein neues Amt zu St. Michael. 27. In Cham ereignete sich ein furchtbares Unglück, dem das Ehepaar Vetter-Bucher, zum Seefeld, die Tochter Anna Vetter und die Angestellte Annamarie Müller, von Sisikon, zum Opfer fielen. Bei Grabarbeiten muß sich wahrscheinlich ein Röhrenbruch ereignet haben, sodaß das ausströmende Gas die unglücklichen Hausinsassen während der Nacht vergiftete. 28. In der Leitung der zugerischen Kantonsschule trat ein Wechsel ein. Herr Rektor Dr. Alois Rüdisüle trat wegen Erreichung der Altersgrenze von seinem Amte zurück. Der Regierungsrat wählte als neuen Rektor Herrn Professor Dr. Ernst Herbener.

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MÄRZ 5. Mit Frau Therese Spillmann-Bürgi ging eine wackere Helferin der Armen und Kranken zur ewigen Ruhe. Sie war Mitbegründerin und während vielen Jahren Präsidentin der Frauenliga des Kantons Zug. Sie starb im Alter von 83 Jahren. 7. In Steinhausen starb der frühere Posthalter Josef Hüsler, der als Gemeindeschreiber viele Jahre amtete. Mit siebzig Jahren wurde von dieser Welt abberufen Lehrer Josef Zollet, der in Baar mit Erfolg vierzig Jahre gewirkt hatte. 8. Schreinermeister Josef Wettach starb im 83. Altersjahr. Der Verstorbene hatte sich um die gewerbliche Ausbildung und das Baarer Gemeinwesen große Verdienste erworben. 14. Das Zugervolk verwirft die eidgen. Vorlage über eine neue Zuckerfabrik in der Ostschweiz mit 3948 Nein gegen 2016 Ja. Noch eine stärkere Verneinung erfuhr das kantonale Ermächtigungsgesetz für die Teuerungszulagen an die Staatsbeamten, das mit 4021 Nein und 1594 Ja verworfen wurde. 15. Unsere Zuger Territorialen 149 haben eine Woche Ausbildung im Ägerital. 22. Der Kantonsrat bestätigte die vom Regierungsrat beantragte Wahl von Herrn Anton Koch von Villmergen zum neuen Steuerpräsidenten. Als Finanzsekretär wurde Dr. Josef Niederberger, von Dallenwil, in Zug, gewählt.

APRIL 12. Fast hundert Jahre hat die Kirchgemeinde Zug das alte gotische Sakramentshäuschen von St. Wolf gang in der St. Oswaldskirche in Zug aufbewahrt und vor Zerstörung gehütet. Anläßlich der Renovation der alten Wallfahrtskirche wird das ehrwürdige Kunstwerk wiederum an seinen frühern Standort in St. Wolfgang zurückgebracht. 25. Der katholische Arbeiterverein Zug feierte sein SOjähriges Jubiläum. 28. Zum erstenmal hält die Nestle-Alimentana AG. ihre Generalversammlung in Zug ab, während früher diese Tagung am alten Gründungssitz Cham abgehalten wurde. Über 500 Aktionäre waren anwesend.

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MAI 2. Der 6. kantonale Trachtentag fand in Walchwil statt. 6. Gegen 3000 Zuger pilgerten anläßlich der Landeswallfahrt nach Muria-Einsiedeln. 8. Die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug kann in einer schlichten Feier den modernen Ausbau der Waldschule Horbach dem Betrieb übergeben. 9. Das hundertjährige Bestehen des schweizerischen Bundesstaates wird von der freisinnigdemokratischen Partei in einem großen Jubiläumsakt gefeiert. Dr. E. Schürch, Bern hält das Hauptreferat, während Herr Kantonsrat Max Kamer, Zug, die Verdienste des Zuger Landammanns Georg Joseph Sidler beim Ausbau unseres Bundesstaates würdigt. Die Zuger Jungkatholiken tagen auf dem Gubel. Kantonsrat Dr. Hans Hürlimann erinnert in seinem Referat an die vor hundert J ahren erfolgte Klostergründung. 10. Das Postgebäude in Zug wird einem gänzlichen Umbau unterzogen, deshalb wird für ein halbes Jahr die Poststelle in die Bahnhofnähe verlegt. 20. Der Kantonsrat wählte als neuen Sekretär der Bau- und Sanitätsdirektion Herrn Dr. Adolf Stierli von Luzern. 21. Der Zuger Verein für Heimatgeschichte begeht die Hundertjahrfeier der schweizerischen Bundesverfassung. 23. In Unterägeri scheidet unter tragischen Umständen der bekannte Tierarzt. Dr. Hermann Zellweger aus diesem Leben. In Zug tagen die schweizerischen Betreibungsund Konkurs-Beamten. Die Sektion Zug des Schweizerischen Automobilklubs feiert das 25jährige Bestehen. 28. In den Verzinkereianlagen der Maschinenfabrik Cham brach ein Brand aus, der größeren Sachschaden verursachte.

JUNI 2. Die diesjährige Frühjahreskonferenz der Zuger Lehrerschaft stand im Zeichen der Hundertjahrfeier des Bundesstaates. Dr. Fritz Bürki, Schulinspektor in Bern, sprach über «Schule und staatsbürgerliche Erziehung». 6. In Zug fand der zentralschweizerische Kunstturnertag statt. 9. In den großen Industrieanlagen der IPSA-Rotkreuz brach ein Benzinbrand aus. Zwei Arbeiter, Heinrich Wildschutt von Uster und Josef Hegglin von Ebikon, starben an den beim Brand erlittenen Wunden.

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13. Anläßlich des Diözesan-Cäcilientages in Zug hielt der hochwürdigste Stiftspropst von St. Leodegar, Dr. theol. Franz Alfred Herzog, das feierliche Pontifikalamt. Die Bruder-Klausen-Messe von Job. Baptist Hilber, Luzern, wurde aufgeführt. 14. Am offiziellen Tag des Kantonal-Schießens in Risch nehmen die Regierung und der Kantonsrat in corpore teil. Im Kantonsrat feiert Kantonsratspräsident Josef Stadier, Zug, das hundertjährige Bestehen des schweizerischen Bundesstaates. 16. Anläßlich der Jahresversammlung der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug in Steinhausen spricht Sekundarlehrer Albert Keiser über «Jugendwandern, eine Aufgabe der Jugendfürsorge». 25. In einer von der kantonalen Offiziersgesellschaft, dem Unteroffiziersverein und dem kantonalen Schützenverband organisierten Gedenkfeier zum Bundesverfassungs-jubiläum spricht in Zug Oberstdivisionär Edgar Schumacher.

23. Die Zuger Schirmfabrik kann auf das hundertjährige Bestehen zurückblicken.

30. Im 72. Altersjahr starb a. Nationalrat Josef Stutz-Kundig, Direktor der landwirtschaftli- 18. In Oberägeri, wohin er sich nach langjähriger, gewissenhafter Schultätigkeit in Cham zurückchen Schule des Kantons Zug. Der Verstorbene gezogen hatte, starb a. Lehrer Johann Bosler. hat sich große Verdienste um die berufliche Ausbildung des landwirtschaftlichen Nachwuchses erworben, war ein tatkräftiger Förde- 20. Eine Zuger Delegation besuchte die Patronatsrer der zugerischen Landwirtschaft. Als Direkstadt Fürstenfeld in der Steiermark und erwitor und langjähriger Präsident leitete er den derte so den offiziellen Besuch, den die dortiSchweizerischen Obstverband und die schweigen Behörden der Stadt Zug abgestattet hatten. zerische Gemüseunion. Von 1931 bis 1947 gehörte Direktor Stutz dem Nationalrate an und 28. In Stamford (Connecticut USA) starb unerarbeitete in vielen Kommissionen an landwirtwartet Dr. h. c. Edouard Muller, Präsident des schaftlichen Problemen mit. Neben seinen vieVerwaltungsrates der Nestle-Alimentana AG., len Berufspflichten widmete sich Direktor Joder im Zugerland sehr bekannt war. sef Stutz besonders auch der Pflege der Musik, gründete den zugerischen Kantonalmusikverband, präsidierte jahrelang die Stadtmusik Zug, führte das Eidgenössische Musikfest in Zug 1923 als Präsident des Organisationskomi- OKTOBER tees durch und gehörte als Vizepräsident dem 4. Zug erlebt einen seltenen musikalischen GeEidgenössischen Musikvereine an. nuß, da die Musique der Legion de la Garde Republicaine im Casino als Gast der Stadtmusik konzertiert.

AUGUST

27. In Menzingen findet der 10. Kantonale Zuger Musiktag statt.

15. Die Gebrüder Josef und Hans Kalt kehren von der Londoner Olympiade mit der silbernen Medaille für Fahrt im Zweier-Boot heim und werden in Zug festlich empfangen.

JULI

21. In Walchwil starb im Alter von 45 Jahren der Gemeindeschreiber Ernst Fäßler-Fries.

2. Im Zugerland werden zwei Primizen gefeiert. In der St. Martinskirche zu Baar feiert ein Sohn des verstorbenen Landammanns Carl Staub, H. H. Josef Staub, sein Erstlingsopfer, und in Rotkreuz tritt H. H. Emil Balbi zum ersten Mal an den Altar des Herrn. 8. Beim Explosionsunglück der Feuerwerkfabrik Hilfiker in Oberarth kamen 9 Menschen ums Leben, darunter aus Walchwil der jugendliche Arbeiter Josef Ehrler und die junge Maria Hürlimann. 15. In Zug gastieren in Ibsens «Gespenster» Albert und Eise Bassermann. 16. Mit einer kleinen Feier nimmt die Kantonsschule Zug Abschied von sehr verdienten Lehrern und Schulfreunden. Wegen Erreichung der Altersgrenze scheiden aus dem zugerischen Schuldienst Rektor Dr. Alois Rüdisüle und Prof. Dr. J. J. Herzog. Zugleich legt Architekt Dagobert Keiser sein Amt als Mitglied der Aufsichtskommission nieder, welcher er vierzig Jahre angehört hat. 18. Neuheim gedenkt mit großer Feier des hundertjährigen Bestehens als eigene politische Gemeinde.

Die Innerschweizerische Bauerntagung nahm Stellung zu den brennenden Tagesfragen.

24. In Zug erlag einem Herzschlag a. Postverwalter Johann Keller-Benz, der während zwanzig Jahren die Verwaltung der Post von Zug innehatte und durch sein leutseliges Wesen allgemein beliebt war. Mit 91 Jahren schied Jacob Haab-Lang, Erbauer und ehemaliger Inhaber der Neumühle in Baar, still von dieser Welt. 28. Nachdem das böse Wetter mehrmals den StadtJugend-Tag verhindert halte, konnte er nach den Ferien durchgeführt werden.

SEPTEMBER

11. Auf seinem schönen Sitz «Bergesruh» in Menzingen starb im Alter von 81 Jahren a. Obergerichtspräsident Hans Hegglin-Nußbaumer. Mit dem Verstorbenen verschwand ein gutes Stück Alt-Menzingen. Jahrzehntelang leitete er das Gemeinwesen seiner Heimat als Einwohnerrat und Präsident. 36 Jahre gehörte er dem zugerischen Kantonsrate an und 32 Jahre saß er im Obergericht, welches er während zwei Dezennien präsidierte. Der Verstorbene war Initiant einer bessern Verbindung zwischen Berg und Tal und leitete die ESZ als Präsident des Verwaltungsrates. In weiten Kreisen war er bekannt als Gastwirt von Schwandegg und guter Schütze. 20. Die Mittwochgesellschaft Zug ehrte das Andenken eines großen Zugers durch eine Gedenktafel an der Zeughausgasse mit der Inschrift «Geburtshaus von Landammann Georg Josef Sidler 1782—1861. Verdienter zugerischer Staatsmann und Vorkämpfer für den Schweizerischen Bundesstaat». Nationalrat Dr. Manfred Stadiin hielt die Gedenkrede.

5. In der kantonalen Volksabstimmung wurde die Einführung des 8. Schuljahres wider Erwarten mit 3016 Ja und 3348 Nein verworfen. 25. Das Zuger Bataillon 48 rückte zum dreiwöchentlichen Wiederholungskurs ein. Der Kantonsratsbeschluß betr. Steuer und Gebühren im Motorfahrzeugverkehr wurde mit 3336 Ja und 3065 Nein gebilligt. 29. Der Zuger Verein für Heimatgeschichte übermittelte das Legat von a. Schiffskassier Alois 8. Am 50. Zuchtstierenmarkt in Zug wurden Landtwing im Betrage von Fr. 34 656.20 dem 1167 Zuchtstiere aufgeführt. Auf dem Marktkantonalen Winkelriedfonds gemäß Entscheid platz erschienen wiederum sehr viele ausländes Schiedsrichters Professor Dr. Oppikofer in dische Käufer. Zürich.

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NO VEMBER 14. Bei den Korporationsratswahlen in Zug wurde als Nachfolger des zurückgetretenen Anton Wickart neu gewählt Kantonsrat Gottfried Sidler, Oberwil-Zug.

Neu ins Obergericht wurde an Stelle des zurückgetretenen Alois Wettach, a. Kantonsgerichtspräsident, Eugen Fischer, Generalagent, Zug, gewählt.

DEZEMBER

15. Die Schwyzer Regierung hat zur feierlichen Schlachtjahrzeit am Morgarten, die nun alljährlich gefeiert werden soll, auch die Zuger Regierung eingeladen. Am traditionellen Morgartenschießen nahmen 1250 Schützen teil. Die Festrede hielt Univ.Prof. Dr. Eduard Montalta, Major i. G., ZugFribourg.

1. In Oberwil-Zug wurde durch die Genossenschaft Rebmatt eine neue Wohnsiedlung geschaffen, die in der ersten Etappe acht Einfamilienhäuser zählt. — Die Wohnsiedlung Ammannsmatt der Heimstätte^Genossenschaft erfuhr einen weitem Ausbau.

16. Steinhausen erhält nun auch eine eigene Sekundärschule. Im Alter von 79 Jahren starb a. Einwohnerrat Alois Hüsler, zum Rößli, in Steinhausen, langjähriger Friedensrichter und Betreibungsbeamter.

6. In Zug wurde das umgebaute Postgebäude eröffnet.

21. In Zug verschied Josef Weiß, a. Wagnermeister, ein bekannter Meisterschütze, der am letzten Kantonalschießen in Zug mit seinen 75 Jahren zu Meisterehren kam. 27. Die Zuger Geschäftswelt stellt im Casino ihre Produkte aus unter dem Motto «Zug zeigt, was Zug kann». 28. Die kantonalen Richterwahlen wurden still durchgeführt. Die bisherigen Mitglieder des Kantons- und Obergerichtes wurden bestätigt.

4. Der Zuger Maler Hans Zürcher, Luzern, stellte in Zug seine Gemälde aus.

10. Ein Waggon voll Liebesgaben für die Zuger Patronatsstadt Fürsienfeld verließ Zug. 15. Bei der diesjährigen Rekrutenaushebung steht der Kanton Zug an der Spitze mit der Tauglichkeitsziffer von 85,3%. Der eidgenössische Durchschnitt beträgt 80,7%. 30. Der Kantonsrat wählte zum neuen Präsidenten der gesetzgebenden Behörde Dr. jur. Manfred Stadiin, Nationalrat, Zug, und zum Vizepräsidenten Leo Hürlimann, a. Gemeindeschreiber, Walchwil. Als neuer Landammann wurde bestimmt Regierungsrat Dr. jur. Rudolf Schmid, Baar, und als Statthalter Dr. jur. Emil Steimer, Zug.

Die Papierindustrie hat die Schwierigkeiten der Rohstoffbeschaffung überwunden und verzeichnet eine Vollbeschäftigung. Die Nachfrage nach Bauplatten hielt an, trotz Rückgang in der Bautätigkeit. Auch hier meldet sich die ausländische Konkurrenz leise an. Die Müllereien verzeichnen einen normalen Ablauf. Die vom Bund verbilligten ausländischen Futtermittel drückten den Markt. In Übereinstimmung mit der allgemein günstigen Konjunkturlage verzeichnete die Zuger Kantonalbank eine starke Verkehrssteigerung, an der sowohl das Kontokorrent- als auch das Hypothekargeschäft Anteil hatten. Der Geschäftsumsatz stieg von 957 Millionen auf 1080 Millionen und überschritt somit erstmals die Milliardengrenze. Die Bilanzsumme erhöhte sich auf 113,593 Millionen gegenüber 107,922 Millionen im Vorjahr. Die Schweizerische Kreditanstalt mit Hauptsitz in Zürich verzeichnete für das Gesamtinstitut allgemein einen guten Geschäftsgang, der eine nochmalige ansehnliche Zunahme der Umsätze brachte. Die Bilanzsumme hat eine weitere Erhöhung um 64 Millionen Franken erfahren und überschreitet mit 2023 Millionen erstmals auf Ende 1948 die Zweimilliardengrenze. An diesen Summen ist die Filiale in Zug in angemessener Weise beteiligt. Der zwölfte Geschäftsbericht der Kredit- und Verwaltungsbank AG. Zug verzeichnet pro 1948 eine Zunahme der Bilanzsumme von Fr. 880 000.— auf 4 Millionen. Handel und Gewerbe konnten ein ausgezeichnetes Geschäftsjahr verzeichnen. Die Gebäudestatistik weist 145 Neubavtten auf gegenüber 86 im Vorjahr. Unter den Neubauten befinden sich 99 (70) Wohnhäuser mit 221 (161) Wohnungen. Der Wohuungsmangel ist aber immer noch sehr stark.

Im wirtschaftlichen Leben des Kantons Zug häuften sich die Anzeichen, daß die Konjunktur der Nachkriegszeit ihren Höhepunkt erreicht hat und daß sich langsam eine Normalisierung der Wirtschaftslage anbahnt. Arbeitslosigkeit zeigte sich aber noch keine. Die Beschaffung der Rohstoffe hat sich im Berichtsjahre stark gebessert.

an Feinblechen machte sich auch bemerkbar. Es wurde daher die Schaffung neuer Artikel begonnen. Die Maschinenindustrie war voll beschäftigt. Der Export war in der ersten Jahreshälfte größer, während das Inlandgeschäft sich im Rahmen des letzten Jahres hielt.

Die Industrie elektrischer Apparate verzeichnete eine Vollbeschäftigung. Die Nachfrage nach Zählern war groß, der südamerikanische Markt litt jedoch unter den bekannten Einfuhrschwierigkeilen. Der Arbeiterbestand konnte im Hinblick auf die vorliegenden Aufträge und die Notwendigkeit, kurzfristig zu liefern, erhöht werden.

In der Verzinkerei konnte wieder eine Vollbeschäftigung festgestellt werden. Stark setzte die ausländische Konkurrenz an Waschmaschinen ein. Die Entwicklung der Bautätigkeit wird ihre Auswirkungen auf den Beschäftigungsgrad zeigen.

Bei der Metallwarenfabrikation trat der relativ hohe Import von Haushaltungsartikeln in Erscheinung. Da die Gewinnmarge für inländische Erzeugnisse von der Preiskontrolle auf der Vorkriegshöhe belassen wurde, vermag sie die gestiegenen Unkosten nicht mehr zu decken, der Detaillist greift darum zu Importwaren. Der Mangel

Die langfristigen Aufträge beschäftigten die Baurnivollindustrie voll. Die Nachfrage nach Garn konnte erfüllt werden. Durch den Import von billigen, aber qualitativ schlechtem Fertigwaren wurde der Inlandmarkt etwas verdorben. Der Export dürfte den Inlandmarkt, der noch einen starken Nachholbedarf aufweist, entlasten und eine Normallage schaffen, wo sich die Qualität wiederum durchsetzen wird.

Die Zugerischen Transportanstalten spürten die ungünstige Witterung, wobei besonders die Schifffahrt betroffen wurde. Der Ausfall des Winter-

sports wurde der Bergbahn durch die schönen Herbsttage ausgeglichen. Die Landwirtschaft verzeichnete nicht nur einen durch die Witterungsverhältnisse bedingten Ertragsausfall, sondern überdies auch einen empfindlichen Konjunkturrückschlag, der sich in vermehrten Absatz- und Verwertungssorgen bemerkbar machte. Die Heuernte in den Berglagen litt unter dem schlechten Wetter, während sie in den tiefem Lagen bei rechtzeitigem Beginn zufriedenstellend war. Die Sommersaaten litten unter der starken Trockenheit, und die unbeständige Witterung bei der Ernte erschwerte die Arbeit und brachte auch einen qualitativen Ausfall. Die Krautfäule bewirkte in der Kartoffelernte einen Eintrag. Der verminderte Kartoffelkonsum brachte den Verkauf ins Stocken und drückte auf den Preis. Die Gesamtackerfläche im Kanton Zug ging um 10% zurück. Allgemein gut war die Obsternte. Der Schorf brachte Schaden, wo man nicht eine gute Baumpflege beachtete. Der Behang der Kirschbäume war sehr gut, das nasse Erntewetter beeinträchtigte aber die Qualität der Tafelkirschen. Die Zwetschgenernte war wie die Nußernte gut. Die Milchproduktion stieg durch die günstige Futterversorgung leicht an. Der Holzmarkt war normal. Das Auftreten des Borkenkäfers zwang zu einzelnen Schlägen. Der starke Anfall von Rundholz aus dem Schwarzwald löste die Kontingentierimg auf. Die abnehmende Bautätigkeit im zweiten Halbjahr machte sich auch in den Sägereien bemerkbar. An Meliorationen hatte der Kanton 5,487,200 Franken bewilligt, bis Jahresende waren rund 4,525,000 Franken aufgebraucht, sodaß für den Abschluß des außerordentlichen Meliorationsprogrammes noch zirka Fr. 960,000.— zur Verfügung stehen.

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Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug

G O L D E N E S BUCH EHRENTAFEL DER V E R G A B U N G E N IM KANTON ZUG

Frauenliga des Kantons Zug, für die Hausbibliothek . Wasserwerke Zug AG. . Zuger Kantonalbank

vom 1. Oktober 1948 bis 30. September 1949

Zug Einwohnergemeinde Wasserwerke Zug AG.: Für die Wöchnerinnenstube . Fr. Für den Annenhilfsfonds . . »

200.200.

Bürgergemeinde Nestle-Alimentana AG., Cham: F ü r d e n Spital . . . . Frl. Anna Wiederkehr: Für den Spital . . . . Wasserwerke Zug AG.: Für den Spital . . . . Für die Waisenanstalt . . Frau Schell-Menteler, Zug: Für die Waisenanstalt . .

F r . 10,000.— »

5,000.—

» »

400.— 150.—

»

2,000.—

Josef Nußbaumer-Landolt, Zug: Für das Bürgerasyl . . . F r . 1,000.— Ungenannt: F ü r d e n Bürgerfonds . . . » 500.—

Unterägeri Einwohnergemeinde Wasserwerke Zug AG.: Für den Armenfonds. . . Fr. Zuger Kantonalbank: Für den Schulsuppenfonds . »

250.— 50.—

Baar Einwohnergemeinde Wasserwerke Zug AG.: Für das Armenwesen . . . Fr. Zuger Kantonalbank: F ü r d i e Schulsuppe . . . »

Übertrag Fr. 70,100.— Rudolf Hubert-Ritter, Cham: Für die Freihaltung des Seeabflusses von der Bodenflora » 1,000.— Wasserwerke Zug AG.: F ü r d i e Armenpflege . . . » 300.— Für die Kindergärten Cham und Lindencham . » 200.— Kirchgemeinde Für die Renovation der Kirche St. Wolf gang: Von Ungenannt . Fr. 5,000. » 500, Zuger Kaiitonalbank . » 5,000, Kanton Z u g . . . . Bürgergemeinde Hünenberg » 1,000, » 300. Ungenannt . . . . Ungenannt . . . . » 300,

Steinhausen

Oberägeri Bürgergemeinde

Einwohnergemeinde Alois Hüsler, zum Rößli, Steinhausen: Für die Schülerreisekasse Fr.

500.—

Risch Einwohnergemeinde Max Müller-Mettler: Für den Fonds Schulhausneubau Risch . Fr. 20,000.—

Walchwil Einwohnergemeinde Wasserwerke Zug AG.: Für die Armenfürsorge . . Fr. 150.— a. Grundbuchverwalter A. Hürlimann: F ü r d i e Schulkinder . . . » 1,600.— Bürgergemeinde

300.— 50.—

a. Grundbuchverwalter A. Hürlimann : Für den Armenhausbaufonds Fr. 20,000.— Adelheid Hürlimann, Steinach: F ü r d e n Armenfonds . . . » 500.—

Cham Einwohnergemeinde

Neuheim

Papierfabrik Cham: Für Landankauf Fr. 50,000.— Villete-Liegenschaft Übertrag Fr. 70,100.—

Bürgergemeinde Fridoline Zürcher, Zug: Für die Bürgerarmenpflege . Fr. 200.— Fr. 126,650.—

74

Sanatorium «Adelheid», Unterägeri: Fr. 200, » 300, » 150.Fr. 650,

Zuger Kinderheilstätte «Heime/i», Unterägeri: Fr. 200.— » 100.— » 48.— » 55.— » 30.— » 10.— Fr. 443.—

Wasserwerke Zug AG. . Zuger Kantonalbank Private Sammelkollekte . Geistige Blumenspenden. Henkel & Cie., Basel AG. vorm. Keiser-Stocklin, Zug .

Waldschule u. Kinderheim «Horbach»,Zugerberg: Fr. 1,600.— Zinserlaß der Stadt Zug . Metallwarenfabrik Zug . » 500.— » 500.— Landis & Gyr AG., Zug . » 500.— Spinnerei an der Lorze, Baar Zuger Industrie-Verband » 394.25 Verzinkerei Zug AG., Zug . » 300.— Kistenfabrik AG., Zug . » 300.— V o n Ungenannt . . . . » 400.— Zuger Kantonalbank » 300.— Schweiz. Kreditanstalt, Zug . » 500.— Wasserwerke Zug AG. . » 500.— Spinnereien Ägeri, Neuägeri » 100.— Einwohnergemeinde Zug » 100.— Einwohnergemeinde Baar . » 100.— Einwohnergemeinde Cham . » 100.— Von Privat » 280.— Rotary-Club, Zug » 50.— Weberei an der Lorze, Zug . » 50.— Geistige Kranzspenden . » 110.— Fr. 6,684.25 Tuberkulose-Für sorgestelle des Kantons Zug: Frauenliga des Kantons Zug Regierung des Kantons Zug . Wasserwerke Zug AG. . Beiträge der Einwohnergemeinden des Kantons Zug

Fr. 2,000.— » 500.— » 500.— » 435.— Fr. 3,435.—

yerkehrsrechnung der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug: Regierung des Kantons Zug . Nestle-Alimentana AG Metallwarenfabrik Zug . .

. .

. F r . 210. • » 200. . » 100.

Übertrag Fr. 510.— Landis & Gyr AG., Zug . Fr. 100.— Zuger Kantonalbank » 100.— Wasserwerke Zug AG. . » 150.— Rotary-Club, Zug » 100.— Bürgerrat der Stadt Zug » 60.— Korporation Zug » 50.— Von Privat » 100.— Freiwillige Mitgliederspenden » 2,437.— Fr. 3,607.— Frcizeitwerkstätte Zug: Stadtgemeinde Zug . Zuger Industrieverband . Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug Regierung des Kantons Zug . Wasserwerke Zug

Fr. »

700.— 300.—

» 300.— » 120.— » 100.— Fr. 1,520.—

Frauenliga des Kantons Zug Landis & Gyr AG., Zug . . . . Fr. 500.Zuger Kantonalbank » 100. Schweiz. Kreditanstalt Z u g . . . » 50. Nestle-Alimentana AG., Cham . . » 250. Spinnerei an der Lorze, Baar . . » 200.Spinnereien Ägeri, Neuägeri . . » 500. Wasserwerke Zug AG » 100. Metallwarenfabrik Zug » 100. Einwohnergemeinde Z u g . . . » 200. Bürgergemeinde Zug . . . , » 150. Korporation Zug » 50. . Verzinkerei Zug » 50.— Kistenfabrik AG., Zug » 50.— Maschinenfabrik Cham » 100.— Kloster Menzingen » 100. Kloster Heilig Kreuz, Cham . . . » 50.— Kloster Frauenthal . . . . » 10. Frau Abegg-Stokar, Schloß Buonas . » 50.— Herr Dir. Gigli, Weberei an der Lorze Zu g » 20.— Statt Kranzspenden » 55

Fr. 2,695.— Asyl Cham Legale: Rudolf Hubert-Ritter, Cham . Fr. 5,000. Frau Verena Milz, Holzhäusern . » 200. Gaben: Nestle-Alimentana AG., Cham . Fr. 1,000.— Wasserwerke Z u g A G . . . . » 200. Diverse Gönner » 401.85 Kranzenthebungskarten . . » 346. Einwohnergemeinde Cham: Beitrag an die Wöchnerinnenstube » 250.—

Übertrag Fr. 510.—

Fr. 7,397.85

Total Vergabungen Fr. 153,082.10

75

INHALTS-VERZEICHNIS Seite

Das Urkundenbuch von Stadt und Amt Zug. Von Dr. jur. E. Zumbach, Zug

3

Bürgerkönig Louis Philipp und Zug. Von Dr. phil. Hans Koch, Zug

9

Künstlerjubilaren. Von Dr. phil. Theodor Hafner, Zug

15

Das Zugeralpli. Gedicht von Frieda Meyer, Windisch

18

Die zugerischc Gesetzgebung 1939-1942 im Blickfeld des Zeitgeschehens. Von Dr. jur. Hans Huriimann, Zug 19 Gruß an den Zugersee. Gedicht von Frieda Meyer

30

Der Zugersce. Seine geologischen, hydrologischen und klimatischen Verhältnisse. Von Dipl.-Ing. Max Bütler, Chain

31

Abendruh. Gedicht von Frieda Meyer

44

Drei Zuger Bruder-Klausen-Bildnisse. Von Georges Klauscner, Küßnacht a. R

45

Stadt der lugend. Gedicht von Rolf Dolder, Zürich

53

Der Zugerfriedhof. Gedicht von Frieda Meyer

54

Die Eisenfundc aus der Burgruine Hünenberg. Von Dr. Hugo Schneider, Zürich

55

Die Zuger Löbern - Walstatt oder Friedhof? Ein archäologischer Beitrag zur Frühgeschichte der Stadt Zug. Von Dr. phil. Jos. Speck, Zug 61 Chronik des Kantons Zug für das Jahr 1948. Von Dr. phil. Hans Koch, Zug

69

Goldenes Buch. Ehrentafel der Vergabungen im Kanton Zug. Von Alois Wiokart. Zug

74

Die graphischen Blätter «Zugersee» und «Reiten stammen von Werner Andermatt, Zug

Nachdruck der Beiträge nur mit Quellenangabe gestattet.

V e r a n t w o r t l i c h e r R e d a k t o r : D r . Theodor Hafner, Z u g