Zur politischen Ökonomie des Krieges

Zur politischen Ökonomie des Krieges

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Zur politischen Ökonomie des Krieges Otto Neuraths Kriegswirtschaftslehre als Friedensutopie? Günther Sandner

Otto Neurath Der vielseitige Wissenschaftler und Pädagoge Otto Neurath (1882-1945) ist heute nur mehr wenigen Menschen wegen seiner Kriegswirtschaftslehre bekannt. 1 Man erinnert sich vielmehr an den streitbaren Anti-Metaphysiker im legendären Wiener Kreis der Zwischenkriegszeit, an den „organisatorischen Motor“ (Rudolf Carnap) der Einheitswissenschaft und des Logischen Empirismus und natürlich an den Begründer einer Bildsprache (ISOTYPE), deren Piktogramme bis heute sichtbare Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen haben. Dass Otto Neurath auch ein überaus produktiver und streitbarer Ökonom war, ist hingegen weniger bekannt. Zumindest bis 1918 wurde aber vor allem die Kriegswirtschaftslehre mit seinem Namen verbunden. Mit seiner unmittelbar daran anschliessenden Theorie der Vollsozialisierung war Neurath bis in die frühen 1920er Jahre ein weit über die ökonomischen Fachkreise hinaus bekannter Autor. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wurde er für kurze Zeit sogar zu einer zentralen Figur der Wirtschaftspolitik in Deutschland und – mit Einschränkungen – auch in Österreich.

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Zur Biographie Otto Neuraths: Karola Fleck, Otto Neurath. Eine biographisch-systematische Untersuchung, Dissertation Universität Graz 1979; Nancy Cartwright, Jordi Cat, Lola Fleck und Thomas E. Uebel, Otto Neurath. Philosophy Between Science and Politics, Cambridge 1996; Paul Neurath, Otto Neurath (1882-1945). Leben und Werk, in: Paul Neurath, Elisabeth Nemeth (Hg.), Otto Neurath oder die Einheit von Wissenschaft und Gesellschaft, Wien/ Köln/ Weimar 1994, S. 13-96; Thomas E. Uebel, Otto Neurath: Leben und Werk, in: Internationale Bibliographie zur österreichischen Philosophie, Amsterdam/New York 2005, S. 7-51; Jordi Cat, Otto Neurath, in: Edward N. Zalta (Hg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2011 Edition), [21.05.2014]; Günther Sandner, Otto Neurath. Eine politische Biographie, Wien 2014.

 

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Krieg und Wirtschaftsplanung Während des Ersten Weltkriegs traten Staat und Wirtschaft in ein Naheverhältnis, wie es zuvor kaum denkbar gewesen war.2 Bedingt durch die britische Wirtschaftsblockade waren die Mittelmächte, Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich, weitgehend vom Weltmarkt abgeschnitten. Der Mangel an Rohstoffen und an Arbeitskräften wurde zu einem wirtschaftlichen Schlüsselproblem, denn massive Exporteinschränkungen zwangen zur Produktion von Ersatzstoffen. Nun wurden verstärkt Instrumente staatlicher Planung und Regulierung eingesetzt und kriegswirtschaftliche Institutionen ins Leben gerufen. Das hatte es, zumindest in diesem Ausmass, zuvor nicht gegeben. Bereits im August 1914 richtete man im Deutschen Reich unter der Leitung des Grossindustriellen Walther Rathenau eine „Kriegs-Rohstoff-Abteilung“ im Kriegsministerium ein, die Rohstoffe beschaffen und Surrogate herstellen sollte.3 Daneben gab es eine Zentraleinkaufsstelle mit Einfuhrmonopol und ein Kriegsernährungsamt, das die Bewirtschaftung lebenswichtiger Inlandswaren besorgte. Zentralverteilungsstellen organisierten die Vergabe von Waren, Preise wurden überwacht, Qualitäten kontrolliert und Rationen festgelegt. Passend dazu wurden in zahlreichen Schriften auf staatlicher Lenkung und Intervention basierende Wirtschaftsmodelle präsentiert, die an die Stelle des als morsch und überholt geltenden Systems der Vorkriegswirtschaft treten sollten. Zu den Protagonisten dieser Debatte zählte neben dem späteren Aussenminister Walther Rathenau, der auch ein vielgelesener Autor und Schriftsteller war, der spätere Unterstaatssekretär im Reichswirtschaftsministerium Wichard von Moellendorff.4 Die beiden stammten zwar keineswegs aus der radikalen Linken, dennoch riefen ihre Vorschläge gerade bei Unternehmern Irritationen hervor. Für die politische Linke hingegen war staatlicher Interventionismus als Mittel der Bedarfssicherung und materiellen Verteilung ein überaus attraktives Konzept. Selbst die hinter dieser Politik stehenden Kriegsziele wurden vielfach nicht in Frage gestellt. Der liberale Ökonom Ludwig von Mises spottete daher über die seltsame geistige Koalition, die Militarismus und Sozialdemokratie in ihrer Bewertung des Krieges eingegangen waren. 5 Im ‚Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik’ prognostizierte der Nationalökonom und spätere Finanzminister der Regierung des unabhängigen Sozialdemokraten Kurt Eisner, Edgar Jaffé, dass die im Krieg notwendige „Militarisierung des Wirtschaftslebens“ Konsequenzen für die Wirtschaftsordnung nach dem Krieg haben und das Heerwesen als Muster für einen künftigen

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Hans-Peter Ullmann, Kriegswirtschaft, in: Gerhard Hirschfeld [u.a.] (Hg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn/ München/ Wien/ Zürich 2003, S. 220-232, hier S. 222. Wolfgang Michalka, Kriegsrohstoffbewirtschaftung, Walther Rathenau und die ‚kommende Wirtschaft’, in Wolfgang Michalka (Hg.), Der Erste Weltkrieg. Wirkung – Wahrnehmung – Analyse, Weyarn 1997, S. 485-505, hier S. 487. Walther Rathenau, Die neue Wirtschaft, Berlin 1918; Wichard von Moellendorff, Deutsche Gemeinwirtschaft, Berlin 1916. Ludwig von Mises, Nation, Staat und Wirtschaft. Beiträge zur Politik und Geschichte der Zeit, Wien/ Leipzig 1919, S. 145.

 

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Staatssozialismus dienen werde.6 Viele politisch fortschrittlich orientierte Menschen sahen eine klare Linie, die von der Schutzzollpolitik nach den Gründerjahren, dem Ausbau der staatlichen Sozialgesetzgebung, der Schaffung staatlicher Monopole (Eisenbahn, Post, Telegraph etc.) und der Organisation der Produzenten in Kartellen und Syndikaten sowie der Arbeiter in Gewerkschaften und Genossenschaften verlief: Es war eine Entwicklung, die weg von der freien Marktwirtschaft und hin zu einer staatlichen Zentralverwaltungswirtschaft führte.7 Der Krieg, so die verbreitete Ansicht, beschleunige diese Entwicklung nun unaufhaltsam. Auch in der österreichischen Sozialdemokratie vertraten manche Theoretiker die Ansicht, dass der Krieg eine Entwicklung hin zum Sozialismus angestossen habe.8 In diesem Kontext wurde die Kriegswirtschaftslehre, deren Anfänge in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichen, zu einem wichtigen Bestandteil nationalökonomischer Debatten. Wer aber immer darüber schrieb, kam an dem Namen Otto Neurath nicht vorbei.9 Seine bereits um 1910 aufkommende Kriegswirtschaftslehre wurde im Ersten Weltkrieg sowohl in Deutschland als auch in ÖsterreichUngarn als ein wichtiges wissenschaftliches Instrument der Kriegsführung betrachtet. Immerhin war die Aufrechterhaltung von Produktion und Versorgung eine unabdingbare Voraussetzung, um im Krieg militärisch erfolgreich zu sein. Freilich konnte eine solche Lehre nicht politisch neutral sein, sie bot aber Anknüpfungspunkte recht unterschiedlicher Art. Es waren keineswegs nur Nationalisten und Kriegsbefürworter, die sich von der Transformation des Wirtschaftssystems im Krieg angesprochen fühlten. Zentrale Planung, Rationalisierung der Produktion, gelenkte Verteilung und Naturalwirtschaft stiessen gerade auch in der Linken auf beträchtliche Resonanz. In ihren Augen erzwang der Krieg ein Wirtschaftssystem, das den Markt ausser Kraft setzte und somit eine Vorstufe zur Planwirtschaft bildete. Neuraths Kriegswirtschaftslehre Otto Neuraths Kriegswirtschaftslehre basierte auf wirtschaftshistorischen Studien, denen er sich schon seit seinem Studium bei Gustav Schmoller und Eduard Meyer in Berlin gewidmet hatte. In diesem Zusammenhang strich er vor allem das Verständnis der Kriegswirtschaft in der Antike heraus, als Kriege keineswegs nur als wirtschaftsschädigend bewertet, sondern auch deren mögliche positive ökonomische Effekte diskutiert wurden. Schon in seiner 1906 eingereichten Dissertation, deren zweiter 6

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Edgar Jaffé, «Die ‚Militarisierung’ des Wirtschaftslebens», in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 40 (1915), S. 511-547. Ingrid Belke, Die sozialreformerischen Ideen von Josef Popper-Lynkeus (1838-1921) im Zusammenhang mit allgemeinen Reformbestrebungen des Wiener Bürgertums um die Jahrhundertwende, Tübingen 1978, S. 206. Allgemein zur österreichischen Sozialdemokratie siehe Erwin Weissel, Die Ohnmacht des Sieges. Arbeiterschaft und Sozialisierung nach dem Ersten Weltkrieg, Wien 1976, S. 158-166. Das zeigt sich auch bei Ferdinand Schmid, Kriegswirtschaftslehre, Leipzig 1915, der immer wieder auf die Arbeiten Neuraths zurückkommt. Siehe dazu etwa die anerkennenden, wenn auch nicht unkritischen Bemerkungen auf den Seiten 2-3 und 5.

 

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Teil den Titel ‚Der Krieg als Teil der Erwerbskunst’ trug, hatte er sich mit solchen Fragestellungen befasst.10 Wenige Jahre später forderte er – so der Titel eines Aufsatzes – die Einrichtung der „Kriegswirtschaftslehre als Sonderdisziplin“ innerhalb der Politischen Ökonomie.11 Nachdem er nun in den folgenden Jahren wiederholt die Vernachlässigung der Kriegswirtschaft in der herrschenden ökonomischen Lehre kritisiert und für sich selbst die Urheberschaft für den Begriff „Kriegswirtschaftslehre“ in Anspruch genommen hatte, vertiefte er seine kriegswirtschaftlichen Studien weiter. Die Rahmenbedingungen waren nicht übermässig günstig, denn er arbeitete als Lehrer an einer Wiener Handelsakademie und konnte daher Forschungsarbeiten oft nur in den Sommerferien durchführen. Einen Wandel brachte hier seine Begegnung mit der 1910 gegründeten Carnegie Stiftung für den Internationalen Frieden. Als 1912 der Erste Balkankrieg ausbrach, wollte die Stiftung die Ursachen, aber auch die wirtschaftlichen Konsequenzen des Kriegsgeschehens in wissenschaftlichen Studien untersuchen, deren Ergebnisse bei internationalen Konferenzen vorgestellt wurden. Otto Neurath bewarb sich erfolgreich um Mitarbeit. Eine ganze Reihe von Vorträgen und Beiträgen in ökonomischen Fachzeitschriften sowie die Veröffentlichung kleinerer Broschüren waren das Ergebnis seiner zahlreichen von der Stiftung bezahlten Studienreisen in den Jahren 1912 und 1913. „Bis jetzt war ich einmal in Bulgarien, sechsmal in Serbien, einmal in Bosnien, dreimal in Kroatien, zweimal in Ungarn, zweimal in Galizien, zweimal in Böhmen, einmal in der Bukowina und vor kurzem auch in Berlin“, schreibt er, kurz nach dem Zweiten Balkankrieg, an den Soziologen Ferdinand Tönnies nach Eutin, der den jungen Neurath während seines Studiums in Berlin unterstützt hatte.12 Zwei Themen kehrten in seinen Berichten und Analysen, die er unter anderem regelmässig in der Zeitschrift ‚Der österreichische Volkswirt’ publizierte, immer wieder. Zum einen versuchte er die weit verbreitete Einschätzung, wonach Kriegsereignisse zwangsläufig negative ökonomische Konsequenzen hätten, zu entkräften. Neurath beobachtete immer wieder, dass die wirtschaftlichen Schäden des Krieges oft weniger gravierend waren als allgemein behauptet. Das galt seiner Ansicht nach besonders für Agrarstaaten wie Serbien. Zum anderen übte er immer wieder Kritik an der antiserbischen Haltung Österreichs und polemisierte nicht nur gegen die Berichterstattung der österreichischen Presse, sondern auch gegen die politischen Entscheidungsträger. Die antiserbische Haltung Österreichs führte, so meinte er, zu einer äusserst negativen Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Serbiens, die der Realitätsprüfung aber nicht standhielt. Österreich-Ungarn bekräftige einerseits sein grosses Interesse an den Entwicklungen der Balkanregion und vertrete ande-

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Otto Neurath, Zur Anschauung der Antike über Handel, Gewerbe und Landwirtschaft (1906), in: Rudolf Haller, Ulf Höfer (Hg.), Otto Neurath. Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften 1, Wien 1998, S. 25-52 (Teil 1) und S. 53-109 (Teil 2). Otto Neurath, «Die Kriegswirtschaftslehre als Sonderdisziplin», in: Weltwirtschaftliches Archiv 1 (1913), S. 342-348. Otto Neurath an Ferdinand Tönnies, ohne Datum [1913]. Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Nachlass Ferdinand Tönnies.

 

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rerseits ein davon abweichendes politisches Programm, das letztlich „nebelhaft“ bleibe.13 Die während der Balkankriege empirisch ausdifferenzierte Kriegswirtschaftslehre basierte auf einer fundamentalen Kritik von Freihandel und Kapitalismus. Wie schon sein Vater, der Ökonom Wilhelm Neurath, attestierte Otto Neurath der „Verkehrswirtschaft“ (Marktwirtschaft) ein gravierendes Funktionsproblem. Das herrschende Geld-, Kredit-, und Marktwesen führe nämlich dazu, dass das Potenzial an Arbeitskräften und Produktionskapazitäten nicht ausgenutzt würde. Die Gesetze des Marktes bedingten, dass oft viel weniger produziert werde als es dem Bedarf entspräche und folglich viele Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut leben müssten. Eine geplante und gelenkte Verwaltungswirtschaft, so wie sie im Krieg existierte, könnte hingegen diese Mängel der Verkehrswirtschaft überwinden. Die Kriegswirtschaft war nicht nur eine Verwaltungs-, sondern auch eine Naturalwirtschaft. In der Verwaltungswirtschaft agierte eine Zentralstelle auf der Basis eines umfassenden und wissenschaftlich abgesicherten Wirtschaftsplans. Mit Hilfe einer Universalstatistik, in die alle relevanten Daten zu Produktion, Verbrauch, Bedarf etc. einflossen, sollten die Grundlagen für eine Neuorganisation der Wirtschaft geschaffen werden. Für eine neue Wirtschaft waren nicht Profit und Rentabilität miteinander konkurrierender Unternehmen entscheidend, sondern die Produktivität der Wirtschaft. Gradmesser der Wirtschaftlichkeit war die Lebenslage oder der Lebensstandard der Menschen. Zwischen Krieg und Frieden existierte also ein Antagonismus der Wirtschaftssysteme: Einerseits ein System der Rentabilität und des Profits, andererseits eines der Produktivität – im Interesse der Menschen. Denn Neurath begriff die Kriegswirtschaft als ein Instrument, mit dem das Leben der Menschen verbessert werden konnte. Sie war somit, das mag paradox klingen, gar nicht an den Krieg gebunden. Aber die Bedingungen des Krieges produzierten eine Wirtschaftsform, die vorzeigte, mit welchen Instrumenten im Frieden effizienter produziert und gerechter verteilt werden könnte. Kapitalismus und Krieg bereiteten damit wider Willen den Sozialismus vor. „Jeder Unternehmer, der einen Trust, ein Kartell schafft, bereitet die Grossorganisation des Sozialismus vor“, schrieb Neurath später, „jeder militärische Führer, der die Verwaltungswirtschaft einer Armee aufrichtet, erschüttert das Gebäude der freien Konkurrenz“.14 Trotz solcher Aussagen verstand Neurath sich selbst als unpolitischer Gesellschaftstechniker.

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Otto Neurath, Österreich-Ungarns Balkanpolitik (1912/13), in: Rudolf Haller, Ulf Höfer (Hg.), Otto Neurath. Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften, Bd. 2, Wien 1998, S. 14-30, hier S. 16. Otto Neurath, «Österreichs Baugilde und ihre Entstehung», in: Der Kampf 15 (1922), S. 84-89, hier S. 84.

 

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Wissenschaftliches Komitee für Kriegswirtschaft in Wien und Kriegswirtschaftsmuseum in Leipzig Knapp nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der 31-jährige Handelsschullehrer Otto Neurath eingezogen, um als Verpflegungsoffizier am Feldzug gegen Russland teilzunehmen. Bereits im Jahr 1915 erhielt er einige Auszeichnungen, für die neben technischen Erfindungen, die er für das Militär gemacht hatte, auch seine kriegswirtschaftlichen Arbeiten als Grund genannt wurden. 15 Im Ersten Weltkrieg erfuhr Neuraths Kriegswirtschaftslehre aber noch eine weitere, wesentlich bedeutendere Aufwertung: Sie wurde institutionalisiert. Im April 1916 wurde nach dem Vorbild der wissenschaftlichen Kommission im Preussischen Kriegsministerium, in der zahlreiche deutsche Ökonomen mitwirkten, das „Wissenschaftliche Komitee für Kriegswirtschaft“ im k. u. k. Kriegsministerium eingerichtet. Die Notwendigkeit einer solchen Institution wurde damit begründet, dass der moderne Volkskrieg an das Staatswesen und die Bevölkerung Anforderungen stellte, die nur mit entsprechender Vorbereitung bewältigt werden könnten.16 Inwieweit Otto Neurath selbst für die Einrichtung dieses Komitees verantwortlich war, ist nicht eindeutig festzustellen. Fest steht aber, dass er schon davor in mehreren Vorträgen vor ranghohen Militärs die Bedeutung der Kriegswirtschaftslehre erläutert und auf die eine oder andere Art diese Gründung zumindest stark beeinflusst hatte. Ende Juni 1916 erhielt er in Lemberg seine Kommandierung zum Kriegsministerium und wurde dem Wissenschaftlichen Komitee zugeteilt. Da die Armee im Krieg selbst als Verwalterin grosser Rohstoffvorräte, als Produzentin und als Verbraucherin auftrat, war klar, dass für sie die wissenschaftliche Erforschung der Kriegswirtschaft von Interesse war. Erfahrungen, die aus der systematischen Dokumentation und Analyse dieser militärisch-ökonomischen Tätigkeiten resultierten, konnten von grossem Nutzen für eine erfolgreiche Kriegsführung sein. Es sollte also, wie es in einem 1916 verfassten Papier aus der Gründungsphase des „Wissenschaftlichen Komitees für Kriegswirtschaft“ heisst, „die Wirksamkeit der Heeresverwaltung als kriegswirtschaftlicher Grosskörper voll erkannt und in allen Einzelheiten aufmerksam studiert [werden]“.17 Untergliedert in verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten (wie etwa Verkehrswesen, Geld- und Finanzwesen, Bergbau oder Landwirtschaft), die in der Regel von fachlich versierten Reserveoffizieren geleitet wurden, bestand die Aufgabe des Wissenschaftlichen Komitees vor allem in Beobachtung, Erfassung, Systematisierung, Dokumentation und Analyse des Wirtschaftsge-

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Qualifikationslisten 2228. Österreichisches Staatsarchiv (OeSta), Kriegsarchiv (KA), Mappe Otto Karl Wilhelm Neurath und Offiziers-Belohungsanträge (OBA) Nr. 27922, Karton 31. Vgl. dazu und zum Folgenden: Wissenschaftliches Komitee für Kriegswirtschaft. Entwurf eines Arbeitsplanes dann Personaleinteilung. K.u.k. Kriegsministerium, Wien 1916, S. 5-6. OeSta, KA, Kriegsministerium, Intern-Akten, Karton 74. Referat zum Wissenschaftlichen Komitee für Kriegswirtschaft, Wien 1916. OeSta, KA, Kriegsministerium, Intern-Akten, Karton 76.

 

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schehens im Krieg. Endprodukt der Arbeit sollte eine Art ökonomisches Generalstabswerk sein, aus dem wichtige Erkenntnisse für spätere Kriege gewonnen werden konnten. Im Wissenschaftlichen Komitee waren zahlreiche Ökonomen und Sozialwissenschaftler aktiv, die – zumindest zum Teil – schon einen grossen Namen hatten oder später zu Prominenz gelangen sollten. Neurath wurde einer von insgesamt zehn Gruppenleitern (Allgemeine Kriegswirtschaft und Heereswirtschaft). In seine Gruppe kam 1917 der führende Parteiideologe der österreichischen Sozialdemokratie Otto Bauer, aber auch der Ökonom Friedrich Hertz. In einer anderen Abteilung arbeitete der Soziologe Hendryk Grossmann, dessen Gruppenleiter wiederum Othmar Spann war. Spann und Neurath gerieten bei den Sitzungen der Gruppenleiter oft aneinander, obwohl ihre politische Gegnerschaft erst in den Folgejahren deutlich hervortreten sollte.18 Im Wissenschaftlichen Komitee waren sie über die Methodik bei der Sammlung und Systematisierung des Materials uneinig und sie differierten hinsichtlich der grundlegenden Ausrichtung der Arbeitsweise des Komitees. Zu den umstrittenen Fragen zählte auch die Balance zwischen Theorie und Praxis. Sollte das Komitee nur Materialien sammeln und aufbereiten oder auch explizit wissenschaftliche Analysen machen? Neurath wollte wissenschaftlich arbeiten, Spann dokumentieren. Nach Kriegsende waren es dann ausgerechnet Spann und Neurath, die von Julius Deutsch, dem nun für das Heereswesen verantwortlichen Sozialdemokraten, mit der Liquidierung des Komitees und seiner umfangreichen Bestände betraut wurden. Bis Januar 1919 sollten sie diesen Prozess abgeschlossen haben.19 Im Zusammenhang mit der Institutionalisierung der Kriegswirtschaft ist freilich noch eine zweite Einrichtung zu erwähnen, an der Neurath ebenfalls führend – schliesslich sogar an der Spitze als Direktor – tätig war: das Kriegswirtschaftsmuseum in Leipzig.20 Treibende Kraft bei seiner Errichtung und Etablierung war die dortige Handelskammer. In diesem Museum sollte die Wirtschaft im Krieg möglichst anschaulich und facettenreich einem breiten Publikum präsentiert werden. In der ‚Zeitschrift für Sozialwissenschaft’ präsentierte Ferdinand Schmid das Museumsprojekt, bemängelte die langjährige Vernachlässigung der Kriegswirtschaft und verwies nachdrücklich auf die Bedeutung Otto Neuraths.21 Dieser kam auch bald nach Leipzig. Zuerst war er Berater, dann wissenschaftlicher Leiter und schliesslich (ab ca. Mitte 1918) Direktor des Museums. Seine Funktion als Gruppenleiter in Wien gab er des-

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Vgl. dazu die Protokolle der Gruppenleitersitzungen vom 17., 19. und 21. Dezember 1917. OeSta, KA, Kriegsministerium, Intern-Akten, Karton 73. Schreiben Holy, Spann, Neurath an den Chef der ökonomischen Sektion des liquidierenden Kriegsministeriums FML Robert v. Langer vom 29. November 1918. OeSta, KA, Kriegsministerium, Intern-Akten, Karton 93. Richard Stegemann, Deutsches Kriegswirtschaftsmuseum. Leitende Gedanken, Leipzig 1917, S. 11. Bundesarchiv Berlin (BA), Papiere des Kriegswirtschaftsmuseums Leipzig, R 3101, 617. Ferdinand Schmid, «Das Deutsche Kriegswirtschaftsmuseum und seine Bedeutung für die Wirtschaftswissenschaft», in: Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Sonder-Abdruck ohne Jahrgang, S. 207220, hier S. 212-213.

 

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halb aber nicht auf, sondern reiste zwischen den beiden kriegswirtschaftlichen Institutionen hin und her. Die einzige Ausstellung des Museums fokussierte auf die britische Blockadepolitik: Sie wurde im August 1918 unter dem Titel „Weltblockade und Kriegswirtschaft“ eröffnet.22 Manche der museumspädagogischen Leitlinien erinnern durchaus an das spätere, berühmte Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum im Wiener Rathaus. Neuartige Formen der Ausstellungspädagogik und insbesondere das Ziel einer Wissenschaftspopularisierung durch Visualisierung sind dabei zu nennen. Aber auch Schlüsselbegriffe der Neurathschen Soziologie – etwa jener der „Lebenslagen“ – tauchen in der Ausstellung auf. Das Museum sollte den Übergang der Friedens- in die Kriegswirtschaft darstellen, eine genaue Darstellung der zahlreichen Facetten der Kriegswirtschaft leisten, sich aber auch mit der nach dem Krieg sich etablierenden Übergangswirtschaft befassen. Aus dieser Übergangswirtschaft sollte schliesslich eine neue, möglichst dauerhafte Friedenswirtschaft entstehen, die aus den Erfahrungen des Krieges gelernt hatte. Auch wenn die meisten Beteiligten am Projekt dieses Kriegswirtschaftsmuseums nicht geahnt haben dürften, welche Wirtschaftsform Neurath tatsächlich für den Frieden im Auge hatte, ist die Übereinstimmung zwischen der Kriegswirtschaftslehre und seiner schon kurz darauf bekannt werdenden Sozialisierungstheorie geradezu verblüffend. Zu den Gemeinsamkeiten zählte neben Elementen wie zentraler Planung, Universalstatistik und Naturalwirtschaft auch die grundsätzliche Ausrichtung an einem neuen, in gewisser Weise alternativen Wirtschaftsbegriff. Die Wirtschaftlichkeit von Massnahmen zeige sich nämlich darin, so führte Neurath dazu aus, wie sehr diese geeignet seien, „Nahrung, Kleidung, Behausung, Lektüre, Theaterbesuch, Arbeit und Krankheit und alles andere, was wir unter dem Namen Lebenslage zusammenfassen, zu beeinflussen“.23 Kriegswirtschaft und Sozialisierung Spätestens nach Kriegsende verwarf der erst 1917 in Heidelberg frisch habilitierte Privatdozent und Ökonom sein Leben als Gelehrter und wurde – zumindest für manche überraschend – zum Sozialisten und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Sein neues ökonomisches Modell hiess „Vollsozialisierung“.24 Mit diesem prägte er im Frühjahr 1919 die Sozialisierungsdebatten in Sachsen und Bayern. Im Unterschied zur Sozialdemokratie und den links von ihr positionierten Parteien, die wie Neurath einer Sozialisierung der Wirtschaft positiv gegenüberstanden, verfügte er darüber hinaus über ein detailliertes wirtschaftspolitisches Konzept für deren Umset22

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Führer durch die Ausstellung Weltblockade und Kriegswirtschaft des deutschen Kriegswirtschaftsmuseums (Veröffentlichungen des Deutschen Kriegswirtschaftsmuseums zu Leipzig, Heft 6, Leipzig 1918), S. 34. BA, R 3101, 617. Das Deutsche Wirtschaftsmuseum (Veröffentlichungen des Deutschen Wirtschaftsmuseums zu Leipzig, Heft 3, Leipzig 1918), S. 15-16. Otto Neurath, Vollsozialisierung. Von der nächsten zur übernächsten Zukunft, Jena 1920.

 

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zung. Dieser unbestreitbare Startvorteil verhalf ihm zu starker politischer und medialer Präsenz. Bereits im März 1919 erfolgte seine Ernennung zum Präsidenten des Zentralwirtschaftsamtes in München, das die Sozialisierung Bayerns anleiten und organisieren sollte. Trotz einer insgesamt recht kurzen Amtsdauer von weniger als zwei Monaten führte dies zu seiner Involvierung in die beiden kurz darauf ausgerufenen bayerischen Räterepubliken, was zu seiner Absetzung, Verhaftung, Verurteilung und Abschiebung nach Österreich führte.25 Die Transformation von Otto Neuraths Kriegswirtschaftslehre in eine Theorie der Vollsozialisierung zeigte, dass sein ökonomisches Modell immer mehr war als ein blosses Instrument der effizienten, wissenschaftlich unterstützten Kriegsführung. Sie war Ausdruck eines umfassenden Vertrauens auf planerische Vernunft, auf Machbarkeit und rationale Organisation. Mit ihrer Hilfe sollte dem Irrationalismus der Geld- und Marktwirtschaft und den von ihr verursachten sozialen Verwerfungen ein definitives Ende gesetzt werden. Durch ihre scheinbar unpolitischwissenschaftliche Aura strahlte sie Attraktivität für recht unterschiedliche Zwecke und Ziele aus. Auch die Sozialisierungsdebatten nach dem Ersten Weltkrieg waren zunächst von einem solchen Planungsoptimismus getragen. Mit den Mitteln der Gesellschaftstechnik sollte eine rationale Umgestaltung der wirtschaftlichen und politischen Ordnung möglich sein. Gesellschaft war gestaltbar und Zukunft war machbar. Mit den im Krieg entwickelten Instrumenten, so dachten viele, konnte der Sozialismus aufgebaut werden. Da der Grosse Krieg an den Kapitalismus gebunden war und folglich mit diesem verschwand, konnte nach seinem Ende eine friedliche, sozialistische Ordnung entstehen. „Um der Vernichtung willen wurde gezeigt, was Menschenkraft zu leisten vermag“, schrieb Neurath unmittelbar nach dem Weltkrieg: „Ist es so unverständlich, wenn immer mehr Menschen die Frage aufwerfen, ob man nicht in ähnlicher Weise Friedensziele erstreben könne, wie man so lange Kriegsziele erstrebt habe?“26 Von der Kriegswirtschaft zur Friedensutopie Friedensziele: Neurath unterhielt auch eine Reihe von Kontakten zur Friedensbewegung seiner Zeit. So wurde er etwa nach 1918 von Yella Hertzka und der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit mit der Erarbeitung einer Enzyklopädie des Weltkrieges beauftragt. Als Grundlage legte er ein ausgesprochen ambitioniertes

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Johannes Merz, «Zur Sozialisierungsbewegung 1918/19. Konzeption und Wirksamkeit Otto Neuraths in Österreich, Sachsen und Bayern», in: Historisches Jahrbuch 121 (2001), S. 267-285, hier S. 277-278; Otto Neurath, Bayrische Sozialisierungserfahrungen, Wien 1920. Für eine ausführliche Darstellung und Diskussion der Ereignisse in München verweise ich auf meine Biographie Otto Neuraths (G. Sandner, op. cit.). Otto Neurath, Die Utopie als gesellschaftstechnische Konstruktion, in: Otto Neurath, Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft, München 1919, S. 228-231, hier S. 230. Die Kursivsetzungen sind im Original Sperrungen.

 

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Konzept vor, das aus unbekannten Gründen niemals realisiert wurde.27 Im Jahr 1922 beteiligte er sich dann – unter anderem gemeinsam mit Karl Grünberg, Alfred Adler und Rudolf Goldscheid – an der Gründung einer Wiener Gruppe der von Henri Barbusse ins Leben gerufenen internationalen Vereinigung Clarté zur Bekämpfung des Krieges und seiner Ursachen.28 Solche Friedensaktivitäten sind durchaus als biographische Kontinuität zu sehen. Schon als Studierender betrachtete Neurath die Frage des Friedens neben der sozialen Frage und der Frauenfrage als die zentrale Herausforderung des gerade beginnenden 20. Jahrhunderts.29 Dennoch hatte er als Ökonom und Gesellschaftstechniker gegenüber der Friedensbewegung Einwände. Seiner Ansicht nach konnte man den Krieg nicht bekämpfen, indem man nur seine Grausamkeiten beklagte und diese verurteilte. Ob Krieg oder Frieden, so Neurath, werde nicht moralisch entschieden, sondern wissenschaftlich und politisch: auf dem Feld der Ökonomie. Wer den Frieden wolle, müsse die herrschende ökonomische Ordnung bekämpfen und den Aufbau einer neuen Wirtschaft unterstützen.30 Für den Aufbau einer solchen neuen Ordnung bediente sich Neurath des Begriffes der Utopie. Doch darunter verstand er keineswegs jene Träumereien, über die Realisten und Pragmatiker zu spotten pflegten. Für Neurath war die Utopie eine rational geplante Gesellschaftskonstruktion. Die Geringschätzung der Utopie war, zumindest in dieser Zeit, auch sein wesentlicher Vorbehalt gegenüber dem Marxismus, der utopisches Denken als ein Phänomen der Frühgeschichte des Sozialismus interpretierte. ‚Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft’, so hiess ja auch das bekannte Werk von Friedrich Engels. Für Neurath aber waren Utopien in Gedanken und Bildern vorhandene Lebensordnungen, über deren Realisierungsmöglichkeiten durch den Begriff alleine noch gar nichts ausgesagt war. Utopien waren notwendige wissenschaftliche Vorarbeiten für die Gestaltung der Zukunft. Analog zu den Konstruktionen der Ingenieure in der Maschinentechnik bezeichnete Neurath sie als gesellschaftstechnische Konstruktionen. 31 Er war felsenfest davon überzeugt, dass gerade die Umgestaltungen des Krieges der Utopie neues Leben eingehaucht hatten, und er dachte am Beginn einer neuen Utopistik als Wissenschaft zu stehen. Die Menschen könnten schon bald, wenn auch Erziehung und Bildung ihren Beitrag dazu leisteten, verschiedene gesellschaftstechnische Konstruktionen, unterschiedliche künftige Lebensordnungen kennen lernen, miteinander vergleichen und entscheiden, welche davon ihren Wünschen und Glücksbedürfnissen am stärksten 27

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Hadwig Kraeutler, Corinna Oesch, Günther Sandner, Otto Neurath’s ‚Encyclopedia of the World War’: A Contextualisation, in: Brian McGuinness (Hg.), Friedrich Waismann: Causality and Logical Positivism, Dordrecht/ Heidelberg/ London 2011, S. 267-295. Neue Freie Presse, 18. Mai 1922, S. 7. Otto Neurath, Sozialwissenschaftliches von den Ferial-Hochschulkursen in Salzburg (1903), in: Rudolf Haller, Ulf Höfer (Hg.): Otto Neurath. Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften, Bd. 1, Wien 1998, S. 1-7, hier S. 5. Otto Neurath, Probleme der Kriegswirtschaftslehre, in: R. Haller, U. Höfer, (Hg.): Otto Neurath. Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften, Bd. 1, Wien 1998, S. 201-249, hier 248. Otto Neurath, Die Utopie als gesellschaftstechnische Konstruktion, op. cit., S. 228-231.

 

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entspreche. Die bewusste, planvolle und rationale Gestaltung des menschlichen Glücks: Das war der Kern der Neurathschen Utopie, und obwohl er – wie einer seiner Freunde zu Recht einmal betonte – ein skeptischer Utopist gewesen ist, sah er einen friedvollen Weltsozialismus damals als eine durchaus realistische Möglichkeit an.32 Die Geschichte kam jedoch anders. Nach einer überaus produktiven Zeit im Roten Wien der Zwischenkriegszeit musste Neurath im Februar 1934 vor dem klerikalen Faschismus in Österreich fliehen und entkam sechs Jahre später im Mai 1940 in den Niederlanden nur knapp den anrückenden deutschen Truppen auf einem Rettungsboot nach England. Dort widmete er sich in den letzten Jahren seines Lebens nicht zuletzt der Frage, wie seine visuelle Erziehungsarbeit oder Bildpädagogik einen wirkungsvollen Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus und für Demokratieerziehung und Re-Education leisten könnte. Durch seinen unerwarteten Tod am 22. Dezember 1945 blieben diese Bemühungen jedoch in ihren Anfängen stecken.

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Otto Neurath, Weltsozialismus (1922), in: Rudolf Haller, Heiner Rutte (Hg.), Otto Neurath. Gesammelte philosophische und methodologische Schriften, Wien 1981, S. 203-208.

Dr. Günther Sandner: Research Fellow am Institut Wiener Kreis und Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Intellectual History, Sozialismus und Arbeiterbewegung, politische Bildung. Wichtigste Publikationen/Bücher: Die Natur und ihr Gegenteil. Politische Diskurse der sozialdemokratischen Kulturbewegung bis 1933/34 (Peter Lang, Frankfurt a. M. 1999); Engagierte Wissenschaft. Austromarxistische Kulturstudien und die Anfänge der britischen Cultural Studies (Lit Verlag, Wien/ Zürich [u.a.] 2006); Otto Neurath. Eine politische Biographie (Zsolnay, Wien 2014). Kontakt: [email protected]